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Stolpernd auf dem Weg zum Glück

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1 Kapitel - 9.994 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 1.170 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt - 3 Personen gefällt es

Leia Stevens ist im sechsten Jahr auf Hogwarts und schafft es irgendwie nie heil dorthin, wo sie sein will. Ständig stolpert sie über ihren eigenen Umhang, wird von Peeves ihres Kessels beraubt oder tritt auf eine der gnadenlosen Trickstufen der Treppen im Schloss. Nur ihre besten Freundinnen Tanya und Natalie scheinen sie so richtig zu akzeptieren und zu unterstützen, sodass sie immer mehr den Glauben an sich selbst und ihre Träume verliert. Doch das ändert sich, als sie nach einem beinahe verhängnisvollen Flug auf dem Besen, dank eines ganz besonderen Jungen wieder Mut zu schöpfen beginnt.

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    Völlig außer Atem rannte ich den Gang im dritten Stock entlang, während Sir Cadogan mir am laufenden Band Anfeuerungsrufe zurief. Leider konnte ich
    Völlig außer Atem rannte ich den Gang im dritten Stock entlang, während Sir Cadogan mir am laufenden Band Anfeuerungsrufe zurief. Leider konnte ich ihn seit dem siebten Stock nicht abhängen, was nur noch mehr an meinen Nerven zerrte. Mal wieder stellte ich mir in meiner Verbitterung selbst die Frage, wie ich es überhaupt bis zum sechsten Schuljahr geschafft habe. Ich konnte mich an keinen Monat meiner Schulzeit erinnern, in dem ich keine Hauspunkte für Hufflepuff verloren habe, keine Woche, in der ich nicht zu spät zum Unterricht erschien, keinen Tag, an dem mir nicht irgendein Missgeschick passierte. Dabei konnte das gar nicht alles meine Schuld sein, es sei denn, jemand mischte mir jeden Morgen Verwirrungselixier in meinen Kürbissaft, um mich noch mehr zu demütigen. Dafür könnte ich dann aber genau genommen auch nichts. Die Lachnummer der Schule war ich allemal. Abgesehen von meiner besten Freundin Tanya, hatten vor allem die Slytherins ihren Spaß mit mir. Gerade eben erst fand es Justin Cole besonders witzig, Peeves dazu anzustiften, meinen Kessel in den siebten Stock zu entführen, weshalb ich nun verschwitzt und außer Puste die Tür des Klassenzimmers für Verwandlung aufriss, in dem mich eine verdutzt dreinblickende vierte Klasse erwartete. Professor McGonagall, die gerade im Begriff war, ein verzweifelt gackerndes Huhn in einen Spitzhut zu verwandeln, sah mich etwas perplex an. „Miss Stevens?", fragte sie nur ohne zu bemerken, dass das Huhn die Chance ergriffen hatte und zur anderen Tischkante gehüpft war. Ebenso verwirrt stand ich ein paar Sekunden in der Tür, ehe ich mich ohne ein Wort umdrehte und den Gang weiter entlanglief, das leiser werdende Lachen der Viertklässler ignorierend. Obwohl ich den Tag nach diesem peinlichen Erlebnis schon abgehakt hatte, schritt ich nun durch die Tür des Zauberkunst-Klassenzimmers und ließ mich erschöpft auf meinen Platz fallen. Von Professor Flitwick erntete ich nur einen strengen Blick für meine 15-minütige Verspätung. Nach all den Jahren war er entweder schon an meine Verzögerungen gewöhnt oder war es inzwischen leid, ständig nach dem Grund zu fragen. Ich tippte auf letzteres. „Was war es diesmal, Leia?", fragte mich Natalie, ohne von ihrem Pergament aufzusehen. Meine andere beste Freundin holte mindestens so viele Hauspunkte für Hufflepuff, wie ich verlor. Natürlich konnte sie unseren Rückstand damit nicht ausgleichen. Unser Haus war seit Jahren auf dem letzten Platz. „Peeves", sagte ich und bückte mich nach meiner Schreibfeder, die mir auf den Boden gefallen war, „Im Auftrag von Cole.", fügte ich hinzu, als ich mich wieder aufrichtete. „Halten sie es wirklich für vorteilhaft jetzt auch noch zu quatschen, Miss Stevens?", fragte Flitwick plötzlich, während er so wild mit seinem Zauberstab herumfuchtelte, dass er beinahe von seinem Bücherstapel flog, “Ich würde vorschlagen sie widmen sich lieber wieder ihrem Text über die "Theorie der Zauberkunst", damit sie ihre UTZ-Prüfungen im nächsten Jahr bestehen!" Damit hatte er eines seiner seltenen Machtwörter gesprochen, was auf der Stelle die ganze Klasse verstummen ließ, sodass ich es nicht wagte, mich noch einmal zu bewegen, selbst als ich glaubte, von meiner rechten Seite ein leises Kichern zu hören.

    Da ich nach diesem katastrophalen Morgen wenig Lust auf das Mittagessen hatte, verabschiedete ich mich von Natalie, die ohnehin mal wieder in ein Schulbuch vertieft war, um meinen Besen zu holen. Draußen stieß ich mich sanft vom Boden ab und sauste in die Lüfte. Natürlich war ich für die Quidditch-Mannschaft viel zu unkoordiniert und tollpatschig aber ich liebte das Fliegen. In der Luft, über dem glitzernden See, dem dichten Wald und den endlosen Wiesen fühlte ich mich frei und leicht. Wenn der Besen nicht versagte, konnte man Stunden in der Luft verbringen, ohne über etwas zu stolpern, gegen etwas zu stoßen od- "BUMM!" Vollkommen unerwartet passierten drei Dinge blitzschnell hintereinander: Ich stieß mit etwas oder jemand Unsichtbarem zusammen, mein Besen stürzte zusammen mit mir in die Tiefe und ich riss ihn nur einen Meter über dem Boden wieder in die Waagrechte. Überwältigt von meinem Beinahe-Absturz landete ich vorsichtig, setzte mich mit rasendem Herzen ins Gras und sah gen Himmel, den Grund für mein Schock-Erlebnis suchend. Als ich nichts, abgesehen von ein paar Wolken fand, drehte ich mich um, da ich erst jetzt das näher kommende Geräusch von Schritten hinter mir hörte. Atemlos näherte sich vom Quidditchfeld her Andrew Perks, der Kapitän der Ravenclaws, den ich nur flüchtig aus zwei meiner Kurse kannte, von dem ich aber wusste, dass Natalie heimlich in ihn verliebt war, was sie aber einfach nicht zugeben wollte. „Hey Leia, alles okay?", fragte er, noch ehe er bei mir angekommen war, „Hast dich echt gut abgefangen, übst du Kunstflüge?", meinte er grinsend als er sah, dass es mir gut ging. „Nein ich - ich bin es nur schon gewohnt, mich selbst aus heiklen Situationen zu retten.", erklärte ich, während er mir aufhalf und ignorierte den schadenfrohen Unterton in seiner Stimme. „Das musst du auch so oft wie du in heikle Situationen gerätst!", sagte er und lachte, „Hab Flitwick noch nie so wütend erlebt!" „Hast du mich etwa vorhin in Zauberkunst ausgelacht?", fragte ich. Ich machte eine Pause und spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. Andrew wirkte erschrocken über die plötzliche Wut in meiner Stimme und antwortete nicht doch ich wusste, dass ich Recht hatte. „Denkst du etwa ich wollte zum dreihundertsten Mal zu spät in den Unterricht kommen? Denkst du es macht mir Spaß keine einzige Trickstufe auf den Treppen zu verpassen? Denkst du es war meine Absicht heute gegen ein unsichtbares, fliegendes Etwas zu stoßen um 15 Meter in die Tiefe zu stürzen?" Rasend vor Wut schlug ich die Hand weg, die er immer noch fassungslos an dem Arm hielt, an dem er mich vorhin hochgezogen hatte und rannte Richtung Schloss davon. Jetzt prasselte alles auf mich ein. Obwohl ich wusste, dass mich alle auslachten, und ja, auch in meiner Gegenwart, war ich verletzt. Jahrelang habe ich es ignoriert, weil ich als unbeholfene Erstklässlerin nicht besser damit umzugehen wusste, aber in diesem Moment fand ich es nur noch ungerecht. Vermutlich dachte jeder, es wäre okay darüber zu lachen und dass es mir nichts ausmachte, weil ich mich nicht wehrte, aber ich habe noch kein einziges Mal mitgelacht. Ich lachte nicht über mich selbst denn in solchen Situationen war mir nie nach Lachen zumute. Ich fühlte mich nur erbärmlich und jetzt hasste ich alle, die dafür sorgten, dass ich mich so fühlte, denn - was konnte ich schon dafür? Ich habe es nie darauf angelegt, es passierte einfach und es passierte mir. Ich merkte, dass dieser Ausbruch des Selbstmitleids schon lange überfällig war und dass ich so gut wie nie weinte, war mir jetzt von Vorteil, denn ob ich wollte oder nicht, ich musste zur nächsten Stunde.
    Den Ausbruch vom Mittag hatte ich bis zum Abend erfolgreich verdrängt, doch es kam alles wieder hoch, als ich mich abends mit Tanya und Natalie in einem leeren Klassenzimmer traf um es ihnen zu erzählen. Aber obwohl sie mir in meinem Frust zustimmten und gut zuredeten, konnten sie mir natürlich auch nicht wirklich helfen.

