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Sieben Worte für ein Wunder - Das Mädchen hinter dem Glas

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3 Kapitel - 3.225 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 848 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

TesteDich hat die merkwürdige Angewohnheit, meine Einleitung ständig zu ändern. Dazu kann ich nur sagen: Leckt mich doch am Arsch, lasst mich meine scheiß Tests selber erstellen. Das hier ist mein Beitrag zu Tordens Schreibwettbewerb. So.

    1
    Sieben Worte für ein Wunder - November 2019

    Igel
    General
    Hülle
    Ziegel
    stören
    illustrieren
    knusprig

    2
    Ich widme diese Geschichte niemandem, denn dann denken alle, diese Person wäre depressiv oder so. Vielleicht Kurt Cobain. Ja... Kurt Cobain. Passt schon.

    3
    ((bold))Das Mädchen hinter dem Glas((ebold)) ((cur))"I miss the comfort in being sad" – Kurt Cobain ((ecur)) ((cur))Runter – und rauf.
    Das Mädchen hinter dem Glas


    "I miss the comfort in being sad" – Kurt Cobain

    Runter – und rauf. Runter – und rauf. Ein Vibrieren breitet sich in meinen Fingern aus, während ich das verschmutzte Jo-Jo abwechselnd fallen und wieder steigen lasse. Eine Bewegung, deren Eleganz einst stärker zu mir durchgedrungen ist. Runter – und rauf. Es ist kein angenehmes Vibrieren. Keines, das sich von meinen Fingerspitzen, über meinen Arm bis in meine Brust ausbreitet. Ebenso ist es kein unangenehmes Vibrieren, das in meinen Fingern sticht wie tausend kleine Nadeln. Es ist lediglich existent. Runter – und rauf. Früher hat mich diese Beschäftigung beruhigt. Wann immer ich auf irgendjemanden wütend war, oder traurig, nachdem ich einem weiteren schmerzvollen Tag in Einsamkeit verbracht hatte, kam ich hier rauf in mein Zimmer und ließ ebenjenes Jo-Jo rollen. Oft stundenlang. Und meine negativen Gefühle? Wie vergessen. Doch was passiert mit einem Jo-Jo, das keine negativen Gefühle zu verdrängen vermag, weil es keine finden kann?
    Ich schätze Zeiten ändern sich.

    Achtlos landet das hölzerne Spielzeug in der Ecke meines Zimmers. Mit einem knirschenden Geräusch trifft es auf das Parkett und zerspringt dabei in zwei Hälften. Ausdruckslos sehe ich zu, wie eine von ihnen liegen bleibt. Die andere rollt einen Augenblick durch die Gegend, bis auch sie schließlich aufgibt und in einer immer schneller werdenden Bewegung zu Boden kreiselt.
    Für einen kurzen Augenblick stehe ich schweigend da. Nun, da auch der zweite Splitter sein Schicksal akzeptiert hat, ist es totenstill geworden. Beinahe. Lediglich das Ticken der großen Uhr an meiner Wand, hält mich davon ab, in der Leere zu versinken. Tick. Tick. Tick.
    Mein Blick wandert zu einem kleinen Zettel, der neben dem Jo-Jo in der Ecke liegt. Behutsam hebe ich ihn auf. Es ist eine Visitenkarte. Ich puste etwas Staub von den unheimlich farbenfroh gestalteten Buchstaben. Es ist die Visitenkarte meiner Therapeutin. Sofort lege ich sie wieder an exakt die Stelle, von der ich sie aufgelesen habe.
    Meine Mutter hielt es für eine gute Idee, mich zur Therapie zu schicken. Ich weiß nicht ob es an mir liegt, doch meine Therapeutin hat es auch nach einem Jahr nicht geschafft, meine Situation in irgendeiner Weise zu bessern. Wenn ich die Augen schließe, kann ich ihre schrille Stimme genau hören. Wir müssen über die Beziehung zu Ihrem Vater sprechen, Lyla! Wie fühlen Sie sich in Ihrer gegenwärtigen Familiensituation, Lyla?
    Zu Beginn lief alles noch halbwegs okay. Ich erzählte von meinem Kummer. Meinem Schmerz. Sie interpretierte irgendwelche Komplexe hinein. Nach einer Weile begann ich mehr und mehr, ihre Methoden in Frage zu stellen. Versuchte sie krampfhaft, Kontrolle über die Gründe meiner Situation zu erlangen? War nicht ich nach wie vor die Generalin meiner Selbst?
    Mittlerweile habe ich diese Fragen abgelegt. Nicht, dass die zahlreichen Therapiestunden irgendeine Wirkung gehabt hätten. Viel schlimmer.

