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Dornenpelz' Rache

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16 Kapitel - 22.711 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 2.124 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

Er hat die Wahl zwischen zwei Leben, zwei Kätzinnen, zwei Schicksalen. Keine der beiden Entscheidungen scheint die richtige zu sein.

Dornenpelz, der zweite Anführer des WaldClans, kann es kaum erwarten den Platz seines Vaters Tannenstern einzunehmen. Da gerät sein Bruder in tödliche Gefahr und Dornenpelz, der ihm zur Hilfe eilt, läuft mitten in eine Falle. Schwer verletzt kann er fliehen.
Wird er den Mut aufbringen und sich selbst und allen beweisen was in ihm steckt oder entscheidet er sich für ein Leben in Freiheit außerhalb der Clans?

    1
    ((unli))Prolog ((eunli)) Tannenstern schmiegte sich an seine Gefährtin Sonnenschweif. „Sie sind wunderschön, nicht?“, sagte er. Stolz lag in sei
    Prolog

    Tannenstern schmiegte sich an seine Gefährtin Sonnenschweif. „Sie sind wunderschön, nicht?“, sagte er. Stolz lag in seiner Stimme als er die beiden kleinen Fellknäul an Sonnenschweifs Seite betrachtete.
    „Ja.“ Sie schnurrte. Im Abendlicht sah ihr gelbbraungestreifter Pelz viel dunkler aus und ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten wie der Sonnenuntergang.
    Tannenstern liebte sie. Es gab nichts an ihr, was er nicht mochte und es hätte ihm das Herz zerrissen, sich von ihr trennen zu müssen. Es war fast soweit gekommen, doch Sonnenschweif war ihm treu geblieben. Sie hatte sich für ihn und gegen ihr altes Leben entschieden. Tannenstern hatte nie gefragt, ob sie ihre Entscheidung bereute. Er hatte zu viel Angst vor der Wahrheit.
    Sein grauer Pelz verschmolz mit dem Dämmerlicht und er berührte mit der Schnauze sanft die schlafenden Fellknäule. Seine Jungen.
    Das Kleinere der beiden hatte Sonnenschweifs Augen und ihre zierliche Gestalt. Sein glänzendes rabenschwarzes Fell war so dunkel wie von keiner anderen Katze im Clan.
    Das kräftigere Junge bewegte sich unruhig im Schlaf. Es hatte Tannensterns waldgrüne Augen geerbt, doch das breite Gesicht und den braungestreiften Pelz hatte es von seiner Mutter.
    Tannenstern liebte sie beide wie nichts sonst auf dieser Welt, mit Ausnahme von Sonnenschweif natürlich.
    Doch als er sich an seine junge Familie kuschelte, die Augen schloss und in den Schlaf hinüberglitt, bekam er Besuch von seinen Ahnen. Eine SternenClan-Kriegerin trat zu ihm und verkündete ihm eine Prophezeiung über seine Söhne, sie sein Herz in tausend Splitter zerspringen ließ.
    Als Tannenstern am nächsten Morgen aufwachte, war er nicht mehr derselbe. Er war um hundert Monde gealtert und die Last, die nun auf seinen Schultern ruhte, drückte ihn nieder wie die Berge, die sich neben dem Territorium des WaldClans erhoben.
    Und Tannenstern wusste, er durfte die Wahrheit, die ganze schreckliche Wahrheit, über die Prophezeiung niemandem verraten. Und so verschloss er sie tief in seinem schmerzenden Herzen. Er sah zu wie seine Jungen aufwuchsen und fürchtete sich vor dem Tag, an dem die Prophezeiung wahr werden würde.

    2
    1. Kapitel

    „Ich werde dich nicht enttäuschen.“ Dornenpelz hob entschlossen den Kopf.
    Sein Vater Tannenstern leckte sich über die Lippen. Die Bewegung wirkte fahrig und schien ihn sehr anzustrengen. „Mag sein.“ Selbst seine Stimme war brüchig, nur noch ein Schatten seines früheren Selbst.
    Dornenpelz‘ Herz klopfte schneller. War es nun endlich soweit? Tannenstern war schon sehr alt und er hatte kaum noch die Kraft seinen Bau zu verlassen. Trotzdem weigerte er sich hartnäckig seinem Sohn, dem zweiten Anführer, seinen Platz zu überlassen. Dabei war Dornenpelz bereit. Keiner aus dem ganzen Clan konnte so gut kämpfen wie er!
    Ein Husten unterbrach seine Gedanken. Tannenstern krümmte sich und selbst die Blätter über ihnen schienen durch sein Husten zu erzittern.
    Dornenpelz hoffte, dass er endlich starb. Sein Magen rebellierte in einem leichten Anflug von Schuldgefühl, aber er konnte seinen Wunsch Anführer zu werden nicht länger unterdrücken.
    Da beruhigte sich sein Vater wieder und ließ den Kopf zurück auf sein Moosbett sinken.
    Dornenpelz schob ihm ein Eichhörnchen, das er mitgebracht hatte, hin. „Du solltest etwas essen.“
    „Hab keinen Hunger“, entgegnete Tannenstern, doch in seinen Augen flackerte Misstrauen auf.
    „Was ist?“ Dornenpelz lachte freudlos auf. „Hast du Angst, ich würde dich vergiften? Keine Sorge, ich kenne mich nicht so gut mit Kräutern aus wie Rabenschatten.“
    Sein Bruder Rabenschatten hatte als Schüler gerne dem Heiler bei der Arbeit zu gesehen und verstand auch jetzt noch einiges von der Heilkunst. Tannenstern war stolz auf ihn. Seiner Meinung nach sollte jede Katze die Grundlagen der Heilkunst beherrschen, um sich im Notfall selbst helfen zu können.
    O ja, dachte Dornenpelz grimmig, Vater ist sehr stolz auf meinen Bruder. Rabenschatten war ruhiger und stiller als er und obwohl Dornenpelz so tat als bemerke er es nicht, wusste er, dass der ganze Clan der Meinung war, sein Bruder sei auch schlauer als er. Aber mich und nicht ihn hat Vater zu seinem Stellvertreter ernannt, dachte Dornenpelz und ein warmes Gefühl des Stolzes durchströmte ihn.
    „Werde ich endlich Anführer?“, fragte er.
    Tannenstern musterte ihn durch halbgeschlossene Lider. „Ja.“
    Unbändige wilde Freude durchschoss Dornenpelz und er musste alles tun, um nicht laut loszujubeln.
    „Aber noch nicht jetzt.“ Tannensterns Worte ließen ihn zusammenzucken. Der Anführer des WaldClans schob das Eichhörnchen weg als sei es voller Würmer.
    „Was? Warum nicht? Du kannst nicht ewig Anführer sein! Du lebst dein letztes Leben und bist todkrank. Bitte Vater, sei vernünftig.“
    „Das bin ich.“ Tannenstern richtete sich mühsam auf. „Aber du nicht. Nicht nur ich weiß das, sondern auch der SternenClan.“
    „Was?“ Dornenpelz trat einen Schritt zurück. „Wie kannst du so etwas sagen?“ Angst machte sich in ihm breit. Würde er so kurz vor dem Ziel durch irgendwelche längst verstorbenen Katzen noch aufgehalten werden?
    Tannenstern beobachtete ihn aufmerksam. „Deine Reaktion zeigt ganz deutlich, dass du noch nicht bereit bist. Du musst noch viel lernen, mein Sohn. Und jetzt geh.“
    „Aber…“, setzte Dornenpelz an.
    „Ich habe gesagt, du sollst gehen!“ Die Stimme seines Vaters ließ keinen Widerspruch zu.
    Dornenpelz blieb nichts anderes übrig als mit hängendem Kopf und Schweif den Bau zu verlassen und auf die Lichtung zu trotten, die das Lager des WaldClans bildete. Er hasste es wie ein ungezogenes Junges angeschrien und weggeschickt zu werden. Wütend trat er gegen einen kleinen Stein. Doch das änderte nichts, seine Pfote tat bloß scheußlich weh.
    „Alles in Ordnung?“, fragte eine mitfühlende Stimme hinter ihm. Es war Blattherz, eine hellbraun gestreifte Kriegerin mit weißen Pfoten und Bauch. „Du siehst mitgenommen aus. Geht es deinem Vater schlechter?“
    Dornenpelz schnaubte. „Immer noch gut genug, um sich an seiner Position festzuklammern.“ Wieso begriff Tannenstern nicht, dass es das Beste war endlich jemand Jüngeren die Verantwortung zu übertragen? Dabei hatte sein Vater selbst gesagt, dass der SternenClan ihm eine Botschaft geschickt und versprochen hatte, dass einer seiner Söhne sein Nachfolger werden würde.
    Blattherz sah ihn nachdenklich an. „Du scheinst damit nicht einverstanden zu sein.“
    „Ach, echt?“ Dornenpelz nahm sich eine große Maus vom Frischbeutehaufen und biss ihr den Kopf ab. „Wenn ich bloß schon Anführer wäre, würde ich diese Streunerbande angreifen, die ständig Beute von unserem Territorium stiehlt.“
    Blattherz‘ Blick wurde hart. „Noch bist du aber nicht unser Anführer, sondern Tannenstern.“
    „Warte es nur ab.“ Dornenpelz schlang die Maus runter. „Es kann nicht mehr lange dauern.“
    Der Blick, mit dem Blattherz ihn musterte, gefiel Dornenpelz nicht. Er erinnerte ihn zu sehr an den seines Vaters.
    „Dornenpelz!“
    Der Ruf ließ ihn herumfahren. Durch den Lagereingang kam die Morgenpatrouille gerannt, die Augen schreckgeweitet und das Fell voller Kletten. Keuchend blieben die zwei Katzen stehen und rangen nach Luft.
    „Was ist los?“, fragte Dornenpelz sie. Angst kroch unter sein Fell.
    Fuchsfell hatte sich als Erste wieder im Griff. „Dein Bruder!“, rief sie. „Ich fürchte, er ist in großer Gefahr.“
    Ärgerlich runzelte Dornenpelz die Stirn. „Was hat er angestellt?“
    „Nichts.“ Fuchsfell schüttelte den Kopf. „Der Sturm letzte Nacht muss ein Feuer ausgelöst haben.“
    Ihr Gefährte Steinklaue fügte hinzu: „Oben an der alten Eiche. Dein Bruder wollte nachschauen, ob das Feuer aufs Lager übergreifen kann und da…“
    Dornenpelz hörte ihm gar nicht mehr zu. Er knurrte. War ja typisch, dass Rabenschatten sich wieder als Held aufspielen musste. Ständig wollte er beweisen, dass er genauso mutig und stark war wie Dornenpelz. Und dann musste man ihn retten.
    „Ich kümmere mich darum“, sagte Dornenpelz und rannte los.


    ~ Hiermit endet das erste Kapitel. Deswegen nehme ich mir die Zeit für eine Warnung. Ab jetzt werden Katzen verletzt und sterben. Ich garantiere weder dafür, dass alle Hauptfiguren überleben, noch dass es ein Happy End gibt. Bitte lies also nur weiter, wenn du dir absolut sicher bist, damit klar zu kommen. ~

    3
    2. Kapitel

    Er lief so schnell ihn seine Pfoten trugen, jetzt nur noch mit einem Gedanken im Kopf: Rabenschatten darf nicht passiert sein, oh bitte SternenClan, lass ihn unversehrt sein! Sorge und Angst trieben Dornenpelz an und schärften seine Sinne. Er flog geradezu durch den Wald, sah ihn nur noch als verwischten grünbraunen Schatten.
    Als erstes roch er das Feuer. Beißend und stickig verstopfte der Qualm seine Nase und vom Rauch wurde ihm schwindlig. Graue Ascheflocken regneten auf ihn herab.
    „Rabenschatten!“, rief er, bekam aber keine Antwort. „Rabenschatten!“ Dornenpelz wurde langsamer. Wo war sein Bruder bloß?
    Hitze schlug ihm entgegen und ließ ihn fast zurückweichen. Da sah er das Feuer. Wie eine giftige knallrote Frucht hatte es sich mitten im Grün des Waldes ausgebreitet. Knackend und zischelnd fraß es ihn auf und hinterließ nichts als schwarzen Ruß und graue Asche.
    Dornenpelz würgte und sein Maul war mit einem Mal ganz trocken. „Rabenschatten!“, wollte er erneut rufen, doch es kam nur ein heiseres Krächzen heraus.
    Vorsichtig bahnte er sich seinen Weg durch verkohlte Äste und brennende Blätter. Der Boden unter seinen Pfoten war viel zu heiß und er hatte das Gefühl, dass die Hitze ihm bei jedem Schritt in die Ballen biss. Die Augen hatte er weit aufgerissen, um auch ja kein Haar von Rabenschattens schwarzem Fell zu übersehen.
    Ein plötzliches Fauchen ließ ihn herumfahren. Im ersten Moment dachte Dornenpelz, es wäre sein Bruder gewesen. Doch es waren bloß Fuchsfell und Steinklaue, die ihm gefolgt waren.
    „Seht ihr ihn?“, fragte Dornenpelz.
    Statt ihm zu antworten, fletschten die beiden die Zähne. Mit ausgefahrenen Klauen kamen sie auf ihn zu.
    „Wir sehen nur einen verdammt miesen zweiten Anführer“, sagte Fuchsfell. Im Schein des Feuers schien sie rot zu glühen.
    „Der noch einen viel schlechteren ersten Anführer abgeben wird“, ergänzte Steinklaue. Er war breitschultrig und groß, viel größer als Dornenpelz.
    „Was habt ihr vor?“, fragte dieser und wich einen Schritt zurück. Das Feuer in seinem Rücken knisterte bedrohlich.
    Steinklaue grinste. „Wonach sieht es denn aus?“
    Er sprang vor und hieb mit der Klaue nach Dornenpelz‘ Schnauze. Der zweite Anführer duckte sich unter dem Schlag weg und erwischte seinen Gegner an der Schulter. Da aber war schon Fuchsfell bei ihm und biss ihn in den Schweif. Dornenpelz schrie auf, als Schmerz sein Rückgrat hochjagte. Die beiden kreisten ihn von links und rechts ein. Er saß in der Falle.
    „Bitte, wir können doch über alles reden“, meinte Dornenpelz.
    „Sieh an, jetzt willst du auf einmal reden.“ Die Stimme kam nicht von Fuchsfell und auch nicht von Steinklaue. Nein, es war Rabenschatten!
    „Bruder!“, stieß Dornenpelz hervor.
    Er stand auf einem breiten Ast hoch über ihren Köpfen und den Flammen. Durch sein nachtschwarzes Fell wirkte Rabenschatten selbst wie ein bloßer Schatten, fast unwirklich zwischen dem lodernden Feuer. „Wie schön, dass du gekommen bist, Dornenpelz. Anfangs habe ich daran gezweifelt, dass ich dir wichtig genug bin.“
    „Rede keinen Unsinn“, sagte Dornenpelz. „Natürlich bist du mir wichtig. Du bist mein Bruder.“
    Rabenschatten lachte auf. Es war kein freundliches Lachen. „Als ob dir das viel bedeuten würde. Das Einzige, was dich interessiert, ist Anführer zu werden. Es ist mir unbegreiflich, wie Vater dich zu seinem Stellvertreter ernennen konnte. Aber schließlich war ich für ihn immer nur dein Schatten.“ Er spuckte aus als hätte er einen bitteren Geschmack im Maul. „Aber das hat nun ein Ende.“
    Dornenpelz schluckte. Angst krallte sich in sein Herz. Es war eine wilde widernatürliche Angst, die ihn lähmte und die drohte in Panik umzuschlagen. Er war verraten worden. Sein eigener Bruder hatte ihn verraten! Der Boden schien unter Dornenpelz‘ Pfoten wegzukippen.
    „Treibt ihn in die Flammen!“, befahl Rabenschatten. „Es soll wie ein Unfall aussehen.“
    Fuchsfell und Steinklaue gehorchten. Sie preschten vor und ihre Krallen blitzen auf.
    Dornenpelz wollte etwas sagen, irgendetwas, das sie innehalten ließ. Das war doch Wahnsinn! Aber kein Wort kam über seine Zunge. Die Panik verengte ihm die Kehle.
    Kurz bevor die beiden Krieger ihn erreicht hatten, wirbelte er herum. Der Rauch ließ seine Augen tränen und Funken flogen ihm ins Gesicht. Die Flammen schienen eine undurchdringliche Wand vor ihm zu bilden.
    Steinklaue knurrte hinter ihm. Er und Fuchsfell waren schon bedrohlich nah.
    Dornenpelz biss sich auf die Lippe und sprang. Er flog über einen brennenden Baumstumpf, die Flammen züngelten hoch und schienen wie Finger nach ihm greifen zu wollen. Er schrie auf.
    Fuchsfell lachte hinter ihm. „Ja, lauf nur! Denkst du wirklich, du hättest eine Chance?“
    Dornenpelz beachtete sie nicht. Er rannte unter einen umstürzenden Stamm hindurch und wich Glutnestern aus.
    Da geschah es.
    Eine heiße Windböe wirbelte ihm brennende Blätter entgegen. Dornenpelz schrie auf, der Schmerz vernebelte ihm die Sicht und er knallte gegen die Überreste eines Baumes. Glühend heiße Krallen gruben sich in seinen Schweif, in seine Schulter, in sein Gesicht. Er schrie und schrie und schrie. Seine Schreie gellten durch den Wald und übertönten Fuchsfell hämisches Gelächter.
    Nur verschwommen nahm Dornenpelz wahr, dass Rabenschatten von seiner erhöhten Position herabgesprungen war und ihm durch die orangeroten Flammen zusah.
    Er sah zu, wie sein Bruder verbrannte und lächelte.
    Dornenpelz zitterte und er hatte keine Kraft mehr zum Schreien. Sein Körper fühlte sich merkwürdig betäubt an, aber irgendwie schaffte er es sich aufzurappeln. Ein Baum brach knackend und Funken stoben auf. Er versperrte ihm die Sicht auf Rabenschatten, aber sein Lächeln hatte sich unauslöschlich in Dornenpelz‘ Gedächtnis eingebrannt.
    Er sah es, als er sich Pfote um Pfote weiterschleppte. Er sah es, als er durch brennendes Gras schlüpfte. Er sah es, als er schließlich auf offene Fläche taumelte.
    Kühle Luft strich über sein Gesicht und Dornenpelz brach zusammen. Das Letzte, was er sah, war nicht der gluckernde Bach direkt vor ihm. Es war auch nicht Rabenschattens Gesicht oder der brennende Wald. Es war sein Vater, der ihm sagte, dass weder er selbst noch der SternenClan Dornenpelz für einen guten Anführer hielt.