    Meine Aussichten waren am nächsten Tag leider auch nicht besser, da alle außer mir das Schloss verließen, um Hogsmeade zu besuchen und ich zurückbleiben musste. Mr. Filch hatte mich zu drei Stunden Nachsitzen verdonnert, die er natürlich zeitgleich zum Hogsmeade-Besuch ansetzte, da ich vor ein paar Tagen versehentlich Mrs. Norris auf den Schwanz getreten war. Meine Aufgabe war es, jeden einzelnen Bilderrahmen im ersten Stock von Hand abzustauben. Ob er überhaupt befugt war solche Strafen zu verhängen, fragte ich lieber nicht. Je mehr man sich beschwerte, desto gemeiner wurde die Strafe und ich wollte es nicht riskieren, auch noch den zweiten Stock aufgebrummt zu bekommen. Nachdem ich fünfmal fast und einmal wirklich von der Leiter gefallen war, beschloss ich an den den See zu gehen, bis Tanya und Natalie zurückkämen. Ich saß am Steg und fütterte den Riesenkraken mit Brotstücken, während ich fieberhaft versuchte, den letzten Tag zu rekonstruieren. Ich blickte zum Waldrand hinüber, wo ich gestern nach dem ungewollten Sturzflug gelandet war und meine Augen wanderten zu den Wolken hinauf. Ich durchforstete mein Gedächtnis vergeblich nach Informationen über eine Art unsichtbaren Adler oder eine verzauberte Wand um den verbotenen Wald herum, gegen die ich geflogen sein könnte. Aber keine dieser lächerlichen Erklärungen schien zu meiner Erinnerung an dieses Flugobjekt zu passen. „Ein Thestral!", riss mich eine warme, leicht kratzige Stimme aus meinen Gedanken. „Wie bitte?", drehte ich mich fragend um und ließ das ganze Brot ins Wasser fallen um das sich jetzt drei Arme des Kraken stritten. Ein kleines Stück von mir entfernt - ich vermutete dahinter einen Sicherheitsabstand nach meinem gestrigen Wutausbruch - stand Andrew, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen. Er fuhr nicht fort und ich verlor mich für den Bruchteil einer Sekunde in seinen tiefbraunen Augen. Doch das genügte schon, um mich aus der Fassung zu bringen und ich vergaß, dass ich eigentlich wütend auf ihn war. Leider vergaß ich auch, irgendeine andere Reaktion zu zeigen und so starrten wir uns ein paar Sekunden nur an. Nach einer gefühlten Ewigkeit dieser peinlichen Stille meldete sich endlich eine meiner Gehirnzellen zu Wort. „Was ist ein Therstal?", stammelte ich unbeholfen, obwohl ich mir gedanklich schon tausende Unterhaltungen mit Andrew ausgemalt hatte, in denen ich immer die richtigen Konter und Sprüche draufhatte. Ein Grinsen unterdrückend kam Andrew langsam näher und setzte sich, immer noch den Abstand wahrend, neben mich auf das feuchte Holz. Offenbar traute er mir zu, heute emotional einigermaßen stabil zu sein, sodass er keinen erneuten Ausraster zu befürchten hatte. „Na das, was dich gestern mit dem Besen stürzen ließ. Ein Thestral.", erklärte er nun weiter,,, Das sind schwarze, pferdeartige Wesen mit ledrigen Flügeln. Sie können nur von dem gesehen werden, der den Tod gesehen hat. Mit so einem Wesen bist du zusammengestoßen.“ „Hast du denn den Tod gesehen?“, fragte ich geradeheraus und bereute diese unhöfliche und respektlose Frage sofort. Mein Mund machte sich offenbar selbstständig und mein gesunder Menschenverstand unterbrach ihn dabei nicht. Sichtbar überrascht über meine Direktheit antwortete er: „Nein, aber Dylan McCarter, unser Sucher, hat seinen Opa sterben sehen und hat mir später erzählt, was dir da oben passiert ist. Hör zu, es tut mir echt leid, dass ich mich darüber lustig gemacht habe, es hätte ja sonst was passieren können und ja, jeder macht sich über dich lustig, weil dir ständig was passiert und ich weiß, dass das echt frustrierend sein muss, dass du ständig stolperst und ich verstehe jetzt, dass dir das schon ewig so geht, dass du immer zu spät kommst und-“ „Hey, stopp.“, unterbrach ich nun ein klein wenig gekränkt und genervt seinen Redefluss. „Schön, dass du dich entschuldigen willst, oder was auch immer das werden sollte, aber ich weiß schon wie es um mich steht. Du musst nicht alles aufzählen. Ich habe auch überreagiert also…Entschuldigung, oder was immer das war, angenommen!“ Er lächelte kurz erleichtert und sagte dann: „Okay, zum Glück! Weißt du, ich wollte dich nie kränken oder so nur-“ „Andrew, alles in Ordnung!“, unterbrach ich ihn wieder, „Mach dir keine Gedanken mehr!“ Er sah mich an, hielt kurz inne, öffnete den Mund um sich noch einmal zu entschuldigen, ließ es dann aber doch bleiben. Trotzdem merkte ich, dass er noch ein schlechtes Gewissen hatte und fragte ihn, ob wir noch etwas zusammen machen wollten und schlug vor, ein bisschen zu fliegen. Er willigte ein und wir standen auf. Plötzlich rutschte ich auf dem nassen Holz aus und verlor den Halt, als ein starker Arm meine Hüfte umfasste und mich in einen sicheren Stand zurückzog, bevor ich in den See fallen konnte. Wir hielten kurz inne und sahen uns an, aber keiner wagte es, diese Situation zu kommentieren und wir holten schweigend unsere Besen. Als wir gemeinsam in Richtung See flogen, forderte er mich zu einem Wettfliegen heraus, das ich natürlich haushoch verlor. Bisher dachte ich, dass das Fliegen nur eine Nebenbeschäftigung war, die ich so mochte, weil ich ungestört und alleine war, doch jetzt merkte ich, wie viel Spaß es erst zu zweit machte. Nachdem Andrew mir einige Tricks, wie das Besensurfen oder die Fassrolle vorgeführt hatte und schließlich einen Sturzflug, bei dem mir vom Zusehen fast das Herz stehen blieb, zog er mich am Besenstiel hinter sich her zum Quidditchfeld. Ich protestierte lautstark bei dem Gedanken, von umherfliegenden Bällen getroffen zu werden. „Ich hab dich gesehen, Leia! Du bist verdammt gut! Wärst du in meinem Haus, hätte ich dich längst in meine Mannschaft geholt. Dir fehlt es nur an Selbstvertrauen aber das lässt sich trainieren!“, redete er auf mich ein, während er mir einen Schläger in die Hand drückte. Ich wehrte mich nicht, denn ich stand nur fassungslos da nach dem, was er gesagt hatte. Ich wusste nicht einmal genau, was mich so aus der Bahn geworfen hatte: Dass er meinen Namen aussprach, als wäre er der eines Engels, dass es so unbeschwert und aufrichtig klang, oder dass noch nie jemand so etwas gesagt hatte außer vielleicht meinen Freundinnen und meiner Mutter. Jedenfalls meinte er das mit dem Quidditchspiel ernst, denn ich hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Im nächsten Moment fand ich mich nämlich unbeholfen auf dem Feld wieder und beide Klatscher schossen gleichzeitig auf mich zu. Panisch schlug ich den Schläger in alle Richtungen, sodass ich zwar nicht getroffen wurde aber auch nicht Andrew, auf den ich eigentlich hätte zielen sollen. Der erste Klatscher flog durch den rechten Torring und der zweite geradewegs auf den Platz zu, auf dem bei einem richtigen Spiel der Kommentator gesessen hätte. Ich wollte schon aufgeben, aber Andrew brachte mich immer wieder dazu weiterzumachen und ich wurde tatsächlich besser. Schließlich hätte ich es um ein Haar geschafft, ihn vom Besen zu schlagen, als ich ein Lachen von den Zuschauertribünen hörte. Offenbar war der Hogsmeade Besuch vorbei, denn dort standen Justin Cole und drei seiner idiotischen Kumpels mit Treiberschlägern. Das und ihr hämisches Grinsen waren aber das Letzte was ich wahrnahm, denn Coles Klatscher traf mich mit voller Wucht in die Seite und während ich vom Besen fiel fühlte es sich so an, als wären mindestens drei meiner Rippen gebrochen und als würde mein Brustkorb aus Schmerz jeden Moment auseinanderplatzen. Dann wurde mir schwarz vor Augen.