    An meinem großen Wandspiegel hängt ein Bild, das ich vor einigen Tagen malen musste. Ich sollte mein Verhalten gegenüber Anderen illustrieren. Auf dem Papier ist ein zusammengerollter Igel zu erkennen. Alles an ihm ist durch seine Stacheln geschützt, lediglich seine glänzenden Knopfaugen lugen vorsichtig hervor.
    Habe ich dieses Bild gewählt, um mein Verhalten darzustellen? Nein. Ich habe es gewählt, um meiner übereifrigen Therapeutin genug Zeit für ihre Interpretationen zu geben, während ich mich wie gewöhnlich abkapsele. Denn was wirklich der Wahrheit entspricht, ist: Ich weiß nicht, ob ich überhaupt ein Verhalten habe.
    Langsam wende ich meine Augen von dem Bild ab und lasse sie zum Spiegel wandern. Ein mir unbekanntes Mädchen starrt mich daraus an. Ihre Mundwinkel wirken so, als habe sie seit Jahren keine Freude mehr verspürt. Ihr Blick ist wider Erwarten nicht traurig. Nur ausdruckslos. Ich sehe tief in ihre Augen. Sie kommt mir vage bekannt vor. Wie eine alte Freundin, die ich vor Jahren kannte, doch inzwischen vergessen habe.
    Nachdem ich mich entscheide, genug Nichts gesehen zu haben, lasse ich auch den Spiegel hinter mir. Der Klang meiner Schritte auf dem Parkett vermischt sich mit dem der Uhrzeiger, während ich gemächlich zu meinem Fenster hinüber trotte. Tick-Tapp. Tick-Tapp.
    Ich weiß nicht, welche Uhrzeit es gerade ist. Und eigentlich ist es mir auch egal. Draußen sieht es nämlich so zeitlos aus wie nur irgend möglich. Es ist ein kalter, grauer Herbsttag. Die Sonne bleibt hinter dicken Wolken verborgen, die sich drohend am Himmel bilden. Es weht kein Wind. Alles in unserem Garten ist regungslos. Die Pappeln, die Schaukel, das Gras… Es scheint, als sei die Zeit stehen geblieben. Und alles, was sie übriglässt, ist stumme, erdrückende Leere.
    Ist es das? Ist es diese inhaltslose Leere, die sich über mich legt? Seit Wochen fühlt es sich an, als bilde sich unter meinen Rippen ein Vakuum, welches sich geschwind in jeder Faser meines Daseins ausbreitet. Ich möchte heulen. Schreien. Doch wozu schreien, wenn ich mich nicht einmal selbst hören kann? Wie Ziegel hageln diese enormen Brocken von Substanzlosigkeit auf mich herab. Sie rauben mir die Stimme. Den Atem. Und zurück bleibt nur der zerpflückte Kern eines ehemaligen Ichs, eingesperrt in seinen Gedanken, unfähig, die Welt jemals wieder zu betreten.

