Springe zu den Kommentaren

Music is magic - das Mädchen mit der magischen Stimme Teil 6

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
29 Kapitel - 108.353 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 1.624 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 3 Personen gefällt es

So hat sich Olivia ihre Ferien vor dem fünften Schuljahr nicht vorgestellt: zusammen mit den Weasleys wohnt sie in Grimmauldplatz Nummer zwölf, dem Hauptquartier des Orden des Phönix. Und nicht nur das, es hat auch mit Olivias Vergangenheit zu tun. Auch in Hogwarts ändert sich in diesem Jahr einiges: von der pinken Schreckschraube Umbridge, geheimen Treffen der DA und Olivias Chaos an Gefühlen... die Hoffnungen auf ein ruhiges Schuljahr sind vergebens.

    1
    1. Kapitel

    Schwärze umfing mich. Mir war, als würde ich mich drehen, obwohl ich festen Boden unter mir fühlte; ich hörte das zischende Surren des Windes, der durch das wiederholte Drehen entstand; immer schneller, bis ich es schließlich endlich schaffte, meine Augen aufzureißen. Ich befand mich in einem riesigen Raum. Es fiel nur schwaches Licht herein, doch ich erkannte, dass um mich herum ungefähr ein Dutzend Türen in dem runden Raum angebracht waren. Zögernd ging auf eine zu; sie war wie alle anderen Türen auch aus dunkelbraunem Holz, das durch den schwachen Lichteinfall jedoch schwarz wirkte. Zögernd drückte ich die kalte Klinke hinunter. Abgeschlossen. Ich versuchte es bei der nächsten. Ebenfalls abgeschlossen. Nun rannte ich von Tür zu Tür, doch bei allen dasselbe: ich konnte sie nicht öffnen. Ich wusste, dass ich hier wegmusste, weg von diesem Raum, dessen Wände immer näher auf mich zuzurücken schienen. Verzweifelt ließ ich mich zu Boden sinken und verbarg das Gesicht in den Händen. Ich konnte hier nicht bleiben!

    Es geschah ganz plötzlich. Ein helles Leuchten erschien vor meinen geschlossenen Augen, die ich ruckartig aufriss. Das goldene Licht erhellte die schwarzen Wände und in diesem Moment war es mein Rettungsring. Ich rannte darauf zu und versuchte zu erkennen, was das Leuchten verursachte. Ich griff in das Licht hinein und erstarrte vor Verwunderung. Das Leuchten stammte von einer kleinen, kunstvoll gefertigten Sonne mit acht Zacken; ein winziges Schmuckstück. Verwirrt starrte ich es an. Wie sollte diese Sonne mir helfen, von hier zu entkommen? Das goldene Leuchten verblasste kaum, als ich die Sonne in die Hand nahm. Und dann begann mein Medaillon ebenfalls zu leuchten, jedoch nicht in einem goldenen, sondern einem silbernen Ton. Ich löste langsam die Kette und nahm das Mond-Medaillon in die linke Hand. Das Sonnen-Medaillon wurde noch immer von meiner rechten Hand umschlossen. Ich wusste instinktiv, dass die beiden Teile zusammengehörten. Aber wie sollte ich sie zusammenfügen? Ich drehte die Sonne auf meinen Fingerspitzen umher. Vorsichtig steckte ich die runde Kugel mit den Zacken an die Enden des Sichelmondes. Es passte! Ein lautes Juchzen entfuhr mir. In diesem Moment öffnete sich eine der Türen knarrend. Ich spähte in die Dunkelheit, dann fuhr ich aus meinem Traum nach oben.

    Ich brauchte einige Sekunden, um mich zu beruhigen und zu erinnern, dass ich in meinem Bett lag. Ich hörte Ginnys und Mines gleichmäßiges Atmen aus der anderen Ecke des Zimmers. Erleichtert setzte ich mich auf und schwang meine Beine aus dem Bett. Langsam ging ich meine Liste durch, die ich mir angelegt hatte, wenn ich einen Albtraum gehabt hatte, um mich daran zu erinnern, dass ich in Sicherheit war:

    Mein Name ist Olivia Rosier. Ich bin adoptiert. Meine richtige Mutter trägt den Namen Lindsay Winter. Meine Adoptivmutter wurde dazu gezwungen, Todesserin zu werden. Ich bin mit Ron Weasley und Hermine Granger befreundet. Ich bin mit Harry Potter zusammen, seitdem er mich nach der zweiten Runde des Trimagischen Tuniers auf dem Astronomieturm geküsst hat. Ich bin heimlich mit dem Slytherin Draco Malfoy befreundet. Ich bin gerade im Grimmauldplatz Nummer Zwölf, dem geheimen Versteck des Orden des Phönix, weil Lord Voldemort mich wegen meiner magischen Stimme auf seiner Seite sehen will.

    Sofort ging es mir besser; so leise, wie ich konnte, zog ich mich an und verließ den Raum, um hinüber zu Ron ins Zimmer zu schlüpfen. „Ron?“, flüsterte ich. „Was ist los, Liv?“, ertönte Rons verschlafene Stimme. „Kann ich mir Pig ausleihen?“ „Na gut“, murrte er. Höchstwahrscheinlich dachte er, dass ich einen unheimlich kitschigen Liebesbrief an Harry schreiben würde, aber da hatte er falsch gedacht... Rasch nahm ich Pigwidgeon, Rons winzige Eule, aus seinen Käfig und schlich mich zurück in mein Zimmer. Dort griff ich sofort zu Pergament und Tinte und begann hastig zu schreiben. Ich würde Luna erzählen, was in diesem Albtraum geschehen war. Luna vermutete nämlich, dass es sich bei diesen Träumen entweder um Erinnerungen handelte, oder um Dinge, die mir mein Gedächtnis mitteilen wollte. Dann spekulierte sie daran herum, doch viel Sinnvolles war dabei noch nicht herausgekommen. Ich wartete nicht darauf, dass die Tinte trocknete, sondern rollte das Pergament gleich zusammen und band es Pig ans Bein. „Flieg zu Luna, in Ordnung? So schnell, wie du nur kannst!“, flüsterte ich ihm zu und öffnete lautlos das Fenster. Dann warf ich Pig hinaus, der sofort davon flatterte. Hastig schloss ich es wieder und legte mich zurück ins Bett, um noch wenige ruhige Minuten zu genießen, bevor Mrs. Weasley uns zum Frühstück rufen würde.

    „Mädchen, kommt zum Frühstück!“, hörte ich Mrs. Weasleys Stimme vor der Tür. Mine und Ginny schreckten aus dem Schlaf hoch, während ich antwortete: „Wir kommen gleich, Mrs. Weasley.“ Ich kämmte mir schnell meine dunkelbraunen Haare, die in sanften Locken über meine Schultern fielen. Danach putzte ich mir hastig die Zähne, wobei mir meine grünen Augen im Spiegel entgegenblitzten. Mine und Ginny hatten sich inzwischen ebenfalls fertig gemacht und so gingen wir zusammen zum Frühstück. Sämtliches Holz in diesem Haus war dunkel, schon fast schwarz, und die Tapeten waren allesamt in dunkelgrün gehalten. In der Küche saßen bereits Sirius Black und Remus Lupin am Tisch, während Mrs. Weasley das Frühstück vorbereitete. Auf dem alten Holztisch standen große Teller mit Muffins und Toasts, daneben ein Glas mit Marmelade. Dazwischen erkannte ich einige Karaffen mit Kürbissaft. Hinter uns tauchte ein verschlafen wirkender Ron auf, dessen Haare wild vom Kopf abstanden. Grummelnd ließ er sich neben mir auf einen Stuhl fallen. Ich bekam fast einen Herzinfarkt, als Fred und George mit einem lauten „Plopp“ hinter mir auftauchten. „Jungs, erschreckt mich doch nicht so, sonst werfe ich euch aus Reflex zwei Marmeladentoasts ins Gesicht!“ Auf Rons Gesicht erschien ein breites Grinsen. „War nicht mit Absicht, Livvy!“, meldete sich George zu Wort. Fred grinste und fügte hinzu: „Eigentlich wollten wir nämlich Ron erschrecken...“ Die beiden grinsten wie die Sonne höchstpersönlich und setzten sich mir gegenüber. Lupin las gerade den Tagespropheten, während Sirius in seine Tasse mit Tee grinste. Als Lupin eine Seite umblätterte, erhaschte ich einen Blick auf das Datum. Es war der 21. Juli. In zwei Tagen würde ich meinen 15. Geburtstag feiern, mal wieder ohne Harry... Mrs. Weasley riss mich aus meinen Gedanken. „Heute konnten wir eigentlich endlich mal damit anfangen, dieses Haus von oben bis unten zu entrümpeln. Irgendwie müssen wir es ja bewohnbar machen!“ Sirius sah auf, nickte jedoch nur. Dieses Haus hatte früher seiner Mutter gehört, bevor sie vor knapp sechzehn Jahren gestorben war. Sirius hatte es Dumbledore als Hauptquartier für den Orden angeboten, auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel, wieder in diesem Haus zu leben. Dazu musste vielleicht gesagt werden, dass Sirius Vorfahren allesamt schwarzmagisch orientiert gewesen waren.

    So machten wir uns also an die Arbeit; Mine, Ginny und ich fingen damit an, den Salon im zweiten Stock zu entrümpeln. Es dauerte gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, sämtliche Möbel im Raum zu entstauben. Wir mussten alle drei loshusten und niesen, als der Staub in unsere Nasen drang und die Schichten waren so dicht, dass man den Fußboden kaum noch sehen konnte. Nur zu gerne hätte ich ein Fenster geöffnet, doch Mrs. Weasley hatte uns eingeschärft, dies nur in Notfallsituationen zu tun, und ich bezweifelte, dass sie unsere Situation als „Notfall“ bezeichnen würde. Mrs. Weasley war seit einer Woche unglaublich angespannt und wirkte nervös, wenn sie in Sirius’ Nähe war, wobei ich mich nicht erklären konnte, wovor sie solche Angst hatte. Stattdessen hatte sie sich entschlossen, uns im Haus herumzuscheuchen und uns zum Aufräumen zu verdonnern. Das hielt Fred und George jedoch nicht davon ab, mit ihren Langziehohren herausfinden zu wollen, was bei den Versammlungen des Ordens besprochen wurde. Bisher waren sie jedoch noch nicht sonderlich erfolgreich gewesen, was hauptsächlich die Schuld von Mrs. Weasley war. Manchmal schrieb ich auch Briefe an Harry, doch Dumbledore hatte Ron, Mine und mir eingeschärft, nichts über den Orden zu verraten, weshalb es von Zeit zu Zeit ziemlich schwierig werden konnte...

    Ich war unglaublich erleichtert, als ich mich nach dem Abendessen auf mein Bett fallen ließ. Mine grinste leicht verschmitzt; es musste aber auch irgendwie seltsam aussehen, wie ich da an die Decke starrte und mich nicht bewegte. „Na, hast du Sehnsucht nach deinem Harry?“, fragte sie immer noch grinsend. „Er ist nicht >mein< Harry, Mine!“ „Oh doch, eigentlich schon, ihr seid doch zusammen!“ „Na und? Trotzdem nenne ich ihn nicht gerne >meinen< Harry.“ Ich setzte mich auf und strich mir die dicken braunen Locken aus dem Gesicht. „Aber irgendwie hast du Recht, ich vermisse ihn.“ Ginny, die über ein Buch gebückt dasaß, meinte: „Kopf hoch! Bestimmt schickt ihn Dumbledore auch bald hier her.“ Die Rothaarige lächelte mir aufmunternd zu. Seit sie mit Michael Corner aus Ravenclaw zusammen war, hatte sich unser Verhältnis enorm verbessert. Vor allem hatte Mine ihr gezeigt, wie unsinnig es war, sich auf Harry zu fokussieren, wenn sie mit einem anderen Jungen viel glücklicher werden konnte. Nicht, dass sie einen brauchen würde. Ginnys Selbstbewusstsein war unglaublich gewachsen und man sah es ihr auch an. Auf meinen Lippen erschien ein leichtes Lächeln. „Ich weiß.“ Seufzend ließ ich mich zurück auf mein Bett fallen. „Aber ich kann es trotzdem kaum erwarten.“ „Na ja, solange kannst du ja von ihm träumen!“ Mein Kissen, das sie im Gesicht traf, war meine einzige Antwort darauf.

    Mein altbekannter Traum empfing mich mal wieder. Zum gefühlt tausendsten Mal war ich nun in diesem brennenden Raum, der mich in die Enge trieb. Ich drückte mich an die kalte Wand hinter mir, und spürte schon die orangeroten Flammen, die nach mir leckten. Und da war es: das helle Leuchten, das ich nie erreichen konnte. Dennoch beugte ich mich hinunter, um es zu berühren. Mein Hoffnungsfunke konnte einfach nicht verlöschen. Wie erwartet, ließ sich das Licht nicht berühren, doch diesmal geschah etwas, was noch nie zuvor gewesen war. Hinter dem Leuchten erschien eine Gestalt zwischen den Flammen, die ihr jedoch nichts antun konnten. Sie kam immer näher auf mich zu, doch durch das helle Licht konnte ich ihr Gesicht nicht genau erkennen, bis sie in den Schatten trat. Es war Sirius. Ich wollte etwas sagen, brachte jedoch kein Wort hervor. Er streckte seine Hand aus und darin lag die kleine Sonne, von der das goldene Leuchten kam. Irritiert starrte ich das Sonnen-Medaillon an, das mir Sirius auffordernd hinhielt, und dann in seine graue Augen, die mich von oben bis unten musterten. „Worauf wartest du?“, sagte er leise. „Wach auf, Olivia! Die Wahrheit liegt direkt vor dir, du musst nur den Mut haben, die Augen aufzumachen!“ Verwirrt sah ich ihn an, dann wieder auf die Sonne, und dann wieder in die grauen Augen, die mich nicht mehr losließen. „Mach die Augen auf!“

    2
    2. Kapitel

    Die Worte von Sirius hallten in meinem Kopf nach und rissen mich schließlich aus dem Schlaf. Dieser Traum war wirklich seltsam gewesen. Ich sollte die Augen aufmachen. Was meinte der Sirius in meinem Traum damit nur? Die Wahrheit würde direkt vor mir liegen... Ich gähnte leise und zog mir schnell eine dunkle Hose und eine hellgrüne Bluse über. Meine widerspenstigen Locken band ich zu einem hohen Pferdeschwanz nach oben, dann verließ ich leise das Zimmer und versuchte, die alten Treppenstufen nicht zum Knarren zu bringen. Meine Kehle schrie förmlich nach Wasser, weshalb ich mich auf den Weg in die Küche machte. Ich gähnte ausgiebig, als ich die Tür zur Küche aufstieg und erstarrte mitten in der Bewegung, als ich sah, dass Lupin am Tisch saß, und eine Tasse Kaffee trank. Er sah auf und lächelte leicht, als ich an ihm vorbei zum Waschbecken ging, um mir ein Glas Wasser aufzufüllen. „So früh schon wach?“, fragte Lupin ruhig, als ich mich an den Tisch setzte. „Verzeihung, falls ich Sie gestört habe, Professor Lupin“, murmelte ich peinlich berührt. „Olivia, hatten wir das Thema nicht schon einmal? Ich bin nicht mehr dein Lehrer, also nenn mich einfach Remus, und wo wir gerade dabei sind: deine Anwesenheit stört mich nicht im Geringsten.“ „Danke... Remus.“ Er lächelte zufrieden, während ich an meinem Glas Wasser nippte. „Du hast mir meine Frage nicht beantwortet“, meinte er nach einer Weile. „Welche Frage?“ „Weshalb du so früh schon wach bist?“ „Ich konnte nicht schlafen.“

    Als wäre dies das Stichwort gewesen, ertönte plötzlich ein klopfendes Geräusch vom kleinen Fenster in Richtung Straße. Ich sah auf; Pig flatterte draußen mit den Flügeln, am Fuß eine dünne Rolle Pergament tragend. Hastig öffnete ich das Fenster, und ließ Pigwidgeon in die Küche hinein. „Post?“, kam es von Lupin - nein - Remus. „Von einer guten Freundin.“, erwiderte ich und rollte das Blatt Pergament auseinander.

    Liebe Liv,

    ein wirklich seltsamer Traum, das muss ich sagen, jedoch nichts im Vergleich zu meinem Traum über einen springenden Rogel und einen kreischenden Nargel, die sich bekriegt haben. Nun, ich würde sagen, dass die zwölf Türen in deinem Traum die verschiedenen Wege sind, die die Zukunft für dich bedeuten könnte. Du kannst jedoch nicht weiter, bevor du nicht deinen Mond mit der Sonne verbindest, das bedeutet, etwas Bedeutendes muss vorher geschehen. Erst dann kannst du deine Tür finden. Die Sonne muss also etwas darstellen, was die Situation, in der du dich gerade befindest, grundlegend ändern wird.
    Schreib mir, sobald du noch einen seltsamen Traum hast. Ohne sie langweilen sich die Nargel.

    Luna

    Grinsend faltete ich das Pergament zusammen. Das klang genau nach Luna Lovegood! Ihre Theorie war nicht einmal weit hergeholt, sie sollte vielleicht an einen Job als Psychologin denken... „Gute Neuigkeiten?“, fragte Remus. Ich nickte. „Meine Freundin hat mal wieder einen meiner Albträume gedeutet.“ „Du hast Albträume? Das hört sich aber gar nicht gut an!“ „Na ja, sie laufen oft ähnlich ab, deshalb sind sie nach einer Weile nicht mehr so schlimm.“ „Von was träumst du denn?“ Kurz überlegte ich, ihn anzulügen, doch ich hatte das Gefühl, dass ich ihm vertrauen konnte. „Von meiner Vergangenheit.“ Ich schilderte ihm die Albträume, die am öftestens wiederkamen. „Heute war es aber anders.“, meinte ich schließlich, „diesmal kam die Sonne zwar wieder vor, aber es war anders. Jemand hat sie mir gegeben.“ „Wer?“, fragte Remus neugierig und zugleich überrascht, woraufhin er einen Schluck Kaffee trank. „Sirius.“ Er prustete den heißen Kaffee in hohem Bogen aus. Es dauerte kurz, bis er sich wieder fing, dann fragte er nachhakend: „Du hast von Sirius geträumt?“ Ich nickte heftig. „Er hat gesagt, ich solle aufwachen. Die Wahrheit würde direkt vor mir liegen und ich müsste nur den Mut haben, die Augen aufzumachen.“ Verwirrt runzelte ich die Stirn. Manchmal reimte sich mein Hirn wirklich seltsame Dinge zusammen. Ich war mir sicher, dass in Remus Gesicht Ungläubigkeit und Schock stand, doch im nächsten Moment war es schon wieder verschwunden, und ich war mir sicher, dass ich mir das nur eingebildet hatte. „Nun ja, vielleicht solltest du dieser Freundin auch von diesem Traum erzählen.“, sagte er krächzend, wenn auch nicht recht überzeugt von sich selbst. Ich nickte nur stumm. „Das werde ich machen.“ Dann verließ ich hastig die Küche, nur um mich zu fragen, weshalb Remus so seltsam reagiert hatte.

    Dieser Tag verging nicht sonderlich anders als der letzte, das einzig Erzählenswerte war, dass Mundungus Fletcher kurz auftauchte. Mundungus Fletcher war ein kleiner, untersetzter Zauberer, der offenbar mit Dingen auf dem Schwarzmarkt handelte. Weshalb er im Orden des Phönix war, konnte ich mir nicht genau erklären. Vielleicht, weil er viel zu unscheinbar wirkte, als dass irgendjemand ihn für ein Mitglied gehalten hätte. Jedenfalls kam dieser zum Abendessen vorbei, und hatte gerade seine Bewachungsschicht beendet. Dumbledore schickte nämlich regelmäßig ein Mitglied des Ordens in den Ligusterweg, wo Harry bei seinen Verwandten lebte, um ihn zu bewachen. Soviel hatten Fred und George durch ihre Abhörmethoden bereits herausgefunden. Bill, der sich einen Schreibtischjob von Gringotts hatte ausstellen hatte lassen, arbeitete nun wieder in London und kam meist erst spät zurück. Die Zwillinge hatten herausgefunden, dass er außerdem Fleur Delacour half, ihr Englisch zu verbessern. Ich konnte mir denken, dass die hübsche Französin ein Auge auf Bill geworfen hatte. Jedenfalls waren wir deshalb etwas überrascht, als er an diesem Abend bereits um kurz nach sieben zurück kam. Mrs. Weasley war natürlich hoch erfreut darüber. Sirius hingegen wirkte nicht richtig anwesend und starrte ständig ins Leere. Wenn ihn jemand etwas fragte, dann antwortete er nur mit einem unzufriedenen Grummeln oder erwiderte gar nicht. So hatte ich Sirius noch nie erlebt, und wir waren alle froh, als wir endlich aufstehen konnten, und uns nach oben in unsere Zimmer verzogen.

    In dieser Nacht ließen mich meine Träume zu meiner Überraschung tatsächlich in Ruhe. Ich wurde erst von einem Paar Hände geweckt, die mich heftig schüttelten. „Liv, wach auf!“ Erschrocken fuhr ich aus dem Bett hoch. „Was ist los?“, fragte ich panisch. „Ist jemand verletzt?“ Ginny kicherte. „Nein, Mum hat uns nur gerade zum Frühstück gerufen, deshalb wollte Hermine dich wecken.“ „Na dann.“, murmelte ich und begann mich anzuziehen. Eine dunkelblaue Hose, eine hellblaue Bluse und einige farbig passende Armbänder. Meine Locken ließ ich einfach so, wie sie waren; ich kämmte sie nur einige Male. „Ach ja, und alles Gute zum 15. Geburtstag“, fügte Mine noch hinzu. Sie legte mir ein dickes Buch auf mein Bett. „Danke, Mine“, erwiderte ich und nahm sie kurz in den Arm. „Von mir auch alles Gute“, meinte Ginny von ihrem Bett aus. „Aber sieh dich vor, Mum wird höchstwahrscheinlich wieder versuchen, dich mit einer ihrer Umarmungen zu erdrücken.“

    Es geschah genauso so, wie Ginny es vorrausgesagt hatte; ich hatte Angst, dass Mrs. Weasley mir ein paar Rippen gebrochen hatte. Sie hatte eine Schokoladentorte für mich gebacken, auf der fünfzehn Kerzen angebracht waren. Ron aß vier Stück Torte, bis Fred und George ihn daran erinnerten, dass sie es nicht gerne hätten, wenn ihr kleiner Bruder an eine fleischfarbene Weihnachtsbaumkugel erinnerte. Ron wollte sich zwar an ihnen für diesen Kommentar rächen, schaffte es jedoch nicht, da die Zwillinge einfach aus seine Reichweite disapparierten. Remus saß ebenfalls am Tisch und trank währenddessen gemütlich seine Tasse Kaffee. Als Geburtstagsgeschenk hatte er mir einen riesigen Vorrat an Zaubertrankzutaten geschenkt, die ich in diesem Schuljahr sicher noch gut gebrauchen konnte. Fred und George zogen mich nach dem Frühstück zur Seite und erzählten mir flüsternd, dass ich ihre Zauberscherzartikel jetzt vergünstigt kaufen konnte. Das mochte etwas heißen, denn die beiden hatten wirklich unglaublich viele Ideen für neue Produkte. Eins entging mir jedoch nicht: Sirius war nicht zum Frühstück aufgetaucht.

    Obwohl ich heute Geburstag hatte, bedeutete dies keineswegs, dass Mrs. Weasley weniger unter ihrem Putzzwang litt. Ich war gerade beim Staubwischen im dritten Stock, und zwar alleine, da Mine und Ginny zusammen mit Fred und George den Keller entrümpelten. Ron hatte sich sofort verzogen, da er ja Angst vor Spinnen hatte, und es da unten nur so davon wimmelte. So ging ich also mit dem Staubwedel den Flur entlang und entstaubte einzeln die verdreckten Zimmer, in denen seit Jahren niemand mehr gewohnt hatte. Kreacher, der Hauself der Familie Black, hatte wohl nicht daran gedacht, hier Ordnung zu halten. Als ich schon beinahe am Ende des Flurs angekommen war, blieb ich vor einer dunklen Tür stehen. Ich drückte die Klinke hinunter; abgeschlossen. Also summte ich meine neue Lieblingsmelodie vor mich hin und richtete die Strahlen auf den Türknauf, der sich quietschend zur Seite bewegte; mit einem lauten Knarren schwang die Tür auf und ließ mich hinein.

    Der Raum war nur schwach beleuchtet; an den Wänden reihten sich hohe Bücherregale und durch die Fenster, die von Staubflusen überzogen waren, drang nur vereinzelt Licht. In der Mitte des Raumes stand ein zutiefst verstaubter Flügel. Ich begann, die Regale von Staub zu befreien, als mir eine Art schmale Kiste ins Auge fiel. Hastig wischte ich mit der Hand darüber und erkannte, dass es sich um eine Spieluhr handelte, die zu spielen begann, als ich den Deckel aufklappte. Bei den ersten Takten überfiel mich bereits ein seltsames Gefühl. Und als es weiterspielte, erkannte ich, dass es das Lied aus meinem Traum war, von dem mir im vergangenen Schuljahr der Text wieder eingefallen war. Als wäre es selbstverständlich, begann ich den Text mitzusingen und blickte mich nun neugierig im Zimmer um. Als ich mit einem Finger über die glatte Oberfläche des Klaviers strich, traf ich plötzlich auf etwas Hartes. Es war etwas Kleines, nach dem ich gut mit den Fingern greifen konnte. Ich holte es aus dem Staub, wischte es an meiner Bluse ab und erstarrte. Es war eine kleine, goldene Sonne. Um genauer zu sein, es war die Sonne aus meinem Traum! Als wäre es ein Instinkt, verglich ich mein Mond-Medaillon mit der Sonne. Ich führte sie näher aufeinander zu und löste meine Kette. Das Blut gefror in meinen Adern. Sie passten ineinander. Die Sonne passte perfekt in den Monde als wäre sie dafür geschaffen worden. Ich setzte die Sonne vorsichtig in den Mond hinein. Hinter mir knarrte die Tür, doch ich bemerkte es gar nicht. Ich schreckte erst hoch, als ich eine vertraute Stimme hinter mir vernahm. „Lindsay?“

    Ich fuhr erschrocken herum; dabei flog mir meine Kette aus der Hand. Die Sonne löste sich aus dem Mond und landete auf dem Boden, während mein Mond-Medaillon direkt vor Sirius’ Fürßen landete. Er bückte sich und hob die beiden Teile auf. Er betrachtete sie ungläubig; auf seinem Gesicht spiegelten sich so viele Gefühle wieder, dass ich sie nicht mehr deuten konnte. „Sirius, könnte ich mein Medaillon wiederhaben?“, fragte ich vorsichtig, da er wirkte, als könnte er mich gar nicht wahrnehmen. „Das ist dein Medaillon?“ „Ja... der Mond gehört mir. Ich hatte ihn schon vor meiner Adoption.“ Sirius sah von dem Mond zu mir, zurück zum Mond, und dann zur Sonne. „Wann- wann hast du Geburtstag?“, fragte er mit zitternder Stimme. „Warum willst du das wissen?“ Sirius sah mich schon fast flehend an. Verwundert erwiderte ich: „Heute. Ich habe heute Geburtstag, am 23. Juli, und wurde 1980 geboren.“ Sirius’ Hände zitterten. „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Er sah auf; Sirius blickte mich an, als würde er mich plötzlich in einem vollkommen anderen Licht sehen. „Das- das kann einfach nicht wahr sein“, flüsterte er, „sie kann nicht-...“ „Was?“, fragte ich. „All die Jahre... all die Jahre lang dachte ich, dass sie dich umgebracht hätten.“ Eine Träne rollte über seine Wange. Ich konnte es kaum glauben; Sirius weinte. Er betrachtete mich noch immer ungläubig. „Wie konnte ich die Ähnlichkeit nur übersehen? Du- du hast das gleiche Lächeln wie deine Mutter...“ Er verstummte. „Du weißt es nicht, oder?“ „Was weiß ich nicht?“ Bedrückt lächelte er mich an. „Dass du meine Tochter bist.“

    3
    3. Kapitel

    Was sagte er da? Das musste ein Witz sein! In mir begann sich alles zu drehen. Das-... das konnte nicht stimmen, oder? Stumm schüttelte ich den Kopf. „Du-... du kannst nicht mein Vater sein, Sirius.“ „Ich bin dein Vater und ich werde es dir beweisen.“ Er griff in die Innenseite seines Hemds und holte eine lange, feingliedrige Kette hervor. An ihr hing die gleiche Sonne, die ich gefunden hatte. „Dieses Stück ihres Amuletts hat Lindsay, deine Mutter, mir gegeben, als wir zusammen kamen. Sie gab mir die Sonne und behielt den Mond, als Zeichen dafür, dass wir auf ewig verbunden sind.“ Er seufzte leise. „Als du geboren wurdest, hat Lindsay dir deine eigene Kette aus ihren Kräften geschaffen.“ Ich sah mir die Sonne an, dann meine Kette mit dem Mond. Alles ergab Sinn... Ich erinnerte mich an den Traum, in dem ich geschaukelt war und ich meinem Vater zugerufen hatte, dass ich noch weiter nach oben wollte. Und da war der Traum gewesen, in dem Sirius gesagt hatte, die Wahrheit würde direkt vor mir liegen, ich müsse mich nur trauen, meine Augen aufzumachen. Und in diesem Moment überrollte mich die Wahrheit regelrecht. Ich sah Sirius an, dann zog ich ihn in eine heftige Umarmung. „Ich hab dich vermisst“, flüsterte ich.

    Salzige Tränen rannen mir über die Wangen, als ich in den Armen meines leiblichen Vaters lag. Ich spürte seine Wärme, als er mich fest umklammerte, als hätte er Angst, dass ich mich plötzlich in Luft auflöste. „Meine Olivia“, murmelte Sirius, „du glaubst nicht, wie sehr ich dich vermisst habe.“ „Aber... aber warum habt ihr mich dann weggegeben?“ Sirius wischte mir eine Träne von der Wange. „Ich hätte dich doch niemals weggegeben. Du warst mein Sonnenschein.“ Sein Blick verfinsterte sich. „Ich glaubte, du und Lindsay wärt am 10. Oktober 1981 getötet worden. Sie war mit dir auf den Weg zu Lily und James, weil sie ihre beste Freundin unbedingt besuchen wollte...“ Seine Stimme brach ab. Offenbar war es sehr schmerzhaft für ihn, an meine Mutter zu denken. „Ich...ich hab sie schreien gehört“, sagte ich, „als die Dementoren in meinem dritten Schuljahr den Zug nach dir durchsucht haben. Als sie in unserem Abteil waren, habe ich jemanden schreien gehört. Ich glaube, das war sie.“ „Glaubst du, dass jemand weiß, wer du in Wahrheit bist?“ Ich überlegte. „Ich denke, da kommen nur Snape und Remus in Frage.“ Sirius erstarrte. „Natürlich“, flüsterte er, „wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen?“ „Was meinst du?“ „Es war Remus. Remus hat etwas damit zu tun. Immerhin war er Lindsays bester Freund und dein Pate.“ Er knirschte wütend mit den Zähnen. „Den knöpfe ich mir vor.“ „Warte!“, rief ich ihn zurück; ein gemeines und listiges Grinsen erschien auf meinem Gesicht. „Ich habe eine Idee.“ „Bei Merlin, diesen Blick hast du ganz eindeutig von mir.“

    Nachdem ich Sirius mitgeteilt hatte, was wir tun würden, begann auch er zu grinsen. „Mal ehrlich, ich bin wirklich froh, dass du nicht alles von Lindsay hast.“ Ich lächelte. „Wie war meine Mum so?“ In Sirius’ Augen blitzte der Schmerz auf. „Schon gut, du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht darüber reden willst...“ „Nein“, unterbrach er mich. „Du hast ein Recht darauf, dass du endlich von ihr erfährst.“ Er ging hinüber zu einem Regal und holte ein verstaubtes Foto in einem Bilderrahmen hervor, bevor er sich wieder neben mich auf ein kleines Sofa fallen ließ, das in der hintersten Ecke des Zimmers stand. Mit seinem Ärmel wischte er über die dünne Glasschicht und reichte mir das Bild. Darauf erkannte ich Sirius und Lindsay, die zusammen auf einer Tanzfläche standen und gemeinsam in die Kamera lächelten und winkten. Meine Mum trug ein weißes Brautkleid mit Schleier in den offenen gelockten Locken, in denen einige Perlen befestigt waren. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Brautstrauß, während Sirius ihr einen Arm um die Hüfte gelegt hatte. Er trug einen klassischen schwarzen Anzug mit Krawatte und strahlte, als hätte er gerade einen Feuerblitz gewonnen. „Das sind wir auf unserer Hochzeit.“, meinte Sirius und lächelte glücklich, während er offenbar vollkommen in der Vergangenheit versunken war. „Lily und James waren Trauzeugen... die beiden haben sich so gefreut, dass wir auch geheiratet haben...“ Ich richtete meinen Blick erneut auf das Bild. Erst jetzt entdeckte ich die silberne Kette mit dem Mond, die um Lindsays Hals lag.

    „Du musst wissen, dass Lindsay sehr impulsiv war. Deshalb mochte ich sie ja auch sofort. Sie war nicht wie viele andere Mädchen, die in meiner Gegenwart die ganze Zeit versucht haben, sich zu verstellen, damit ich sie bemerke.“ Ich sah ihn grinsend an. „Du warst ein echter Frauenschwarm, oder?“ „Klar. Keine konnte meinem Charme widerstehen.“ Auch er begann zu grinsen. „Nur Lindsay und Lily.“ Er seufzte. „Die beiden waren verdammt hart zu knacken. Lindsay konnte es nicht ausstehen, wenn ich mich an sie ranmachte, und Lily ging es genauso mit James. Zudem kam noch, dass deine Mutter die Beste der gesamten Jahrgangsstufe war, und sich deshalb gut mit Remus verstand. Du glaubst nicht, wie sehr ich auf ihn eifersüchtig war, obwohl er gar nichts mit Lindsay hatte!“ „Wann hast du gemerkt, dass du in sie verliebt bist?“ „Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, dass es in unserem fünften Schuljahr angefangen hat. Manchmal haben wir den Mädchen nämlich Streiche gespielt. Ich weiß schon, eine dumme Idee, aber ich dachte eben, dass Lindsay mich dann bemerkt.“ „Was hast du gemacht?“, fragte ich neugierig. „Ich hab’ ihr einen Trank in ihr Shampoo gemischt, und nach dem Duschen hatte sie lilafarbene Haare.“ „Ich nehme mal an, sie war nicht sonderlich begeistert?“ „Natürlich nicht“, erwiderte Sirius und gluckste. „Du hättest sie sehen müssen. Sie ist in den Gemeinschaftsraum gestürmt und dann hat sie geschrien: >Black! Wenn du das nicht sofort weghext, lernst du mich richtig kennen!< Und dann hat sie mich geohrfeigt.“ Dabei musste ich unwillkürlich an mich denken. „Na ja, schlussendlich hat sie sich die Haare selbst wieder dunkelbraun gezaubert. Aber da war es bereits um mich geschehen.“

    Er stand auf und ging zu einem der Bücherregale. Sirius zog einen Stapel Bücher hervor, und legte sie neben mich auf das Sofa. „Das sind Lindsays Tagebücher. Vielleicht solltest du sie einmal durchlesen.“ Als er meinen zweifelnden Blick sah, fügte er hinzu: „Deine Mutter hätte sicher nichts dagegen.“ Ich nickte und schlug das erste Buch auf; dann begann ich gleich zu lesen.


    2. September 1971

    Liebes Tagebuch,

    gestern bin ich endlich in Hogwarts angekommen. Stell dir vor, ich habe sogar schon Freunde gefunden, nämlich ein Mädchen namens Lily Evans und einen Jungen, der Severus Snape heißt. Lily ist, genau wie ich, nach Gryffindor gekommen, aber Severus wurde nach Slytherins eingeteilt. Im Zug bin ich auch noch auf vier komische Jungs gestoßen, die zusammen in einem Abteil saßen. Soweit ich mich erinnere, heißen sie James Potter, Sirius Black, Remus Lupin und Peter Pettigrew. James und Sirius sind echte Angeber, dass sehe ich ihnen direkt an. Remus wirkte eigentlich ganz nett, wir haben uns eine Weile über Hogwarts unterhalten. Dieser Peter ist aber nicht recht interessant, er hat auch fast gar nicht geredet. Ich weiß auch, dass Sirius aus einer reinblütigen Familie kommt, genau wie ich. Anders als Mum und Dad legen seine Verwandten aber großen Wert auf reines Blut. Na ja, als James und Sirius angefangen haben, mich über Quidditch auszufragen, und ich meinte, dass ich diesen Sport nicht leiden kann, haben die beiden die ganze Zeit über dumme Kommentare über mich gerissen, weshalb ich dann auch gegangen bin, und mir ein anderes Abteil gesucht habe. In dem sind dann Lily und Severus gesessen. Lily ist muggelstämmig, also hab ich ihr erklärt, wie das mit der Häuserzuteilung funktioniert. Na ja, der Sprechende Hut hat ein wenig hin und her überlegt. Er musste zwischen Ravenclaw und Gryffindor entscheiden, und hat mich dann schließlich gefragt, ob ich selbst entscheiden möchte. Mum war ja in Ravenclaw und Dad in Gryffindor, aber ich wollte lieber zu Lily, die vorher schon nach Gryffindor gekommen ist, weshalb ich dann das Haus genommen habe. Leider sind die vier anderen aus dem Zug ebenfalls in Gryffindor, aber ich werde sie wohl einfach ignorieren. Jetzt muss ich aber aufhören zu schreiben, ich muss nämlich noch mit dem Verwandlungsaufsatz für Professor McGonagall anfangen.

    Lindsay


    Es war unglaublich seltsam, die Gedanken und Gefühle meiner Mutter auf Papier geschrieben zu sehen, wo ich doch wusste, dass sie tot war. Sanft strich ich über die Seite aus Pergament, bis ich weiter blätterte und schnell zu lesen begann. Ich bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging, bis Sirius sich leise räusperte. „Ich glaube, dass wir los müssen.“ Ich nickte. „Ich hol mir die Tagebücher einfach später.“ Wir verabredeten, dass wir getrennt zum Abendessen kommen würden, zuerst ich und dann Sirius, damit es nicht auffällig wurde. Kurz, bevor ich die Küche betrat, atmete ich einmal tief durch. Wir würden Remus enttarnen, da war ich mir sicher. Es war Showtime...

    Heute Abend gab es einen saftigen Braten, Pellkartoffeln, hausgemachte Soße und als Nachspeise Mrs. Weasleys selbstgemachtes Heidelbeereis. Stumm saß ich am Tisch und war schon sehr aufgeregt. Bald würde ich loslegen... Meine Kette, an der nun auch der Sonnenanhänger hing, hatte ich unter meine Bluse gesteckt, damit niemand Mond und Sonne zusammen sehen konnte. Gegenüber von mir saß Nymphadora Tonks, oder kurz Tonks, die immer wieder ihre Haarfarbe von bonbonpink zu knalllila und wieder zurück änderte. Mrs. Black, Sirius’ Mutter - und meine Großmutter väterlicherseits - hatte laut aufgeschrien, als sie gekommen war, da Tonks mal wieder versehentlich über den Schirmständer gestolpert war. Neben ihr saß Remus, den ich bald aus der Fassung bringen würde. Er war sehr überrascht gewesen, als Sirius überhaupt zum Abendessen erschienen war. Mein Vater hatte mir auch den Grund verraten. Remus hatte befürchtet, dass es Sirius an meinem Geburtstag und geglaubtem Todesdatum schlecht ging und er deshalb so forsch und unfreundlich zu allen war. Ginny und Mine sagten Tonks die ganze Zeit, welche Haarfarbe sie jetzt annehmen sollte, und es war so ziemlich alles dabei. Fred und George saßen zusammen über irgendeinem Plan gebeugt und redeten vermutlich über ihren Scherzartikelladen. Mrs. Weasley sagte Bill währenddessen immer wieder, dass er sich doch endlich die Haare schneiden solle, und Ron war viel zu beschäftigt mit seinem Essen, um auch nur irgendetwas mitzubekommen. Mr. Weasley war zur Abwechslung früh von der Arbeit gekommen und versuchte Mrs. Weasley von ihrem Redeschwall abzuhalten, was ihm jedoch nicht so recht gelang.

    Ich wartete, bis Remus ein Glas mit Elfenwein in der Hand hielt, dann rief ich über den halben Tisch hinweg: „Dad, gibst du mir mal bitte den Kürbissaft?“ „Natürlich, Sonnenschein.“, erwiderte Sirius grinsend, und reichte mir den Krug herüber. Alle am Tisch verstummten verwirrt. Remus’ Glas zersprang in seiner Hand, woraufhin Sirius und ich denselben mörderischen Blick auf ihn richteten. „Ich wusste es!“, schrie Sirius und sprang auf. „Wie konntest du mir das verheimlichen, Remus? Wie konntest du mir verschweigen, dass mein eigenes Kind nicht gestorben ist? Wie?“ Remus starrte ihn verdattert an. Ich stand ebenfalls auf. „Wie konntest du mich nur so anlügen? Du bist mein Pate, und konntest mir nicht erzählen, dass du meinen leiblichen Vater kennst und er noch lebt?“, schrie ich ihm ins Gesicht. „Du wusstest, wer ich wirklich bin, und hast mir nicht gesagt, dass ich Sirius’ Tochter bin?“ „Bitte, Olivia - es tut mir leid...“ Ich lachte freudlos. „Es tut dir leid? Du warst der beste Freund meiner Mum, und verschweigst mir, was du über sie weißt? Warum?“ Remus wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Mine ihn unterbrach: „Was bedeutet das hier alles?“ Ich wandte mich zu ihr um. „Was das hier bedeutet? Er-“, ich zeigte auf Remus, „wusste, wer meine wirklichen Eltern sind, und hat es mir mit Absicht verheimlicht.“ Sirius nickte. „Und mir hat er verheimlicht, dass meine Tochter nicht gestorben ist, wie ich es fast vierzehn Jahre lang geglaubt habe!“ Fred und George rissen gleichzeitig die Augen auf. „Das heißt, du bist die Tochter von Sirius?“, fragte Fred ungläubig. Ich nickte. „Meine leiblichen Eltern sind Sirius Black und Lindsay Winter.“ „Lindsay Black. Vergiss nicht, wir haben geheiratet...“ Ich hörte lautes Stühlescharren, und dann sagte Mrs. Weasley: „Wenn das alles stimmt, und Olivia wirklich Sirius’ Tochter ist, dann verlange ich eine Erklärung von dir, Remus!“ Tonks, die links von Remus saß, fügte hinzu: „Die würde ich auch sehr gerne hören. Und zwar auf der Stelle!“ Remus sah von einem zum anderen und schluckte schwer, als träfe er eine folgenschwere Entscheidung; und dann begann er zu erzählen.

    4
    4. Kapitel

    „Bevor ich anfange, muss ich mich bei dir entschuldigen, Olivia. Wirklich, ich wollte dir so oft erzählen, wer du wirklich bist, aber ich wusste, dass es schlimme Folgen mit sich bringen würde.“ Er sah mich entschuldigend an, dann fuhr er fort: „Als du geboren wurdest, waren wir uns nicht sicher, ob du Lindsays Kräfte erben würdest, obwohl Lindsay dabei recht zuversichtlich war. Sie hatte Recht, und nicht nur das: sie sagte mir, dass du sehr viel mächtiger warst, als sie selbst. Zu diesem Zeitpunkt war es jedoch nicht weiter schlimm, bis jedoch dieses schreckliche Unglück geschah. Das Haus, in dem ihr gewohnt habt, wurde nämlich von den Todessern in Brand gesetzt, da sie dich und Lindsay töten wollten. Bei diesem Feuer kam dein Großvater um, musst du wissen. Lindsay hatte kurz davor eine Vision, eine Art Prophezeihung von dir, die besagt, dass deine Kräfte unglaublich stark werden würden, sodass du sie vielleicht nicht mehr kontrollieren kannst. Doch Peter, der natürlich von dir und auch von der Vision wusste, berichtete Du-weißt-schon-wem davon, welcher beschloss, dass du in etwa die ultimative Waffe sein würdest, um alles zu zerstören. Sirius, Lindsay und du seid darauf in dieses Haus hier gezogen, um euch zu verstecken, wie es auch James und Lily getan haben, nur war ich euer Geheimniswahrer. Lindsay hat allerdings auch-...“, er sah Sirius an, „gesehen, dass Olivia nicht sicher war. Sie hat gesehen, dass sie starb, um Olivia zu schützen, wollte es dir aber nicht erzählen, weil du niemals zugelassen hättest, dass ihr oder deiner Tochter etwas zustößt. Deshalb hat sie mich um Hilfe gebeten. Ich tat es nur ungern, versprach ihr aber, dass ich nur das Beste für Olivia wollte.“ Er wandte sich wieder mir zu. „Olivia, du wirst es mir höchstwahrscheinlich nicht glauben wollen, aber deine Mutter belegte dich mit einer Art „Fluch“.“ Ich setzte zu einer Antwort an, doch er schnitt mir das Wort ab. „Hör mir zu, Lindsay wollte es natürlich nicht, aber sie hat es nur getan, um deine Kräfte einzuschränken, damit man dich nicht so leicht finden konnte. Außerdem sorgte dieser Fluch dafür, dass dich keiner der Todesser wiedererkennen konnte, selbst, wenn sie dich vorher schon einmal gesehen hatten. Denk daran, dein Adoptivvater hat dich nicht als das Mädchen erkannt, das Voldemort suchte, obwohl er dich sicher vorher schon einmal gesehen hatte. Selbst Sirius hat dich nicht wiedererkannt, obwohl das so gut wie unmöglich ist. Bei mir und Serverus war es jedoch ein wenig anders... Snape hatte eine starke Beziehung mit Lindsay in ihrer Jugend und als er dich das erste Mal gesehen hat, sahst du ihr einfach so ähnlich, dass er gar nicht anders konnte, als dich für eine junge Version von deiner Mutter zu halten. Was mich angeht... Ich wusste von dem Fluch, vielleicht lag es daran, dass ich dich erkannte, als ich dich das erste Mal im Hogwarts-Express gesehen habe. Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht genau. Ich weiß nicht einmal, ob Albus und Minerva wissen, dass du Sirius’ und Lindsays Tochter bist.“

    Er stockte kurz. „An diesem Abend, als Lindsay zu Lily und James wollte, wusste sie, dass es der Tag war, an dem sie sterben würde. Ich habe mich mit ihr getroffen; wirklich, Sirius, ich hab versucht, sie zu überzeugen, aber ich konnte sie nicht davon abbringen. Und dann sind sie gekommen...die Todesser. Sie haben versucht, Olivia zu bekommen, aber Lindsay hat mich fast angeschrien, dass ich ihre Tochter in Sicherheit bringen soll. Aber trotzdem...bevor ich disapparieren konnte, habe ich noch gesehen, wie sie Lindsay getötet haben. Und du hast es auch gesehen, nicht wahr, Olivia?“ Ich nickte stumm. „Wer?“, krächzte Sirius. „Wer hat sie umgebracht?“ Remus schluckte, dann sagte er: „Bellatrix.“ Sirius’ Gesicht verdunkelte sich. „Ich hätte es wissen müssen...immerhin ist sie meine durchgedrehte Cousine...“ Remus fuhr fort: „Ich hab dich in dieses Waisenhaus gebracht, Olivia, um dich zu beschützen, verstehst du? Ich hab der Leiterin dort nur deinen ganzen Vornamen und dein Geburtstdatum gesagt, dann bin ich verschwunden. Du weißt nicht, wie schwer mir das gefallen ist... Du warst mein Patenkind und ich hätte dich so gerne wieder mitgenommen, aber ich wusste, dass es das Beste für dich war.“ Er sah hinüber zu Sirius. „Und es tut mir so leid, als ich dir erzählt habe, dass Lindsay und Olivia getötet wurden, Sirius. Es tut mir so unendlich leid, dass du so leiden musstest, und dass ich dir nicht sagen durfte, was wirklich geschehen ist, aber ich habe Lindsay geschworen, es niemandem zu erzählen, weil es ihr letzter Wunsch war. Es tut mir Leid. Ich weiß, dass ich es niemals wieder gutmachen kann, aber ich wollte nur, dass du sicher bist, Olivia.“

    Er senkte den Kopf. Etwas Nasses tropfte auf meine Wange und ich brauchte einige Sekunden bis ich bemerkte, dass es Tränen waren. Ich zog ihn in eine heftige Umarmung und drückte mein Gesicht in seine Jacke. „Ich verzeihe dir, ich verzeih’ dir alles, Remus, ja? Tut mir Leid, dass ich dich angeschrien habe...“ Remus sah auf und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Alles ist gut, Olivia. Hör nur auf zu weinen, da sieht man nämlich nicht, wie sehr du deiner Mutter eigentlich ähnelst.“ Langsam löste ich mich von ihm. „Bin ich ihr wirklich so ähnlich?“, fragte ich leise. „Und wie“, kam es von Mrs. Weasley, „dass ich das nicht gesehen habe! Wie konnte ich das nur übersehen? Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten!“ Mr. Weasley nickte zustimmend. „Das ist wahr. Das Temperament hast du ganz eindeutig von ihr.“ Ich lächelte leicht. „Dieses fiese Lächeln, wenn sie etwas ausheckt, hat sie aber von mir“, fügte Sirius stolz hinzu. „Da kommst du ganz nach mir...“ „Was ist mit diesem Fluch?“, fragte ich. „Wie kann man den brechen?“ Sirius zog unsicher die Schultern nach oben; Remus sah genauso ratlos aus. „Ich glaube, der einzige Ort, wo die Antwort steht, ist Lindsays Tagebuch. Da hat sie so gut wie alles hineingeschrieben. Vielleicht steht dort auch, wie man den Fluch brechen kann.“ Ich nickte. „Ich werde nachsehen.“ Ich drehte mich zu Mine und Ginny um, die mich noch immer mit offenem Mund anstarrten. „Was ist?“, fragte ich und feixte. „Bei Merlin, dieses Grinsen hast du wirklich ganz eindeutig von Sirius!“, pflichtete Ron bei und betrachtete mich von oben bis unten. „Du bist irgendwie... anders.“ Ich lächelte nur und schüttelte belustigt den Kopf.

    Nach diesem aufschlussreichen Abendessen lag ich in meinem Bett und blätterte durch Lindsays Tagebücher. Ihre Zeit in Hogwarts hatte ich natürlich übersprungen, aber ich hatte vor, später darin zu lesen. Gerade war ich dabei, die Einträge von der Zeit nach meiner Geburt zu lesen.


    18. Dezember 1980

    Liebes Tagebuch,

    es ist wirklich überraschend, wie schnell Olivia wächst. Ich bin mir sicher, dass es nicht normal für ein Baby ist, so schnell zu wachsen. Olivia sieht schon aus, als wäre sie ein Jahr alt. Auch Sirius macht sich Sorgen, ach, er ist solch ein liebevoller Vater! Ich habe meinen Vater gefragt, doch er meinte, dass ich ähnlich schnell gewachsen wäre, sich das aber in einem von vier bis sechs Jahren wieder ausgeglichen hätte. Er ist unglaublich verschossen in seine Enkelin, er kann seine Finger kaum von ihr lassen. Selbst ihre ersten Worte sagt mein kleiner Engel bereits. Ihr erstes richtiges Wort war „Lied“. Ist das vielleicht bereits ein Hinweis darauf, dass sie meine Kräfte geerbt hat? Es ist gut möglich, immerhin ist es in unserer Familie immer nur an Mädchen weitergegeben worden. Nun ja, ich mache mir lieber keine allzu große Hoffnungen, auch wenn Sirius immer wieder sagt, dass sie höchstwahrscheinlich genau sein wird wie ich. Vom Aussehen könnte es sogar stimmen. Ihre kleinen, runden Augen haben den gleichen Grünton wie meine und auch unsere Haarfarbe ist sich unglaublich ähnlich. Obwohl ich persönlich ja glaube, dass sie vom Charakter eher nach Sirius kommt... Hach, ich könnte meinen kleinen Engel den ganzen Tag lang ansehen. Olivia ist bereits dabei, unseren Garten zu erkunden. Sie spielt im Gras, und ist vollkommen begeistert vom Schnee, der vor zwei Wochen das erste Mal gefallen ist. Aber am liebsten schaukelt sie. Dann ruft sie, dass sie fliegen kann; meistens schubst Sirius sie an, oder Remus, wenn er zu Besuch ist. Die beiden sind vollkommen vernarrt in die Kleine, Sirius nennt sie >Sonnenschein<. Jetzt höre ich aber lieber auf, mein Engel hat gerade nach mir gerufen, vielleicht will sie mir etwas zeigen, was sie ihm Garten gefunden hat.

    Lindsay


    Mir wurde ganz warm, als ich sah, wie sie das alles beschrieben hatte. Ich konnte ihre Liebe zwischen den Zeilen förmlich spüren! Rasch blätterte ich eine Seite weiter.


    25. Dezember 1980

    Liebes Tagebuch,

    heute Vormittag durfte Olivia das erste Mal Weihnachten feiern und ihre Geschenke auspacken. Sirius hat ihr doch ernsthaft einen Spielzeugbesen geschenkt! Ich fand das überhaupt nicht witzig, aber Olivia hat das Geschenk ganz offenbar gefallen. Sie ist durch die ganze Villa geflogen und fast fünf Vasen umgestoßen, hat dabei aber die ganze Zeit vor Glück laut gelacht und geschrien. Ich habe ihr ein Bilderbuch mitgebracht, von dem sie gar nicht mehr wegwollte. Ihr Großvater hat ihr ein Mobilé geschenkt, an dem funkelnde Sterne hingen, das wir ihr über ihr Bett gehängt haben. Remus wird nachher noch vorbeischauen, Olivia kann es kaum erwarten, ihren Paten zu sehen. Lily und James kommen auch und bringen den kleinen Harry mit. Er ist wirklich unglaublich süß. Er und Olivia verstehen sich großartig, auch wenn mein kleiner Engel sehr viel älter wirkt als Lilys Sohn, obwohl sie eigentlich nur eine Woche älter ist. Peter kommt auch, Sirius wollte natürlich alle Rumtreiber beisammen haben, eine wirkliche schöne Geste von ihm.

    Lindsay


    Mein Herz empfing einen heftigen Stich, als ich las, wie Lindsay Peter erwähnte, ganz so, als wäre er nur im Hintergrund und gar nicht anwesend... Dabei war er derjenige gewesen, der Voldemort so viel von meinen Eltern erzählt hatte. In diesem Moment konnte ich nachvollziehen, wie Harry sich gefühlt haben musste, als er herausgefunden hatte, dass Wurmschwanz der Geheimniswahrer seiner Eltern gewesen war und nicht Sirius. Ich fühlte einen solch brennenden Hass auf diesen niederträchtigen Verräter... Um mich davon abzulenken, blätterte ich rasch um, stutze dabei jedoch. Die Tinte war leicht verlaufen und verwischt und das Blatt Pergament war gewellt, als ob Tränen darauf gefallen wären.


    12. Januar 1981

    Liebes Tagebuch,

    dieser Eintrag wird einer der traurigesten sein, die ich jemals geschrieben habe, ich muss meine Seele einfach davon befreien. Das große Unglück ist jetzt zwar schon vier Tage her, aber ich kann trotzdem weder schlafen noch essen. Es ist am Abend gewesen, das heißt, Sirius, mein Vater Alfred und ich rechneten mit keinem Angriff. Olivia schlief bereits friedlich in ihren Bett, zusammen mit ihrer Kette, die ich ihr vor wenigen Tagen aus meinen Kräften erschaffen habe. Mein Vater war gerade im unteren Salon und trank Tee, während ich und Sirius noch draußen im Wintergarten am Kamin saßen, und den Garten betrachtet haben. Leider ist uns erst viel zu spät der Rauch und der beißende Gestank aufgefallen... Wir begriffen viel zu spät, dass das Haus brannte, und zwar im Westflügel, wo auch Olivias Zimmer liegt. Wir griffen gleich nach unseren Zauberstäben. Sirius rannte los, um Olivia aus dem brennenden Zimmer zu holen, und ich sollte schon nach draußen, um die Todesser zu vertreiben. Ich war viel zu geschockt, um irgendetwas anderes zu tun, und habe uns natürlich verteidigt. Sirius kam wenig später mit Olivia nach. Mein kleiner Engel hatte ganz weit aufgerissene Augen und fragte immer wieder, was los wäre. Erst als alle Todesser weg waren und wir den Brand gelöscht haben, rückte Sirius mit der schlechten Nachricht heraus. Mein Vater bemerkte das Feuer erst zu spät, versuchte höchstwahrscheinlich aber trotzdem seine Enkelin zu retten, die Sirius aber schon aus dem brennenden Zimmer herausgeholt hatte. Wir haben später zusammen mit den Hauselfen die Stellen untersucht, wo es gebrannt hatte. Mein Vater lag tot, mit einer riesigen blutenden Kopfwunde, unter dem kleinen Kronleuchter, der sich von der Decke gelöst hat. Ich kann noch immer nicht glauben, dass er wirklich tot ist. Natürlich weiß ich, dass er jetzt wenigstens bei meiner Mutter ist, aber trotzdem ist dieser Verlust so unglaublich schmerzhaft, vor allem wegen Olivia. Ich weiß nicht, ob sie schon begriffen hat, was geschehen ist, aber es war einfach herzzereißend, als sie dort stand, in den Armen ihres Vaters und gefragt hat: >Warum steht Großvater nicht auf?<. Sie hat mich aus großen Augen angesehen, und ab da konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Mein kleiner Engel war ganz erschrocken, als sie mich so gesehen hat. >Was ist mit Mummy?< hat sie Sirius gefragt, der daraufhin versucht hat, ihr zu erklären, was mit ihrem Großvater und mir los ist. Sie starrte Sirius dann an, als könnte sie ihm kaum glauben. Sie ist zu meinem Vater hinübergelaufen und hat begonnen, auf ihn einzureden, bis Sirius sie auf den Arm genommen hat. Wir haben kurz darauf beschlossen, dass es auf unserem Anwesen nicht mehr sicher ist. Wir haben Albus gefragt, wo wir hinkönnen; jetzt richten wir uns gerade wohnlich im Haus von Sirius’ Eltern ein, die zum Glück beide schon gestorben sind. Das Haus ist mir unheimlich, und Sirius scheint es auch nicht sonderlich zu mögen, aber solange wir damit Olivia beschützen können, würde ich mit ihm auch in einer Eiswüste leben.

    Lindsay


    Ich bemerkte kaum, dass mir, während ich gelesen hatte, Tränen in die Augen getreten waren. Mein Großvater war gestorben, und dass nur, weil er mich retten wollte. Meine Mutter musste sich sicher schrecklich gefühlt haben. Hastig blinzelte ich die Tränen weg und las weiter.


    17. Februar 1981

    Liebes Tagebuch,

    Olivia hat sich mittlerweile im Grimauldplatz zurechtgefunden. Wir haben ihre heißgeliebte Schaukel im unteren Salon des Hauses an der Decke aufgehängt. Sirius wird von Tag zu Tag rastloser, nur in Olivias Gegenwart scheint er vergessen zu können, dass er praktisch an diesem Ort eingesperrt ist. Manchmal schicke ich Lily eine Eule und erzähle ihr, wie es uns hier geht, immerhin befinden wir uns in derselben Situation. Ich hoffe, dass dieser Krieg bald vorbeigeht...

    Lindsay


    Gespannt blätterte ich eine weitere Seite um. Wie es wohl weiterging? Auf den folgenden Seiten beschrieb Lindsay, wie ihr Tagesablauf in diesem Haus war, wie es mir ging, und wann es Neuigkeiten von Dumbledore, Remus oder anderen Mitgliedern des Ordens gab. Dann blätterte ich eine neue Seite um und stockte.


    2. September 1981

    Liebes Tagebuch,

    wie ich schon öfters erwähnte, war ich in meiner Schulzeit sehr begeistert vom Fach Wahrsagen. Manchmal offenbaren sich mir sogar Visionen, so verrückt es auch klingen mag. Gestern Abend hatte ich erneut eine Vision; sie war zwar nur kurz, aber ich habe genug gesehen, um zu erkennen, wie wichtig sie ist. Und alles, was ich in letzter Zeit beobachtet habe, schließt darauf, dass ich handeln muss. Ich spüre, wie mächtig mein kleiner Engel ist, und wie enorm die Kräfte in ihrem Blut vorhanden sind. Neulich habe ich sie beobachtet, wie sie ihre Gabe benutzte; das Erstaunliche daran: eigentlich ist sie viel zu klein, um sie überhaupt benutzen zu können und sie sang nicht. Ich weiß mit Sicherheit, dass alle Mitglieder meiner Familie, die diese Kräfte besaßen, sie nur durch das Singen aktivieren konnten, doch Olivia brauchte es dem Anschein nach überhaupt nicht. Sirius habe ich nichts davon erzählt. Ich will ihn damit nicht berunruhigen, er macht sich sowieso schon unglaubliche Sorgen um unsere Tochter. Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue, aber ich muss versuchen, Olivias Kräfte einzuschränken. Wenn ich es nicht tue, dann wird es umso gefährlicher für sie, sollten die Todesser sie in ihre Finger bekommen. Ich muss irgendeine Möglichkeit finden, ihre Gabe zu verringern, und ich werde Remus fragen, ob er mir hilft. Auf seine Hilfe kann ich zählen.

    Lindsay


    Meine Augen weiteten sich, während ich hastig weiterblätterte; vielleicht konnte ich jetzt herausfinden, um was es sich bei diesem Fluch handelte.


    28. September 1981

    Liebes Tagebuch,

    ich habe doch tatsächlich eine Lösung für das Problem gefunden. Es ist vielleicht nicht die beste Möglichkeit, aber eine andere kenne ich nicht... Mir tut es im Herzen weh, dass mein kleiner Engel ohne ihren wahren Eltern aufwachsen wird, aber für sie ist es das Sicherste. Ich bedaure, dass ich niemals erleben werde, wie Olivia heranwächst, nach Hogwarts kommen wird, dort zur Schule geht, sich das erste Mal verliebt, irgendwann vielleicht sogar heiratet... Nur zu gerne würde ich sie für immer einfach nur in meinen Armen halten und sie nie wieder loslassen, aber es wäre nicht das Richtige. Sie ist mächtig. Zu mächtig. Vielleicht mächtiger als alle anderen Vorfahren, von denen ich Aufzeichnungen habe. Und ER darf meine Tochter niemals in die Finger kriegen. Ich will mir nicht ausmalen, was geschehen würde...zu was er Olivia zwingen würde. Mein kleines, süßes Mädchen. Ich muss es verhindern, einen anderen Weg gibt es nicht. Ich werde Olivia mit einem ganz bestimmten Fluch treffen, den nur sie selbst lösen kann, indem sie ihren wahren Namen ausspricht. Ich hoffe, dass sie ihn niemals brechen wird, den ich weiß nicht, was für ein Ausmaß ihre wahren Kräfte annehmen könnten. Ich kann nur abwarten...

    Lindsay


    Meine Finger zitterten kaum merklich, während ich den Einband des Tagebuchs fest umklammerte. Ich konnte die Verzweiflung meiner Mutter förmlich zwischen den Zeilen spüren. Sie hatte keine andere Wahl gehabt. Lindsay hatte diesen Fluch aussprechen müssen, um mich zu beschützen... vor Voldemort und mir selbst. Ich musste meinen wahren Namen aussprechen. Etwas reizte mich, es jetzt gleich zu tun, doch ich wurde von etwas anderem zurückgehalten. Laut Lindsay waren meine Kräfte gefährlicher, als ich es jemals angenommen hatte. Ich sollte morgen früh lieber zuerst mit Remus und... meinem Dad sprechen. Auf ihre Meinung konnte ich vertrauen. Schnell, um mich von den ganzen Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, abzulenken, blätterte ich auf die nächste Seite.


    7. Oktober 1981

    Liebes Tagebuch,

    Remus hat uns heute besucht. Sirius war unglaublich erleichtert, seinen besten Freund (neben James) wiederzusehen, wo wir doch noch immer in diesem Haus feststecken. Ich bin unglaublich angespannt; Olivia merkt man aber nicht an, dass ihre Kräfte von Tag zu Tag, Woche zu Woche, wachsen. Sie hat ihren Paten sofort stürmisch begrüßt, was ihn natürlich sehr gefreut hat. Remus ist noch immer darüber erstaunt, wie schnell mein kleiner Engel wächst. Sirius und ich fällt es mittlerweile gar nicht mehr auf. Wir nehmen es als normal hin, aber für andere muss Olivia schon wie eine mindestens Zwei- bis Dreijährige aussehen. Ihre Haare sind vom gleichen Dunkelbraun wie meine, auch die grünen Augen hat sie mir. Aber dieses Lächeln... dieses schelmische Grinsen... das hat sie ganz eindeutig von Sirius. Ich muss doch zusehen, dass Sirius sie zu keiner Streichespielerin erzieht, wie er, James, Remus und Peter welche in Hogwarts waren.
    Bevor Remus gegangen ist, habe ich ihn zur Seite genommen, sodass Sirius uns nicht hören konnte. Er hat mir seine Unterstützung bei meinem Vorhaben zugesichert, wenn auch widerwillig. Ich weiß, dass er nur das beste für seine Patentochter will, aber ich sehe förmlich, wie weh es ihm tut, ihr Schicksal in seine Hände zu nehmen. Denn an ihm wird alles abhängen. Er wird dafür verantwortlich sein, ob mein Plan gelingt.

    Lindsay


    Remus hatte also wirklich die Wahrheit gesagt: er hatte meiner Mum nicht gerne geholfen, es aber trotzdem getan, weil meine Zukunft davon abhängig gewesen war. Rasch blätterte ich um. Nur eine Seite war beschrieben, die andere leer.


    10. Oktober 1981

    Liebes Tagebuch,

    heute ist der Tag. Heute wird es geschehen. Ich weiß es einfach. Dies hier wird wohl mein letzter Tagebucheintrag sein. Ich hatte nicht gedacht, dass mein Leben so schnell ein Ende finden würde. Natürlich ist es ein Risiko für jedes Mitglied des Ordens, aber Sirius, Olivia und ich leben seit knapp zehn Monaten im Versteck. Ich plane seit knapp einem Monat an diesem fast hirnrissigen Vorhaben, und nun kommt es mir so vor, als könnte ich für die Ewigkeit weiter planen. Mir bleiben nur noch wenige Stunden... wie gerne würde ich Sirius alles erzählen, ihm mein Herz ausschütten, aber er würde mich niemals in den sicheren Tod gehen lassen. Er liebt seine kleine Tochter über alles, er würde nicht zulassen, dass ihm jemand Olivia wegnimmt. Er wird glauben, dass die Todesser Olivia und mich umgebracht haben. Ich will gar nicht daran denken, es tut zu sehr weh. Sirius denkt, dass ich heute, seit Ewigkeiten, James und Lily besuche. Seit auch sie untergetaucht sind, habe ich die beiden nur drei Mal getroffen. Sirius war zwar dagegen, weil es so gefährlich ist, aber ich habe ihn schließlich doch überzeugt. Ich würde lügen, wenn ich jetzt schreibe, dass ich keine Angst habe. Natürlich habe ich Angst. Große Angst sogar. Aber wenn ich meinen kleinen Engel ansehe, dann verfliegt sie ein wenig. Sie ist ein unschuldiges Kind, dass es nicht verdient hat, dass so viel Verantwortung auf ihm liegen wird. Ich muss einfach dafür sorgen, dass Olivia überlebt; ich spüre, dass sie noch sehr wichtig sein wird. Wie gerne ich ihre Zukunft sehen würde, dort sein würde, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie doch liebe. Olivia bedeutet mir mehr als alles andere. Durch ihre Adern fließt mein Blut; sie muss überleben, sie muss einfach! Und wenn es mein Ende ist, dann muss es wohl so sein. Denn ich glaube fast, dass ich schon immer dafür bestimmt war, diesen Tod zu sterben. Zu sterben, um meine Tochter zu beschützen. Olivia ist meine Zukunft. Sie wird nie wissen, wie sehr ihre Mutter sie eigentlich geliebt hat, aber wenigstens hat sie ihre Kette. Mond und Sonne. Die beiden Gestirne, von denen unsere Vorfahrin Molpe ihre magische Stimme geschenkt bekam. Olivia wird höchstwahrscheinlich niemals erfahren, warum sie dieses Medaillon getragen hat, aber für mich wird es immer ein Zeichen dafür sein, wie stolz und glücklich sie mich macht.

    Lindsay


    Damit endete das Tagebuch. Mit einem winzigen Hoffnungsschimmer blätterte ich die anderen Seiten durch. Nichts. Kein einziger Buchstabe. Das war also wirklich ihr letzter Eintrag gewesen. Der Eintrag an ihrem Todestag, wenige Stunden, bevor sie getötet worden war. Sie hatte nicht dagegen angekämpft, das wurde mir klar. Sie hatte sich töten lassen, weil sie wusste, dass es ihr Ende sein würde. Bestimmt hätte sie einen Ausweg gefunden!, dachte ich. Bestimmt hätte sie das! Und trotzdem hatte sie nicht danach gesucht. Lindsay hatte ihr Schicksal angenommen; sie hatte sich umbringen lassen, nur um mich zu retten. Ich konnte kaum glauben, wie viel ich ihr bedeutet haben musste.

    Unweigerlich schossen mir Tränen in die Augen. Es war meine Schuld, dass sie tot war. Es war allein meine Schuld. Wären meine dummen Kräfte nicht so stark gewesen, dann hätte Lindsay mich nicht verflucht, und dann wäre sie auch nicht gestorben. Ich war dafür verantwortlich, dass meine Mutter getötet worden war. Stumm schluchzend legte ich mich in mein Bett und ließ die Tränen über meine Wangen rollen, bis ich nach einer gefühlten Ewigkeit in einem traumlosen Schlaf versank.

    5
    5. Kapitel

    Am nächsten Morgen nach dem Frühstück saß ich zusammen mit Remus und Sirius (ich hatte beschlossen, dass ich ihn nicht gerne als meinen „Vater“ bezeichnete) im Salon und ging mit ihnen zusammen die letzten Tagebucheinträge meiner Mutter durch. Sirius war immer wieder geschockt, wie sehr Lindsay gelitten hatte, und ihm nichts gesagt hatte. Als ich meine letzten Gedanken ansprach, die ich gestern gehabt hatte, begann Remus hastig zu reden: „Olivia, es war auf keinen Fall deine Schuld, hörst du? Du kannst nichts dafür, dass du mit einer so enormer Kraft geboren worden bist!“ „Aber... meine Mum ist wegen mir gestorben...“ „Sie hat sich für dich geopfert. Lindsay würde nicht wollen, dass du dir die Schuld an ihrem Tod gibst.“, überzeugte mich Remus schließlich doch. Ich nickte schwach, und sagte dann: „Ich weiß auch, wie ich den Fluch brechen kann. Ich muss meinen wahren Namen sagen.“ Ich sah zu Sirius hinüber. „Meinst du, ich soll es versuchen?“ Sirius seufzte leise. „Das musst du entscheiden, Sonnenschein.“ Ich überlegte hin und her. Es würde bestimmt gefährlich sein, aber ich würde meiner Neugier irgendwann nachgeben, das wusste ich. „Ich werde versuchen, den Fluch zu brechen. Aber ich will, dass alle anderen auch dabei sind. Ihr wisst schon, damit sie eingreifen können, falls irgendwas passiert.“ Sirius und Remus wirkten zwar besorgt, nickten aber.

    Kurz darauf hatten sich sämtliche Hausbewohner, das bedeutete: Mrs. Weasley, Bill, Fred, George, Ron, Ginny, Mine und natürlich Remus und Sirius. Ich erklärte schnell den Grund für ihr Erscheinen. Fred und George zogen beide jeweils eine ihrer Augenbrauen nach oben. „Du musst deinen wahren Namen aussprechen?“, fragte Fred. „Was ist denn das bitte für ein lahmer Fluch?“, fügte George hinzu. Mrs. Weasley warf ihnen mehrere giftige Blicke zu. „Lasst das arme Mädchen doch in Ruhe. Sie hat gestern schon genug durchgemacht.“ In meinem Inneren gab ich Mrs. Weasley Recht. Dann schloss ich die Augen und blendete alles andere um mich herum aus. Ich nahm nur noch mich selbst war. Und dann sprach es aus, klar und deutlich, sodass es alle Anwesenden hören konnten. „Ich bin Olivia Black.“

    Ein heftiger Wind begann an meinen Haaren und meiner Kleidung zu zerren, obwohl es im ganzen Haus sämtliche Fenster geschlossen waren. Hastig riss ich meine Augen auf. Verblüfft bemerkte ich, dass ich einige Zentimeter über dem Fußboden schwebte, während der Wind, der sich zu einem förmlichen Orkan entwickelt hatte, um mich herumwirbelte. Vor meinen Augen verschwamm alles zu einem einzigen farbigen Streifen, so schnell schien sich der Wind um mich zu bewegen. Doch gleichzeitig fühlte ich mich, als würden nur wenige Sekunden vergehen, während der Wind zu einem goldenen Licht wurde, das immer näher an mich heranrückte und schließlich mitten in meine Brust stieß. Ich erwartete unglaubliche Schmerzen, doch es fühlte sich eher an, als würde mich unbändigende Kraft erfüllen. Der Wind verschwand und meine Füße trafen wieder auf den Fußboden auf. Ich sah von einer Person zur anderen; allen stand der Mund auf, als wäre ich plötzlich eine Veela, oder etwas ähnliches. „Was ist?“, fragte ich vorsichtig, weil niemand von ihnen das Wort ergriff. Rons Mundwinkel zitterten. „Du bist-...“ Fragend und ungläubig zog ich eine Augenbraue nach oben. Mine warf Ron einen seltsamen Blick zu, dann nahm sie mich an der Hand und zog mich zu einem Wandspiegel. Ich schluckte. Die Person, die mir entgegenblickte, war nicht mehr ich.

    Mein langes lockiges Haar war zu einem seitlichen Zopf geflochten worden, der über meine rechte Schulter fiel. Auf meiner Stirn prangte ein glänzender Reifen aus scheinbar flüssigem Silber und Gold. Meine Augen waren noch schwarzer Maskara umrahmt, die meine grünen Augen noch mehr hervorstechen ließ. Doch auch meine Kleidung hatte sich komplett verändert. Ich trug ein dunkelgrünes Top und darüber eine braune Jacke, deren Kapuze mit weißem Fell benäht war, welches hoffentlich nicht echt war. Meine Hose war von Dunkelblau zu Schwarz gewechselt, und meine Füße steckten in unauffälligen braunen Stiefeln. Meine Kette mitsamt Sonne und Mond war jedoch zum Glück nicht verschwunden. Sie prangte noch immer an derselben Stelle wie zuvor. An meinem Gürtel war eine dünne Schnalle, in der mein Zauberstab befestigt war. Ich betrachtete ich mich von oben bis unten im Spiegel. Und ich kam nicht darum herum, dass ich zugeben musste, dass Ron Recht hatte. Ich war schön. Ich war wirklich wunderschön, aber auf eine Weise, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Diese Art war eine Art von schön, wie sie meine Feinde sehen würden, bevor ich sie schockte. Ich fuhr mir immer noch ein wenig zweifelnd durch die Haare. „Bin das wirklich ich?“, fragte ich leise. Sirius trat hinter mich und legte mir eine Hand auf meine rechte Schulter. „Das bist du, Olivia.“ „Ich bin so-...“ Ich brach meinen Satz ab. „Das ist dein wahres Ich, Sonnenschein.“ „Aber ich kenne mein wahres Ich doch gar nicht.“ „Dann lern es kennen.“

    An diesem Abend würden auch die anderen Mitglieder des Ordens hierher kommen, da sie eine Besprechung abhalten wollten. Ich war unglaublich aufgeregt; Sirius und Remus hatten nämlich beschlossen, dass vor allem Dumbledore und Professor McGonagall über meine wahre Herkunft wissen sollten. Ich rätselte noch immer zusammen mit Ginny und Mine herum, wie ich wieder mein vorheriges Aussehen zurückbekommen konnte. „Mal ehrlich, wieso willst du das Ganze eigentlich loswerden, Liv?“, fragte Ginny, während sie mich zum gefühlt tausendsten Mal gründlich musterte. „Ich will einfach wieder so aussehen wie vorher. Für mich ist das nämlich noch immer ein wenig seltsam, wegen dieser ganzen Fluch-Sache.“ Ich zog die warme Jacke aus, weil ich darin zu schwitzen begonnen hatte. „Liv, schau dir mal deinen Oberarm an.“, bemerkte Mine. Ich sah hinunter auf meinen rechten Oberarm. Neben dem winzigen Muttermal, das wie der Sichelmond meiner Kette aussah, war noch ein anderer Fleck, der die Form eines ganz bestimmten Etwas hatte - „Eine Sonne!“, flüsterte ich, als ich die beiden Symbole nebeneinander auf meiner hellen Haut identifiziert hatte. „Aber - wie hast du das gemacht?“, fragte Mine verdattert. „Ich hab keine Ahnung.“, erwiderte ich genauso verdutzt. Vorsichtig strich ich zuerst über den Mond, und dann über die Sonne mit ihren acht winzigen Zacken. Nichts geschah. Aber was hätte ich auch erwarten sollen! Nachdenklich drückte ich mit zwei meiner Finger auf Sonne und Mond gleichzeitig.

    Ein heftiger Wind fuhr durch den Raum, raste um mich herum und hob mich einige Zentimeter in die Luft. Diesmal kniff ich meine Augen jedoch nicht zusammen; ich sah, wie meine Jacke und das grüne Top verschwanden und durch meinen vorherigen dunkelblauen Pullover ersetzt wurden. Der Wind riss an meinem Zopf, zog eine einzelne Haarsträhnen heraus und kurz darauf hatte ich meine alte Lockenpracht zurück. Der Druck auf meiner Stirn verschwand ebenfalls, was wohl bedeutete, dass sich der silberne Reifen aus meinen Haaren gelöst hatte. So schnell der Wind gekommen war, verschwand er auch wieder, und ließ mich zurück auf den Boden sinken. Mine und Ginny starrten mich mal wieder überrascht an. Daran würden sie sich wohl gewöhnen müssen... „Und?“, fragte ich vorsichtig. „Hat geklappt“, sagte Ginny, „Du siehst wieder aus wie zuvor, obwohl dir dieses Outfit wirklich nicht schlecht gestanden hat.“ Ich verdrehte belustigt die Augen. Das konnte ja noch interessant werden...

    Zwei Stunden vor dem Abendessen wartete ich angespannt vor der Küchentür. Die Versammlung hatte vor wenigen Minuten angefangen; Tonks hatte es doch tatsächlich mal wieder geschafft, das Porträt meiner reizenden (Achtung, Sarkasmus!) Großmutter zu wecken, worauf diese schon wieder einen Schreikrampf bekommen hatte, der durch’s ganze Haus zu hören gewesen war. Sirius hatte mir gesagt, ich solle vor der Tür warten, bis er mich holen kommen würde. Ich war fast ein wenig erleichtert, dass Tonks und Mr. und Mrs. Weasley schon wussten, dass ich Sirius’ Tochter war, dass waren wenigstens einige erstaunte Gesichter weniger. Vor allem war ich aber auf die Gesichter von Professor McGonagall, Dumbledore und Snape gespannt. Was die wohl sagen würden? Es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an, bis die Tür endlich geöffnet wurde; Sirius nickte mir aufmunternd zu, dann zog er mich mit in die Küche hinein.

    Die Gesichter der Ordensmitglieder verfolgten mich aufmerksam, als ich vor den Tisch trat, an dem sie alle saßen. Auf die Schnelle erkannte ich Dumbledore, Professor McGonagall, Snape, Mundungus Fletcher, Kingsley Shacklebolt, Professor Moody, Sturgis Podmore und natürlich Remus, Tonks und Mr. und Mrs. Weasley. Meine Augen flogen von einem zum anderen. „Ich will euch jemanden vorstellen: das ist meine Tochter, Olivia Black.“ Moody sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Du bist doch Potters Freundin, oder?“ „Die bin ich, Professor Moody“, entgegnete ich und hoffte, dass meine Stimme nicht zitterte. „Nicht >Professor<, bin und war nie einer.“ Seine Augen glitzerten. Professor McGonagalls Blick flog von mir zu Sirius und wieder zurück. „Sie ist wirklich-?“ „Ja, Minerva, Lindsay war ihre Mutter“, entgegnete Sirius, der ihre Frage ganz offensichtlich erraten hatte. „Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich, Olivia, wenn ich das so sagen darf“, meldete sich eine stämmige Hexe mit smaragdgrünem Schal zu Wort. „Dürfen Sie. Kannten Sie meine Mutter denn?“ „Ach, du musst mich nicht siezen. Ich bin Emmeline Vance, Lindsay und ich haben uns im Orden kennengelernt.“ Dumbledore erhob sich langsam. „Ich nehme an, du hast deine Kräfte von Lindsay geerbt?“ „Wussten Sie es?“, entgegnete ich, ohne seine Frage zu beantworten. Dumbledore lächelte leicht. „Ich hatte einen leisen Verdacht, war mir aber nicht sicher.“ Shacklebolt sah mich nun neugierig an. „Du hast Lindsays Kräfte geerbt?“ Ich grinste; vor meinem inneren Auge stellte ich mir das genaue Abbild eines Phönix’ vor. Ich spürte, wie Wärme durch meine rechte Hand schoss, gegen meine Fingerspitzen und meine Handfläche, staute sich immer weiter auf, bis es mit voller Kraft hinausschoss und die Form eines Phönix’ bildeten. Das Tier sah mich aus goldenen Augen an und schlug mit seinen breiten Schwingen auf silbernen und goldenen Federn, die aus pulsierender Magie bestanden. Er streckte seine Flügel aus und flatterte auf mich zu, bis er sich auf meiner Schulter niederließ. „Reicht Ihnen das als Antwort?“, fragte ich Kingsley, der voller Ehrfucht den Phönix anstarrte und nickte. „Olivia...du hast nicht gesungen...“, bemerkte Tonks, während ihre Augen noch immer dem Phönix aus gleißendem Licht folgten. Ich musste wohl einiges erklären...

    Während meiner Zusammungfassung der Geschehnisse, zu denen zwischendurch Remus oder Sirius etwas hinzufügten, beobachteten die Mitglieder des Ordens mich aufmerksam. Sie wirkten, als würden sie mich keine Sekunde lang aus den Augen lassen wollen. „Du hast diesen Fluch also gebrochen?“, fragte Dumbledore, als ich geendet hatte. Ich nickte. Moody, der bis dahin noch still auf seinem Stuhl gesessen war, stand nun auf. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du so kannst, Black!“ Und mit diesen Worten richtete er seinen Zauberstab auf mich.

    Wie in Zeitlupe sah ich, wie ein Fluch aus Moodys Zauberstab abgefeuert wurde und auf mich zuraste. Ich hörte einen lauten Protestschrei, von dem ich annahm, dass er von Mrs. Weasley kam. Ich riss beide Hände nach oben und streckte sie schützend dem Zauber entgegen. Unzubändigende Kraft schoss durch meine Arme und kämpfte sich einen Weg nach draußen. Bevor der Zauber mich erreichen konnte, riss meine Kraft sich frei und bildete einen breiten, hellen Schutzschild, der den Zauber zurücklenkte; Moody konnte jedoch rechtzeitig ausweichen, was ihn nicht daran hinderte, einen anderen Fluch auf mich loszulassen. Es war, als würde sich mein Gehirn ausschalten; mein Körper tat nun das, was er für richtig hielt. Ich zog den rechten Ärmel meines Pullovers nach oben, damit ich an das Muttermal herankommen konnte. Ich drückte darauf; der Wind kam auf und in weniger als zwei Sekunden hatte sich meine Kleidung zum dritten Mal an diesem Tag verändert. Mein Zopf flog von dem heftigen Ruck nach hinten, als ich mit meiner rechten Hand einen großen Ball aus gleißendem Licht bildete und ihn auf Moody schleuderte. Dieser konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen, bevor die Kugel hinter ihm auf die Wand traf und sich selbst auflöste.

    Prompt schoss der nächste Fluch auf mich zu; ich bildete erneut ein Schutzschild und suchte nach dem Phönix, der sich auf der uralten Lampe über dem Küchentisch niedergelassen hatte. „Hilf mir!“, schrie ich ihm zu, da ich seine Hilfe im Moment wirklich gut gebrauchen konnte. Der Phönix starrte mich jedoch nur stillschweigend an, als hätte er mich gar nicht gehört. Der Fluch, der stärker als die beiden vorherigen zu sein schien, drückte gegen meinen Schutzschild; ich musste sämtliche Kraft aufwenden, um nicht nachzugeben. „Hilf mir doch, du dummer Vogel!“, schrie ich ihm zu, doch noch immer bewegte er sich nicht. Nun gut, dann musste ich es eben alleine machen! Mit aller Kraft schob ich meinen Schutzschild weiter in Moodys Richtung; es ging nur ganz langsam. Zentimeter für Zentimeter schob ich den Fluch weiter zurück, immer weiter, auch wenn es mir vorkam, als würden dabei Stunden vergehen. Durch das helle Licht sah ich mittlerweile auch nicht mehr Moodys Gestalt, bis durch meinen Schild ein heftiger Ruck ging. Und dann flog ein langer Zauberstab direkt in meine linke Hand. Es war tatsächlich Moodys Zauberstab! Ich hatte gerade einen der besten Auroren entwaffnet!

    Im Raum war es vollkommen still geworden. Alle sahen zwischen Moody und mir hin und her. Ein klein wenig ängstlich war ich schon. Was er jetzt wohl sagen würde? Immerhin hatte ihn eine Fünfzehnjährige gerade entwaffnet. Moodys Stirn legte sich in Falten, als er mich betrachtete. Alle betrachteten abwartend den Ex-Auroren. Dann ertönte ein tiefes Lachen. Ich war vollkommen verdutzt. Er lachte! „Da hat jemand Potenzial. Aus dir lässt sich was machen, Mädchen!“, krächzte er, bevor er sich wieder setzte, als wäre nichts gewesen. Rasch ging ich hinüber und gab ihm seinen Zauberstab. „Verzeihung, ich wollte nicht-...“, setzte ich an, doch Moody unterbrach mich sofort. „Keine Entschuldigung! Das war gut, könnten zwar noch ein bisschen an deiner Technik feilen, aber...“ Er verstummte, vollkommen in Gedanken versunken. „Du musst wissen, dass Alastor selten ein Kompliment verteilt, Olivia“, sagte Dumbledore und sah mich mit seinen blauen Augen hinter der Brille mit den Halbmond-Gläsern aufmerksam an. „Du kannst dich geehrt fühlen.“ Ich hoffte, dass ich nicht rot wurde.

    Als die Versammlung beendet war und die Ordensmitglieder gegangen waren, bombardierten mich die Zwillinge, Ron und Ginny in der Küche mit Fragen, während Mrs. Weasley das Abendessen vorbereitete. Geduldig berichtete ich alles, was sich zugetragen hatte; Mine keuchte entsetzt auf, als sie hörte, dass Moody mich angegriffen hatte. „Aber... er kann das doch nicht so einfach machen!“, sagte sie empört. „Es ist doch gar nichts passiert, Mine!“, versuchte ich sie zu beruhigen. Und dann erzählte ich ihr, wie ich den berüchtigten Ex-Auroren besiegt hatte, worauf ich nicht sonderlich stolz war. Irgendwie hatte ich Angst, dass ich Moody damit in seiner Ehre verletzt hatte. „Krass“, meinte Ron, als ich schilderte, wie ich einen riesigen Ball aus meinen Kräften gebildet und ihn auf Moody geworfen hatte. „Und du hast tatsächlich einen Phönix aus diesen seltsamen >Kräften< erschaffen?“, fragte Fred nachhakend. Ich nickte lediglich. George pfiff durch die Zähne. „Nicht schlecht, Livvy, nicht schlecht...“ Ich grinste. „Und du hast ihn ernsthaft angeschrien, weil er dir nicht geholfen hat?“, fragte Ginny und zog eine Augenbraue nach oben. „Ich wollte nur, dass er Moody für mich ablenkt, aber er hat auf nichts reagiert. Dabei müsste er mir doch eigentlich gehorchen, weil ich ihn doch erschaffen habe, oder?“ Alle Blicke wandten sich zu Mine um. Diese hatte ihre Stirn tief in Falten gelegt und starrte nachdenklich ins Leere. „Du hast Recht, Liv. Warum hat dir der Phönix nicht gehorcht? Er ist ein von dir erschaffenes Wesen, warum folgt er dann deinen Befehlen nicht?“ Darauf wusste niemand von uns eine Antwort.

    6
    6. Kapitel

    Am nächsten Morgen wurde ich von einem lauten Schuhuhen einer Eule geweckt; langsam setzte ich mich auf und blickte in das Gesicht von Hedwig, die mich erwartungsvoll ansah. Ich gähnte und strich mir die Locken aus dem Gesicht. Hedwig streckte mir bereits ihr Bein entgegen, an dem ein Brief befestigt war. „Ob der von Harry ist?“, überlegte ich laut. Hedwig schuhuhte, was ich als ein „Ja“ deutete. So schnell ich konnte (ich war im Halbschlaf!) fummelte ich an dem Band herum, das den Brief mit Hedwigs Bein verband und löste ihn davon. Hedwig krächzte zufrieden und flatterte dann hinüber auf den Schrank, um sich dort nieder zu lassen. Ich faltete den Brief langsam auseinander und begann zu lesen.

    Liebe Liv,
    alles Gute zum Geburtstag nachträglich. Schade, dass ich nicht bei dir im Fuchsbau sein kann, ich hätte jetzt nichts gegen eine Partie Quidditch einzuwenden... Hat Mrs. Weasley wieder eine riesige Torte für dich gebacken? Das könnte ich jetzt auch gebrauchen. Steht im Tagespropheten irgendetwas, was auf Voldemort hindeutet? Ich durchsuche jeden Tag die Muggelnachrichten, aber ich habe nichts gefunden. Bitte melde dich, wenn du etwas herausfindest. Grüß Ron und Hermine von mir.

    Harry

    Ich seufzte leise. Harrys Briefe hörten sich jedes Mal ähnlich an. Immer wollte er wissen, ob es etwas Neues über Voldemorts Rückkehr gäbe... ermordete Muggel oder Zauberer. Doch davon hatte ich im Tagespropheten nichts finden können, nur immer wieder unterschwellige Anzeichen, was Fudge und das Zaubereiministerium von Harry und dessen Ansicht von Voldemorts Rückkehr hielten. Als ich das erste Mal einen dieser Artikel gesehen hatte, hatte ich die Zeitung vor lauter Wut gegen die Wand geworfen. Fudge hatte einfach nur Angst es einzusehen. Er wollte, dass alles beim Alten blieb, und deshalb versuchte er mit allen Mitteln, Harry lächerlich zu machen. Oh, wie wütend mich das machte...

    Beim Frühstück war heute seltsamerweise auch Moody anwesend, den ich hier noch nie außer bei den Versammlungen gesehen hatte. Er saß am Tisch, trink aus seinem Flachmann und beobachtete mit seinem blauen Auge Fred und George, die Ron wohl irgendeinen ihrer Scherzartikel unter sein Rührei gemischt hatten, während er sein normales Auge auf mich gerichtet hatte. Sirius sah erst vom Tagespropheten auf, als ich mich ihm gegenüber auf einen Stuhl fallen ließ. „Guten Morgen!“, sagte er. „Morgen...“, entgegnete ich müde. Noch immer schwirrte mir Harrys Brief im Kopf herum. „Sirius, Harry hat mir geschrieben.“ Ich nahm mir eine Scheibe Toast und schmierte Erdbeermarmelade darauf. „Er will wissen, ob etwas im Tagespropheten steht, was mit Voldemort in Verbindung gebracht werden kann.“ Sirius sah erneut von der Zeitung auf. „Und, was willst du ihm schreiben? Dass nichts über den Mord von mehreren Muggeln im Tagespropheten steht? Aber dafür jede Menge Bemerkungen über ihn, und dass die Leute vom Tagespropheten sich über ihn lustig machen?“ „Ganz bestimmt nicht!“, erwiderte ich. „Ich schreibe einfach, dass nichts drinsteht.“ Sirius zog eine Augenbraue nach oben. „Was? Es ist doch die Wahrheit, oder?“ „Schon, aber wie lange willst du ihm den Rest verschweigen?“ „Ich will es ihm lieber persönlich sagen, wenn ihr ihn endlich aus dem Ligusterweg rausholt. Da muss es ja die reinste Hölle sein!“ Ich biss genüsslich in meinen Toast und begann zu kauen. „Wenn Harry da ist... ich rechne mal damit, dass das bei euch mehr wird, als nur eine Umarmung?“

    Ich verschluckte mich auf diesen Satz hin prompt, woraufhin mir Mine erst einmal auf den Rücken klopfen musste, bevor ich mich wieder an meinen Dad wandte. „Sirius, was denkst du von mir?“, fragte ich fassungslos. „Du und Harry, ihr seid doch...“ „Ja, aber das heißt doch nichts!“, unterbrach ich ihn. „An erster Stelle ist er noch immer mein bester Freund!“ „Dann ist es ja gut. Oder müssen wir doch noch ein bestimmtes Gespräch führen?“ „Denk nicht mal dran!“, zischte ich aufgebracht. Sirius grinste. „Das gleiche Temperament wie Lindsay...“

    Um mich ein wenig abzulenken, wandte ich mich Remus zu, der zwei Plätze von mir entfernt saß. „Warum ist Moody heute eigentlich hier?“, fragte ich leise, weil ich nicht wollte, dass Besagter mich hörte. Remus lächelte. „Das wirst du gleich sehen.“
    Und tatsächlich, kurz darauf erhob Moody sich; beide Augen hatte er nun auf mich gerichtet. „Bevor du fragst, Mädchen, ich und Dumbledore haben da eine Abmachung getroffen. Er glaubt nämlich, dass du ein bisschen Übung brauchen kannst.“ Auf seinem Holzbein hinkte er hinüber zur Tür und blieb kurz im Türrahmen stehen. „Worauf wartest du?“

    Moody hatte sich eine Art Wohnzimmer, oder auch Aufenthaltsraum, als Trainingsraum ausgesucht. Mit einem Schlenker seines Zauberstabs schob Moody einige Komoden und Schränke an die Wand. Ein erneuter Schlenker und das alte Sofa, in dem vermutlich schon Insekten lebten, verschwand, als wäre es nie dagewesen. Dann drehte er sich um und musterte mich von oben bis unten. „Ich hab’ da ein paar Ideen, wie du dich verbessern könntest. Ich bin kein Experte, ich habe noch nie jemanden mit einem solchen Potenzial wie dich gesehen. Also werden wir einfach mal was versuchen...“ Moody ging einige Schritte zurück, und richtete dann, wie am Vortag, seinen Zauberstab auf mich. „Greif mich an“, krächzte er. Kurz zögerte ich, doch dann erinnerte ich mich wieder daran, dass Moody ja keinesfalls wehrlos war. Ich rannte los; ich konzentrierte mich nur auf das Blut, das durch meine Adern rauschte und meine Kräfte mit sich trug. Pulsierende Magie, die durch meinen Körper schoss; sie suchte sich einen Weg nach draußen und dann hielt ich auch schon gewaltige Bälle aus gleißendem Licht in den Händen.