    Als ich wieder zu Bewusstsein kam, lag ich in einem weichen, frisch duftenden Bett, bemerkte aber im nächsten Moment hämmernde Kopfschmerzen, die durch die vielen Stimmen im Raum noch verschlimmert wurden. Ich ließ meine Augen geschlossen und versuchte, mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Die erste Stimme, die ich wahrnahm, gehörte Tanya: „Wissen sie schon, wann sie wieder entlassen werden kann, Madam Pomfrey?“, wollte sie wissen. Direkt neben meinem Bett hörte ich Madam Pomfreys entsetzte Stimme und spürte, wie sie um mein Bett herumwuselte. „Gute Güte, nein! Sie ist ja noch nicht einmal aufgewacht, hat vermutlich schreckliche Kopfschmerzen vom Heiltrank, die Ärmste, nein, nein! Ihren halben Brustkorb hat dieser Klatscher demoliert. Sie wird eine ganze Weile nicht aufstehen können. Vor nächstem Samstag kommt sie hier sicher nicht raus und fliegen wird sie dann erstmal auch nicht! Dass sie diesen halsbrecherischen Sport überhaupt erlauben, unfassbar. Und Mr. Cole wird eine Strafe erhalten, die sich gewaschen hat! Unfassbar, unfassbar!“, redete sie teilweise Tanya und teilweise sich selbst zu. Anhand der Lautstärke wusste ich, dass sie im Raum umherlief, scheinbar ohne Ziel. Sie öffnete Fenster, schloss Vorhänge, kramte im Schrank mit den Tränken. Plötzlich hörte ich eine warme, kratzige Stimme: „Aber Madam Pomfrey, das müssen sie doch schneller hinkriegen! Am Samstag ist doch schon das Auswahlspiel. Das ist ihre einzige Chance in die Mannschaft zu kommen! Sie schafft das, sie ist echt gut!“ Dass er das sagte, schmerzte mich mehr, als mein Kopf oder meine Rippen. Er hatte wirklich daran geglaubt. An mich. Dank ihm hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, vielleicht etwas hinzubekommen. Die Quidditchmannschaft war schon immer ein stummer, unterdrückter Traum gewesen. Und jetzt, durch einen Jungen, den ich kaum kannte, der mir aber in den letzten Stunden fast so wichtig geworden war wie Tanya oder Natalie, habe ich wirklich, naiv wie ich bin, daran geglaubt, dass ich es wenigstens versuchen könnte. „Seit wann spielt Leia eigentlich Quidditch?“, fragte nun Natalie. „Naja, seit heute.“, antwortete Andrew, „Aber man könnte meinen, sie übt schon seit Jahren!“ Ich war überwältigt von der Art, wie er über mich sprach. Wie hatten wir es nur geschafft, uns innerhalb eines Tages komplett zu verändern und miteinander anzufreunden? „So, nun ist es aber genug! Mr. Perks, Miss Smith, Miss Taylor, bitte gehen sie nun. Ihre Stimmen sind wie ein Hämmern gegen ihren Schädel. Wir dürfen sie nun eine Zeit lang nicht stören!“, meinte Madam Pomfrey, scheuchte sie hinaus und löschte das Licht im Krankenflügel.

    Am nächsten Morgen wachte ich, erleichtert darüber, dass die Schmerzen mittlerweile auszuhalten waren, vom Duft frischer Croissants und anderen leckeren Dingen auf meinem Nachttisch auf. Während ich mein Frühstück aß, beobachtete ich einen Hauselfen, der gerade benutzte Bettwäsche einsammelte und in einen Korb warf, der sich immer wieder von selbst leerte, bis ich ein Klopfen an der Tür hörte. Madam Pomfrey kam aus dem Nebenzimmer und öffnete die schwere Tür ein Stück weit, sodass ich nicht sehen konnte, wer draußen stand. Sie wechselte ein paar gedämpfte Worte mit der oder den Personen vor der Tür und schloss sie wieder. Dann näherte sie sich meinem Bett und teilte mir mit ebenso leiser Stimme, um meine Kopfschmerzen nicht noch mehr zu provozieren, mit, dass Tanya und Natalie mir unbedingt etwas hätten mitteilen wollen, ich aber noch nicht gestört werden dürfe. Ich wollte schon protestieren, aber sie verschwand schon wieder in ihrem Büro.

    Die nächsten Tage im Bett waren die langweiligsten in meinem Leben. Ich war die Einzige im Krankenflügel, was einerseits gut war, da meine Schmerzen sich nur langsam besserten, aber ich hätte doppelt so viel ertragen können für ein kleines bisschen Ablenkung. Mindestens viermal am Tag klopfte es an der Tür doch Madam Pomfrey wies die Besucher immer wieder an zu gehen. Trotzdem teilte sie mir jedes Mal kurz mit, weshalb sie da waren. In den ersten zwei Tagen wollten mir meine besten Freundinnen unbedingt etwas persönlich erzählen und ich brannte immer mehr darauf zu erfahren, was es war. Mit der Zeit schienen sie aber aufzugeben und kamen nur noch, um durch Madam Pomfrey zu hören wie es mir ging oder um mir durch sie mitzuteilen, was so in Hogwarts passierte. Anscheinend bekamen dank meiner Abwesenheit, sehr viel weniger Kessel Brandlöcher und Professor Trelawney sagte kaum noch Unfälle voraus, weil ich nicht mehr da war, um gegen andere Schüler zu stoßen. Viel interessanter wurde es für mich allerdings, seit, außer meinen Freundinnen, auch noch Andrew um Einlass in den Krankenflügel bat. Immer, wenn ich seine warme, kratzige und hektisch sprechende Flüsterstimme wahrnahm, wurde mir ganz warm und Madam Pomfrey fing an, sich um meine hohe Körpertemperatur zu sorgen. Ich merkte, wie gerne ich ihn sehen würde – in manchen Momenten sogar lieber als Tanya oder Natalie. Ich wusste, dass er mich abgelenkt hätte und stellte erschrocken fest, wie wichtig er mir geworden war. Trotzdem unterdrückte ich, in Gedanken an Natalie, diese, immer häufiger auftretenden Gedanken an seine perfekte, warme Stimme, seine Art über mich zu sprechen und das Glitzern in seinen dunklen, braunen Augen, wenn er auf einem Besen flog. Doch je stärker ich dagegen anzukämpfen versuchte, desto weniger konnte ich diese Gedanken unterdrücken.