    4
    3. Kapitel

    Als Dornenpelz erwachte, war es Abend. Er zitterte und fühlte sich schwach und krank. Es gab nicht eine Stelle seines Körpers, die nicht schmerzte. Am schlimmsten aber war seine Schulter und das Brennen in seinem Gesicht.
    „Hallo du“, hörte er plötzlich eine Stimme vor sich.
    Mühsam hob er den Kopf. Eine Schwanzlänge von ihm entfernt saß eine rotgetigerte Kätzin mit weißer Schnauze und Pfoten. Sie musterte ihn neugierig. „Ich dachte schon, du wachst nie mehr auf.“
    Dornenpelz runzelte die Stirn. „Wer… bist… du?“ Der Klang seiner eigenen Stimme erschreckte ihn. Sie war so brüchig wie trockene Blätter.
    Die Kätzin warf sich in die Brust. „Ich bin die fantastische leibhaftige unvergleichliche coole Heldin. Aber du kannst auch einfach Fluch zu mir sagen.“
    „Aha.“ Dornenpelz schwirrte schon jetzt der Kopf. Da bemerkte er, dass er sich nicht mehr unter freiem Himmel befand. Er hatte angenommen, dass es Abend sei, weil das Licht so dämmrig war, aber nun erkannte er, dass sich eine Höhlendecke über ihm erstreckte. Lange Tropfsteine hingen wie Zähne herab.
    „Wo… bin ich?“ Allein die Worte auszusprechen kostete ihn so viel Kraft, dass er den Kopf wieder sinken ließ. Seine Kehle war staubtrocken und er wusste nicht, ob ihn die fremde Kätzin überhaupt verstanden hatte.
    Fluch schnurrte. „Bei mir Zuhause. Also eigentlich ist es kein richtiges Zuhause, aber ich nenne es so. Ich mag es hier drin, es gibt immer jede Menge zu entdecken. Außerdem lagere ich meine Kräuter hier.“ Sie zeigte auf etliche Kuhlen im Boden, wo sich pfotenweise Pflanzen stapelten. Sie dufteten leicht nach Ringelblumen und Lavendel.
    „Also bist du… eine Heilerin?“
    „Eine Heil-was?“ Fluch lachte auf. „Nee du, mit diesen Clankatzen habe ich nicht das Geringste zu schaffen. Das meiste habe ich mir selbst beigebracht. Ausprobieren und experimentieren, sag ich immer.“ Sie schnüffelte an ihm. „Du aber riechst sehr nach Clan. Aber keine Sorge, wir sind offen für alle.“
    „Wir?“, fragte Dornenpelz verwirrt.
    „Ja, ich und Wolle.“ Fluch durchwühlte die Kräuter und zog schließlich eines hervor. Sie nahm es in das Maul und kaute darauf herum. Als sie weitersprach, nuschelte sie deshalb. „Die meischten Katschen mögen den Clan nischt, aber unsch ischt dasch egal.“ Sie spukte den Pflanzenbrei wieder aus und klatschte ihn auf Dornenpelz‘ Schulter.
    „He, lass das!“ Angewidert wollte er den Matsch wegwischen, aber sie hielt seine Pfote fest.
    „Das beschleunigt die Heilung. Du hast ganz schön was abgekriegt. Warst zwei Tage bewusstlos und Wolle musste dich den ganzen Weg tragen.“
    Dornenpelz war sich trotzdem nicht so sicher, ob er die Spucke-Pflanzen-Mischung auf seiner Haut haben wollte. Fluch kam ihm ziemlich merkwürdig vor. Sie war so ganz anders als die Katzen, die er kannte und er wusste nicht, ob er sich von jemanden behandeln lassen wollte, der gerne herumexperimentierte und keine richtige Ausbildung genossen hatte.
    „Und jetzt iss das“, sagte Fluch und hielt ihm Mohnsamen hin. Dornenpelz war stolz auf sich, dass er sie erkannt hatte.
    Gehorsam leckte er die kleinen Samen auf und merkte schon bald, dass er schläfrig wurde. Der Schmerz ließ nach und Dornenpelz glitt zurück in die Dunkelheit.

    An die nächsten Tage konnte er sich nur noch verschwommen erinnern. Immer wieder wachte er zwischendrin auf, nur damit ihm Fluch bitter schmeckende Kräuterpampe ins Maul schieben konnte. Dornenpelz war so schwach, dass ihm nichts anderes übrigblieb als sie protestlos zu schlucken.
    Ab und zu tauchte ein riesiger hellgrauer Kater auf, den Fluch als Wolle vorstellte. Er hatte unglaublich dichtes und flauschiges Fell und brachte Dornenpelz kleine Mäuse und Eidechsen. Die Eidechsen hatten einen eigenartigen Geschmack, aber Fluch stürzte sich begeistert auf sie, sodass Dornenpelz die Mäuse fressen konnte. Hätte seine Kehle dabei nur nicht so geschmerzt!
    Mit der Zeit wurde es besser. Anfangs konnte Dornenpelz kaum sprechen, geschweige denn aufstehen, doch die Tage vergingen und Fluch erlaubte ihm, sich aufzusetzen. Allein diese kleine Bewegung tat so weh, dass Dornenpelz am liebsten wieder ohnmächtig geworden wäre.
    Aber er gab nicht auf. Jeden Tag machte er einen kleinen Fortschritt, über den Fluch hellauf begeistert war. Doch ihm ging es viel zu langsam. Dornenpelz wollte endlich wieder raus und zurück zu seinem Clan. Die Höhle ging ihm auf die Nerven, er konnte die immer gleichen fahlbraunen Tropfsteine nicht mehr sehen, obwohl Fluch sich alle Mühe gab, ihn aufzumuntern.
    Mit der Zeit lernte er auch Wolle besser kennen. Dornenpelz konnte nun bereits ohne Schmerzen fressen und es gelang ihm ein paar Schritte zu laufen, ohne aufzustöhnen.
    „Du und Fluch, seid ihr Gefährten?“, fragte er Wolle. Fluch war an diesem Abend nicht da, sie wollte neue Spinnenweben sammeln.
    Der große graue Kater schüttelte den Kopf. „Nur gute Freunde.“
    Aus irgendeinem Grund war Dornenpelz froh darüber. „Wie habt ihr euch kennengelernt?“
    Wolle erzählte ihm, dass er einst ein Hauskätzchen gewesen war. Zweibeiner hatten ihn aufgezogen und Futter hingestellt. Doch eines Tages waren neue Zweibeiner gekommen. „Sie haben böse gerochen. Falsch und irgendwie hinterlistig. Da bin ich abgehauen“, sagte Wolle. Fluch war bereits hier gewesen, sie war ursprünglich eine Streunerin in einem Zweibeinerort gewesen, aber da hatte es ihr nicht gefallen. „Sie liebt es hier draußen zu sein. Schlafen unterm Sternenhimmel ohne stinkende Luft und lärmende Monster.“
    Dornenpelz nickte. Er selbst würde lieber sterben als in der Nähe der Zweibeiner und ihrer Monster zu leben.
    Es vergingen drei weitere Tage. Als Fluch ihn dieses Mal untersuchte, nickte sie zufrieden. „Deine Wunden heilen gut, viel besser als gedacht. Wenn du willst, darfst du jetzt die Höhle verlassen. Draußen ist ein Bach, da kannst du dich waschen.“
    „Danke.“ Dornenpelz streckte die Beine durch und stand langsam auf. Er schleppte sich nach draußen, doch als zum ersten Mal seit langer Zeit die Sonne auf seinen Pelz fiel, waren alle Schmerzen vergessen. Warm und kraftspendend schien sie auf ihn und er fühlte sich fast so, als wäre er nach einem anstrengenden Tag von der Jagd heimgekehrt und würde sich nun mit seinen Freunden einen Hasen teilen.
    Seine Freunde im Clan. Dornenpelz‘ Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als er an sie dachte. Borkenstreif, der immer so leicht reinzulegen war und Wellensprung, der bei jedem Wettrennen gewann. Und natürlich Blattherz. Dornenpelz seufzte, als er an sie dachte. Als junger Krieger war er in sie verliebt gewesen. Womöglich war er das noch immer.
    Er schüttelte sich, um den Gedanken zu vergessen und trottete zum Bach. Er wollte einen Schluck trinken, doch als er sein Spiegelbild in dem unruhigen Wasser sah, erschrak er. „Das bin nicht ich“, murmelte er, „das kann nicht sein.“
    Weiße Schaumkronen tanzenden auf dem dahineilenden Wasser und verzerrten das Bild, aber Dornenpelz konnte trotzdem diesen hässlichen Kater darin erblicken. Dornenpelz war noch nie eine große Schönheit gewesen, sein Gesicht war zu breit, die dunkelbraune Tigermusterung seines Fells langweilig und alles an ihm wirkte ein wenig plump und grobschlächtig.
    Doch dieses Monster im Fluss hatte nichts mit ihm zu tun. Dornenpelz hatte keine kahlen Stellen im Pelz, wo einst dichtes Fell wuchs. Seine Gesichtszüge waren nicht ein einziger Klumpen aus wulstigen Narben und rohem Fleisch.
    Doch als er eine Pranke hob, tat es ihm der missgestaltete Kater im Fluss nach. Es roch so sehr nach Blut, dass Dornenpelz schlecht wurde.
    Er schlug nach dem Wasser und tausende Tropfen spritzen auf. Jeder von ihnen zeigte winzig klein das Monster, zu dem Dornenpelz geworden war.
    Er watete in den Bach und schloss die Augen, um sich nicht mehr sehen zu müssen. Bis über beide Ohren tauchte er unter und das Wasser kühlte seine Wunden und reinigte sie. Ich könnte einfach hierbleiben, dachte Dornenpelz. Es würde niemanden kümmern. Dann sterbe ich und alles ist in bester Ordnung. Der Schmerz lässt nach und Vater kann jemand anderen als seinen Nachfolger erwählen. Schließlich wollte weder er, noch mein Bruder, noch der SternenClan, dass ich jemals seinen Platz einnehme.
    Das Wasser gluckerte friedlich in seinen Ohren. Dornenpelz verlor sich in der Schwärze und war froh, dass die Kühlung seinen Schmerz linderte. Er sollte hierbleiben und sterben. War das nicht für alle das Beste?
    Nein, sagte eine leise Stimme in seinem Kopf. Das wäre wie aufgeben.
    Ich gebe nicht auf, widersprach Dornenpelz.
    Feigling, verhöhnte ihn die Stimme.
    Dornenpelz biss die Zähne zusammen. Er war kein Feigling!
    Hast du dann den Mut weiterzuleben?
    Er schüttelte den Kopf. Wollte er das überhaupt? Konnte er einfach weitermachen wie bisher?
    Ich kann nicht einfach so aufgeben.
    Dornenpelz sprang auf und durchstieß die Wasseroberfläche. Frische Luft strömte schmerzhaft in seine Lunge. Leben tut weh, dachte er.

    5
    4. Kapitel

    Von da an weigerte sich Dornenpelz in der Höhle zu schlafen. Fluch legte sich jeden Abend neben ihn und ihr warmer Körper beruhigte ihn. Sie schliefen gemeinsam ein, aber wenn er aufwachte, war sie bereits fort. Fluch füllte ihre rasch schwindenden Kräutervorräte auf und ging auf die Jagd. Manchmal begleitete Wolle sie dabei. Jedes Mal, wenn die beiden gemeinsam weggingen, spürte Dornenpelz einen merkwürdigen Anflug von Eifersucht. Zu gerne wäre er ebenfalls jagen gegangen.
    Stattdessen blieb Dornenpelz, wo er war, trank Wasser aus dem Bach, kühlte seine Wunde in ihm und versuchte sich darin Fische zu fangen. Er machte sich nicht sonderlich gut als Fischer und sein Körper schmerzte noch immer. Würden die Schmerzen jemals vergehen? Dornenpelz fühlte sich elend und dachte an das, was sein Vater gesagt hatte. Jede Katze sollte die Grundlagen der ersten Hilfe beherrschen, um sich im Notfall selbst helfen zu können. Hätte er besser auf seinen Vater gehört. So aber war er vollkommen auf Fluch angewiesen.
    Immer wieder warf Dornenpelz einen Blick auf sein Spiegelbild, aber es wurde einfach nicht besser. Die Narben wollten nicht verschwinden und er sah immer noch aus wie die Monster in den Geschichten, die man Jungen erzählte, um ihnen Angst einzujagen.
    Schließlich beschloss er, dass er es nicht länger aufschieben konnte. Er musste zurück zu seinem Clan. Ich werde wieder gut machen, was ich angerichtet habe. Ich kläre das mit Rabenschatten und entschuldige mich bei meinem Vater, nahm Dornenpelz sich vor. Ich werde Tannenstern stolz machen und ihm ein würdiger Nachfolger sein. Bitte SternenClan, mach, dass er mir verzeiht. Ich wollte so unbedingt Anführer sein, dass ich nicht gemerkt habe, wie sehr ich Rabenschatten verletzt habe.
    Dornenpelz verabschiedete sich von Fluch und Wolle.
    Die rote Kätzin schien nicht erfreut darüber zu sein. „Da wende ich so viel Mühe auf, um dich wieder zusammen zu flicken und du willst mit einem überstürzten Aufbruch alles zunichtemachen!“ Aber sie schien eher besorgt als wütend zu sein und gab ihm sogar eine Pfote voll Reisekräuter.
    Wolle hingegen nickte ihm zu. „Pass gut auf dich auf. Ich bin sicher, du weißt was du tust.“
    Dornenpelz tauchte noch ein letztes Mal in den Bach, schüttelte sich dann das Wasser aus dem Fell und lief los. Na gut, es war eher ein humpeln. Seine Wunden ließen nicht zu, dass er sich schnell oder geschickt oder überhaupt viel bewegte. Er folgte dem Bach in Fließrichtung und kam bald schon in vertrautes Gebiet. Die Luft roch wieder würzig nach Kiefernnadeln und Bärlauch. Das war sein Wald, hier war Dornenpelz aufgewachsen und hier war er zu Hause. Er kam an dem abgebrannten Waldstück vorbei, wo sich bereits wieder frische Halme durch die fruchtbare Asche wühlten. Er achtete darauf keinen von ihnen niederzutrampeln.
    Trotz der Reisekräuter brauchte Dornenpelz für die Strecke, die er zuvor innerhalb eines Tages zurückgelegt hätte, nun fast zwei ganze Sonnenaufgänge. Als die Sonne am zweiten Tag versank und den Himmel blutrot färbte, erreichte er das Lager.
    Es lag in einer Senke mitten im Wald, von mächtigen Bäumen umstellt und von einem schützenden Brombeerwall umgeben. Dornenpelz war sehr stolz darauf, dass er selbst mitgeholfen hatte, diesen Wall zu errichten. Die spitzen Stacheln hatten sich tief in seine Pfoten gebohrt. Diese Schmerzen und Narben schienen nun verschwindend gering.
    Vorsichtig näherte er sich dem Lager. Sein Herz schlug schnell und sein Fell richtete sich auf. Er hatte Angst und fragte sich, wie die anderen Clankatzen auf sein Aussehen reagieren würden. Hoffentlich nimmt Tannenstern mich noch immer als seinen Stellvertreter an.
    Das Blut rauchte in seinen Ohren und Dornenpelz duckte sich hinter den Brombeerwall, als er laute Stimmen hörte. Er linste durch eine Lücke im Dickicht und erkannte, dass der Clan soeben eine Versammlung abhielt. In der Mitte auf dem Stein, der normalerweise Tannenstern vorbehalten war, stand Rabenschatten. Seine Gestalt hob sich schlank und sehnig vor dem Sonnenuntergang ab, der sein dunkles Fell glänzen ließ.
    „WaldClan!“, rief er und alle Katzen im Lager verstummten respektvoll. „Ich habe eine traurige Nachricht für euch.“ Rabenschatten setzte sich und sah auf die Katzen herab. „Nur einen halben Mond nachdem ich den Verlust meines Bruders zu betrauern hatte, ist nun auch mein Vater weiter zum SternenClan gezogen.“
    Nein! Alles in Dornenpelz versteifte sich. Er war zu spät. Sein Vater war tot und er war zu spät!
    Leises Gemurmel erhob sich auf der Lichtung. Rabenschatten wartete bis es sich legte und fuhr dann mit vor Trauer leicht brüchiger Stimme fort: „Ich weiß, es sind schwere Zeiten für den WaldClan. Aber seid gewiss, die Sonne wird erneut für uns scheinen und ich werde euch in bessere Zeiten führen. Nach Dornenpelz‘ Tod wurde ich zum zweiten Anführer ernannt und versichere euch, dass ich mich auch als erster Anführer würdig erweisen werde. Gleich morgen früh nach der Totenwache werde ich mich zum Mondstein aufmachen und meine neun Leben empfangen. Fuchsfell soll meine Stellvertreterin werden.“
    Dornenpelz kauerte sich in die Schatten. Also hatte sein Vater Rabenschatten zu seinem Nachfolger bestimmt. Natürlich, die Prophezeiung besagte, dass einer von Tannensterns Söhnen Anführer werden würde.
    Er legte den Kopf auf die Vorderpfoten und dachte an seinen Vater. Bis zum Schluss hatte dieser nicht an ihn geglaubt, aber Dornenpelz fühlte nichts als tiefe Trauer. Er hatte sich nicht mehr von ihm verabschieden können. Wäre er bloß einen Tag früher aufgebrochen! Er weinte, aber es war ein stummes und lautloses Weinen. Vor kurzem hatte Dornenpelz sich noch gewünscht, dass sein Vater starb und nun wollte er nichts weiter, als noch einmal mit ihm zu sprechen.
    Tannensterns Leichnam wurde in die Mitte des Lagers getragen und ein paar Katzen versammelten sich um ihn herum, unter anderem Rabenschatten, Blattherz und Wellensprung. Die ganze Nacht über hielten sie da unten Totenwache. Dornenpelz ging nicht zu ihnen, sondern blieb in seinem Versteck im Brombeerdickicht sitzen. Er wollte mit niemanden sprechen.
    Als die Sonne aufging, war er müde und steif und seine Wunden taten mehr weh denn je. Zwei Krieger, darunter auch sein Freund Borkenstreif, kamen und trugen Tannenstern fort. Dornenpelz sah hoch zum Himmel, obwohl die Sterne längst verblasst waren. Sein Vater musste jetzt bei ihnen sein, wo auch immer sie hingegangen waren.
    Rabenschatten verließ den Heilerbau, wahrscheinlich hatte er gerade eine Reisekräutermischung zu sich genommen. Der Weg zum Mondstein war kein Katzensprung und führte durch das Streunergebiet.
    Dornenpelz fühlte die Unruhe von Gestern zurückkehren. Wie unzählige Ameisen kribbelte sie unter seinem Fell. Er hatte beschlossen Rabenschatten abzupassen und als erstes mit ihm zu reden. Sehr wahrscheinlich war es ein dummer Plan, aber Dornenpelz wollte seinem Bruder wenigstens die Chance geben sich zu erklären.
    Doch da traten Fuchsfell und Steinklaue aus dem Kriegerbau und schlossen sich Rabenschatten an. Enttäuscht zuckte Dornenpelz mit den Ohren. Er hatte gehofft, mit seinem Bruder alleine reden zu können.
    Das Trio verließ das Lager, Rabenschatten lief an der Spitze und die rotbraune Kriegerin und der massige graue Kater folgten ihm. Dornenpelz schlich hinter ihnen her, immer darauf bedacht, dass der Wind seinen Duft nicht zu ihnen herantrug. Zum Glück stand er günstig und wehte ihre Stimmen zu ihm.
    „Also hat es wirklich geklappt?“, fragte Steinklaue.
    Dornenpelz konnte sehen, wie sein Bruder genervt mit dem Schweif schnippte. „Natürlich hat es geklappt. War ja schließlich mein Plan. Ich hoffe bloß, es ist genug Zeit vergangen und es wird niemand misstrauisch, dass Tannenstern und Dornenpelz innerhalb so kurzer Zeit hintereinander gestorben sind.“
    „Bei Tannenstern wird niemand misstrauisch“, meinte Fuchsfell. „Er war schließlich schon sehr alt und niemand würde auf die Idee kommen, dass er vergiftet wurde.“
    Dornenpelz klappte die Kinnlade herunter. Sein Vater war vergiftet worden! Er biss sich auf die Lippe, um nicht laut aufzuschreien. Sein eigener Bruder hatte nicht nur ihn umbringen wollen, sondern nun auch seinen Vater ermordet.
    Wut rauschte wie pures Feuer durch Dornenpelz‘ Adern und rote Flecken tanzten vor seinen Augen. Ein tiefes Knurren stieg in seiner Kehle auf und er fuhr die Krallen aus. Sein Herz schlug so schnell, dass es fast schmerzte, aber es war ein guter Schmerz. Ein Schmerz, der alles andere vertrieb. Nun blieb nur noch Hass. Er würde seinen Bruder in Fetzten reißen!
    „Pst“, zischte Rabenschatten. „Habt ihr was gehört?“
    Dornenpelz fletschte die Zähne.
    „Nein, gar nichts.“ Steinklaue kratzte sich am Kopf.
    Fuchsfell spitzte die Ohren, aber dann schüttelte auch sie den Kopf.
    Rabenschatten drehte sich wieder um und lief weiter, doch Dornenpelz wusste, dass er nun viel wachsamer war als zuvor. Macht nichts, dich erwische ich trotzdem. Er grub die Krallen tief in den Boden, bereit loszustürzen.
    Steinklaue redete weiter, als sei nichts gewesen. „Und bei Dornenpelz hat auch niemand lange nachgefragt. Unfälle kommen nun mal vor und schließlich wollte keiner im Clan ihn als Anführer haben. Wie er mich immer rumkommandiert hat, nur weil sein Papi ihn zum Stellvertreter ernannt hat.“
    „Nicht nur dich“, knurrte Fuchsfell. „Es scheint ihn niemand recht zu vermissen.“
    Alle Luft schien aus Dornenpelz zu entweichen. Er sackte in sich zusammen.
    Rabenschatten wiegte den Kopf hin und her. „Blattherz hat schon einige Fragen gestellt. Sie hat sogar zusammen mit Wellensprung und Borkenstreif nach seiner Leiche gesucht, aber die ist natürlich verbrannt. Ich hoffe bloß, sie akzeptiert mich als neuen Anführer.“
    Fuchsfell zuckte mit den Schultern. „Unfälle kommen vor, wieso nicht auch bei ihr?“
    Obwohl Dornenpelz es nicht sehen konnte, weil Rabenschatten ihm den Rücken zudrehte, wusste er, dass sein Bruder grinste.
    Alle Kraft schien Dornenpelz‘ Pfoten verlassen zu haben und er sah tatenlos zu, wie das Trio sich weiter von ihm entfernte. Es lief bergauf Richtung Mondstein, der hoch in den Bergen lag.
    Dornenpelz wartete bis sie außer Sichtweite waren, dann rannte er los. Einige seiner Wunden rissen wieder auf, aber er achtete nicht auf sie. Es war ihm egal. Ihm war alles egal.
    Sein eigener Bruder hatte ihn verraten und fast getötet. Dem Clan war das völlig egal. Dornenpelz war kein Anführer, so sehr er sich das auch wünschte. Er war kein strahlender Held, sondern ein Monster.
    Denn wenn er ganz ehrlich war, dann war er wirklich ein mieser zweiter Anführer gewesen. Er hatte es genossen Macht zu besitzen und er hatte es genossen, bewundert und beneidet zu werden. Und ganz tief in sich drin wusste er, dass es ihm gefallen hatte, immer mehr Aufmerksamkeit als sein Bruder zu bekommen.
    Äste, Steine und Blätter flogen unter seinen Pfoten hinweg, aber Dornenpelz schenkte ihnen keine Beachtung. Aufgeschreckte Spatzen flatterten auf und er knurrte sie an. Bald schon hatte er den Wald weit hinter sich gelassen und rannte über offene Fläche und harte Felsen.
    Dornenpelz war kein Anführer.
    Er war kein Krieger.
    Keine Clankatze.
    Ein Monster.


