Springe zu den Kommentaren

Wunder

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
1 Kapitel - 1.207 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 236 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Januar

    1
    Laut ist die Masse der Einheimischen und derer, die man Touristen nennt. Überall sind die verschiedensten Stimmen zu hören, die verschiedensten Spra
    Laut ist die Masse der Einheimischen und derer, die man Touristen nennt. Überall sind die verschiedensten Stimmen zu hören, die verschiedensten Sprachen und bunt der Anblick der Kleidung. Geatmeter Atem mit dem Geruch der unzähligen Bäckereien und Straßencafés vermischt. Ein Lächeln liegt hier auf dem Gesicht und ein verzogener Mundwinkel auf dem eines Anderen. Als wäre es ein Wechselspiel, wenn man so meinen möchte.
    Überall blinken die Lichter der Handys, die eines Sohnes, eines Vaters, einer Freundin oder der Mutter.
    Die Köpfe sind nach unten geneigt oder starr voran und alle sind in ihrer Welt eingetaucht.
    Eine Schnute verzieht sich wütend, traurig, in Trauersauer hinunter, als ein Blatt stolz hochgehalten wird, jedoch keine Reaktion folgt.
    Ein blaues Meer mit unzähligen Fischen, das soll es sein. Korallen kreuz und quer angebracht, als würde ihnen das Alles gehören und der kleine Wal nur ein Besucher sein.
    Enttäuscht lässt sich das Kind nach hinten fallen, gegen die Stuhllehne, die sie Pflichtbewusst auffängt. Das Blatt starrt sie an, als wäre es an allem Schuld, als wäre es nicht gut genug und ein roter großer Strich findet seinen Weg über das Blau, als wäre ein Tod geschehen.
    Mit Tränen wird der Blick abwendet und gleitet über den gepflasterten Boden. Schuhe ziehen vorbei, teure und günstige, neue und durchgelaufene, kleine und große. Alle scheinen sich anders zu bewegen und doch ist da ein Paar, welches sich immer wieder jemanden anpasst. Der Kopf wird gehoben und richtet sich auf eine Gestalt in schwarz und weiß gekleidet, das Gesicht mit den gleichen Farben geschminkt. Eine rote Baskenmütze sitzt auf dem alten Haupt des Pantomimen, der eine Frau nachahmt. Die rechte Hand erhoben, der Daumen bewegt sich, als würde auf einem Bildschirm getippt werden. Die Linke ist fast im 90 Grad Winkel gehoben, als würde er ebenfalls drei Taschen mit Parfüm, Klamotten und Schuhen tragen. Das Gesicht scheinbar konzentriert verzogen, als würde man nach dem nächsten Schnäppchen in der Nähe suchen.
    Dann verändert sich das Bild, von jetzt auf gleich. Der Rücken nach hinten gebogen, der Kopf wie bei einem Huhn. Die Arme nach hinten gelehnt, als wären sie schwere Gewichte und viel zu lang. Bei jedem Schritt gehen die Beine ein, als würde ein Knick vollführt werden.
    Der Vordermann bemerkt nichts davon und auch keiner um sie herum, nur das Kind schaut. Schaut zu, wie sie vorbeiziehen und wieder eine Veränderung eingelegt wird. Der alte Pantomime sieht hinunter, mustert das Kind und zieht eine Schnute, schaut immer finsterer, so wie es ihm gezeigt wird. Als das Kind die Arme verschränkt und in den Himmel starrt, kratzt der in schwarz und weiß Gekleidete sich die Stirn, als würde nachgedacht werden und dann der Finger gehoben, als müsste gleich ein Licht angehen. Große Schritte werden nach hinten gemacht und die Arme ausgebreitet. Es wirkt beinahe so, als hätte sich eine Bühne aus dem Boden erstreckt und nur der Mann steht da, die Blicke des Kindes auf sich.