    Nach einigen Tagen merkten ich und sogar Madam Pomfrey, dass es mir besser ging. Besuch empfangen durfte ich aber trotzdem nicht. Mittlerweile war es schon Freitag und ich lag mal wieder gelangweilt im Bett und sah aus dem Fenster. Abgesehen davon, dass Tanya mir Kesselkuchen und Lakritzschnapper schickte (von Natalie bekam ich Schulbücher, die so aussahen als hätte Merlin persönlich sie besessen, mitsamt der Aufforderung ein bisschen zu lernen, woran ich aber nicht mal im Traum dachte), hatte ich keinerlei Beschäftigung. Das Wetter draußen war wunderschön und ich sehnte mich nach meinem Besen - und vielleicht auch ein bisschen nach Andrew, der neben mir herflog – als ich ein lautes Poltern von der anderen Wand her hörte. Dreimal polterte etwas gegen die Tür, bis sie sich einfach wie von Zauberhand öffnete. Herein stolperte Andrew, der offensichtlich versucht hatte, die Tür aufzubrechen. „Siehst du, du brauchst gar keine Gewalt, du bist ein Zauberer, denk doch mal nach Andrew!“, sagte Natalie in belehrendem Ton, die hinter ihm durch die Tür schritt und gerade ihren Zauberstab in ihren Umhang steckte. „Was macht ihr denn hier, Leute?“, fragte ich überrascht, „was, wenn Madam Pomfrey euch hört?“ „Tanya ist beim Lehrerzimmer und lenkt sie ab aber wir wollten dich endlich mal sehen!“, erklärte Natalie, „Wie geht es dir?“, fuhr sie fort. „Gut! Meiner Meinung nach könnte ich hier sofort raus!“, log ich. Eigentlich tat mein Kopf noch weh, da ich immer noch den Heiltrank schlucken musste, aber dass ich hier endlich raus wollte, war die pure Wahrheit. „Mir war hier so langweilig ohne euch!“, fügte ich hinzu. „Was? Aber ich hab dir doch die ganzen Bücher zur Unterhaltung geschickt warum-“ „Das ist doch jetzt völlig egal, Natalie, erzähl es ihr endlich!“, unterbrach Andrew sie plötzlich, der, wie ich feststellte, bis jetzt zwar geschwiegen hatte, aber ungeduldig darauf wartete mir etwas zu erzählen. „Oh ja, richtig! Äh…wie soll ich anfangen…also nachdem Andrew dich in den Krankenflügel gebracht hatte-“ „Moment, du hast mich in den Krankenflügel gebracht, Andrew? Wie?“, warf ich ein. „Naja ich hab dich getragen, wie sonst?“, antwortete er als wäre es Teil seines Alltags ein bewusstloses Mädchen durch die halbe Schule zu tragen. Irgendwie war mir das ein bisschen peinlich. Andererseits konnte ich nicht anders als mich darüber zu freuen und musste ein Grinsen unterdrücken damit mich die anderen beiden nicht danach fragten. Merkwürdigerweise hatte ich während der ganzen Zeit im Bett gar nicht darüber nachgedacht, wie ich überhaupt dorthin gelangt war. „Jedenfalls-“, riss mich Natalie aus meinen Gedanken, „nachdem du also hier lagst und wir keinen Kontakt zu dir haben durften, ist Andrew ziemlich wütend losgerannt um Cole zur Rede zu stellen. Der muss jetzt übrigens jeden Samstag die Eulerei sauber machen. Ziemlich eklig aber unserer Meinung nach nicht eklig genug! Cole ließ leider überhaupt nicht mit sich reden, hat uns einfach gnadenlos ignoriert als wir ihn gefragt haben, warum er dich immer fertig macht. Das machte Andrew dann noch wütender und er hat seine Kumpels gesucht und sie so zur Schnecke gemacht, dass sie uns etwas sehr Interessantes erzählt haben. Du hättest ihn sehen sollen, Leia! Die Idioten haben jetzt, dank Andrew, alle Federn statt Haare. Das hat bestimmt schon nachgelassen aber wenn das ein Lehrer gesehen hätte, dann dürfte Andrew Cole bestimmt beim Putzen helfen!“ Ich beobachtete Andrew, der sich während Natalies ausschweifender Erzählung abgewandt hatte und schweigend aus dem Fenster sah, mit den Händen in den Hosentaschen. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass er etwas rot geworden war, während Natalies Lobhymne auf ihn. Es ließ mich nicht los, wie begeistert Natalie von ihm erzählte und ich schluckte einen Kloß runter, der sich stark nach Eifersucht anfühlte. Plötzlich kam mir etwas in den Sinn, von dem meine Freundin gerade gesprochen hatte. „Und was war das Interessante, was ihr herausgefunden habt?“, wollte ich wissen. „Ach ja!“, fand Natalie wieder in die Spur, „Leia es sieht wohl so aus, als ob Cole schon seit einer Weile auf dich steht.“ Hätte ich jetzt etwas in der Hand gehalten, wäre es mir, ob mit oder ohne Tollpatschigkeit, garantiert runtergefallen. So etwas hatte ich überhaupt nicht kommen sehen. „Was? Wie kommst du denn darauf?“, fragte ich sie völlig perplex und fuhr ein bisschen gehässig fort, „Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist aber er hat mir in den letzten Jahren nicht gerade den Hof gemacht!“ „Ich weiß, Leia, das ist auch schwer zu verstehen. Aber wer weiß schon was in seinem Kopf vorgeht? Manche gehen mit sowas eben anders um und versuchen durch ihr ekelhaftes Verhalten irgendwie Aufmerksamkeit zu bekommen. Außerdem kennst du ihn doch: Vor seinen Kumpels muss er angeben und den Macho spielen. Vielleicht denkt er, dass er sonst Schwäche zeigt. Seine Freunde wissen es auch nur, weil er es ihnen in der ersten Klasse anvertraut hat, sie sich darüber lustig gemacht haben und er es seither jedem gegenüber vehement abstreitet. Ja, ich sehe deinem Gesicht an, dass du mir das nicht wirklich glaubst aber so ist er eben. Jetzt guck nicht so, Leia, ich verlange ja nicht das du mit ihm ausgehst, sondern nur dass du versuchst das so zu akzeptieren.“ Ich konnte als Reaktion auf diese Erklärung nur noch kurz seufzen, als schon Madam Pomfrey hereinschneite und mit Tanya schimpfte, die sie wohl unter dem Vorwand, eine Karriere als Heilerin in Betracht zu ziehen, ausgefragt hatte. Nun hatte Madam Pomfrey aber leider bemerkt, dass das kein ernsthafter Wunsch, sondern nur ein Ablenkungsmanöver war und machte sich mal wieder daran, meine Freunde hinauszuscheuchen als wären es freche Hühner. Während sie diese tatsächlich als solche beschimpfte, riefen sie mir beim Gehen noch Abschiedsgrüße zu. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer als Andrew mir ein „Bis morgen!“ zurief, obwohl ich glaubte, dass mich meine „Gefängniswärterin“ morgen aus Prinzip nicht gehen ließ, obwohl ich mich gerade gesünder als je zuvor fühlte. Nicht wegen der Neuigkeiten, die ich jetzt erstmal alleine verarbeiten musste, sondern weil selbst diese kurze Zeit mit meinen Freunden einfach Wunder wirkte.
    Als ich abends kurz vor dem Schlafen war, hatte ich mich schon fast damit abgefunden, dass Cole mich angeblich wegen seiner Unsicherheit quälte, als mir noch etwas anderes einfiel. War es möglich, dass Andrew vorhin, als Natalie etwas vom Ausgehen mit Cole erwähnt hat, ein bisschen zusammengezuckt ist? Ich meine, er hat für mich gekämpft, ohne mich wirklich gut zu kennen. War es möglich, dass ich ihm genauso wichtig war, wie er mir? Ich warf den Gedanken aber gleich wieder weg. Das bildete ich mir sicher nur ein, weil ich, und das musste ich mir nun leider selbst eingestehen, ein wenig auf ihn stand. Dann fiel mir wieder schmerzlich ein, wie begeistert meine beste Freundin über ihn geredet hatte und das, während er sogar anwesend war. Eine ganze Weile lag ich noch wach und dachte über das alles nach, bis ich, verwirrt von meinen Gefühlen, schließlich einschlief.

