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Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus.

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3 Kapitel - 11.215 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 249 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Von
Emmanuel Goldstein

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    1. Kapitel – Unwissenheit ist Stärke


    Seit Beginn der geschichtlichen Überlieferung, und vermutlich schon seit dem Ende des Steinzeitalters, gab es auf der Welt drei Menschengattungen: Die Ober-, die Mittel- und die Unterschicht. Sie waren mehrfach unterteilt, führten zahllose verschiedene Namensbezeichnungen, und sowohl ihr Zahlenverhältnis wie ihre Einstellung zueinander wandelten sich einem Jahrhundert zum anderen: die Grundstruktur der menschlichen Gesellschaft jedoch hat sich nie gewandelt. Sogar nach gewaltigen Umwälzungen und scheinbar unwiderruflichen Veränderungen hat sich immer wieder die gleiche Ordnung durchgesetzt, ganz so wie ein Kreisel immer wieder das Gleichgewicht herzustellen bestrebt ist, wie sehr man ihn auch nach der einen oder anderen Seite neigt.
    Die Ziele dieser drei Gruppen sind miteinander vollkommen unvereinbar. Das Ziel der Oberen ist, sich da zu behaupten, wo sie sind. Das der Mittelklasse, mit den Oberen den Platz zu tauschen. Das der Unteren, wenn sie überhaupt ein Ziel haben – denn es ist ein bleibendes Charakteristikum der Unteren, dass sie durch die Mühsal zu zermürbt sind, um etwas anderes, als hin und wieder ihr Alltagsleben ins Bewusstsein dringen zu lassen –, besteht darin, alle Unterschiede abzuschaffen und eine Gesellschaft ins Leben zu rufen, in der alle Menschen gleich sind. So wiederholt sich alle Zeiten hindurch ein in seinen Grundlinien gleicher Kampf wieder und immer wieder. Während lange Zeitspannen scheinen die Oberen sicher an der Macht zu sein, aber früher oder später kommt immer ein Augenblick, in dem sie entweder ihren Selbstglauben oder ihre Fähigkeit, streng zu regieren, oder beides, verlieren. Dann werden sie von den Angehörigen der Mittelklasse gestürzt, die die Unteren auf ihre Seite ziehen, indem sie ihnen vormachen, für Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen. Sobald sie ihr Ziel erreicht haben, drängen die Angehörigen der Mittelklasse die Unteren wieder in ihre alte Knechtschaftsstellung zurück, und sie selber werden die Oberen. Bald darauf spaltet sich von einer der anderen Gruppen oder von beiden eine neue Mittelgruppe ab, und der Kampf beginnt wieder von vorne. Von den drei Gruppen gelingt es nur den Unteren nie, auch nur zeitweise ihre Ziele zu erreichen. Es wäre eine Übertreibung, zu sagen, dass im Verlauf der Geschichte kein materieller Fortschritt erzielt worden sei. Sogar heutzutage in einer Periode des Niedergangs, ist der Durchschnittsmensch physisch besser daran, als er es vor ein paar Jahrhunderten war. Aber keine Steigerung des Wohlstandes, keine Milderung der Sitten, keine Reform oder Revolution hat die Gleichheit der Menschen jemals auch nur um einen Millimeter der Verwirklichung angenähert. Vom Gesichtspunkt der Unteren aus hat kein geschichtlicher Wandel jemals viel anderes bedeutet als eine Änderung der Namen ihrer Beherrscher.
    Ende des neunzehnten Jahrhunderts war die Regelmässigkeit dieses Turnus vielen Beobachtern zum Bewusstsein gekommen. Daraufhin entstanden damals philosophische Richtungen, die die Geschichte als einen sich zyklisch wiederholenden Prozess auslegten und aufzeigen wollten, dass Ungleichheit ein unabänderliches Gesetz des menschlichen Lebens sei. Diese Lehre hatte natürlich schon immer ihre Anhänger gehabt, aber in der Art und Weise, wie sie jetzt in den Vordergrund trat, äusserte sich ein bezeichnender Wandel. In der Vergangenheit war die Notwendigkeit einer hierarchischen Gesellschaftsform die von den Oberen vertretene Doktrin gewesen. Sie war von Königen, Adeligen und Priestern, den mit der Rechtsprechung Betrauten und ähnlichen Leuten, die von ihnen schmarotzten, gepredigt und gewöhnlich durch Versprechungen einer Vergeltung in einer imaginären Welt jenseits des Grabes schmackhafter gemacht worden. Die Mitte hatte immer, solange sie um die Macht kämpfte Wort wie Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit im Munde geführt. Jetzt jedoch begann die Auffassung menschlicher Brüderlichkeit einer Kritik von Menschen unterzogen zu werden, die noch keine herrschende Stellung innehatten, sondern lediglich hofften, bald soweit zu sein. In der Vergangenheit hatte die Mitte Revolutionen unter dem Banner der Gleichheit gemacht und dann eine neue Tyrannei aufgerichtet, sobald die alte gestürzt war. Die neuen Mittelgruppen proklamierten ihre Tyrannei im Voraus. Der Sozialismus, eine Theorie, die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts auftauchte und das letzte Glied einer Gedankenkette war, die zu den Sklavenaufständen des Altertums zurückreichte, war noch heftig von dem Utopismus vergangener Zeitalter infiziert. Aber in jeder von 1900 an sich gelten machenden Spielart von Sozialismus wurde das Ziel, Freiheit und Gleichheit einzusetzen, immer unumwundener aufgegeben. Die neuen Bewegungen, die in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auftauchen, nämlich ENGSOZ in Ozeanien Neobolschewismus in Eurasien, Sterbekult, wie er gewöhnlich bezeichnet wird, in Ostasien, setzten es sich bewusst zum Ziel Unfreiheit und Ungleichheit zu einem Dauerzustand zu machen. Diese neuen Bewegungen gingen natürlich aus den alten hervor und neigten dazu, deren Namen beizubehalten und ihren Ideologien Lippenlob zu zollen. Aber alle zielten darauf ab, dem Fortschritt Einhalt zu gebieten und die Geschichte in einem entsprechenden Augenblick für immer zum Stillstand zu bringen. Das übliche Ausschlagen des Pendels sollte noch einmal vor sich gehen, und dann sollte es stehenbleiben. Wie gewöhnlich sollten die Oberen von den Mittleren verdrängt werden, die damit die Oberen wurden. Aber diesmal würden die Oberen durch eine bewusste Strategie imstande sein, ihre Stellung für immer zu behaupten.
    Die neuen Lehren traten teils infolge der Anhäufung historischen Wissens und des zunehmenden Verständnisses für Geschichte, das es vor dem neunzehnten Jahrhundert kaum gegeben hatte, in Erscheinung. Die zyklische Bewegung der Geschichte war jetzt erkennbar oder schien es wenigstens zu sein. Und wenn sie erkennbar war, dann konnte man sie auch ändern. Aber der hauptsächliche, tiefere Grund lag darin, dass bereits anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts die Gleichheit der Menschen technisch möglich geworden war. Es war noch immer wahr, dass die Menschen in ihren angeborenen Begabungen nicht gleich waren und dass für die Erfüllung von Aufgaben eine Auswahl getroffen werden musste, durch die einzelne gegenüber anderen bevorzugt wurden. Aber es bestand keine wirkliche Notwendigkeit mehr für Klassen- oder grosse Besitzunterschiede. In früheren Zeiten waren Klassenunterschiede nicht nur unvermeidbar, sondern sogar erwünscht gewesen. Ungleichheit war der Preis für Zivilisation. Mit der Weiterentwicklung der maschinellen Produktion änderte sich jedoch die Sachlage. Sogar wenn die Menschen noch die eine oder andere Arbeit selbst verrichten mussten, so brauchten sie doch nicht mehr auf verschiedenen sozialen oder wirtschaftlichen Stufen zu leben. Deshalb war vom Gesichtspunkt der neuen Gruppen, die im Begriff standen, die Macht zu ergreifen, menschliche Gleichheit kein erstrebenswertes Ideal mehr, sondern vielmehr eine Gefahr, die verhütet werden musste. In primitiveren Zeitaltern, als eine gerechte und friedliche Gesellschaftsordnung tatsächlich nicht möglich war, war es ganz leicht gewesen, daran zu glauben. Die Vorstellung eines irdischen Paradieses, in dem die Menschen ohne Gesetze und ohne harte Arbeit in einem Verbrüderungszustand leben sollten, hatte der menschlichen Fantasie tausende von Jahren vorgeschwebt. Und diese Vision hatte sogar noch einen gewissen Einfluss auf die Gruppen ausgeübt, die in Wirklichkeit aus jeder geschichtlichen Veränderung Vorteile zogen. Die Erben der französischen, englischen und amerikanischen Revolutionen hatten teilweise an ihre eigenen Phrasen von Menschenrechten, freier Meinungsäusserung, Gleichheit vor dem Gesetz und dergleichen mehr geglaubt und hatten sogar ihr Verhalten bis zu einem gewissen Grade davon beeinflussen lassen. Aber mit dem vierten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts wurden alle Hauptströmungen der politischen Denkweise autoritär. Das irdische Paradies war in genau dem Augenblich in Misskredit geraten, in dem es sich verwirklichen liess. Jede neue politische Theorie, wie immer sie sich nannte, führte zu Klassenherrschaft und Reglementierung. Und bei der ungefähr um das Jahr 1930 einsetzenden Vergröberung der moralischen Auffassung wurden Praktiken, die seit langem aufgegeben worden waren, in manchen Fällen seit Hunderten von Jahren – wie Inhaftierung ohne Gerichtsverhandlung, die Verwendung von Kriegsgefangenen als Arbeitssklaven, öffentliche Hinrichtungen, Folterung zur Erpressung von Geständnissen, das Gefangennehmen von Geiseln und die Deportation ganzer Bevölkerungsteile -, nicht nur wieder allgemein, sondern auch von Menschen geduldet und sogar verteidigt, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich hielten.
