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14 Kapitel - 26.419 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 689 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

(Abgeschlossen!)
Hast du bereits eine eigene Geschichte geschrieben oder dir gewünscht, in einem Buch zu verschwinden? Solche Vorstellungen hat fast jeder - doch was, wenn sie auf einmal wahr werden und Fiktion zur Realität wird?

"Ich bin genau die Person, für die du mich hältst. Ich bin's, Loona. Aus deinen Geschichten."
Als Loona, die Protagonistin aus den Büchern, die Stella schreibt, plötzlich vor ihr steht, meint die zukünftige Autorin, all ihre Träume gingen in Erfüllung. Aber kennt sie ihre Buchfigur wirklich so gut, wie sie glaubt? Was sind Loonas wahren Motive?
Und was ist eigentlich diese "Wirklichkeit" von der immer alle sprechen?

    1
    Stella

    Ich bin allein.

    Es ist dunkel und still.

    Einzig das Kratzen einer Füllerfeder auf Papier ist zu vernehmen.

    Wenigstens in meinem Kopf. Ich bin so in die Welt aus Worten und Tinte vertieft, dass ich den Lärm und die Stimmen um mich herum einfach ausblende – wie immer, wenn ich schreibe. Besonders, seit die Schule wieder angefangen hat, kann ich kaum noch damit aufhören: Ich schreibe Seite um Seite um Seite und verwandele all die dunklen Gefühle in mir in noch düsterere Geschichten auf dem Papier. Ich schreibe im Biounterricht, während der Lehrer erklärt, dass das Mitochondrium das Kraftwerk der Zelle ist. Ha – als ob ich das nicht wüsste. Ich schreibe alleine in der Pause; während andere Fußball spielen und sich über andere Leute unterhalten, während wieder andere Leute sich über die Leute unterhalten, die sich über andere Leute unterhalten.

    Mein schlichtes, in falsches Leder gebundenes Notizbuch ist meine Welt; mein Versteck. Ein Rückzugsort, wenn ich die Menschen um mich herum nicht mehr ertrage und das Leben, das für mich irgendwie nur nach Rauch stinkt. Zuhause und in der Schule. Meine Geschichten sind der einzige Ort, an den ich gehen kann. ...gut, vielleicht habe ich auch einen kleinen Hang zum Dramatischen. Aber für das, was ich fühle, muss ich mich nicht entschuldigen.

    Diese Gefühle fließen in meinen Kopf über meine Hand durch den Stift auf das Papier, auf dem ich eine andere Person in Geschichten mit meinen Gefühlen kämpfen lasse. Die Geschichten ändern sich wie das Wetter, doch die Person ist immer die selbe. In ihrer Haut würde ich nicht gerne stecken. Sobald ich den Stift auf das Papier setze, kann ich sie vor mir sehen, sie und die ganzen Welten um sie herum, die ich nicht müde werde, immer neu zu erfinden.

    Die Geschichten: das Chaos in meinem Kopf.

    Die Protagonistin: die Schönheit meiner Fantasie.

    Am allerliebsten würde ich in meinem Notizbuch verschwinden und gemeinsam mit dem Mädchen, das ich erfunden habe, Abenteuer erleben. Vielleicht weniger blutige und todgefährliche Abenteuer, aber Abenteuer...

    Eine plötzliche Unruhe reißt mich aus meinen Gedankenspaziergängen. Meine Mitschüler packen ihre Sachen, der Lehrer hat schon wieder ein neues Brötchen in der Hand und auch draußen im Gang wird es laut. Pause.

    Ich verlasse den Klassenraum, ohne irgendjemanden anzusehen, mein Buch vor die Brust gepresst. Auf dem Weg nach draußen kämpfe ich mich durch die nervigen Schülermengen. Durch das Gedränge rutscht meine Brille ein wenig die Nase hinunter. Ich kann gar nicht verstehen, wie Menschen ihre Brille hässlich finden können: Ich liebe meine. Sie ist rund und hat einen dünnen, goldenen Rand. Ich finde, sie passt gut zu meinen Haaren, aber was weiß ich schon davon...

    Auf einmal schießt ein Schwindelgefühl durch meinen ganzen Körper. Erschrocken stütze ich mich mit beiden Händen an der Wand ab, als auch noch schwarze Sterne vor meinen Augen tanzen. Ich kneife fest die Augen zusammen, schüttele den Kopf und versuche, gleichmäßig zu atmen. Vorsichtig richte ich mich wieder auf. Was war das denn? Verwundert warte ich, bis mein Kopf wieder zum Stillstand kommt. Ich kontrolliere, ob ich wieder normal sehen kann, und starre auf meine Hände. Meine leeren Hände.

    „Scheiße!", fluche ich sehr laut, wofür ich ein paar merkwürdige Blicke meiner Mitschüler ernte. Aber es ist mir egal. Mein Buch ist weg. Panisch suche ich den Boden ab – ich muss es fallen gelassen haben. Aber was, wenn ich es nicht finde? Es ist nur ein Buch, nur ein Buch, versuche ich mir einzureden, während ich ein paar Leute zur Seite stoße, ihre empörten Ausrufe ignorierend, fieberhaft suchend. Ich muss es einfach finden. Doch auf einmal kommt mir ein magenschmerzenbereitender Gedanke: Was ist, wenn jemand mein Buch genommen hat?

    Die Hände zu Fäusten geballt suche ich nach Gesichtern, die so aussehen, als könnten sie etwas stehlen.

    Plötzlich trifft es mich wie ein Schlag in den Magen, als ich auf ein Augenpaar treffe, dass mich anstarrt. Die Welt scheint zu verstummen, die eilende Menge um mich herum wird zu zähem Kaugummi.

    Kornblumenblaue Augen.

    Ebenholzschwarze Wellen.

    „Loona", flüstere ich stumm. Aber das kann nicht sein. Sie ist es. Sie ist die... Figur. Aus meinem Buch. Aus meinem Kopf. Es gibt sie nicht. Und trotzdem... steht sie dort, keine drei Meter von mir entfernt. Das Mädchen mit den blauen Augen sieht mich mit glühendem Blick an. Dann, verzerrt langsam, streckt sie den Arm in die Höhe und ich sehe – mein Buch. Sie hat es. Aber... was? Wie? Ist das real? Oder hat der Schreiberwahnsinn meinen Geist vollkommen in Besitz genommen?

    Die Welt scheint auf einmal wieder mit normaler Geschwindigkeit zu laufen, der Lärm schießt in die Höhe, doch ich habe nur Augen für Loona. Sie dreht sich um und rennt regelrecht davon. Einen Augenblick kann ich ihr nur hinterher starren, dann gebe ich mir einen Ruck und folge ihr.

    Verdammt, denke ich, während ich meiner Protagonistin ins Treppenhaus folge, warum musste ich ihr so schnelle Beine anschreiben? Aber ich achte nicht auf meine nach Luft schnappende Lunge. Ich darf nur Loonas dunklen Schopf nicht aus den Augen verlieren.

    Ich hechte um eine Ecke und bekomme gerade noch mit, wie sie in einem Klassenraum verschwindet. Das ist zwar seltsam, aber so muss ich immerhin nicht noch weiter rennen. Überhaupt, die ganze Sache ist seltsam. Aber... Loona wollte ich ja schon immer mal treffen. Mein eigener, kleiner und absolut nicht perfekter Hauptcharakter. Aus meinen Geschichten.

    Enttäuschung macht sich in mir breit, sobald ich einen Fuß in den Raum setze; Er ist leer. Ich schaue aus dem Fenster, hinter die Vorhängen, sogar unter die Tische. Nichts. War Loona letztendlich nur eine außer Kontrolle geratene Fantasie meinerseits? Vermutlich. Dabei hätte ich sie so gerne getroffen, nach all dem Herzblut, das ich in sie und ihre Abenteuer gesteckt habe.

    Mit einem lauten Knall schlägt die Tür zu. Erschrocken drehe ich mich um und -

    Ein Strahlen breitet sich auf meinem Gesicht aus. Ein ungewohntes Gefühl.

    Loona steht vor mir, aus Fleisch und Blut und ganz real. Ich kann den Blick nicht von ihr abwenden. Sie sieht genau so aus, wie ich sie mir immer vorgestellt habe. Die schwarze Lederjacke über dem weißen Hemd. Der Sturm in ihrem Gesicht. Die wild gewellten Haare.

    Auch sie mustert mich mit Interesse. „Du siehst anders aus, als ich dich mir vorgestellt habe", stellt sie fest. Oh. Mein. Gott. Ich könnte tanzen. Selbst ihre Stimme ist so wie in meinem Kopf. Ihre Stimme: ein gefährliches Ding. Wie eine Kerzenflamme. Hübsch, sie kann dir die Fingerspitzen wärmen – aber ein Fehltritt und alles geht in Flammen auf.

    „Ich hatte gehofft", fährt Loona zu meinem Entzücken fort, „Du wärst weniger... hübsch." Sie mustert mich prüfend. „Es ist komisch, dich zu sehen. Verwirrend. Diese butterkeksblonden Unschuldslocken passen überhaupt nicht zu dem, was du schreibst."

    Ich verstehe kaum, was sie da von sich gibt. Allein ihre Stimme ist Musik in meinen Ohren. Mir fällt auf, dass Loona noch immer mein Buch in der Hand hält. Vage deute ich darauf. „W..." Ich bekomme kaum ein gerades Wort heraus. „Wie?" Ich fuchtele ein wenig mit meiner Hand in der Luft herum. „Also... du? Ist das, äh? Bist du?" Ich wage nicht, es auszusprechen. Es fühlt sich so an, als würde das laute Sagen der Tatsache, dass eine Person aus meinem Buch gerade vor mir steht, endgültig meinen Wahnsinn bestätigen.

    Aber Loona rollt nur mit den Augen. „Jaa", antwortet sie gedehnt, „Ich bin. Ich bin genau die Person, für die du mich hältst. Ich bin's, Loona. Aus deinen Geschichten." Sie hebt das Notizbuch, als würde sie mir zuprosten.

    „Aber...", lautet meine superkluge Antwort, „Wie? Ich meine..." Meine Stimme verliert sich im Nichts.

    Loona seufzt ungeduldig. „Ich wusste schon immer, dass ich eine Figur in einer Geschichte bin. Manche wissen es, manche nicht, verstehst du? Vielleicht ist jeder nur eine Geschichte, was ist schon Wirklich? Wenn du weißt, dass jemand anders dein Leben schreibt, und du es nur stark genug willst, dann kannst du aus der Geschichte ausbrechen, um die Person zu treffen, die dich geschrieben hat. Glaub mir, ich wollte es. Mehr als alles andere. Ach ja, falls du das noch fragen wolltest: Nein, du träumst nicht."

    Das Strahlen in meinem Gesicht zerläuft wie Tinte. Ich kann das Zischen von brennendem Papier in Loonas Worten hören. „Und... wieso.... wolltest du mich treffen?", frage ich vorsichtig. „Um dir zu sagen, dass du mit der Scheiße aufhören sollst!" Erschrocken trete ich zurück, bis ich gegen ein Bücherregal stoße. Loonas Stimme beginnt zu tosen wie ein rauschendes Meer.

    „Du findest sechs verschiedene Wörter, um meine Augenfarbe zu beschreiben, aber nimmst dir noch nicht mal die Zeit, mir eine Familie zu geben! Es hieß nur einmal, ich hätte keine. Ich habe nicht mal einen Geburtstag!"

    „Diese Hintergrundgeschichten konnte ich noch nie gut schreiben", murmele ich entschuldigend, „Hättest du denn gerne eine Familie?" Die zum Leben erwachte Ausgeburt meiner Fantasie macht einen drohenden Schritt auf mich zu. „Natürlich! Aber nein, stattdessen bekam ich kornblumenblaue Augen. Und Veilchenblaue. Himmelblaue. Blaubeerblaue. Azurblaue. Wasserblaue. Dir ist klar, dass Wasser keine Farbe hat, ja!" Blau war schon immer meine Lieblingsfarbe. Aber Loona sieht nicht so aus, als würde sie das in diesem Moment gerne hören. „Wenn du willst, dann schreibe ich dir eine Familie", erkläre ich kleinlaut, „Und einen Geburtstag. Du kannst dir sogar einen Tag aussuchen!"

    „Gib mir deinen Namen."

    „Was?"

    „Du sollst mir sagen, wie du heißt!"

    „Stella."

    Loona betrachtet mich mit verengten Augen. Kleine, blaue Fenster in ihr stürmisches Inneres.

    „Stella", wiederholt sie. „Okay, Stella. Ich will nicht, dass du mir irgendetwas Neues schreibst. Ich habe es satt, deine finsteren Geschichten durchleben zu müssen. Ich habe keinen Bock mehr. Auf Tod. Und Schmerz. Alleinsein. Werwölfe, ich bitte dich! Du bist nicht mal kreativ. Jetzt ist Schluss. Ich will, dass du mit dem Schreiben aufhörst!"

    „Das kann ich nicht!", protestiere ich, „Ich brauche das Schreiben zum Überleben!" Loonas Gesicht verliert jede Regung, mir läuft es kalt den Rücken herunter. Das ist nicht gut. Gar nicht gut.

    „Das dachte ich mir schon", erwidert sie kühl, „Genau deswegen bin ich gekommen. Ich bin gekommen, um dich zu töten, Stella."

    Loona fixiert mich mit ihren wunderschönblauen Augen, während ihre Hand langsam in ihre Jackentasche gleitet. Natürlich weiß ich sofort, was sie gleich in den Fingern, die ich gerne als spinnenartig beschreibe, halten wird: Ein silbernes Briefmesser mit einem eingravierten Mond. Eine unscheinbare, aber durchaus feine Waffe, mit der ich sie schon das ein oder andere Leben habe auslöschen lassen.

    Silber blitzt auf, als Loona auf mich zustürzt, gerade noch rechtzeitig hechte ich zur Seite. Ich bringe ein paar Tische zwischen uns und beobachte Loona von der anderen Seite des Raumes. Mein Puls rast. Zugegeben, so hatte ich mir das Treffen nicht vorgestellt.

    Loona lächelt ein eiskaltes Lächeln. Sie ahnt ihren Triumph über mich bereits.

    Fieberhaft denke ich nach, suche nach einer Sache, einem Detail, das mich retten könnte - ich kenne Loona vermutlich besser als sie sich selbst. Verdammt, irgendetwas muss mir doch einfallen! Ich habe wieder das Regal im Rücken.

    Loona bewacht die Tür. „Lass es gut sein, Stella", säuselt sie, „Du weißt genau so gut wie ich, dass ich dieses Spiel gewinnen werde."

    „Achja?", frage ich, und versuche, selbstsicher zur wirken. „Aber was passiert, wenn du mich getötet hast? Gehst du dann wieder in deine Geschichte? Was passiert dann damit? Bist du dann nicht für immer in der Geschichte mit den Werwölfen gefangen?"

    Loona lässt das Messer sinken. Ihr Triumph ist weg geweht. „Vielleicht hast du recht", murmelt sie, „Du musst mich da raus schreiben. Fünf Sätze. Ich besiege die Werwölfe ohne selbst einer zu werden, lasse alles hinter mir, und finde wie durch ein Wunder meine Familie. Kapiert?"

    „Wieso sollte ich das tun?", frage ich weiter. Hinter meinem Rücken taste ich die Bücher ab: Mir ist tatsächlich etwas eingefallen, das mir helfen kann. Loonas größte und zugleich lächerlichste Angst. Ich muss nur Zeit schinden und das richtige Buch erwischen...

    „Du willst mir dein Briefmesser durchs Auge schicken", rede ich drauf los, „Wieso sollte ich etwas für dich tun?"

    Loonas Hand ballt sich um das Silber. „Vielleicht jage ich dir das Messer dann durch dein Herz", erwidert sie berechnend, „Das ist weniger schmerzhaft." Meine Finger tasten weiter über die Bücher, bis sie auf einen gebrochenen Einband stoßen, der mir vom Gefühl her bekannt vorkommt. „Sehr großzügig von dir." Ich ziehe das Buch einen halben Zentimeter heraus, während ich weiter Loona fixiere. „Aber noch nicht überzeugend." Wenn ich mich irre, und es ein anderes Buch ist, habe ich verloren. Denn ich muss Loonas Schwäche ausnutzen: ihre lachhaft große Angst vor Katzen.

    „Wenn du nicht kooperieren willst", Loona macht einen drohenden Schritt nach vorne, ihr weiches Gesicht verzerrt, „Dann werde ich dich zwingen. Ich kann dir versprechen, ich finde einen Weg." Sie hasst mich.

    „Oh, das glaube ich dir", erwidere ich betont locker, „Schließlich habe ich persönlich dafür gesorgt, dass du irgendwie immer alles schaffst, was du dir in den Kopf setzt." Hinter meinem Rücken ziehe ich das Buch lautlos aus dem Regal.

    Loona bewegt sich weiter auf mich zu wie ein Raubvogel. „Vielleicht hättest du mich nicht so unbesiegbar gestalten sollen", zischt sie.

    „Du bist nicht unbesiegbar." Ich bin selbst überrascht, wie gefasst und sachlich meine Stimme klingt – schließlich stehe ich gerade vor einer Person, die mich tot sehen will. „Ich kenne dich besser als du dich selbst. Ich kenne deine größte Angst. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich dir diese Angst gegeben habe, aber jetzt ist sie echt nützlich."

    Loona glaubt mir nicht. „Hör auf zu labern", knurrt sie.

    „Nur zu gerne."

    Mit einer einzigen, flinken Bewegung strecke ich das Buch vor mir aus wie ein Kreuz. An der tannengrünen Rückseite des Umschlags sehe ich, dass ich mich nicht getäuscht habe: Es ist das Buch "1000 Katzen".

    Loona starrt einen Herzschlag lang wie erstarrt auf das Buch. Klirrend fällt ihr das Messer aus der Hand, dann füllt ein gellender Schrei das Klassenzimmer. Meine lebendige Protagonistin kneift die Augen zusammen und presst sich die Hände auf die Ohren, ununterbrochen kreischend. Das Buch vor mir ausgestreckt wie einen Schutzschild laufe ich an ihr vorbei. Kurz vor der Tür lasse ich den schweren Band laut auf den Boden fallen und stürze aus dem Raum, schlage die Tür zu und blicke mich hitzig um. Niemand ist hier. Die Pause ist noch nicht zu Ende. Mein Blick fällt auf einen der urigen Fernsehschränke, abgestellt in der Ecke des Ganges. Angestrengt schiebe ich den Schrank auf Rollen vor die Tür des Klassenzimmers, ich höre mein Blut in den Ohren rauschen. Gerade noch rechtzeitig, denn drinnen ist Loona bereits verstummt.

    Mit schmerzendem Herzen blicke ich mich noch einmal um, ehe ich in das Treppenhaus verschwinde. Ich liebe Loona. Ich habe sie so viele Abenteuer erleben lassen, bei jedem davon habe ich mitgefiebert. Immer wenn es wirklich spannend wurde, ist meine Hand so schnell über das Papier geflitzt, dass die Buchstaben beinahe verschmolzen und kaum zu entziffern waren. Hätte sie nicht den Wunsch, mich zu töten, könnten wir einiges an Spaß zusammen haben. Ganz wunderbar könnten wir uns streiten und diskutieren, zusammen verrückt sein, gemeinsam sensationelle Abenteuer überstehen und Freunde werden. Aber Loona hat Recht: Ich habe ihr ganz schön viel Leid zugefügt. Woher sollte ich denn wissen, dass meine Worte das tatsächliche Leben von einer anderen Person bestimmen? Dass alles echt ist, wenn auch in einer anderen Welt?

    Die Sehnsucht nach wahr werdenden Worten will mich zurückhalten, doch ich wende mich ab und mache mich auf den Weg.

    Wohin?

    Keine Ahnung. Eins steht fest: Loona wird mich verfolgen und suchen. Ich bin ihr neues Ziel geworden. Ihre Ziele gibt sie niemals auf.


    2
    Loona

    Hitze steigt in mein Gesicht. Vor Wut. Und Scham. Ich habe sie entkommen lassen! Nur wegen eines blöden Katzenbuches! Ich bin wütend auf mich selbst. Wie konnte ich das zulassen? Woher soll ich jetzt wissen, wo Stella hingeht, wo sie sich vor mir verstecken wird? Werde ich sie überhaupt finden? Schließlich kenne ich mich hier nicht aus. Ihre Welt ist so... anders.

    Grimmig hebe ich mein Messer wieder auf – und das blöde Buch, in dem meine Geschichten stehen. Ich betrachte den braunen Umschlag. Vielleicht sollte ich? Mein zorniger Puls beruhigt sich langsam. Ich setze mich an einen der Tische und schlage das Buch auf. Neugierig und verunsichert zugleich. Ich habe all diese Worte durchlebt, aber nie gelesen. Vorsichtig beginne ich zu lesen, langsam, als könnten die Wörter mich beißen. Alles kommt mir bekannt vor, manche Ausdrücke kenne ich schon, wie zum Beispiel die verschiedenen Blaus meiner Augen, dessen Namen mir auch manchmal durch den Kopf gingen. Manchmal konnte ich die Worte fast hören, undeutlich und weit entfernt, aber da. Längst nicht alles, wie ich jetzt feststellen muss. Zähneknirschend gestehe ich mir ein, dass Stella gut schreiben kann. Sie findet hübsche Worte – Buchstaben, die bunte Bilder malen. Besonders die Namen für Farben gefallen mir, obwohl ich es nicht will.