    „Sie dürfen gehen, Miss Stevens! Aber wenn ich sie in den nächsten drei Tagen auf einem Besen erwische, werde ich persönlich dafür sorgen, dass er in der Schlossküche landet und da dürfen ihn die Hauselfen dann zum Fegen verwenden!“, sagte Madam Pomfrey in mütterlich, strengem Ton, nachdem ich mein Frühstück gegessen hatte. „Ja Madam Pomfrey und Danke für alles!“, sagte ich froh, ohne weitere Fragen zu stellen, damit sie es sich nicht doch noch anders überlegte. Ich lächelte sie an als ich ging denn, obwohl sie eine strenge Frau war, war sie eine liebevolle Heilerin und ich hatte den Eindruck, dass sie seit dem Einbruch meiner Freunde in ihren Arbeitsplatz, etwas verstimmt war. Als ich den Raum, etwas wankend nach dem langen Liegen, verließ, wäre ich fast gegen den Türrahmen gelaufen, hätte mich nicht ein starker Arm vorher in eine Umarmung gezogen. Sie war nicht lang und nur freundschaftlich aber mein Herz pochte wie wild als ich realisierte wer es war. „Wie geht’s dir, Leia?“, fragte Andrew mich und löste sich so von mir, dass er zwar wieder mehr Distanz zwischen uns brachte, das Gefühl von Nähe aber nicht zerstörte. Nach einer etwas zu langen Pause stammelte ich: „Äh, wieder gut, danke und dir?“ „Mir? Naja, ich lag gerade nicht ewig mit gebrochenen Rippen im Bett also körperlich ganz gut. Ich bin aber noch wütend auf diesen Mistkerl Cole! Dank ihm verpasst du das Auswahlspiel.“ „Hey, schon okay, ich hätte es doch eh nie geschafft. Man kann nicht mit einem Tag Training in die Quidditch-Mannschaft.“ „Du schon! Glaub mir doch endlich, Leia. Ich bin Mannschaftskapitän und traue mir zu so etwas beurteilen zu können. Es täte dieser Diskussion also gut, wenn du mal versuchen würdest, an dich selbst zu glauben! Vorsicht Trickstufe!“ Das Letzte hängte er ganz nebenbei an, ohne den entschlossenen und aufgebrachten Ausdruck in seinem Gesicht zu verlieren. „Wohin gehen wir gerade überhaupt?“, fragte ich ihn, da ich gar nicht bemerkt hatte, dass wir schon in der Eingangshalle waren. Es war schwer, mir nicht anmerken zu lassen, dass mein Herz schon wieder auf- und abhüpfte, als er das sagte. Ich liebte es, wie er meinen Namen aussprach und den entschlossenen Gesichtsausdruck den er hatte, wenn er mich so unverdientermaßen lobte. „Hier rein!“, antwortete er mir und zog mich an meiner Hand in die große Halle. Er schritt geradewegs auf den Hufflepuff-Tisch zu, an dem Casper Harris, unser Mannschaftskapitän, gerade für Alte Runen lernte. Ich begriff nicht schnell genug, was Andrew vorhatte und wollte gerade sagen, er solle es doch bitte lassen, als er schon loslegte: „Casper, richtig?“, fing er an, „Ihr macht doch heute das Auswahlspiel oder?“ „Äh, ja. Ihr könnt das Feld leider nicht haben, tut mir leid. Wir haben es rechtzeitig reserviert.“, antwortete Casper. „Darum geht es nicht.“, erwiderte Andrew, „Ich wollte dich bitten die Auswahl zu verschieben, nicht unseres Trainings wegen, sondern wegen Leia. Sie lag die letzten Tage im Krankenflügel und darf noch nicht fliegen aber sie würde gerne in die Mannschaft!“ „Ja genau, das glaubst du ja wohl selber nicht. Ich überlass euch das Feld nicht, wir müssen endlich anfangen zu trainieren, falls du es vergessen haben solltest, wir und Gryffindor sind die Ersten die gegeneinander antreten.“ „Ich sagte doch schon, dass es mir nicht um das Feld geht. Wenn‘s sein muss trainiert meine Mannschaft auch im Mädchenklo aber für Leia ist das ihre einzige Chance aufgenommen zu werden!“ Casper seufzte und richtete das Wort an mich: „Wie lange trainierst du schon?“ Mit der Situation überfordert antwortete ich: „Naja, ungefähr einen Tag lang aber-“ „EINEN TAG?“, fragte Casper Andrew fassungslos, „und da erwartest du ernsthaft ich ändere meinen Trainingsplan für sie?“ Andrew erwiderte so beherrscht, wie er konnte: „Ihre Trainingszeit ist doch egal, solange sie es kann. Ich bin selbst Kapitän und bilde mir ein Talent zu erkennen, wenn ich es sehe. Das Einzige, was ich hier gerade mache, ist deine Mannschaft erheblich zu verbessern und euch zu einem stärkeren Gegner für uns zu machen und im Hinblick auf eure bisherigen Misserfolge im Kampf um den Quidditchpokal, habt ihr das bitter nötig!“ Danach war es erstmal still, bis auf die neugierigen Schüler, die zugehört hatten und nun tuschelten. „Komm am Dienstag um sechs.“, sagte Casper schließlich zu mir. „Und ich hoffe für dich, es lohnt sich, dass ich jetzt allen Kandidaten so kurzfristig Bescheid sagen muss!“ Und damit stand er auf und ging genervt hinaus. „Komm mit!“, sagte Andrew zu mir und zog mich wieder an meiner Hand hinter sich her. Ich, immer noch überfordert, fragte nur: „Wohin?“ „Zum Quidditchfeld, wir müssen noch trainieren damit sich diese Szene gerade auch gelohnt hat!“ „Aber ich darf doch nicht-“ „Du musst nicht auf einem Besen sitzen um etwas zu lernen, Leia!“ Und mit diesen Worten fing er an endlos auf mich einzureden, während wir zum Feld liefen. Über gute und schlechte Spielzüge, Fouls, wie das Kollern oder das Schnatzeln, verschiedene Stellungen der Mannschaft auf dem Feld oder die beste Haltung des Treibers auf dem Besen, als welcher ich mich ja bewerben wollte. Um die 90 Prozent davon vergaß ich sofort wieder, versuchte aber mich zu konzentrieren, wenn er über Treiber sprach. Ich sah eigentlich keine Chance für mich in die Mannschaft zu kommen aber ich wollte mich auf keinen Fall blamieren, jetzt wo die Auswahl nur meinetwegen verschoben worden war und wegen der Tatsache, dass ich sogar beim Wasser trinken peinlich versagte.

    Am Dienstag um halb sechs war ich mit den Nerven so am Ende, dass ich mich kaum mehr bewegen konnte. Das stimmte zwar nicht wirklich, allerdings sagte ich das Andrew gegenüber, um ihm klar zu machen, dass es eine dumme Idee war mich zum Auswahlspiel zu überreden. In den letzten drei Tagen hatte ich so viel Theorie über Quidditch gelernt, wie noch für keine einzige Prüfung. Aber vor Aufregung war mein Kopf jetzt leer und ich versuchte gerade ununterbrochen das Andrew klarzumachen. Er hatte aber immer noch die gleiche Entschlossenheit in den Augen wie während den ganzen letzten Tagen. Kurz bevor wir das Feld erreichten, hielt er mich zurück, drehte mich um und packte meine Schultern. Er sah mir in die Augen und sagte überzeugt: „Leia, du hast Recht, wir hatten nicht viel Zeit zum Üben. Aber glaube mir, es war genug und ich spüre, dass du es auch versuchen willst. Also nutze deine Chance und denk nicht zu viel nach, sonst wirst du es bereuen.“ Er wollte schon loslaufen aber mir brannte noch eine Frage auf den Lippen, nach dem was er gerade gesagt hatte. „Andrew?“ „Ja?“ Er blieb stehen und sah mich an. „Warum machst du das alles für mich? Hast du etwa immer noch ein schlechtes Gewissen, weil du mich ausgelacht hast?“ Er sah mich verwundert und ungläubig an und antwortete: „Wie kommst du darauf? Ich mache das, weil du es verdient hast, in die Mannschaft zu kommen und nicht um etwas mit meinem Gewissen zu vereinbaren. Außerdem solltest du wissen, dass ich dich niemals dazu bringen würde dich zu bewerben, wenn ich denken würde, dass du dich blamieren könntest. Du bist doch meine Freundin!“ Ich antwortete nicht, sondern starrte ihn eine halbe Ewigkeit lang nur verständnislos an. Zum Glück setzte er dieser komischen Situation ein Ende, indem er weiterlief und ich folgte ihm, mit den Gedanken ganz woanders.