    Erst nach einem Jahrzehnt nationaler Kriege, Bürgerkriege, REVOLUTIONEN UND Gegenrevolutionen in allen Teilen der Welt traten ENGSOZ und seine Rivalen als sich voll auswirkende politische Doktrinen hervor. Aber sie waren von den verschiedenen, gewöhnlich totalitär genannten Systemen, die sich früher in diesem Jahrhundert bemerkbar machten, vorangezeigt worden, und die grossen Umrisse der Welt, die aus dem herrschenden Chaos hervorgehen würde, waren seit langem offensichtlich gewesen. Was für eine Art von Menschen in dieser Welt die Macht ausüben würde, war gleicherweise offensichtlich gewesen. Die neue Aristokratie setze sich zum grössten Teil aus Bürokraten, Wissenschaftlern, Technikern, Gewerkschaftsfunktionären, Propagandafachleuten, Soziologen, Lehrern, Journalisten und Berufspolitikern zusammen. Diese Menschen, die aus dem Lohn empfangenden Mittelstand und der gehobenen Arbeiterschaft stammten, waren durch die dürre Welt der Monopolindustrie und einer zentralisierten Regierung geformt und zusammengeführt worden. Mit ihren Gegenstücken in früheren Generationen verglichen, waren sie weniger besitzgierig, weniger auf Luxus versessen, mehr nach blosser Macht hungrig und vor allem sich ihres Handelns mehr bewusst und mehr darauf bedacht, die Opposition zu vernichten. Dieser letzte Unterschied war grundlegend. Im Vergleich mit der heute herrschenden waren alle Tyranneien der Vergangenheit lau und unwirksam. Die herrschenden Gruppen waren immer bis zu einem gewissen Grad von liberalen Ideen infiziert und damit zufrieden gewesen, überall ein Hintertürchen offenzulassen, um nur die offenkundige Tat ins Auge zu fassen und sich nicht darum zu kümmern, was ihre Untertanen dachten. Sogar die katholische Kirche des Mittelalters war, nach heuzeitlichen Massstäben gemessen, duldsam. Ein teilweiser Grund hierfür war, dass in der Vergangenheit keine Regierung die Macht besass ihre Bürger unter dauernder Überwachung zu halten. Die Erfindung der Buchdruckerkunst machte es jedoch leichter die öffentliche Meinung zu beeinflussen und Film und Radio förderten diesen Prozess noch weiter. Mit der Entwicklung des Fernsehens und bei dem technischen Fortschritt, der es ermöglichte mit Hilfe desselben Instruments gleichzeitig zu empfangen und zu senden, war das Privatleben zu Ende. Jeder Bürger oder wenigstens jeder Bürger, der wichtig genug war, um einer Überwachung für wert befunden zu werden, konnte vierundzwanzig Stunden des Tages den Argusaugen der Polizei und dem Getrommel der amtlichen Propaganda ausgesetzt gehalten werden, während ihm alle anderen Verbindungswege verschlossen blieben. Jetzt zum ersten Mal bestand die Möglichkeit allen Untertanen nicht nur vollkommen Gehorsam gegenüber dem Willen des Staates, sondern auch vollkommene Meinungsgleichheit aufzuzwingen.
    Nach der revolutionären Periode gruppierte sich die menschliche Gesellschaft wie immer wieder in eine Ober- und eine Mittel- und eine Unterschicht. Aber die neue Oberschicht handelte anders als ihre Vorläufer, nicht aus dem Instinkt heraus, sondern wusste, was nötig war, um ihre Stellung zu behaupten. Man war seit langem dahintergekommen, dass die einzig sichere Grundlage einer Oligarchie im Kollektivismus besteht. Wohlstand und Vorrechte werden am leichtesten verteidigt, wenn sie Gemeinbesitz sind. Die sogenannte „Abschaffung des Privateigentums“, die nach der Mitte des Jahrhunderts vor sich ging, bedeutete in der Auswirkung die Konzentration des Besitzes in weit weniger Händen als zuvor: aber mit dem Unterschied, dass die neuen Besitzer eine Gruppe waren, statt eine Anzahl von Einzelmenschen. Als einzelnem gehört keinem Parteimitglied etwas, ausser seiner unbedeutenden persönlichen Habe. Kollektiv gehört in Ozeanien der Partei alles, da sie alles kontrolliert und über die Erzeugnisse nach Gutdünken verfügt. In den auf die Revolution folgenden Jahren konnte sie nahezu widerstandslos diese beherrschende Stellung einnehmen, da das ganze Verfahren als eine Kollektivhandlung hingestellt wurde. Man hatte immer angenommen, dass nach der Enteignung der Kapitalistenklasse der Sozialismus nachfolgen müsse: und die Kapitalisten waren fraglos enteignet worden. Fabriken, Bergwerke, Land, Häuser, Transportmittel – alles war ihnen weggenommen worden: und da diese Dinge nicht mehr Privateigentum waren, folgte daraus, dass sie öffentlicher Besitz sein mussten. ENGSOZ, der aus der früheren sozialistischen Bewegung hervorging und das Erbe ihrer Phraseologie antrat, hat in der Tat den Hauptpunkt des sozialistischen Programms zur Durchführung gebracht, mit dem vorgesehenen und gewünschten Ergebnis, dass wirtschaftliche Ungleichheit zu einem Dauerzustand wurde.
    Aber die Probleme, eine hierarchische Gesellschaftsordnung für immer einzusetzen, liegen tiefer. Es gibt nur vier Möglichkeiten, durch die eine herrschende Gruppe der Macht verlustig gehen kann. Entweder wird sie von aussen überwunden; oder sie regiert so ungeschickt, dass die Massen zu einer Erhebung aufgerüttelt werden; oder sie lässt eine starke und unzufriedene Mittelschicht aufkommen; oder aber sie verliert ihr Selbstvertrauen und die Lust am Regieren. Diese Gründe wirken nicht vereinzelt, und in der Regel sind alle vier von ihnen in gewissem Grad vorhanden. Eine herrschende Klasse, die sich gegen sie alle schützen könnte, bliebe dauernd an der Macht. Letztlich ist der entscheidende Faktor die geistige Einstellung der herrschenden Klasse selbst.
    Nach der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts war die erste Gefahr praktisch verschwunden. Jede der drei Mächte, die sich heute in die Welt teilen, ist faktisch unüberwindlich und könnte nur durch langsame Änderungen in der Zusammensetzung ihrer Bevölkerung, die eine Regierung mit weitgehender Macht leicht abwenden kann, überwindlich gemacht werden. Die zweite Gefahr ist ebenfalls nur eine theoretische. Die Massen revoltieren niemals aus sich selbst heraus und lehnen sich niemals nur deshalb auf, weil sie unterdrückt werden. Tatsächlich werden sie sich, solange man ihnen keine Vergleichsmassstäbe zu haben erlaubt, überhaupt nie auch nur bewusst, dass sie unterdrückt sind. Die immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen vergangener Zeiten waren vollständig unnötig und dürfen jetzt nicht eintreten, aber andere und ebenso grundlegende Verschiebungen können eintreten und treten ein, ohne politische Folgen zu haben, denn es gibt keinen Weg, auf dem sich die Unzufriedenheit laut äussern könnte. Was das Problem der Überproduktion anbelangt, das in unserer Gesellschaftsordnung seit der Entwicklung der Maschinentechnik latent war, so ist es durch den Kunstgriff dauernder Kriegführung gelöst worden (siehe drittes Kapitel), die sich auch als nützlich erweist, um die allgemeine Moral zur nötigen Hochstimmung anzufeuern. Daher besteht von dem Gesichtspunkt unserer gegenwärtigen Machthaber aus die einzige wirkliche Gefahr in der Abspaltung einer neuen Gruppe von begabten, nicht genüge ausgefüllten, machthungrigen Menschen und dem Zunehmen von Liberalismus und Skeptizismus in ihren eigenen Reihen. Das Problem ist daher sozusagen erzieherischer Natur. Es besteht darin, dauernd das Denken sowohl der leitenden Gruppe als auch das der grösseren, unmittelbar nach ihr folgenden, ausführenden Gruppe zu formen. Das Denken der Massen braucht nur in negativer Weise beeinflusst zu werden.
    Wenn man diesen Hintergrund kennt, so könnte man sich, wenn es einem nicht schon bekannt wäre, das Aussehen der allgemeinen Struktur der Gesellschaft Ozeaniens zusammenreimen. An der Spitze der Pyramide steht der Grosse Bruder. Der Grosse Bruder ist unfehlbar und allmächtig. Jeder Erfolg, jede Leistung, jeder Sieg, jede wissenschaftliche Entdeckung, alles Wissen, alle Weisheit, alles Glück, alle Tugend werden unmittelbar seiner Führerschaft und Eingebung zugeschrieben. Niemand hat je den Grossen Bruder gesehen. Er ist ein Gesicht an den Litfasssäulen, eine Stimme am Televisor. Wir könnten billigerweise sicher sein, dass er nie sterben wird, und es besteht bereits beträchtliche Unsicherheit in Bezug auf das Datum seiner Geburt. Der Grosse Bruder ist die Vermummung, in der die Partei vor die Welt zu treten beschliesst. Seine Funktion, besteht darin, als Sammelpunkt für Liebe, Furcht und Verehrung zu dienen, Gefühle, die leichter einem einzelnen Menschen als einer Organisation entgegengebracht werden. Nach dem Grossen Bruder kommt die Innere Partei, die ihre Zahl nach nur sechs Millionen Mitglieder oder etwas weniger als zwei Prozent der Bevölkerung Ozeaniens umfasst. Nach der Inneren Partei kommt die Äussere Partei, die man, wenn man die Innere Partei als das Gehirn des Staates bezeichnet, berechtigterweise mit dessen Händen verglichen werden kann. Danach kommen die dumpfen Massen, die wer gewöhnlich als „die Proles“ bezeichnen, der Zahl nach ungefähr fünfundachtzig Prozent der Bevölkerung. Nach unserer früheren Klassifizierung sind sie die Unterschicht, denn die Sklavenbevölkerung äquatorialer Länder, die ständig von einem Eroberer zum anderen hinüberwechselt, ist kein dauernder und notwendiger Teil der Struktur.