    Karamellfarben. Kanariengelb. Limonengrün und violett. Sonnenuntergangsrot.

    Aber auch andere Begriffe, wie winterwassertiefe Furcht oder geisterhafte Stimmen.

    Ich blättere weiter nach hinten und finde mich in der Werwolfgeschichte wieder. Die, die mir am allerwenigsten gefällt. Ja, da ist sie, die Stelle, an der ich endlich aus dem Buch ausbrechen konnte:

    Loona hörte das donnergrollende Knurren der Werwölfe vor der schweren Tür, die bloß darauf warteten, dass sie wieder herauskam. Blind in der Dunkelheit streckte sie die Hände vor sich aus. Was für ein Raum war das? Vermutlich hätte sie weiterlaufen sollen. Wenn es hier nicht weiterging, musste sie Wohl oder Übel wieder nach draußen und sich den Werwölfen stellen. Mit ihren spinnenartigen Fingern tastete sie nach ihrem Messer in ihrer Tasche, suchte nach der vertrauten mondförmigen Einkerbung in dem Silber. Ihr Blut schien zu gefrieren, als es nicht da war. Hektisch durchsuchte sie ihre anderen Taschen, doch: Nichts.

    Plötzlich schlang sich etwas kaltes um ihr Fußgelenk und riss sie tiefer in die Dunkelheit, aus der gänsehautbereitende Geräusche

    Das war der Moment, in dem ich wirklich keine Lust mehr hatte und der Absatz urplötzlich mitten auf der Seite abbricht. Nachdenklich betrachte ich Stellas eigenwillige Schrift, die Buchstaben wogen von links nach rechts wie Wellen, das kleine l lehnt sich nach links und stößt fast mit dem b zusammen, dass in die andere Richtung fliehen will. Ihre Schrift sieht aus, als wollte sie davonlaufen, panisch, in alle Richtungen gleichzeitig. Ich denke an die wenigen Momente, in denen ich selbst einen Stift auf Papier gesetzt habe. Ich kann nicht gut schreiben. Meistens purzeln die kindlichen Druckbuchstaben verwirrt durcheinander und mir tut schnell die Hand weh.

    Draußen auf dem Gang wird es laut, als plötzlich die Tür aufgeht.

    „Wer bist du denn? Und wieso stand der Fernsehschrank vor der Tür?" Wie aus einem Traum erwacht hebe ich den Kopf. Eine junge Frau blickt mich missbilligend und fragend an, hinter ihr eine ganze Schulklasse. „Entschuldigung", murmele ich und schiebe mich durch die irritieren Schüler.

    Ich muss Stella finden.

    Als ich das große Schulgebäude verlasse und die herbstlich bunten Bäume betrachte, gehen mir plötzlich Wörter durch den Kopf, die nicht meine eigenen sein können. Verwirrt bleibe ich stehen. Es fühlt sich genau so an, als würde jemand in diesem Moment über mich schreiben. Aber das kann nicht sein – schließlich habe ich Stellas Buch. Trotzdem verlässt mich das Gefühl nicht, dass in den Schatten dunkle Worte auf mich warten.

    Tigernde Unruhe breitet sich in mir aus. Stella ist weg, so viel steht fest. Wie soll ich sie jetzt wiederfinden?

    Auf der nahen Straße rauschen mehrere Autos vorbei und ich weiche zurück, obwohl ich mehrere Meter entfernt stehe. So schnell, so groß... Wie sich Autofahren wohl anfühlt? In meiner Welt gab es stets nur sehr altertümliche Modelle und Eisenbahnen. Hier jedoch... alles ist fremd. Aber auch aufregend.

    Das löst allerdings immer noch nicht mein Problem: Ich muss Stella finden.

    Mit einem Mal werde ich mir des Gewichts in meiner Hand schrecklich bewusst: Mein ganzes Leben steckt darin. Mit schmalen Augen betrachte ich den Einband. Was, wenn?

    Und plötzlich weiß ich, wie ich Stella finden werde.


    Versteckt beobachte ich Stella, wie sie vor einem großen, grauen Haus steht, dass die halbe Straße einzunehmen scheint. Sie sieht merkwürdig aus. Der Ausdruck in ihrem Gesicht ist anders. Plötzlich bückt sie sich und hebt einen Zigarettenstummel vom Boden auf, um ihn in eine Mülltonne zu werfen. Ich sehe, wie ihre Schultern sich seufzend heben, ehe sie das Haus betritt.

    Das, was ich gerade gesehen habe, bestätigt nur mein Gefühl, dass Stella keine sehr fröhliche Persönlichkeit ist. Sie erinnert mich an ein kleines Mädchen, das in eine zu graue Welt gesteckt wurde, aus der es nicht ausbrechen kann. Ich hoffe, sie wird irgendwann glück- Nein. Verwirrt schüttele ich den Kopf. Stella wird niemals wirklich glücklich sein. Sie wird auch nicht alt werden, nie aus ihrer grauen Welt entkommen. Denn ich werde sie töten – nach allem, was sie mir angetan hat, ist das nur gerecht.

    Aber wenn ich noch länger hier vor der Tür auf sie warte, wird auch das niemals geschehen. Ich mache mich dicht an der Hauswand ganz klein, verschmelze fast mit dem schmutzigen Hintergrund. Die Hand in der Tasche mit dem Messer verharre ich und warte.

    Stella bemerkt mich nicht, als sie das Haus verlässt. Sie macht sich nicht einmal die Mühe, einen Blick über die Schulter zu werfen. Das ist dumm... andererseits: Umso besser für mich. Leider fast schon langweilig.

    Mit ausreichendem Abstand verfolge ich sie. Ihr heller Lockenkopf leuchtet als einziger Farbtupfer in der grauen Ödnis, und nicht ein einziges Mal schaut sie sich um. Es kommt mir fast zu einfach vor, ihr zu folgen, aber ich weiß es besser – ich bin bloß sehr geübt darin, meinen Zielen nach zu laufen, ohne dass sie es bemerken. Aufmerksam betrachte ich Stellas Rucksack, der beim Laufen auf und ab wippt und frage mich, was er wohl enthält. Noch mehr Leben, noch mehr Geschichten?

    Ich höre Stellas Ziel, bevor ich es sehe. Lautes Rattern und das Zischen von Dampf, die üblichen Geräusche eines Bahnhofs begrüßen uns. Obwohl ich Züge bereits aus meiner Welt kenne, verwirrt mich der Anblick. Irgendwie sieht alles schneller und schlanker aus, die Züge glänzen und es ist lauter, als ich es kenne. Es sieht moderner aus. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln – Schreiber haben die merkwürdige Angewohnheit, ihre Geschichte entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft spielen zu lassen. Die allerwenigsten schreiben über ihre Gegenwart. Ganz so, als wollten sie so wenig wie möglich über die reale Welt nachdenken.

    Stella wartet fünf Minuten auf einer kalten Bank auf ihren Zug. Dabei starrt sie wie eingefroren vor sich hin, schaut stur geradeaus, auch, als sie einsteigt. Oh, mein dummes Blondlöckchen. Ich folge ihr in den Zug und setze mich gerade so weit von ihr entfernt, dass ich mich nur ein bisschen nach rechts lehnen muss, um ihre langen Beine in der zerschlissenen Jeans zu sehen, die in den Gang ragen.

    Heute ist dein letzter Tag, denke ich mit Schadenfreude. Ich spüre das vertraute Kribbeln in den Fingern. Der verlockende Reiz des gefährlichen Spiels des Jagens und Tötens packt mich jedes Mal. Der Zug setzt sich in Bewegung, wird schneller und schneller, bis die Welt draußen vor meinen Augen verschwimmt. Gebannt blicke ich durch das Fenster, genieße das Kribbeln in meinem Bauch und würde am liebsten laut loslachen. Ein verdammt tolles Gefühl, sich so schnell fort zu bewegen!

    Ein Räuspern ertönt. „Ihre Fahrkarte, bitte."

    Ich zucke zusammen, schaue nach rechts und sehe einen älteren Mann, dessen Weste sich bedrohlich knapp über seinen Bauch spannt.

    „Ich..." Natürlich habe ich keine Fahrkarte. Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass man so etwas brauchen könnte.

    Der Mann zieht missbilligend die Augenbrauen zusammen und will gerade etwas sagen, da- „Oh, sie gehört zu mir. Wir fahren mit einem Zweierticket."

    Eine Frau, die so alt aussieht, als würde sie jeden Moment tot umfallen, mit Runzeln und weißem Haar, taucht hinter dem Mann auf und wedelt mit einer kleinen Karte unter seiner Nase herum. „Das ist meine Enkelin, wissen Sie?"

    Der Dicke nickt, hält ein seltsames Gerät über die Karte, nickt erneut und schlurft weiter.

    Mit offenem Mund schaue ich zu der alten Dame, die mir auf einen Stock gestützt zuzwinkert.

    „Ähm- Danke", murmele ich verwirrt.

    „Das macht doch nichts, Schätzchen. Jeder vergisst mal seine Fahrkarte, das passiert mir andauernd." Sie tippt sich an den Kopf. „Das Alter. Und heute habe ich mir ein Zweierticket gekauft, obwohl ich alleine fahre. Bald werde ich wohl völlig plemplem." Doch sie sagt es mit einem Lachen und ihre Augen blitzen fröhlich, ehe sie weiter geht und sich einen Platz sucht.

    Mit klopfendem Herzen blicke ich ihr nach.

    So viel Freundlichkeit.

    Ich folge Stella aus dem Zug, durch ein paar schmutzige Straßen, über einen immer schmaler werdenden Weg, von dem bald nur noch ein Pfad übrig bleibt, in einen Wald. Schleichend wie die Dämmerung bleibe ich ihr – mit etwas Abstand – auf den Fersen. Zweige auf dem moosigen Waldboden knacken laut unter Stellas ausgeblichenen Schuhen. Ich kann mir nicht vorstellen, wo sie hin will. Zwischen den tief hängenden Nadelzweigen kommt es mir so einsam vor, dass man schreien könnte, ohne dass eine Menschenseele etwas mitbekommen würde. Selbst das klimpernde Vogelgezwitscher in den Baumwipfeln verstummt irgendwann.

    Perfekte Bedingungen ... für mich.

    Mit jedem Schritt bewege ich mich federnder, vibrierend vor Vorfreude. Stella ist die einfachste Beute, die ich je hatte – bis sie sich das erste Mal umdreht. Ich lasse mich fallen und hoffe, dass der schmalblättrige Farn mich verstecken wird. Ich presse mein Gesicht auf die Erde und warte.

    Einen Herzschlag und noch einen und noch fünf weitere.

    Erst dann traue ich mich, den Kopf wieder zu heben. Stella ist verschwunden, verwirrt richte ich mich auf. Mein Blick springt zwischen den Bäumen hin und her, auf der Suche. Erst, als ich nach oben schaue, begreife ich: Ein einziger Laubbaum mit ausladender Krone steht inmitten der Nadelbäume – und dieser Baum trägt ein Baumhaus, zusammengebastelt aus alten Brettern und schiefen Nägeln. Ein bunter Vorhang, der nicht so recht zu dem abgenutzten Rest passen will, flattert leicht und bildet den Durchgang. Ich entdecke eine Strickleiter, die eingezogen nur etwa einen halben Meter von der Plattform baumelt. Für mich ist sie nutzlos, aber Stella kennt vermutlich irgendeinen Trick, wie man sie von unten ausrollen kann. Sie muss da oben sein.

    Verbissen ramme ich mein Messer tief in das Holz des Baumes und ziehe mich daran hoch. Einen Arm und die Beine schlinge ich um den Stamm, reiße das Messer heraus und stoße es wieder durch die Rinde. Mit zusammengepressten Zähnen kämpfe ich mich den astlosen Stamm hoch. Mit zitternden Fingern erreiche ich schließlich das verdammte Haus. Es gibt keine Plattform, auf der ich mich vorbereiten könnte. Stattdessen stemme ich mich hoch, bis ich auf dem Absatz der Bretter knie. Jetzt trennt nur der bunte Vorhang mich von meinem Ziel.

    Mein silbernes Messer in der Hand springe ich auf und stolpere in das Innere des Baumhauses. Mit großen Augen versuche ich, mich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Ich erkenne einen runden Tisch, einen kleinen Schaukelstuhl, eine Hängematte und heilloses Durcheinander. Ich bin so überrascht von den zerfledderten Büchern, den zerknautschten Kissen und den zerfetzten Papierblättern, die sich auf Tisch und Boden stapeln, dass ich Stella erst gar nicht bemerke. Sie steht auf der anderen Seite des kleinen Raums vor einem kleinen Fenster.

    „Du hast aber lange gebraucht."

    Perplex bekomme ich kein Wort heraus.

    „Wo lag das Problem? Hättest du doch die Leiter gebraucht? Aber ich wollte es nicht zu einfach machen. Wie auch immer, jetzt bist du hier."

    Ich klammere meine Finger um den kühlen Griff meines Messers. Wovon redet sie? Mit rotem Gesicht höre ich weiter zu, als Stella weiter spricht. Ihre Stimme klingt so gelassen! Müsste sie nicht Angst haben? Schließlich ist sie vor mir weggelaufen... oder nicht?

    „Ich wusste, dass du mich verfolgen würdest. Deine Hartnäckigkeit habe schließlich ich geschrieben. Keine Ahnung, wie du mich nach der Schule gefunden hast, aber du findest schon einen Weg, das dachte ich mir jedenfalls. Und jetzt stehen wir hier, das heißt, ich hatte Recht."

    Wieso weiß ich nicht, was ich sagen soll? Vermutlich, weil ich alles andere als wortgewandt bin. Ganz anders als Stella.

    „Ich muss dich töten", platze ich heraus.

    „Nein", antwortet das Schreibermädchen ruhig, „Du willst mich töten, aber du musst nicht."

    „Das ist das Gleiche", brumme ich ungehalten.

    „Nein, ist es nicht. Wenn du etwas tun musst, dann hast du keine andere Möglichkeit oder Alternative. Wenn du etwas willst, dann-"

    „Mir fallen gleich die Ohren ab!", unterbreche ich das endlose Geschwafel von Stella, „Mach mal fertig."

    Ihr Schmunzeln bringt mein Blut noch mehr zum Kochen, aber ich halte mich zurück. „Stimmt, du bist kein großer Freund der Worte. Wie auch immer, ich habe einen Vorschlag."

    Ich verschränke die Arme, ohne das Messer weg zu stecken. „Ich höre."


    3
    Stella streicht sich eine ihrer kurzen Locken hinters Ohr. „Niemand hier wird getötet und trotzdem werden alle glücklich."

    „Kann ich mir nicht vorstellen", erwidere ich gelangweilt.

    Sie löst sich vom Fenster und tritt in den Raum. Die Holzdielen knarzen. „Willst du dich setzen?"

    Ich schüttele den Kopf.

    „Umso besser." Das blonde Mädchen lässt sich in ihren Schaukelstuhl plumpsen und betrachtet mich eingehend. „Ich schreibe dir genau das, was du willst. Alles. Wenn du genug von deinen blauen Augen hast, dann schenke ich dir braune. Umbrabraun oder zimtfarben... wie du willst. Aber das wäre echt schade, deine Augenfarbe ist mir verdammt gut... egal."

    Sie beugt sich über den Tisch weiter zu mir. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass ihre Augen grün sind. Aber mir fällt kein schönes Wort ein, dass die Farbe besser einfangen könnte als... grün. „Du sagst mir, was du haben willst, und ich schreibe es. Ohne wenn und aber. Es gibt von meiner Seite nur zwei Bedingungen."

    Mit zusammengekniffenen Augen starre ich zurück. „Die wären?"

    „Punkt eins: Du durchbohrst mich nicht mit deinem hübschen Messer. Punkt zwei: Bevor du wieder gehst, bleibst du noch ein bisschen hier und unterhältst dich mit mir."

    Stirnrunzelnd lege ich den Kopf schief. „Das Zweite klingt komisch und das Erste ist langweilig. Was für Vorteile habe ich denn, wenn ich dich nicht töte? Das wäre für mich nämlich einfacher."

    Stella beginnt, milde lächelnd, in ihrem Stuhl zu schaukeln. Obwohl es hübsch ist, mag ich ihr Lächeln nicht. Es sieht so mühsam aus auf ihren weichen Lippen.

    „Für dich kommt dabei herum, dass du mir vertrauen kannst. Wenn du mich bedrohst, komme ich viel eher auf den Gedanken, dich einfach wieder zu den Werwölfen zu stecken, als wenn du dich vorher freundlich mit mir unterhalten hast. Verstehst du? Außerdem..." Stella beißt sich auf die Lippe und zögert. „Außerdem werde ich dazu schreiben, dass, sobald die letzte Tinte auf dem Papier getrocknet ist, das Buch sich in Luft auflöst. Das heißt, ich werde nicht weiter schreiben. Nichts über dich. Nicht auf diesen Seiten, aus denen du gekommen bist. Wenn die Dinge, die ich schreibe, wirklich... wahr werden, dann auch das. Ich glaube, das Buch sollte weiter existieren, damit du nicht auch verschwindest oder so, aber ich werde es vielleicht auf den Mond schreiben oder ganz tief in die Erde. Deine Person wird sich nicht auflösen und ich werde nie wieder über dein Leben bestimmen. Du wirst deine Geschichte alleine weiter schreiben müssen."

    Schweigend denke ich nach. Ich will Stella immer noch tot sehen, aber was sie sagt... Ist das nicht auch ein Grund für mich gewesen, aus den Geschichten auszubrechen? Dass ich das ewige Blut an meinen Händen satt habe?

    „Vielleicht lasse ich mich überzeugen", gebe ich widerwillig zu. Stella springt auf. „Gut!", strahlt sie. Ihre schulterlangen Locken wippen, als sie aufgedreht vom Schaukelstuhl zur Hängematte zum Fenster und wieder zur Hängematte hüpft. Ihre runde Brille rutscht ihr dabei über die kleine Nase. „Setz dich", sagt sie und deutet mit fuchtelnden Händen auf den frei gewordenen Schaukelstuhl. Das alte Holz ächzt, als ich mich darauf niederlasse. Stella sitzt aufrecht in der Hängematte und stößt sich leicht mit den Fußspitzen am Boden ab, hin und her schaukelnd. Sie sieht aus wie ein Kind. Ein glückliches Kind mit blonden Locken, das eigentlich keine blutrünstigen Geschichten schreiben sondern lieber bunte Schmetterlinge zeichnen oder Flöte spielen sollte. Ich erwidere ihren wachen Blick mit hartnäckigem Misstrauen.

    Plötzlich wird Stellas Miene wieder ernst. „Ich weiß, dir geht es nicht so, aber ich wollte dich immer kennenlernen. Zumindest habe ich mir das gewünscht... bis du dann wirklich aufgetaucht bist und mich töten wolltest."

    „Tja", entgegne ich, „Pass auf, was du dir wünschst – für den Fall, dass es wahr wird."

    Sie seufzt. „Ich habe dich hier her geführt, weil ich in Ruhe mit dir reden will. Du willst das vermutlich nicht hören, aber... Wenn ich gewusst hätte, dass meine Geschichten irgendwo wahr werden, in einer anderen Dimension oder was auch immer, hätte ich andere Sachen geschrieben. Wirklich. Aber ich wusste es eben nicht. Wenn ich ehrlich bin: So richtig glauben kann ich es auch jetzt nicht. Was ich sagen will ist... tut mir Leid." Stella sieht so ehrlich betroffen aus, dass es mich fast berührt. Fast.

    „Jetzt weißt du es. Trotzdem hast du vorhin noch gesagt, dass du auf keinen Fall aufhören kannst zu schreiben." Leider klingt meine Stimme nicht ganz so kalt, wie ich es gerne hätte.

    „Stimmt", gibt Stella zu, „Das kann ich wirklich nicht. Aber... ich verspreche dir, dass ich keine Geschichten mehr über Personen schreibe. Auch keine Tiere. Ich weiß noch nicht wie, aber irgendetwas wird mir schon einfallen. Ganz kann ich das Schreiben nicht aufgeben, dann drehe ich durch."

    „Wie meinst du das?", frage ich neugierig und vergesse für einen Moment das Messer in meiner Hand.

    „Das ist so... keine Ahnung. Mit den meisten Menschen komme ich überhaupt nicht zurecht und ich habe so viele Bilder und Worte in meinem Kopf und dann fliegt alles zusammenhanglos durcheinander und ich weiß nicht wohin damit und dann schreibe ich einfach alles auf, das mir durch den Kopf geht und so kann ich wieder normal denken. Ich schreibe nicht nur Geschichten, ich sammele auch Wörter, solche, die Bilder in den Köpfen von Menschen malen können."