    „Als letztes bewirbt sich als Treiberin, Leia Stevens! Überzeuge mich!“, brüllte Casper über das Feld. Wie paralysiert stand ich auf, lief zur Mitte des Feldes und wollte mich schon auf den Besen setzen, als Casper mich fragte: „Hast du nicht was vergessen?“ Ich sah in fragend an und bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Tanya mir mit meinem Treiber-Schläger zuwinkte. Augenblicklich lief mein Gesicht rot an und ich rannte stolpernd los, während Tanya mir schon entgegenlief. „Ich kann das nicht, Tanya, ich habe schon versagt, bevor ich überhaupt angefangen habe.“, jammerte ich leise und mit kratziger Stimme. Mein Hals war vor Nervosität komplett ausgetrocknet. „Ach was, hör einfach auf nachzudenken und konzentrier dich!“ „Du hörst selbst, wie widersprüchlich dieser Rat ist oder?“, fragte ich sie gestresst. Aber ich wollte sie und vor allem Andrew nicht enttäuschen, der so viel Zeit und Nerven für mich geopfert hatte und so lächelte ich sie matt an und kehrte wieder um. Andrew saß auf einem der obersten Plätze, um einen guten Überblick über das Feld zu haben aber ich war bedacht darauf, nicht zu ihm zu sehen, denn das würde mich sicherlich völlig aus der Bahn werfen. Als Casper das Spiel anpfiff, schoss ich in die Luft. Ich war froh, dass ich heute Morgen schon ein paar Runden geflogen war, sodass ich jetzt nach der langen Zeit, nicht zum ersten Mal auf dem Besen saß. Ich hielt den Schläger so, wie Andrew es mir gezeigt hatte und positionierte mich in der Mitte des Feldes, um die Klatscher gut im Blick zu haben, wenn Casper sie auf die Spieler losließ. Als es so weit war, schoss ich los, doch als ich gerade ausholen wollte um den anvisierten Klatscher auf die gegnerische Seite zu schmettern, kam mir der andere Treiber zuvor und schlug ihn hinter mich in meine Spielfeldhälfte. Ich hörte Gelächter von den anderen Bewerbern und glaubte tatsächlich, jemanden sagen zu hören: „War ja klar, was soll auch ein Mädchen als Treiberin! Und wegen der wurde das Auswahlspiel verschoben?“ Meine Wangen wurden heiß und meine Gesichtszüge verkrampften sich augenblicklich. Andrew hatte Recht! Das hier war meine Chance! Aber nicht nur um in die Mannschaft zu kommen, sondern um endlich mal zu beweisen, dass ich nicht nur ein Tollpatsch war, sondern auch etwas richtig machen konnte. Ich wollte endlich mal Teil von etwas sein und nicht nur die Eine, die nichts auf die Reihe bekommt und nur Gelächter erntet. Und so riss ich meinen Besen herum und jagte dem Klatscher hinterher. Zum ersten Mal spürte ich dieselbe Entschlossenheit in mir, wie Andrew sie immer hatte. Sehr zur Verwirrung meines Publikums schoss ich geradewegs an dem Klatscher vorbei, nur um ein Stück weiter hinten scharf zu wenden. Ich löste mich mit beiden Händen von meinem Besenstiel und feuerte den Klatscher mit aller Kraft ins gegnerische Feld. Nur im letzten Moment konnte der andere Treiber ausweichen, um ihn zurückzuschlagen, hatte es nicht mehr gereicht. Kurz darauf, hörte ich von rechts den anderen Klatscher durch die Luft zischen, der wohl mich als Ziel hatte und schlug ihn in Richtung eines gegnerischen Jägers. Ich schaffte es daraufhin, jeden Klatscher zielsicher abzuwehren – an Kraft mangelte es mir dabei nicht. Als ich den Pfiff hörte, war ich außer Atem und verspürte trotzdem, ohne die Entscheidung des Kapitäns zu kennen, leisen Stolz in mir. Ich landete neben den anderen Bewerbern und sah mich um. Das war vielleicht ein Fehler, denn mein Stolz wich wieder der Nervosität von vorhin. Meine Konkurrenten waren allesamt Jungs und gegen die kam eine Treiberin normalerweise nicht an. Doch bevor ich zu Ende denken konnte, verkündete Casper: „Kommt zusammen Leute! Ich hab mich jetzt entschieden. Wir haben natürlich keinen neuen Sucher, da ich in dieser Position spiele. Kommen wir also zum Hüter. Jones, das bist du! Glückwunsch!“ Er schüttelte einem großen, stämmigen Viertklässler die Hand und fuhr fort: „Scott, O’Brien, Wilson, ihr spielt als Jäger.“ Zwei Siebtklässlerinnen und ein Junge aus der dritten Klasse traten strahlend nach vorne. Sie alle waren auch schon im letzten Jahr in der Mannschaft, bekamen aber trotzdem von Casper die Hand geschüttelt. „Schön, dass ihr mich wieder überzeugen konntet. Okay nun also zu den Treibern, ihr habt ja als Letztes gespielt!“ Mein Magen drehte sich um. Außer mir gab es vier weitere Bewerber, die nun gespannt an Caspers Lippen hingen. „Wie im letzten Jahr freue ich mich, dich wieder in die Mannschaft aufzunehmen, Byrne! Und als zweites spielt, nimm‘s mir nicht übel, aber völlig überraschend, Stevens! Hat sich gelohnt, für dich umzuplanen!“ Geschockt stand ich da und vergaß, meine Hand zu heben, als Casper sie schütteln wollte. Als ich mich wieder daran erinnern konnte wie man sich als normaler Mensch verhielt, stammelte ich eine Art Dankeschön und versuchte den Händedruck ebenso stark und selbstbewusst zu erwidern, wie ich ihn erhielt. Mit mäßigem Erfolg. Während Casper sich bei allen Bewerbern bedankte und den Termin für’s erste Training bekanntgab, rannten meine Freundinnen mit Andrew auf’s Feld. Natürlich erhielt ich von meinen künftigen Mannschaftskollegen noch eher skeptische Blicke und nur ein freundschaftliches Schulterklopfen vom anderen Treiber, aber dafür beglückwünschten mich meine Freundinnen so überschwänglich, dass unser Mannschaftskapitän seine Ankündigungen unterbrechen musste. Bevor ich wusste wie mir geschah, lag ich wieder in einer Umarmung Andrews, der mir ein „Ich hab’s dir doch gesagt, Leia!“ ins Ohr flüsterte. Gleich danach löste er sich wieder etwas und grinste mich an. Plötzlich hielt er inne. Seine Gesichtszüge veränderten sich und nahmen wieder einen entschlossenen Ausdruck an. Diesmal war es aber eine ganz andere, neue Art von Entschlossenheit und er kam meinem Gesicht merkwürdig nah. Ich drehte mich von ihm weg und umarmte Natalie, die mich noch einmal beglückwünschte und vergaß in der Aufregung, was gerade passiert war.

    „Andrew, warte kurz!“, rief ich ihm hinterher. Ich wollte ihn endlich zur Rede stellen, da ich den Gedanken nicht loswurde, dass er mir aus dem Weg ging. Ich trainierte jetzt schon eine Zeitlang mit der Mannschaft und wir kamen mittlerweile alle sehr gut miteinander zurecht. Tatsächlich passierten mir in letzter Zeit nur noch die Missgeschicke, die ich auch selbst zu verantworten hatte. Die Cole-Front war endlich ruhig. Deshalb hatte ich mit der Zeit angefangen, etwas Selbstvertrauen zu schöpfen, spielte ungehemmter und war fast gar nicht mehr nervös vor unseren Trainingsspielen. Ich wusste, dass ich das alles Andrew zu verdanken hatte aber er ließ nicht mehr richtig mit sich reden, verbrachte wenig Zeit mit mir und verhielt sich einfach komisch. Vielleicht hatte er mich ja doch belogen und mich nur unterstützt, um Reue zu zeigen und jetzt, wo ich erreicht hatte was ich wollte, hatte er kein Interesse mehr daran, Zeit mit mir zu verbringen. Wenn es so wäre, wäre ich zwar verletzt, würde es ihm aber nicht übelnehmen und doch ergab das keinen Sinn. Immerhin hatte er sich doch auch gegen Cole und seine Trollgruppe eingesetzt, sodass ich jetzt Ruhe vor ihnen hatte. Warum also wollte er sich erst mit mir befreunden, um mich dann einfach hängen zu lassen, wenn ich so gern mit ihm gesprochen hätte? Schließlich stand bald mein erstes Quidditchspiel an, wo ich mich nicht nur vor Casper, sondern vor der ganzen Schule behaupten musste. Trotz dem Vertrauen zu meiner Mannschaft, fühlte ich mich auf mich allein gestellt. Weil ich es nicht mehr ertragen konnte, lief ich ihm jetzt wie ein Hund hinterher und bellte ihm zu, er solle doch bitte wieder mit mir reden. Er tat allerdings so, als hätte er mich nicht gehört und verschwand in seinem Klassenzimmer. Ich war also gezwungen aufzugeben und rannte hinaus zu den Gewächshäusern, um nicht schon wieder zu spät zu Kräuterkunde zu kommen.