    Mit beinahe provokanter Unschuld stiert mich das zerstörte Jo-Jo aus seiner Ecke heraus an. Ich stiere zurück. Keiner regt sich. Eine gefühlte Ewigkeit führen wir diesen Zweikampf fort, dann tue ich dasselbe wie jedes Mal: Ich gebe mich geschlagen.
    Eo ipso führen mich meine Beine durch den Raum. Vorbei an dem provokanten Jo-Jo, vorbei an dem affektiert zurückgezogenen Igel, vorbei an dem wildfremden Mädchen hinter dem Glas. Ein leises Klacken ist zu hören, als sich meine Tür schließt. Ich blicke nach vorn. Mein Zimmer ist verschwunden, stattdessen hat sich ein dürftig tapezierter Flur vor mir aufgetan. Behutsam setze ich einen Fuß vor den anderen, bis ich an der Treppe angelangt bin. Die etwas in die Jahre gekommenen Holzstufen knarren beachtlich, während ich mich dem Erdgeschoss nähere. Als ich endlich am Fuß der Treppe angekommen bin, empfängt mich Stille. Meine Augen gleiten durch das Wohnzimmer. Niemand ist dort. Alles liegt reglos herum, manches an seinem zugewiesenen Platz, manches irgendwo auf dem Boden. Nichts stört sich an meiner Anwesenheit. Legte sich jetzt noch eine feine Staubschicht über den Raum, man könnte meinen, er wäre vor Jahren verlassen und nie wieder aufgesucht worden. Normalerweise wäre dies eine todtraurige Feststellung. Normalerweise.

    Inmitten der Stille liegt ein altes, etwas ramponiertes Springseil. Einige Fasern lösen sich an den Holzgriffen, deren einst rote Farbe nur noch teilweise zu erkennen ist. Ich nehme die Griffe in meine Hände. Sie fühlen sich merkwürdig fern an. Während ich sie so betrachte, lasse ich meine Arme in einer schwungvollen Bewegung kreisen. Dabei gehe ich leicht in die Knie, ehe meine Füße mich vom Boden abstoßen. Das Seil huscht unter mir hindurch. Abrupt lande ich.
    Die Bewegung scheint meinen Körper etwas unerwartet getroffen zu haben, meine Unterschenkel jedenfalls haben inzwischen das Dreifache ihres Gewichtes erreicht. Wieso? Ich springe erneut. Es fällt mir schwer. Sehr schwer. Zu schwer. Noch einmal. Ich liege knapp unter dem Durchschnittsgewicht meiner Altersgruppe, das weiß ich. Doch wieder einmal, wie ich es schon in den letzten Tagen erlebt habe, scheinen meine Beine dies nicht zu teilen.
    Unwillkürlich muss ich an früher denken. Meine Großmutter hatte mir dieses Springseil geschenkt, welches ich mir so sehr gewünscht hatte. Ab Heilig Abend nutzte ich es jeden Tag, länger, als es mir eigentlich lieb ist. So viel Freude hatte ich daran…
    Wo? Wo nur ist diese Freude hin?
    Meine Fersen bekommen die Kunststofffasern zu spüren. Ich habe nicht einmal gemerkt, dass ich stehen geblieben bin. Doch jetzt wo ich es getan habe, kann ich es auch gleich dabei belassen. Nicht wahr? Wieder einmal habe ich nicht das erhalten, wonach ich gesucht habe. Das ist in Ordnung. Schätze ich. Jedenfalls fühle ich mich nicht schlecht deswegen. Doch auf der anderen Seite: Was bedeutet das schon?

    Ich steuere also einen neuen Versuch an: Die Küche. Essen ist doch immer gut, oder? Es verbindet den visuellen Effekt mit Gerüchen und Geschmäcken. Das macht es so einzigartig. So eng verbunden mit Erinnerungen, mit Heimat. Mit Emotionen…
    Im Tiefkühlfach liegt ein Apfelstrudel, den ich eigentlich an meinem Geburtstag essen wollte. Morgen. Oder heute? Ich weiß es nicht mehr.
    Etwas erschöpft lasse ich mich an das Regal sinken, strecke meine Beine aus und sehe zu, wie die Hitze des Ofens die spektakuläre Rückkehr meiner Empfindungen zubereitet. Ich blinzle. Meine Augenlider sind schwerer geworden. Aus dem kleinen Spalt über dem Griff der Ofentür dringt weißer Dampf hervor. Ich hebe meinen Arm. Er ist schwül.