    Sie zieht ein zweites Notizbuch aus ihrem Rucksack, der vor ihr auf dem Boden liegt.

    „Hier drin. Wenn alles so durcheinander gerät, dass ich keine Geschichte daraus basteln und zusammenkleben kann, schreibe ich einfach nur die Worte auf. Gute oder böse, alles. Ganz am Anfang sind die einzelnen Worte, nach dem Alphabet sortiert, dann kommen ganze Ausdrücke, bunt durcheinander, und danach eine Rubrik für schöne Farbnamen." Versonnen streicht sie über den Einband. „Manchmal bekomme ich so einen Hass auf die Welt und damit ich nicht explodiere muss ich ihn aufschreiben. Deswegen sind meine Geschichten auch alle so blutig."

    „Allerdings, das sind sie."

    Stella grinst und ich grinse zurück. Halt. Ich höre auf zu lächeln und frage: „Woher kommt dein Hass eigentlich?"

    Stellas Blick flattert umher, ohne mich anzusehen. Offenbar ist das eine Sache, über die sie nicht gerne spricht... sehr interessant. „Ich mag Menschen nicht", murmelt sie nur als Antwort. Ich erwidere darauf nichts und beobachte nur mit einer gewissen Genugtuung, wie unwohl sie sich fühlt.

    Doch dieser Ausdruck ist sofort wieder verschwunden und Stellas Augen beginnen wieder zu leuchten, als sie mich fragt: „Was ist deine Lieblingsfarbe?"

    „Ich vermute mal, deine ist Blau? Kornblumenblau?" Stella nickt. „Meine..." Ich lege den Kopf schräg und denke nach. Mein Blick fällt durch das Fenster. „Grün", antworte ich. „Was für ein Grün?", hakt Stella nach. Ich zucke nur mit den Schultern. Stella beginnt, in ihrem Wörterbuch zu blättern, dann hält sie es mir hin. „Da."

    Angestrengt lese ich die Überschrift auf der Seite:

    Grün

    Ich schaue Stella in die Augen und dann wieder auf die Seite mit ihrer wogenden Schrift. Mit zusammengekniffenen Augen überfliege ich die Seite.

    blattgrün

    smaragdgrün

    giftgrün

    ...

    „Kleeblattgrün", entscheide ich mich schließlich.

    „Eine gute Wahl", nickt Stella. Ihre Iris hat die selbe Farbe, in der ich mir ein gesundes Kleeblatt vorstelle.

    „Okaay", sagt Stella gedehnt, „Weiter im Text." Als hätte sie ein Programm für uns vorbereitet. Was sie vielleicht sogar hat.

    „Ich nehme an", schlage ich vor, „Du willst noch mehr über mich wissen? Mich, deine tolle Buchfigur."

    Stella schmunzelt. „So ungefähr. Eigentlich wollte ich dich fragen, was du gerne hättest. Also was ich dir schreiben soll." Ich lege den Kopf zurück und betrachte die Decke des Baumhauses, die ebenfalls aus alten Brettern besteht. Verwundert stelle ich fest, dass jemand – vermutlich Stella selbst – sie mit bunten Sternen und Monden bemalt hat. Was hätte ich gerne? Das ist eine gute Frage.

    „Keine neue Augenfarbe", beschließe ich.

    Stella nickt zufrieden.

    „Eine Familie. Und-"

    „Halt", unterbricht sie mich und hebt in abwehrender Geste eine Hand, „Da muss ich schon mehr drüber wissen. Eltern? Bruder, Schwester, Halbgeschwister?"

    Das hört sich kompliziert an. Es ist ein komischer Gedanke, dass ich jetzt meine eigene Familie erfinden soll. Ich gebe mir Mühe und tue etwas, das ich normalerweise für überflüssig halte: Nachdenken.

    „Keinen Bruder. Eine kleine Schwester", entscheide ich schließlich, „Ein Mädchen mit blonden Locken."

    „Blond", wiederholt Stella murmelnd, „Was für ein Blond denn?" Ich zucke mit den Schultern. Stella betrachtet mich eingehend. „Weißblond? Nein... nein, das passt überhaupt nicht. Wie wäre es mit honigfarben?"

    „Klingt gut", antworte ich, „Kann sie Sommersprossen haben?" Ich stelle mir das kleine Mädchen zuckersüß vor, mit geringelten Honiglocken und einer kleinen Nase mit Sommersprossen. Ich weiß sofort, dass ich sie mit Leib und Seele vor allen Gefahren auf der Welt verteidigen will und werde – obwohl es meine Schwester vermutlich noch gar nicht gibt.

    Meine kleine Schwester.

    Dieser fremde Ausdruck kribbelt in meinem Bauch.

    „Gut", sagt Stella und klingt plötzlich hoch konzentriert, „Wie weiter?" Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie sich etwas auf einem losen Blatt Papier notiert hat.

    „Ähm", mache ich. „Eltern. Aber nicht so blöde Eltern, die ihre Kinder immer alleine lassen. Sondern nette."

    „Nette Eltern", murmelt Stella und starrt auf ihre zerrissene Jeans. Sie sieht traurig aus wie ein Toter, als sie etwas weiteres notiert. „Lässt sich einrichten." Ihre Stimme klingt fest.

    Ein wenig verwirrt fahre ich fort: „Also... gut." Ich räuspere mich. „Das wäre es dann, was die Familie angeht. Ich – Ich möchte nicht aussuchen, wie meine Eltern aussehen oder wie sie sind. Kannst du das übernehmen? Ich glaube, du hast da ein besseres Gefühl für als ich."

    „Klar", erwidert Stella, „Wird sofort erledigt."

    Ihr Füller kratzt über das Papier, sie streicht etwas durch, überlegt, schreibt, streicht wieder durch und schreibt weiter. Für eine kurze Weile ist es das einzige Geräusch, das zu hören ist. Ich beobachte Stella während sie schreibt. Die gerunzelte Stirn, wenn sie nachdenkt, wie sie mit der Feder ungeduldig auf das Blatt tippt und sich auf die Unterlippe beißt, wenn ihr nichts einfällt.

    Ich stecke mein Messer zurück in die Jackentasche.

    „Und sonst so?", fragt Stella, als sie fertig ist. Ein Bild ist in meinem Kopf aufgetaucht. „Was kannst du denn alles möglich machen?", frage ich zurück.

    Stella zuckt mit den Schultern. „Alles. Oder, naja, ich weiß es nicht. Bis vor diesem Tag habe ich schließlich nicht einmal geahnt, dass meine Worte irgendwie... echt werden, oder? Sag mir was du haben willst, und ich richte es so, dass es logisch ist."

    Ich spüre, wie meine Wangen heiß werden, als ich erkläre: „Ich würde gerne, dass wir alle zusammen in einem kleinen Haus in den Bergen wohnen. Irgendwo, wo es ganz einsam ist. Aber ich weiß nicht, wie das funktionieren soll, wenn meine Eltern arbeiten müssen..."

    Entgegen meiner Erwartung lacht Stella mich nicht aus. „Das klingt schön", sagt sie nur, „Ich würde auch gerne in den Bergen wohnen. Ich war einmal irgendwo in den Bergen und das war so wunderschön... mir sind total viele neue Wörter eingefallen. Schöne. Keine über Hass." Auf einmal hellt sich ihre Miene auf. „Deine Eltern könnten Autoren sein. Dann können sie auch Zuhause arbeiten." Mein Herz macht einen Hüpfer. Die Vorstellung, dass all das wahr werden soll, nach all der Zeit, in der ich die romantische Seite in mir verstecken und stark sein und kämpfen musste, kommt mir das wunderbar vor. So kenne ich mich normal gar nicht.

    „Deine Mutter ist Autorin und dein Vater Lehrer. Dann kann er dich und deine kleine Schwester Zuhause unterrichten. Wie findest du das?"

    „Super!", rutscht es mir heraus, „Also... ich meine... klingt nett." Stella blickt von ihrem Papier auf. Ein merkwürdiger Ausdruck liegt in ihren Augen, doch sie sagt nichts. Dann überfliegt sie den Zettel. „Fehlt noch was?", fragt sie.

    Mir kommt plötzlich ein Gedanke, der verlockend und gruselig zur gleichen Zeit ist. „Eine Sache gäbe es da noch", sage ich zögernd. Stella blickt mich aufmerksam an. „Ja?"

    Ich habe wieder mein Messer in der Hand und spiele damit herum, wie immer, wenn ich unsicher bin. „Ich...", beginne ich langsam, „Ich will das vergessen."

    „Was?"

    „Dass jemand anderes meine Geschichten geschrieben hat. Dass ich jetzt ausgesucht habe, dass meine kleine Schwester blonde Locken und Sommersprossen hat. Ich will in meine Geschichte zurückkehren und denken, dass ich immer dort war. Ich will mich nicht mehr daran erinnern, dass ich eigentlich einem Buch entstamme."

    Ich traue mich kaum, Stella anzusehen, aber so ist es. Ich will endlich leben, ohne darüber nachdenken zu müssen, was mein Schreiber als nächstes mit mir vorhat.

    Als ich dann doch hoch blicke, sieht Stella ernst aus. Sie schaut mich an, nur mich. Einen langen Augenblick. Dann sagt sie: „Okay."

    Ich atme erleichtert auf. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich so, als sollte ich mich entschuldigen. Aber ich tue es nicht. Vergeblich suche ich in meinem Inneren nach dem Hass auf das Mädchen, das so viele schreckliche Geschichten über mich geschrieben hat – ich kann ihn nicht finden.

    Vielleicht tut es ihr wirklich leid.

    Vielleicht will sie mir wirklich helfen.

    Vielleicht ist sie nur ein kleines Mädchen mit blonden Locken und großen grünen Augen, das Geschichten schreiben muss, weil sie sonst in der Welt untergeht.

    Vielleicht mag ich sie.

    Ich schaue Stella an und sie schaut mich an. Ich frage mich, was in ihrem Kopf vor sich geht.

    Nach einer stummen Weile sagt sie mit entschlossener Stimme: „Gibst du mir das Buch?" Das Buch. Natürlich. Es liegt auf meinem Schoß. Wortlos überreiche ich es Stella. Jetzt hat sie mich in der Hand. Ich sollte misstrauisch sein, mein Messer zücken und kontrollieren, was sie schreibt. Aber ich tue es nicht. Ich weiche ihrem Blick auf und schaue auf meinen Schoß, wo ich weiter mit dem Messer spiele.

    „Hey", sagt Stella und endlich schaue ich auf. Sie mustert mich intensiv und irgendetwas... kommt mir falsch vor.

    „Was ist?"

    Das Schreibermädchen betrachtet wieder das geschlossene Buch in ihren Händen.

    Hat sie es sich etwa anders überlegt? Sofort schließe ich die Finger wieder fester um mein Messer. Nun – zu spät. Ich bin auf ihre lächerlichen Bedingungen eingegangen, da kann sie jetzt keinen Rückzieher mehr machen.

    „Es geht nicht auf." Sie streckt mir das Buch entgegen. Als ich es ihr abnehme, spüre ich, dass ihre Hände zittern.

    „Was soll das heißen?", frage ich, obwohl meine eigenen Hände merken, was das heißt. Das Buch, dieses blöde, braun gebundene Notizbuch will sich einfach nicht öffnen lassen. Gleichermaßen wütend und verwirrt will ich die Buchdeckel auseinander stemmen, mit aller Kraft – doch es hilft nichts. „Das kann nicht sein. Das ist doch unmöglich. Vorhin – da ging es doch noch!" Verzweifelt blicke ich hilfesuchend zu Stella.

    Ihre großen, grünen Augen sind weit geöffnet und fixieren das Buch. „Ich weiß auch nicht, wie das sein kann. Als hätte jemand jede einzelne Seite zusammengeklebt, mit irgendeinem Superkleber oder... Magie oder... Was weiß ich." Sie presst die Hände auf ihr Gesicht.

    Und ich fühle mich, als hätte ich einen Schlag in den Magen bekommen. Was hat sie eben gesagt? Magie? Und vorhin, als ich noch bei ihrer Schule war, dieses Gefühl von fremder Kontrolle... und danach... Verdammt, wenn ich recht habe... Aber ich will nicht recht haben, nicht in diesem Fall.

    Ich räuspere mich. „Was heißt das jetzt? Kannst du mich nicht zurückschreiben? Aber – du könntest doch einfach irgendein loses Papier nehmen, oder etwa nicht?"

    „Ich weiß es doch auch nicht", seufzt Stella durch ihre Finger und lässt schließlich die Hände sinken. „Ich habe das Gefühl, du weißt viel mehr über diese ganze Geschichte als ich."

    Ich schlucke.

    Da könntest du Recht haben, Schreibermädchen, denke ich. Mehr, als dir oder mir lieb ist...


    4
    Stella
    Die Worte wollen einfach nicht kommen. Während Loona am Fenster des Baumhauses steht und in den Wald starrt, versuche ich, irgendetwas auf Papier zu bringen. Denn mein Buch bleibt hartnäckig verschlossen und ich fühle mich, als hätte ich den einzigen Schlüssel zu einem großen Schloss verloren. Bleibt nur die Frage, wo und wie ich ihn wiederfinden kann.

    Normalerweise brauche ich nicht mein Notizbuch zum Schreiben, ein einfaches Blatt reicht aus, ja, auch auf eine verdammte Serviette könnte ich schreiben – wenn die Worte in meinem Kopf stimmen.

    Konzentriert bemühe ich mich, dieses besondere Gefühl heraufzubeschwören, dass ich beim Schreiben spüre wie eine zweite Haut. Eine hauchzarte Idee, etwas Inspiration genügt, und die Buchstaben und Sätze sind Herbstsonnengold in meinem Kopf, oder Blutrot, je nach dem, was mir durch den Kopf geht...

    Nicht jedoch heute.

    Ich starre auf das blanke Papier und mir fällt nichts ein.

    Mir fällt einfach nichts ein.

    „Wie bist du eigentlich zu diesem Baumhaus gekommen?"

    Ich habe gar nicht bemerkt, dass Loona mittlerweile mich und nicht länger die Bäume beobachtet.

    Ich zucke mit den Schultern. „Hab's gefunden. Vor drei Jahren oder so."

    „Einfach so?"

    Ich erwidere ihren aufmerksamen Blick. Warum interessiert sie das? „Ich war hier im Wald spazieren und bin irgendwann auf diesen Ort gestoßen. Dieser eine Laubbaum bei den ganzen Tannen und Kiefern – merkwürdig, meinst du nicht?"

    „Vielleicht-", sagt Loona, doch dann schüttelt sie den Kopf und meint bloß: „Allerdings. Und weiter?"

    „Ich war ein paar Mal hier und habe geschaut, ob auch andere Menschen hier her kommen. Aber es war nie jemand hier also- also dachte ich, es ist okay, wenn ich..." Meine Wangen werden heiß und Loona schmunzelt amüsiert über meine Verlegenheit. „Jedenfalls", fahre ich hastig fort, „war schon alles hier... der Schaukelstuhl... die Hängematte... ich habe einen Zettel hier gelassen, ob das hier jemandem gehört, und zwei Monate gewartet, aber es blieb unverändert."

    Mit schief gelegtem Kopf spielt Loona mit einer dunklen Haarsträhne und mustert mich. „Hast du diese Sterne und den Mond und so an die Decke gemalt?"

    Ich nicke und freue mich heimlich, als Loona dies mit „hübsch" kommentiert. „Den Vorhang da habe ich auch aufgehängt", erkläre ich und deute zum Eingang.

    Doch sie scheint mich kaum zu hören. Ihr Blick geht in die Weite und für eine Weile ist nur das Zirpen der Vögel und das Rascheln des Waldes zu vernehmen, doch mich stört die Stille nicht; im Gegenteil. Verstohlen betrachte ich Loona – mein Werk, meine bildhübsche Schöpfung... Blätterraschelnd zieht eine Brise durch mein Baumhaus und lässt ihre dunkelbraunen, fast schwarzen Locken im Wind wehen. Der Drang, ihr die durcheinander gebrachten Haarsträhnen hinter die Ohren zu streichen, überkommt mich und hastig verschränke ich meine Hände hinter dem Rücken.

    Allmählich taucht Loona aus ihrer Gedankenwelt auf und ihre tintenblauen Augen finden die meinen. „Hör zu", sagt sie langsam mit seltsam ernsten Zügen.

    Ich kann es mir gerade noch verkneifen, ihr zu gestehen, dass ich gerade nichts auf der Welt lieber tun würde, als ihr zuzuhören. Wie sehr ich ihre Stimme liebe... Doch ich nicke nur und schenke ihr meinen aufmerksamsten Blick.

    „Ich habe eine Vermutung, was los sein könnte." Die alten Holzbretter knarzen leise, als sie sich mir gegenüber auf dem Schaukelstuhl niederlässt. „Ich weiß nicht... wie ich dir das jetzt beibringen soll." Unruhig rutscht sie auf dem Platz herum, steht wieder auf und wendet mir den Rücken zu. „Du meintest, ich würde einen Weg finden, dir zu folgen. Also... das habe ich auch. Aber vielleicht nicht so, wie du es dir vorgestellt hast." Ihre Stimme wird von Wort zu Wort leiser.

    Bilde ich es mir nur ein, oder wird es hier drinnen wirklich etwas dunkler? Loonas Worte sind wie unheilschwangerer Nebel, der sich wie eine bedrohliche Wolke ausbreitet und sich in meinen Kopf schleicht und mir Gänsehaut bereitet. Fehlt nur noch, dass diese seltsame Stimmung durch ein Gewitter oder einen Wolkenbruch vollendet und abgerundet wird.

    Eine Sekunde später donnert es in der Ferne und ich zucke zusammen.

    Ruckartig wirbelt Loona zu mir herum und ich sehe ihr sofort an, dass sie es, was immer es sein mag, keinen Moment länger für sich behalten können wird. „Es ist nicht nur ich", platzt sie heraus, „Du auch. Wir beide zusammen, wir..."

    „Was?", frage ich voller Anspannung, „Was sind wir?"

    Loona schluckt, holt tief Luft - „In einer Geschichte. Über uns. Ich habe es gesehen. In deinem Notizbuch. Zwei Seiten weiter, von wo du aufgehört hast zu schreiben. Eine fremde Schrift, und noch während ich gelesen habe, hat sie sich weiter über die Zeilen ausgebreitet und... so habe ich dich gefunden. Es war fast so etwas wie eine Wegbeschreibung. Zuerst wurde beschrieben, wie du mich in der Schule findest, wir beide in diesem Klassenzimmer, wie du mich einsperrst und dann zu deinem Haus gehst. Ich musste nur nach den gegebenen Merkmalen deines Weges suchen und so bin ich dir gefolgt. Da war... eine große Kreuzung... die Allee und die Bäume, von denen goldrote Blätter fallen, eines hat sich in deinem Haar verfangen..." Schwer atmend hält Loona inne und ich spüre ihren bohrenden Blick.

    Meine Hand wandert an meinen Kopf. Stimmt, da war ein Blatt... Aber das kann nicht sein.

    „Das kann nicht sein", sage ich. Ich presse eine zitternde Hand auf mein Herz. Schlägt es schneller als es sollte oder ist es bereits komplett stehen geblieben? Ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts mehr.

    Loona lächelt mich traurig an, es fühlt sich an wie Mitgefühl.

    „Ich bin doch echt", bringe ich heraus und hasse, wie hilflos meine Stimme sich dabei anhört. „Ich bin mir sicher. Ich meine... Ich erinnere mich daran, wie ich Fahrradfahren und Schwimmen gelernt habe. Oder dass ich kein Brokkoli mochte, bis ich zehn war, aber jetzt schon. Das ist alles Wirklichkeit. Davon erzählt doch kein Buch. Das heißt, ich muss echt sein. Du irrst dich. Ganz sicher."

    Loona erhebt sich und beugt sich so nah zu mir, dass unsere Gesichter auf Augenhöhe sind und ich Kaffee und Blumenblüten riechen kann. Das ist natürlich kein Parfüm, sondern schlicht der Duft, den ich ihr angeschrieben habe.

    Sanft legt sie ihre Hand auf meine, die immer noch auf meinem Herzen liegt. Ihre warme Berührung beruhigt meinen Herzschlag ein wenig. „Fühlt sich das an, als wäre ich etwa nicht echt?", fragt sie und blickt mir tief in die Augen.

    „Doch", flüstere ich. Mein Herz beginnt wieder schneller zu klopfen. „Ich dachte nur, das wäre weil..."

    Loonas Augenbrauen wandern in die Höhe. „Weil?"

    Betreten beiße ich mir auf die Unterlippe. „Weil du jetzt in der Realität warst. In der echten Welt. In meiner Welt, hier auf der Erde, wo es... Physik gibt und... keine Magie oder so."