    Da es uns Schülern ja nicht gestattet war, die Gemeinschaftsräume eines anderen Hauses zu betreten, trafen Natalie und ich uns an mindestens drei Abenden die Woche mit Tanya in einem leeren Klassenzimmer, das so gut wie nie benutzt wurde. Das lag hauptsächlich daran, dass Peeves dort oft hinter Türen oder in Schränken lauerte, um unwissende Erstklässler zu erschrecken. Für uns war es aber perfekt, da es sich zwischen den Gemeinschaftsräumen von Hufflepuff und Slytherin befand, Peeves um diese Zeit immer vor den Jungstoiletten spukte und wir dort ein geistersicheres Versteck für Süßigkeiten hatten. Auch heute, nur zwei Tage vor meinem ersten Spiel, trafen Natalie und ich uns dort mit Tanya, die schon einen Turm aus Schokofröschen errichtet hatte und gerade eine riesige, neue Packung mit Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung öffnete. „Hey!“, begrüßte sie uns. Wir gaben den Gruß zurück und ich griff in die Packung mit den Bohnen. Glücklicherweise schmeckte meine hellbraune Bohne nach Waffeln, während Natalies schwarze Bohne, ihrem Husten nach zu urteilen, wohl nach Pfeffer schmeckte. Deshalb gehörten Bertie Botts Bohnen schon immer zu meinen Lieblingssüßigkeiten, denn ich war nicht selbst für mein Glück oder Unglück verantwortlich. Jeder hatte die gleichen Chancen man musste nur entscheiden ob man sich darauf einlassen wollte, oder nicht. Nachdem Natalie mit ihrem Hustenanfall fertig war, griff sie lieber nach einem Schokofrosch und wir setzten uns auf die Tische um darüber zu jammern, dass wir alle noch einen meterlangen Aufsatz über Bezoare verfassen mussten. „Ich weiß echt nicht wie ich das schaffen soll, ich muss die ganze Zeit trainieren. Wie stellen sich die Lehrer das eigentlich vor? Denken sie wir haben außerhalb der Schulzeit gar kein Leben?“, beschwerte ich mich, „Und außerdem spricht Andrew überhaupt nicht mehr mit mir und ich würde ihn echt gerne nach weiteren Tipps fragen!“ Ich unterbrach, um die Antworten meiner Freundinnen abzuwarten, aber diese starrten mich einfach nur so verständnislos an, als hätte ich ihnen gerade von einem gemeinsamen Wochenende mit einem violetten Bergtroll erzählt. „Was?“, fragte ich nur. Nach weiteren verständnislosen Blicken erklärte Tanya endlich: „Äh Leia, das ist doch kein Wunder! Du hast ihn ja auch nach dem Auswahlspiel total gekorbt!“ „Ja! Wir dachten du hast das mit Absicht gemacht, weil du nicht auf ihn stehst! Das kam ziemlich eindeutig rüber!“, fuhr Natalie fort, „Deshalb haben wir dich auch nicht drauf angesprochen weil wir dachten, das wäre dir vielleicht unangenehm. Du weißt schon, dass er dich küssen wollte, oder?“ Alles, was ich daraufhin herausbrachte, war ein dümmliches, langgezogenes: „Äääääh…“, das in einem „Oh!“ endete, als mir wieder die Situation nach dem Spiel einfiel, in die ich anscheinend weniger hineingedeutet hatte, als meine beiden Freundinnen. „Ähh…“, fing ich wieder an, „Nein, Ach was, das denk ich nicht. Das hätte ich gemerkt und außerdem würde das doch bedeuten, dass er auf mich steht oder nicht? Das kann also gar nicht sein!“ „Und wieso nicht?“, fragte mich Tanya, „Du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht bemerkt hast, wie er dich ansieht oder wie er von dir redet! Ich wünschte jemand würde mal von mir so reden! Also warum wehrst du das so ab? Stehst du nicht auch auf ihn?“ „Weil-“, fing ich an aber ich wusste nicht wie ich den Satz beenden sollte, „Ich weiß es nicht, aber ich wehre es ja nicht absichtlich ab, es ist nur…Natalie, ich weiß doch, dass du eigentlich in ihn verliebt bist!“ „Was? Nein!“, antwortete sie lautstark, „Das hast du dir nur immer eingebildet, weil wir manchmal zusammen gelernt haben und uns gut verstanden haben! Glaub mir, ich war nie in ihn verliebt und du wärst die erste gewesen die davon erfahren hätte!“ „Hey!“, beschwerte sich Tanya in gespielt eifersüchtigem Ton, während ich darüber nachdachte, wie viele unnötige Gewissensbisse ich in dieser Sache schon gehabt hatte. Als Natalie also Tanya versicherte, dass sie zukünftig von jeder ihrer Verliebtheiten nur berichten würde, wenn wir alle zusammen waren, ging ich gedanklich alles durch, was ich soeben erfahren hatte. Schließlich stand ich auf, sagte zu meinen Freundinnen: „Ich glaub ich liebe Andrew!“ und verschwand. Ich hörte noch ihr Jubeln und machte mich dann auf die Suche nach ihm.

    So sehr ich es auch versuchte, ich konnte Andrew bis zum Tag meines ersten richtigen Quidditchspiels einfach nicht finden. Ich war sogar fast ein bisschen froh darüber, denn was hätte ich eigentlich zu ihm sagen wollen? Ich hätte ja wohl kaum damit anfangen können, dass mein Gehirn jedes Mal kurz aussetzte, wenn ich ihn sah oder dass mein Herz doppelt so schnell pochte, wenn er mich berührte. Immerhin habe ich ihm erst unwissend einen Korb gegeben, als er mich im Beisein meiner besten Freunde und um die 20 Hufflepuffs küssen wollte, sodass er mich für eine halbe Ewigkeit ignorierte. Ich wäre also bei einer Begegnung mit ihm genauso hilflos gewesen, wie ich mir jetzt in der Umkleide vorkam. Caspers Motivationsrede verschlimmerte meine Nervosität leider nur und als mir meine Teamkollegen Glück wünschten, zitterte ich ein bisschen. Ich hoffte noch, dass Andrew wenigstens zum Spiel kommen würde, als auch schon das Licht von draußen in die Umkleide strömte und mich mein Zittern und mein Lampenfieber vergessen ließ.