    Ich rannte auf Moody zu und ließ die heftigen Geschosse aus meinen Händen frei; sie flogen beide auf ihn zu, verfehlten ihn jedoch knapp und zerplatzten, als sie auf die Wände trafen. Und dann griff Moody an. Ich konnte wirklich verstehen, warum er einer der besten Auroren war, die es jemals gegeben hatte. Er warf mit Flüchen um sich, dass ich gar nicht mehr hinterher kam, sie zu zählen. Angreifen konnte ich ihn nicht; ich benutzte lieber mein Schutzschild zur Abwehr, denn nahe kam ich an Moody wirklich nicht ran. Ich verstand nicht, warum Dumbledore gestern gesagt hatte, dass Moody mir ein Kompliment gemacht hatte. Denn ich glaubte ihm nicht sonderlich, was auch nur allzu verständlich war. Nach einer gefühlten Ewigkeit stoppte Moody seinen Hagel aus Flüchen, woraufhin ich meinen Schutzschild auflöste. Der Ex-Auror betrachtete mich schweigend und abwiegend; höchstwahrscheinlich hatte er mehr von mir erwartet. „Ich sehe schon, wir haben eine Menge zu tun...“

    Damit hatte er nicht gerade Unrecht. Ich musste erst einmal gegen seinen Schwall an Flüchen ankommen und dann auch noch versuchen, ihn anzugreifen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Moody es mir gestern viel zu einfach gemacht hatte. Mittlerweile hatte ich mich wieder mit Hilfe meines Muttermals wieder verwandelt; erst nach einiger Zeit viel mir auf, dass ich mir stärker vorkam, wenn ich in dieser „Form“ war. Die Kraft raste durch sämtliche Adern meines Körpers und tobte darin herum, als könnte sie gar nicht mehr darauf warten, endlich nach draußen zu kommen. Ich konnte verstehen, warum meine Mutter das als beunruhigend empfunden hatte. Noch nie in meinem gesamten bisherigen Leben hatte ich mich so mächtig und gleichzeitig gefährlich gefühlt; nie hielt der Kräfteschub still, im Gegenteil, er schwoll regelrecht an und drückte fast gegen meinen Brustkorb. Es fühlte sich an, als würde ich von innen heraus zerbersten. Zum gefühlt tausendsten Mal griff ich Moody an; mir war aufgefallen, dass er immer auf den Punkt zielten, an dem ich mich gerade befand. Als der erste Fluch auf mich zugeschossen kam, schlug ich einen Haken nach rechts. Der nächste Fluch, ein Haken nach links. Dem dritten Zauberspruch entging ich nur knapp, indem ich einen schlampigen Überschlag nach hinten machte. Ein lautes Sirren war nahe an meinem Ohr zu hören, was wohl bedeutete, dass Moody mich verfehlt hatte. Ich stieß meine Hand nach vorne; prickelnde Hitze schoss durch mein Blut und schoss aus meiner Handfläche hinaus, um augenblicklich einen Schutzschild zu bilden. Ich duckte mich dahinter und rannte, das Schutzschild immer noch vor mir, auf Moody zu.

    Wieder einmal war es, als würde sich mein Verstand ausschalten; mein Körper tat, was ihm gefiel. Meine Hände lösten sich leicht vom Schutzschild; dieser verschwand sofort, doch als der nächste Fluch auf mich zugeschossen kam, bückte ich mich darunter hinweg, und begann mich schnell um mich selbst zu drehen. Alles verschwamm vor meinen Augen und wurde zu einer einheitlichen bräunlichen Farbe. Ich blieb stehen; um meinen Oberkörper rotierte ein Ring aus golden und silbernem Licht, der von meinen Händen gestützt wurde, die ich, so weit es ging, von meinem Körper wegdrückte. Ein monotones Surren war zu hören, während der Ring, der höchstwahrscheinlich heftige Schnittstellen hatte, sich um mich drehte. Moody hatte sein Feuer eingestellt und sah mich zufrieden an. „Sagte doch, aus dir lässt sich was machen, Black...“, murmelte er. Als ich zum Mittagessen ging, blickte ich in einen Spiegel; tatsächlich sah ich so aus, als würde ich jeden, der mir in die Quere kam, verhackstücken.

    Die folgenden Tage liefen ähnlich ab; Moody trainierte mit mir jedoch nicht nur meine magischen Kräfte, sondern auch, wie ich mich ohne Zauberstab und meine Kräfte verteidigen konnte. Ich übte verschiedene Tritte, die in besonders schmerzhafte Bereiche treffen sollten. Anfangs hatte ich noch Angst gehabt, ich könnte Moody verletzten, aber schon bald hatte ich gemerkt, dass ich wohl eher aufpassen sollte, dass er mich nicht verletzte. Das Wichtigste laut Moody war jedoch, „den Verstand zu behalten“. Ich musste mit System versuchen, mich aus seinen Griffen zu befreien, denn wenn ich nur nach Impuls kämpfte, konnte ich mir sicher sein, dass ich verlieren würde. Ich musste meinen gesamten Körper zum Einsatz bringen, denn sobald ein Zauberstab an meiner Kehle liegen würde, wäre alles vorbei.

    Abends saß ich meistens mit Sirius (manchmal auch mit Remus) in Lindsays Raum; so hatte ich das Zimmer genannt, in dem ich die Sonne meines Medaillons gefunden hatte. Wir redeten viel über die Vergangenheit; wenn Sirius von meiner Mum erzählte, begannen seine Augen jedesmal zu leuchten, als könnte er sie wieder lebendig vor sich sehen. Manchmal las ich auch in einem von Lindsays Tagebücher. Die Einträge darin waren wirklich interessant, vor allem die aus ihrem fünften Schuljahr...


    14. September 1975

    Liebes Tagebuch,

    dieser verdammte Idiot von Black hat es doch tatsächlich gewagt, mir schon wieder einen Streich zu spielen! Ich wollte mich heute Morgen duschen und was passiert? MEINE HAARE SIND LILA! Dieser Vollidiot hat mir einen Färbungstrank ins Shampoo geschüttet! Ich bin runter in den Gemeinschaftsraum und hab’ ihm ordentlich meine Meinung gegeigt. Und dieser Idiot hat es auch noch gewagt, mich zu fragen, wer mir denn den Zauberstab verknotet hat! Jedenfalls habe ich meine Haare danach selbst wieder Braun gezaubert. Bevor ich wieder in meinen Schlafsaal gegangen bin, habe ich noch gehört, wie Black gemeint hat, dass mir Lila gar nicht schlecht stände. Was bildet er sich eigentlich ein? Lily kann ihn genauso wenig ausstehen. Da kann Potter noch so versuchen, sie zu beindrucken. Und Black werde ich es noch heimzahlen...

    Lindsay


    „Wie hat sie sich gerächt?“, fragte ich neugierig. Sirius grinste. „Sie hat mir einen selbstgebrauten Trank untergemischt, der dafür gesorgt hat, dass ich drei Tage lang eine unglaubliche hohe Stimme hatte.“ Ich begann schallend zu lachen. Es war aber auch einfach zu lustig, sich Sirius mit einer hohen Quietschstimme vorzustellen. „Wie hast du Lindsay nur dazu gebracht, dich zu mögen?“ Sirius lachte ebenfalls. „Ich würde es dir nur zu gerne zeigen...“ Mir kam eine Idee. „Warte mal kurz, ich bin gleich wieder da!“, rief ich ihm zu und sprintete, so schnell wie es ging, in mein Zimmer und holte mein Denkarium aus dem Koffer. Ich konnte es kaum erwarten, Sirius’ Erinnerungen zu sehen!

    Sirius sah mich erstaunt an. „Du hast ein Denkarium?“ „Ein Geschenk meiner Adoptiveltern zu meinem dreizehnten Geburtstag“, antwortete ich ungeduldig und sah ihn an. „Weißt du, wie es funktioniert?“ Sirius nickte, zog seinen Zauberstab heraus, hielt ihn sich an die Schläfe, bis sich ein silberner Faden bildete und im Nebel der Steinschale verschwand. Sirius und ich sahen uns gleichzeitig an, dann senkten wir die Köpfe über die Flüssigkeit und wurden in das Denkarium gesogen.

    Ich fand mich auf dem Astronomieturm wieder, Sirius neben mir. „Was ist das für eine Erinnerung?“, wollte ich wissen. „Unser erstes inoffizielles Date“, erwiderte Sirius und grinste. „Warte, gleich müsste sie kommen!“ Ich musste nicht fragen, wen er mit „sie“ meinte. Tatsächlich ertönten wenig später Schritte auf den Treppenstufen und dann kam sie um die Ecke. Lindsay. Einen winzigen Moment lang stand ich unter Schock. Sie war mir so ähnlich, dass sie glatt als eine Kopie von mir durchgehen könnte. Doch dann sah ich mehrere kleine Details, die bei mir anders waren; Lindsay hatte einen kleinen Leberfleck am Hals, den ich nicht hatte. Ihre Haare waren ein klein wenig heller als meine und ihre Wangen waren ein wenig gerötet. Lindsay trat hinüber an die Brüstung, und lehnte sich darüber. Ihr langes Haar wehte im Wind, als sie sich noch ein wenig weiter nach vorne beugte. „Gleich fällst du noch runter!“, hörte ich plötzlich eine Stimme. Vor der Brüstung flog ein Besen und darauf saß... Sirius. Ein sehr junger Sirius, doch mit dem unverkennbaren Lächeln meines Vaters. Und ich musste zugeben, dass er wirklich unglaublich gut aussah. Lindsay sah das jedoch dem Schein nach nicht so. „Was willst du, Black?“, fragte sie. Ihre Augen funkelten bedrohlich. „Willst du mich schon wieder fragen, ob ich mit dir nach Hogsmeade gehe? Denn die Antwort ist immer noch dieselbe: NEIN!“ Es wunderte mich, dass der junge Sirius tatsächlich noch lächelte. Wäre ich an seiner Stelle gewesen, hätte ich schon längst das Weite gesucht. „Nein“, erwiderte er. „Ich wollte dich fragen, ob du mitfliegen willst!“ „Spinnst du?“, fragte Lindsay fassungslos und wich vom Geländer zurück. Sirius ließ sich auf eben jenes gleiten und sprang auf den Boden, den Besen noch immer in der Hand. „Komm schon, Winter! Vertraust du mir?“ „Nein, tu ich nicht!“, entgegnete Lindsay. Sirius streckte ihr seine Hand entgegen. „Traust du dich nicht?“, fragte er grinsend. Lindsays Augen wurden schmal. „Natürlich trau ich mich! Aber-...“ Bevor sie aussprechen konnte, hatte Sirius sie schon hinter sich auf seinen Besen gezogen und stieß sich kräftig vom Boden ab.

    Lindsay schrie, als sie auf dem Besen saß, der nun bedrohlich hoch über dem Hogwartsgelände schwebte. Ich trat neben meinen Dad an die Brüstung, um den jungen Sirius und Lindsay nicht aus den Augen zu verlieren. Ich sah, wie Sirius einen Sturzflug nach dem anderen hinlegte und Lindsay hinter ihm vor Schreck aufschrie. Und dann geschah das Unglaubliche: sie legte ihre Hände um seine Hüfte und klammerte sich daran fest. Ich sah, wie das Grinsen aus dem Gesicht des jungen Sirius’ verschwand. Er wurde ganz blass, dann begann er leicht zu lächeln, als er das Mädchen sah, das sich voller Angst an ihm festhielt und die Augen zusammengekniffen hatte. „Hey“, hörte ich ihn sagen, „es ist alles gut.“ Lindsay schüttelte heftig den Kopf. „Ich werd’ runterfallen! Es geht viel zu weit runter!“ Sie zitterte noch immer. „Ganz ruhig“, sagte der junge Sirius leise, „du kannst nicht runterfallen, solange du dich an mir festhältst, oder? Also, komm schon, du kannst das, mach die Augen auf!“ Langsam öffnete Lindsay ihre Augen und blickte direkt in die von Sirius. „Na also, geht doch!“, meinte er und lachte. „Du bist ein Idiot!“, murmelte Lindsay. Sirius ging nicht darauf ein. „Ich werde dich nicht fallen lassen, in Ordnung? Selbst wenn du fällst... ich fange dich auf, bevor du auf dem Boden ist!“ Lindsay nickte langsam, während sie sich offensichtlich langsam beruhigte. „Bereit?“, fragte Sirius. „Bereit“, erwiderte Lindsay.

    Sirius flog langsamer und behutsamer, das fiel mir sofort ins Auge. Er hatte noch immer ein leicht verträumtes Lächeln im Gesicht, während Lindsay sich an ihm festhielt. Die Sonne schien mit schwachem Licht auf die beiden, wie sie da über die Ländereien flogen. Nach einigen Minuten sah ich, wie Lindsay sich entspannte und sich staunend umblickte, als hätte sie die Umgebung noch nie von einem Besen aus betrachtet. Und aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie sich ein wenig an Sirius lehnte, während der zielsicher den Besen steuerte.
    Es dauerte gefühlt zehn Minuten, bis Sirius wieder auf dem Astronomieturm landete. Lindsay löste sich hastig von ihm, während Sirius seinen Besen an die Brüstung lehnte. „Und?“, fragte er mit einem breiten Lächeln. Lindsay trat näher auf ihn zu, dann holte sie aus und verpasste ihm eine heftige Ohrfeige. „Das ist dafür, dass du mich einfach auf deinen Besen gezerrt hast, Black!“ Sirius sah sie noch erschrocken an, als sie ihm einen schnellen Kuss auf die Wange gab. „Und das ist für alles andere!“ Sie lächelte leicht, dann drehte sie sich um und rannte die Stufen des Turms hinunter, während der junge Sirius immer noch wie erstarrt dastand, sich ungläubig an seine Wange fasste und Lindsay verträumt nachstarrte.

    Die Szene veränderte sich; zu sehen war das Quidditch-Stadion, auf das viele Schüler zuströmten; offenbar fand ein Quidditch-Spiel statt. „Das berüchtigte Spiel gegen Ravenclaw...“, murmelte Sirius und lächelte. Ich sah ihn neugierig an, doch er hielt den Mund. Hinter uns ertönte lautes Gestreite. Zwei Mädchen, in Begleitung eines hakennasigen, schwarzhaarigen Zauberers, kamen auf uns zu. Dieser Junge...war das etwas Snape? Ich nahm es an, weil die beiden Hexen neben ihm Lindsay und Lily waren, die sich soeben heftig zu streiten schienen. „Wie kannst du die mögen?“, fragte Lily, und deutete hinüber auf die Rumtreiber, die auf den Weg zum Stadion waren. „Ich mag Remus, die anderen drei doch nicht!“, entgegnete Lindsay. „Was ist mit Black?“ „Was soll mit dem sein?“ „Du magst ihn, oder?“ „Er ist eine verdammte Nervensäge, Lily, sonst nichts!“ Lindsay ließ ihre Freundin stehen und ging hinüber zu den Rumtreibern; James und Sirius trugen Quidditch-Umhänge. Remus begrüßte Lindsay freudig. „Hey, Lindsay, willst du dich danach zu mir setzten?“ „Gern, Remus.“ Sie schenkte Remus ein strahlendes Lächeln. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Sirius verärgert mit den Zähnen knirschte. Lindsay überging Peter vollkommen und wandte sich an James und Sirius. „Viel Glück, Potter...Black...“ Sie wandte sich zu Sirius um. „Mach sie fertig!“, flüsterte sie feixend und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, dann ging sie zusammen mit Remus in Richtung Stadion. James grinste. „Sieh mal einer an, Tatze ist das erste Mal so richtig verliebt!“ Er lachte und klopfte Sirius auf den Rücken. „Die Winter knackst du nicht so leicht, Tatze!“ Sirius boxte James in die Seite, dann gingen sie zusammen in Richtung Umkleiden. Ich sah jedoch, dass die Wangen des jungen Sirius leicht rot wurden.

    Die Umgebung veränderte sich ein weiteres Mal; wir standen in einem Gang von Hogwarts. Vor uns an der Wand saß Lindsay, vollkommen in sich zusammengesunken, während sie herzzereißend schluchzte. In den Händen hielt sie ein Blatt Pergament, ich vermutete, dass es ein Brief war. Und dann war er plötzlich da. Sirius. Lindsay sah mit verweintem Gesicht auf, als sie seine Schritte hörte. „Was tust du hier, Black?“, fragte sie feindselig. „Ich wollte...“, der junge Sirius stockte, „nach dir sehen.“ „Warum?“ „Da fragst du warum?“ Er ließ sich neben ihr auf den Boden sinken. „Dir geht es nicht gut, deswegen! Was ist passiert?“ Lindsay schluchzte erneut. „Meine Mutter... sie- sie ist... tot...“ Sirius rutschte näher an sie heran, offenbar wollte er sie in den Arm nehmen; Lindsay ließ es tatsächlich zu. „Ich wäre froh, wenn meine Mutter endlich weg vom Fenster wäre...“, sagte Sirius. Lindsay entfuhr ein leichtes Lachen, obwohl ihr weitere Tränen über das Gesicht rannen. Sirius verstummte und hörte nur zu, wie Lindsay leise vor sich hin schluchzte. „Wie ist sie gestorben?“ „Drachenpocken“, meinte Lindsay. Ihre Stimme klang belegt. Sirius drückte sie noch ein wenig näher an sich heran und umarmte sie. „Das tut mir Leid für dich, Lindsay...“ Lindsay löste sich von ihm und sah ihn plötzlich misstrauisch durch die Tränen, die ihr über die Wangen kullerten, an. „Warum tust du das für mich, Black? Ist das wieder einer deiner Scherze? Wirst du danach mit Potter und Pettigrew darüber lachen, dass ausgerechnet ich hier sitze und heule?“ Sirius’ Gesicht verzog sich. „Hör mal, ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst, aber nicht mal ich würde so was machen. Ich sitze hier, weil du gerade jemanden brauchst, der für dich da ist. Und wo wir schon davon reden... meinst du nicht, dass wir uns langsam mit Vornamen anreden sollten.“ Lindsay sah ihn aus großen Augen an und schien ernsthaft über seine Worte nachzudenken. „In Ordnung,...Sirius.“ Ich sah ihr an, wie ungewohnt es für sie war, seinen Vornamen auszusprechen. „Also, Sirius, warum tust du das für mich?“ Sirius sah ihr ernst in die Augen. „Weil ich dich mag.“ Lindsays Augen wurden, falls das möglich war, noch größer. „Du magst mich?“, fragte sie dann mit sarkastisch Unterton. „Mich?“ „Sehr sogar.“ Lindsay schüttelte den Kopf. „Warum spielst du mir dann dauernd Streiche?“ „Willst du eine ehrliche Antwort?“ Lindsay nickte heftig. „Ich wollte deine Aufmerksamkeit.“ „Wieso hast du mir das nicht gleich gesagt?“ „Ich dachte, du würdest mich dann nicht mehr leiden können. Du und Remus-...“ Auf Lindsays Gesicht stahl sich ein leichtes Grinsen. „Zwischen mir und Remus ist nichts, Sirius. Du bist wirklich ein Idiot.“ Sirius grinste. „Aber ich bin dein Idiot.“ Und dann nahm ihr tränenverschmiertes Gesicht in seine Hände, wischte ihre aufkommenden Tränen beiseite, und küsste sie vorsichtig.

    Im nächsten Moment wurden wir wieder aus dem Denkarium herausgeschleudert. „Wow“, sagte ich langsam, al sich die ganzen Geschehnisse zu verarbeiten versuchte. „Habe ich zu viel versprochen?“, fragte Sirius. Ich schüttelte den Kopf. Er hatte wirklich nicht zuviel versprochen. Ganz und gar nicht.

    7
    7. Kapitel

    Mehrere Wochen gingen ins Land. Ich hatte Harry zum Geburtstag einen Kirschkuchen mit Schokolade gebacken und Errol zu ihm geschickt. Mein Antwortbrief sah ungefähr so aus:

    Lieber Harry,
    vielen Dank für die Glückwünsche; dir auch alles Gute zum Geburtstag. Nein, in den Zeitungen steht noch immer nichts von einem Angriff auf Muggel oder Zauberer, die von Voldemort ausgehen könnten. Ich hoffe, dass du bald von den Dursleys wegkommst. Wir sehen uns aber sicher noch vor Anfang des Schuljahres.

    Liv

    Dumbledore hatte uns allen, besonders mir, eingeschärft, Harry nichts vom Orden oder dem Grimmauldplatz zu erzählen. Ich tat es nur ungern, befolgte seine Bitte (oder eher seinen Befehl) jedoch. Sirius erzählte mir fast täglich von Erlebnissen, die er in seinen sieben Jahren auf Hogwarts gehabt hatte. Dem Hauselfen Kreacher, der uns alle nicht ausstehen konnte, hatte Sirius erläutert, dass er nun auch mir zu dienen hatte, weil ich Sirius’ Tochter war und somit das Blut der Familie Black in mir floss. Kreacher hatte daraufhin die ganze Zeit vor sich hin gegrummelt; das Porträt meiner Großmutter war auch nicht sonderlich begeistert gewesen, als ich sie mit den Worten „Halt den Mund, Grandma!“ angefahren hatte. Sirius hatte außerdem einen alten Wandteppich gefunden, der mit einem Klebefluch an der Wand festgeklebte und den Stammbaum meiner Vorfahren zeigte. Sirius hatte mir einige davon gezeigt.

    „Das ist Phineas Nigellus, mein Ururgroßvater, siehst du? Er war mal Schulleiter in Hogwarts, der unbeliebteste Schulleiter, den es dort jemals gab... ah, da ist Araminta Meliflua... eine Cousine deiner Großmutter... sie hat versucht, einen Ministeriumserlass durchzusetzen, der die Muggeljagd legalisiert hätte... und die liebe Tante Elladora... sie hat die Familientradition gegründet, Hauselfen zu köpfen, wenn sie zu alt wurden, um Teetabletts zu tragen... war klar, jedes Mal, wenn die Familie jemand halbwegs Anständigen hervorbrachte, wurde er oder sie verstoßen. Tonks ist auch nicht hier drauf. Vielleicht nimmt Kreacher deshalb keine Befehle von ihr entgegen - er sollte eigentlich alles tun, was ein Mitglied der Familie von ihm verlangt-...“ „Ich bin mit Tonks verwandt?“ „Ihre Mutter Andromeda war meine Lieblingscousine“, erwiderte er und musterte den Wandbehang prüfend. „Nein, Andromeda ist auch nicht drauf, siehst du?“ Er deutete auf ein Brandloch zwischen zwei Namen, Bellatrix und Narzissa. „Andromedas Schwestern sind noch da, weil sie wunderbare, respektable Reinblutehen eingegangen sind, aber Andromeda hat einen Muggelstämmigen geheiratet, Ted Tonks, also-...“ Er verstummte, während ich mit meinen Augen über den Namen „Narzissa“ wanderte. Eine gestickte goldene Doppelinie verband ihren Namen mit dem von Lucius Malfoy und eine einfache senkrechte Linie führte zu einem einem anderen Namen - Draco. Ich war also mit Draco über mehrere Ecken verwandt; wenn er das wüsste... Mein Blick wanderte nun zum Namen „Bellatrix“. Eine Linie verband ihren Namen mit Rodolphus Lestrange. „Bellatrix Lestrange...“, flüsterte ich tonlos. „Die Mörderin meiner Mum...“ Sirius legte mir beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Falls du sie jemals zu Gesicht bekommen solltest, dann wirst du sie mit deinen Kräften in den Boden rammen.“ „Ist sie nicht in Askaban?“, fragte ich verwundert. „Noch...“, sagte Sirius lediglich.
    „Warum hat eigentlich jeder in unserer Familie einen seltsamen Namen?“, fragte ich verwundert, als ich mit den Augen über die Namen am Wandbehang glitt. „In der Familie Black ist es Tradition, dass man die Kinder nach Sternen oder Konstellationen benennt.“ „Da habt ihr mit mir wohl die Tradition gebrochen“, sagte ich trocken. „Nicht ganz...“, meinte Sirius. „Ich habe meine Familie zwar gehasst, aber diese Tradition war eigentlich in Ordnung. Immerhin hatte sie nichts mit reinem Blut zu tun.“ Ich schluckte. „Lindsay wollte aber unbedingt, dass dein erster Vorname „Olivia“ ist, das war von Anfang an ihre einzige Wahl.“ „Was ist mit meinen anderen Namen?“ „Dein zweiter Name, Cassiopeia, ist ebenfalls ein Sternbild. Die Namen Evangeline und Jenna hat auch Lindsay ausgesucht. Ihre Mutter hieß nämlich auch Evangeline, und eine Freundin aus dem Orden hieß Jenna. Und deshalb hast du jetzt einen ewig langen Namen...“ „Also, eigentlich mag ich ihn...“, erwiderte ich.

    Sirius hatte es nicht lange in der Nähe des Wandteppichs ausgehalten, und hatte mich mit ihm allein gelassen. Ich starrte noch immer auf die winzigen Brandlöcher im Teppich. Der Name meiner Mum und der meine war natürlich nicht daraufgestickt. Sirius hatte mir erklärt, dass Lindsays Eltern zwar reinblütig, aber „Blutsverräter“ gewesen waren. Und da war noch dieser andere Name. Dracos Name. Was er wohl dazu sagen würde, wenn ich es ihm erzählen würde? Wobei selbst das unheimlich riskant war, weil seine Eltern Anhänger von Voldemort waren und sie dasselbe wohl auch von Draco verlangen würden. Es würde schwer werden, weiterhin mit ihm befreundet zu sein, wo ich doch die „ultimative Waffe“ für Voldemort war. Als ob er wirklich glaubte, dass ich ihm helfen würde, die Macht an sich zu reißen! Niemals, bei meinem eigenen Leben, würde ich auf seiner Seite stehen, niemals! Ich sah von einem Brandloch zum anderen. Dahinter verbargen sich Personen, die ich wirklich als Familie bezeichnen konnte. Für die Familie Black waren sie vielleicht ein Schandfleck in ihrem engstirnigen Weltbild, doch ich sah sie als Ausbrecher; sie hatten sich von allen Tradition und Vorschriften losgesagt, und dass getan, was sie für richtig hielten. Sie hatten sich nicht unterkriegen lassen und nicht auf ihre Verwandten gehört. Sie alle verdienten tiefsten Respekt; ich wusste, wie schwer es war, gegen seine Eltern oder andere Familienmitglieder anzukommen. Man wusste, dass die Ansichten falsch waren, wollte aber nicht riskieren, alle anderen gegen sich aufzubringen.

    Eine wütende Stimme riss mich aus meinen Gedanken heraus; das konnte doch nicht wahr sein! Die Stimme klang verdammt nach einer bestimmten Person... Aber es konnte doch nicht wirklich Harry sein! Doch es klang so unheimlich logisch. Sirius und Remus hatten die ganze Woche lang komische Andeutungen gemacht. Hastig rappelte ich mich auf, riss die Tür auf, rannte den Gang entlang, immer der Stimme hinterher. „ ABER WARUM SOLLTE ICH ERFAHREN, WAS VOR SICH GEHT? WARUM SOLLTE SICH IRGENJEMAND DIE MÜHE MACHEN, MIR ZU SAGEN, WAS LOS IST?“ Ich rannte an den Türen vorbei. „SO EILIG HATTET IHR ES WOHL NICHT, ODER IHR HÄTTET MIR EINE EULE GESCHICKT, ABER DUMBLEDORE HAT EUCH JA SCHWÖREN LASSEN-...“ Harrys Stimme war jetzt ganz nah. „VIER WOCHEN LANG SITZE ICH IM LIGUSTERWEG FEST UND KLAUBE ZEITUNGEN AUS DEN MÜLLEIMERN, DAMIT ICH RAUSKRIEG, WAS LOS IST-...“ Ich riss die Tür zu Rons Schlafzimmer auf. „HABT EUCH WOHL GLÄNZEND AMÜSIERT, WAS, ALLE HIER ZUSAMMEN-...“ „Nein, ehrlich-“, wiedersprach Ron, der völlig erschrocken aussah. „Harry, es tut uns wirklich leid“, sagte Mine verzweifelt; in ihren Augen glitzerten Tränen. Harry funkelte sie wütend an. „Harry!“, sagte ich leise, doch noch so laut, dass er es deutlich hörte, und sich umdrehte. „Liv?“, fragte er verdattert.

    Harrys Gesichtszüge wurden weicher, als er mich sah. „Du- du bist auch hier?“, fragte er verdutzt. „Ja.“ „Und du hast mir nichts gesagt?“ „Ich konnte nicht, Harry, wirklich nicht!“ „Aber-...“ „Frag Remus und Sirius!“ Ich ging auf ihn zu und nahm ihn in den Arm, doch seltsamerweise blieb die Hitze aus. „Ich hab dich vermisst!“, wisperte ich ihm ins Ohr. „Ich dich auch“, flüsterte er. Und dann begann Harry eine Menge Fragen zu stellen. Was der Orden des Phönix sei und wer dazugehörte. Was mit Voldemort wäre und was der Plan sei. Ich erzählte ihm, dass Fred und George Langziehohren erfunden hatten, um den Orden auszuspionieren; sie hatten von Wachdiensten gesprochen. Die Mitglieder hatten Harry überwacht. Ich wollte gerade auf die Frage antworten, was wir bisher hier getan hatten, als es hinter uns einen lauten Knall gab. Mine schrie vor Schreck laut auf. Fred und George hatten sich mitten ins Zimmer appariert. Pig zwitscherte aufgeregt und flatterte hoch zu Hedwig auf den Schrank. „Hört auf damit!“, meinte Mine mit matter Stimme; Fred und George ignorierten sie jedoch. „Hallo, Harry“, sagte George und strahlte ihn an. „Das können nur deine wohlklingende Laute sein, dachten wir uns.“ „Du braucht deine Wut nicht zurückzuhalten, Harry, nur raus“, fügte Fred hinzu. „Vielleicht gibt’s in 50 Meilen Umkreis noch ein paar Leute, die dich nicht gehört haben.“ „Ihr beide habt also die Prüfung im Apparieren bestanden?“, fragte Harry mürrisch. „Mit Auszeichnung“, antwortete Fred und zog ein Langziehohr hervor, die wie eine sehr lange, fleischfarbene Schnur aussah. „Ihr hättet gerade mal ‘ne halbe Minute länger gebraucht, wenn ihr die Treppe runtergegangen wärt“, kam es von Ron. „Zeit ist Galleonen wert, Brüderchen“, meinte Fred. „Jedenfalls stört du den Empfang, Harry. Langziehohren“, fügte er hinzu, als er Harrys fragenden Blick sah. „Wir versuchen zu hören, was unten los ist.“ „Seid bloß vorsichtig“, warnte Ron, „wenn Mum noch eins von denen sieht...“ „Das ist das Risiko wert, die haben gerade ein wichtiges Treffen. Und Livvy würde uns sowieso nichts verraten.“ „Was meint Fred damit?“, fragte Harry. „Na ja, sie wollten einfach mal sehen, was ich so kann...“, setzte ich an, als sich die Tür öffnete und Ginny fröhlich hereinkam.

    „Oh, hallo, Harry!“, sagte Ginny. „Mir war, als hätte ich deine Stimme gehört.“ Dann wandte sie sich an Fred und George: „Die Langziehohren könnt ihr vergessen, sie hat die Küchentür tatsächlich mit einem Imperturbatio-Zauber belegt.“ „Woher weißt du das?“, fragte George und sah wirklich geknickt aus. „Tonks hat mir gesagt, wie ich’s rausfinde“, erwiderte Ginny. „Du wirfst einfach was gegen die Tür, und wenn es sie nicht berührt, ist die Tür imperturbiert. Ich hab oben vom Treppenabsatz aus Stinkbomben dagegengeworfen, und die fliegen einfach von der Tür weg, also können die Langziehohren unmöglich durch den Türschlitz.“ „Schade. Ich war wirklich mal gespannt, was der alte Snape so vorhat.“, meinte Fred und seufzte. „Snape!“, sagte Harry überrascht. „Ist er da?“ „Ja“, erwiderte George, schloss vorsichtig die Tür und setzte sich auf eines der Betten; Fred und Ginny taten es ihm nach. „Trägt einen Bericht vor. Top secret.“ „Mistkerl“, kam es von Fred. „Er ist jetzt auf unserer Seite“, sagte Mine vorwurfsvoll. Ron schnaubte. „Deshalb ist er trotzdem ‘n Mistkerl. Wie der uns ansieht, wenn wir ihm über den Weg laufen.“ „Bill mag ihn auch nicht“, sagte Ginny, als ob damit das letzte Wort gesprochen wäre.

    „Bill ist hier?“, fragte Harry überrascht. „Ich dachte, er arbeitet in Ägypten?“ Fred und George erzählten ihm von seinem Schreibtischjob und Fleur Delacour. „Charlie ist auch im Orden“, erklärte George, „aber er ist immer noch in Rumänien. Dumbledore will, dass möglichst viele ausländische Zauberer dazugeholt werden, also versucht Charlie an seinen freien Tagen Kontakte zu knüpfen.“ „Könnte nicht Percy das tun?“, fragte Harry. Ich verzog das Gesicht; ich hatte versucht, so wenig wie möglich an ihn zu denken. Wir tauschten alle düstere, bedeutungsvolle Blicke. „Merk dir eins: Erwähne nie Percy, wenn Mum und Dad dabei sind“, sagte Ron schließlich und seine Stimme klang dabei sehr angespannt. „Warum nicht?“ „Weil immer wenn Percys Name fällt, Dad zerbricht, was er gerade in der Hand hält, und Mum anfängt zu weinen“, meinte Fred. „Es ist schrecklich“, fügte Ginny traurig hinzu. „Ich glaub, wir haben alle die Nase voll von ihm“, fuhr George schließlich fort. „Was ist passiert?“, fragte Harry. „Percy und Dad hatten einen Streit“, antwortete Fred. „Ich hab Dad noch nie derart mit jemandem streiten sehen. Normalerweise ist es Mum, die schreit.“ „Es war in der erste Woche nach Ende des Schuljahrs“, erinnerte ich mich. Diese Erinnerung war nicht gerade schön. Ron nickte. „Wir waren kurz davor, hierherzukommen und uns dem Orden anzuschließen. Da kommt Percy heim und erklärt uns, er sei befördert worden.“ „Soll das ein Witz sein?“, fragte Harry weiter. „Ja, wir waren alle überrascht“, stimmte George ihm zu, „weil George wegen Crouch eine Menge Scherereien hatte, es gab eine Untersuchung und so weiter. Es hieß, Percy hätte erkennen müssen, dass Crouch durchgeknallt war, und einen Vorgesetzten informieren müssen. Aber du kennst Percy, Crouch hatte ihm die Verantwortuing übertragen, da wollte Percy sich nicht beschweren.“ „Aber warum haben sie ihn dann befördert?“

    „Genau das haben wir uns auch gefragt“, fuhr Ron fort. „Er kam nach Hause, furchtbar stolz auf sich - noch stolzer als sonst, wenn du dir das überhaupt vorstellen kannst -, und hat Dad erzählt, man hätte ihm eine Position in Fudges persönlichem Büro angeboten. Kein schlechter Aufstieg für jemanden, der gerade mal ein Jahr aus Hogwarts raus ist: Juniorassistent des Ministers. Er dachte wohl, Dad wäre total beeindruckt.“ „War er aber nicht“, kam es grimmig von Fred. „Warum nicht?“ „Offenbar stürmt Fudge andauernd durchs Ministerium und sorgt dafür, dass niemand den Kontakt zu Dumbledore aufrechterhält“, erklärte George. „Der Name Dumbledore ist inzwischen ein Schimpfwort im Ministerium, musst du wissen“, sagte Fred. „Die glauben alle, er will nur Ärger machen, indem er behauptet, Du-weißt-schon-wer sei zurück.“ „Dad meinte, Fudge habe klargestellt, dass jeder, der auf Dumbledores Seite ist, seinen Schreibtisch räumen kann“, meinte George. „Das Problem ist, Fudge verdächtigt Dad; er weiß, dass er mit Dumbledore befreundet ist, und er hat Dad immer für eine Art Spinner gehalten, weil er so muggelvernarrt ist.“ „Aber was hat das mit Percy zu tun?“, fragte Harry verwirrt. „Warte, gleich. Dad vermutet, dass Fudge Percy nur deshalb bei sich im Büro haben will, damit er ihn dazu benutzen kann, unsere Familie auszuspionieren - und Dumbledore.“ Harry stieß einen leisen Pfiff aus. „Ich wette, Percy war begeistert.“ Ron lachte hohl. „Er ist vollkommen ausgerastet. Er sagte - na ja, er hat eine Menge fürchterliches Zeug dahergeredet. Er müsse gegen Dads miserablen Ruf ankämpfen, seit er im Ministerium sei, und dass Dad keinen Ehrgeiz hätte, und das sei der Grund, warum wir immer - du weißt schon - nie viel Geld hatten und so-...“ „Wie bitte?“, brachte Harry ungläubig heraus. Ginny machte ein Geräusch wie eine wütende Katze. „Ich weiß schon“, murmelte Ron. „Und es kam noch schlimmer. Er sagte, es sei idiotisch von Dad, sich mit Dumbledore abzugeben, dass Dumbledore Riesenärger kriegen würde und Dad mit ihm untergehen würde und dass er - Percy - wisse, wem er die Treue zu halten habe, und zwar dem Ministerium. Und wenn Mum und Dad Verräter des Ministeriums werden wollten, würde er dafür sorgen, dass jeder erfährt, dass er nicht mehr zur Familie gehört. Dann hat er noch in derselben Nacht seine Sachen gepackt und ist verschwunden. Er lebt jetzt hier in London.“ Harry stieß ein paar unschöne Flüche aus.

    „Mum war völlig durch den Wind“, sagte Ron. „Kannst dir ja vorstellen - sie hat geheult und so. Sie ist nach London gekommen und versucht mit Percy zu reden, aber der hat ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen. Keine Ahnung, was er tut, wenn er Dad bei der Arbeit trifft - behandelt ihn vermutlich wie Luft.“ „Aber Percy muss doch wissen, dass Voldemort zurück ist“, widersprach Harry langsam. „Er ist doch nicht dumm, er muss wissen, dass eure Eltern ohne Beweise nicht alles aufs Spiel setzen würden.“ „Na ja, dein Name ist in dem Streit gefallen“, mischte sich George ein. „Percy meinte, der einzige Beweis sei dein Wort und... jedenfalls... er glaube nicht, dass das ausreichend sei.“ „Percy nimmt den Tagespropheten ernst“, meinte Mine säuerlich; wir nickten alle zustimmend. „Was heißt das jetzt wieder?“, fragte Harry und sah uns der Reihe nach an. „Hast du den Tagespropheten nicht gekriegt?“, fragte ich langsam. „Doch, hab ich!“ „Hast du - ähm - ihn auch gründlich gelesen?“, fügte ich nervös hinzu. „Nicht jedes Wort“, erwiderte Harry. „Wenn sie irgendetwas über Voldemort berichtet hätten, dann hätte das doch Schlagzeilen gemacht, oder?“ Beim Klang seines Namens zuckten alle anderen, außer ich, zusammen. Mine sagte hastig: „Na ja, du musst schon alles lesen, um es mitzukriegen, sie - ähm - sie erwähnen dich jede Woche ein paar Mal.“ „Aber die hätte ich doch gesehen-...“ „Nicht, wenn du nur die Schlagzeilen gelesen hast“, übernahm ich das Wort und schüttelte den Kopf. „Es sind ja keine großen Artikel. Die lassen deinen Namen nur so nebenbei einfließen, sozusagen als Dauergag.“ „Was soll-?“ „Es ist im Grunde ziemlich fies“, stimmte Mine mir mit gezwungen ruhiger Stimme zu. „Die schlachten nur Ritas Sachen weiter aus.“ „Aber die arbeiten doch nicht mehr für die, oder?“ „Oh nein, sie hat ihr Versprechen gehalten - blieb ihr auch gar nichts anderes übrig“, meinte Mine zufrieden. „Aber sie hat die Grundlage für das geschaffen, was sie jetzt versuchen.“

    „Und was ist das?“, fragte Harry ungeduldig. „Okay, du weißt, dass sie geschrieben hat, du wärst völlig zusammengebrochen und hättest gesagt, deine Narbe schmerze, und so weiter?“ „Ja.“ „Na ja, jetzt schreiben sie über dich, als ob du ein Spinner wärst, der ständig Aufmerksamkeit sucht und glaubt, er sei ein großer tragischer Held oder so was“, sagte Mine sehr schnell. „Dauernd lassen sie hämische Kommentare über dich einfließen. Wenn sie irgendeine aus der Luft gegriffene Story bringen, schreiben sie beispielsweise, das sei >Harry Potter, wie wir ihn kennen und lieben<, und wenn jemanden irgendwas Komisches zustößt, heißt es: >Hoffen wir, dass er keien Narbe auf der Stirn kriegt, sonst verlangt man demnächst noch von uns, dass wir ihn anbeten<-...“ „Ich will nicht, dass irgendjemand mich anbetet-...“, fuhr Harry hitzig dazwischen. „Das wissen wir doch“, entgegnete ich und versuchte ihn zu beruhigen. „Wir wissen es alle. Aber verstehst du nicht, was die treiben? Die wollen dich als jemanden hinstellen, dem keiner glauben kann. Dahinter steckt bestimmt Fudge, jede Wette. Die wollen, dass alle denken, du wärst nichts weiter als ein dummer Junge, eine Art Witzfigur, der lächerliche, übertriebene Geschichten erzählt, weil es ihm so gefällt, berühmt zu sein, und er die Sache am Laufen halten will.“ „Ich hab nicht verlangt - ich hab nicht gewollt - Voldemort hat meine Eltern umgebracht!“, stammelte Harry. „Ich bin berühmt, weil er meine Fmailie ermordet hat, aber mich nicht töten konnte! Wer will dafür berühmt sein? Können die sich nicht denken, dass es mir lieber wäre, wenn das nie -...“ „Das wissen wir“, sagte Ginny ernst. „Und natürlich haben sie kein Wort davon gebracht, dass dich die Dementoren angegriffen haben“, sagte Mine. Diese Sache hatte ich ganz vergessen. Harry und sein Cousin waren von zwei Dementoren angegriffen worden, mitten in Little Whinging. Er hatte den Patronus-Zauber angewandt, weshalb er nun in wenigen Tagen zu einer Anhörung ins Ministerium musste.

    Mine riss mich mit ihren Worten wieder zurück in die Gegenwart. „Jemand hat ihnen befohlen, darüber Stillschweigen zu bewahren. Ansonsten wäre das eine richtig große Story geworden - Dementoren außer Kontrolle. Die haben nicht mal berichtet, dass du das Internationale Geheimhaltungsabkommen verletzt hast. Wir dachten, das würden sie in jedem Fall bringen, es würde ja so gut zu deinem Image als dummer Angeber passen. Wir vermuten, dass sie erst mal abwarten, ob du von der Schule geworfen wirst“, sage sie. „Das dürfen die eigentlich nicht, nicht wenn sie sich an ihre eigenen Gesetze halten, die haben nichts gegen dich in der Hand.“ Harry wollte gerade etwas sagen, als wir durch das Geräusch von Schritten abgelenkt wurden, die treppauf kamen. „Oh - oh.“ Fred zog kräftig am Langziehohr; wieder knallte es laut und er und George waren verschwunden. Sekunden später erschien Mrs. Weasley an der Tür. „Die Versammlung ist zu Ende, ihr könnt jetzt runterkommen und zu Abend essen. Harry, die können’s alle nicht erwarten, dich zu sehen. Und wer hat all die Stinkbomben vor der Küchentür liegen lassen?“ „Krummbein“, log Ginny, ohne rot zu werden. „Der spielt gern mit denen.“ „Oh“, sagte Mrs. Weasley. „Ich dachte, es war vielleicht Kreacher, der stellt ja dauernd dummes Zeug an. Und vergesst nicht, in der Halle leise zu sein. Ginny, du hast schmutzige Hände, was hast du getrieben? Geh und wasch sie vor dem Abendessen, bitte.“

    Ginny folgte Mrs. Weasley aus dem Zimmer. Eine etwas unsichere Stille herrschte zwischen uns vieren. „Wer ist Kreacher?“ „Der Hauself, der hier lebt“, antwortete ich. „Knallkopf. So was wie den hab ich noch nie erlebt“, fügte Ron hinzu. Mine blickte Ron finster an. „Er ist kein Knallkopf, Ron.“ „Sein größter Wunsch ist es, dass man ihm den Kopf abhackt und ihn auf eine Tafel setzt, genau wie den seiner Mutter“, erwiderte Ron gereizt. „Ist das normal, Hermine?“ „Nun ja - wenn er ein bisschen merkwürdig ist, dann ist das nicht seine Schuld.“ Ron wandte sich zu Harry um und verdrehte die Augen. „Hermine hat diese Belfer-Sache immer noch nicht aufgegeben.“ „Das heißt nicht Belfer!“, brauste Mine auf. „Sondern Bund für Elfenrechte. Und nicht nur ich, auch Dumbledore sagt, wir sollen nett zu Kreacher sein.“ „Ja, ja“, sagte Ron. „Kommt, ich verhungere noch.“

    Er ging zur Tür hinaus und bis zum Treppenabsatz, doch bevor wir hinuntersteigen konnten- „Wartet!“, flüsterte Ron und streckte einen Arm aus, damit wir stehen blieben. „Sie sind immer noch in der Halle, vielleicht können wir was hören.“ Wir lugten über das Geländer. Die düstere Halle unter uns war voller Zauberer und Hexen, die aufgeregt miteinander tuschelten. Genau in der Mitte der Schar entdeckte ich Snape. Eine dünne, fleischfarbene Schnur senkte sich vor unseren Augen herab. Ich blickte auf; eine Treppe über uns standen Fred und George, die vorsichtig das Lanziehohr auf die Menge unten sinken ließen. Doch schon im nächsten Moment gingen alle in Richtung Haustür und waren außer Sicht. „Verdammt!“, hörte ich Fred flüstern, während er das Langziehohr wieder ienholfte. Die Haustür wurde geöffnet und schloss sich wieder. Leise gingen wir nach unten. „Denk daran, in der Halle leise zu sein, Harry!“, wisperte ich ihm zu. Remus, Mrs.Weasley und Tonks verschlossen soeben die vielen Schlösser und Riegel der Haustür hinter den geraden Hinausgegangen magisch. „Wir essen in der Küche“, flüsterte Mrs. Weasley, als sie uns am Fuß der Treppe in Empfang nahm. „Harry, würdest du bitte auf Zehenspitzen durch die Halle gehen, es ist diese Tür dort-...“ KNALL.

    „Tonks!“, rief Mrs. Weasley und drehte sich entsetzt um. Tonks lag der Länge nach auf dem Boden. „Tut mir leid!“, jammerte sie. „Dieser bescheuerte Schirmständer, jetzt stolpere ich schon das fünfte Mal über den-...“ Ihre Worte gingen im üblichen ohrenbetäubenden Schrei meiner Großmutter unter. Alle hielten sich die Ohren zu, während Remus und Mrs.Weasley herbeistürzten und versuchten, die Vorhänge wieder über das Porträt zu ziehen, doch sie wollten sich nicht schließen lassen. „DRECK! ABSCHAUM! AUSGEBURTEN VON SCHMUTZ UND NIEDERTRACHT! HALBBLÜTER, MUTANTEN, MISSGEBURTEN, HINFORT VON HIER! WIE KÖNNT IHR ES WAGEN, DAS HAUS MEINER VÄTER ZU BESUDELN-...“ Tonks entschuldigte sich immer wieder, weil sie über den Schirmständer gestolpert war. Aus der gegenüberliegenden Tür stürzte Sirius herein. „Sei still, du elende alte Sabberhexe, sei STILL!“, donnerte er und packte den Vorhang, den Mrs. Weasley losgelassen hatte. Das Gesicht meiner Großmutter erbleichte. „DUUUU“, heulte sie. „VERRÄTER DEINES BLUTES, SCHEUSAL, SCHANDE MEINES FLEISCHES!“ Mein Gesicht lief vor Wut auf sie rot an. „HALT ENDLICH DEINEN VERFLUCHTEN MUND, GRANDMA!“, schrie ich sie an, während Sirius die Vorhänge mit Hilfe von Remus wieder zuzog. Die Schreie erstarben; Sirius drehte sich keuchend zu Harry um, der abwechselnd mich und Sirius ansah. „Hallo, Harry“, begrüßte Sirius ihn grimmig. „Wie ich sehe, hast du meine Mutter kennengelernt.“

    8
    8. Kapitel

    „Deine Mum?“, fragte Harry fassungslos. „Tja, wir bekommen sie einfach nicht von der Wand weg.“ Harrys Blick fiel auf mich. „Wieso hast du sie gerade >Grandma< genannt?“ Ich biss mir leicht auf die Unterlippe. „Weißt du, ich hab da was herausgefunden-...“ „Du hast es ihm noch nicht erzählt?“, fragte Sirius verdattert. „Nein. Bin nicht dazu gekommen“ Ich wandte mich wieder Harry. „Harry, ich würde dir gerne meinen echten Vater vorstellen: Sirius. Ich bin Olivia Black.“

    Harry war sprachlos. Sein Mund klappte langsam auf, während er mich noch immer ungläubig anstarrte. „Das- das war doch gerade ein Scherz, oder? Du veralberst mich, nicht wahr, Liv?“ Verwirrt sah ich ihn an. „Warum sollte ich?“ Harrys Augen wurden groß. „Das ist dein Ernst?“ Ich nickte. Wie das wohl aus Harrys Augen wirkten musste? Seine Freundin war die Tochter seines Paten. Mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt, dass alle um mich herum akzeptierten, dass Sirius mein Vater war, aber für Harry kam das vollkommen überraschend. „Wow“, war das Einzige, was er herausbrachte, und bemerkte gar nicht, dass seine Brille ein wenig verrutschte. „Sirius ist wirklich dein Dad?“ „Ja... gewöhn’ dich schon mal besser dran“, erwiderte ich grinsend. „Jetzt sehe ich die Ähnlichkeit auch...“, murmelte Harry.

    Als wir in die Küche kamen, saßen Mr. Weasley und Bill zusammen am Ende des langen Tisches und hatten die Köpfe zusammengesteckt; sie redeten leise miteinander. Mrs. Weasley räusperte sich; Mr. Weasley wandte den Kopf und sprang auf. „Harry!“, rief er, eilte herbei, um ihn zu begrüßen und schüttelte ihm lebhaft die Hand. „Schön, dich wiederzusehen!“ Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Bill hastig die Blätter aus Pergament zusammenrollte, die offen auf dem Tisch herumlagen. „Gute Reise gehabt, Harry?“, rief Bill und versuchte zwölf Rollen auf einmal aufzuheben. „Mad-Eye hat dich also nicht über Grönland umgeleitet?“ „Er hat’s versucht“, meinte Tonks und ging auf Bill zu, um ihm zu helfen, wobei sie versehentlich eine Kerze auf das letzte Pergamentblatt kippte. „Oh nein - Verzeihung -...“ „Macht nichts“, sagte Mrs. Weasley, doch ich hörte in ihrer Stimme einen leicht verärgerten Unterton. Sie brachte das Pergament mit einem Schwung ihres Zauberstabs wieder in Ordnung. Im Lichtblitz, den ihr Zauber verursachte, erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf etwas, dass wie der Plan eines Gebäudes aussah. Mrs. Weasley hatte meinen Blick wohl bemerkt, denn sie schnappte den Plan vom Tisch und stopfte ihn in Bills ohnehin überladene Arme. „Solche Dinge sollten nach den Versammlungen schleunigst weggeräumt werden“, fauchte sie, dann rauschte sie hinüber zur Anrichte und fing an, Teller für das Abendessen herauszuholen.

    Bill zückte seinen Zauberstab, murmelte „Evanesco!“, und die Rollen verschwanden. „Setz dich, Harry“, sagte Sirius. „Mundungus kennst du schon, oder?“ Mundungus, der mich irgendwie an einen Lumpenhaufen erinnerte, gab einen langen grunzenden Schnarcher von sich und schreckte dann aus dem Schlaf. „Jeman’ mein’ Namen genannt?“, murmelte er benommen. „Bin mit Sirius völlig einer Meinung...“ Er schielte mit blutunterlaufenen, triefenden Augen ins Leere und hob eine sehr schmutzige Hand, als wollte er abstimmen. Ginny kicherte und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. „Die Versammlung ist zu Ende, Dung“, meinte Sirius, während sich alle um den Tisch setzten. „Harry ist hier.“

    „Hä?“ Mundungus spähte durch sein verfilztes rotbraunes Haar zu Harry hinüber. „Meine Güte, is’ er. Ja... alles in Or’nung mit dir, ‘Arry?“ „Ja“, erwiderte Harry. Mundungus stöberte in seinen Taschen und zog seine schmierige schwarze Pfeife hervor. Er steckte sie in den Mund, entzündete sie mit seinem Zauberstaub und nahm einen tiefen Zug. Keine Sekunde später waren wir in große wabernde Wolken grünlichen Rauchs gehüllt. „Schuld dir ‘ne Entschulligung“, grunzte Mundungus. „Zum letzten Mal, Mundungus“, rief Mrs. Weasley, „rauch bitte dieses Kraut nicht in der Küche, schon gar nicht kurz vor dem Essen!“ „Ah“, machte Mundungus. „Gut. Sorry, Molly.“

    Die Rauchwolke verschwand, als Mundungus seine Pfeife wieder in die Tasche steckte, doch zurück blieb ein beißender Geruch nach brennenden Socken. „Und wenn ihr noch vor Mitternacht essen wollt, könnte ich ein wenig Hilfe gebrauchen“, sagte Mrs. Weasley in die Runde. „Nein, du bleibst sitzen, Harry, du hast eine lange Reise hinter dir.“, fügte sie hinzu, als Harry Anstalten machte, sich zu erheben. „Du musst mir nur sagen, was ich tun soll, Molly“, meinte Tonks begeistert und stürmte herbei. Mrs. Weasley zögerte; sie sah besorgt aus. „Ähm - nein, schon gut, Tonks, du ruhst dich auch aus, du hast heute genug getan.“ „Aber nein, ich möchte helfen!“, sagte Tonks eifrig und warf einen Stuhl um, als sie zur Anrichte stürzte, aus der Ginny gerade Besteck nahm. Ich ging ebenfalls hinüber und holte die Kelche hervor.

    Bald schnitten eine Reihe schwerer Messer ganz von alleine Fleisch und Gemüse, überwacht von Mr. Weasley, während Mrs. Weasley in einem Kessel rührte, der über dem Feuer hing. Harry war am Tisch sitzen geblieben wie Sirius und Mundungus, der ihn immer noch traurig anblitzelte; offenbar fühlte er sich schuldig. Ich sah aus den Augenwinkeln, dass Harry und Sirius sich unterhielten, als Mrs. Weasley mich aus meinen Gedanken riss. „Fred - George - NEIN, IHR SOLLT ES TRAGEN!“, kreischte sie. Ich drehte mich blitzschnell um. Ein großer Kessel voller Eintopf, ein Eisenkrug mit Butterbier und ein schweres hölzernes Brotschneidebrett mitsamt Messer flogen, von Fred und George verzaubert, durch die Luft auf den Tisch zu, unter dem sich Mundungus, Sirius und Harry in Sicherheit gebracht hatten. Der Eintopf schlitterte über den Tisch, kam kurz vor der Kante zum Stehen und hinterließ eine schwarze Brandspur auf dem Holz; der Butterbierkrug krachte auf die Platte und verspritzte seinen Inhalt; das Brotmesser rutschte vom Brett und landete genau an der Stelle, wo Sekunden zuvor noch Sirius’ Hand gelegen hatte. „UM HIMMELS WILLEN!“, schrie Mrs. Weasley. „DAS WAR NICHT NÖTIG - JETZT REICHT’S MIR - NUR WEIL IHR JETZT MAGIE GEBRAUCHEN DÜRFT, MÜSST IHR EURE ZAUBERSTÄBE NICHT WEGEN JEDER KLEINIGKEIT RAUSHOLEN!“ „Wir wollten doch nur ein wenig Zeit sparen!“, sagte Fred und kam schnell zum Tisch, um das Brotmesser aus dem Tisch zu ziehen. „Sorry, Sirius, altes Haus - war keine Absicht-...“ Harry und Sirius begannen zu lachen; Mundungus, der rücklings vom Stuhl gefallen war, rappelte sich fluchend auf; Krummbein fauchte zornig und floh unter die Anrichte, wo seine großen gelben Augen nun in der Dunkelheit glommen.

    „Jungs“, sagte Mr. Weasley und hievte den Eintopf in die Mitte des Tisches, „eure Mutter hat Recht, ihr solltet jetzt, da ihr volljährig seid, ein gewisses Verantwortungsgefühl an den Tag legen-...“ „Keiner eurer Brüder hat solchen Ärger gemacht!“, schimpfte Mrs. Weasley mit den Zwillingen und knallte einen neuen Krug Butterbier auf den Tisch, wobei nicht viel weniger verschüttet wurde als gerade eben. „Bill hatte nicht das Gefühl, er müsse wegen ein paar Metern gleich apparieren! Charlie hat nicht alles verhext, was ihm vor die Nase kam! Percy-...“ Sie verstummte schlagartig, hielt den Atem an und blickte ängstlich zu Mr. Weasley hinüber, dessen Miene hölzern geworden war, wie immer, wenn Percys Name fiel. „Lasst uns essen“, rettete Bill die Situation schließlich. „Sieht lecker aus, Molly“, meinte Remus, schöpfte Mrs. Weasley Eintopf auf einen Teller und reichte ihn über den Tisch.

    Einige Minuten lang, während alles ich über das Essen hermachten, herrschte Stillem nur unterbrochen vom Klirren der Teller und Bestecke und vom Scharren der Stühle. Dann wandte sich Mrs. Weasley an Sirius. „Was ich dir noch sagen wollte, Sirius, da steckt was in diesem Schreibpult im Salon, andauernd klappert und ruckelt es. Könnte natürlich nur ein Irrwicht sein, aber ich dachte, wir sollten Alastor fragen, damit er einen Blick drauf wirft, bevor wir ihn rauslassen.“ „Wie du meinst“, antwortete Sirius. „Und außerdem sind die Vorhänge dort drin voller Doxys“, fuhr Mrs. Weasley fort. „Ich dachte, wir könnten die vielleicht morgen in Angriff nehmen.“ „Ich freu mich schon drauf.“ In Sirius’ Stimme schwang ein sarkastischer Unterton mit, von dem Mine und Ron manchmal sagten, dass ich jenen auch sehr gut beherrschte.

    Mine und Ginny vergnügten sich mal wieder mit Tonks, die ihre Nase ständig veränderte; Mr. Weasley, Bill und Remus waren in ein Gespräch über Kobolde vertieft. „Die verraten jetzt noch nichts“, sagte Bill. „Ich weiß nach wie vor nicht, ob sie glauben, dass er zurück ist, oder nicht. Natürlich ist es ihnen möglicherweise lieber, nicht Partei zu ergreifen und sich aus der Sache rauszuhalten.“ „Ich bin sicher, die würden nie zu Du-weißt-schon-wem überlaufen“, erwiderte Mr. Weasley kopfschüttelnd. „Auch sie haben Verluste; erinnert ihr euch noch an diese Koboldfamilie, die er das letzte Mal ermordet hat, in der Nähe von Nottigham?“ „Ich glaube, es hängt davon ab, was man ihnen anbietet“, meinte Remus. „Und ich rede nicht von Gold. Wenn man ihnen die Freiheiten bietet, die wir ihnen seit Jahrhunderten verwehren, kommen sie in Versuchung. Hast du noch immer kein Glück mit Ragnok gehabt, Bill?“ „Im Moment hat er von Zauberern die Nase voll. Er ist immer noch wütend wegen dieser Bagman-Geschichte und glaubt, das Ministerium hätte die Sache vertuscht, diese Kobolde haben nämlich nie ihr Gold von ihm gekriegt-...“ Lautes Lachen von der Mitte der Tafel übertönte des Rest von Bills Worten. Fred, George, Ron und Mundungus kugelten sich auf ihren Stühlen.

    „Und dann, ihr glaubt’s mir nich, sacht er doch zu mir, sacht er: >Hö’ mal, Dung, wo hast’en all die Kröten her? Weil irgend so ‘n Klatscherbalg hat mir doch tatsächlich alle geklaut!< Und ich sach: >Dir hamse alle Kröten geklaut, Will, was nu? Da brauchst du wieder ‘n paar?< Und ihr glaubt’s mir nich, Leute, dieser grunzdumme Gnom - kauft seine ganzen Kröten von mir zurück, für viel mehr, als er damals gezahlt hat -...“ „Ich glaube nicht, dass wir noch mehr über deine Geschäftstätigkeiten erfahren möchten, vielen Dank, Mundungus“, sagte Mrs. Weasley scharf, während sich Ron, der vor Lachen brüllte, bäuchlings über den Tisch warf. „Versseihung, Molly“, meinte Mundungus schnell, wischte sich die Augen und zwinkerte Harry zu. „Aber weiß’ du, Will hatte sie ja schon von Warzen-Harris geklaut, also hab ich eigentlich gar nix Falsches gemacht.“ „Ich weiß nicht, wo du Richtig und Falsch zu unterscheiden gelernt hast, Mundungus, aber offensichtlich hast du ein paar entscheidene Lektionen verpasst“, sagte Mrs. Weasley kühl.

    Fred und George senkten die Gesichter in ihre Butterbierkelche; George hickste. Mrs. Weasley warf Sirius einen bösen Blick zu, danns tand sie auf, um zum Nachtisch einen großen Rhabarberauflauf zu kommen. Harry drehte sich irritiert zu Sirius um. „Molly hält nichts von Mundungus“, erklärte er Harry gedämpft. „Und wie kommt’s, dass er im Orden ist?“, fragte Harry. „Er ist nützlich“, murmelte Sirius. „Kennt alle Gauner - klar, er ist ja selber einer. Aber er seht auch sehr treu zu Dumbledore, weil der ihm mal aus der Patsche geholfen hat. Es lohnt sich, jemanden wie Dung dabeizuhaben, er hört Dinge, von denen wir nichts erfahren. Aber Molly glaubt, es geht zu weit, wenn man ihn einlädt, zum Essen zu bleiben. Dass er seine Pflicht hat sausen lassen, als er dich beschatten sollte, hat sie ihm nicht verziehen.“

    Drei Portionen Rhabarberauflauf mit Vanillesoße später waren die Gespräche ringsherum ruhiger geworden. Mr. Weasley lehnte sich im Stuhl zurück, er wirkte satt und entspannt. Tonks, die wieder ihre normale Nase zurückhatte, gähnte herzhaft; Ginny, die Krummbein unter der Anrichte hervorgelockt hatte, saß im Schneidersitz am Boden und warf ihm Butterbierkorken zum Fangen hin. „Bald Zeit fürs Bett“, sagte Mrs. Weasley gähnend. „Noch nicht ganz, Molly“, erwiderte Sirius, während er seinen leeren Teller wegschob und sich Harry zuwandte. „Ehrlich gesagt, du überaschst mich. Ich hätte gedacht, sobald du hier ankommst, stellst du Fragen über Voldemort.“

    Die Atmosphäre im Raum schlug derart schnell um, dass es mich fast an das Auftauchen eines Dementors erinnerte. Noch vor Sekunden war die Stimmung schläfrig gewesen, doch nun war sie wachsam und angespannt. Bei der Erwähnung Voldemorts war ein kalter Schauder um den Tisch gegangen. Remus, der gerade noch an seinem Wein genippt hatte, ließ den Kelch langsam und mit argwöhnischer Miene sinken. „Hab ich doch!“, erwiderte Harry entrüstet. „Ich hab Ron, Hermine und Liv gefragt, aber die sagten, wir seien im Orden nicht zugelassen, also-...“ „Und sie haben vollkommen Recht“, unterbrach Mrs. Weasley ihn. „Ihr seid zu jung.“ Sie saß stocksteif auf ihrem Stuhl; ihre Hände waren zu Fäusten geballt und jede Spur von Schläfrigkeit war aus ihrem Gesicht verschwunden. „Seit wann muss jemand im Orden des Phönix sein, um Fragen zu stellen?“, sagte Sirius. „Harry saß einen Monat lang in diesem Muggelhaus fest. Er hat das Recht zu erfahren, was pass-...“ „Wart mal!“, warf George laut ein. „Warum kriegt eigentlich Harry Antworten auf seine Fragen?“, fragte Fred wütend. „Wir versuchen seit einem Monat, dir was aus der Nase zu ziehen, und du hast uns kein einziges stinkendes Wort gesagt!“, rief George. „>Ihr seid zu jung, ihr seid nicht im Orden<“, meinte Fred mit schriller Stimme, die unverkennbar nach Mrs. Weasley klang. „Harry ist noch nicht mal volljährig, und Livvy war schon bei einer eurer Versammlungen!“ „Es ist nicht meine Schuld, dass man euch nicht gesagt hat, was der Orden unternimmt“, erklärte Sirius ruhig, „das war die Entscheidung eurer Eltern; aber Olivia ist meine Tochter und außerdem können ihre Fähigkeiten noch sehr nützlich für uns alle sein. Harry-...“ „Es ist nicht deine Sache, zu entscheiden, was für Harry gut ist“, sagte Mrs. Weasley scharf. Der Ausdruck in ihren Augen wirkte unheimlich gefährlich. „Du hast nicht vergessen, was Dumbledore gesagt hat, nehm ich an?“ „Was meinst du jetzt speziell?“, fragte Sirius höflich, doch innerlich bereitete er sich sicher gerade auf einen Kampf vor.

    „Dass Harry nicht mehr erfahren darf, als er wissen muss“, sagte Mrs. Weasley und betonten die letzten beiden Wörter nachdrücklich. Alle am Tisch verfolgten gespannt den Wortwechsel zwischen den beiden; Remus’ Blick war auf Sirius geheftet. „Ich habe nicht die Absicht, ihm mehr zu sagen, als er wissen muss, Molly“, erwiderte Sirius. „Aber als derjenige, der Voldemort zurückkommen sah hat er eher ein Recht als die meisten-...“ „Er ist kein Mitglied des Phönixordens!“, sagte Mrs. Weasley. „Er ist er fünfzehn und-...“ „Und er ist mit ebenso viel fertig geworden wie die meisten im Orden“, sagte Sirius, „und mit mehr, als manche von sich behaupten können.“ „Keiner bestreitet, was er getan hat!“, sagte Mrs. Weasley, deren Stimme immer lauter wurde, während ihre Fäuste auf den Armlehnen ihres Stuhls bebten. „Aber er ist immer noch-...“ „Er ist kein Kind mehr!“, meinte Sirius unwirsch. „Ein Erwachsener ist er auch nicht!“, erwiderte Mrs. Weasley und ihre Wangen färbten sich. „Er ist nicht James, Sirius!“

    Ich war vielleicht die Einzige, die den Schmerz in Sirius’ Augen sah, als dieser Satz gefallen war. Doch er fing sich schnell wieder, sodass all die Erinnerungen aus seinem Gesicht verschwanden, und er erwiderte: „Mir ist vollkommen klar, wer er ist, danke, Molly.“ „Da bin ich mir nicht so sicher!“, sagte Mrs. Weasley. „Manchmal redest du über ihn, als würdest du glauben, du hättest deinen besten Freund wieder!“ „Was soll daran falsch sein?“, fragte Harry. „Falsch daran ist, Harry, dass du nicht dein Vater bist, wie ähnlich du ihm auch sein magst!“, antwortete Mrs. Weasley und sah Sirius mit bohrendem Blick an. „Du gehst noch immer zur Schule, und Erwachsene, die für dich verantwortlich sind, sollten das nicht vergessen!“ „Soll das heißen, ich bin ein verantwortungsloser Pate?“, fragte Sirius und ich hörte die Wut in seiner Stimme. „Das soll heißen, dass du bekannt dafür bist, unüberlegt zu handeln, Sirius, weshalb Dumbledore dich dauernd ermahnt, zu Hause zu bleiben und-...“ „Dumbledores Anweisungen für mich tun hier nichts zur Sache, wenn ich bitten darf!“, sagte Sirius laut. „Arthur!“ Mrs. Weasley wandte sich zu ihrem Mann um. „Arthur, sag doch was!“

    Mr. Weasley schwieg zunächst. Er nahm die Brille ab und putzte sie langsam, ohne seine Frau anzusehen. Erst als er sie wieder behutsam auf die Nase gesetzt hatte, antwortete er. „Dumbledore weiß, dass die Lage sich geändert hat, Molly. Er ist dafür, dass Harry jetzt, da er sich im Hauptquartier aufhält, bis zu einem gewissen Punkt unterrichtet wird.“ „Ja, aber das heißt noch lange nicht, dass man ihn auffordert zu fragen, was immer er wissen will!“ „Ich persönlich“, mischte sich Remus leise ein und wandte endlich den Blick von Sirius ab, während Mrs. Weasley sich rasch zu ihm umdrehte, in der Hoffnung, nun endlich einen Verbündeten zu bekommen, „ich persönlich halte es für besser, wenn Harry die Tatsachen erfährt - nicht alle Tatsachen, Molly, aber er sollte einen groben Überblick bekommen - von uns, und nicht eine entstellte Variante... von anderen.“ Sein Gesichtsaudruck war freundlich, aber ich war mir sicher, dass Remus davon wusste, dass einige der Langziehohren Mrs. Weasleys Säuberungsaktion überlebt hatten. „Nun“, sagte Mrs. Weasley schwer atmend und sah vergeblich Hilfe suchend in die Runde, „nun... ich seh schon, ich werde überstimmt. Ich will nur eines sagen: Wenn Dumbledore nicht wollte, dass Harry zu viel erfährt, dann muss er seine Gründe dafür gehabt haben, und als jemand, dem Harrys ureigenes Wohl am Herzen liegt-...“ „Er ist nicht dein Sohn.“ „Und Olivia ist deine Tochter?“ „Das will ich ja mal stark behaupten.“ „Die Sache ist nur die, dass es für dich recht schwierig war, dich um Olivia und auch um Harry zu kümmern, während du in Askaban eingesperrt warst, oder?“ Sirius wirkte, als wäre er kurz davor, Mrs. Weasley ins Gesicht zu schreien, was er von ihr und ihren Ansichten hielt, während diese nicht minder zornig zurückstarrte. Mrs. Weasley schien kurz davor, Sirius die Leviten lesen zu wollen, als ich das ganze Gestarre nicht mehr aushielt. „Hört endlich auf damit! Wie könnt ihr euch gegenseitig so angiften, wo ihr doch auf derselben Seite steht?“ Erst nach einigen Sekunden begriff ich, dass ich aufgesprungen war und mich nun alle ansahen. „Olivia hat Recht“, sagte Remus, während ich mich langsam zurück auf meinen Stuhl sinken ließ. „Molly, du bist nicht der einzige Mensch hier am Tisch, der sich um Harry sorgt“, fügte er scharf hinzu.

    Mrs. Weasleys Unterlippe bebte. Sirius war weiß im Gesicht. „Ich denke, Harry sollte dabei ein Wort mitreden dürfen“, fuhr Remus fort, „er ist alt genug, um selbst zu entscheiden.“ „Ich will wissen, was inzwischen passiert ist“, kam es sofort von Harry. Dabei sah er Mrs. Weasley nicht an. „Also gut“, sagte diese mit brüchiger Stimme. „Ginny - Ron - Hermine - Olivia - Fred - George - ich will, dass ihr aus der Küche verschwindet, und zwar sofort.“ Augenblicklich kam es zum Tumult. „Wir sind volljährig!“, brüllten Fred und George im Chor. „Wenn Harry darf, warum dann ich nicht?“, rief Ron. „Mum, ich will das hören!“, beklagte sich Ginny. „NEIN!“, rief Mrs. Weasley und erhob sich. Ihre Augen glänzten. „Ich verbiete euch abso-...“ „Molly, Fred und George kannst du es nicht verbieten“, sagte Mr. Weasley matt. „Sie sind volljährig.“ „Sie gehen immer noch zur Schule.“ „Aber dem Gesetz nach sind sie jetzt Erwachsene“, widersprach Mr. Weasley mit unverändert müder Stimme. Mrs. Weasley war nun scharlachrot im Gesicht. „Ich - oh, von mir aus, Fred und George können bleiben, aber Ron-...“ „Harry erzählt mir, Hermine und Liv sowieso alles, was ihr sagt!“, rief Ron aufgebracht. „Mal ganz davon abgesehen, dass Olivia nur meine Erlaubnis braucht, um hierzubleiben, und es wäre wohl sinnvoll, wenn sie es tun würde“, fügte Sirius hinzu, der sich mittlerweile wieder ein wenig beruhigt hatte. Ich grinste Sirius an, während Harry Mrs. Weasley bestätigte, dass er Ron und Mine wirklich alles erzählen würde. Die beiden strahlten. „Schön!“, rief Mrs. Weasley. „Schön! Ginny - INS BETT!“

    Ginny ging nicht leise. Man konnte sie die ganze Treppe hinauf gegen Mrs. Weasley wüten und toben hören, und als sie die Halle erreicht hatte, verstärkten die Schreie meiner Großmutter den Lärm. Remus eilte zum Porträt, um für Ruhe zu sorgen. Erst als er zurück war, die Küchentür hinter sich geschlossen und seinen Platz am Tisch wieder iengenommen hatte, begann Sirius zu sprechen. „Gut, Harry... was willst du wissen?“

    9
    9. Kapitel

    Harry holte einmal tief Luft, dann fragte er: „Wo ist Voldemort?“ Sobald er Voldemorts Namen ausgesprochen hatte, schauderten wieder alle anderen außer mir. „Was hat er unernommen? Ich hab versucht die Muggelnachrichten zu sehen, und es gab noch nichts, was nach ihm aussah, keine merkwürdigen Todesfälle und dergleichen.“ „Weil es bislang noch keine merkwürdigen Todesfälle gegeben hat“, sagte Sirius, „jedenfalls soweit wir wissen... und wir wissen eine ganze Menge.“ „Auf jeden Fall mehr, als er glaubt“, bestätigte Remus. „Wie kommt es, dass er aufgehört hat, Menschen zu töten?“, fragte Harry. Kurz erschien ein Bild von Cedric in meinem Kopf, wie er mit starren Augen vor dem Eingang des Labyrinths lag, während Harry sich an ihn klammerte. Doch dann verdrängte ich das Bild schnell wieder, denn ich wollte einfach nicht daran denken, dass Voldemort einen unschuldigen Jungen getötet hatte. „Weil er keine Aufmerksamkeit auf sich lenken will“, riss Sirius mich aus meinen Gedanken. „Das wäre gefährlich für ihn. Seine Rückkehr ist ihm nicht ganz so gelungen, wie er sich das vorgestellt hat, verstehst du? Er hat sie vermasselt.“ „Besser gesagt, du hast sie ihm vermasselt“, korrigierte ihn Remus und lächelte zufrieden.

    „Wie?“ „Du solltest eigentlich nicht überleben!“, sagte Sirius. „Niemnad außer seinen Todessern sollte wissen, dass er zurück ist. Aber du hast überlebt und kannst es bezeugen.“ „Und der Letzte, der wegen seiner Rückkehr alarmiert werden sollte, war Dumbledore“, meinte Remus. „Und du hast dafür gesorgt, dass es Dumbledore sofort erfahren hat.“ „Und was hat uns das gebracht?“, fragte Harry. „Machst du Witze?“, entgegnete Bill ungläubig. „Dumbledore war der Einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer jemals Angst hatte!“ „Dank dir konnte Dumbledore schon eine knappe Stunde nach Voldemorts Rückkehr den Orden des Phönix wieder einberufen“, erklärte Sirius. „Und - was hat der Orden unternommen?“ Harry blickte in die Runde. „Wir tun alles, was wir können, um dafür zu sorgen, dass Voldemort seine Pläne nicht verwirklichen kann“, erwiderte Sirius. „Woher wisst ihr, was er plant?“ „Dumbledore hat eine ungefähre Vorstellung“, meinte Remus, „und Dumbledores ungefähre Vorstellungen erweisen sich normalerweise als zutreffend.“ „Und was vermutet Dumbledore, dass er plant?“ „Nun, zunächst will er seine Armee wieder aufbauen“, sagte Sirius. „In alten Zeiten standen gewaltige Scharen unter seinem Befehl: Hexen und Zauberer, die er erpresst oder verhext hatte, ihm zu folgen, seine getreuen Todesser, viele verschiedene dunkle Kreaturen. Du hast gehört, dass er vorhat, die Riesen für sich zu gewinnen; das wir nur eine der Gruppen sein, die er für sich einnehmen will. Mit Sicherheit wird er nicht versuchen, es nur mit einem Dutzend Todessern gegen das Zaubereiministerium aufzunehmen.“ „Also versucht ihr, ihn aufzuhalten, bevor er noch mehr Anhänger bekommt?“ „Wir tun unser Bestes“, erwiderte Remus. „Wie?“ „Nun, das Wichtigste ist, dass wir versuchen, möglichst viele davon zu überzeugen, dass Du-weißt-schon-wer zurückgekehrt ist, damit sie sich wappnen“, meinte Bill. „Das ist allerdings gar nicht so einfach.“ „Warum?“ „Wegen der Haltung des Ministeriums“, sagte nun Tonks. „Du hast Cornelius Fudge gesehen, nachdem Du-weißt-schon-wer zurückgekommen ist, Harry. Na ja, er hat seine Position überhaupt nicht verändert. Er weigert sich steif und fest zu glauben, dass es so ist.“ „Aber weshalb?“, fragte Harry aufgebracht. „Weshalb ist er so dumm? Wenn Dumbledore-...“ „Tja, da hast du den Finger auf die Wunde gelegt“, meinte Mr. Weasley mit einem gequälten Lächeln. „Dumbledore.“

    „Fudge hat Angst vor ihm, verstehst du“, sagte Tonks traurig. „Angst vor Dumbledore?“ wiederholte Harry ungläubig. „Angst vor dem, was er vorhat“, erwiderte Mr. Weasley. „Fudge glaubt, Dumbledore heckt eine Verschwörung aus, um ihn zu stürzen. Er glaubt, Dumbledore will Zaubereiminister werden.“ „Aber Dumbledore will doch nicht-...“ „Natürlich will er nicht“, sagte Mr. Weasley. „Er wollte nie das Amt des Ministers, obwohl eine Menge Leute ihn dazu gedrängt haben, als Millicent Bagnold in den Ruhestand ging. Stattdessen kam Fudge an die Macht, aber er hat nie vergessen, welch breite Unterstützung Dumbledore genoss, obwohl er sich nie um den Posten beworben hatte.“ „Tief in seinem Inneren weiß Fudge, dass Dumbledore weit klüger ist als er, ein viel mächtigerer Zauberer, und in seiner frühen Amtszeit als Minister hat er Dumbledore ständig um Hilfe und Rat gebeten“, sagte Remus. „Aber wie es scheint, hat er sich mit der Macht angefreundet und ist viel selbstsicherer geworden. Er genießt es, Zaubereiminister zu sein, und hat es geschafft, sich einzureden, dass er der Klügste ist und dass Dumbledore nur Scherereien um ihrer selbst Willen heraufbeschwört.“ „Wie kann er so etwas glauben?“, fragte Harry zornig. „Wie kann er glauben, dass Dumbledore alles nur erfindet - dass ich alles erfinde?“ „Wenn das Ministerium sich eingestehen würde, dass Voldemort zurück ist, hieße das, sie hätten es mit den größten Schwierigkeiten seit fast vierzehn Jahren zu tun“, sagte Sirius bitter. „Fudge bringt es einfach nicht fertig, sich dem zu stellen. Es ist ja so viel bequemer, wenn er sich einredet, Dumbledore lüge, um seine Stellung zu untergraben.“ „Da liegt das Problem“, stimmte Remus Sirius zu. „Wenn das Ministerium darauf beharrt, dass es von Voldemort nicht zu befürchten gibt, ist es schwierig, die Leute davon zu überzeugen, dass er zurück ist, besonders da sie es zunächst im Grunde gar nicht glauben wollen. Zudem übt das Ministerium starken Druck auf den Tagespropheten aus, nichts von dem zu berichten, was sie Dumbledores Gerüchteküche nennen, also hat der größte Teil der Zauberergemeinschaft, überhaupt keine Ahnung, dass irgendetwas geschehen ist, und das macht sie zu leichter Beute für die Todesser, wenn die den Imperius-Fluch einsetzen.“

    „Aber ihr erzählt es doch den Leuten, oder nicht?“, sagte Harry und blickte reihum zu Mr. Weasley, Sirius, Bill, Mundungus, Remus und Tonks. „Ihr lasst die Leute doch wissen, dass er zurück ist?“ Sie lächelten gezwungen. „Nun ja, alle glauben, ich sei ein verrückter Massenmörder, und das Ministerium hat einen Preis von zehntausend Galleonen auf meinen Kopf ausgesetzt. Ich kann wohl kaum durch die Straßen ziehen und Flugblätter verteilen, oder?“, meinte Sirius unruhig. „Und ich bin bei den meisten in der Gemeinschaft kein sonderlich beliebter Dinnergast“, fügte Remus hinzu. „Das gehört zum Berufsrisiko eines Werwolfs.“ „Tonks und Arthur würden ihre Stellen im Ministerium verlieren, wenn sie anfangen würden, den Mund aufzumachen“, meinte Sirius, „und es ist sehr wichtig für uns, Spione im Ministerium zu haben, weil du davon ausgehen kannst, dass Voldemort auch welche hat.“ „Immerhin haben wir es geschafft, ein paar Leute zu überzeugen“, sagte Mr. Weasley. „Tonks hier, zum Beispiel - das letzte Mal war sie noch zu jung für den Orden des Phönix, und Auroren auf unserer Seite zu haben ist ein gewaltiger Vorteil - auch Kingsley Shacklebolt ist ein echter Trumpf; er ist verantwortlich für die Jagd nach Sirius, also hat er das Ministerium mit der Information gefüttert, dass Sirius in Tibet sei.“ „Aber wenn keiner von euch die Nachricht verbreitet, dass Voldemort zurück ist-...“, begann Harry. „Wer sagt, dass keiner von uns die Nachricht verbreitet?“, fragte Sirius. „Warum, glaubst du, hat Dumbledore so viel Ärger?“ „Was soll das heißen?“ „Sie versuchen ihn unglaubwürdig zu machen“, bestätigte Remus nickend. „Hast du letzte Woche nicht den Tagespropheten gelesen? Sie haben berichtet, dass er aus dem Vorstand der Internationalen Zauberervereinigung rausgewählt wurde, weil er alt werde und nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, aber das stimmt nicht; er wurde von Ministeriumszauberern rausgewählt, nachdem er in einer Rede Voldemorts Rückkehr verkündet hatte. Sie haben ihm das Amt des Großmeisters beim Zaubergamot entzogen - das ist das Oberste Gericht der Zauberer -, und sie reden davon, ihm auch den Merlinorden erster Klasse abzuerkennen.“ „Aber Dumbledore sagt, ihm ist egal, was sie tun, solange sie ihn nicht aus den Schokofroschkarten rausnehmen“, sagte Bill grinsend. „Das ist nicht zum Lachen“, meinte Mr. Weasley scharf. „Wenn er dem Ministerium weiterhin auf diese Weise die Stirn bietet, könnte er in Askaban landen, und das Letzte, was wir wollen, ist ein eingesperrter Dumbledore. Solange Du-weißt-schon-wer weiß, dass Dumbledore irgendwo da draußen ist und seine Absichten kennt, wird er mit Bedacht vorgehen. Wenn Dumbledore aus dem Weg ist - dann hat Du-weißt-schon-wer freie Bahn.“

    „Aber wenn Voldemort versucht noch mehr Todesser zu gewinnen, muss doch rauskommen, dass er zurück ist, oder?“, fragte Harry. Er klang mittlerweile unglaublich verzweifelt. „Voldemort marschiert nicht zu den Leuten hin und klopft an ihre Türen, Harry“, sagte Sirius. „Er überlistet, er verhext und erpresst sie. Er handelt im Geheimen, darin hat er viel Übung. Er ist sowieso nicht nur daran interessiert, Gefolgsleute zu sammeln. Er hat noch andere Pläne, Pläne, die er tatsächlich ganz ohne Aufsehen verwirklichen kann, und im Moment konzentriert er sich auf die.“ „Was sucht er denn abgesehen von Gefolgsleuten?“, fragte Harry schnell. Sirius und Remus tauschten einen flüchtigen Blick, bevor Sirius antwortete. „Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann.“ Mir war, als würden Sirius’ Augen kurz zu mir schwenken, dann fügte er hinzu: „Zum Beispiel eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.“ „Als er schon einmal Macht hatte?“ „Ja.“ „Er will mich, oder?“, fragte ich leise. Mrs. Weasley seufzte leise. „Mitunter.“ „Olivia, er schon das letzte Mal versucht, dich in seine Finger zu bekommen“, meinte Remus, „aber da hattest du Lindsay.“ „Du-weißt-schon-wer könnte durch dich viel schneller an die Macht gelangen, verstehst du?“, sagte Tonks. „Deshalb will Dumbledore also, dass ich mit Moody trainiere?“, fragte ich zur Sicherheit. Sirius nickte. „Auch wenn es dir nicht gefällt, du könntest der entscheidende Faktor sein.“

    10
    10. Kapitel

    >Du könntest der entscheidende Faktor sein.< Dieser Satz ging mir noch immer durch den Kopf, als ich später im Bett lag. Mrs. Weasley hatte Mine und mich zurück ins Zimmer geschickt, mit der Bitte, leise zu sein, weil Ginny schon schlief. Was sie natürlich nicht tat. Mine hatte Ginny natürlich alles detailreich geschildert, was ich auch gar nicht anders erwartet hatte. So war Mine nunmal. Meine Gedanken rutschten wieder zurück zu Sirius’ Satz. >Du könntest der entscheidende Faktor sein.< Was meinte er damit? Ich war der entscheidende Faktor wovon? Egal wie lange ich mir den Kopf zerbrach, ich konnte keine Antwort darauf finden, sodass ich bald nur noch still in meinem Bett lag und an die Decke starrte. Mir kam wieder das Gespräch in den Sinn, das ich mit Sirius letztens beim Frühstück gehabt hatte. Alle hatten erwartet, dass es eine überschwingliche Begrüßung mit mindestens einem Kuss werden würde, doch stattdessen war es nur eine schlichte Umarmung gewesen. Und ich fand das keinesfalls schlecht. Wie Harrys Anhörung wohl verlaufen würde? Ich hatte es bisher aus meinem Kopf verdrängt, doch nun schob es sich unaufhaltbar in den Vordergrund. Die Richter der Anhörung mussten Harry einfach freisprechen! Laut dem Gesetz hatte er nichts Falsches getan; gut, vielleicht hatte er in Anwesenheit eines Muggels gezaubert, aber das war sein Cousin gewesen, der schon längst wusste, dass Harry ein Zauberer war; und außerdem hatte er nur den Patronuszauber angewandt, um sich und seinen Cousin vor den Dementoren zu schützen, die plötzlich in Little Whinging aufgetaucht waren. In Little Whinging, einer Muggelgegend! Wie waren die Dementoren überhaupt erst dorthin gekommen? Ich versuchte darauf zwar eine Antwort zu finden, fand jedoch keine und glitt schließlich in einen tiefen Schlaf. Was auch immer die Antwort auf meine Frage war, heute Nacht würde ich sie nicht mehr herausfinden.

    Am nächsten Morgen saß auch Moody wieder am Frühstückstisch. Während Harry, Ron, Mine, Fred, George und Mrs. Weasley den unteren Salon auf Doxys überprüfen würden, würden Moody und ich weiter an verschiedenen Techniken üben. Die anderen hätten das höchstwahrscheinlich auch tausendmal lieber gemacht, als staubige Vorhänge zu entgiften, doch sie stellten sich das Training mit Moody viel zu einfach vor, was es keineswegs war. Es war kräftezerrend und nach einer solchen Übungsstunde hätte ich mich einfach nur auf mein Bett fallen lassen und schlafen können.

    Es war fast dasselbe wie immer: zuerst übte ich mit der Hilfe meiner Kräfte (den rotierenden Ring beherrschte ich mittlerweile ganz gut), dann Verteidigung ohne Zauberstab, und schließlich Flexibilität. Das bedeutete, dass Moody aus seinem Zauberstab eine Art magischer Linien emporzog und sie kreuz und quer durch den Raum spannte. Sobald ich eine davon berührte, musste ich noch einmal von vorne anfangen, was nicht gerade sonderlich toll war, da Moody meine Zeit stoppte. Anfangs waren es nur so viele Linien gewesen, dass ich über sie springen oder unter ihnen hindurchkriechen konnte, doch nun wirkte es, als würde ich vor einem Spinnennetz stehen. Die goldenen Fäden, die kaum breiter als einer meiner Finger waren, befanden sich nahe dem Boden, in der Nähe meines Kopfes, meiner Schultern und meiner Arme; sie ließen nur knappe Zwischenräume übrig, die ich betreten durfte. Ich atmete einmal tief durch und fixierte das Gewirr aus Fäden; meine Muskeln spannten sich an; dann begann ich zu rennen. Über die ersten beiden Linien, die sich kreuzten, sprang ich noch schlicht, dann machte ich einen hastigen Überschlag und hoffte, dass er nicht allzu ungeschickt aussah; nun befand ich mich nur auf einem kleinen Stück Boden. Links von mir verflochten sich die Drähte zu einem dichten Netz, rechts erschien mir sicher, doch um die nächsten Linien zu umgehen hatte ich nur ein winziges Stück Boden zur Verfügung. Ich musste schnell handeln; Moody würde mich so oft durch dieses Labyrinth aus Drähten jagen, bis ich jeden Winkel davon kannte. Es war also nur eine weitere Chance... Ich holte so viel Schwung, wie ich konnte, und schlug ein Rad. Wie in Zeitlupe sah ich, wie meine Hände nacheinander auf dem beschränkten Stück Boden aufkamen, ich mich abstieß und zwischen den nächsten Drähten landete. Als nächstes folgte ein Überschlag von rückwärts, ein Salto und schließlich ein knapper Handstand, mit dem ich fast eine weiter oben gelegene Linie traf. In diesem Moment war ich sehr froh, dass ich so lange Rollschuhkunstlauf betrieben hatte; die ganzen Figuren kamen mir hier sehr zu Gute. Mein letztes Hindernis war ein dicht gewebtes Netz aus diagonal verlaufenden Linien. Ich war mir sicher, dass es so gut wie unmöglich war, durch diese Fäden zu schlüpfen, doch ich hatte gar keine andere Wahl, als es zu versuchen. Ich besah mir die Drähte genauer; wenn man genauer hinsah, erkannte man, dass die Fäden nur in der Mitte so dicht verknüpft waren. Ich sah hinüber zur mit Holz getäfelten Wand. Die Idee kam mir wahnsinnig vor, doch ich musste es einfach versuchen. Ich holte Anlauf, soweit das in diesem beschränkten Raum möglich war, sprang über die diagonalen Drähte oder duckte mich darunter hinweg, rannte zur Wand, sprang nach oben, stieß mich mit beiden Füßen von der Wand ab und machte einen Salto vorwärts. Ich sah den Boden in Zeitlupe auf mich zukommen und freute mich schon, dass es funktioniert hatte, als ich mit dem rechten Fuß vorne über knickte, nach vorne fiel und dabei mit den Händen genau auf einem Draht landete.

    Ich seufzte auf; wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich den gesamten Hindernisparcour fehlerlos gemeistert hätte. Ich sah kurz hinüber zu Moody; sein schwarzes Auge fixierte mich, während sein blaues Auge wieder auf den Start gerichtet war. Deutlicher hätte er nicht werden können. Ich musste noch einmal von vorne anfangen. Mal wieder.

    Ich wusste nicht, wie schnell die Zeit verging; ich war so auf die Drähte fixierte gewesen, dass ich die alte Kuckucksuhr mit einem meiner Lichtblitze zerstörte, als sie die Mittagstunde verkündete. Moody bedeutete mir, dass ich zu den anderen gehen konnte, die höchstwahrscheinlich gerade eine Pause vom Putzen einlegten. Der obere Salon sah tatsächlich um einiges weniger vollgestopft mit schwarzmagischen Artefakten aus. In großen Säcken war sämtlicher Abfall gesammelt worden, aber ich beobachtete Kreacher, wie er eine Glasflasche herausholte, deren Inhalt verdächtig nach Blut aussah. „Kreacher, bitte leg die Flasche wieder zurück!“, sagte ich, worauf der Kopf des Hauselfen sofort nach oben ging und er mich aus seinen blutleeren Augen ansah. Er grummelte einige Beleidigungen vor sich hin, darunter auch „Blutsverräter im Haus meiner Herrin“, musste meinem Befehl jedoch schließlich gehorchen und verschwand dann missmutig durch die Tür. Ich setzte mich zu Harry, Ron, Mine, Fred, George und Ginny, die sich bereits über die belegten Brote von Mrs. Weasley her machten.