    Meine geliebte Protagonistin richtet sich auf und dort, wo eben noch ihre Hand war, fühlt meine Haut sich plötzlich kalt an. „Jemand, den du erfunden hast, steht gerade quicklebendig vor dir und du willst immer noch behaupten, dass... das hier... nicht als das, was man in deiner Geschichte unter Magie versteht, bezeichnet werden kann?" Loona seufzt und fährt sich durch die Haare. „Ich bin mit diesem Hintergrundwissen aufgewachsen und habe mich daran gewöhnt, aber wenn man es so neu erfährt, kann das verdammt kompliziert sein. Aber... sieh mal. Natürlich hast du nicht jeden meiner Atemzüge aufgeschrieben, auch nicht, wie ich Laufen gelernt oder zum ersten Mal Brei gegessen habe. Es ist trotzdem passiert, in meiner Welt. Ich weiß zwar nicht, wann mein Geburtstag ist und meine Eltern sind ziemlich existenzlos, doch das heißt nicht, dass ich keine Hintergrundgeschichte habe. Ich bin vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – ich selbst. Obwohl du nur Bruchstücke meines Lebens niedergeschrieben hast. Verstehst du, was ich sagen will?"

    5
    Ich kann Loona nicht ansehen, stattdessen starre ich ihr rechtes Knie an. Mein Rücken fühlt sich entsetzlich steif an und mein Kopf hat sich auch schon mal besser angefühlt. Langsam nicke ich. „Das heißt... ich habe erst vor einem Jahr mit dem Schreiben angefangen... aber dich... gibt es trotzdem schon immer?"

    Loona lässt sich im Schneidersitz vor mir auf den Boden nieder und blinzelt zu mir hoch. Es kommt mir falsch vor, unvorstellbar fast, dass sie mich vor nur zwei Stunden noch erstechen wollte. „Das auch", meint sie nach einer kleinen Weile, „Aber es heißt noch mehr. Ich glaube schon so lange ich denken kann daran, dass keine unserer Geschichten wirklich ist, keine einzige. Zumindest nicht so, wie die Wirklichkeit von zu vielen Leuten verstanden wird. Meine Welt; also ist das, was ich wahrnehme, Realität. Nur das und sonst nichts. Nein, verdammt, das ist so ein egoistischer Gedanke."

    Ich hänge Loona an den Lippen und kann den Blick keinen Moment abwenden. Gut, unser Start war vielleicht ein wenig holprig, doch jetzt... ich will nicht, dass sie wieder geht. Ich will, dass sie hier bleibt. Bei mir.

    „Nur, weil die eine Person gerade ihren ersten Kuss erlebt und super glücklich ist, heißt das nicht, dass sich nicht im gleichen Augenblick auf der anderen Seite der Welt ein Pärchen trennt und todunglücklich ist. Wir leben nebeneinander her und vielleicht werden sich unsere Geschichten auch niemals treffen – aber das bedeutet nicht, dass die eine Geschichte weniger wahr ist als die andere. Wir sind nur so viel oder wenig wirklich, wie alle anderen auch."

    Mit offenem Mund starre ich sie an. „Wow", mache ich unbeholfen. „Ich wusste gar nicht, dass du so intelligent sein kannst, Loona."

    Ihr Gesicht hellt sich auf. „Du weißt viel über mich, Stella. Aber nicht alles."

    „Und du bist dir ganz sicher?", hake ich erneut nach. Wie oft habe ich mir gewünscht, in einem Buch verschwinden zu können? Aber jetzt, wo es Realität ist, bin ich mir nicht mehr sicher.

    Loona nickt. „Ganz sicher. Sieh dich doch nur um – dieses Baumhaus ist so ungewöhnlich, dass es geschrieben worden sein muss. Ich meine, die Möbel, diese Stabilität und niemand kommt her und kümmert sich darum? Für wie wahrscheinlich hältst du das?"

    Mit der Schuhspitze zeichne ich unsichtbare Muster auf das Holz. Das alles hier soll aus nichts als Tinte und Papier bestehen? Oder gar nur mit Bleistift aufgeschrieben oder – der Gedanke gruselt mich am meisten – digital auf einem Computer getippt worden sein? Dennoch – ist Loonas bloße Anwesenheit nicht Beweis genug, dass so gut wie alles möglich sein kann?

    Womöglich kommt gerade jetzt ein junger Autor oder eine junge Autorin von der Schule nach Hause, zieht sich die Schuhe aus, setzt sich an den Schreibtisch, um ihren Laptop zu starten, öffnet ein Schreibprogramm und tippt die Worte: Stella erhob sich aus der Hängematte und blickte Loona in die tiefseeblauen Augen.

    Ich erhebe mich von meiner Hängematte.

    „Du hast recht", antworte ich. „Aber wie geht es jetzt weiter?"

    Zuerst sind es nur ein paar Tropfen, dann werden es immer mehr, die auf das Dach des Baumhauses niederregnen und die nach Regen duftende Luft mit einem behaglichen Prasseln erfüllen. Binnen Sekunden wird die feuchte Luft kühler, aber ich fühle mich wohl.

    Ganz im Gegensatz zu Loona: Sie zieht ihre Jacke fester um sich und verschränkt mit hochgezogenen Schultern die Arme. „Weiß nicht", murmelt sie. Von ihrer weisen Redseligkeit von gerade ist nichts mehr übrig.

    „Das Buch", fahre ich fort, „lässt sich nicht öffnen. Ich habe versucht, irgendetwas halbwegs Anständiges zu Papier zu bringen, es hat nicht geklappt." Nachdenklich betrachte ich meine Hände. Abblätternder Nagellack, aber keine Ringe oder Armbänder. „Ich fühle mich wie ein Stift, der keine Tinte mehr hat", erkläre ich.

    Loona guckt mich angesichts diesen seltsamen Vergleiches schräg an. „Kannst du nicht einfach irgendwas schreiben?" Sie zuckt mit den Schultern. „Mir macht das nichts aus, wenn die Sätze nicht perfekt abgeschliffen und rund werden, meinetwegen kannst du einfach ein paar Wörter aneinanderreihen, die Sinn ergeben und meinen Wünschen entsprechen und gut ist."

    „Das wird nicht funktionieren", stelle ich fest. „Du magst mehr darüber wissen, wie man in einer Geschichte steckt, aber ich weiß mehr über das Schreiben."

    Misstrauen flackert in Loonas Augen auf wie bissige Kerzenflammen. „Warum nicht?" Ist da ein warnender Unterton in ihrer Stimme?

    „Du kannst mir vertrauen", sage ich müde, „Ich will und werde dir helfen, aber ich fürchte, so einfach ist das nicht. Damit sie funktioniert, muss eine Geschichte leben. Sie muss atmen und gut verwebt werden, ansonsten fällt sie auseinander. Denkst du wirklich, das klappt, wenn ich bloß schreibe: Und Loona verließ das Baumhaus. Sie kletterte die Strickleiter runter und als sie auf dem Boden war, wartete dort ihre kleine Schwester auf sie, die sie an die Hand nahm und zu dem Haus in den Bergen führte, wo ihre Mutter gerade an einem neuen Buch arbeitete und der Vater das Abendessen zubereitete. Ende gut, alles gut."

    Loona senkt den Kopf, sodass ihre Locken ihr helles Gesicht verbergen wie ein dunkler Vorhang. „Nein", gibt sie leise zu. „Du hast recht. Ich weiß einfach nicht... was ich tun soll. Ich habe doch auch keine Ahnung. Ich dachte, ich komme zu dir, erledige die ganze Sache endgültig und kehre wieder in meine Geschichte zurück." Vorsichtig hebt sie den Blick, blinzelt mich kurz an und schaut dann wieder weg. „Jetzt... kommt mir das nicht mehr so leicht vor." Wieder so ein kurzer, verhuschter Blick zu mir. „Es ist viel komplizierter geworden, als ich erwartet habe." Ruckartig wendet sie sich ab und begibt sich erneut auf ihre Fenster-Position. Den Holzrahmen umklammernd atmet sie tief durch, fängt die frische Waldluft ein.

    Überrumpelt starre ich auf ihren Rücken. So kenne ich sie überhaupt nicht – so verletzlich, so unsicher, so... Doch ich meine zu wissen, was mit ihr nicht stimmt. Sie hatte einen Plan, einmal in ihrem Leben wollte Loona durchsetzen, was sie wollte – sie, nicht ich. Doch dann bin ich ihr in die Quere gekommen, genau wie das verschlossene Buch; der Beweis, dass sie nicht geschafft hat, was sie sich vorgenommen hatte. Eine neue Welt, eine neue Geschichte, und keine von uns beiden hat eine Ahnung, wie es weiter gehen soll.

    Würde ich diese Geschichte über uns schreiben, hätte Loona ihren Racheakt vollendet und meinen Charakter vermutlich schon längst erdolcht. Wer weiß also, was aus uns noch werden wird...

    „Hey", sage ich behutsam und trete neben Loona. Verdammt, ich habe keine Ahnung, wie man Menschen tröstet. Eigentlich könnte ich auch ein wenig Trost gebrauchen, wie soll ich dann ihr helfen? Überhaupt bin ich unsagbar schlecht und unbeholfen mit Menschen – ich meine: Ständig muss man sich fragen, ob das, was man tut, tatsächlich hilfreich ist, oder ob man doch nur alles schlimmer macht. Was, wenn mich mein Gegenüber anlügt, die wahren Gefühle verheimlicht? Menschen sind ein für mich unergründliches Rätsel.

    Trotzdem – Loona braucht mich jetzt, ich will sogar, dass sie mich braucht, dass sie möchte, dass ich wenigstens versuche, ihr zu helfen. Ich will versuchen, stark für sie zu sein. Denn wir stecken beide zusammen in dieser Sache, dieser Geschichte.

    „Ich habe zwar keine Ahnung, wie es jetzt weitergeht – ich bin verdammt verwirrt. Genau wie du." Einen Moment halte ich inne und krame in meinem Gedächtnis all die Bücher durch, die ich je gelesen habe. Was machen Charaktere normalerweise, wenn sie jemanden trösten wollen? „Komm", sage ich und halte Loona meine Hand hin, „Wir gehen zu mir nach Hause und dann mache ich uns erst einmal einen Tee und etwas zu Essen. Wer weiß, vielleicht sieht diese ganze Geschichte hier bald wieder klarer aus."


    6
    Loona
    Der Regen, welcher zwischenzeitlich einem sanften Nieseln Platz gemacht hatte, wird wieder stärker.

    Stella zieht ihre Kapuze über die hellen Haare und winkt mich weiter. „Wir sind fast da."

    Als das große, graue Haus in Sicht kommt, fangen wir an zu rennen und kommen außer Atem unter dem kleinen Vordach an. Während Stella in der Jackentasche nach ihrem Schlüssel kramt, sage ich: „Dein Haus ist aber verdammt groß." Dass es nebenbei auch verdammt hässlich ist, behalte ich lieber für mich.

    Sie wirft mir einen schrägen Seitenblick zu. „Wir wohnen hier natürlich nicht alleine, das ist ein Mehrfamilienhaus. Drinnen sind viele kleine Wohnungen, damit mehrere Familien hier leben können." Endlich findet sie den Haustürschlüssel und hält mir die Tür auf.

    Mit vorsichtigen Schritten trete ich ein. Es ist ziemlich dämmrig, die Luft riecht abgestanden und meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Doch als Stella an mir vorbei geht, flackert irgendwo weiter oben eine Lampe auf.

    Der Raum ist... schmal... und zugleich... riesig.

    Ich lege den Kopf in den Nacken: Gefühlt endlos geht es nach oben, zumindest soweit ich das zwischen den Treppen, die links und rechts an den Wänden nach oben führen, erkennen kann. Ich bin so fasziniert davon, wie weit es nach oben geht, dass ich den schmutzigen Boden und den bröckelnden Putz kaum bemerke.

    „Tja", macht Stella. Sie steht auf der vierten Stufe und blickt mich abwartend an. „Das ist das Treppenhaus. Unsere Wohnung ist im fünften Stock. Kommst du?"

    „Klar", murmele ich und folge ihr hastig nach oben.

    Ich bin fasziniert von diesem Gebilde – so ein Gebäude habe ich noch nie gesehen. Jedes Mal, wenn die eine Treppe zu Ende ist, gibt es einen kleinen Flur und links und rechts befinden sich Türen, die, wie Stella erklärt, zu benachbarten Wohnungen führen – und dann kommt noch eine Treppe, die weiter nach oben führt. Hin und wieder dringen Stimmen oder Musik durch die Wände und ich überlege gerade, wie viele Menschen sich wohl genau jetzt in diesem Haus befinden, als mir noch etwas Wichtigeres einfällt. „Sag mal", sage ich und hole zu Stella auf. „Du wohnst hier mit deiner Familie, richtig?"

    Ein kurzes Nicken als Antwort.

    „Und wie ist die so? Ich meine – Hast du Geschwister? Sind deine Eltern hier?"

    „Ich habe einen Halbbruder, aber der wohnt schon lange nicht mehr hier. Ich sehe ihn nicht so oft."

    „Und deine Eltern?"

    „Mein Vater wohnt hier."

    Vor einer der Türen, die nach links führen, halten wir an. Zum zweiten Mal klimpern ihre Schlüssel, doch jetzt zögert Stella, bevor sie öffnet.

    „Was ist mit deiner Mutter?"

    „Die wohnt nicht hier. Und jetzt sei leise." Stumm beobachte ich, wie Stella behutsam die Klinke herunterdrückt und die Tür spaltbreit aufschiebt. Zuerst steckt sie nur den Kopf durch die Tür, wartet, und schlüpft in die Wohnung. „Komm", murmelt sie und bedeutet mir mit einem Winken, ihr zu folgen.

    Draußen war es dunkel, weil die Regenwolken vollgestopft mit Donner den Himmel verstopft haben. Das Treppenhaus war dunkel, weil die Wände hoch und die wenigen Fenster schmutzig waren.

    Stellas Wohnung ist einfach nur düster.

    Im ersten Moment denke ich, ich werde ersticken. Es riecht nach Rauch, die Luft ist dick und trocken und abgestanden. Blinzelnd erkenne ich einen kleinen Flur, ein paar schmutzige Schuhe neben der Tür und darüber hängen Jacken und Mäntel. Ein zerfledderter Regenschirm lehnt in der Ecke.

    Das einzige Licht sickert durch die eine Tür, die nicht ganz geschlossen ist – rechts. Am Ende des Flurs ist eine weitere Tür, links befinden sich zwei.

    Mit gesenktem Kopf streift Stella ihre Schuhe von den Füßen und schleicht voran. Leise tue ich es ihr gleich und schleiche auf Zehenspitzen hinterher. Zielstrebig steuert sie auf die zweite Tür links zu, doch auf dem Weg spähe ich durch die geöffnete Tür auf der anderen Seite des Flurs.

    Da ist zwar ein Fenster – aber es wird vollständig von einem dunkelblauen Vorhang bedeckt, sodass kaum Licht in die Wohnung scheint. Aber meine Augen gewöhnen sich schnell daran und ich sehe... Chaos. Ein Sofa, leere Flaschen und eine Zeitung auf dem Boden. Zerknautschte Dosen, fliegender Staub wird vor dem Fenster sichtbar. Der Rauchgeruch ist stärker.

    Doch bevor ich mehr erkennen kann, zischt eine zornige Stimme hinter mir: „Was soll das werden?"

    Ich zucke so heftig zusammen, dass ich fast stolpere, als ich zu Stella herum fahre, deren Augen vor Zorn funkeln.

    „Ich habe mich nur umgesehen", flüstere ich zurück. In einem Kampf von Frau zu Frau könnte ich Stella ohne Probleme in sechs Sekunden umnieten und auch jetzt recke ich ihr stoisch mein Kinn entgegen – denn... denn ich darf ihr wohl kaum zeigen, dass ich unter ihrem wütenden Blick am liebsten zusammenschrumpfen und mich bei ihr entschuldigen würde. Was ist los mit mir?

    „Hier gibt es aber nichts zu sehen!" Sie packt mich am Oberarm und zieht mich unsanft weiter, durch die zweite Tür auf der linken Seite. Sobald die Tür hinter uns zufällt, reiße ich mich von Stella los. Und halte inne. Ich bin verwirrt.

    Sind wir in eine andere Geschichte geschrieben worden?

    Nein, natürlich nicht. Es ist bloß...

    „Das ist dein Zimmer, richtig?", frage ich Stella, ohne sie anzusehen. Ich erwarte keine Antwort, brauche keine, denn es ist offensichtlich. Dieser Raum unterscheidet sich so sehr von dem Rest der Wohnung, den ich bis jetzt gesehen habe, dass ich es im ersten Augenblick nicht begriffen habe.

    Aufmerksam sehe ich mich um. Atme.

    Noch bevor ich auch nur zwei Schritte in den Raum tue, komme ich mir vor wie im Himmel. Nicht in dem Himmel, wo nackte Engel Trompete und Harfe und Geige spielen, während irgendein Gott mit langem, weißen Bart rumsteht und dir gnädig zunickt – wobei das sicher auch witzig ist. Aber nein, nicht diese Art von Himmel.

    Ich meine den Himmel, der sich über unseren Köpfen aufbaut, wenn die Sonne scheint. Die Wände sind in einem perfekten Blauton gestrichen, kein Hauch von Zigarettengeruch liegt in der Luft, es ist kühl und die Luft fühlt sich frisch an. Es würde mich nicht wundern, kämen gleich ein paar Vögel vorbei geflattert.

    Stella setzt sich auf ein ungemachtes Bett nieder, das auf der gegenüberliegenden Wand unter dem Fenster steht. Draußen liefern sich die Regentropfen ein Wettrennen an der Glasscheibe.

    „Setz dich doch", meint Stella und deutet auf einen Stuhl, der zu dem Schreibtisch aus dunklem Holz auf der linkes Seite des Zimmers gehört. Gehorsam lasse ich mich darauf nieder.

    Und nehme mir Zeit, die rechte Wand des Zimmers zu bestaunen.

    Es ist wahr, ich kann Büchern nicht viel abgewinnen – dennoch sind die beiden Regale, die dort stehen, beeindruckend. Beinahe die gesamte rechte Wand – abgesehen von zwei schwarz-weißen Postern in der Mitte, die zwei hübsche Frauen abbilden - wird von Büchern bedeckt: mit hartem Bund oder als Taschenbuch, wenige scheinen zu glänzen und sehen neu aus, die meisten jedoch haben zerknickte Rücken und sehen auf schöne Weise zerlesen aus. Ohne für mich erkennbare Anordnung stehen sie da und sprengen beinahe die Regalbretter, nicht nur neben- sondern auch übereinander, liegend, aufgeschlagen, manche mit einem herauslugenden Zettel zwischen den Seiten. Groß und klein, dick oder dünn, neu, alt.

    Es sieht verdammt chaotisch aus, überfüllt, unordentlich. Aber schön und irgendwie... faszinierend. Jedes dieser Bücher wurde von einem Menschen verfasst, ausgelöst durch eine kleine Idee, ein bisschen Fantasie und Kreativität und schwupps: ein Buch. Jedes einzelne Wort, jeder Buchstabe wurde bewusst verfasst... So viele Geschichten, so viele Ideen und Zeichen, ganz zu schweigen von den armen Figuren...

    Mein Blick huscht zu Stella, ein leises Lächeln liegt auf ihren Lippen, während sie mich beobachtet.

    „Das... ist eine ordentliche Sammlung", stelle ich fest und das Lächeln wird ein klein wenig größer.

    „Nicht wahr?" In ihren grünen Augen schimmert eine Ruhe, die ich so bei ihr noch nicht gesehen habe. „Die meisten kaufe ich ziemlich gebraucht... aber mir macht das nichts aus, schließlich verändert es die Geschichten selbst in keinster Weise. Im Gegenteil: Bei gebrauchten Büchern stelle ich mir immer vor, wer außer mir noch in diesem Buch geblättert hat... Was ist das für eine Person? Warum hat er oder sie das Buch verkauft? Hat es ihr genauso gut gefallen wir mir – oder gar nicht?" Ihre Wangen werden etwas rosa. „Meine Mutter schickt mir Taschengeld, so kann ich mir hin und wieder ein Neues leisten."

    Mit zusammengekniffenen Augen mustere ich erneut die beiden Regale. „Wie kannst du da nur den Überblick behalten?"

    „Sie sind sortiert."

    Verwirrt hebe ich die Brauen. „Tatsächlich? Ich kann keine Ordnung erkennen."

    Stella steht auf und fährt mit den Fingern über die Bücher. „Natürlich kannst du das nicht. Dafür hättest du sie alle lesen müssen."

    „Bloß nicht", stöhne ich. Allein der Gedanke, so viele Bücher lesen zu müssen, macht ein Knoten in meinen Kopf. Das würde Jahre dauern.