    6
    5. Kapitel

    Abrupt hielt er an. Seine Pfoten wirbelten Staub auf und er schlitterte noch eine Schwanzlänge weiter. Wie aus dem nichts waren drei Katzen vor ihm aufgetaucht. In einer einzigen fließenden Bewegung lösten sie sich aus den Schatten und krochen über die Felsen. Die drei bauten sie sich vor ihm auf und funkelten ihn hasserfüllt an.
    Dornenpelz kannte die Katzen nicht, sie gehörten nicht zum Clan, aber er erkannte ihren Geruch. Streuner. Ohne es zu merken war er mitten ins Streunergebiet gelaufen.
    „Sieh an, sieh an, wen haben wir denn da?“, fragte der große Kater in der Mitte. Er hatte mattschwarzes Fell und eine breite Narbe zog sich quer über seine Schnauze. Ein Ohr war eingerissen. Dornenpelz beschlich das Gefühl, ihn schon einmal gesehen zu haben.
    „Sieht mir wie eine Clankatze aus, Kralle“, antwortete der weiße Kater neben ihn. Er sprach hastig und lispelte dabei. In seinem Fell zeichnete sich ganz schwach ein silbernes Tigermuster ab.
    Der schwarze Kater, Kralle, grinste hämisch. „Aber was würde eine edle Clankatze wie er bei uns dreckigen Streunern machen?“
    Die hübsche goldgefleckte und langbeinige Kätzin dicht an seiner Seite betrachtete gespielt gelangweilt ihre Krallen. „Vielleicht will er uns angreifen. Ich finde, er sieht wahrhaft bedrohlich aus.“ Sie grinste boshaft und ihre smaragdgrünen Augen funkelten.
    „Oh, das würde zu ihm passen“, erwiderte Kralle. Schlagartig erkannte Dornenpelz ihn wieder. Diese Narbe über der Schnauze und das eingerissene Ohr… Dornenpelz hatte ihm das angetan. Seine Augen weiteten sich.
    Der schwarze Kater lächelte. „Erinnerst du dich wieder an mich? Du warst damals dabei, als ihr Clankatzen uns überfallen habt. Die Welt ist doch sehr klein, findest du nicht?“
    Dornenpelz hob den Kopf und ließ sich seine Furcht nicht anmerken. „Wir haben euch nicht überfallen. Ihr seid in unser Territorium eingedrungen und habt unsere Beute gestohlen.“
    „Nun denn“, sagte der schwarze Kater. „Jetzt bist du in unser… Territorium eingefallen. Das Wort gefällt mir. Ja, ich denke wir sollten in Zukunft den Boden, auf dem wir stehen, immer Territorium nennen.“
    Dornenpelz wurde schlecht. „Leg dich mit mir an und du kommst nicht so glimpflich davon wie beim letzten Mal.“
    „Letztes Mal wart ihr uns zwei zu eins überlegen“, fauchte Kralle. Dann lächelte er. „Aber jetzt sieht es ganz anderes aus. Wer hat dich eigentlich so zugerichtet? Du bist ja noch hässlicher als ich.“
    Dornenpelz funkelte ihn an, antwortete aber nicht.
    „Oje, habe ich da etwa einen wunden Punkt getroffen?“, fragte der Streuner gespielt mitleidig. „Oder ist das die übliche Praxis unter euch Clankatzen?“
    „Die übliche Praxis bei uns ist, dass wir unsere Feinde beim ersten Mal verletzen und beim zweiten Mal töten“, sagte Dornenpelz so ruhig er konnte. Das war natürlich gelogen. Sie töteten nur im absoluten Notfall, aber er hoffte den Streunern Angst einzujagen.
    Kralle lachte auf. „Du gefällst mir. Aber wahrscheinlich hast du nur eine große Klappe und nichts dahinter.“ Er sah zu seinen Begleitern, dem weißen Kater und der schönen goldenen Kätzin. „Töten wir ihn.“
    Und damit sprangen die drei Katzen vor.
    Dornenpelz fauchte. Diesen Kampf konnte er unmöglich überleben, drei gegen einen schaffte niemand, aber er musste es zumindest versuchen.
    Er fuhr die Krallen aus und hieb sie auf die Schnauze des weißen Katers. Dieser wankte zurück, aber als Dornenpelz ihm folgen wollte, sprang die Kätzin vor ihn. Er versuchte ihren Angriff abzublocken, doch dabei riss die Wunde an seiner Schulter wieder auf.
    Kralle lachte. „Alleine kommt ihr Clankatzen nicht so gut zurecht.“ Er stürzte sich auf Dornenpelz.
    Dieser schrie auf und schnappte nach ihm, aber glitschig wie ein Fisch entwand der Kater sich seinem Griff.
    Der weiße Kater griff wieder an, diesmal von hinten. Aber bevor Dornenpelz herumwirbeln konnte, wischte die Kätzin mit dem Schweif über den Boden. Sand spritzte auf und gelangte in seine Augen. Dornenpelz musste heftig blinzeln. Tränen und Sand verschleierten ihm die Sicht.
    Stachelspitzte Zähne bohrten sich in seinen Schweif, der schwarze Kater zerkratzte ihm die Flanke und Dornenpelz konnte nur noch müde die Pfoten heben. Gegen diese Übermacht konnte er nichts ausrichten.
    Kralle sprang zurück und riss mit den Zähnen eine Wurzel aus dem Boden. Er warf sie über Dornenpelz und die Kätzin zog an der anderen Seite. Dornenpelz wurde niedergedrückt, taumelte und fiel hin. In Windeseile flocht die Kätzin ihm die Wurzel um die Pfoten.
    Zufrieden trat Kralle auf ihn zu. Die Narbe über seiner Schnauze leuchtete rot. „Ich habe schon immer eine Clankatze so hilflos sehen wollen. Schade nur, dass du nur noch ein Schatten deiner selbst bist.“ Er deutete auf seine Narbe und das zerfetzte Ohr. „Als du damals gegen mich gekämpft hast, hast du viel mutiger und selbstbewusster gewirkt. Arrogant fast. Wie eine echte Clankatze eben.“
    Dornenpelz fletschte die Zähne. „Du kämpfst nicht fair. Sand in die Augen und dann die Wurzel… Lass uns Kater gegen Kater gegeneinander kämpfen ohne deine Freunde und diese ganzen Tricks.“
    Kralle lachte amüsiert auf. „Wieso sollte ich mich darauf einlassen? Du hast doch schon verloren.“ Er beugte sich vor und flüsterte Dornenpelz im gespielten Vertrauen ins Ohr: „Eigentlich hatte ich mir geschworen, sollte ich dich wiedersehen, werde ich dir ebenfalls eine hübsche kleine Narbe im Gesicht verpassen. Jetzt aber fällt es mir schwer eine Stelle zu finden, an der noch keine Narbe ist.“
    Er umrundete Dornenpelz langsam und musterte ihn eindringlich, so als würde sich eine Katze überlegte, ob die verwundete Maus am Boden wirklich ihre Mühe wert ist. Dann zog er ihm die Krallen quer über das Gesicht, genauso wie es damals Dornenpelz bei ihm gemacht hatte.
    Dornenpelz schrie auf. Kralle fuhr über seine Brandwunden und riss sie wieder auf. Die Klauen bohrten sich tief in Dornenpelz‘ Gesicht und Blut sickerte in seine Augen. Er blinzelte heftig.
    „He, was soll das?“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Fluch kam auf ihn zu gerannt.
    „Geh weg!“, wollte Dornenpelz ihr zurufen, aber er hatte keine Kraft mehr. Fluch musste sich in Sicherheit bringen, sie hatte keine Chance gegen diese drei Streuner.
    Doch zu seiner Verwunderung hielt Kralle inne. „Hallo, Fluch“, miaute er.
    Dornenpelz‘ Ohren stellten sich auf. Die beiden kannten sich!
    „Was soll das?“, fragte Fluch noch einmal. „Wie könnt ihr ihn so zurichten, nachdem ich so verdammt lange gebraucht habe, um ihn wieder auf die Beine zu bringen?“
    Der weiße Kater zuckte zusammen. „Du… hast ihm geholfen?“ Sein Lispeln war nun noch deutlicher. „Wieso hilfst du einer Clankatze?“
    Fluch sah ihn herausfordernd an. „Was geht dich das an, Geist?“
    Kralle drängte sich zwischen sie. „Genug. Er ist in unser Gebiet eingedrungen, Fluch. Außerdem ist das der Kater, der mich damals angegriffen hat. Er verdient den Tod.“
    Die rotgetigerte Kätzin musterte Kralle einen Moment lang, dann sah sie Dornenpelz an. „Stimmt das?“
    Er versuchte so würdevoll wie möglich auszusehen. Noch immer lief warmes Blut über sein Gesicht. „Ja.“
    Fluch seufzte. „Wieso machst du auch so etwas Dummes?“
    „Damals erschien es mir wie eine gute Idee“, gab Dornenpelz zurück.
    „Können wir ihn jetzt töten?“, fragte die goldgefleckte Kätzin ungeduldig.
    „Ja“, sagte Kralle.
    „Nein“, sagte Fluch.
    Der schwarze Kater wirbelte zu ihr herum. „Was soll das heißen? Er hat doch seine Verbrechen gestanden.“
    Fluch wich seinem Blick nicht aus. „Töte ihn und ich werde dich beim nächsten Mal nicht mehr behandeln. Was hättest du ohne mich gemacht, als du von ihm verletzt wurdest?“ Sie wandte sich an den weißen Kater. „Und Geist, wer hat dir neulich einen Dorn aus der Pfote gezogen?“ Dann sah sie die goldgefleckte Kätzin an. „Und wer hat dir geholfen deine Jungen auf die Welt zu bringen, Savannah?“ Fluch blickte jedem von ihnen fest in die Augen. „Ihr seid mir alle etwas schuldig und wenn ich euch weiterhin helfen soll, dann lasst diesen Kater in Frieden.“
    Drei Herzschläge vergingen, dann nickte Kralle. Wortlos drehten er und seine Begleiter sich um und verschwanden.
    „Puh.“ Fluch stieß die Luft aus. „Das ist gerade noch mal gut gegangen.“
    „Danke“, sagte Dornenpelz aufrichtig.
    Sie befreite ihn von der Wurzel und führte ihn den Weg hinauf zu ihrer Höhle. Dabei musste sie ihn stützen, sonst wäre Dornenpelz zusammengebrochen. Erneut verarztete sie seine Wunden und er legte sich auf seinen alten Platz vor ihrer Höhle. Der Bach plätscherte beruhigend an ihm vorbei.
    Schließlich traute sich Dornenpelz zu fragen, woher sie Kralle kannte.
    Fluch runzelte die Stirn. „Hier kennt jeder jeden.“
    „Wie meinst du das? Gehörst du auch zu der Streunerbande?“
    Sie schüttelte den Kopf. „Es gibt keine Streunerbande. Hier in den Bergen leben jede Menge Katzen, so wie es ihnen gefällt. Ehemalige Hauskätzchen, Streuner, ausgesetzte Jungen. Sie kommen, sie gehen, wie es ihnen beliebt.“
    Das überraschte Dornenpelz. Bisher hatte er immer angenommen, dass die Katzen in den Bergen einen festen Verband bildeten.
    „Einige von ihnen“, fuhr Fluch fort, „sind sogar die Nachfahren der ursprünglichen Katzen.“
    „Der ursprünglichen Katzen?“
    „Ja, die die vor dem Clan hier gelebt haben.“ Sie lachte als sie sein Gesicht sah. „Du denkst doch nicht etwa, der Clan hätten seit Anbeginn der Zeit hier gelebt? Ursprünglich waren hier bloß ein paar einzelne Katzen in der Wildnis. Sie haben einen lockeren Verband gebildet und kannten nicht so strenge Regeln wie der Clan. Als er sich hier niederließ, hat er sie in die Berge getrieben.“
    „Oh.“ Diese Geschichte hatte Dornenpelz bisher noch nie gehört.
    Fluch zuckte mit den Schultern. „Deswegen sind die meisten Katzen hier nicht sonderlich gut auf euch Clankatzen zu sprechen. So wie Kralle, er stammt auch von den ursprünglichen Katzen ab. Aber wie schon gesagt, Wolle und mir ist das egal.“
    Dornenpelz wollte das Thema wechseln. „Was bedeutet Wolle eigentlich?“
    „Ich habe keine Ahnung.“ Sie beugte sich über den Bach. „Er selbst auch nicht, ist das nicht verrückt?“ Sie hob die Tatze und musterte dabei aufmerksam das vorbeiplätschernde Wasser. „Seine Zweibeiner haben ihm den Namen Wollknäul gegeben, aber als er hierherkam, hat er ihn geändert. Die meisten tun das.“ Sie ließ die Tatze niedersausen und ein Fisch flog hoch in die Luft. Geschickt fing Fluch ihn mit dem Maul. „Bitteschön, Dornenpelz. Du solltest etwas essen, um bei Kräften zu bleiben.“
    Er nahm den Fisch an, schüttelte aber dabei den Kopf. „Bitte sag das nicht.“
    Fluch runzelte die Stirn. „Was denn? Du bist wirklich etwas schwach auf den Beinen.“
    „Das meine ich nicht.“ Er tötete den zappelnden Fisch mit einem gezielten Biss. „Mein Name lautet nun Dorn.“


    7
    6. Kapitel

    Es war einmal ein Wald, in dem lebten wilde Katzen mit braungestreiftem Pelz und langem Fell. Sie wussten es nicht, aber sie würden eines Tages die ursprünglichen Katzen genannt werden. Sie lebten in einer lockeren Gemeinschaft und beschützten einander.
    Bis die Clankatzen kamen. Sie waren streng organisiert und beanspruchten den Wald für sich. Sie vertrieben die ursprünglichen Katzen und nannten sich selbst den WaldClan. Der WaldClan hatte eine strenge Hierarchie und jede Katze einen festen Rang.
    Die ursprünglichen Katzen flohen in die Berge und vermischten sich dort mit Streunern, Hauskätzchen und Einzelläufern. Der WaldClan wollte nicht an seine Fehler erinnert werden und vergaß, woher sie einst stammten. Und auch viele der ursprünglichen Katzen vergaßen, wer sie einst waren.
    Aber nicht alle. Und ihr Erbe lebt in ihnen fort. Denn eines Tages, so heißt es, werde die Gemeinschaft der ursprünglichen Katzen wiederauferstehen.
    - Legende der ursprünglichen Katzen