    „Wie ist es gelaufen?“, fragte Ginny neugierig, während ich mir ein Brot mit Käse nahm. „Wie immer“, gab ich grummelnd zurück. „Moody hat mich herumsprinten lassen, als wäre ich eine Antilope.“ Ginny lachte. Harry beugte sich interessiert zu uns herüber, und fragte: „Was übst du eigentlich genau mit Moody?“ Ich biss kurz von meinem Brot ab, dann antwortete ich: „Ich soll lernen, meine Kräfte unter meine Kontrolle zu bringen; Moody bringt mir bei, wie ich mich ohne Zauberstab verteidigen kann.“ „Wie genau?“, fragte nun auch Ron. „Ich muss mich mit meinem eigenen Körper verteidigen können, falls mich jemand angreifen sollte.“ „Wer sollte dich angreifen?“ Bevor ich darüber nachdachte, rutschte mir ein Name heraus: „Bellatrix Lestrange.“

    Alle im Raum verstummten. Fred und George hörten auf, Unsinn zu machen, und sahen mich angespannt an; Mines Blick fixierte mich sehr genau. „Aber... Bellatrix Lestrange sitzt in Askaban“, meinte Mine, die sich als erste wieder gefangen hatte. „Nicht mehr lange“, zitierte ich Sirius’ Worte. „Woher willst du das wissen?“, fragte Harry. „Sirius hat mir von ihr erzählt; wie gerissen und wahnsinnig sie ist. Jetzt, da Voldemort“- (alle außer Harry und mir zuckten erschrocken zusammen) - „zurück an die Macht will, wird er seine treusten Anhänger irgendwie zu befreien versuchen.“ „Aber sie sitzen in Askaban; da kann er niemals hinein“, sagte Ron. Ich lachte leise. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass das Voldemort aufhalten kann, oder? Ron, unterschätz ihn lieber nicht. Wir wissen nicht, wie mächtig er werden wird.“ „Dann müssen wir ihn eben daran hindern“, sagte Fred. „Genau, dem müssen wir halt ordentlich in den Hintern treten!“, fügte George hinzu. Das Bild, das darauf in meinem Kopf erschien, war so urkomisch, dass ich laut anfing zu lachen, wobei ich nicht die Einzige war.

    Wir beschlossen kurzerhand, das dunkle Thema zu umgehen, und waren gerade in eine angeregte Unterhaltung vertieft, als Moody im Türrahmen erschien. Er winkte mich zu sich und wir wollten gerade zurück zu unserem Raum gehen, um weiter zu trainieren, als Harry aufstand und fragte: „Dürfen wir zusehen?“ Überrascht sah ich ihn an; wollte er mir wirklich dabei zusehen, wie ich gegen Moody zu kämpfen versuchte? Moodys schwarzes Auge war auf Harry gerichtet, doch sein blaues Auge huschte von einem Gesicht zum anderen. Dann sagte er knurrend: „Gut, kommt mit, aber wenn das Mädel euch umhaut, ist es nicht meine Schuld.“

    Nach dem Mittagessen sollte ich, wie normalerweise auch, keine festgelegten Übungen machen, sondern das Gelernte im Kampf gegen Moody anwenden. Moodys Ansage von vornhin hatte Ron sichtbar ein wenig beunruhigt, denn er drückte sich eng an die Wand, an der auch Harry, Mine, Ginny, Fred und George lehnten. Moody hatte sich etwas von mir entfernt, ließ mich jedoch nicht aus den Augen, während ich mich auf den Beginn des Kampfes vorbereitete. Die anderen versuchte ich dabei einfach auszublenden. Dann ging alles ganz schnell:
    Moody schleuderte einen Zauber auf mich, dem ich mit einem Schlenker nach links auswich; der nächste Zauber, der als roter Lichtstreifen auf mich zuraste; mir war schon wieder, als würde alles in Zeitlupe geschehen. Ich riss meine rechte Hand nach vorne und bildete ein Schutzschild, während ich mit meiner linken Hand hastig den Ärmel meines Oberteils nach oben schob, um auf mein Muttermal zu drücken; der bekannte Wirbelsturm umfing mich, den ich mittlerweile gar nicht mehr so stark wahr nahm. Ich spürte, wie meine langen Locken wieder zu einem Zopf wurde, der mir über die rechte Schulter fiel, und das Gewicht meines silbernes Diadems, wie ich es mittlerweile nannte, auf meiner Stirn. Und mit meiner Verwandlung spürte ich auch wieder die pulsierende Kraft, die durch meine Adern strömte. Zwar war sie auch da, wenn ich in meiner normalen „Gestalt“ war, doch dann war sie nicht so stark wie beispielsweise jetzt. In dieser Form konnte ich meine Kräfte nun einmal besser beherrschen. Hinter mir hörte ich ein überraschtes Aufkeuchen, was wohl von Harry kommen musste, da er der Einzige im Raum war, der mich noch nicht in dieser Form gesehen hatte.

    Ich senkte meinen Schild, und rollte mich blitzschnell zur Seite weg, bevor mich der nächste Fluch treffen konnte. Nun begann ich das Feuer zu erwidern; mein erster Lichtblitz verfehlte Moody nur knapp, was ihn jedoch leicht ablenkte und mir so einen kurzen Zeitvorsprung verschaffte. Moodys nächster Fluch verfehlte mich um knapp einen halben Meter, da ich mich schnell mit einem Rückwartsüberschlag in Sicherheit bringen konnte. Dies erwiderte ich jedoch wieder mit einem rotierenden Ring erwiderte, der sich so schnell um mich drehte, dass keiner von Moodys Flüchen etwas gegen ihn ausrichten konnten. Jedoch brauchte ich dafür so viel Kraft, dass ich ihn nur kurz halten konnte, und ihn dann verschwinden ließ. Ich blockte den nächsten Zauber mit meinem Schutzschild ab, und ließ währenddessen aus meinen Kräften den Phönix entstehen, der mit das letzte Mal nicht hatte gehorchen wollen. Offensichtlich konnte ich nur diesen Phönix heraufbeschwören, der nun auf meiner Schulter saß und mich unbekümmert aus seinen klugen Augen musterte. „Bitte hilf mir!“, redete ich eindringlich auf ihn ein, während mein Schild die nächsten Flüche, die Moody mir entgegenschleuderte, abprallen ließ. Der Phönix jedoch beachtete mich kaum. Er blieb selbst auf meiner Schulter sitzen, als ich mich mit einem Hechtsprung zur Seite stürzte, um den Fluch abzufangen, den Moody auf mich abgeschossen hatte.
    Und dann kam es. Es kam ganz plötzlich, doch ich spürte es kaum. „Eos, hilf mir!“, schrie ich den Phönix an. Er befolgte zwar meinen Befehl nicht, sah mich aber direkt an, als hätte ich gerade wirklich seinen Namen gesagt. Ich kam jedoch nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn der folgende Fluch flog so nah an meinem Ohr vorbei, dass ich ein lautes Sirren hören konnte. „Dann eben nicht“, knurrte ich leise an den Phönix gewandt und stürzte nach vorne. Der Schutzschild löste sich auf, doch im nächsten Moment hielt ich auch schon zwei geballte Lichtballen in den Händen und warf sie auf Moody, der zu langsam war, und von dem geballten Licht, das nun die Form zweier Sichelmonde angenommen hatte, umschlossen seine Handgelenke und bohrten sich in das dunkle Holz an der Wand. Nur noch ein einziger Lichtfunke... Ich spürte, wie das Blut durch meinen Körper rauschte und mit ihm auch meine Kraft, bis ich sie in den Fingerspitzen fühlen konnte; ein leuchtender Ball aus glühender Magie brach aus meiner Handfläche hervor und zischte wie von selbst auf Moodys Zauberstab zu, riss ihn aus Moodys Hand und landete in der meinen. Ich lächelte leicht. Moody nickte nur knapp.

    Die Sichelmonde, die Moody an der Wand gefesselt hielten, lösten sich von selbst auf. Das Gewicht auf meiner Schulter verschwand; Eos, mein Phönix, löste sich auf. Hinter mir ertönte Applaus, wenn auch zögerlich. Als ich mich umdrehte klatschten Fred, George und Ginny begeistert; Harrys Mund stand weit offen, als wolle er nicht glauben, was er gerade gesehen hatte, Ron wirkte leicht geschockt und Mine starrte immer noch angestrengt auf die Stelle, an der Eos gerade noch gesessen hatte. Ich sah es förmlich, wie in ihrem Gehirn sämtliche Zahnräder am Rattern waren, wenn ich auch nicht wusste, weshalb sie es taten. Ich erschrak mich ein wenig, als sich plötzlich eine narbige Hand auf meine Schulter legte. „Hast du gut gemacht, Mädchen. Könntest noch ein wenig an deinem Überschlag arbeiten, aber du hast dich verbessert...“ „Danke.“ „Ich glaube, wir können heute mal als Ausnahme früher aufhören.“ Dann humpelte er an mir mit seinem Holzbein vorbei und zur Tür hinaus.

    „Das war großartig“, meinte Ginny, als sie sicher war, dass Moody verschwunden war. „Ähm... danke?“, erwiderte ich unsicher. Immerhin sollten diese Taktiken mir im Notfall mein Leben retten. Mine runzelte noch immer die Stirn, als hätte sie noch nie so angestrengt nachgedankt. „Was ist los, Hermine?“, fragte Ron, der ihren angestrengten Blick auch bemerkt hatte. Erschrocken sah sie auf; „Was hast du gefragt, Ron?“ „Was los ist!“ „Ich hab nur über deinen Phönix nachgedacht, Liv. Wie hast du ihn noch mal genannt?“ „Eos.“, sagte ich, wenn auch etwas verwirrt. Mines Stirn legte sich noch weiter in Falten. „Eos?“, murmelte sie. „Wo hab’ ich das schon mal gehört?“ Im nächsten Moment sah sie auch schon so aus, als müsste sie mal ganz dringend die Bibliothek von Hogwarts aufsuchen, was sie aber hier natürlich nicht konnte. „Ich muss weg; ich glaube ich weiß, wo ich Antworten finde!“ Und mit diesen Worten stürmte sie zur Tür hinaus. Fred und George schienen die Gelegenheit nutzen zu wollen, dass Mrs. Weasley sie nicht zurück zum Putzen scheuchte, um weiter an ihren Nasch-und-Schwänz-Leckereien zu arbeiten, und verließen eiligst den Raum. Ich sah kurz zu Ginny hinüber, der wohl gerade die Idee gekommen zu sein schien, dass Harry und ich auch mal ein wenig Zeit für uns allein gebrauchen könnten. „Ron, komm mit, wir sehen besser nach, ob Kreacher etwas von den schwarzmagischen Gegenständen hat mitgehen lassen!“ Ron schien jedoch nicht ganz zu verstehen, auf was seine kleine Schwester hinauswollte, denn er fragte: „Aber Sirius hat doch sicher darauf aufgepasst, oder Lupin...“ Ginny sah so aus, als hätte sie sich am liebsten die Hand gegen die Stirn geklatscht, dann packte sie Ron am Ärmel und zog ihn einfach aus dem Zimmer heraus.

    Da standen wir nun; Harry und ich. „Das gerade eben war... außergewöhnlich.“, meinte Harry. Ich nickte leicht. „Wie hast du das gemacht?“ „Weißt du, das frage ich mich manchmal auch.“

    Harrys Sicht:
    Liv stand immer noch vor mir, und doch war sie irgendwie nicht die Liv, die ich kannte. Ihre langen braunen Haaren, die normalerweise in offenen Locken über ihren Rücken fielen, waren zu einem seitlichen Zopf geflochten; auf ihrer Stirn prangte eine Art Haarreif aus Silber und Gold, der ihr Haar ein wenig zusammenhielt. Sie trug auch vollkommen andere Kleidung, als die, die ich von ihr gewohnt war (auch wenn ich zugeben musste, dass die dunkle Hose, die braunen Jacke und Stiefel und das grüne Oberteil gut zu ihrem jetzigen Aussehen passten). Doch das Unheimlichste an diesem neuen Aussehen war ihre grünen Augen, die mich püfend musterten. Sie waren von Schwarz umhüllt, das wie Schatten auf ihrer hellen Haut wirkte. Es war aber nicht die scharze Farbe, die mir irgendwie unheimlich war, sondern Livs Ausdruck. Sie wirkte, als könnte sie innerhalb weniger Sekunden jemanden umbringen, alles an ihrer Austrahlung war... mächtig. Vielleicht wusste Liv nicht einmal selbst, was sie mit dieser Macht alles anstellen konnte. „Könntest du dich vielleicht...“ Liv schien zu begreifen, was ich meinte, denn sie zog ihre Jacke aus und drückte auf ein Muttermal, das ich als jenes erkannte, welches die Form eines Sichelmondes hatte. Daneben erkannte ich allerdings noch einen anderen Fleck; einen Fleck, der die Form einer Sonne hatte.

    Ein heftiger Wind fegte durch’s Zimmer und riss Liv mit sich; sie schien jedoch kein bisschen Angst davor zu haben, als hätte sie das schon tausende Male erlebt. Ich erkannte nicht viel, da alles viel zu schnell ging, doch im nächsten Moment stand Liv wieder neben mir, diesmal mit offenen Haaren, ohne Schatten im Gesicht, oder Unheil verkündendem Blick. Und doch... ihre Ausstrahlung von Macht war noch immer nicht verschwunden. „Harry?“, fragte sie. „Ja?“ „Hast du mir eigentlich gerade zugehört?“ Peinlich berührt sah ich zu Boden. Nein, hatte ich nicht... „Ich hab’ dich gefragt, ob es so besser für dich ist.“ „Oh, äh, ja, ist es...“ Sie legte ihren Kopf schief und begann zu lächeln. „Du hast mich angesehen, als hätte ich mich gerade in eine Veela verwandelt.“ „Bist du denn nicht eine?“, fragte ich grinsend, worauf sie mir gespielt wütend auf den Arm schlug. „Sag das ja nicht in der Nähe meines Vaters, Potter!“ „Sirius wird uns deshalb sicher nicht umbringen.“ „Nein, nur dich!“ Ich musste ein verdammt dämliches Gesicht machen, denn Liv begann schallend zu lachen.

    Olivias Sicht:
    Harry begann zu schmollen, woraufhin ich nur noch mehr lachen musste. „Du-... du solltest dein Gesicht sehen!“, sagte ich immer noch lachend. Auf Harrys Gesicht erschien ein kleines Lächeln, bevor er mir einen kurzen Kuss auf die Wange drückte. „Ich hab dich vermisst“, meinte er. „Ich dich auch. Auch wenn ich hier ja ausreichend beschäftigt war.“ Ich grinste, und schloss meine Augen; ich stellte mir die Gestalt genau in meinem Kopf vor, dann spürte ich, wie die Wärme meiner Kraft durch meine Adern kroch und aus meiner linken Handfläche hervorbrach. Es war Eos, mein Phönix, der jedoch nur kurz einmal mit den goldenen Flügeln schlug, und dann wieder verschwand. „Das sehe ich“, war das Einzige, was Harry erwiderte.

    11
    11. Kapitel

    Während der nächsten Tage hielt Mrs. Weasley die anderen eisern auf Trab, was die Entgiftung der Zimmer anging; ich hingegen trainierte noch immer meine Fähigkeiten. Es war zwar anstrengend, doch ich spürte, wie viel besser ich in den letzten Wochen geworden war; ich konnte meinen Schutzschild höher und weiter spannen, meine Lichtbälle länger halten und Eos deutlicher erscheinen lassen. Durch das ständige Üben konnte ich meine Gedanken zu Harrys Anhörung ein wenig verdrängen, doch es wurde nur allzu deutlich, als Mrs. Weasley am Mittwoch anmerkte, dass sie Harry seine besten Sachen gebügelt habe, da sie wolle, dass er einen guten ersten Eindruck machte. Ron, Mine, Fred, George, Ginny und auch ich verstummten allesamt und konnten Harry nur unweigerlich anstarren. Er nickte nur und bemühte sich, sein Kotelett weiter zu essen. „Wie kommte ich dorthin?“, fragte Harry Mrs. Weasley nach wenigen Bissen. Es sollte wohl sorglos klingen, doch ich hörte deutlich die Anspannung aus seiner Stimme heraus. „Arthur nimmt dich mit zur Arbeit“, antwortete Mrs. Weasley, deren Stimme sich ungewöhnlich sanft anhörte; Mr. Weasley lächelte Harry aufmunternd über den Tisch hinweg zu. „Du kannst in meinem Büro warten, bis es Zeit für die Anhörung ist.“ Mein Blick wanderte (genau wie Harrys) hinüber zu Sirius, doch bevor Harry die Frage stellen konnte, hatte Mrs. Weasley sie auch schon beantwortet. „Professor Dumbledore hält es für keine gute Idee, dass Sirius dich begleitet, und ich muss sagen, ich-...“ “-denke, dass er völlig Recht hat“, presste Sirius zwischen den Zähnen hervor; ich konnte ihm ansehen, wie sehr ihm diese Vorstellung nicht behagte. Mrs. Weasley schürzte die Lippen. „Wann hat Dumbledore euch das gesagt?“ „Er kam letzte Nacht, als ihr im Bett wart“, sagte Mrs. Weasley. Irgendwie kam es mir komisch, dass Dumbledore direkt vor Harrys Anhörung hier im Haus gewesen war, und Harry nicht einmal hatte sehen wollen.

    Am nächsten Morgen wachte ich erst auf, als Harry und Mr. Weasley schon längst ins Ministerium aufgebrochen waren; jeder war unglaublich nervös, vor allem Sirius, Mrs. Weasley und ich. Um uns abzulenken, setzten wir uns ins Lindsays Zimmer und sahen uns alte Fotos an. Auf einem waren Sirius und Lindsay zusammen zu setzen; sie standen vor einem großen Haus im Hintergrund, das so riesig war, das es den gesamten Bildraum einnah, während an der Seite einige breite Äste mit Blättern zu sehen waren, die sich langsam rot verfärbten, was wohl bedeutete, dass es Spätsommer oder Herbstanfang war. Wie immer bewegte das Bild sich; Sirius hatte einen Arm um Lindsay gelegt, während er mit der anderen in die Kamera winkte. Lindsay hielt in der rechten Hand eine braune Tasche und hatte sich gegen Sirius gelehnt. Dieser hatte ein verschmitztes Grinsen im Gesicht, was mich sehr an mein eigenes erinnerte. „Das war, als wir bei deinen Großeltern eingezogen sind.“ Ich zog fragend eine Augenbraue nach oben und Sirius begann zu lachen. „Hört sich vielleicht komisch an, war aber so. Deine Großeltern hatten nämlich ein enorm großes Haus.“ Schnell holte er das nächste Bild hervor.

    Sirius und Lindsay näherten sich langsam darauf an, höchstwahrscheinlich um sich zu küssen, als sie plötzlich etwas auseinanderdrängte; es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass es eine schwarze Eule war, die sich auf Lindsays Schulter fallen ließ; Lindsay lachte, während Sirius irgendwie beleidigt wirkte. Sirius, also der richtige Sirius, unterdrückte ein Schmunzeln, dann meinte er: „Das war Athene, Lindsays Eule. Ich habe keine Ahnung, warum sie die so genannt hat, glaub mir.“ „Was ist mit ihr passiert?“ „Gestorben.“ Ich beschloss, lieber nicht nachzuhaken, sonst würde er nur wieder an den Tod meiner Mutter denken. Dann konnte ich die Trauer in Sirius’ Augen sehen; es war auch nicht besser, dass ich Lindsay sehr ähnlich sah, und ich Sirius praktisch pausenlos an sie erinnerte. Klar, dieses gemeine Grinsen hatte ich von Sirius, aber der Rest meines Aussehens... vielleicht würde Sirius sich nie wirklich daran gewöhnen können.

    Mine, Ron, Fred, George, Ginny und ich saßen schweigend in der Küche, während Mrs. Weasley am Herd gerade das Mittagessen kochte; Sirius hatte sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen, in dem auch Seidenschnabel schlief, und Remus war außer Haus und würde erst später zurückkommen. Mine las in einem Buch, hatte jedoch seit zehn Minuten keine Seite mehr umgeblättert; Ginny saß auf dem Boden und spielte gedankenverloren mit Krummbein. Ron trommelte mit seinen Fingern auf der Tischplatte herum, während Fred und George sich offenbar ohne Worte miteinander unterhielten. Ich selbst spielte nur mit einen Kräften herum, die sich zuerst zu einem Herz, dann einer Sonne, einem Mond, einem Stern und schließlich einer Rose formten. Währenddessen starrte ich auf die uralte Uhr in der Ecke, an der sich der Minutenzeiger gerade laut bemerkbar machte und weiter nach oben rückte. Wie lange würde das noch dauern? Ich hasste es, wenn ich warten musste; ich war einfach unglaublich ungeduldig.

    Es kam mir vor wie eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich laute Schritte der Küche näherten, und die Tür aufging. Harry und Mr. Weasley kamen herein; Harry grinste. „Freigesprochen in allen Punkten!“ Ich konnte kaum glauben, wie schnell ich ihm um den Hals gefallen war. „Mach mir nie wieder solche Angst!“, sagte ich drohend. „Ich warne dich!“ Harrys Grinsen verschwand jedoch nicht. „Ich hab’s gewusst!“, jubelte Ron im gleichen Moment und stieß die Fäuste in die Luft. „Du kommst immer mit allem durch!“ „Sie mussten dich freisprechen“, sagte Mine, die kurz vor einem Nervenzusammenbruch gewesen war, „die hatten nichts gegen dich vorzuweisen, überhaupt nichts.“ Mrs. Weasley wischte sich mit ihrer Schürze übers Gesicht, und Ginny, Fred und George begannen eine Art Kriegstanz aufzuführen und sangen dabei: „Er ist frei, er ist frei, er ist frei...“ „Das reicht jetzt! Beruhigt euch!“, rief Mr. Weasley, doch auch er musste lächeln. „Hör mal, Sirius, Lucius Malfoy war im Ministerium-...“ „Was?“, rief Sirius, der sich mittlerweile ebenfalls zu uns gesellt hatte. „Er ist frei, er ist frei, er ist frei...“ „Seid doch mal leise, ihr drei! Ja, wir haben ihn im neunten Stock mit Fudge reden sehen, dann gingen sie zusammen hoch in Fudges Büro. Dumbledore sollte das auch erfahren.“ „Natürlich“, meinte Sirius. „Wir sagen es ihm, mach dir keine Sorgen.“ „Ich muss mich beeilen, in Bethnal Green wartet eine spuckende Toilette auf mich. Molly, ich komm erst spät zurück, ich springe ja für Tonks ein, aber Kingsley schaut vielleicht zum Abendessen vorbei-...“ „Er ist frei, er ist frei, er ist frei...“ „Nun ist es aber gut - Fred - George - Ginny!“, rief Mrs. Weasley, als Mr. Weasley aus der Küche ging. „Harry, mein Lieber, komm und setz dich, iss was zu Mittag, du hast doch kaum gefrühstückt.“ Ron, Mine und ich setzten uns ihm gegenüber. „Natürlich, sobald Dumbledore an deiner Seite aufgetaucht ist, kam es überhaupt nicht mehr in Frage, dich zu verurteilen“, sagte Ron glücklich, während er uns große Berge Kartoffelbrei auf die Teller häufte. „Ja, er hat die Sache für mich rumgerissen“, bestätigte Harry. Plötzlich schlug er sich die Hand gegen die Stirn, genau an der Stelle, an der auch seine Blitznarbe war. „Was ist los?“, fragte ich besorgt. „Narbe...“, murmelte Harry. „Aber es ist nichts... passiert jetzt dauernd...“ Von den anderen hatte niemand etwas bemerkt. Alle taten sich jetzt Essen auf und freuten sich diebisch über Harrys knappes Entkommen; Fred, George und Ginny sangen immer noch. Mine sah jedoch ziemlich besorgt aus, aber bevor sie etwas sagen konnte, meinte Ron freudig: „ Ich wette, Dumbledore taucht heute Abend auf und feiert mit uns.“ „Ich glaube nicht, dass er Zeit dazu hat, Ron“, warf Mrs. Weasley ein und stellte eine große Platte mit gebratenem Hähnchen auf den Tisch. „Er ist im Moment wirklich sehr beschäftigt.“ „ER IST FREI, ER IST FREI, ER IST FREI...“ „RUHE!“, donnerte Mrs. Weasley.

    Während der nächsten Tage entging mir nicht, dass es eine Person im Haus Grimmauldplatz Nummer zwölf gab, die nicht ganz so begeistert davon war, dass Harry zurück nach Hogwarts gehen würden. Sirius hatte, als er die Neuigkeit erfuhr, ziemlich überzeugend den Glücklichen gespielt, aber danach war er launischer und mürrischer geworden denn je. Er verbrachte immer mehr Zeit im Zimmer seiner Mutter mit Seidenschnabel. Selbst mit mir verbrachte er weniger Zeit, und aus seinem Zimmer konnte ich ihn auch nicht herausholen. „Fühl dich bloß nicht schuldig!“, sagte Mine, nachdem Harry es auch bemerkt hatte. „Du gehörst nach Hogwarts und Sirius weiß das. Er ist egoistisch, wenn du mich fragst.“ Ich warf meiner besten Freundin nur einen giftigen Blick zu, während Ron erwiderte: „Das ist ein bisschen hart, Hermine. Du würdest auch nicht gerne ohne Gesellschaft in diesem Haus hier festsitzen.“ „Aber er hat doch Gesellschaft!“, rief Mine. „Hier ist das Hauptquartier des Phönixordens, oder nicht?“ „Ach ja?“, fragte ich. „Nicht mal mehr mit mir will Sirius reden, und jetzt rate mal, warum!“ Mine sah mich nur fragend an. „Weil ich ihn an meine Mum erinnere, und zwar ständig!“ „Sirius kriegt einfach nicht ganz auf die Reihe, dass du nicht Lindsay bist, Liv! Und das Gleiche gilt auch für Harry.“ „Willst du uns jetzt sagen, er hätte sie nicht mehr alle?“, fragte Harry aufgebracht. „Nein, ich glaube nur, dass er lange Zeit sehr einsam war“, sagte Mine schlicht. „Es ist zwölf Jahre lang in Askaban gesessen, natürlich war er einsam!“, zischte ich, bevor ich aufstand, den Raum verließ und die Tür zuschlug.

    Je näher das Ende der Ferien rückte, desto mehr freute ich mich auf Hogwarts; ich konnte es gar nicht mehr abwarten, bis ich endlich Draco wiedersehen, Quidditch spielen und mich mit Luna treffen konnte. Und doch... ich würde Sirius unglaublich vermissen, auch wenn ich das in seiner Nähe nicht erwähnte. Mein Training mit Moody führte ich natürlich fort; ich vertiefte die Grundübungen immer weiter und hörte mir immer mal wieder einen von Moodys Ratschlägen an, wie beispielsweise „Immer so zielen, dass du an die empfindlichen Körperstellen des Gegners herankommst.“ oder „Immer auf die Rückendeckung achten.“ Ansonsten geschah nichts Aufregendes und ich durfte auch an keiner weiteren Versammlung teilnehmen, was mir ganz recht war, weil mich dann nicht alle anstarrten.

    Am allerletzten Tag der Ferien kamen auch endlich unsere Bücherlisten; ich war gerade bei Harry, der Hedwigs Mist vom Schrank wischte, als Ron mit den Umschlägen in das Schlafzimmer kam. „Die Bücherlisten sind da“, sagte er, während er mir einen der Briefe gab und Harry einen Umschlag zuwarf. „Wird auch Zeit, ich dachte, sie hätten’s vergessen, normalerweise kommen sie viel früher...“ Ich öffnete meinen Brief sofort; er enthielt wie üblich zwei Pergamentblätter: das eine, mit der üblichen Erinnerung, dass das Schuljahr am ersten September begann; auf dem anderen wurde mitgeteilt, welche Bücher wir für das kommende Jahr benötigen würden. „Nur zwei neue“, sagte Harry, während ich die Liste durchlas. „>Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 5<, von Miranda Habicht, und >Theorie magischer Verteidigung< von Wilbert Slinkhard.“ Es gab einen lauten Knall, dann apparierten Fred und George aus dem Nichts direkt neben Harry. „Wir haben uns gerade gefragt, wer das Slinkhard-Buch auf die Liste gesetzt hat“, sagte Fred beiläufig. „Das heißt nämlich, dass Dumbledore einen neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunkle Künste gefunden hat“, fügte George hinzu. „Wurde auch Zeit“, sagte Fred. „Was soll das heißen?“, fragte Harry und sprang zurück auf den Boden. „Na ja, vor ein paar Wochen haben wir mit den Langziehohren Mum und Dad abgehört“, erklärte Fred ihm, „und was wir so mitgekriegt haben, war, dass Dumbledore echte Probleme hatte, jemanden zu finden, der dieses Jahr den Job machen wollte.“ „Das ist nicht wirklich überraschend, wenn man bedenkt, was mit den letzten vieren passiert ist“, bemerkte ich trocken. „Einer rausgeworfen, einer tot, einem wurde das Gedächtnis gelöscht und einer neun Monate lang in einen Koffer gesperrt“, sagte Harry und zählte sie an den Fingern ab. „Ja, ich versteh, was ihr meint.“ „Was sagst du, Ron?“, fragte ich und drehte mich zu Ron um, der noch immer keinen Ton von sich gegeben hatte. Er stand reglos da, den Mund leicht geöffnet, und starrte auf seinen Brief aus Hogwarts. „Was ist los?“, fragte Fred ungeduldig, trat hinter Ron und spähte ihm über die Schulter auf das Pergament. Auch Fred klappte der Mund auf. „Vertrauensschüler?“, sagte er und starrte auf den Brief. „Vertrauensschüler?“

    George stürzte vor, riss Ron den Umschlag aus der anderen Hand und schüttelte ihn aus. Etwas Scharlachrotes und Goldenes fiel in Georges Hand. „Nicht möglich“, hauchte George. „Das ist ein Irrtum“, sagte Fred, schnappte Ron den Brief weg und hielt ihn gegen das Licht, als wollte er das Wasserzeichen prüfen. „Keiner, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde Ron zum Vertrauensschüler machen.“ Autsch. Ich sah zu Ron hinüber, dessen Gesicht vor Wut ganz rot geworden war. In diesem Moment tat er mir mal wieder unglaublich leid, wie er da stand, und seine Brüder behaupteten, er wäre nicht gut genug, um Vertrauensschüler zu sein. Stattdessen redeten Fred und George auf Harry ein, wie sicher sie sich doch gewesen war, dass er diesen Posten bekommen würde. George sagte gerade: „Vermutlich haben diese ganzen verrückten Geschichten gegen ihn gesprochen.“ „Ja“, meinte Fred langsam. „Ja, du hast zu viel Ärger gemacht, Mann. Na ja, wenigstens einer von euch weiß seine Prioritäten zu setzen.“ Er trat hinüber zu Harry und klopfte ihm auf die Schulter, gleichzeitig warf er Ron einen vernichtenden Blick zu, der meine Wut sofort nach oben kochen ließ. „Jetzt hört aber auf! Ron kann doch nichts dafür, dass er zum Vertrauensschüler ernannt wurde!“ George wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als die Tür aufgerissen wurde, und Mine hereingestürmt kam.

    „Habt ihr- habt ihr-?“ Sie bemerkte das Abzeichen, dass Harry in die Hand genommen hatte, um es sich genauer anzusehen, und stieß einen spitzen Schrei aus. „Ich wusste es!“, rief sie aufgeregt und wedelte mit ihrem Briefumschlag, den ich erst jetzt bemerkte. „Ich auch, Harry, ich auch!“ „Nein“, entgegnete Harry schnell und drückte Ron wieder in die Hand. „Nicht ich, Ron ist es.“ „Es - was?“ „Ron ist Vertrauensschüler, nicht ich“, sagte Harry. „Ron?“, fragte Mine, als könne sie es nicht glauben, und ihr fiel dabei die Kinnlade hinunter. „Aber... bist du sicher? Ich meine-...“ Sie errötete, als Ron sie mit trotziger Miene ansah. „In dem Brief steht mein Name.“ „Ich...“, erwiderte Mine abgrundtief verwirrt. „Ich... nun... irre! Toll, Ron! Das ist wirklich-...“ „Unerwartet.“ George nickte. „Nein“, sagte Mine und wurde noch röter, „nein, ist es nicht... Ron hat ‘ne Menge ge... er ist wirklich...“ Weiter kam sie nicht, denn hinter ihr ging die Tür auf, und Mrs. Weasley kam mit einem Stapel frisch gewaschener Kleidung ins Zimmer. „Ginny meint, die Bücherliste ist endlich gekommen“, sagte sie, legte den Stapel auf Harrys Bett und begann zwei Stapel daraus zu machen. „Wenn ihr sie mir gebt, nehme ich sie heute Nachmittag mit rüber in die Winkelgasse und besorg euch die Bücher, während ihr packt. Ron, ich muss dir noch Schlafanzüge kaufen, die hier sind mindestens zehn Zentimeter zu kurz, nicht zu fassen, wie schnell du wächst... welche Farbe hättest du denn gern?“ „Kauf ihm doch was Rot-Goldenes, passend zu seinem Abzeichen“, sagte George feixend. „Passend zu was?“, fragte Mrs. Weasley zerstreut, rollte ein Paar kastanienbraune Socken zusammen und legte sie auf Rons Stapel. „Seinem Abzeichen“, sagte Fred mit einer Miene, als wolle er das Schlimmste rasch hinter sich bringen. „Seinem hübschen glänzenden neuen Vertrauensschülerabzeichen.“

    Es dauerte einen Moment, bis Freds Worte zu Mrs. Weasley durchgedrungen waren. „Seinem... aber... Ron, du bist doch nicht etwa?“ Ron hielt sein Abzeichen hoch. Wie Mine stieß auch Mrs. Weasley einen spitzen Schrei aus. „Ich kann’s nicht fassen! Ich glaub es nicht! Oh, Ron, wie wunderbar! Vertrauensschüler! Wie alle in der Familie!“ „Und was sind Fred und ich, Nachbarn von nebenan?“, fragte George beleidigt, aber seine Mutter schob ihn nur zur Seite und schloss Ron in die Arme. „Wenn dein Vater das erfährt! Ron, ich bin so stolz auf dich, das sind ja wunderbare Neuigkeiten, am Ende wirst du noch Schulsprecher wie Bill und Percy, das ist der erste Schritt! Oh, dass so etwas passiert, mitten in all den schweren Zeiten! Ich find’s einfach toll, oh, Ronnie-...“ Fred und George machten hinter dem Rücken ihrer Mutter laute Würggeräusche, doch Mrs. Weasley beachtete sie nicht; ich befürchtete fast, dass sie Ron alle Knochen brechen würde. „Mum... nicht... Mum, ist ja schon gut...“, murmelte dieser und versuchte sich von ihr zu lösen. Sie ließ von ihm ab. „Nun, was soll es sein?“, fragte sie atemlos. „Percy haben wir eine Eule geschenkt, aber du hast natürlich schon eine.“ „W-was meinst du?“, fragte Ron, und sah dabei aus, als könne er seinen Ohren nicht trauen. „Dafür musst du doch eine Belohnung bekommen!“, sagte Mrs. Weasley liebevoll. „Wie wär’s mit einer hübschen neuen Garnitur Festumhänge?“ „Wir haben ihm schon was in der Richtung gekauft“, meinte Fred säuerlich, und wirkte, als würde er das aufrichtig bedauern. „Oder einen neuen Kessel, Charlies alter rostet ja durch, oder eine neue Ratte, du hast doch Krätze immer so gemocht-...“ „Mum“, fragte Ron hoffnungsvoll, „kann ich einen neuen Besen haben?“ Mrs. Weasleys freudige Miene verdunkelte sich ein wenig; Besen war eben nicht billig. „Keinen wirklich guten!“, fügte Ron hastig hinzu. „Nur - nur einen neuen - zur Abwechslung mal...“ Mrs. Weasley zögerte, nickte dann jedoch und lächelte. „Natürlich... nun, ich beeil mich besser, wenn ich dir noch einen Besen kaufen soll. Wir sehen uns dann alle später... der kleine Ronnie, ein Vertrauensschüler! Und vergesst nicht, eure Koffer zu packen... Vertrauensschüler... oh, ich bin ganz hibbelig!“ Sie gab Ron noch einen Kuss auf die Wange, dann wuselte sie zur Tür hinaus.

    Fred und George tauschten Blicke. „Es macht dir doch nichts aus, wenn wir dich nicht küssen, Ron?“, erkundigte sich Fred in gespielt besorgtem Tonfall. „Wir könnten einen Knicks machen, wenn du magst“, bot George an. „Ach, haltet die Klappe“, erwiderte Ron und blickte die beiden finster an. „Und wenn nicht?“, sagte Fred und ein böses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Willst du uns Strafarbeiten verpassen?“ „Würd ja gern mal sehen, wie er’s versucht“, kiekste George. „Das könnte er, seht euch vor!“, erwiderte Mine, während ich ihr einen meiner Das-hilft-gerade-wirklich-nicht-Blicke zuwarf. Fred und George prusteten los und Ron murmelte: „Lass gut sein, Hermine.“ „In Zukunft müssen wir aber aufpassen, George“, sagte Fred und tat, als würde er zittern, „wenn die beiden hinter uns her sind...“ „Ja, sieht so aus, als wäre unsere kriminelle Karriere endlich vorbei“, fügte George kopfschüttelnd hinzu. Und mit einem lauten Knall disapparierten Fred und George.

    „Diese beiden!“, sagte Mine zornig und starrte an die Decke, durch die wir die Zwillinge dröhnend lachen hören konnten. „Mach dir nichts draus, Ron, die sind nur eifersüchtig!“ „Das glaub ich nicht“, entgegnete Ron mit zweifelnder Miene und blickte ebenfalls zur Decke. „Die haben immer gesagt, nur Vollidioten werden Vertrauensschüler... aber immerhin“, fügte er ein bisschen besser gelaunt hinzu, „haben sie auch nie einen neuen Besen gekriegt! Wenn ich nur mit Mum gehen und selbst aussuchen könnte... einen Nimbus wird sie sich niemals leisten können, aber es gibt einen neuen Sauberwisch, der wäre klasse... ja, ich glaub, ich geh und sag ihr, ich hätte gern den Sauberwisch, nur damit sie Bescheid weiß...“ Er flitzte aus dem Zimmer; Mine fragte Harry schnell, ob sie sich Hedwig leihen konnte, um ihren Eltern zu schreiben, dass sie ebenfalls Vertrauensschülerin geworden war. Dann verschwand sie ebenfalls und ließ Harry und mich allein zurück.

    Ich wusste nicht, weshalb, aber irgendwie fühlte es sich seltsam an, hier allein mit Harry zu sein. Vermutlich hätte jetzt jeder erwartet, dass wir die vorübergehende Ruhe dazu nützen würden, um... na ja, um zu knutschen. Aber wir taten nichts dergleichen... zwischen uns herrschte nur peinlich berührte Stille, weil es Harry wohl genauso ging wie mir. Also beschloss ich, es einfach bleiben zu lassen. „Ähm... ich glaube, ich gehe jetzt meinen Koffer fertigpacken...“, sagte ich. „Ähm... okay... klar“, erwiderte Harry, bevor ich die Tür hinter mir zuzog. Ich ging jedoch nicht zurück zu meinem Zimmer, in dem Mine wohl gerade ihren Brief schrieb, nein, ich ging zum Raum meiner Mum. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben, und das war in diesem Haus wirklich schwer. Ich drückte die Klinke hinunter, die sofort ein lautes Quietschen von sich gab, und ließ mich dann auf den Klavierschemel sinken. Spielen wollte ich nicht, ich wollte einfach nur sitzen und nachdenken. Ron und Mine waren also Vertrauensschüler... zugegeben, ich war mir nicht sicher gewesen, ob nun ich oder Mine Vertrauensschülerin werden würde. Ich hatte mich nur auf der sicheren Seite gesehen; Dumbledore mochte mich, er traute mir einiges zu, er wusste, dass man sich auf mich verlassen konnte... warum hatte er dann Mine zur Vertrauensschülerin gemacht? Wir waren in so vielem gleich gut, wir waren beide gute Schülerinnen, sie konnte genauso gut zaubern wie ich... was hatte Mine denn so besonderes an sich, dass Dumbledore es für angemessen hielt, ihr diesen Posten zu geben?

    Im selben Moment ekelte ich mich vor mir selbst. Wie konnte ich nur so abfällig über meine beste Freundin reden? Was war denn nur in mich gefahren? Ich hatte über Mine hergezogen, die niemals dasselbe mit mir tun würde. Was war ich nur für ein widerlicher Mensch? Dumbledore hatte Recht gehabt, nicht mich zur Vertrauensschülerin zu machen. Ich hatte diesen Posten nicht verdient; ich war zu egoistisch, zu selbstsicher, wollte immer mehr. Ich liebte das Risiko; kein Wunder, dass Dumbledore nicht mich gewählt hatte. Mine hatte das verdient, und ich sollte mich einfach für sie freuen, und was tat ich? Ich hatte hinter ihrem Rücken überlegt, was den so besonders an ihr wäre! Mine hatte Dumbledore ja nicht um das Abzeichen gebeten und konnte nichts dafür. Ich war eine schreckliche Freundin... und das musste ich wieder gutmachen! Ich würde mich für Mine freuen und meinen Egoismus zur Seite schieben; er sollte gar keine Chance haben, überhaupt ans Tageslicht zu treten. Entschlossen, heute nicht mehr mein Lächeln zu verlieren, verließ ich den Raum, um Mine zu suchen.

    12
    12. Kapitel

    Gegen sechs kam Mrs. Weasley aus der Winkelgasse zurück, beladen mit Büchern und einem länglichen, in dickes Papier gewickeltes Paket, das Ron ihr sehnsüchtig abnahm. „Du brauchst es jetzt gar nicht erst auszupacken, es gibt gleich Abendessen“, sagte Mrs. Weasley, nachdem sie mir meine Bücher in die Hand gedrückt hatte, und verschwand hastig wieder, während Ron mit verzückter Miene jeden Zentimeter seines neuen Besens musterte.
    In der Küche hatte Mrs. Weasley ein scharlachrotes Spruchband über den schwer beladenen Tisch gespannt, auf dem stand:

    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH
    DEN NEUEN VERTRAUENSSCHÜLERN
    RON UND HERMINE

    Ich hatte Mrs. Weasley während den gesamten Ferien nicht in so guter Stimmung gesehen. „Heute gibt’s kein Abendessen am Tisch, hab ich mir gedacht, sondern eine kleine Party“, verkündete sie Harry, Ron, Mine, Fred, George, Ginny und mir, als wir in die Küche kamen. „Dein Vater und Bill sind unterwegs, Ron. Ich hab ihnen Eulen geschickt und sie sind einfach hin und weg“, fügte sie strahlend hinzu. Fred verdrehte die Augen. Sirius, Remus, Tonks und Kingsley Shacklebolt waren schon da, und bald darauf stieß auch Moody zu uns. „Oh, Alastor, ich bin froh, dass du hier bist“, empfing ihn Mrs. Weasley fröhlich, während Moody seinen Mantel ablegte. „Ich wollte dich schon ewig um einen Gefallen bitten - könntest du einen Blick in das Schreibpult im Salon werfen und uns sagen, was dort drinsteckt? Wir wollten es nicht öffnen, falls es etwas wirklich Bösartiges ist.“ „Kein Problem, Molly...“ Sein blaues Auge schwenkte nach oben und starrte durh die Küchendecke. „Salon...“, knurrte er und die Pupille verengte sich. „Schreibpult in der Ecke? Ja, ich seh’s... ja, ist ein Irrwicht... soll ich hochgehen und ihn erledigen, Molly?“ „Nein, nein, das mach ich später dann selbst“, strahlte Mrs. Weasley, „du trinkst jetzt erst mal was. Wir haben übrigens eine kleine Feier...“ Sie deutete auf das scharlachrote Spruchband. „Der vierte Vertrauensschüler in der Familie!“, sagte sie liebevoll und zerzauste Ron dabei die Haare. „Vertrauensschüler, he?“, knurrte Moody, richtete das normale Auge auf Ron und schwenkte das magische Auge, so dass es seitlich in seinen Kopf hineinstarrte. „Nun, Glückwunsch“, sagte Moody, das normale Auge sah ihn immer noch an. „Autoritätspersonen ziehen ständig Ärger an, aber ich vermute, Dumbledore glaubt, dass du den meisten schweren Flüchen widerstehen kannst, sonst hätte er dich nicht ernannt...“

    Ron schien recht verdutzt über diese Sicht der Dinge zu sein, konnte sich jedoch eine Antwort ersparen, weil in diesem Moment Mr. Weasley und Bill hereinkamen. Mrs. Weasley war so gut gelaunt, dass sie sich nicht einmal darüber beschwerte, dass sie Mundungus mitgebracht hatten. „Nun, ich denke, ein Toast wäre angebracht“, sagte Mr. Weasley, als wir alle mit Getränken versorgt waren. Er hob seinen Kelch. „Auf Ron und Hermine, die neuen Vertrauensschüler von Gryffindor!“ Ron und Mine strahlten, während wir alle auf ihr Wohl tranken und dann applaudierten. „Ich war nie Vertrauensschülerin“, hörte ich Tonks gut gelaunt sagen, als wir alle zum Tisch gingen, um uns Essen aufzutun. Ihr Haar war heute tomatenrot und hüftlang; sie hätte glatt als Ginnys ältere Schwester durchgehen können. „Meine Hauslehrerin meinte, mir würden gewisse notwendige Eigenschaften fehlen.“ „Wie zum Beispiel?“, fragte Ginny und nahm sich eine Bratkartoffel. „Wie die Fähigkeit, mich zu benehmen.“, sagte Tonks. Ginny und ich mussten lachen; Mine sah aus, als wüsste sie nicht, ob sie lächeln sollte oder nicht, und entschied sich lediglich dazu, einen besonders großen Schluck Butterbier zu nehmen, an dem sie sich verschluckte. „Was war mit dir, Sirius?“, fragte ich neugierig, während Ginny Mine kräftig auf den Rücken klopfte. Sirius ließ ein bellendes Lachen hören. „Keiner hätte mich zum Vertrauensschüler gemacht, ich hab zu viele Strafstunden mit James abgesessen. Remus war damals der brave Junge, er hat das Abzeichen gekriegt.“ „Dumbledore hat anscheinend gehofft, ich könnte meine besten Freunde ein wenig bändigen“, sagte Remus. „Ich muss wohl kaum sagen, dass ich jämmerlich gescheitert bin. Von Lindsay durfte ich mir das auch immer anhören...“ Ich grinste und tat mir eine Bratkaroffel auf den Teller.
    Ron schwärmte jedem, der es hören wollte, von seinem neuen Besen vor. „Von null auf siebzig in zehn Sekunden, nicht schlecht, was? Wenn man bedenkt, dass es der Komet Zwei-Neunzig laut >Besentest< nur von null auf sechzig bringt, und zwar mit ordentlichem Rückenwind...“ Mine legte Remus sehr ernsthaft ihre Ansichten über Elfenrechte dar. „Das ist doch der gleiche Unsinn wie die Ausgrenzung der Werwölfe, oder? Das kommt alles von dieser schrecklichen Neigung der Zauberer zu denken, dass sie anderen Geschöpfen überlegen sind...“ Mrs. Weasley und Bill hatten mal wieder ihre übliche Auseinandersetzung über Bills Haare. „Da musst du jetzt unbedingt was machen, wo du doch eigentlich so gut aussiehst, kürzer würde dir viel besser stehen...“ Ich hingegen saß jedoch einfach auf einem Stuhl und beobachtete das Geschehen und malte mir in Gedanken schon aus, was ich endlich wieder tun konnte, wenn ich in Hogwarts war.

    Irgendwann gähnte Mrs. Weasley herzhaft und verkündete, dass sie den Irrwicht jetzt erledigen würde, bevor sie zu Bett ging, und die Küche verließ. Ich wandte mich wieder meinen Kartoffeln zu, bis Sirius in Richtung von Moody fragte: „Was hast du da, Mad-Eye?“ Interessiert sah ich auf; Moody hielt ein altes Foto in den Händen, und hielt es Sirius hin; neugierig sah ich ebenfalls darauf. Eine kleine Gruppe von Menschen schaute zu uns hoch, manche winkten, andere hoben ihre Gläser. „Orginal des Ordens des Phönix“, knurrte Moody. „Hab ich gestern Nacht gefunden.“ Sirius nahm Moody das Foto aus der Hand und ließ mich ebenfalls darauf sehen. „Schau, Sonnenschein...“ Er deutete auf eine der Gestalten. „Moody...“, flüsterte ich. Der Moody war nicht zu verwechseln, auch wenn sein Haar nicht ganz so grau und seine Nase heil war. Neben ihm stand Dumbledore, der auch kaum zu verwechseln war. „Das neben Moody ist Dädalus Diggel...da ist Marlene McKinnon, sie wurde zwei Wochen nach dieser Aufnahme umgebracht, die haben ihre ganze Familie ausgelöscht. Das sind Frank und Alice Longbottom-...“ Ich schluckte schwer, als ich Alice Longbottom ansah. Sie hatte das gleiche runde, freundliche Gesicht wie Neville; er war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. „Arme Teufel...“, knurrte Moody. „Besser der Tod, als in den Wahnsinn gefoltert werden... hier ist Emmeline Vance...“ „Und da ist Remus...“, sagte ich tonlos. „Daneben Benjy Fenwick, auch ihn hat’s erwischt, wir haben nur Stücke von ihm gefunden...rückt mal zur Seite“, forderte Moody die Gestalten auf und stupste gegen das Bild, woraufhin sie tatsächlich im Foto zur Seite rückten. „Das ist Edgar Bones... Bruder von Amelia Bones, ihn und seine Familie haben sie auch erwischt, war ein großartiger Zauberer... Sturgis Podmore, verdammt, sieht der jung aus... Caradoc Dearborn, sechs Monate später verschwunden, wir haben seine Leiche nie gefunden... Hagrid, sieht natürlich aus wie immer... Elphias Doge, hatte ganz vergessen, dass er immer diesen blöden Hut trug... Gideon Prewett, fünf Todesser waren nötig, ihn und seinen Bruder Fabian zu töten, sie haben gekämpft wie Helden... weiterrücken, weiterrücken...“ Die kleinen Leute in dem Foto drängelten und schubsten ein wenig. „Das ist Dumbledores Bruder Aberforth, das einzige Mal, dass ich ihn getroffen hab, merkwürdiger Kerl... das ist Dorcas Meadowes, Voldemort hat sie eigenhändig umgebracht...“ „Ach, da sind ich und Lindsay...“, murmelte Sirius. Mein Herz durchfuhr kurz ein heftigen Stich, als ich neben meinen Eltern Lily und James Potter erkannte und daneben... Peter Pettigrew. Mit seinen wässrigen Augen starrte er auf die Kamera und wirkte fast unsichtbar zwischen Lindsay, Sirius, James und Lily. Dieser verdammte Verräter... in mir brodelte ein solcher Zorn, dass ich das Bild am liebsten zerrissen hätte, was ich natürlich nicht tat. „Ich gehe nach oben... muss noch Koffer packen“, war das einzige, was ich sagte, dann war ich schon aus der Küche gestürmt.

    Oben ließ ich mich auf mein Bett fallen und vergrub mein Gesicht in meinem Kissen. Gerade hatte ich all diese Menschen gesehen, die für den Orden des Phönix gekämpft hatten. So viele von ihnen waren im Krieg gefallen... so viele Zauberer und Hexen, die für das Richtige gekämpft hatten. Jeder von ihnen hätte sicher noch ein langes Leben vor sich gehabt, wenn Voldemort nur nicht gewesen wäre. Allen voran meine Mutter. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn es Voldemort nicht gäbe, wenn Lindsay noch leben würde, wenn sie jetzt bei mir wäre. Wir würden nicht hier in diesem Haus leben, sondern auf dem Anwesen meiner Großeltern. Ob mein Großvater wohl noch leben würde? Vielleicht hätte ich dann Geschwister. Ich schmunzelte, als ich mir ein kleines Mädchen mit dunkelbraunem Haarschopf und grauen Augen vorstellte, dass mir aufgeregt zuhörte, als ich ihm von Hogwarts erzählte. Früher hatte ich mir immer Geschwister gewünscht; ich brauchte damals jemanden, der meine Einsamkeit vertrieb. Der einzige Weg, wie ich all dem entkommen konnte, waren Bücher. Sie halfen mir in meine eigenen Welten zu flüchten. Und doch... ich würde niemals eine normale Familie haben: meine Mutter war tot, mein Vater wurde für ein Verbrechen gesucht, das er nicht begangen hatte. Und zu allem Übel schien ich auch irgendeine wichtige Rolle inmitten dieses Machtkampfes von Voldemort zu spielen. Wenn das nicht ein vielversprechender Start in das neue Schuljahr war...

    13
    13. Kapitel

    Am nächsten Morgen herrschte im Haus Aufruhr. Mrs. Weasley schrie Fred und George aus Leibeskräften an, während wir in der Halle standen. Die beiden hatten nämlich, um sich die Mühe des Schleppens zu ersparen, ihre Koffer verhext, damit sie treppab flogen. Dabei waren sie aber gegen Ginny geknallt, die daraufhin zwei Treppen tief in die Halle gestürzt war. Mrs. Weasly hatte sofort zu schreien begonnen, was natürlich meine überaus reizende Großmutter aufweckte, die ebenfalls zu kreischen begonnen hatte. Ich hatte mich in eine der Ecken verzogen, während Moody mit Sirius redete, der kurz darauf zu mir kam. „Was ist los?“, fragte ich. „Mad-Eye besteht darauf, dass wir nicht rauskönnen, solange Sturgis Podmore nicht da ist, sonst hat die Leibgarde einen Mann zu wenig.“ „Leibgarde?“, fragte ich, während ich eine Augenbraue nach oben zog. „Du und Harry braucht Begleitschutz nach King’s Cross“, meinte Sirius. „Ich kann auf mich selbst aufpassen, ich brauche keinen Begleitschutz!“ „Weiß ich doch... aber Dumbledore hielt es für besser...“ „Du kannst nicht mit, oder?“ Auf Sirius’ Gesicht erschien ein Grinsen, das mir sofort deutlich machte, dass er eine Idee hatte. „Du wirst schon sehen.“ „KOMMT IHR ALLE JETZT BITTE SOFORT RUNTER!“, brüllte Mrs. Weasley in diesem Moment, und keine dreißig Sekunden später kamen Harry und Mine die Treppe heruntergerannt. Das Porträt meiner Großmutter kreischte zornig, aber niemand machte sich die Mühe, die Vorhänge vor ihrem Bild zu schließen. „Harry, Olivia, ihr geht mit mir und Tonks“, rief Mrs. Weasley über die „SCHLAMMBLÜTER! ABSCHAUM! GOSSENKINDER!“-Rufe hinweg. „Lasst die Koffer hier, Alastor kümmert sich um das Gepäck... oh, um Himmels willen, Sirius, Dumbledore hat nein gesagt!“ Ein bärenartiger schwarzer Hund war an meiner Seite aufgetaucht und stieg über einige Koffer hinweg, die in der Halle verstreut auf dem Boden lagen, um zu Mrs. Weasley zu gelangen. „Also ehrlich...“, sagte Mrs. Weasley entnervt. „Na gut, auf deine Verantwortung...“ Sie zog die Haustür auf.

    Ich trat hinaus in das warme Licht der Septembersonne. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, seit ich das letzte Mal draußen gewesen war. Harry und Sirius (in Hundegestalt natürlich!) folgten mir. Die Tür schlug hinter uns zu und im selbsten Moment waren die Schreie meiner Großmutter nicht mehr zu hören. „Wo ist Tonks?“, fragte Harry und blickte sich um, während wir die Steinstufen vor Grimmauldplatz Nummer zwölf hinuntergingen, die verschwanden, sobald wir den Gehweg betreten hatten. „Sie wartet gleich dort drüben auf uns“, sagte Mrs. Weasley steif und wandte den Blick von dem schwarzen Hund ab, der neben Harry und mir hertänzelte. An der Straßenecke wurden wir von einer alten Frau begrüßt. Sie hatte dicht gelocktes graues Haar und trug einen lilafarbenen Hut. „So ‘ne Überraschung...“, sagte sie augenzwinkernd. „Wir sollten uns beeilen, nicht wahr, Molly?“, fügte sie an Mrs. Weasley gewandt hinzu. „Ich weiß, ich weiß“, erwiderte Mrs. Weasley stöhnend und schritt noch entschiedener voran, „aber Mad-Eye wollte auf Sturgis warten... wenn Arthur uns doch nur wieder Autos aus dem Ministerium besorgt hätte... aber Fudge will ihn heutzutage nicht mal mehr ein leeres Tintenfass ausleihen lassen... wie ertragen die Muggel bloß das Reisen ohne Zauberei...“ Der große schwarze Hund bellte freudig auf, sprang um uns herum, schnappte nach Tauben und jagte seinen eigenen Schwanz. Ich schmunzelte, während Harry laut lachte. Ich konnte Sirius ansehen, wie sehr er sich freute, weil er nicht mehr im Haus festsaß. Mrs. Weasley schürzte nur die Lippen.

    Wir brauchten zwanzig Minuten zu Fuß bis King’s Cross, und bis dahin geschah nichts Bedeutenderes, als dass Sirius, um uns zu belustigen, ein paar Katzen erschreckte. Sobald wir im Bahnhof waren, stellten wir uns lässig an die Absperrung zwsichen Gleis neun und zehn, bis die Luft rein war, dann lehnten wir uns der Reihe nach dagegen und erschienen ohne weiteres auf dem Bahnsteig von Gleis neundreiviertel, wo der Hogwarts-Express bereitstand und rußigem Dampf über das dichte Getümmel von abreisenden Schülern und deren Familien blies. „Hoffentlich schaffen es die anderen noch rechtzeitig“, sagte Mrs. Weasley besorgt und spähte hinter sich zu dem schmiedeeisernen Bogen, der sich über den Bahnsteig wölbte und unter dem die Neuankömmlige erschienen. „Hübscher Hund, ihr beide!“, rief ein großer Junge mit Rastalocken. „Danke, Lee“, erwiderte ich grinsend und Sirius wedelte wild mit dem Schwanz. „Oh, gut“, sagte Mrs. Weasley erleichtert, „da ist Alastor mit dem Gepäck, schaut...“ Moody, mit einer tief über seine so verschiedenen Augen gezogenen Gepäckträgermütze, kam unter dem Bogen hindurchgehumpelt und schob eine Karre mit ihren Koffern vor sich her. „Alles in Ordnung“, murmelte er Mrs. Weasley und Tonks zu, „glaub nicht, dass wir verfolgt wurden...“ Sekunden später erschien Mr. Weasley mit Ron und Mine auf dem Bahnsteig. Wir hatten Moodys Gepäckkarre schon fast entladen, als Fred, George und Ginny mit Remus auftauchten. „Kein Ärger?“, knurrte Moody. „Nichts“, sagte Remus. „Die Sache mit Sturgis melde ich trotzdem an Dumbledore“, sagte Moody. „Das ist schon das zweite Mal, dass er eine Woche lang nicht auftaucht. Wird allmählich so unzuverlässig wie Mundungus.“ „Also, passt auf euch auf“, sagte Remus, schüttelte ringsum die Hände und schloss mich in eine kurze Umarmung. „Den Kopf in Deckung und die Augen offen halten“, meinte Moody und schüttelte mir und Harry die Hand. „Und vergesst nicht, das gilt für alle - seid vorsichtig, was ihr schreibt. Wenn ihr euch einer Sache nicht sicher seid, schreibt lieber nichts davon in einem Brief.“ „War großartig, euch alle kennen zu lernen“, sagte Tonks und umarmte Mine, Ginny und mich. „Ich denke, wir sehen uns bald.“

    Ein Warnpfiff ertönte, und wer noch auf dem Bahnsteig war, stieg nun eilends in den Zug. „Jetzt aber los!“, sagte Mrs. Weasley zerstreut und umarmte uns alle aufs Geratewohl, wobei sie Harry gleich zweimal erwischte. „Schreibt uns... seid brav... wenn ihr was vergessen habt, schicken wir es nach... jetzt aber rein in den Zug, schnell...“ Einen kurzen Moment lag stellte sich der große schwarze Hund auf die Hinterläufe und legte die Vorderpfoten auf Harrys Schultern, aber Mrs. Weasley zog Harry weiter zur Waggontür und zischte; „Um Himmels willen, benimm dich mal ein bisschen mehr wie ein Hund, Sirius!“ Ich ging schnell in die Hocke und umarmte Sirius. Höchstwahrscheinlich würde ich danach eine Menge Fell auf meiner Jacke zupfen müssen, aber das war mir in diesem Moment egal. „Wir sehen uns...“, wisperte ich. „Ich hab dich lieb...Dad.“ Dann drehte ich mich um und schlüpfte gerade noch in den Zug, bevor sich die Waggontür hinter mir schloss. Ich gesellte mich zu Ron, Mine, Harry und Ginny, die gerade den Erwachsenen zuwinkten, während der Zug sich in Bewegung setzte. Die Umrisse von Tonks, Lupin, Moody und Mr. und Mrs. Weasley wurden rasch kleiner, aber der schwarze Hund sprang neben uns am Fenster her und wedelte mit dem Schwanz; verschwommene Gestalten auf dem Bahnsteig beobachteten lachend, wie er dem Zug nachjagte, dann ging es in eine Kurve und Sirius war verschwunden.

    „Er hätte nicht mitkommen sollen“, sagte Mine besorgt. „Ach, mach dir keine Gedanken“, erwiderte Ron, „der arme Kerl hat doch seit Monaten kein Tageslicht mehr gesehen.“ „Nun“, meinte Fred und klatschte in die Hände, „wir können hier nicht den ganzen Tag rumstehen und quatschen, wir haben mit Lee geschäftliche Dinge zu besprechen. Bis später dann.“ Er und George verschwanden nach rechts den Gang entlang. Der Zug beschleunigte noch immer, die häuser vor dem Fenster flitzten vorbei und wir gerieten ins Schwanken. „Wollen wir uns nicht ein Abteil suchen?“, fragte Harry. Ron und Mine tauschten Blicke. „Ähm“, sagte Ron. „Wir - ja - Ron und ich müssen ins Vertrauensschülerabteil“, fügte Mine verlegen hinzu. Ron mied Harrys Blick; auch Mine schien leicht verlegen zu sein. „Oh, gut. Na schön.“, gab Harry von sich. „Ich glaub nicht, dass wir die ganze Fahrt über dort bleiben müssen“, sagte sie hastig. „In unseren Briefen steht, dass wir nur Anweisungen von den beiden Schulsprechern entgegennehmen und dann von Zeit zu Zeit einen Streifzug durch die Gänge machen müssen.“ „Okay“, sagte ich gedehnt, „dann sehen wir uns später.“ „Ja, bestimmt“, stimmte Ron mir zu und warf Harry flüchtig einen besorgten Blick zu. „Stinkt mir, dass ich da hinmuss, ich würd lieber - aber wir müssen - also, mir gefällt’s nicht, ich bin ja nicht Percy“, schloss er trotzig. „Weiß ich doch“, sagte Harry grinsend. Mine und Ron schleiften ihre Koffer mitsamt Krummbein und Pig im Käfig in Richtung Lok davon.

    „Und jetzt?“, fragte Harry. „Komm mit“, ermahnte ihn Ginny, „wenn wir uns beeilen, können wir ihnen Plätze freihalten.“ „Du hast Recht“, stimmte ich ihr zu, schnappte mir meinen Koffer und folgte Ginny durch die Gänge. Mir fiel auf, dass viele, die in bereits vollen Abteilen saßen, ihren Nachbarn anstießen, wenn sie Harry sahen, und auf ihn deuteten. Ich versuchte es einfach zu ignorieren. Im allerletzten Waggon trafen wir auf Neville. Sein rundes Gesicht glänzte vor Anstrengung, weil er seinen Koffer hinter sich herschleifte und gleichzeitig mit einer Hand seine wiederspenstige Kröte Trevor festhielt. „Hi, Harry“, keuchte er. „Hi, Liv... Hi, Ginny... alles voll hier... ich find keinen Platz...“ „Was soll der Unsinn?“, fragte Ginny, die in das Abteil hineinspähte. „Hier ist Platz, da sitzt nur Loony Lovegood drin-...“ „Nenn sie nicht Loony“, fauchte ich sie an. Ich hasste es, wenn Luna so genannt wurde, weil alle anderen sie für seltsam und verrückt hielten. Luna war etwas Besonderes und es interessierte sie nicht, wenn die anderen sie nicht leiden konnten, mich dafür aber umso mehr. „Tschuldige“, murmelte Ginny. Neville meinte etwas davon, dass er niemanden stören wolle. „Luna hat sicher nichts dagegen, wenn wir uns zu ihr setzen.“, sagte ich, dann schob ich die Abteiltür auf.

    „Hallo, Luna!“, begrüßte ich sie. Luna sah von einer Ausgabe des >Klitterers< auf, die sie gerade verkehrt herum las. „Hallo, Liv, schön dich zu sehen“, sagte sie mit ihrer verträumten Stimme. „Hast du was dagegen, wenn wir uns zu dir setzen?“ Sie schüttelte den Kopf. Ich zerrte meinen Koffer nach oben in die Gepäckablage, während Ginny, Neville und Harry das Abteil betraten. Luna hatte ihren Zauberstab, wie normalerweise auch, hinter ihr Ohr geklemmt und trug eine Kette aus Butterbierkorken um den Hals. Andere hätten das höchstwahrscheinlich für hochgradig verrückt befunden, doch ich fand, dass es zu Luna passte. Früher hatte ich mir immer eine Freundin wie sie gewünscht. Ihr Blick wanderte über Neville und blieb an Harry kleben. Auch Harry und Neville verstauten die restlichen drei Koffer und Hedwigs Käfig im Gepäckregal. Luna beobachtete die beiden über ihr Magazin hinweg. „Einen schönen Sommer verbracht, Luna?“, fragte Ginny. „Ja“, erwiderte sie verträumt, ohne die Augen von Harry abzuwenden. „Ja, war eigentlich ganz schön. Du bist Harry Potter“, fügte sie hinzu. „Das weiß ich“, sagte Harry. Neville gluckste. Lunas blasse Augen wanderten zu ihm hinüber. „Und ich weiß nicht, wer du bist.“ „Ich bin niemand“, sagte er schnell. „Nein, bist du nicht“, unterbrach Ginny ihn scharf. „Neville Longbottom - Luna Lovegood. Luna ist in meinem Jahrgang, aber in Ravenclaw.“ „Witzigkeit im Übermaß ist des Menschens größter Schatz“, sagte Luna mit Singsangstimme. Sie hob ihr umgedrehtes Magazin so hoch, dass es ihr Gesicht verbarg, und verfiel in Schweigen. Harry und Neville sahen sich mit hochgezogenen Brauen an und Ginny verkniff sich ein Kichern. Am liebstens hätte ich allen dreien einen ordentlichen Schlag in die Seite verpasst. „Das war das Motto von Rowena Ravenclaw“, sagte ich eisig, dann zog ich ein Buch heraus und begann zu lesen.

    Der Zug ratterte dahin und trug uns schnell hinaus ins offene Land. Es war ein merkwürdig unbeständiger Tag; mal war das Abteil sonnendurchflutet und im nächsten Moment schon fuhren wir unter bedrohlich grauen Wolken dahin. „Ratet mal, was ich zum Geburtstag bekommen hab“, sagte Neville. „Noch ein Erinnermich?“, rat Harry. „Nein“, sagte Neville. „Könnt allerdings eins gebrauchen, mein altes hab ich schon vor ‘ner Ewigkeit verloren... nein, schaut mal...“ Gespannt ließ ich mein Buch sinken. Während er Trevor mit der einen Hand festhielt, steckte er die andere in seine Schultasche, stöberte ein wenig darin und brachte etwas zum Vorschein, das wie ein kleiner grauer Kaktus in einem Topf aussah, nur dass er nicht mit Stacheln, sondern offenbar mit Furunkeln überzogen war. „Mimbulus mimbeltonia“, sagte er stolz. Von einer solchen Pflanze hatte ich noch nie gehört. Es pulsierte leicht, was ihm ein ziemlich gruseliges Aussehen eines kranken inneren Organs verlieh. „Der ist echt selten“, sagte Neville und strahlte. „Ich weiß nicht mal, ob sie in Hogwarts einen davon im Gewächshaus haben. Den muss ich unbedingt Professor Sprout zeigen. Mein Großonkel Algie hat ihn für mich aus Assyrien mitgebracht. Mal sehen, ob ich Ableger davon züchten kann.“ Wir wussten alle, dass Kräuterkunde Nevilles absolutes Lieblingsfach war, aber ich konnte mir trotzdem bei bestem Willen nicht vorstellen, was Neville mit dieser Pflanze anfangen wollte. Harry schien ähnliche Gedanken zu haben, denn er fragte: „Tut der - ähm - irgendwas?“, fragte er. „’ne ganze Menge!“, rief Neville stolz. „Er hat einen irren Verteidigungsmechanismus. Hier, halt mal Trevor...“ Er ließ die Kräte in Harrys Schoß plumpsen und holte eine Schreibfeder aus seiner Schultasche. Lunas große Glubschaugen erschienen wieder über dem Rand ihrer Zeitschrift, um zu sehen, was Neville anstellte. Neville, die Zunge zwischen den Zähnen, hob den Mimbulus mimbeltonia auf Augenhöhe, wählte einen Punk und versetzte dem Gewächs mit der Federspitze einen kräftigen Stich.

    Aus allen Furunkeln der Pflanze spritzte eine Flüssigkeit - dicke, stinkende dunkelgrüne Strahlen. Sie trafen die Decke, die Fenster und spritzten über Lunas Magazin; Ginny und ich hatten gerade noch unsere Arme vors Gesicht gerissen, doch Harry, der vollauf damit beschäftigt gewesen war, Trevor an der Flucht zu hindern, bekam eine volle Ladung ins Gesicht. Das Zeug roch absolut widerlich. Neville, dessen Gesicht und Oberkörper ebenfalls vollkommen nass waren, schüttelte den Kopf, um das Gröbste aus den Augen zu kriegen. „’tschulligung“, keuchte er. „Das hab ich noch nie ausprobiert... wusste gar nicht, dass es doch so... aber macht euch keine Sorgen, Stinksaft ist nicht giftig“, fügte er rasch hinzu, als Harry einen Mund voll zu Boden spuckte. Genau in diesem Moment wurde die Tür unseres Abteils aufgeschoben. „Oh... hallo, Harry“, sagte eine nervöse Stimme. „Ähm... stör ich gerade?“ Es war Cho Chang, die Sucherin der Quidditch-Mannschaft von Ravenclaw und das Mädchen, das von Harry gefragt worden war, ob er mit ihr zum Weihnachtsball gehen wolle. Glücklicherweise war sie bereits mit Cedric Diggory verabredet gewesen, weshalb Harry irgendwann mich gefragt hatte, doch noch immer nagte dieses brennende Gefühl an mir, das mir sagte, dass ich nicht die erste Wahl gewesen war. „Oh... hi“, erwiderte Harry in diesem Moment tonlos. „Ähm...“, sagte Cho, als ihr Blick auf mich fiel. „Na ja... ich wollte nur mal kurz hallo sagen...“ Sie wandte ihre Augen schnell von mir ab. „Also dann tschüss.“ Sie war ziemlich rosa im Gesicht, als sie die Tür schloss und davonging. Harry sackte stöhnend auf seinem Platz zusammen. Mein Herz brannte wie Feuer; schämte Harry sich gerade wirklich? Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Harry das jemals in meiner Gegenwart getan hätte. Und Cho... sie war doch gerade nicht ernsthaft rot geworden, oder? Und das alles direkt vor meiner Nase... aber seltsamerweise war das Gefühl, das gerade durch meine Adern rauschte, nicht Eifersucht; es war Enttäuschung. Enttäuschung darüber, dass es Harry scheinbar überhaupt nicht interessierte, dass seine Freundin ihm gegenüber saß, während er dieser Cho hinterherstarrte. Ginny riss mich ruckartig aus meinen Gedanken, während ich wie angewurzelt auf meinem Sitz saß. „Macht nichts“, sagte die Rothaarige munter. „Schaut mal, das kriegen wir ganz einfach wieder weg.“ Sie zog ihren zauberstab. „Ratzeputz!“ Der Stinksaft verschwand. „’tschulligung“, murmelte Neville zu wiederholten Mal mit kleinlauter Stimme.

    Ron und Mine ließen sich fast eine Stunde lang nicht blicken und inzwischen war der Imbisswagen schon da gewesen. Wir hatten unsere Kürbiskuchen aufgegessen und tauschten gerade Schokofroschkarten, als die Abteiltür auflitt und die beiden hereinkamen, begleitet von Krummbein und einem schrill in seinem Käfig schreienden Pig. „Ich verhungere noch!“, sagte Ron, verstaute Pig neben Hedwig, schnappte sich einen Schokofrosch von Harry und ließ sich auf den Sitz neben ihm fallen. Er riss die Verpackung auf, biss dem Frosch den Kopf ab und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück, als hätte er einen sehr anstrengenden Morgen hinter sich. „Also, in jedem Haus gibt es zwei Vertrauensschüler aus der fünften Klasse“, sagte Mine, offenbar schlecht gelaunt und setzte sich auf ihren Platz. „Jeweils ein Junge und ein Mädchen.“ „Und jetzt ratet mal, wer die Vertrauensschüler in Slytherin sind“, sagte Ron. „Malfoy“, erwiderte Harry wie aus der Pistole geschossen. „Klar“, sagte Ron bitter, stopfte sich den Rest seien Frosches in den Mund und nahm sich noch einen. „Und diese blöde Kuh Pansy Parkinson“, fügte Mine böse hinzu. „Wie die Vertrauensschülerin geworden ist, obwohl sie dümmer ist als ein Troll mit Gehirntrauma...“ „Wer ist es in Hufflepuff?“, fragte ich neugierig. „Ernie Macmillan und Hannah Abbott“, sagte Ron mit vollem Mund. „Und in Ravenclaw Anthony Goldstein und Padma Patil“, sagte Mine. „Du bist doch mit Padma Patil zum Weihnachtsball gegangen“, kam es von Luna. Alle drehten sich zu ihr um. Luna starrte über den Klitterer hinweg Ron an. Er schluckte seinen Schokofrosch hinunter. „Ja, weiß ich wohl“, sagte er, offensichtlich ein wenig überrascht. „Ihr hat’s nicht besonders gefallen“, erklärte ihm Luna. „Sie findet, du hast sie nicht sonderlich gut behandelt, weil du doch nicht mir ihr tanzen wolltest. Ich glaub, mir hätte das nichts ausgemacht“, fügte sie nachdenklich hinzu, „ich steh nicht so auf Tanzen.“

    Sie zog sich wieder hinter ihren Klitterer zurück. Ron starrte einige Sekunden lang mit offenem Mund das Titelblatt an, dann wandte er sich Ginny zu, als könne sie ihm das irgendwie erklären, doch sie hatte sich eine Faust in den Mund gesteckt und biss sich auf die Knöchel, um ihr Kichern zu unterdrücken. Dafür handelte sie sich einen bösen Blick von mir ein. Ron schüttelte nachdenklich den Kopf und blickte auf seine Uhr. „Wir sollen hin und wieder durch die Gänge laufen“, erklärte er uns, „und wir können Strafen erteilen, wenn sich Leute schlecht benehmen. Ich bin schon scharf drauf, Crabbe und Goyle wegen irgendwas dranzukriegen...“ „Du sollst deine Position nicht missbrauchen, Ron!“, sagte Mine scharf. „Ja, klar, Malfoy macht das ja auch nicht“, entgegnete Ron sarkastisch. „Also willst du dich auf seine Ebene herablassen?“ „Nein, ich will nur sicherstellen, dass ich seine Kumpels drankriege, bevor er meine kriegt.“ „Um Himmels willen, Ron-...“ „Ich lass Goyle Strafarbeiten schreiben, das macht ihn fertig, Schreiben hasst er nämlich“, sagte Ron. Er verzog das Gesicht, als würde er sich unter Qualen konzentrieren, grunzte mit tiefer Stimme wie Goyle und schrieb mit der Hand in die Luft. „Ich... darf... nicht... aussehen... wie... ein... Pavianpopo.“

    Alle lachten, aber heftigsten aber Luna. Sie stieß einen Juchzer aus, dass Hedwig aufwachte und entrüstet mit den Flügeln schlug und Krummbein fauchend auf die Gepäckablage sprang. Luna lachte so heftig, dass ihr das Heft aus der Hand und über die Beine zu Boden rutschte. „Das war lustig!“ Ihre Augen schwammen in Lachtränen, sie schnappte nach Luft und starrte Ron an. Völlig perplex wandte sich Ron zu uns um und wir mussten nur noch mehr über seinen lächerlichen Gesichtsausdruck lachen (wobei die anderen auch über Lunas viel zu langes Gelächter lachten). Diese wippte gerade hin und her und hielt sich die Seiten. „Willst du mich verulken?“, fragte Ron und sah sie ärgerlich an. „Pavian...popo!“, keuchte und sie und presste dabei die Hände gegen die Rippen.

    Alle sahen Luna beim Lachen zu, als Harry plötzlich ihre Ausgabe des >Klitterers< aufhob. Ich linste zu ihm hinüber und versuchte zu erkennen, wen das Bild auf der Titelseite darstellen sollte. Erst nach einigen Sekunden erkannte ich, dass es sich um eine ziemlich schlechte Karikatur von Cornelius Fudge handelte. Ich erkannte ihn allerdings nur durch seinen limonengrünen Bowlers. Fudge umklammerte mit der einen Hand einen Sack Gold, mit der anderen würgte er einen Kobold. Der Text zu der Karikatur lautete: >Wie weit wird Fudge gehen, um sich Gringotts zu sichern?< Darunter standen die Themen von weiteren Artikeln im Magazin aufgelistet.

    Korruption in der Quidditch-Liga:
    Wie die Tornados die Kontrolle übernehmen
    Geheimnisse uralter Runen enthüllt
    Sirius Black: Schurke oder Opfer?

    „Können wir uns dein Magazin mal kurz ausleihen, Luna?“, fragte ich sie. Luna, die noch immer Ron anstarrte und vor Lachen japste, nickte. Harry schlug das Heft auf; ich überflog das Inhaltsverzeichnis. Ich musste unbedingt diesen Artikel über Sirius durchlesen, und Harry dachte wohl dasselbe, denn eiligst schlug er die Seite mit dem Artikel auf. Auch dieser Text war mit einer ziemlich schlechten Karikatur bebildert; tatsächlich wäre ich nicht darauf gekommen, dass damit mein Vater gemeint war, wenn es nicht dabeigestanden hätte. Sirius stand mit gezücktem Zauberstab auf einem Haufen menschlicher Knochen. Die Überschrift des Artikels lautete:

    SIRIUS BLACK - SO SCHWARZ, WIE ER GEMALT WIRD?
    Berüchtigter Massenmörder oder unschuldiges Sangeswunder?

    Diesen ersten Satz musste ich mehrere Male lesen, bis ich sicher war, dass ich ihn nicht missverstanden hatte. Seit wann war Sirius denn bitte ein Sangeswunder?

    Seit vierzehn Jahren gilt Sirius Black als verantwortlich für den Massenmord an zwölf unschuldigen Muggeln und einem Zauberer. Blacks waghalsige Flucht aus Askaban vor zwei Jahren löste die größte Fahndung aus, die das Zaubereiministerium jemals in Zweifel gestellt, dass er wieder gefangen genommen und den Dementoren ausgehändigt werden muss.
    ABER HAT ER DAS VERDIENT?
    In jüngster Zeit kamen sensationelle neue Hinweise ans Licht, wonach Sirius Black die Verbrechen, für die er nach Askaban geschickt wurde, vielleicht gar nicht begangen hat. Tatsächlich, so behauptet Doris Purkiss aus Little Norton, Bärenklauweg achtzehn, war Black damals womöglich überhaupt nicht am Tatort.
    „Die Leute wissen ja gar nicht, dass Sirius Black ein falscher Name ist“, sagt Mrs. Purkiss. „Der Mann, den sie für Sirius Black halten, ist in Wahrheit Stubby Boardman, Lead-Sänger der beliebten Gesangsgruppe The Hobgoblins, der sich aus dem öffentlichen Leben zurückzog, nachdem ihn vor fast fünfzehn Jahren bei einem Konzert im Gemeindehaus von Little Norton eine Rübe am Ohr getroffen hatte. Ich hab ihn sofort erkannt, als ich sein Bild in der Zeitung sah. Nun kann aber Stubby unmöglich diese Verbrechen begangen haben, weil er an dem fraglichen Tag zufällig ein romantisches Candle-Light-Dinner mit mir genossen hat. Ich habe an das Zaubereiministerium geschrieben und erwarte nun jeden Tag, dass es sich bei Stubby alias Sirius umfassend entschuldigt.“

    Als ich zu Ende gelesen hatte, wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Vielleicht war das auch nur ein Witz... Ich blätterte ein paar Seiten zurück und fand den Artikel über Fudge.

    Zaubereiminister Cornelius Fudge bestritt bei seiner Wahl vor fünf Jahren, dass er irgendwelche Pläne zur Übernahme der Zaubererbank Gringotts habe. Fudge hat immer betont, er wolle mit den Wächtern unseres Goldes nichts weiter als „friedlich zusammenarbeiten“. ABER STIMMT DAS?
    Dem Minister nahe stehende Quellen enthüllten kürzlich, dass Fudge vor Ehrgeiz brennt, die Goldvorräte der Kobolde unter seine Kontrolle zu bringen, und dass er nicht zögern wird, wenn nötig auch Gewalt anzuwenden. „Das war übrigens nicht das erste Mal“, sagte ein Kenner des Ministeriums. „Cornelius >Kobold-Killer< Fudge, so nennen ihn seine Freunde. Wenn Sie ihn hören könnten in Momenten, da er sich sicher glaubt, oh, andauernd redet er von den Kobolden, die er beseitigt hat; er ließ sie ertränken, von Gebäuden stürzen, vergiften und zu Pasteten verarbeiten...“

    Ich hörte auf zu lesen; es fiel mir durchaus schwer, mir vorzustellen, dass Fudge befohlen haben sollte, Kobolde zu Pasteten zu verarbeiten. Harry blätterte durch das Heft; und was dort alles geschrieben stand: eine Anschuldigung, dass die Tutshill Tornados in der Quidditch-Liga durch eine Mischung aus Erpressung, illegaler Besenmanipulation und Folter den Meistertitel holen würden; ein Interview mit einem Zauberer, der behauptete, auf einem Sauberwisch Sechs zum Mond geflogen zu sein, und zum Beweis dafür einen Sack voll Mondfrösche mitgebracht hatte; und einen Artikel über uralte Runen, der wenigstens erklärte, warum Luna das Magazin verkehrt herum gelesen hatte. Laut dem Artikel musste man die Runen nur auf den Kopf drehen, dann gaben sie angeblich einen Zauberspruch preis, der die Ohren eines jeden Feindes in Kumquats verwandelte. Tatsächlich war die Behauptung, Sirius könnte in Wahrheit der Lead-Sänger der Hobgoblins sein, im Vergleich zu den anderen Artikeln noch halbwegs nachvollziehbar. „Steht da was Brauchbares drin?“, fragte Ron, als Harry das Heft zuschlug. „Natürlich nicht“, sagte Mine verächtlich, noch bevor Harry oder ich antworten konnten. „>Der Klitterer< ist totaler Mist, das weiß doch jeder.“ Das hätte sie besser nicht gesagt.

    „Entschuldige mal“, sagte Luna; ihre Stimme hatte den gewohnten verträumten Ton verloren. „Mein Vater ist der Chefredakteur.“ „Ich - oh“, stammelte Mine peinlich berührt. „Nun, da sind ein paar interessante... ich meine, er ist durchaus...“ „Ich möchte ihn gern zurückhaben, danke“, sagte Luna kalt (was ich noch nie gesehen hatte), beugte sich vor und riss Harry das Heft aus der Hand. Sie überschlug es bis Seite 57, drehte es erneut auf den Kopf und verschwand dahinter, genau in dem Moment, als die Abteiltür zum dritten Mal aufging.

    Und wer stand im Türrahmen? Natürlich. Draco, zusammen mit Crabbe und Goyle. „Was gibt’s?“, fragte Harry angriffslustig, noch bevor Draco überhaupt den Mund aufgemacht hatte. (Am liebsten hätte ich angefangen zu lachen, aber in dieser Situation wäre das höchstwahrscheinlich nicht die beste Reaktion gewesen.) „Benimm dich, Potter, oder ich muss dir eine Strafarbeit verpassen“, erwiderte Draco genüsslich. „Du siehst, dass ich im Gegensatz zu dir zum Vertrauensschüler ernannt wurde, was heißt, dass ich im Gegensatz zu dir die Befugnis habe, Strafen zu erteilen.“ „Ja“, sagte Harry, „aber du bist im Gegensatz zu mir ein Mistkerl, also raus hier und lass uns in Ruhe.“ Ron, Mine, Ginny und Neville lachten schallend, während ich ein kleines Schmunzeln hervorbrachte. Dracos Lippen kräuselten sich. „Sag mal, wie fühlt man sich, wenn man zweitbester nach Weasley ist, Potter?“, fragte er. „Halt die Klappe, Malfoy!“, sagte Mine scharf. „Da scheine ich ja einen Nerv getroffen zu haben“, meinte Draco grinsend. „Übrigens, sieh dich vor, Potter, weil ich dir auf den Fersen bleibe wie ein Hund, falls du aus der Reihe tanzen solltest.“ Ich verkrampfte mich in meinem Sitz; wie ein Hund? Hatte Draco Sirius am Bahnhof gesehen? Aber in diesem Moment war das auch egal. Ich stand auf und zückte meinen Zauberstab, den ich direkt auf Dracos Kehle zeigen ließ. „Raus hier!“ Draco grinste nur und versetzte Harry noch einen bösartigen Blick, dann ging er den Gang entlang davon und Crabbe und Goyle trampelten hinter ihm drein. Ich knallte die Abteiltür zu und ließ mich wieder auf meinen Platz fallen. Ich war so tief in meinen Gedanken versunken, dass ich gar nicht bemerkte, wie Ron Harry nach einem weiteren Schokofrosch fragte.

    14
    14. Kapitel

    Es ging immer weiter nach Norden und das Wetter blieb unbeständig. Mal prasselte halbherziger Regen gegen die Fenster, dann wiederrum hatte die Sonne einen schwachen Auftritt, bis sie erneut von Wolken verdeckt wurde. Als die Dunkelheit hereinbrach und die Lampen in den Abteilen angingen, rollte Luna den >Klitterer< zusammen, verstaute ihn bedächtig in ihrer Tasche und verbrachte die Zeit damit, alle anderen anzustarren. Ich versuchte einen Blick auf Hogwarts zu erhaschen, doch es war eine mondlose Nacht, und das Fester, über das sich Regenschlieren zogen, war rußig. „Wir sollten uns schon mal umziehen“, meinte Mine schließlich. Sie und Ron steckten sich gewissenhaft das Vertrauensschülerabzeichen an die Brust; Ron überprüfte sien Spiegelbild im schwarzen Fenster.

    Endlich verlangsamte der Zug seine Fahrt, und wir hörten gangauf und gangab den üblichen Tumult losbrechen, als alle überstürzt ihr Gepäck und ihre Tiere zusammensuchten und sich zum Aussteigen bereitmachten. Weil Ron und Mine das Treiben beaufsichtigen mussten, verschwanden sie wieder aus dem Abteil und überließen es uns, uns zum Krummbein und Pig zu kümmern. „Ich trage diese Eule, wenn du willst“, sagte Luna gewissenhaft zu Harry und griff nach Pig, während Neville vorsichtig Trevor in seine Jackentasche steckte. „Oh - ähm - danke“, meinte Harry, reichte ihr den Käfig und schloss den von Hedwig fester in die Arme.

    Wir drängten uns aus dem Abteil und als wir uns in die Menge auf dem Gang einreihten, spürten wir den ersten Hauch der Nachtluft auf den Gesichtern. Langsam ging es voran zu den Türen. Ich konnte schon die Kiefern riechen, die den Weg zum See hinunter säumten. Ich trat auf den Bahnsteig, sah mich um und lauschte nach Hagrid, der wie jedes Jahr die Erstklässler zu sich rief. Aber er kam nicht. Stattdessen rief eine ganz andere Stimme, eine barsche Frauenstimme: „Erstklässler hierher in eine Reihe, bitte! Alle Erstklässler zu mir!“ Eine Laterne schwang auf uns zu, und in ihrem Licht war das markante Kinn und der strenge Haarschnitt von Professor Raue-Pritsche zu sehen, die Hexe, die Hagrid letztes Jahr in Pflege magischer Geschöpfe für eine Weile vertreten hatte. „Wo ist Hagrid?“, fragte Harry laut. „Ich weiß nicht“, meinte Ginny von hinten, „aber wir sollten uns mal hier wegbewegen, wir versperren die Tür.“ „Oh, ja...“

    Harry, Ginny und ich verloren einander, als wir über den Bahnsteig und durch den Bahnhof gingen. Immer wieder hielt ich Ausschau nach Hagrid, konnte ihn jedoch nicht entdecken. Er konnte doch nicht weg sein, oder? Das konnte einfach nicht sein. Bestimmt war er einfach nur erkältet, oder so was...
    Ich suchte nach Ron und Mine in der Menge, doch auch die beiden konnte ich nicht ausmachen, als ich durch dunkle, regennasse Straße vor dem Bahnhof entlanggetrieben wurde. Hier standen die rund hundert Kutschen, die von Thestralen gezogen wurden. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter; ich wirbelte herum und widerstand dem Drang, die Person über meine Schulter zu Boden zu ziehen. Ich starrte in ein grünes Augenpaar hinter einer Brille. Harry. Erleichtert atmete ich auf.

    „Siehst du sie auch?“, fragte Harry leise. Seine Stimme schwankte ein wenig.
    „Ja, schon seit unserem zweiten Schuljahr“, erwiderte ich.

    Vorsichtig ging ich auf eins der Tiere zu. Es drehte seinen Kopf mir zu und starrte mich aus seinen pupillenlosen weißen Augen an. Ich streckte meine Hand aus und berührte leicht die Knochen. „Ich weiß jetzt, warum ich euch sehen kann“, wisperte ich so leise, dass es nur der Thestral hören konnte. Eine einzige Träne rollte meine Wange hinunter, die ich jedoch hastig wegwischte. Ich wollte nicht daran denken, dass ein wichtiger Bestandteil meines Lebens fehlte. Schnell drehte ich mich weg und ging zurück zu Harry, der gerade mit Ron redete.
    Nicht weit von uns kam Draco daher, gefolgt von einer kleinen Schar seiner Spießesellen, darunter Crabbe, Goyle und natürlich Pansy Parkinson. Er stieß ein paar offensichtlich verängstigte Zweitklässler aus dem Weg, damit er und seine Freunde eine Kutsche für sich allein bekamen. Sekunden später löste sich Mine keuchend aus der Menge. „Malfoy war dahinten absolut gemein zu einem Erstklässler. Ich melde das, ich schwör’s, jetzt hat er sein Abzeichen gerade mal drei Minuten und schon schikaniert er die Leute noch schlimmer als sonst... Wo ist Krummbein?“ „Ginny hat ihn... da ist sie...“ Ginny tauchte gerade aus der Menge auf, sie hielt den widerspenstigen Krummbein an sich geklammert. „Danke“, sagte Mine und nahm Ginny den Kater ab. „Kommt wir nehmen uns zusammen eine Kutsche, bevor alle besetzt sind...“ „Pig fehlt noch!“, sagte Ron, aber Mine war bereits auf dem Weg zur nächsten freien Kutsche. Ich zuckte nur mit den Schultern und folgte ihr.

    Wenig später kamen auch Harry und Ron, der den Käftig mit Pig in den Händen hielt, und danach Luna. Harry warf den Thestralen immer wieder beunruhigte Blicke zu, während er in die Kutsche kletterte. „Du wirst nicht verrückt oder so. Ich kann sie auch sehen.“, sagte Luna und schenkte Harry ein mattes Lächeln, bevor sie ebenfalls zu uns in die Kutsche stieg.

    15
    15. Kapitel

    „Habt ihr die olle Raue-Pritsche gesehen?“, fragte Ginny. „Was hat die hier unten eigentlich zu suchen? Hagrid kann doch nicht weg sein, oder?“ „Da wär ich ganz froh darüber“, meinte Luna, „er ist kein guter Lehrer, findet ihr nicht auch?“ „Doch, ist er!“, erwiderten Harry, Ron, Ginny und ich wütend. Harry sah Mine streng an. Sie räusperte sich und sagte rasch: „Ähm... doch... er ist sehr gut.“ „Nun ja, wir in Ravenclaw halten ihn für ‘ne Art Witzfigur“, sagte Luna ungerührt. „Dann ist euer Sinn für Humor eben zum Kotzen“, fauchte Ron, als die Räder unter uns sich in Bewegung setzten.
    Luna ließ sich durch Rons Grobheit nicht aus der Ruhe bringen, im Gegenteil. Sie betrachtete ihn nur eine Weile aus ihren großen blauen Augen. Die Kutschenkolonne ratterte und schwankte den Weg hoch. Als wir die hohen Stiensäulen mit den geflügelten Ebern zu beiden Seiten des Tores passierten und auf das Schulgelände fuhren, beugte Harry sich vor, um zu sehen, ob Licht in Hagrids Hütte brannte. Die Ländereien waren jedoch in vollständige Dunkelheit gehüllt. Hogwarts jedoch rückte immer näher. Vereinzelt war ein ein Fenster feuerhell erleuchtet und vertrieb die Schwärze.
    Die Kutschen hielten klirrend an der Steintreppe, die zu den Eichenportalen hinaufführte; Harry stieg als Erster aus. Ich sah, wie er die Thestrale beäugte, als wir anderen schon Richtung Eingang gingen. „Kommst du jetzt, oder was?“, fragte Ron und Harry folgte uns schnellstens. Ich hatte schon im zweiten Schuljahr bemerkt, dass nur ich die Thestrale sehen konnte, was daran lag, dass ich meine Mutter hatte sterben sehen. Für Harry waren sie nun auch sichtbar, weil er gesehen hatte, wie Cedric gestorben war. Luna hatte mir jedoch noch nie erzählt, wegen welcher Person sie die Thestrale sehen konnte. Ob ich sie vielleicht einmal darauf ansprechen sollte?