    Ihre Hand stoppt ganz oben links im Regal und sie wirft mir einen belustigten Blick zu. „Ich sortiere meine Schätze nach dem Wert, den sie für mich haben", erklärt sie, „Schau: Oben links im linken Regal fange ich an, hier sind meine Lieblingsbücher. Dann geht es Buch um Buch und in der unteren Regalreihe weiter." Zur Verdeutlichung streift sie mit den Fingern am Regal entlang und schaut mich kurz an, wie um sicherzugehen, dass ich ihr folgen kann. „Nachdem man unten angekommen ist, geht es anschließend nach dem selben Prinzip in dem Regal", sie deutet auf das rechte, „weiter." Stella schweigt einen Augenblick und kaut nachdenklich auf ihrer Unterlippe. „Zugegeben, je weiter es nach hinten geht, desto weniger akkurat sind die Bände angeordnet. Ich hasse schließlich keines meiner Bücher. Aber manche liebe ich eben besonders,

    Nun stehe ich auch auf und stelle mich neben Stella. „Was sind denn deine Lieblingsbücher?", frage ich neugierig.

    Stella stellt sich kurz auf die Zehenspitzen, pflückt das oberste linke Buch aus dem Regal und hält es mir hin.

    Ich konzentriere mich und lese laut: „Lofe... letters toh... te de...att. Was soll das denn heißen?"

    Stella presst sich die Finger auf die Lippen um ihr Kichern zu ersticken, aber ihre Augen lachen weiter, als sie mich ansieht. „Habe ich vergessen", grinst sie, „Du kannst wahrscheinlich kein Englisch, oder?"

    „Was soll das jetzt wieder sein?" Ich runzele die Stirn. Will sie sich über mich lustig machen?

    „Entschuldige", sagt sie schnell, „Das ist schließlich nicht deine Schuld. Englisch ist eine andere Sprache, ziemlich viele können sie sprechen, aber da ich deine Geschichte immer nur auf Deutsch geschrieben habe... ist das vermutlich auch auch die einzige Sprache, die du beherrschst." Stellas Augen kommen mir weit entfernt vor, als sie mit nachdenklicher Stimme weiterspricht. „Wenn ich meine Geschichten veröffentlichen würde... und sie dann in andere Sprachen übersetzt werden... vielleicht könntest du diese dann plötzlich sprechen! Ohne, dass du sie jemals gelernt hast. Meinst du..."

    Mit einem Räuspern unterbreche ich ihr Geschwafel. „Hey, Schreibermädchen. Du kommst grad ziemlich vom Thema ab und das ist zwar alles ganz nett und so, aber wenn du mir zu sehr auf die Nerven gehst – Ich habe immer noch mein Messer!", drohe ich. Himmel, wie ich es hasse, wenn sie über die Geschichte redet. Ich bin ja jetzt hier und nicht mehr da – und sie hat keine Kontrolle mehr über mich. Langsam sollte sie sich daran gewöhnen, dass sie jetzt selber in einer Geschichte gefangen ist.

    „Stimmt." Stella sieht mich an, aber nicht so, wie man jemanden ansehen sollte, der einem mit dem Messer droht. Wie war noch einmal das Wort für diesen Ausdruck? Fasziniert vielleicht. Fast schon begeistert. Stolz. Mit dem Zeigefinger fährt sie über eine meiner welligen Haarsträhnen, die von dem nassen Wetter ganz struppig sind. „Du hast ja ganz nasse Haare", stellt sie fest.

    Ich zucke mit den Schultern. „Hatte keine Kapuze", erkläre ich ungeduldig. „Was ist jetzt mit dem Buch da und dem... Engelisch?" Als Stella mich bloß anstarrt als hätte ich mich plötzlich in einen Werwolf mit Reißzähnen verwandelt und leicht nach Luft schnappt, frage ich: „Stella? Geht's dir gut?"

    Sie reißt die hellgrünen Augen auf und macht einen Schritt zurück. „Ja", murmelt sie und schüttelt den Kopf. Stirnrunzelnd beobachte ich, wie sie durchatmet und ihre widerspenstigen Blondlocken hinter die Ohren klemmt. „Tut mir Leid. Ich... war gerade woanders. Das... das Buch, richtig. Also, wenn man Englisch kann, lautet der Titel: Love Letters To The Dead."

    Ich weiß zwar nicht, was das heißt, aber es hört sich schön an.

    „Auf Deutsch übersetzt bedeutet es: Liebesbriefe an die Toten. Es geht um ein Mädchen, das Briefe an Verstorbene schreibt und von Dingen erzählt, die sie sonst niemandem erzählen kann. Zum Beispiel von ihrer toten großen Schwester und neuen Freundinnen... Am Anfang fand ich es etwas kitschig – und vielleicht ist es das auch – aber das Buch ist so wunderschön. Ich habe es dreizehn Mal gelesen. Ich liebe jedes einzelne Wort darin."

    „Das hört sich traurig an."

    „Stimmt."

    „Aber auch schön."

    „Stimmt. Es ist total... melancholisch und poetisch und..." Stella seufzt. Ein Ruck geht durch ihren Körper und sie stellt das Buch wieder an seinen Platz und zieht dafür ein anderes hervor. „Dieses hier finde ich auch sehr besonders."

    Der Einband ist schlicht, nur weißer Hintergrund und rote Schrift, mehr nicht. „Ariel", entziffere ich stockend. „War das diesmal richtig?"

    Stella nickt. „Es ist herzzerreißend schön. Weißt du... die Autorin hat Suizid begangen. So scheiße wie das klingen mag, aber die Künstler, die ihr Leben selbst beenden, bringen immer die schönsten Dinge zustande, wenn du mich fragst. Es ist ein Gedichtband. Eigentlich mag ich keine Gedichte... aber das ist eine Ausnahme."

    Herzzerreißend schön, wiederhole ich in Gedanken. Was für ein Widerspruch. Trotzdem... es ist ein passendes Gefühl. Ich glaube, Stellas Gedanken könnte man genau so beschreiben. „Hast du ein Lieblingsgedicht?", frage ich. „Ich mag auch keine Gedichte – vermutlich weißt du das. Aber vielleicht kannst du meine Meinung ändern." Ich muss grinsen und Stella lächelt zurück.

    Dann wendet sie sich dem Buch zu und blättert bestimmt durch die Seiten. „Es heißt Lady Lazarus. Ich kann es dir ein Mal auf Englisch – im Originalton – und ein Mal auf Deutsch vorlesen. Wenn du möchtest."

    Nebeneinander setzen wir und auf Stellas unordentliches Bett; Stella liest und ich höre zu.

    Sie ändert meine Meinung.

    Obwohl ich bei der ersten Runde kein Wort verstehe, hänge ich an ihren Lippen. Das Gedicht geht über mehrere Seiten und bald starre ich nur noch auf Stellas weiches Gesicht – wie ihre Augen mit den hübschen Wimpern nach links und rechts gehen, ich verfolge die Bewegung ihrer Lippen, mit der sie die Worte formt und ihre Hände, wenn sie die Seite umblättert, während ihre leise Stimme irgendetwas Unruhiges in meinem Inneren festhält und zur Ruhe bringt. Das alles geht mir durch den Kopf, während sie das Gedicht auf Englisch liest.

    „Du kannst gut vorlesen", sage ich, als sie fertig ist.

    Bei der zweiten Runde verstehe ich endlich, wovon das Gedicht überhaupt handelt.

    Sterben.

    Das ist es, das ist das Thema.

    Die Autorin schreibt ihre Gedanken, ohne sich zurückzuhalten.

    Es wird beschrieben, was mit einem toten Körper geschieht, wie tot die Frau sich in ihrem Inneren fühlt und wie verletzlich und entblößt, sie schreibt über Verluste und Feuer.

    Es macht mich traurig.

    Aber ich glaube zu verstehen, dass man auch auf eine gute Art traurig sein kann.

    Nachdem Stella zu Ende gelesen hat, bitte ich sie: „Kannst du noch einmal diesen einen Absatz-"

    „Die Strophe", korrigiert sie.

    „Die Strophe vorlesen, recht in der Mitte, mit der Kunst?"

    Stella lächelt leicht. „Ich weiß, welche du meinst."

    Sterben

    Ist eine Kunst, wie alles andere auch.

    Ich kann es besonders gut.

    Wir sehen uns einen Moment an.

    „Wie macht sie das?", frage ich schließlich. Nicht nur diese Strophe, das ganze Gedicht. Ich bin keine keine poetische, romantische Person. Ich bin eher praktisch veranlagt. Aber diese Strophen... lassen mich fühlen.

    „Das wüsste ich auch gerne", antwortet Stella seufzend. „Das ganze verdammte Buch ist so wunderbar, dass ich am liebsten vor Neid die Seiten ausreißen würde." Sie reibt sich kurz über die Augen und springt vom Bett auf. „Ach, genug von traurigen Büchern." Sie zwinkert mir zu. „Ein echter Buchmensch sitzt hier mit mir und ich habe dir noch nicht einmal etwas Zutrinken angeboten."

    Ich verschränke die Arme vor der Brust. „Ganz recht, schäme dich, Schreibermädchen. Dein Buchmensch hat langsam Hunger." Ich muss mir ein Grinsen verkneifen – was Stella natürlich nicht entgeht.

    „Prima, geht mir genauso. Du bleibst schön hier, und ich mache uns Tee und – nein, für dich gibt es Kaffee, richtig? Dazu was zu Essen."

    Artig nicke ich. Solange kann ich vielleicht versuchen, ein Gedicht zu lesen...

    Stella lächelt mir noch einmal zu und will gerade nach der Türklinke greifen, als ein dumpfes Poltern ertönt, gefolgt von gedämpftem Klirren und eine eindeutig verärgerte Stimme.

    Es hört sich an, als kämen die Geräusche aus dem anderen Teil dieser Wohnung.

    Mein Blick fliegt zu Stella und mein Herz setzt für einen Moment aus. Irgendwas stimmt nicht. Das Lächeln ist wie von ihren Lippen gewaschen, ihre Hand hängt ausgestreckt über der Klinke. Sie hält die Luft an.

    Langsam stehe ich auf.

    Der Ruf einer tiefen, undeutlichen Stimme dringt zu uns in das Zimmer: „Stella! Wo steckst du?"


    7
    Stella

    „Du bewegst dich nicht vom Fleck", sage ich zu Loona, ohne mich zu ihr umzudrehen. Ich vermag sie in diesem Moment nicht anzusehen.

    Nach der Türklinke zu greifen, die sich nur wenige Zentimeter von meiner Hand entfernt befindet, fühlt sich so schwer an wie einen Rucksack voller Bücher mit dem kleinen Finger hoch zu heben. Aber dennoch tue ich es. Ich schlüpfe auf den dunklen Flur, lehne die Tür an und spähe vorsichtig nach links.

    „Ja, Papa?", rufe ich leise. „Ich... bin hier."

    „Na endlich", grummelt es aus dem Zimmer am Ende des Flurs.

    Verärgert presse ich die Lippen aufeinander. Na endlich? Es kann höchstens fünf Sekunden gedauert haben, bis ich geantwortet habe. Aber ich sage nichts, schlucke den Ärger einfach herunter wie Medizin.

    Oder wie Gift.

    Mein Vater schlurft auf mich zu, wie immer in seinen eng sitzenden grauen Bademantel gewickelt – von dem ich ziemlich sicher weiß, dass er einmal weiß war – und deutet hinter sich auf sein Schlafzimmer. „Du musst aufräumen." Wie ich es hasse, wenn seine Stimme sich wieder anhört wie ein nasser Sack Mehl. Er kratzt sich den Kopf mit dem grauen Stoppelhaar und sein unrasiertes Kinn. „Schon wieder Flaschen umgekippt... Scherben..." Obwohl er immer wieder abdriftet, sind seine wässrigen Augen auf mich gerichtet und werfen mir finstere Blicke zu. „Das kommt davon, wenn du nicht nie sofort aufräumst... kannste eben zusehen, wie du mit den ganzen Glasscherben fertig wirst."

    Ich stehe nur da, kann nichts sagen, keines der Wörter, die mir maßgeschneidert auf der Zunge liegen, kann ich über die Lippen bringen. Papa schiebt sich an mir vorbei, Richtung Badezimmer, und der beißende Geruch, nein, der Gestank von Alkohol hüllt mich ein und es fühlt sich an, als würde er in meine Lungen eindringen und mich von Innen verätzen.

    Ich überwinde mich, setze einen Fuß vor den anderen, Schritt für Schritt, schön geradeaus, ich kann das, und betrete sein Schlafzimmer.

    Die Luft ist entsetzlich.

    Mit weit ausholenden Schritten überquere ich Haufen an ungewaschener und sauberer Kleidung auf dem Boden, weiche der Stelle aus, an der ich Glas glänzen sehe, reiße unnötig heftig den Vorhang zur Seite und das Fenster auf.

    Eine Sekunde lang genieße ich die frische Luft, dann überlege ich, ob es eine gute Idee war, Licht in den Raum zu lassen. „So ein Chaos", murmele ich. Im Düsteren sah es noch nicht ganz so schlimm aus.

    Bewaffnet mit einem Handfeger kehre ich die gröbsten Scherben auf – und schneide mir prompt den Daumen auf. Mit dem verletzten Finger im Mund staubsauge ich kurz die wenigen freien Flächen und schaue mich mit einem Seufzen um. Ich werde hier ganz sicher nicht aufräumen... wenigstens nicht alles. Ich ringe mich dazu durch, die paar heilen, leeren Bierflaschen aufzusammeln und in die Küche beziehungsweise das Wohnzimmer zu bringen; der Raum, den Loona sich vorhin bereits angesehen hat, ist beides in Einem.

    Dort finde ich auch meinen Vater wieder. Papa in seiner natürlichen Umgebung, schießt es mir schnippisch durch den Kopf: Auf dem Sofa vor unserem uralten Fernseher mit zerknautschten Bierdosen um sich herum. Vermutlich sind die alle so zerdrückt, weil er sich darauf niedergelassen hat...

    Er beachtet mich nicht, als ich die leeren Flaschen in eine Ecke zu den anderen stelle, möglichst leise, damit das Klirren ihn nicht stört.

    Einen Moment lang rühre ich mich nicht und blicke ihn an, bis ich mich endlich traue zu fragen: „Haben wir irgendwo Pflaster?"

    Ein Schulterzucken als Antwort.

    „Ich habe mir die Hand aufgeschnitten", versuche ich es noch einmal.

    „Ist doch gut, dann passt du beim nächsten Mal besser auf." Ohne mich auch nur anzusehen, greift er nach der Fernbedienung und stellt den Fernseher lauter.

    Verbissen bleibe ich stehen, halte den Atem an und bemühe mich, nicht auseinanderzufallen. „Dann kannst du beim nächsten Mal selbst aufräumen."

    Einen Augenblick bin ich stolz darauf, wie wenig meine Stimme zittert. Doch mein Vater zerstört diesen Augenblick sofort mit einer Art amüsiertem Schnaufen. „Dann kannst du beim nächsten Mal selbst zusehen, wie du auf der Straße zurecht kommst. Du solltest mir dankbar sein, dass du dir von meinem Geld Essen kaufen kannst und ich dich unter meinem Dach schlafen lasse."

    Langsam läuft Blut über meine Hand. Es tropft auf den Boden. „Das Geld und ein Dach vom Staat", murmele ich leise.

    Wie auf ein geheimes Zeichen flackern seine blutunterlaufenen Augen zu mir. „Pass bloß auf." Die Worte plumpsen so ungeschickt aus seinem Mund, dass ich zusammenzucke. „Wenn du so arrogant wirst, wie deine Mutter-" Ein weiterer Blutstropfen auf dem Boden. „Dann setze ich dich wirklich vor die Tür."

    Ich kann ihm nicht länger in die Augen sehen. Stattdessen blicke ich auf den schmutzigen Boden, auf dem mein Blut eigentlich kaum auffällt. „Das hat nichts mit ihr zu tun." Jede Woche. Wir drehen uns so lange im Kreis, bis uns schwindelig wird. Bis wir uns fühlen, als hätten wir einen Schlag in den Magen bekommen. Ich will diese Art von Konversation nicht mehr führen – aber das Hamsterrad dreht sich zu schnell, als dass ich abspringen könnte.

    „Wenn du draußen bist, kannst du ja zu ihr gehen – vielleicht will sie dich ja jetzt." Mein Vater lacht bei dieser Vorstellung voller Häme, zeigt seine gelben Zähne. „Ja, lauf zu ihr und ihrem tollen neuen Job, ihrem Mann und seinen Kindern. Viel Spaß. Sie werden dir die Tür vor der Nase zuschlagen und die Bullen rufen."

    „Das ist nicht wahr", sage ich leise. „Mama – schickt mir Geld. Und sie ist nur wegen mir bei dir geblieben, so lange sie es ausgehalten hat."

    „Am Ende ist sie trotzdem gegangen, diese Hu-"

    „Niemand hat dich gezwungen!", schreie ich plötzlich. „Niemand hat dich gezwungen, süchtig nach – nach dieser Scheiße zu werden!" Anklagend deute ich auf all den Alkohol. „Oder deinen Job aufzugeben! Niemand hat dich gezwungen, Mama nicht zu unterstützen, mit mir und dem Jura-Studium – das musste sie alles alleine machen! Während du nur da gesessen und Geld in Flaschen gestopft hast. Ich hätte dich auch verlassen! Ich würde – wenn ich könnte... dürfte... Ich... Ich..." Atemlos und mit geballten Fäusten stehe ich da, wieder einmal.

    „Ich werd dich nicht aufhalten, geh halt! Wenigstens auf deinen Bruder kann ich stolz sein, der war nicht so langweilig... hat wenigstens gemacht, worauf er Bock hat." Mit der flachen Hand schlägt er auf das Sofa, dann deutet er auf mich. „Hat wenigstens nicht so getan, als wär er was Besseres wie ich..."

    „Als", korrigiere ich so leise, dass Papa mich nicht versteht.

    „Sein Ding durchgezogen, helfen wollte er mir, das hat er..."

    Ich atme tief ein. Bleib ruhig, ermahne ich mich, obwohl es dafür längst zu spät ist. „Das ist lächerlich. Ja, ganz weit hat er es gebracht." Ich gebe mir größte Mühe, meine Stimme nur so vor Spott triefen zu lassen. „Papa, Benjamin ist im Gefängnis, falls du das schon vergessen hast. Wegen Raubüberfalls. Großartige Unterstützung, wirklich. Auch um ihn hat Mama sich gekümmert. Obwohl er kein kleines Kind und nicht mal ihr Sohn war. Erinnerst du dich überhaupt an irgendetwas aus dieser Zeit?"

    Ich bekomme keine Antwort. Ich beiße mir so fest auf die Lippe, wie ich kann, damit sie aufhört zu zittern und versuche, den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken. Papa, will ich schreien, hör mir zu! Ich bin doch deine Tochter! Aber ich bleibe stumm wie ein Fisch. Ein Fisch, der versucht, nicht zu weinen. Können Fische überhaupt weinen?

    Aber ich bis kein Meeresgetier, deshalb verlasse ich so schnell wie möglich den Raum, kehre zurück in mein eigenes Zimmer, in dem die Welt fast heil aussieht.

    Heftig ziehe ich die Tür hinter mir zu und lehne mich mit geschlossenen Augen dagegen. Einatmen, ausatmen. Es ist alles in Ordnung.

    „Hey. Ist alles in Ordnung?" Ich zucke so heftig zusammen, dass ich mir fast den Kopf an der Tür stoße. Loona sitzt im Schneidersitz auf meinem Bett, ein Buch in den Händen und beäugt mich mit ihren weichen, blauen Augen. „Ich habe laute Stimmen gehört."

    Ich starre zurück. Wie verrückt das ist, dass meine beiden Welten, die mit Loona und die mit meinem Vater, plötzlich in einer Wohnung stecken. War nicht der heutige Morgen noch genau so wie jeder andere auch? „Verrückt", flüstere ich, „das ist völlig verrückt." Ein nervöses Lachen schlüpft aus meiner Kehle, während eine schüchterne Träne über meine Wange läuft.

    „Ähm. Stella?"

    „Loona!" Ich kann nicht aufhören, leise zu kichern. „Du bist hier."

    Meine Protagonistin macht ein Eselsohr in die Seite und klappt das Buch zu, steht auf und nähert sich mir wie einem verwundeten Tier. Da werde ich mir peinlich bewusst, wie seltsam ich mich verhalte. Ich ersticke mein Lachen, wische die Träne fort. „Entschuldige. Ja, ja, alles in Ordnung. ...und bei dir?"

    Loona verschränkt die Arme. „Sicher? Du blutest."

    Erschrocken werfe ich einen Blick auf meine Hand. „Oh... Ja. Das ist nicht so schlimm. Ich- ähm."

    „Ein Schreibermädchen, dem die Worte fehlen. Spannend."

    Damit bringt sie mir ein echtes Lächeln aufs Gesicht, ein kleines nur, doch ich spüre, wie es an meinen Lippen zupft.

    „Schon gut. Du musst mir nichts erzählen." Damit macht Loona noch ein paar Schritte auf mich zu, klopft mir unbeholfen auf die Schulter, und setzt sich wieder auf mein Bett.