    Im Prinzip ist die Zugehörigkeit zu diesen drei Gruppen nicht erblich. Das Kind von Eltern, die zur Inneren Partei gehören, ist in der Theorie nicht in die Innere Partei hineingeboren. Die Aufnahme in eine der beiden Gliederungen der Partei findet auf Grund einer im Alter von sechzehn Jahren abzulegenden Prüfung statt. Auch gibt es dort keine Rassenunterschiede, sowenig wie eine ausgesprochene Vorherrschaft einer Provinz gegenüber einer anderen. Juden, Neger, Südamerikaner von rein indianischem Geblüt sind in den höchsten Stellen der Partei zu finden, und die Sachwalter eines Gebietes sind immer der Einwohnerschaft dieses Gebietes entnommen. In keinem Teil Ozeaniens haben die Bewohner Adas Gefühl, eine von einer fernen Hauptstadt, und sein nominelles Oberhaupt ist ein Mensch, dessen Aufenthaltsort niemand kennt. Abgesehen davon, dass Englisch seine Umgangssprache ist und Neusprache seine Amtssprache, ist es in keiner Weise zentralisiert. Seine Machthaber sind nicht durch Blutsbande miteinander verbunden, sondern durch die Anhängerschaft an eine gemeinsame Lehre. Allerdings ist unsere Gesellschaft geschichtet, und zwar sehr streng geschichtet nach einer Ordnung, die auf den ersten Blick nach den Richtlinien der Vererbung ausgerichtet zu sein scheint. Es gibt weit weniger Hin und Her zwischen den verschiedenen Gruppen, als unter dem Kapitalismus oder sogar in den vorindustriellen Zeitaltern stattfand. Zwischen den beiden Gliederungen der Partei findet ein gewisser Austausch statt, aber nur geradeso viel, um zu gewährleisten, dass Schwächliche aus der Inneren Partei ausgeschlossen und ehrgeizige Mitglieder der Äusseren Partei unschädlich gemacht werden dadurch, dass man ihnen emporzusteigen erlaubt. Proletariern wird in der Praxis nicht gestattet, in die Partei aufzurücken. Die begabtesten unter ihnen, die möglicherweise einen Unruheherd schaffen könnten, werden ganz einfach von der Gedankenpolizei vorgemerkt und liquidiert. Aber dieser Stand der Dinge ist nicht notwendigerweise ein Dauerzustand, auch ist er kein Prinzip. Die Partei ist keine Klasse im althergebrachten Sinn des Wortes. Die zielt nicht darauf ab, die Macht auf ihre eigenen Kinder als solche zu übertragen; nur wenn es keinen anderen Weg gäbe, die fähigsten Menschen an der Spitze zu halten, so wäre sie durchaus bereit, eine ganz neue Generation aus den Reihen des Proletariats zu rekrutieren. In den kritischen Jahren trug die Tatsache, dass die Parte keine erbliche Körperschaft war, viel zu Ausschaltung der Opposition bei. Ein Sozialist vom alten Gepräge, der darauf gedrillt worden war, gegen etwas, das man „Klassenvorrechte“ nannte, zu kämpfen, hatte die Überzeugung, dass eine nicht erbliche Institution nicht von Dauer sein könnte. Er erkannte nicht, dass die Kontinuität einer Oligarchie keine leibliche zu sein braucht, auch hielt er sich nicht mit der Überlegung auf, dass erbliche Adelsherrschaften immer kurzlebig waren, während Organisationen, die allen Menschen zugänglich waren, etwa die katholische Kirche, manchmal Hunderte oder Tausende von Jahren Bestand hatten. Das Wesentliche der oligarchischen Herrschaft ist nicht die Vererbung vom Vater auf den Sohn, sondern der Fortbestand einer gewissen Weltanschauung und einer gewissen Lebensweise, die von den Toten den Lebenden aufoktroyiert werden. Eine herrschende Gruppe ist so lange eine herrschende Gruppe, als sie ihre Nachfolger bestimmen kann. Der Partei geht es nicht darum, ewig ihr Blut, sondern sich selbst ewig zu behaupten. Wer [kursiv] die Macht ausübt, ist nicht wichtig, vorausgesetzt, dass die hierarchische Struktur immer dieselbe bleibt.
    Alle für unsere Zeit charakteristischen Überzeugungen, Gewohnheiten, Geschmacksrichtungen, Meinungen, geistigen Einstellungen sind in Wirklichkeit dazu bestimmt, das Mystische der Partei aufrechtzuerhalten, und zu verhindern, dass die wahre Natur der heutigen Gesellschaftsordnung erkannt wird. Leibliche Auflehnung oder jeder auf Auflehnung abzielende Schritt ist gegenwärtig nicht möglich. Von den Proletariern ist nichts zu befürchten. Sich selbst überlassen, werden sie von Generation zu Generation und von Jahrhundert zu Jahrhundert fortfahren zu arbeiten, Kinder in die Welt zu setzen und zu sterben, nicht nur ohne jeden Antrieb, zu rebellieren, sondern ohne sich auch nur vorstellen zu können, dass die Welt anders sein könnte, als sie ist. Sie könnten nur gefährlich werden, wenn die fortschreitende Entwicklung der industriellen Technik es notwendig machen sollte, ihnen eine höhere Erziehung angedeihen zu lassen, aber da die militärische und merkantile Konkurrenz keine Bedeutung mehr hat, ist das Niveau der öffentlichen Erziehung im Sinken begriffen. Welche Ansichten die Massen vertreten oder nicht vertreten, wir als belanglos angesehen. Man darf ihnen getrost geistige Freiheit einräumen, denn sie haben keinen Geist. Andererseits kann bei einem Parteimitglied auch nicht die kleinste Meinungsabweichung in der unbedeutendsten Frage geduldet werden.
    Ein Angehöriger der Partei lebt von der Geburt bis zum Tod unter den Augen der Gedankenpolizei. Sogar wenn er allein ist, kann er nie sicher sein, ob er wirklich allein ist. Wo er auch sein mag, ob er schläft oder wacht, arbeitet oder ausruht, in seinem Bad oder in seinem Bett liegt, kann er ohne Warnung und ohne zu wissen, dass er beobachtet wird, beobachtet werden. Nichts, was er tut ist gleichgültig. Seine Freundschaften, seine Zerstreuungen, sein Benehmen gegen seine Frau und seine Kinder, sein Gesichtsausdruck, wenn er allein ist, die von ihm im Schlaf gemurmelten Worte, sogar die ihm eigentümlichen Bewegungen seines Körpers, alles wird einer peinlich genauen Prüfung untergezogen. Nicht nur jedes wirkliche Vergehen, sondern jede Schrullenhaftigkeit, sie mag noch so unbedeutend sein, jede Gewohnheitsänderung, jede nervöse Absonderlichkeit, die möglicherwiese das Symptom eines inneren Kampfes ist, können unweigerlich entdeckt werden. Er hat keine freie Wahl, in keiner wie immer gearteten Hinsicht. Andererseits ist sein Verhalten weder gesetzlich noch durch klar formulierte Verhaltensvorschriften geregelt. In Ozeanien gibt es kein Gesetz. Gedanken und Taten, die den sicheren Tod bedeuten, wenn sie entdeckt werden, sind nicht formell verboten, und die endlosen Säuberungsaktionen, Festnahmen, Folterungen, Einkerkerungen und Vaporisierungen werden nicht als Strafe für wirklich begangene Verbrechen verhängt, sondern sind lediglich die Austilgung von Menschen, die vielleicht einmal in er Zukunft ein Verbrechen begehen könnten. Von einem Parteimitglied wird nicht nur verlangt, dass es die richtigen Ansichten, sondern dass es auch die richtigen Instinkte hat. Viele der von ihm geforderten Glaubensbekenntnisse und Einstellungen sind nie deutlich festgelegt worden und können nicht festgelegt werden, ohne die dem ENGSOZ anhaftenden Widersprüche aufzudecken. Wenn er ein von Natur strenggläubiger (nicht Gott, sondern der Partei gegenüber) Mensch ist (in der Neusprache ein Gutdenker [kursiv]), dann wird er unter allen Umständen wissen, ohne nachdenken zu müssen, was der richtige Glaube ist oder wie seine Empfindung aussehen soll. Aber auf alle Fälle macht ihnen eine sorgfältige Schulung, die er in der Jugend durchgemacht hat und die von den Neusprachwörtern Verbrechenstop, Schwarzweiss und Zwiedenken [kursiv] umrissen ist, nicht willens und unfähig zu tieferschürfend über irgendein Thema nachzudenken.
    Von einem Angehörigen der Partei wird erwartet, dass er keine Privatgefühle hat und seine Begeisterung kein Erlahmen kennt. Man nimmt von ihm an, dass er in einer dauernden Hassraserei gegenüber ausländischen Feinden und inländischen Verrätern lebt, über Siege frohlockt und sich von der Macht und der Weisheit der Partei beugt. Die durch sein schales, unbefriedigendes Leben hervorgerufene Unzufriedenheit wird mit Bedacht nach aussen gelenkt und durch Einrichtungen wie die Zwei-Minuten-Hass-Sendung zerstreut. Und die Betrachtungen, die zu einer skeptischen und auflehnenden Haltung führen könnten, werden im Voraus durch seine schon früh erworbene innere Schulung abgetötet. Die erste und einfachste Stufe in der Schulung, die sogar kleinen Kindern beigebracht werden kann, heisst in der Neusprache Verbrechenstop. [kursiv] Verbrechenstop [kursiv] bedeutet die Fähigkeit gleichsam instinktiv auf der Schwelle jedes gefährlichen Gedankens haltzumachen. Es schliesst die Gabe ein, ähnliche Umschreibungen nicht zu verstehen, ausserstande zu sein, logische Irrtümer zu erkennen, die einfachsten Argumente misszuverstehen, wenn sie engsozfeindlich sind, und von jedem Gedankengang gelangweilt oder abgestossen zu werden, der in eine ketzerische Richtung führen könnte. Verbrechenstop bedeutet kurz gesagt schützende Dummheit. Aber Dummheit allein genügt nicht. Im Gegenteil verlangt Rechtgläubigkeit in vollem Sinn des Wortes eine ebenso vollständige Beherrschung der eigenen Gedankengänge, wie sie ein Schlangenmensch über seinen Körper besitzt. Die ozeanische Gesellschaftsordnung fusst letztlich auf dem Glauben, dass der Grosse Bruder allmächtig und die Partei unfehlbar ist. Aber da in Wirklichkeit der Grosse Bruder nicht allmächtig und die Partei nicht unfehlbar ist, müssen die Tatsachen unermüdlich von einem Augenblick zum anderen entsprechend zurechtgebogen werden. Das Schlagwort hierfür lautet Schwarzweiss. [kursiv] Wie so viele Neusprachwörter hat dieses Wort zwei einander widersprechende Bedeutungen. Einem Gegner gegenüber angewandt, bedeutet es die Gewohnheit, im Widersprung zu den offenkundigen Tatsachen unverschämt zu behaupten, Schwarz sei Weiss. Einem Parteimitglied gegenüber angewandt, bedeutet es die redliche Bereitschaft, zu sagen, Schwarz sei Weiss, wenn die Parteidisziplin dies erfordert. Aber es bedeutet auch die Fähigkeit, zu glauben [kursiv], dass schwarz gleich Weiss ist, und zu vergessen, dass man jemals das Gegenteil geglaubt hat. Das verlangt eine ständige Änderung der Vergangenheit, die durch das Denkverfahren ermöglicht wird, das in Wirklichkeit alles übrige einschliesst und in der Neusprache als Zwiedenken bekannt ist.