    Die Eingangshalle stand in loderndem Fackellicht und hallte vom Getrappel der Schüler wider, die den steingefliesten Boden nach rechts überquerten, zur Flügeltür der Großen Halle hin, wo die Begrüßungsfeier stattfind. Allmählich füllten sich die Plätze an den vier langen Haustischen unter dem sternlosen schwarzen Himmel, der die Laune des Wetters von draußen widergab. Kerzen schwebten über den Tischen und warfen ihr Licht auf die hier und da verteilten silbrigen Gespenster und auf die Gesichter der Schüler, die eifrig Neuigkeiten über ihre Sommerferien austauschten, Freunde aus anderen Häusern begrüßten und gelegentlich tuschelten, wenn Harry an ihnen vorbeiging. Dieser tat jedoch so, als ob es ihm weder auffiele noch etwas ausmachte.
    Am Ravenclaw-Tisch trennte Luna sich von uns. Kaum hatten wir den Tisch der Gryffindors erreicht, wurde Ginny lauthals von ein paar anderen Viertklässlern begrüßt und setzte sich zu ihnen. Harry, Ron, Mine, Neville und ich fanden etwa in der Mitte des Tisches zusammen Platz, zwischen dem Fast Kopflosen Nick (eigentlich Sir Nicolas de Mimsy-Porpington), unserem Hausgespenst, und Parvati und Lavender, die Harry freundlich begrüßten, obwohl ich mir ziemlich sicher war, dass die beiden gerade eben noch heftig über ihn diskutiert hatten. Im Moment gab es aber gerade wichtigere Dinge: Ich spähte hinüber zum Lehrertisch. „Er ist nicht da“, sagte Harry. Auch Ron und Mine suchten den Lehrertisch ab, obwohl es eigentlich gar nicht nötig war. Hagrid war so groß, dass er in jeder Gruppe sofort ins Auge fiel. „Er kann doch nicht weg sein“, sagte Ron beklommen. „Es muss irgendetwas Wichtiges sein, sonst würde Hagrid die Begrüßungszeremonie doch nie verpassen“, schlussfolgerte ich. „Ihr glaubt nicht, dass er... verletzt ist, oder?“, fragte Mine unsicher und bedrückt. „Nein“, erwiderte Harry sofort. „Aber wo ist er dann?“

    Eine Pause trat ein, dann sagte Harry sehr leise, damit Neville, Parvati und Lavender es nicht hören konnten: „Vielleicht ist er noch nicht zurück. Ihr wisst schon - sein Auftrag - was er den Sommer über für Dumbeldore erledigen sollte.“ „Ja... ja, das wird’s sein“, meinte Ron und klang schon zuversichtlicher, aber Mine biss sich auf die Lippe und ließ ihren Blick über den Lehrertisch schweifen, als erhoffte sie sich, dass dort eine schlüssige Erklärung für Hagrids Fehlen zu finden sei. „Was ist das denn?“, sagte sie spitz und deutete zur Mitte des Lehrertisches.
    Ich folgte ihrem Blick. Neben Profesor Dumbledore saß eine nun ja... interessante Person. Ich persönliche hätte sie als alte, verbitterte Jungfer bezeichnet. Ihr Aussehen gab das auch ziemlich gut wider: untersetzt, mit kurzen, mausgrauen Locken, in die sie einen fürchterlichen rosa Haarreif gesteckt hatte, passend zu der flaumigen rosa Strickjacke. Kurz und knapp: ein Alptraum in rosa. Sie wandte leicht den Kopf um an ihrem Trinkkelch zu nippen, und ich erkannte, dass die Dame ein fahles, krötenartiges Gesicht mit hervorquellenden Triefaugen hatte.
    „Das ist diese Umbridge!“, stieß Harry plötzlich hervor. „Wer?“, fragte ich verwirrt. „Die war bei meiner Anhörung dabei, sie arbeitet für Fudge!“ „Hübsche Strickjacke“, meinte Ron grinsend. „Sie arbeitet für Fudge!“, wiederholte Mine stirnrunzelnd, und ich konnte förmlich sehen, wie sich die Räder in ihrem Kopf drehten. „Was um Himmels willen hat sie dann hier zu suchen?“ „Weiß nicht...“ Mine kniff die Augen zusammen und suchte den Lehrertisch ab. „Nein“, murmelte sie, „nein, sicher nicht...“

    Ich wusste nicht, von was sie redete, doch ich fragte nicht nach. In diesem Moment tauchte nämlich gerade Professor Raue-Pritsche hinter dem Lehrertisch auf; sie drängte sich bis ganz ans Ende durch und setzte sich auf den Platz, der eigentlich Hagrid zustand. Also mussten die Erstklässlerden See überquert haben und im Schloss angekommen sein. Und tatsächlich, nach wenigen Augenblicken öffnete sich die Tür zur Eingangshalle. in einer langen Reihe kamen die verängstigt wirkenden Neulinge herein, angeführt von Professor McGonagall, die den dreibeinigen Stuhl trug, auf dem der Sprechende Hut lag.
    Das Stimmengewirr in der Großen Halle erstarb abrupt. Die Erstklässler stellten sich vor dem Lehrertisch auf, die Gesichter den anderen Schülern zugewandt, während Professor McGonagall den Stuhl bedächtig vor sich hinstellte und dann zur Seite trat. Die ganze Schule wartete mit angehaltenem Atem. Dann öffnete sich der Riss nahe der Hutkrempe weit wie ein Mund und der Sprechende Hut begann zu singen:

    In alter Zeit, als ich noch neu,
    Hogwarts am Anfang stand,
    Die Gründer unsrer noblen Schule
    noch einte ein enges Band.
    Sie hatten ein gemeinsam’ Ziel,
    Sie hatten ein Bestreben:
    Die beste Zauberschule der Welt,
    Und Wissen weitergeben.
    „Zusammen wollen wir bau’n und lehr’n!“
    Das nahmen die Freunde sich vor.
    Und niemals häten die vier geahnt,
    Dass ihre Freundschaft sich verlor.
    Gab es so gute Freunde noch
    Wie Slytherin und Gryffindor?
    Es sei denn jenes zweite Paar
    Aus Hufflepuff und Ravenclaw?
    Weshalb ging dann dies alles schief,
    Hielt diese Freundschaft nicht?
    Nun, ich war dort und ich erzähl
    Die traurige Geschicht’.
    Sagt Slytherin: „Wir lehr’n nur die
    Mit reinstem Blut der Ahnen.“
    Sagt Ravenclaw: „Wir aber lehr’n
    Wo Klugheit ist in Bahnen.“
    Sagt Gryffindor: „Wir lehr’n all die,
    Die Mut im Namen haben.“
    Sagt Hufflepuff: „Ich nehm sie all’
    Ohne Ansehen ihrer Gaben.“
    Am Anfang gab es wenig Streit
    Nur Unterschiede viele,
    Denn jeder der vier Gründer hatte
    Ein Haus für seine Ziele.
    Sie holten sich, wer da gefiel;
    So Slytherin nahm auf,
    Wer Zauberer reinen Blutes war
    Und listig obendrauf.
    Und nur wer hellsten Kopfes war,
    Der kam nach Ravenclaw.
    Die Mutigsten und Kühnsten doch
    Zum tapferen Gryffindor.
    Den Rest nahm auf die Hufflepuff,
    Tat allen kund ihr Wissen,
    So standen die Häuser und die Gründer denn
    In Freundschaft, nicht zerrissen.
    In Hogwarts herrschte Friede nun
    In manchen glücklichen Jahren,
    Doch bald kam hässliche Zwietracht auf,
    Aus Schwächen und Fehlern entfahren.
    Die Häuser, die vier Säulen gleich einst unsre Schule getragen,
    Sie sahen sich jetzt als Feinde an,
    Wollten herrschen in diesen Tagen.
    Nun sah es so aus, als sollte der Schule
    Ein frühes Ende sein.
    Durch allzu viele Duelle und Kämpfe
    Und Stiche der Freunde allein.
    Und schließlich brach ein Morgen an,
    Da Slytherin ging hinfort.
    Und obwohld er Kampf nun verloschen war,
    Gab’s keinen Frieden dort.
    Und nie, seit unsere Gründer vier
    Gestutzt auf dreie waren,
    Hat Eintracht unter den Häusern geherrscht,
    Die sie doch sollten bewahren.
    Nun hört gut zu dem Sprechenden Hut,
    Ihr wisst, was euch beschieden.
    Ich verteil euch auf die Häuser hier,
    Wie’s mir bestimmt ist hienieden.
    Ja, lauscht nur meinem Liede gut,
    Dies Jahr werd ich weitergehen:
    Zu trennen euch bin ich verdammt,
    Doch könnt man’s als Fehler sehen.
    Zwar muss ich meine Pflicht erfüllen
    Und jeden Jahrgang teilen.
    Doch wird nicht bald durch diese Tat
    Das Ende uns ereilen?
    Oh, seht das Verderben und deutet die Zeichen,
    Die aus der Geschichte erstehen.
    Denn unsere Schule ist in Gefahr,
    Sie mag durch äußere Feinde vergehen.
    Wir müssen uns stets in Hogwarts vereinen
    Oder werden zerfallen von innen.
    Ich hab’s euch gesagt, ich habe gewarnt...
    Lasst die Auswahl nun beginnen.

    Der Hut erstarrte wieder, Beifall brandete auf, aber zum ersten Mal war dazwischen ein Wispern und Murmeln zu hören. Überall in der Großen Halle tuschelten Schüler mit ihren Nachbarn und ich konnte mir denken, von was sie sprachen. „Ist dieses Jahr ein bisschen abgeschweift, was?“, sagte Ron mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das kannst du laut sagen“, erwiderte Harry. Der Sprechende Hut beschränkte sich normalerweise darauf, die unterschiedlichen Eigenschaften der vier Häuser zu beschreiben und auf seine eigentliche Aufgabe, die Schüler aufzuteilen. Doch diesmal hatte er einen Rat ausgesprochen, was bisher noch nie vorgekommen war. Und doch hatte der Hut irgendwie recht... so sehr ich gewisse Slytherins auch verabscheute, in manchen Fällen war es einfach notwendig, dass man zusammenarbeitete. „Hat er eigentlich überhaupt schon mal eine Warnung ausgesprochen?“, fragte Mine in leicht beunruhigtem Ton. „Ja, in der Tat“, sagte der Fast Kopflose Nick wissend und lehnte sich durch Neville zu uns herüber (Neville zuckte zusammen; es war sicherlich nicht gerade angenehm, wenn sich ein Geist durch einen hindurchlehnte). „Der Hut hält es für seine Ehrenpflicht, die Schule geziemend zu warnen, wann immer er der Meinung ist-...“ Aber Professor McGonagall, die Anstalten machte, die Liste mit den Namen der Erstklässler zu verlesen, versetzte den flüsternden Schülern einen Blick ala „Wenn-ihr-nicht-sofort-still-seid-gibt-es-für-j eden-Nachsitzen-im-Verbotenen-Wald“. Der Fast Kopflose Nick legte einen durchsichtigen Finger auf die Lippen und setzte sich wieder stocksteif hin, als plötzlich das Gemurmel verstummte. Professor McGonagall ließ den Blick noch einmal finster über die vier Haustische schweifen, dann senkte sie die Augen auf ihr langes Stück Pergament und rief laut den ersten Namen auf.
    „Abercrombie, Euan.“
    Ein verängstigt wirkender Junge stolperte nach vorne und setzte sich den Hut auf; einzig seine weit abstehenden Ohren verhinderten, dass er ihm auf die Schultern rutschte. Der Hut überlegte einen Moment lang, dann öffnete sich der Riss an der Krempe und er verkündete:
    „GRYFFINDOR!“
    Ich klatschte laut mit den anderen Gryffindors, als Euan Abercrombie an unseren Tisch getaumelt kam und sich setzte. Er machte den Eindruck, als würde er am liebsten im Boden versinken und nie wieder einen Blick auf sich ziehen wollen.
    Allmählich wurden die Erstklässler vor dem Lehrertisch weniger. In den Pausen zwischen dem Aufrufen der Namen und den Entscheidungen des Sprechenden Huts konnte ich Rons Magen laut knurren hören. Nachdem die letzte Schülerin nach Hufflepuff geschickt wurde, nahm Professor McGonagall Hut und Stuhl und schritt mit ihnen davon, und Professor Dumbledore erhob sich.

    „An unsere Neuen“, sagte Dumbledore mit schallender Stimme, die Arme weit ausgebreitet und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, „willkommen! An unsere alten Hasen - willkommen zurück! Es gibt eine Zeit, um Reden zu halten, aber dies ist sie nicht. Haut rein!“ Es gab anerkennendes Gelächter, und Beifall brandete auf, als sich Dumbledore elegant setzte und sich den langen Bart über die Schulter warf, damit er ihm beim Essen nicht in die Quere kam. Im nächsten Moment ächzten die fünf langen Tische unter Braten, Pasteten und Schüsseln mit Gemüse, unter Brot, Soßen und Krügen voller Kürbissaft. „Klasse“, sagte Ron mit einem hungrigen Stöhnen, griff nach der nächsten Platte mit Koteletts und fing an, seinen Teller zu beladen, unter den wehmütigen Blicken des Fast Kopflosen Nick. „Was wollten Sie vorher noch sagen?“, fragte ich ihn. „Von wegen, dass der Sprechende Hut Warnungen ausspricht?“ „Oh, ja“, erwiderte er, offenbar froh über einen Grund, sich von Ron abzuwenden, der inzwischen mit voller Begeisterung Bratkartoffeln aß. „Ja, ich habe den Hut schon mehrmals Warnungen aussprechen hören, immer zu Zeiten, da er große Gefahr für die Schule spürte. Und natürlich lautete sein Rat immer gleich: Steht zusammen und seid stark von innen heraus.“ „Ui gan ein ut wischn da di schuhe ingefah isch?“, fragte Ron. Er hatte den Mund so voll, dass ich mich fragen musste, wie er überhaupt einen Mucks von sich geben konnte. „Verzeihung, bitte?“, fragte der Fast Kopflose Nick höflich, während Mine angewidert dreinsah. Ron schluckte die Bratkartoffeln hastig hinunter und sagte: „Wie kann ein Hut wissen, dass die Schule in Gefahr ist?“ „Ich hab keine Ahnung“, sagte Nick. „Immerhin lebt er in Dumbledores Büro, also würde ich sagen, er schnappt dort dies und jenes auf.“ „Und er will, dass alle Häuser untereinander befreundet sind?“, fragte Harry und warf einen Blick hinüber zum Slytherintisch, wo Draco saß. „Darauf kann er lange warten.“ Ich versuchte gar nicht, etwas dagegen zu sagen.

    „Nun, also, du solltest dir diese Haltung nicht zu Eigen machen“, sagte Nick vorwurfsvoll. „Friedliche Zusammenarbeit, das ist die Devise. Wir Gespenster pflegen freundschaftliche Bande, auch wenn wir zu unterschiedlichen Häusern gehören. Trotz der Konkurrenz zwischen Gryffindor und Slytherin würde ich nicht im Traum daran denken, Streit mit dem Blutigen Baron zu suchen.“ „Nur weil Sie schreckliche Angst vor ihm haben“, entgegnete Ron. Sir Nicolas schien höchst entrüstet. „Angst? Ich hoffe doch, dass ich, Sir Nicolas de Mimsy-Porpington, mich während meines ganzes Lebens nie der Feigheit schuldig gemacht habe! Das edle Blut, das in meinen Adern fließt-...“ „Welches Blut?“, fragte Ron. „Sie haben doch ganz bestimmt kein-?“ „Das ist eine Redensart!“, sagte der Fast Kopflose Nick, inzwischen so verärgert, dass sein Kopf auf seinem nicht gesamt durchgetrennten Hals bedrohlich wackelte. „Ich nehme an, es ist mir immer noch erlaubt, jedwede Worte zu gebrauchen, die mir belieben, selbst wenn mir die Genüsse des Essens und Trinkens versagt bleiben! Aber sei versichert, ich bin durchaus an Schüler gewöhnt, die sich über meinen Tod lustig machen!“ „Nick, er hat Sie wirklich nicht ausgelacht!“, schaltete sich Mine ein und warf Ron einen zornigen Blick zu. Unglücklicherweise war Rons Mund schon wieder gestopft voll, und alles, was er herausbrachte, war ein „Nö isch wollschi nisch feraaschn“, was Nick offenbar nicht als angemessene Entschuldigung betrachtete. Er erhob sich in die Luft, rückte seinen Federhut zurecht und entschwebte zum anderen Ende des Tisches, wo er sich zwischen den Creevey-Brüdern Colin und Dennis niederließ.
    „Na toll, Ron“, fauchte Mine. „Was?“, fragte Ron entrüstet, der es endlich geschafft hatte, seinen Bissen herunterzuschlucken. „Darf man hier nicht mal einfache Fragen stellen?“ „Ach, vergiss es“, erwiderte Mine ärgerlich und den Rest des Essens verbrachten beide im gekränktem Schweigen. Ich kannte das Gekabbel der beiden nur zu gut und versuchte gar nicht erst, sie zu versöhnen. Lieber nutzte ich meine Zeit, indem ich eine Scheibe Braten, einen riesigen Teller Kartoffelbrei und anschließend eine Schale Schokoladenpudding verdrückte.

    Als alle Schüler mit dem Essen fertig waren und der Lärm in der Halle allmählich wieder anschwoll, erhob sich Dumbledore erneut. Die Unterhaltungen verstummten schlagartig und alle wandten sich dem Schulleiter zu. „Nun, jetzt, da wir alle ein weiteres herrliches Festessen verdauen, bitte ich für einige Momente um eure Aufmerksamkeit für die üblichen Bemerkungen zum Schulbeginn“, sagte Dumbledore. „Die Erstklässler sollten wissen, dass der Wald auf dem Schlossgelände für Schüler verboten ist - und einige unserer älteren Schüler sollten es inzwischen auch wissen.“ Harry, Ron, Mine und ich tauschten ein gekünsteltes Lächeln.
    „Mr. Filch, der Hausmeister, hat mich, wie er sagt, zum 462. Mal gebeten, euch daran zu erinnern, dass Zauberei zwischen den Unterrichtsstunden auf den Gängen nicht erlaubt ist, ebenso wenig wie eine Reihe anderer Dinge, die alle auf der Liste nachzulesen sind, die jetzt an Mr. Filchs Bürotür hängt.
    Dieses Jahr haben wir zwei Veränderungen im Kollegium. Wir freuen uns sehr, Professor Raue-Pritsche erneut willkommen zu heißen, die Pflege magischer Geschöpfe unterrichten wird; wir freuen uns ebenfalls, Professor Umbridge vorstellen zu können, unsere neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste.“

    Es gab höflichen, wenn auch kaum begeisterten Beifall, und wir warfen uns leicht panische Blicke zu; Dumbledore hatte nicht gesagt, wie lange Raue-Pritsche unterrichten würde. Dumbledore fuhr fort: „Auswahlspiele für die Quidditch-Mannschaften der Häuser finden statt am-...“
    Er unterbrach sich und sah Professor Umbridge fragend an. Da sie im Stehen nicht viel größer war als im Sitzen, begriff einen Moment lang niemand, warum Dumbledore aufgehört hatte zu reden, doch dann räusperte sich Professor Umbridge, „chrm, chrm“, und es war klar, dass sie aufgestanden war und die Absicht hatte, eine Rede zu halten. Dumbledore wirkte einen Moment lang verdutzt, dann setzte er sich munter und sah Professor Umbridge aufmerksam an, als ob er sich nichts sehnlicher wünschte, als ihrem Vortrag zu lauschen. Andere Mitglieder des Kollegiums konnten ihre Überraschung nicht so geschickt verbergen. Professor Sprouts Augenbrauen waren in ihrem zerzausten graubraunem Haar verschwunden, und Professor McGonagalls Mund war so dünnlippig, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Noch niemals zuvor hatte ein neuer Lehrer Dumbledore unterbrochen. Viele Schüler grinsten; diese Frau wusste ganz offensichtlich nicht, wie es in Hogwarts zuging. „Danke, Direktor“, sagte Professor Umbridge geziert, „für diese freundlichen Willkommensworte.“

    Sie hatte eine hohe, hauchzarte Kleinmädchenstimme, und irgendwie verspürte ich ich nur reine Abneigung ihr gegenüber, von ihrer albernen Stimme bis zu ihrer flauschigen rose Strickjacke. Erneut ließ sie ein kleines hüstelndes Räuspern hören (chrm, chrm), dann fuhr sie fort.
    „Nun, es ist wunderbar, wieder in Hogwarts zu sein, muss ich sagen!“ Sie lächelte und offenbarte dabei sehr spitze Zähne. „Und solch glückliche kleine Gesichter zu mir aufblicken zu sehen!“ Meine Abneigung ihr gegenüber rutschte ins Bodenlose. Auch die anderen Schüler wirkten nicht gerade glücklich darüber, wie Fünfjährige angesprochen zu werden.
    „Ich freue mich sehr darauf, Sie alle kennen zu lernen, und ich bin sicher, wir werden sehr gute Freunde werden!“ Die Schüler sahen sich verwundert an, manche unterdrückten kaum noch ein Grinsen.
    „Meinetwegen bin ich ihre Freundin, solange ich mir diese Strickjacke nicht ausleihen muss“, wisperte Parvati Lavender zu und beide brachen in stummes Kichern aus.
    Professor Umbridge räusperte sich erneut (chrm, chrm), doch als sie fortfuhr, war ihre Stimme nicht mehr ganz so zart. Sie klang weitaus geschäftsmäßiger, und ihre Worte hatten jetzt einen etwas gelangweilten Ton, als würde sie etwas auswendig Gelerntes vortragen.
    „Das Zaubereiministerium hat der Ausbildung junger Hexen und Zauberer immer die größte Bedeutung beigemessen. Die seltenen Gaben, die Sie von Geburt an besitzen, könnten verkümmern, wenn wir sie nicht durch sorgfältige Anleitung fördern und hegen würden. Die uralten Fähigkeiten, die der Gemeinschaft der Zauberer vorbehalten sind, müssen von Generation zu Generation weitergegeben werden, wenn wir sie nicht für immer verlieren wollen. Der Schatz magischen Wissens, den unsere Vorfahren zusammengetragen haben, muss bewahrt, erweitert und vertieft werden von jenen, die zum ehrenvollen Dienst des Lehrers berufen sind.“

    Hier legte Professor Umbridge eine Pause ein und machte eine kleine Verbeugung hin zu ihren Kollegen, von denen keiner sie erwiderte. Professor McGonagalls dunkle Augenbrauen hatten sich dermaßen zusammengezogen, dass sie nun wie ein Falke aussah, und ich sah deutlich, wie sie mit Professor Sprout einen viel sagenden Blick tauschte. Ich konnte gewissermaßen nachvollziehen, was den beiden Sorgen machte. Zumal das Meiste, was die Professorin sagte, keinerlei Sinn ergab. Umbridge ließ wiederrum ein leises >Chrm, chrm< hören und fuhr mit ihrer Rede fort:
    „Jeder Schulleiter, jede Schulleiterin von Hogwarts hat etwas Neues zu der schweren Aufgabe beigetragen, diese geschichtsträchtige Schule zu führen, und das ist auch gut so, denn ohne Fortschritt treten Stillstand und Verfall ein. Und doch muss dem Fortschritt um des Fortschritts willen eine Absage erteilt werden, denn häufig bedürfen unsere erprobten und bewährten Traditionen nicht des Herumstümperns. Ein Gleichgewicht also zwischem Altem und Neuem, zwischen Dauer und Wandel, zwischen Tradition und Innovation...“

    Meine Aufmerksamkeit verschwand; die Stille, die stets den Raum beherrschte, wenn Dumbledore sprach, verflog rasend schnell, meine Mitschüler steckten flüsternd und kichernd die Köpfe zusammen. Ich sah hinüber zum Ravenclaw-Tisch. Luna hatte erneut den >Klitterer< herausgeholt und schien vollkommen darin versunken zu sein. Am Hufflepuff-Tisch war Ernie Macmillan einer der wenigen, die immer noch Professor Umbridge anstarrten, wenn auch nur mit glasigen Augen; ich war mir sicher, dass er nur so tat, als würde er zuhören, um seinen neuen Status als Vertrauensschüler gerecht zu werden.
    Professor Umbridge schien die Unruhe im Publikum nicht wahrzunehmen, oder hatte einfach beschlossen, sie zu ignorieren. Ich hatte den Eindruck, ein riesiger Aufstand hätte vor ihrer Nase stattfinden können, und sie hätte ihre Rede trotzdem durchgezogen. Die Lehrer jedoch lauschten immer noch aufmerksam, und Mine schien jedes von ihren Worten einzusaugen, auch wenn sie, ihrem Gesicht nach zu urteilen, überhaupt nicht nach ihrem Geschmack waren. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Umbridge nichts Gutes im Sinn hatte.

    „Manche Änderungen schlagen zum Besseren aus, während andere im Urteil der Geschichte sich als Fehlentscheidungen erweisen werden. Desgleichen werden manche alten Gewohnheiten bewahrt werden, und das ganz zu Recht, während andere, veraltet und überholt, aufgegeben werden müssen. Gehen wir also voran in eine neue Ära der Offenheit, der Effizienz und der Verantwortlichkeit, bestrebt, das zu bewahren, was bewahrenswert ist, zu vervollkommnen, was vervollkomment werden muss, und zu säubern, wo wir Verhaltensweisen finden, die verboten gehören.“
    Sie setzte sich. Dumbledore klatschte. Die Lehrer folgten seinem Beispiel, allerding fiel mir auf, dass einige von ihnen ihre Hände nur ein- oder zweimal zusammenschlugen und dann innehielten. Ein paar wenige Schüler schlossen sich dem Beifall an, doch die meisten, die nicht mehr als einige Worte lang zugehört hatten, waren vom Ende der Rede überrascht worden, und bevor sie ordentlich applaudieren konnten, hatte sich Dumbledore bereits wieder erhoben.

    „Ich danke Ihnen vielmals, Professor Umbridge, das war eine höchst aufschlussreiche Rede“, sagte er und verbeugte sich vor ihr. „Nun, wie gesagt, die Quidditch-Auswahlspiele finden statt am...“
    „Ja, das war wirklich aufschlussreich“, meinte Mine mit gedämpfter Stimme. „Willst du sagen, du fandest sie gut?“, fragte Ron leise und wandte sich mit trüben Augen Mine zu, „Das war so ziemlich die langweiligste Rede, die ich je gehört habe, und ich bin immerhin mit Percy aufgewachsen.“ „Ich habe aufschlussreich gesagt, nicht gut“, sagte Mine. „Sie hat vieles erklärt.“ „Tatsächlich?“, fragte Harry überrascht. „Mir kam’s vor wie ein Haufen Geschwafel.“ „In dem Geschwafel waren einige wichtige Hinweise versteckt“, sagte Mine grimmig. „Wirklich?“, meinte Ron mit ratloser Miene. „Stimmt“, überlegte ich leise. „Du meinst >Dem Fortschritt um des Fortschritts willen muss eine Absage erteilt werden<?“ Mine nickte. „Und >Säubern, wo wir Verhaltensweisen finden, die verboten gehören<.“ „Na ja, was soll das heißen?“, fragte Ron ungeduldig. „Ich will dir erklären, was das heißt“, sagte Mine unheilvoll. „Das heißt, das Ministerium mischt sich in Hogwarts ein.“

    Ringsum begann ein großes Stühlerücken und Fußgetrappel; offenbar war die Feier von Dumbledore aufgelöst worden, denn alle standen auf und machten sich bereit, die Halle zu verlassen. Mine sprang in heller Aufregung auf. „Ron, wir müssen den Erstklässlern den Weg zeigen!“ „Ach ja“, sagte Ron, der das ganz offensichtlich vergessen hatte. „Hey - hey, ihr da! Ihr Knirpse!“ „Ron!“ „Na ja, das sind sie doch, Winzlinge...“ „Das weiß ich, aber du kannst sie nicht Knirpse nennen! - Erstklässler!“, rief sie gebieterisch über den Tisch hinweg. „Hier lang, bitte!“ Eine Gruppe von Neulingen ging schüchtern zwischen dem Gryffindor- und dem Hufflepuff-Tisch hindurch und waren alle darum bemüht, auf gar keinen Fall als Anführer dazustehen. In der Tat fand ich sie recht klein. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich nicht so jung und klein am Anfang meines ersten Schuljahres gewirkt hatte. Harry grinste ihnen zu. Ein blonder Junge schien vor Schreck zu erstarren; er stupste Euan Abercrombie an und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Euan war offenbar nicht minder erschrocken und warf Harry einen angsterfüllten Blick. Harrys Grinsen verschwand schlagartig. Im nächsten Moment wurde ich von der Menge mitgerissen, die sich aus der Großen Halle drängte, und verlor Harry aus den Augen.

    Als ich endlich im Gemeinschaftsraum war (das Passwort war >Mimbulus mimbeltonia<), folgte ich Mine in den Schlafsaal. Ich überprüfte zuerst, ob mein Koffer wie üblich neben meinem Bett stand, was er auch tat. Ich nahm gerade meinen Wecker und mein Tagebuch heraus, als die Tür erneut aufging, und Parvati und Lavender tratschend hereinkamen. „Habt ihr diese Umbridge gesehen?“, fragte Parvati. „Die spielt sich auf, als wäre sie Schulleiterin.“ Dem konnte ich nur zustimmen. „Irgendwie habe ich bei ihr ein ganz schlechtes Gefühl.“ „Kommt mir auch so vor“, mischte sich Lavender ein, während sie sich auf ihr Bett fallen ließ. „Sag mal, wie läuft es eigentlich so zwischen dir und Harry?“, wechselte sie abrupt das Thema. Die Frage überraschte mich ein wenig, weshalb ich einfach nur mit den Schultern zuckte. Lavender grinste. „Ärger im Paradies?“ „Als ob.“, sagte Parvati. „Du und Harry, ihr gehört einfach zusammen.“ Ich nickte einfach nur und verschwand im Badezimmer, um mich bettfertig zu machen.

    Wenig später lag ich in meinem Bett, hatte die Vorhänge zugezogen, und versuchte zu schlafen, jedoch spukten noch immer Parvatis Worte durch meinen Kopf. >Du und Harry, ihr gehört einfach zusammen.< Irgendwie machten ihre Worte mich unsicher, und ich verfluchte mich deshalb selbst. Eigentlich sollte ich doch in meine Beziehung vertrauen, oder? Aber in meinem Magen bildete sich ein drückendes Gefühl, das mich nach unten zu ziehen schien. Und ohne eine Antwort gefunden zu haben, schlief ich schließlich ein.

    16
    16. Kapitel

    „Was ist los?“, war das Erste, was Mine fragte, als wir uns am nächsten Morgen mit Harry und Ron im Gemeinschaftsraum trafen; Harry sah furchtbar wütend aus, als er Seamus hinterher sah, der eiligst aus dem Porträtloch stieg. „Du siehst total - oh, um Himmels willen.“ Sie starrte auf das schwarze Brett im Gemeinschaftsraum, wo eine große neue Mitteilung hing.

    TONNENWEISE GALLEONEN!
    Will das Taschengeld nicht mit deinen Ausgaben Schritt halten?
    Willst du ein wenig Geld nebenher verdienen?
    Melde dich bei Fred und George Weasley,
    Gryffindor-Gemeinschaftsraum,
    zwecks einfacher und praktisch schmerzfreier Teilzeitarbeit.
    (Leider müssen wir darauf hinweisen, dass die Bewerber sämtliche Tätigkeiten auf eigene Gefahr ausüben.)

    „Die haben sie doch nicht mehr alle“, entrüstete sich Mine und holte den Aushang herunter, den Fred und George über ein Plakat gepinnt hatten, auf dem das Datum des erste Hogsmeade-Wochenendes verkündet wurde (es würde glücklicherweise schon im Oktober sein). „Wir müssen mit den beiden reden, Ron.“ Ron gefiel dieser Vorschlag sichtlich kein bisschen. „Wieso?“ „Weil wir Vertrauensschüler sind!“, sagte Mine, als sie durch das Porträtloch stieg. „Es ist unsere Aufgabe, solchen Dingen Einhalt zu gebieten!“ Ron schwieg; an seiner griesgrämigen Miene erkannte ich, dass er die Aufgabe, Fred und George daran zu hindern, genau das zu tun, wozu sie Lust hatten, für nicht gerade verlockend hielt.

    „Also, was ist los mit dir, Harry?“, fragte ich, während wir eine Treppe hinunterstiegen, die mit Porträts alter Zauberer und Hexen gesäumt war, die allesamt in Gespräche vertieft waren und nicht weiter auf uns achteten. „Du siehst aus, als wärst du wegen irgendwas richtig sauer.“ „Seamus meint, Harry lügt in dieser Sache mit Du-weißt-schon-wem“, erklärte Ron kurz und bündig, als Harry nicht antwortete. Mine schnaubte. „Da ist er bestimmt nicht der Einzige.“ Sie schüttelte kurz den Kopf. „Erinnert ihr euch nicht, was Dumbledore bei der letzten Jahresabschlussfeier gesagt hat?“ Harry und Ron sahen sie mit einem so ratlosen Blick an, dass ich am liebsten gelacht hätte. Mine seufzte nur. „Über Du-weißt-schon-wem. Er sagte, er besitze >ein großes Talent, Zwietracht und Feindseligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen-<.“ „Wie kannst du dich bloß an so was erinnern?“, fragte Ron und sah sie bewundernd an. „Ich höre zu, Ron“, erwiderte Mine mit einem Anflug von Schärfe. „Tu ich doch auch, aber ich könnte dir trotzdem nicht genau sagen, was-..“ „Das Entscheidende ist“, fuhr sie lautstark fort, „dass es Dumbledore genau um solche Fragen gegangen ist. Du-weißt-schon-wer ist gerade mal zwei Monate zurück, und schon fangen wir an, uns zu streiten. Und die Mahnung des Sprechenden Huts war die gleiche: Haltet zusammen, seid einig-...“ „Und trotzdem, Harry hatte recht gestern Abend“, entgegnete Ron. „Wenn das heißen soll, dass die Slytherins jetzt unsere Kumpels sein sollen - darauf kannst du lange warten.“ „Also ich finde es schade, dass wir nicht versuchen, zumindest ein bisschen Einigkeit unter den Häusern zu schaffen“, sagte ich scharf.

    Wir waren am Fuß der Marmortreppe angekommen. Einige Viertklässler aus Ravenclaw durchquerten hintereinander die Eingangshalle; als sie Harry sahen, drängten sie sich hastig zu einem Knäuel zusammen, als fürchteten sie, er könnte verstreute Nachzügler angreifen. „Ja, wir sollen wirklich versuchen, uns mit solchen Leuten anzufreunden“, bemerkte Harry trocken. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, ihm zu widersprechen. Wir folgten den Ravenclaws in die Große Halle, wo wir fast automatisch zum Lehrertisch sahen. Professor Raue-Pritsche plauderte mit Professor Sinistra, und Hagrid fiel wiederrum nur durch seine Abwesenheit auf. Die verzauberte Decke über uns war von tristen grauen Regenwolken erfüllt. „Dumbledore hat nicht mal erwähnt, wie lange diese Raue-Pritsche bleibt“, sagte Harry, als wir zum Gryffindor-Tisch gingen. „Vielleicht...“, murmelte Mine nachdenklich. „Was?“, kam es von Harry und Ron gleichzeitig. „Nun... vielleicht wollte er die Aufmerksamkeit nicht darauf lenken, dass Hagrid fehlt.“ „Was soll das heißen, Aufmerksamkeit darauf lenken?“, fragte Ron und hätte fast gelacht. „Wie sollte uns das entgehen?“ Bevor Mine antworten konnte, kam uns Angelina Johnson entgegen. „Hi, Angelina.“ „Hi“, sagte sie forsch, „wie war dein Sommer?“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Hört mal, ich bin zum neuen Quidditch-Kapitän der Gryffindors ernannt worden.“ „Find ich gut“, sagte Harry grinsend und ich fügte hinzu: „Ich freu mich für dich.“ Ich hoffte stark, dass Angelinas Anfeuerungsreden nicht so langatmig sein würden wie die von Oliver Wood - was ein unglaublicher Fortschritt sein würde. „Oliver ist ja nicht mehr da und wir brauchen einen neuen Hüter. Am Freitag um fünf sind die Auswahlspiele, und ich möchte, dass die ganze Mannschaft auf der Matte steht, klar? Dann können wir sehen, wie der Neue sich einpasst.“ „Okay“, sagten Harry und ich gleichzeitig. Angelina lächelte uns an und ging. „Ich habe ganz vergessen, dass Wood nicht mehr da ist“, bemerkte ich, als ich mich neben Harry auf einen Platz fallen ließ und nach der Schüssel mit dem Rührei griff. „Der wird eine ziemliche Lücke in der Mannschaft hinterlassen.“ „Denk ich auch“, sagte Harry. „Er war ein guter Hüter...“ „Trotzdem, ein bisschen frisches Blut kann nicht schaden, oder?“, meinte Ron.

    Unter Flügelrauschen und Geklacker kamen Hunderte von Eulen durch die oberen Fenster in die Große Halle gesegelt. Sie verteilten sich über die vier Haustische, brachten ihren Besitzern Briefe und Päckchen und versprühten Regentropfen auf die Schüler. Draußen regnete es offenbar wie aus Kübeln. Mine musste ihren Orangensaft rasch beiseiteschieben, um einer großen feuchten Schleiereule Platz zu machen, die einen durchweichten Tagespropheten im Schnabel trug. „Warum liest du den eigentlich noch?“, fragte Harry verärgert, während Mine einen Knut in den Lederbeutel am Bein der Eule steckte, die gleich wieder losflog. „Mir ist das schnuppe... ein Haufen Unsinn.“ „Es ist immer gut, zu wissen, was der Feind denkt“, sagte Mine finster, schlug die Zeitung auf, verschwand dahinter und tauchte erst wieder auf, als wir mit dem Essen fertig waren. „Nichts“, meinte sie nur, rollte die Zeitung zusammen und legte sie neben ihren Teller. „Nichts über dich oder Dumbledore oder sonst wen, Harry.“

    Professor McGonagall ging nun am Tisch entlang und verteilte Stundenpläne. „Schaut euch mal an, was wir heute haben!“, ächzte Ron. „Zaubereigeschichte, Doppelstunde Zaubertränke, Wahrsagen und Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste... Binns, Snape, Trelawney und diese Umbrige, alles an einem Tag! Hoffentlich kriegen Fred und George diese Nasch-und-Schwänz-Leckereien bald auf die Reihe...“ „Trügen mich denn meine Ohren?“, tönte Fred, der mit George aufgetaucht war und sich neben Harry auf die Bank quetschte. „Vertrauensschüler von Hogwarts wollen doch nicht etwa den Unterricht schwänzen?“ „Sieh dir mal an, was wir heute alles haben“, entgegnete Ron mürrisch und schob Fred den Stundenplan unter die Nase. „Das ist der übelste Montag, den ich je gesehen habe.“ „Wohl wahr, Bruderherz“, sagte Fred und überflog die erste Spalte. „Wenn du willst, kannst du ein bisschen Nasblutnugat kriegen, ist gerade im Angebot.““Warum ist es im Angebot?“, fragte Ron argwöhnisch. „Weil du blutest und blutest, bist du zerschrumpelt bist; wir haben bisher noch kein Gegenmittel“, sagte George und tat sich einen Räucherhering auf. „Na danke“, sagte Ron missmutig und steckte seinen Stundenplan ein, „dann geh ich doch lieber in den Unterricht.“ „Und weil wir gerade von diesen Nasch-und-Schwänz-Leckereien sprechen“, sagte Mine und funkelte Fred und George finster an, „auf dem schwarzen Brett von Gryffindor dürft ihr keine Testpersonen anwerben.“ „Behauptet wer?“, fragte George mit erstaunter Miene. „Behaupte ich“, erwiderte Mine. „Und Ron.“ „Lass mich aus der Sache raus“, warf Ron hastig ein. Mine warf ihm einen bösen Blick zu. Fred und George kicherten. „Bald wirst du ganz anders reden, Hermine“, sagte Fred und schmierte sich dick Butter auf ein Brötchen. „Du fängst jetzt mit der fünften Klasse an, du wirst noch früh genug antanzen und um Nasch-und-Schwänz-Leckereien betteln.“ „Und warum sollte ich in der fünften Klasse um Nasch-und-Schwänz-Leckereien betteln?“, fragte Mine. „Das fünfte Jahr ist ZAG-Jahr“, sagte George. „Na und?“ „Na, dann habt ihr bald Prüfungen, oder? Die werden euch so lange durch die Tretmühle jagen, bis ihr am Ende nur noch kriechen könnt“, sagte Fred genüsslich. „Bei uns hatte der halbe Jahrgang vor den ZAGs seine kleineren Zusammenbrüche“, frohlockte George grinsend. „Tränen und Wutanfälle... Patricia Simpson fiel andauernd in Ohnmacht...“ „Kenneth Towler hat überall Furunkel gekriegt, weißt du noch?“, meinte Fred erinnerungsselig. „Weil du ihm Pustelpuder in den Schlafanzug getan hast“, warf George ein. „Ach ja...“, sagte Fred und grinste. „Hab ich ganz vergessen... manchmal verliert man einfach den Überblick, geht’s dir nicht auch so?“

    „Jedenfalls ist das fünfte Jahr ein einziger Alptraum“, sagte George. „Zumindest wenn dir die Prüfungsergebnisse nicht schnuppe sind. Fred und ich haben’s irgendwie geschafft, nicht schlappzumachen.“ „Ja... kann man wohl sagen, habt ihr nicht drei ZAGs pro Nase gekriegt?“, fragte ich. „Jep“, meinte Fred unbekümmert. „Aber wir sind der Meinung, dass unsere Zukunft nicht in der Welt der akademischen Leistungen liegt.“ „Wir haben uns ernsthaft überlegt, ob wir uns noch die Mühe machen sollten, für die siebten Klasse wieder herzukommen“, sagte George mit einem breiten Lächeln, „jetzt, da wir-...“ Er verstummte nach einem warnenden Blick von Harry; ich vermutete, dass er erwähnen wollte, dass Harry ihm und Fred den Trimagischen Gewinn geschenkt hatte. „Jetzt, da wir unsere ZAGs haben“, ergänzte George hastig. „Ich meine, brauchen wir dann wirklich noch den UTZ? Aber wir dachten, Mum würde es nicht verkraften, wenn wir die Schule abbrechen, nicht nachdem sich Percy als der größte Arsch der Welt entpuppt hat.“ „Aber wir werden unser letztes Jahr hier nicht vertrödeln“, sagte Fred und ließ den Blick voller Vorfreude durch die Große Halle schweifen. „Wir nutzen es für ein wenig Marktforschung, um genau herauszufinden, was der durchschnittliche Hogwarts-Schüler von einem Scherzartikelladen verlangt, dann werden wir unsere Forschungsergebnisse sorgfältig auswerten und Produkte entwickeln, die der Nachfrage entsprechen.“ Ich fand, dass da nach einem recht guten Plan klang, doch Mine fragte skeptisch: „Aber wo wollt ihr das nötige Geld für euren Scherzartikelladen herkriegen? Ihr braucht doch all die Zutaten und Gerätschaften - und auch Räume, denk ich mal...“ Harry senkte seinen Blick auf die Tischplatte. „Stell uns keine Fragen und wir erzählen dir keine Lügen, Hermine. Komm George, wenn wir früh da sind, können wir vor Kräuterkunde villeicht noch ein paar Langziehohren verkaufen.“ Und damit verschwanden sie aus der Großen Halle, jeder mit einem Stapel Toasts bepackt.

    „Was soll das heißen?“, fragte Mine und blickte dabei abwechselnd von Harry, zu Ron, zu mir und wieder zu Harry. „>Stell uns keine Fragen...< Soll das heißen, dass sie bereits das Gold zusammenhaben, um einen Scherzartikelladen aufzumachen?“ „Weißt du was, das hab ich mich auch schon gefragt“, meinte Ron mit zusammengezogenen Augenbrauen. „Die haben mir diesen Sommer eine neue Garnitur Festumhänge gekauft, und ich hatte keine Ahnung, wo sie die Galleonen dafür herhatten...“ „Denkt ihr, es stimmt, dass es dieses Jahr richtig hart wird? Wegen der Prüfungen?“, fragte Harry in diesem Moment. Ich nickte. „ZAGs sind wirklich wichtig, davon hängt schließlich ab, für welche Berufe du dich bewerben kannst; wir haben irgendwann in diesem Jahr auch noch Berufsberatung. Dann kann man wählen, welche UTZ- Kurse man im nächsten Jahr belegen will.“ „Wisst ihr schon, was ihr nach Hogwarts machen wollt?“, wollte Harry wissen, als wir kurz darauf die Große Halle verließen und zum Klassenzimmer für Zaubereigeschichte gingen. „Eigentlich nicht“, sagte Ron langsam. „Außer... na ja...“ Er sah ein wenig belämmert drein. „Was?“, drängte Harry. „Na ja, es wär cool, ein Auror zu sein“, meinte Ron beiläufig. „Ja, das wär’s“, bestätigte Harry nachdrücklich. „Aber die sind sozusagen die Elite“, sagte Ron. „Dazu musst du wirklich gut sein. Was meinst du, Liv?“ „Hm... ja, ein Auror zu sein, wäre nicht schlecht. Und du, Mine?“ „Ich weiß nicht“, antwortete sie. „Ich glaub, ich möchte etwas wirklich Sinnvolles machen.“ „Ein Auror tut was Sinnvolles!“, sagte Ron. „Ja schon, aber es gibt doch auch noch andere sinnvolle Dinge“, sagte Mine nachdenklich. „Ich meine, wenn ich B.ELFE.R weiterentwickeln könnte...“ Harry, Ron und ich schwiegen lieber.

    Geschichte der Zauberei wurde von den meisten Schülern als das langweiligste Fach angesehen, das die Zauberschaft sich je ausgedacht hatte, doch seltsamerweise mochte ich dieses Fach (was nicht sonderlich verwunderlich war, wenn man bedachte, dass ich im Vergleich dazu Wahrsagen hatte). Binns redete ununterbrochen, während Mine und ich die Einzigen waren, die sich Notizen machten, denn sämtliche Schüler waren von Binns Stimme eingelullt worden. Heute hielt er uns einen Vortrag über das Thema Riesen-Kriege, der über eine Dreiviertelstunde lang dauerte. Ron und Harry spielten am Tisch hinter uns Galgenmännchen, während Mine ihnen aus den Augenwinkeln empörte Blicke zuwarf. „Wie wär’s“, fragte sie kühl, als wir zum Ende der Stunde das Klassenzimmer verließen, „wenn ich euch dieses Jahr einfach mal nicht abschrieben lasse?“ „Dann würden wir durch die ZAGs rasseln“, sagte Ron. „Wenn du dir das aufs Gewissen laden willst, Hermine...“ „Nun, ihr habt’s nicht anders verdient“, fauchte sie. „Ihr macht ja nicht mal den Versuch, Binns zuzuhören, oder?“ „Doch, wir versuchen’s“, erwiderte Ron. „Nur haben wir nicht weder dein Gedächtnis, Livs Intelligenz, oder deine Konzentration - du bist einfach schlauer als wir - musst du es uns auch noch reindrücken?“ „Ach, hör doch mit dem Unsinn auf“, sagte Mine (sie schien jedoch ein wenig mehr besänftigt zu sein), als wir auf den Hof traten.

    Es nieselte, weshalb sich kleinerei Grüppchen auf dem Hof gebildet hatten; Harry, Ron, Mine und ich stellten uns in eine abgeschiedene Ecke unter einen stark tropfenden Balkon. Ich klappte den Kragen meines Umhangs gegen den frostigen Wind hoch und fragte mich, was Snape uns wohl in der ersten Stunde des neuen Schuljahres vorsetzten würde. Ich wurde erst aus meinen Gedanken gerissen, als jemand um die Ecke bog und auf uns zukam. „Hallo, Harry!“

    Es war Cho Chang, und zur Abwechslung war sie einmal nicht von einer Traube von anderen Mädchen umgeben, was ziemlich ungewöhnlich war. „Hi“, hörte ich Harry sagen und bemerkte, wie sich seine Wangen leicht rot verfärbten. „Du hast das Zeug also weggekriegt?“, fragte Cho. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie von dem Stinksaft-Vorfall redete. „Ja“, sagte Harry und versuchte offensichtlich zu grinsen. Vielleicht wollte er nur nicht wirken, als ob ihm das peinlich wäre. „Und du, hast du... ähm... einen schönen Sommer gehabt?“ Das war eine verdammt dumme Frage. Sicherlich war es Cho nicht gut gegangen, immerhin war ihr Freund Cedric am Ende des letzten Schuljahres gestorben. In ihrem Gesicht schien sich etwas zu straffen, aber sie sagte dennoch: „Oh, war schon in Ordnung, ja...“ „Ist das ein Tornados-Abzeichen?“, wollte Ron plötzlich wissen und deutete auf einen himmelblauen Sticker mit einem goldenen Doppel-T, den sich Cho an den Umhang gesteckt hatte. „Du bist doch kein Tornados-Fan, oder?“ „Doch, bin ich“, sagte Cho. „Waren die immer schon deine Lieblingsmannschaft oder erst, seit sie demnächst Meister werden?“, sagte Ron in einem Ton, den man schon fast als vorwurfsvoll bezeichnen konnte. „Ich war schon mit sechs Jahren Tornados-Fan“, meinte Cho kühl. „Ist auch egal... bis dann, Harry.“ Dann ging sie davon. Als sie halb über den Hof war, funkelte Mine abwechselnd Ron und Harry böse an, die die beiden aber nicht bemerkten. „Es läutet“, sagte ich deshalb, um aus dieser unangenehmen Situation herauszukommen.

    Ich war unheimlich erleichtert, als ich endlich im Klassenraum für Zaubertränke saß und nicht die ganze Zeit zu Harry hinübersehen musste, der vollkommen in Gedanken versunken war. „Ruhe jetzt“, sagte Snape kalt und schloss die Tür hinter den letzten Schülern. Eigentlich war ein Ordnungsruf nicht nötig; die gesamte Klasse hatte kaum die Tür zugehen hören, da war sie auch schon verstummt. „Bevor wir mit der heutigen Lektion beginnen“, begann Snape seinen Vortrag und glitt dabei zu seinem Pult, um in die Runde zu starren, „halte ich es für angebracht, Sie daran zu erinnern, dass Sie sich im nächsten Juni einer wichtigen Prüfung unterziehen werden, bei der Sie beweisen können, wie viel Sie über die Mischung und den Gebrauch von Zaubertränken gelernt haben. Dumm, wie ein Teil dieser Klasse zweifellos ist, erwarte ich dennoch, dass Sie wenigstens noch ein Annehmbar bei ihren ZAGs schaffen, andernfalls werden Sie... mein Missbehagen zu spüren bekommen.“ Sein Blick wanderte direkt zu Neville, der heftig schluckte. „Nach diesem Schuljahr werden natürlich viele von Ihnen nicht mehr bei mir studieren“, fuhr Snape fort. „In meine UTZ-Zaubertrankklasse nehme ich nur die Allerbesten auf, was heißt, dass einige von Ihnen sich mit Sicherheit verabschieden werden.“ Seine Augen ruhten bei diesen Worten hauptsächlich auf Harry; dieser blickte jedoch nur finster zurück, doch innerlich freute er sich sicher, dass er Zaubertränke nach dem fünften Schuljahr aufgeben konnte. „Aber bis zu diesem glücklichen Moment des Abschieds haben wir noch ein Jahr vor uns“, sagte Snape mit beunruhigend sanfter Stimme, „und so rate ich Ihnen allen, ob Sie es mit UTZ versuchen wollen oder nicht, Ihre Anstrengungen darauf zu konzentrieren, das hohe Abschlussniveau zu halten, das ich inzwischen von meinen ZAG-Schülern erwarte. Heute mischen wir ein Gebräu, das bei den Zauberergrad-Prüfungen häufig verlangt wird: den Trunk des Friedens, einen Zaubertrank, der Ängste lindert und Aufgeregtheit dämpft. Aber Vorsicht: Wenn Sie mit den Zutaten allzu sorglos umgehen, werden Sie mit Ihrem Trank einen tiefen Schlaf auslösen, aus dem manche nicht mehr erwachen werden, also achten Sie darauf, was Sie tun.“ Mine setzte sich bei diesen Worten mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck etwas gerader hin. „Die Zutaten und die Zubereitung-...“, Snape schnippte mit dem Zauberstab, „stehen hier an der Tafel-...“ (prompt erschienen sie dort) „und Sie finden alles, was Sie brauchen-...“, wieder schnippte er mit dem Zauberstab, „im Zutatenschrank-...“ (die Tür des besagten Schrankes sprangen bei seinen Worten auf) „Sie haben anderthalb Stunden... fangen Sie an.“

    Snape hätte uns kaum einen schwierigeren, kniffligeren Zaubertrank zur Aufgabe machen können. Die Zutaten mussten genau in der richtigen Reihenfolge und Menge in den Kessel gegeben werden; die Mixtur musste exakt soundso viele Male umgerührt werden, zuerst im Uhrzeigersinn, dann gegen ihn; die Hitze der Flammen, auf denen sie sieden musste, musste für eine bestimmte Minutenzahl auf die genau richtige Temperatur gesenkt werden, bevor die letzte Zutat beigegeben wurde.
    „Ein leichter silberner Dampf sollte inzwischen von Ihrem Trank aufsteigen“, rief Snape, als die letzten zehn Minuten angebrochen waren. Aus meinem Kessel kam jedoch nur Dunst, kein Dampf; er war zwar silbern, aber ich fürchtete, dass das für Snape nicht reichen würde. Mein Ergebnis war allerdings noch besser als das manch anderer. Harrys Dampf war dunkelgrau, Rons Trank spuckte grüne Funken, Seamus stocherte mit der Spitze seines Zauberstabs im Feuer unter seinem Kessel herum, das danach aussah, als würde es jeden Moment ausgehen. Über Mines Kessel hatte sich aber der von Snape gewünschte silberner Nebel aus Dampfschwaden gebildet. Als Snape vorüberglitt, blickte er kommentarlos auf ihren Kessel, was wohl hieß, dass er nichts auszusetzen fand. Während er an mir vorbeiging, kam es mir fast so vor, als würde ich ein leises „Wie enttäuschend“ hören; es war ein Kommentar der höhnischen Sorte, und das hatte er mir gegenüber noch nie angewandt. Unweigerlich begann es in meinem Inneren zu brennen, als ich hinüber zu Mine sah, die sich zu freuen schien, dass Snape nichts zu ihrem Trunk des Friedens gesagt hatte. Es nagte an mir, dass Snape mich tatsächlich heruntergemacht hatte, und gleichzeitig hasste ich mich dafür, dass ich eifersüchtig auf meine beste Freundin war.

    Ich hatte es allerdings immer noch besser als Harry. Bei seinem Kessel hielt Snape nämlich inne und begutachtete ihn mit einem Grinsen, bei dem es einem kalt den Rücken hinunterlief. „Was soll das sein, Potter?“ Die Slytherins in den vorderen Reihen blickten neugierig auf; sie hörten nur zu gern zu, wie Snape Harry piesackte. „Der Trunk des Friedens“, sagte Harry angespannt. „Sagen Sie mal, Potter“, fragte Snape leise, „können Sie lesen?“ Ich hörte Draco weiter vorne lachen. „Ja, kann ich“, erwiderte Harry. „Dann lesen Sie mir die dritte Zeile der Rezeptur vor, Potter.“ Harry sah nach vorne zur Tafel, was durch die bunten Dampfschwaden gar nicht so einfach war. „Man füge Mondsteinpulver hinzu, rührte dreimal gegen den Uhrzeigersinn um, lasse es sieben Minuten sieden und gebe dann zwei Tropfen Nieswurzsirup bei.“ An seinem erschrockenen Blick konnte ich sofort erkennen, dass er irgendetwas übersehen haben musste. Das dachte sich offensichtlich auch Snape, denn er fragte: „Haben Sie die dritte Zeile zur Gänze befolgt, Potter?“ „Nein“, erwiderte Harry, so leise, dass es fast nicht zu hören war. „Wie bitte?“ „Nein“, wiederholte Harry lauter. „Ich habe die Nieswurz vergessen.“ „Das weiß ich, Potter, und das heißt, dieser Trank ist vollkommen wertlos. Evanesco!“ Das Gemisch, das Harry zusammengebraut hatte, verschwand. Mit einem hämischen Grinsen wandte Snape sich wieder der gesamten Klasse zu. „Jene von Ihnen, die tatsächlich imstande waren, die Rezeptur zu lesen, füllen nun ein Fläschen davon ab, beschriften es deutlich lesbar mit ihren Namen und bringen es zur Erprobung nach vorne zu meinem Pult. Hausaufgabe: Zwölf Zoll Pergament über die Eigenschaften von Mondstein und seine Anwendungen in der Zaubertrankbereitung, Abgabe am Donnerstag.“

    Während alle, mich eingeschlossen, unsere Fläschen abfüllten, räumte Harry vor Wut kochend seine Sachen weg. Er tat mir leid, immerhin war sein Trank nicht viel schlechter gewesen als Rons, der nun nach faulen Eiern stank, oder Nevilles Trank, der mittlerweile die Konsistenz von Zement erreicht hatte, und den er jetzt aus seinem Kessel herausmeiseln musste. Als es klingelte, war Harry der Erste, der das Klassenzimmer verließ, und als Ron, Mine und ich in die Große Halle kamen, hatte er schon mit dem Essen angefangen. Das Wetter, das uns die Decke zeigte, passte perfekt zu meiner Laune; im Laufe des Vormittags hatte der Himmel sich noch gräulicher verfärbt und der Regen peitschte und prasselte gegen die Fenster, als wollte er herein. „Das war wirklich unfair“, meinte Mine mitfühlend, als wir uns zu Harry setzten, und sie sich etwas von dem Hackfleisch-und-Kartoffel-Auflauf nahm. Ich nickte zustimmend und grinste. „Dein Trank war lange nicht so schlecht, wie der von Goyle; als er ihn in sein Fläschchen füllen wollte, ist es geplatzt und hat seinen Umhang in Brand gesetzt; du hättest Snapes Gesicht sehen sollen!“ Ich erhoffte mir zumindest ein winziges Lächeln; diesen Gefallen tat Harry mir aber nicht. „Was soll’s“, sagte er nur und stierte auf seinen Teller. „Wann ist Snape denn jemals fair zu mir gewesen?“ Wir verstummten, alle vier; wir wussten, dass Snape Harry nicht ausstehen konnte. „Ich hatte eigentlich gedacht, er würde dieses Jahr vielleicht ein wenig netter sein“, sagte Mine schließlich und klang dabei enttäuscht. „Ich meine... ihr wisst schon...“ - sie blickte sich vorsichtig um, um sicher zu gehen, dass niemand uns belauschte - „jetzt, wo er im Orden des Phönix ist und so.“ Ich schnaubte. „Hast du das wirklich geglaubt, Hermine? Mich hasst Snape jetzt, allein schon wegen meinem Vater.“ Ich verschwieg bewusst Sirius’ Namen, falls doch jemand zuhören sollte. „Wie kommst du darauf?“, fragte Ron. „Er hat meinen Trank runtergemacht. Und ihr wisst doch, dass er das noch nie getan hat!“ „Da hast du’s, Unkraut vergeht nicht“, meinte Ron weise. „Jedenfalls hab ich Dumbledore immer für beknackt gehalten, weil er Snape vertraut. Wo ist der Beweis, dass er je wirklich aufgehört hat, für Du-weißt-schon-wen zu arbeiten?“ „Dumbledore hat wahrscheinlich eine Menge Beweise, denke ich, auch wenn er sie dir nicht mitteilt, Ron“, fauchte Mine. „Ach, seid still, ihr beiden“, sagte Harry nachdrücklich, als Ron den Mund aufmachte, um zurückzugiften. „Könnt ihr es nicht einfach mal gut sein lassen? Ständig liegt ihr euch in den Haaren, das macht mich noch wahnsinnig.“ Er ließ seinen Teller stehen, schnappte sich seine Tasche und war im Nu aus der Großen Halle verschwunden. Sollte ich ihm nachgehen? Mine bemerkte meinen Blick und nickte mir zu, also stand ich ebenfalls auf, griff nach meiner Tasche und machte, dass ich vom Gryffindor-Tisch davonkam.

    Ich holte Harry am oberen Ende der Marmortreppe ein; er blieb nicht stehen, auch nicht, als er mich sah, also packte ich ihn an der Schulter und drehte ihn zu mir herum. Harry sagte gar nichts, während ich nach Atem rang, sondern starrte mich einfach nur an, als hätte ich mich vor seinen Augen in einen Zentauren verwandelt. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich ihn; Harry starrte mich einen Moment lang ausdruckslos an, bevor etwas in ihm zu brechen schien. „Nein, gar nichts ist in Ordnung!“, schrie er schon fast, und in diesem Moment war ich froh, dass alle andere Schüler in der Großen Halle beim Mittagessen saßen. „Snape lässt mich aussehen, als wäre ich ein Vollidiot, das Ministerium hält mich für einen Spinner, der nur nach Aufmerksamkeit sucht, und alle behandeln mich auch so!“ Harry redete sich so in Rage, dass sein Kopf knallrot anlief und ich einen Schritt zurückwich.
    „Und dann kommst du und tust so, als wäre nichts gewesen! Du hast keine Ahnung, nicht die geringste Ahnung, auch wenn du das glaubst! Du weißt nicht, wie es ist, die ganze Zeit angesehen zu werden, als wärst du ein Aussätziger!“ „Doch, ich verstehe dich...“ „Nein, tust du nicht! Was dir in deinem Leben schon schlimmes passiert?“ Das Blut gefror in meinen Adern. „Du hast keine Verwandten, die dich verachten und behandeln wie Dreck! Du kannst aufhören, so zu tun, als ob es dir ähnlich geht! Du hast Sirius und du hast deine Mum, ihre ganzen Erinnerungen, die Bilder und ihre Tagebücher! Meine Eltern sind tot! Ich habe so gut wie nichts von ihnen, und du glaubst, dass dein Leben schlecht war? Du hast überhaupt kein Recht dazu, irgendetwas daran schlecht zu finden!“
    In diesem Moment schien Harry zu begreifen, dass er zu weit gegangen war. In meinen Augen bildeten sich unweigerlich Tränen, auch wenn ich sie mit aller Kraft zurückhalten wollte. Ein starkes Mädchen weint nicht!, redete ich mir selbst ein, während ich Harry fassungslos anstarrte. Wie konnte er nur so etwas sagen? Mit viel Willenskraft schaffte ich es, meine Stimme nicht allzu weinerlich klingen zu lassen. „Wie kannst du das nur sagen? Glaubst du ernsthaft, mir wäre es nie schlecht gegangen?“ Mittlerweile tobte in mir ein Orkan aus Gefühlen. Ich spürte Wut, Furcht, und was am deutlichsten herausstach... Enttäuschung. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Moody hatte mir zwar gezeigt, wie man jemand abwehrte, der einen körperlich angriff, aber was tat man bei seelischen Angriffen? Harry schrie währenddessen immer weiter auf mich ein, als müsste er endlich einmal alles herauslassen, und ich wäre gerade sein Ablassventil. Ich tat also das Erste, was mir in den Sinn kam; ich streckte die Arme nach vorne durch, baute ein Schutzschild auf, und stieß Harry mit voller Wucht nach hinten. Zum Glück krachte er nicht gegen die harte Steinmauer, doch dafür hielten ihn meine Kräfte wie zwei Fesseln am Boden fest; ich ging langsam rückwärts, die Hände immer noch in der gleichen Position, erschrocken über mein Verhalten. Harry starrte mich in einem Blick an, den ich noch nie gesehen hatte: Angst. Er hatte Angst vor mir.

    Als ich am anderen Ende des Gangs angekommen war, riss ich mit aller Kraft die Fesseln fort, die Harrys Arme am Boden festgenagelt hatten, drehte mich um und rannte. Ich wollte diesen Gesichtsausdruck nie wieder sehen, diese Augen, die mir sagten, was ich eigentlich für ein Monster sei, wollte niemals wieder diese Worte und Sätze hören, vor allem nicht aus Harrys Mund. Ich bemerkte erst, dass ich angefangen hatte zu weinen, als ich mich im Klo eingeschlossen hatte (glücklicherweise war es nicht das der Maulenden Myrthe, um die machte ich noch immer einen weiten Boden) und mich auf den geschlossenen Klodeckel sinken ließ. Ich verbarg mein Gesicht in den Händen und begann hemmungslos zu schluchzen. Warum hatte er seine Wut ausgerechnet an mir ausgelassen? In diesem Augenblick wollte ich einfach nur ins Bett, mich unter der Decke verstecken, und nie wieder herauskommen.

    17
    17. Kapitel

    Selbst als es klingelte, konnte ich einfach nicht aufhören zu weinen und beschloss deshalb einfach, Wahrsagen ausfallen zu lassen. Ich hatte noch niemals zuvor geschwänzt, aber ich fühlte mich einfach nicht in der Verfassung, zum Unterricht zu gehen. Meine Augen waren rot von den ganzen Tränen und meine Wangen hatten sich rosa verfärbt. Nein, so konnte ich den anderen einfach nicht unter die Augen treten. So blieb ich also sitzen und starrte ins Nichts, bis die Glocke das Ende der Schulstunde beendete; ich nahm meine Tasche und machte mich auf den Weg zum Klassenzimmer für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Bevor ich die Toilette verlassen hatte, hatte ich glücklicherweise noch einen Zauberspruch angewandt, der die Tränenspuren und die roten Augen verschwinden ließ.

    Als ich mit den anderen das Klassenzimmer betrat, fanden wir Professor Umbridge bereits am Lehrerpult sitzen; sie trug immer noch dieselbe grässlich flauschige rosa Strickjacke, die sie gestern Abend angehabt hatte (die schwarze Samtschleife steckte zudem auch wieder auf ihrem mausgrauen Haar). Irgendwie erinnerte sie mich abermals an eine große Fliege, die auf dem Kopf einer noch größeren Kröte saß. Ich setzte mich neben Mine, und beobachtete, wie der Rest der Klasse leise hereinkam. Professor Umbridge hatte noch nie Unterricht bei uns gegeben, deshalb wussten wir alle nicht, wie streng sie sein würde. „Nun, einen guten Tag!“, sagte sie schließlich, nachdem sich alle gesetzt hatten. „Guten Tag“, grüßten einige murmelnd zurück. „Tss, tss“, machte Professor Umbridge. „Das reicht aber nicht, oder? Ich möchte doch bitten, dass Sie >Guten Tag, Professor Umbridge< antworten. Noch einmal, bitte. Guten Tag, Klasse!“ „Guten Tag, Professor Umbridge“, antworteten wir im Chor. „Schon besser“, sagte Professor Umbridge zuckersüß. „Das war nicht allzu schwer, nicht wahr? Zauberstäbe und Federn raus, bitte.“ Wir tauschten finstere Blicke; der Anweisung „Zauberstäbe weg“ war bisher noch nie eine interessante Unterrichtsstunde gefolgt. Trotzdem steckte ich meinen Zauberstab zurück in die Tasche und holte Feder, Tinte und Pergament hervor. Professor Umbridge öffnete ihre Handtasche, zog ihren Zauberstab heraus, der ungewöhnlich kurz war, und klopfte damit gegen die Tafel; sofort erschienen Wörter darauf:

    Verteidigung gegen die dunklen Künste
    Eine Rückkehr zu den Grundprinzipien

    „Nun denn, Ihr Unterricht in diesem Fach war doch einigermaßen unstetig und bruchstückhaft, nicht wahr?“, stellte Professor Umbridge fest und wandte sich mit gefalteten Händen der Klasse zu. „Der ständige Wechsel der Lehrer, von denen einige offenbar keinem vom Ministerium anerkannten Lehrplan gefolgt sind, hat leider dazu geführt, dass Sie weit unter dem Niveau sind, das wir in Ihrem ZAG-Jahr erwarten würden.
    Sie werden sich jedoch freuen zu erfahren, dass diese Probleme nun behoben werden sollen. Wir werden in diesem Jahr einen sorgfältig strukturierten, theoriezentrierten, von Ministerium anerkannten Kurs durchzuführen. Schreiben Sie bitte Folgendes ab.“
    Wieder klopfte sie gegen die Tafel; die Schrift verschwand und an ihre Stelle traten die „Ziele des Kurses“.

    1. Verständnis der Grundprinzipien defensiver Magie.
    2. Erkennen von Situationen, in denen defensive Magie auf rechtlicher Grundlage eingesetzt werden kann.
    3. Den Gebrauch defensiver Magie in einen Zusammenhang mit praktischem Nutzen stellen.

    Einige Minuten lang war nur das Kratzen der Federn auf Pergament zu hören. Als alle Professor Umbridges drei Kursziele abgeschrieben hatten, fragte sie: „Haben alle ein Exemplar der >Theorie magischer Verteidigung< von Wilbert Slinkhard?“ Ein dumpfes zustimmendes Murmeln zog sich durch die Reihen. „Ich glaube, das versuchen wir noch mal“, meinte Professor Umbridge. „Wenn ich Ihnen eine Frage stelle, möchte ich, dass Sie mit >Ja, Professor Umbridge< oder >Nein, Professor Umbridge< antworten. Also: Haben alle ein Exemplar der >Theorie magischer Verteidigung< von Wilbert Slinkhard?“ „Ja, Professor Umbridge“, schallte es durchs Klassenzimmer. „Gut“, sagte Professor Umbridge. „Nun schlagen Sie bitte Seite fünf auf und lesen Sie >Kapitel eins, Allgemeinheiten für Anfänger<. Ich möchte keine Unterhaltungen hören.“

    Professor Umbridge trat von der Tafel zurück, ließ sich auf dem Stuhl hinter dem Lehrerpult nieder und beobachtete uns mit ihren wässrigen Krötenaugen. Ich schlug Seite fünf des Buches auf und begann zu lesen. Es war schrecklich langweilig und meine Konzentration ließ fast augenblicklich nach, dennoch quälte ich mich durch die Zeilen. Mehrere Minuten vergingen, in denen ich immer wieder denselben Satz las, und trotzdem nicht begriff, von was er handelte. Als ich zu Mine hinübersah, um zu sehen, wie weit sie schon war, wurde ich ziemlich überrascht. Mine hatte ihr Buch nicht einmal geöffnet und meldete sich mit der üblichen, nach oben gestreckten Hand; unverwandt starrte sie dabei auch noch Professor Umbridge an. Ich konnte mich nicht erinnern, wann Mine jemals ein Buch nicht gelesen hätte, wenn irgendein Lehrer es ihr auftrug. Als sie meinen fragenden Blick bemerkte, schüttelte sie nur leicht den Kopf. Professor Umbridge schien jedoch beschlossen zu haben, Mine zu ignorieren, denn sie wandte ihren krötenartigen Kopf beharrlich in eine andere Richtung. Nach einigen Minuten war ich jedoch nicht mehr die Einzige, die Mine beobachtete, wie sie sich meldete. Um es genauer zu sagen: die gesamte Klasse starrte sie an. Das Kapitel, das wir lesen sollten, war tatsächlich so langweilig, dass sich die meisten dafür entschieden, Mine bei ihrem stummen Versuch zuzuschauen, Professor Umbridges Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als Professor Umbridge bemerkte, dass sämtliche Schüler nicht mehr in die Bücher, sondern zu Mine blickten, schien sie zu dem Schluss zu kommen, dass sie die Lage nicht länger ignorieren konnte.

    „Wollen Sie eine Frage zu dem Kapitel stellen, meine Liebe?“, fragte sie Mine, als hätte sie jene eben erst bemerkt. „Nein, nicht zu dem Kapitel“, sagte Mine. „Nun, wir lesen es gerade“, bemerkte Professor Umbridge falsch lächelnd, wobei sie ihre kleinen spitzen Zähne zeigte. (Ernsthaft, wer hatte denn bitte spitze Zähne wie ein Vampir?) „Wenn Sie andere Auskünfte wünschen, können wir das am Ende des Unterrichts erledigen.“ „Ich möchte eine Auskunft über Ihre Kursziele“, meinte Mine, ohne auf den eindeutigen Hinweis zu hören, die Sache auf später zu verschieben. Professor Umbridge hob die Augenbrauen. „Und Ihr Name ist?“ „Hermine Granger“, sagte Mine. „Nun, Miss Granger, ich denke, die Kursziele sind vollkommen klar, wenn Sie sie sorgfältig durchlesen“, erklärte Professor Umbridge mit aufgesetzt liebenswürdiger Stimme. „Nun, mir nicht“, sagte Mine frei heraus. „Da steht nichts davon, wie man defensive Zauber einsetzt.“

    Eine kurze Stille trat ein; viele in der Klasse wandten ihre Köpfe zurück zur Tafel mit den drei Kurszielen. „Defensive Zauber einsetzt?“, wiederholte Professor Umbridge mit einem kurzen Lachen. „Nun, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass in meinem Klassenzimmer eine Situation eintreten könnte, die es erfordern würde, dass Sie einen defensiven Zauber einsetzen, Miss Granger. Sie erwarten doch nicht ernsthaft, im Unterricht angegriffen zu werden?“ „Wir gebrauchen keine Magie?“, fragte Ron laut. „Die Schüler und Schülerinnen heben die Hand, wenn sie in meinem Unterricht zu sprechen wünschen, Mr. -?“ „Weasley“, sagte Ron und streckte die Hand in die Luft. Professor Umbridge, die nun noch breiter lächelte, wandte sich von ihm ab. Jetzt hoben auch Harry und Mine ihre Hände, doch ich konnte mich nicht dazu aufraffen. Professor Umbridges Triefaugen ruhten einen Moment lang auf Harry, dann wanderten sie wieder zu Mine. „Ja, Miss Granger? Sie wollten etwas anderes fragen?“ „Ja“, entgegnete Mine. „Der springende Punkt bei Verteidigung gegen die dunklen Künste ist doch sicher, dass wir Zauber zu unserer Verteidigung üben?“ „Sind Sie eine vom Ministerium geschulte Ausbildungsexpertin, Miss Granger?“, fragte Professor Umbridge mit ihrer mädchenhaft wirkenden Stimme. „Nein, aber-...“ „Nun, dann fürchte ich, dass Sie nicht qualifiziert sind, um zu entscheiden, was der >springende Punkt< eines Unterrichts ist. Zauberer, die viel älter und klüger sind als Sie, haben unser neues Studienprogramm ausgearbeitet. Sie werden auf sichere, risikofreie Weise etwas über defensive Zauber lernen-...“ „Was nützt denn das?“, sagte Harry laut. „Wenn wir angegriffen werden, wird das nicht-...“ „Melden, Mr. Potter!“, flötete Professor Umbridge. Harry stieß seine Faust in die Luft, doch erneut wandte Professor Umbridge sich ab; inzwischen hatten allerdings schon einige andere Schüler die Hände gehoben.

    „Und Ihr Name ist?“, fragte Professor Umbridge an Dean gewandt. „Dean Thomas.“ „Nun, Mr. Thomas?“ „Also, es ist doch, wie Harry gesagt hat, nicht?“, sagte Dean. „Wenn wir angegriffen werden, wird das nicht risikofrei sein.“ „Ich wiederhole“, erwiderte Professor Umbridge und lächelte Dean auf ziemlich nervige Weise an, „erwarten Sie, dass Sie während des Unterrichts angegriffen werden?“ „Nein, aber-...“ Professor Umbridge ließ ihn nicht weiter zu Wort kommen. „Ich möchte die Art und Weise, wie diese Schule bisher geführt wurde, nicht kritisieren“, sagte sie und ein falsches Lächeln dehnte sich dabei auf ihrem breiten Mund aus, „aber Sie wurden in diesem Fach einigen sehr unverantwortlichen Zauberern ausgesetzt, wirklich sehr unverantwortlich - ganz zu schweigen“, sie lachte kurz und gehässig auf, „von äußerst gefährlichen Halbblütern.“ In mir kochte es vor Wut über diese Aussage, aber ich konnte mich gerade noch zurückhalten. „Wenn Sie Professor Lupin meinen“, legte Dean zornig los, „er war der Beste, den wir je-...“ „Melden, Mr. Thomas! Wie ich schon sagte - es wurden Ihnen Zauber vorgeführt, die kompliziert, für Ihre Altersgruppe ungeeignet und potenziell tödlich sind. Man hat Sie in Angst versetzt und glauben gemacht, dass Sie praktisch jeden Tag schwarzmagischen Angriffen ausgesetzt sein könnten-...“ „Nein, das ist nicht wahr“, sagte Mine, „wir haben nur-...“ „Ihre Hand ist nicht oben, Miss Granger!“ Mine hob die Hand. Professor Umbridge wandte sich von ihr ab. „Meines Wissens hat mein Vorgänger rechtswidrige Flüche nicht nur vor Ihnen, sondern auch noch an Ihnen ausgeführt.“ „Na ja, es hat sich ja rausgestellt, dass er wahnsinnig war, oder?“, argumentierte Dean hitzig. „Und trotzdem haben wir ‘ne Menge gelernt.“ „Ihre Hand ist nicht oben, Mr. Thomas!“, trillerte Professor Umbridge. „Nun, es ist die Auffassung des Ministeriums, dass ein theoretisches Wissen mehr als ausreichend ist, um Sie durch die Prüfungen zu bringen, und das ist es schließlich, worum es in der Schule geht. Und Ihr Name ist?“, fügte sie mit starrem Blick auf Parvati hinzu, deren Hand eben hochgeschossen war. „Parvati Patil, und gibt es nicht einen praktischen Teil in unseren ZAG- Prüfungen in Verteidigung gegen die dunklen Künste? Sollen wir nicht zeigen, dass wir tatsächlich die Gegenflüche beherrschen?“ „Wenn Sie die Theorie fleißig genug studiert haben, gibt es keinen Grund, warum Sie nicht in der Lage sein sollten, Zauber unter sorgfältig überwachten Prüfungsbedingungen auszuführen“, sagte Professor Umbridge abweisend. „Ohne, dass wir je zuvor geübt haben?“, entgegnete Parvati ungläubig. „Wollen Sie damit sagen, dass wir erst bei den Prüfungen richtig zaubern dürfen?“ „Ich wiederhole, wenn Sie die Theorie fleißig genug studiert haben-...“ „Und was wird uns die Theorie ind er wirklichen Welt nützen?“, sagte Harry laut, die Hand erneut in der Luft. Professor Umbridge sah auf. „Wir sind hier in der Schule, Mr. Potter, nicht in der wirklichen Welt“, sagte sie sanft. „Demnach sollen wir gar nicht darauf vorbereitet sein, was uns dort draußen erwartet?“ „Dort draußen erwartet Sie nichts, Mr. Potter.“ „Ah ja?“ „Wer, glauben Sie denn, will Kinder wie Sie angreifen?“, fragte Professor Umbridge mit honigsüßer Stimme. „Hm, überlegen wir mal...“, sagte Harry in gespielt nachdenklichem Ton. „Vielleicht... Lord Voldemort?“

    Ron keuchte; Lavender stieß einen spitzen Schrei aus; Neville rutschte seitwärts vom Stuhl. Professor Umbridge zuckte jedoch nicht mal mit der Wimper. Stattdessen starrte sie Harry mit einem Ausdruck grimmiger Genugtuung an. „10 Punkte Abzug für Gryffindor, Mr. Potter.“ Die Klasse war stumm. Alle starrten entweder Umbridge oder Harry an. „Nun, lassen Sie mich einige Dinge klar und deutlich sagen.“ Sie stand auf und beugte sich, die kleinen Wurstfinger auf dem Pult gespreizt, zur Klasse vor. „Man hat Ihnen gesagt, dass ein gewisser schwarzer Magier von den Toten zurückgekehrt sei-...“ „Er war nicht tot“, unterbrach Harry sie zornig, „aber ja, er ist zurückgekehrt!“ „Mr.-Potter-Sie-haben-Ihrem-Haus-schon-zehn-Punk te-Abzug-eingebracht-nun-machen-Sie-die-Sache-für -sich-nicht-noch-schlimmer“, sagte Professor Umbridge, ohne Luft zu holen. „Wie ich eben sagte, man hat Ihnen mitgeteilt, dass ein gewisser schwarzer Magier erneut sein Unwesen treibe. Das ist eine Lüge.“ „Das ist KEINE Lüge!“, entgegnete Harry. „Ich hab ihn gesehen, ich hab mit ihm gekämpft!“ „Nachsitzen, Mr. Potter!“, sagte Professor Umbridge triumphierend. „Morgen Nachmittag. Fünf Uhr. In meinem Büro. Ich wiederhole, das ist eine Lüge. Das Zaubereiministerium versichert Ihnen, dass Sie nicht durch irgendeinen schwarzen Magier gefährdet sind. Wenn Sie sich dennoch Sorgen machen, dann kommen Sie unbedingt außerhalb der Unterrichtszeit zu mir. Ich bin hier, um zu helfen. Ich will nur Ihr Bestes. Und würden Sie nun bitte mit Ihrer Lektüre fortfahren. Seite fünf, >Allgemeinheiten für Anfänger<.“

    Professor Umbridge setzte sich hinter Pult; Harry stand auf. Alle starrten ihn an. „Harry, nein!“, hörte ich Mine wispern, doch er hörte nicht auf sie. „Nun, Ihnen zufolge ist Cedric Diggory also ganz von allein tot umgefallen, ja?“, fragte er mit bebender Stimme. Die gesamte Klasse schien gleichzeitig nach Luft zu schnappen. Professor Umbridge starrte Harry ohne die Spur eines falschen Lächelns an. „Cedric Diggorys Tod war ein tragischer Unfall“, sagte sie kalt. „Es war Mord“, widersprach Harry. „Voldemort hat ihn getötet und Sie wissen das.“ Professor Umbridge sah ihn vollkommen ausdruckslos an. Einen Moment lang sah es fast so aus, als würde sie anfangen zu schreien. Dann schien sie sich jedoch wieder zu fangen, denn sie sagte mit ihrer süßlich klingenden Mädchenstimme: „Kommen Sie her, Mr. Potter, mein Lieber.“ Harry stieß seinen Stuhl beiseite und ging nach vorne zum Lehrerpult. Professor Umbridge zog eine kleine rosafarbene Pergamentrolle aus ihrer Handtasche, strich sie auf dem Pult glatt, taucht eihre Feder in ein Tintenfass und fing an zu kritzeln. Niemand sprach. Nach etwa einer Minute rollte sie das Pergament zusammen und berührte es mit ihrem Zauberstab; es versiegelte sich nahtlos. „Bringen Sie dies zu Professor McGonagall, mein Lieber“, sagte Professor Umbridge und hielt ihm ihre Notiz hin. Harry nahm sie ihr wortlos aus der Hand, verließ das Klassenzimmer, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfend, und schlug die Tür hinter sich zu. Ich konnte mir denken, was auf dem dämlichen Pergament stand und das Harry noch heftig Ärger mit Professor Umbridge bekommen würde, aber in welchem Ausmaß, das würde ich noch früh genug erfahren dürfen.

    Dieses Abendessen am Gryffindor-Tisch würde mir wohl einer meiner unbehaglichsten Momente überhaupt in Erinnerung bleiben. Ich saß zwar wie immer mit Harry, Mine und Ron zusammen, doch gesagt hatte ich rein gar nichts. Mine und Ron warfen mir einige Male fragende Blicke zu, doch ich ignorierte sie einfach. Dazu kam noch, dass Harrys lautstarke Auseinandersetzung mit Umbridge sich ungewöhnlich schnell herumgesprochen hatte. Ringsum hörte man ständig wildes Getuschel und Geflüster. Seltsam daran war nur, dass es niemanden zu kümmern schien, ob wir mithörten oder nicht. „Er behauptet, er hätte gesehen, wie Cedric Diggory ermordet wurde...“ „Er denkt, er hätte sich mit Du-weißt-schon-wem duelliert...“ „Ach, hör doch auf...“ „Wer soll ihm denn dieses Märchen abkaufen?“ „Ich bitte dich...“ „Eins versteh ich nicht“, sagte Harry mit bebender Stimme und legte Messer und Gabel weg, „nämlich dass alle die Geschichte vor zwei Monaten, als Dumbledore sie ihnen erzählt, geglaubt haben...“ „Weißt du, Harry, da bin ich mir gar nicht so sicher“, meinte Mine grimmig. „Ach, lasst uns einfach von hier verschwinden.“ Sie knallte Messer und Gabel auf den Tisch. Ron blickte sehnsüchtig auf seinen halb aufgegessenen Apfelkuchen, erhob sich aber trotzdem mit mir zusammen. Einige Schüler starrten uns hinterher, bis wir die Große Halle verlassen hatten. „Was soll das heißen, du bist dir nicht sicher, ob sie Dumbledore geglaubt haben?“, fragte Harry Mine, als wir den ersten Stock betreten hatten. „Hör mal, du begreifst nicht, was nach dieser Geschichte los war“, sagte sie leise. „Du bist mitten auf dem Rasen wieder aufgetaucht und hattest den toten Cedric an dich gedrückt... niemand von uns hat gesehen, was im Irrgarten passiert ist... wir hatten nur Dumbledores Wort, wonach Du-weißt-schon-wer zurückgekommen war, Cedric getötet und mit dir gekämpft hatte.“ „Und das ist die Wahrheit!“, erwiderte Harry laut. „Das weiß ich, Harry, also hörst du jetzt bitte mal auf, mich ständig anzufahren?“, fuhr Mine genervt fort. „Ich meine nur, dass die Wahrheit gar nicht richtig durchdringen konnte, bevor alle in die Sommerferien verschwunden sind, wo sie dann zwei Monate lang gelesen haben, was für ein Knallkopf du bist und dass Dumbledore allmählich senil wird!“ Dann verfiel sie in Schweigen.

    Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, als wir durch die leeren Korridore zum Gryffindor-Turm zurückkehrten. Mir kam dieser erste Schultag wie eine ganze Woche vor, doch bevor ich ins Bett gehen würde, musste ich noch einene ganzen Stapel Aufsätze schreiben. Mine riss mich mit dem Passwort für den Gemeinschaftsraum aus den Gedanken heraus; das Porträt der fetten Dame schwang zur Seite, gab das Loch dahinter frei und wir kletterten hindurch.

    Der Gemeinschaftsraum war fast leer, denn die meisten anderen Gryffindors waren noch in der Großen Halle beim Abendessen. Krummbein glitt von einem der herumstehenden Sessel und tapste Mine laut schnurrend entgegen. Meine Freunde steuerten unsere Lieblingssessel, doch ich hatte das Gefühl, dass ich keinen gesamten Abend mit Harry mehr überstehen würde. Als Mine sich setzte, sprang Krummbein auf ihren Schoß und kringelte sich dort ein, während meine beste Freundin mich erwartungsvoll anstarrte. „Ich glaube, ich gehe gleich ins Bett, Mine. Ich bin total müde.“ Mine sah mir ganz offensichtlich an, dass ich ihr gerade ins Gesicht gelogen hatte, aber sie warf mir nur einen fragenden Blick zu; „Gut, wir sehen uns dann später.“, sagte sie, aber ich war mir sicher, dass sie sich so bald wie möglich von den Jungs loseisen würde, um endlich zu erfahren, warum ich seit dem Mittagessen so stumm war.

    Der Weg zum Schlafsaal kam mir endlos lang vor, und sobald ich die Tür aufgemacht und hinter mir geschlossen hatte, ließ ich mich erschöpft auf mein Bett fallen. Eine ganze Zeit lang lag ich einfach da und starrte die scharlachroten Stoffbanner, die mein Himmelbett umspannten. Ich wünschte, ich könnte die schrecklichen Worte, die Harry mir an den Kopf geworfen hatte, einfach vergessen, ins Kurzgedächtnis verbannen, und nie wieder hervorholen, aber ich wusste trotzdem, dass das nicht funktionieren würde. Was allerdings noch schlimmer war, waren die Erinnerungen, die dadurch wieder in mir hochstiegen. Andererseits... Harry war einfach gereizt gewesen, immerhin hatte er seine Wut später auch an Umbridge ausgelassen. Bestimmt war es für ihn gerade auch nicht einfach, aber glaubte er deshalb ernsthaft, dass er am Schlechtesten dastand, und dass anderen nichts Schreckliches widerfahren war? Bei den Gedanken an diese ganzen Augenblicke, die sich aus meinen Kurzzeitgedächtnis hervorarbeiteten, brannten bereits Tränen in meinen Augen, doch ich wischte sie energisch beiseite. Weinen würde mir auch nicht weiterhelfen. Tränen lösten keine Probleme, auch wenn ich mir das manchmal wünschte. Mein Gedankenschwall wurde vom Knarren der Tür unterbrochen und als ich aufblickte, sah ich Mine im Türrahmen stehen.

    Sie sprach kein Wort, bis sich neben mich auf mein Bett fallen gelassen hatte. „Was ist los?“, fragte sie schließlich nach einigen Sekunden der Stille. Ich überlegte mir gerade, wie ich ansetzen sollte, als ich Mine in die Augen sah; dieser besorgte Ausdruck, mit dem sie mich ansah, löste in mir eine wahre Flutwelle an Worten aus, die in zusammenhangslosen Sätzen aus mir herauskamen. Es dauerte zwar eine Weile, doch schließlich hatte sie verstanden, was vorgefallen war; ich war vollkommen verstummt, denn es wollten einfach keine vollständigen Worte und Sätze mehr herauskommen. Zuerst sagte Mine gar nichts, sondern drückte mich nur fest an sich, doch dann meinte sie: „Du darfst das nicht so ernst nehmen. Harry hat es eben gerade ziemlich schwer und er musste diesen ganzen Frust höchstwahrscheinlich los werden, immerhin bedrückt ihn das Ganze schon länger. Du warst nur zur falschen Zeit am falschen Ort, Liv. Wir können uns alle gar nicht vorstellen, wie schwer das für ihn ist; Du-weißt-schon-wer’s Rückkehr, diese Anhörung im Ministerium... und dann kommt noch dazu, dass viele ihn für einen Wichtigtuer halten. Würdest du da nicht auch irgendwann alles herauslassen?“ Ich nickte stumm. „Trotzdem ist das natürliche keine wirkliche Entschuldigung dafür, was er alles zu dir gesagt hat. Bestimmt tut es ihm leid und morgen wird er sich bei dir entschuldigen. Mach dir einfach nicht so viele Gedanken.“ Ich hoffte wirlich, dass sie Recht behalten würde.

    18
    18. Kapitel

    Der nächste Tag war genauso regnerisch und trüb wie der vorherige. Beim Frühstück fehlte Hagrid noch immer am Lehrertisch. Wo steckte der nur? „Kein Snape heute, immerhin“, sagte Ron, den Blick auf seinen Stundenplan gerichtet. Mine gähnte herzhaft und schenkte sich Kaffee ein. (Seit wann trank sie denn Kaffee?) Es war nicht verwunderlich, dass sie müde war, immerhin waren wir gestern bis spät in die Nacht aufgeblieben, hatten geredet und dabei Hausaufgaben gemacht. Dennoch machte sie den Eindruck, als würde sie sich über etwas freuen, was offenbar auch Ron und Harry nicht entgangen war. Als Ron sie schließlich danach fragte, sagte sie nur: „Die Hüte sind weg. Sieht so aus, als wollten die Hauselfen doch die Freiheit.“ Mine hatte mir vergangene Nacht von ihren wollenen Hüten erzählt, die sie überall im Gemeinschaftsraum versteckt hatte, damit die Hauselfen sie dort fanden und somit frei waren. Mir gefiel diese Idee nicht besonders, immerhin zwang Mine sie ja dadurch zur Freiheit, ob die Hauselfen wollten oder nicht, aber ich hatte es nicht gewagt, ihr zu widersprechen, als ich ihren hoffnungsvollen Blick gesehen hatte. Ron meinte auf Mines Aussage allerdings: „Da wäre ich mir nicht so sicher. Vielleicht zähen die gar nicht als Kleidung. Mir kamen sie gar nicht wie Hüte vor, eher wie wollene Blasen.“ Mine sprach den ganzen Morgen kein Wort mehr mit ihm.

    Der Doppelstunde Zauberkunst folgte eine Doppelstunde Verwandlung. Professor Flitwick und Professor McGonagall verbrachten jeweils die erste Viertelstunde des Unterrichts damit, die Klasse über die Bedeutung von ZAGs zu belehren. „Sie müssen bedenken“, quiekte Professor Flitwick, der wie immer auf einem riesigen Stapel Bücher saß, damit er über sein Pult sehen konnte, „dass ihre Prüfungen Ihr künftiges Leben für viele Jahre beeinflussen können! Wenn Sie bisher noch nicht ernsthaft über Ihre Berufslaufbahn nachgedacht haben, dann ist es jetzt an der Zeit. Unterdessen, fürchte ich, werden wir fleißiger denn je arbeiten, damit Sie Ihren Fähigkeiten auch gerecht werden!“ Dann verbrachten wir eine ganze Stunde damit, den Aufrufezauber zu wiederholen, der laut Professor Flitwick ganz sicher in unseren ZAG-Prüfungen drankommen würden, und er krönte die Stunde mit einem wahrhaftigen Berg an Hausaufgaben.