    „Okay." Ich räuspere mich. „Wo waren wir?" Reiß dich zusammen, sage ich mir und lasse mich neben ihr nieder.

    Loona streicht sich die Haare aus dem Gesicht. „Ich finde, wir sollten darüber nachdenken, wie wir jetzt weiter machen. Ich meine... Wir haben raus gefunden, dass jemand eine Geschichte über uns schreibt. Wir sollten etwas dagegen unternehmen, oder zumindest irgendetwas... tun. Ich will wissen, was der oder die mit uns vorhat. Verdammt, ich will doch nur meine eigene Geschichte erzählen!" Sie seufzt frustriert.

    „Können wir unserem Schreiber nicht einfach einen Besuch abstatten, so wie du es bei mir getan hast?", frage ich hoffnungsvoll. Das ist so spannend! Zu gerne würde ich erfahren, wer eine Geschichte über jemanden wie mich schreibt...

    „Schön wär's", erwidert Loona düster. „Ich würde der Person gerne ordentlich in den Hintern treten. Aber ich fürchte, ganz so einfach ist das nicht. Es muss wirklich dein allergrößter Wunsch, deine allergrößte Not sein, dass du ausbrechen kannst. Das kommt eher dann hoch, wenn man in Lebensgefahr schwebt oder sowas. Natürlich könnten wir uns wahlweise aus dem Fenster stürzen oder vor ein Auto springen – ein bisschen Inspiration, du weißt schon. Vielleicht könnte das dazu führen... Aber auch das ist eher unwahrscheinlich. Wenn man etwas tut, was man aus der Sicht des Schreibers nicht tun soll, springt man meistens einfach zurück wie ein blöder Flummy und muss genau dort weiter machen, wo man aufgehört hat. Glaube mir, ich weiß das aus Erfahrung."

    Verblüfft sehe ich sie an. „Du wolltest dich umbringen wegen mir?"

    Loona rollt mit den Augen. „Ich wollte mich nicht umbringen. Ich wusste ja, dass ich eh nicht krepiere, bis du es so willst. Ich habe nur nach einem Ausweg gesucht, nach einem Weg zu dir."

    „Oh", mache ich betreten. Mein schlechtes Gewissen fühlt sich an wie ein riesiger Ballon in meinem Bauch, der kurz vor dem Platzen steht. „Das ist echt... Ich glaube, ich begreife erst so langsam, wie... mies es sein kann, in einer Geschichte zu stecken.

    Ein gequältes Lächeln schleicht auf Loonas Gesicht. „Da hast du keine Wahl, fürchte ich. Aber ja, es kann ziemlich scheiße sein." Daraufhin folgt ein strenger Blick zu mir und ich mache mich noch etwas kleiner.

    „Und... wie finden wir jetzt heraus, was der Autor oder die Autorin nun von uns will? Sollte das nicht, naja, einfach so passieren?"

    Loona seufzt, dehnt sich und streckt sich dann lang auf meiner Matratze aus. „Theoretisch ja, praktisch nein. Das ist zwar oft so, aber wenn der Schreiber eher selten an seiner Geschichte arbeitet oder viel überarbeitet, gibt es oft Unsicherheiten. Das heißt, dann weiß man nicht, was man tun soll. Es gibt keine Anweisungen und das ist auch die einzige Zeit, in der man fast eigenständig handeln kann. Bei dir habe ich diese Art Freizeit genossen, aber jetzt..." Sie zuckt mit den Schultern. „Ich will endlich ausbrechen, also sollten wir so schnell wie möglich herausfinden, was unser Schreiberling will und es endlich hinter uns bringen." Loona gähnt und steckt mich prompt damit an.

    Ich lege mich neben ihr auf den Rücken. „Super. Und wie stellen wir das an?"


    8
    Loona

    Obwohl ich mir dabei großflächig den Mund verbrenne, trinke ich meinen Kaffee in großen Schlucken leer und genieße Stellas angewiderten Blick. „Wie kann man das Zeug nur so wegtrinken?", fragt sie ungläubig, während sie gleichmäßig in ihrem Früchtetee rührt.

    Ich zucke mit den Schultern. „Ist doch deine Schuld. Eigentlich macht das keinen Sinn, dass es in meiner Geschichte Kaffee gab, oder? Ich meine, das ist nicht billig und ich habe oft auf der Straße gelebt..."

    Stella verzieht das Gesicht. „Ich habe nie behauptet, dass meine Geschichten Sinn ergeben. Ich fand bloß, Kaffee passt zu dir."

    „Wenn das so ist." Ich schnappe mir ein viertes Marmeladenbrot von dem Teller, den Stella vor wenigen Minuten dann doch noch aus der Küche geholt hat. „Brot kann so gut schmecken", seufze ich. „In meiner nächsten Geschichte will ich, dass Marmelade auf Bäumen wächst."

    Stella prustet in ihre Tasse. „So ähnlich", murmelt sie. Vorwurfsvoll zeigt sie mit dem Finger auf mich. „Du hast Brombeermarmelade auf der Nase." Während ich versuche, meine Nasenspitze mit der Zunge zu erreichen, fährt sie fort: „Hast du dir jetzt etwas überlegt, wie wir raus finden, was... du weißt schon, wer will, das passiert?"

    „Lass mich doch erst mal nachdenken."

    „Das kann ja lange dauern..."

    Ich schlucke den letzten Bissen hinunter und seufze schwer. „Also gut. Ich habe keine Ahnung. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben! Ist es ein dramatischer Schreiber? Oder ein sachlicher?"

    Stella beginnt, in ihrem Himmel-Zimmer auf und ab zu gehen. „Aber du kennst dich doch damit aus, in Geschichten zu stecken! Du – Du weißt alles darüber! Oder nicht?" Aufgeregt wirft sie die Hände in die Luft und blickt mich beinahe böse an.

    „Und du bist diejenige, die weiß, was Autoren denken, verdammt!" Jetzt stehe ich auch auf und stemme die Hände in die Hüfte. „Anstatt mich hier so anzumachen, könntest du auch selbst nachdenken! Du hältst dich doch für so schlau. Also los, sei schlau!"

    „Ich halte mich nicht für schlau", faucht Stella, und fast erwarte ich, dass sie anfängt, Feuer zu spucken. Einen Augenblick lang starren wir uns böse an, meine rechte Hand schleicht in meine Jackentasche, langt nach dem Messer... da schlägt Stella die Augen nieder und tritt zurück. „Entschuldigung", murmelt sie. Ich lasse meine Hand sinken.

    „Ich bin bloß so überfordert... Da bist Du... und dann bin ich auch noch in einer Geschichte..." Sie beißt sich auf die Lippe und ich spüre, wie mein Herzschlag sich beruhigt. „Eigentlich", fährt Stella fort, „Habe ich die ganze Zeit bloß darauf gewartet, dass ich jeden Moment aufwache und... du bist wieder weg. Vielleicht sperre ich mich auch so dagegen, nachzudenken, weil ich nicht... will... Ich will nicht, dass du... wieder gehst. Ja, du wolltest mich abstechen-", sie lacht nervös, „aber ansonsten haben wir uns doch verstanden, oder? Dich zu treffen, selbst Abenteuer zu erleben, war alles, was ich wollte. Und da bist du. Und willst gleich wieder gehen. Und ich soll dir dabei helfen. Und... und... Kannst du nicht einfach hier bleiben?" Ihre hellgrünen Augen gucken mich so bittend an, dass sich mein Herz erweicht. Dabei ist es mir neu, dass ich überhaupt so ein großes Herz habe. „Ich kann verstehen, dass du nicht in deinen – meinen... wie auch immer, den alten Geschichten bleiben würde. Und ja, diese Welt ist auch nicht gerade traumhaft... aber..."

    Stumm sehe ich sie an. Denke nach. Denke an all die schnellen Autos und diese modernen Züge, die freundliche Frau auf der Fahrt, an Stellas schöne Worte und die grünen Augen.

    Und an etwas, das ich weiß, das sie nicht weiß.

    Sollte ich es ihr sagen?

    Je länger ich sie ansehe, desto größer wird der Wunsch, in dieser Geschichte zu bleiben, desto größer das Bedürfnis, ihr mein Geheimnis nicht zu verraten.

    Vielleicht habe ich jetzt doch eine Vorstellung davon, was der Schreiberling unserer Geschichte von uns will... wenn ich recht habe, gehört er definitiv zu den dramatischen, nicht den sachlichen Schreiberlingen. Er gehört zu denen, die traurige Geschichten schreiben – wenn ich Stella jetzt sage, dass ich hier bleiben will, werde, hier bei ihr.

    „Stella", sage ich. „Ja. Ich glaube, du hast recht. Ich bleibe-"

    Noch bevor ich zu Ende sprechen kann, wird mein Gesicht in Stellas Kekslocken vergraben. Stürmisch umarmt mein Schreibermädchen nicht, so fest, dass ich kaum noch Luft kriege. Leicht unbeholfen tätschle ich ihr den Rücken und atme erleichtert auf, als sie mich wieder loslässt.

    „Ähm, ja", mache ich.

    Stellas Gesicht glänzt. „Das ist der schönste Tag meines Lebens! Du hast ja keine Ahnung, wie glücklich mich das macht..."

    „Schön", sage ich und schlucke ein Grinsen hinunter, schiebe die letzten besorgten Gedanken beiseite. Wir werden eine gute Zeit haben. „Wie lautet der Plan? Wo soll ich schlafen? Was machen wir?"

    „Du bleibst natürlich bei mir, mein Vater wird das schon nicht merken. Glaub mir, selbst wenn, wird es ihn auch kaum interessieren. Ich kann dich in der Schule als Austauschschülerin vorstellen, eine Weile lang wird das klappen... und dann sehen wir weiter."

    „Toller Plan", murmele ich. Doch ich freue mich, wirklich. Wenn es mein Schicksal ist, in einer Geschichte zu leben – also gut. Verstohlen beobachte ich Stella, die zufrieden vor sich hin plappert und dabei auf und ab geht. Draußen wird es langsam dunkel. Plötzlich fühle ich mich seltsam entspannt, zufrieden, angekommen – und obwohl ich es nicht will, spielt Stellas Glück in dieser Zufriedenheit eine große Rolle.

    An diesem Abend zeigt Stella mir alles, von dem sie denkt, ich sollte es über diese Geschichte wissen. Wobei sie behauptet, alles sei sehr wichtig, was ich ihr nicht ganz abnehme. Ich lerne, wie man mit Technik umgeht, etwas, das Stella so in meiner alten Geschichte nicht bereitgestellt hat. Am meisten schockiert mich ja dieses warme Wasser, das auf Befehl aus der Wand kommt – die Dusche, der Wasserkocher, Heizungen... Stella lacht über meine Begeisterung und ich bin glücklich, weil sie lacht.

    Zum Glück bin ich nur ein kleines Stück größer und dafür etwas dünner als sie, sodass sie mir Kleidung leihen kann.

    Über ihre sogenannten Schlafanzüge, die aussehen, als gehörten sie kleinen Kindern, muss ich lachen, und dann noch mehr über ihr rotes Gesicht.

    „Quatsch", sage ich, als wir uns zum Schlafen fertig machen und Stella gesteht, sich in ihrem T-Shirt mit einem gelben Bären, der komischerweise ein rotes Oberteil anhat, zu schämen, „Das sieht doch süß aus."

    Sie grinst. „Du siehst auch sehr schick aus, so. In meinem Kopf hast du eigentlich immer das Gleiche angehabt."

    Ich verziehe das Gesicht und blicke an mir hinunter: Ich trage ein Oberteil mit einem eklig süßen Drachen darauf. „Ob das so viel besser ist..."

    Doch sobald alle Lampen ausgehen (noch so eine spannende Technik!) ist so oder so kaum noch etwas zu sehen.

    „Das ist das gemütlichste Bett, in dem ich jemals geschlafen habe", seufze ich und ziehe die Decke bis ans Kinn. Es liegt nicht nur an der weichen Matratze – Stellas Wärme neben mir zu spüren, trägt auch seinen Teil dazu bei. Es gibt nicht sehr viel Platz, aber es ist sehr, sehr gemütlich.

    Stella gähnt und bewegt sich leicht. Jeden Atemzug von ihr spüre ich, fast, als wäre es ein Teil von mir. „Ich bin müde", murmelt sie.

    „Dann schlaf", erwidere ich und schließe die Augen.

    „Aber ich will mich mit dir unterhalten."

    „Aber ich mich nicht mit dir", necke ich sie grinsend.

    Stella lacht leise, ich spüre ihren Atem an meinem Hals, dann sinke ich einen tiefen, ruhigen Schlaf.


    9
    Stella

    „Guten Morgen."

    Ich hasse Sonnenlicht, das mir direkt ins Gesicht scheint, wenn meine Augen eigentlich noch schlafen wollen. Ich will meine Bettdecke über das Gesicht ziehen, aber es geht nicht. Irgendetwas hält die Decke fest.

    „Du musst aufstehen."

    Oh, nein. Jemand hält die Decke fest.

    „Gestern hast du gesagt, dass wir um sieben Uhr aufstehen müssen. Diese Uhr da sagt, dass es schon sieben Uhr fünfzehn ist."

    Sofort schieße ich hoch. „Du bist noch da", sind die ersten Worte, die ich an diesem Tag über die Lippen bringe.

    Loona, die im Schneidersitz auf der Bettdecke sitzt, zieht die Augenbrauen hoch. „Was hast du denn gedacht? Wo soll ich denn sonst sein?" Ihre ebenholzfarbenen Locken stehen in alle Richtungen ab und sehen aus wie zerzauste Rabenfedern. Ungläubig mustere ich ihre roten Wangen, stelle fest, dass sie mein Drachen-T-Shirt anhat und Leggings, die ihr etwas weit sind.

    „Großer Gott, ich habe nicht nur geträumt, dass es dich gibt!"

    „Nein, aber gleich träumst du, dass du zu spät zur Schule kommst."

    Ich strecke mich ausgiebig, ehe ich unter der Decke hervor schlüpfe. „Wen kümmert's? Du wirst schnell merken, dass Schule nicht so toll ist."

    Loona bleibt sitzen, nur ihre blauen Augen folgen mir. „Ich denke, da lernt man. Ich würde gerne neue Sachen lernen!"

    Ich verdrehe die Augen und suche saubere Jeans und Pullover aus meinem Schrank. „Vertrau mir, dieser Gedanke wird dir dort ganz schnell wieder ausgetrieben." Auch für Loona krame ich frische Sachen heraus und werfe sie ihr zu.

    „Du musst es ja wissen."

    „Du hast ja keine Ahnung", sage ich, als wir das Treppenhaus hinunter gehen, „wie... seltsam das ist. Komisch. Abstrus. Merkwürdig. Abnormal."

    Ein genervtes Seufzen als Antwort. „Verrätst du mir auch noch, worum es geht?"

    Ich drücke die Tür auf und wir treten hinaus in den kühlen Herbstmorgen.

    „Na, Du! Was meinst du, wie oft ich schon zur Schule gegangen bin, wie oft ich aufgewacht bin und dabei an dich gedacht habe!"

    Loona sieht mich skeptisch an. „Wie romantisch."

    Ich verdrehe die Augen und steuere auf die Fahrradständer zu, an denen auch mein Rad steht. „Was ich sagen will: In Gedanken war ich immer bei meinen Geschichten! Bei dir! Und jetzt bist du... hier. Ich fahre übrigens immer mit dem Fahrrad zur Schule – ich fürchte, du musst dich auf den Gepäckträger setzen."

    Loona wirft die Haare über die Schulter und beobachtet mich. „Ist das sicher?"

    Ich zucke mit den Schultern. „Jedenfalls ist es normalerweise nicht gefährlich – und das ist doch schon fast sicher, oder?" Ich werfe ihr ein Grinsen zu und steige auf. „Komm schon, sonst kommen wir wirklich zu spät. Das wäre doch ein schlechter erster Eindruck von der neuen, braven Schülerin!" Loona streckt mir die Zunge heraus wie ein kleines Kind, muss aber lachen. „Du kannst dich an meinem Rucksack festhalten."

    Langsam tritt Loona hinter mich. „Oder an dir."

    „Wie du willst. Fall nur nicht runter."

    „Was für ein guter Tipp." Umständlich steigt sie hinter mir auf und legt die Arme um mich.

    Gerade, als ich losfahren will, erschrecke ich mich, als Loona auf einmal laut niest. "Geht's dir gut?", frage ich, "Bist du krank? Kannst du überhaupt krank werden?"

    "Unsinn", antwortet sie undeutlich und lacht: "Ich muss mich nur an die neue Luft gewöhnen. Fahr endlich los und quatsch nicht noch mehr rum, als du so schon tust!"


    Bei jedem Auto, das auf der Straße an uns vorbeirast, gibt Loona ein erschrockenes Quietschen von sich oder sie ruft solch sinnvolle Sachen wie: „Pass auf!" Immer fester klammern ihre Hände sich in meine Seite, aber so einen lustigen Schulweg hatte ich lange nicht mehr und wir kommen auch so gerade noch nicht zu spät.

    „Na nu, wer bist du denn?", fragt meine Deutschlehrerin verwundert, aber freundlich, als ich gemeinsam mit Loona das Klassenzimmer betrete.

    Hastig erkläre ich: „Das ist Loona, eine Austauschschülerin aus... Österreich." Österreich? Wie komme ich denn plötzlich auf Österreich? Unruhig beiße ich mir auf die Lippe – hoffentlich glaubt Frau Behder mir.

    „Österreich?", wiederholt die Lehrerin meine Gedanken, doch im Gegensatz zu mir klingt sie alles andere als überrascht. „Richtig, das hat mir dein Stufenleiter bereits mitgeteilt. Also – Herzlich willkommen, Loona! Setzt euch." Loona und ich tauschen einen Blick: Uns geht der selbe Gedanke durch den Kopf. Sieht ganz so aus, als hätte der Schreiber wieder eingegriffen.

    Auf dem Weg zu meinem Platz in der hintersten Reihe folgen uns die Blicke meiner Mitschüler – folgen Loona, besser gesagt.

    Loona lehnt sich so dicht zu mir, dass ihre Haare meine Wange kitzeln. „Sehen alle Lehrer so gut aus?", flüstert sie.

    „Nein", antworte ich ebenso leise, „nur sie." Und es stimmt, dass Frau Behder mit ihren glatten roten Haaren und dem freundlichen Blick eine Ausnahme unter den kurz vor der Rente stehenden Bierbäuchen, die ansonsten vor der Tafel stehen, bildet.

    Loona begleitet mich durch den Tag, folgt mir von Klassenraum zu Klassenraum und wispert hin und wieder Kommentare in mein Ohr.

    Hin und wieder - nein, eigentlich ununterbrochen, sehe ich sie an, wenn meine Buchfigur den Blick zur Tafel richtet, zuhört und nachdenkt. Sie ist tatsächlich hier, geht es mir immer wieder und wieder durch den Kopf. Als wäre es das Normalste der Welt, dass plötzlich alle Spuren der Fiktion wie weggewischt scheinen. Gestern kam sie mir vor wie eine Erscheinung, ein fremdes Wesen; heute ist sie real. Loonas Worte von gestern, „ich bleibe", spuken ebenfalls in meinem Kopf herum und fühlen sich an wie eine Kerzenflamme, die mich von den Fingerspitzen bis zu den Zehen mit Glück erfüllt. Ich habe tatsächlich bekommen, was ich wollte: Loona hat nicht mehr vor, mich umzubringen. Sie wird bei mir bleiben. Und ich selbst stecke in einer Geschichte, von der ich zwar nicht sehen kann, wie sie weiter geht – aber alle meine Träume sind erfüllt.

    Alle Ideen möglicher Komplikationen, die Loona in dieser Welt haben könnte – weil sie so gar nicht der Welt gleicht, die sie kennt – schiebe ich achtlos beiseite.

    War ich jemals so glücklich?


    10
    Stella
    „Irgendwie hattest du recht", gibt Loona nach der siebten Stunde zu und rollt mit den Augen. „Du kannst mir doch nicht erzählen, dass ihr diesen ganzen Mist wirklich in eurer Geschichte braucht, oder? Ich meine, klar - manche deiner Lehrer sind ganz nett und so, aber ihr lest Geschichten, die hundert Jahre alt sind und so geschrieben, dass keiner sie versteht? Was soll denn das? Ich habe nach nur diesem Tag schon Kopfschmerzen wie verrückt!"

    Ich muss lachen, aber es ist ein bitteres Lachen. „Glaub mir, ich könnte dir nicht mehr zustimmen." Ich denke einen Moment nach, während wir durch einen leeren Flur Richtung Treppenhaus gehen. „Dieses ganze Konzept an sich geht mir auf die Nerven. Du kannst froh sein, dass ich dich in deiner Welt, ähm, meiner, äh- du weißt, was ich meine - nie in die Schule geschickt habe."