    Der knusprige Blätterteig stellt einen wunderbaren Kontrast zu den weichgekochten Äpfeln dar, als ich ihn aus dem Ofen hole. Und sehe ich da sogar ein paar Rosinen? Auf jeden Fall duftet es. Ja, es duftet tatsächlich. Ich kann es spüren. Habe ich es etwa geschafft? In tiefen Zügen sauge ich die süße Luft ein. Ein leichtes Prickeln entsteht in meiner Nase. Das ist erstmal nicht viel, aber hey – es ist ja auch erst der Anfang.
    Nach gut drei Minuten gebe ich das Warten auf. Ein endlos tiefes Verlangen hat sich in meiner Brust gebildet, das mich beinahe umbringt. Keine Ahnung, wie heiß der Strudel noch ist, ich muss ihn jetzt probieren. Vorsichtig, ganz vorsichtig schneide ich ein Stück ab. Die Zinken der Gabel dringen sauber in den Teig ein. Mit zittrigen Händen schiebe ich sie mir in den Mund.
    Ich schließe die Augen. Der Strudel zerfällt auf meiner Zunge. Ich kann diese unvergleichlich ungleichen Einzelheiten schmecken. Und es passiert – nichts.

    Ich kaue. Ich schlucke. Ich öffne die Augen. Nichts. Keine Erinnerungen. Keine Tränen. Keine Freude. Keine Emotionen.
    Fassungslos lasse ich die Gabel fallen. Mit einem lauten Klirren landet sie auf dem Boden zwischen meinen Füßen. Ich war mir so sicher, es geschafft zu haben.
    Mein Mund steht leicht offen. Meine Augen wandern vorsichtig zu dem Strudel. In einem dramatischen Kinofilm wäre das die Szene, in der die Protagonistin anfangen würde, bitterlich zu weinen. Doch ich tue es nicht. Nicht eine einzige heiße Träne bildet sich. Nicht einmal meine Sicht verschwimmt. Keine gütige, beschützende Trauer, in der ich versinken kann. Ich bin noch hier. Und zwar genau so verloren wie zuvor.
    Noch immer starre ich meine verlorene Hoffnung an. Ich habe es nicht geschafft. Ich habe es nicht geschafft. Nicht einmal hierdurch. Es ist, als könnte ich tatsächlich keinerlei Freude mehr spüren.
    Hey. Moment mal. Das ist wahr. Es ist, als könnte ich keine Freude spüren. Doch… Wer hat jemals gesagt, dass nur Freude eine Empfindung sei.

    Hastig stelle ich das Blech mit dem Apfelstrudel zurück in den Ofen und lasse es weiter erhitzen. Wollen wir doch mal sehen, ob ich wirklich so verloren bin, wie ich es mir selbst andauernd wieder vorhalte.
    Meine Finger trommeln ungeduldig auf die Herdplatte. Vor Aufregung beginnen meine Knie zu zittern. Als ich entscheide, dass genug Zeit vergangen ist, mache ich den Ofen aus und stelle den Strudel vor mir auf die Arbeitsplatte. Er sieht bei weitem nicht mehr so schön aus, wie vorhin. Im Gegenteil. All seine Ästhetik ist verschwunden, zurückgeblieben ist nur ein kleiner schwarzer Haufen Elend.
    Ich sträube mich etwas vor meinem Vorhaben, aber ich muss es tun. Nur so kann ich es herausfinden. Also schneide ich wieder ein Stück ab und schiebe es mir in den Mund. Als ich jünger war, habe ich mir mal eine Tiefkühlpizza gemacht und als ich sie herausnahm, bemerkte ich ein kleines abgebrochenes Stück der Kruste. Also aß ich es. Es stellte sich jedoch heraus, dass es sich dabei um ein verbranntes Stück Backpapier handelte. Damals war ich mir sicher, noch nie zuvor so etwas Widerliches gegessen zu haben.
    In etwa so schmeckt der verbrannte Apfelkuchen. Soviel merke selbst ich. Mein Gesicht verzieht sich. Schnell öffne ich den Mülleimer und spucke das Stück aus. Und noch während ich dies tue, weiß ich: Ja, es schmeckt widerlich. Aber Ekel wirkt anders.

