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Sieben Worte für ein Wunder - Und ich war doch schuld

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2 Kapitel - 1.542 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 378 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Das hier ist mein Beitrag zu torden! s Schreibwettbewerb Dezember 2019. Es geht um einen sechsjährigen Jungen und seine Gedanken.

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    Und ich war doch schuld

    Papa war Arzt. Ein sehr guter Arzt. Einmal hatte er sich sogar auf eine Reise machen müssen, in irgendein Hospiz in Nigeria, wo er sich um ebulakranke Menschen gekümmert hatte. Drei Monate war er dort gewesen, und ich hatte zuhause die Tage gezählt bis zu seinem Rückflug, während ich voller Stolz und Vertrauen gewartet hatte. Dann endlich konnte ich ihn wieder in meine Arme schließen und weinte vor Freude, dass er wieder heimgekommen war aus Afrika, dieser anderen fernen Welt, in der es nur so vor wilden Tieren wimmelte. Nur zu gern wäre ich mitgekommen, aber damals war ich erst fünf. Jetzt würde ich immerhin schon bald zur Schule gehen.

    Wenn ich Papa jetzt in meine Arme schloss, dann war das einzige, was ich fühlte, blanke Angst. Furchtbare Panik, die mir den Rücken hochkroch und die Kehle zudrückte wie ein bösartiges Monster. Und dann war da natürlich noch das schlechte Gewissen, das ich Tag für Tag mit mir herumschleppte. Es schien schwer wie Bleigewichte auf meinen Schultern zu lasten, vielleicht der Grund, warum sich meine sonst so aufrechte Haltung in den letzten beiden Monaten zu der einer Schildkröte verändert hatte, die sich lieber in ihren Panzer zurückzog, statt mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Nur selten verließ ich noch mein kleines Kinderzimmer, so wie jetzt, um meinen Durst zu löschen oder vielleicht, weil ich mal musste. Manchmal trieb mich auch der Hunger nach draußen oder die Tatsache, dass ich das Gefühl bekam, die Wände würden sich immer mehr auf mich zubewegen.

    Ich tapste auf nackten Sohlen und in meinem kuscheligen Hundepyjama in die Küche. Ich liebte diesen Pyjama, weil er eine Kapuze hatte, an der zwei Hundeohren angenäht waren, aber leider hielt auch der Schlafanzug nicht die bösen Träume und das Gewissen von mir fern. Ich träumte in letzter Zeit viel zu oft so schlecht, von bösen kleinen schwarzen Krebsen, die in Papas Ohren und in den Mund krochen, nur um dann schweißgebadet aufzuwachen. Die ersten Male hatte ich geschrieen, doch mittlerweile hatte ich mich mehr oder weniger daran gewöhnt. Das war gut, denn Mama konnte dann besser schlafen. Fast jeden Abend nahm sie so eine kleine Pille, damit sie in das Reich der Träume fortgetragen werden konnte. „Sie kann sonst nicht schlafen“, hatte mir meine feministische ältere Schwester vor ein paar Wochen erklärt. Sie war schon fünfzehn und hatte dieses Lächeln, bei dem alle Sorgen wie vergessen schienen. Und dann ihre lindgrünen sanften Augen, in denen ein ewiges Strahlen lag. Sie lächelte immer noch wie früher, aber ihre Augen waren matt. Allerdings schien ich der einzige zu sein, dem das wirklich auffiel. Sie lachte noch immer und war so fröhlich. Aber ihr Zimmer mit dem breiten weißen Bett, das ich so mochte und dem Terrarium, in dem ihr kleines Chamäleon lebte, lag direkt neben meinem. Und so hört ich, wie sie nachts immer weinte. Einmal hatte ich auf die Uhr gesehen. Eine Stunde hatte es gedauert, bis das Schluchzen verebbt und sie endlich eingeschlafen war. Sie tat mir leid, aber ich wollte sie nicht darauf ansprechen, nachdem sie sich so viel Mühe gab, es zu verbergen.

    Auf dem Küchentisch stand eine Flasche mit Mineralwasser, die jemand schon zur Hälfte leer getrunken hatte. Ein Blick durch das große Fenster neben dem Herd erinnerte mich daran, dass der Herbst kam. Eine glitzernde Straße aus silbernem Mondlicht beschien das bereits zu Boden gefallene Laub und ließ mich einen Blick auf die beiden Apfelbäume im Garten erhaschen, an denen die Äpfel langsam reif wurden und die Blätter verwelkten. Ich liebte den Herbst, weil man dann immer so schön Drachen steigen lassen konnte und wenn man hier bei uns im Viertel in den Himmel sah, dann sah es manchmal fast so aus, als würden über dem Spielplatz die Drachen ein rauschendes Fest veranstalten. Wie Fahnen wehten sie im Wind, doch dieses Jahr hatte ich keine Lust dazu. Lieber blieb ich ein wenig länger in meinem sicheren Schilkrötenpanzer. Ich fragte mich, ob ich etwas hätte ändern können, wenn ich in den Wochen zuvor nicht so viel mit Papa gestritten hätte, weil er kaum Zeit gehabt hatte, mit mir zu spielen. Doch eigentlich war mir die Antwort längst bewusst. Hätte ich mich nicht aufgeregt, wäre er jetzt gesund. Mama müsste keine Pillen nehmen, damit sie schlafen kann, und Mika würde sich nicht in den Schlaf weinen. Ich hatte Papa krank gemacht und damit alles zerstört.