    Loona bleibt stehen und heftet ihre tiefblauen Augen auf mich. „Hasst du diese Schule und dein Leben wirklich so sehr, dass du lieber gegen so dämliches Zeug wie Werwölfe kämpfen und auf der Straße leben willst?"

    Betreten schaue ich auf den Boden. Jemand sollte hier dringend wieder einmal ordentlich reinigen.

    „Stella, hörst du mir überhaupt zu?"

    Langsam hebe ich den Kopf. Eine dunkle Haarsträhne hängt über Loonas Stirn, die ich am liebsten weg streichen würde - schließlich weiß ich, wie sehr ihr die langen Haare manchmal auf die Nerven gehen. Doch obwohl ich nicht weiß, weshalb, scheint sie aufgebracht zu sein.

    „Ist dir mal aufgefallen, dass du meine oder deine Geschichte ständig lobst, als wäre sie einem süßen Kinderbuch entsprungen, während du es noch nicht mal schaffst, ein Gespräch mit den anderen Leuten hier zu haben?"

    Hitze schießt in mein Gesicht, aber ich schaffe es nicht, mich von Loonas Blick abzuwenden, der wie kleine Nadeln durch mich hindurch schießt. Weil ich weiß, dass sie Recht hat. Und, weil mir keine gute Antwort einfällt. Ich will ja etwas sagen, irgendwas Gutes erwidern - aber meine Worte verstecken sich.

    Wie immer, wenn ich mit Menschen reden muss.

    Wie mit meinem Vater, zum Beispiel, oder wenn man in der Schule von mir erwartet, dass ich mich mit den anderen Schülern verstehe und vor vielen Leuten irgendetwas laut sage!

    Das kann ich nicht.

    Denn ich weiß, dass Papier oft viel besser zuhört als Menschen.

    Doch Loona weiß dies offensichtlich nicht, kann es nicht verstehen: „Ganz ehrlich: Ich kapiere es nicht, kapiere dich nicht, Stella! Alles... du hast doch alles in dir drin, das habe ich ja selbst gemerkt. Trotzdem... ich sehe doch, wie du dich erschreckst, wenn ein Lehrer dich anspricht oder wie du die anderen Leute hier nicht mal richtig ansehen kannst. Sag doch einfach mal, was du denkst. Du siehst aus, als würdest du lieber... keine Ahnung... in einen Löwenkäfig gesperrt werden, als mal den Mund auf zu kriegen!"

    „Wie Recht du hast, Loona aus Österreich!"

    Ich fahre zusammen und weiche zur Wand. Ich muss mich nicht umschauen, um zu wissen, wessen laute Stimme da gesprochen hat.

    „Ähm. Hallo", macht Loona und klingt wenig begeistert.

    „Ich bin Aaron, ich hab dich heute in Deutsch und Philosophie gesehen. Bist mir gleich aufgefallen."

    Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben. Obwohl ich auf meine Schuhe starre und am liebsten mit der Wand in meinem Rücken verschmelzen würde, sehe ich den Jungen aus meiner Stufe ganz deutlich vor mir: Wie er sein schiefes Grinsen zeigt, das viele Mädchen und den ein oder anderen Jungen schon zum Seufzen und Anhimmeln gebracht hat, die dunkelbraunen Haare, die er sich natürlich ganz lässig aus der Stirn streicht und das Zwinkern seiner dunklen Augen.

    Zu schade, dass er weder besonders intelligent noch zuvorkommend oder freundlich ist - vor allem nicht zu mir oder anderen Leuten, die eben bloß etwas stiller sind.

    Unnötig zu erwähnen, dass ich ihn hasse.

    „Aha", antwortet Stella nur, doch davon lässt Aaron sich kein Bisschen einschüchtern.

    „Aha", ahmt er sie nach und ich kann das Zwinkern und Lächeln in seiner Stimme hören. Loona wird doch wohl nicht von solchem Gehabe beeindruckt, oder? Vielleicht sollte ich... „Ich sehe schon", fährt der Junge fort, „Du tust gerne auf hart-zu-kriegen, hm?"

    „Wovon redest du?" Über Loonas Verwirrung muss ich fast lachen - sie hat zwar schon den einen oder anderen Mord auf dem Gewissen und ist dennoch in anderen Bereichen so... unschuldig.

    „Du spielst gerne, wie eine kleine Katze, richtig? Du kannst nicht behaupten, dass ich nicht Recht habe."

    Was hat Loona vorhin noch gesagt? Sag doch einfach mal, was du denkst.

    „Ich kann dich schon noch überzeugen, mir gegenüber ein bisschen... offener zu sein, du wirst sehen."

    „Ich muss gleich kotzen", sage ich laut. Wage es sogar, den Kopf so weit zu heben, dass ich wenigstens die Wand hinter Aaron ansehen kann. Sofort rast mein Herz und ich spüre, wie Blut durch meinen Körper schießt, laut und panisch.

    Betont langsam wendet er sich mir zu. „Was soll das denn heißen?"

    Ich spüre, wie Loonas Blick auf mir ruht, also fixiere ich weiter die Wand, balle die Hände zu Fäusten, damit meine Hände nicht zittern. „Merkst du wirklich nicht, wie lächerlich du dich aufführst?"

    Aaron lacht auf. „Guck dich doch selber mal an. Geb mir einen Moment, wo du dich nicht

    lächerlich benimmst!"

    „Gib", stöhne ich genervt. „Nicht mal sprechen kannst du und denkst trotzdem, alle Welt sollte dich vergöttern!

    „Kein Wunder, dass keiner dich ausstehen kann", seufzt Aaron und schlägt theatralisch die Hand vor die Stirn, um sich dann wieder Loona zuzuwenden. Verschwörerisch beugt er sich zu ihr. „Komm schon, ich stell dich mal den Leuten vor, die nicht so ekelhaft langweilig und verklemmt sind, was meinst du? Wenn es nach mir geht, lassen wir Stella einfach hier." Plötzlich lacht er laut auf; ich finde, er hört sich dabei an wie eine Krähe, der man auf den Schwanz getreten ist. „Das macht man mit nervigen Hunden doch auch so, man bindet sie einfach irgendwo an und lässt die Viecher da - gute Idee, oder? Wirklich, Loona, jemand so Hübsches wie du muss doch nicht mit so jemandem wie der da rumhängen."

    Ich schlucke und hoffe, bete, dass Loona etwas sagt, irgendetwas, dass ihm widerspricht, dass sie sagt, wie sehr sie mich mag und dass Aaron verschwinden soll.

    Aus den Augenwinkeln beobachte ich die beiden - und mein Magen verknotet sich, als Loona auf einmal lächelt, liebenswert lächelt und sich ihrerseits zu Aaron beugt, nah an ihn herantritt, mit einer Hand auf seinem Oberarm.

    Sofort starre ich wieder den Boden an.

    Bitte nicht.

    Nicht Loona.

    Ich dachte, jetzt, wo sie mich nicht mehr tot sehen will, würde sie mich mögen, ich dachte, ich kenne sie, ich dachte... Ohne, dass ich es will, wird mein Hals ganz eng und Tränen steigen ich meine Augen. Ich habe wirklich geglaubt, wir würden uns verstehen, aber vielleicht kenne ich sie doch nicht so gut, wie ich dachte. Die Loona, die ich kenne, würde jemandem, der schlecht über ihre Freunde spricht, eher ihr Briefmesser in den Bauch stoßen, als auf ihn herein zu fallen.

    „Entschuldigung", sagt meine Protagonistin süßlich und ich erstarre. „Könntest du das noch einmal wiederholen?" Ihre Stimme... irgendetwas...

    „Für dich doch gern", schmunzelt Aaron und streicht ihr diese Strähne aus dem Gesicht. „Komm mit mir, und ich stelle dich wirklich coolen Leuten vor. Vergiss dieses schräge Ding namens Stella, ernsthaft."

    „Ich denke... nicht." Das ist es: brennendes Papier in ihrer Stimme, wie ich es mir immer vorgestellt habe.

    Erschrocken reiße ich mich aus meiner Starre, strecke einen Arm nach Loona aus, das „Nein!" liegt mir schon auf der Zunge - aber ich sehe nur noch einen schmalen Blitz aus Silber und dann - Rot.

    Ein seltsamer Laut entschlüpft mir, ich schlage die Hände vor den Mund. Die Welt pocht in meinem Kopf, durchzogen von düsteren Schlieren. Ich stolpere zurück, da ist etwas, etwas Warmes, Nasses an meinem Gesicht, ich muss atmen, aber es geht nicht, das, das, das kann nicht real sein, ich- er ist-

    „Du wirst nirgends mehr hingehen", sagt Loona eisig, senkt ihr blutbesprenkeltes Gesicht und sieht auf Aaron herab, während Blut von dem Messer in ihrer Hand auf den schmutzigen Boden trieft.

    Der Junge liegt auf dem Boden, verzweifelt die Hände auf den Hals gepresst... seine blutüberströmte Kehle... ein röchelndes Geräusch, ein letztes Zucken und dann ist es still.


    11
    Loona

    Meine Hand ist nass, das Blut ist noch warm und ich blicke auf den Toten und fühle mich unfassbar lebendig – bis die Kopfschmerzen sich wieder bemerkbar machen, doch ich bewahre die Fassung.
    Stella darf es nicht merken – noch nicht.
    „Was für ein Arschloch“, sage ich, wische das Messer mit meinem Ärmel ab und stecke es wieder ein. Da erst bemerke ich, dass Stella völlig… entsetzt aussieht. Die zitternden Hände vors Gesicht gepresst und mit weiten Augen starrt sie mich an. „Du hast ihn umgebracht!“, flüstert sie, „Du hast ihn einfach umgebracht!“
    Ich zucke die Schultern und stupse den Typen, Aaron, mit dem Fuß an. „Hab schon Schlimmere erledigt, oder? Der hat ja noch nicht mal einen Kampf geliefert, aber…“ Ich strecke mich und betrachte meine blutbeschmierte Hand. Blut hat so eine schöne Farbe, es ist die Farbe des Lebens. „Der war wirklich dumm. Wirklich, Stella, hör nicht auf solche Idioten, die-“
    Doch Stella, die ruhige Stella, unterbricht mich: „Du verstehst nicht!“ So bleich habe ich sie noch nicht gesehen. „In dieser Welt bringt man nicht einfach jemanden um, nur weil er etwas Dummes sagt!“
    Mit schief gelegtem Kopf mustere ich meine Schreiberin aus schmalen Augen. „Tut man nicht?“ Eben noch, im ersten Moment, in dem das Messer die Haut des Jungen berührt hat, hat mein Herz gerast wie verrückt, meine Fingerspitzen haben gekribbelt – aber jetzt bin ich ruhig. Entspannt. Ich fühle mich wieder wie Ich – wie ich mich schon immer gefühlt habe. Ganz anders, als sonst in Stellas Gegenwart… Ich schaue auf den toten Körper auf dem Boden und die größer werdende Pfütze aus Blut und weiß, ich weiß einfach, dass dies meine Bestimmung ist. Menschen können sich nicht ändern. Und ich bin nun mal die mit dem blutigen Messer in der Hand.
    „Hör – mir – zu!“ Stella packt mich an den Schultern – mir entgeht nicht, dass sie dabei zusammenzuckt – und sieht mir fest in die Augen. „Diese Welt, Geschichte, wie du sagen würdest, funktioniert anders.“ Irgendwo wird eine Tür laut zugeschlagen und Stella wirft einen hektischen Blick nach hinten, dann sieht sie wieder mich an. „Hier kämpft man nicht für sich selbst und schlägt sich eben so durch, wie es gerade geht – es gibt Regeln. Gesetze. Wenn man die nicht einhält, wird man eingesperrt, vor allem, wenn man jemanden absticht, verdammt! Du wirst in ein Gefängnis kommen, meinetwegen auch in eine Psychiatrie, egal, auf jeden Fall…“ Sie lässt die Arme sinken. „… haben wir jetzt ein gigantisches Problem.“
    Stellas Worte beunruhigen mich ein wenig. In meiner Geschichte gab es nie Folgen, weil, wie sie bereits gesagt hat, jeder sich einfach durchgeschlagen hat, wie es eben passte. Was mein Schreibermädchen da beschreibt, klingt alles andere als vorteilhaft.
    „Alles klar“, sage ich, „dann verschwinden wir jetzt von hier. Zuerst muss ich irgendwie das Blut abkriegen.“

    In den Toilettenräumen der Mädchen habe ich etwas mit den Wasserhähnen zu kämpfen – warum sind diese Dinger auch ganz anders aufgebaut, als die in Stellas Wohnung? Diese verdammte Technik verwirrt mich.
    Stella ist auch keine wirkliche Hilfe: Sie lehnt mit geschlossenen Augen an der weiß gekachelten Wand und sieht aus, als hätte sie genug eigene Probleme.
    Gerade, als ich herausfinde, wo man drehen muss und Wasser ins Becken läuft, kommt ein Mädchen mit kurzen braunen Haaren aus einer der Kabinen, um sich neben mir die Hände zu waschen. Ihr Blick fällt auf meine immer noch roten Hände und wandert zu Stella, deren Gesicht auch einige Blutspritzer abgekriegt hat. „Habt ihr jemanden umgebracht, oder was?“
    „Ähm“, mache ich. Hatte Stella nicht behauptet, Totschlag wäre in dieser Geschichte nicht üblich? Woher weiß das Mädchen das dann?
    „Klar“, springt Stella hastig ein und setzt ein übertriebenes Grinsen auf. „Eine Flasche Acrylfarbe im Kunstunterricht.“
    Das Mädchen mit den kurzen Haaren lacht und verlässt den Raum.
    Stella stöhnt und sinkt wieder gegen die Wand.
    Ich räuspere mich. „Das war knapp.“
    Nachdem wir das Blut abgewaschen haben, frage ich, wie es jetzt weitergeht, ob Stella einen Plan hat – doch sie antwortet nicht sofort. „Stella?“ Sie weicht meinem Blick aus.
    „Ich kann nicht glauben, dass du ihn umgebracht hast.“
    Verständnislos und mit hängenden Schultern sehe ich sie an. „Aber das tue ich doch andauernd.“
    „Aber nicht- Ich dachte, du wolltest dich ändern.“
    Ich zucke mit den Schultern. „Es fühlt sich eben richtig an. Nicht vergessen: Das hast du so eingerichtet. Egal – komm schon, wir müssen verschwinden, oder nicht?“ Ich strecke die Hand nach ihr aus, doch Stella zuckt zurück.
    „Es… war eben nie real. Nur weil ich darüber schreibe, will ich nicht wirklich Menschen töten, verstehst du?“
    Wut flammt in mir auf. Es ist allein ihre Schuld, dass ich bin wie ich bin, dass ich solche Dinge tue und schon immer getan habe. „Dafür ist es zu spät“, fauche ich eisig, „Du hast mich erschaffen und damit eine Mörderin am Hals. Willst du dich wirklich mit mir anlegen?“
    Stella wird so weiß, dass sie vor der Wand fast unsichtbar wird. „Drohst du mir?“
    Langsam gehe ich auf sie zu, Schritt für Schritt, und Schritt für Schritt weicht sie zurück, bis es nicht mehr geht. Gesicht an Gesicht zwinge ich sie, mir in die Augen zu sehen. „Noch nicht“, flüstere ich zähneknirschend, „aber wenn du mir jetzt nicht hilfst, von hier zu verschwinden und eine Lösung zu finden…“ Mir ist schummrig. Will ich das… wirklich? Etwas in mir schreit laut Nein – ich mag Stella, sehr, viel mehr, als ich sollte. Aber es ist nicht meine Bestimmung, sie zu mögen. Ja! Sie sieht mich an, als wäre ich ein Monster – eines, das sie selbst erschaffen hat. Damit wird sie, über kurz oder lang, leben müssen.
    „Wenn du mir nicht hilfst“, beende ich meinen Satz und wende mich ruckartig von ihr ab, „muss ich bald noch einen Mord begehen.“

    12
    Stella

    Die Zeit verwischt vor meinen Augen.
    Im einen Moment rennen wir das Treppenhaus hinunter, im nächsten sitzen wir schon auf meinem Fahrrad und der beißende Wind treibt mir Tränen in die Augen, während irgendwo in der Ferne Sirenen schrillen.
    Auch in meinem Kopf heult ein Alarm.
    Was ist passiert?
    Warum ist Loona auf einmal so?
    Mein Herz hüpft mir bis zu den Ohren und in mir tobt ein Wirbelsturm.
    Loona ist unberechenbar, das stimmt. Aber dieser Umschwung – sie hat jemanden umgebracht, weil er mich beleidigt hat und nun droht sie mir selbst. Mein Gehirn verknotet sich auf der Suche nach Antworten, Hinweisen, irgendwas – bis mir das Offensichtliche einfällt.
    Der Fahrradlenker schlingert unter meinen Händen und ich fahre beinahe gegen ein Auto. Ich zwinge mich zur Konzentration, versuche, nicht daran zu denken, dass Loona hinter mir auf dem Gepäckträger ihr Messer vermutlich nicht aus der Hand legt, dass die Polizei gerade die Schule durchsucht und ermittelt und am allerwenigsten an die starren, gläsernen Augen Aarons und das Blut, das sich langsam ausbreitet…
    Nein, ich muss jetzt nachdenken.
    Es ist das Buch, natürlich.
    Es scheint so, als hätte derjenige, der über uns schreibt, eine neue Idee für eine Wendung in der Geschichte gehabt. Verflucht sei derjenige – wer auch immer es ist. Es hätte alles so schön werden können, Loona ist die einzige Person, die ich je in meinem Leben haben wollte und nun will jemand sie gegen mich aufhetzen.
    Das werde ich nicht zulassen.
    Ich werde nicht zulassen, dass Loona mich hasst, dass unsere Geschichte ein schlimmes Ende nimmt. Wenn es sein muss, werde ich alle Menschen auf der Erde tot-schreiben, wenn es das ist, was mich und Loona zusammenhalten kann, beschließe ich entschlossen.