    In Verwandlung war es das Gleiche, wenn nicht sogar noch schlimmer. „Sie kommen durch keine ZAG-Prüfung“, sagte Professor McGonagall grimmig, „ohne ernsthafte Praxis, Übung und Studium. Ich sehe keinen Grund, warum jemand in dieser Klasse keinen ZAG in Verwandlung erlangen sollte, wenn er oder sie gründlich darauf hinarbeitet.“ Neville gab ein schwaches, trauriges und ungläubiges Geräusch von sich. „Ja, auch Sie, Longbottom“, sagte Professor McGonagall. „Ihre Arbeit ist nicht schlecht, nur fehlt es Ihnen an Selbstvertrauen. Nun... heute beginnen wir mit Verschwindezaubern. Diese sind leichter als Beschwörungszauber, die Sie für gewöhnlich erst auf UTZ-Niveau versuchen werden, und dennoch gehören sie zur schwierigsten Magie, die beim ZAG geprüft wird.“

    Damit hatte sie vollkommen Recht; der Verschwindezauber war nicht gerade einfach. Am Ende der Doppelstunde hatte ich es zwar geschafft, meine Schnecke, mit der ich üben sollte, verschwinden zu lassen, doch Mine war trotzdem schneller gewesen; bei ihr hatte es schon beim dritten Mal geklappt, während sich bei Harry und Ron nichts getan hatte, obwohl Ron hoffnungsvoll meinte, dass seine Schnecke schon ein wenig blasser aussah. Mine und ich bekamen zwar als Einzige keine Hausaufgaben; dennoch war ich mit mir selbst unzufrieden, und ich wusste nicht einmal genau, weshalb.

    Meine Mittagspause verbrachte ich zusammen mit Ron und Harry in der Bibliothek, wo wir unsere restlichen Aufsätze fertigschrieben. Mine tauchte jedoch nicht auf; mit der Annahme, dass Harry sich bei mir entschuldigen würde, sobald es ein wenig ruhig war, hatte sie sich jedoch gründlich geirrt; Harry gab gegenüber mir keinen Mucks von sich. Ich würde allerdings nicht diejenige sein, die zuerst wieder mit dem anderen redete; diese Genugtuung würde ich Harry nicht geben.

    Ich war unglaublich froh, als wir uns endlich auf den Weg zu Pflege magischer Geschöpfe machten. Der Tag war kühl und windig geworden, und während wir den Rasenhang zu Hagrids Hütte am Rand des Verbotenen Waldes hinabgingen, spürten wir zeitweise einige Regentropfen auf unseren Gesichtern. Professor Raue-Pritsche erwartete die Klasse kaum zehn Meter von Hagrids Tür entfernt, vor sich einen langen Zeichentisch, der mit Zweigen bedeckt war. Als wir bei den anderen ankamen, lachte hinter uns jemand laut auf. Wir drehten uns um und sahen, dass Draco auf uns zuging, umgeben von seinen „Freunden“. Ich wusste nicht genau weshalb, aber mein Herz machte einen kleinen Sprung, als ich ihn sah. Na ja, vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, immerhin herrschte zurzeit in meinem Inneren ein mächtiges Gefühlschaos. Aber zurück zur Gegenwart... offensichtlich hatte Draco gerade etwas äußerst Amüsantes zum Besten gegeben, denn Crabbe, Goyle, Pansy Parkinson und die anderen kicherten immer noch ausgelassen, während sie sich um den Zeichentisch versammelten, was ich ihnen sofort nachtat. Die Art, wie die Slytherins ständig hinüber zu Harry sahen, konnte man ganz klar entnehmen, was der Inhalt dieses Witzes beinhaltete.

    „Sind alle da?“, bellte Professor Raue-Pritsche, sobald alle Gryffindors und Slytherins anwesend waren. „Dann legen wir sofort los. Wer kann mir sagen, wie man diese Dinger hier nennt?“ Sie deutete auf den Haufen Zweige vor ihr. Ich erkannte die Geschöpfe sofort (ich hatte früher einmal ein Buch mit einem gesamten Kapitel über die Tiere in meinem ehemaligen Zuhause auf dem Nachttisch liegen gehabt) und wollte mich melden, doch Mine war mal wieder schneller; ihre Hand schnellte förmlich nach hoch. Hinter ihrem Rücken äffte Draco sie nach, was sie jedoch nicht zu bemerken schien. Pansy Parkinson ließ ein kreischendes Lachen hören (ich verdrehte genervt die Augen), das jedoch in einen Schrei überging, als die Zweige auf dem Tisch in die Luft sprangen. Es waren kleine wichtelhafte Geschöpfe aus Holz, mit knubbligen brauenen Armen und Beinen, zwei zweigartigen Fingern am Ende jeder Hand und einem flachen, rindenähnlichen Gesicht, in dem ein Paar tiefbraune Augen glitzerte. „Oooooh!“, machten Lavender und Parvati. Ich konnte es gut verstehen. „Seid bitte leise, Mädchen!“, sagte Professor Raue-Pritsche scharf und verstreute eine Handvoll Futter, das wie brauner Reis aussah. „Nun - kennt jemand den Namen dieser Kreaturen? Ms. Granger?“ „Bowtruckles“, sagte Mine blitzschnell. „Sie sind Baumwächter und leben normalerweise in Zauberstabbäumen.“ „5 Punkte für Gryffindor“, erwiderte Professor Raue-Pritsche. „Ja, dies sind Bowtruckles, und wie Miss Granger richtig sagt, leben sie meist in Bäumen, aus deren Holz Zauberstäbe gefertigt werden können. Weiß jemand, was sie fressen?“ „Holzläuse“, fügte Mine prompt hinzu, ohne sich zu melden (obwohl ich die Frage gerne beantwortet hätte). „Aber auch Feeneier, wenn sie welche kriegen können.“ „Sehr gut, noch einmal 5 Punkte für Sie. Also, wann immer Sie Blätter oder Holz von einem Baum brauchen, in dem ein Bowtruckle wohnt, ist es klug, Holzläuse als Geschenk mitzbringen, um ihn abzulenken oder zu besänftigen. Sie sehen vielleicht nicht gefährlich aus, aber wenn man sie ärgert, versuchen sie die Augen der Menschen mit ihren Fingern auszustechen. Diese sind, wie Sie sehen, messerscharf und sollten lieber nicht in die Nähe eines Augapfels gelangen. Wenn Sie nun bitte zu mir kommen und sich ein paar Holzläuse und einem Bowtruckle nehmen - ich habe genug hier - nehmen Sie sich bitte einen und untersuchen Sie ihn genauer. Bis zum Ende des Unterrichts erwarte ich von allen eine Skizze, in der sämtliche Körperteile verzeichnet sind.“

    Die Klasse drängte vor und scharte sich um den Zeichentisch. Harry ging ganz offensichtlich absichtlich so um den Tisch herum, dass er direkt nehmen Professor Raue-Pritsche stand. „Wo ist Hagrid?“, hörte ich ihn fragen. „Das geht Sie nichts an“, erwiderte Professor Raue-Pritsche schroff, wie sie das schon letztes Jahr getan hatte, als Hagrid nicht zum Unterricht erschienen war. Ich beschloss, unauffällig näher an das Geschehen heranzukommen, als ich Draco entdeckte, der neben Harry nach dem größten Bowtruckle griff. „Vielleicht“, sagte er halblaut, sodass es nur Harry und ich hören konnten, „vielleicht hat sich der dumme Riesentölpel ja was Ernstes getan.“ „Vielleicht tust dir dir gleich was Ernstes, wenn du nicht die Klappe hältst“, hörte ich Harry zischen, als ich nach einem Bowtruckle griff. „Vielleicht hat er sich in Angelegenheiten eingemischt, denen er nicht gewachsen war, wenn du verstehst, was ich meine.“ Draco ging davon und grinste über die Schulter zu Harry hinüber; eine Sekunde schweifte sein Blick zu mir ab, dann wandte er sich ab. Ich lächelte, konzentrierte mich dann aber doch lieber auf den Bowtruckle, den ich abzeichnen sollte, während ich mich neben Mine, Ron und Harry im Gras niedergelassen hatte.

    Harry erzählte den beiden gerade flüsternd, was Draco gesagt hatte. „Dumbledore würde es wissen, wenn Hagrid etwas zugestoßen wäre“, meinte Mine sofort. „Wenn wir besorgt aussehen, spielen wir nur Malfoy in die Hände. Damit verraten wir ihm, dass wir nicht genau wissen, was eigentlich vor sich geht. Wir dürfen ihn nicht beachten, Harry.“ Ich nickte nur zustimmend, während ich mit meiner Feder das Gesicht meines Bowtruckles zu zeichnen versuchte. Allerdings wurde ich dabei immer wieder von Dracos unverkennbar gedehnter Stimme abgelenkt. „Ja, mein Vater hat erst vor ein paar Tagen mit dem Minister gesprochen, und es hört sich an, als wäre das Ministerium wirklich entschlossen, Schluss zu machen mit dem niveaulosen Unterricht in dieser Anstalt. Sollte dieser ins Kraut geschossene Schwachkopf also tatsächlich wieder auftauchen, darf er wahrscheinlich gleich seine Sachen packen.“ „AUTSCH!“ Harry hatte den Bowtruckle fallen lassen; ganz offensichtlich hatte er ihn zu fest gepackt. Aus Rache hatte der Bowtruckle zwei lange, tiefe Schnitte auf Harrys Hand hinterlassen. Crabbe und Goyle, die gerade schallend darüber gelacht hatten, dass Hagrid womöglich seine Arbeit als Lehrer verlieren würde, lachten noch lauter, als der Bowtruckle blitzschnell auf den Wald zustakste und das kleine Zweigmännchen zwischen den Baumwurzeln verschwand. Zum Glück läutete es in diesem Moment über das Schlossgelände.

    Während wir noch Dracos hämisches Gelächter in den Ohren hatten, machten wir uns auf den Weg hinüber zu Kräuterkunde. „Wenn er Hagrid noch ein einziges Mal einen Schwachkopf nennt...“, knurrte Harry wütend. Ich seufzte leise. „Ich weiß, Harry. Du würdest ihm nur allzu gerne eine reinhauen, aber Malfoy ist jetzt Vertrauensschüler...“ „Genau! Such bloß keinen Streit mit ihm, vergiss nicht, eben deshalb könnte er dir das Leben schwer machen.“, sagte Mine. „Ach wirklich? Wie es wohl ist, wenn einem das Leben schwer gemacht wird?“, gab Harry trocken zurück. Ron lachte, aber Mine runzelte die Stirn, während ich vollkommen stumm blieb. Zusammen schlenderten wir durch das Gemüsebeet. Der Himmel war immer noch wolkenverhangen, als könne er sich nicht entscheiden, ob er es nun regnen lassen wollte oder nicht.
    „Ich möchte nichts weiter, als dass Hagrid sich beeilt und zurückkommt“, durchbrach Harry schließlich die Stille, als wir bei den Gewächshäusern angekommen waren. „Und sag ja nicht, dass Raue-Pritsche eine bessere Lehrerin ist.“ „Hatte ich nicht vor“, entgegnete Mine, „Weil die nie so gut sein wird wie Hagrid“, sagte Harry nachdrücklich. Ich verdrängte den Gedanken daran, dass das, was wir gerade eben erlebt hatten, höchstwahrscheinlich eine „normale“ Stunde Pflege magischer Geschöpfe gewesen war.

    Die Tür des nächsten Gewächshauses ging auf und ein paar Viertklässler kamen heraus, darunter auch Ginny, die uns fröhlich im Vorbeigehen grüßte. Wenige Augenblicke später tauchte auch Luna auf und trödelte hinter dem Rest der Klasse her, einen kleinen Fleck Erde auf der Nase und das Haar zu einem Knoten hochgebunden, womit sie schon fast süß aussah. Als sie Harry sah, traten ihre großen Augen ein wenig hervor und sie kam geradewegs auf ihn zu. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie viele unserer Klassenkameraden sich neugierig zu uns umdrehten. Luna holte tief Luft und sagte, ohne Zeit für einen einleitenden Hallo zu verschwenden: „Ich glaube, Er, dessen Name nicht genannt werden darf, ist zurück, und ich glaube, du hast mit ihm gekämpft und bist ihm entwischt.“ „Ähm - schön“, sagte Harry mit verlegenem Gesichtsausdruck. Luna trug etwas ähnliches wie ein Paar orangefarbener Radieschen als Ohrringe, was Parvati und Lavender offenbar genauso aufgefallen war wie mir, denn die beiden deuteten kichernd auf Lunas Ohrläppchen, worauf schon wieder die Wut in mir hochkochte. Das Verhalten der beiden war einfach total unverschämt. Allerdings sollte ich vielleicht nicht davon reden, was unverschämt war, immerhin hatte ich auch schon einige nicht gerade sittliche Dinge in den letzten vier Jahren auf Hogwarts getan...

    Ich wurde von Lunas lauter Stimme zurück in die Gegenwart katapultiert. „Lacht ihr nur“, offenbar glaubte sie, dass Parvati und Lavender über das lachten, was sie gesagt hatte, und nicht über ihre außergewöhnlichen Ohrringe, „aber früher haben die Leute auch geglaubt, dass es so was wie den Schlibbrigen Summlinger oder den Schrumpfhörnigen Schnarchkackler nicht gibt!“ „Da hatten sie doch Recht, oder?“, sagte Mine unwirsch, worauf sie sich prompt einen wütenden Blick von mir einhandelte. Luna warf ihr ebenfalls einen vernichtenden Blick zu und stolzierte mit wild baumelnden Radieschen davon. Parvati und Lavender waren jetzt nicht mehr die Einzigen, die vor Lachen johlten.

    „Würd’s dir was ausmachen, die einzigen Leute, die mir glauben, nicht vor den Kopf zu stoßen?“, fragte Harry Mine auf den Weg in den Unterricht. „Ginny hat mir alles über sie erzählt; offenbar glaubt sie nur an etwas, solange es dafür keine Beweise gibt. Na ja, von jemandem, dessen Vater den >Klitterer< herausgibt, ist wohl nichts anderes zu erwarten.“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten, beschloss aber, Mine erst heute Abend darauf anzusprechen. Im nächsten Moment kam plötzlich Ernie Macmillan zu uns herüber. „Ich möchte, dass du weißt, Potter“, sagte er mit lauter Stimme, „dass es nicht nur Spinner sind, die dich unterstützen. Ich persönlich glaube dir hundertprozentig. Meine Familie stand immer fest hinter Dumbledore und das tue ich auch.“ „Ähm - vielen Dank, Ernie“, erwiderte Harry verdutzt. Um ehrlich zu sein, war ich ziemlich von ihm überrascht, da er normalerweise ziemlich geschwollen daherredete. Ernies Worte hatten jedenfalls das Grinsen von Lavenders Gesicht gewischt (was ich extrem begrüßte), und aus den Augenwinkeln sah ich Seamus, der verwirrt und zugleich etwas trotzig dreinsah. Geschah ihm recht!

    Wirklich niemand war davon überrascht, dass Professor Sprout ihre Stunde mit einem Vortrag über die Wichtigkeit der ZAGs begann. Warum mussten uns die Lehrer nur alle daran erinnern, wie viele Hausaufgaben sie uns dieses Jahr aufhalsen würden? Mir wurde schon ganz schlecht bei der Aussicht, tagtäglich bis spät in die Nacht hinein im Gemeinschaftsraum zu sitzen und über die Aufsätze zu brüten. Dieses Gefühl wurde auch nicht besser, als auch noch Professor Sprout uns am Ende der Stunde einen ellenlangen Aufsatz aufhalste. Ich war schon wieder bereits fürs Bett, als wir wieder zum Schloss hinauf marschierten; keiner von meinen Klassenkameraden verlor ein Wort. Es war einfach nur ein furchtbar langer Tag gewesen. Mine, Ron und ich schleppten uns nach oben in den Turm, um unsere Taschen wegzulegen, bevor wir zum Abendessen gingen, während Harry schon mal vorging, da er ja danach noch zu Umbridge zum Nachsitzen musste.

    Als wir uns ein wenig später an den Gryffindor-Tisch setzten, erwartete uns bereits ein schlecht gelaunter Harry. „Wisst ihr was?“, fragte er, „Wir sollten mal bei Eintracht Pfützensee nachfragen, ob Oliver Wood beim Training umgekommen ist, Angelina ist nämlich eindeutig von seinem Geist ergriffen.“ „Sie hat dich also zusammengestaucht, weil du bei Umbridge nachsitzen musst?“, vermutete ich. Harry nickte lediglich. „Was meinst du, wie stehen die Chancen, dass die Schreckschraube dich am Freitag laufen lässt?“, meinte Ron skeptisch. „Unter null.“, was eigentlich eine pessimistische Aussage gewesen wäre, wäre es nicht die Wahrheit. Gedankenverloren tat ich mir Lammkoteletts auf den Teller und begann zu essen. „Aber ich werde es trotzdem probieren“, fuhr Harry fort. „Ich biete ihr zweimal Nachsitzen zusätzlich an oder so, keine Ahnung...“ Ich stocherte in meinen Kartoffeln herum, während ich mit meinen Gedanken nicht mehr anwesend war. „Hoffentlich behält sie mich heute Abend nicht zu lange da. Immerhin müssen wir drei Aufsätze schreiben, Verschwindezauber für McGonagall üben, einen Gegenzauber für Flitwick austüfteln, die Bowtruckle-Zeichnung fertig machen und mit diesem bescheuerten Traumtagebuch für Trelawney anfangen.“ Ich stöhnte innerlich auf, als er das alles aufzählte. „Und es sieht ganz nach Regen aus.“, fügte Ron verdrossen hinzu. „Was hat das mit unseren Hausaufgaben zu tun?“, fragte Mine, während sie ihre Augenbrauen hochzog. „Nichts“, sagte Ron schnell und seine Ohren liefen rot an.

    Ich hatte mich nach dem Abendessen in meinen Schlafsaal zurückgezogen, da im Gemeinschaftsraum gefühlt alle Gryffindor-Schüler auf einem Haufen saßen und deshalb ein Lärm herrschte, bei dem ich mich einfach nicht konzentrieren konnte. Ich wollte gerade mit dem Aufsatz für Professor McGonagall anfangen, als ich ein seltsames Geräusch an der Fensterscheibe hörte. Ich drehte mich um und entdeckte eine Eule, die es sich auf dem Fensterbrett gemütlich gemacht hatte. Rasch ging ich hinüber und öffnete das Fenster, damit sie hereinkommen konnte. Sofort hielt sie mir ihr Bein entgegen, an dem eine kleine Rolle Pergament befestigt war.

    Treffen im Raum der Wünsche?

    Draco

    Ich grinste und schrieb schnell ein „Ok“ darunter, bevor ich die Eule wieder mit dem Pergament aus dem Fenster hinausfliegen ließ. Schnell packte ich meine Schulsachen zusammen und ging die Treppe zum Gemeinschaftsraum hinunter. Unauffällig versuchte ich mich bis zum Porträtloch zu stehlen, doch Mine hatte mich offensichtlich entdeckt und kam zu mir herüber. „Wo gehst du denn hin?“ „Ähm... in die Bibliothek. Ich hab’ vergessen, mir ein Buch zum Aufsatz in Verwandlung zu besorgen.“, erwiderte ich und hoffte, dass sie mir die Lüge abkaufen würde. Sie runzelte die Stirn und fragte: „So kurz vor der Ausgangssperre?“ „Ich beeil’ mich.“ Endlich schien sie beruhigt zu sein, denn sie nickte und fügte nur noch kurz hinzu: „Okay, wir machen dann aber später noch die Zeichnung für Pflege magischer Geschöpfe, oder?“ Ich nickte erleichtert und schlüpfte dann aus dem Porträtloch.

    Um schneller zum Raum der Wünsche zu kommen, verwandelte ich mich schnell in meine Animagusform und huschte dann auf leisen Katzenpfoten durch das Schloss. Vor der leeren Wand angekommen, hinter der sich der Raum der Wünsche verbarg, wechselte ich wieder zu meiner menschlichen Gestalt und wünschte mir den Raum der Wünsche herbei. Vor mir erschien eine Holztür, die ungefähr meine Größe hatte, und ich drückte die bronzene Türklinke herunter. Das Innere des Raumes überwältigte mich mal wieder vollkommen von neuem. Vor mir sah ich einen gemütlichen kleinen Raum mit zwei kleinen Sofas und einem großen Ohrensessel, einem großen Glastisch, einem riesigen Perserteppisch und zwei Stehlampen, die den Raum zwar mit warmen Licht erfüllten, das aber nicht bis in die hintersten Ecken drang. Ich machte es mir auf dem Sofa bequem und fing mit dem Aufsatz an. Immerhin musste ich mich irgenwie beschäftigen, bis Draco kam! Ich war schon vollkommen in das kratzende Geräusch versunken, dass meine Feder auf dem Pergament hinterließ, als ich hörte, wie sich die Tür öffnete. Ich blickte auf; Draco ließ sich mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht neben mir auf die Couch nieder.

    „Hey.“ „Hey.“ Verlegene Stille. „Ich hab’ dich vermisst.“, sagte ich schließlich. „Ich dich auch.“ Erneutes Schweigen. Ich blickte hinunter auf meinen angefangenen Aufsatz . „Willst du jetzt ernsthaft Hausaufgaben machen?“ Ich gluckste. „Was soll ich denn sonst machen? Ich ertrinke förmlich in ihnen!“ „Du arbeitest viel zu viel.“ Ich zog eine Augenbraue nach oben. „Ich will etwas in der Welt bewegen. Und das kann ich nur, wenn meine Noten gut sind.“ Ich seufzte. „Außerdem... in der Situation, in der wir uns gerade befinden...“ Ich sprach es zwar nicht aus, aber Draco wusste genau, von was ich redete. „Denk’ nicht zu viel darüber nach. Entspann’ dich mal ein wenig, wenn schon nicht für dich, dann tu’s für mich.“ Ich verdrehte die Augen, legte allerdings meine Feder und das Pergament beiseite. „Wie waren deine Ferien?“ Ich biss mir unweigerlich auf die Unterlippe. Sollte ich ihm von Sirius erzählen? Konnte ich das verantworten? Ich schluckte schwer. „Nicht wirklich interessant.“ Draco schien mir nicht wirklich zu glauben; er musterte mich von Kopf bis Fuß. In meinem Hals bildete sich ein Klumpen. „Irgendwie bist du... anders. Hast du was mit deinen Haaren gemacht?“ „Ähm.“ Okay, wenn ich ihm schon nicht von Sirius erzählte, dann musste ich ihm jetzt aber meine „andere“ Seite zeigen.“ „Ich... ich werde dir jetzt etwas zeigen, aber du musst mir versprechen, dass du nicht ausrastest.“ Draco nickte. „Klar?“

    Ich rollte den Ärmel meines Pullovers nach oben und berührte mein Muttermal. Heftiger Wind erhob sich im Raum der Wünsche und innerhalb einiger Sekunden stand ich in meinem anderen Outfit vor Draco, dem ganz offensichtlich die Spucke wegblieb. Eine gefüllte Ewigkeit starrte er mich einfach nur an; dann flüsterte er: „Das erklärt so einiges.“ Ich sah ihn nervös an. „Es...steht dir.“ Er fuhr sich frustriert durch die Haare. „Verdammt, was sagt man denn in so einer Situation?“ Ich zuckte mit den Schulter. „Keine Ahnung.“ Er starrte immer noch. „Du hast nicht gesungen.“ „Ich weiß.“ Er sah mich mit diesem „Ich-weiß-das-kannst-du-mir-mal-bitte-erklären -warum“-Blick an. „Ich... Draco, es tut mir leid, aber ich kann dir nicht sagen, warum ich jetzt...“, ich sah an mir herunter, „in diesem Aufzug bin.“ „Okay“, sagte er nach einer Weile. „Es liegt nicht daran, dass ich dir nicht vertrauen würde...“, sagte ich schnell, „es nur besser für dich, wenn du es nicht weißt.“ „Schon gut, Via.“ „Sicher?“ „Sicher.“ „Glaub’ mir, wenn ich könnte, würde ich es dir erzählen, aber ich kann das einfach nicht verantworten.“ „Ist schon in Ordnung.“ Er sah mich an und fügte dann hinzu: „Du bist aber immer noch die selbe Person, oder?“ „Ja... warum?“, fragte ich verwundert. „Du siehst so... vollkommen anders aus. Aber gut anders! Nur wirkst du jetzt wie eine vollkommen andere Person.“ „Vom Äußeren vielleicht, aber im Inneren bin ich noch immer die Gleiche.“ Ich drückte auf mein Muttermal; nach ein paar Sekunden sah ich wieder aus wie davor. „Aber höchstwahrscheinlich bin ich dir so lieber?“ Ich lächelte. „Ich mag dich, egal welches Outfit du anhast.“, meinte er darauf nur. Ich spürte, wie heiß meine Wangen wurden; hoffentlich wurde ich gerade nicht knallrot. „Zurück zu den Aufsätzen?“ Draco nickte nur, erleichtert, dass wir zu etwas Banalem zurückkehren konnten. „Zurück zu den Aufsätzen.“

    Es war schon lange nach der Ausgangssperre, als ich mich zurück in den Gemeinschaftsraum und hinauf in den Schlafsaal schlich. Als ich hineintrat, sah das Licht an Mines Bett brennen. Lavender und Parvati schienen schon zu schlafen. „Wo warst du, Liv? Ich hab’ ewig auf dich gewartet!“ „Tut mir leid, Mine, wirklich...“ „Was hast du da draußen gemacht?“ „Ich...“ Verdammt, was sollte ich ihr nur erzählen? „Ich musste einfach mal nachdenken, weißt du.“ „Über was denn?“ Ich ließ mich auf mein Bett fallen. „Über Harry und mich.“ Mine blieb stumm, weshalb ich einfach beschloss, weiterzureden. „Irgendwie fühlt es sich zurzeit seltsam zwischen uns an. Letztes Jahr hat es sich angefühlt, als wäre ich wirklich in ihn verliebt, aber jetzt... diese ganzen Gefühle sind einfach verschwunden. Und ich weiß einfach nicht, wie ich ihn darauf ansprechen soll.“ „Ich glaube, du machst dir das viel zu kompliziert. Rede doch einfach mit ihm!“ Ich stöhnte. „Du sagst das so einfach.“ „Ist es das denn nicht? Was wäre schon das Schlimmste, was passieren könnte?“ „Ich weiß nicht. Ich finde nur, dass wir besser als Freunde funktionieren.“ „Das glaube ich auch. Außerdem... ich will dich jetzt nicht verletzen, aber ich glaube, Harry hat ein Auge auf Cho geworfen.“ Ich horchte in mich hinein und wartete auf Herzschmerz. Es kam nichts. Ich fühlte nicht das brennende Gefühl der Eifersucht in meinem Bauch und ich war auch nicht wütend auf ihn. „Das ist komisch, ich bin überhaupt nicht eifersüchtig.“ „Dann bist du auch nicht mehr in ihn verliebt.“ „Ich glaube, du hast Recht.“ „Sprich aber bald mit ihm, sonst bleibt ihr beide unglücklich.“ Ich nickte nur und nahm mir vor, gleich morgen mit Harry zu reden.

    19
    19. Kapitel

    Am nächsten Morgen kritzelte ich aller Eile einige erfundene Träume in das Traumtagebuch für Professor Trelawney und schmierte den Bowtruckle hastig auf ein Blatt Pergament. Danach machte ich mich hastig zusammen mit Harry und Ron auf den Weg zum Nordturm. „Wie war eigentlich das Nachsitzen bei Umbridge? Was musstest du genau machen?“, fragte ich, während wir die Treppen hinaufrannten. „Sätze schreiben.“, erwiderte Harry. „Das geht ja noch, was?“, sagte Ron. „Hm.“ „Und wird sie dich am Freitag laufen lassen?“ „Nein.“ Ron stöhnte. Dieser Tag war fast noch heftiger als der davor. Von den Professorinnen McGonagall, Sinistra und Raue-Pritsche bekamen wir noch mehr Hausaufgaben, für die ich abends höchstwahrscheinlich bis Mitternacht wach bleiben musste. Harry war auch nicht begeistert, da er nach dem Abendessen wieder Nachsitzen haben würde. Beim Abendessen kam Angelina schließlich noch zu uns herüber und stauchte ihn ordentlich zusammen; sie warf Harry vor, ihm fehle die richtige Einstellung und sie erwarte von allen Spielern, die in der Mannschaft bleiben wollten, dass sie das Training vor alle anderen Verpflichtungen stellte. Danach wirkte er unheimlich geknickt, obwohl Mine ihn damit aufzuheitern versuchte, dass er ja nur Sätze schreiben musste. Nervös biss ich mir auf die Unterlippe. Eigentlich sollte ich Harry jetzt endlich auf unsere Beziehung ansprechen. Ich hatte es mir fest vorgenommen! Aber wenn ich jetzt zu ihm hinübersah... ich konnte ihm jetzt nicht damit kommen, er war auch so schon am Boden zerstört. Nein, ich musste warten, bis wir endlich allein waren.

    Bis Freitag war ich vollkommen mit meinen Hausaufgaben und dem vor der Tür stehenden Quidditchauswahlsp beschäftigt. Mit Harry war ich nicht eine einzige Minute allein, also hatte ich es irgendwann aufgegeben, ihn in einem günstigen Moment zu erwischen. Das war vergebens. Lieber konzentrierte ich mich auf Quidditch.

    So kam es, dass ich am Freitagnachmittag auf dem Quidditchfeld stand, umgeben von jüngeren Schülern, die sich aufgeregt unterhielten, und darauf wartete, dass es endlich losging. Mein Blick schwief über das Spielfeld; Fred und George standen inmitten einiger Drittklässler und priesen ihre Nasch-und-Schwänz-Leckereien an; Katie unterhielt sich mit Angelina, während sie auf die Gruppe zukamen. Und schließlich... „Ron?“ Diese grinste verlegen, als er mich bemerkte. Nervös kratzte er sich im Nacken, seinen neuen Sauberwisch über der Schulter. „Was machst du denn hier?“ Ron schluckte schwer. „Ich...versuche ins Team zu kommen? Überrascht?“ „Ja... also nein... ich meine, ich habe einfach nicht erwartet, dass du es versuchst!“ Ron zuckte mit den Schultern. Ich klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. „Das wird schon!“

    Ron wollte gerade etwas erwidern, als Angelinas laute Stimme über das Feld hallte. „Schön, dass ihr alle da seid!“ Einige Jüngere fingen an zu jubeln, verstummten allerdings schnell, als sie Angelinas reglose Miene sahen. „Wir werden jetzt zuerst Teams bilden. Jeweils drei Jäger, ein Hüter, zwei Treiber.“ Die Position des Suchers erwähnte sie nicht. Es war ohnehin klar, wer diesen Posten inne hatte. „Fred und George: ihr beide spielt hier drüben.“ Sie deutete auf die rechte Seite des Spielfelds. „Olivia, du spielst zusammen mit Andrew und Rosa.“ Ich nickte und stellte mich zu Fred und George. Andrew und Rosa schienen beide im Jahr unter mir zu sein. Ich folgte der Zusammenstellung des anderen Teams nur beiläufig, bis Angelina verkündete, dass Ron auf unsere Seite der Hüter sein würde. Bei diesen Worten schluckte Ron hart. Fred und George grinsten breit, und als er an den beiden vorging, wuschelte George ihm durch das rote Haar, während Fred rief: „Vermassel’ es uns ja nicht, Brüderchen!“ Ich hätte die beiden gerne zusammengestaucht für diesen Kommentar, denn Ron wirkte nun richtig verängstigt, aber in dem Moment pfiff Angelina ordentlich in ihre Trillerpfeife, und ich stieß mich kräftig vom Boden ab.

    Während Andrew, Rosa und ich uns immer wieder den Quaffel zuspielten, versuchte ich ab und an, einen Blick auf Ron zu erhaschen. Dieser wirkte - nun ja - extrem beunruhigt. Ich musste mich allerdings wieder auf den Quaffel konzentrieren und konnte Ron so nicht unbedingt im Auge behalten. Andrew und Rosa erwießen sich als ganz annehmbare Spieler, obwohl Rosa mindestens drei Mal fast von ihrem Sauberwisch 5 gefallen wäre, und es Andrew schwerfiel, den Ball überhaupt zu fangen, wenn Rosa oder ich ihm diesen zuwarfen. Dank der ganzen Aufregung um Ron hatte ich gar nicht bemerkt, dass auch Ginny sich auf dem Spielfeld aufhielt, und später ebenfalls als Jägerin in die Luft stieg. Erstaunlicherweise war sie tatsächlich sehr talentiert. Sie war eine richtige Konkurrenz für mich und wir rangelten in der Höhe regelrecht um den Quaffel; so sehr ich es auch versuchte, es gelang mir nicht, sie abzuschütteln oder den Ball lange bei mir zu behalten. Wir rauschten Seite an Seite über das Spielfeld und hätten dabei beinahe einen der gegnerischen Treiber vom Besen gefegt. Jedes Tor, das ich machte, quittierte Ginny mit einem gegnerischen Tor. Ron tat mir dabei ziemlich leid, aber immerhin schlug er sich nicht schlechter als der andere Hüter.

    Ich war unglaublich erleichtert, als ich schließlich endlich wieder im Geheimschaftsraum war und mich erschöpft in einen Sessel fallen ließ. Die anderen, die es ins Team geschafft hatten, waren ordentlich am Feiern. Im Gemeinschaftsraum herrschte ein dröhnender Lärm. Ich nippte ein wenig benommen an meinem Butterbier; Ron schien von einem Ohr zum anderen zu grinsen, was kein Wunder war, immerhin war er der neue Hüter des Quidditch-Teams. Ich bemerkte gar nicht, wie Harry den Raum betrat, bis er sich neben mir in einen kuscheligen Sessel setzte. Ich wollte ihn gerade fragen, wie es denn beim Nachsitzen bei Umbridge gelaufen war, als Ron schon zu uns herübergerannt kam, ebenfalls einen Kelch mit Butterbier in der Hand haltend. „Harry, ich hab’s geschafft, ich bin dabei, ich bin Hüter!“ „Was? Oh - klasse!“, erwiderte Harry, wirkte dabei aber, als wäre er mit den Gedanken ganz woanders. Ich zog fragend die Augenbrauen nach oben; „Nimm dir auch ein Butterbier.“ Ron drückte ihm kurz darauf eine Flasche in die Hand. „Ich kann’s immer noch nicht fassen - wo ist eigentlich Hermine?“ „Sie sitzt da drüben“, meldete sich Fred zu Wort, der hinter meinem Sessel aufgetaucht war, und deutete hinüber zu einem anderen Sessel am Feuer. „Na ja, als ich es ihr gesagt habe, meinte sie, es würde sie freuen“, sagte Ron ein wenig verstimmt. „Lass sie schlafen“, warf George hastig ein, als er Rons Blick sah. Ich blickte hinüber zu Mine; sie schien vollkommen erschöpft zu sein. Höchstwahrscheinlich strickte sie schon wieder diese kleinen Hüte für die Hauselfen.

    Ich sah wieder zu Harry und erinnerte mich an mein Gespräch mit Mine. Ich sollte es ihm wirklich sagen, aber... war das hier wirklich der richtige Zeitpunkt dafür? Immerhin waren gerade alle am Feiern und ich wollte es ihm nicht vermissen. Ich sollte wirklich lieber auf den perfekten Zeitpunkt warten... wenn Harry und ich allein waren und wir nicht abgelenkt wurden. „Hör mal, Liv“, setzte Harry. Überrascht blickte ich auf. „Was ist?“ „Hey... ähm... das wegen neulich tut mir leid. Ich hätte dich nicht anschreien dürfen.“ „Oh...“, erwiderte ich zaghaft. „Ist... ist schon okay, Harry. Ich versteh dich schon...“ Ich lächelte ihn aufmunternd an, um ihm zu signalisieren, dass wirklich alles in Ordnung war. Aber trotzdem... jetzt konnte ich nicht mit ihm reden, nein, nicht nachdem wir uns gerade wieder versöhnt hatten.

    Einige Stunden später lag ich in meinem Bett, hatte die Augen halb geschlossen und wartete nur darauf, bis ich in den Schlaf abdriftete. Meine Gedanken über den heutigen Tag verschwammen immer mehr und mehr und irgendwann schien mein Bewusstsein sich aufzulösen und ich landete in vollkommener Schwärze. Ich blickte mich um, und versuchte etwas zu erkennen, was allerdings überhaupt nichts brachte. Ich drehte mich einmal um meine eigene Achse. Nichts. Ich war vollkommen allein in dieser bedrückenden Dunkelheit. Angst stieg in mir hoch und drückte heftig gegen meinen Brustkorb, als wolle sie aus mir herausbrechen. Ich krümmte mich zusammen und sank zu Boden. Ich wusste nicht, woher dieses Gefühl des Schwachseins kam, aber es schien mich zu erdrücken und ich konnte nichts dagegen tun. Ich kniff die Augen zusammen, als würde die alles umgebende Schwärze dadurch verschwinden. Als ich die Augen wieder öffnete, schien sich mein Wunsch tatsächlich erfüllt zu haben; die eine Hälfte meines Blickfelds war unendliches Schwarz ohne einen Funken Licht, die andere Hälfte strahlend weiß, wie frisch gefallener Schnee. Schwarz und Weiß wurden getrennt von einer schnurgeraden Linie, die geradeaus durch diesen seltsamen Raum ohne Wände verlief. Und ich? Ich stand genau auf dieser Linie, einen Fuß auf Schwarz, einen Fuß auf Weiß. Und wo wir gerade bei meinen Füßen waren: der linke Fuß steckte in einem schwarzen Schuh, der rechte Fuß in einem weißen Schuh der gleichen Art. Was mein restliches Aussehen anging? Ich trug ein Kleid, das in der Mitte genau so geteilt war, wie die Linie, die diesen Raum in zwei Hälften teilte. Die eine Hälfte schwarz, die andere weiß. Ich fasste mir in die Haare. Die „schwarze“ Seite war hochgesteckt, die „weiße“ Seite offen. Ich wusste nicht, was ich tat, doch ich ging an der schnurgeraden Linie entlang. Ein Fuß auf Weiß. Ein Fuß auf Schwarz. Ich blickte mich um, doch ich entdeckte keinen einzigen Farbtupfer an diesem seltsamen Ort. Ich ging weiter. Ein Fuß auf Schwarz. Ein Fuß auf Weiß. Ich blickte auf meine Füße. Was hatte dieser Ort hier zu bedeuten? Und dann hörte ich sie. Die Schritte. Ich drehte mich nach rechts. Aus dem strahlenden, perfekten Weiß tauchte er auf, stand da, und sah mich unverwandt an. „Harry“, entfuhr es mir. In der Stille des Ortes schien es mir unangebracht zu reden. Doch er antwortete; stattdessen schien er an mir vorbeizusehen. Ich drehte mich um und sah ihm direkt ins Gesicht. „Draco“. In Schwarz, wie immer. Ich drehte mich wieder zu Harry, der mich immer noch stumm ansah. Langsam streckte er seine Hand aus und hielt sie mir hin. Was wollte er von mir? Ich wandte mich zu Draco um; auch er hatte eine Hand ausgestreckt. Ich sah auf sie hinunter, wollte gerade zu einer Frage ansetzten, als ich spürte, wie Harry nach meiner rechten Hand griff. Ich wirbelte zu ihm herum und starrte auf seine Hand in meiner. In diesem Moment griff Draco nach meiner linken Hand. Ich starrte ihn an; Wortfetzen flogen durch meinen Kopf, bis ich mich selbst schließlich in die Stille hinein fragen hörte: „Was wollt ihr von mir?“ Harry sah mich mit ernster Miene an und erwiderte dann schließlich mit steinernden Stimme: „Entscheide dich.“ Und Draco erwiderte. „Du musst wählen. Schwarz oder Weiß.“

    20
    20. Kapitel

    Nach einer Nacht, in der ich viel zu wenig geschlafen hatte, saß ich am nächsten Morgen gähnend am Gryffindor-Tisch und schaufelte Rührei mit Speck in mich hinein. Als Harry sich zu uns setzte, begrüßte er uns mit einem strahlenden „Morgen“. „Weswegen strahlst du eigentlich so?“, fragte Ron und musterte seinen besten Freund überrascht. „Ähm... heute ist Quidditch“, erwiderte dieser vergnügt und bediente sich ebenfalls bei den Rühreiern mit Speck. Irgendwie kaufte ich ihm das kein bisschen ab. „Ach... ja...“, sagte Ron. Er legte den Toast weg, in den er gerade gebissen hatte und nahm einen großen Schluck aus seinem Kelch, der mit Kürbissaft gefüllt war. Dann fügte er hinzu: „Übrigens... hast du vielleicht Lust, mit mir zusammen ein bisschen früher rauszugehen? Nur damit ich - äh - vor dem Training ein wenig üben kann?“ „Ja, okay.“, war die sofortige Antwort. „Hört zu, ich glaube, ihr solltet das besser bleiben lassen“, sagte Mine ernst. „Ihr seid beide weit hinterher mit euren Hausaufgaben...“ Doch in diesem Moment wurde sie unterbrochen; die morgendlichen Post traf gerade ein, und wie üblich schwebte eine Schleiereule mit dem >Tagespropheten< im Schnabel auf uns zu. Fast hätte sie eine Zuckerdose umgestoßen, als sie ihr Bein ausstreckte und Mine ihr einen Knut in den kleinen Lederbeutel am Fuß steckte. „Steht heute irgendwas Interessantes drin?“, fragte ich mäßig interessiert und sah ihr über die Schulter, während Mine die Titelseite überflog. „Nein“, erwiderte sie seufzte, „nur ‘ne Klatschmeldung, dass die Bassistin der Schicksalsschwestern heiratet.“ Sie schlug die Zeitung auf und verschwand hinter ihr. Ich kratzte die letzten Reste meines Rühreis von meinem Teller, als Mine plötzlich sagte: „Moment mal! Oh nein... Sirius!“

    Was? Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Was konnte die Zeitung denn bitte über ihn herausgefunden haben? „Was ist los?“, sprach Harry praktisch meine Gedanken aus und schnappte Mine die Zeitung so ungestüm aus der Hand, dass sie auseinandergerissen wurde. „>Das Zaubereiministerium hat von einer verlässlichen Quelle den Hinweis erhalten, dass Sirius Black, berüchtigter Massenmörder... bla, bla, bla ...sich gegenwärtig in London versteckt hält!<“, las Mine beklommen mit flüsternder Stimme vor. „Lucius Malfoy, da mach ich jede Wette“, sagte Harry mit zerknirschter und leicht erzürnter Stimme. „Bestimmt hat er Sirius auf dem Bahnsteig erkannt.“ Mine las allerdings schon weiter: „>Das Ministerium warnt die Zaubererschaft, dass Black sehr gefährlich ist... hat dreizehn Menschen getötet... ist aus Askaban ausgebrochen<... der übliche Plunder“. Sie legte die Zeitung weg und ließ uns diese Wörter erst einmal verarbeiten. „Jetzt kann er das Haus jedenfalls nicht mehr verlassen“, sagte ich mit ausdrucksloser Stimme. „Dumbledore hat ihn ja auch ermahnt, dass er es nicht tun soll.“ Ich lehnte meine Ellbogen betrübt auf die Tischkante und spielte meiner Gabel herum. „Hey!“, sagte Harry da plötzlich, und zeigte uns eine Seite, die hauptsächlich eine Anzeige von >Madam Malkins Gewänder für alle Gelegenheiten< enthielt. „Seht euch das mal an!“ „Ich hab genug Umhänge.“, sagte Ron verwirrt. „Nein“, entgegnete Harry. „Seht mal... diese kleine Meldung da unten...“ Ron, Mine und ich beugten uns vor und lasen; die Meldung war nicht sonderlich lang und stand ganz unten. Sie lautete:

    EINDRINGLING IM MINISTERIUM
    Sturgis Podmore, 38, aus Clapham, Goldregenweg 2, ist vor dem Zaubergamot erschienen unter der Anklage, am 31. August Hausfriedensbuch und einen Einbruchsversuch im Zaubereiministerium verübt zu haben. Podmore wurde vom Ministeriums-Wachtzauberer Eric Munch festgenommen, der ihn um ein Uhr morgens bei dem Versuch ertappte, sich gewaltsam Zutritt durch eine Hochsicherheitstür zu verschaffen. Podmore, der eine Aussage zu seiner Verteidigung verweigerte, wurde in beiden Punkten für schuldig befunden und zu 6 Monaten in Askaban verurteilt.

    „Sturgis Podmore?“, sagte Ron langsam. „Das ist doch der Typ, der aussieht, als hätte er ein Strohdach auf dem Kopf, oder? Er ist einer vom Ord-...“ „Shhh!“, unterbrachen ihn Mine und ich und sahen ihn dabei verärgert an. „6 Monate in Askaban!“, flüsterte Harry entsetzt. „Nur weil versucht hat, durch eine Tür zu kommen!“ „Das war nicht nur, weil er durch eine Tür kommen wollte, sei doch bitte nicht albern. Was um alles in der Welt hatte er um ein Uhr morgens im Zaubereiministerium zu suchen?“, flüsterte Mine. „Glaubt ihr, er wollte was für den Orden erledigen?“, murmelte Ron. „Moment mal“, sagte Harry langsam. „Sturgis sollte doch kommen und uns begleiten, erinnert ihr euch?“ Ich dachte zurück an den Tag unserer Abfahrt in London und nickte schließlich zustimmend. „Stimmt, er sollte doch eigentlich zu der Leibgarde gehören, die uns nach King’s Cross begleitet hat. Und Moody war fürchterlich sauer, weil er nicht aufgetaucht ist; also muss er wohl einen Auftrag für sie erledigt haben, oder?“ Ich sah die anderen fragend an. „Na ja, vielleicht haben sie nicht damit gerechnet, dass er erwischt wird“, sagte Mine. „Das könnte alles ein abgekartetes Spiel sein!“, rief Ron. „Nein - hört zu“, fuhr er etwas leiser fort, als er Mines Gesichtsausdruck sah. „Das Ministerium vermutet, dass er einer von Dumbledores Leuten ist, also - ich weiß nicht - haben sie ihn ins Ministerium gelockt, und er hat überhaupt nicht versucht, durch eine Tür zu kommen! Sie haben einfach was gedeichselt, um ihn zu kriegen!“ Eine nachdenkliche Pause trat ein, in der wir über seine Theorie nachdachten. Harry schien Rons Erklärung für weit hergeholt zu halten. Mine schien jedoch recht beeindruckt. „Weißt du was, es würde mich gar nicht wundern, wenn das stimmen würde.“ Ich nickte. „Mich auch nicht. Denen im Ministerium traue ich alles zu.“

    Eine Weile saßen wir betreten da und schwiegen, bis Mine schließlich das Wort ergriff. „Nun gut, ich glaube, wir sollten zuerst diesen Aufsatz für Sprout über selbstdüngende Sträucher erledigen, und wenn wir Glück haben, können wir mit McGonagalls Inanimatus-Aufrufezauber noch vor dem Mittagessen anfangen...“ Harry und Ron verabschiedeten sich angesichts dieser Worte hastig von uns, um schon vorauszugehen. Ron wirkte etwas nervös auf mich, wie er sich da im Nacken kratzte und eine Schweißperle seine Stirn hinunterrann, als die beiden durch die Tür zur Großen Halle verschwanden. „Armer Ron... ich hoffe, er zieht sich nicht mit seiner Nervosität runter.“, meinte ich bedrückt bei dem Gedanken. „War er denn wirklich so schlecht?“, fragte Mine stirnrunzelnd, während sie die zerrissene Zeitung zusammenlegte. „Na ja...“, erwiderte ich, „er war nicht unbedingt schlecht, aber sobald ihm bewusst wird, was auf dem Spiel steht, wird er so nervös, dass er keinen einzigen Quaffel mehr abfangen kann.“ Mine sah nachdenklich auf die Tischplatte. „Ich weiß ja auch nicht, vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken darüber, aber ich will nicht, dass er von sich enttäuscht ist. Das hat er nicht verdient. Hoffentlich bringt ihm das Üben mit Harry irgendwas.“ „Apropos, wo wir gerade von Harry sprechen...“ Ich sah sie an und begriff sofort, von was sie sprach. „Hast du schon mit ihm geredet, Liv?“ Ich schüttelte bedrückt den Kopf; mir entging dabei jedoch nicht, wie Mines Stirn sich bei diesen Worten in Falten legte. „Ich bin noch nicht dazu gekommen. Der perfekte Moment war einfach noch nicht da, um es ihm zu sagen, verstehst du?“ Mine stützte ihre Ellbogen auf den Tisch, dann seufzte sie leise. „Wie schon gesagt, du machst dir das viel zu kompliziert. Worauf wartest du denn? Einen perfekten Moment wird es dafür nicht geben.“ „Schon... aber ich will Harry auch nicht unnötig verletzen.“ „Es bringt aber nichts, wenn du es ihm verschweigst, obwohl du einfach nur mit ihm befreundet sein willst.“ „Ich weiß, aber...“ Mine sah mich mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete. „Ja, ja, ist ja schon gut, ich werde mit ihm reden, versprochen!“

    Ich zog mich gerade mit den anderen Quidditchspielern in der Umkleide um, als Ron und Harry von Richtung Spielfeld zu uns stießen. „Alles klar, Ron?“, fragte George und zwinkerte ihm zu. „Ja“, erwiderte Ron, der jedoch leicht angespannt wirkte. „Ist er bereit, es uns zu zeigen, der putzige Vertrauensschüler?“, sagte Fred, der mit zerzaustem Haar auftauchte, ein leicht hämisches Grinsen auf dem Gesicht. „Halt die Klappe“, gab Ron mit steinerner Miene von sich und schlüpfte zum ersten Mal in seinen Mannschaftsumhang. Er war ihm nicht allzu groß, wenn man bedachte, dass dieser Umhang früher Oliver Wood gehört hatte, der um einiges breitere Schultern hatte als Ron. „Okay, ihr alle“, ertönte es diesem Moment hinter uns; Angelina kam aus dem Kapitänsbüro. „Lasst uns anfangen: Katie und Fred, würdet uns bitte den Ballkorb rausbringen. Oh, und ich hab’ gerade gesehen, dass da draußen ein paar Leute sind, die zuschauen, aber ich möchte, dass ihr sie wie Luft behandelt, klar?“ Sie sagte das in ihrer betont lässigen Art und ich konnte mir ziemlich genau vorstellen, wer diese Leute waren.

    Und ich wurde nicht enttäuscht. Als wir aus dem Umkleideraum ins strahlende Sonnenlicht über dem Feld traten, brach ein Sturm von Buhrufen und Beleidigungen los. Woher das kam? Die Quidditch-Mannschaft der Slytherins und diversen Zaungästen, die sich auf halber Höhe der leeren Tribünen versammelt hatten und deren Stimmen laut im Stadion widerhallten. „Was fliegt eigentlich dieser Weasley?“, rief Draco verächtlich. „Warum sollte jemand einen so schimmligen alten Holzklotz mit einem Flugzauber belegen?“ Crabbe, Goyle und das Mopsgesicht Pansy Parkinson japsten und kreischten vor Lachen. Ich bemerkte, wie Rons Ohren sich rot verfärbten, als wir auf die Besen stiegen und uns vom Boden abstießen. Harry schien Rons mittlerweile knallrote Ohren ebenfalls aufgefallen zu sein, denn er rief seinem besten Freund zu: „Ignorier die einfach! Wir werden ja sehen, wer lacht, wenn wir erst gegen die gespielt haben...“ „Genau die Einstellung brauchen wir, Harry“, pflichtete Angelina ihm bei, die mit dem Quaffel in der Hand vor der Mannschaft in der Luft schwebte. „Okay, hört alle zu, wir fangen mit ein paar Pässen an, nur zum Aufwärmen, die ganze Mannschaft bitte -...“ „Hey, Johnson, was ist das denn für ‘ne Frisur?“, kreischte Pansy von unten herauf. Ich verdrehte genervt die Augen. „Warum willst du eigentlich so aussehen, als würden dir Würmer aus dem Kopf rauskommen?“ Angelina strich sich das lange geflochtene Haar aus dem Gesicht und fuhr ruhig fort: „Also verteilt euch, dann sehen wir mal, wie’s läuft...“

    Wie verteilten uns gleichmäßig über dem Feld. Ron flog zu einem der Tore, Harry in die entgegengesetzte Richtung. Angelina hob den Quaffel mit einer Hand, warf ihn hart zu Fred, der an George weitergab, George wiederum an Harry und Harry an Ron - und Ron ließ ihn fallen. Die Slytherins brüllten und schrien vor Lachen. Ron schoss in die Tiefe und konnte den Quaffel gerade noch abfangen, bevor er auf dem Boden landete, dann riss er sich unsauber aus dem Sturzflug, rutschte auf seinem Besen zur Seite und kehrte mit roten Wangen zurück auf Spielhöhe. Ich sah aus den Augenwinkeln wie Fred und George Blicke tauschten, doch zum Glück sagte keiner der beiden etwas. „Abgeben, Ron“, rief Angelina, als wäre nichts passiert. Ron warf mir den Quaffel zu, welchen ich blitzschnell an Harry abgab, er wiederrum an George... „Hey Potter, wie geht’s deiner Narbe?“, rief Draco. „Willst du dich nicht mal wieder hinlegen? Muss doch schon ‘ne ganze Woche her sein, seit du im Krankenflügel warst, das ist doch Rekord für dich, oder?“ George gab an Angelina weiter; diese warf den Quaffel Harry zu. Er erwischte ihn gerade noch mit den Fingerspitzen und warf ihn dann schnell in Richtung Ron, der danach hechtete und ihn um Zentimeter verfehlte. (Fast wäre er dabei vom Besen gefallen.) „Nun komm schon, Ron“, rief ihm Angelina in barschem Ton hinterher, als er sich erneut in die Tiefe stürzte und dem Quaffel nachjagte. „Pass doch mal auf.“

    Es war schwer zu sagen, ob Rons Gesicht oder der Quaffel von einem dunkleren Rot waren, als er endlich wieder auf Spielhöhe zurückkehrte. Die Slytherins heulten vor Lachen. Bei seinem dritten Versuch fing Ron den Quaffel; vielleicht war er deshalb so erleichtert, dass er glatt durch Katies ausgestreckte Hände warf und sie hart im Gesicht traf. „Sorry!“, rief er zerknirscht und schoss vor, um zu sehen, ob er ihr arg wehgetan ahtte. „Zurück auf deine Position, sie hat sich nichts getan!“, bellte Angelina. „Aber wenn du an deine eigene Leute abgibst, pass bitte auf, dass du sie nicht vom Besen schmetterst, ja? Dafür haben wir die Klatscher!“ Ich sah hinüber zu Katie; diese blutete aus der Nase. Unter uns stampften die Slytherins mit den Füßen und stimmten ihr Schlachtgeschrei an, wenn man das als solches bezeichnen konnte. Fred und George flogen auf Katie zu. „Hier, nimm das“, forderte Fred sie auf und reichte ihr etwas Kleines, Lilafarbenes aus seiner Tasche, „dann hört’s im Nu auf.“ „Alles klar“, rief Angelina enthusiastisch. „Fred und George, holt jetzt eure Schläger und einen Klatscher. Ron, hoch zu den Toren. Harry, auf mein Kommando lässt du den Schnatz los. Natürlich spielen wir jetzt auf Rons Tore.“ Harry flog den Zwillingen hinterher, um den Schnatz zu holen; ich blieb in der Luft schweben und versuchte die Slytherins zu ignorieren, die noch immer triumphierend brüllten. Bei Merlins Bart, warum stellte sich Ron nur so ungeschickt an? Ich verstand ja, dass er von den „Zuschauern“ abgelenkt wurde und das sein erstes offizielles Training war, aber wenn er sich jetzt schon nicht zusammenreißen konnte, wie sollte er denn dann ein echtes Spiel überstehen? Ich wurde von einem lauten Pfiff aus den Gedanken gerissen; der Schnatz sauste haarscharf an mir vorbei und ich entdeckte den Quaffel bereits in Angelinas Hand, die vollkommen in ihrem Element zu sein schien. >Du zeigst jetzt besser, aus welchem Holz du geschnitzt bist, Ron<, war das Letzte, was ich dachte, bevor ich meine Hände an den polierten Bestenstiel klammerte und in Richtung Angelina sauste.

    Angelina, Katie und ich spielten uns gegenseitig den Quaffel zu, während wir in Richtung Tore rasten. Die warme Herbstluft peitschte mir heftig ins Gesicht; ich verkrampfte meine Finger an meinem Besen. Der Druck war so heftig, dass meine Fingerknöchel ganz weiß hervortraten. „Liv!“, schrie Angelina und warf mir mit einem kräftigen Wurf den Ball zu. Ich bekam ihn gerade noch zu fassen, bevor ich die Tore direkt vor mir sah. Das mittlere war frei; Ron fokussierte sich zu sehr auf die beiden äußeren Ringe. Ich hob gerade zum Wurf an, als mich ein scharfer Pfiff zum Innehalten brachte. „Stopp - stopp - STOPP!“, schrie Angelina. „Ron - du deckst dein mittleres Tor überhaupt nicht!“ „Oh... sorry...“ „Du driftest dauernd ab, wenn du den Jägern zusiehst!“, sagte Angelina. „Entweder bleibst du auf der mittleren Position, bis du dich bewegen musst, um einen Torring zu verteidigen, oder du umkreist die Tore, aber pass auf, dass du nicht langsam seitlich wegtreibst.“ „Sorry...“, wiederholte Ron, das Gesicht rot wie ein Leuchtfeuer in der dunklen Nacht. „Und du, Katie, kannst du nicht was gegen dein Nasenbluten unternehmen?“ „Es wird einfach immer schlimmer!“, sagte Katie und versuchte den Blutstrom mit einem Ärmel ihres Umhangs zu stoppen. Fred stöberte beunruhigt in seinen Taschen; schließlich zog er etwas Lilafarbenes heraus, musterte es einen Augenblick und sah sich dann, offenbar starr vor Entsetzen nach Katie um. „Also, versuchen wir’s noch mal“, rief Angelina. Wir versuchten krampfhaft nicht auf die Slytherins zu achten, die inzwischen einen Schlachtgesang angestimmt hatten: >Gryffindor, Flaschen vor, Gryffindor, Flaschen vor<. Die Hitze kroch mir in die Wangen, ohne dass ich es verhindern konnte.

    Diesmal waren wir kaum drei Minuten geflogen, als Angelinas Pfiff ertönte. Ich bremste scharf ab, den Quaffel in der Hand haltend. „Was ist los?“, rief Harry hinter mir ungeduldig. „Es ist Katie“, entgegnete ich. Angelina, Fred und George flogen hastig auf die Jägerin zu; wir folgten ihrem Beispiel prompt. Offensichtlich hatte Angelina das Training gerade noch rechtzeitig abgebrochen. Katie war inzwischen kreideweiß und voller Blut. „Sie muss in den Krankenflügel. Sofort.“, sagte Angelina in einem Ton, der keinerlei Widerspruch duldete. „Wir bringen sie hin“, meinte Fred. „Sie - ähm - könnte irrtümlich eine Blutblasenschote geschluckt haben -...“ „Na dann, ohne Treiber und mit einer Jägerin weniger hat es keinen Zweck weiterzumachen“, beschloss Angelina missmutig, als Fred und George, die Katie in die Mitte genommen hatten, zum Schluss hochflogen. „Kommt, wir gehen uns umziehen.“ Die Slytherins verfolgten uns mit ihren Schlachtgesängen, während wir in Richtung Umkleideräume abzogen.

    „Wie war das Training?“, fragte Mine eine halbe Stunde später, als wir durch das Porträtloch in den Gemeinschaftsraum geklettert kamen. „Es war -...“, setzte Harry an. „Total mies“, sagte Ron mit hohler Stimme und ließ sich in einen Sessel neben Mine sinken. „Man hat mir begebracht, nicht zu lügen. Es war eine absolute Katastophe.“, fügte ich hinzu. Ich bemerkte nicht, wie Harry bei diesen Worten zusammenzuckte. Als Mine zu Ron aufblickte, der bedrückt in sich zusammengesunken war, schien ihre Frostigkeit, die vorher in ihren Worten gelegen hatte, zu schmelzen. „Na ja, es war halt das erste Mal“, tröstete sie ihn, „man braucht einfach Zeit, um-...“ „Wer hat gesagt, dass es an mir lag?“, blaffte Ron sie an. „Niemand“, sagte Mine verdutzt, „ich dachte-...“ „Du dachtest, ich würd sowieso nichts bringen?“ „Nein, natürlich nicht! Sieh mal, du hast gesagt, es war mies, da dachte ich einfach-...“ „Ich fang mal mit den Hausaufgaben an“, sagte Ron zornig und stampfte in Richtung Treppe zu den Schlafsälen der Jungen davon. Mine wandte sich zu Harry und mir um. „War er tatsächlich mies?“ „Nein“, antworteten wir gleichzeitig, obwohl wir das genaue Gegenteil dachten. Mine hob die Augenbrauen. „Na ja, ich denk schon, er hätte besser spielen können“, murmelte Harry, „aber es war nun mal das erste Training, wie du gesagt hast...“

    Den ganzen Sonntag lang vergruben Harry und Ron sich in ihren Hausaufgaben; ganz offensichtlich wollten sie das katastophale Training und den neuen Schlachtruf der Slytherins vergessen. Leider war letzterer ein echter Ohrwurm und wollte mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die beiden verpassten sämtliche Mahlzeiten und als ich abends zusammen mit Mine und Ginny im Gemeinschaftsraum saß, brühteten sie noch immer über den dicken Büchern. Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder dem Buch zu, das ich gerade laß; Mine saß mir gegenüber in einem karminroten Sessel. Sie plauderte vergnügt mit Ginny, während zwei Stricknadeln vor ihr in der Luft tanzten und ein Paar unförmiger Elfensocken strickten. „Liv?“, fragte Mine schlicßlich. Ich sah auf. Ginny und sie hatten sich mir zugewandt. „Was ist?“, fragte ich, wobei meine Stimme wohl ein wenig gereizt klang. „Hast du“, sie senkte ihre Stimme und beugte sich dabei vor, „schon mit ihm geredet?“ „Was?“ Für einen kurzen Moment begriff ich nicht, von was sie sprach, doch dann verstand ich. „Nein“, seufzend legte ich mein Buch umgedreht auf die Armlehne des Sessels. Mines Gesichtsausdruck sprach Bände. Ginny zog eine orangerote Augenbraue nach oben, dann sagte sie: „Ich kann verstehen, warum du’s nicht tun willst, echt. Aber überleg’ doch mal: Je länger du wartest, desto schlimmer wird’s, wenn du es ihm endlich sagst.“ Ich fuhr mir verlegen durch die lockigen Haare, dann erwiderte ich: „Du hast ja Recht, Ginny. Aber... Harry ist gerade extrem gestresst, ich kann die Bombe jetzt nicht platzen lassen.“ Ginny seufzte theatralisch und schlug sich gegen die Stirn. „Es bringt eh nichts, mit dir darüber zu reden. Deine Meinung änderst du ja sowieso nicht. Aber eins sag ich dir: Ich hoffe für dich, dass es noch nicht zu spät ist, wenn du es ihm endlich sagst.“

    Um halb zwölf war der Gemeinschaftsraum verlassen. Na ja, fast. Harry und Ron quälten sich gerade mit den Aufsätzen für Astronomie. Ginny war schon längst ins Bett gegangen und so beschlossen Mine und ich, zu sehen, wie weit die Jungs waren. Wir kamen also gähnend zu den beiden herübergeschlendert. „Seid ihr bald fertig?“, fragte ich. „Nein“, gab Ron knapp zurück. „Der größte Jupitermond ist Ganymed, nicht Callisto“, sagte Mine und deutete über Rons Schulter hinweg auf in eine Zeile in seinem Aufsatz, „und die Vulkane sind auf Io.“ „Danke“, fauchte Ron und strich die folgenden Sätze durch. „Tut mir leid, ich wollte nur-...“ „Ja, schon gut, wenn du nur hergekommen bist, um rumzumeckern-...“ Ich wandte mich kopfschüttelnd zum Fenster um und erstarrte. „Ron?“ „Ich hab grad echt keine Zeit, um mir eine Predigt über mein Verhalten anzuhören, Liv, ich steck bis zum Hals hier drin-...“ „Nein - schau mal zum Fenster!“ Harry, Ron und Mine folgten meiner Hand, die zum nächstgelegenen Fenster wies. Eine hübsche Schleiereule hockte auf dem Fenstersims und spähte zu Ron herein. „Ist das nicht Hermes?“, fragte Mine verwundert. „Ja, ich fass es nicht!“, sagte Ron leise, schmiss seine Feder hin und sprang auf. „Warum schreibt mir denn Percy?“

    21
    21. Kapitel

    Ron ging hinüber zum Fenster und öffnete es; Hermes flog herein, ließ sich auf Rons Aufsatz mit verschmierter Tinte nieder und streckte sein Bein aus, an dem ein Brief befestigt war. Ron löste den Brief, und die Schleiereule flog sofort wieder davon; dabei hinterließ kleine tintene Fußabdrücke auf Rons Zeichnung des Mondes Io. „Das ist ganz eindeutig Percys Handschrift.“, sagte Ron, sank zurück in seinen Sessel und blickte unverwandt auf die Worte, mit denen die Rolle beschriftet war: >Ronald Weasley, Haus Gryffindor, Hogwarts.< Er sah zu uns auf. „Was haltet ihr davon?“ „Mach ihn auf!“, sagte Mine begierig; Harry nickte. „Los, mach schon!“, fügte ich neugierig hinzu. Ron entrollte das Pergament und fing stumm an zu lesen. Mit jeder Zeile wurde sein Blick finsterer. Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, wirkte er unglaublich angewidert. Er hielt uns den Brief hin; aneinandergelehnt überflogen wir die Zeilen.

    Lieber Ron,

    ich habe eben erst gehört (von keinem Geringeren als dem Zaubereiminister persönlich, der es von deiner neuen Lehrerin Professor Umbridge weiß), dass du Vertrauensschüler in Hogwarts geworden bist.

    Ich war äußerst freudig überrascht, als ich diese Neuigkeit erfuhr, und muss dir zunächst meinen Glückwunsch aussprechen. Ich muss zugeben, dass ich immer befürchtete, du würdest sozusagen den „Fred-und-George“-Weg einschlagen, statt in meine Fußstapfen zu treten, mithin kannst du dir meine Gefühle vorstellen, als ich hörte, dass du Autorität nicht mehr in den Wind schlägst und beschlossen hast, echte Verantwortung zu schultern. Aber ich will mehr als dir nur gratulieren, Ron, ich will dir einen Rat erteilen, weshalb ich diesen Brief nachts schicke und nicht mit der üblichen Morgenpost. Hoffentlich kannst du ihn fern von neugierigen Augen lesen und peinliche Fragen vermeiden.

    Eine Bemerkung, die der Minister fallen ließ, als er mir berichtete, dass du nun Vertrauensschüler bist, entnehme ich, dass du immer noch häufig mit Harry Potter zusammen bist. Ich muss dir sagen, Ron, dass dich nichts so sehr in Gefahr bringt, dein Abzeichen zu verlieren, wie eine weitere Verbrüderung mit diesem Jungen. Ja, sicher überrascht es dich, dies zu hören - zweifellos wirst du sagen, dass Potter immer Dumbledores Liebling war -, doch fühle ich mich verpflichtet, dir mitzuteilen, dass Dumbledore womöglich nicht mehr lange die Leitung von Hogwarts innehaben wird und dass die Leute, auf die es ankommt, eine ganz andere - und vermutlich zutreffendere - Auffassung von Potters Verhalten haben. Ich möchte dies hier nicht weiter ausführen, aber wenn du dir morgen den >Tagespropheten< ansiehst, wirst du ein gutes Bild davon bekommen, woher der Wind weht - und mal sehen, ob du meine Wenigkeit wiederfindest!

    Doch im Ernst, Ron, du willst sicher nicht mit der gleichen Elle gemessen werden wie Potter, das könnte von großem Schaden für deine künftigen Chancen sein, und ich rede hier auch von der Zeit nach der Schule. Da unser Vater ihn zum Gericht begleitet hat, muss dir bekannt sein, dass Potter diesen Sommer eine disziplinarische Anhörung vor dem gesamten Zaubergamot hatte und nicht allzu gut dabei wegkam. Wenn du mich fragst, wurde er aufgrund einer rein verfahrenstechnischen Einzelheit freigesprochen, und viele, mit denen ich mich unterhalten habe, sind weiterhin von seiner Schuld überzeugt.

    Es mag sein, dass du Angst hast, die Bande zu Potter zu kappen - ich weiß, dass er unausgeglichen und, wie man hört, auch gewalttätig sein kann -, aber wenn du dir darüber Sorgen machst oder dir etwas anderes an Potters Verhalten aufgefallen ist, dass dich beunruhigt, bitte ich dich dringend, mit Dolores Umbridge zu sprechen, einer wirklich wunderbaren Frau, die, wie ich weiß, nichts lieber täte, als dir zu helfen.

    Dies führt mich zu meinem weiteren Ratschlag. Wie ich oben angedeutet habe, könnte Dumbledores Regiment in Hogwarts bald zu Ende sein. Deine Treue, Ron, sollte nicht ihm gelten, sondern der Schule und dem Ministerium. Ich bedaure es sehr, zu hören, dass Professor Umbridge bisher sehr wenig Unterstützung durch die Lehrerschaft erfährt bei ihren Anstrengungen, jene notwendige Veränderungen in Hogwarts einzuführen, die vom Ministerium so dringend gewünscht werden (allerdings sollte ihr dies ab nächster Woche leichter fallen - noch einmal, sieh dir den morgigen >Tagespropheten< an!). Ich möchte nur Folgendes sagen - ein Schüler, der sich heute willens zeigt, Professor Umbridge zu helfen, könnte in ein paar Jahren gute Chancen auf das Schulsprecheramt haben!

    Ich bedaure, dass ich während des Sommers nicht in der Lage war, dich öfters zu sehen. Es schmerzt mich, unsere Eltern zu kritisieren, aber ich fürchte, ich kann nicht mehr unter ihrem Dach leben, solange sie mit dem gefährlichen Klüngel um Dumbledore zu tun haben. (Wenn du einmal an Mutter schreiben solltest, könntest du ihr mitteilen, dass ein gewisser Sturgis Podmore, der ein guter Freund von Dumbledore ist, vor kurzem nach Askaban geschickt wurde wegen Hausfriedensbruch im Ministerium. Vielleicht gehen ihnen dann die Augen auf über jene Art von Kleinkriminellen, mit denen sie sich heutzutage gemeinmachen.) Ich darf mich sehr glücklich schätzen, dass ich dem Stigma einer Verbindung mit diesen Leuten entronnen bin - der Minister könnte mir gegenüber wirklich nicht großherziger sein -, und ich hoffe inständig, Ron, dass auch dich die familiären Bande nicht blind machen dafür, wie fehlgeleitet die Ansichten und Handlungen unserer Eltern sind. Ich hoffe aufrichtig, dass sie mit der Zeit erkennen, wie Unrecht sie hatten, und werde selbstverständlich bereit sein, eine umfassende Entschuldigung anzunehmen, sollte dieser Tag kommen.

    Bitte denke sehr sorgfältig darüber nach, was ich gesagt habe, besonders über die Sache mit Harry Potter, und noch einmals Glückwunsch, dass du Vertrauensschüler geworden bist.

    Dein Bruder
    Percy

    Harry war der Erste, der das Wort ergriff, nachdem wir zu Ende gelesen hatten. „Nun“, sagte er und versuchte dabei offensichtlich so zu klingen, als würde er das Ganze für einen Witz halten, „wenn du - ähm - wie heißt das?“ - er sah in Percys Brief nach - „Ach ja - >die Bande< zu mir >kappen< willst, werd ich nicht gewalttätig, Ehrenwort.“ „Gib ihn her“, sagte Ron und streckte die Hand aus. „Er ist -...“, knirschte er und riss Percys Brief in zwei Hälften, „der größte-...“, er riss ihn in Viertel, „Mistkerl-...“, er riss ihn in Achtel, „der Welt!“ Er warf die Fetzen ins Feuer. Ron blickte Harry an, als wolle er ihn auffordern, an den dämlichen Aufsätzen zu arbeiten, als Mine seufzend sagte: „Ach, gebt sie her.“ „Was?“ „Gebt sie mir, ich seh sie durch und korrigier sie.“ „Meinst du das im Ernst?“, entgegnete Ron. „Mensch, Hermine, du bist eine Lebensretterin, was kann ich-...“ „Was ihr sagen könnt, ist: >Wir versprechen, dass wir unsere Hausaufgaben nie mehr so lange aufschieben<“, erwiderte sie; Mine grinste und streckte beide Hände nach den Aufsätzen aus. „Tausend Dank, Hermine“, sagte Harry gähnend, reichte ihr seinen Aufsatz, sank zurück in den Sessel und rieb sich dabei die Augen.

    Jetzt war es nach Mitternacht und der Gemeinschaftsraum war vollkommen ausgestorben bis auf uns und Krummbein, der dahergeschlichen kam. Das einzige Geräusch, das zu hören war, kam von Mines Feder, die ab und an Sätze in den Aufsätzen durchstrich und das Rascheln von Buchseiten, wenn sie Fakten überprüfte. Meine Gedanken drifteten zu dem Brief von Percy ab. Ich konnte einfach nicht glauben, dass er Ron geraten hatte, die Freundschaft mit Harry zu beenden! Und wie er von Umbridge gesprochen hatte! Hatte er diese Frau eigentlich richtig kennengelernt? Ich schätzte nicht. Was mich allerdings noch mehr beunruhigte, waren die Anspielungen, die Percy hie und da gemacht hatte. Was würde morgen im >Tagespropheten< zu lesen sein? Sicherlich nichts Gutes, immerhin hatte es mit Umbridge zu tun und Percy schien begeistert davon zu sein. Merlin, ich wollte es gar nicht wissen... Ich blinzelte. Gerade, als ich ins Feuer gestarrt hatte, war da etwas gewesen, was nicht dorthin gehört. Blitzartig war es aufgetaucht und danach sofort wieder verschwunden. Nein, ich musste mir das eingebildet haben... Das konnte nicht sein. Höchstwahrscheinlich vermisste ich ihn einfach so sehr, dass ich gerade tatsächlich geglaubt hatte, Sirius’ Gesicht im Feuer des Kamins zu sehen. Ich bekam am Rande mit, wie Mine Ron auf einige Verbesserungen in seinem Aufsatz hinwies, doch ich konzentrierte mich nicht darauf. „Liv?“ „Ich habe gerade Sirius’ Kopf im Feuer gesehen“, sagte ich trocken, ohne meinen Blick davon zu lösen. „Sirius’ Kopf?“, wiederholte Mine. „Du meinst, wie damals, als er während des Trimagischen Tuniers mit Harry reden wollte? Aber das würde er doch jetzt nicht tun, das wäre zu - >Sirius<!“

    Sie keuchte und spähte auch ins Feuer; Ron ließ seine Feder fallen. Dort, inmitten der umhertanzenden Flammen, steckte Sirius’ Kopf, sein langes schwarzes Haar um sein grinsendes Gesicht fallend. „Ich dachte schon, ihr würdet zu Bett gehen, bevor alle anderen verschwunden sind“, sagte er. „Jede Stunde hab ich nachgeschaut.“ „Du bist ernsthaft jede Stunde ins Feuer gehüpft? Enorm riskant. Klingt also genau nach dir.“, erwiderte ich, nun ebenfalls grinsend. „Nur für ein paar Sekunden, um nachzusehen, ob die Luft rein ist.“ „Aber was, wenn man dich gesehen hätte?“, fragte Mine beklommen. „Nun ja, ich glaub, ein Mädchen - eine Erstklässlerin, so wie sie aussah - könnte mich vorhin kurz gesehen haben, aber macht euch keine Sorgen“, erklärte Sirius hastig, als Mine die Hand vor den Mund schlug, „als sie noch mal hinschaute, war ich schon verschwunden, und ich wette, sie hat nur gedacht, ich sei ein komisch geformter Holzscheit oder so was.“ „Aber Sirius, du gehst da ein enormes Risiko ein-...“, fing Mine an. „Du klingst wie Molly“, erwiderte Sirius. „Das war die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, um Harrys Brief zu beantworten, ohne eine Verschlüsselung zu verwenden - und Verschlüsselungen können geknackt werden.“

    Was? Harry hatte Sirius geschrieben, und uns nichts gesagt? Ich wusste nicht, weshalb, aber ein heftiger Stich durchfuhr bei diesem Gedanken. Vertraute Harry uns denn nicht? „Du hast nicht gesagt, dass du Sirius geschrieben hast!“, konfrontierte ich ihn und konnte nicht verhindern, dass ich dabei vorwurfsvoll klang. „Hab ich vergessen“, erwiderte Harry. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Als ob das nicht wichtig gewesen wäre! „Sieh mich nicht so an, Liv, dem Brief hätte unmöglich jemand geheime Informationen entnehmen können, stimmt’s, Sirius?“ „Nein, er war sehr gut“, sagte Sirius lächelnd und sah mich dabei an, als wolle er mich beschwichtigen. „Wie auch immer, wir sollten uns besser beeilen, nur für den Fall, dass wir gestört werden - deine Narbe.“ „Was ist mit-?“, setzte Ron an, doch Mine unterbrach ihn. „Klärten wir später, Ron. Weiter, Sirius.“ „Nun, ich weiß, es ist nicht gerade lustig, wenn sie schmerzt, aber wir glauben nicht, dass man sich deswegen wirklich Sorgen machen muss. Sie hat das ganze letzte Jahr über wehgetan, oder?“ „Ja, und Dumbledore meinte, es sei immer dann passiert, wenn Voldemort ein starkes Gefühl empfand“, sagte Harry und ignorierte Ron und Mines Zusammenzucken. „Vielleicht war er einfach, ich wieß nicht, furchtbar zornig an dem Abend, als ich nachsitzen musste.“ „Ja, jetzt, wo er zurück ist, wird so wohl häufiger schmerzen“, bestätigte Sirius. „Also glaubst du nicht, dass es irgendwas damit zu tun hatte, dass Umbridge mich berührt hat, als ich bei ihr nachsitzen musste?“, fragte Harry. „Das bezweifele ich“, erwiderte Sirius. „Ich kenne ihren Ruf, und ich bin sicher, sie ist keine Todesserin-...“ „Na ja, sie ist zumindest widerlich genug, um eine zu sein“, warf ich ein. Ron und Mine nickten heftig. „Ja, aber die Welt ist nun mal nicht geteilt in gute Menschen und Todesser“, meinte Sirius mit einem gequälten Lächeln. „Ich weiß, dass sie ein gemeines Biest ist - ihr solltet mal hören, wie Remus über sie spricht.“ „Kennt Remus sie denn?“, fragte ich überrascht. Ich erinnerte mich an Umbridges erste Stunde, als sie etwas über gefährliche Halbblüter gesprochen hatte, und ich fühlte, wie es in meinem Inneren zu brodeln begann. „Nein“, Sirius schüttelte den Kopf, „allerdings hat sie vor zwei Jahren ein Anti-Werwolf-Gesetz ausgearbeitet, das es ihm fast unmöglich macht, eine Stelle zu bekommen.“ Die Wut in mir verrauchte bei diesen Worten kein bisschen. „Aber...das ist nicht fair. Werwölfe können doch nichts dafür, dass sie so sind, wie sie nun mal sind.“, flüsterte ich betroffen. „Was hat sie eigentlich gegen Werwölfe?“, fragte Mine aufgebracht. „Hat Angst vor ihnen, vermute ich“, entgegnete Sirius und lächelte angesichts unserer entrüsteten Gesichter. Das war noch lange kein Grund dafür, Werwölfen das Leben schwer zu machen. „Offenbar hasst sie Halbmenschen; sie hat sich letztes Jahr auch dafür engagiert, Wassermenschen zusammenzutreiben und einzufangen. Stellt euch nur mal vor, wie viel Zeit und Energie bei der Verfolgung von Wassermenschen verschwendet würde, wo doch gleichzeitig kleine Lumpen wie Kreacher auf freiem Fuß sind.“

    Ron lachte, aber Mine schien äußerst verstimmt. „Sirius!“, sagte sie vorwurfsvoll. „Ehrlich mal, wenn du dir mit Kreacher ein wenig Mühe geben würdest, dann würde er sicher auf dich zukommen. Dumbledore hat schließlich gesagt-...“ „Also, wie sieht der Unterricht bei Umbridge aus?“, warf Sirius dazwischen. „Bringt sie euch allen bei, Halbblüter umzubringen?“ „Nein“, sagte Harry. „Sie lässt uns überhaupt nicht richtig zaubern!“ „Wir lesen immer nur das blöde Schulbuch“, sagte Ron. „Ach ja, das passt“, meinte Sirius. „Nach unseren Informationen aus dem Ministerium will Fudge nicht, dass ihr für den Kampf ausgebildet werdet.“ „>Für den Kampf ausgebildet<! Hab ich das gerade richtig verstanden?“, fragte ich ungläubig. „Was glaubt der eigentlich, was wir hier treiben, eine Art Zaubererarmee aufbauen?“ „Genau das glaubt er“, bestätigte Sirius, „besser gesagt, genau das befürchtet er von Dumbledore - dass er seine eigenen Privatarmee aufstellt, mit der er dann das Zaubereiministerium übernehmen kann.“ Schweigen trat für eine Weile ein, bis Ron schließlich sagte: „Das ist das Dümmste, was ich je gehört hab, einschließlich all des Plunders, den Luna Lovegood von sich gibt.“ Für diesen Kommentar fing sich einen ordentlich Stoß in die Rippen von mir ein. „Also hält man uns davon ab, Verteidigung gegen die dunklen Künste zu lernen, weil Fudge Angst hat, wir würden gegen das Ministerium zaubern?“, sagte Mine hellauf empört.

    „Ja“, sagte Sirius. „Fudge glaubt, Dumbledore wird vor nichts zurückschrecken, um an die Macht zu kommen. Tag für Tag fühlt er sich stärker von Dumbledore verfolgt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er Dumbledore unter irgendeiner zusammengeschusterten Anklage verhaften lässt.“ „Weißt du, ob der >Tagesprophet< morgen irgendwas über Dumbledore bringt? Rons Bruder Percy glaubt, dass-...“ „Ich weiß nicht“, erwiderte Sirius, „ich hab das ganze Wochenende über keinen vom Orden gesehen, die sind alle beschäftigt. Nur Kreacher und ich waren hier...“ In seiner Stimme lag unverkennbar ein Hauch von Bitterkeit. „Also hast du auch nichts Neues über Hagrid erfahren?“, fragte Harry. „Ah...“, entgegnete Sirius, „nun, eigentlich sollte er inzwischen zurück sein, keiner weiß genau, was mit ihm passiert ist.“ Als er unsere entsetzten Gesichter sah, fügte er allerdings rasch hinzu: „Aber Dumbledore macht sich keine Sorgen, also steigert euch nicht in was rein; ich bin sicher, Hagrid geht’s gut.“ „Aber wenn er eigentlich schon zurück sein sollte...“, begann Mine mit schwacher, angsterfüllten Stimme. „Madame Maxime war bei ihm, wir stehen in Verbindung mit ihr, und sie sagt, sie seien auf der Rückreise voneinander getrennt worden - aber nichts deutete darauf hin, dass er verletzt ist oder - nun, nichts lässt vermuten, dass er nicht völlig wohlauf ist.“ Harry, Ron, Mine und ich waren nicht überzeugt und wechselten besorgte Blicke.

    „Hört mal, stellt nicht zu viele Fragen über Hagrid“, sagte Sirius eilig, „das wird nur noch mehr Aufmerksamkeit darauf lenken, dass er nicht zurück ist, und ich weiß, Dumbledore will das nicht. Hagrid ist zäh, es wird ihm schon gut gehen.“ Und als auch das uns nicht aufmuntern konnte, fügte er hinzu: „Wann ist eigentlich euer nächstes Wochenende in Hogsmeade? Mit dieser Hundetarnung sind wir ja ganz gut durchgekommen, hab ich mir überlegt. Ich dachte, ich könnte-...“ „NEIN!“, riefen Harry, Mine und ich gleichzeitig. „Sirius, hast du den >Tagespropheten< nicht gelesen?“, fragte Mine besorgt. „Ach, das“, erwiderte Sirius und grinste, „die spekulieren immer, wo ich bin, im Grunde haben sie keine Ahnung-...“ „Schon, aber wir glauben, diesmal ist es anders“, sagte Harry. „Malfoy hat im Zug etwas gesagt, was uns vermuten lässt, dass er wusste, dass du es warst, und sein Vater - Lucius Malfoy, du weißt schon - war auf dem Bahnsteig, also komm auf keinen Fall hier hoch, Sirius. Wenn Malfoy dich wiedererkennt-...“ „Schon gut, schon gut, ich hab’s begriffen“, erwiderte Sirius. Er wirkte unglaublich enttäuscht. „War nur ‘ne Idee, dachte, ihr würdet mich gerne mal wieder treffen.“ „Ich will dich sehen, wirklich, Sirius, aber ich will nicht, dass sie dich wieder nach Askaban stecken! Ich könnte mir das nicht verzeihen!“, sagte ich. „Ich kann Liv da nur zustimmen. Tut mir Leid, Sirius“, fügte Harry hinzu. Eine Pause trat ein. Sirius sah mich und Harry aus dem Feuer heraus an, eine tiefe Falte zwischen seinen Augen. „Du ähnelst deinem Vater weniger, als ich gedacht hatte“, sagte er schließlich, den Blick auf Harry gerichtet. Eine spürbare Kühle lag in seiner Stimme. „Gerade wegen des Risikos hätte es James Spaß gemacht.“ „Sieh mal-...“ „Sirius-...“ „Ich verschwinde besser, ich kann Kreacher die Treppe runterkommen hören“, unterbrach Sirius uns. Ich war mir sicher, dass er uns anlog. „Ich schreibe und nenn euch einen Zeitpunkt, an dem ich es noch mal ins Feuer schaffe ja? Wenn ihr das Risiko ertragen könnt?“ Ein leises >Popp< war zu hören, und wo Sirius’ Kopf gewesen war, loderte wieder eine Flamme; ich fühlte mich seltsam leer.

    22
    22. Kapitel

    Eigentlich hatte ich angenommen, dass wir den >Tagespropheten< am nächsten Morgen gründlich durchforsten müssten, um den Artikel zu finden, den Percy erwähnt hatte. Doch kaum hatte sich die Posteule wieder vom Milchkrug erhoben, da keuchte Mine laut auf und strich die Zeitung glatt. Zu sehen war nun ein großes Foto von Dolores Umbridge, die breit lächelte und uns unter der Schlagzeile bedächtig zuzwinkerte.

    MINISTERIUM STREBT AUSBILDUNGSREFORM AN
    DOLORES UMBRIDGE IN DAS NEU GESCHAFFENE AMT DER GROSSINQUISITORIN BERUFEN

    „Umbridge - >Großinquisitorin<“, sagte Harry finster und sein angebissener Toast glitt ihm aus den Fingern. „Was soll das denn heißen?“ Mine las laut vor:

    „In einem überraschenden Schritt hat das Zaubereiministerium gestern Abend ein neues Gesetz verabschiedet, das ihm ein beispielloses Maß an Verfügungsgewalt über die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei erwähnt.
    >Der Minister ist seit geraumer Zeit zusehends beunruhigt über die Vorgänge in Hogwarts<, erklärte Percy Weasley, der Juniorassistent des Ministers. >Er reagiert nun auf die kritischen Stimmen besorgter Eltern, die den Eindruck haben, dass sich die Schule in eine Richtung entwickelt, die sie nicht gutheißen.<
    Es ist nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass Cornelius Fudge, der Minister, mit Hilfe neuer Gesetze Verbesserungen an der Zaubererschule herbeiführt. Erst am 30. August wurde der Ausbildungserlass Nummer 22 verabschiedet, der für den Fall, dass der gegenwärtige Schulleiter nicht in der Lage ist, einen Kandidaten für eine Lehrerstelle vorzuweisen, gewährleistet, dass das Ministerium eine geeignete Person auswählen kann.
    >Dies ist der Grund, weshalb Dolores Umbridge zum Mitglied des Lehrpersonals in Hogwarts ernannt wurde<, sagte Weasley gestern Abend. >Dumbledore konnte niemanden finden, deshalb hat der Minister Umbridge berufen, und natürlich war sie sofort erfolgreich-...<“

    „Sie war WAS?“, fragte Harry aufgebracht. „Wart nur ab, es geht noch weiter“, sagte Mine verbissen.

    „>-sofort erfolgreich, indem sie den Unterricht in Verteidigung gegen die dunklen Künste völlig umgekrempelt hat und dem Minister jetzt aus der unmittelbaren Praxis heraus berichten kann, was wirklich in Hogwarts vor sich geht.<
    Diesem letzten Aufgabengebiet hat das Ministerium nun mit dem Ausbildungserlass Nummer 23 auch formal Rechnung getragen und das neue Amt eines Großinquisitors für Hogwarts geschaffen.
    >Dies ist ein spannender neuer Abschnitt im Plan des Ministers, sich dem entgegenzustemmen, was manche als sinkendes Niveau in Hogwarts bezeichnen<, so Weasley. >Die Großinquistorin wird die Befugnis haben, den Unterricht ihrer Kollegen zu inspizieren und sicherzustellen, dass er den Erwartungen entspricht. Professor Umbridge wurde die Position zusätzlich zu ihrem Lehramt angeboten, und wir freuen uns mitteilen zu können, dass sie sich dazu bereit erklärt hat.<
    Die Reformschritte des Ministeriums stießen bei Eltern von Hogwarts-Schülern auf begeisterte Zustimmung. >Mir ist viel leichter ums Herz, jetzt, da ich weiß, dass Dumbledore einer fairen und vorurteilslosen Beurteilung unterzogen wird<, sagte Mr. Lucius Malfoy, 41, gestern Abend auf seinem Landsitz in Wiltshire. >Viele von uns, denen das wohlverstandene Interesse unserer Kinder ein echtes Anliegen ist, waren in Sorge über einige von Dumbledores launenhaften Entscheidungen während der letzten Jahre und sind nun froh zu wissen, dass das Ministerium die Lage im Auge behält.<
    Zu diesen launenhaften Entscheidungen gehören zweifellos umstrittene Stellenbesetzungen, von denen wir in dieser Zeitung bereits berichteten, darunter die Einstellung des Werwolfs Remus Lupin, des Halbriesen Rubeus Hagrid und des unter Wahnvorstellung leidenden Ex-Auroren >Mad-Eye< Moody.
    Natürlich sind Gerüchte im Umlauf, wonach Albus Dumbledore, einst Ganz hohes Tier der internationalen Zauberervereinigung und Großmeister des Zaubergamots, der Aufgabe, die angesehene Hogwarts-Schule zu leiten, nicht mehr gewachsen ist.
    >Ich denke, die Ernennung eines Inquisitors ist nur der erste Schritt, um dafür Sorge zu tragen, dass Hogwarts einen Schulleiter bekommt, dem wir alle wieder unser Vertrauen schenken können<, ließ ein Mitarbeiter des Ministeriums gestern Abend verlauten.
    Die langjährigen Mitglieder des Zaubergamots, Griselda Marchbanks und Tiberius Ogden, traten aus Protest gegen die Einführung eines Inquisitorenamts für Hogwarts zurück. >Hogwarts ist eine Schule, keine Außenstelle von Cornelius Fudges Ministerium<, erklärte Madam Marchbanks. >Dies ist ein weiterer empörender Versuch, Albus Dumbledores Ruf zu schädigen.< (Einen ausführlichen Bericht über Madam Marchbank’s angebliche Beziehungen zu aufrührerischen Koboldgruppen finden sie auf Seite 17.)“

    Mine hatte zu Ende gelesen und blickte uns über den Tisch hinweg an. „Jetzt wissen wir also, wie wir diese Umbridge auf den Hals bekommen haben! Fudge hat seinen >Ausbildungserlass< durchgepaukt und sie uns aufgezwungen! Und jetzt hat er ihr die Macht gegeben, die anderen Lehrer zu inspizieren!“ Mine war vollkommen aufgebracht. „Das kann ich nicht glauben. Das ist ungeheuerlich!“ „Dito“, sagte ich und ballte dabei unterbewusst meine Hände zu Fäusten. „Das ist eine echte Schande.“ „Ich weiß“, stimmte Harry uns zu; auf Rons Gesicht breitete sich jedoch ein Grinsen aus. „Was ist?“, fragten Harry, Mine und ich gleichzeitig. „Hey, ich bin schon mal gespannt, wie sie bei McGonagall inspizieren will“, sagte er fröhlich. „Umbridge wird nicht wissen, wie ihr geschieht.“ Ich musste zugeben, auch ich stellte mir ziemlich amüsant vor. „Ja, kommt“, meinte Mine und sprang auf, „wir müssen uns beeilen; wenn sie Binn’s Unterricht inspiziert, sollten wir nicht zu spät kommen...“

    Aber Umbridge inspizierte nicht unsere Zaubereigeschichtsstunde, und sie war auch nicht in Snapes Kerker, als wir zur Doppelstunde Zaubertränke kamen, wo wir unsere korrigierten Mondsteinaufsätze zurückbekamen. „Ich habe Sie so benotet, als ob Sie die Arbeiten bei der ZAG-Prüfung eingereicht hätten“, verkündete Snape mit einem höhnischen Grinsen. „Das sollte Ihnen eine nüchterne Vorstellung davon geben, was Sie in der Prüfung erwartet.“ Snape ließ seinen Blick über die Klasse schweifen. „Das allgemeine Niveau dieser Hausarbeit war jämmerlich. Die meisten wären durchgefallen, wenn dies ihre Prüfung gewesen wäre. Beim Aufsatzthema dieser Woche geht es um die verschiedenen Sorten von Gegengiften, und ich erwarte einiges mehr an Mühe, oder ich werde anfangen, den Dummköpfen, die ein >S< bekommen haben, Strafarbeiten zu erteilen.“ Er grinste, während Draco gut vernehmlich flüsterte: „Jemand hat ein >S< gekriegt? Ha!“ Ich sah hinunter auf meinen Aufsatz. Ein >A<.

