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Die Legende vom Ort des Immerfrostes

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1 Kapitel - 1.955 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 207 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

"Sie hatte ihre Macht verloren. Sie war nicht länger Herrscherin des Schicksals. Sie war der Anfang von allem gewesen, doch hätte sie in diesem Augenblick anders gehandelt, wäre sie auch zum Anfang vom Ende der Welt geworden"

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    Die Legende vom Ort des Immerfrostes

    Sie hatte ihre Macht verloren. Sie war nicht länger Herrscherin des Schicksals. Sie war der Anfang von allem gewesen, doch hätte sie in diesem Augenblick anders gehandelt, wäre sie auch zum Anfang vom Ende der Welt geworden. Die letzten schwarzen Blitze aus ihren Finger berührten das Baby, zeichneten zitternd dunkle Linien um den kleinen Körper, und lösten sich schließlich in einer dunklen Rauchwolke auf. Sie blickte auf ihr Werk herab. Es war vollbracht. Ein unschuldiges Leben, dessen Geschichte noch vor wenigen Momenten ein unbeschriebenes Blatt gewesen war, nun in Dunkelheit getaucht. Das Kind wusste gar nicht, dass es zur Spielfigur geworden war, und doch gleichzeitig auch so viel Macht geschenkt bekommen hatte. Seine Zukunft, jeder seiner Atemzüge war jetzt vorbestimmt, seine reine Seele, ausgetauscht mit einer schwarzen. Wechselbalg, so wurden solche Kinder von den Stämmen genannt, Teufelsbrut, oder auch einfach nur die Dunklen. Doch dieses Kind war nicht einfach nur ein verzaubertes Baby. Nein. Es war auserwählt, zum ewigen Knecht der Finsternis und gleichzeitig Herrscher über deren Geschöpfe.
    Verspürte sie Reue, als sie auf das Kind herabblickte, in dass sie soeben ihre gesamte dunkle Magie geflößt hatte? Nein, nicht ein kleines bisschen. Sie hatte keine Wahl gehabt. Sie, Herrscherin über die Zeit, Schöpferin des Lebens, Mutter und Mörderin ihrer Kinder, Fruchtbarkeit und Tod in einer Person, die Ursprungskraft alle Mächte, nicht einmal sie konnte alles bestimmen. Das Gleichgewicht der Natur musste erhalten bleiben, die Kreaturen des Bösen brauchten einen Anführer, der sie im Zaum hielt, einen Anführer, den sie selbst nicht spielen konnte. Daher hatte sie nun einen neuen Anführer erwählt, auch wenn sie dafür Teile ihrer Macht abgeben musste.
    Noch war er nicht so weit, diese zu Nutzen. Er würde völlig normal in einem der Stämme aufwachsen, unwissend über sein wahres Selbst. Die Dunkelheit brauchte ihre Zeit. Es waren noch viele, viele Sonnenaufgänge bis zu jenem schicksalshaften Tag, an dem sich alles, für ihn und die Welt, ändern würde. Aber sie konnte warten, sie, für die selbst eine Sekunde der Ewigkeit ein Wimpernschlag war. Perchta nahm das Kind auf den Arm und verschwand mit ihm in der Nacht.