    Mit der Zeit wurde Dorn zu einem fast ebenso geübten Fischfänger wie Fluch. Er blieb bei ihr und der Höhle und immer öfter kam auch Wolle vorbei. Gemeinsam gingen sie auf die Jagd und Dorn erklärte ihnen, wie sie Vögel fangen konnten. Im Gegenzug zeigte Fluch ihm die wichtigsten Heilkräuter. Bereitwillig erzählten sie ihm mehr über das Leben in den Bergen. Wie man darauf achtete, wenn plötzlich ein Schatten über einem auftauchte. Es war keine Seltenheit, dass ein Adler versuchte eine Katze zu packen und wegzutragen. Dass man sich bei Unwetter besser von der Gewitterspitze fernhielt, wie Fluch einen besonders hochgelegenen und dünnen Gipfel nannte. „Dort schlagen mit Vorliebe Blitze ein“, sagte sie. Als Dorn nach dem Grund fragte, zuckte sie mit den Schultern und meinte, dass Blitze von hochgelegenen Orten magisch angezogen wurden.
    Abends saßen sie zu dritt am Bach, lauschten seinem Plätschern und erzählten sich Geschichten. Wie sich herausstellte, war Wolle ein begnadeter Erzähler und wenn er ihnen von den Zweibeinern berichtete, wunderte sich Dorn immer wieder zu was diese alles im fähig waren. Scheinbar waren sie doch nicht so blöd und stumpfsinnig wie er immer angenommen hatte.
    Auch Kralle begegnete er ein paar Mal. Dann funkelten sie sich misstrauisch an, riefen sich Warnungen zu und gingen dann wieder ihrer Wege.
    Das genoss Dorn so sehr an dem Leben in den Bergen. Es gab niemanden, der ihm etwas vorschrieb. Es war pure Freiheit. Er redete mit wem er wollte, er ging wohin er wollte und er tat was auch immer er wollte.
    Auf seinen Streifzügen begleiteten Fluch und Wolle ihn häufig und stellten ihm einigen der anderen Katzen in den Bergen vor. Ein paar reagierten so abweisend wie Kralle, aber längst nicht alle. Eine uralte Kätzin namens Rauschendes Wasser, die ebenfalls von den ursprünglichen Katzen abstammte, begrüßte ihn freudig und erzählte fast den ganzen Tag mit ihm. Ein kleiner Kater mit schiefen Zähnen, der wie Fluch aus einem Zweibeinerort stammte, stellte Dorn alle seine acht Jungen vor und zeigte ihm die besten Jagdgründe.
    Manchen Katzen begegnete Dorn aber auch zufällig. Eine junge Kätzin, die von Zweibeinern ausgesetzt worden war und auf den Namen Käfer hörte, schloss sich ihnen an. Sie wollte von Dorn alles über den Clan hören und ritt gerne auf Wolles breitem Rücken. Fluch brachte ihr einiges über Heilpflanzen bei und Käfer erwies sich als aufgeweckte und neugierige Schülerin.
    So verging die Zeit in den Bergen. Die Blumen verblühten und der Geruch des Sommers zog herauf. Dorn war glücklich. Er liebte seine neue Freiheit und er liebte Fluch. Mit ihr an seiner Seite war alles besser.
    Nur ab und zu, wenn Dorn nachts nicht schlafen konnte und er alleine draußen vor der Höhle wachte, kehrte seine alte Unruhe zurück. Dann legte sich ein dunkler Schatten auf sein Gemüt und er dachte an das Leben, das er hinter sich gelassen hatte.
    Doch morgens blieb davon nur eine blasse Erinnerung und er schob sie weit von sich. Er gehörte hierher, das war nun sein Leben. Mit Dornenpelz, dem zweiten Anführer des WaldClans, hatte er nichts mehr zu gemeinsam.
    Eines Tages begegnete er auf einem seiner Wanderungen zwei Streunern. Diesmal war Dorn allein unterwegs und er grüßte sie höflich. Er kannte die beiden flüchtig.
    Die braune Kätzin, Vogel, winkte ihm zu, doch sie wirkte abwesend. Der weiß-braun gefleckte Kater an ihrer Seite sah ihn nicht einmal an.
    Dorn runzelte die Stirn und betrachtete die beiden. Vogel und Regen standen sich gegenüber und sahen so aus, als hätten sie soeben miteinander gestritten.
    „Kann ich euch helfen?“, fragte Dorn.
    „Ach.“ Vogel schnaubte. „Dieses Mäusehirn bringt es nicht mal fertig ein paar Steine in den Bach zu schmeißen und so eine anständige Brücke zu bauen.“
    Regen knurrte. „Und? Du wolltest dafür jagen gehen, aber alles was du anschleppst, ist diese kleine Maus da. Ich wollte einen fetten Hasen haben!“
    Dorn seufzte. Die beiden schienen mal wieder einen ihrer Beziehungsstreits zu haben. „Wie wäre es, wenn ihr die Aufgaben tauscht?“, fragte er. „Du kannst die Brücke so bauen, wie du willst, Vogel, und Regen kann so viele Hasen fangen wie er möchte.“
    Vogel und Regen grummelten, aber da sie keine Gegenargumente hatten, befolgten sie schließlich Dorns Vorschlag.
    Zufrieden wollte sich dieser abwenden, da stieg ihm ein altbekannter Geruch in die Nase. Er war ihm so vertraut wie Fluchs Lachen, aber er gehört eindeutig nicht hierher. Dorns Nackenhaare stellten sich auf. WaldClan! Was sucht der denn hier? Er drehte seine Ohren und da hörte er auch schon Pfotenschritte. Doch es war anderes als angenommen nur eine Katze. Dorn duckte sich und kroch durchs hohe Gras. Vor ihm tauchte eine weiße Schwanzspitze auf und nun wusste Dorn, mit wem er es zu tun hatte.
    „Blattherz“, miaute er überrascht.
    Die hellbraungestreifte Kriegerin kam auf ihn zugesprungen. In der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatte, hatte sie sich verändert. Ihre Rippen standen vor und ihr Fell wirkte stumpf. Ihr Gesicht war eingefallen und es sah so aus, als hätte sie etliche Entbehrungen auf sich nehmen müssen. Was war bloß geschehen?
    Blattherz blieb vor ihm stehen. Als sie ihn erkannte, riss sie die Augen auf. „Dornenpelz, du… du lebst! Aber wie…“
    „Was machts du hier?“, fragte Dorn.
    Blattherz schlug die Augen nieder. „Du lebst“, hauchte sie erneut. „Aber das bedeutet, Rabenstern hat gelogen.“
    Die Freude, die Dorn bei ihrem Anblick überkommen hatte, legte sich nun. Er wollte nicht an seinen Bruder erinnert werden.
    Blattherz sah wieder auf und neue Entschlossenheit flammte in ihren Augen auf. „Dornenpelz“, sagte sie eindringlich, „du musst mit mir kommen. Dein Bruder hat behauptet, du wärst tot und dein Vater… Es tut mir so leid, Dornenpelz, aber dein Vater ist tot. Rabenstern ist nun unser Anführer.“
    „Ich weiß“, sagte Dorn.
    „Was? Das verstehe ich nicht.“ Blattherz trat misstrauisch einen Schritt zurück. „Aber wieso bist du nicht zurückgekehrt? Wenn du nicht tot bist, wieso hast du Rabenstern nicht daran gehindert Anführer zu werden? Er richtet unseren Clan zu Grunde! Er und seine Freunde stopfen sich den Bauch mit Beute voll und die Ältesten bekämen nichts zu fressen, wenn ich ihnen nicht von meiner Ration abgeben würde. Es ist ein Alptraum, Dornenpelz.“
    Dorn schüttelte den Kopf. „Ich gehöre nicht mehr zum Clan. Vielleicht habe ich das nie getan.“ Er trat einen Schritt zurück. „Es tut mir leid, Blattherz.“
    Sie sah ihn wie erstarrt an. „Ist das dein Ernst? Willst du einfach so aufgeben? Du musst mitkommen und allen zeigen, dass du noch am Leben bist.“
    „Und was sollte das ändern? Auf mich würde eh niemand hören. Rabenstern ist nun Anführer des WaldClans. Wenn dir das nicht passt, dann musst du alleine damit fertig werden.“
    Blattherz zuckte zusammen. „Was ist nur mit dir geschehen, Dornenpelz?“
    „Dorn“, korrigierte er sie.
    „Was?“
    „Mein Name lautet nun Dorn.“
    „Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Dein Name ist Dornenpelz. Weißt du, warum ich hier bin?“
    „Ich bin kein Hellseher.“
    Sie fuhr fort, als hätte sie seinen Einwand nicht gehört. „Ich bin hier, weil ich mich aus dem Lager geschlichen habe, um zum Mondstein zu reisen. Ich habe gehofft, dort eine Botschaft vom SternenClan zu erhalten. Er muss mir sagt, was ich tun soll. Aber nun treffe ich dich auf meinem Weg. Du bist die Botschaft, Dornenpelz.“
    „Der bin ich nicht mehr.“
    „Rede keinen Unsinn. Ich glaube an dich. Du weißt es vielleicht nicht, aber obwohl du so ein Mäusehirn bist, habe ich mich in dich verliebt. Oh SternenClan, als Schülerin habe ich nicht genug von dir bekommen und wollte immer in deiner Nähe sein. Du warst so mutig und tapfer und hast alles getan, um andere zu beschützen. Sicher, du warst arrogant und hochmütig, aber du hast nie aufgegeben.“
    Dorn trat noch einen Schritt zurück, auch wenn er sah wie sehr es Blattherz verletzte. „Wie gesagt, der bin ich nicht mehr.“
    „Das stimmt. Der Kater, den ich kannte, hätte niemals einfach aufgegeben und Schwächere sich selbst überlassen. Dornenpelz, du…“
    „NENN MICH NICHT SO!“
    „Ich nenne dich so, wie du wirklich heißt!“, fauchte Blattherz. „Dornenpelz, du musst zurückkommen. Du kannst nicht dein ganzes Leben einfach so hinter dir lassen. Du bist eine Clankatze, ein Krieger, ein Anführer!“
    „Nein.“ Dorn schüttelte den Kopf. „Ich bin nichts davon und ich will es auch nicht sein. Ich gehöre nicht in den Clan.“
    Tränen schimmerten in Blattherz‘ Augen. „Vielleicht hast du ja recht. Vielleicht bist du wirklich nicht mehr du selbst. Du hast dich verändert und das nicht zum Guten, Dorn.“ Sie spuckte seinen Namen aus wie ein bitteres Kraut.
    „Endlich hast du es begriffen.“
    „Schön“, fauchte Blattherz, „dann versteckt dich doch hier oben in den Bergen und mach dir selbst vor, du wärst nie eine Clankatze gewesen. Ich kümmere mich dann allein um Rabenstern und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Ich habe meinen Clan noch nicht aufgegeben. Ich werde kämpfen.“
    Sie wirbelte herum und wollte lospreschen, doch im letzten Moment hielt sie inne. Nun erkannte Dorn ganz deutlich die Tränen in ihren Augen.
    „Ich habe an dich geglaubt“, sagte Blattherz leise. „Als es sonst niemand tat, habe ich geglaubt, dass du eines Tages ein großer Anführer werden könntest. Nun tue ich das nicht mehr.“
    Damit stürmte sie davon.

    8
    7. Kapitel

    An diesem Abend schlief Dorn nicht in der Höhle. Er wanderte einfach weiter ohne auf den Weg zu achten. Blattherz‘ Worte hatten ihn aufgewühlt. Er ärgerte sich über sie und über sich selbst, dass er immer noch an sie dachte.
    Wie konnte sie es wagen sich einfach so in sein Leben einzumischen? Sie hatte keine Ahnung, was er durchgemacht hatte! Es war sein Leben, seine Entscheidung, ganz allein seine! Er hatte dem WaldClan den Rücken gekehrt, er ging ihn nichts mehr an.
    „Ich bin keine Clankatze“, murmelte Dorn. „Ich gehöre hierher, zu Fluch und Wolle und Käfer.“
    Doch immer und immer wieder ging ihm im Kopf herum, was Blattherz gesagt hatte.
    …Ich habe mich in dich verliebt…
    …Rabenstern richtet unseren Clan zugrunde…
    …Du hast dich verändert und das nicht zum Guten…

    Dorn schrie seinen Frust heraus, trat gegen Steine und riss mit den Krallen an Grasbüscheln. Er rannte so schnell er konnte, lief weiter und weiter und weiter. Er rannte davon. Aber vor was oder wem lief er davon? Dorn schlug nach einem verkrüppelten Busch.
    Rabenstern hatte ihn fast getötet. Bisher hatte Dorn immer geglaubt, dass es ihm recht geschah. Dornenpelz war nie ein würdiger Anführer gewesen und Dorn war erst recht keiner. Aber konnte er dem WaldClan einfach so seinem Schicksal überlassen? Wollte der SternenClan, dass er eingriff?
    Nein, bestimmt nicht, dachte Dorn. Wieso sollte der SternenClan das wollen?
    Du bist die Botschaft, hatte Blattherz gesagt. Du bist die Botschaft. Hatte sie recht oder war ihr Treffen nur ein dummer Zufall gewesen?
    Was soll ich tun? Wo gehöre ich hin? Dorn wusste es nicht.
    Doch, eigentlich wusste er es schon. Der SternenClan hatte nicht an ihn geglaubt, sein Vater hatte nicht an ihn geglaubt, der ganze Clan hatte nicht an ihn geglaubt. Nein, flüsterte eine Stimme in ihm, Blattherz hat an dich geglaubt. Sie war davon überzeugt, dass du mal ein großer Anführer wirst.
    Dorn schürzte die Lippen. Aber nun glaubt auch sie nicht mehr an mich.
    Er ließ sich ins hohe Gras fallen. Es roch nach den herben Wiesenkräutern des Sommers, obwohl die Winde bereits kühler wurden und das Laub im Tal sich verfärbte. Der Wind zerzauste Dorns Fell, doch die großen Brandnarben konnte er nicht verdeckten. Manche Wunden heilen nun mal nie.
    Aber bei Fluch kann ich sie vergessen, dachte Dorn. Hier bin ich glücklich, hier gehöre ich hin. Er sah vom Berg hinab ins Tal, wo wie ein dunkles Tier der Wald, in dem der Clan lebte, kauerte. Manchmal ist Vergessen die beste Option.
    „Aber vergessen ist wie aufgeben“, sagte Dorn laut. Es musste ausgesprochen werden. Was er hier tat, war nichts anderes als aufgeben. Aber war das wirklich so schlimm?
    Er sah nach oben zum Himmel, wo die Sterne funkelten. Wie gerne wäre er jetzt bei ihnen. Dort war sicher alles besser. Keine Entscheidungen mehr und keine innere Zerrissenheit.
    Plötzlich bewegte sich da oben etwas. Ein einzelner Stern fiel herab, wurde größer und da erkannte Dorn ihn.
    „Vater“, flüsterte er.
    Tannenstern stand vor ihm, nicht so wie Dorn ihn in Erinnerung hatte, sondern stark und gesund. Sein Pelz glänzte wie das Licht der Sterne selbst.
    „Sei gegrüßt, Sohn.“ Auch seine Stimme klang kräftig und trug weit.
    „Du kommst mich besuchen“, sagte Dorn fassungslos. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dir wichtig genug bin.“
    „Natürlich bist du mir wichtig. Du bist mein Sohn.“ Tannenstern lächelte.
    Ein Kloß setzte sich in Dorns Kehle fest und er blinzelte. Sein Vater war zu ihm gekommen!
    Tannenstern berührte ihn sanft mit der Schnauze. „Ich hätte nicht gedacht, dass du es sein wirst.“
    „Was?“, fragte Dorn.
    „Die Prophezeiung. Es ist an der Zeit, dass du die Wahrheit über sie erfahren. Sie handelte nie davon, dass einer meiner Söhne mal ein großer Anführer wird.“
    Dorn runzelte die Stirn. Das Gespräch kam ihm falsch vor. „Wieso hast du mich dann zum zweiten Anführer ernannt?“
    Tannenstern seufzte. „Die Sterne haben mir prophezeit, dass ich zwei starke Söhne haben werde. Doch einer von ihnen will so unbedingt Anführer werden, dass er dafür über Leichen geht. Ich wusste, dass mich eines Tages einer meiner Söhne vergiften würde, um selbst Anführer zu werden.“
    Eine Klaue aus Eis schloss sich um Dorns Herz, als er verstand. „Du hast geglaubt, ich wäre derjenige“, stieß er hervor. „Du hast gedacht, ich wollte so unbedingt Anführer werden, dass ich jeden töte, der mir dabei im Weg steht. Deshalb hast du mich zum zweiten Anführer ernannt. Du wolltest nicht, dass ich mehr unschuldige Katzen umbringe als nötig.“
    „Ja“, gab Tannenstern zu.
    „Aber du hast dich geirrt. Nicht ich bin derjenige, sondern Rabenstern. Er hat dich vergiftet und er ist nun Anführer.“ Dorn lachte bitter auf. „Wenn das nicht Ironie des Schicksals ist.“
    Tannenstern senkte den Blick. „Bitte verzeih mir. Ich wollte nicht, dass…“
    „Dir verzeihen“, fauchte Dorn. „Ich verzeihe dir nicht. Ich dachte immer, du hättest mich zu deinem Stellvertreter ernannt, weil du mehr in mir gesehen hast. Dabei ging es dir immer nur um Rabenstern. Du hast gedacht, er wäre der perfekte Sohn, der der dich nicht umbringt, der der ein guter und loyaler Krieger ist.“
    „Also eigentlich dachte ich, dein Bruder wird mal Heiler“, sagte Tannenstern leise. „Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er sein Wissen einsetzt, um mich zu vergiften.“
    „Tja“, sagte Dorn kalt. „So sehr kann man sich in Katzen irren.“

    Er erwachte im taufeuchten Gras. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und die letzten Sterne verblassten gerade am Himmel. Die Luft roch frisch und der Geruch nach Maus ließ Dorn das Wasser im Maul zusammenlaufen.
    Er schlich durch das hohe Gras, die Halme kitzelten in seiner Nase und er war froh sich ganz auf die Jagd konzentrieren zu können. Es dauerte nicht lange bis er drei Mäuse gefangen hatte. Eine schlang er an Ort und Stelle runter, die anderen hob er vorsichtig auf. Er würde sie Fluch als Entschuldigung mitbringen. Sie hatte sich bestimmt Sorgen gemacht, da er die ganze Nacht weggewesen war.
    Er stiefelte über die Wiese und sein Bauchfell sog sich mit Tau voll. Dorn stieg der verführerische Duft der noch warmen Mäuse in die Nase, aber er unterdrückte seinen Hunger. Sie waren für Fluch bestimmt.
    Doch während er lief, lenkte ihn nichts mehr von seinem Traum ab. Er hatte tatsächlich seinen Vater wiedergesehen. Nach seinem Tod hatte er sich so sehr ein klärendes Gespräch mit ihm gewünscht, aber nun zog sich sein Herz schmerzhaft zusammen. Sein eigener Vater hatte geglaubt, Dorn würde ihn umbringen, nur um selbst Anführer zu werden. Er hatte Rabenstern für den besseren, den aufrechteren Sohn gehalten.
    Dorn wäre gerne wütend gewesen, rasend vor Zorn. Aber alles was er fühlte war eine große innere Leere und das war viel schlimmer. Bittere Enttäuschung. Und die hässliche Wahrheit war, dass Dorn seinem Vater nicht mal einen richtigen Vorwurf machen konnte, schließlich hatte er wirklich unbedingt Anführer werden wollen. Aber hätte Dorn dafür gemordet? Nein, sagte er sich. Das hätte ich niemals getan.
    Aber war das wirklich die Wahrheit?
    Die Höhle kam in Sicht und Dorn legte die Mäuse vor dem Eingang ab. Bevor er nach Fluch rufen konnte, kam Käfer herausgetrottet und gähnte. Die kleine Katze war so bunt gescheckt, dass es keine Fellfarbe gab, die sich nicht in ihrem Pelz wiederfand. Ebenso wie Dorn hatte sie grüne Augen, jedoch waren ihre hell wie das frische Gras im Frühling und seine so dunkel wie ein schattiger Tannenwald.
    „Dorn!“, rief sie überglücklich, als sie ihn sah. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“
    Dorn lächelte schwach. „Ich habe beim Jagen die Zeit vergessen und dann war es zu spät um heimzukehren. Aber keine Sorge, mir ist nichts passiert.“
    Käfer kuschelte sich an ihn. „Ich habe dich vermisst.“ Dann sah sie die Mäuse. „Oh, sind die für mich?“
    Ohne eine Antwort abzuwarten schnappte sie sich eine und nahm einen Bissen. „Wirklisch lecher. Scheigst du mir, wie man eine fängt?“, schmatze sie mit vollem Maul.
    Geistesabwesend nickte Dorn. „Sicher.“
    Er stand auf. „Kannst du Fluch Bescheid sagen, dass ich hier war? Ich muss noch mal weg.“
    „Kann ich mitkommen?“
    „Nein.“
    „Och, bitte bitte büüütte!“
    Dorn schob Käfer weg. „Nein heißt Nein. Es gibt da etwas, das ich erledigen muss.“ Und auch wenn es feige war, konnte er sich davor nicht von Fluch verabschieden. Andernfalls würde er es nicht übers Herz bringen zu gehen.
    Käfer verzog schmollend das Gesicht, aber sie widersprach nicht. Dorn warf ihr einen letzten Blick zu, dann rannte er in großen Sätzen hinab Richtung Wald.
    Ihm war klar geworden, dass es egal war, dass niemand an ihn glaubte. Nicht sein Vater, nicht der WaldClan, nicht einmal Blattherz.
    Blattherz. Dorns Herz stolperte. Seltsamerweise machte es ihm am meisten aus, dass sie nicht mehr an ihn glaubte. Vielleicht weil sie die Letzte gewesen war, die es getan hatte.
    Dorn hatte lange gebraucht bis er verstanden hatte, warum ihn die Anerkennung anderer so wichtig war. Aber nun wusste er es und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag.
    Weil er seine eigene nicht hatte.
    Dorn hatte sein ganzes Leben lang versucht die Leere in seinem Inneren durch Ansehen und Ruhm zu füllen, weil er nicht im Stande war es selbst zu tun.
    Doch nun glaubte niemand mehr an ihn. Außer er selbst. Dorn glaubte an sich und das war genug. Er glaubte an sich und er würde seine Fehler wieder gut machen. Er würde für sich selbst einstehen und für die Schwachen, die es nicht konnten. Er würde Blattherz helfen und sich seinem Bruder stellen.