    Ein Pfiff ertönte und ich flog auf meine Position. Die Spielzüge hatte ich sowohl mit Andrew als auch mit Casper schon zur Genüge durchgekaut und so nervös ich vorhin auch war, so konzentriert war ich jetzt. Sobald die Bälle freigelassen wurden, stürzte ich mich auf den Klatscher, der mir am nächsten war. Leider erreichte ihn der Gryffindor-Treiber knapp vor mir und pfefferte ihn mit aller Kraft auf Derek Wilson, unseren Jäger. Ich jagte dem Ball zwar hinterher, wusste aber schon, dass ich ihn nicht mehr würde erreichen können und suchte nach dem zweiten Klatscher, während Christoph Byrne, mein Treiberkollege den Klatscher von Derek zu einem gegnerischen Jäger schlug. Ich lächelte, als ich den Klatscher ansteuerte, der es auf unsere Jägerin Scarlett O’Brien abgesehen hatte und gerade das erste Tor für Hufflepuff ausgerufen wurde. Ein paar Minuten später schoss Gryffindor das zweite Tor, als ich mich selbst vor einem Klatscher schützen musste. Nach einigen weiteren Toren für beide Seiten, es stand mittlerweile 60:60, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie offenbar bei den beiden Suchern die Jagd nach dem Schnatz begonnen hatte. Gleichzeitig wich eine Jägerin von Gryffindor geschickt einem Klatscher aus, sodass sich dieser als neues Ziel Casper aussuchte. Casper war aber vollkommen auf den Schnatz konzentriert und hatte sogar einen Vorsprung vor Gryffindors Sucher aber trotzdem kam ihm der Klatscher immer näher. Ich war mir nicht sicher, ob ich die beiden rechtzeitig erreichen konnte, schoss aber sofort los. Als ich endlich in Schlagweite zum Klatscher kam, hatte der gegnerische Sucher Casper schon fast eingeholt. Wie bei meinem Auswahlspiel löste ich mich mit beiden Händen vom Besen um maximale Kraft für den Schlag zu haben, holte aus und pfefferte den Ball so stark ich konnte blindlings mitten ins Feld. Leider schaffte ich es nicht, ihn auf den anderen Sucher umzulenken aber ich hatte wieder Abstand zwischen ihn und Casper gebracht. Nur eine gefühlte halbe Sekunde später hörte ich zeitgleich das dumpfe Geräusch meines Klatschers, der Scarletts Besen traf und das ohrenbetäubende Jubeln der Hufflepuffs über den Fang des Schnatzes durch Casper. Ich konnte es nicht fassen. Es war mein erstes Spiel und wir hatten es gewonnen. Wir alle landeten und rannten aufeinander zu und ich gab ununterbrochen einen Mix aus Freudeschreien, Glückwünschen und Entschuldigungen von mir, da Scarlett wegen meinem Klatscher fast abgestürzt war. Das Gefühl, als ich unter den Jubelschreien und den durcheinander geworfenen Glückwünschen meinen Namen hörte, war unbeschreiblich. Ich wusste, dass ich, obwohl Christoph natürlich weit mehr Klatscher abgewehrt hatte, trotzdem ein richtiger Teil der Mannschaft war. Ich hatte mein Talent vor der ganzen Schule gezeigt, hatte meine tollen Mannschaftskollegen als neue Freunde, dank unseres Sieges zum ersten Mal seit langem ein paar Hauspunkte bekommen und sah endlich den Grund für dieses Glück am Rand des Spielfelds an einer Tribüne lehnend. Trotz all dem Trubel, in dem ich steckte, fing ich seinen Blick ein woraufhin er sich wegdrehte und hinter zwei gelben Bannern mit Dächsen verschwand. Ich schnappte noch etwas von den Plänen für die Siegesfeier auf, löste mich von der Menschentraube und lief so schnell ich konnte zum Rand des Felds. Hinter den Bannern bog ich wie selbstverständlich rechts ab, denn irgendetwas sagte mir, dass er zum See wollte. Tatsächlich ging er dort am Ufer entlang und schien mich nicht zu bemerken. Ich versuchte meine Lunge zu beruhigen und zu einem gleichmäßigen und vor allem leisen Atmen zu kommen. Ich hatte Angst, dass er gleich wieder weglaufen würde, wenn er mich sah. Vorsichtig begann ich damit mich ihm zu nähern um den richtigen Moment abzuwarten ihn anzusprechen. Aber wie es bei mir nicht anders zu erwarten war, trat ich in eine Vertiefung auf dem groben Erdboden, knickte um und machte ihn unvermeidbar auf mich aufmerksam. Er drehte sich unbeeindruckt um, seine Augen wanderten zu mir und ich war mir ziemlich sicher, den Anflug eines Grinsens in ihnen gesehen zu haben, bevor er sich wieder wegdrehte. Wenigstens blieb er jetzt stehen. Ich rappelte mich ziemlich unfein wieder auf, während er mir glücklicherweise die Schwierigkeit der Gesprächseröffnung abnahm. „Tja, jetzt hast du mich also gefunden und ich kann nicht mehr verschwinden, ohne wie der Trottel dazustehen, der ein Mädchen in Not einfach zurücklässt…“ „Du hast mir doch nicht mal geholfen!“, stellte ich überflüssigerweise fest. Gleich danach hätte ich mir für diese Aussage selbst eine verpassen können. Ich war schließlich nicht hier, um ihm Vorwürfe zu machen, „Ääh, ich meine-“ „Was machst du hier Leia?“, unterbrach er mich, „Du hast doch gerade super gespielt und sogar das Spiel entschieden, warum genießt du nicht deine Siegesfeier?“ „Das Spiel entschieden? Das stimmt doch gar nicht, das war Casper! Er hat doch den Schnatz gefangen!“ „Leia! Ich glaub es nicht! Offenbar bist du immer noch blind für Talent, selbst wenn du es buchstäblich vor deiner Nase siehst! Wenn du Casper nicht rechtzeitig verteidigt hättest, hätte er den Schnatz doch niemals erreicht! Vermutlich hätte es ihn sofort vom Besen gefegt!“, seine Stimme wurde stetig lauter, sodass ich fast ein schlechtes Gewissen bekam und nur mit einem matten „Oh!“ antwortete. „Blitzmerkerin!“, fügte er ironisch hinzu, bevor er sich wieder umdrehte. „Okay, vermutlich hab ich etwas zum Sieg beigetragen aber könntest du mir bitte erklären wieso du heute zum Spiel erscheinst, nachdem du mich die ganze Zeit nur ignoriert hast?“ „Ist das dein Ernst? Das solltest du doch besser wissen als jeder andere!“, antwortete er mit unüberhörbarer Verletztheit die in seiner Stimme mitschwang. „Ich würde es gerne von dir hören!“, sagte ich in weicherem Ton. Er antwortete nicht sondern starrte wieder auf den See. Schon wieder hätte ich mir selbst gegen die Stirn schlagen können. Was redete ich denn da? Wer erzählte schon gerne dem Mädchen, das ihn offensichtlich gekorbt und in seinem Stolz und seinen Gefühlen verletzt hat, warum er sie danach einfach in Ruhe ließ und gerne selbst in Ruhe gelassen werden wollte. Da wurde mir klar, dass ich mich Andrew gegenüber nur verschlossen hatte, zu viel nachgedacht hatte, ihm nie entgegengekommen war und nie etwas für ihn getan hatte. Also beschloss ich einfach endlich mit der Wahrheit herauszuplatzen. „Mein Gehirn setzt immer kurz aus, wenn ich dich sehe!“, rief ich, als er sich wieder in Bewegung setzen wollte. Wir hielten beide inne. „Mein Herz pocht immer doppelt so schnell, wenn du mich berührst!“ Ich machte wieder eine Pause und beobachtete, wie er sich wieder zu mir drehte. „Und ich liebe es, wie du über mich sprichst, weil es so klingt, als würdest du an mich glauben, auch wenn ich selbst fast nie an mich geglaubt habe und deshalb konnte ich auch nie glauben, dass du mich vielleicht noch mehr magst, als nur als Freundin und bitte sag es mir jetzt, falls ich doch auf dem Holzweg bin, bevor ich mich nur lächerlich mache!“ Während dieses Redeschwalls wurde ich immer unsicherer, je weniger er reagierte, aber ich wusste, dass das hier wie eine von Bertie Botts Bohnen war. Es endete entweder im Unglück und einer Blamage für mich, oder es endete verdammt glücklich. Ich musste mich nur entscheiden, ob ich mich darauf einließ und so nahm ich all meinen Mut zusammen und presste zwischen meinen, vor Aufregung versteinerten Lippen hervor: „Ich liebe dich nämlich!“ Andrew stand mit leicht verwundertem Gesicht und offenem Mund da, während er verarbeitete, was ich ihm gerade alles erzählt hatte. Ich musterte ihn, selbst ziemlich erschrocken über das, was mir eben über die Lippen gekommen war. Obwohl wir uns eine Weile nur anschwiegen, schlug mein Herz immer schneller und mir wurde noch schlechter, als vor dem Quidditchspiel. Plötzlich verkrampfte sich sein Gesicht wieder und er machte mit seiner nächsten Frage klar, wieso: „Aber warum hast du mir dann nach dem Auswahlspiel so einen Korb gegeben? Ich dachte, du interessierst dich nicht für mich.“ „Weil ich eine Idiotin war. Wie du schon sagtest: Blitzmerkerin! Ich brauch eben etwas länger um zu kapieren, was gut für mich ist!“, antwortete ich, erleichtert darüber, dass ich nichts völlig Falsches gesagt hatte. Er schien darüber nachzudenken und schenkte mir kurz den Anflug eines Lächelns. Er kam mir langsam etwas näher und fragte dann: „Und würde ich denn wieder einen Korb bekommen, wenn ich es jetzt noch einmal versuchen würde?“ Doch bevor ich überhaupt zu einer Antwort ansetzen konnte, geschweige denn verstehen, was er damit meinte, lagen seine Lippen weich auf meinen. Ich schloss meine Augen und er zog mich an sich. Doch ich wäre leider nicht ich, wenn ich nicht auf dem morschen Ast gestanden hätte, der jetzt unter meinem rechten Fuß zusammenbrach. Ich sackte zur Seite und hätte sicher den Halt verloren, hätte ich nicht schon längst in Andrews starker Umarmung gelegen. Seufzend half er mir auf die Beine, bevor er mich einfach so vom Boden hochhob und spielend genervt sagte: „Dir kann man echt nicht mehr helfen!“ Er hielt mich fest, suchte meinen Blick und ich versank wieder in seinen dunkelbraunen Augen. „Ich liebe dich auch!“, sagte er leise und küsste mich wieder.

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