    Frustriert werfe ich das Blech mit dem verbrannten Strudel zu Boden. Es kommt mir vor, als würde ich in Ohnmacht fallen. Alles in meinem Kopf schwimmt umher. Ich habe es nicht gespürt! Wieso habe ich es nicht gespürt!
    Ich stolpere die Treppe hoch und torkle ins Badezimmer. Wie eine leere Hülle, die jeden Augenblick in sich zerfallen könnte, stützt sich mein Körper auf das Keramikwaschbecken. Ich fokussiere das Mädchen hinter dem Glas und versuche, einen klaren Gedanken zu fassen. Gelingt mir aber nicht.
    Wie hältst du es überhaupt noch aus?
    Meine Lippen weigern sich, sich voneinander zu lösen. Stattdessen brüllt also meine innere Stimme vor sich hin.
    Wie kann es sein, dass du noch immer existierst?
    Ich schlage auf den Spiegel ein.
    Du bist nichts!
    Nochmal.
    Du bist niemand!
    Ich schlage härter zu. Wahrscheinlich habe ich mir schon auf mehrere Weisen die Hand verletzt.
    Du bist vollkommen allein!
    Höre ich da ein Knirschen?
    Du hast niemanden!
    Ich höre ohne Zweifel ein Knirschen.
    Du hast keine Freunde!
    Das Knirschen wird lauter.
    Niemanden, der dir helfen kann!
    Nun mischt sich ein Knacken darunter.
    Nicht einmal du selbst erkennst dich noch wieder!
    Das Glas zerspringt. Ohne darüber nachzudenken, nehme ich eine große Scherbe zur Hand. Es ist an der Zeit, zu drastischeren Mitteln zu greifen. Entschlossen setze ich die scharfe Kante an meinen Arm und ziehe sie druckvoll darüber. Blut beginnt aus der Wunde zu treten, die ich mir gerade zugefügt habe. Ich sehe auf. Durch die Risse im Glas wirkt das Mädchen merkwürdig verzerrt.
    Na, wie gefällt dir das?
    Drohend setze ich die Scherbe noch einmal an. Das Mädchen hinter dem Glas hält mich nicht davon ab. Sie tut es mir lediglich nach.
    Willst du jetzt etwas spüren? Willst du mich davon abhalten?
    Keine Reaktion. Ich ziehe durch. Es tut höllisch weh. Doch nicht mehr.
    Was? Hast du immer noch nicht genug?
    Ein weiterer Schnitt. Langsam beginnen die Kanten, sich dazu noch in das Fleisch meiner Hand zu schneiden. Mir soll es recht sein.
    Was ist nur los mit dir? Du sollst etwas spüren!
    Ich sehe, wie dem Mädchen Tränen die Wangen herablaufen. Doch ich sehe sie nur.
    EMPFINDE!
    Noch ein Schnitt.
    NA LOS DOCH!
    Ich werde hektischer. Die nächsten beiden Schnitte werden etwas unsauberer.
    HAST DU MICH IMMER NOCH NICHT VERSTANDEN?
    Und tiefer.
    DU! SOLLST! EMPFINDEN!
    Ich stocke. Vorsichtig wende ich meinen Blick zu meiner Hand. Mit der Glasscherbe fest in ihrem Griff, befindet sie sich nur wenige Millimeter von meiner Pulsschlagader entfernt. Meine Atmung wird flacher. Noch nie zuvor habe ich eine so lange Ewigkeit durchlebt, wie in diesem Augenblick. Noch immer starre ich auf meine Hand. Und die Scherbe. Und meinen Arm. Ziehe ich das hier gerade in Erwägung? Wieso denn eigentlich nicht?
    Meine Gedanken beruhigen sich langsam. Sie alle wandern zu dem, was hier gerade geschieht. Oder nicht geschieht. Noch nie habe ich darüber nachgedacht. Was passiert, wenn ich jetzt durchziehe? Wird es aufhören? Das ist zumindest genau das, was der Pfarrer jedes Mal sagt, wenn mich meine Eltern mit in den Gottesdienst schleppen. Nicht, dass ich in irgendeiner Weise Interesse an Religion hätte. Doch diese Worte schwirren gerade durch meinen Kopf. Mit dem Tod, soll alles vergessen sein, das hat er immer wieder gesagt. Die ewige Erlösung empfängt einen. Alles Leid ist beendet.
    Doch war ich nicht gerade auf der Suche nach Leid? Meine Erlösung wäre die Möglichkeit, meine Empfindung wiederzuerlangen. Das habe ich den ganzen Abend lang versucht. Nichts bereitet mir gerade mehr Leid, als kein Leid zu verspüren.
    Ich lasse die Scherbe fallen. Sie trifft auf den Boden auf und zerspringt in kleine Stücke. Meine Augen sehen sich um. Nicht nur mein Arm, sondern auch das ganze Waschbecken ist voller Blut. Überall liegt Glas. Was für eine Unordnung.
    Vorsichtig wickele ich mir ein Handtuch um den Arm. Wenn meine Eltern wiederkommen, wird es einen riesigen Aufschrei geben. Es wird mehr Therapiestunden geben. Man wird mich nie wieder aus den Augen lassen. Und meine Eltern werden versuchen, mich in Mitleid zu ertränken. Aber, hey: Es ist ja nicht so, als würde ich irgendetwas davon spüren.