    9
    8. Kapitel

    Das Gelände wurde flacher und weniger felsig und bald schon hatte er die Ausläufer des Waldes erreicht, der einmal sein Zuhause gewesen war.
    Dorn hatte gedacht, mit diesem Teil seines Lebens abgeschlossen zu haben, aber als er die Pfoten nun auf die federnden Kiefernnadeln setzte und ihm der Geruch von Harz und Eichhörnchen in die Nase stieg, fühlte sich ein Teil von ihm wieder wie früher. Er hatte nicht verlernt über den Blätterteppich zu schleichen und auf das Knacken der Zweige zu lauschen. Ja, wenn er tief in sich hineinhorchte, dann gehörte er immer noch hier her. Der Wald war ein Teil von ihm, den er nicht einfach hinter sich lassen konnte.
    Doch je näher er dem Lager kam, desto nervöser wurde Dorn. Seine Pfoten kribbelten und er zuckte bei dem kleinsten Geräusch zusammen. Der Geruch des WaldClans wurde immer stärker bis er schließlich nichts anderes mehr roch. War der Geruch früher schon so intensiv gewesen?
    Als das Lager in Sicht kam, duckte sich Dorn in die Schatten und schlich sich langsam an. Ihm war auf den ganzen Weg keine Patrouille begegnet, was merkwürdig war. Als Tannenstern noch lebte, wäre es keinem Eindringling gelungen unbemerkt so nah an das Lager zu schleichen. Was dachte sich sein Bruder nur dabei, die Ältesten und Jungen dieser Gefahr auszusetzen?
    Ein Fauchen.
    Dorn zuckte zusammen, aber es kam vom Lager und war nicht an ihn gerichtet. Trotzdem stellten sich ihm alle Fellhaare auf und er hielt den Atem an.
    Rabenstern war in die Mitte des Lagers getreten. Er sah größer aus, als ihn Dorn in Erinnerung hatte. Vielleicht lag das aber auch daran, dass sich die Katzen um ihn herum duckten. Das nachtschwarzes Fell glänzte genauso wie früher. Sein Bruder war schon immer lächerlich stolz auf sein Äußeres gewesen und stets darauf bedacht, seinen Pelz sauber zu halten. In Dorns struppigen Fell hingegen verhedderten sich immer wieder Kletten und stachelige Ranken.
    Hinter Rabenstern standen Fuchsfell und Steinklaue wie zwei stumme Leibwächter, die jeden seiner Befehle mit Eifer ausführten. Doch zu Dorns Freude blutete Fuchsfell aus mehreren Wunden und Steinklaue hielt seine Pfote mit schmerzverzerrtem Gesicht umklammert.
    Fast der ganze Clan hatte sich versammelt, doch Dorn entdeckte keine Älteste, Königinnen und Junge. Nur Schiefmaul, der älteste Kater im Clan, lag mit trübem Blick vor seinem Bau.
    „Ich bin beeindruckt“, sagte Rabenstern. Sein Blick war auf ein blutiges Bündel Fell zu seinen Pfoten gerichtet.
    Dorns Herz setzte einen Schlag aus. Die Vögel schienen zu verstummen und der Wind still zu stehen, während er die Augen nicht von der Katze abwenden konnte. Einatmen, ausatmen. Es war so schwer.
    Die Kätzin hob langsam den Kopf und in ihren Augen glühte der alte Stolz.
    Sie lebt noch, ging es Dorn durch den Kopf. Vor Erleichterung wurde ihm schwindlig. Blattherz lebt.
    Doch sie sah reichlich mitgenommen aus. Sie musste sich einen heftigen Kampf mit Fuchsfell und Steinklaue geliefert haben. Nun lag sie geschlagen und besiegt am Boden, tiefe Krallenspuren über der Schnauze und Kratzwunden an der Flanke.
    „Ich bin nicht beeindruckt“, miaute sie. „Ich hätte mehr von dir erwartet, Rabenstern.“
    Der Anführer des WaldClans zischte. „Pass bloß auf. Früher oder später wirst du reden und mir sagen, was du im Streunergebiet gemacht hast. Und der ganze Clan wird hören, weshalb du ihn verraten hast.“
    Blattherz spuckte blutig aus. „Ich habe den Clan nicht verraten. Das warst du.“
    Steinklaue knurrte, aber Rabenstern fuhr ihm mit dem Schweif übers Maul. Ein mörderisches Funkeln lag in seinen Augen, als er Blattherz wieder anschaute. „Ich soll den Clan verraten haben? Ich bin der Clan!“ Langsam schritt er auf sie zu. Sie wich nicht zurück. „Hast du versucht dich mit den Streunern zu verbünden, um den Clan hinterhältig anzugreifen? Wolltest du mir eine Falle stellen?“
    „Du meinst so wie du es mit deinem Bruder gemacht hast?“, fragte Blattherz kühn.
    Der ganze Clan zuckte zusammen und ein Murmeln ging durch die Reihen. Dorn sah, wie seine alten Freunde Borkenstreif und Wellensprung die Köpfe zusammensteckten.
    Rabenstern fuhr die Krallen aus. „Treib es nicht zu weit. Ich habe lange genug deine Auflehnungen erduldet, wenn du kostbare Beute an die Ältesten und Jungen verschwendet hast. Aber jetzt reicht es! Ich lasse mich doch nicht von einer einfachen Kriegerin mit diesen unverschämten Anschuldigungen…“
    „Du hast ja keine Ahnung.“ Blattherz zwang sich zu einem Lächeln. „Du denkst, du kannst dich hier zum Tyrann aufschwingen, Rabenstern, aber deine Zeit wird kommen. Früher oder später wird jemand kommen, der dich zur Rechenschaft zieht. Ich bedaure nur…“ Sie hustete und erneut kam Blut aus ihrem Maul. „Ich bedaure nur, dass nicht ich diejenige sein konnte.“
    Fuchsfell fauchte. „Wir sollten sie töten. Auf der Stelle.“
    Rabenstern sah auf Blattherz hinab. „Du hast jemanden getroffen, nicht wahr? Du hast dich auf dem Streunergebiet mit jemanden getroffen. Wolltet ihr mich zusammen angreifen?“
    Blattherz lächelte. „Dass du immer noch glaubst, ich würde dir etwas verraten.“
    In Dorn zog sich alles zusammen. Blattherz war eine Kämpferin, sie würde nicht so leicht aufgeben. Und sein Bruder würde sie dafür töten.
    Plötzlich trat Wellensprung vor. „Nein!“ Er sprach laut und deutlich. Rabensterns Kopf fuhr zu ihm herum, aber Dorns alter Freund ließ sich davon nicht beeindrucken. „Bitte stell dich nicht so stur, Blattherz. Sag ihm doch einfach, was du dort gemacht hast.“
    Dorns Ohren zuckten. Stellte sich Wellensprung jetzt etwa auf Rabensterns Seite? Nein, das konnte nicht sein. Dorn kniff die Augen zusammen und sah, dass Wellensprungs Schwanzspitze nervös zuckte. Außer ihm schien es niemanden aufzufallen.
    Rabensterns durchbohrender Blick lag nun auf dem Krieger. „Weißt du mir darüber?“
    „Ja, ich war schließlich auch dort.“
    „Und ich auch!“ Borkenstreif sprang auf und stellte sich neben Wellensprung.
    Rabensterns Blick war mörderisch und kalte Wut lag in seiner Stimme. „So?“ Er sprach leise, aber im Lager war es so still, dass jede Katze ihn hören konnte.
    „Ja.“ Wellensprungs Schwanzspitze zuckte immer unruhiger. „Es war eine Wette, eine dumme mäusehirnige Wette, das sehe ich jetzt ein.“
    Steinklaue lachte unsicher, aber Fuchsfell zischte, sie schien offensichtlich nicht überzeugt.
    Schnell sprach Wellensprung weiter. „Blattherz, Borkenstreif und ich haben darum gewettet, wer es wagen würde am weitesten in das Streunergebiet einzudringen. Blattherz war die Gewinnerin, aber ich versichere dir, dass wir uns nicht mit den Streunern verbündet haben.“
    Tatsächlich schien Rabenstern ein wenig besänftigt. „Stimmt das, Blattherz?“ Sie nickte schwach und Wellensprungs Schwanzspitze wurde etwas ruhiger. „Also gut.“ Rabenstern spannte seine Muskeln an und sprang auf den Felsen, der eigentlich Tannensterns Platz sein sollte.
    „Krieger, hört mir zu! Egal, was euch manche Katzen hier im Clan erzählen: Ich habe meinen Bruder nicht ermordet. Bis heute tut es mir leid, dass ich nicht gesehen habe, wie er in den Flammen um sein Leben kämpfte und ihn nicht retten konnte. Aber nun kann ich sein Andenken ehren und das zu Ende bringen, was er die ganze Zeit wollte: Ich werde die Streunerbande auslöschen!“ Fuchsfell und Steinklaue heulten zustimmend und der Clan fiel mit ein.
    Auf Dorn senkte sich eine eisige Angst herab, die von seinen Pfoten bis zu seinem Schweif alles durchdrang. Er wusste, dass Rabenstern nicht überzeugt war und nicht eher ruhen würde, bis die gesamte Streunerbande ausgelöscht war.
    „Für Dornenpelz!“, rief Rabenstern und die Krieger wiederholten seinen Ruf.
    Nur einige wenige Katzen blieben stumm. Sie sahen sich verunsichert mit weit aufgerissenen Augen an.
    Dorn wurde schlecht. Wenn er doch bloß sein Versteck verlassen und angreifen könnte… Aber das ging nicht. Fast der gesamte Clan stand auf Rabensterns Seite und dieser würde bei Dorns Anblick sofort wissen, dass Wellensprung gelogen hatte. Und dann würde er Blattherz, Wellensprung und Borkenstreif töten. Das konnte Dorn nicht zulassen.
    Aber ebenso wenig konnte er zulassen, dass der WaldClan die Streunerbande auslöschte. Denn Dorn wusste es nun besser. Es gab keine Streunerbande. Das waren bloß Katzen wie er selbst. Nein, es waren bessere Katzen als er selbst. Sie waren Überlebenskünstler. Er hatte mit ihnen gejagt, mit ihnen gelacht, mit ihnen gelebt. Sie waren seine Freunde.
    Er dachte an die kleine Käfer, die überall ihre Schnauze reinsteckte und Wissen aufsog wie eine ausgetrocknete Pflanze Wasser. An Wolle, der die besten Geschichten erzählten konnte und so gutmütig war wie kein Zweiter. An Fluch, die ihn zum Lachen brachte, die ihn stützte und selbst in seiner dunkelsten Stunde nicht verlassen hatte. Dorn dachte auch an die ganzen anderen Bergkatzen. An Rauschendes Wasser, die alte Kätzin, die von den ursprünglichen Katzen abstammte. Rico mit den schiefen Zähnen, der trotzdem ein umwerfendes Lachen hatte und seine acht Jungen alleine großzog. An Vogel und Regen, die sich zwar ständig miteinander stritten, aber es sich nicht nehmen ließen anderen zu helfen. Selbst um Kralle, Geist und Savannah hatte Dorn Angst.
    Er sah ein letztes Mal zum Lager, wo gerade zwei Krieger Blattherz anfauchten. Die meisten anderen Katzen waren schon hellauf begeistert und fuhren mit ihren Krallen durch die Luft, als würden sie demonstrieren, wie sie die Bergkatzen zerfetzten.
    „Ihr habt keine Ahnung, was euch erwartet“, flüsterte Dorn.
    Dann wirbelte er herum und stürmte los. Äste, Pilze und Büsche flogen an ihm vorbei. Er durchbrach das Unterholz und gelangte auf offene Fläche. Obwohl seine Pfoten wie verrückt über das Geröll donnerten, war er zu langsam. Er biss die Zähne zusammen, sprang über Felsen und wetzte über eine kleine Wiese. In seinen Ohren rauschte das Blut.
    Lange bevor die Höhle in Sicht kam, schrie Dorn: „Fluch! Wolle! Käfer!“ Er rief bis er heißer wurde. Als er unmittelbar vor dem Höhleneingang war, bremste er ab. Sein Schwung trug ihn weiter und erst in der Höhle kam er schlitternd zum Stehen.
    Fluch, die gerade die Anwendung von Ampfer erklärte, sah überrascht auf. „Dorn! Da bist du ja. Ich dachte schon, es wäre etwas passiert.“
    Dorn schnappte nach Luft. „Das ist es auch. Der WaldClan! Er… er will uns vernichten!“
    „Was?“ Käfer riss die Augen auf. „Aber ich dachte, der Clan will keinen Krieg. Hast du nicht gesagt, die Clankatzen seien anständig?“
    „Das war einmal“, erwiderte Dorn. „Mein Vater Tannenstern war ein ehrbarer Anführer.“ Es fiel ihm nicht leicht das auszusprechen. Er war noch immer enttäuscht darüber, dass sein Vater in Bezug auf die Prophezeiung gelogen hatte, aber eines konnte man Tannenstern nicht abstreiten: Er war ein wahrhaft großartiger Anführer gewesen. Sein Clan hatte für ihn immer an erster Stelle gestanden und auch als seine Gefährtin Sonnenschweif gestorben war, hatte er sich nicht zurückgezogen und war seiner Pflicht nachgekommen.
    „Der neue Anführer ist es leider nicht.“ Dorn merkte selbst, wie verbittert er klang. „Rabenstern verrät alles, wofür der Clan einst stand. Ehre. Pflicht. Treue.“
    Käfer wimmerte leise, doch dann riss sie sich zusammen und sah ihn fest an. „Was kann ich tun?“
    „Warn die anderen“, sagte Dorn. „Sag ihnen, wir treffen uns an der Gewitterspitze.“
    „Alle? Auch Kralle?“
    „Ja, alle.“
    Käfer sprang auf und rannte aus der Höhle. Dorn hörte sie nach Wolle rufen, der sofort bei ihr war und gemeinsam jagten sie davon.
    Dann wandte er sich Fluch zu. Sie war bisher erstaunlich ruhig gewesen. Viel zu ruhig, so kannte er sie gar nicht.
    Doch als Käfer und Wolle außer Hörweite waren, erhob sie ihre Stimme. „Du hast mir nicht die ganze Wahrheit gesagt, oder? Tannenstern war dein Vater und so wie du über Rabenstern sprichst, muss auch er dir nahegestanden haben. Wer ist er?“
    Dorn schwieg und sie seufzte.
    „Du kannst mit alles erzählen. Ich bin dir nicht böse. Ich möchte dich nur verstehen.“
    Er ging zu ihr und schmiegte sich an sie. „Ich weiß.“
    Sie leckte ihm liebevoll über das Ohr und drängte ihn nicht weiter. Dorn brauchte einen Moment, dann platzte es aus ihm heraus: „Rabenstern ist mein Bruder. Er hat mich verraten und meinen Platz eingenommen.“
    Fluch schwieg einen Moment lang. „Warum hat er das getan?“, fragte dann.
    Das war ein unangenehmer Teil seines Lebens über den Dorn gerne geschwiegen hätte. Aber er war ebenso Teil von ihm wie die rote Kätzin an seiner Seite. „Ich war ein schrecklicher zweiter Anführer“, gestand er. „Ich war arrogant und habe die Macht geliebt. Als Anführer wäre ich unerträglich gewesen. Das ist mir erst im Nachhinein klar geworden, aber Rabenstern hat es gleich erkannt.“
    „Na und?“, sagte Fluch ärgerlich. „Das ist noch lange kein Grund jemanden umzubringen. Für mich klingt das nur nach einem Vorwand. Wenn du mich fragst, dann will dein Bruder ebenso sehr die Macht wie du.“
    Dorn fühlte sich ein kleines bisschen besser. „Du denkst also nicht, dass das alles meine Schuld ist?“
    „Natürlich nicht! Du bist ein echtes Mäusehirn, wenn du das denkst. Und jetzt komm, wir sollten deinen Bruder aufhalten.“
    Eine riesengroße Last wurde von Dorns Schultern genommen und er schnurrte. Gemeinsam verließen er und Fluch die Höhle, um sich den anderen Katzen bei der Gewitterspitze anzuschließen.

    10
    9. Kapitel

    Schwere dunkle Wolken hingen am Himmel und tauchten alles in ein Dämmerlicht. Lose Steinchen bröckelten unter Dorns Pfoten weg, aber er lebte mittlerweile so lange im Gebirge, dass er gelernt hatte damit umzugehen und nicht abzurutschen. Neben ihm ging es steil in die Tiefe, während über ihm dünn und krumm die Gewitterspitze aufragte. Etwa zwanzig Katzen hatten sich um sie herum versammelt und redeten wild durcheinander. Dorn kannte sie alle und nickte ihnen freundlich zu. Vogel und Regen stritten darüber, wo man sich am besten vor den Clankatzen verstecken konnte und Rico legte beschützend den Schweif um seine acht Jungen. Dorn und Fluch bahnten sich einen Weg durch die Katzen und die meisten machten ihnen bereitwillig Platz. Ganz vorne saßen Käfer und Wolle, die heftig mit einem alten Kater diskutierten, der offenbar nicht einsah, dass die Clankatzen gefährlich waren.
    Dorn spannte die Muskeln an und sprang auf einen Felsen, sodass er für alle Katzen gut sichtbar war. Ein langgezogenes Heulen drang aus seiner Kehle. Alle Köpfe wandten sich ihm zu.
    „Freie Katzen der Berge“, rief er. „Ich bin dankbar, dass ihr meinem Ruf gefolgt und hierhergekommen seid. Es ist wahr, der WaldClan hat vor uns anzugreifen und -“
    Uns?“ Die Stimme kam aus der Menge, aber Dorn erkannte sie sofort. Kralle.
    Der schwarze Kater trat vor. „Dich wohl eher weniger, schließlich bist du einer von ihnen.“
    „Ich gehöre nicht zum WaldClan“, gab Dorn zurück.
    Kralle knurrte. „Zu uns gehörst du aber auch nicht.“
    Sofort sprang Fluch auf. „Natürlich tut er das! Er ist mein Gefährte und hat dem Clan den Rücken zugewandt!“
    Dorn zuckte leicht zusammen. Gefährte… Das Wort hörte sich fremd in seinen Ohren an. Es war das erste Mal, dass Fluch ihn so bezeichnete. Aber er erkannte, dass sie recht hatte. Er liebte sie und sie liebte ihn. Wieso sollten sie es noch länger hinauszögern? Sie waren Gefährten und gehörten zusammen. Ein warmes Gefühl durchströmte ihn.
    Kralle verzog verächtlich die Schnauze. „Ein Clankater kann niemals zu uns gehören. Er wird immer gefangen sein in seinen alten Traditionen und Gesetzen. Er wird immer die Pflicht über die Freiheit stellen.“
    Kralles Freunde Geist und Savannah stellten sich hinter ihn. Auch einige der anderen Katzen miauten zustimmend.
    Wolle kam auf die Pfoten. „Und was ist mit mir? Ich war ein Hauskätzchen, aber nun gehöre ich zu euch. Ich werde zwar nie vergessen, woher ich stamme, aber ich weiß, wohin ich jetzt gehöre.“
    „Schön“, knurrte Kralle, „Aber du hast deine Hauskätzchenfreunde nicht zu uns gelockt, damit sie uns angreifen. Er hat es aber mit seinem Clan getan.“
    Dorn wollte widersprechen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken. Es lag mehr als ein Körnchen Wahrheit in Kralles Worten. Rabenstern griff die Bergkatzen an, weil Blattherz Dorn bei ihnen gefunden hatte.
    Rauschendes Wasser, die uralte Kätzin, die von den ursprünglichen Katzen abstammte, hob die Pfote. Ihr ehemals braungestreifter Pelz war durchzogen von Silber. „Beruhige dein Temperament, Kralle, und hör dir erst einmal an, was er zu sagen hat.“
    „Ja, Großmutter.“ Der schwarze Kater senkte den Kopf, doch seine Augen funkelten noch immer zornig.
    „Danke.“ Dorn nickte Rauschendes Wasser zu. „Der WaldClan wird uns schon bald angreifen. Er wird zu uns kommen und das wird ihn schwächen. Er ist es gewohnt im Wald zu kämpfen, nicht in den Bergen, was wir für uns nutzen können. Wenn wir alle zusammenhalten, können wir gewinnen.“ Dorn wusste nicht, ob das stimmte. Die Katzen des WaldClans waren alle ausgebildete und bestens trainierte Krieger und was er hier vor sich hatte, war eine bunt zusammengewürfelte Ansammlung von Katzen, von denen die meisten nie richtig kämpfen gelernt hatten. Doch Dorn musste daran glauben, dass sie es schaffen konnten. Ansonsten hätte er gleich aufgeben können.
    „Und wieso sollten wir dabei auf dich hören?“, wollte Geist wissen.
    Dorn hatte mit dieser Frage gerechnet und fuhr im ruhigen Ton fort. „Weil ich weiß, wie der WaldClan kämpft. Ich kenne seine Stärken und Schwächen, seine Taktiken und Tricks.“
    Kralle, der durch die Aufforderung seiner Großmutter nicht wagte zu widersprechen, sah auffordernd zu Savannah. Die hübsche goldgefleckte Kätzin wandte sich an die Runde. „Und was gibt uns die Sicherheit, dass er kein Verräter ist? Er könnte uns leicht hereinlegen und seinem Clan ausliefern.“
    „Ich bin kein Verräter“, fauchte Dorn eine Spur zu heftig. Fuchsdung, er hatte eigentlich ruhig bleiben und einen kühlen Kopf bewahren wollen.
    Savannah sah ihn herablassen an. „Genau das würde ein Verräter jetzt sagen. Ich bin der Meinung, Kralle sollte uns führen. Er ist unser bester Kämpfer und er stammt von den ursprünglichen Katzen ab. Wenn wir auf jemanden hören sollte, dann ihn!“
    Kralle sprang auf einen Felsen direkt gegenüber von Dorn. „So soll es sein. Ich werde uns in den Kampf gegen den WaldClan führen.“
    „Nein.“ Dorn drückte den Rücken durch.
    „Nein?“ Kralle sah ihn spöttisch an. „Willst du etwa mit mir um das Anführerrecht kämpfen?“
    „Nein“, sagte Dorn erneut. Seine Stimme klang ruhig und gefasst, aber trotzdem bestimmt. Der Blick unzähliger funkelnder Katzenaugen richtete sich auf ihn. Er zuckte nicht mit mal mit den Schnurrhaaren. Dorn wusste jetzt, was zu tun war. „Es wird keinen Kampf geben.“
    Die Katzen um ihn herum warfen sich fragende Blicke zu und Dorn wandte sich direkt an sie. „Katzen der Berge, ihr werdet entscheiden. Ihr sollt euren Anführer selbst bestimmen können!“
    Geflüster brach los. Dorn war sich im Klaren darüber, dass Kralle höchstwahrscheinlich eine Wahl gewinnen würde, schließlich kannten die meisten Bergkatzen ihn schon ein Leben lang. Aber ebenso wusste Dorn, dass er das Richtige tat. Die Katzen der Berge waren frei und sie würden niemandem folgen, nur weil er es so wollte. Sie mussten sich selbst für ihren Anführer entscheiden.
    Kralle schürzte die Lippen und einen Moment lang schien er widersprechen zu wollen, doch dann nickte er. „So soll es sein.“
    Ein Tumult brach los. Die Katzen um sie herum redeten wild durcheinander, schrien sich gegenseitig Argumente zu und diskutierten heftig. Nur Dorn und Kralle blieben still. Reglos wie zwei Felsen ragten sie aus dem aufgewühlten Meer hervor und funkelten sich gegenseitig an.
    Die ersten Katzen trafen ihre Wahl. Geist und Savannah stellten sich wenig überraschend hinter Kralle und Fluch, Wolle und Käfer hinter Dorn.
    Dorn bemühte sich äußerlich ruhig zu wirken, aber innerlich rasten sein Herz und seine Gedanken. Konnte er die Wahl gewinnen? Und wenn nicht, wie würde es dann weiter gehen? Konnten die Bergkatzen sich unter Kralles Führung gegen den Clan verteidigen? Wer würde sich noch auf Dorns Seite stellen?
    Zwei sehnige Kätzinnen und ein pummeliger Kater schlossen sich ebenfalls Kralle an. Rico mit den schiefen Zähnen scheuchte seine acht Jungen auf Dorns Seite.
    „Die Jungen zählen nicht“, fauchte Kralle.
    Sofort protestierte Fluch und ein kleiner Streit brach aus, bis man sich schließlich darauf einigte, die Jungen insgesamt als eine Stimme zu werten.
    Drei braungestreifte Katzen, die allesamt von den ursprünglichen Katzen abstammten, stellten sich ebenfalls auf Kralles Seite. Dorn fiel auf, wie ähnlich sie sich sahen. Sie alle hatten bernsteinfarbene Augen, breite Gesichter und langes Fell.
    Nun waren nicht mehr viele übrig. Die Bergkatzen hatten sich zu ungefähr gleichen Teilen auf Dorns und Kralles Seite verteilt. In Gedanken zählte Dorn schon mal durch. Vogel und Regen diskutierten noch leise miteinander, schließlich entschieden sie sich für Dorn.
    Gleichstand.
    Dorn konnte es nicht fassend. Absoluter Gleichstand! Er hatte genauso viele Stimmen wie Kralle erhalten, wenn man Ricos acht Jungen insgesamt nur eine zugestand. Er fragte sich schon, was jetzt geschehen würde, da sah er, dass eine Katze ihre Wahl noch nicht getroffen hatte. Rauschendes Wasser stand noch immer am Rand des Geschehens. Eisige Gewissheit sickerte in Dorn. Sie würde sich natürlich für ihren Enkel entscheiden und damit hatte Kralle gewonnen. Doch zu seiner grenzenlosen Überraschung schleppte sich Rauschendes Wasser auf ihn zu und gesellte sich zu Dorns Anhängern.
    Dorn blieb die Spucke weg. Rauschendes Wasser hatte sich für ihn entschieden. Sie stellte ihn über ihren eigenen Enkel. Er bekam kaum mit, wie seine Anhänger in Jubel ausbrachen. Er fühlte sich wie betäubt.
    „Na schön“, knurrte Kralle. „Du hast gewonnen.“ Damit sprang er von seinem Stein und stürmte davon.