    Die Änderung der Vergangenheit ist aus zwei Gründen notwendig, deren einer untergeordnet und sozusagen vorbeugend ist. Der untergeordnete Grund besteht darin, dass das Parteimitglied ähnlich wie der Proletarier, die gegenwärtigen Lebensbedingungen zum Teil deshalb duldet, weil es keine Vergleichsmöglichkeiten besitzt. Es muss von der Vergangenheit abgeschnitten werden, ganz so wie es auch vom Ausland abgeschnitten werden muss, weil es notwendig ist, dass es glaubt, besser daran zu sein, als seine Vorfahren und dass sich das Durchschnittsniveau der materiellen Bequemlichkeit dauernd hebt. Aber der bei weitem wichtigere Grund für die Änderung der Vergangenheit ist die Notwendigkeit, die Unfehlbarkeit der Partei zu garantieren. Nicht nur müssen Reden, Statistiken und Aufzeichnungen jeder Art ständig mit den jeweiligen Erfordernissen in Einklang gebracht werden, um aufzuzeigen, dass die Voraussagen der Partei in allen Fällen richtig waren. Sondern es darf auch nie eine Veränderung in der Doktrin oder in der politischen Ausrichtung zugegeben werden. Denn seine Ansicht oder gar seine Politik zu ändern, ist ein Eingeständnis der Schwäche. Wenn zum Beispiel Eurasien oder Ostasien (welche es auch sein mag) der Feind von heute ist, dann muss dieses Land schon immer der Feind gewesen sein. Und wenn die Tatsachen anders lauten, dann müssen die Tatsachen eben geändert werden. Auf diese Weise wird die Geschichte dauernd neu geschrieben. Diese Fälschung der Vergangenheit von einem Tag au den anderen, die vom Wahrheitsministerium durchgeführt wird, ist für den Bestand des Regimes ebenso notwendig, wie die von dem Ministerium für Liebe besorgte Unterdrückungs- und Bespitzlungstätigkeit.
    Die Veränderlichkeit der Vergangenheit ist di Grundlehre von Engsoz. Vergangene Geschehnisse, wird darin bedeutet, haben keinen objektiven Bestand, sondern leben nur in schriftlichen Aufzeichnungen und im Gedächtnis der Menschen weiter. Die Vergangenheit sieht so aus, wie es die Aufzeichnungen und die Erinnerungen wahrhaben wollen. Und da die Partei alle Aufzeichnungen vollkommen unter ihrer Kontrolle hat, so wie sie auch die Denkweise ihrer Mitglieder unter ihrer ausschliesslichen Kontrolle hat, folgt daraus, dass die Vergangenheit so aussieht, wie die Partei sie dazustellen beliebt. Auch folgt daraus, dass die Vergangenheit, wenn sie auch wandelbar ist, doch nie in einem besonderen Einzelfall abgewandelt wurde. Denn wenn sie in der im Augenblick benötigten Form neugeschaffen worden ist, dann ist eben diese neue Version die Vergangenheit, und eine andere Vergangenheit kann es nie gegeben haben. Das gilt auch dann, wenn ein und dasselbe Ereignis, wie es häufig vorkommt, im Laude eines Jahres mehrmals nicht wiedererkennbar abgeändert werden muss. Die Partei ist jederzeit im Besitz der wirklichen Wahrheit und klarerweise kann die Wirklichkeit nie anders ausgesehen haben als jetzt. Man wird sehen, dass die Kontrolle über die Vergangenheit vor allem von der Schulung des Gedächtnisses abhängt. Dafür zu sorgen, dass alle schriftlichen Aufzeichnungen sich mit der Forderung des Augenblicks decke, ist eine lediglich mechanische Handlung. Aber man muss sich auch daran erinnern, dass Ereignisse in der gewünschten Form stattfanden. Und wenn es nottut, seine Erinnerungen umzuordnen oder mit schriftlichen Aufzeichnungen willkürlich umzuspringen, dann gilt es zu vergessen, dass man das getan hat. Das Verfahren, wie man das macht, ist ebenso erlernbar, wie jedes andere Geistestraining. Die Mehrzahl der Parteimitglieder hat es gelernt und jedenfalls alle diejenigen, die sowohl klug als auch rechtgläubig sind. In der Altsprache wird es, recht unverhohlen, als „Wirklichkeitskontrolle“ bezeichnet. In der Neusprache heisst es Zwiedenken, wenn auch Zwiedenken noch viele andere Bedeutungen hat.
    Zwiedenken [kursiv] bedeutet die Gabe, gleichzeitig zwei einander widersprechende Ansichten zu hegen und beide gelten zu lassen. Der Partei-Intellektuelle weiss, in welcher Richtung seine Erinnerung geändert werden müssen. Er weiss deshalb auch, dass er mit der Wirklichkeit jongliert. Aber durch das Einschalten von Zwiedenken beschwichtigt er sich auch dahingehend, dass der Wirklichkeit nicht Gewalt angetan wird. Das Verfahren muss bewusst sein, sonst würde es nicht mit genügender Präzision ausgeführt werden, es muss aber auch unbewusst sein, sonst brächte es ein Gefühl der Falschheit und damit der Schuld mit sich. Zwiedenken ist der eigentliche Wesenskern von Engsoz, denn das grundlegende Verfahren der Partei besteht darin eine bewusste Täuschung auszuüben und dabei eine Zweckentschlossenheit zu bewahren, wie sie restloser Ehrlichkeit eignet. Bewusste Lügen zu erzählen, während man ehrlich an sie glaubt, jede Tatsache zu vergessen, die unbequem geworden ist, um sie dann, wenn man sie wieder braucht, nur ebenso lange, als notwendig ist, aus der Vergessenheit hervorzuholen, das Vorhandensein einer objektiven Wirklichkeit zu leugnen und die ganze Zeit die von einem geleugnete Wirklichkeit in Betracht zu ziehen – alles das ist unerlässlich notwendig. Allein schon beim Gebrauch des Wortes Zwiedenken ist es unumgänglich Zwiedenken auszuüben. Denn indem man das Wort gebraucht gibt man zu, dass man mit der Wirklichkeit willkürlich umspringt; durch einen erneuten Akt von Zwiedenken löscht man dieses Wissen aus; und die geschieht solcherart unbegrenzt weiter, wobei die Lüge der Wahrheit immer um einen Sprung voraus ist. Letzen Endes war die Partei nur mit Hilfe des Zwiedenkens imstande – und wird nach allem was wir wisse, Tausende von Jahren weiter dazu imstande sein -, den Laut der Geschichte aufzuhalten.
    Alle Oligarchien der Vergangenheit sind entweder deshalb der Macht verlustig gegangen, weil sie verknöcherten oder weil sie erschlafften. Entweder wurden sie dumm und anmassend, versäumten, sich den veränderten Umständen anzupassen, und wurden gestürzt. Oder sie wurden liberal und feige, machten Konzessionen, wenn sie hätten Gewalt anwenden sollen, und wurden wiederum gestürzt. Sie stürzten, heisst das, entweder durch ich r Verschulden oder ohne ihr Verschulden. Die Partei hat das Verdienst, ein Denkverfahren erfunden zu haben, bei dem beide Einstellungen nebeneinander möglich sind. Und auf keiner anderen verstandesmässigen Basis konnte der Herrschaft der Partei Dauer verliehen werden. Wenn man herrschen und sich an der Herrschaft behaupten will, muss man das Wirklichkeitsgefühl zurechtrücken können. Denn das Geheimnis der Herrschaft versteht darin, den Glauben an die eigene Unfehlbarkeit mit der Gabe zu verbinden, von den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
    Es braucht wohl kaum gesagt zu werden, dass die spitzfindigsten Fachleute im Zwiedenken die sind, die Zwiedenken erfunden haben und wissen, dass es ein grosses geistiges Betrugsmanöver ist. In unserer Gesellschaftsordnung sind diejenigen, die am besten wissen, was gespielt wird, auch am weitesten davon entfernt, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist. Im Allgemeinen gilt, je tiefer der Einblick, desto grösser die Verblendung; je klüger, desto weniger vernünftig. Das wird deutlich illustriert durch die Tatsache, dass die Kriegshysterie an Heftigkeit zunimmt, je höher man auf der sozialen Stufenleiter hinaufkommt. Diejenigen, deren Einstellung zum Krieg der Vernunft am nächsten kommt, sind die unterworfenen Menschen der umstrittenen Gebiete. Für diese Menschen ist der Krieg einfach ein dauerndes Unglück, dass wie eine schreckliche Flutwelle über sie hin und her braust. Welche Seite siegt, ist für sie völlig gleichgültig. Sie sind sich bewusst, dass eine Änderung der Machtherrschaft lediglich bedeutet, dass sie die gleiche Arbeit, wie bisher für neue Herren verrichten müssen, die sie in der gleichen Weise wie die alten behandeln. Die etwa bessergestellten Arbeiter, die wir als „die Proles“ bezeichnen, werden sich nur gelegentlich des Krieges bewusst. Wenn es erforderlich ist, können sie in Furcht und Hassrasereien versetzt werden, aber sich selbst überlassen sind sie imstande, lange Zeit zu vergessen, dass Krieg herrscht. In den Reihen der Partei dagegen, und vor allem der Inneren Partei, ist die echte Kriegsbegeisterung zu finden. An die Eroberung der Welt glauben am festesten diejenigen, die wissen, dass sie undurchführbar ist. Diese merkwürdige Verknüpfung von Gegensätzen – Wissen mit Unwissenheit, Zynismus mit Fanatismus – ist eines der Hauptmerkmale der ozeanischen Gesellschaft. Die offizielle Ideologie wimmelt von Widersprüchen, auch dort, wo keine praktische Notwendigkeit für sie besteht. So verwirft und verleugnet die Partei jeden Grundsatz, für den die sozialistische Bewegung ursprünglich eintrat, und tut das im Namen des Sozialismus. Sie predigt eine Verachtung der Arbeiterklasse, wofür es in den vergangenen Jahrhunderten kein entsprechendes Beispiel gibt, und sie bekleidet andererseits ihre Mitglieder mit einer Uniform, die der ursprünglichen Tracht der Handarbeiter ähnelt und aus diesem Grund eingeführt wurde. Sie unterminiert systematisch die Solidarität der Familie und benennt ihren Führer mit einem Namen, der ein unmittelbarer Appell an das Familiengefühl ist. Sogar die Namen der vier Ministerien von denen wir regiert werden, grenzen in ihrer offenen Umkehrung der Tatsache an schamlosen Hohn. Das Friedensministerium befasst sich mit Krieg, das Wahrheitsministerium mit Lügen, das Ministerium für Liebe mit Folterung und das Ministerium für Überfluss mit Einschränkung. Diese Widersprüche sind nicht zufällig, auch entspringen sie nicht einer gewöhnlichen Heuchelei: es ist wohlüberlegte Anwendung von Zwiedenken. Denn nur dadurch, dass Widersprüche miteinander in Einklang gebracht werden, lässt sich die Macht unbegrenzt behaupten. Auf keine andere Art und Weise konnte der alte Zyklus gebrochen werden. Wenn die Gleichheit der Menschen für immer vermieden werden soll – wenn die Oberen wie wir sie genannt haben, dauernd ihren Platz behaupten sollen – dann ist die vorherrschende Geistesverfassung staatlich beaufsichtigter Irrsinn.