    Den Blick wachsam über die Landschaft streichen lassend, die Hand seinen Stab fest umklammernd. Er stand auf einem Felsen, unter ihm der zugefrorene See, dahinter der Wald, am Horizont die Berge. Seine Gesichtszüge, unbewegt. Seine Seele, aufgewühlt. Er hätte es Blitzen lassen können, stürmen, Felsbrocken regnen. Es wären nur zwei Silben, und ein Schlag mit dem Stab. Doch er wollte in sich gehen. Diesen einen Moment. Diesen letzten Moment.
    Er wusste, dass er sein Ziel erreicht hatte. Das Ziel, nach dem er Jahre gesucht hatte. Das Ziel, das ihn schon seit seiner Kindheit rief, dieses innere Ziehen verursachte, das Ziel, für welches er nun schon mondelang durch die wilden Wälder der Berge wanderte.
    Er war in einem der Stämme aufgewachsen, mit anderen Kindern, Familie und Tieren. Er hatte ein Heim besessen, jedoch war dieses für ihn niemals Heimat gewesen. Schon als Kind war er anders gewesen. Während seine Altersgenossen Spiele spielten, oder für ihre Kriegerausbildung trainierten, verließ er stehts heimlich das Dorf. Er saß oft stundenlang im Wald, einfach nur um dem Rauschen des Windes zu lauschen, oder dem Zirpen der Grillen. Dann vergaß er alles, seinen Stamm, die Zeit, aber vor allem sich selbst. In solchen Momenten fühlte er bereits die Magie, die ihn wie eine stark Kraft durchfloss und mit allem Lebenden verband, und doch erschrak er, als er das erste Mal einem Naturgeist begegnete. Es war eine Baumnymphe, die seine Welt endgültig veränderte. Er brachte sich selbst bei, seine Magie zu nutzen. Geister zu rufen. Zauber auszuführen. Er ließ Felsbrocken schweben, ritt auf den Schwingen der riesigen Bergadler, sang mit den Flussnixen und tanzte zu den Trommeln der Steinmännlein. Er freundete sich mit jeder Kreatur der magischen Welt an.
    Nur von den Menschen, von ihnen entfernte er sich. Mit jeder seiner einsamen Wanderung wurde die Kluft zwischen ihm und dem Stamm größer. Bald wurden ihm nicht mehr nur interessierte Blicke zugeworfen, sondern hinter seinem Rücken geredet, er wurde gemieden, und unter das Misstrauen der anderen mischte sich Furcht.
    Wenn er in der Nacht überhaupt noch ins Dorf heimkehrte, dann um die alten Runenbücher der Druiden zu lesen. Er studierte sie, Nächte um Nächte, und schon schnell brauchte er gar keine Bücher mehr, um die Schriftzeichen zu erkennen. Was für andere wilde Striche waren, wurde für ihn zum Schlüssel zu seiner Welt. Die Runen hatten Magie, uralte Magie. Mit wenigen Silben und einigen Zeichnungen mit seinem Stab auf dem Boden konnte er komplizierte Zauber ausführen, Zauber, von denen seine Stammesbrüder nichts wussten – und nichts wissen wollten.
    Seit er sich der Runenkunst zugewendet hatte, war er ein Ausgestoßener. Aber es störte ihn nicht, wenn er die angstvollen Blicke seiner eigenen Eltern und ehemaligen Freunde sah. Sie bestätigten ihn eher mehr, zeigten ihm seine Macht.
    Oh ja, er hatte sie genossen. Die Macht war etwas Verlockendes, und er hatte ihrer Versuchung schnell nachgegeben. Bereute er es? Nein, nicht im Geringsten. Er war noch ein Junge gewesen, nicht älter als dreizehn Blattwechsel, als er zum inoffiziellen Oberhaupt seines Dorfes wurde. Denn selbst der eigentliche Stammesführer war schlau genug gewesen, sich seinem Willen zu beugen.
    Allerdings hatte er die Unterwürfigkeit der Männer und Frauen bald nicht mehr genießen können. Sie waren doch so dumm. Was wussten sie schon über die wilde Welt?
    Außerdem hatte sich ein inniges Verlangen in ihm ausgebreitet. Er konnte nicht beschreiben, wonach, doch es zog ihn immerzu weg, hinaus in die Berge und Wälder, fort von den oberflächlichen, kontrollierbaren Menschen. Ein Feuer brannte in ihm, ein Feuer, dass ihm Kraft gab, dass ihn jedoch auch von innen verbrannte in jeder Sekunde, die er nicht an jenem Ort war, dem Ort, von dem er im Schlaf träumte, dem Ort der ältesten und dunkelsten Macht, dem Ort einer unbeschreiblichen Magie. So hatte er sich Anfang der kalten Zeit auf die Wanderung gemacht, die ihn zu seinem Ziel führen würde, und zu seinem Ende. Das wusste er, sein Gefühl sagte es ihm. Hier war Anfang und Ende, vereint. Und wenn er eins in all den Jahren seiner Kindheit gelernt hatte, dann, auf sein Gefühl zu hören.