    11
    10. Kapitel

    Die Katzen der Berge waren bis spät in die Nacht auf den Pfoten. Dorn besprach mit ihnen seine Strategie und zeigte ihnen die Kampftricks des WaldClans. Wie sich herausstellte, konnten die meisten Nachfahren der ursprünglichen Katzen durchaus kämpfen. Sie kannten noch viele der alten Kampftechniken ihrer Ahnen.
    Aus Erfahrung wusste Dorn, dass sein Bruder am liebsten in der Morgendämmerung angriff, um sich im Nebel zu tarnen. Die meisten Clankatzen hatten helles Fell, weiß oder grau oder hellbraun wie Blattherz. Rabenschatten und Dorn hatten schon immer mit ihren dunklen Pelzen herausgestochen.
    Er schickte Fluch und Käfer aus, damit sie Heilpflanzen und Kräuter sammelten, die die Katzen stärkten und länger durchhalten ließen. Zum Glück war der Herbst noch nicht ganz hereingebrochen, sodass sie noch genügend brauchbare Pflanzen fanden und es am Ende für jeden ein Maulvoll zu kauen gab.
    Dorn beschloss, auch ein paar Fallen aufzustellen. Die Bergkatzen kannten viele Stellen, die zwar stabil aussahen, an denen der Fels aber bereits bröckelte. Gerade als Dorn dabei war, einen Felsen mit Pfotentritten zu bearbeiten, damit er leichter einstürzte, fiel ein Schatten auf ihn.
    „Was kann ich für dich tun?“, fragte Dorn und freute sich, weil seine Stimme zwar freundlich aber nicht herablassend oder überrascht klang. Der Geruch hatte Kralles Ankunft schon vor drei Herzschlägen verraten.
    Der schwarze Kater schwieg. Fast verlegen trat er von einer Pfote auf die andere. Als er dann doch endlich sprach, klang seine Stimme rau. „Als ich vorhin weggegangen bin… also, ich war wütend und… es tut mir leid, okay? Ich will helfen und…“
    „Schon okay“, sagte Dorn. Er wusste genau, wie sich Kralle gefühlte. An seiner Stelle hätte er vermutlich genauso empfunden. „Hilfst du mir mit dem Felsen?“
    Sichtlich erleichtert nickte Kralle und sprang neben ihn. Gemeinsam trampelten sie auf dem Felsvorsprung herum, bis er bedrohlich knackte.
    „Weiter zum nächsten“, sagte Dorn. Er wollte nicht riskieren, dass sie aus Versehen in die Tiefe stürzten.
    Sie nahmen sich eine Stelle unterhalb der Gewitterspitze vor und stampften schweigend vor sich hin.
    „Du bist eigentlich ganz in Ordnung“, miaute Dorn nach einer Weile.
    „Du auch“, gab Kralle zurück, „auch wenn du trampelst wie ein blinder Fisch.“
    Dorn warf ihn mit einer Klaue voll Erde ab und Kralle schüttelte sich lachend die Krümel aus dem Fell.
    Der Mond ging auf und die Katzen wurden immer müder. Käfer gähnte als Erste und Dorn schickte sie schlafen. Ihr Protest fiel nur schwach aus. Auch die anderen Katzen konnten sich kaum noch auf den Pfoten halten und schließlich positionierte Dorn Savannah, die behauptete nachts eh nie zu schlafen, als Wache und befahl dem Rest sich hinzulegen.
    Fluch und Dorn kuschelten sich eng aneinander.
    „Wir sind jetzt also Gefährten“, flüsterte Dorn. Auch er war hundemüde, aber es war ein zu gutes Gefühl, um es nicht laut auszusprechen. Fluch und er gehörten zusammen.
    „Ja“, miaute Fluch leise. Sie schloss die Augen und Dorn meinte schon, sie wäre eingeschlafen, als sie sagte: „Wenn das alles hier vorbei ist und du Rabenstern besiegt hast, was passiert dann?“
    „Wie meinst du das?“
    Fluch öffnete wieder die Augen und sah ihn direkt an. „Wirst du dann Anführer des WaldClans?“
    „Nein, warum sollte ich?“ Dorn überlegte. Wenn Rabenstern tot war, würde seine Stellvertreterin Fuchsfell seinen Platz einnehmen. Kein schöner Gedanke. „Ich gehöre hierher.“
    Fluch nickte. „Ich auch. Ich brauche das hier, diese Freiheit ohne feste Hierarchie und jemanden, der mir ständig sagt, was ich tun soll. Ich will das Clanleben nicht.“
    „Nicht alles ist schlecht daran.“ Instinktiv spürte Dorn den Drang sein früheres Leben zu verteidigen. „Die Gemeinschaft und der Zusammenhalt. Jeder weiß, wo genau sein Platz ist.“
    „Das weiß ich auch so“, erwiderte Fluch eine Spur zu heftig. Ihre Schnurrharre zitterten. „Ich will ja gar nicht abstreiten, dass Zusammenhalt wichtig ist, aber all die strengen Gesetze und Richtlinien sind nichts für mich.“
    Dorn schwieg. Galt das auch für ihn? Sicher war nicht alles richtig im WaldClan. Ein mieser Anführer reichte aus, um das Gleichgewicht ins Wanken zu bringen. Aber konnte er für immer so leben wie die Katzen in den Bergen? Sie verband im Grunde nichts. Eine kleine Auseinandersetzung konnte jeder Zeit zu einem gewaltigen Kampf führen und wenn sich jemand verletzte oder alt und schwach war, musste er darauf hoffen, jemanden wie Fluch zu finden, der ihm half ohne etwas dafür zu verlangen. Aber Dorn kannte die Bergkatzen mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass das eigenbrötlerische Leben in den Bergen sie hart und egoistisch gemacht hatte.
    Mit einem Mal fühlte Dorn sich uralt und erschöpft.
    Fluch zog die Pfoten an ihre Brust. „Was ich eigentlich sagen wollte ist: Wenn du beschließt Anführer des WaldClans zu werden, dann ohne mich. Ich werde nicht mitkommen und im Clan leben.“
    „Ich weiß“, sagte Dorn und ein Stachel grub sich tief in sein Herz.


    12
    11. Kapitel

    Wie er vermutet hatte, griff der WaldClan im Morgengrauen an. Dorn wurde unsanft von einer goldenen Pfote geweckt, die ihm gegen die Schnauze stieß. „Sie kommen“, sagte Savannah.
    Sofort war Dorn auf den Pfoten. „Wie viele sind es?“
    „Schwer zu sagen. Sie verstecken sich im Nebel.“ Sie zuckte bedauernd mit den Schultern. „Dadurch wird auch ihr Geruch gedämpft.“
    „Fuchsdung“, sagte Dorn, obwohl er damit schon gerechnet hatte. „Weck die anderen, ich überprüfe noch mal die Fallen.“
    Savannah nickte und sprang davon.
    Ein ungutes Gefühl machte sich in Dorn breit. Sein Pelz prickelte und die Angst lag ihm wie ein schwerer Stein im Magen. In Windeseile sah er zusammen mit Fluch nach ihren Fallen. Die Luft war kühl und roch nach vermodernden Blättern. Nichts sagte deutlicher, dass der Sommer nun vorbei war. Der Nebel hing so schwer und dicht über dem Boden, als seien die Wolken selbst vom Himmel herabgestiegen, um den Kampf aus nächster Nähe beizuwohnen. Dorn meinte schon Blut im Maul zu schmecken, aber noch waren die vereinzelten Schemen der Clankatzen mehrere Baumlängen entfernt.
    „Alle auf Position“, befahl er und die Bergkatzen verteilten sich zwischen den Felsen um die Gewitterspitze herum.
    Dorn kauerte ganz vorne, die Ohren aufgestellt und spähte hinaus in den Nebel. Eine einzige schlanke Gestalt zeichnete sich dort dunkel ab. Obwohl die Gerüche der Clankatzen gedämpft wurden, wusste Dorn sofort wer es war. Rabenstern.
    Dorns Herz pochte und er erhob sich mit leicht zitternden Beinen. Nun stand er gut sichtbar auf einem Felsen. Die Luft roch nach einem herannahenden Gewitter.
    „Bruder.“ Fast gemächlich kam Rabenstern näher. In seiner Stimme lag keine Überraschung. „Du lebst. Und ich dachte, niemand hätte die Flammen überstehen können.“
    „Hätte ich auch fast nicht.“ Erneut überkam Dorn eine Welle der Dankbarkeit für Fluch.
    Rabenstern blieb zwei Schwanzlängen vor ihm stehen und musterte Dorn mit den bernsteinfarbenen Augen ihrer Mutter, als wollte er abschätzen, wie er ihn am besten töten konnte.
    „Du hast mich verraten. Du hast Vater getötet. Du hast den Clan ins Unglück gestürzt“, sagte Dorn. „Trotzdem gebe ich dir noch eine letzte Chance. Gib auf und lass Blattherz und den Clan frei.“
    „Hast du zu viel Frischbeute gegessen?“, fragte Rabenstern spöttisch. „Wieso sollte ich das tun?“
    „Weil ich dich sonst töten werde.“ Dorns Stimme zitterte nicht. Eine Kälte, die er noch nie zuvor gespürt hatte, breitete sich in ihm aus. Wolken zogen sich über seinem Kopf zusammen und ihr Schatten fiel auf ihn. „Du warst einst mein Bruder. Doch den Kater, der nun vor mir steht, kenne ich nicht mehr.“
    Rabenstern nickte. Er sah fast traurig aus. „Das Gleiche kann ich über dich sagen, Dornenpelz.“
    Dann fuhr er die Krallen aus und stürzte sich auf ihn. Fast gleichzeitig sprang Dorn ab und sie landeten hart auf dem Boden. Sie fauchten und bissen und schlugen nacheinander. Dorn spürte, wie sein Ohr einriss und zerkratzte dafür Rabensterns Flanke.
    Hinter sich hörte er die Bergkatzen aufheulen. Die Katzen der Berge, zuvor noch sorgfältig hinter den Felsen verborgen, befanden sich mitten in der Schlacht. Clankatzen mit funkelten Zähnen und Krallen hatten sich auf sie gestürzt und nun kämpften sie um ihr Leben.
    Dorn wollte ihnen zur Hilfe eilen, aber da rammte ihn sein Bruder. Ineinander verkeilt schlitterten sie über den glatten Felsen. Der Abgrund raste auf sie zu und –
    Dorns Hinterlauf fand Halt und verhakte sich in einem Grasbüschel. Doch Rabenstern war schneller wieder auf den Pfoten. Sofort war er über Dorn und wollte ihm die Zähne in die Kehle schlagen. Im letzten Moment warf Dorn seinen Kopf herum und rollte sich zur Seite. Leider eine Mäuselänge zu weit. Er rutschte über den Abgrund und fiel.
    Ein, zwei Herzschläge später kam er unten auf. Lockere Erde und Sand federten seinen Sturz ab, trotzdem zog sich in ihm alles zusammen. Die Luft wurde aus seinen Lungen gepresst.
    Mühsam rappelte er sich auf. Vor ihm tauchten weitere Gestalten aus dem Nebel auf. Weiß und hellgrau, perfekt getarnt, und geräuschlos wie eine fallende Feder.
    Im Bruchteil einer Sekunde sickerte die schreckliche Wahrheit in Dorns Bewusstsein. Er hatte seinen Bruder unterschätzt. Rabenstern hatte ihn mit dem kleinen Gespräch nur hingehalten, damit ein Teil der Clankatzen sich von hinten anschleichen konnten. Nun waren Dorn und sie von allen Seiten von Feinden umzingelt. Sie saßen in der Falle.
    Donner grolle in der Ferne und Dorn stimmte knurrend mit ein. Kampflos würde er nicht untergehen!
    Er sprintete los, stolperte, fing sich wieder und warf sich dann mitten in den Kampf. Dorn zerrte einen Krieger von Geist weg, biss einen anderen, der gerade eine braungetigerte ursprüngliche Katze von hinten angreifen wollte und schlug einen Schüler, der jaulend das Weite suchte.
    Dann war plötzlich jemand über ihm, groß und breitschultrig. „Steinklaue!“, keuchte Dorn.
    „Wer sonst?“ Der graue Krieger wollte ihm die Kehle zerfetzen.
    Ehe Dorn reagieren konnte, raste ein hellbrauner Blitz heran und warf Steinklaue zu Seite. Dorn lächelte, als er Blattherz erkannte. Die Kriegerin blutete aus mehreren Wunden, aber sie musste es irgendwie geschafft haben sich zu befreien. Nun war sie gekommen, um ihn und den Bergkatzen beizustehen.
    Steinklaue heulte auf, Blut lief aus einer breiten Wunde an seiner Brust und seine Vorderpfote stand seltsam verdreht ab.
    „Hilf den anderen, Dorn! Ich komme schon zurecht“, rief Blattherz und bearbeitete ihren Gegner wieder mit den Krallen.
    Suchend sah Dorn sich um und entdeckte Käfer, die von zwei Schülern heftig bedrängt wurde. Er eilte zu ihr und schuppste einen von ihr runter. Wolle stürmte von der anderen Seite heran und hieb seine Pfote heftig auf den Kopf des zweiten Schülers. Sie rappelten sich auf und rannten davon.
    „Versteck dich“, wies Dorn Käfer an. Sie wollte protestieren, aber er schob sie sanft zu einer kleinen Steinhöhle.
    Wolle blieb an seiner Seite. „Es sind zu viele. Wir werden es nicht schaffen.“
    Dorn nickte, denn er wusste, dass sein Freund recht hatte. Die Bergkatzen hatten gegen die Clankrieger keine Chance.
    „Wir müssen versuchen sie so lange wie möglich aufzuhalten. Ich werde noch kämpfen, aber du suchst die Jungen und Verletzten und bringst sie in Sicherheit. Es bringt nichts, wenn wir -“
    Er brach mitten im Satz ab, denn ein vertrauter Geruch stieg ihm in die Nase. Zwei Clankrieger sprangen auf ihn zu.
    „Wellensprung! Borkenstreif!“
    Seine alten Freunde rissen die Augen auf und blieben abrupt stehen. „Dornenpelz?“
    Wolle sah sie verwirrt an. „Wolle. Ich dachte, wenn hier alle Namen sagen, dann sollte ich meinen auch in den Ring werfen.“
    Borkenstreif beachtete ihn nicht. Ungläubig trat er auf Dorn zu. „Du lebst. Wir dachten, du wärst…“
    „Tot“, vollendete Wellensprung, was der dunklere Kater nicht aussprechen wollte.
    „Offensichtlich nicht“, sagte Dorn. „Hört mir zu, wir haben nicht viel Zeit. Rabenstern hat mir eine Falle gestellt und mich fast getötet. Ihr müsst mir helfen ihn zu besiegen. Ich kann nicht zulassen, dass er den Clan weiter zu Grunde richtet und die Bergkatzen vernichtet.“
    Wellensprung nickte, aber Borkenstreif sah noch etwas unsicher aus. „Also… ist Rabenstern gar nicht unser rechtmäßiger Anführer?“
    „Natürlich nicht.“ Wellensprung schnaubte. „Denkst du ein rechtmäßiger Anführer will seinen eigenen Bruder und zweiten Anführer töten?“
    „Und Tannenstern“, fügte Dorn hinzu. Das verschlug sogar Wellensprung die Sprache.
    „Lange Geschichte“, sagte Dorn und deutete auf die kämpfenden Katzen. „Ihr müsst den Bergkatzen helfen und so viele Clankatzen wie möglich davon überzeugen sich uns anzuschließen.“
    Die beiden Krieger nickten und rannten los.
    Erneut donnerte es, diesmal näher als zuvor und leichter Regen setzte ein. Wolle verzog das Gesicht. „Wir können uns auf ein heftiges Gewitter gefasst machen.“
    „Falls wir diesen Kampf überstehen.“ Dorn fletschte die Zähne.
    Ein Schmerzensschrei ließ ihn herumfahren. Weiter oben, fast auf dem Gipfel der Wetterspitze, hatte sich eine Gruppe von Bergkatzen zurückgezogen. Dorn erkannte Rico, der verzweifelt versuchte seine acht Jungen zu schützen. Ein Clankrieger hatte seine Zähne in sein Vorderbein geschlagen.
    In großen Sätzen raste Dorn auf ihn zu. Er grub die Krallen tief in die harte Erde, um schneller zu werden. Hinter sich hörte er Wolle keuchen.
    Als er noch eine Fuchslänge von dem Clankrieger entfernt war, sprang Dorn ab. Der Aufprall war hart und sie wälzten sich zusammen über den Boden.
    „Hör auf!“, brüllte Dorn. Er hatte den Krieger erkannt, es war Schneekralle. Der Kater war stolz und unabhängig und nie ein großer Freund von Rabenstern gewesen. Aber auch nicht von Dornenpelz.
    „Wieso sollte ich?“ Schneekralle schlug nach ihm und Dorn konnte sich erst im letzten Moment unter seiner Tatze wegducken. „Wenn wir diese elenden Streuner töten, wird es genug Beute für den ganzen Clan geben.“
    „Bevor Rabenstern Anführer wurde, gab es genug Beute für den ganzen Clan. Er ist an eurer Lage schuld und nimmt sich mehr als ihm zusteht.“
    Dorn versuchte seinen Gegner auf dem Boden festzunageln, aber Schneekralle warf ihn ab. „Dein Bruder hat mir gesagt, dass du noch irgendwo rumstreunst, nachdem du feige abgehauen bist. Wohl Schuldgefühle, weil du Tannensterns Tod wolltest. Aber soll ich dir was sagen? Ich habe dich schon nicht respektiert, als du zweiter Anführer warst.“
    Dorn fauchte. Er richtete sich auf die Hinterbeine, fuhr mit den Krallen durch die Luft und erwischte seinen Gegner an der Schulter. Schneekralle brüllte auf, aber Dorn war schon über ihm und biss zu. Blut strömte aus der Kehle des Clankriegers.
    Schneekralles Blick flackerte. „Du… wirst niemals… siegen. Rabenstern… wird…“ Seine Stimme brach und sein Kopf sank schlaff zur Seite.
    Dorn taumelte zurück.
    „Alles in Ordnung?“, fragte er Rico. Der kleine dunkelgraue Kater nickte und sammelte seine Jungen ein.
    Dorn aber konnte den Blick nicht von Schneekralles reglosen Körper abwenden. Er hatte soeben einen Clankrieger getötet. Er kannte Schneekralle schon sein ganzes Leben lang und nun… war er nicht mehr. Dorn zitterte, aber er zwang sich auf den Pfoten und in Bewegung zu bleiben. Er durfte jetzt nicht zusammenbrechen, nicht hier, nicht jetzt.
    Außerdem hatte er gewusst, was passieren würde. Er hatte gewusst, dass Clankrieger sterben würden, wenn er die Bergkatzen gegen sie in den Kampf führte. Er hatte es gewusst. Dorn erinnerte sich nur zu gut daran, wie er mitgeholfen hatte, die Fallen aufzustellen. Als er die Felsen gelockert hatte, hatte es sich fast so angefühlt wie damals, als er den schützenden Brombeerwall ums Lager errichtet hatte. Wie viele Clankatzen waren bereits in den Tod gestürzt? Dorn wollte nicht darüber nachdenken.
    Er sah sich suchend um, aber er konnte Wolle nirgends entdecken. Dafür sah er Fluch. Sie stand mit dem Rücken zu einem Felsen und wehrte sich verbissen gegen einen Clankrieger, aber es war klar, dass sie keine Chance hatte.
    Dorn knurrte und rannte auf sie zu. Noch drei Dachslängen.
    Der Krieger schleuderte Fluch zu Boden. Zwei Dachslängen.
    Fluch wimmerte, als ihr Angreifer die Pranke hob. Eine.
    Der Krieger schlug zu.
    Dorn sprang vor seine Gefährtin und konnte den Schlag in letzter Sekunde abfangen. Schmerz durchzuckte ihn, aber er achtete nicht darauf. Mit einem Jaulen stürzte er sich auf seinen Gegner und bearbeitete ihn so lange mit den Krallen bis dieser kreischend davonrannte.
    Dorn drehte sich zu Fluch um. „Geht es dir gut?“
    Die Kätzin zitterte am ganzen Leib, aber ihre Augen leuchteten entschlossen. „Ging mir nie besser.“
    Da sprang ein roter Schatten von dem Felsen hinter Fluch und schlitzte ihr den Bauch auf.
    Nein! Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Eine eisigkalte Welle breitete sich in Dorn aus. Der Regen fiel langsamer. Das Geschrei der kämpfenden Katzen verstummte. Sein Herz blieb stehen.
    „Kommen wir zu dir.“ Fuchsfell drehte sich zu Dorn um, Blut tropfte von ihren perlweißen Zähnen.
    Er starrte sie an. Keiner seiner Muskeln rührte sich.
    Da rappelte sich Fluch hinter Fuchsfell schwerfällig auf. Der Blick ihrer einst so lebendigen Augen flackerte. Sie sprang vor und erwischte Fuchsfell.
    Die Kriegerin schrie auf und stolperte vorwärts, doch Fluch hielt sie fest gepackt. Immer weiter schob sie Fuchsfell nach rechts und Dorn erkannte, was sie vorhatte. „Nein!“, wollte er noch rufen, aber da war es schon zu spät.
    Der Boden gab unter Fuchsfells Pfoten nach, als sie auf die Falle trat. Sie und Fluch stürzten in einem engen Knäul verschlungen in die Tiefe.




