Achtung! Dies ist nur ein Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Andere Teile dieser Geschichte

Springe zu den Kommentaren

Elarras - Die eine und neun andere

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
1 Kapitel - 7.079 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 655 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Kapitel 16

1
16. Bleiben ist keine Option
Noch bevor ich die Augen aufschlage, spüre ich eine wohltuende Wärme um meinen Körper. Dírhídh hat mich mit seinem Mantel zugedeckt, als ich eingeschlafen bin. Der junge Wolf liegt immer noch auf meinem Schoß und schläft tief und fest. Seinen Posten hat der Elb nicht verlassen. Aber er hat sich zu Boden gesetzt. Weiße Sonnenstrahlen fallen durch das Blätterdach der Bäume und verirren sich im goldenen Teppich aus Bodenlaub. Ein mildes Lächeln legt sich über meine Lippen. Würde man in einem Traum aufwachen, könnte es nicht schöner sein. Ich richte mich langsam auf, ohne meinen kleinen Freund wecken zu wollen, doch im gleichen Moment schreckt er aus seinem Tiefschlaf und gähnt verschlafen. Dírhídh schaut zu uns hinüber. Ein Schmunzeln überfliegt seine Züge, als ich ihn ebenfalls anschaue. „Ihr beiden passt zueinander“, sagt er und erhebt sich. Ich nicke gedankenverloren und kraule das Fell des Wolfs. „Er braucht einen Namen“, kommt es mir über die Lippen. Wenn mein Begleiter mich auch ein wenig unverständig beäugt, so erwidert er: „Hast du früher nicht viele Bücher gelesen? Sicherlich gab es darin doch Namen, die dir gefallen haben.“ Ich grinse. Aber recht hat er. Nur... welcher Name wäre denn der passende für einen Wolf? „Was hast du eigentlich am liebsten gelesen?“, fragt er weiter. Darauf gibt es für mich nur eine ganz bestimmte Antwort. „Abenteuer- und Kriminalromane. Und Bücher mit Psychologie-Inhalten.“ „Das hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet.“ Ich stutze. „Wirklich nicht?“ „Nein.“ Er hält mir seine Hand hin, um mich vom Boden hochzuziehen und aus Höflichkeit ergreife ich sie. „Ich dachte eher, du hättest mit Vorliebe historische Bücher und Romanzen gelesen.“ „Natürlich. In meinem ganzen Leben habe ich nur eine Romanze gelesen und das auch nur, weil meine Mutter mir dieses Buch geschenkt hat und ich zu der Zeit unbedingt die ganzen Klassiker lesen wollte. Und Abenteuerromane sind meistens auch historisch.“ Er grinst. „Ich necke dich doch nur. Du siehst ungemein niedlich aus, wenn du dich zu rechtfertigen versuchst.“ Darauf will ich jetzt nichts erwidern. Doch zugegeben, ein verlegenes Grinsen kann ich mir nicht verkneifen. „Aber was sind denn Namen, die dir aus diesen Büchern ganz besonders im Gedächtnis geblieben sind? Zähl doch einige auf. Vielleicht findest du ja etwas für den Wolf.“ Die Idee ist nicht schlecht. Nach einigen Sekunden habe ich tatsächlich einen Namen, den ich passend finde. Das junge Tier sieht zu mir hoch, als Dírhídh uns auffordert loszugehen, da die Wachen jetzt gewechselt werden. Es will mir scheinen, als würde er ahnen, dass ich bereits einen Namen für ihn habe. Ein intelligentes Tier ist er, durchaus. Aber erst als der Elb nachfragt, ob ich denn bereits einen Namen hätte, sage ich ihn. „Porthos will ich ihn nennen.“ „Porthos? Ein ungewöhnlicher Name ist das. Woher kommt er?