    Aber hier taucht eine Frage auf, die wir bis zu diesem Augenblick so gut wie ausser Acht gelassen haben. Sie lautet: Warum [kursiv] sollte die Gleichheit der Menschen vermieden werden? Angenommen, der Mechanismus des Verfahrens wurde richtig geschildert: Was ist der Beweggrund für diesen grossangelegten, genau vorgeplanten Versuch, die Geschichte an einem bestimmten Zeitpunkt zum Stillstand zu bringen?
    Hier kommen wir zu dem tiefsten Geheimnis. Wie wir gesehen haben, hängt das Mystische der Partei, vor allem der inneren Partei, von dem Zwiedenken ab. Aber tiefer als dieses liegt der ursprüngliche Beweggrund, der nie untersuchte Instinkt, der zuerst zur Machtergreifung führte und sonach Zwiedenken, Gedankenpolizei, dauernden Kriegszustand und alles das andere Drum und Dran mit sich brachte. Dieser Beweggrund besteht in Wahrheit darin…
    [Aufzeichnungen zerstört.]

    2
    2. Kapitel – Freiheit ist Sklaverei

    [Aufzeichnungen zerstört]

    3
    3. Kapitel – Krieg bedeutet Frieden

    Die Aufteilung der Welt in drei grosse Superstaaten war ein Ereignis, das bereits vor der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts vorauszusehen war und auch tatsächlich vorausgesehen wurde. Mit der Einverleibung Europas durch Russland und des Britischen Empires durch die Vereinigten Staaten von Amerika waren bereits zwei von den drei heute bestehenden Mächten in Erscheinung getreten. Die dritte, Ostasien, zeichnete sich erst nach einem weiteren Jahrzehnt verworrener Kämpfe als deutliche Einheit ab. Die Grenzen zwischen den drei Superstaaten sind an manchen Stellen willkürlich, an anderen schwanken sie je nach Kriegsglück, aber im Allgemeinen folgen sie geographischen Gegebenheiten. Eurasien umfasst den gesamten nördlichen Teil der europäischen und asiatischen Landmasse von Portugal bis zur Beringstrasse. Ozeanien umfasst die beiden Amerika, die Inseln im Atlantischen Ozean einschliesslich der britischen Inseln, Australien und den südlichen Teil von Afrika. Ostasien, kleiner als die beiden anderen und mit einer weniger festumrissenen Westgrenze, umfasst China und die südlich davon gelegenen Länder, die Japanischen Inseln und einen grossen, aber fluktuierenden Teil der Mandschurei, der Mongolei und Tibets.
    In der einen oder anderen Gruppierung liegen diese drei Superstaaten ständig miteinander im Krieg, wie sie dies während der letzten fünfundzwanzig Jahre dauernd getan haben. Krieg ist jedoch nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampf wie in den Anfangsjahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist ein Waffengang mit beschränkten Zielen zwischen Kämpfenden, die nicht in der Lage sind, einander zu vernichten, keinen materiellen Kriegsgrund haben und durch keinen echten ideologischen Unterschied getrennt sind. Das will nicht besagen, dass die Kriegführung oder die vorherrschende Einstellung dazu weniger blutrünstig oder ritterlicher geworden wäre. Im Gegenteil, die Kriegshysterie wütet ständig und allgemein in allen Ländern, und Untaten, wie Notzucht, Plünderung, Kindesmord, Verschleppung ganzer Bevölkerungsteile in die Sklaverei, dazu Repressalien gegen Gefangene, die sogar so weit gehen, sie bei lebendigem Leib zu sieden und zu verbrennen, werden als normal und, wenn sie von der eigenen Seite und nicht vom Feind begangen werden, als verdienstlich angesehen. Aber mit ihrem Leben ist nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen, grösstenteils hochgeschulte Speziallisten, unmittelbar in die Kriegshandlungen verwickelt, und die durch sie verursachten Verluste an Gefallenen sind verhältnismässig gering. Der Kampf, wenn überhaupt einer stattfindet, spielt sich an den undeutlich umrissenen Grenzen ab, deren Lage der einfache Mann nur mutmassen kann, oder im Bereich der Schwimmenden Festungen, die strategische Punkte der Seewege einnehmen. In den Zivilisationszentren bedeutet der Krieg nur eine dauernde Kürzung der Gebrauchsgüter und den gelegentlichen Einschlag einer Raketenbombe, der vielleicht ein paar Dutzend Menschen zum Opfer fallen. Der Krieg hat in der Tat sein Wesen völlig gewandelt. Genauer gesagt haben sich die Gründe, um derentwillen Krieg geführt wird, in der Rangordnung ihrer Wichtigkeit geändert. Beweggründe, die bereits in bescheidenen Ausmassen bei den grossen Kriegen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mitsprachen, sind jetzt an die erste Stelle gerückt und werden bewusst anerkannt und in Rechnung gestellt.
    Um das Wesen des gegenwärtigen Krieges zu verstehen – denn trotz der alle paar Jahre erfolgenden Umgruppierung handelt es sich immer um denselben Krieg -, muss man sich vor allem vergegenwärtigen, dass er unmöglich entschieden werden kann. Keiner der drei Superstaaten könnte, sogar unter Zusammenschluss der beiden anderen, endgültig unterworfen werden. Sie sind zu gleichmässig stark und ihre natürlichen Verteidigungsmittel zu gewaltig. Eurasien ist durch seine riesigen Landflächen geschützt, Ozeanien durch die Ausdehnung des Atlantischen und des Pazifischen Ozeans, Ostasien durch die Gebärfreudigkeit und den Fleiss seiner Bewohner. Zweitens gibt es in materieller Hinsicht nichts mehr, um das man kämpfen könnte. Mit Einführung der Autarkie, in deren Rahmen Produktion und Verbrauch aufeinander abgestimmt sind, ist die Jagd nach Absatzmärkten, die eine Hauptursache früherer Kriege war, hinfällig, wie auch der Wettstreit um Rohstoffe keine Existenzfrage mehr ist. Jedenfalls ist jeder der drei Superstaaten so gross, dass er fast alle von ihm benötigten Materialien innerhalb seiner eigenen Grenzen finden kann. Soweit der Krieg einen unmittelbaren wirtschaftlichen Zweck hat, ist es ein Krieg um Arbeitskräfte. Zwischen den Grenzen der Superstaaten und nicht in dauerndem Besitz von einem der Superstaaten und nicht in dauerndem Besitz von einem der drei liegt ein annähernd viereckiges Gebiet, dessen Ecken von Tanger, Brazzaville, Port Darwin und Hongkong gebildet werden und das etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung der Erde enthält. Um den Besitz dieser dichtbevölkerten Landstriche und den der nördlichen Eiszone geht der dauernde Kampf der drei Mächte. In der Praxis beherrscht keine der Mächte jemand das gesamte strittige Gebiet. Teile davon wechseln dauernd den Besitzer, und die durch einen plötzlichen verräterischen Einfall geglückte Inbesitznahme dieses oder jenes Gebietsteiles bestimmt den endlosen Wandel der Mächtegruppierung.
    Sämtliche strittigen Gebiete enthalten wertvolle Mineralschätze, und manche von ihnen erzeugen wichtige pflanzliche Produkte, wie Gummi, der in klimatisch kälteren Landstrichen durch verhältnismässig kostspielige Methoden synthetisch erzeugt werden muss. Aber vor allem enthalten sie ein unerschöpfliches Reservoir billiger Arbeitskräfte. Jene Macht, die Äquatorial-Afrika oder die Länder des Mittleren Ostens oder Südindien oder den Indonesischen Archipel beherrscht, hat damit Hunderte von Millionen schlechtbezahlter und schwer arbeitender Kulis zu ihrer Verführung. Die mehr oder weniger offen auf die Stellung von Sklaven herabgedrückten Bewohner dieser Gebiete gehen dauernd von dem Besitz des einen Eroberers in den des anderen über und werden ähnlich wie Kohlenbergwerke oder Ölquellen ausgebeutet, bei dem Wettlauf, mehr Waffen zu produzieren, das vorhandene Gebiet zu vergrössern, über mehr Arbeitskräfte zu verfügen, und dies endlos so weiter. Dabei muss man allerdings im Auge behalten, dass der Kampf nie wirklich über die Randgebiete der umstrittenen Territorien hinausgeht.
    Die Grenzen Eurasiens verlaufen schwankend zwischen dem Stromgebiet des Kongo und der Nordküste des Mittelmeers. Die Inseln des Indischen Ozeans werden ständig von Ozeanien oder von Ostasien erobert und wieder zurückerobert. In der Mongolei ist die Trennungslinie zwischen Eurasien und Ostasien nie fest umrissen. Rund um den Pol erheben alle drei Mächte Anspruch auf riesige Gebiete, die faktisch weitgehend unbewohnt und unerforscht sind. Aber das politische Gleichgewicht der Kräfte bleibt stets so ziemlich das gleiche und das Kerngebiet jedes Superstaates wird niemals angetastet. Überdies ist die Arbeitskraft der um den Äquator angesiedelten ausgebeuteten Völker für die Weltwirtschaft nicht wirklich nötig. Sie tragen nichts zum Weltgedeihen bei, denn ihre gesamte Produktion dient Kriegszwecken, und das Ziel, warum ein Krieg vom Zaun gebrochen wird, besteht unabänderlich darin, besser für den nächsten Krieg gerüstet zu sein. Durch ihre Arbeitsleistung ermöglichen die Sklavenbevölkerungen eine Intensivierung der dauernden Kriegführung. Aber ohne sie wäre die Struktur der Weltgesellschaftsordnung und die Art und Weise, in der sie sich enthält, nicht wesentlich anders.