    13
    12. Kapitel

    Dorn rannte zu der Stelle, wo die beiden Kätzinnen verschwunden waren. Weit unter sich erkannte er sie, beide mit verdrehten Gliedern. Fluchs Augen blickten glasig nach oben.
    Dorn taumelte, seine Beine knickten weg und er fiel zu Boden. Das kann nicht sein. Sie kann nicht tot sein. Ich liebe sie doch! Es war, als wäre er in einen eisigen See gefallen. Er nahm keine Geräusche mehr war. Er nahm gar nichts mehr wahr außer die schreckliche Gewissheit, dass Fluch tot war. Es tat so weh, er spürte die Schmerzen selbst körperlich.
    Nein, das war gar nicht der Schock, sondern Krallen, die sich in sein Fleisch bohrten. Dorn blinzelte und erkannte das schwarze Fell seines Bruders. Rabenstern hatte seine Ablenkung genutzt und verbiss sich gerade in seiner Schulter.
    Dorn bäumte sich auf und warf ihn ab, aber sofort war sein Gegner wieder auf den Pfoten. Dorn schlug nach ihm und erwischte seine Schnauze.
    Rabenstern schien es nicht einmal zu bemerken. Seine Augen leuchteten siegesgewiss. „Du kannst mich nicht besiegen!“ Blut lief ihm aus dem Kratzer an seiner Schnauze und lief ihm über das Gesicht. „Oder willst du mich etwa neunmal töten?“ Er lachte auf und Dorn konnte nur im letzten Moment seinem Schlag ausweichen.
    Mit den Krallen zerkratzte Dorn Rabensterns Flanke. Dieser heulte auf und vergaß für einen Herzschlag seine Deckung. Das reichte Dorn und er biss ihm in die Kehle. Sofort schmeckte er Blut und spuckte aus.
    „Du… Monster.“ Rabensterns Blick erlosch und er sank zu Boden.
    Dorn beugte sich über ihn und Schmerzen schossen durch seinen Bauch. Ungläubig sah er an sich herunter. Sein Bruder hatte ihm die Krallen ins Fleisch geschlagen und lächelte. „Bin schon zurück.“ Damit schleuderte er Dorn von sich. „Wie gesagt, ich habe mehr als ein Leben. Und ich muss dich nur einmal töten.“
    Dorn brach zusammen. Schlamm verschmierte sein Fell und er zitterte. Es gab keinen Zentimeter seines Körpers, der nicht weh tat. Wenn er die Kraft dazu gehabt hätte, hätte Dorn geschrien. So aber stieß er nur ein heißeres Röcheln aus. Sein Blickfeld trübte sich ein und Kälte sickerte in sein Inneres. Nur verschwommen konnte er erkennen wie Rabenstern gemächlich auf ihn zuschritt.
    So endet es also, dachte Dorn. Der Gedanke erfühlte ihn mit Traurigkeit. Er hatte es nicht geschafft den WaldClan zu retten und hatte zudem noch die Bergkatzen mit ins Verderben gerissen. Er hatte versagt.
    Das Letzte, was Dorn sah bevor ihm schwarz vor den Augen wurde, war das boshafte Lächeln seines Bruders.

    Leichtigkeit erfüllte ihn. Dorn schwebte empor wie eine Feder, umwirbelt von glitzerndem Nebel. Sternenstaub?
    „Hab keine Angst.“ Ein sanftes Miauen, bei dem sich Dorns Herz zusammenzog. Wie lange hatte er diese Stimme nicht mehr gehört? Tränen traten ihn in die Augen.
    „Mutter“, hauchte er.
    „Ja, mein Sohn.“ Eine braungetigerte Katze, ein wenig heller als er selbst, erschien vor ihm. Sie hatte die gleichen bernsteinfarbenen Augen wie Rabenstern, aber sie schauten so unendlich viel sanfter und freundlicher drein. Es lag jedoch auch eine Spur Traurigkeit in ihnen.
    Dorn schluckte. „Ich habe dich vermisst.“
    Seine Mutter Sonnenschweif lächelte. „Ich war immer bei dir.“
    „Sind wir im SternenClan? Bin ich… tot?“ Er schaffte es kaum die Worte auszusprechen. Habe ich versagt?
    Sonnenschweif sah ihn mitfühlend an. „Du bist im Clan der leuchtenden Sterne.“ Sie schmunzelte, als sie sein verwirrtes Gesicht sah. „Wir sind der SternenClan und doch sind wir es nicht. Im Clan der leuchtenden Sterne leben die ursprünglichen Katzen.“
    „Aber…“ Dorn schluckte, als er verstand. „Du wurdest nicht im Clan geboren.“
    Seine Mutter nickte. „Ich stamme von den ursprünglichen Katzen ab. Rauschendes Wasser ist meine Mutter und mein Geburtsname ist Aufgehende Sonne. In dir fließt sowohl das Blut der Clankrieger als auch der ursprünglichen Katzen.“
    „Ich vereine zwei Gegensätze.“ Nun verstand Dorn auch, warum er sich so hin und hergerissen fühlte zwischen dem Clan und den Bergkatzen.
    Ihre Schnurrhaare zuckten. „Ich habe mich nie gegensätzlich zu deinem Vater Tannenstern empfunden. Aber in gewisser Weise hast du recht. Deshalb frage ich dich nun: Wirst du den Katzen in den Bergen ein würdiger Anführer sein?“
    Dorn sah ihr fest in die Augen. „Das werde ich.“
    Aufgehende Sonne nickte und auf einmal waren sie umgeben von hunderten Katzen. Sie alle schimmerten wie sein Vater Tannenstern als er ihm im Traum besucht hatte. Sie hatten braungestreiftes Fell, breite Gesichter und bernsteinfarbene Augen. Sie waren die ursprünglichen Katzen.
    Als sie sprachen, taten sie es alle zugleich und ihre Stimmen vermischten sich zu einem eindrucksvollen Chor. „Nachdem dich die Katzen der Berge erwählt haben, erwählen wir auch dich zum Anführer. Nimm von uns die Gabe der neun Leben an und erfülle deine Aufgabe zuverlässig.“
    Aufgehende Sonne trat vor und berührte Dorn mit der Schnauze. Eine unglaubliche Kraft durchströmte ihn, pure Energie brandete durch seine Adern.
    Respektvoll neigte Dorn den Kopf. „Danke. Ich werde euch nicht enttäuschen.“
    Seine Mutter lächelte. „Ich weiß. Ich glaube an dich, Dorn. Wenn du diesen Namen überhaupt weiterhin tragen willst“, fügte sie hinzu. „Du könntest den Namen einer ursprünglichen Katze annehmen oder den Anführernamen einer Clankatze. Es ist deine Entscheidung.“
    Dorn dachte einen Moment nach. Er würde mit seinem Leben die ursprünglichen Katzen ehren. Wäre es da nicht nur gerecht den Anführernamen der Clans zu tragen? Aber es kam ihn irgendwie falsch und vermessen vor. Nein, beschloss er, ich werde einen Kriegernamen tragen. Und dabei werde ich meine Gefährtin ehren. Sie ist ein Teil von mir, den ich nicht vergessen kann.
    Er hob den Kopf. „Mein Name ist Dornenfluch.“

    Als er die Augen aufschlug hatte sich die Welt verändert. Die Luft roch intensiver, die Farben waren klarer und das Geschrei sterbender und kämpfender Katzen lauter. Dornenfluch hustete und würgte dabei Blut mit hoch. Mühsam kämpfte er sich auf die Beine. Er verfügte nun über neun Leben wie die Anführer der Clans. Nun war er seinem Bruder ebenbürtig.
    „Rabenstern!“, rief er. Dornenfluch ließ seinen Blick über den Kampf schweifen bis er das nachtschwarze Fell entdeckte. Er rannte los. Der Regen war mittlerweile heftiger und hatte den Boden aufgeweicht. Der Schlamm schmatze bei jedem seiner Schritte und klebte ihm schon jetzt zwischen den Krallen. Blut verkrustete Dornenfluchs Fell.
    „Rabenstern!“, brüllte er erneut aus voller Kehle.
    Da war er! Mitten in einem Kampf mit Wellensprung und Borkenstreif. Die beide Krieger wehrten sich heftig, aber Rabenstern und die anderen Clankatzen waren einfach in der Überzahl. Da bekam der schwarze Kater Borkenstreif zu fassen. Wellensprung wollte dazwischen gehen, aber Steinklaue hieb ihm auf die Schnauze. Rabenstern verbiss sich in Borkenstreifs Kehle.
    Nein! Dornenfluch rannte so schnell er konnte, aber es war nicht schnell genug. Der Regen prasselte auf ihn ein, aber er spürte ihn nicht mehr. Ein Blitz zuckte herab und tauchte für einen Herzschlag alles in grelles weißes Licht. Dann war Dornenfluch bei seinem Bruder.
    In einem Knäul aus Zähnen und Klauen rollten sie über den schlammigen Boden. Wann immer Dornenfluch seine Krallen in die Erde rammen wollte, um Halt zu finden, rutschte er wieder aus. Seine Muskeln brannten.
    „Du solltest tot sein!“, fauchte sein Bruder. „Ich dachte, ich hätte dich getötet!“ Dornenfluchs Blut tropfte ihm von den Zähnen.
    Der Braungetigerte knurrte. „Da musst du dir schon was Besseres einfallen lassen.“ Er erinnerte sich an seinen Kampf mit Kralle und schleuderte Rabenstern eine Pfotevoll Matsch ins Gesicht.
    Dieser heulte auf. „Unfair! So kämpft kein richtiger Krieger!“
    „Aber ein Gewinner.“ Dornenfluch bekam den Schweif seines Gegners zu fassen und verbiss sich in ihm. Selbst als Rabenstern seine Flanke zerkratzte, ließ er nicht los.
    „Du kannst nicht gewinnen! Selbst wenn du mich wieder und wieder tötest, irgendwann erwische ich dich.“
    Rabenstern schlug nach seiner Schnauze und nun musste Dornenfluch doch zurückweichen. Er merkte, wie ihn die Kraft langsam verließ. Er wurde müde. Bald hätte sein Bruder die Oberhand. Wenn Dornenfluch nicht bald etwas einfiel, würde er erneut sterben. Vielleicht könnte er seine endgültige Niederlage noch ein wenig rauszögern, aber am Ende würde Rabenstern gewinnen. Wenn Dornenfluch doch nur etwas einfallen würde…
    Erneut zerriss ein greller Blitz die Düsternis der Regenwolken. Unmittelbar über Dornenfluch ragte die Gewitterspitze auf. Wie eine einzige dunkle Kralle deutete sie zum Himmel, dann war wieder alles finster. Der Donner dröhnte in seinen Ohren.
    „Was ist?“ Rabenstern lachte höhnisch. „Gibst du auf?“
    Dornenfluch antwortete nicht. Ihm war gerade eine Idee gekommen. Er hatte sich an das erinnert, was Fluch ihm über die Gewitterspitze erzählt hatte. Dort schlagen mit Vorliebe Blitze ein. Sie werden von hohen Punkten magisch angezogen.
    Er stellte die Ohren auf und stieß Rabenstern von sich. Regen durchnässte ihm den Pelz und erschwerte ihm die Sicht. Dornenfluch jagte den schmalen Berggipfel hoch. Er musste aufpassen nicht auszurutschen, der Fall würde tief sein.
    Sein Bruder hörte sich ungläubig an. „Haust du etwa ab? Wie feige! Aber denkst du wirklich, du könntest mit entkommen?“ Und schon setzte er ihm mit großen Sprüngen nach.
    Je höher Dornenfluch kam, desto mehr keuchte er. Seine Muskeln zitterten. Der Abstand zwischen den beiden Katern schmolz rasch. Dornenfluch meinte schon heißen Atem im Nacken zu spüren und erwartete, dass jeden Moment Krallen in seinen Schweif geschlagen wurden.
    Dann war er oben.
    Die Aussicht war entsetzlich. Ein rotes blutgetränktes Feld mit viel zu vielen reglosen Körpern. Aber die Kämpfe schienen nachgelassen zu haben. Nur vereinzelt schlugen die Katzen noch aufeinander ein. Die meisten jedoch hatten sich Dornenfluch und Rabenstern zugewandt. Ihre Augen funkelten.
    „Hier kannst du nicht mehr fliehen!“ Rabenstern erklomm neben ihm den Gipfel. Pure Mordlust flackerte in seinen Augen. „Hier können alle zusehen wie ich dich töte!“
    Dornenfluch drehte sich langsam zu ich um. „Nein, Bruder. Hier können alle zusehen, wie wir beide sterben.“
    Rabenstern verzog ungläubig das Gesicht, aber er hatte keine Zeit mehr, um zu antworten. Dornenfluch fühlte den Blitz bevor er ihn sah. Pure Energie. Sein Fell knisterte. Er sprang ab.
    Seine Pfoten lösten sich vom Boden und dann…
    KRACH!
    Gleißende Funken. Hitze, Schmerzen, Feuer. Der Gestank von verbranntem Fleisch. Der Boden raste auf ihn zu. Erneute Schmerzen.
    Dornenfluch rutschte über den steinigen Hang. Sein Schweif stand in Flammen. Er kreischte und schlug wild um sich. Irgendwie bekam er eine Wurzel zu fassen und rammte die Krallen hinein. Panisch klatschte er den Schweif auf den Boden bis die Flammen endlich verloschen. Steine hatten sich in seine Haut gebohrt, aber Dornenfluch nahm den Schmerz kaum wahr. Die Hitze schien ihn auffressen zu wollen. Mühsam und mit letzter Kraft zog er sich an der Wurzel hoch.
    Er hatte wieder festen Boden unter den Pfoten. Dornenfluch wollte zusammenbrechen, aber er konnte nicht. Noch war er nicht in Sicherheit.
    Der Gipfel der Gewitterspitze brannte. Orangerote Flammen züngelten rasch hoch, griffen mit gierigen Fingern um sich und verschlangen das trockene Holz der verkrüppelten Büsche. Dornenfluch stolperte rückwärts, weg von dem Feuer und der Hitze. Funken flogen in seinen Pelz, aber er spürte sie kaum.
    Alles, was er wahrnahm, war sein Bruder.
    Rabenstern brannte. Er kreischte und warf sie herum, Feuerzungen fraßen sich durch sein Fell und Dornenfluch sah das Entsetzen in seinem Gesicht.
    „Bruder!“, rief er und sprang vor. Sofort musste er von dem Rauch husten. Durch die Flammen hindurch sah er, wie sich Rabenstern vor Schmerzen wandte. Dornenfluch streckte eine Pfote nach ihm aus. „Ich kann dich retten.“ Er kniff die Augen zusammen. Wenn er sich beeilte, konnte er zu seinem Bruder gelangen und ihn vielleicht aus dem Feuer ziehen.
    Rabenstern hob den Kopf. Sein alter Stolz flackerte auf. „Vergiss es, Bruder.“ Er spuckte das Wort aus wie Gift. „Lieber sterbe ich.“
    „Ganz wie du willst.“ Dornenfluch wandte sich ab. Die Schmerzensschreie des verbrennenden Katers hinter ihm zerschnitten ihm das Herz, aber er hielt nicht an. Trotzdem hörte er noch lange, wie Rabenstern wieder und wieder ein Leben in den Flammen verlor.
    Bis es endlich totenstill war.