    „Nun, das war nicht so schlimm wie letzte Woche, was?“, sagte Mine, als wir nach der Doppelstunde die Kerkerstufen hochstiegen und zum Mittagessen gingen. „Und mit den Hausaufgaben ist es auch nicht allzu schlecht gelaufen, oder?“ Ich murmelte vor mich hin; Harry und Ron blieben stumm. „Ich meine, na gut, ich hab nicht die Spitzennote erwartet, nicht, wenn er nach ZAG-Standard benotet, aber ein >Bestanden< ist vorerst ganz ermutigend, meint ihr nicht?“ Ich bemerkte, wie Harrys Kehle ein undefinierbares Geräusch entschlüpfte. „Natürlich kann bis zur Prüfung noch eine Menge passieren, wir haben genug Zeit, um besser zu werden, aber die Noten, die wir jetzt bekommen, sind doch schon mal eine Grundlage, oder? Darauf können wir aufbauen...“

    Wir setzten uns zusammen an den Gryffindor-Tisch. „Natürlich hätte ich es toll gefunden, wenn ich ein >O< bekommen hätte-...“ „Hermine“, unterbrach Ron sie scharf, „wenn du wissen willst, welche Noten wir gekriegt haben, dann frag.“ „Ich will - ich wollte nicht - nun, wenn ihr es mir sagen wollt-...“ Ich verdrehte grinsend die Augen und sagte dann: „Ich hab ein >A<.“ „Ich hab ein >M<“, sagte Ron und schöpfte sich Suppe auf seinen Teller. „Zufrieden?“

    „Also, dafür muss man sich nicht schämen“, meinte Fred, der gerade mit George und Lee Jordan an den Tisch gekommen war und rechts von Harry Platz nahm. „Nichts auszusetzen an einem guten, gesunden >M<.“ „Aber“, fragte Mine, „steht >M< nicht für...“ „>Mies<, ja schon“, bestätigte Lee. „Aber immer noch besser als >S< oder? >Schrecklich<?“ „Aber die Spitzennote ist >O<-...“ „Für >Ohnegleichen<“, klärte ich auf. „Richtig, und danach kommt >A<-...“ „Nein, >E<“, korrigierte George sie, „>E< für >Erwartungen übertroffen<. Ich hab immer gedacht, Fred und ich sollten ein >E< in allem kriegen, weil wir die Erwartungen schon übertroffen haben, als wir zu den Prüfungen aufgetaucht sind.“ Wir brachen alle in schallendes Gelächter aus, bis auf Mine, die nicht lockerließ. „Also, nach >E< kommt >A< für >Annehmbar<, und das braucht man mindestens, um die Prüfung zu bestehen, richtig?“ „Ja“, bestätigte Fred, tunkte ein ganzes Brötchen in seine Suppe, beförderte es in den Mund und schluckte es mit einem Mal hinunter. „Dann kommt >M< für >Mies<“ - Ron hob in Siegerpose beide Arme - „und >S< für >Schrecklich<.“ „Und dann >T<“, erinnerte ihn George. „>T<?“, fragte Mine bestürzt. „Noch schlechter als >S<? Was um Himmels willen soll >T< bedeuten?“ „Troll“, antwortete George prompt.

    Wir lachten erneut, bis Fred schließlich fragte: „Habt ihr schon eine Unterrichtsinspektion gehabt?“ „Nein“, erwiderte ich sofort. „Und ihr?“ „Gerade eben, vor dem Essen“, sagte George. „In Zauberkunst.“ „Wie war’s?“, fragten wir zu viert im Chor. Fred zuckte die Achseln. „Ging so. Umbridge hing nur in der Ecke rum und hat sich Notizen auf einem Klemmbrett gemacht. Ihr kennt ja Flitwick, er hat sie wie einen Gast behandelt und sich offenbar gar nicht stören lassen. Sie hat nicht viel gesagt. Hat Katie ein paar Fragen gestellt, wie der Unterricht sonst immer sei, und Katie hat ihr gesagt, er sei wirklich gut, und das war’s dann.“ „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der alte Flitwick schlechte Noten verpasst kriegt“, sagte George. „Normalerweise bringt er doch alle ganz ordentlich durch die Prüfungen.“ „Wen habt ihr heut Nachmittag?“, fragte Fred Harry. „Trelawney-...“ „Ein >T<, wie es im Buch steht.“ „Und Umbridge höchstpersönlich.“ „Na, dann sei ein braver Junge und halt dich heut bei ihr zurück“, riet George. „Angelina schnappt noch über, wenn du schon wieder das Quidditch-Training verpasst.“

    Allerdings mussten wir gar nicht auf Verteidigung gegen die dunklen Künste warten, bis wir Professor Umbridge zu Gesicht bekamen. Wir saßen gerade im düsteren Wahrsageraum und zogen unsere Traumtagebücher heraus, als Ron mich anstieß. Umbridge tauchte aus der Falltür im Boden auf. Die Klasse, die munter getratscht hatte, verstummte augenblicklich. Das plötzliche Absinken des Lärmpegels bewog Professor Trelawney, die umhergeschwebt war und das >Traumorakel< ausgeteilt hatte, sich umzublicken.
    „Guten Tag, Professor Trelawney“, sagte Professor Umbridge mit ihrem falschen, breiten Lächeln. „Sie haben meine Benachrichtigung erhalten, hoffe ich? Mit Datum und Uhrzeit Ihrer Unterrichtsinspektion?“ Professor Trelawney nickte knapp, kehrte Umbridge äußerst verstimmt den Rücken zu und fuhr damit fort, ihre Bücher auszuteilen. Immer noch lächelnd, packte Umbridge den nächstbesten Sessel an der Lehne und schleifte ihn vor die Klasse, eine Handbreit hinter Professor Trelawneys Platz. Dann setzte sie sich, nahm ihr Klemmbrett aus der geblümten Tasche und blickte auf in der Erwartung, dass er Unterricht beginne.

    Professor Trelawney zog mit leicht bebenden Händen ihre Schals fester und musterte uns durch ihre riesenhaft vergrößerten Brillengläser. „Wir werden heute unser Studium prophetischer Träume fortsetzten“, sagte sie in einem tapferen Versuch, ihre übliche mytische Tonlage zu treffen, auch wenn ihre Stimme leicht zitterte. „Gehen sie bitte zusammen und deuten Sie mit Hilfe des >Orakels< Ihre letzten nächtlichen Träume.“ Sie machte Anstalten, zu ihrem Platz zurückzuschweben, sah Umbridge gleich dahinter sitzen und schwenkte prompt nach links auf Parvati und Lavender zu, die sich schon eingehend über Parvatis jüngsten Traum unterhielten. Ich betrachtete Umbridge aus den Augenwinkeln, während ich mein Buch aufschlug; sie machte bereits Notizen auf ihrem Klemmbrett. Nach ein paar Minuten erhob sie sich und heftete sich an Trelawneys Fersen, ging mit ihre durchs Klassenzimmer, lauschte ihren Gesprächen mit den Schülern und stellte selbst gelegentlich einige Fragen. Schnell wandte ich mich meinem Buch zu. „Schnell, Harry, lass dir ‘nen Traum einfallen, falls die alte Kröte an uns vorbei kommt“, forderte Ron seinen besten Freund auf. „Ich hab schon letztes Mal gemacht.“ „Ach, keine Ahnung...“, sagte Harry verzweifelt. „Sagen wir einfach, ich hätte geträumt, ich würde... Snape in meinem Kessel ertränken.“ Ich kicherte, während Ron sein >Traumorakel< aufschlug. „Okay, wir müssen dein Alter zu dem Datum hinzuzählen, an dem du den Traum hattest, die Zahl der Buchstaben des Traumthemas... ist das jetzt >ertränken<, >Kessel< oder >Snape<?“ „Ist doch komplett egal“, warf ich ein. „Nimm einfach irgendwas.“ Ich drehte mich unauffällig um; Professor Umbridge stand nun direkt neben Professor Trelawney und machte sich Notizen, während die Wahrsagelehrerin Neville zu seinem Traumtagebuch befragte.

    „In welcher Nacht hast du das noch mal geträumt?“, fragte Ron, während er gerade am Berechnen war. „Keine Ahnung, letzte Nacht, wann du willst“, entgegnete Harry. Umbridge und Professor Trelawney waren jetzt nur noch einen Tisch von uns entfernt. Umbridge notierte abermals etwas auf ihrem Klemmbrett und Professor Trelawney sah hochgradig verärgert darüber aus. „Nun“, sagte Umbridge und blickt zu Trelawney auf, „wie lange genau haben Sie diese Stelle schon inne?“ Professor Trelawney sah sie finster an, die Arme verschränkt und die Schultern hochgezogen. Nach einer kleinen Pause, in der sie offenbar zu dem Schluss kam, dass die Frage nicht so entwürdigend war, dass sie sie zu Recht ignorieren konnte, sagte sie mit zutiefst beleidigter Stimme: „Fast 16 Jahre.“ „Eine beträchtliche Zeit“, sagte Professor Umbridge und machte sich eine Notiz auf ihrem Klemmbrett. „Dann war es Professor Dumbledore, der Sie eingestellt hat?“ „Das ist korrekt“, erwiderte Professor Trelawney knapp. „Und Sie sind eine Urenkelin der berühmten Seherin Cassandra Trelawney?“ „Ja“, bestätigte Professor Trelawney und reckte leicht den Kopf. Wieder folgte eine Notiz auf dem Klemmbrett. „Aber ich vermute - korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre - dass Sie die Erste in Ihrer Familie seit Cassandra sind, die mit dem zweiten Gesicht begabt ist?“ „Diese Dinge überspringen oft - ähm - drei Generationen“, erwiderte Professor Trelawney. Umbridges krötenartiges Lächeln wurde breiter. „Natürlich“, sagte sie süßlich und machte sich erneut eine Notiz. „Nun vielleicht können Sie einfach mal etwas für mich voraussagen?“ Sie blickte mit fragender Miene und unentwegt lächelnd auf.

    Professor Trelawney erstarrte schlagartig, als könne sie ihren Ohren nicht trauen. „Ich habe Sie nicht verstanden“, sagte sie und griff krampfartig nach dem Schal um ihren dünnen Schal. „Ich möchte, dass Sie mir etwas voraussagen“, erklärte Umbridge sehr deutlich. Jetzt war ich nicht mehr die Einzige, die hinter meinem Buch hervor verstohlen zusah und lauschte. Der größte Teil der Klasse blickte gebannt auf Professor Trelawney, die sich mit klimpernden Perlen und Armringen zu voller Hähe aufrichtete. „Das innere Auge sieht nicht auf Befehl“, sagte sie entrüstet. „Verstehe“, entgegnete Professor Umbridge sanft und machte sich eine weitere Notiz auf ihrem Klemmbrett. „Ich - aber - aber... warten Sie!“, sagte Professor Trelawney plötzlich, bemüht um ihre mystische Stimmlage, deren Wirkung ein wenig verpuffte, da sie vor Zorn bebte. „Ich... ich glaube, ich sehe etwas... etwas, das Sie betrifft... ach, ich spüre etwas... etwas Dunkles... eine abgrundtiefe Gefahr...“ Professor Trelawney deutete mit zitterndem Finger auf Umbridge, die sie, mit hochgezogenen Augenbrauen, weiterhin anlächelte. „Ich fürchte... ich fürchte, Sie sind in abgrundtiefer Gefahr!“, schloss Professor Trelawney dramatisch. Stille trat ein. Umbridges Augenbrauen waren noch immer erhoben. „Schön“, sagte sie sanft und kritzelte erneut auf ihrem dämlichen Klemmbrett herum. „Nun, wenn das alles ist, was Sie können...“

    Das hatte sie nicht gerade gesagt. Das konnte ja wohl nicht wahr sein! Umbridge hatte sich inzwischen umgewandt. Professor Trelawney stand da wie angewurzelt, ihre Brust hob und senkte sich. Die Blicke von Harry, Ron und mir trafen sich. Unsere Gedanken waren dieselben. Professor Trelawney war zwar eine Schwindlerin, aber wir hassten Umbridge so sehr, dass unser Mitgefühl nun entschieden Trelawney galt - allerdings nur so lang, bis sie sich einige Sekunden später über uns hermachte. „Nun?“, fragte sie und schnippte ungewöhnlich forsch mit ihren langen Fingern. „Zeigen Sie mir bitte den Anfang Ihres Traumtagebuchs.“ Als sie Harrys Träume mit ihrer lautesten Stimme gedeutet hatte (wobei alle, selbst jene, bei denen es um das Essen von Haferschleim ging, offenbar einen grausigen und frühen Tod ankündigten), war unser Mitleid für sie schon wieder verschwunden. Professor Umbridge stand unterdessen ein paar Schritte entfernt und machte sich Notizen auf dem ominösen Klemmbrett. Als es läutete, stieg sie als Erste die silberne Leiter hinab, und als wir 10 Minuten später zu ihr in Verteidigung gegen die dunklen Künste kam, wartete sie bereits auf uns.

    Als wir eintraten, summte und lächelte sie vor sich hin. Während wir alle die >Theorie magischer Verteidigung< hervorholten, berichteten wir Mine, die in Arithmantik gewesen war, was in Wahrsagen genau vorgefallen war, doch bevor sie irgendwelche Fragen stellen konnte, hatte Umbridge uns schon zur Ordnung ermahnt und Ruhe trat ein. „Zauberstäbe weg“, befahl sie mit einem Lächeln und wer auch nur einen Funken Hoffnung auf wirklichen Unterricht gehabt hatte, steckte ihn jetzt traurig wieder in die Tasche. „Da wir das erste Kapitel in der letzten Stunde abgeschlossen haben, schlagen Sie nun bitte alle Seite 19 auf und beginnen Sie mit Kapitel zwei, >Gängige Verteidigungstheorien und ihre Ursprünge<. Ich möchte keine Unterhaltungen hören.“

    Andauernd breit und selbstzufrieden lächelnd, setzte sie sich an ihr Pult. Die Klasse seufzte vernehmlich, als wir alle zugleich Seite 19 aufschlugen. Ich wollte gerade damit beginnen zu lesen, als ich aus den Augenwinkeln Mines Hand sah, die schon wieder in der Luft war. Auch Umbridge hatte es bemerkt, und mehr noch, sie schien tatsächlich eine Strategie für solche Fälle entwickelt zu haben Anstatt vorzutäuschen, sie hätte Mine nicht bemerkt, stand sie auf und ging um die erste Pultreihe herum, bis sie direkt vor Mine stand, dann beugte sie sich hinunter und flüsterte, dass der Rest der Klasse es nicht hören konnte: „Was gibt es diesmal, Ms. Granger?“ „Ich hab Kapitel zwei schon gelesen“, sagte Mine. „Nun, dann machen Sie bitte weiter mit Kapitel drei.“ „Das hab ich auch gelesen. Ich hab das ganze Buch gelesen.“ Professor Umbridge zuckte kurz mit der Wimper, gewann jedoch fast augenblicklich ihre Fassung wieder. „Dann sollten Sie ja in der Lage sein, mir zu sagen, was Slinkhard im 15. Kapitel über Gegenflüche sagt.“ „Er sagt, Gegenflüche dürften eigentlich gar nicht so heißen“, erwiderte Mine sofort. „>Gegenfluch< sei nur ein Name, den die Leute ihren Flüchen geben, damit es sich besser anhört, was sie tun.“ Umbridge hob die Augenbrauen, und ich wusste, dass sie gegen ihren Willen beeindruckt war. „Aber ich bin anderer Ansicht.“, fuhr Mine fort. Umbridges Augenbrauen hoben sich noch ein wenig mehr und ihr Blick wurde deutlich kälter.

    „Sie sind anderer Ansicht?“ „Ja, allerdings“, bestätigte Mine, die im Gegensatz zu Umbridge nicht flüsterte, sondern mit klarer, vernehmlicher Stimme sprach und sich inzwischen die Aufmerksamkeit der restlichen Klasse gesichert war. „Mr. Slinkhard mag keine Flüche, nicht wahr? Aber ich glaube, dass sie sehr nützlich sein können, wenn sie zur Verteidigung eingesetzt werden.“ „Oh, das glauben Sie also?“, fragte Umbridge, die mittlerweile vergessen hatte, zu flüstern, und sich aufrichtete. „Nun, ich fürchte, es ist die Meinung von Mr. Slinkhard und nicht die Ihre, die in diesem Klassenzimmer zählt, Ms. Granger.“ „Aber-...“, setzte Mine an. „Das genügt“, unterbrach Umbridge sie. Sie ging nach vorne zurück und wandte sich der Klasse zu, und all ihr munteres Getue vom Beginn der Stunde war wie weggewischt. „Ms. Granger, ich ziehe 5 Punkte für Haus Gryffindor ab.“

    Auf diese Wort hin brach lautes Gemurmel los. „Weswegen?“, rief Harry zornig. „Halt du dich da raus!“, zischte Mine eindringlich, doch das konnte sie bereits vergessen. „Weil sie meinen Unterricht mit sinnlosen Unterbrechungen gestört hat“, antwortete Umbridge mit sanfter Stimme. „Ich bin hier, um Sie nach einer vom Ministerium genehmigten Methode zu unterrichten, und dazu gehört nicht, dass man Schüler auffordert, ihre Meinungen zu Fragen abzugeben, von denen sie sehr wenig verstehen. Ihre früheren Lehrer in diesem Fach mögen Ihnen mehr Narrenfreiheit eingeräumt haben, aber da keiner von ihnen - vielleicht mit Ausnahme Professor Quirrells, der sich zumindest auf altersgemäße Themen beschränkt zu haben scheint - eine Inspektion des Ministeriums bestanden hätte -...“ „Ja, Quirrell war ein toller Lehrer“, sagte Harry laut, „es gab nur den kleinen Nachteil, dass ihm Lord Voldemort hinten aus dem Kopf raushing.“ Totenstille trat ein. „Ich denke, eine weitere Woche Nachsitzen würden Ihnen ganz guttun, Mr. Potter“, sagte Umbridge zuckersüß. Merlin, wie sehr ich diese Frau hasste.

    23
    23. Kapitel

    „Sag mal, wie findest du diese Umbridge eigentlich?“ Draco sah von seinen Verwandlungshausaufgaben auf. „Wie soll ich sie schon finden? Ihr Unterricht ist zwar langweilig, aber immer noch erträglicher als Zaubereigeschichte bei Binns.“ „Du weißt genau, dass ich das nicht so gemeint habe.“ Draco zog eine Augenbraue nach oben. „Was hältst du denn von ihr?“ „Sie ist eine giftige Schreckschraube in Pink.“ „Da kann ich dir nicht widersprechen.“ Ich seufzte und klappte mein Zauberkunstbuch zu. „Ich weiß wirklich nicht, wie ich dieses Schuljahr überstehen soll. Harry hat sich schon das zweite Mal Nachsitzen bei ihr eingefangen und ich weiß nicht... irgendwie benimmt er sich seltsam deswegen. Er sagt zwar, dass sie ihn nur Sätze schreiben lässt, aber... ach, ich weiß auch nicht.“ „Würde Potter dir das nicht erzählen, wenn etwas passieren würde, wenn er beim Nachsitzen ist?“ „Das ist es ja gerade! Er erzählt mir gefühlt gar nichts. Neulich hat er mir auch nichts von-...“ Ich schlug betroffen die Hand vor den Mund. Verdammt, ich hätte Draco fast von dem Brief erzählt, den Harry an Sirius geschrieben hatte. Draco fuhr sich gereizt durch die Haare. „Ich frag gar nicht erst. Ist es eines deiner tausend Geheimnisse?“ „Draco, bitte! Ich will wirklich keine Geheimnisse vor dir haben, aber es geht einfach nicht anders...“ „Ja, ja, schon klar. Wo waren wir?“ „Harry erzählt mir nichts.“ „Stimmt...“ „Ich habe einfach das Gefühl, dass er mir nicht mehr vertraut, verstehst du? Ich halte das einfach nicht mehr aus!“ „Willst du mit ihm Schluss machen?“ Ich erstarrte und nickte dann. „Schon. Ja. Ich meine, er ist mein bester Freund, ich will, dass wir Freunde bleiben. Ich weiß einfach, dass wir besser als Freunde funktionieren.“ „Dann sag es Potter besser bald.“ „Wenn du wüsstest, wer mir diesen Rat schon alles gegeben hat...“

    In der Tat, toll waren die täglichen Strafarbeiten wirklich nicht. Und das nicht nur für ihn. Die schlimmste Reaktion kam ganz eindeutig von Angelina. Kaum war Harry am Dienstag zum Frühstück am Gryffindor-Tisch erschienen, da baute sie sich vor ihm und schrie so laut, dass Professor McGonagall vom Lehrertisch herab auf uns zugerauscht kam. „Ms. Johnson, wie können Sie es wagen, einen solchen Aufruhr in der Großen Halle zu veranstalten! 5 Punkte Abzug für Gryffindor!“ „Aber Professor - er hat es doch tatsächlich geschafft, sich schon wieder Nachsitzen aufzuhalsen-...“ Harry schluckte schwer, als Professor sich ihm zuwandte. „Was höre ich da, Potter? Nachsitzen? Bei wem?“ „Bei Professor Umbridge“, murmelte Harry verlegen. „Wollen Sie mir sagen“, begann sie und senkte die Stimme, damit eine Schar neugieriger Ravenclaws hinter uns sie nicht hören konnte, „dass sie nach der Ermahnung, die ich Ihnen letzten Montag erteilt habe, erneut einen Wutanfall in Professor Umbridges Unterricht hatten?“ „Ja“, murmelte Harry dem Fußboden zu. „Potter, Sie müssen sich zusammenreißen! Sie handeln sich schweren Ärger ein! Noch einmal 5 Punkte Abzug für Gryffindor!“ „Aber - was -? Professor, nein!“, sagte Harry aufgebracht. „Ich werde schon von ihr bestraft, warum müssen Sie mir auch noch Punkte abziehen?“ „Weil Nachsitzen offenbar keinerlei Wirkung auf Sie zeigt!“, erwiderte Professor McGonagall bissig. „Nein, ich will kein einziges Wort mehr hören, Potter! Und was Sie angeht, Miss Johnson, Sie werden Ihr Kampfgeschrei künftig auf das Quidditch-Feld beschränken oder Sie riskieren Ihre Stellung als Mannschaftskapitänin!“ Professor McGonagall schritt zurück zum Lehrertisch; Harry starrte ihr wutenbrannt hinterher.

    Als wir nach dem Zauberkunstunterricht in das Klassenzimmer für Verwandlung kamen, konnte ich unser Glück kaum fassen. Professor Umbridge und ihr Klemmbrett saßen in einer Ecke; „Bestens“, wisperte Ron, als wir uns auf unsere gewohnten Plätze setzten. „Schauen wir mal, wie Umbridge kriegt, was sie verdient.“
    Professor McGonagall marschierte herein, ohne sich im Geringsten anmerken zu lassen, dass sie von Umbridges Anwesenheit wusste. „Fangen wir an“, sagte sie und prompt trat Stille ein. „Mr. Finnigan, seien Sie bitte so freundlich, kommen Sie nach vorne und geben Sie den anderen die Hausaufgaben zurück - Ms. Brown, bitte nehmen Sie diese Schachtel Mäuse - stellen Sie sich nicht so an, Mädchen, die tun Ihnen nichts - und geben Sie jedem eine -...“ „Chrm, chrm“, machte Professor Umbridge, das gleiche lächerliche Räuspern, mit dem sie Dumbledore am ersten Abend des Schuljahrs unterbrochen hatte. Professor McGonagall beachtete sie nicht. Als Seamus mir meinen Aufsatz zurückgab, schob sich ein breites Grinsen auf mein Gesicht. Ich hatte tatsächlich ein „O“ geschafft. „Nun gut, hören Sie bitte genau zu - Dean Thomas, wenn Sie das noch einmal mit Ihrer Maus machen, setzt es Strafarbeiten -, die meisten von Ihnen haben inzwischen erfolgreich ihre Schnecken zum Verschwinden gebracht, und selbst jene, die noch einen gewissen Rest des Gehäuses übrig hatten, haben den Kern des Zaubers erfasst. Heute werden wir-...“ „Chrm, chrm“, kam es erneut von Umbridge. „Ja“, sagte Professor McGonagall und wandte sich um, die Augenbrauen so eng zusammengezogen, dass sie wie eine lange, gerade Linie wirkten.

    „Ich fragte mich nur, Professor, ob Sie meine Benachrichtigung über Datum und Zeit der Unterrichtsinspektion bei Ihnen-...“ „Selbstverständlich habe ich sie erhalten, sonst hätte ich Sie gefragt, was Sie in meinem Klassenzimmer zu suchen haben“, sagte Professor McGonagall und kehrte Umbridge entschieden den Rücken zu. Mir entging nicht, wie viele sich hämische Blicke zuwarfen. „Wie ich eben sagte: Heute werden wir den Verschwindezauber an Mäusen üben, was um einiges schwieriger ist. Nun, der Verschwindezauber-...“ „Chrm, chrm.“ „Ich frage mich“, sagte Professor McGonagall mit kalter Wut und drehte sich zu Umbridge um, „wie Sie einen Eindruck von meinen üblichen Lehrmethoden gewinnen wollen, wenn Sie mich ständig unterbrechen. Sie werden verstehen, dass ich es anderen normalerweise nicht gestatte, zu reden, solange ich rede.“ Umbridge sah aus, als hätte man ihr gerade eine Ohrfeige verpasst. Sie sagte nichts, sondern glättete das Pergament auf ihrem Klemmbrett und kritzelte wütend darauf herum. Auf mich wirkte sie wie ein kleines, bockiges Kind, das nicht bekommen hatte, was es wollte.

    Mit höchst gleichmütiger Miene wandte sich Professor McGonagall erneut uns zu. „Wie gesagt: Der Verschwindezauber wird schwieriger, je komplexer das Tier ist, das man zum Verschwinden bringen will. Die Schnecke als wirbelloses Tier stellt keine große Herausforderung dar; die Maus als Säugetier hingegen sehr viel eher. Von daher ist dies kein Zauber, den Sie ausführen können, wenn Sie schon in Gedanken beim Abendessen sind. Nun - Sie kennen die Zauberformel, zeigen Sie mir, was Sie bewerkstelligen können...“

    Umbridge folgte Professor McGonagall nicht durch das Klassenzimmer, wie sie es bei Professor Trelawney getan hatte; vielleicht war ihr klar geworden, dass Professor McGonagall es nicht gestatten würde. Stattdessen machte sie sich noch viele weitere Notizen, während sie in ihrer Ecke saß, und als Professor McGonagall uns endlich zusammenpacken ließ, erhob sie sich mich verbiesterter Miene. „Na ja, es ist ein Anfang“, sagte Ron, hielt einen sich ringelnden Mäuseschwanz empor und warf ihn zurück in die Kiste, die Lavender herumreichte. Als wir das Klassenzimmer verlassen wollten, sah Harry Umbridge auf das Lehrerpult zugehen; er stieß Ron an, der wiederrum Mine anstieß, die mich daraufhin am Arm festhielt. Wir trödelten absichtlich herum, um zu lauschen. „Wie lange lehren Sie schon in Hogwarts?“, fragte Umbridge gerade. „Diesen Dezember sind es 39 Jahre“, antwortete Professor McGonagall schroff und ließ ihre Tasche mit einem lauten Klicken zuschnappen. Umbridge machte sich eine Notiz. „Sehr schön“, sagte ich. „Sie werden die Ergebnisse der Inspektion in 10 Tagen erhalten.“ „Ich kann es kaum erwarten“, meinte Professor McGonagall in eisig gleichgültigem Ton und ging zur Tür. „Beeilt euch, ihr vier“, sagte sie zu uns. Von nun an würde Professor McGonagall für mich immer die beste Lehrerin überhaupt sein.

    Ich hatte erwartet, Umbridge so schnell nicht wieder zu sehen, wurde jedoch masslos enttäuscht. Als wir den Rasenhang in Richtung Wald zu Pflege magischer Geschöpfe hinuntergingen, stellten wir fest, dass Umbridge mit ihrem Klemmbrett schon neben Professor Raue-Pritsche stand. „Sie unterrichten diese Klasse normalerweise gar nicht, ist das richtig?“, hörte ich sie mit süßlicher Stimme fragen, als wir zum Zeichentisch gelangten, wo die Horde gefangener Bowtruckles wie ein Haufen lebendiger Zweige nach Holzläusen herumsuchte. „Völlig richtig“, erwiderte Professor Raue-Pritsche. „Ich mache die Stellvertretung für Professor Hagrid.“ „Hmmm“, sagte Umbridge und senkte bei ihren nächsten Worten die Stimme. „Ich frage mich - der Schulleiter scheint in dieser Sache merkwürdigerweise überhaupt nicht auskunftsbereit -, können Sie mir denn sagen, was der Grund für Professor Hagrids sehr langfristige Beurlaubung ist?“ Ich schluckte schwer. Diesen Fragen bedeuteten sicher nichts Gutes. „Geht nicht, Pardon“, sagte Professor Raue-Pritsche heiter. „Weiß auch nicht mehr als Sie. Bekam eine Eule von Dumbledore, ob ich für ein paar Wochen unterrichten wollte. Ich nahm an. Das ist alles, was ich weiß. Nun... soll ich jetzt anfangen?“

    In dieser Unterrichtsstunde probierte Umbridge mal eine andere Methode aus. Sie schlenderte zwischen den Schülern herum und stellte uns Fragen zu magischen Geschöpfen. Die meisten hatten gute Antworten parat und ich war deutlich erleichtert darüber. Wenigstens die Klasse setzte sich für Hagrid ein. „Ganz allgemein gesehen“, sagte Umbridge und kehrte nach einer langen Befragung von Dean zu Professor Raue-Pritsche zurück, „wie finden Sie als zweitweiliges Mitglied des Kollegiums - als neutrale Außenstehende, wie man vielleicht sagen könnte -, wie finden Sie Hogwarts? Haben Sie den Eindruck, dass Sie von der Schulleitung hinreichend unterstützt werden?“ fragte Umbridge nachdrücklich. „Ich bin sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie die Schule geführt wird, wirklich sehr zufrieden.“, antwortete Professor Raue-Pritsche. Mit einem höflichen ungläubigen Blick machte sich Umbridge eine winzige Notiz auf ihrem Klemmbrett und fuhr fort: „Und was planen Sie dieses Jahr mit der Klasse durchzunehmen - angenommen natürlich, dass Professor Hagrid nicht zurückkehrt?“ „Oh, ich gehe mit ihnen die Geschöpfe durch, die am häufigsten in den ZAGs drankommen“, sagte Professor Raue-Pritsche. „Da bleibt nicht mehr viel zu tun - sie haben Einhörner studiert und Niffler, ich dachte mir, wir könnten Porlocks und Kniesel durchnehmen, dafür sorgen, dass sie Crups und Knarle kennen, wissen Sie...“ „Nun, Sie jedenfalls scheinen zu wissen, was Sie tun“, erwiderte Umbridge und machte ein Häkchen auf ihrem Klemmbrett. Ich mochte ihre Betonung auf dem „Sie“ überhaupt nicht.

    Bedauerlicherweise richtete sie ihre nächste Frage an Goyle. „Wie ich höre, kam es im Unterricht zu Verletzungen?“ Goyle setzte ein blankes Gesicht auf; Draco sprang eilends für ihn ein. „Das war ich“, sagte er. „Ein Hippogreif hat nach mir ausgeschlagen.“ Natürlich vermied er es dabei zu erwähnen, dass er nicht wirklich verletzt wurde. „Ein Hippogreif?“, fragte Umbridge und kritzelte hektisch. „Nur weil er zu dumm war zu befolgen, was Hagrid ihm gesagt hatte“, warf Harry zornig ein. Von Ron, Mine und mir kam ein gleichzeitiges Stöhnen und ich schlug mir die Hand vor die Stirn. Wieso brachte er sich nur immer in solche Situationen? Umbridge wandte Harry langsam den Kopf zu. „Noch ein Abend Nachsitzen, würde ich meinen“, sagte sie sanft. „Nun, danke vielmals, Professor Raue-Pritsche, ich denke, das ist alles, was ich hier brauche. Sie werden die Ergebnisse ihrer Inspektion in 10 Tagen erhalten.“ „Wunderbar“, erwiderte Professor Raue-Pritsche und Umbridge machte sich daraufhin auf den Weg über den Rasen zum Schloss zurück.

    Nach dem Abendessen brach Harry zum Nachsitzen auf, während Mine, Ron und ich es uns im Gemeinschaftsraum gemütlich machten. Mines Stricknadeln tanzten wieder vor ihr in der Luft herum; Ron versuchte verzweifelt, die Zauberkunsthausaufgaben zu verstehen. Ich saß eine Weile lang einfach nur da und starrte ins Feuer und spürte die Frage, die mir unter den Nägeln brannte, praktisch in jeder Zelle meines Körpers. Irgendwann hielt ich es dann nicht mehr aus und die Worte sprudelten einfach so aus mir heraus: „Was verheimlicht Harry mir?“ Ron und Mine erstarrten; die beiden sahen sich gleichzeitig an, als würden sie im Inneren die Antwortmöglichkeiten abwägen. Schließlich räusperte Mine sich und sagte dann vorsichtig: „Liv, ich weiß wirklich nicht, weshalb Harry dir nichts davon erzählt hat, aber...“ „Mensch, Hermine“, unterbrach Ron sie, „sagen wir ihr’s doch einfach! Liv hat doch ein Recht darauf, es zu wissen.“ >Danke, Ron<, waren meine einzigen Gedanken in diesem Moment. „Also?“ „Also... es ist so, dass...“ Ron kratzte sich am Hinterkopf, als wisse er nicht, wie er den Satz formulieren sollte. „Was?“, stöhnte ich frustriert auf. „Was? Ich weiß, dass etwas nicht normal an diesem Nachsitzen ist, also stammelt nicht herum, sondern sagt mir einfach die Wahrheit!“ Mine holte tief Luft, dann sagte sie: „Harry muss Sätze mit seinem eigenen Blut schreiben.“

    Nachdem die beiden mich darüber informiert hatten, was vorgefallen war, saß ich eine Weile reglos auf dem Sofa. Ron und Mine beäugten mich beunruhigt, als könnte ich jeden Moment in Flammen aufgehen. Eine halbe Ewigkeit später war das Einzige, was ich herausbrachte: „Ich kann nicht glauben, dass er mir das verheimlicht hat.“ Ich legte den Kopf in die Hände und seufzte tief. „Wie konnte er mir das nicht sagen? Was dachte er wohl, wie ich reagieren würde?“ „Ich weiß es auch nicht, Liv“, erwiderte Mine und legte beruhigend eine Hand auf meine Schulter. „Ich werd’ es tun.“ „Was?“, fragte Ron verwirrt. „Ich... ich muss das hier beenden. Höchstwahrscheinlich fühlt Harry sich zu sehr unter Druck gesetzt und... ich bin mir sicher, dass er mir das erzählt hätte, wären wir nur Freunde.“ Ich stand entschlossen auf. „Komm, Mine, lass uns Murlap-Essenz holen.“

    Es war kurz vor Mitternacht, als Harry endlich wieder durch das Portätloch stieg; er schien erleichtert zu sein, uns zu sehen. Ich sah sofort das Tuch, das er sich um die Hand gewickelt hatte. Es war vollkommen blutdurchtränkt. „Hier“, sagte ich, als er sich neben mich auf das Sofa setzte, „tauch deine Hand da rein, das ist eine Lösung aus filtrierten Murtlap-Tentakeln, das müsste helfen.“ Harry legte seine Hand hinein und seufzte erleichtert auf. „Harry, wir müssen reden. Jetzt. Gleich.“

    Wir standen vor dem Porträtloch, Harry die Schale mit Murtlap-Essenz noch immer in der Hand haltend. In diesem Moment war unglaublich erleichtert darüber, dass die Fette Dame wohl gerade ihre Freundin Violet besuchte und wir somit unsere Ruhe hatten. Ich lehnte mich gegen die eiskalte Steinwand und atmete einige Male tief durch, bevor ich meinen Blick wieder auf Harry richtete. Meine Zunge klebte am Gaumen fest, doch irgendwie schaffte ich es, die folgenden Worte aus mir herauszuwürgen. „Harry... vertraust du mir?“ Überrascht sah er auf. „Klar.“ „Warum hast du mir dann nichts von dieser schrecklichen Feder erzählt, mit der dich die pinke Schreckschraube schreiben lässt, oder von dem Brief, den du an Sirius geschrieben hast?“ „Ich... ich weiß nicht. Ich-... ich denke, ich wollte dich einfach nicht noch mit mehr belasten.“ „Was meinst du damit, Harry?“ „Liv, du... auf dir wiegt so viel Last. Diese Sache mit Sirius und deinen Kräften und generell dem Orden, da wollte ich nicht...“ „Bitte versteh das nicht falsch, aber ich glaube, dass du mir davon erzählt hättest, hättest du mich genauso gesehen wie Ron und Mine.“ Harry starrte mich fragend an. „Ich meine damit... du hättest mir das anvertraut, wenn du mich nur als eine Freundin gesehen hättest.“ Ich starrte verlegen auf den Boden. „Was-... was willst du mir damit sagen?“ „Ich glaube, dass es besser ist, wenn wir nur Freunde sind, Harry.“

    Harry sah mich eine gefühlte Ewigkeit einfach nur an, dann sagte er: „Okay.“ Verwirrt erwiderte ich seinen Blick. „Du... du hast kein Problem damit?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Wir sind doch schon ewig beste Freunde und... wir haben uns eigentlich auch immer wie welche verhalten.“ Ich atmete erleichtert auf. „Ich bin echt erleichtert, dass du das sagst. Ich glaube einfach, dass wir uns zu ähnlich sind, um zusammen zu sein. Wir funktionieren besser als Freunde.“ „Ich... ich geb’ dir Recht. Es ist sicher das Beste, wenn wir einfach nur Freunde sind, wie vorher auch.“ „Freunde?“ „Freunde.“ Ich lächelte, und sagte dann: „Okay, dann lass uns mal reingehen, und Mine und Ron nicht so lang warten.“

    „Ich denk ja immer noch, dass du dich darüber beschweren solltest“, kommentierte Ron Harrys blutverschmierte Hand, als wir wieder gemeinsam auf der scharlachroten Couch saßen. Anhand meinem erleichterten Gesichtsausdruck hatten Ron und Mine schnell erraten können, wie unser Gespräch verlaufen war; sie sprachen es glücklicherweise nicht an, wofür ich ihnen durchaus dankbar war. „Nein“, entgegnete Harry seinem besten Freund mit entschlossener Miene. „McGonagall würde die Wände hochgehen, wenn sie wüsste-...“ „Ja, würde sie“, unterbrach Harry ihn. „Und wie lange, meinst du, würde es dauern, bis Umbridge einen neuen Erlass durchkriegt, wonach jeder, der sich über die Großinquisitorin beschwert, sofort rausgeworfen wird?“ Ron öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, blieb jedoch stumm und kurz darauf gab er sich geschlagen und schloss den Mund wieder. „Sie ist eine furchtbare Frau“, sagte Mine mit leiser Stimme. „Da kann ich dir nur zustimmen. Sie ist eine Giftkröte.“, fügte ich nickend hinzu. „Weißt du, Harry, bevor du reinkamst, haben wir gerade darüber geredet, dass... dass wir etwas gegen sie unternehmen müssen.“ „Ich hab Gift vorgeschlagen.“, meinte Ron grimmig. „Nein...“, erwiderte ich, „nein, das Problem ist, dass sie eine miserable Lehrerin ist und dass wir bei ihr kein bisschen über Verteidigung lernen.“ Mine nickte andächtig. „Und was können wir dagegen tun?“, gähnte Ron. „’s zu spät, oder? Sie hat die Stelle, sie wird hierbleiben. Fudge wird schon dafür sorgen.“ „Na ja...“, warf ich ein. „Oh nein, ich kenne diesen Gesichtsausdruck von Sirius, was haben Hermine und du schon wieder ausgeheckt?“ „Also, wir haben uns überlegt-...“, Mine blickte bei ihren Worten nervös zu Harry herüber, „wir haben uns überlegt - dass die Zeit vielleicht reif dafür ist, dass wir einfach-...“ „Dass wir es einfach selbst in die Hand nehmen!“, ergänzte ich Mine.

    „Was selber in die Hand nehmen?“, fragte Harry argwöhnisch. „Nun - Verteidigung gegen die dunklen Künste selber lernen“, antwortete Mine. „Jetzt hör aber auf“, stöhnte Ron. „Willst du, dass wir uns noch zusätzliche Arbeit aufhalsen? Ist dir klar, dass Harry und ich schon wieder mit den Hausaufgaben hinterher hinken und wir erst die zweite Woche haben?“ Ich verdrehte halb belustigt, halb genervt die Augen. „Aber das ist viel wichtiger als Hausaufgaben!“, sagte Mine. Harry und Ron glotzten sie einfach nur entgeistert an. „Ich dachte, es gibt nichts Wichtigeres im Universum als Hausaufgaben!“, erwiderte Ron. „Sei nicht albern, natürlich gibt es das“, sagte Mine und ich konnte in ihren Augen den gleichen glühenden Eifer erkennen, den sie letztes Jahr auch schon für B.ELFE.R gehabt hatte. „Es geht darum, wie Harry in Umbridges erste Stunde gesagt hat, dass wir uns auf das vorbereiten, was uns draußen erwartet. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass wir uns auch wirklich verteidigen können. Wenn wir ein ganzes Jahr lang nichts lernen-...“ „Alleine können wir doch eh nicht viel tun“, unterbrach Ron sie mit niedergeschlagener Stimme. Ich schüttelte den Kopf. „Es bringt uns sowieso nichts, stumpfsinnig alles aus Büchern zu lernen. Wir sind doch schon weit über diesem Niveau und außerdem müssen wir üben, wie wir draußen verteidigen können.“ „Wir brauchen einen Lehrer“, stimmte Mine mir zu. „Einen richtigen Lehrer, der uns zeigen kann, wie wir die Zauber anwenden, und der uns korrigiert, wenn wir etwas falsch machen.“ „Wenn du von Lupin redest...“, setzte Harry an. „Nein, wir reden nicht von Remus“, antwortete ich. Mine fuhr fort: „Er hat zu viel für den Orden zu tun und wir könnten ihn ohnehin nur an den Wochenenden in Hogsmeade treffen, und das reicht bei weitem nicht.“ „Wen meint ihr dann?“, fragte Harry stirnrunzelnd. Ein lauter Seufzer war gleichzeitg von mir und Mine zu hören. Warum war Harry manchmal nur so unfassbar blind? „Ist das nicht offensichtlich?“, fragte ich. „Wir reden von dir, Harry.“

    Für einen Moment herrschte Totenstille. Man konnte den pfeifenden Wind von draußen hören, wie er gegen die Fenster klapperte und das prasselnde Feuer im Kamin knacken hören. „Was soll das heißen, von mir?“, fragte Harry ungläubig. „Das soll heißen, dass du uns Verteidigung gegen die dunklen Künste beibringst.“ Harry starrte uns abwechselnd an, als wären wir zu Knallrümpfigen Krötern mutiert. Ron hingegen runzelte die Stirn und schien angestrengt nachzudenken, bis er schließlich sagte: „Das ist eine Idee.“ „Was ist eine Idee?“, fragte Harry. „Du“, erwiderte Ron. „Dass du uns beibringst, wie man es macht.“ „Aber...“ Harry schien sich unsicher zu sein, ob er unseren Vorschlag ernst nehmen sollte. „Aber ich bin kein Lehrer, ich kann nicht-...“ „Harry, du bist der Beste in Verteidigung gegen die dunklen Künste in unserem Jahrgang, streit’ es gar nicht erst ab.“, unterbrach ich ihn, bevor er weiter widersprechen konnte. „Ich?“, fragte er perplex. „Nein, bin ich nicht, du und Hermine, ihr habt mich bisher bei jeder Prüfung geschlagen-...“ „Da hast du aber gewaltig unrecht, Harry.“ „Stimmt, Liv hat Recht. Du hast uns beide in der dritten Klasse geschlagen - im einzigen Jahr, wo wir einen Lehrer hatten, der das Fach tatsächlich beherrschte.“ „Aber wir reden ja ohnehin nicht von Prüfungsergebnissen, die sind vollkommen irrelevant. Überleg doch einfach mal, was du schon alles getan hast!“ „Was meinst du?“ „Wisst ihr, ich bin mir gar nicht sicher, ob ich jemanden als Lehrer will, der sich so blöd anstellt“, sagte Ron mit einem leicht süffisanten Lächeln zu Mine und mir; dann wandte er sich wieder Harry zu. „Überlegen wir mal“, sagte er und machte ein Gesicht wie Goyle, wenn er sich konzentrierte (was unglaublich witzig aussah, ich musste mich zurückhalten, um nicht laut loszuprusten). „Ähm... erstes Jahr - du hast den Stein der Weisen von Du-weißt-schon-wem gerettet.“ „Aber das war doch nur Glück“, erwiderte Harry, „das hatte nichts mit Können zu tun-...“ „Zweites Jahr“, unterbrach ihn Ron, „du hast den Basilisken getötet und Riddle vernichtet.“ „Ja, schon, aber wenn Fawkes nicht aufgetaucht wäre, dann-...“ „Drittes Jahr“, fuhr Ron nun noch lauter fort, „du hast ungefähr hundert Dementoren auf einmal vertrieben-...“ „Du weißt doch, das war Glück, wenn der Zeitumkehrer nicht-...“ „Letztes Jahr“, schrie Ron jetzt fast, „du hast Du-weißt-schon-wer wieder abgewehrt-...“

    „Hör mir mal zu!“, sagte Harry mit zornigem Unterton in der Stimme, als er unsere triumphierend grinsenden Gesichter sah. „Hör mir einfach mal zu, ja? Klingt großartig, wenn du es so runterbetest, aber all das war Glück - meistens hatte ich keine Ahnung, was ich tat, ich hab nichts davon geplant, ich hab nur getan, was mir gerade einfiel, und ich hatte fast immer Hilfe-...“ Unser Grinsen wurde nicht kleiner; Harrys Wut schien daraufhin nur zu steigen. „Jetzt sitzt nicht da und grinst, als ob ihr es besser wüsstet als ich, ich war immerhin dabei, oder?“, sagte er hitzig. „Ich weiß, was los war, oder? Und ich hab das alles nicht überstanden, weil ich besonders gut in Verteidigung gegen die dunklen Künste war, ich hab das überstanden, weil - weil rechtzeitig Hilfe kam oder weil ich richtig geraten habe - aber ich bin immer nur durchgestolpert, ich hatte keine Ahnung, was ich tat - HÖRT AUF ZU LACHEN!“

    Die Schale mit Murtlap-Essenz fiel zu Boden und zerschellte. Krummbein, der vorher noch auf Mines Schoß gesessen hatte, flitzte davon und verschwand unter einem Sofa. Mein Grinsen wurde schlagartig aus dem Gesicht gewischt. „Ihr habt keine Ahnung, wie es ist! Ihr - alle drei - ihr musstet ihm nie gegenübertreten, oder? Ihr glaubt, es geht nur darum ein paar Flüche auswendig zu lernen und sie ihm an den Hals zu schleudern, wie im Unterricht vielleicht? Die ganze Zeit weißt du genau, dass es nichts zwischen dir und dem Sterben gibt außer deinem eigenen - deinem eigenen Gehirn oder Mumm oder was auch immer; als ob du klar denken könntest, wenn du weißt, dass du in ungefähr einer Nanosekunde ermordet oder gefoltert wirst oder zusiehst, wie die eigenen Freunde sterben - im ganzen Unterricht hat man uns nie beigebracht, wie es ist, mit solchen Dingen fertig zu werden -, und ihr sitzt da und tut so, als ob ich ein schlauer kleiner Bursche wär, der hier steht und überlebt hat, als ob Diggory dumm gewesen wär, als ob er zu blöd gewesen wär - ihr kapiert’s einfach nicht, mir hätte es genauso gehen können, und es wär auch so gekommen, wenn Voldemort mich nicht gebraucht hätte-...“ „Wir haben nichts von alldem gesagt, Mann“, sagte Ron und sah ihn entgeistert an. „Wir haben Diggory nichts angehängt, wir haben - du kriegst da irgendwas in den falschen -...“ Er sah sich hilflos zu Mine und mir um. Meine Stimme zitterte ein wenig, als ich hinzufügte: „Wir wissen, dass dieser Unterricht nicht vergleichbar mit einem echten Kampf ist, Harry, wirklich. Aber...“ „Harry“, sagte Mine zaghaft, „verstehst du nicht? Das ist es ja genau, warum wir dich brauchen... wir müssen wissen, wie es w-wirklich ist... sich gegen ihn zu stellen... gegen V-Voldemort.“

    Ich betrachtete Mine erstaunt. Das war das erste Mal überhaupt, dass sie Voldemorts Namen ausgeprochen hatte und scheinbar hatte das auch Harry bemerkt, denn er beruhigte sich schnell wieder. Immer noch schwer atmend ließ er sich in seinen Sessel zurücksinken, woraufhin ich es ihm gleichtat. „Bitte, Harry... denk wenigstens darüber nach. Versprich uns das!“, sagte ich schließlich leise. Er nickte nur tonlos.

    24
    24. Kapitel

    Nach dem lautstark besprochenen Vorschlag, Harry solle Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten, wurde das Thema zwei Wochen lang nicht mehr erwähnt. Harry hatte das Horror-Nachsitzen bei Umbridge endlich hinter sich; Ron war inzwischen schon viermal beim Quidditch gewesen und bei den letzten beiden Trainings zu seinem Glück nicht mehr lautstark zur Schnecke gemacht worden; in Verwandlung hatten wir es alle geschafft, unsere Mäuse zum Verschwinden zu bringen. Das Thema schnitten wir erst wieder an einem rauen, stürmischen Abend Ende September an, als wir in der Bibliothek saßen und Zaubertrankzutaten für Snapes Unterrichten nachschlugen. „Ich frage mich“, sagte Mine plötzlich in die Stille hinein, „ob du noch mal über Verteidigung gegen die dunklen Küsnte nachgedacht hast, Harry.“ „’türlich hab ich“, erwiderte Harry brummig, „wie sollte ich auch nicht, wo wir diese Sabberhexe als Lehrerin haben-...“ „Ich meinte die Idee, dass du unser Lehrer sein könntest.“

    Harry antwortete nicht sofort. Stattdessen herrschte einige Minuten lang absolute Stille, bis Harry schließlich das Wort ergriff. „Wisst ihr“, sagte er langsam, „ja schon, ich - ich hab ein bisschen drüber nachgedacht.“ „Und?“, wollte Mine neugierig wissen. „Keine Ahnung.“ Diese Antwort war ehrlich gesagt nicht das gewesen, was ich erwartet hatte. „Also, ich fand die Idee gleich von Anfang an gut“, sagte Ron, der sich jetzt, da er sich sicher war, dass Harry nicht sofort wieder anfangen würde zu schreien, offensichtlich eher Lust hatte, sich am Gespräch zu beteiligen. Harry rutschte bei diesen Worten verlegen auf seinem Stuhl herum. „Ich hab euch doch gesagt, dass eine Menge Glück dabei war.“ „Ja, Harry“, sagte ich beruhigend, da ich Angst hatte, dass er gleich wieder anfangen würde zu schreien. „Aber trotzdem ist es absolut lächerlich, so zu tun, als ob du in Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht so gut wärst wie du es nun mal bist.“ Ich streckte mich ein wenig und gähnte, während Mine nickend zustimmte: „Du warst letztes Jahr fast der Einzige, der den Imperius-Fluch vollständig abschütteln konnte, du kannst einen Patronus erzeugen, du kannst einiges, was ausgewachsene Zauberer nicht können; Viktor hat immer gesagt-...“ Ron wandte sich bei der Erwähnung dieses Namens so schnell um, dass er sich offenbar den Hals verknackste. Er rieb sich den Nacken und sagte: „Ja? Was hat Vicky gesagt?“ „Ha-ha“, erwiderte Mine mit gelangweilter Stimme. „Er hat gesagt, Harry könne Dinge, die nicht mal er beherrschen würde, und er war in seinem Abschlussjahr auf Durmstrang.“

    Ron sah Mine misstrauisch an. „Hast du etwa immer noch Kontakt zu ihm?“ Merlin, war der vielleicht eifersüchtig... „Und wenn?“, antwortete Mine kühl, während ihr Gesicht leicht rot anlief. „Ich kann doch einen Brieffreund haben, wenn ich-...“ „Er wollte nicht nur dein Brieffreund sein“, sagte Ron mit anklagendem Unterton in seiner Stimme. Mine schüttelte nur genervt den Kopf, achtete nicht mehr auf Ron, der sie unentwegt beäugte und sagte an Harry gewandt: „Nun, was meinst du? Willst du uns unterrichten?“ „Nur dich, Ron und Liv, ja?“ „Na ja...“, warf ich ein, „jetzt flieg nicht gleich vom Besen, Harry, bitte... aber Mine und ich denken ehrlich gesagt, dass du alles unterrichten solltest, die lernen wollen...“ Mine nickte nervös. „Immerhin geht es ja darum, dass wir uns gegen V-Voldemort verteidigen wollen. Ach, Ron, reiß dich zusammen. Mir kommt’s ungerecht vor, wenn wir den anderen Leuten nicht auch die Chance dazu geben.“ Harry überlegte kurz bei diesem Vorschlag, dann sagte er: „Schon, aber ich bezweifle, dass irgendjemand außer euch drei etwas von mir lernen will. Ich bin doch durchgeknallt, oder?“ „Tja, ich glaube, du wärst überrascht, wie viele Leute gerne hören würden, was du zu sagen hast“, erklärte Mine mit ernster Stimme. „Sieh mal“, sie beugte sich zu ihm vor, „du weißt doch, am ersten Wochenende im Oktober gehen wir nach Hogsmeade. Wie wär’s, wenn wir allen, die interessiert sind, erzählen, dass wir uns im Dorf treffen und dort alles besprechen?“ „Warum müssen wir das außerhalb der Schule machen?“, fragte Ron. „Ist doch logisch.“, erwiderte ich. „Ich denke mal nicht, dass Umbridge sehr glücklich wäre, wenn sie rausfinden würde, was wir vorhaben.“

    Eigentlich hatte ich mich ja auf den Wochenendausflug nach Hogsmeade gefreut, doch eines wollte mir dabei nicht mehr aus dem Kopf gehen. Sirius hatte, seit er Anfang September im Feuer erschienen war, eisern geschwiegen; ich wusste, wie zornig er darüber war, dass wir gesagt hatten, er solle ja nicht nach Hogsmeade kommen. Aber so, wie ich ihn kannte, gab es bei Sirius eine gute Chance, dass er trotzdem auftauchen würde. Und die Katastophe, die dewegen geschehen könnte, wollte ich mir um ehrlich zu sein gar nicht vorstellen. „Na ja, du kannst ihm keinen Vorwurf machen, dass er mal ein wenig rauskommen will“, sagte Ron, als Harry dieses kleine Problem ansprach. „Immerhin ist er jetzt seit über zwei Jahren auf der Flucht, und das wird sicher nicht lustig gewesen sein, ich weiß, aber zumindest war er frei, nicht wahr? Und jetzt ist er die ganze Zeit nur noch mit diesem grässlichen Elfen zusammen eingeschlossen.“ Mine warf Ron dafür einen bösen Blick zu. „Das Problem ist“, sagte sie dann, „solange V-Voldemort - ach, um Himmels willen, Ron - nicht offen auftritt, muss Sirius versteckt bleiben, oder? Ich meine, das doofe Ministerium wird erst begreifen, dass Sirius unschuldig ist, wenn sie sich eingestehen, dass Dumbledore die ganze Zeit die Wahrheit über ihn gesagt hat. Und wenn die Dummköpfe dann mal anfangen, wieder echte Todesser zu fangen, wird klar werden, dass Sirius keiner ist... Ich meine, er hat ja gar kein dunkles Mal.“ Sie legte mir bei diesen Worten die Hand auf die Schulter, als versuche sich mich zu beruhigen, was allerdings nicht wirklich viel brachte. „Ich glaube nicht, dass er so dumm ist und auftaucht“, sagte Ron zuversichtlich. „Dumbledore würde an die Decke gehen, und Sirius hört auf ihn, selbst wenn es ihm nicht gefällt, was er zu hören bekommt.“ „Hör mal, Harry, Ron, Liv und ich haben uns bei Leuten umgehört, von denen wir dachten, sie wollen vielleicht gerne ernsthaft Verteidigung gegen die dunklen Künste lernen, und ein paar von ihnen schienen interessiert. Wir haben ihnen gesagt, sie sollen sich in Hogsmeade mit uns treffen.“ „In Ordnung“, erwiderte Harry. Er wirkte verwirrt und ein wenig zerstreut, als ob er mit den Gedanken wo anders war. „Zerbrecht euch nicht den Kopf“, sagte Mine. „Ihr habt auch ohne Sirius schon genug am Hals.“

    Der Morgen des Hogsmeade-Besuchs brach hell, aber windig an. Nach dem Frühstück reihten wir uns in der Schlange vor Filch ein, der unsere Namen mit der langen (sehr sehr sehr sehr seeeeehr langen) Liste der Schüler abglich, die Erlaubnis von ihren Eltern oder ihrem Vormund hatten, das Dorf zu besuchen. Als Harry dann vor Filch trat, schnüffelte der Hausmeister umständlich an ihm herum, als wolle er einen bestimmten Geruch an ihm aufspüren. Dann nickte er knapp, was seine Backen erzittern ließ und winkte Harry durch. „Ähm - warum hat Filch gerade an dir rumgeschnüffelt?“, fragte ich verstört, als wir mit zügigen Schritten den breiten Weg zum Schlosstor entlanggingen. „Ich glaube, er wollte prüfen, ob ich nach Stinkbomben rieche“, sagte Harry und lachte kurz auf. „Was?“, fragte ich, vollkommen verwirrt. „Hab ich vergessen euch zu erzählen...“ Und dann erzählte er uns, wie er den Brief an Sirius abgeschickt hatte und Filch wenige Sekunden später hereingeplatzt war und seinen Brief zu sehen verlangte. Mine fand diesen Vorfall äußerst interessant. „Er meinte, er hätte einen Hinweis bekommen, dass du Stinkbomben bestellen wolltest? Aber wer hat ihm den Tipp gegeben?“ „Keine Ahnung“, Harry zuckte mit den Schultern, „vielleicht Malfoy, der hätte sich einen abgelacht.“
    Wir passierten die hohen Steinsäulen und gingen nach links die Straße zum Dorf hinunter, während der Wind uns die Haare ins Gesicht wehte. „Malfoy?“, fragte Mine skeptisch. „Nun... ja... vielleicht...“ Und bis wir die ersten Häuser von Hogsmeade erreichten hatten, gingen wir unseren Gedanken in tiefer Stille nach. „Wo gehen wir eigentlich hin?“, fragte Harry. „In die >Drei Besen<?“ „Oh Merlin, zum Glück nicht“, erwiderte ich aus den Gedanken gerissen, „da ist es immer rappelvoll und furchtbar laut. Wir treffen uns im >Eberkopf< treffen, in diesem anderen Pub, du weißt schon, er ist nicht an der Hauptstraße. Ich glaub, die Kneipe ist ein bisschen... nun ja ... zwielichtig... aber normalerweise gehen keine Schüler da rein, also glaub ich nicht, dass jemand lauscht.“

    Wir gingen die Haupstraße entlang, an >Zonkos< Scherzartikelladen vorbei, wo wir keineswegs überrascht waren, Fred, George und Lee zu sehen, vorbei am Postamt, wo in regelmäßigen Abständen Eulen ein und aus flogen, und bogen schließlich in eine Seitenstraße ein, an deren Ende ein kleines Wirtshaus stand. Von einer rostigen Halterung über der Tür hing ein verwittertes Holzschild, auf dem der abgetrennte Kopf eines wilden Ebers zu sehen war, aus dem Blut auf das weiße Tuch um ihn her tropfte. Das Schild knarzte im Wind, während wir näher kamen. Vor der Tür zogerten wir kurz. „Na, dann kommt schon“, sagte Mine mit nervöser Stimme.

    Es war kein bisschen wie in den >Drei Besen<, deren großer Schankraum einem das Gefühl behaglicher Wärme und Sauberkeit vermittelte. Der Schankraum im >Eberkopf< war klein, schäbig und sehr schmutzig und er roch stark nach Ziegen. Die Erkerfenster war so schmutzverkrustet, dass nur spärliches Tageslicht in den Raum dringen konnte, der stattdessen durch Kerzenstummel auf den rohen Holztischen beleuchtet war. Am Tresen stand ein Mann, dessen ganzer Kopf mit einem schmutzig grauen Verband umwickelt war, allerdings war er noch imstande, unaufhörlich Glas um Glas einer rauchenden, feurigen Flüssigkeit hinunterzukippen; zwei in Kapuzenumhänge gehüllte Gestalten saßen an einem Tisch bei einem der Erkerfenster; sie wirkten fast wie Dementoren, allerdings war ich mir sicher, dass Dementoren nicht mit starkem Yorkshire-Akzent redete. In einer düsteren Ecke neben dem Kamin saß eine Hexe mit einem dichten schwarzen Schleier, der ihr bis zu den Füßen reichte. Es war gerade mal ihre Nasenspitze zu erkennen, weil diese den Schleier leicht nach vorne wölbte. „Ich weiß nicht“, murmelte Harry, als wir zum Tresen gingen. „Schon mal überlegt, dass Umbridge da drunterstecken könnte?“ Mine warf einen prüfenden Blick auf die verschleierte Gestalt. „Umbridge ist kleiner als die“, erwiderte sie leise. „Und egal, selbst wenn Umbridge hier reinkommt, kann sie nichts tun, um uns aufzuhalten, ich hab die Schulordnung doppelt und dreifach überprüft. Das Betreten ist hier nicht verboten; ich hab sogar Professor Flitwick gefragt, ob Schüler in den >Eberkopf< dürfen, und er hat ja gesagt, aber mir dringend geraten, uns eigene Gläser mitzubringen. Und ich hab alles Erdenkliche nachgeschlagen über Studiengruppen und Hausaufgabengruppen und die sind eindeutig erlaubt. Ich glaube nur nicht, dass es so eine gute Idee wäre, wenn wir das, was wir machen, auch noch an die große Glocke hängen.“ „Nein“, erwiderte ich grinsend, „vor allem, weil die Gruppe, die wir planen, rein gar nichts mit einer Hausaufgabengruppe zu tun hat.“

    Der Wirt kam aus einem Hinterzimmer heraus auf uns zu. Er war alt und griesgrämig mit langem grauen Haarschopf und einem Bart. Er war groß und hager; irgendwie erinnerte er mich an jemanden, ich wusste nur nicht mehr, an wen. „Was?“, brummte er. „Vier Butterbier, bitte“, sagte Mine. Der Mann griff unter die Theke, zog vier sehr staubige und alte Flaschen hervor und knallte sie auf den Tresen. „Acht Sickel“, sagte er. „Ich mach schon“, sagte Harry rasch und überreichte das Silber. Die Augen des Wirtes wanderten über Harry und blieben für den Bruchteil einer Sekunde an seiner Narbe hängen. Dann wandte er sich ab und steckte das Geld in eine alte hölzerne Kasse, deren Schublade automatisch aufglitt, um die Münzen aufzunehmen. Wir zogen uns an einen Tisch zurück, der weit vom Tresen entfernt war, setzten uns und sahen uns dann um. Der Mann mit dem schmutzig grauen Verband schlug mit den Knöcheln auf die Theke und erhielt vom Wirt einen weiteren rauchenden Drink. „Wisst ihr was?“, murmelte Ron und schaute begeistert hinüber zum Tresen. „Hier drinnen können wir alles bestellen, was wir wollen. Ich wette, dieser Typ würde uns alles verkaufen, es wäre ihm schnuppe. Ich wollte immer schon mal Feuerwhiskey ausprobieren-...“ „Du bist Vertrauensschüler!“, fauchte Mine. „Oh“, sagte Ron und sein Lächeln war wie fortgewischt. „Ja...“ „Also, wer, habt ihr gesagt, will sich hier mit uns treffen?“, fragte Harry und nippte an seinem Butterbier. „Nur ein paar Leute“, versicherte ich; Mine war einen Blick auf die Uhr und sah beunruhigt zur Tür. „Ich hab gesagt, sie sollen um diese Zeit hier sein, und ich bin sicher, die wissen alle, wo es ist - oh, seht mal, das könnten sie jetzt sein.“

    Die Tür des Pubs war aufgegangen und im nächsten Moment stand eine hereinrauschende Schülerschar mitten im Raum. Als Erster kam Neville mit Dean und Lavender, dicht gefolgt von Parvati und Padma Patil zusammen mit Cho und einer ihrer wie üblich kichernden Freundinnen, danach Luna; es folgten Katie und Angelina, Colin und Dennis Creevey, Ernie Macmillan, Justin Finch-Fletchley, Hannah Abbott, ein Hufflepuff-Mädchen mit einem langen Zopf, deren Name mir aber einfach nicht mehr einfallen wollte; drei Ravenclaw-Jungs, von denen ich mir sicher war, dass sie Anthony Goldstein, Michael Corner und Terry Boot hießen, dann Ginny und hinter ihr ein großer blonder Junge mit Stupsnase, der in der Quidditch-Mannschaft von Hufflepuff war, und schließlich als Nachhut Fred und George mit ihrem Freund Lee, alle drei mit großen Tüten bepackt, die voll waren mit Sachen aus >Zonkos< Laden. „Ein paar Leute?“, fragte Harry mit belegter Stimme. „>Ein paar Leute<?“ „Ja, nun, die Idee schien ziemlichen Anklang zu finden“, sagte Mine zufrieden. „Ron, würdest du noch ein paar Stühle holen?“

    Der Wirt, der gerade ein Glas mit einem schmutzigen Lumpen ausgewischt hatte, der aussah, als wäre er nie gewaschen worden, war erstarrt. Höchstwahrscheinlich hatte er seinen Pub noch nie so voll erlebt. „Hi“, sagte Fred, der als Erster den Tresen erreichte und rasch die gerade Angekommenen zählte, „könnten wir... 25 Butterbier haben, bitte?“ Der Wirt sah ihn einen Moment finster an, dann warf er seinen Lumpen verärgert beiseite, als wäre er bei etwas Wichtigem unterbrochen worden, und fing an, staubige Butterbierflaschen unter der Theke hervorzuholen. „Prost“, rief Fred und verteilte die Flaschen. „Und rückt alle das Geld raus, dafür hab ich nicht genug...“ „Was habt ihr denn den Leuten erzählt?“, fragte er mich mit gedämpfter Stimme. „Was erwarten die?“ „Sie wollen einfach nur hören, was du zu sagen hast.“ Als Harry mich wütend ansah, hob ich beschwichtigend die Hände und fügte noch hinzu: „Du brauchst, jetzt noch gar nichts zu tun, Mine und ich übernehmen das.“

    Die Neuankömmlinge setzten sich zu zweit oder dritt rings um Harry, Ron, Mine und mich, wobei manche ziemlich aufgeregt wirkten, andere neugierig und Luna träumerisch ins Leere schaute. Als sich jeder einen Stuhl besorgt hatte, erstarb das Stimmengewirr. Alle Augen waren auf Harry gerichtet. „Ähm“, sagte Mine und ihre Stimme klang dank der Nervosität etwas höher als sonst. „Nun - ähm -hi.“ Die Gruppe wandte sich zu uns um, auch wenn manche Augenpaare immer wieder mal zu Harry huschten. „Nun - ähm - ja, ihr wisst, warum ihr hier seid. Ähm... also, Harry hier hatte die Idee - besser gesagt“ (Harry warf ihr einen strengen Blick zu) „ich und Olivia hatten die Idee, dass es gut wäre, wenn Leute, die Verteidigung gegen die dunklen Künste lernen möchten - und ich meine wirklich lernen, versteht ihr, nicht den Stuss, den Umbridge mit uns macht-...“ (Mines Stimme wurde immer selbstbewusster) „weil das niemand Verteidigung gegen die dunklen Künste nennen kann.“ „Das kannst du laut sagen“, warf Anthony Goldstein ein. „Also, wir dachten, dass es eine gute Idee wäre, wenn wir einfach unser eigenes Ding durchziehen.“ Mine nickte ermutigt. „Und damit meinen wir lernen, wie wir uns richtig verteidigen, nicht nur in der Theorie, sondern indem wir tatsächlich zaubern-...“ „Du willst doch auch deine ZAG-Prüfung in Verteidigung gegen die dunklen Künste bestehen, wette ich?“, fragte Michael Corner. „Natürlich will ich das“, erwiderte Mine prompt. „Aber ich will noch mehr, nämlich richtig ausgebildet sein in Verteidigung, weil... weil...“, sie holte tief Luft und schloss: „Weil Lord Voldemort zurück ist.“

    Die Reaktion war natürlich vollkommen vorhersehbar gewesen; Chos Freundin schrie auf und bekleckerte sich mit Butterbier; Terry Boot zuckte unwillkürlich zusammen; Padma Patil schauderte und Neville ließ ein merkwürdiges Japsen hören, dass er gerade noch wie ein Husten klingen lassen konnte. „Na ja... das ist jedenfalls der Plan“, sagte ich schließlich. „Wenn ihr mitmachen wollt, müsssen wir entscheiden, wie wir-...“ „Wo ist der Beweis, dass Du-weißt-schon-wer zurück ist?“, sagte Blondie in recht angriffslustigem Ton. „Nun, Dumbledore glaubt es-...“, setzte Mine an. „Du meinst, Dumbledore glaubt ihm“, erwiderte Blondie und nickte in Harrys Richtung. „Wer bist du eigentlich?“, fragte Ron ziemlich grob. „Zacharias Smith“, erwiderte Blondie, „und ich glaube, wir haben das Recht, genau zu erfahren, weshalb er behauptet, Du-weißt-schon-wer sei zurück.“ „Schau mal“, griff ich kurzerhand ein, „das ist eigentlich nicht das Thema, um das es bei diesem Treffen gehen sollte...“ „Ist schon gut, Liv“, unterbrach Harry mich.

    Sofort wandten sich alle ihm zu und blickten Harry erwartungsvoll an. „Weshalb ich behaupte, Du-weißt-schon-wer sei zurück?“ fragte er und blickte Blondie offen ins Gesicht. „Ich hab ihn gesehen. Aber Dumbledore hat letztes Jahr der ganzen Schule erklärt, was passiert ist, und wenn du ihm nicht geglaubt hast, dann wirst du mir auch nicht glauben, und ich verschwende keinen Nachmittag mit dem Versuch, irgendjemanden zu überzeugen.“ Die ganze Gruppe schien den Atem angehalten zu haben, während Harry sprach. Selbst der Wirt, der beständig dasselbe Glas mit dem schmutigen Lumpen wischte und es immer schmutziger machte, hörte scheinbar zu. „Dumbledore hat uns letztes Jahr nur gesagt“, erwiderte Blondie abweisend, „dass Cedric Diggory von Du-weißt-schon-wem getötet wurde und dass du Diggorys Leiche nach Hogwarts zurückgebracht hast. Er hat uns keine Einzelheiten genannt, er hat uns nicht genau gesagt, wie Diggory ermordet wurde, und ich denke, wir alle würden gern wissen-...“ „Wenn ihr hierhergekommen seid, um genau zu erfahren, wie es ist, wenn Voldemort jemanden ermordet, kann ich euch nicht helfen. Ich möchte nicht über Cedric Diggory reden, klar? Also, wenn ihr deshalb hier seid, dann verschwindet ihr am besten wieder.“ Doch niemand erhob sich bei seinen Worten, nicht einmal Blondie, der Harry allerdings weiterhin gespannt anstarrte. „Also“, fuhr Mine mit sehr hoher Stimme fort. „Also... wie ich schon sagte... wenn ihr lernen wollt, wie ihr euch verteidigen könnt, dann müssen wir besprechen, wie wir vorgehen, wie oft wir uns treffen wollen und wo wir-...“ „Stimmt es“, unterbrach sie das Mädchen mit dem rückenlangen Zopf, „stimmt es, dass du einen Patronus zustande bringst?“ Ein interessiertes Gemurmel ging rundum. „Ja“, erwiderte Harry abweisend. „Einen gestaltlichen Patronus?“ Jetzt fiel mir auch endlich ihr Name wieder ein: Susan Bones. Harry nickte erneut. „Also ist es wirklich wahr? Du erzeugst einen Hirsch als Patronus?“ „Ja“, sagte Harry. „Ist ja irre, Harry!“, rief Lee, offenbar tief beeindruckt. „Das hab ich gar nicht gewusst!“ „Mum hat Ron gesagt, er soll es nicht rumerzählen“, erzählte Fred und grinste Harry an. „Sie meinte, du hättest ohnehin schon genug Aufmerksamkeit.“ „Da hat sie nicht Unrecht“, murmelte Harry un ein paar Leute lachten.

    Mir wurde erneut bewusst, was für außergewöhnliche Dinge Harry schon getan hatte, als sich die Anwesenden nacheinander äußerten. Auch wenn er es nicht zugeben wollte, war er doch ein Zauberer wie kein anderer, was Verteidigung gegen die dunklen Künste anging. Wer könnte uns das also besser lehren als er? Harry schien das allerdings vollkommen anders wahrzunehmen. „Hört mal“, unterbrach er schließlich und schlagartig verstummten alle, „ich... ich möchte nicht so klingen, als würde ich versuchen, bescheiden zu klingen oder so, aber... ich hatte bei alldem eine Menge ein Menge Hilfe...“ „Bei den Drachen hattest du keine“, sagte Michael Corner prompt. „Da bist du wirklich cool geflogen...“ „Ja, schon-...“ „Und diesen Sommer hat dir keiner geholfen, die Dementoren zu verjagen“, fügte Susan Bones hinzu. „Nein“, erwiderte Harry, „nein, okay, ich weiß, manches hab ich ohne Hilfe geschafft, aber was ich eigentlich sagen will, ist-...“ „Weichst du aus wie ein Wiesel, weil du uns nichts von diesen Sachen beibringen willst?“, mischte sich Blondie ein. Ich verdrehte genervt die Augen und Ron sprach meine Gedanken aus: „Wie wär’s, wenn du einfach mal die Klappe hältst?“ Er sah so aus, als wäre er allzu gerne dazu bereit, Blondie eine reinzuhauen. „Das hat er nicht gesagt“, fauchte Fred. „Willst du vielleicht, dass wir dir mal die Ohren ausputzen?“, fragte George und zog bei seinen Worten ein langes und gefährlich aussehendes Metallinstrument aus eine seiner vielen Tüten. (Wofür benutzte man denn so ein Ding?) „Oder sonst was von dir, wir sind echt nicht zimperlich, wo wir das hinstecken“, sagte Fred. „Danke Jungs, das wollten wir jetzt wirklich nicht wissen.“, unterbrach die Zwillinge hastig. „Ja, genau“, griff Mine schnell ein, „wir müssen weitermachen... die Frage ist, sind wir uns einig, dass wir bei Harry Unterricht nehmen?“

    Allgemein war zustimmendes Gemurmel zu hören. „Gut“, sagte Mine erleichter. „Nun, dann ist die nächste Frage, wie oft wir uns treffen. Ehrlich gesagt, weniger als einmal die Woche hat wohl keinen Sinn-...“ „Warte mal“, unterbrach Angelina sie, „wir müssen aufpassen, dass wir unserem Quidditch-Training nicht in die Quere kommen.“ „Ja“, sagte Cho, „unserem auch nicht.“ „Auch nicht unserem“, ergänzte Blondie. „Bestimmt finden wir einen Abend, an dem wir alle Zeit haben“, beschwichtigte ich die drei. „Immerhin ist das ziemlich wichtig, es geht darum, dass wir uns V-Voldemorts Todesser zu verteidigen lernen...“, stimmte Mine mir zu. „Gut gesagt“, rief Ernie Macmillan. Es überraschte mich nicht im Geringsten, dass er uns unbedingt seine Meinung mitteilen musste. „Ich persönlich halte das für äußerst wichtig, vielleicht noch wichtiger als alles andeses Jahr tun, einschließlich der ZAG-Prüfungen!“ Er sah herausfordernd in die Menge, als würde er erwarten, dass ihm jemand widerspräche. Als jedoch niemand das Wort ergriff, fuhr er fort: „Ich persönlich begreife einfach nicht, warum uns das Ministerium in dieser schwierigen Zeit eine so unbrauchbare Lehrerin vorsetzt. Offensichtlich wollen sie nicht wahrhaben, dass Ihr-wisst-schon-wer zurück ist, aber uns eine Lehrerin zu schicken, die uns im Ernst daran hindern will, defensive Zauber einzusetzen-...“ „Es ist doch logisch, weshalb Umbridge nicht will, dass wir Verteidigung gegen die dunklen Künste beherrschen!“, unterbrach ich ihn. In mir brodelte Zorn auf Umbridge und das gesamte dämliche Ministerium, als ich forfuhr: „Sie hat irgendeine Wahnvorstellung, dass Dumbledore seine Schüler zu einer Privatarmee aufstellen könnte, um gegen das Ministerium vorzugehen und selbst Zaubereiminister zu werden!“

    Diese Erklärung schien fast alle zu überraschen. Alle außer Luna, die nun die Stimme erhob: „Ja, das passt zusammen. Schließlich hat auch Cornelius Fudge eine Privatarmee.“ „Was?“, fragte Harry vollkommen verdutzt. „Ja, er hat eine Armee aus Heliopathen“, sagte Luna verträumt. „Nein, hat er nicht“, fauchte Mine. „Doch, hat er“, sagte Luna, die sich nicht von Mines verletzendem Ton abbringen ließ. „Was sind Heliopathen?“, fragte Neville mit ahnungslosem Blick. „Das sind Feuergeister“, antwortete Luna und ihr Augen weiteten sich dabei, „riesig große Flammenwesen, die übers Land galoppieren und alles niederbrennen, was ihnen-...“ „Es gibt sie nicht, Neville“, sagte Mine mit schneidender Stimme. „Oh doch, es gibt sie!“, antwortete Luna erzürnt. „Tut mir leid, aber wo ist der Beweis dafür?“, fauchte meine beste Freundin. „Mine...“, flüsterte sie und packte sie an der Schulter, um sie zurückzuhalten. „Es gibt genug Augenzeugenberichte. Nur weil du so engstirnig bist, dass man dir alles unter die Nase halten muss, bevor du-...“ „Chrm, chrm“, machte Ginny und ahmte Umbridge dabei so unglaublich authentisch nach, dass wir alle vor Schreck zusammenzuckten. „Wollten wir nicht gerade beschließen, wie oft wir uns zum Unterricht treffen?“

    „Stimmt“, bestätigte ich, erleichtert einen großen Streit verhindert zu haben. „Ja, allerdings, das wollten wir, Ginny.“ Mein brennender Blick wandte sich dabei Mine zu. „Nun, einmal die Woche klingt gut“, sagte Lee. „Solange-...“ „Ja, solange das mit Quidditch klargeht“, beruhigte Mine Angelina angespannt. „Nun, was wir noch entscheiden müssen, ist, wo wir uns treffen...“ Das war eine um einiges schwierigere Aufgabe; alle verstummten. „In der Bibliothek?“, schlug Katie Bell vor. „Madam Pince wird sicher nicht so begeistert sein, wenn wir Flüche in ihrer Bibliothek üben“, sagte Harry ernüchternd. „Vielleicht in einem unbenutztem Klassenzimmer?“, fragte Dean. „Ja“, sagte Ron, „vielleicht überlässt uns Professor McGonagall ihres, das hat sie auch getan, als Harry für das Trimagische Tunier geübt hat.“ „Super, wir werden schon einen Platz finden“, versuchte ich alle aufzumuntern. „Sobald wir eine Zeit und einen Ort für das erste Treffen haben, lassen wir eine Nachricht an alle rumgehen.“ Mine stöberte in ihrer Tasche und holte Pergament und Feder heraus. „Ich-... ich denke, ihr solltet eure Namen aufschreiben, nur damit mir wissen, wer da war. Und ich denke auch“, sie holte tief Luft, „wir sollten uns einig sein, dass wir nicht groß rumposaunen, was wir tun. Wenn ihr also unterschreibt, erklärt ihr euch einverstanden, weder Umbridge noch sonst jemandem zu sagen, was wir vorhaben.“

    Fred streckte die Hand nach dem Pergament aus und unterschrieb gut gelaunt, aber mir wurde gleich klar, dass andere nicht so glücklich aussahen. Ich ließ es mir zwar nicht anmerken, aber auch ich war besorgt. Wenn ich unterschrieb bedeutete das, dass ich Draco nichts davon erzählen konnte. Aber andererseits... ich behielt auch andere Geheimnisse für mich, einfach, weil es besser war, wenn er nichts darüber wusste. Und ich hatte sowieso keine andere Wahl. Also griff ich schließlich nach der Feder und setzte meinen Namen in kursiver Schrift auf das Pergament. Als auch der Letzte - Blondie, wie sollte es auch anders sein - unterschrieben hatte, nahm Mine das Pergament wieder an sich und steckte es in ihre Tasche. Alle waren nun von einem seltsamen Gefühl ergriffen, als hätten wir gerade einen heiligen Vertrag unterschrieben.

    „Nun, es wird langsam Zeit“, sagte Fred munter und stand auf. „George, Lee und ich müssen noch Waren heikler Natur erwerben, wir sehen uns dann später.“ Auch die anderen erhoben sich und gingen in kleinen Grüppchen hinaus. Cho nestelte noch ziemlich umständlich am Verschluss ihrer Tasche herum, aber ihre Freundin stand mit verschränkten Armen neben ihr und schnalzte mit der Zunge, so dass Cho schließlich von ihr durch die Tür bugsiert wurde. Dabei warf Cho noch einen Blick zurück auf Harry und winkte. Kam es mir nur so vor, und wollte sie etwas von ihm? Mine warf mir einen besorgten Blick zu, doch ich lächelte nur.
    „Also, ich denke, das ist ziemlich gut gelaufen, für’s erste Mal jedenfalls“, sagte ich zufrieden, als wir kurze Zeit später ins warme Sonnenlicht traten. „Dieser Zacharias ist ja wirklich ein Vollidiot“, meinte Ron uns spähte der Gestalt von Blondie finster hinterher. „Ich mag ihn auch nicht besonders“, gab Mine zu, „aber er hat gehört, wie ich am Hufflepuff-Tisch mit Ernie und Hannah geredet habe, und er schien wirklich interessiert zu sein, was konnte ich also machen? Aber je mehr Leute, desto besser im Grunde - Michael Corner und seine Freunde wären wohl nicht gekommen, wenn er nicht mit Ginny gehen würde-...“

    Ron, der gerade den letzten Tropfen aus seiner Butterbierflasche geschlürft hatte, verschluckte sich prompt und bekleckerte seine Brust mit Butterbier. „Er tut WAS?“, rief er empört und seine Ohren wurden dabei knallrot. „Sie geht mit - meine Schwester geht mit - was soll das heißen, Michael Corner?“ „Na ja“, erwiderte ich. „Deshalb sind er und seine Freunde gekommen, denke ich mal. Sicher wollen sie auch gern Verteidigung gegen die dunklen Künste lernen, aber wenn Ginny Michael nicht erzählt hatte, was wir vorhaben-...“ „Wann ist das - wann hat sie -?“ „Sie haben sich beim Weihnachtsball kennen gelernt und gehen seit Ende letzten Jahres miteinander“, sagte Mine gelassen. Wir waren mittlerweile wieder in die Hauptstraße eingebogen; Mine blieb vor >Schreiberlings Federladen< stehen, der mehrere hübsche Fasanenfedern im Schaufenster drapiert hatte. „Hmmm... ich könnte ‘ne neue Feder gebrauchen.“

    Also betraten wir den Laden. „Welcher von denen war Michael Corner?“, wollte Ron aufgebracht wissen. „Der mit der dunklen Haut“, sagte ich. „Den mochte ich nicht“, entgegnete Ron prompt. „Was für ‘ne Riesenüberraschung“, meinte Mine halblaut. Ich kicherte. „Aber“, fuhr Ron fassungslos fort, „aber ich dachte, sie würde auf Harry stehen?“ Mine blickte ihn mitleidig an und schüttelte den Kopf. „Ginny stand früher mal auf Harry, hat ihn aber schon vor Monaten aufgegeben. Nicht dass sie dich nicht mögen würde, natürlich“, fügte sie an Harry gerichtet hinzu. „Also deshalb redet sie jetzt?“, fragte er. „Wenn ich dabei war, hat sie nämlich sonst nie geredet.“ „Genau“, bestätigte Mine. „Ja, ich glaub, die nehm ich...“ Sie bezahlte fünfzehn Sickel und zwei Knuts für die Feder, wobei ihr Ron weiterhin an den Fersen kleben blieb. Ich seufzte laut und griff ihn beim Arm. „Ron. Das ist genau der Grund, warum Ginny dir nicht gesagt hat, dass sie sich mit Michael trifft. Sie hat genau gewusst, dass dir das nicht passen würde und du dich deshalb wie ein überbeschützender streitsuchender Geck aufführend würdest. Also bitte reite jetzt nicht dauernd darauf herum, das wird nämlich langsam anstrengend, bei Merlins Bart.“ „Was soll das heißen? Wem soll das nicht passen? Ich reite auf gar nichts um...“ Wir gingen die Straße entlang, während er weiter vor sich hin redete.

    Während Ron ständig Verwünschungen gegen Michael Corner murmelte, verdrehten Mine und ich synchron die Augen. Mine sagte dann zu Harry: „Und wo wir schon bei Michael und Ginny sind... Was ist eigentlich mit Cho und dir?“ „Was meinst du?“, fragte er rasch, wobei er rot anlief. „Na“, sagte Mine und lächelte dabei, „sie konnte doch partout die Augen nicht von dir lassen, oder?“ Ich grinste und spürte, wie sich kein einziges Fünkchen Eifersucht in mir regte. Stattdessen nahm ich mir vor, Harry ab jetzt damit aufzuziehen, und das jedes Mal, wenn Cho in der Nähe war.

    25
    25. Kapitel

    Mein stechendes Schuldbewusstsein trieb mich am Sonntag dazu, endlich den Raum der Wünsche aufzusuchen. Moody hatte mir vor Anfang des Schuljahrs geraten (eher gedroht), meine Übungen ja nicht zu vernachlässigen. Man wusste schließlich nicht, wann das mal nützlich werden könnte. So stand ich also an diesem Nachmittag im Raum der Wünsche und schwitzte so heftig, dass mir ein Wasserfall über den Rücken lief, während Harry und Ron gemütlich im Gemeinschaftsraum saßen und Hausaufgaben machten. Heute war der Raum der Wünsche mit weichen Matten ausgestattet, für den Fall, dass ich Überschläge machen wollte. Ich wischte mir die Haare aus dem nassen Gesicht und fokussierte die Zielscheibe, die am anderen Ende des Raumes stand. Ich kniff die Augen zusammen, riss die rechte Hand nach vorne und ein goldener Lichtstahl riss die Zielscheibe nach hinten um. Verdammt! Da war ich wohl etwas zu heftig vorgegangen... Ich zuckte heftig zusammen, als plötzlich lautes Klatschen die Stille durchdrang. Ich drehte mich blitzschnell um und hätte schon fast meinen Kräften freien Lauf gelassen, wäre mir nicht aufgefallen, dass Draco vor mir stand. „Sorry“, sagte ich schnell und ließ meinen Arm erleichtert nach unten sinken.

    Draco blickte mich von oben bis unten an und sagte dann grinsend: „Ich denke, du könntest eine kleine Pause vertragen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Muss weitermachen.“ „Komm schon, Via.“ „Tut mir leid, ich kann wirklich nicht.“ Ich bemerkte erst viel zu spät, dass der Raum der Wünsche sich um uns herum veränderte und als ich registrierte, dass wir uns in einem Wald neben einem Weiher befanden, konnte ich gleich erahnen, was Draco vorhatte. „Oh nein, Draco, das wagst du nicht!“, fauchte ich, als ich sein spöttisches Grinsen bemerkte, doch ich hatte schon verloren. Im nächsten Moment stieß er mich mit aller Kraft in Richtung Wasser, ich rutschte vom schmalen Rand, der zwischen Ufer und Wasser herrschte, und sofort umfing mich nächtliche Schwärze, als ich in Richtung Grund des Weihers sank. Hier unten war es unglaublich still. So still, wie es schon seit Monaten nicht mehr in mir gewesen war. Immer lasteten da die Geheimnisse auf meinen Schultern, die ich Draco nicht anvertrauen konnte, die Sorge um Voldemort, die dämliche Umbridge... Ich spürte, wie die Luft aus meinen Lungen gepresst wurde und stieg wieder in Richtung Oberfläche. Als ich die Spiegelfläche des Weihers durchbrach, registrierte ich erst, wie kalt das Wasser eigentlich war. Draco stand noch immer am Ufer und lachte. Das würde ihm aber ganz schnell vergehen... Rasch schwamm ich nach vorn, griff nach seinem Hosenbein und prompt landete Draco mit einem lauten „Platsch“ im Wasser. „Hey!“, rief er empört, als er wieder nach oben kam. Ich kicherte amüsiert. „Geschieht dir ganz Recht, Frettchen! Mich wirft man nicht so einfach ins Wasser!“ „Ach ja?“, fragte er und drückte meinen Kopf unter Wasser.

    Das Ganze uferte in eine wilde Wasserschlacht aus, bis wir uns schließlich nach einer halben Stunde auf das weiche Gras legten, um uns zu sonnen. Ich überkreuzte meine Arme hinter meinem Kopf und seufzte genüsslich auf. „Das war wirklich eine gute Idee.“ „Schön, dass du es zugibst, du Sturkopf.“, sagte Draco, der es sich neben mir gemütlich gemacht hatte. „Ja, ja, lach du nur!“, erwiderte ich. „Du weißt gar nicht, wie dringend ich eine Pause nötig hatte.“ „Kommst du nicht mehr mit den Hausaufgaben hinterher?“, fragte er süffisant. Ich biss mir auf die Unterlippe und verfluchte mich schon wieder dafür, dass ich manchmal einfach nicht nachdachte, bevor ich sprach. „Ich... mir geht gerade viel durch den Kopf.“ „Wie zum Beispiel?“ Ich drehte mich zur Seite, sodass wir Seite an Seite lagen und sah ihm direkt in die Augen. „Draco, du glaubst gar nicht, wie gern ich dir alles erzählen würde, aber...“ Er stöhnte genervt auf. „Ich weiß, ich weiß... du darfst es mir nicht sagen. Wer hat dir das eingeredet, Via? Dumbledore vielleicht?“ Ich zögerte unmerklich in meiner Antwort, und das schien Draco seine Bestätigung zu besorgen. „Nein, wirklich? Dumbledore? Was kann das denn so Geheimnisvolles sein?“ „Ich-...“ Ich brach ab und wich seinem erwartendem Blick aus. „Fein.“, sagte Draco schließlich, als er begriff, dass nichts aus meinem Mund kommen würde. „Fein. Es ist ja nicht so, als würde ich mir Sorgen um dich machen, mit dem ganzen Mist, der hier passiert.“ Er rollte sich demonstrativ von mir weg, als wolle er zeigen, wie gekränkt er eigentlich war. „Draco, ich-...“ Ich zögerte, dann legte ich ihm eine Hand auf die Schulter. „Draco, bitte! Ich kann dich ja verstehen, aber... Wenn ich dir das hier erzählen würde, wäre nichts mehr so, wie es vorher mal war. Du würdest mich nie wieder als diesselbe Person sehen.“ Draco drehte sich abrupt wieder zu mir herum. Er schien kurz über seine Worte nachzudenken, dann sagte er: „Es wäre mir egal, weißt du das, Via? Es wäre mir egal.“ Ich schüttelte den Kopf. „Das sagst du jetzt so einfach.“ „Nein, ich meine es so. Ich will dich nicht verlieren, Via.“ Draco drückte mich fest an sich, als habe man uns mit einem Klebezauber zusammengehext und könne uns nicht mehr voneinander trennen. „Ich will dich auch nicht verlieren, Draco.“ Ich spüre, wie Hitze in mein Gesicht schießt und mich von Kopf bis Fuß auszufüllen scheint. Ich wusste nicht, weshalb, aber ich würde ihn jetzt am liebsten nie wieder los lassen, jede einzelne Sekunde meines Daseins mit ihm teilen. Ich krallte mich in seine Schulter und umklammerte ihn fest. Bei Merlin, was würde ich geben, um nie wieder dort nach draußen gehen zu müssen, um für immer hier bleiben zu können und mich nicht der harschen Realität stellen zu müssen. Aber es ging nun mal nicht anders. Wir waren keine kleinen Kinder mehr, das begriff ich in diesem winzigen Moment.

    Am nächsten Morgen war ich schon ein wenig früher und setzte mich deshalb in den Gemeinschaftsraum, um noch einmal meinen Aufsatz für Verwandlung durchzulesen und auf Fehler zu überprüfen. Später sah ich, wie Harry und Ron die Treppe zu den Jungenschlafsälen herunter kamen, und gesellte mich zu ihnen. Als wir den sonnendurchfluteten Gemeinschaftsraum schon zur Hälfte durchquert hatten, fiel uns allerdings auf, dass sich vor dem schwarzen Brett eine große Menge an Schülern drängte. Selbst von unserem Standpunkt aus konnte man sehen, dass die Mitteilung alles andere auf dem Brett verdeckte. Der neue Aushang war in großen schwarzen Lettern gedruckt und unten befand sich ein äußerst wichtig wirkender Stempel und eine dazu ordentliche und verschnörkelte Unterschrift. Wir drängten uns durch die anderen Schüler, um einen besseren Blick auf den Aushang zu bekommen.

    PER ANORDNUNG DER GROSSINQUISITORIN VON HOGWARTS

    Alle Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften, Gruppen und Klubs sind mit sofortiger Wirkung aufgelöst.

    Eine Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder ein Klub wird hiermit definiert als regelmäßige Zusammenkunft von drei oder mehr Schülern und Schülerinnen.

    Die Genehmigung für eine Neugründung kann bei der Großinquisitorin eingeholt werden (Professor Umbridge).

    Alle Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften, Gruppen oder Klubs ist es verboten, ohne Wissen und Genehmigung der Großinquisitorin tätig zu sein.