    Der Zeigefinger wird auf die Lippen gehoben, als müsste das Kind ganz leise sein, ehe ein ganz flüchtiges Lächeln vor der Show erscheint und alles andere verstummt.
    -
    Die Hand streckt sich plötzlich in die Luft und das Gesicht scheint zu strahlen, doch als die leere Fläche erscheint, wirkt es so, als würde etwas nicht zu stimmen. Der Kopf wird geschüttelt und wieder in den Himmel gestarrt, als werde etwas erwartet. Erneut schießen die Hände in die Luft, die Beine setzen zum Sprung an, als wäre der Versuch da, etwas zu fangen. Zu fangen an einem eiskalten Tag, an dem der Himmel von grauen Wolken bedeckt und die Erde weiß ist. Ein Tag, an dem man ohne dicke Jacke friert, wenn man sich nicht mit ihr umhüllt. Ein Tag, an dem man weiße Sterne beobachten kann, die auf die Erde niederrieseln und auf der Haut schmelzen. Und tatsächlich breitet sich kindliche Freude auf dem geschminkten Gesicht aus, als würde in seinen Händen eine Flocke aus feinstem Schnee ruhen, die er stolz präsentiert. Dem Kind scheint es, voller Zauber und Wunder, das alles sehen und spüren, die kalte Luft atmen zu können. Die Finger strecken sich aus, doch schon wird wieder Abstand genommen und einmal gezwinkert, während er mit den Händen eine kreisende Bewegung macht und die Gegenwart wieder erscheint.
    Scheinbar nachdenklich wird über das Kinn gefahren und plötzlich die rechte Wange aufgeblasen. Die Hände nach vorne gelegt, als würde der Lenker eines Moped umfasst werden, mit welchem über eine Brücke gefahren wird, während die Sonne heiß auf einen brutzelt. Der Alte zieht seine Kreise, bewegt weiter die Wange, als würde das Fahrzeug knattern und über eine vorbeiziehende Landschaft rattern. Sein gesamter Körper bebt dumpf, als würden unzählige Schlaglöcher auf seinem Wege liegen. Ein besonders talentierter Fahrer ist er wohl nicht, denn sein Körper bebt immer stärker und je mehr es wird, desto mehr verändert sich die Landschaft. Die Luft schmeckt zunehmend nach Salz und Möwen ziehen ihre Kreise über ein blaues Meer, das sich am Ende einer Klippe abzeichnet. Wellen schlagen sanft gegen die rauen Steine und ein Pfad führt zu einem roten Boot hinab. Der Pantomime steigt hinein, recht unsicher mit seinen wackeligen Knien. Die Hände fest in das Holz gepresst, ehe er das Paddel nimmt und mit großen Bewegungen zu Rudern beginnt, mit einem Lächeln und geformten Lippen, wie wenn man pfeift. Weit fährt er hinaus, wischt sich den Schweiß von der Stirn und deutet auf einen kleinen Wal, der zwischen Korallen daher zieht. Viele bunte Fische folgen ihm und färben einen bunten Regenbogen unter dem Boot, als würde er plötzlich im Himmel gleiten. Vögel ziehen an ihm vorbei, begleiten ihn und vereinzelt gleitet eine Feder hinab.
    -
    Der Arm des Kindes wird umfasst, katapultiert es zurück in die Zwiebel der Gesellschaft, hinaus aus dem wundervollen Tanz der Wunderwelt und der Schwerelosigkeit. Die gesenkten und starren Blicke werden präsent, rauben der Wirklichkeit das Leben, lassen den alten Mann mit roter Baskenmütze stehen.
    Das Kind wird hinfort gezogen, wirft letzte Blicke zurück, mit Krümeln an den Mundwinkeln. Ein Lächeln zeichnet sich ab.
    Auf dem Tisch ruht das Blatt, als wäre es ein Versprechen, ein wertvolles Pfand, des Nichtvergessens. Des Lebens und der Wunder.

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare (0)

autorenew