    Wir fliehen zum ersten Ort, der uns eingefallen ist: das Baumhaus.
    Während des ganzen Weges spricht Loona kein einziges Wort. Stattdessen erdolcht sie mich mit zornigen Blicken aus ihren marineblauen Augen, als könne sie es kaum erwarten, mich tatsächlich zu erstechen. Wie sie es mit Aaron getan hat.
    Erst, als wir den Zug und jegliche Straßen hinter uns lassen, richtet Loona ein Wort an mich.
    „Wie lautet dein Plan, Schreibermädchen?“ Ihre Stimme ist so eisig, dass es mir Gänsehaut bereitet.
    Ich weiche einem tiefhängendem Ast aus. Nur das Rascheln und Knacken unserer Schritte durch den Wald ist zu vernehmen. „Ich weiß nicht“, sage ich leise. Was eine Lüge ist. Am liebsten würde ich hier und jetzt mein gutes altes Notizbuch auspacken und wenn nötig mit einem verdammten Hammer aufbrechen, damit ich unsere Geschichte umschreiben kann. Allerdings fürchte ich, dass Loona nicht all zu viel von dieser Idee halten wird.
    Nach einigen Schritten fällt mir auf, dass sie noch gar nicht geantwortet hat und blicke mich um. „Loona?“
    Meine Protagonistin kauert am Boden. Als sie sich, mit den Händen an einem Baum abstützend, aufrichtet, schnappe ich erschrocken nach Luft.
    Ihre Haut sieht fast blau aus, so blass ist sie. Taumelnd kommt sie auf mich zu und ich muss sie halb auffangen, damit sie nicht fällt. „Was ist mit dir?“, frage ich bestürzt.
    „Nichts“, knurrt sie durch zusammengebissene Zähne, „Es geht gleich wieder.“
    Doch danach sieht es nicht aus. Als wir das Baumhaus erreichen, muss ich ihr helfen die Strickleiter hinauf zu klettern und drinnen stolpert sie gegen eine Wand und lässt sich daran herunter rutschen. Ich lasse meinen Rucksack fallen und eile zu ihr.
    Was zur Hölle ist hier los?
    „Was ist mit dir?“, frage ich erneut.
    Eine Welle der Anspannung durchrollt Loona und ehe ich ausweichen kann, ist sie schon wieder auf den Beinen und drängt mich zurück, bis ich mit den Fersen an der Kante des Eingangs stehe, hinter mir mehrere Meter Tiefe. Sie hält mir ihre Messerklinge an die Kehle und grinst. Schweiß glitzert auf ihrer Stirn und ihre Hände zittern, während ihre Augen vor Stärke strahlen.
    „Du musst das nicht tun“, sage ich atemlos. „Das bist nicht du. Erinnere dich. Du wolltest das alles nicht mehr tun, weißt du noch? Du wolltest nicht länger eine Marionette sein. Komm schon, Loona.“ Ich bin auch eine Autorin, denke ich, ich kann stärker sein als das, was Loona gerade lenkt. Ich muss stärker sein. Ich stelle mir vor, wie ihr Briefmesser meine Haut zerreißt und ich rückwärts aus dem Baumhaus auf den Boden stürze, wo ich Tage oder sogar Wochen liege, bis jemand mich findet. Wir müssen stärker sein. „Lass los. Du willst mich nicht umbringen. Du hast dich dafür entschieden, bei mir zu bleiben, in meiner Welt. Hör auf. Noch kannst du deine eigene Geschichte schreiben. Wir können unsere Geschichte schreiben. Gib jetzt nicht das auf, wofür du so lange gekämpft hast.“
    Loona bebt immer stärker und ich spüre, wie das Messer in meine Haut schneidet. Doch es ist mir egal. Ich kann nur in ihre kornblumenblauen Augen sehen und versuchen, ihr zu sagen, wie viel sie mir bedeutet.
    Obwohl sie mein Leben in diesem Moment mit nur einer Bewegung auslöschen könnte, liebe ich sie jetzt mehr als je zuvor. Ich weiß, dass sie mich nicht wirklich töten möchte. Jetzt liegt es in ihrer Hand.
    Loona ist so schön wie der Mond.
    Ich schließe die Augen und warte auf den Schmerz, den Tod, den Fall.
    Stattdessen höre ich ein leises Klopfen. Als ich wieder hinsehe, ist Loona vor mir zurück gewichen, ihr Messer hat sie fallen gelassen.
    Umsichtig entferne ich mich von dem Abgrund und lasse Loona nicht aus den Augen.
    Ohne Vorwarnung stößt sie einen lauten Schrei aus, voller Wut und Angst, und stürzt zu meinem Rucksack, zerrt mein Notizbuch daraus hervor, das Buch, mit dem alles begonnen hat, und öffnet es. Als gäbe es nichts Einfacheres. Ohne zu zögern reißt sie die Seiten heraus, so viele wie auf einmal nur möglich sind, und stürmt zum Fenster des Baumhauses. Wie ein Schwarm weißer Vögel werden die Seiten vom Wind ergriffen und zerzaust in die Welt hinausgetragen.
    Mitgerissen von Loonas Energie schnappe ich ihr Messer und zersteche damit die letzten Überreste des Buches.
    Ich knie auf dem Boden des Baumhauses inmitten von Papierfetzen und fühle mich so frei und erlöst wie noch nie. Wenn es schon mir so geht, wie wundervoll berauscht muss Loona sich dann erst fühlen?
    „Stella.“ Es ist kaum mehr als der Hauch eines Flüstern. Ich springe auf und sehe entsetzt zu Loona, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Sofort bin ich an ihrer Seite und halte sie fest, während sie langsam zu Boden sinkt. Ich bette ihren Kopf auf meinen Rucksack und beuge mich über sie, nehme ihr Gesicht zwischen meine Hände. Ihre Haut glüht. „Was ist los? Bitte sag es mir! Was soll ich tun?“
    Sie murmelt etwas und ich beuge mich noch näher zu ihr, um die schwachen Worte zu verstehen, die so mühsam über ihre Lippen stolpern.
    „Ich sterbe.“

    13
    Loona
    Mir ist so kalt.
    Einzig Stellas Hände spenden mir etwas Wärme, etwas Halt, etwas Leben.
    Der Boden des Baumhauses dreht sich und bewegt sich wellenartig unter meinem Körper, so sehr, dass mir schwindelig wird und ich denke, mich gleich übergeben zu müssen. Ich will nach Stellas Arm greifen, will mich an ihr festhalten – doch ich kann keinen Finger rühren.
    „Ich verstehe das nicht.“ Diese geflüsterten Worte gleiten durch den Nebel und die Wellen bis zu meinem Bewusstsein. „Was soll das heißen, du stirbst? Das kannst du nicht machen. Ich verspreche dir, wir finden eine Lösung, irgendetwas wird mir einfallen, wir schaffen es schon aus diesem Desaster, aber du musst bei mir bleiben!“
    „Schh.“ Nie hätte ich gedacht, dass es mich mal so viel Kraft kosten würde, zu sprechen. Aber jetzt muss es sein. „Es ist… einfach so. Das sind die Regeln.“
    Stella streicht über meine Stirn. „Welche Regeln?“, flüstert sie.
    Hätte ich es gekonnt, hätte ich gelacht. Natürlich hat Stella keine Ahnung.
    „Man kann nur ein bisschen länger als… einen Tag… überleben. In einer fremden Geschichte. Ich wusste nie, ob das wahr ist… bis ich es selbst gespürt habe. Kopfschmerzen, Allergien… Warnungen. Jetzt ist es bald vorbei.“
    „Aber…“ Ich spüre Stellas Schock förmlich. „Aber du… du hast dich doch absichtlich entschieden, hier zu bleiben! Warum? Ich hätte dir das geschrieben, was du willst, ich hätte es noch einmal versuchen können, ich-“
    Ich finde doch noch die Kraft, meine Hand auf die von Stella zu legen. Sie gibt mir diese Kraft. „Weiß ich. Du hättest alles getan, was mich glücklich macht, selbst, wenn es dich unglücklich gemacht hätte. Aber in dieser Geschichte zu bleiben…“ Ich ringe nach Luft. „...bei dir zu bleiben. Das hat mich glücklich gemacht. Bis ich gemerkt habe, dass ich immer noch keine Kontrolle über mein Leben habe. Aber vielleicht wollte ich auch gerade deswegen bei dir bleiben, weil ich wusste, dass mein Leben eher endet als dass es wirklich mein Leben wird.“ Ich falle, sinke tiefer, ich sehe einen blauen Himmel, der sich immer weiter in die Höhe schraubt.
    „Nein.“ Wie ein letzter Anker fischt Stellas Stimme mich aus der Tiefe. So, wie sie es schon immer getan hat. „Das lasse ich nicht zu. Das Buch, der fremde Schreiber, sie alle sind mir egal. Du bist stärker als das.“
    Meine Augen fallen zu. Ein Sog, kräftiger und mächtiger als Alles, zieht mich fort. Ich höre Stella schreien, meinen Namen rufen – oder passiert dies nur in meinem Kopf? Wenn nicht, so habe ich doch keine Kraft, Stella ein Zeichen zu geben, dass ich noch hier bin, wenigstens ein kleiner Teil von mir.
    Ich kann ihr nichts von alldem sagen, was ich hätte sagen wollen, hätte sagen sollen.
    Wie viel sie mir bedeutet, trotz der anfänglichen Schwierigkeiten.
    Dass mein letzter Tag mit ihr der schönste war.
    Dass ich nichts bereue.
    Wie sehr ich mir wünsche, sie würde endlich den Mut finden, ihr Leben so zu leben, wie sie es möchte.
    Ich hoffe, dass unsere Begegnung ihr etwas Tapferkeit geschenkt hat.
    Nichts von alldem kann ich aussprechen, aber ich hoffe, dass Stella es dennoch weiß.
    Mir bleibt nur übrig, trotz des körperlichen Schmerzes diese letzten Momente mit ihr zu genießen, ihre Berührung und Stimme so lange in meinem Bewusstsein zu halten wie nur irgend möglich ist.
    Dann ist sie weg.
    Ich spüre Stella nicht mehr an meiner Seite.
    Mit dem letzten, mir verbliebenen Leben zwinge ich meine Augen auf. Über mir die mit Sternen und Monden bemalten Decke des Baumhauses, das vor meinen Augen verschwimmt, doch ich finde Stellas butterkeksblonden Lockenkopf. Da steht sie, an der Wand und… schreibt.
    Riesenhafte Wörter. Weiß, Dunkelblau und Gelb.
    Es dauert, bis ich verstehe, die einzelnen Eindrücke zusammensetze.
    Mein Schreibermädchen schreibt nicht, sie malt mit Worten. Mit den Farben, die sie auch für die Deckenbemalung brauchte, bringt sie riesige Ausdrücke an die Wände des Baumhauses.
    Ausdrücke, die mich rufen.
    Luft strömt in meine Lungen und ich fühle mich, als falle ich rückwärts ins Nichts. Oder ins Alles.
    Die Welt um mich herum gerät in Bewegung, nur Stella bleibt, sie kommt zu mir, legt sich neben mich und nimmt meine Hand; an ihrer haftet noch die nasse Farbe.
    Alle Kraft verlässt mich und erneut schließen sich meine Augen.
    Ich merke, dass sich alles verändert.
    Der Untergrund wird weich und kühl, belebende Luft fährt über meine Haut. Und noch immer schlägt mein Herz.
    Die Hand, die ich halte, fühlt sich auf einmal viel kleiner und zerbrechlicher an.
    Als ich die Augen öffne, spannt sich über mir ein strahlend blauer Himmel. Eine Wolke in der Form einer Mondsichel schmiegt sich gerade so um die Sonne, dass sie sie gerade eben nicht verdeckt. Unter mir spüre ich… Gras und Erde und Steine.
    „Loona, kommst du?“, fragt eine helle Stimme und die kleine Hand zieht ungeduldig an meiner.
    Langsam setze ich mich auf. Blicke mich um. Sehe.
    Wir sitzen auf einem grünen Hügel, der weiter unten in Wald übergeht. Am Horizont spannen sich graue Berge, deren schneebedeckte Spitzen sich wie Zähne Richtung Himmel strecken.
    Wir?
    Das bin ich… und das kleine Mädchen mit zimtbraunen Augen und honigblonden Haaren, das neben mir auf der Erde sitzt und mich angrinst.
    „Mama und Papa warten schon auf uns!“
    Meine kleine Schwester. Das ist sie.
    Ich stehe auf. „Klar“, sage ich, „Lass uns gehen.“ Ich lasse ihre Hand los und das kleine Mädchen rennt übermütig vor. Mit unsicheren Schritten folge ich ihr, als ich etwas an meinen Fingern spüre.
    Blaue, weiße und gelbe Farbe, die noch nicht ganz getrocknet ist, klebt daran und ich begreife.
    Sie hat es geschafft, sie hat es wirklich geschafft.
    Ich bin endlich und endgültig in meiner Geschichte, die ich mir gewünscht habe.
    Aber wenn sie denkt, ich würde sie vergessen, hat sie sich getäuscht. Auch, wenn ich es mir zu Anfang gewünscht habe, bin ich jetzt froh, dass ich mich erinnere.
    Ich folge meiner Schwester nach Hause.
    Ich werde dich nie vergessen, Stella, nie, denke ich und fast ist mir, als hörte ich ihre Stimme, irgendwo hinter dem Horizont höre ich ihr Lachen und bin glücklich.
    Ich bin angekommen.

    14
    Epilog - Stella
    Zurück – das ist das Gefühl, dass meinen Geist und Körper erfasst und mich rückwärts durch Zeit und Raum schleudert.
    Sollte ich Angst haben?
    Ja, vielleicht.
    Aber ich fürchte mich nicht, denn ich weiß, was passiert.
    Nie hätte ich mir zugetraut, nur mit Worten, meinen Worten, so eine große Macht zu entfalten und ich glaube auch jetzt nicht, dass ich es einsam je dazu gebracht hätte. Am Ende war es nur Loona, meine Angst um und meine Liebe für sie, die mir die nötige Stärke gegeben hat, zu Schreiben, wie ich es vorher nie getan habe.
    Es bricht mir das Herz, dass ich sie nun nie wieder sehen werde – aber dennoch wird sie für immer bei mir bleiben. So, wie ich für immer bei ihr sein werde.
    Als ich spüre, wie der Sog stärker und zugleich langsamer, zäher wird, schließe ich die Augen.
    Es wird ganz dunkel und still – wenigstens in meinem Kopf- und ich schwebe in all meinen Gefühlen, von denen ich dachte, sie würden für mich nie Realität werden sondern bloß Fiktion bleiben. Ich sehe Loonas dunkle Haare und die kornblumenblauen Augen vor mir, spüre ihre Hand in meiner, weiß aber, dass dies nur Erinnerungen sind, die ich für immer bei mir behalten werde.
    Eine plötzliche Unruhe reißt mich aus meinen Gedankenspaziergängen. Meine Mitschüler packen ihre Sachen, der Lehrer hat schon wieder ein neues Brötchen in der Hand und auch draußen im Gang wird es laut. Pause.
    Ich blinzele in das künstliche Licht und mein Herz fängt an zu rasen und mir wird übel. Vor Angst.
    Ich bin in meinem Klassenraum. Ganz genau wie vor einem Tag.
    Kann es sein, dass ich mir alles… alles nur eingebildet habe? Wie betäubt packe ich meine Sachen zusammen. Dass mein Schreiberwahnsinn tatsächlich Besitz von mir ergriffen hat, und Loona nie real war?
    Entweder das, oder… oder… ich habe es geschafft.
    Ein Lächeln schleicht sich in mein Gesicht und breitet sich aus, bis ich von einem warmen Gefühl ergriffen bin – denn auf meinen Händen haftet kaum getrocknete Farbe in Nachthimmelblau, Mondweiß und Sternengelb.
    Es ist wieder Dienstag.
    Wie das möglich ist? Die Antwort ist einfach: Worte.
    Ich bin überzeugt, sie sind noch da, an den Wänden meines Baumhauses. Denn ich habe nicht bloß Loona in ihre eigene Wunschgeschichte geschrieben, um sie zu retten – ich habe auch, sagen wir, ein wenig am Rad der Zeit gedreht.
    Wie in einem Nebel begebe ich mich mit zittrigen Beinen auf den Gang hinaus und kann nicht umhin, meine Mitschüler anzustrahlen.
    Einen großen Teil meines Lebensweges habe ich mit Loona in meinen Gedanken verbracht, einen kleinen Ausschnitt davon sogar mit ihr direkt an meiner Seite. Doch es sind Dinge geschehen, die so nicht hätten geschehen sollen – weshalb ich diesen Ausschnitt noch einmal gehen werde, ohne Loona.
    Sie war hier, das war sie wirklich, ein Teil meines Lebens. Bloß habe ich sie aus dem Leben aller anderen Personen um uns herum herausgeschnitten – zu deren Wohl.
    Auf dem Weg zu den Ausgängen kann ich in der Menschenmenge Aaron ausmachen, wie er mit einem Mädchen flirtet, dass ihn nicht dafür umbringen wird, und muss lächeln. Der arme Kerl weiß gar nicht, was ihm geschehen ist, aber das ist vermutlich besser so.
    Ich laufe weiter, denn jetzt muss ich nach Hause, wo ich einiges zu klären habe, was ich – Dank Loona – vielleicht auch endlich mal in laute Worte fassen werde.

    Ich kann nicht behaupten, dass ich keine Sekunde zögere oder ohne einen Funken Furcht vorangehe – aber ich gehe, und das ist, was zählt.
    Ich zähle stumm bis vier, dann schließe ich die Wohnungstür auf. Trete ein und schlage sie zu. Laut.
    Ich bleibe nicht stehen, um mir die Schuhe auszuziehen oder meine Jacke abzulegen. Einerseits möchte ich ohnehin nicht allzu lange bleiben, andererseits habe ich Angst, nicht mehr weiter gehen zu können, wenn ich einmal anhalte.
    Steif marschiere ich durch bis ins Wohnzimmer, wo ich die verfluchten Vorhänge zur Seite zerre, sodass sich graues Tageslicht in den leeren Glasflaschen um mich herum spiegelt.
    „Stella! Was zur Hölle soll das, verflucht?“
    Ich drehe mich auf dem Absatz um, mein Mund klappt auf und zu. Ich muss das hier durchziehen, bevor mich der Mut verlässt – Loonas Mut. „Papa“, sage ich.
    Die Trauergestalt in Form meines Vaters setzt zum Sprechen an, doch ich schneide ihm das Wort ab.
    „Ich müsste lügen, würde ich sagen, Ich hasse dich. Ich wünschte, ich könnte es so sagen und meinen – aber das tue ich nicht. Du bist trotz Allem noch mein Vater und du bist mir nicht egal. Aber ich weiß nicht, ob ich dir überhaupt wichtig genug bin, als dass dir das etwas bedeuten würde und deshalb kann und werde ich nicht länger bei dir wohnen.“ Ich atme langsam aus. Das ist gerade erst der Anfang.
    „Was soll dieses Gelaber?“ Papas Augen schwimmen haltlos in ihren Höhlen und rutschen immer wieder von mir ab. „mmer wieder das Gleiche, geh doch, wohin du willst. Wo willste denn hin?“ Er lacht schlapp. „Zu deiner Mutter vielleicht?“
    Ich balle die Hände zu Fäusten. „Ja.“
    Jetzt lacht er wirklich und es tut trotz meiner neu gewonnenen Stärke weh. „Meinste nicht ernst. Die wird dich niemals aufnehmen.“
    Ruhig bleiben, sage ich mir und stelle mir Loona vor, wie sie mir mit verschränkten Armen einen auffordernden Blick zuwirft. Na los, sagt das Bild in meinem Kopf, zeig‘s ihm. „Ich habe sie nie danach gefragt. Hast du?“ Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht und verschränke die Arme vor der Brust. „Vielleicht schlägt sie mir die Tür vor der Nase zu. Vielleicht freut sie sich, mich zu sehen. Vielleicht ruft sie die Polizei, wenn sie mich sieht, vielleicht wird sie mir zuhören und merken, dass ich nicht bin wie du. Dass ich in ihre neue Welt hineinpasse, besser als in diese, deine. Vielleicht. Wenn ich dieses Vielleicht beantwortet habe, dann sehe ich weiter.“ Ohne, dass es mir bewusst war, habe ich angefangen zu zittern.
    Ich blicke meinem Vater fest in die Augen, der den Augenkontakt deutlich weniger standhaft erwidert und leicht schwankend irgendetwas vor sich hin murmelt. Kurz halte ich inne, dann beschließe ich: Ich muss nicht hören, was mein Vater mir noch zu sagen hat. Ich bin fertig, ich bin bereit.
    „Ich werde nicht zurückkommen, aber man sieht sich immer zwei Mal im Leben und ich wünsche dir nur das Beste.“
    Mit diesen Worten lasse ich ihn stehen, um in meinem Zimmer die wichtigsten Sachen zusammenzusuchen und dann verlasse ich diese Wohnung ohne das Vorhaben, je zurückzukehren.

    Himmelgreifende Bäume, streckende Felder und hängende Wolken rasen an mir vorbei, während ich aus dem Zugfenster blicke und an Loona denke. Unzählige Fragen summen durch meinen Kopf, für die ich vermutlich nie eine Antwort finden werde. Wie geht es ihr jetzt? Ist ihre Familie so, wie sie es sich vorgestellt hat? Ist Loona glücklich?
    Mir bleibt nichts übrig, als traurig zu lächeln und an sie zu denken. Wir leben nun einmal in verschiedenen Geschichten, in anderen Welten.
    Im Kopf gehe ich jedes Gespräch durch, das ich je mit ihr hatte, bringe Wort für Wort in mein Gedächtnis und sehne mich danach, diese Worte niederzuschreiben. Aber wie, wenn ich damit vielleicht wieder etwas auslöse, etwas zum Leben erwecke, das ich nicht möchte?
    Am liebsten würde ich Loona davon erzählen, dass ich jetzt auf dem Weg zu meiner Mutter bin; dass nur meine liebste Buchfigur mir die Kraft gegeben hat, für mich selbst einzustehen und mein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
    Die Sonne blitzt durch die Wolken und mir kommt eine Idee.
    Aus dem Rucksack krame ich Stift und Block und lächele in mich hinein. Die Antwort ist einfach: Briefe.
    Ich weiß nicht, ob Loona meine Worte, die nicht über sondern an sie gerichtet sind, je hören, sehen, spüren wird. Aber wäre das denn das, was zählt? Nein. Ich will schreiben; die beiden letzten Tage haben mir gezeigt, wie sehr Worte das Leben einer einzelnen Person bewegen, verändern und beeinflussen können – und das werde ich auch weiterhin nutzen.
    In meinen Briefen an Loona werde ich alles schreiben, von allem erzählen, das mich an sie erinnert, meine Unsicherheit mit Tinte malen, wenn ich ihre bockige Stärke brauche und darüber schreiben, wie sehr diese kurze Zeit mit ihr mich und damit meine Geschichte verändert hat.
    Trauer und Angst rücken in die Ferne wie der Horizont hinter den Wiesen vor dem Fenster, als ich den Stift auf das Papier setze.

    Ich bin allein.
    Es ist dunkel und still.
    Einzig das Kratzen einer Füllerfeder auf Papier ist zu vernehmen.

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare (3)

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vor 222 Tagen flag
@Kristallklar Hey, es freut mich, dass die Geschichte dir gefällt! Es kam jetzt länger nichts, da ich beschäftigt war, aber tatsächlich ist es noch nicht ganz zu Ende. Es gibt noch Kapitel 13 und als Letztes wird ein Epilog kommen, irgendwann in den nächsten Tagen.
vor 230 Tagen flag
Ich hab aber gerade gesehen, dass die Geschichte noch in Arbeit ist - heißt das, dass Loonas Tod noch gar nicht das Ende ist?
vor 230 Tagen flag
Eine fantastische Geschichte mit charakterstarken Figuren und einigen unerwarteten Wendungen - ich muss schon sagen, das ist echt gut!