    „Finn?“ Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Was machst du hier?“ Ich drehte mich um, worauf ich meine Schwester erkennen konnte. Sie stand an der Schwelle zur Küche, das dunkle rotbraune Haar, das ihr bis auf die Brust reichte war zerzaust, als hätte sie mit beiden Händen darin herumgewühlt. Mika tat das immer, wenn sie sich Sorgen machte. „Was machst du hier?“, wiederholte sie ihre Frage noch einmal. Ja, was machte ich eigentlich hier? Vielleicht hatte ich mich vor der Einsamkeit in den vier weißen Wänden meines Zimmers geflüchtet. Ich hatte aller Poster heruntergerissen, weil sie mir zu fröhlich schienen, zu kindisch, zu albern. Wozu brauchte ich schon all die witzigen Sprüche, wenn mich keiner davon mehr zum Lachen bringen konnte? „Durst“, sagte ich nur. Meine Stimme klang kratzig und verschlafen. Sie nickte. „Ich glaube eher, du hattest Angst vor den Monstern unter deine Bett!“, meinte Mika lächelnd und kicherte. „Es gibt keine Monster“, entgegnete ich in ernstem Tonfall, worauf sie ganz still wurde und mich einfach nur noch ansah. Ich bemerkte, dass sie den Tränen nahe war. Erst jetzt fiel mir auf, dass sie einen Witz gemacht hatte, aber nun war es zu spät, um darüber zu lachen. Die Schuld, die ich tragen musste, hatte mich ernst gemacht wie einen Erwachsenen.

    „Niemals werden wir ernst und erwachsen!“ Die Stimme meiner Schwester hallte in meinem Kopf wider, der Schwur, den wir vor einem Jahr im Sommer unter den Apfelbäumen abgelegt hatten. Natürlich wusste ich, dass sie schon längst dabei gewesen war, erwachsen zu werden, aber sie hatte es trotzdem geschworen. Für mich. Beinahe sah ich sie wieder vor mir, wie ihre Haare damals geglänzt haben und ihre sanften Augen lächelten. Ich hörte ihr Lachen wie ein leises helles Klingeln in meinem Kopf. Es klang mittlerweile so anders, wie eine Fälschung. Als hätte jemand es ihr weggenommen und gegen eine Kopie eingetauscht, die irgendwie ein wenig kaputt war.

    Und jetzt stand sie hier in der Küche vor mir, sah mich stumm an, während sich ihre Augen immer mehr mit Tränen füllten. Sie nahm mich in den Arm und hob mich hoch, sodass ich den Kopf an ihre Schulter legen konnte. Wie konnte sie mich nur tragen, mit all dem Gewicht meiner Schuld? „Es tut mir so leid“, flüsterte ich. „Es ist nicht deine Schuld.“ Das sagte sie immer und immer wieder, wenn wir darüber sprachen, aber es war gelogen. Sie konnte es einfach nicht richtig verstehen. Ich fühlte etwas Feuchtes auf meinem Handrücken. Eine Träne. In solchen Momenten umarmte sie mich immer, damit ich nicht sah, wie sie weinte. Aber ich sah ihre geröteten Augen und die dunklen Flecken auf meiner Kleidung. Sie glaubte, dass ich ihre Traurigkeit nicht mitbekam und ich ließ sie in dem Glauben, weil ich nicht recht wusste, ob sie das glücklich machte. „Doch“, hauchte ich. „Nein, Finn. Du kannst nichts dafür.“ Mikas Stimme war so sanft wie immer, man hörte ihr nicht an, dass sie weinte. Aber der schwarze Fleck an Papas rechtem Arm verschwand nicht, weil sie mir gut zuredete. Papa war krank. Und ich war doch schuld.

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    Kurzer Hinweis, Finn ist natürlich NICHT daran schuld, dass sein Vater Hautkrebs hat. Niemand ist schuld, wenn so etwas passiert, das kann man nicht beeinflussen. Nur, falls das jetzt jemand irgendwie falsch interpretiert.


    Zum Schreibwettbewerb:

    https://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb#comments_anchor

    Schaut doch einfach mal vorbei und macht mit. Ist echt ein sehr toller Wettbewerb.

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Kommentare (1)

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vor 143 Tagen flag
Wow! Eine sehr bewegende Geschichte! Du gewinnst bestimmt!