    Das Hauptziel der modernen Kriegsführung (in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Zwiedenkens wird dieses Ziel von den leitenden Knöpfen der Inneren Partei gleichzeitig anerkannt und nicht anerkannt) besteht in dem Verbrauch der maschinellen Erzeugnisse, ohne den allgemeinen Lebensstandard zu heben. Seit Ende des neunzehnten Jahrhunderts war in der industriellen Gesellschaftsordnung das Problem immer latent, was man mit der Überproduktion von Verbrauchgütern anfangen sollte. Gegenwärtig, da wenige Menschen auch nur genug zu essen haben, ist dieses Problem offensichtlich nicht dringlich und wäre es vielleicht auch ohne das Einschalten von künstlichen Vernichtungsprozessen nicht geworden. Die Welt von heute ist ein armseliger, hungerleidender, jämmerlicher Aufenthaltsort, verglichen mit der Welt vor dem Jahr 1914, und das gilt erst recht in dem Masse, wenn man sie mit jener imaginären Zukunft vergleicht, die die Menschen der damaligen Zeit erwarteten. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geehrte die Vision einer zukünftigen unglaublich reichen, über Musse verfügenden geordneten und tüchtigen Gesellschaftsordnung – einer schimmernden antiseptischen Welt aus Glas, Stahl und schneeweissem Beton – zum Vorstellungsbild nahezu jedes gebildeten Menschen. Wissenschaft und Technik entwickelten sich mit wunderbarer Geschwindigkeit, und die Annahme schien natürlich, dass sie sich immer weiterentwickeln würde. Das war jedoch nicht der Fall, teils infolge der durch eine lange Reihe von Kriegern und Revolutionen verursachten Verarmung, teils weil wissenschaftlicher und technischer Fortschritt von einem durch Erfahrung gestützten Denken abhingen, das in einer diktatorisch kontrollierten Gesellschaftsordnung keinen Bestand haben konnte. Im Ganzen genommen ist die Welt von heute primitiver, als sie es vor fünfzig Jahren war. Gewisse rückständige Gebiete machten zwar Fortschritte und verschiedene, immer irgendwie mit Kriegführung oder Polizeibespitzelung zusammenhängende Verfahren entwickelten sich weiter, aber Experiment und Erfindung haben so gut wie aufgehört, und die Verheerung des Atomkrieges der Jahre nach neunzehnhundertsechzig wurden nie wieder ganz wettgemacht. Nichtsdestoweniger sind die der Maschine innewohnenden Gefahren noch immer vorhanden. Von dem Augenblick an, als die Maschine zum ersten Mal in Erscheinung trat, war es für alle denkenden Menschen klar, dass die Notwendigkeit der Mühsal, und damit zum grossen Teil auch die Ungleichheit der Menschen erledigt waren. Wenn man die Maschine wohlüberlegt mit diesem Ziel vor Augen in Dienst gestellt hätte, dann wären Hunger, Überstunden, Schmutz, Elend, Unbildung und Krankheit in ein paar Generationen überwunden worden. Und tatsächlich hob die Maschine, ohne für einen solchen Zweck besonders eingesetzt zu werden, sondern gleichsam durch einen automatischen Prozess – indem sie nämlich einen Überfluss produzierte, den zu verteilen sich manchmal umgehen liess – während eines Zeitraums von ungefähr fünfzig Jahren am Ende des neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Lebensstandard des Durchschnittsmenschen sehr beträchtlich.
    Aber es war ebenso klar, dass ein allgemein wachsender Wohlstand das Bestehen einer hierarchisch geordneten Gesellschaft bedrohte, ja in gewisser Weise sogar ihre Auflösung bedeutete. In einer Welt, in der jedermann nur wenige Stunden arbeiten musste, in der jeder genug zu essen hatte, in einem haus mit Badezimmer und Kühlschrank wohnte, ein Auto oder sogar ein Flugzeug besass, in einer solchen Welt wären die augenfälligsten und vielleicht wichtigsten Formen der Ungleichheit bereits verschwunden. Wurde aber dieser Wohlstand erst einmal Allgemeingut, so bedeutete er keine Vorzugstellung mehr. Es war zweifellos möglich, sich eine Gesellschaftsordnung vorzustellen, in der Wohlstand im Sinne von persönlichem Besitz und Luxusartikeln gleichmässig verteilt war, während die Macht in den Händen einer kleinen privilegierten Schicht lag. In der Praxis jedoch konnte ein solche Gesellschaftsordnung nicht lange Bestand haben. Denn sobald alle gleicherwiese Musse und Sicherheit genossen, würde die grosse Masse der Menschen, die normalerweise durch die Armut abgestumpft war, sich heranbilden und selbständig denken lernen. Und war es erst einmal so, dann würde sie früher oder später dahinterkommen, dass die privilegierte Minderheit keine eigentliche Funktion hatte und würde sie beseitige. Auf lange Sicht war daher eine hierarchisch geordnete Gesellschaft nur auf einer Grundlage von Armut und Unbildung möglich.
    Zu einer ackerbautreibenden Vergangenheit zurückzukehren, wie es einige Denker erträumten zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, war keine ausführbare Lösung. Sie stand im Widerspruch mit der fast auf der ganzen Welt gleichsam instinktiv gewordenen Mechanisierungstendenz, und ausserdem war jedes industriell zurückgebliebene Land in militärischer Hinsicht hilflos und dazu verurteilt, direkt oder indirekt von seinen fortschrittlicheren Rivalen beherrscht zu werden.
    Auch war es keine befriedigende Lösung, die Massen dadurch in Armut zu erhalten, dass man die Herstellung von Gebrauchsgütern drosselte. Das war in weitgehendem Masse während einer der letzten Phasen des Kapitalismus, ungefähr zwischen den Jahren 1920 und 1940, geschehen. In vielen Ländern liess man die Wirtschaft zum Stillstand kommen, die Felder blieben unbebaut, veraltete Maschinen wurden nicht ergänzt, grosse Teile der Bevölkerung wurden der Arbeit entfremdet und durch staatliche Unterstützung gerad noch am Leben gehalten. Aber auch das brachte militärische Schwäche mit sich, und da die damit verbundenen Opfer offensichtlich unnötig waren, erhob sich unvermeidlich eine Opposition. Das Problem bestand darin, die Industrie in Gang zu halten, ohne den wirklichen Wohlstand der Welt zu erhöhen. Verbrauchgüter mussten zwar produziert, durften aber nicht unter die Leute gebracht werden. In der Praxis war deshalb der einzige Weg dieses Ziel zu erreichen ein niemals endender Krieg.
    Die Hauptwirkung des Krieges ist Zerstörung, zwar nicht notwendigerweise von Menschenleben, jedenfalls aber von Erzeugnissen menschlicher Arbeit. Der Krieg ist ein Mittel, um Materialen, die sonst dazu benützt werden könnten, den Massen das Leben bequem und damit auf lange Sicht ihre Intelligenz zu steigern, in Stücke zu sprengen, in die Stratosphäre zu verpulvern oder in die Tiefe des Meeres zu versenken. Sogar wenn keine Kriegswaffen zerstört werden, ist ihre Fabrikation doch ein bequemer Weg, Arbeitskraft zu verbrauchen, ohne etwas zu erzeugen, was konsumiert werden kann. In einer Schwimmenden Festung zum Beispiel steckte eine Arbeitsleistung, mit der man mehrere hundert Frachtschiffe bauen könnte. Am Schluss wird sie als überholt abgewrackt, ohne jemals jemandem wirklichen Nutzen gebracht zu haben, und mit einem weiteren riesigen Arbeitsaufwand wird eine neue Schwimmende Festung gebaut. Im Prinzip dienen die Kriegsanstrengungen dazu jeden Überschuss, der vielleicht nach Befriedigung der unerlässlichen Bedürfnisse der Bevölkerung verbleiben könnte, aufzuzehren. In der Praxis werden die Bedürfnisse der Bevölkerung immer unterschätzt, mit dem Ergebnis, dass eine chronische Verknappung der Hälfte aller lebenswichtigen Güter herrscht; aber auch das wird als Vorteil angesehen. Es ist gewollte Politik, sogar die privilegierten Gruppen am Rande der Not zu halten, denn ein allgemeiner Verknappungszustand hebt die Bedeutung von kleinen Privilegien hervor und vergrössert so den Unterschied zwischen einer Gruppe und einer anderen. An dem Lebensstandard zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gemessen, führt selbst ein Mitglied der inneren Partei ein hartes, arbeitsreiches Leben. Dennoch sieht seine Welt durch die paar Vorzüge deren er sich erfreut – seine grosse, gut eingerichtete Wohnung, den besseren Stoff seiner Anzüge, bessere Qualität seines Essens, Trinkens und Tabaks, seine zwei oder drei Dienstboten, sein Privatauto oder Hubschrauber -, anders auch, als die eines Mitglieds der Äusseren Partei, und die Mitglieder der Äusseren Partei geniessen einen ähnlichen Vorteil im Vergleich mit den von uns als die „Proles“ bezeichneten unterdrückten Massen. Die soziale Atmosphäre gleicht der einer belagerten Stadt, in der der Besitz eines Stückes Pferdfleisch den Unterschied zwischen Reichtum und Armut bedeutet. Gleichzeitig lässt das Bewusstsein, im Kriegszustand und deshalb in Gefahr zu sein, es als die natürliche, unvermeidliche Bedingung für ein Weiterleben erscheinen, die gesamte Macht in die Hände einer kleinen Klasse zu legen.