    Tick. Tick. Tick. Das vertraute Geräusch meiner Uhr erklingt in meinen Ohren, während ich mich in mein Bett lege. Ganz vorsichtig lege ich meinen verletzten Arm auf ein Kissen. Dann starre ich an die Decke und versuche krampfhaft, wie üblich in meiner Gefühlslosigkeit zu versinken. Ein Poster hängt über meinem Bett, das ich beinahe vergessen hätte. Es ist Kurt Cobain.
    „Ich glaube“, murmle ich leise vor mich hin, während mir noch immer Tränen über die Wangen laufen, „jetzt habe ich es verstanden.“

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Kommentare (2)

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vor 284 Tagen flag
Ich habe hier so lange nichts mehr geschrieben, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich so einen Kommentar anfangen soll, aber was soll‘s.

Ähem - liebster Mesel, eine wunderbare Geschichte hast du da. Zwar mache ich jetzt erst einmal einen Abstecher zu unserem Medizinschrank und gönne mir Antidepressiva, aber das macht ja nichts.
Was für mich persönlich zählt, ist vor allem der Schreibstil und - ich glaube, das weißt du - der ist natürlich super. Ich bin jetzt nicht so ein Deutschlehrer, der dir jede einzelne deiner deine Stärken beschreibt, aber das Gesamtpaket ist auf alle Fälle da. Für den Rest werde ich jetzt zu faul, deswegen privat und so.

Meinen Segen hast du jedenfalls.
vor 296 Tagen flag
Dein Schreibstil ist verdammt krass. Ganz ehrlich, ich hätte mir für Testedich nicht so ne Mühe gegeben, aber das ist echt gut.

Ja, voll heftüsch gelobt und so. Viele Adjektive, Kritik und blablabla. Nicht. Aber trotzdem. ^w^