“ Er wirft einen Blick aus gefasster Neugier zu mir hinüber. „Aus Die drei Musketiere ist der. Ein historischer Abenteuerroman. Athos, Aramis und Porthos heißen drei der Hauptcharaktere. Vielleicht würde der Kleine vom Charakter eher zu Aramis passen, aber... Porthos ist irgendwie so ein Name, der zu einem Wolf passt. Oder wie siehst du das?“ Er nickt nur und sieht zu ihm hinab. „Ja... es sieht ihm ähnlich.“ Dann schaut er zu mir und muss kopfschüttelnd lachen. „Du bringst es also tatsächlich fertig, dich mit einem Wolf anzufreunden.“ Ein Nicken ist ihm Antwort. Dagegen habe ich nichts. Wölfe fand ich von allen Waldtieren noch immer am schönsten und respektierlichsten – jedenfalls in meiner Welt. Von den Wölfen hier, scheint er wohl die große Ausnahme zu sein. Als wir zum Fluss kommen, der den südlichen Teil Lóriens vom nördlichen abgrenzt, sind die meisten von Dírhídhs Wachtruppe schon drüben. Der letzte auf dieser Seite drängt uns schon regelrecht, dass wir schnell hinüber gehen, weil sie sonst das Seil nicht lösen dürften. Es gibt keine Furt über den Fluss und auch keine Brücke. Nur ein etwa handbreites Seil, das immer wieder drüber gespannt und auch wieder gelöst wird, wenn jemand auf die andere Seite muss. Ein System, das nur funktioniert, wenn sich auf beiden Seiten immer mindestens eine Person befindet. Zu unserem Erstaunen läuft Porthos dort ganz ohne Schwierigkeiten hinüber; er ist vor uns auf der anderen Seite. Dann soll ich gehen. Sonderlich schwer fällt es mir nicht mein Gleichgewicht zu halten. Das habe ich in meiner „ersten“ Kindheit oft in den Schulpausen an Bordsteinkanten, Steinen und Baumstämmen versucht. Aber es kostet mich doch einiges an Überwindung, nicht auf die vorbeischnellenden Wellen zu schauen, welche mich sonst sicher straucheln lassen würden. Als wir drei drüben sind, lösen die Wachen auf der anderen Seite das Seil und werfen es hinüber. Die vier anderen von Dírhídhs Truppe holen es ein, dann nimmt einer von ihnen es mit sich und wir gehen zurück zur Stadt. Nicht weit hinter dem Stadttor treffen wir auf Sam und Frodo. Sam ist der erste, der uns sieht und ruft schon vom Weiten: „Wo bist du gewesen, Eruanne? Boromir hat sich schon Sorgen gemacht.“ Die beiden kommen zu uns hinüber, aber ich würde am liebsten taubstumm werden. Die Einsamkeit hat's mir wieder angetan. Reden, wenn mehr als zwei Leute gleichzeitig da sind und zuhören, ist nichts, das mir einfach fällt. Dírhídh stupst mich unauffällig an und raunt mir zu, dass ich rot werde. Sofort schüttle ich den Kopf und setze ein Grinsen auf. Ich kann es nicht leiden, dass man es mir ansehen, wenn mir etwas unangenehm erscheint. Dieses Rotwerden ist eine Sache, an der man so etwas bei mir ganz genau beobachten kann. Den beiden Hobbits erkläre ich rasch: „Ich hab Merry und Pippin doch gesagt, dass ich bei Dírhídh bleibe.“ „Nun, aber nicht für wie lange“, erwidert Frodo. „Doch das ist ja nicht weiter schlimm.“ Wir gehen den Weg zu unserem Lager zurück. Währenddessen werde ich davon unterrichtet, dass sie nun doch beschlossen haben früher abzureisen. Es betrübt mich ein wenig, aber ich sage nichts dazu. Nur Sam ergänzt Frodos Worten noch: „Und ich glaub dein Bruder hatte dir auch noch etwas zu sagen.