    Der Krieg erfüllt nicht nur, wie man sehen wird, das notwendige Zerstörungswerk, sondern erfüllt es auch in einer psychologischen annehmbaren Weise. Im Prinzip wäre es ganz einfach, die überschüssige Arbeit der Welt dadurch verpuffen zu lassen, dass man Tempel und Pyramiden baut, Löcher gräbt und sie hernach zuschüttet oder sogar grosse Mengen von Gütern erzeugt und sie dann verbrennt. Aber damit wäre nur die wirtschaftliche, nicht aber die gefühlsmässige Basis für eine hierarchische Gesellschaftsordnung geschaffen. Es geht hier nicht um die Moral der Massen, deren Einstellung unwichtig ist, solange sie fest bei der Arbeit gehalten werden, sondern um die Moral der Partei selbst. Sogar von dem einfachsten Parteimitglied wird erwartet, dass es in engen Grenzen fähig, fleissig, ja sogar klug ist, jedoch ist es ebenfalls unerlässlich, dass der Betreffende ein gläubiger und unwissender Fanatikerei ist, dessen hauptsächliche Gefühlsregungen Angst, Hass, Speichelleckerei und wilder Triumph sind. Mit anderen Worten, es ist notwendig, dass er eine dem Kriegszustand entsprechende Mentalität besitzt. Es spielt keine Rolle, wo wirklich Krieg geführt wird, und da kein entscheidender Krieg gut oder schlecht verläuft. Die verstandesmässige Zweiteilung, die die Partei von ihren Mitgliedern verlangt und die leichter in einer Kriegsatmosphäre zustande kommt, ist heute fast allgemein, aber je höher in den Rängen man hinaufkommt, desto deutlicher wird sie. Gerade in der Inneren Partei sind Kriegshysterie und Feindhass am stärksten vertreten. In seiner Eigenschaft als Administrator muss ein Mitglied der Inneren Partei oft wissen, dass dieser oder jener Punkt der Kriegsmeldungen unwahr ist, und sich häufig bewusst sein muss, dass der ganze Krieg Spiegelfechterei ist und entweder nicht stattfindet oder aus ganz anderen als den angeblichen Gründen ausgefochten wird: aber dieses Wissen wird leicht durch die Anwendung des Zwiedenkens neutralisiert. Mittlerweile schwankt kein Mitglied der Inneren Partei einen Augenblich in seinem mystischen Glauben, dass der Krieg echt ist und mit einem Sieg enden muss, bei dem Ozeanien als der unbestrittene Herrscher der ganzen Welt hervorgeht.
    Alle Mitglieder der Inneren Partei glauben an diese kommende Eroberung wie an ein Dogma. Sie wird entweder dadurch erreicht, dass man langsam mehr und immer mehr Gebiete erobert und so eine erdrückende Machtüberlegenheit aufbaut oder durch die Entdeckung einer neuen Waffe, gegen die es kein Abwehrmittel gibt. Die Suche nach neuen Waffen geht ununterbrochen weiter und ist eine der wenigen übriggebliebenen Tätigkeiten, in denen der Erfinder oder Forschergeist sich Luft machen kann. In Ozeanien hat heutigentags die Wissenschaft im althergebrachten Sinne fast aufgehört zu existieren. In der Neusprache gibt es kein Wort für Wissenschaft. Die empirische Denkweise, auf der alle wissenschaftlichen Errungenschaften der Vergangenheit fussten, widerspricht den fundamentalsten Prinzipien von ENGSOZ. Und sogar technische Fortschritte werden nur noch erzielt, wenn sie in irgendeiner Weise zur Beschränkung der menschlichen Freiheit benützt werden können. In allen nutzbringenden Künsten steht die Welt entweder still oder macht einen Rückschritt. Die Äcker werden mit Pferdepflügen bestellt, während Bücher maschinell geschrieben werden. Aber in lebenswichtigen Dingen – womit in Wirklichkeit Krieg und Polizeibespitzelung gemeint sind – wird die empirische Einstellung auch heute noch ermutigt oder wenigstens geduldet. Die beiden Ziele der Partei sind, die ganze Erdoberfläche zu erobern und ein für allemal die Möglichkeit unabhängigen Denkens auszutilgen. Infolgedessen gibt es zwei Probleme, deren Lösung die Partei anstrebt. Das eine ist, die Gedanken eines anderen Menschen zu entdecken, ohne dass er sich dagegen wehren kann. Und das andere besteht in der Auffindung eines Verfahrens zur Tötung von mehreren hundert Millionen Menschen in ein paar Sekunden ohne vorhergehende Warnung. Soweit es noch wissenschaftliche Forschung gibt, ist dies ihr Hauptgegenstand. Der heutige Wissenschaftler ist entweder eine Mischung von Psychologe und Inquisitor, der mit ungewöhnlicher Sorgfältigkeit die Bedeutung von Gesichtsausdrücken, Gebärden und Stimmschwankungen studiert und der erprobt, in welchem Masse Drogen, Schocktherapie, Hypnose und körperliche Folterung zu wahrheitsgemässen Aussagen zwingen können; oder er ist ein Chemiker, Physiker oder Biologe, der sich nur mit solchen Fragen seines Spezialfaches beschäftigt, die auf die Vernichtung des Lebens Bezug haben. In den ausgedehnten Laboratorien des Friedensministeriums und den grossen, in den brasilianischen Wäldern oder er australischen Wüste oder auf den abgelegenen Inseln der Antarktis verborgenen Versuchsstationen sind Gruppen von Fachleuten unermüdlich am Werk. Manche sind lediglich mit der Bewegungs-, Unterbringungs- und Verpflegungskunde zukünftiger Kriege beschäftigt. Andere dagegen erfinden grössere und immer grössere Raketengeschosse, Explosivstoffe von immer verheerender Wirkung und immer undurchdringlichere Panzerung. Wieder andere suchen nach neuen und tödlicheren Gasen, nach leicht löslichen Giften, die in solchen Mengen produziert werden können, dass man damit die Vegetation ganzer Kontinente vernichten kann, oder nach Krankheitsbakterien, gegen die es kein immun machendes Gegenmittel gibt. Andere bemühen sich, ein Fahrzeug zu konstruieren, dass sich unter der Erde wie ein Unterseebot unter Wasser fortbewegt, oder ein Flugzeug, das von seinem Stützpunkt so unabhängig ist, wie ein Segelschiff. Andere erforschen sogar noch generell liegende Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Sonnenstrahlen in Linsen zu sammeln, die Tausende von Kilometern im Weltraum entfernt aufgehängt sind, oder wie man durch Anzapfen des glühenden Erdinneren künstliche Erdbeben und Flutwellen hervorrufen könnte.
    Aber keines dieser Projekte kommt jemals der Verwirklich nahe, und keiner der drei Superstaaten erlangt jemals ein bedeutendes Übergewicht über die anderen. Noch bemerkenswerter ist, dass alle drei Mächte in der Atombombe bereits eine weit gewaltigere Waffe besitzen, als einer ihrer derzeitigen Versuche jemals hervorzubringen verspricht. Wenn auch die Partei gemäss ihrer Gewohnheit die Erfindung für sich in Anspruch nimmt, so traten die Atombomben bereits in den Jahren nach 1940 erstmalig in Erscheinung und wurden zum ersten Mal in grossem Umfang etwa zwanzig Jahre später angewendet. Zu dieser Zeit wurden einige hundert Bomben auf Industriezentren, hauptsächlich im europäischen Russland, Westeuropa und Nordamerika, abgeworfen. Die dadurch erzielte Wirkung war, dass die herrschenden Gruppen alles Länder zu der Überzeugung gelangten, ein paar Atombomben mehr würden das Ende jeder geordneten Gesellschaft und damit ihrer eigenen Macht bedeuten. Danach wurden, obwohl nie ein formelles Abkommen getroffen oder angedeutet wurde, keine Atombomben mehr abgeworfen. Alle drei Mächte fahren lediglich fort, Atombomben herzustellen und sie für die entscheidende Gelegenheit aufzuspeichern, von der sie alle glauben, dass sie früher oder später kommen wird. Und inzwischen ist die Kriegskunst dreissig oder vierzig Jahre lang so gut wie zum Stillstand gekommen. Hubschrauber werden mehr benützt als früher, Bombenflugzeuge wurden grösstenteils durch ferngelenkte Geschosse ersetzt, und das leicht verwundbare bewegliche Schlachtschiff ist der nahezu unversenkbaren Schwimmenden Festung gewichen; aber sonst hat sich wenig weiterentwickelt. Der Tank, das Unterseebot, der Torpedo, das Maschinengewehr, sogar das gewöhnliche Gewehr und die Handgranate sind noch immer im Gebrauch. Und ungeachtet der endlosen in der Presse und durch den Televisor gemeldeten Gemetzel haben sich die verzweifelten Schlachten früherer Kriege, in denen oft sogar in ein paar Wochen Hunderttausende oder sogar Millionen von Menschen getötet wurden, niemals mehr wiederholt.
    Keiner der drei Superstaaten unternimmt je eine Kriegshandlung, die die Gefahren einer ernsten Niederlage in sich schliesst. Wenn eine grosse kriegerische Aktion vorgenommen wird, handelt es sich gewöhnlich um einen Überraschungsangriff gegen einen Verbündeten. Die Strategie, die alle drei Mächte verfolgen oder zu verfolgen glauben, ist die gleiche. Sie zielt darauf ab, sich durch einen Zusammenwirken von Kampfhandlungen, Verhandeln und zeitlich wohlberechnetem Verrat einen Ring von Stützpunkten zu schaffen, der den einen oder anderen der rivalisierenden Staaten vollkommen einkreist und dann mit diesem Rivalen einen Freundschaftspakt zu schliessen und so viele Jahre friedliche Beziehungen mit ihm zu unterhalten, dass jeder Argwohn einschläft. Während dieser Zeit können mit Atombomben geladene Raketengeschosse an allem strategisch wichtigen Punkten gehortet werden; am Schluss werden sie alle gleichzeitig mit so verheerender Wirkung abgeschossen, dass eine Wiedervergeltung unmöglich gemacht ist. Dann ist es Zeit, mit der übriggebliebenen Weltmacht in Vorbereitung eines neuen Angriffs einen Freundschaftspakt zu schliessen. Dieses Schema ist, wie kaum gesagt zu werden braucht, ein unmöglich zu verwirklichendem Wunschtraum. Es kommt auch nie zu Kampfhandlungen, ausser in den umstrittenen Gebieten um den Äquator und den Pol; nie wird ein Einfall in feindliches Gebiet unternommen. Das erklärt die Tatsache, dass an manchen Stellen die Grenzen zwischen den Superstaaten willkürlich gezogen sind. Eurasien zum Beispiel könnte leicht die britischen Inseln, die geographisch einen Bestanteil Europas bilden, erobern. Oder andererseits wäre es für Ozeanien möglich, seine Grenzen bis zum Rhein oder sogar bis zur Weichsel vorzuschieben. Das aber würde das von allen Seiten eingehaltene, wenn auch nie formulierte Prinzip der kulturellen Unantastbarkeit verletzen. Wenn Ozeanien die einstmals als Frankreich und Deutschland bekannten Gebiete eroberte, würde es notwendig werden, entweder die Bewohner auszutilgen – eine praktisch sehr schwierig durchführbare Aufgabe oder eine Bevölkerung von rund hundert Millionen Menschen zu assimilieren, die in ihrer technischen Entwicklung ungefähr auf der Stufe von Ozeanien stehen. Das Problem ist für alle drei Superstaaten das gleiche. Es ist für ihre Struktur unbedingt erforderlich, dass kein Kontakt mit Ausländern stattfindet, ausgenommen in beschränktem Masse mit Kriegsgefangenen und farbigen Sklaven. Sogar dem jeweiligen offiziellen Verbündeten wird immer mit dem schwärzesten Verdacht begegnet. Abgesehen von Kriegsgefangenen bekommt der Durchschnittsbürger von Ozeanien nie einen Bewohner Eurasiens oder Ostasiens zu Gesicht, und die Kenntnis fremder Sprachen ist im verboten. Wäre es ihm erlaubt, mit Ausländern in Berührung zu kommen, so würde er entdecken, dass sie ganz ähnliche Menschen sind, wie er selber und dass das meiste, was man ihm von ihnen erzählt hat, erlogen ist. Die künstlichen Schranken der Welt, in der er lebt, würde fallen, und die Furcht, der Hass und die Selbstgerechtigkeit, von denen seine Moral abhängt, könnten sich verflüchtigen. Man hat deshalb auf alle Seiten erkannt, dass, sooft auch Persien oder Ägypten oder Java oder Ceylon den Besitzer wechseln mögen, die Hauptgrenzen doch nie von etwas anderem als von Bomben überquert werden dürfen.