    Sämtliche Schüler und Schülerinnen, von denen festgestellt wird, dass sie eine von der Großinquisitorin nicht genehmigten Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder einen Klub gegründet haben oder einer solchen Vereinigung angehören, werden der Schule verwiesen.

    Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlass Nummer 24

    Unterzeichnet:
    Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin

    Na toll, und ich hatte schon gedacht, es könnte nicht mehr schlimmer werden. Tja, das Schicksal meinte es wohl wirklich nicht gut mit uns. Aber wie hatte sie das nur herausgefunden? „Das ist kein Zufall“, sagte Harry zähneknirschend und ballte die Hände zu Fäusten. „Sie weiß es.“ „Das kann nicht sein“, widersprach Ron sofort. Ich schüttelte deprimiert den Kopf. „Doch, das kann sogar sehr gut sein. In diesem Pub waren doch mehrere Leute, die uns zugehört haben. Und was die anderen angeht, die gekommen sind... wir wissen doch nicht, wem wir davon wirklich vertrauen können. Bestimmt ist entweder einer von den Leuten im Pub oder von den Schülern zu Umbridge gegangen und hat ihr alles haarklein erzählt.“ „Zacharias Smith!“, sagte Ron sofort und schlug sich mit der Faust in die Hand. „Oder - ich finde, dieser Michael Corner sah auch ziemlich verschlagen aus -...“ Ich warf Ron nur einen leicht genervten Blick zu.

    „Ob Hermine das schon gesehen hat?“, fragte Harry und schaute rüber zur Treppe, die zu den Mädchenschlafsälen führte. „Kommt, wir gehen hoch und erzählen’s ihr“, sagte Ron. Er stürmte los und stieg die Treppe hoch. „Nein, Ron!“, rief ich ihm noch zu, doch da war es schon zu spät. Er war gerade auf der sechsten Stufe, da ertönte ein lauter Heulton und die Stufen verschmolzen zu einer langen, glatten Steinrutsche. Ron plumpste nach hinten, schoss die Rutsche hinunter und blieb vor unseren Füßen auf dem Rücken liegen. „Äh - ich glaub nicht, dass wir in die Mädchenschlafsäle dürfen“, sagte Harry, zog Ron dabei auf die Füße und versuchte, nicht zu lachen. „Da glaubst du richtig, Harry“, sagte ich. Zwei Viertklässlerinnen kamen schadenfroh die Steinrutsche heruntergeglitten. „Oooh, wer wollte denn da hoch zu den Mädchen?“, kicherten sie süffisant und warfen Harry und Ron einen frechen Blick zu. „Ich“, gab Ron, noch immer ziemlich aufgelöst, zu. „Mir war nicht klar, was passieren würde. Danke übrigens Liv, dass du mich gewarnt hast!“ Er warf mir einen frustierten Blick zu; ich hob nur ergeben die Hände. „Das ist unfair!“, fügte er an Harry gewandt hinzu, während die beiden Mädchen kichernd hinüber zum Porträtloch gingen. „Hermine und Liv dürfen in unseren Schlafsaal, weshalb dürfen wir nicht-?“ „Na ja, das ist eben so eine altmodische Vorschrift“, kam es von Mine, die soeben elegant auf den Teppich vor uns gerutscht war, „aber in >Eine Geschichte von Hogwarts< heißt es, die Gründer hielten die Jungen für weniger vertrauenswürdiger als die Mädchen. Warum wolltet ihr überhaupt da rein?“ „Um dich holen - schau dir das mal an!“, eklärte Ron und zeigte hinüber zum schwarzen Brett.

    Mines Augen rasten über den Aushang, während sie las. Ihr Gesichtsaudruck war wie versteinert. „Jemand muss bei ihr gepetzt haben!“, sagte Ron zornig. „Das kann nicht sein“, widersprach Mine leise. „Du bist ja so was von naiv“, sagte Ron, „nur weil du selbst rechtschaffen und vertrauenswürdig bist, glaubst du-...“ „Nein, es kann nicht sein, weil ich dieses Stück Pergament, auf dem wir alle unterschrieben haben, verhext habe“, sagte Mine grimmig. „Glaubt mir, wenn jemand zu Umbridge gerannt wäre und gepetzt hätte, wüssten wir genau, wer es ist, und derjenige würde garantiert bedauern.“ „Und weshalb würde er das bedauern?“, fragte ich neugierig. „Na ja, sagen wir’s mal so“, erklärte Mine, „dagegen würden die Pickel von Eloise Midgeon aussehen wie ein paar hübsche Sommersprossen. Kommt, wir gehen runter zum Frühstück und schauen, was die anderen davon halten... Ob das wohl in allen Häusern aufgehängt wurde?“

    Sobald wir die Große Halle betraten, wurde uns klar, dass Umbridge den Aushang nicht nur bei uns im Turm hatte aufhängen lassen. Das Stimmengewirr war außergewöhnlich laut, und in der Halle herrschte mehr Trubel als sonst; die Schüler huschten zwischen den Haustischen hin und her und berieten sich über das, was sie gerade gelesen hatten. Wir hatten uns gerade hingesetzt, als auch schon Neville, Ginny, Dean, Fred und George stürmisch auf uns einzureden begannen. „Habt ihr es gesehen?“ „Denkt ihr, sie weiß Bescheid?“ „Was sollen wir jetzt tun?“ Sie sahen alle auf Harry. „Wir machen es natürlich trotzdem“, flüsterte Harry, nachdem er sich versichert hatte, dass keine Lehrer in der Nähe waren. Ich grinste. „Ist ja wohl logisch.“ „Wusste doch, dass du das sagen würdest, Harry“, sagte George strahlend und knuffte ihm gegen den Arm. „Die Vertrauensschüler auch?“, fragte Fred und blickte Ron und Mine fragend an. „Natürlich“, antwortete Mine kühl. „Da kommen Ernie und Hannah“, sagte Ron mit einem Blick über die Schulter. „Und diese Ravenclaw-Typen und Smith... und keiner von denen sieht besonders picklig aus.“ Erschrocken zuckte ich bei seinen Worten zusammen. „Sind die denn bescheuert?“, fauchte ich leise. „Das ist doch total verdächtig, wenn die jetzt alle zu uns rüberkommen. Mine, wir müssen was tun!“ Ich stieß sie in die Seite. „Verdammt, du hast Recht, Liv!“ Sie gestikulierte wild in Richtung Ernie und Hannah, um sie dazu zu bewegen, sich wieder an den Hufflepuff-Tisch zu setzen. Glücklicherweise schienen die beiden es schnell zu begreifen. „Ich sag’s Michael!“, sagte Ginny ungeduldig und sprang von der Bank auf, „so ein Idiot, also ehrlich...“ Sie hastete hinüber zum Ravenclaw-Tisch und damit aus unserem Blickfeld.

    Erst als wir die Große Halle nach dem Frühstück verließen, wurde mir jedoch wirklich bewusst, was wegen diesem Aushang auf dem Spiel stand. „Harry! Ron! Liv!“ Dies zeigte sich in der Form von Angelina, die mit einem Ausdruck der vollkommenen Verzweiflung im Gesicht auf uns zukam. „Schon gut“, sagte Harry leise, als sie nahe genug war, um ihn zu verstehen. „Wir machen es trotzdem-...“ „Ist euch klar, dass sie damit auch Quidditch meint?“, übertönte sie ihn. „Wir müssen zu ihr gehen und um Erlaubnis bitten, die Gryffindor-Mannschaft neu zu gründen!“ „Was?“, sagte Harry. „Unmöglich“, sagte Ron entsetzt. „Verdammt, das hat gerade noch gefehlt“, brach es aus mir heraus. „Ihr habt doch den Aushang gelesen, da stand auch was von Mannschaften! Also hör zu, Harry... ich sag das jetzt zum letzten Mal... bitte, bitte. verlier bei Umbridge nicht wieder die Geduld, sonst können wir wegen ihr vielleicht nie wieder spielen!“ „Okay, okay“, beschwichtigte Harry sie; Angelina war schon beinahe den Tränen nahe. „Mach dir keine Sorgen, ich werd mich zusammenreißen...“ „Wetten, dass Umbridge in Zaubereigeschichte sitzt“, sagte Ron bitter auf dem Weg zu Binn’s Stunde. „Den Unterricht von Binns hat sie noch nicht inspiziert... jede Wette, dass sie da ist.“

    Ron irrte sich glücklicherweise. Der einzige Lehrer, der anwesend war, als wir hereinkamen, war Professor Binns, der wie immer ein paar Zentimeter über seinem Stuhl schwebte und sich darauf vorbereitete, seinen eintönigen Vortrag über die Riesen-Kriege fortzusetzen. Wir setzen uns auf unsere Plätze; Harry und Ron hatten es offenbar aufgegeben, dem Unterricht zu folgen, denn sie kritzelten faul auf dem Pergament vor ihnen herum und sahen zum Fenster hinaus. Mine warf ihnen des Öfteren böse Blicke zu, oder stieß ihnen in die Seite, bis ich eine Hand auf ihre Schulter legte und ihr meinen „Lass-es-bleiben-das-bringt-sowieso-nichts“-Bl ick zuwarf. Ich versuchte, Professor Binns Geleier zu folgen, doch seine Stimme war so ermüdend, dass ich schließlich einfach nur zum Fenster hinaussah und meinen Tagträumen hinterherhing. Bis ich schließlich von etwas Ungewöhnlichem aus ihnen zurück in die Wirklichkeit gerissen wurde. Auf dem schmalen Fenstersims saß Hedwig mit einem Brief, der an ihrem Bein festgebunden war, und spähte durch die Scheibe herein ins Klassenzimmer. Mine hatte die Eule offensichtlich auch bemerkt, denn sie stieß Harry erneut heftig in die Rippen. „Was ist?“, flüsterte er genervt. Mine deutete wortlos hinüber zum Fenster; mittlerweile waren auch einigen anderen Hedwig aufgefallen. „Oh, ich liebe diese Eule“, seufzte Lavender. „Sie ist so wunderschön.“ Professor Binns hatte nicht bemerkt, dass die Aufmerksamkeit der Schüler inzwischen vollkommen auf Hedwig lag und ihm alle noch weniger zuhörten als sonst. Harry glitt leise von seinem Stuhl, ging in die hocke, schlich hinter der Bankreihe zum Fenster, schob den Riegel beiseite und öffnete es sehr langsam.

    Normalerweise hätte Hedwig Harry sofort ihr Bein hingehalten, an dem der Brief befestigt war, doch sobald das Fenster weit genug geöffnet war, hüpfte sie herein und schrie jammervoll. Professor Binns bemerkte glücklicherweise nichts. Hastig schloss Harry das Fenster, duckte sich wieder tief und hastete mit Hedwig zurück zu seinem Platz. Er platzierte Hedwig auf seinem Schoß und wollte den Brief lösen, der an ihr Bein gebunden war. Erst jetzt war deutlich zu erkennen, dass Hedwigs Gefieder ungewöhnlich zerzaust war. Manche ihrer Federn standen in die entgegengesetzte Richtung ab und einer ihrer Flügel schien in merkwürdigem Winkel gebogen zu sein. „Sie ist verletzt“, flüsterte Harry; wir beugten uns näher um Hedwig. „Sieh mal, da stimmt was nicht mit ihrem Flügel-...“, sagte ich beunruhigt. Hedwig zitterte; als Harry ihren Flügel berühren wollte, zuckte sie leicht zusammen, spreizte alle Federn und starrte ihn vorwurfsvoll an. „Professor Binns“, sagte Harry schließlich laut, woraufhin sich die ganze Klasse zu ihm umdrehte. „Mir ist schlecht.“ Professor Binns sah von seinen Notizen auf und schien wie üblich darüber zu sein, dass der Raum vor ihm voller Leute war. „Ihnen ist schlecht?“, wiederholte er vollkommen zerstreut. „Ganz arg schlecht“, sagte Harry nachdrücklich. Er stand auf und verbarg Hedwig hinter seinem Rücken. „Ich glaub, ich muss mal in den Krankenflügel.“ „Ja“, sagte Professor Binns, der offensichtlich schon wieder den Überblick verloren hatte. „Ja... ja, Krankenflügel... nun, dann gehen Sie geschwind, Perkins...“

    Der Rest der Doppelstunde zog sich immer wie üblich dahin. Meine Gedanken konnten sich allerdings nicht auf die Riesenkriege konzentrierten; stattdessen musste ich die ganze Zeit über nachdenken, was Hedwig so übel zugerichtet hatte. Was war dafür verantwortlich? Ich konnte einfach nicht glauben, dass sich Hedwig diese Verletzungen im Flug zugezogen hatte, immerhin war das bisher noch nie geschehen. Das würde dann allerdings bedeuten...

    Nach dem Unterricht standen wir zusammen in einer windgeschützten Ecke des Hofes, während wir auf Harry warteten. Nebenbei vertraute ich Mine und Ron meine Vermutungen an. Mine schien diese ernsthaft in Erwägung zu ziehen, doch bevor wir weiter darüber diskutieren konnten, gesellte sich Harry wieder zu uns. „Geht’s Hedwig besser?“, fragte Mine besorgt. „Wo hast du sie hingebracht?“, fragte Ron. „Zu Raue-Pritsche“, antwortete Harry. „Und ich hab McGonagall getroffen... hört zu... Sie hat mir gesagt, dass die Nachrichten, die nach Hogwarts gesendet werden, vermutlich überwacht werden.“ Mine, Ron und ich tauschten vielsagende Blicke. Konnte es wirklich sein, dass meine Theorie stimmte? „Was?“, fragte Harry verwirrt. „Na ja, wir haben vorher darüber geredet... was, wenn jemand versucht hat, Hedwig abzufangen?“ „Von wem ist eigentlich der Brief?“, fragte Ron und nahm denselben Harry aus der Hand. „Schnuffel“, sagte Harry leise. „Selbe Zeit, selber Ort? Meint er das Feuer im Gemeinschaftsraum?“ „Natürlich“, sagte ich, während ich ihm über die Schulter sah. „Hoffentlich hat das sonst niemand gelesen...“ „Aber es war noch versiegelt und alles“, sagte Harry. Es klang, als wolle er nicht nur mich, sondern auch sich selbst, überzeugen. „Und keiner würde verstehen, was das bedeutet, wenn er nicht wüsste, wo wir schon mit ihm gesprochen haben, oder?“ „Ich weiß nicht“, widersprach Mine besorgt und schwang sich ihre Tasche über die Schulter, als es läutete. „Es wäre nicht besonders schwierig, die Rolle mit einem Zauber wieder zu versiegeln... und wenn jemand das Flohnetzwerk überwacht... aber ich weiß wirklich nicht, wie wir ihn davor warnen können, zu kommen, ohne das unsere Warnung auch wieder abgefangen wird!“ Von ihren Worten war ich eindeutig nicht begeistert.

    Wir stapften die Steinstufen zum Kerker hinunter zum Zaubertrankunterricht, alle in Gedanken versunken, doch als wir das Ende der Treppe erreichten, riss uns Dracos Stimme in die Wirklichkeit zurück. Er stand direkt vor Snapes Klassenzimmertür, wedelte mit einem offiziell wirkendem Stück Pergament und redete viel lauter als nötig, sodass wir auch jedes einzelne Wort mithören konnten. „Ja, Umbridge hat der Quidditch-Mannschaft von Slytherin auf der Stelle die Erlaubnis gegeben weiterzuspielen, ich hab sie gleich heute Morgen gefragt. Na ja, war ja eigentlich reine Formsache, immerhin kennt sie meinen Vater gut, der geht im Ministerium ein und aus... bin mal gespannt, ob Gryffindor auch weiterspielen darf.“ „Nicht die Nerven verlieren“, wisperte Mine uns eindringlich zu. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Das war einfach nur unglaublich unfair. Ich konnte mir schon denken, dass sie unserem Quidditch-Team einige Schwierigkeiten machen würde, diese pinke Schreckschraube! „Ich kann euch sagen“, fuhr Draco fort und wurde noch ein wenig lauter, während seine grauen Augen uns feindselig anfunkelten, „wenn es um Einfluss im Ministerium geht, glaub ich nicht, dass sie große Chancen haben... von meinem Vater weiß ich, dass sie schon seit Jahren einen Grund suchen, um Arthur Weasley zu feuern... und was Potter angeht... mein Vater sagt, es ist eine Frage der Zeit, bis das Ministerium ihn ins St. Mungo karren lässt... offenbar haben die dort eine Spezialstation für Leute, deren Gehirne durch Magie verwirrt sind.“ Draco rollte mit den Augen; Crabbe und Goyle ließen ihr übliches grunzendes Lachen hören und Pansy Parkinson kreischte entzückt.

    Etwas rumpelte mich von der Seite her an und bemerkte erst kurz darauf, dass Neville eben an uns vorbeigestürmt war, geradewegs auf Draco zu. Es sah aus, als wolle er sich auf Draco werfen, ihn mit zu Boden reißen und auf ihn einschlagen. „Neville, nein!“, rief Harry; er stürzte nach vorne und packte Neville hinten an seinem Umhang. Hektisch und mit fliegenden Fäusten wehrte sich Neville und versuchte verzweifelt, um Draco zu erreichen, der einen Moment lang zeimlich erschrocken aussah. „Helft mir! Schnell!“, rief Harry uns zu. Ron und ich packten Neville an beiden Armen und zogen ihn zusammen mit Harry zurück zu den anderen Gryffindors. Nevilles Gesicht war scharlachrot; Harry hatte ihm vorher einen Arm um den Hals geschlungen, weshalb ihm der Druck auf seine Kehle ziemlich die Stimme abgewürgt hatte. Nur ab und zu spie er ein Wort aus. „Nicht... lustig... nicht... Mungo... zeig’s... ihm...“ Mitleidig ließ ich seinen Arm los, blieb jedoch in greifbarer Nähe, falls er sich erneut auf Draco stürzen wollte.

    Die Kerkertür öffnete sich. Snape erschien. Seine Augen huschten über die Schüler hinweg, bis zu der Stelle, wo Harry und Ron noch immer mit Neville rangen. „Potter, Weasley, Longbottom, Sie schlagen sich?“, fragte Snape mit seiner üblich kalten, höhnischen Stimme. „10 Punkte Abzug für Gryffindor. Lassen Sie Longbottom los, Potter, oder es gibt Nachsitzen. Rein, alle miteinander...“ „Ich musste dich festhalten“, wisperte Harry Neville zu, als dieser aufstand und seine Tasche nahm. „Crabbe und Goyle hätten dich in Stücke gerissen.“ Neville erwiderte nichts und ging einfach steif davon in den Kerker. „Was um Merlins willen“, fragte Ron langsam, als wir Neville folgten, „hatte das nun wieder zu bedeuten?“

    Harry, Ron, Mine und ich nahmen wie üblich unsere gewohnten Plätze in der letzten Reihe ein und holten Pergament, Feder und das Buch >Tausend Zauberkräuter und -pilze< heraus. Um uns herum tuschelte die ganze Klasse über Nevilles Verhalten vorhin, doch sobald Snape die Kerkertür mit einem widerhallenden Knall zuschlug, verstummten wir alle schlagartig. „Sie werden feststellen“, sagte Snape leise und höhnisch, „dass wir heute einen Gast haben.“ Er deutete auf die düstere Ecke des Kerkers; auf einem Stuhl saß Umbridge, das Klemmbrett auf den Knien. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Einerseits hasste ich Umbridge, wie keine andere Lehrerin vor ihr, aber andererseits konnte Snape mich ja auch nicht mehr leiden, was jetzt auf Gegenseitigkeit beruhte... „Wir machen heute mit unserem Stärkungtrank weiter. Sie finden Ihre Mixturen so vor, wie Sie diese in der letzten Stunde verlassen haben; wenn sie richtig zubereitet sind, sollten sie übers Wochenende gut gereift sein. Anweisungen stehen an der Tafel. Fahren Sie fort.“

    Während der ersten halben Stunde machte sich Umbridge in ihrer Ecke stumm Notizen. Ich versuchte mich auf meinen Stärkungstrank zu konzentrieren; Harry schien dagegen das genau Gegenteil vorzuhaben. „Salamanderblut, Harry!“, stöhnte Mine schließlich genervt und musste ihn am Handgelenk packen, damit er nicht zum dritten Mal die falsche Zutat hinzugab. „Nicht Granatapfelsaft!“ Ich rührte in meinem Kessel und blickte anschließend nach vorne. Umbridge war gerade aufgestanden. Langsam schritt sie zwischen zwei Pultreihen auf Snape zu, der sich gerade über Deans Kessel beugte. „Nun, die Klasse scheint für die Jahrgangsstufe ziemlich fortgeschritten zu sein“, sagte sie forsch zu Snapes Rücken, der sie nicht zu beachten schien. „Gleichwohl halte ich es doch für fraglich, ob es sinnvoll ist, den Schülern etwas wie den Stärkungstrank beizubringen. Ich denke, das Ministerium würde es vorziehen, wenn dieser aus dem Lehrplan gestrichen würde.“ Snape richtete sich nach ihren Worten in bedächtigem Tempo auf und drehte sich ruckartig zu ihr um; er sagte allerdings nichts. „Nun... wie lange unterrichten Sie schon in Hogwarts?“, fragte sie und hielt ihre Feder bereit. „Vierzehn Jahre“, antwortete Snape knapp; seine Miene war unergründlich. „Sie hatten sich, glaube ich, zuerst um die Stelle für Verteidigung gegen die dunklen Künste beworben?“, fragte Umbridge. „Ja“, sagte Snape leise. „Aber damit hatten Sie keinen Erfolg?“ Snapes Lippen kräuselten sich. „Offensichtlich.“ Umbridge kritzelte etwas auf ihr Klemmbrett. „Und seit Sie in der Schule arbeiten, haben Sie sich regelmäßig für Verteidigung gegen die dunklen Künste beworben, nehme ich an?“ „Ja“, wiederholte Snape und bewegte dabei kaum die Lippen. Er wirkte unglaublich zornig. „Haben Sie eine Ahnung, warum sich Dumbledore bislang stets geweigert hat, Sie zu ernennen?“, fragte Umbridge. „Ich schlage vor, Sie fragen ihn selbst“, stieß Snape hervor. „Oh, das werde ich auch“, erwiderte Umbridge mit einem süßlichem Lächeln. „Ich nehme an, das tut irgendetwas zur Sache?“, entgegnete Snape und seine Augen verengten sich. „Oh, durchaus“, sagte Umbridge, „ja, das Ministerium verlangt einen gründlichen Einblick in den - ähm - Werdegang der Lehrer.“

    Ich war froh, als das Ende der Stunde endlich nahe war; ich hasste den prüfenden Blick, mit dem Umbridge mich mehrere Male beäugt hatte. Harry hatte es allerdings mal wieder schlimmer als ich. Weil er sich nicht auf seinen Stärkungstrank konzentriert hatte, war dieser zu einer fauligen Masse verdickt, die stark nach verbranntem Gummi stank. Snape gab ihm dafür die Zusatzaufgabe, bis zum nächsten Mal einen Aufsatz über die richtige Herstellung des Stärkungstranks zu schreiben und was er dabei falsch gemacht hatte. Ich bemitleidete ihn schon ein wenig, immerhin hatten wir heute Abend noch Quidditch-Training und die Hausaufgaben in den anderen Fächern wurden auch nicht gerade weniger. „Vielleicht schwänz ich Wahrsagen“, sagte Harry betrübt, als wir nach dem Mittagessen draußen auf dem Hof standen, wo der heftige Wind an den Säumen unserer Mäntel zerrte. „Ich mach krank und schreib in der Zeit den Aufsatz für Snape, dann muss ich nicht die halbe Nacht aufbleiben.“ „Also, ich finde das ja keine schlechte Idee, Harry“, bestätigte ich. „Ich geb es ja nur ungern zu, aber in Wahrsagen bist du echt eine Niete.“ Ich kratzte mich kurz am Hinterkopf. „Nicht, dass ich darin irgendwie besser wäre als du.“ Mine sah mich empört an. „Liv, unterstütz ihn doch nicht bei sowas!“ Dann blickte sie Harry streng an. „Harry, du kannst Wahrsagen nicht schwänzen.“ „Das musst du gerade sagen! Du hast Wahrsagen sausen lassen, weil du Trelawney hasst!“, erwiderte Ron entrüstet. „Ich hasse sie nicht“, sagte Mine hochmütig. „Ich halte sie nur für eine absolut entsetzliche Lehrerin und eine ausgemachte alte Schwindlerin. Aber Harry hat schon Zaubereigeschichte verpasst, und ich glaube nicht, dass er heute noch mehr versäumen will!“

    Irgendwie hatte Mine mit ihrer Aussage ja nicht mal so wirklich Unrecht, wenn ich ehrlich war. Dennoch befanden wir uns eine halbe Stunde später im stark parfümierten Wahrsage-Klassezimmer. Professor Trelawney verteilte schon wieder das >Traumorakel<. Allerdings verhielt sie sich so gar nicht, wie wir das von ihr gewohnt waren. Ihre Stimme hatte keinen absichtlich mystischen Unterton und sie schwebte auch nicht wie sonst durch ihr Klassenzimmer. Stattdessen knallte sie ein Exemplar des >Orakels< auf unseren Tisch; das nächste >Orakel< pfefferte sie Dean und Seamus hin, wobei sie nur knapp Seamus’ Kopf verfehlte, und das letzte Exemplar schleuderte sie so heftig gegen Nevilles Brust, dass er von seinem Sitzkissen rutschte. „Nun fahren Sie fort!“, sagte Professor Trelawney mit lauter, hoher Stimme, die schon fast nach Hysterie klang. „Sie wissen, was zu tun ist! Oder bin ich eine so miserable Lehrerin, dass Sie nicht mal gelernt haben, wie man ein Buch aufschlägt?“ Ich war offensichtlich nicht die Einzige, die von dem Verhalten Professor Trelawneys verwirrt war. Auch die anderen Schüler starrten die Lehrerin perplex an. Was war denn nur vorgefallen, dass Professor Trelawney so aus ihrer Bahn geworfen hatte?

    Die Antwort lieferte mir Harry, als er mir und Ron zuflüsterte: „Ich glaub, sie hat das Ergebnis ihrer Unterrichtsinspektion gekriegt.“ „Professor?“, fragte Parvati beunruhigt mit gedämpfter Stimme. „Professor, ist - ähm - etwas nicht in Ordnung?“ „Nicht in Ordnung!“, rief Professor Trelawney und ihre Stimme bebte dabei. „Sicher ist alles in Ordnung! Ich wurde beleidigt, gewiss... man hat Verdächtigungen gegen mich lanciert... haltlose Anschuldigungen erhoben... aber nein, es ist selbstverständlich alles in Ordnung!“ Sie atmete tief und zitternd ein und aus und wandte sich von Parvati ab. Zornestränen kullerten unter ihrer Brille mit den großen runden Gläsern hervor. „Gar nicht zu reden“, schluchzte sie, „von sechzehn Jahren treuem Schuldienst... sie sind vergangen, offenbar von niemandem bemerkt... aber ich lasse mich nicht beleidigen, nein, das nicht!“ Mittlerweile tat mir Professor Trelawney richtig leid. Sie mochte vielleicht eine „alte Schwindlerin“ sein, so wie Mine sie bezeichnet hatte, aber dennoch hatte sie es nicht verdient, so behandelt zu werden. Immerhin weinte sie sogar, was so gar nicht ihrer Art entsprach. „Aber wer beleidigt Sie denn, Professor?“, fragte ich deshalb vorsichtig. „Das Establishment!“, erwiderte Professor Trelawney, während sie sich mir zuwandte. Ihre Stimme war dabei von einer wabernden Dramatik gefüllt, mit der sie mich direkt ansprach. „Ja, jene, deren Augen zu getrübt sind vom Alltäglichen, um zu sehen, wie ich sehe, zu wissen, wie ich weiß... natürlich, wir Seher wurden immer schon gefürchtet, immer schon verfolgt... es ist - nun leider - unser Schicksal.“ Sie schluckte, während sie sich von mir abwandte; sie betupfte ihre nassen Wangen mit der Spitze ihres Schals, zog dann ein besticktes Taschentuch aus dem Ärmel und putzte sich die Nase mit einem verächtlichen Schnauben, das Peeves, dem Poltergeist, alle Ehre machte. Ron kicherte. Lavender warf ihm einen angwiderten Blick zu, während ich ihm meinen Ellbogen in die Rippen rammte. Wie konnte man nur so gefühllos sein? „Professor“, sagte Parvati, „meinen Sie damit... hat es etwas mit Professor Umbridge-?“ „Erwähnen Sie den Namen dieser Person nicht!“, rief Professor Trelawney und sprang erzürnt auf. „Bitte fahren Sie mit Ihrer Arbeit fort!“

    Bis zum Ende der Stunde schritt sie zwischen uns umher, und während ihr noch immer Tränen über die Wangen liefen, murmelte sie etwas vor sich hin, das sich ganz nach halblauten Drohungen anhörte. “...könnte durchaus das Haus verlassen... welcher Schmach... auf Bewährung... wir werden ja sehen... wie kann sie es wagen...“
    „Du und Umbridge, ihr habt was gemeinsam“, flüsterte Harry Mine später zu, als wir uns wieder in Verteidigung gegen die dunklen Künste trafen. „Offensichtlich hält sie Trelawney auch für eine alte Schwindlerin... sieht aus, als hätte sie ihr eine Bewährungsfrist gesetzt.“ Noch während Harry sprach, kam Umbridge herein, mit einer hässlichen schwarzen Samtschleife auf dem Kopf und einem höchst selbstgefälligem Gesichtsausdruck. „Guten Tag, Klasse.“ „Guten Tag, Professor Umbridge“, erwiderte wir alle gelangweilt. „Zauberstäbe weg, bitte.“ Diesmal folgten jedoch keine hastigen Bewegungen; niemand hatte sich auch nur die Mühe gemacht, ihn herauszuholen. „Bitte schlagen Sie Seite 34 der >Theorie magischer Verteidigung< auf und lesen Sie das dritte Kapitel mit dem Titel >Plädoyer für eine nichtoffensive Antwort auf magische Angriffe<. Ich möchte keine-...“ „Unterhaltungen hören“, vervollständigten Harry, Ron, Mine und ich ihren Satz wie aus einem Mund.

    „Kein Quidditch-Training“, sagte Angelina mit einem leeren Ausdruck im Gesicht, als wir nach dem Abendessen den Gemeinschaftsraum betraten. „Aber ich hab mich doch beherrscht!“, sagte Harry ensetzt. „Ich hab nichts zu ihr gesagt, Angelina, ich schwör’s, ich-...“ „Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Angelina ihn betürbt. „Sie meinte, sie bräuchte nur ein wenig Zeit zum Überlegen.“ „Was gibt es da zu überlegen?“, sagte Ron zornig. „Sie hat den Slytherins die Erlaubnis gegeben, warum nicht uns?“ „Das nutzt die alte Sabberhexe ganz klar aus!“, meinte ich zornig. „Die genießt es sicher, uns zappeln zu lassen!“ Wir ließen uns alle bedrückt auf einigen Sesseln am Kamin nieder. Harry schien von dem Ganzen besonders betroffen zu sein. Ich konnte es ja verstehen, immerhin hasste Umbridge ihn ganz besonders. „Na ja“, versuchte Mine ihn aufzuheitern, „das hat auch seine gute Seite - wenigstens hast du jetzt die Zeit für Snapes Aufsatz!“ „Darüber soll ich mich freuen, ja?“, fauchte Harry, während Ron und ich sie ungläubig anstarrten. „Kein Quidditch-Training, dafür aber eine zusätzliche Hausaufgabe für Zaubertränke?“

    Wir verbrachten die nächsten paar Stunden mit Hausaufgaben machen; das war allerdings gar nicht so einfach, denn es herrschte mal wieder unglaublicher Lärm: Fred und George hatten es offenbar endlich geschafft, eine Sorte ihrer Nasch-und-Schwänz Leckereien in Serie rauszubringen, die sie nun abwechselnd einnahmen und einer johlenden und juchzenden Menge an Gryffindors vorführten. Zuerst biss Fred vom orangen Ende einer Lakritzstange ab, woraufhin er sich unter großem Hallo in einen Eimer erbrach, den sie vor sich aufgestellt hatten. Dann würgte er das lila Ende der Lakritzstange hinunter und die Spuckerei hörte sofort auf. Lee, der die Zwillingen scheinbar als Assistent unterstützte, ließ das Erbrochene immer wieder lässig mit einem Schwung seines Zauberstabs verschwinden. Bei dem dauerhaften Gewürge und Gejohle und dem Geschrei der Zuschauer war es leider nicht unbedingt leicht, sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren; während ich mich mit meiner Zeichnung für Pflege magischer Geschöpfe abmühte, die möglichst detailgetreu werden sollte, schnaubte Mine immer wieder genervt auf, sobald das abwechselnde Johlen und die Spritzgeräusche des Erbrochenen am Boden des Eimers zu hören waren. „Kannst du das mal bitte bleiben lassen?“, fragte ich schließlich. „Warum gehst du denn nicht einfach rüber und machst der ganzen Sache ein Ende, wenn es dich so stört?“ „Kann ich nicht“, antwortete sie verbittert. „Formal gesehen übertreten sie ja keine Regeln.“ Bei diesen Worten knirschte sie heftig mit zusammengebissenen Zähnen. „Sie haben das Recht, das widerliche Zeugs selber zu essen, und ich kann keine Vorschrift finden, die besagt, dass die anderen Idioten nicht das Recht haben, die Dinger zu kaufen, außer es ist erwiesen, dass sie irgendwie gefährlich sind, und danach sieht es nicht gerade aus.“

    Wir beobachteten, wie George in hohem Bogen in den Eimer reiherte, den Rest seiner Lakritzstange hinunterwürgte, sich aufrichtete und grinsend die Arme ausbreitete, um den tosenden Beifall in Empfang zu nehmen. „Wisst ihr, ich begreif einfach nicht, warum Fred und George nur jeweils drei ZAGs gekriegt haben“, sagte Harry. „Die beherrschen doch ihre Kunst.“ „Oh, die beherrschen doch nur Knalleffekte, die eigentlich niemandem nützen“, sagte Mine verächtlich. „Niemandem nützen?“, entgegnete Ron. „Hermine, die haben jetzt schon um die 26 Galleonen verdient.“ Es dauerte eine Weile, bis sich die Menge um Fred und George wieder zerstreut hatte, dann setzten sich die Zwillinge und Lee hin und zählten über einen etwas längeren Zeitraum hinweg die Einnahmen dieses Abends. So was es weit nach Mitternacht, als wir den Gemeinschaftsraum endlich für uns alleine hatten. Mittlerweile hatten wir beschlossen, es für heute mit den Hausaufgaben gut sein zu lassen. Ich hatte es mir in meinem Sessel gemütlich gemacht, was zur Folge hatte, dass mir immer wieder die Augen zufielen. Ron döste schon sanft in seinem Lehnstuhl; ich fixierte den Kamin und war schlagartig wach. „Sirius!“

    In der Tat war der zerzauste Kopf meines Vaters erneut im Feuer zu sehen. „Hi“, sagte er grinsend. „Hi“, entgegneten wir im Chor und setzten uns zu viert auf den Kaminvorleger. Krummbein, der vorher auf Mines Schoß gelegen war, schnurrte laut; er lief zum Feuer und versuchte trotz der Hitze, sein Gesicht dem von Sirius zu nähern. „Wie geht’s?“ „Nicht so gut“, erwiderte Harry, während Mine Krummbein hastig vom Feuer wegzog, damit er sich nicht noch mehr Schnurrhaare versengte. „Das Ministerium hat schon wieder einen Erlass durchgesetzt, mit dem sie unsere Quidditch-Mannschaften verbieten-...“ „Oder Geheimgruppen für Verteidigung gegen die dunklen Künste?“, fragte Sirius. Eine kurze Stille trat ein. „Woher weißt du das, Sirius?“, fragte ich verwirrt. „Ihr solltet eure Treffpunkte sorgfältiger auswählen, Sonnenschein“, sagte Sirius und grinste dabei noch breiter. „Der Eberkopf, ich bitte euch.“ „Also, jedenfalls war das besser als die >Drei Besen<!“, erwiderte Mine trotzig. „Da ist es immer rappelvoll-...“ „Was hieße, dass man euch nicht so leicht belauschen könnte“, sagte Sirius. „Du musst noch eine Menge lernen, Hermine.“ „Wer hat uns belauscht?“, fragte Harry. „Mundungus natürlich“, kam es von Sirius. Mundungus? Aber wie? Als er unsere verdutzten Gesichter sah, fing Sirius an zu lachen. „Er war die Hexe unter dem Schleier.“ „Das war Mundungus?“, fragte ich überrascht. „Was hat er denn überhaupt im >Eberkopf< getrieben?“, fügte Harry hinzu. „Was glaubst du wohl?“, erwiderte Sirius ungeduldig. „Ein Auge auf dich behalten natürlich.“ „Ich werde immer noch beschattet?“, fragte Harry zornig. „Allerdings“, sagte Sirius, „und völlig zu Recht, findest du nicht, wenn du an deinem freien Wochenende als Erstes eine illegale Verteidigungsgruppe gründest.“ Er war jedoch kein bisschen aufgebracht, sondern wirkte sogar richtig stolz auf Harry.

    „Warum hat sich Dung vor uns versteckt?“, fragte Ron jetzt enttäuscht. „Wir hätten ihn gern gesehen.“ Na ja, da stimmte ich ihm jetzt nicht so ganz zu... „Er hat seit zwanzig Jahren Hausverbot im >Eberkopf<“, antwortete Sirius, „und dieser Wirt hat ein gutes Gedächtnis. Wir haben Moodys zweiten Tarnumhang verloren, als sie Sturgis verhaftet haben, also hat sich Dung in letzter Zeit öfter als Hexe verkleidet... sei’s drum... aber erst mal zu dir, Ron - ich habe versprochen, dir von deiner Mutter etwas auszurichten.“ „Ach ja?“, fragte Ron argwöhnisch. „Sie sagt, du darfst auf gar keinen Fall an einer illegalen Geheimgruppe für Verteidigung gegen die dunklen Künste teilnehmen. Du würdest garantiert rausgeworfen werden und deine Zukunft wäre ruiniert. Später sei noch genug Zeit zu lernen, wie du dich verteidigen kannst, und du seist zu jung, um dir momentan darüber Sorgen zu machen. Außerdem-...“, Sirius’ Augen wandten sich wieder Mine, Harry und mir zu, „rät sie Harry, Hermine und auch dir, Olivia, dringend davon ab, mit der Gruppe weiterzumachen, auch wenn sie sich im Klaren ist, dass sie euch dreien keine Anweisungen erteilen kann. Sie bittet euch einfach zu bedenken, dass sie nur das Beste für euch im Sinn hat. Sie hätte euch das alles geschrieben, aber wenn die Eule abgefangen worden wäre, dann wärt ihr alle in große Schwierigkeiten geraten, und persönlich kann sie es euch nicht sagen, weil sie heute Nachtschicht hat.“ „Was für eine Nachtschicht?“, fragte Ron hastig. „Das braucht dich nicht zu kümmern, es geht um den Orden“, sagte Sirius. „Also ist es mir zugefallen, die Botschaft zu übermitteln, und denkt daran, ihr zu sagen, dass ich alles weitergeleitet habe, denn ich glaube nicht, dass sie mir traut.“

    Eine kurze Pause trat ein, in der wir alle nicht so recht wussten, wir wir reagieren sollten. „Also willst du, dass ich sage, ich mach bei der Verteidigungsgruppe nicht mit?“, murmelte Harry schließlich. „Ich? Sicher nicht!“, erwiderte Sirius überrascht. „Ich halte das für eine glänzende Idee! Dieses Jahr wissen wir, dass da draußen jemand ist, der uns alle am liebsten umbringen will. Es ist eine sehr gute Idee, wenn ihr lernt, euch gut zu verteidigen!“ „Und wenn wir rausgeworfen werden?“, fragte Mine mit zweifelndem Gesichtsausdruck. „Hermine, das Ganze war deine Idee!“ „Das weiß ich sehr wohl. Ich wollte nur wissen, was Sirius davon hält“, sagte sie achselzuckend. „Nun ja, besser rausgeworfen und in der Lage, euch zu verteidigen, als sicher in der Schule zu sitzen und keine Ahnung zu haben“, erwiderte Sirius. „Du sagst es“, bestätigten Harry und Ron begeistert. „Na ja, du hast nicht wirklich Unrecht“, gab ich zu bedenken. „Also“, fragte Sirius neugierig, „wie wollt ihr diese Gruppe organisieren? Wo trefft ihr euch?“ „Nun, das ist ein ziemliches Problem“, gab Harry zu. „Keine Ahnung, wo wir uns treffen können.“ „Wie wär’s mit der Heulenden Hütte?“, schlug Sirius vor. „Hey, das ist ‘ne Idee!“, rief Ron begeistert, aber Mine schnaubte skeptisch auf. „Hör mal, Sirius, immerhin wart ihr nur zu viert, als ihr euch damals während eurer Schulzeit in der Heulenden Hütte getroffen habt“, sagte Mine. „Außerdem konntet ihr euch alle in Tiere verwandeln, und ich denke mal, wenn ihr gewollt hättet, dann hättet ihr euch alle unter einen einzigen Tarnumhang zwängen können. Aber wir sind immerhin 29 Leute, also bräuchten wir weniger einen Tarnumhang als vielmehr eine Tarnmarkise-...“ „Du hast Recht“, sagte Sirius ein wenig geknickt. Sein Gesichtsausdruck tat mir im Herzen weh, immerhin versuchte er, so gut wie es ihm eben möglich war, uns zu helfen. „Aber ich bin mir sicher, dass euch was einfallen wird. Früher war hinter diesem großen Spiegel im vierten Stock in ziemlich geräumiger Geheimgang, vielleicht habt ihr dort genug Platz, um Zauber zu üben.“ „Fred und George haben mir gesagt, er ist versperrt“, erwiderte Harry kopfschüttelnd. „Eingestürzt oder so was.“ „Oh“, sagte Sirius stirnrunzelnd. „Nun, ich denke mal drüber nach und komm drauf zur-...“ Er brach ab. Sein Gesicht wirkte plötzlich extrem nervös und angespannt. Erschrocken wandte er sich zur Seite und schien auf die massive Backsteinmauer des Kamins zu schauen. „Sirius?“, fragte ich beunruhigt. Doch er war verschwunden. Einen Moment lang sah ich in die Flammen, doch Sirius tauchte nicht wieder auf. „Warum ist er-?“ Mine keuchte entsetzt und sprang auf, ohne die Augen vom Feuer zu wenden. Ich folgte ihrem Blick; in den Flammen war eine Hand erschienen und machte tastende Bewegungen, als wolle sie etwas zu fassen bekommen. Es war eine plumpe Hand mit großen Falten, mit Stummelfingern voller hässlicher altmodischer Ringe. Wir rannten davon; doch kurz bevor wir die Treppe zu den Schlafsälen hinaufrannten, sah ich noch einmal zum Kamin. Umbridges Hand tastete noch immer in den Flammen herum, als wüsste sie genau, wo eben noch Sirius’ Haare gewesen waren, und wäre fest entschlossen, sie zu packen.

    26
    26. Kapitel

    „Umbridge muss deine Post gelesen haben, Harry. Das ist die einzige logische Erklärung.“ „Glaubst du, Umbridge hat Hedwig angegriffen, Liv?“ „Oh, da bin ich mir verdammt sicher“, erwiderte ich grimmig. „Pass auf, dein Frosch haut ab.“ Harry richtete den Zauberstab auf den Ochsenfrosch, der zur anderen Tischseite gehüpft war - „Accio!“ -, und er flutschte zurück in Harrys Hand. Dafür liebte ich Zauberkunst; man konnte sich meistens vollkommen unbemerkt unterhalten, ohne dass jemand lauschte. Heute, wo das Klassenzimmer voller quakender Frösche und krächzender Raben war und schwere Regentropfen gegen die großen Fenster prasselten und trommelten, blieb unsere geflüsterte Unterhaltung darüber, dass Umbridge um ein Haar Sirius gefasst hätte, völlig unbemerkt. „Ich habe das ja schon vermutet, seit Filch dich beschuldigt hat, du würdest Stinkbomben bestellen, weil das eine solch dumme Lüge war“, flüsterte Mine. „Sobald er nämlich deinen Brief gelesen hätte, wäre vollkommen klar gewesen, dass du sie nicht bestellt hast, also hättest du gar keine Schwierigkeiten bekommen - ein ziemlicher schlechter Witz, oder? Aber dann habe ich mir überlegt, was wäre, wenn jemand nur eine Ausrede gesucht hätte, um deine Post zu lesen? Dann wäre das ziemlich geschickt von Umbridge gewesen - sie gibt Filch einen Tipp und er macht für sie die Drecksarbeit und beschlagnahmt den Brief. Dann stielt sie ihn irgendwie von ihm oder verlangt ihn zu sehen - ich glaube nicht, dass Filch sich wehren würde, wenn ist er je für die Rechte eines Schülers eingetreten? Harry, du zermatschst deinen Frosch.“ Tatsächlich hatte Harry seinen Ochsenfrosch so fest gepackt, dass ihm die Augen hervorquollen, weshalb er ihn hastig zurück aufs Pult setzte. „Gestern Abend hatten wir unglaubliches Glück. Fast hätte sie uns erwischt.“, sagte ich schlucktend. „Ich frage mich, ob Umbridge überhaupt weiß, wie knapp das Ganze war.“ Ich widmete mich meinem Raben, der vor mir auf dem Pult saß und rief: „>Silencio<!“

    Das Krächzen des Raben verstummte und er sah mich vorwurfsvoll an. „Wenn sie Schnuffel gekriegt hätte-...“ Harry vervollständigte meinen Satz. „würde er ziemlich sicher heute Morgen schon wieder in Askaban sitzen.“ Harry wedelte mit seinem Zauberstab herum, ohne sich richtig zu konzentieren; „>Silencio<!“, sagte Mine rasch und richtete ihren Zauberstab auf Harrys Frosch, dessen Gequake sofort verstummte. „Nun ja“, sagte sie dann, „er darf es einfach nicht mehr tun, das ist alles. Ich weiß nur nicht, wie wir ihm das mitteilen sollen. Wir können ihm doch keine Eule schicken.“ „Ich glaub nicht, dass er das noch mal riskieren wird“, meinte Ron. „Er ist nicht auf den Kopf gefallen, er weiß, dass sie ihn beinahe gekriegt hätte. >Silencio<.“ Der große Rabe vor ihm krächzte höhnisch. „>Silencio<. >SILENCIO<!“ Der Rabe krächzte lauter. „Es liegt daran, wie du deinen Zauberstab bewegst“, kritisierte Mine ihn, „du sollst nicht mit ihm rumfuchteln, es ist ehrer eine Art blitzschneller Stoß.“ „Raben sind schwieriger als Frösche“, sagte Ron gereizt. „Schön, dann lass uns tauschen“, sagte Mine, packte Rons Raben und setzte ihm dafür ihren fetten Ochsenfrosch vor die Nase. „>Silencio<!“ Der Rabe öffnete und schloss weiter seinen Schnabel, doch dem entwich kein Laut mehr. „Sehr gut, Ms. Granger!“, ertönte Professor Flitwicks quiekende dünne Stimme und wir schraken zusammen. „Nun, lassen Sie mich mal sehen, Mr. Weasley.“ „Waa-? Oh - oh, na gut“, sagte Ron ziemlich nervös. „Ähm - >Silencio<!“ Er stieß so heftig gegen den Ochsenfrosch, dass er ihm ins Auge stach. Es überraschte keinen von uns, dass Harry und Ron zusätzlich zu den Hausaufgaben den Schweigezauber üben sollten.

    Während der Pause durften wir glücklicherweise drinnen bleiben, weil es draußen wie aus Eimern schüttete. Wir suchten uns einen Platz in einem lärmigen und überfüllten Klassenzimmer im ersten Stock, wo Peeves verträumt in der Nähe des Kronleuchters umherschwebte und gelegentlich jemanden ein Tintenkügelchen auf den Kopf blies. Wir hatten uns kaum gesetzt, als Angelina sich durch eine Menge schwatzender Schüler zu uns durchdrückte. „Ich hab die Genehmigung!“, sagte sie. „Die Quidditch-Mannschaft darf wieder zusammenkommen!“ „Toll!“, sagte Harry, Ron und ich gleichzeitig. „Ja“, rief Angelina überglücklich. „Ich bin zu McGonagall gegangen, und ich könnte mir vorstellen, dass sie sich an Dumbledore gewandt hat. Wie auch immer, Umbridge musste nachgeben. Ha! Also will ich euch heute Abend um sieben unten auf dem Feld sehen, verstanden, weil wir Zeit gutmachen müssen. Ist euch klar, dass es nur noch drei Wochen bis zu unserem ersten Spiel sind?“ Sie quetschte sich zurück durch die Menge, wich knapp einem Tintenkügelchen von Peeves aus, und verschwand. Rons Lächeln geriet ein wenig ins Wanken, als er nach draußen sah. „Hoffentlich klart es noch auf. Was ist los mit dir, Hermine?“ Ich drehte mich zu meiner besten Freundin um; auch sie starrte zum Fenster, wirkte aber, als ob ihre Gedanken woanders wären. „Ich denke nur nach...“, sagte sie und runzelte die Stirn. „Über Siri-... Schnuffel?“, fragte Harry. „Nein... nicht unbedingt...“, sagte Mine langsam. „Eher... ich frage mich... ich nehme an, wir tun doch das Richtige... denk ich... oder nicht?“ Harry, Ron und ich tauschten stillschweigende Blicke. „Ach so, alles klar“, sagte Ron. „Hätte mich echt geärgert, wenn du nicht genau erklärt hättest, um was es geht.“ „Ich hab mich nur gefragt“, erwiderte sie jetzt etwas lauter, „ob wir das Richtige tun, wenn wir diese Gruppe für Verteidigung gegen die dunklen Künste gründen.“

    „Was?“, riefen Harry und Ron entsetzt. „Mine, das kannst du doch nicht ernst meinen!“, fügte ich hinzu. „Stimmt, das war immerhin deine Idee, Hermine!“, sagte Ron entrüstet. „Ich weiß“, erwiderte Mine und verschlang die Finger ineinander. „Aber nachdem wir mit Schnuffel gesprochen haben...“ „Aber der ist doch voll und ganz dafür!“, sagte Harry. „Ja“, meinte Mine und starrte wieder zum Fenster. „Ja, deshalb bin ich ja draufgekommen, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war...“ Peeves schwebte über uns hinweg, das Blasrohr direkt auf uns gerichtet; instinktiv hoben wir uns unsere Taschen über die Köpfe, um nicht getroffen zu werden. „Moment, Mine, versteh ich dich gerade richtig?“, fragte ich erzürnt, als wir die Taschen wieder auf den Boden stellten. „Sirius ist unserer Meinung, und deshalb willst du die ganze Sache jetzt abblasen?“ Mine wirkte angespannt, als sie mir antwortete. „Na ja, Liv, ich weiß ja, dass er dein Vater ist und du für ihn Partei ergreifst und alles, aber...“ Sie brach ab und starrte auf ihre Hände. „Mal ehrlich, traut ihr wirklich seinem Urteil?“

    „Ja, ich schon!“, sagte Harry sofort. „Wir haben immer glänzende Ratschläge von ihm bekommen!“ Ich nickte zustimmend. Eine Tintenkugel flog knapp an uns vorbei und traf Katie Bell am Ohr. Diese begann drauf sofort, Peeves mit Sachen zu bewerfen. Mine sprach erst wieder nach einigen Sekunden, und es klang, als würde sie sich genau überlegen, was sie sagen sollte. „Denkt ihr nicht, er ist irgendwie... leichtsinnig geworden... seit er am Grimmauldplatz festsitzt? Denkt ihr nicht, dass er... sozusagen... durch uns lebt?“ „Was soll das heißen, >durch uns lebt<?“ „Ich meine... nun, ich glaube, er würde liebend gerne geheime Verteidigungsklubs direkt vor der Nase von jemanden aus dem Ministerium gründen... Ich glaube, es ist fürchterlich frustrierend für ihn, dass er dort, wo er ist, so wenig unternehmen kann... deswegen vermute ich, er ist erpicht darauf, uns sozusagen... anzustacheln.“ Ron starrte sie vollkommen verdattert an. „Sirius hat Recht“, sagte er, „du klingst tatsächlich wie meine Mutter.“ Mine biss sich nur auf die Unterlippe und antwortete nicht. Das musste sie allerdings auch gar nicht mehr, denn in diesem Moment läutete es auch schon.

    Das Wetter besserte sich den ganzen Tag über nicht, und als Harry, Ron und ich abends um sieben zum Quidditch-Feld hinuntergingen, waren wir schon nach einigen Minuten völlig durchnässt und rutschten und schlitterten über das klatschnasse Gras. Es sah ganz nach einem Gewitter aus, und deshalb waren wir ziemlich erleichtert, als wir endlich die warmen Umkleideräume erreichten. Fred und George überlegten gerade, ob sie etwas von ihren eigenen Nasch-und-Schwänz-Leckereien essen sollten, um sich vor dem Training drücken zu können. „Aber ich wette, sie würde uns draufkommen“, sagte Fred aus dem Mundwinkel. „Hätte ich ihr gestern bloß keine Kotzpastillen angeboten.“ „Wir könnten den Fieberfondant probieren“, schlug George vor, „den kennt noch keiner-...“ „Funktioniert der?“, fragte Ron hoffnungsvoll, während der Regen heftig aufs Dach trommelte und prasselte und der Wind um das Gebäude heulte. „Ja, schon“, sagte Fred, „deine Temperatur steigt ziemlich.“ „Aber du kriegst auch diese riesigen Furunkeln voller Eiter“, sagte George, woraufhin ich angewidert das Gesicht verzog, „und wir haben noch nicht rausbekommen, wie man die wieder loswird.“ „Ich seh aber keine Furunkeln“, bemerkte Ron und besah die Zwillinge von oben bis unten. „Nein, natürlich nicht“, sagte Fred finster, „die sind an Stellen, die wir normalerweise nicht der Öffentlichkeit zeigen.“ „Aber wenn du auf dem Besen sitzt, dann tut dir verdammt der-...“ „Danke, George, ich will mir das echt nicht anhören“, unterbrach ich ihn prompt und hielt mir die Hand vor den Mund, als müsse ich gleich kotzen. George grinste, und wollte gerade etwas erwidern, als Angelina aus dem Kapitänsbüro trat, und mich somit vor den expliziten Darstellungen Fred und Georges rettete.

    „Alles klar jetzt, hört alle zu“, verkündete sie laut. „Ich weiß, das Wetter ist nicht gerade ideal, aber womöglich spielen unter solchen Bedingungen gegen die Slytherins, also ist es ganz gut, zu testen, wie wir mit so was fertig werden. Harry, hast du nicht damals, als wir im Sturm gegen Hufflepuff gespielt haben, etwas mit deiner Brille gemacht, damit sie im Regen nicht beschlägt?“ Harry nickte. Er zog seinen Zauberstab, klopfte gegen seine Brille und sagte: „>Impervius<!“ „Ich denke, wir sollten das alle versuchen“, sagte Angelina. „Wenn wir uns den Regen aus dem Gesicht halten können, hätten wir viel bessere Sicht - alle zusammen, los jetzt - >Impervius<! Okay, gehen wir.“ Wir steckten unsere Zauberstäbe wieder weg, schulterten die Besen und folgten Angelina aus der Umkleide. Wir stapften durch den immer tiefer werdenen Matsch zu Mitte des Felds. Selbst mit dem Impervius-Zauber waren unsere Sichtweite nicht gerade berauschend, was mich durchaus ein wenig beunruhigte. „Also gut, auf meinen Pfiff“, rief Angelina.

    Ich stieß mich kräftig vom Boden ab, wobei ich unweigerlich Schlamm nach alle Richtungen verspritzte. lch schoss in die Höhe und musste sofort gegen den heftigen Wind ankämpfen. Es war unglaublich schwer, den Quaffel zu sehen, während wir ihn zwischen Katie, Angelina und mir herumwarfen, und es kam nicht nur einmal vor, dass wir einander nicht sahen und der Quaffel deshalb ins Leere fiel. Das Wetter war so schrecklich, dass ich Angst davor hatte, dass mich jeden Moment ein Klatscher treffen konnte. Ein paar Mal wäre mir einer direkt gegen den Kopf geflogen und hätte mich vom Besen gerissen. Und generell war das Training eine Katastrophe; mir fiel es schon schwer genug, auf Kurs zu bleiben, während der Quaffel unter meinem Arm eingeklemmt war. Und der Sturm ließ nicht nach - nein - er wurde sogar noch schlimmer. Ich sah zwar keinen Meter weit, aber dennoch konnte in der beträchlichen Entfernung hören, wie der Regen auf den See prasselte und peitschte.

    Angelina ließ uns fast eine Stunde lang fliegen, bis sie schließlich endlich aufgab. Sie führte uns - wir waren alle vollkommen durchnässt und nicht gerade in bester Stimmung - zurück in die Umkleideräume und verkündete, das Training sei keine Zeitverschwendung gewesen, ohne allerdings sonderlich überzeugt von ihren eigenen Worten zu sein. Fred und George sahen besonders griesgrämig drein; beide liefen breitbeinig und zuckten bei jeder Bewegung zusammen. Während ich meine Haare mit einem Zauber trocknen ließ, hörte ich, wie die beiden sich leise beklagten. „Ich glaub, bei mir sind ‘n paar aufgeplatzt“, sagte Fred mit hohler Stimme. „Bei mir nicht“, erwiderte George und zuckte prompt zusammen, „die tun weh wie verrückt... sie sind sogar noch größer geworden, wenn du mich fragst.“ „AUTSCH!“, rief Harry plötzlich laut und ich drehte mich überrascht zu ihm. Er drückte sich das Handtuch aufs Gesicht, mit dem er sich gerade die Haare abgetrocknet hatte, und kniff die Augen vor Schmerz zusammen. „Was ist los?“, fragten wir alle prompt. „Nichts“, murmelte er, „ich - ich hab mir nur ins Auge gepikst, nichts weiter.“ Mir und Ron warf er jedoch einen vielsagenden Blick zu. Ich konnte mir in der Tat denken, was Harry wirklich wehtat.

    Wir trödelten ein wenig, wenig die anderen sich in ihre Mäntel hülleten, die Hüte tief bis über die Ohren zogen und nacheinander hinausgingen. „Was ist passiert?“, fragte Ron, kaum das Katie durch die Tür verschwunden war. Ich ließ mich neben Harry auf eine Bank sinken. „War es deine Narbe?“, fragte ich nervös. Harry nickte. „Aber...“, mit ängstlichem Blick sah Ron sich um, „er - er kann jetzt nicht in der Nähe sein, oder?“ „Nein“, murmelte Harry und rieb sich die Stirn. „Wahrscheinlich ist er meilenweit weg. Es hat wehgetan... weil er... zornig ist.“ „Aber... Harry, woher weißt du das?“, fragte ich stirnrunzelnd. „Hast du ihn etwa gesehen?“, rief Ron entsetzt. „Hattest du... eine Vision oder so was?“ Harry starrte auf seien Füße, bevor er antwortete: „Er will, dass etwas erledigt wird, und das geschieht nicht schnell genug.“ “ Bei Merlin, Harry, das ist wirklich unheimlich“, flüsterte ich schaudernd. „Das erklärt aber immer noch nicht, woher du das alles weißt“, meinte Ron. Harry schüttelte den Kopf, legte die Hände auf sein Gesicht und presste die Handballen auf die Augen. Auch Ron setzte sich auf die Bank, bevor er behutsam fragte: „Geht es ums Gleiche wie beim letzten Mal? Als dir in Umbridges Büro die Narbe wehtat? Du-weißt-schon-wer war zornig?“ Harry schüttelte den Kopf. „Was ist es denn dann?“, fragte ich, während ich ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter legte. „Das letzte Mal war es, weil er sich gefreut hat“, sagte er. „Wirklich gefreut. Er dachte... etwas Gutes würde passieren. Und in der Nacht, ehe wir nach Hogwarts zurückfuhren... da war er wütend...“ Ron und ich schauten ihn beide mit offenem Mund. Weshalb konnte er das so genau definieren? Das war wirklich unglaublich. „Du könntest Trelawneys Job übernehmen, Mann“, sagte Ron in ehrfürchtigem Ton. „Ich mache keine Prophezeiungen“, meinte Harry ernüchternd. „Nein, aber weißt du, was du tust?“, sagte Ron beeindruckt und verängstigt zugleich. „Harry, du liest die Gedanken von Du-weißt-schon-wem!“

    „Nein“, entgegnete Harry kopfschüttelnd. „Es ist eher... seine Stimmung würde ich sagen. Ich spüre nur blitzartig, in welcher Stimmung er ist. Dumbledore meinte, so etwas wäre letztes Jahr passiert. Er meinte, wenn Voldemort in meiner Nähre ist oder wenn er Hass fühlt, kann ich es spüren. Tja, jetzt spüre ich auch, wenn er sich freut...“ Es trat eine kurze Pause ein und man hörte deutlich, wie der Wind und der Regen gegen das Gebäude peitschten. „Das ist doch vollkommen egal, Harry“, meinte ich schließlich. „Aber du musst es unbedingt jemandem erzählen. Das könnte wichtig sein!“ „Letztes Mal hab ich’s Sirius erzählt.“ „Gut, dann sag’s ihm auch diesmal!“, sagte Ron. „Geht schlecht, oder?“, meinte Harry grimmig. „Du weißt doch, Umbridge überwacht die Eulen und die Kamine.“ „Gut, dann Dumbledore.“ „Ich hab euch doch eben schon gesagt, dass er es weiß“, sagte Harry knapp, stand auf, nahm seinen Mantel vom Haken und schwang ihn sich über die Schultern. „Es hat keinen Sinn, es ihm noch mal zu sagen.“ Hastig knöpfte ich ebenfalls meinen Mantel zu; „Dumbledore wird es sicher trotzdem erfahren wollen“, versuchte ich ihn zu überzeugen. Harry zuckte mit den Achseln. „Kommt schon... wir müssen doch noch diesen dämlichen Schweigezauber üben.“

    Wir eilten über die Schlossgründe zurück, rutschten und stolperten dabei ständig über den glitschigen Rasen und sprachen dabei kein Wort. In meinem Kopf ratterte es währenddessen aber unaufhörlich. Es war wirklich gruselig, wie Harry die Stimmung Voldemorts deuten konnte; es machte mir unglaubliche Angst. Und plötzlich erinnerte ich mich noch an diesen Abend im Grimmauldplatz 12. >Er hat noch andere Pläne... Pläne, die er tatsächlich ganz ohne Aufsehen verwirklichen kann... Dinge, die er nur absolut heimlich bekommen kann... zum Beispiel eine Waffe. Etwas, das er das letzte Mal nicht hatte.< Nicht zu vergessen, die Worte, die ich seitdem ständig versucht hatte zu verdrängen. >Ob es dir gefällt oder nicht, du könntest der entscheidende Faktor sein.< Ich. Der entscheidende Faktor. Allein bei dem Gedanken, dass ich so wichtig sein könnte, dass ich einen direkten Einfluss auf das Geschehen hatte, war beunruhigend. Und durch die Tatsache, dass Harry Voldemorts Gefühlslagen deuten konnte, fühlte ich mich plötzlich vollkommen ungeschützt. Als wäre ich ihm hoffnungslos ausgeliefert. Als könne er hinter jeder Ecke lauern, nur darauf wartend, mich anzugreifen. Ich schüttelte mich. Ich musste keine Angst haben; ich war in Hogwarts, der Ort, der am meisten in der gesamten Zaubererwelt geschützt war. Mir konnte nichts passieren. Mir konnte nichts passieren. Ich musste das mehrere Male hintereinander sagen, damit es sich in mein Gehirn einbrannte.

    „Mimbulus mimbeltonia“, sagte Ron und riss mich ruckartig aus meinen Grübeleien heraus. Zusammen mit Harry und Ron kletterte ich in den Gemeinschaftsraum. Offenbar war Mine heute früh ins Bett gegangen. Auf einem nahen Sessel lag Krummbein, der sich behaglich zusammengerollt hatte und ein paar knubblige Elfenstrickhüte auf einem Tisch fielen mir ins Auge. Harry setzte sich tatsächlich noch hin, um in dem Kräuterkunde-Buch zu lesen; ich wünschte Ron und Harry lediglich schnell eine gute Nacht und verschwand dann schnell in den Mädchenschlafsaal. Parvati und Lavender schienen schon zu schlafen, denn die Vorhänge um ihre Himmelbetten waren zugezogen, doch Mine war noch wach und las ein Buch. Sie sah auf, als ich hereinkam und mich auf mein weiches Bett fallen ließ; sie konnte offenbar direkt in meinem Gesichtsausdruck ablesen, wir mir gerade zu Mute war, denn sie stand leise auf und ließ sich neben mir nieder. Dann hob sie ihren Zauberstab, ließ mit einem Schwenk die Vorhänge zuziehen und murmelte einen Stillezauber, damit wir Lavender und Parvati nicht aufweckten. „Was ist passiert?“ Ich sah sie lange einfach nur an, ohne ein Wort zu sagen. Dann nahm ich sie heftig in den Arm und schluchzte leise auf. Zitternd erzählte ich ihr von Harrys Narbe, die schon wieder geschmerzt hatte und meinen Gedanken. „Das ist in der Tat beunruhigend“, flüsterte Mine schließlich. „Aber hier kann uns nichts passieren, steht ja alles in >Eine Geschichte von Hogwarts<.“ Dank ihrer klaren Logik fühlte ich mich danach tatsächlich ein wenig besser.

    Unsere Umhänge bauschten sich und flatterten um uns her, während wir am nächsten Morgen durch den überschwemmten Gemüsegarten zur Doppelstunde Kräuterkunde patschten. Regentropfen hämmerten schwer wie Hagelkörner auf das Gewächshausdach, so dass Professor Sprout kaum verstehen konnten. Der Unterricht in Pflege magischer Geschöpfe musste an diesem Nachmittag sogar in ein freies Klassenzimmer im Erdgeschoss verlegt werden, und zu unserer Erleichterung hatte Angelina beim Mittagessen mitgeteilt, dass das Quidditch-Training ausfiel. „Gut“, erwiderte Harry leise, als sie es uns gesagt hatte. „Wir haben nämlich einen Ort für das erste Treffen gefunden. Heute Abend, acht Uhr, siebter Stock, gegenüber diesem Wandbehang mit Barnabas dem Bekloppten, der von den Trollen verdroschen wird. Kannst du das Katie ausrichten?“

    In der Tat hatte Harry uns berichtet, wie Dobby ihn gestern Nacht besucht hatte und ihm vom Raum der Wünsche erzählt hatte. Angelina wusste dem Anschein nach allerdings nichts von diesem, da sie leicht verdutzt wirkte. Mine schien scheinbar nicht so recht zu wissen, was sie vom Raum der Wünsche halten sollte. Das bemerkte Harry schließlich auch, weshalb er fragte: „Was ist?“ „Also... ich wollte nur sagen, dass Dobbys Vorhaben manchmal nicht ungefährlich sind. Weißt du nicht mehr, dass du wegen ihm mal sämtliche Armknochen verloren hast?“ „Dieser Raum ist nicht bloß eine verrückte Idee von Dobby; Dumbledore kennt ihn auch, beim Weihnachtsball hat er ihn mir gegenüber erwähnt.“ Mines Gesicht hellte sich bei diesen Worten sofort auf. „Dumbledore hat dir davon erzählt?“ „Nur so nebenbei“, sagte Harry achselzuckend. „Oh, dann ist es ja okay“, meinte Mine munter und erhob keine Einwände mehr. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Einerseits war ich natürlich froh, dass wir endlich einen Raum zum Üben gefunden hatten, andererseits... Ich konnte nur hoffen, dass das keine Probleme für Draco und mich schaffen würde.

    Gemeinsam hatten wir fast den ganzen Tag lang alle Leute aufgesucht, die im >Eberkopf< ihren Namen in die Liste eingetragen hatten, und ihnen gesagt, wo wir uns an diesem Abend treffen würden. Um halb acht verließen Harry, Ron, Mine und ich den Gemeinschaftsraum, Harry mit der Karte des Rumtreibers in der Hand. Fünftklässler durften zwar bis um neun auf den Fluren sein, aber wir sahen uns trotzdem immer wieder nervös um, während wir hinauf in den siebten Stock stiegen. Wir eilten, endlich im passenden Stockwerk angekommen, den Korridor entlang zu der Stelle, wo normalerweise der Raum der Wünsche erschien. „Okay“, sagte Harry leise. „Dobby meinte, wir müssten dreimal an diesem Stück Wand vorbeigehen und uns mit aller Kraft darauf konzentrieren, was wir brauchen.“ Und das taten wir auch. Ron hatte die Augen vor Anstrengung zusammengekniffen; Mine murmelte etwas vor sich; Harry hatte die Fäuste geballt. Sobald wir das dritte Mal an der Wand entlanggegangen waren, erschien schließlich eine glänzende polierte Tür in der Wand. Ron starrte sie mit leichtem Argwohn an. Harry streckte die Hand aus, packte die Messingklinke und drückte die Tür auf.

    Vor uns erstreckte sich ein weitläufiger Raum, den lodernde Fackeln beleuchteten. An den Wänden zogen sich hölzerne Bücherschränke entlnag und es lagen große Seidenkissen auf dem Boden. Auf einigen Regalen auf der anderen Seite des Raums standen verschiedene Instrumente wie Spickoskope, Geheimnis-Detektoren und ein großes, kaputtes Feindglas. „Die sind gut, wenn wir Schockzauber üben“, sagte Ron begeistert und stupste mit dem Fuß gegen eines der Kissen. „Oh, seht euch doch mal diese Bücher an!“, rief Mine und fuhr mit dem Finger über mehrere breite Buchrücken. „Sagenhaft...“ Man konnte ihr förmlich ansehen, wie überzeugt sie nun war; wir taten wirklich das Richtige. „Das ist wunderbar, hier ist alles, was wir brauchen!“ Ohne Umschweife griff sie sich ein Buch namens >Hexen für Verhexte< aus dem Regal, ließ sich auf ein Kissen fallen und fing an zu lesen. Es klopfte sacht an der Tür. Ginny, Neville, Parvati, Lavender und Dean waren da. „Wow“, sagte Dean beeindruckt. „Was ist das für ein Zimmer?“ Wir fingen an zu erklären, doch sobald wir fertig waren, kamen wieder Neue dazu und mussten noch mal von vorne anfangen.

    Gegen acht Uhr waren schließlich alle Kissen besetzt. Harry ging hinüber zur Tür und drehte den Schlüssel um; es klickte beruhigend laut. Alle verstummten und sahen ihn an. „Also“, begann Harry und man sah ihm deutlich an, wie nervös er war. „Das hier ist der Raum, den wir für unsere Übungsstunden aufgetrieben haben, und ihr - ähm - findet ihn offensichtlich ganz brauchbar.“ „Er ist fantastisch!“, sagte Cho und einige Andere murmelten zustimmend. „Ziemlich irre“, meinte Fred und sah sich stirnrunzelnd um. „Wir haben uns mal vor Filch hier drin versteckt, weißt du noch, George? Aber damals war es nur ein Besenschrank.“ „Hey, Harry, was sind das für Sachen?“, fragte Dean und zeigte auf die Spickoskope und das Feindglas. „Antiobskuranten“, erklärte Harry. „Im Grunde zeigen sie alle, wenn schwarze Magier oder Feinde in der Nähe sind, aber man kann sich nicht so recht auf sie verlassen, sie können ausgetrickst werden...“ In dem kaputten Feinglas bewegten sich schattenhafte Gestalten, die allerdings nicht genau erkennbar waren. „Nun, ich hab darüber nachgedacht, was wir als Erstes tun sollten, und ähm-...“ Er stockte kurz. „Ja, Hermine?“ Ich hatte gar nicht bemerkt, dass sie wie im Unterricht die Hand in die Höhe gestreckt hatte. „Ich finde, wir sollten einen Anführer wählen“, sagte Mine. „Harry ist der Anführer“, entgegnete Cho prompt und sah meine beste Freundin an, als hätte sie sich in einen Knallrümpfigen Kröter verwandelt. „Ja, aber ich denke, wir sollten richtig darüber abstimmen“, sagte Mine unbeeindruckt. „Das macht das Ganze offiziell und verleiht ihm Autorität. „Also - wer ist dafür, dass Harry unser Anführer sein soll?“

    Alle hoben die Hand, selbst Blondie, wenn er dies auch recht halbherzig tat. „Ähm - gut, danke“, meinte Harry, im Gesicht errötend. „Und - was noch, Hermine?“ „Ich finde außerdem, dass wir uns einen Namen geben sollten“, fügte sie strahlend hinzu, während ihre Hand noch immer erhoben war. „Das würde den Teamgeist und den Zusammenhalt unter uns fördern, meint ihr nicht?“ „Wie wär’s mit Anti-Umbridge-Liga?“, fragte Angelina hoffnungsvoll. „Oder die Ministerium-macht-Murks-Gruppe?“, schlug Fred vor. „Ich würde meinen“, sagte Mine, Fred einen finsteren Blick zuwerfend, „dass wir uns einen Namen geben sollten, der nicht allen verrät, was wir vorhaben, damit wir ihn auch außerhalb unserer Treffen gefahrlos verwenden können.“ „Die Defensiv-Allianz?“, sagte Cho. „Abgekürzt DA, damit niemand weiß, wovon wir reden?“ „Ja, DA ist schon mal gut“, stimmte Ginny zu. „Aber es sollte besser für Dumbledores Armee stehen.“ Ich grinste. „Das ist keine schlechte Idee, Ginny. Immerhin ist das genau das, wofür Umbridge, Fudge und das dämliche Ministerium Angst haben.“ Auch die anderen stimmten murmelnd zu. „Dann sind alle für DA?“, fragte Mine gebieterisch und kniete sich auf ihr Kissen, um die erhobenen Hände zu zählen. Sie pinnte das Pergamenten mit allen Überschriften an die Wand und schrieb in großen Buchstaben darüber:

    DUMBLEDORES ARMEE

    „Gut“, sagte Harry, als Mine sich wieder hingesetzt hatte, „wollen wir dann mit den Übungen anfangen? Ich hab mir überlegt, dass wir als Erstes den >Expelliarmus< üben sollten, ihr wisst ja, den Entwaffnungszauber. Der gehört zwar zu den simplen Grundlagen des Zauberns, aber ich fand ihn recht nützlich-...“ „Also bitte“, unterbrach ihn Blondie augenrollend. „Ich glaube nicht, dass ausgerechnet >Expelliarmus< uns gegen Du-weißt-schon-wen nützen wird.“ „Ich hab ihn gegen ihn eingesetzt“, entgegnete Harry ruhig. „Er hat mir im Juni das Leben gerettet.“ Unheimliche Genugtuung erfüllte mich, als Blondie wie benommen seinen Mund aufmachte und dennoch kein Wort herausbrachte. Geschah ihm recht. „Aber wenn du meinst, du musst dich damit nicht abgeben, kannst du ja gehen“, sagte Harry. Doch Blondie rührte sich nicht. Und auch sonst niemand. „Okay“, sagte Harry, als sich wieder alle Augen auf ihn gerichtet hatten. „Ich schlage vor, wir gehen immer zu zweit zusammen und üben.“

    Ich hatte mich mit einem Ravenclaw, Terry Boot, zusammengetan. Er war nicht schlecht, weshalb wir uns abwechselnd gegenseitig entwaffneten. So konnte ich auch mal durch den Raum sehen und die anderen beim Üben beobachten. Neville war hellauf begeistert, als er Harry entwaffnete. „ICH HAB’S GESCHAFFT!“, rief er fröhlich. Offensichtlich wollte ihm keiner sagen, dass ein echter Gegner in einem Kampf nicht einfach in die andere Richtung schauen würde. Besonders amüsant war auch der Anblick von Blondie. Immer wenn er seinen Mund öffnete, um Anthony zu entwaffenen, flog ihm sein eigener Zauberstab aus der Hand, dabei tat Anthony allem Anschein nach überhaupt nichts. Des Rätsels Lösung war aber nicht weit. Keinen Meter hinter Blondie standen Fred und George, die wohl beschlossen hatten, dass dieser ein besseres Übungsobjekt war, als sie gegenseitig; abwechselnd zielten sie auf Blondies Rücken und ich konnte mir ein leises Kichern nicht verkneifen. Interessant war auch Lunas Technik; diese bestand offenbar darin, dass sie abwechselnd Justin Finch-Fletchleys Zauberstab aus dessen Hand wirbelte und ihm dann wieder die Haare zu Berge stehen ließ. Ich wandte mich erst wieder meinem Gegner zu, als mir mein Zauberstab aus der Hand flog. Sobald ich diesen wieder in der Hand hielt, rief ich erneut: „>Expelliarmus<!“ Offenbar war das aber ein wenig heftig gewesen, denn Terrys Zauberstab schwirrte durch die Luft und traf Katie heftig an der Nase. Ups...

    Ich vergaß die Zeit, bis Mine irgendwann rief: „Hey, Harry, hast du mal auf die Uhr gesehen?“ Und tatsächlich war es schon zehn nach neun, was bedeutete, dass wir schleunigst zurück in unsere Gemeinschaftsräume mussten. Andernfalls liefen wir Gefahr, von Filch erwischt und deshalb zur Strafe an den Zehen im Kerker aufgehängt zu werden. (Jedenfalls murmelte Filch das immer, wenn er glaubte, dass gerade niemand in der Nähe war.) Harry blies in seine Pfeife; die >Expelliarmus<-Rufe verstummten und die letzten paar Zauberstäbe fielen klappernd auf den Boden. „Nun, das war schon mal ein guter Anfang“, sagte Harry zuversichtlich. „Aber wir haben überzogen und sollten jetzt besser aufhören. Nächste Woche, selbe Zeit, selber Ort?“ „Lieber schon früher!“, rief Dean eifrig und viele nickten zustimmend. Angelina machte dem Ganzen schnell einen Strich durch die Rechnung. „Die Quidditch-Saison fängt bald an, unsere Mannschaft muss auch noch trainieren!“ „Sagen wir also nächsten Mittwochabend“, verkündete Harry. „Dann können wir immer noch zusätzliche Treffen beschließen. Kommt, wir sollten uns beeilen.“ Er holte die Karte des Rumtreibers wieder hervor und prüfte, ob es Hinweise zu Lehrern im siebten Stock gab. Dann ließ er die anderen in Dreier- und Vierergruppen hinausgehen und beobachtete die kleinen Punkte. Die Hufflepuffs gingen durch den Kellerkorridor, der nahe der Küche lag, die Ravenclaws zu ihrem Turm auf der Westseite des Schlosses und die Gryffindors durch den Korridor zum Porträt der fetten Dame.

    „Das war wirklich, wirklich gut, Harry“, sagte Mine, als wir schließlich als letzte gingen. „Da kann ich dir nur zustimmen“, meinte ich. „Endlich richtiges Verteidigen...“ „Ja, allerdings!“, sagte Ron begeistert. „Harry, hast du gesehen, wie ich Hermine entwaffnet hab, Harry?“ „Nur einmal“, erwiderte Mine beleidigt. „Ich hab dich viel öfter gekriegt als du mich-...“ „Ich hab dich nicht nur einmal gekriegt, sondern mindestens dreimal-...“ „Na ja, wenn du das eine Mal mitzählst, als du über deine Füße gestolpert bist und mir den Zauberstab aus der Hand geschlagen hast-...“ Den ganzen Weg zum Gemeinschaftsraum kabbelten sich die beiden und wollten gar nicht mehr aufhören. Ich verdrehte belustigt grinsend die Augen. Die beiden waren wie ein altes Ehepaar.

    27
    27. Kapitel

    Die nächsten zwei Wochen gingen wie im Flug vorbei und ich schaffte es sogar, Umbridges Unterricht zu überstehen, oder ihr gewaltig meine Meinung zu geigen. Immerhin leisteten wir nun mit der DA aktiv Widerstand, direkt vor Umbridges Nase, und taten genau das, wovor das Ministerium solche Angst hatte. Bei den letzten beiden Treffen hatte sich gezeigt, dass viele sich deutlich verbessert hatten; Neville war es gelungen, Mine zu entwaffen, Colin Creevey beherrschte inzwischen den Lähmzauber, nachdem er sich ziemlich ins Zeug gelegt hatte, und Parvati hatte einen so guten Reduktor-Fluch hingelegt, dass der Tisch voller Spickoskope zu Staub zerfallen war. Da wir die Trainingszeiten von drei verschiedenen Quidditch-Mannschaften berücksichtigen mussten, die oft wegen schlechtem Wetter verschoben wurden, konnte praktischerweise kein regelmäßiger Termin zum Trainieren gefunden werden. Das kam uns aber gerade recht, denn so konnte Umbridge keine Regelmäßigkeit in unserem Tun erkennen und uns auf die Schliche kommen. Mine tüftelte auch schnell ein brilliantes Verfahren aus, wie wir allen Mitgliedern den Tag und die Uhrzeit des nächsten Treffens mitteilen konnten, ohne dafür quer durch die Große Halle gehen zu müssen. Sie gab einfach jedem DA-Mitglied eine gefälschte Galleone. (Ron geriet ganz aus dem Häuschen, als er den Korb voller Münzen zum ersten Mal sah und felsenfest davon überzeugt war, Mine würde tatsächlich echtes Gold verteilen.“ Das System war eigentlich ziemlich simpel: Die Ziffern ring um den Rand der Münzen, die auf echten Galleonen lediglich eine Seriennummer waren, ließen sich ändern, sodass sie Datum und Uhrzeit des nächsten Treffens anzeigten. Da Mine alle Münzen mit einem Proteus-Zauber belegt hatte, würden die falschen Galleonen alle die Ziffern auf Harrys Galleone nachahmen, sobald dieser ein neues Treffen festlegte. Ich fand die Idee wirklich genial. Selbst wenn Umbridge von uns verlangen würde, unsere Taschen zu leeren, würde sie nichts Verdächtiges finden. Alle stimmten sofort zu, die Galleonen zu benutzen. „Das einzig Riskante an der Sache ist wohl nur, dass wir das Geld aus Versehen ausgeben könnten.“, meinte Harry, während er sich eine Galleone in seine Hosentasche gleiten ließ. „Von wegen“, sagte Ron, der seine falsche Galleone mit leichtem Bedauern musterte. „Ich hab gar keine echte Galleone, mit der ich die verwechseln könnte.“

    Das erste Quidditch-Spiel der Saison, Gryffindor gegen Slytherin, rückte näher und näher, und so mussten die DA-Treffen vorerst ausgesetzt werden, weil Angelina auf fast tägliches Training bestand. Die Tatsache, das die Quidditch-Meisterschaft schon länger nicht mehr stattgefunden hatte, heizte die Aufregung für das bevorstehende Spiel nur noch weiter an. Die Ravenclaws und Hufflepuffs nahmen regen Anteil am Ausgang des Spiels, denn natürlich würden die im kommenden Schuljahr gegen beide Mannschaften spielen. Auch wenn die Hauslehrer der konkurrierenden Teams noch versuchte, Sportlichkeit vorzuschützen, konnten sie dennoch nicht wirklich verbergen, dass sie entschlossen waren, ihre jeweilige Mannschaften zum Sieg zu führen. Mir wurde erst klar, wie wichtig unser Sieg für Professor McGonagall war, als sie beschloss, uns eine Woche vor dem Spiel keine Hausaufgaben aufzugeben. „Ich denke, Sie haben im Moment genug am Hals“, sagte sie gnädig. Wir wollten ihr alle nicht so recht glauben, bis sie Harry, Ron und mich geradewegs ansah und sagte: „Ich bin daran gewähnt, den Quidditch-Pokal in meinem Büro zu sehen, und ich will ihn wirklich nicht an Professor Snape überreichen müssen, also nutzt die zusätzliche Zeit zum Trainieren, ja?“

    Snape war nicht weniger offen parteiisch; er hatte das Quidditch-Feld so häufig für das Training der Slytherins reserviert, dass wir Schwierigkeiten bekamen, überhaupt erst zum Spielen zu kommen. Selbst, als Gryffindor-Spieler auf den Gängen von Slytherins verhext wurden, stellte sich Snape taub. Als Katie im Krankenflügel mit rasant wachsenden Augenbrauen auftauchten, die ihr bald über das gesamte Gesicht wucherten, behauptete er stur, sie hätte sich an einem Zauber für volleres Haar ausprobiert, obwohl es vierzehn Augenzeugen gab, die beteuerten, dass sie den Slytherin-Hüter, Miles Bletchley, dabei gesehen hatten, wie er sie von hinten mit einem Zauber traf, während Katie in der Bibliothek arbeitete.

    Unsere Chancen standen meiner Meinung nach zwar nicht schlecht, aber das kontinuierlich schlechte Wetter machte mir mittlerweile etwas Sorgen. Auch war ich mir nicht sicher, wie Ron sein erstes Spiel überstehen wollte... Zugegeben, Ron war vielleicht noch nicht so gut wie Oliver Wood, aber er strengte sich mit einer gehörigen Verbissenheit an, sein Spiel zu verbessern. Wenn er nur nicht das Selbstvertrauen verlieren würde, sobald er mal einen Fehler auf dem Spielfeld gemacht hatte. Ich konnte mir aber gut vorstellen, woher er diese Schwäche hatte. Immerhin waren drei seiner großer Brüder enorm gute Quidditch-Spieler, vorallem Charlie, der ein ausgezeichneter Sucher gewesen war. Fred und Georges Sticheleien ihm gegenüber führten nun auch nicht wirklich dazu, dass Ron genug Selbstvertrauen in sich hatte und sich nicht als eine Enttäuschung ansah. Und das sah man auch an der Art, wie er nach einem kleinen Patzer spielte; er wurde nervös und verpasste dadurch eher noch mehr Bälle. Andererseits hatten wir auch schon gesehen, wie Ron, wie er mal wirklich in Form war, auf spektakuläre Art Tore verhindert hatte. Bei einem Training hatte er sich an einer Hand von seinem Besen hängen lassen und den Quaffel so hart vom Torring weggekickt, dass er über das ganze Feld flog und auf der gegenüberliegenden Seite durch den Mittelring schoss. Die anderen aus der Mannschaft meinten, das sei noch besser als die Leistung, die Barry Ryan, der irische Nationalkeeper, kurz zuvor gegen Polens Top-Jäger Ladislaw Zamojski gebracht hatte. Selbst Fred hatte eingeräumt, Ron könnte ihm und George eines Tages noch alle Ehre machen, und sie würden sich ernsthaft überlegen, ob sie nicht zugeben sollten, dass er mit ihnen verwandt war, was sie, wie sie Ron versicherten, seit vier Jahren abzustreiten versuchten.

    Der Morgen des Spiels zeigte sich von seiner kalten Seite. Draußen war es zwar bewölkt, aber wenigstens würden uns nicht hinaus in den Regen zwingen müssen. Die Große Halle war schon früh am Morgen belebt und das Stimmengewirr war lauter und die Stimmung ausgelassener als sonst. Mine und ich saßen schon am Gryffindor-Tisch, wo alle Rot und Gold trugen, und aßen Toast mit Marmelade und Rührei mit Speck, da ich ja etwas in den Magen bekommen müsse, bevor ich mich ins Spiel stürzte. Ich sah auf, als vom Slytherin-Tisch plötzlich ein Höllenlärm losbrach. Harry und Ron, der enorm beunruhigt wirkte, gingen gerade an ihnen vorbei. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Slytherins außer den üblichen grünen und silberfarbenen Schals und Hüten jeweils noch ein silberenes Abzeichen trugen, dessen Form an eine Krone erinnerte. Aus irgendeinem Grund winkten viele Slytherins Ron unter tosendem Gelächter zu, bevor Harry ihn zu uns herüber an den Tisch bugsierte, der sofort in Jubel ausbrach. Das Ganze schien Ron jedoch nicht aufzumuntern, sondern ihm stattdessen das letzte bisschen Kampfmoral zu nehmen. „Ich muss wahnsinnig gewesen sein, dass ich mich darauf eingelassen habe“, flüsterte er krächzend. „Wahnsinnig.“ „Ach, red doch keinen Unfug, Ron!“, sagte ich und schenkte ihm ein Glas Milch ein, das ihn hoffentlich beruhigen würde. „Stimmt. Du wirst das schon schaukeln. Dass man nervös wird, ist ganz normal.“, stimmte Harry mir in dem verzweifelten Versuch zu, Ron vor einem Nervenzusammenbruch zu bewahren. „Mich könnt ihr vergessen“, krächzte Ron. „Ich bin mies. Ich kann nicht mal spielen, wenn’s um mein Leben geht. Was hab ich mir bloß dabei gedacht?“ „Nun mach aber mal halblang“, sagte Harry streng. „Denk an diesen Ball, den du letztens mit dem Fuß abgewehrt hast, selbst Fred und George meinten, das war genial.“ „Das war Zufall“, wisperte Ron niedergeschlagen. „Das hatte ich gar nicht vor - ich bin vom Besen gerutscht, als ihr nicht hingesehen habt, und als ich wieder aufsteigen wollte, hab ich aus Versehen den Quaffel weggekickt.“ „Oh-... na ja“, meinte ich, „wenn du noch so ein paar Zufälle hinlegst, haben wir den Sieg schon in der Tasche.“

    Ginny setzte sich neben mich und griff sofort nach einem Teller Haferschleim und einer Karaffe mit Kürbissaft. „Wie geht’s dir?“, fragte sie Ron; dieser schaute den Milchtropfen aus dem Glas, das ich ihm vorher gegeben hatte, hinterher, während sie auf den Boden tropften, als wolle er sich in der Pfütze, die sich daraus auf dem Boden gebildet hatte, ertränken. „Er ist einfach nervös.“, sagte Harry. „Schön, das ist ein gutes Zeichen, ich persönlich hab immer den Eindruck, wenn ich nicht ein bisschen nervös bin, läuft es in den Prüfungen nicht ganz so gut“, sagte Mine aufmunternd.

    „Hallo“, sagte in diesem Moment eine verträumte Stimme hinter uns. Ich drehte mich lächelnd um; Luna war vom Ravenclaw-Tisch herübergeschwebt. Viele starrten sie an, einige lachten unverhohlen und deuteten mit dem Finger auf sie. Auf dem Kopf trug sie einen Hut, der wie ein großer Löwenkopf aussah. „Ich bin für Gryffindor“, sagte sie und deutete dabei überflüssigerweise auf ihren Hut. „Cooler Hut, Luna“, meinte ich grinsend. „Schaut mal, was der kann...“ Sie hob ihren Zauberstab und tippte gegen den Hut. Er öffnete sein weites Maul und stieß ein höchst realistisches Brüllen aus, das alle im Umkreis zusammenschrecken ließ. „Gut, was?“, sagte Luna fröhlich. „Ich wollte, dass er auch noch eine Schlange zerkaut, die Slytherin darstellen sollte, versteht ihr, aber dazu hatte ich keine Zeit mehr. Jedenfalls... viel Glück, Ronald!“ Und damit schwebte sie schon wieder davon. Wir hatten uns noch kaum von dem Schreck erholt, der Lunas Hut in uns ausgelöst hatte, als Angelina in Begleitung von Katie auf uns zugehastet kam. „Wenn ihr fertig seid“, verkündete sie, „gehen wir sofort runter zum Feld, schauen uns die Platzverhältnisse an und ziehen uns um.“ „Wir kommen gleich nach“, versicherte Harry ihr. „Ron sollte nur noch eine Kleinigkeit frühstücken.“

    Nach zehn Minuten war allerdings klar, dass Ron keinen einzigen Bissen hinunterbringen würde. Harry und ich warfen uns gegenseitig einen angespannten Blick zu und beschlossen, dass es doch das Beste war, mit Ron hinunter zu den Umkleideräumen zu gehen. Als wir aufstanden, zog mich Mine zur Seite und flüsterte eindringlich: „Lass Ron bloß nicht sehen, was auf diesen Slytherin-Abzeichen steht.“ „Was-?“ Doch Mine schüttelte warnend den Kopf, da Ron herüberkam, Harry im Schlepptau. „Viel Glück, Ron“, sagte Mine, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Und euch beiden euch.“, fügte sie schnell an Harry und mich gewandt hinzu. Auf meinen fragend grinsenden Gesichtsausdruck lief sie allerdings leicht rot an und wandte sich prompt wieder ihrem Frühstück zu.

    Als wir die Große Halle durchquerten, schien Ron langsam ein wenig Fassung zu gewinnen. Er berührte die Stelle seines Gesichtes, wo Mine in geküsst hatte, und blickte verdutzt drein, als wäre ihm nicht so ganz klar, was gerade geschehen war. Als er mich verwirrt ansah, höchstwahrscheinlich auf der Suche nach einer Erklärung, grinste ich nur breit und hielt den Mund. Mein Blick wanderte dann unbewusst zum Slytherin-Tisch hinüber, und ich hatte kurz eine gute Sicht auf die kronenförmigen Abzeichen und die Wort, die darauf eingeprägt waren:

    >Weasley ist unser King<

    In mir machte sich unmittelbar das Gefühl breit, dass diese Wort nichts Gutes zu bedeuten hatten. Um Ron davon abzuhalten, ebenfalls einen Blick auf die Abzeichen zu erhaschen, griff ich ihn schnell an Arm und lotste ihn zusammen mit Harry durch die Eingangshalle, die Steintreppe hinunter und hinaus in die eisige Luft. Das Gras, das vollkommen von frühmorgendlichem Reif bedeckt war, knirschte unter unseren schweren Schuhen, während wir den Rasenhang hinab zum Stadion eilten. Es war vollkommen windstill, und der Himmel war vereinzelt von Wolken bedeckt, sodass wir zwar eine gute Sicht haben würden, dabei aber nicht Gefahr liefen, von der Sonne geblendet zu werden.
    Als wir die Umkleidekabinen betraten, hatte sich Angelina bereits umgezogen und redete mit den anderen aus der Mannschaft. Auch Harry, Ron und ich zogen uns rasch um; Ron versuchte einige Minuten lang, seinen Umhang verkehrt herum anzuziehen, bis sich Katie schließlich erbarmte und ihm half. Bevor ich mich zu den anderen auf die Bänke setzte, flechtete ich meine Haare noch schnell zu einem Zopf und hörte dann der Einstimmung von Angelina zu, während das Stimmengewirr draußen immer lauter wurde, weil inzwischen ganze Scharen vom Schloss her zum Spielfeld zogen.