“ Für einen Augenblick werde ich unruhig. Was es auch ist, das er mir sagen will, es wird mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht gerade erfreulich für mich sein. Porthos drängt sich zwischen Sam und mich, woraufhin der Hobbit verdutzt zu ihm hinunterschaut. „Wo kommt dieser kleine Kerl eigentlich her?“ Ich werfe Dírhídh einen kurzen Blick zu und erwidere: „Zugelaufen. Anscheinend hat er hier schon seit Jahren rumgestreunt und gestern, ist er zufälligerweise zu uns gekommen.“ Sam grinst. „Du hast eine sonderbare Art dir Freunde zu verschaffen.“ Darüber kann ich nur lachen. Ja, mag sein. Meine ehemaligen Freunde habe ich meistens durch seltsame Zufälle kennengelernt. Vor allem die, bei denen ich mich getraut habe sie wirklich Freunde zu nennen – von denen ich nicht viele hatte. Ich tat mir schon immer sehr schwer damit, jemanden als Freund zu bezeichnen. Da muss ich urplötzlich an Shadow denken. Wie wir uns kennengelernt haben. Es war gar nicht am Celduin, es war viel früher, in Gondor noch. Ein Schmunzeln fliegt mir bei dem Gedanken an ihn übers Gesicht. Ihn konnte ich damals wirklich einen Freund nennen. Nach wenigen Minuten kommen wir am Zelt an – unser Lager. Eine Diskussion zwischen den restlichen Gefährten mit Ausnahme von Merry und Pippin ist im Gange, als wir dazukommen. Genauso schnell bricht sie aber auch ab. Die Blicke bleiben an mir hängen, ohne dass sie etwas Genaues aussagen. Boromir ist der erste, der etwas sagt. Er geht auf mich zu, ohne es wirklich gerne zu wollen. Selten habe ich ihn so unsicher gesehen, obgleich es eigentlich nicht sonderlich bedeutend sein kann, was er jetzt zu mir sagen wird. „Wir werden früher abreisen“, beginnt er schließlich und versucht so gleichgültig wie möglich zu klingen. „Aber...“ Er stockt. Nach und nach wandert mein Blick zu den anderen Gefährten. Legolas versucht meinem Blick auszuweichen, Gimli hingegen strahlt eine Standfestigkeit und Sturheit aus, die man beinahe schon als Überheblichkeit deuten könnte und Aragorn beobachtet nur ruhig, wie Boromir und ich so voreinander stehen. Frodo und Sam haben sich zu Merry und Pippin gesetzt. Diese vier verfolgen mit merklicher Neugierde das Gespräch, auch wenn es scheint, als würden sie den Ausgang dessen bereits wissen. „Aber?“, frage ich nach, als Boromir nicht weiterspricht, da wirft Gimli ein: „Wir haben beschlossen, dass du hierbleiben solltest.“ Ich stutze, grinse aber. „So, so. Habt ihr das?“ „Es wäre das Beste für dich“, ergänzt der Elb. Jedoch erwidere ich mit nicht wenig Skepsis in meinen Zügen: „Aus eurer Sicht, wäre es das Beste. Meint ihr etwa, ich könne mich nicht verteidigen, wenn es darauf ankommt?“ Sofort verneint Boromir. „Wenn's nur das wäre! Nein, daran zweifelt keiner von uns, aber jetzt wo Helendir wieder auf der Suche nach dir ist, können wir nicht verantworten, dass dir auf dem Weg nach Minas Tirith etwas zustößt.“ „Nicht zuletzt, dass es Frodo verraten würde, wenn er auf uns stoßen wird und mich bei euch findet, hab ich recht?