    Dem liegt eine nie laut ausgesprochene, aber stillschweigend erkannte und anerkannte Tatsache zugrunde, dass nämlich die Lebensbedingungen in allen drei Superstaaten fast genau die gleichen sind. In Ozeanien wird die herrschende Weltanschauung als ENGSOZ bezeichnet, in Eurasien heisst sie Neobolschewismus und in Ostasien wird sie durch Sterbekult übersetzt, vielleicht aber treffender mit Auslöschung des eigenen Ichs wiedergegeben wird. Der Bewohner Ozeaniens darf nichts von den Grundsätzen der beiden anderen Lebensanschauungen wissen, wird aber gelehrt, sie als barbarische Verstösse gegen Moral und gesunden Menschenverstand zu verabscheuen. In Wirklichkeit sind die drei Lebensanschauungen kaum auseinanderzuhalten, und die gesellschaftlichen Einrichtungen, zu deren Stütze sie dienen unterscheiden sich überhaupt in keiner Weise. Überall findet sich der gleiche pyramidenförmige Aufbau, die gleiche Verehrung eines halbgöttlichen Führers, die gleichen durch und für dauernde Kriegführung vorgenommenen Sparmassnahmen. Daraus folgt, dass die drei Superstaaten nicht nur einander nicht überwinden können, sondern auch keinen Vorteil davon hätten. Im Gegenteil, solange sie in gespanntem Verhältnis zueinander stehen, stützen sie sich gegenseitig wie drei aneinander gelehnte Getreidegarben. Und wie gewöhnlich sind sich die herrschenden Gruppen aller drei Mächte dessen, was sie tun, gleichzeitig bewusst. Ihr Leben ist der Welteroberung gewidmet, sie wissen aber auch, dass der Krieg notwendigerweise ewig und ohne Endsieg fortdauern muss. Überdies macht die Tatsache, dass keine Gefahr einer Eroberung besteht, die Verleugnung der Wirklichkeit möglich, die eines der besonderen Merkmale von ENGSOZ und seinen rivalisierenden Denksystemen ist. Hier muss das bereits früher Gesagte wiederholt werden, wonach der Krieg dadurch, dass er zu einem Dauerzustand wurde, seinen Charakter grundlegend geändert hat.
    In früheren Zeiten war ein Krieg schon seiner Definition nach etwas, das früher oder später zu einem Ende kam, gewöhnlich in Form eines eindeutigen Sieges oder einer ebensolchen Niederlage. Auch war in der Vergangenheit der Krieg eines der Hauptmittel, um die Verbindung der menschlichen Gesellschaften mit der gegebenen Wirklichkeit aufrechtzuerhalten. Alle Machthaber in allen Zeitaltern haben versucht, ihren Anhängern ein falsches Weltbild einzuimpfen, aber sie konnten es sich nicht leisten eine Illusion zu ermutigen, die dazu angetan war, die militärische Stärke zu beeinträchtigen. Solange eine Niederlage gleichbedeutend war mit dem Verlust der Unabhängigkeit oder ein anderes unerwünschtes Ergebnis im Gefolge hatte, musste man ernstliche Vorkehrungen gegen eine Niederlage treffen. Greifbare Tatsachen konnten nicht ausser Acht gelassen werden. In Philosophie, Religion, Ethik oder Politik mochten wohl zweimal zwei gleich fünft sein, aber wenn es sich um die Konstruktion eines Gewehrs oder eines Flugzeugs handelte, dann musste man, um leistungsfähig zu sein, aus der Vergangenheit lernen können, was bedeutet, dass man eine ziemlich genaue Vorstellung von dem haben musste, was sich in der Vergangenheit zugetragen hatte. Zeitungen und Geschichtsbücher waren freilich immer gefärbt und einseitig, aber Fälschungen von der heute üblichen Art wären unmöglich gewesen. Der Krieg war eine sichere Bürgerschaft für Vernunft, und was die herrschenden Klassen betrifft, vielleicht das wichtigste alles Schutzmittel. Solange Kriege gewonnen oder verloren werden konnten, durfte keine herrschende Klasse ganz verantwortungslos sein.
    Wenn aber der Krieg, buchstäblich ein Dauerzustand wird, dann hört er auch auf, gefährlich zu sein. Dann gibt es auch so etwas wie eine militärische Notwendigkeit nicht mehr. Technischer Fortschritt kann aufhören, und die offenkundigsten Tatsachen können geleugnet oder ausser Acht gelassen werden. Wie wir gesehen haben, werden für Kriegszwecke zwar noch Forschungen angestellt, die man als wissenschaftlich bezeichnen könnte, aber in der Hauptsache handelt es sich dabei um Phantasiegespinste, und die Tatsache, dass sie kein Resultat zeitigen, ist unwichtig. Leistungsfähigkeit, sogar militärische Leistungsfähigkeit, ist nicht mehr notwendig. Nichts in Ozeanien ist leistungsfähig ausser der Gedankenpolizei. Da jeder der drei Superstaaten uneinnehmbar ist, stellt jeder von ihnen praktisch eine Welt für sich dar, in der fast jede Gedankenverdrehung ungestraft begangen werden kann. Die Wirklichkeit macht sich nur durch den Druck der Alltagsfordernisse bemerkbar – Die Notwendigkeit, zu essen und zu trinken, zu wohnen und sich zu bekleiden, es zu vermeiden, Gift zu schlucken oder aus einem Dachfenster hinauszusteigen und dergleichen. Zwischen Leben und Tod, zwischen körperlichem Wohlbehagen und körperlichem Schmer besteht wohl noch ein Unterschied, aber das ist auch alles. Abgeschnitten von der Berührung mit der Aussenwelt und der Vergangenheit, gleicht der Bürger Ozeaniens einem Menschen im interplanetarischen Raum, der keinen Anhaltspunkt hat, in welcher Richtung oben oder unten ist. Die Machthaber eines solchen Staates sind so absolut, wie es weder Pharaonen noch Cäsaren sein konnten. Sie müssen verhindern, dass ihre Anhänger in einer grösseren Anzahl verhungern, als sich leicht bewältigen lässt, und dafür Sorge tragen, dass sie auf dem gleichen Tiefstand militärischer Technik stehenbleiben wie ihre Rivalen. Sind aber erst einmal die Minimalforderungen erfüllt, dann können sie der Wirklichkeit jede von ihnen gewünschte Gestalt geben.
    Der Krieg ist demnach, wenn wir nach den Massstäben früherer Kriege urteilen, lediglich ein Schwindel. Es ist das gleiche wie die Kämpfe zwischen gewissen Wiederkäuern, deren Hörner in einem solchen Winkel gewachsen sind, dass sie einander nicht verletzen können. Wenn er aber auch nur ein Scheingefecht ist, so ist e doch nicht zwecklos. Durch ihn wird der Überschuss von Gebrauchsgütern verbraucht, und er hilft die besondere geistige Atmosphäre aufrechtzuerhalten, die eine hierarchische Gesellschaftsordnung braucht. Der Krieg ist jetzt, wie man sehen wird, eine rein innenpolitische Angelegenheit. In der Vergangenheit kämpften die herrschenden Gruppen aller Länder, wenn sie auch ihr gemeinsames Interesse erkennen und deshalb die Zerstörungswirkung des Krieges beschränken mochten, doch eine gegen die andere und immer brandschatzte der Sieger den Besiegten. Heutzutage kämpfen sie überhaupt nicht gegeneinander. Der Krieg wird von jeder herrschenden Gruppe gegen ihre eigenen Anhänger geführt, und das Kriegsziel ist nicht, Gebietseroberungen zu machen oder zu verhindern, sondern die Gesellschaftsstruktur intakt zu erhalten. Infolgedessen ist allein schon das Wort Krieg irreführend geworden. Es wäre vermutlich richtig, zu sagen, der Krieg habe dadurch, dass er ein Dauerzustand wurde, aufgehört zu existieren. Der charakterliche Druck, den er zwischen dem späteren Steinzeitalter und dem anfänglichen zwanzigsten Jahrhundert auf die Menschen ausgeübt hat, ist verschwunden und wurde durch etwas ganz anderes ersetzt. Die Wirkung wäre die gleiche, wenn die drei Superstaaten, anstatt einander zu bekämpfen, übereinkämen, dauernden Friedenzustand zu leben, wobei jeder unangefochten innerhalb seiner eigenen Grenzen bleibt. Denn in diesem Fall wäre ebenfalls jeder eine in sich abgeschlossene Welt, nur für immer von dem hemmenden Einfluss einer von aussen drohender Gefahr befreit. Ein wirklich dauerhafter Frieden wäre das gleiche wie dauernder Krieg. Das ist – wenn auch die grosse Mehrheit der Parteimitglieder es nur in einem seichteren Sinne versteht – der tiefere Sinn des Parteischlagwortes: Krieg bedeutet Frieden.

    -ENDE-

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