    14
    13. Kapitel

    Schwerfällig stolperte Dornenfluch die Gewitterspitze runter. Die Erde war von Regen, Schweiß und Blut durchweicht und mehr als einmal rutschte er aus. Müde grub er die Krallen in den Schlamm und war heilfroh, als er endlich wieder unten war.
    Die Katzen hatten aufgehört zu kämpfen und sahen ihn erwartungsvoll an. Dornenfluch hob den Kopf. Er musste zweimal ansetzen, um zu sprechen und selbst dann klang seine Stimme heißer und nicht nach ihm selbst.
    „Rabenstern ist tot. Wir sind frei. Wir alle.“
    Unter den Bergkatzen kam Jubel auf, auch wenn er gedämpft klang. Sie hatten schwere Verluste erlitten. Der WaldClan hingegen blieb still. Dornenfluch suchte ihre Gesichter ab, doch die meisten wichen seinem Blick aus, einige sahen schuldbewusst, andere wütend aus. Sein Freund Wellensprung nickte ihm zu. Zu seinen Pfoten lag ein regloses Bündel. Borkenstreif. Sein Fell war voller Blut. Dornenfluch schlug die Augen nieder. Es hatte heute definitiv zu viele Tote gegeben.
    „Dornenpelz!“, rief Blattherz. Die Menge teilte sich für die hellbraune Kriegerin und sie rannte auf ihn zu, und obwohl sie aus mehreren Wunden blutete, strahlte sie über das ganze Gesicht. „Du hast es geschafft! Du hast den Clan befreit!“
    „Geht es dir gut?“ Besorgt musterte Dornenfluch sie.
    Blattherz zuckte mit den Schultern. „Das sind bloß ein paar Kratzer.“ Sie wussten beide, dass sie log und dringend einen Heiler brauchte.
    Einen Heiler. Schmerzhaft zog sich alles in Dornenfluch zusammen. Normalerweise hätte diese Aufgabe die fantastische leibhaftige unvergleichliche und coole Fluch übernommen. Doch jetzt sprang Käfer an seine Seite und befahl Blattherz sich hinzulegen. Die Kätzin gehorchte und Käfer untersuchte sie rasch, aber gründlich. Dabei murmelte sie Namen von Kräutern, die sie brauchen würde, um Blattherz zu behandeln. Eigentlich wollte Dornenfluch sie in Ruhe ihre Arbeit machen lassen, aber eines musste er noch loswerden.
    „Ja, Blattherz, ich habe es geschafft. Und dass, obwohl du nicht an mich geglaubt hast.“
    Die Kätzin verzog verdutzt das Gesicht, dann lächelte sie. „Du Dummerchen.“ Liebevoll leckte sie ihm übers Ohr. „Das habe ich doch nur gesagt, weil ich wusste, dass du dann deinen Hintern hochbekommen würdest.“
    „Oh.“ Dornenfluch merkte, wie er unter dem Fell errötete. „Danke.“
    „Gern geschehen.“ Blattherz grinste. „Schließlich musste ich den rechtmäßigen Anführer unseres Clans irgendwie motivieren.“
    Dornenfluch schüttelte den Kopf. „Der bin ich aber nicht.“
    Sofort verdüsterte sich Blattherz‘ Blick. „Dornenpelz, ich…“
    „Der bin ich auch nicht mehr“, unterbrach er sie sanft, aber bestimmt.
    Die Kriegerin fauchte. „Jetzt fang nicht schon wieder damit an. Du bist Dornenpelz und du gehörst in den WaldClan!“
    Käfer sprang auf, um die benötigten Kräuter und Spinnenweben zu holen.
    Er schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht mehr Dornenpelz und auch nicht Dorn. Ich bin jetzt Dornenfluch und das bedeutet, dass ich mehr sein muss als beide zusammen. Ich gehöre nicht mehr in den Clan oder zu einem Haufen Katzen, die in den Bergen hausen und nichts gemeinsam haben. Sie haben mich zu ihrem Anführer gewählt. Das Bergrudel ist jetzt meine Familie und ich werde sie beschützen.“
    Blattherz schwieg und er fragte sich, ob sie nun sauer auf ihn war. Doch dann sagte sie nur: „In Ordnung. Wenn es das ist, was du willst, dann werde ich dich nicht daran hindern.“
    „Das ist es, was ich will“, sagte Dornenfluch fest.
    Käfer kam wieder zurück, das Maul voller duftender Kräuter. Sie drückte Spinnenweben auf eine klaffende Wunde an Blattherz‘ Vorderbein und gab ihr eine Pfotevoll Blätter zu fressen. Ohne Widerspruch schlang Blattherz sie runter und sah dann wieder Dornenfluch an. „Und was schlägst du jetzt vor? Wie soll es jetzt mit dem WaldClan weitergehen?“
    Er zuckte mit den Schultern, was sofort eine Welle von Schmerzen durch seinen Körper jagte.
    „Nicht bewegen“, knurrte Käfer. „Zu dir komme ich gleich noch.“
    „Der WaldClan bleibt so wie er ist“, sagte Dornenfluch. „Solange ihr uns nicht wieder angreift. Rabenstern hat dem Clan übel mitgespielt und ich denke, ihr braucht Zeit um zu heilen.“
    „Und einen neuen Anführer“, ergänzte Blattherz.
    Dornenfluch lächelte und sah ihr tief in die Augen. „Den habt ihr bereits.“
    Sie verstand und erwiderte sein Lächeln. „Danke, Dornenfluch.“
    „Ich danke dir, Blattstern.“

    Es verging fast ein Mond, bis die Bergkatzen ein anderes Gesprächsthema als den Angriff des WaldClans hatten. Sie nannten sich nun das Bergrudel und hießen jeden Willkommen, der sich ihnen anschließen wollte.
    Dornenfluch hatte ihnen von den ursprünglichen Katzen erzählt und wie sie ihm die neun Leben verliehen hatten. Daraufhin beschlossen sie alte Traditionen und Bräuche wiederaufleben zu lassen. Rauschendes Wasser erzählte ihnen von ihrer Kindheit und ihrer Urgroßmutter, die noch eine echte ursprüngliche Katze gewesen war. Kralle beschloss seinen echten Namen wieder zu tragen. „Ich will nicht vergessen, woher ich stamme“, sagte er und Dornenfluch konnte ihn nur zu gut verstehen.
    Nachdem Käfer mitbekommen hatte, dass er sich nun Tödliche Kralle nannte, wollte sie auch ihren Namen ändern. Von da an hieß sie Kleiner Käfer. Selbst Vogel und Regen, die sich sonst nie einig waren, fassten nun gemeinsam den Entschluss sich zu Ehren der ursprünglichen Katzen Zwitschernder Vogel und Prasselnder Regen zu nennen. Dornenfluch hoffte, dass es nun zu weniger Streitigkeiten zwischen ihnen kommen würde. Sie überlegten sogar zusammen Junge zu bekommen, woraufhin ihnen Rico sofort seine acht Jungen zum Üben anbot.
    Das Bergrudel wuchs enger zusammen und wurde zu mehr als einer lockeren Gemeinschaft. Es bestand längst keine feste Hierarchie wie bei dem WaldClan und es war ihnen auch egal, woher eine Katze stammte. Dornenfluch war stolz auf sie.
    Es war drei Tage nach dem Kampf mit Rabenstern, als er vor Fluchs Höhle saß und den Sonnenuntergang betrachtete. Der Himmel selbst stand in Flammen und das orangerote Licht setzte auch den Wald unten im Tal und den kleinen Bach, der vor der Höhle entlangplätscherte, in Brand. Die Luft roch nach überreifen Früchten und toten Blättern.
    „Darf ich mich zu dir setzten?“ Wolle war hinter ihn getreten.
    Dornenfluch nickte, sah ihn aber dabei nicht an. Fast geräuschlos ließ sich Wolle neben ihn nieder. Sein Blick war auf die untergehende Sonne gerichtet.
    „Es ist wunderschön, nicht wahr?“, sagte Dornenfluch nach einer Weile.
    Leise erwiderte Wolle: „Du denkst an sie, stimmt’s?“ Er musste nicht aussprechen, wen er meinte.
    „Sie hat die Sonnenuntergänge immer geliebt.“
    „Ja, ich weiß.“ Wolles Stimme klang sanft. „Ich vermisse sie. Sie war meine beste Freundin.“
    „Und meine große Liebe.“
    Die Sonne war mittlerweile fast vollständig hinter dem Horizont verschwunden und es wurde dunkler und kühl. Der Herbst hatte die Welt fest im Griff. Wolle konnte Dornenfluchs Gesichtsausdruck im schwachen Schein nicht richtig erkennen und wusste nicht, was er noch sagen sollte. Der letzte Rest des orangefarbenen Glühens verschwand. Das Tal breitete sich dunkel vor ihnen aus. Nur das Plätschern des Baches war zu hören.
    Es war Dornenfluch, der schließlich das Schweigen brach. „Manchmal, wenn mich der Schmerz überkommt, denke ich, ich packe es nicht. Es ist einfach zu viel. Ich will mich dann nur noch in einer Ecke verkriechen und alles um mich herum vergessen. Aber ich weiß, dass das nicht geht. Ich muss stark sein und weitermachen. Für dich, für Kleiner Käfer, für das Bergrudel. Und für Fluch. Sie hätte nicht gewollt, dass ich in Selbstmitleid versinke.“
    „Nein“, sagte Wolle, „das hätte sie nicht. Aber sie hätte es verstanden. Und ich auch. Ich weiß, wie du dich fühlst.“
    „Danke.“ Dornenfluch sah noch immer zum Horizont, obwohl die Sonne längst verschwunden war.
    Wolle betrachtete ihn mitfühlend. „Leben tut weh.“
    Dornenfluch lächelte schwach. „Da hast du wohl recht.“


    15
    Epilog:

    Es war einmal ein Wald, da lebte ein Clan. Es war ein Clan wie jeder andere, doch er hatte einen ungewöhnlichen Nachbar. Denn im Gebirge, das sich neben dem Wald erhob und seinen gewaltigen Schatten auf ihn warf, lebte das Bergrudel.
    Die Katzen des Bergrudels waren frei und sie durften gehen wann und wo immer sie wollte. Eine in allen denkbaren Farben gefleckte Kätzin war ihre Heilerin. Sie versorgte die Wunden der Katzen und brachte auf den Wunsch ihres Anführers jeder von ihnen bei, sich im Notfall selbst helfen zu können.
    Der Anführer der Bergkatzen war ein weiser und gerechter Kater, der die Streitigkeiten unter den Rudelmitgliedern schlichtete, sich um die schwachen Katzen kümmerte und im Notfall entschied, was zu tun war. Dieses Recht hatte er nicht in einem Kampf errungen oder aufgrund seiner Abstammung. Er war von den Bergkatzen gewählt worden, und nach ihm würden das noch viele weitere werden.
    Denn dieser Anführer war nur der Erste einer langen Reihe von weisen und gerechten Anführern. Er baute das Bergrudel auf und besann sich auf sein Erbe. Er stammte nämlich sowohl von den Clankatzen im Tal, als auch von den ursprünglichen Katzen in den Bergen ab. Der Kater machte es sich zur Aufgabe das Beste aus beiden Welten zu vereinen und führte so die Katzen der Berge in eine strahlende Zukunft.
    Er hatte einst seine Gefährtin verloren, aber er machte weiter und ließ sich nicht unterkriegen. Und er sollte nicht für immer allein bleiben. Doch dies ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.
    - Legende der ursprünglichen Katzen

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    Danksagung:

    Das wunderbare Cover hat Eichhörnchentraum gestaltet. Vielen, vielen Dank! Es ist einfach unglaublich schön!

    Dann danke ich natürlich meiner Freundin Falki! Danke für deine Charakterideen und für deine lieben Kommentare^^

    Ein großer Dank geht auch an meine Leser, die dieser Geschichte eine Chance gegen haben. Ich hoffe, ihr wurdet nicht enttäuscht. Wenn doch, dann kotzt euch bitte in den Kommentaren aus (positive Kommis sind natürlich auch willkommen^^).
    Namentlich erwähnen muss ich dabei natürlich Nusshörnchen. Danke, dass du immer fleißig liest und kommentierst. Ich freue mich jedes Mal darüber:)



    Urheberrecht:

    Dies ist eine Warrior Cats Ff. Das heißt, dass das Clansystem, der SternenClan etc. aus den Büchern von Erin Hunter entnommen wurde.
    Alles weitere stammt von mir. Wenn ihr Ideen, Charaktere usw. von mir für ein/e FF/RPG/... verwenden wollt, dürft ihr das gerne (außer bei Wellensprung, da müsst ihr Rufwind fragen)! Allerdings bitte ich euch, dann anzugeben woher die Idee stammt und Dornenpelz' Rache zu verlinken. Danke für euer Verständnis ;)



    Ihr wollt mehr? - Dann schaut mal hier vorbei:


    Eine sehr kurze (1 Kapitel) Geschichte von mir, die ich schon vor langer Zeit veröffentlicht habe. (Vorsicht, traurig!)

    https://www.testedich.de/quiz65/quiz/1592487006/Was-es-heisst-ein-Krieger-zu-sein


    Meine Freundin Rufwind veröffentlicht gerade eine Geschichte mit Pferden. Sehr schöner Schreibstil und superspannend!

    https://www.testedich.de/quiz65/quiz/1600279550/Echo-des-Nordens-Sommernacht-Teil-1


    Auch meine zukünftigen Geschichten werde ich hier verlinken, würde mich auf jeden Fall freuen, wenn ihr vorbeischaut!
    Der SternenClan soll über euch wachen!:3

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare (109)

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vor 48 Tagen flag
Ich bin auch für ein Happy End^^
vor 48 Tagen flag
@Federchen (darf ich dich so nennen? ;)): Ok^^
vor 50 Tagen flag
@Nusshörnchen: Ich habe erst jetzt wieder weitergelesen... Die Schule und sonst alles, da hatte ich keine Zeit. Nein, ich habe kein Profil, aber ich möchte mir eines erstellen. Muss noch meine Eltern fragen... Ich kann ja noch mal schreiben, wenn es klappt...:)
vor 51 Tagen flag
Oki, danke^^
vor 54 Tagen flag
Ich würde beides gut finden, aber ich wäre eher für ein gutes Ende^^
vor 55 Tagen flag
Hi an alle meine Leser (ich gehe mal davon aus, dass ich hier die meisten von euch erreiche^^)! Wollt ihr als nächstes lieber ein gutes oder ein trauriges Ende?
vor 57 Tagen flag
Danke!!! :3 Bin gerade an einer neuen FF und kann hoffentlich bald das 1. Kapitel veröffentlichen, aber leider bin ich zur Zeit im Schulstress^^"
vor 57 Tagen flag
Nochmal: Woooooooooooooooooow!!!
Schade, dass die FF vorbei ist. Sie ist so super! Ich kann es kaum erwarten, deine anderen Geschichten zu lesen! 😻😻😻
vor 58 Tagen flag
Klar, danke für den Stecki! Ich überlege mir schon, in welcher Geschichte Schattenfeder vorkommt^^
vor 60 Tagen flag
Darf ich auch darin vorkommen?

Name: Schattenfeder
Aussehen: große, muskulöse Kätzin mit pechschwarzem Fell und stechend gelben Augen, an ihrer rechten Hinterpfote fehlt eine Kralle und sie hat eine Narbe auf der Flanke
Charakter: sie ist eher zurückgezogen und mysteriös, man bemerkt sie oft nicht, da sie mit dem Schatten verschmilzt. Aber sie kann auch ganz nett sein, wenn sie will, aber normalerweise ist sie eher schnell gereizt
Besonderheiten: sie hat eine Narbe an der Flanke und an ihrer rechten Hinterpfote fehlt eine Kralle, aber sie spricht nie darüber, wie ihr das passiert ist

Wenn nicht, lösch den Stecki einfach^^"

Und danke nochmal, dass ich den Namen verwenden durfte
vor 63 Tagen flag
Super, danke! Als nächstes kommt wahrscheinlich eine Geschichte mit Katzen und dann vielleicht noch eine längere mit Füchsen🦊
vor 63 Tagen flag
Yayyy^^
Name: Nusspelz
Aussehen: kleine, aber flinke Kätzin mit dunkleren Sprenkeln und schwarz gestreiftem Schwanz; bernsteinfarbene Augen
Charakter: fröhlich, hilfsbereit, vergnügt, ungeduldig, schnell gelangweilt
Besonderheiten: sie hasst Streuner... und ihr Fell ist sehr flauschig.

Name: Thymianschatten
Aussehen: mittelgroße, graue Kätzin mit schwarzen Streifen und durchdringend grünen Augen
Charakter: geduldig, hilfsbereit, ruhig, höflich
Besonderheiten: Sie ist etwas... zu höflich^^
vor 64 Tagen flag
Klar, schick einfach einen Steckbriefe mit Name, Aussehen, Charakter und Besonderheiten hierhin oder auf mein Profil^^
vor 64 Tagen flag
(Darf ich darin vorkommen?? Nusspelz und Thymianschatten? Als Geschwister?? *lieb guck*)
vor 66 Tagen flag
@Trixi: *rot werd* Danke, Danke, Danke!!! Du beschreibst genau das Lesegefühl, das ich erreichen wollte :D *Luftsprung mach*
Und kein Problem, kannst Dornenfluch gerne übernehmen, musst die Geschichte auch nicht verlinken :)
vor 67 Tagen flag
Also den Namen xD
vor 67 Tagen flag
@Mondsplitter Wow. Einfach nur Wow. Diese Geschichte ist einfach der Hammer. Ich wurde richtig von der Geschichte gefesselt und konnte nicht aufhören zu lesen. Ich fand es echt traurig, dass Fluch gestorben ist, aber ich finde Dornenfluch echt einen schönen Namen. Auf jeden Fall eine wahnsinnig tolle Geschichte, dickes fettes Lob für diesen supertollen Schreibstil <3
Wenn es für dich okay ist, würde ich Dornenfluch gerne für ein WaCa RPG für einen Charakter verwenden
vor 67 Tagen flag
Montag, aber ich versuche das Kapitel diesmal früher fertig zu bekommen :)
Vielleicht schreibe ich noch eine Vorgeschichte mit Aufgehende Sonne und Tannenstern. Oder aber etwas ganz anderes, mal sehen...
vor 68 Tagen flag
21.09... wann ist das??
Will trotzdem dass du weiterschreibst. *widerwillig*
vor 69 Tagen flag
Ja, aber es wird wahrscheinlich nicht meine letzte Geschichte bleiben, auch wenn es etwas dauern könnte bis die nächste kommt^^"

Meine Freundin Rufwind_WaCa veröffentlicht übrigens auch gerade eine Geschichte (das 1. Kapitel ist draußen!) und es lohnt sich wirklich vorbei zu schauen:

https://www.testedich.de/quiz65/quiz/1600279550/Echo-des-Nordens-Sommernacht-Teil-1