    „Okay, ich hab gerade erst die entgültige Aufstellung der Slytherins rausgekriegt“, sagte Angelina und blickte auf ein Stück Pergament. „Die Treiber von letztem Jahr, Derrick und Bole, sind raus, aber es sieht so aus, als hätte Montague sie durch die üblichen Gorillas ersetzt, und nicht durch Leute, die besonders gut fliegen können. Es sind zwei Typen namens Crabbe und Goyle, ich weiß nicht viel über die-...“ „Wir schon“, sagten Harry, Ron und ich im Chor; von den beiden konnten wir wirklich ein Lied singen. „Jedenfalls sehen die nicht so aus, als wären sie schlau genug zu unterscheiden, wo beim Besen vorne und hinten ist“, meinte Angelina und steckte ihr Pergament ein, „andererseits war ich auch immer überrascht, dass es Derrick und Bole geschafft haben, ohne Hinweisschilder den Weg zum Spielfeld zu finden.“ „Crabbe und Goyle sind vom gleichen Schlag“, versicherte ihr Harry. Wir hörten das Getrappel Hunderter Füße, die die Bankreihen der Tribünen über uns hochstiegen. Einige Zuschauer schienen zu singen, doch ich konnte den Text nicht verstehen. Mittlerweile war auch ich ein wenig nervös und mein Herz pochte aufgeregt, doch das war nichts im Vergleich zu Ron, der die Hand auf den Magen gepresst hatte und mit starrem Kiefer und blassgrauem Gesicht wieder stur geradaus sah. „Es ist so weit“, sagte Angelina mit gedämpfter Stimme und sah auf die Uhr. „Auf geht’s... viel Glück.“

    Tosender Lärm begrüßte uns, als wir nach draußen traten; noch immer war Gesang zu hören, der aber durch Gejohle und Pfiffe übertönt wurde. Die Mannschaft der Slytherins stand bereit und wartete auf uns. Auch sie trugen die silbernen kronenförmigen Abzeichen. Montague, der neue Kapitän, hatte eine Statur, die mich an Harrys Cousin Dudley erinnerte, mit massigen Unterarmen, die an haarige Schinkenkeulen erinnerten. Hinter ihm und fast so... dick wie er lauerten Crabbe und Goyle, die tumb blinzelten udn ihre neuen Schläger schwangen. An der Seite stand Draco, dessen weißblondes Haar im hellen Licht zu schimmern schien. Auch er trug eines dieser kronenförmigen Abzeichen an seiner Brust. Er überflog unser Quidditch-Team mit seinen Augen und blieb schließlich an mir hängen. Fast schien er ein schlechtes Gewissen zu haben, wie er mich so ansah, obwohl nicht ganz begriff weshalb. „Kapitäne, gebt euch die Hand“, befahl Madam Hooch, als Angelina Montague erreichte. Ich war mir ziemlich sicher, dass Montague versuchte, Angelinas Finger zu zerquetschen, doch sie zuckte nicht mit der Wimper. „Auf die Besen...“ Madam Hooch steckte die Pfeife in den Mund und blies hinein.

    Augenblicklich wurden die Bälle freigegeben und alle vierzehn Spieler schossen in die Höhe. Aus den Augenwinkeln bekam ich mit, wie Ron in Richtung Torringe davonschoss. Dann konzentrierte ich mich auf den Quaffel und schloss alles andere aus meinen Gedanken aus. „Und das ist Johnson - Johnson mit dem Quaffel, was für eine Spielerin ist dieses Mädchen, ich sag das schon seit Jahren, aber sie will immer noch nicht mit mir ausgehen-...“ „JORDAN!“, schrie Professor McGonagall. „Nur ‘ne Spaßnachricht, Professor, ist doch ganz interessant - und sie ist unter Warrington durch, hat Montague stehen lassen, sie - autsch - hat einen Klatscher von Crabbe von hinten abgekriegt... Montague fängt den Quaffel, Montague fliegt zurück übers Feld und - hübscher Klatscher von George Weasley, Klatscher an den Kopf von Montague, der lässt den Quaffel fallen, Katie Bell aus Gryffindor gibt einen Rückpass zu Olivia Rosier und Rosier ist auf und davon-...“ Ich ignorierte Lees Kommentare und den Rufen der Zuschauer, da mir der Wind heftig in den Ohren pfiff und raste in Richtung Torringe von Slytherin. „Sie saust an Warrington vorbei, weicht einem Klatscher aus - war knapp, Olivia - und die Leute lieben das, hören wir ihnen einfach mal zu, was singen sie denn?“ Und plötzlich war klar zu hören, was das grünsilberne Meer im Slytherin-Abschnitt sang:

    „Weasley fängt doch nie ein Ding,
    Schützt ja keinen einz’gen Ring,
    So singen wir von Slytherin:
    Weasley ist unser King.

    Weasley ist dumm wie’n Plumpudding,
    Lässt jeden Quaffel durch den Ring.
    Weasley sorgt für unsern Gewinn,
    Weasley ist unser King.“

    „Und Olivia gibt zurück zu Angelina!“, rief Lee, der jetzt versuchte den Gesang zu übertönen, was auch gut so war, denn in mir brodelte es wie in in einem Zauberkessel, dessen Feuer zu heiß geraten war. „Komm schon, Angelina - sieht aus, als wär sie frei vor dem Hüter! - SIE SCHIESST - SIE - aaaah...“ Verdammt! Bletchley, der Hüter der Slytherins, hatte den Schuss angewehrt; er warf den Quaffel zu Warrington, der damit im Zickzack zwischen Katie und mir davonraste, woraufhin wir die Verfolgung aufnahmen; der Gesang von unten wurde immer lauter, als Warrington sich Ron näherte.

    „Weasley ist unser King,
    Weasley ist unser King,
    Lässt jeden Quaffel durch den Ring.
    Weasley ist unser King.“

    Ich sah vor mir, wie Ron vor den drei Torringen hin und her schwebte, während der massige Warrington auf ihn zugerast kam. „Und da ist Warrington mit dem Quaffel, Warrington auf dem Weg zum Tor, außer Reichweite der Klatscher, hat nur noch den Hüter vor sich-...“ Der Gesang schwoll lautstark von den Slytherin-Bänken herauf:

    „Weasley fängt doch nie ein Ding,
    Schützt ja keinen einz’gen Ring...“

    „Das ist nun die erste Bewährungsprobe für den neuen Gryffindor-Hüter Weasley, Bruder der Treiber Fred und George und viel versprechendes neues Talent in der Mannschaft - komm schon, Ron!“ Aber der Freudenschrei kam von Seiten der Slytherins; Ron war hektisch in die Tiefe gestürzt, die Arme weit ausgebreitet, und der Quaffel war geradewegs hindurch in Rons Mittelring geschlossen. „Tor für Slytherin!“, drang Lees Stimme durch das Jubeln und Buhen der Menge unten, „also steht’s zehn zu null für Slytherin - einfach Pech, Ron.“ Die Slytherins sangen jetzt noch lauter:

    „WEASLEY IST DUMM WIE ‘N PLUMPUDDING;
    LÄSST JEDEN QUAFFEL DURCH DEN RING...“

    „Und Gryffindor ist wieder im Ballbesitz und Katie Bell prescht übers Feld-...“, rief Lee tapfer, doch der Gesang war jetzt so ohrenbetäubend, dass er sich kaum noch Gehör verschaffen konnte.

    „WEASLEY SORGT FÜR UNSERN GEWINN,
    WEASLEY IST UNSER KING...“

    Verzweifelt rauschte ich hinter Katie her und wich dabei knapp einem Klatscher aus; bei Merlin, hoffentlich verlor Ron sein Selbstbewusstsein nicht. Doch im Inneren wusste ich bereits, dass mein Hoffen vergebens war. Und der Chor, der jetzt durchs Stadion donnerte, schien mich darin zu bestätigen.

    „WEASLEY IST UNSER KING,
    WEASLEY IST UNSER KING...“

    „Und wieder hat ihn Warrington“, brüllte Lee, „der an Pucey abgibt, Pucey ist an Rosier vorbei, nun mach schon, Angelina, du packst ihn - also doch nicht - aber hübscher Klatscher von Fred Weasley, ich meine, George Weasley, ach, was soll’s, einer der beiden jedenfalls, und Warrington lässt den Quaffel fallen und Katie Bell - ähm - lässt ihn auch fallen - und jetzt wieder Montague mit dem Quaffel, Slytherin-Kapitän Montague fängt den Quaffel, und er fliegt davon, das Feld hoch, nun aber los, Gryffindor, lasst ihn auflaufen!“ Meine Finger verkrampften sich um den polierten Besenstiel, als ich hinter Montague herschoss und dabei versuchte einem Klatscher auszuweichen, der mich fast am Kopf erwischt und vom Besen geworfen hätte.

    „Und Pucey ist wieder an Olivia vorbei und auf direktem Weg zum Tor, halt ihn auf, Ron!“ Ich versuchte nicht hinzusehen, konnte mich gleichzeitig aber nicht davon abhalten. Von den Gryffindors kam ein fürchterliches Stöhnen, welches sich mit dem Geschrei und Applaus der Slytherins vermischte, als Ron den Quaffel um Längen verfehlte und auf seinem Besen nach unten trudelte.

    „SO SINGEN WIR VON SLYTHERIN,
    WEASLEY IST UNSER KING...“

    Verzweifelt versuchte ich mir einzureden, dass wir das Ganze noch herumdrehen könnten. Zwanzig zu null war nichts, wir hatten immer noch Zeit, aufzuholen... ich hoffte einfach nur, dass Harry schnell den Schnatz fangen würde. Aber Ron ließ zwei weitere Bälle durch. Vierzig zu null. Das konnte doch nicht wahr sein. Der Wind schlug mir heftig ins Gesicht, während ich mit Angelina hinter dem Quaffel her jagte.
    „Und Katie Bell von Gryffindor umfliegt Pucey, täuscht Montague an, hübscher Schlenker, Katie, sie wirft hinüber zu Rosier, Rosier mit einem Rückpass zu Johnson, Angelina Johnson übernimmt den Quaffel, sie ist an Warrington vorbei, auf dem Tor, nun mach schon, Angelina - TOR FÜR GRYFFINDOR! Es steht vierzig zu zehn, vierzig zu zehn für Slytherin und Pucey hat den Quaffel...“ Aus der Menge konnte ich Lunas Löwenhut brüllen hören, welcher mir wieder Mut machte. Wir lagen nur noch dreißig Punkte im Rückstand, wir konnten das schaffen. „Pucey wirft zu Warrington, Warrington zu Montague, Montague zurück zu Pucey - Johnson greift ein, Johnson übernimmt den Quaffel, Johnson an Bell, das sieht gut aus - ich meine, schlecht - ein Klatscher von Goyle aus Slytherin trifft Bell und wieder ist Pucey im Ballbesitz..“

    „WEASLEY IST DUMM WIE ‘N PLUMPUDDING,
    LÄSST JEDEN QUAFFEL DURCH DEN RING.
    WEASLEY SORGT FÜR UNSERN GEWINN...“

    Ich jagte gerade hinter Pucey her, als plötzlich ein lauter Pfiff von Madam Hooch ertönte. Der Schnatz war also gefangen worden. Nur von wem? Ich lenkte meinen Nimbus nach unten zum Spielfeld; Harry lag mit dem Rücken auf dem gefrorenen Feld, den Schnatz in den Fingern haltend und es sah ganz so aus, als ob ihn ein Klatscher von hinten getroffen hatte. Von den Tribünen ertönten Buhrufe, Zorngeschrei und höhnisches Gelächter, während Madam Hooch rasch auf ihn zulief. Ich folgte ihr mit den anderen aus dem Team. Madam Hooch half Harry dabei, sich hochzuziehen, während wir auf ihn zuliefen. „Es war Crabbe, dieser gemeine Hund“, sagte Angelina zornig, „der hat den Klatscher genau in dem Moment auf dich geschleudert, als er sah, dass du den Schnatz hattest - aber wir haben gewonnen, Harry, wir haben gewonnen!“ Ich grinste erleichtert; ich konnte immer noch nicht glauben, dass das Spiel eine solche Wende machen konnte, und auch Harry schien das in diesem Moment klar geworden zu sein. Unsere Freude wurde nur durch Draco unterbrochen, dessen Gesicht zwar bleich vor Zorn war, allerdings aber immer noch ein höhnisches Grinsen zustande brachte. „Hast Weasley den Hals gerettet, was?“, fragte er Harry. „Ich hab noch keinen miserableren Hüter gesehen... aber er ist ja >dumm wie’n Plumpudding<... hat dir mein Lied gefallen, Potter?“

    In diesem Moment hätte ich ihm wirklich am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Wie konnte er so etwas nur sagen? Oh, das würde ich Draco so schnell nicht verzeihen... Harry erwiderte zum Glück nichts, sondern wandte sich unseren Mannschaftskameraden zu, die lachten, brüllten und siegestrunken die Fäuste in die Luft stießen; alle, bis auf Ron, der drüben bei den Torstangen von seinem Besen gestiegen und in Richtung Umkleideraum gegangen war. „Wir wollten eigentlich noch ein paar Verse schreiben!“, rief Draco über das Spielfeld, während Katie Harry stürmisch um den Hals fiel. „Aber wir haben keine Reime auf >fett< und >hässlich< gefunden - wir wollten was über seine Mutter singen, verstehst du-...“ „Dem sind eben die Trauben viel zu sauer“, sagte Angelina und warf Draco einen angewiderten Blick zu. „Und >nichtsnutziger Verlierer< konnten wir auch nicht einbauen - für seinen Vater, weißt du-...“

    Fred und George schien inzwischen klar geworden zu sein, worüber Draco hier redete. Mitten im Jubeln erstarrten sie und drehten sich zu Draco um. „Lass ihn!“, sagte Angelina sofort und griff nach Freds Arm. „Lass ihn, Fred, lass ihn schreien, der ist nur beleidigt, weil er verloren hat, der aufgeblasene kleine-...“ „Aber du magst die Weasleys, nicht wahr, Potter?“, höhnte Draco, während seine Stimme immer lauter und lauter wurde. „Verbringst deine Ferien bei denen, stimmt’s? Ich versteh nicht, wie du den Gestank aushalten kannst, aber ich vermute mal, wenn du bei Muggeln aufgewachsen bist, riecht sogar die Bruchbude der Weasleys ganz erträglich-...“ Instinktiv packten Angelina, Katie und ich Fred am Umhang, um ihn davon abzuhalten, auf Draco loszugehen. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Harry George gepackt hatte, der versucht, sich freizuringen. „Oder vielleicht“, sagte Draco und wich mit einem Seitenblick zurück, „vielleicht weißt du noch, wie das Haus von deiner Mutter gestunken hat, Potter, und der Saustall bei den Weasleys erinnert dich daran-...“

    Und damit war es geschehen; im nächsten Moment stürzten sich Harry und George auf Draco. Nur allzu gerne wäre ich ihnen dabei behilflich gewesen, Draco eine Abreibung zu verpassen, die sich gewaschen hatte, aber die beiden hatten wohl vergessen, das alle Lehrer ihnen dabei zusahen. „Harry!“, schrie ich, um ihn nicht in sein Verderben rennen zu lassen. Bei Merlin, das würde Konsequenzen haben! „HARRY! GEORGE! NEIN!“ Draco schrie, George fluchte und sie hörten nicht damit auf, auf Draco einzuprügeln, als eine Pfeife gellte und Madam Hooch sich näherte. Erst als diese „>Impedimenta<!“ rief und die Kraft des Zaubers Harry zu Boden zwang, versuchte er nicht mehr, auf jeden einzigen Zentimeter Dracos einzuschlagen. „Was tun Sie da?“, schrie Madam Hooch vollkommen entsetzt, als Harry aufsprang. Draco krümmte sich auf den Boden; er wimmerte, stöhnte und blutete aus der Nase. George hatte ine geschwollene Lippe; Angelina, Katie und ich hielten Fred noch immer mit unseren Leibeskräften fest und Crabbe gackerte tatsächlich zufrieden im Hintergrund. „Ein solches Verhalten ist mir noch nie untergekommen - zurück ins Schloss, Sie beide, und schnurstracks ins Büro Ihrer Hauslehrerin! Marsch! Sofort!“

    „Spielverbot“, sagte Angelina spät am selben Abend im Gemeinschaftsraum. „Bei Merlin, Spielverbot. Keinen Sucher und keine Treiber mit Spielverbot auf Lebenszeit... was um Himmels willen sollen wir jetzt tun?“ Keiner von uns hatte wirklich das Gefühl, dass wir das Spiel gewonnen hatten. Überall im Gemeinschaftsraum saßen Schüler mit trostlosen und wütenden Gesichtern; die gesamte Mannschaft saß um das Feuer, außer Ron, den wir schon seit Spielende nicht mehr gesehen hatten. „Das ist einfach nur ungerecht“, sagte ich wie betäubt. Ich wollte immer noch nicht wahrhaben, dass wir jetzt ohne Treiber und Sucher dastanden. „Ich meine, was ist denn mit Crabbe und diesem Klatscher, den er auf Harry geschossen hat, nachdem Madam Hooch schon abgepfiffen hat? Er hat bestimmt kein Spielverbot bekommen, so wie wir die pinke Sabberhexe kennen!“ „Nein“, bestätigte Ginny betrübt; sie und Mine saßen neben Harry, um uns Beistand zu leisten. „Der muss als Strafe nur Sätze schreiben, ich hab gehört, wie Montague beim Abendessen drüber gelacht hat.“ „Und ich kann nicht fassen, dass Fred auch noch Spielverbot kriegt, obwohl er gar nichts getan hat!“, sagte ich wütend und stützte frustriert den Kopf auf die angezogenen Knie. „Das ist nicht meine Schuld“, meinte Fred mit einem Gesichtsaudruck, als würde er Umbridge am liebsten einen >Avada Kedavra<- Fluch auf den Hals jagen oder ihr den Kuss eines Dementors wünschen. „Ich hätte diesen kleinen Schleimbeutel zu Brei geschlagen, wenn ihr drei mich nicht zurückgehalten hättet.“ „Ich geh zu Bett“, sagte Angelina und erhob sich langsam, als wäre sie in Trance. „Vielleicht stellt sich das alles ja nur als böser Traum heraus... vielleicht wache ich morgen auf und bemerke, dass wir noch gar nicht gespielt haben...“

    Nicht lange, und Katie folgte ihr betrübt. Fred und George gingen einige Zeit später ins Bett und warfen allen, an denen sie vorbeikamen, einen finsteren Blick zu; bald ging auch Ginny. Nur Harry, Mine und ich blieben am Kamin sitzen. „Habt ihr Ron gesehen?“, fragte Mine mit leiser Stimme. Harry und ich schüttelten stumm den Kopf. „Ich glaub, er geht uns aus dem Weg“, sagte Mine. „Wo, denkt ihr, ist-...“ Doch genau in diesem Moment hörten wir hinter uns einen Knarren, da die fette Dame nach vorne schwang und Ron durch das Porträtloch hereingekletter kam. Er wirkte ausgesprochen blass und hatte Schnee in den Haaren, da es mittlerweile draußen zu Schneien begonnen hatte. Als er uns sah, blieb er wie angewurzelt stehen. „Wo warst du?“, fragte Mine besorgt und sprang auf. „Spazieren“, murmelte Ron. Noch immer trug er seine Quidditch-Sachen. „Du siehst erfroren aus“, sagte Mine. „Komm uns setz dich!“

    Ron ging zum Kamin und ließ sich in den am weitesten von Harry entfernten Sessel sinken, ohne ihn anzusehen. „Tut mir leid“, murmelte Ron und betrachtete seine Füße. „Was tut dir leid?“, fragte ich vorsichtig. „Das ich dachte, ich könnte Quidditch spielen“, antwortete Ron. „Morgen früh tret ich als Erstes aus der Mannschaft aus.“ „Wenn du austrittst“, meinte Harry gereizt, „dann sind nur noch drei Spieler übrig.“ Als Ron ihn verdutzt ansah, fügte er schnell hinzu: „Ich hab lebenslanges Spielverbot. Fred und George auch.“ „Was?“, japste Ron. Mine und ich erzählten ihm die ganze Geschichte; Harry brachte es offensichtlich nicht über sich, alles noch einmal zu erklären. Als wir fertig waren, wirkte Ron nur noch gequälter. „Das ist alles meine Schuld-...“ „Du hast mich nicht gezwungen, Malfoy zu verprügeln“, unterbrach Harry ihn zornig. „Wenn ich nicht so mies im Quidditch wäre-...“ „Das hat damit nichts zu tu.“ „Es war dieses Lied, das mich fertiggemacht hat-...“ „Das hätte jeden fertig gemacht-...“

    Mine stand auf und trat ans Fenster, während Harry und Ron sich stritten. „Hör mal, es reicht jetzt, verstanden!“, platzte Harry heraus. „Es ist schon schlimm genug, da musst du dir nicht auch noch die Schuld an allem geben!“ Ron sagte nichts, sondern saß nur stumm da und starrte unglücklich auf seinen nassen Umhang. „Bitte streitet euch nicht deswegen, Jungs, bitte. Das ist das Letzte, was wir jetzt brauchen.“, flüsterte ich unglücklich. Ron sah mich trübselig an. „Tut mir leid. So schlecht hab ich mich noch nie im Leben gefühlt.“ „Willkommen im Klub“, sagte Harry bitter. „Geht mir genauso.“, murmelte ich. „Hört mal“, warf Mine ein und ihre Stimme zitterte leicht. „Ich weiß etwas, das euch wieder aufmuntern wird.“ „Ach ja?“, erwiderte Harry skeptisch. „Ja“, sagte Mine und drehte sich zu uns um. Ein breites Lächeln zog sich über ihr Gesicht. „Hagrid ist wieder da.“

    28
    28. Kapitel

    Harry und Ron warteten schon wenige Minuten später auf Mine und mich im Gemeinschaftsraum, den Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers unter den Arm geklemmt. Ron schnalzte ungeduldig mit der Zunge, als wir mit Schal, Handschuhen und Mützen ausstaffiert die Treppe herunterkamen. („Na ja, draußen ist es eben kalt!“, sagte Mine trotzig, als sie Rons Blick sah.) Wir krochen durch das Porträtloch; Harry, Ron und Mine hüllten sich schnell in den Tarnumhang, während ich meine Animagus-Gestalt annahm. Dann machten wir uns daran, hastig das Schloss zu verlassen. Wir hatten Glück: wir liefen Filch in Begleitung seiner geliebten Mrs. Norris nicht über den Weg. Nur der Fast Kopflose Nick schwebte einmal geistesabwesend an uns vorbei und summte dabei etwas, das verdächtig nach „Weasley ist unser King“ klang. Wir schlichten durch die menschenleere Eingangshalle und hinaus auf die stillen, verschneiten Schlossgründe. Tatsächlich erspähten wir eine Rauchfahne, die aus Hagrids Kamin emporstieg. Aufgeregt rannten wir durch den tiefen Schnee, bis wir endlich die hölzerne Tür zu Hagrids Hütte erreicht hatten. Als Harry die Faust hob und dreimal klopfte, fing ein Hund drinnen an wie wild zu bellen. „Hagrid, wir sind’s!“, rief Harry durch das Schlüsselloch. „Hätt’s mir denken können!“, erwiderte eine raue Stimme, die recht erfreut klang. „Bin grad mal drei Sekunden zu Haus... aus’m Weg, Fang... aus’m Weg, du tranige Töle...“ Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Tür ging knarrend auf und Hagrids Kopf erschien im Spalt.

    Mine schrie auf. „Beim Merlinesbart, sei leise!“, sagte Hagrid rasch und spähte hektisch umher. „Unterm Umhang seid ihr? Gut, kommt rein, kommt rein! Du auch, Olivia!“, fügte er mit Blick auf meine Katzengestalt hinzu. „Tut mir leid“, keuchte Mine, als wir uns vorbei in die Hütte drängten, die drei den Tarnumhang wegzogen und mich zurück zu meiner normalen Gestalt verwandelte. „Ich hab mir nur - oh, Hagrid!“ „Is’ nichts, is’ nichts!“, versicherte ihr Hagrid eilends, schloss die Tür hinter uns und zog schleunigst alle Vorhänge zu, aber Mine starrte ihn weiterhin entsetzt an.
    Hagrids Haar war mit geronnenem Blut verklebt und sein linkes Auge war nur noch ein geschwollener Schlitz inmitten einer Masse violetter Blutergüsse. Auf Gesicht und Händen hatte er viele Schnittwunden, von denen manche noch bluteten, und er bewegte sich vorsichtig, als habe er sich einige Rippen gebrochen. „Was ist mit dir passiert, Hagrid?“, fragte ich bestürzt. „Habt’s doch schon gehört, nichts“, sagte Hagrid nachdrücklich. „Wollt ihr ‘ne Tasse Tee?“ „Nun, mach uns mal nichts vor“, erwiderte Ron, „du siehst ja fürchterlich aus!“ „Ich sag euch doch, ‘s is’ alles in Ordnung mit mir“, versichterte Hagrid, richtete sich auf, drehte sich um und wollte uns breit anlächeln, zuckte dann aber zusammen. „Verdammich, is’ gut, euch mal wiederzusehn - schönen Sommer gehabt?“ „Du siehst nicht gerade so aus, als wäre alles in Ordnung mit dir“, sagte ich, nicht im Geringsten überzeugt. „Hagrid, du bist angegriffen worden!“, meinte Harry. „Zum letzten Mal, ‘s is’ nichts!“, entgegnete Hagrid entschieden. „Würdest du auch sagen, es ist nichts, wenn jemand von uns mit ‘nem Pfund Hackfleisch als Gesicht auftauchen würde?“, fragte Ron ironisch. „Du sollltest gleich zu Madam Pomfrey gehen, Hagrid“, sagte Mine besorgt, „ein paar von diesen Schnittwunden sehen übel aus.“ „Ich werd schon damit fertig klar?“, erwiderte Hagrid barsch.

    Er ging hinüber zu dem großen Holztisch, der mitten in der Hütte stand, und zog ein Handtuch, das darauf lag, beiseite. Darunter kam ein rohes, blutiges Steak zum Vorschein, ein wenig breiter als der Durchmesser eines bauchigen Kessels. „Das willst du doch nicht etwa essen, Hagrid?“, fragte Ron und beugte sich vor, um es näher betrachten zu können. „Das sieht giftig aus.“ „So soll’s auch sein, ‘s is’ Drachenfleisch“, meinte Hagrid. „Un’ ich hab’s mir nicht zum Essen besorgt.“ Er nahm das Steak in die Hand und klatschte es sich auf die linke Gesichtshälfte. Grünliches Blut tröpfelte ihm in den Bart, während er leise und zufrieden aufstöhnte. „Is’ schon besser. Hilft gegen’s Brennen, versteht ihr.“ „Wie sieht’s aus, erzählst du uns jetzt, was mit dir passiert ist?“, fragte Harry. „Kann nich, Harry. Top secret. Werd mein’ Job nicht riskieren und’s euch erzählen.“

    Ich erinnerte mich noch dumpf an unser erstes Schuljahr, in dem Hagrid uns auch einige wichtige Dinge erzählt hatte, die eigentlich geheim bleiben sollte. Wir schafften es tatsächlich, den Verlauf von Hagrids Sommer aus ihm herauszukitzeln (was nicht sonderlich schwer war). Hagrid war zusammen mit Madam Maxime nach Frankreich gereist, wo sie sich wie Muggel verhalten mussten, da sie, wie sollte es auch anders sein, vom Ministerium beschattet wurden. Sie hatten ihren Verfolger allerdings in der Nähe von Dijon abgeschüttelt und waren dann in die Berge nahe Nantes gestiegen. Dort waren sie auf ein Lager von achtzig Riesen getroffen, alle um die sechs Meter groß. Hagrid und Madame Maxime hatten dem Anführer der Riesen, dem Gurg, wie Hagrid uns erklärte, Geschenke gebracht. Zuerst einen Ableger vom Gubraith-Feuer, dem ewigen Feuer, dann einen unzerstörbaren, koboldgefertigten Schlachthelm. Der Gurg hatte sich über die Geschenke von Dumbledore gefreut und die Riesen schienen offenbar auf unserer Seite zu sein. In der nächsten Nacht wurde der alte Gurg in einem Kampf getötet; trotz ihrer Angst gingen Hagrid und Madame Maxime am nächsten Morgen zum neuen Gurg. Ab dann lief alles schief. Der neue Gurg griff sich Hagrid und hing ihn an den Füßen kopfüber in die Luft. Madame Maxime hatte ihn mit einem Konjunktivitis-Fluch herausgeholt, aber dadurch bekamen sie Ärger mit den Riesen. Sie mussten fliehen, da klar war, dass sie nun keine Chance mehr hatten. Ganz im Gegensatz zu einigen Todessern, die dem neuen Gurg ebenfalls Geschenke brachten. Dieser hatte den Todessern offenbar von Hagrid und Madame Maxime erzählt, denn danach suchten die Todesser in der Nacht die Berge nach ihnen ab. Hagrid und Madame Maxime fanden drei Nächte nach der Ermordung des alten Gurgs einige Riesen in eine Höhle, die sie von unseren Absichten überzeugen konnten. Insgesamt hatten sie sechs oder sieben Stück überzeugt.

    „Sechs oder sieben?“, sagte Ron aufgeregt. „Na ja, das ist nicht schlecht - kommen die jetzt hierher und fangen an, mit uns gegen Du-weißt-schon-wen zu kämpfen?“ Hagrid sah uns traurig an. „Die anderen Riesen unter dem neuen Gurg haben die Höhlen überfallen. Die Überlebenden wollten danch nichts mehr mit uns zu tun haben.“ „Also... also kommen gar keine Riesen?“, fragte Ron enttäuscht. „Ne“, sagte Hagrid und seufzte schwer, „aber wir haben erledigt, war wir vorhatten, wir haben Dumbledores Botschaft überbracht, und ich denke, manche von denen, die’s gehört haben, werden sich dran erinnern. Wer weiß, vielleicht ziehen die, die nicht bei dem neuen Gurg bleiben wollen, fort aus den Bergen, und möglicherweise erinnern sie sich ja, dass Dumbledore freundlich zu ihnen war... könnt sein, dass sie kommen.“ Der Raum hüllte sich in angespanntes Schweigen. Ich drehte mich hinüber zum Fenster, das mittlerweile einschneite. „Hagrid?“, fragte Mine nach einer Weile leise. „Mmmm?“ „Hast du... war da irgendeine Spur von... hast du irgendwas von deiner... deiner Mutter gehört, während du dort warst?“ Hagrid sah sie starr an und Mine wirkte plötzlich sehr beklommen. „Verzeihung... ich... schon gut-...“ „Tot“, brummte Hagrid. „Vor Jahren schon gestorben. Ham sie mir gesagt.“ „Oh... das... tut mir leid“, entgegnete Mine mit sehr leiser Stimme. Hagrid zuckte mit den massigen Schultern. „Macht nichts“, sagte er knapp. „Kann mich sowieso kaum an sie erinnern. War nicht die beste aller Mütter.“
    Wir schwiegen wieder. Mine warf Harry, Ron und mir abwechselnd nervöse Blicke zu, als erwarte sie, dass wir etwas sagten. „Aber du hast immer noch nicht erklärt, weshalb du so zugerichtet bist, Hagrid“, sagte Ron und deutete auf Hagrids blutverschmiertes Gesicht. „Oder warum du so spät zurückkommst“, fügte Harry hinzu. „Sirius meint, Madame Maxime sei schon ewig lange wieder da-...“ „Wer hat dich angegriffen?“, fragte ich. „Ich wurd nicht angegriffen!“, sagte Hagrid nachdrücklich. „Ich-...“

    Aber seine weiteren Worte gingen in einem plötzlichen Gepolter an der Tür unter. Mine keuchte entsetzt; der Becher rutschte ihr aus den Fingern und zerschellte auf dem Boden; Fang jaulte. Wir starrten wie gebannt auf das Fenster neben der Tür. Der Schatten einer kleinen, gedrungenen Gestalt kräuselte isch über den dünnen Vorhang. „Das ist sie!“, flüsterte Ron entgeistert. „Darunter!“, sagte Harry rasch; ich verwandelte mich hastig zurück in eine Katze, während Harry den Tarnumhang; zusammen mit Mine und Harry kroch ich darunter, Ron kam um den Tisch geflitzt und tauchte ebenfalls darunter. Dicht beieinander drängten wir uns in eine Ecke zurück. Fang bellte wie verrückt die Tür an. Hagrid schien gründlich verwirrt. „Hagrid versteck unsere Becher!“ Hagrid packte unsere Becher und legte sie unter das Kissen in Fangs Korb. Dieser sprang nun immer wieder an der Tür hoch. Hagrid schob ihn zur Seite und öffnete.

    Umbridge stand vor der Tür, in ihrem grünen Tweedmantel (ich fand, dass er gut zu ihrem krötenartigem Aussehen passte) und mit einem passenden Hut mit Ohrenschützern. Mit geschürzten Lippen lehnte sie sich zurück, damit sie Hagrids Gesicht sehen konnte; sie reichte ihm kaum bis zum Nabel. „So“, sagte sie langsam und laut, als ob sie mit einem Tauben reden würde. „Sie sind Hagrid, nicht wahr?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, kam sie in die Hütte und ihre Glubschaugen sahen sich aufmerksam überall um. „Weg da“, fauchte sie und schlug mit der Handtasche nach Fang, der an ihr hochgesprungen war und ihr das Gesicht ablecken wollte. „Ähm - ich will ja nicht unhöflich sein“, sagte Hagrid und starrte sie verwirrt an, „aber wer zum Teufel sind Sie eigentlich?“
    „Mein Name ist Dolores Umbridge.“ Ihre Augen suchten die hütte ab. Zweimal starrte sie direkt in die Ecke, in der wie zusammengedrückt unter dem Tarnumhang standen. „Dolores Umbridge?“, fragte Hagrid und klang völlig ratlos. „Ich dacht, Sie wär’n vom Ministerium - arbeiten Sie nicht für Fudge?“ „Ich war Erste Untersekretärin des Ministers, ja“, erwiderte Umbridge und schritt nun in der Hütte auf und ab. „Ich bin jetzt Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste-...“ „Da sin’ Sie aber mutig“, sagte Hagrid. „Gibt gar nicht mehr so viele, die den Job machen woll’n.“ „Und Großinquisitorin von Hogwarts“, sagte Umbridge ohne ein Zeichen, dass sie ihn gehört hatte. „Was’n das?“, fragte Hagrid stirnrunzelnd. „Genau das wollte ich Sie auch fragen“, sagte Umbridge und deutete auf die Porzellanscherben am Boden, die einmal Mines Becher gewesen waren.

    „Oh“, meinte Hagrid mit einem gar nicht hilfreichen Blick in der Ecke, in der wir verborgen standen, „oh... das war... war Fang. Hat ‘nen Becher kaputtgemacht. Hab dafür den nehmen müssen.“ Hagrid deutete auf den Becher, aus dem er getrunken hatte, während er sich mit der anderen Hand weiterhin das Drachensteack auf sein Auge presst. Umbridge stand jetzt direkt vor ihm und prüfte anstatt der Hütte jede Einzelheit an Hagrids Aussehen. „Ich habe Stimmen gehört“, sagte sie ruhig. „Ich hab mit Fang geredet“, erwiderte Hagrid schnell. „Und er hat ihnen geantwortet?“ „Nun... wie man’s nimmt“, sagte Hagrid mit sichtlichem Unbehangen. „Manchmal sag ich, der Fang, der is’ fast wie ‘n Mensch-...“ „Im Schnee sind Fußspuren und sie führen vom Schlossportal zu Ihrer Hütte“, sagte Umbridge ölig. Mine keuchte; Mine schlug ihr schnell die Hand vor den Mund. Merlin sei Dank schnüffelte Fang gerade lautstark von Professor Umbridges Umhang und sie hatte offenbar nichts gehört. „Tja, ich bin grad erst zurückgekommen“, sagte Hagrid und schwenkte seine gewaltige Hand in Richtung Provianttasche. „Vielleicht wollt vorher jemand zu Besuch kommen und ich hab sie verpasst.“ „Es führen keine Fußspuren von Ihrer Hütte weg.“ „Also... ich hab keine Ahnung, wie das kommen kann...“, sagte Hagrid, zupfte nervös an seinem Bart herum und spähte erneut in unsere Ecke, als wolle er uns um Hilfe bitten. „Ähm...“

    Umbridge wirbelte herum, schritt die ganze Hütte ab und sah sich dabei genau um. Sie bückte sich und spähte unters Bett. Sie öffnete Hagrids Schränke. Sie kam an uns vorbei; wir hatten uns an die Wand gedrückt; zwischen uns und Umbridge lagen nur fünf Zentimeter Entfernung. Nachdem sie sorgfältig den riesigen Kessel inspiziert hatte, den Hagrid zum Kochen benutzte, wirbelte sie wieder herum und fragte: „Was ist mit Ihnen passiert? Wie haben Sie sich diese Verletzungen zugezogen?“ Hagrid ließ hastig das Drachensteak von seinem Gesicht sinken, was ein großer Fehler war. Jetzt waren die schwarzvioletten Blutergüsse deutlich zu sehen. „Oh... ich hatte ‘nen kleinen Unfall“, sagte er lahm. „Was für einen Unfall?“ „Ich - ich bin gestolpert.“ „Sie sind gestolpert“, wiederholte sie kühl. „Ja, genau. Über... über den Besen von ‘nem Freund. Ich selbst, ich flieg ja nicht. Na ja, Sie sehn, wie groß ich bin, ich schätz nich, dass es einen Besen gibt, der mich tragen würd. Freund von mir züchtet Abraxas-Pferde, keine Ahnung, ob Sie schon mal welche gesehn ham, riesige Viecher, mit Flügeln, wissen Sie, ich hab eins von denen mal kurz geritten, und das war-...“ „Wo sind Sie gewesen?“, unterbrach Umbridge kühl Hagrids Gebrabbel. „Wo bin ich-?“ „Gewesen, ja“, sagte sie. „Das Schuljahr hat vor zwei Monaten begonnen. Eine Lehrerin musste für Sie einspringen. Keiner Ihrer Kollegen war in der Lage, mir irgendwelche Informationen über Ihren Aufenthaltsort zu geben. Sie haben keine Adresse hinterlassen. Wo sind Sie gewesen?“

    Eine Pause trat ein; ich konnte schier hören, wie Hagrids Gehirn fieberhaft arbeitete. „Ich - ich war weg aus gesundheitlichen Gründen“, antwortete er. „Aus gesundheitlichen Gründen“, sagte Umbridge. Ihre Augen wanderten über Hagrids entstelltes und geschwollenes Gesicht. „Verstehe.“ „Jaaa“, sagte Hagrid. „’n bisschen frische Luft schnappen, wiss’n Sie-...“ „Ja, als Wildhüter kommt man ja so selten an die frische Luft“, meinte Umbridge zuckersüß. „Na ja - mal was andres sehen, verstehn Sie-...“ „Die Bergwelt?“, sagte Umbridge rasch. Bei Merlins Bart! Woher wusste sie das nur? „Bergwelt?“, wiederholte Hagrid und überlegte offenbar schnell. „Von wegen. Ich steh auf Südfrankreich. Bisschen Sonne... und Meer.“ „Wirklich?“, sagte Umbridge. „Sie sind aber nicht gerade braun geworden.“ „Jaa... nun... ich hab ‘ne empfindliche Haut“, erwiderte Hagrid und versuchte ein einnehmendes Lächeln, wobei mir auffiel, dass zwei seiner Zähne fehlten. Umbridge sah ihn kalt an; sein Lächeln gefror. Dann schob sie ihre Handtasche etwas höher in die Armbeuge und sagte: „Natürlich werde ich den Minister über Ihre verspätete Rückkehr unterrichten.“ „Verstehe“, erwiderte Hagrid und nickte. „Sie sollten auch wissen, dass es meine leidige, aber notwendige Pflicht als Großinquisitorin ist, bei meinen Lehrerkollegen Inspektionen durchzuführen. Daher würde ich meinen, wir sehen uns recht bald wieder.“ Sie wandte sich abrupt um und schritt zur Tür zurück. „Sie inspizier’n uns?“, erwiderte Hagrid verdutzt und sah ihr nach. „Oh ja“, meinte Umbridge sanft und wandte sich, die Hand auf der Türklinke, zu ihm um. „Das Ministerium ist entschlossen, nicht zufrieden stellende Lehrer auszujäten, Hagrid. Gute Nacht.“ Sie ging hinaus und ließ die Tür hinter sich zufliegen. Harry wollte gerade den Tarnumhang runterziehen, da packte ihn Mine am Handgelenk. „Noch nicht“, flüsterte sie. „Vielleicht steht sie noch draußen.“

    Hagrid schien Ähnliches zu denken; er stapfte durch seine Hütte und zog den Vorhang ein paar Zentimeter zur Seite. „Sie geht zurück zum Schloss“, sagte er mit leiser Stimme. „Grundgütiger... inspiziert die Leute, is’ das wahr?“ Harry zog den Umhang herunter, während ich mich wieder zurück in einen Menschen verwandelte. „Leider ja, Hagrid“, meinte ich bedrückt. „Professor Trelawney ist schon auf Bewährung...“ „Ähm... was hast du denn so geplant für unsere Klasse, Hagrid?“, fragte Mine. „Ach, mach dir darüber keine Sorgen, ich hab schon ‘ne ganze Menge Stunden vorbereitet“, sagte Hagrid begeistert. „Ich hab mir ‘n paar Geschöpfe für euer ZAG-Jahr aufgespart; wartet nur ab, die sin’ was ganz Besonders.“ „Ähm - was meinst du damit?“, fragte ich besorgt. „Verrat ich nich“, sagte Hagrid fröhlich. „Will euch ja die Überraschung nicht verderben.“ „Hör mal, Hagrid“, drängte Mine. „Professor Umbridge wird es überhaupt nicht gutheißen, wenn du etwas zu Gefährliches mit in den Unterricht bringst.“ „Gefährlich?“, sagte Hagrid und machte einen belustigten Gesichtsausdruck. „Sei nicht albern, ich würd euch doch nichts Gefährliches mitbringen! Also gut, zugegeben, die können schon für sich selbst sorgen-...“ „Hagrid, du musst die Inspektion von Umbridge bestehen, und da wär’s wirklich besser, wenn sie sehen würde, dass du uns beibringst, wie man sich um Porlocks kümmert oder wie man Knarle und Igel unterscheiden kann, so Zeug eben!“, entgegnete Mine ernst. „Aber das is’ nicht sonderlich interessant, Hermine“, sagte Hagrid. „Das, was ich hab, das macht viel mehr her. Ich kümmer mich schon seit Jahren um sie, ich vermut mal, ich hab die einzige zahme Herde in Britannien.“ „Hagrid... bitte...“, sagte Mine und echte Verzweiflung war in ihrer Stimme zu erkennen. „Umbridge sucht nach irgendwelchen Ausreden, um Lehrer loszuwerden, von denen sie glaubt, sie stünden Dumbledore zu nah. Bitte, Hagrid, bring uns irgendwas Langweiliges bei, das sicher in den ZAGs drankommt.“

    Doch Hagrid kümmert nur herzhaft und sah sehnsüchtig zu dem riesigen Bett in der Ecke. „Hör ma’, war’n langer Tag und ‘s schon spät“, sagte er und tätschelte Mine freundschftlich die Schulter. „Schau ma’, nu mach dir mal keine Sorgen um mich, ich versprech dir, ich plan wirklich gute Sachen für euren Unterricht, jetzt, wo ich wieder da bin... und ihr geht jetzt am besten wieder hoch zum Schloss, und vergesst nicht, die Fußspuren hinter euch zu verwischen!“

    „Keine Ahnung, ob er eigentlich begriffen hat, was du meintest“, sagte Ron kurze Zeit später, nachdem wir geprüft hatten, ob die Luft rein war, und durch den Schnee zurück zum Schloss gingen, wobei sie diesmal dank eines Tilgzaubers keine Spuren hinterließen. „Dann geh ich eben morgen noch mal zu ihm“, sagte Mine entschlossen. „Wenn’ sein muss, bereite ich selbst den Unterricht für ihn vor. Ob sie nun Trelawney rauswirft, ist mir schnuppe, aber Hagrid bleibt!“ „Da kann ich dir zustimmen“, meinte ich grimmig. „Hagrid wird sie nicht rauswerfen, nur über meine Leiche, und wenn ich mir dafür noch so viele Stunden Nachsitzen einhandle.“

    29
    29. Kapitel

    Am Sonntagmorgen kämpfte sich Mine tatsächlich durch eine sechzig Zentimeter tiefe Schneedecke zu Hagrids Hütte. Eigentlich wollte ich sie ja begleiten, aber vor mich türmten sich schon wieder die Hausaufgaben, zu denen ich wegen dem ständigen Quidditch-Training nicht gekommen war, und da es Harry und Ron genauso ging, leisteten sie mir im Gemeinschaftsraum Gesellschaft. Dort versuchten wir dauerhaft die freudigen Rufe zu ignorieren, die vom Schlossgrund heraufdrangen, wo sich unsere Mitschüler damit vergnügten, auf dem gefrorenen See Schlittschuh zu laufen, zu rodeln, oder, was das Schlimmste von Allem war, Schneebälle zu verhexen, die dann hoch zum Gryffindor-Turm schossen und hart gegen die Fenster krachen.
    „Hey!“, brüllte Ron, dem schließlich der Kragen platzte, und streckte den Kopf aus dem Fenster. „Ich bin Vertrauensschüler, und wenn noch ein einziger Schneeball dieses Fenster trifft - AUTSCH!“ Er riss den Kopf zurück, das Gesicht voller nassem Schnee. „Das sind Fred und George“, beklagte er sich bitter und schlug das Fenster hinter sich zu. „Mistkerle...“

    Mine kehrte kurz vor dem Mittagessen von Hagrid zurück, leicht bibbernd und mit bis zu den Knien feuchtem Umhang. „Wie steht’s?“, fragte Ron, als sie eintrat. „Hast du den ganzen Unterricht für ihn vorbereitet?“ „Na ja, ich hab’s versucht“, meinte sie dumpf und ließ sich einen Sessel neben mir fallen, der direkt vor dem Kamin stand. „Als ich kam, war er gar nicht da, ich hab mindestens eine halbe Stunde lang geklopft. Und dann ist er aus dem Wald gestapft-...“ Bei Merlin! Im Verbotenen Wald wimmelte es nur so von gefährlichen Geschöpfen, mit denen Hagrid einen Rauswurf riskieren würde. „Was hält er dort drin? Hat er’s verraten?“, fragte Harry. „Nein“, sagte Mine betrübt. „Es soll eine Überraschung werden, meint er. Ich hab versucht ihm die Sache mit Umbridge zu erklären, aber er kapiert es einfach nicht. Dauernd sagt er, keiner, der noch alle Tassen im Schrank hätte, würde lieber Knarle als Chimäras studieren - oh, ich glaub nicht, dass er eine Chimära hat“, fuhr sie beim Anblick unserer bestürzten Gesichter fort, „aber das liegt nicht daran, dass er’s nicht versucht hätte, immerhin hat er mal gesagt, es sei so schwer, ihre Eier zu kriegen. Ich weiß nicht, wie oft ich ihm erklärt hab, er würde besser fahren, wenn er sich an Raue-Pritsches Lehrplan hielte, aber ehrlich gesagt, ich glaub nicht, dass er mir auch nur mit halbem Ohr zugehört hat. Er ist übrigens in ziemlich merkwürdiger Stimmung. Er will immer noch nicht sagen, wie er sich all seine Verletzungen zugezogen hat.“

    Dass Hagrid am nächsten Tag beim Frühstück wieder am Lehrertisch auftauchte, stieß nicht bei allen Schülern auf Begeisterung. Manche, wie Fred, George und Lee, brüllten vor Freude und spurteten zwischen dem Gryffindor - und dem Hufflepuff-Tisch durch, um Hagrids gewaltige Hand zu drücken. Andere, wie Parvati und Lavender, tauschten düstere Blicke und schüttelten den Kopf. Natürlich war mir klar, dass sie nicht die Einzigen waren, die gerne Professor Raue-Pritsche weiter im Unterricht gehabt hätten. Irgendwie konnte ich sie ja verstehen: Raue-Pritsche stellte sich unter einem interessanten Unterricht jedenfalls nichts vor, womit sie riskiert hätte, dass jemandem der Kopf abgerissen würde.

    Ein wenig beklommen machten wir uns, dick eingemummelt gegen die Kälte, am Dienstag auf den Weg zu Hagrid. Mal abgesehen von Hagrids tatsächlichem Unterricht, hatte ich noch größere Angst davor, wie der Rest der Klasse sich verhalten würde, wenn Umbridge uns zusah.
    Allerdings war die Großinquisitorin nirgends zu entdecken, als wir uns durch den Schnee auf Hagrid zukämpften, der am Rande des Verbotenen Waldes auf uns wartete. Sein Anblick ließ die Angst in meinem Inneren nur noch ein bisschen weiter anschwellen; die Blutergüsse, die am Samstagabend noch violett gewesen waren, hatten jetzt einen Stich ins Gelb-Grüne, und manche Schnittwunden bluteten immer noch. „Wir arbeit’n heute dort drin!“, rief Hagrid allen Schülern gut gelaunt entgegen und warf den Kopf zurück in Richtung der dunklen Bäume hinter ihm. „Bisschen geschützter! Jedenfalls sind sie lieber im Dunkeln.“ „Was ist lieber im Dunkeln?“, hörte ich Draco mit einem Anflug von Panik in der Stimme zu Crabbe und Goyle sagen. „Was, hat er gesagt, will lieber im Dunkeln sein - habt ihr es gehört?“

    „Fertig?“, fragte Hagrid vergnügt und blickte rundum in unsere Gesichter. „Also dann, ich hab mir für euer fünftes Schuljahr ‘nen kleinen Waldspaziergang aufgespart. Dachte, wir könnten uns diese Geschöpfe in ihrem natürlichen Lebensraum ansehen. Nun passt mal auf, was wir heute betrachten, is’ ziemlich selten, ich schätz mal, ich bin so ziemlich der Einzige in Britannien, der’s geschafft hat, die zu dressieren.“ „Und Sie sind sicher, dass sie dressiert sind, ja?“, fragte Draco mit noch deutlich werdender Panik in der Stimme. „Wär jedenfalls nicht das erste Mal, dass Sie wilde Viecher in den Unterricht bringen, oder?“ Die Slytherins murmelten zustimmend, und auch einige andere Gryffindors sahen ganz danach aus, als würden sie ihm recht geben. „’türlich sind die dressiert“, sagte Hagrid. Er blickte finster drein und schob sich die tote Kuh, die er mit sich herumzerrte, noch ein wenig höher auf die Schulter. „Und was haben Sie eigentlich mit Ihrem Gesicht gemacht?“, wollte Draco wissen. „Kümmer dich um dein’ eig’nen Kram!“, sagte Hagrid aufgebracht. „Also, wenn ihr keine dummen Fragen mehr habt, dann folgt mir!“ Er wandte sich um und marschierte geradewegs in den Wald hinein. Niemand schien große Lust zu haben, ihm zu folgen, doch schließlich nickten Harry, Ron, Mine und ich uns seufzend zu und folgten Hagrid in den Wald.

    Wir waren etwa zehn Minuten gegangen, als wir eine Stelle erreichten, an der die Bäume so dicht standen, dass nur noch Dämmerlicht herrschte und überhaupt kein Schnee auf dem Boden lag. Ächzend legte Hagrid seine Kuhhälfte auf die Erde, trat zurück und drehte sich zu den Schülern um, die meist von Baum zu Baum auf ihn zuschlichen und sich nervös umsahen, als fürchteten sie, jeden Moment angefallen zu werden. „Näher ran, näher ran“, ermutigte uns Hagrid. „Also, der Fleischgeruch wird sie anlocken, aber ich ruf sie trotzdem, weil die gern wissen möchten, dass ich’s bin.“ Er drehte sich um und stieß einen merkwürdig schrillen Schrei aus, der durch die dunklen Bäume hallte. Keiner lachte darüber. Die meisten schienen zu verängstigt, um auch nur einen Laut von sich zu geben.

    Und dann geschah es. Zwischen zwei knorrigen Eiben erschien ein leeres, weißes, schimmerndes Augenpaar und wurde immer größer, und einen Moment später tauchten der drachenartige Kopf, der Hals und der Skelettkörper eines großen, schwarzen, geflügelten Pferdes aus der Dunkelheit auf. Es wandte sich ein paar Sekunden der Klasse zu und peitschte mit seinem langen schwarzen Schwanz, dann neigte es den Kopf und fing an, mit seinen spitzen Fangzähnen Fleisch von der toten Kuh zu reißen. Ich war nicht im Geringsten verwundert, als Ron nach einigen Sekunden fragte: „Warum ruft Hagrid nicht noch mal?“ Die meisten anderen machten ebenso verwirrte und nervös-erwartungsvolle Gesichter wie Ron und konnten den Thestral vor sich nicht sehen. Offenbar gab es aber außer Harry und mir noch zwei andere Schüler, die das Wesen sehen konnten: ein drahtiger Junge aus Slytherin, der dem Pferd mit großem Abscheu beim Fressen zusah; und Neville, dessen Blick dem hin und her wedelnden langen schwarzen Schwanz folgte. „Holla, da kommt noch eins!“, verkündete Hagrid stolz, als ein zweiter Thestral zwischen den dunklen Bäumen auftauchte und ebenfalls das Fleisch verschlang. „Also dann... wer sie sehen kann, meldet sich!“

    Harry und ich hoben prompt die Hand. Hagrid nickte Harry zu. „Jaa... ja, das hab ich mir gedacht, Harry“, sagte er ernst. „Du auch, Oliva. Un’ du auch, Neville, was? Un’-...“ „Verzeihung bitte“, sagte Draco höhnisch, „aber was genau sollen wir da eigentlich sehen?“ Zur Antwort deutete Hagrid auf den Kuhkadaver am Boden. Einige keuchten und Parvati kreischte auf. Mir war durchaus klar, weshalb: Ganze Fleischstücke, die sich von den Knochen abrissen und in der Luft auflösten, mussten in der Tat ziemlich unheimlich wirken. „Wer macht das?“, fragt Parvati grauenerfüllt und wich gegen den nächsten Baum zurück. „Wer frisst das Fleisch?“ „Thestrale“, sagte Hagrid stolz. „Hogwarts hat ‘ne ganze Herde davon hier drin. Also, wer weiß-?“ „Aber die bringen ganz, ganz viel Unglück“, unterbrach ihn die entsetzt dreinblickende Parvati. „Den Leuten, die sie sehen, sollen alle möglichen schrecklichen Dinge zustoßen. Professor Trelawney hat mir mal erzählt-...“ „Nein, nein, nein“, sagte Hagrid glucksend, „das is’ alles nur Aberglaube, nicht wahr, die bringen kein Unglück, die sind total klug und nützlich! ‘türlich, die hier haben nicht viel zu tun, ziehen hauptsächlich die Schulkutschen, außer wenn Dumbledore mal ‘ne lange Reise macht und nicht apparier’n will - und da sind noch ‘n paar, seht mal-...“

    Zwei weitere Pferde kamen leise zwischen den Bäumen, eines lief ganz nah an Parvati vorbei, die erschauderte und sich eng an den Baum presste. „Ich glaub, ich hab was gespürt“, sagte sie. „Ich glaub, es ist ganz nah!“ „Mach dir keine Sorgen, das beißt nicht“, sagte Hagrid geduldig. „Na denn, wer kann mir jetzt sagen, warum manche von euch sie sehn können un’ manche nicht?“ Ich hob die Hand. „Dann erzähl’ mal“, sagte Hagrid strahlend. „Die Einzigen, die Thestrale sehen können, sind Menschen, die den Tod gesehen haben.“ „Das stimmt genau“, meinte Hagrid ernst. „10 Punkte für Gryffindor. Also, Thestrale-...“ „Chrm, chrm.“

    Umbridge war da. Sie stand ein paar Schritte von mir entfernt, trug wieder ihren grünen Hut und Mantel und hatte ihr Klemmbrett im Anschlag. Hagrid, der Umbridges falsches Räuspern noch nicht gehört hatte, musterte einigermaße besorgt den nächsten Thestral, offenbar in der Annahme, er hätte das Geräusch gemacht. „Chrm, chrm.“ „Oh, hallo“, sagte Hagrid und lächelte, als er bemerkt hatte, von wem das Geräusch kam. „Sie haben die Mitteilung erhalten, die ich heute Morgen zu Ihrer Hütte geschickt habe?“, sagte Umbridge mit der gleichen lauten, langsamen Stimme, mit der sie ihn zuvor schon angesprochen hatte, ganz als würde sie mit jemandem reden, der nicht besonders schnell von Begriff war. „In der ich Ihnen angekündigt habe, dass ich Ihren Unterricht inspizieren werde?“ „Oh ja“, erwiderte Hagrid strahlend. „Freut mich, dass sie hergefunden ham! Tja, wie Sie sehn können - oder ich weiß nicht - können Sie? Wir nehmen heute Thestrale durch-...“ „Wie bitte?“, fragte Umbridge laut und legte stirnrunzelnd eine Hand hinter die Ohrmuschel. „Was haben Sie gesagt?“ Hagrid schien leicht verwirrt. „Ähm - Thestrale!“, entgegnete er laut. „Große - ähm - geflügelte Pferde, Sie wissen ja!“ Er wedelte mit seinen gewaltigen Armen. Umbridge musterte ihn, zog die Brauen hoch und machte sich murmelnd eine Notiz auf ihrem Klemmbrett: „Muss... auf... primitive... Zeichen... sprache... zurückgreifen.“

    „Tja... wie auch immer...“, sagte Hagrid und wandte sich wieder ein wenig nervös der Klasse zu, „ähm... wo war ich grade?“ „Hat... offenbar... schlechtes... Kurzzeit... gedächtnis“, murmelte Umbridge, so laut, dass alle es hören konnten. Draco machte ein Gesicht, als ob Weihnachten schon einen Monat früher gekommen wäre (und es ekelte mich so sehr an, dass ich mich fast übergeben hätte); Mine hingegen war vor unterdrücktem Zorn scharlachrot angelaufen. „Oh, ja“, sagte Hagrid und blickte voll Unbehagen hinüber zu Umbridges Klemmbrett, machte aber tapfer weiter. „Ja, ich wollt euch erzählen, wie’s kommt, dass wir ‘ne Herde haben. Also, wir ham angefangen mit ‘nem Männchen und fünf Weibchen. Der da“, er tätschelte den Thestral, der zuerst erschienen war, „der heißt Tenebrus und den hab ich besonders gern, ist nämlich der erste, der hier im Wald gebor’n worden ist-...“ „Sind Sie sich bewusst“, unterbrach ihn Umbridge laut, „dass das Zaubereiministerium Thestrale als >gefährlich< eingestuft hat?“ Mein Herz pochte bei ihren Worten wie verrückt, aber Hagrid gluckste nur. „Thestrale sin’ nicht gefährlich! Na gut, die beißen vielleicht ‘n Stück von einem ab, wenn man sie wirklich ärgert-...“ „Zeigt... unverkennbare... Anzeichen... von... Vergnügen... bei... Gewalt... vorstellungen“, murmelte Umbridge und kritzelte erneut auf ihr Klemmbrett.

    „Nein - jetz’ is’ aber genug“, sagte Hagrid und wirkte nun ein wenig beklommen. „Ich mein, ‘n Hund beißt Sie doch auch, wenn Sie ihn reizen, oder nicht - un’ Thestrale haben nu halt mal ‘nen schlechten Ruf wegen der Sache mit dem Tod - früher haben die Leute geglaubt, sie wär’n schlechte Omen, nich? Haben’s einfach nicht verstanden, was?“ Umbridge antwortete nicht; sie schrieb ihre letzte Notiz zu Ende, dann blickte sie zu Hagrid auf und sagte, wiederum sehr laut und langsam: „Bitte fahren Sie mit dem Unterricht fort wie üblich. Ich werde ein wenig umhergehen“ - sie ahmte Gehbewegungen nach (Draco und Pansy Parkinson schüttelten sich stumm vor Lachen) - „bei Ihren Schülern“ (sie wies auf verschiedenen Leute aus der Klasse) „und ihnen Fragen stellen.“ Sie deutete auf ihren Mund, um Sprechen darzustellen. Hagrid starrte sie an, offenbar vollkommen verwirrt, warum sie sich benahm, als ob er kein normales Englisch verstünde. Mine hatte inzwischen Zornestränen in den Augen. „Du Sabberhexe, du böse Sabberhexe!“, flüsterte sie, während Umbridge auf Pansy zuging. „Ich weiß, was du vorhast, du widerliche, fiese, hinterhältige-...“ „Ähm... also weiter“, sagte Hagrid, der offensichtlich Schwierigkeiten, seinen roten Faden wieder zu finden, „nun - Thestrale. Ja. Also, haben ‘ne Menge Gutes an sich...“

    „Wie steht es bei Ihnen“, fragte Umbridge Pansy mit schallender Stimme, „sind Sie in der Lage, Professor Hagrid zu verstehen, wenn er spricht?“ Genau wie Mine hatte Pansy Tränen in den Augen, doch bei ihr waren es Lachtränen. Da sie versuchte sich das Kichern zu verkneifen, war ihre Antwort einigermaßen wirr. „Nein... weil... nun... es hört sich... oft so an... wie Gegrunze...“ Umbridge kritzelte etwas auf ihr Klemmbrett. Die wenigen nicht blutunterlaufenen Stellen in Hagrids Gesicht wurden rot, doch er verhielt sich, als hätte er Pansys Antwort nicht gehört. „Ähm... ja... Gutes an den Thestralen. Nun, wenn sie mal gezähmt sind, wie die alle hier, verirrt man sich nie wieder. Die haben ‘nen erstaunlichen Orientierungssinn, man braucht denen nur zu sagen, wo man hinwill-...“ „Vorausgesetzt natürlich, sie können einen verstehen“, sagte Draco und Pansy erlitt einen erneuten Kicheranfall. Oh Merlin, Draco würde später noch bereuen, dass er das gesagt hatte...

    Umbridge lächelte ihnen nachsichtig zu und wandte sich dann an Neville. „Sie können die Thestrale sehen, Longbottom, nicht wahr?“, fragte sie. Neville nickte. „Wen haben Sie sterben sehen?“, fragte sie in gleichgültigem Tonfall. „Meinen... meinen Großvater“, sagte Neville. „Und was halten Sie von denen?“, sagte sie und winkte mit ihrer dicken Hand zu den Thestralen hinüber, die den Kadaver inzwischen fast bis auf die Knochen abgefressen hatten. „Ähm“, erwiderte Neville mit einem Blick auf Hagrid. „Nun ja, sie sind... ähm... okay...“ „Schüler... sind... zu... eingeschüchtert... um... offen... zuzugeben... dass... sie... Angst... haben“, murmelte Umbridge und machte sich erneut eine Notiz auf dem Klemmbrett. „Nein!“, sagte Neville aufgebracht. „Nein, ich hab keine Angst vor ihnen!“ „Ist ja schon gut“, sagte Umbridge und tätschelte Neville die Schulter mit einem Lächeln, das offenbar Verständnis bezeugen sollte, auch wenn es auf mich wie ein boshaftes Grinsen wirkte.

    „Nun, Hagrid“, wie wandte sich um, sah an ihm hoch und sprach erneut mit jener lauten, langsamen Stimme, „ich denke, ich habe genug für meine Zwecke. Sie erhalten dann“ (sie tat so, als ob sie etwas vor sich aus der Luft griffe) „die Ergebnisse Ihrer Unterrichtsinspektion“ (sie deutete auf das Klemmbrett) „in zehn Tagen.“ Sie hielt zehn Stummelfinger in die Höhe und lächelte breiter und krötenhafter den je unter ihrem hässlichen grünen Hut, dann schritt sie von dannen. Draco und Pansy kugelten sich vor Lachen, Mine schlotterte sichtlich vor Wut und Neville sah verwirrt und aufgebracht drein. Und ich... ich kochte so heftig in meinem Inneren vor Wut, dass es sich anfühlte, als würde ich von innen heraus brennen.

    „Dieses miese, lügnerische, intrigante alte Scheusal!“, wütete Mine eine halte Stunde später, als wir durch die Gräben, die wir vorher im Schnee gezogen hatten, erneut hoch zum Schloss gingen. „Euch ist klar, was sie vorhat? Das ist schon wieder ihr Ding mit den Halbblütern - sie versucht aus Hagrid einen tumben Troll zu machen, nur weil er eine Riesin zur Mutter hatte - und oh, ist das unfair, das war nämlich wirklich keine üble Stunde - ich meine, wenn’s denn schon wieder Knallrümpfige Kröter gewesen wären, okay, aber Thestrale sind doch in Ordnung - für Hagrid sind sie sogar richtig gut!“ „Umbridge meinte, sie wären gefährlich“, sagte Ron. „Glaubst du der alten Sabberhexe irgendetwas?“, fragte ich aufgebracht, „Hagrid hat ja gesagt, die können für sich selbst sorgen.“ „Stimmt, und ich vermute mal, eine Lehrerin wie Raue-Pritsche würd sie uns wahrscheinlich nicht vor der UTZ-Stufe zeigen, aber die sind doch wirklich interessant, oder? Wenn ich’s doch nur könnte.“ „Im Ernst?“, fragte Harry sie leise. Mine stand plötzlich das Entsetzen im Gesicht geschrieben. „Oh, Harry - tut mir leid. Nein, natürlich nicht - das war wirklich dumm von mir.“ „Schon okay“, erwiderte Harry rasch. „Mach dir keine Gedanken.“ „Mich wundert’s, dass es dann doch so viele waren, die sie sehen konnten“, sagte Ron. „Vier in einer Klasse-...“ „Hey, Weasley, wir haben uns grad was gefragt“, sagte eine gehässige Stimme hinter uns. Der Schnee dämpfte die Geräusche, und so hatten wir nicht gehört, dass Draco mit Crabbe und Goyle im Schlepptau dicht hinter uns gingen. „Meinst du, wenn du jemanden verrecken siehst, kannst du den Quaffel besser sehen?“ Er, Crabbe und Goyle brüllten vor Lachen und zogen an uns vorbei in Richtung Schloss, dann fingen sie im Chor an „Weasley ist unser King“ zu singen. „Ignorieren, einfach ignorieren“, sagte Mine, zog ihren Zaubestab und ließ ihn heiße Luft blasen, damit diese uns einen bequemeren Weg durch den Schneee bis hin zum Gewächshaus schmelzen konnte. Aber nein, ignorieren würde ich das Ganze sicher nicht, da konnte Mine sich sicher sein.

    Leisen Schrittes ging ich den Gang zum Raum der Wünsche entlang; ich hatte Draco darum gebeten, sich mit mir dort zu verabreden und er hatte bereitwillig zugesagt. Die Wut brannte noch immer so heftig in mir wie in einem flackernden Kamin. Ich konnte die Sache von heute Morgen nicht vergessen, und noch weniger Dracos Verhalten mit der ganzen „Weasley ist unser King“-Sache. Aber nicht nur das widerte mich an, nein, auch, wie er gelacht hatte, während Umbridge Hagrid auf diese grässliche Art behandelt hatte. Früher war mir nie bewusst gewesen, wie viele Zauberer und Hexen sich noch immer so gegenüber „Halbblütern“ verhielten. Es war einfach verabscheuungswürdig. Ich fand zwar, dass die Art und Weise, wie Mine die Hauselfen von Hogwarts befreien wollte nicht unbedingt fair, doch wenigstens versuchte sie es, auch wenn sie die Hauselfen gegen ihren Willen befreien wollte. Und wie Umbridge sich gegenüber Remus geäußerst hatte... am liebsten wäre ich ihr an die Gurgel gegangen. Die schweren Eichentür vor mir riss mich aus meinen Gedanken heraus. Ich schluckte schwer, doch den heißen Feuerball in meinem Inneren konnte es nicht stoppen, auch nicht, als ich die Klinke herunterdrückte.

    Der Raum der Wünsche war nicht sonderlich groß. In einer Ecke stand ein Kamin mit einem prasselndem Feuer und davor standen zwei Sessel mit einer Leselampe daneben. Und in einem der Sessel: Draco. Sein weißblondes Haar wirkte im Schein des Feuers fast golden, als ich näher herantrat. „Gratuliere.“ Draco sah auf und sein Lächeln, das sich auf seine Lippen geschoben hatte, verschwand sofort, als er meinen starren Gesichtsausdruck sah, fast wie aus Stein gemeiselt. „Gratuliere, Draco.“ Ich klatschte sarkastisch in die Hände, als ich noch näher auf ihn zuging. Ein kaum sichtbares ironisches Lächeln erschien auf meinen Lippen. „Ich kann es nicht glauben, aber du bist tatsächlich zu weit gegangen.“ „Was... wer hat dir denn den Zauberstab verknotet?“, fragte er unruhig, als er sich erhob und auf mich zuging und seine Hand ausstreckte. „Oh nein, vergiss es, Draco!“ Ruckartig zog ich meine Hand zurück. Der flüchtige verletzte Ausdruck auf seinem Gesicht entging mir nicht. „Komm mir ja nicht so! Tu ja nicht so, als wüsstest du nicht, von was ich rede!“ Ich wich einen Schritt von ihm zurück. „Diese ganze Sache mit >Weasley ist unser King<, das war deine Idee! Ich frage mich doch, was dir durch den Kopf gegangen ist, als dir die Idee kam.“ Draco setzte an, doch ich schnitt ihm harsch das Wort ab. „Du kannst dich hier nicht herausreden, Draco. Wie konntest du das tun? Ich verstehe immer noch nicht, warum du so neidisch auf Ron bist, dass du sein bisschen Selbstbewusstsein noch zertreten musst!“ „Ich - neidisch auf Weasel? Was redest du eigentlich, Via?“ „Komm mir ja nicht so, Draco Malfoy, du weißt ganz genau, mit wem du dich gerade anlegst“, zischte ich und trat drohend näher auf ihn zu. Ein Lächeln erschien auf meinen Lippen, aber es war kein fröhliches. Es zeigte meinen Frust und meinen Zorn, den ich in mir verspürte. „Crabbe und Goyle und allen anderen kannst du vielleicht etwas vormachen, aber nicht mir.“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß, wie es dir geht, weil ich einmal dort war, wo du jetzt bist. Alle glauben, du hättest alles, was du dir wünschen könntest. Und wir wissen beide, dass du eigentlich nichts hast. Und deshalb beneidest du Ron so sehr. Er hat eine Mutter, die für ihn da ist, und ihn nicht die meiste Zeit ignoriert. Ron hat einen Vater, der ihn nicht als überflüssig sieht, der sich nicht tagein tagaus in seinem Büro einschließt und seinen Sohn dabei vergisst. Er lebt nicht in einem Haus, das völlig leerzustehen scheint und in dem man keinen einzigen Ton hört. Er ist befreundet mit Harry Potter, ohne ihn mit Geld und Macht überzeugen zu müssen, etwas, dass du versucht hast.“

    Etwas in Draco schien zu brechen; ich konnte förmlich sehen, wie sein Gesicht den Schmerz und Scham widerspiegelte, den er fühlte. „Du kannst alle anderen anlügen, du kannst dich selbst anlügen, dir einreden, dass es nicht so ist“, wisperte ich zornig, „aber mich kannst du nicht anlügen, Draco.“ Im Flackern des Feuers sah ich in seinem Gesichtsausdruck, wie er mit sich rang. „Oh, und wo wir schon einmal dabei sind“, fuhr ich fort, als würden wir über das Wetter reden, „habe ich dir schon gesagt, wie sehr du mich anekelst?“ „Via...“ Draco versuchte nach meiner Hand zu greifen, doch ich entzog sie ihm blitzschnell. „Fass mich nicht an!“ Ich besah ihn mir von oben bis unten. „Ich kann nicht glauben, dass du diese grässliche Frau unterstützt. Was sie Hagrid angetan hat... höchstwahrscheinlich wird er wegen ihr gefeuert!“ „Geschieht ihm recht!“ „Was?“, fuhr ich ihn wütend an. Mein Blick durchbohrte ihn regelrecht. „Es geschieht ihm recht? Weshalb? Weil er ein Halbriese ist? Weil er unseren Unterricht interessant machen will? Weil er es liebt, sich um magische Geschöpfe zu kümmern?“ Mein Zeigefinger bohrte sich in seine Brust, während ich immer näher auf ihn zuging und er in Richtung Wand zurückwich. „Das, was Umbridge hier tut, ist so falsch, verstehst du das nicht? Sie behandelt Hagrid nur so, weil er ein Halbriese ist! Sie behandelt ihn, als wäre er nichts wert und du tust das auch!“ Draco warf einen verzweifelten Blick zu, doch ich war noch lange nicht fertig. „Hagrid hat auch Gefühle! Er ist auch jemand, der Gefühle hat, genau wie du und ich, und trotzdem behandelt ihn Umbridge wie Müll. Hagrid kann nichts dafür, dass seine Mutter eine Riesin war! Er hat sich vielleicht gewünscht, genau wie alle anderen zu sein, wie du und ich. Und nicht nur Hagrid geht es jetzt schlecht, sondern auch mir! Du kannst Hagrid vielleicht nicht leiden, aber willst du mich traurig deswegen sehen, wegen etwas, das du mit zu verantworten hast? Das ging zu weit, Draco.“ Ich wandte mich ab von ihm und ging hinüber zur Tür; Zornestränen stiegen mir in die Augen, doch ich verdrängte sie mit aller Kraft. „Ich werde nicht eher mit dir reden, bevor du nicht einsiehst, dass das alles hier falsch ist. Mach dir also keine falsche Hoffnungen.“

    Der Dezember brachte noch mehr Schnee und allen Fünftklässlern eine regelrechte Lawine an Hausaufgaben. Da es nun auf Weihnachten zuging, hatten sich Mine und Ron inzwischen auch zusehends mit ihren Pflichten als Vertrauensschüler abzuplagen. Die beiden mussten das Dekorieren des Schlosses überwachen („Versucht mal Lametta aufzuhängen, wenn Peeves das andere Ende festhält und dich damit erwürgen will“, sagte Ron), auf die Erst- und Zweitklässler aufpassen, die ihre Pausen drinnen verbrachten, weil es draußen bitterkalt war („Und was für freche kleine Rotzbälger das sind, wir war’n garantiert nicht so unverschämt, als wir in der Ersten waren“, verkündete Ron), und im Schichtwechsel mit Filch in den Korridoren Streife gehen, der den Verdacht hatte, die allgemeine Ferienlaune könnte eine Eruption von Zauberduellen auslösen („Der Kerl hat nur Stroh im Hirn“, sagte Ron wütend). Sie waren dermaßen beschäftigt, dass Mine sogar das Stricken ihrer Elfenhüte aufgeben musste („All die armen Elfen, die ich noch nicht befreit habe, die müssen jetzt über Weihnachten hierbleiben, weil es nicht genug Hüte gibt!“). Ich versuchte währenddessen angestrengt, Draco aus dem Weg zu gehen. Vielleicht war ich ein wenig harsch ihm gegenüber gewesen, aber ich blieb hart. Wenn er weiter mit mir befreundet sein wollte, musste er anerkennen, dass er sich wirklich nicht gerade toll verhalten hatte.

    Ich freute mich, als ich mich zusammen mit Mine und Ron zum letzten DA-Treffen vor den Weihnachtsferien aufmachte, auch wenn dabei ein wenig Wehmut mitschwang. Der Raum der Wünsche war dieses Mal weihnachtlich geschmückt; hunderte goldene Christbaumkugeln hingen von der Decke, jede mit einem Bild von Harry, unter dem stand: „HARRY CHRISTMAS!“. Ich vermutete, dass Dobby dahinter steckte. Zwischendurch waren auch kleine Büschel mit Misteln zu erkennen. Luna, Angelina, Katie und Harry waren bereits im Raum; Angelina hatte Harry offensichtlich gerade eine Neuigkeit mitgeteilt, über die er nicht sonderlich erfreut war. Vielleicht hatte sie ihm von Harry’s Ersatz als Sucher erzählt: Ginny, die sich erstaunlich gut in dieser Position machte. Außerdem waren noch Andrew Kirke und Jack Sloper dabei, die Fred und George als Treiber ersetzten. Sie waren zwar nicht Weltklasse aber immer noch besser als einige andere Idioten, die sich für den Job gemeldet hatten.

    Fünf Minuten später, als alle eingetroffen waren, stand Harry auf und begann zu sprechen: „Okay. Ich hab mir gedacht, heute Abend sollten wir einfach noch mal wiederholen, was wir bisher gemacht haben, weil es das letzte Treffen vor den Ferien ist und es keinen Sinn hat, kurz vor einer dreiwöchigen Pause noch was Neues anzufangen-...“ „Wir machen heute nichts Neues?“, flüsterte Blondie mürrisch und so laut, dass es alle im Raum hören konnten. „Wenn ich das gewusst hätte, wär ich nicht gekommen.“ „Tut uns allen ja so leid, dass Harry es dir nicht gesagt hat“, meinte Fred laut. Einige kicherten. „Wir können paarweise trainieren“, sagte Harry. „Fangen wir mit dem Lähmzauber an, zehn Minuten lang, dann können wir die Kissen rausholen und es noch einmal mit dem Schockzauber probieren.“
    Folgsam teilten wir uns auf. Bald waren ringsum immer wieder „>Impedimenta<!“-Rufe zu hören. Luna und ich hatten einen riesigen Spaß dabei, uns gegenseitig zu lähmen und so lange den anderen Übenden zuzusehen, bis der Partner sich wieder aus seiner Starre lösen konnte.
    Nach zehn Minuten Lähmzauber verteilten wir Kissen auf dem Boden und machten uns noch einmal an den Schockzauber. Alle zugleich konnten ihn nicht trainieren, dafür war der Platz zu knapp, weshalb die eine Hälfte der Gruppe eine Zeit lang der anderen zusah, dann wurde gewechselt. Vorallem Neville hatte enorme Fortschritte gemacht. Sicher, er versetzte Padma den Schock und nicht Dean, auf den er eigentlich gezielt hatte, aber er hatte ihn viel knapper verfehlt als sonst.

    Nach einer Stunde beendete Harry das Training. „Ihr werdet allmählich richtig gut“, sagte er und strahlte in die Runde. „Wenn wir aus den Ferien zurückkommen, packen wir mal was von den großen Sachen an - vielleicht sogar den Patronus.“ Seine Worte riefen aufgeregtes Gemurmel hervor. Die meisten verließen den Raum in den üblichen Zweier- und Dreiergrüppchen; gut gelaunt sammelten Harry, Ron, Mine und ich die Kissen ein und räumten sie auf einen Stapel. Dann gingen Mine, Ron und ich in Richtung Ausgang. Harry trödelte noch, denn auch Cho befand sich noch im Raum der Wünsche und so griff ich, mit einem Zwinkern zu Mine, Ron und meine beste Freundin an den Armen und zog sie in Richtung Gemeinschaftsraum. Harry und Cho würden sicher ein wenig Zeit für sich wollen.

    Eine halbe Stunde später betrat Harry den Gemeinschaftsraum, wo Ron, Mine und ich uns die besten Plätze am Kamin gesichert hatten. Fast alle anderen waren schon schlafen gegangen. Mine saß über einem sehr langen Brief und hatte bereits eine halbe Rolle Pergament vollgeschrieben, die vom Tischrand herunterbaumelte. Ron lag auf dem Kaminvorleger und versuchte seine Hausaufgaben für Verwandlung zu End zu bringen. Ich flätzte mich in einem gemütlichen Sessel und setzte erleichtert den letzten Punkt am Ende meines Zaubertrankaufsatzes. „Was hat dich aufgehalten?“, fragte Ron, als sich Harry ebenfalls in einen Sessel sinken ließ. „Stimmt, wo warst du denn so lange?“, fügte ich mit einem leichten Grinsen auf den Lippen hinzu. Harry gab keine Antwort; um ehrlich zu sein, sah er gerade so aus, als hätte er einen Schlaganfall erlitten. „Alles in Ordnung mit dir, Harry?“, fragte Mine und spähte über das Ende ihrer Feder zu ihm hinüber. Harry zuckte lediglich mit den Achseln. „Was ist los?“, sagte Ron. „Was ist passiert?“ Harry erwiderte nichts, bis Mine schließlich in geschäftsmäßigem Ton fragte: „Geht es um Cho? Hat sie dich nach dem Treffen abgefangen?“ Harry nickte und schluckte. Ron kicherte und ich grinste belustigt. „Und - ähm - was wollte sie?“, fragte Ron betont lässig. „Sie-...“, begann Harry mit ziemlich belegter Stimme; er räusperte sich und versuchte es noch einmal. „Sie - ähm -...“ „Habt ihr euch geküsst?“, fragte Mine forsch. Ron setzte sich so schnell auf, dass sein Tintenfass über den ganzen Kaminvorleger flog. „Mine, du kannst das doch nicht so einfach fragen!“, meinte ich halb entrüstet, halb breit grinsend wegen Harrys Gesichtsausdruck. „Vielleicht will er es uns nicht erzählen!“ „Also?“, drängte Ron. Harry blickte von Ron, zu Mine und dann zu mir und sagte einfach nichts. Doch sein Gesichtsausdruck reichte schon. „HA!“

    Ron stieß triumphierend die Faust in die Luft und bekam einen heiseren Lachanfall, der einige schüchtern wirkende Zweitklässler drüben am Fenster zusammenfahren ließ. Ich kicherte leise bei seinem Verhalten, während Mine Ron einen zutiefst empörten Blick zuwarf und sich wieder ihrem Brief zuwand. „Und?“, fragte Ron schließlich und sah vom Boden zu Harry auf. „Wie war’s?“ Harry überlegte kurz. „Nass.“ Ron machte ein Geräusch, von dem schwer zu sagen war, ob es Jubel oder Ekel ausdrückte. „Weil sie geweint hat“, fuhr Harry fort. „Oh“, sagte Ron und sein Grinsen verblasste ein wenig. „Bist du so schlecht im Küssen?“ „Weiß nicht. Vielleicht schon.“ „Nein, natürlich nicht“, sagte Mine geistesabwesend und schrieb einfrig ihren Brief weiter. „Woher willst du denn das wissen?“, fragte Ron sehr bissig. „Also, ich kann bestätigen, dass du eindeutig nicht schlecht im Küssen bist, Harry“, sagte ich grinsend, worauf Harry vor Scham rot anlief. Mine seufzte genervt auf. „Cho weint in letzter Zeit fast dauernd“, sagte sie dann leichthin. „Sie weint beim Essen, auf dem Klo, einfach überall.“ „Da könnte ein bisschen Küssen sie doch aufmuntern“, erwiderte Ron grinsend. „Ron“, sagte Mine mit würdevoller Stimme und tauchte die Spitze ihrer Feder ins Tintenfass, „du bist der unsensibelste Rüpfel, den ich je das Pech hatte zu treffen.“

    „Was soll das jetzt wieder heißen?“, entgegnete Ron entrüstet. „Wer heult denn, wenn man ihn küsst?“ „Ja“, sagte Harry ein wenig verzagt. „Wer tut das?“ „Versteht ihr nicht, wie Cho sich im Moment fühlt?“, fragte sie. „Nein“, sagten Harry und Ron im Chor. Mine und ich verdrehten synchron die Augen. „Jungs“, murmelte ich. „Nun, offensichtlich ist sie sehr traurig, weil Cedric gestorben ist. Dann, vermute ich, ist sie durcheinander, weil sie Cedric gern hatte und jetzt Harry, und sie kriegt nicht auf die Reihe, wenn sie lieber mag. Und dann fühlt sie sich wohl auch schuldig, weil sie glaubt, dass sie Cedrics Andenken beleidigt, wenn sie Harry überhaupt küsst, und sie macht sich wahrscheinlich auch Gedanken, was all die anderen über sie sagen könnten, wenn sie anfängt mit Harry auszugehen. Und sie ist sich wohl ohnehin nicht im Klaren, was sie für Harry empfindet, weil er mit Cedric zusammen war, als er starb, deshalb ist das alles sehr kompliziert und schmerzhaft. Oh, und außerdem hat sie Angst, dass man sie aus der Ravenclaw-Quidditch-Mannschaft rauswirft, weil sie in letzter Zeit so schlecht fliegt.“
    Dem Ende dieses Vortrags folgte ein leicht überraschtes Schweigen, dann sagte Ron: „Das kann doch ein Mensch nicht alles auf einmal fühlen, er würde ja explodieren.“ „Nur weil du die Gefühlswelt eines Teelöffels hast, heißt das nicht, dass es uns allen so geht“, sagte Mine gehässig und nahm ihre Feder wieder zur Hand.

    „Sie hat doch damit angefangen“, sagte Harry. „Ich hätt das nie gemacht - sie ist mir sozusagen auf die Pelle gerückt - und dann plötzlich heult sie mich voll - ich wusste nicht, was ich machen sollte -...“ „Gib dir doch nicht selbst die Schuld, Mann“, meine Ron. „Du hättest einfach nett zu ihr sein sollen“, sagte Mine und blickte besorgt auf. „Das warst du doch, oder?“ „Na ja“, entgegnete Harry und lief leicht rosa an, „ich hab ihr irgendwie - ‘n bisschen den Rücken getätschelt.“ Mine sah so aus, als wäre sie kurz davor, sich die Hand gegen die Stirn zu klatschen. „Also, ich denk mal, es hätte eindeutig schlimmer sein können“, schaltete ich mich und sah Harry dann neugierig an. „Triffst du sie wieder?“ „Muss ich doch, oder?“, sagte Harry. „Wir haben schließlich DA-Treffen.“ „Harry, du weißt ganz genau, wie ich das meine“, erwiderte ich grinsend und zog eine Augenbraue nach oben. Harry antwortete nicht. „Ach, ist doch egal“, meinte Mine abwesend, „du hast ja noch genug Gelegenheiten, sie zu fragen.“ „Was, wenn er sie gar nicht fragen will?“, fragte Ron mit ungewöhnlich verschmitztem Gesichtsausdruck. „Sei doch nicht albern“, sagte Mine. „Harry mag sie doch schon seit längerem, stimmt’s, Harry?“ Dieser antwortete wieder nicht. Offenbar schien er noch immer geschockt zu sein.
    „An wen schreibst du eigentlich diesen Roman?“, fragte Ron und versuchte Mines Pergament zu lesen, das nun knapp über dem Boden hing. Mine zog es hoch und ließ es verschwinden. „An Viktor.“ „Krum?“ „Wie viele Viktors kennen wir noch?“ Ron sagte nichts, schaute aber griesgrämig drein. Die nächsten zwanzig Minuten saßen wir schweigend da. Ron schnaubte durchgehend und strich Sätze durch, bis er seinen Verwandlungs-Aufsatz endlich fertig hatte; Mine kritzelte unentwegt das Pergament bis auf den letzten Rest voll, rollte es sorgfältig zusammen und versiegelte es; Harry starrte stumm ins Feuer. „Also, Nacht“, sagte Mine, gähnte herzhaft und ging hinüber zur Treppe. Ich folgte ihr schnell. Ich war so müde, ich wollte einfach nur schlafen.

    Ich wurde von zwei Händen geweckt, die mich an den Schultern packten und heftig schüttelten. „Was-?“, ich blinzelte verwirrt. Ich war mir sicher, dass der Morgen noch nicht angebrochen war und im schummrigen Licht erkannte ich erst nach einigen Sekunden, dass Ginny vor mir stand. „Ginny?“ „Komm, Liv! McGonagall hat mich geweckt!“ In ihren Worten schwang leichte Panik mit. Ihre Haare waren zerzaust und sie trug ihren Pyjama. „Was ist denn los?“ „Erklär ich dir später! Jetzt ist keine Zeit!“ Ginny zog mich an der Hand aus dem Bett, während ich herzhaft gähnte und noch immer nicht ganz verstand, was vor sich ging. Ich rieb mir die Augen und folgte Ginny dann zur Tür hinaus, wo Professor McGonagall bereits auf uns wartete. Sie trug ihren schottenkarierten Morgenmantel und ihre Brille saß schief auf ihrer Nase, als hätte sie keine Zeit gehabt, sie zu richten. „Was ist denn passiert, Professor?“, fragte ich nervös und noch etwas verschlafen, als ich ihren ernsten Blick sah. „Das erklärt Ihnen besser der Schulleiter, Miss Black.“ Ich war es schon nicht mehr gewohnt, dass mich jemand mit meinem eigentlichen Nachnamen ansprach. Zusammen mit Ginny und Professor McGonagall hastete ich hinunter in den Gemeinschaftsraum; Fred und George saßen in zwei Sesseln und waren kreideweiß im Gesicht. „Kommen Sie mit und stellen Sie ihre Fragen bitte dem Schulleiter!“, sagte Professor McGonagall, als sie die Blicke der Zwillinge sah und winkte uns zu, ihr zu folgen.

    Ich war noch immer vollkommen verwirrt, als Professor McGonagall uns in Professor Dumbledores Büro schob. Was war nur vorgefallen? Ein wenig Klarheit erhielt ich allerdings, als ich Harry und Ron vor Professor Dumbledores Schreibtisch vorfand. Harry sah aus, als hätte er gerade sein Todesdatum verraten bekommen. „Harry - was geht hier vor?“, sprach Ginny meine Gedanken aus. Nun konnte man ihr die Angst wirklich ansehen. „Professor McGonagall sagt, du hast gesehen, wie Dad verletzt wurde-...“ „Dein Vater wurde während seiner Arbeit für den Orden des Phönix verletzt“, sagte Dumbledore, ehe Harry antworten konnte. „Er wurde ins St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen gebracht. Ich schicke euch jetzt in das Haus von Sirius, von dort aus ist das Hospital viel bequemer zu erreichen als vom Fuchsbaum. Dort werdet ihr auch eure Mutter treffen.“ Dumbledore sagte dies gelassen und ruhig, doch in mir kochte die Angst hoch. Wie war Mr. Weasley verletzt worden? Merlin, wenn ich nur vor Ort gewesen wäre... bestimmt hätte ich ihm schnell helfen können. Vielleicht wollte Dumbledore deshalb, dass ich mitkam. Im schlimmsten Fall... „Und wie kommen wir dorthin?“, fragte Fred, sichtlich erschüttert. „Flohpulver?“ „Nein“, erwiderte Dumbledore. „Flohpulver ist im Moment nicht sicher, das Netzwerk wird überwacht. Ihr werdet einen Portschlüssel nehmen.“ Er deutete auf den alten Kessel, der auf seinem Schreibtisch lag. „Wir warten nur noch auf Phineas Nigellus, damit er uns Bericht erstattet... ich möchte sichergehen, dass die Luft ein ist, bevor ich euch wegschicke-...“

    Eine Flamme loderte mitten im Büro auf und hinterließ eine einzelne goldene Feder, die sanft zu Boden schwebte. „Das ist eine Warnung von Fawkes“, sagte Dumbledore und fing die Feder im Flug. „Professor Umbridge weiß offenbar, dass ihr nicht mehr in euren Betten seid... Minerva, gehen Sie und halten Sie sie auf - erzählen Sie ihr irgendwas-...“ Professor McGonagall rauschte mit raschelndem Schottentuch davon. „Er meint, er würde sich freuen“, sagte eine gelangweilte Stimme hinter Dumbledore; der Zauberer, dessen Name offenbar Phineas war, war wieder in seinem Bild aufgetaucht. „Mein Ururenkel hatte immer schon einen merkwürdigen Geschmack, was Hausgäste anbelangt.“ Oh. Ich war also offenbar mit einem miesepetrigen Zauberer verwandt, der dem Anschein nach mein Urururgroßvater war. Ich hatte schon verrückte Sachen erlebt.

    „Also kommt her“, sagte Dumbledore zu uns. „Und rasch, bevor noch jemand zu uns stößt.“ Harry, ich und die anderen scharten sich um Dumbledores Schreibtisch. „Ihr habt alle schon mal einen Portschlüssel benutzt?“, fragte Dumbledore, worauf wir nickten und die Hände ausstreckten, um den geschwärzten Kessel irgendwo zu berühren. „Gut. Ich zähle also bis drei - eins... zwei...“ Ich schluckte tief und griff mit den anderen nach dem Kessel. „Drei.“
    Mit einem heftigen Ruck hinter meinem Nabel verschwand der Boden unter meinen Füßen und meine Hände klebten am Kessel; wir stießen gegeneinander, während alle, vom Kessel gezogen, in einem Wirbel von Farben dahinrasten, der Wind heftig ins Gesicht wehend. Bei Merlins Unterhose, ich hasste Reisen duch einen Portschlüssel... meine Füße schlugen hart auf dem Boden auf und fast wäre ich hingefallen. Der Kessel fiel krachend zu Boden und eine Stimme ganz in der Nähe sagte: „Da sind sie ja, die Blutsverräter-Gören. Stimmt es, dass ihr Vater im Sterben liegt?“ „RAUS HIER!“, brüllte eine zweite Stimme, die eindeutig zuzuordnen war. Sirius.

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare (1)

autorenew

vor 160 Tagen flag
Hey, ich finde diese Story echt einfach nur unglaublich! Sie ist dir echt gut gelungen. Sie wirkt so authentisch. Ich finde es toll, dass du dich an die Bücher gehalten hast!! Man hat das Gefühl, als hätte J.K. Rowling selbst von Liv geschrieben! Großes Kompliment! 😉

Einige Rechtschreibfehler sind mir aufgefallen, aber sie waren wirklich sehr selten..Meistens waren es Buchstabenverdrehungen. Außerdem ist die Geschichte so gut, dass man einfach darüber hinweg liest!

Schreibe bitte bald weiter!!
Ich möchte wissen, wie es weiter geht!

Warum kann Liv eigentlich jetzt ohne zu singen ihre Kräfte aktivieren? Ich hoffe, dass sich meine Frage klärt, wenn du weiter schreibst. Machst du doch bald, oder? Ich hoffe das sehr!

LG Nelly