    Es war Nacht geworden. Wotan kletterte den Felsen hinunter, auf dem er in seinen Träumen gestanden hatte. Schritt durch den kalten Schnee, der in seinen Träumen vor ihm gelegen war. Hielt am See inne, dessen Ufer in seinen Träumen nach ihm gerufen hatten. Stieg vorsichtig auf das Eis, dass in seinen Träumen geglitzert hatte. Fand sich in der Mitte der durchsichtigen Fläche wieder, auf der sie in seinen Träumen gestanden hatte. Er wusste nicht, wer sie war. Aber er wusste, dass sie eine Aufgabe für ihn hatte. Das Ziehen, was ihn zu diesem Ort geführt hatte, war ihre Stimme gewesen. Mit jedem Blätterrascheln, jedem Pfeifen des Windes hatte sie ihn zu sich gerufen.
    Doch nun war er allein. Sie war nicht zu da. Stattdessen spürte er etwas anderes in seiner Nähe, die verzweifelten Seelen vieler Wesen. Er spürte ihren Zorn, ihre Wut, mit der sie das letzte bisschen Selbst in sich auffraßen und zu Kreaturen der Dunkelheit machten. Wotan hatte schon immer ein Gespür für magische Wesen gehabt, doch eine solche Finsternis hatte er noch nie gefühlt. Auch wenn ihn die Heftigkeit der Rufe der Seelen schwanken ließ, fürchtete er sich nicht. Er hatte eine besondere Macht an diesem Ort erwartet, hier war sie also.
    Ihre Schritte hörte er, bevor er ihre ausgemergelten Körper sah, die Schattengleich auf ihn zu huschten. Die gelben Zähne gebleckt, die Ohren nach hinten gelegt, umkreisten sie ihn.
    Wyrrwölfe. Der Name schoss ihm in den Kopf, obwohl er ihn noch nie zuvor gehört hatte. Es waren dutzende, und immer mehr kamen von hinten nach. Bald war das Eis völlig bedeckt von den schwarzen Wesen, deren eisblaue Augen im Mondlicht glitzerten. Die Wyrrwölfe waren keine echten Tiere. Sie waren nur schlimme Erinnerungen, traurige Gefühle, sich nach dem Wunsch nach Leben verzehrende Seelen Verstorbener, gefangen zwischen Leben und Tod. Ihre Wolfsnasen zitterten bei dem Geruch von Leben, Leben an jenem Ort, den noch nie ein lebender Mensch betreten hatte.
    Wotan stand in der Mitte eines sich immer enger ziehenden Kreises. Seine Hand packte seinen Stab, doch er führte keinen Zauber aus. Die Wyrrwölfe würden ihn nicht angreifen, so sehr sie auch nach seinem Blut gierten. Er war mächtiger als die erbärmlichen Schattenwesen. Und diese erkannten das ebenfalls.
    Die Finsternis, die von den Seelen ausging, umhüllte Wotan wie ein schwerer Mantel. Doch er erkannte, dass da noch etwas Größeres war, etwas Mächtigeres als die unerfüllten Wünsche der Wyrrwölfe. Eine dunkle Magie, die dunkelste von allen. Gebannt unter dem Eis, eine unkontrollierte Kraft, verzweifelt ihren Weg nach draußen Suchen.
    Plötzlich stimmten die Wyrrwölfe einen Gesang an. Ein tiefes, mehrtöniges Jaulen, dass wortelos war. Und doch ahnte Wotan die Aufforderung der Wölfe: Er war der Auserwählte.
    Feeeehuuuu. Die Stimme der Wölfe. Die erste der Runen. Die Erschaffung und Zerstörung. Die kosmische Energie. Die Schöpfung. Das Gleichgewicht.
    Wotan verstand sofort. Die Dunkelheit unter seinen Füßen. Sie war herrenlos, ungezähmt und bald frei. Er verstand auch seine Aufgabe. Und er verstand sein Dasein. Die Erkenntnis war schwer. Die Kraft, die Magie in ihm, sie war immer schon ein schwarz gewesen, einseitig, ungesättigt, vor allem ungleichgewichtig. Sein Leben war vorher bestimmt gewesen, es diente nur dem einen Zweck: All die Macht, die noch weggesperrt war, in sich aufzunehmen. Zum Herrscher der Dunkelheit zu werden, Anführer all der unzufriedenen Kreaturen. Auch sein innerstes Ich würde schwarz werden. Doch hatte er je eine Persönlichkeit gehabt? Oder war sie ihm schon als Kind gestohlen worden, und mit einer falschen vertauscht?
    Sie, die ihm das angetan hatte, tauchte auf dem Felsen auf. Ihr weißes Haar wehte im Wind, sein schwarzes ebenfalls.
    In seinem Traum war er auf dem Felsen gestanden, und sie auf dem See. Sie hatten die Rollen getauscht.
    „Es tut mir leid. Ich habe meine Seite gewählt. Und dich zu deiner gezwungen“
    Eine Stimme, so zart und leise wie der leichte Wind.
    Perchta und Wotan blickten sich an.
    Er schloss die Augen. Schwang den Stab. Das Eis barst.

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