“, vervollständige ich ihre Begründung, denn entweder werden sie das gar nicht bedacht haben oder sie würden sich nicht trauen das zu sagen. Mein Blick liegt dabei vor allem auf Legolas, Boromir und Gimli. Wenn man etwas als ungewöhnlich bezeichnen kann, dann das Bild, was sich gerade vor mir bildet. Alle drei nicken. Drei, die sich sonst in den kleinsten Fragen uneinig sind, stimmen in dieser Meinung überein und es sind ausgerechnet drei derjenigen, mit denen ich in den letzten Tagen die meiste Zeit verbracht habe. Am ehesten wundert es mich aber bei El. Er kennt mich besser als alle anderen in der Truppe. Er hat mich selbst ausgebildet und auch über Helendir weiß er am meisten in dieser Gemeinschaft, aber nun traut er mir nicht zu, dass ich den Weg schaffen würde und glaubt, dass ich sie verraten könnte? Ich sag nichts. Wenn ich jetzt rebellisch werde, dann würden sie niemals glauben, dass ich wirklich hierbleibe. Der Grund, den ich genannt habe, ist eigentlich belanglos. Helendir wäre der Ring egal. Gleichgültiger als alles andere. Er hat es nur auf mich abgesehen und selbst wenn er mich bei den Gefährten finden würde, dann wären diese für ihn belanglos. Dieses Argument habe ich nur hervorgebracht, um die Gefährten glauben zu machen, ich würde ihren Vorschlag akzeptieren. Ich kann aber nicht bleiben. Sonst stirbt Boromir. Auch wenn er nicht mein richtiger Bruder ist, er war die ersten Jahre meines Lebens in Mittelerde für mich da. Ohne ihn wäre ich nicht hier. Zwar mag man mir Enttäuschung ansehen, doch ich nicke ebenfalls und schaue zu Boden. „Es liegt nicht daran, dass wir kein Vertrauen in deine Fähigkeiten hätten“, versucht gerade er zu beschwichtigen. „Aber du wärst hier sicher. Es ist der einzige Ort, an dem du wirklich sicher sein kannst.“ Wieder stimme ich zu und bemühe mich zu lächeln, auch wenn ich genau das Gegenteil denke. Wenn ich hierbleibe, befinde ich mich vielleicht in Sicherheit, aber auch nur in der Art, dass ich in einem goldenen Käfig gefangen bin, um den ein Raubtier kreist, das nur auf einen günstigen Moment zu warten braucht, um mich rauszulocken und anzugreifen. Und diesen Moment wird er wohl herbeizuführen wissen. Wehren werde ich mich dann nicht können. Warum also sollte ich nicht schon diesen Käfig verlassen, bevor das Raubtier überhaupt in seine Nähe kommt? Sie ahnen nichts von meinen Gedanken. Selbst El nicht. In seinem Gesicht erkenne ich ein erleichtertes Lächeln, aber sollte ich es ihm verübeln? Er kennt Helendir nicht ganz so gut wie ich es tue. Auch wenn er sich distanziert hat, so ist sein Grundcharakter immer noch mein Werk und dessen kann er sich nicht entziehen. Als sie sich für die Weiterreise vorbereiten, sitze ich auf meinem Platz und schaue ihnen zu. Porthos liegt neben mir. Er lässt sich den Kopf kraulen, aber seine Augen bleiben offen, ganz so als würde er ebenfalls etwas Bestimmtes beobachten. Es dauert nicht lange, bis ich raus aus dem Zelt gehe. Dírhídh könnte mir im Zweifelsfall helfen ihnen zu folgen. Mit Porthos hätte ich zumindest einen Begleiter, der mich nicht davon abhalten würde, aber zu Fuß werde ich sie nicht einholen können. Ein leises Schnauben dringt an mein Ohr und lässt mich aufmerken. Ich schüttle den Kopf. Eine Einbildung. Aber... zugleich kommt mir Shadow wieder in den Sinn. Es würde mich nicht wundern, wenn ich ihn „zufällig“ auf dem Weg begegnen werde. So wie wir uns bisher immer „zufällig“ begegnet sind. Schlau kann man aus diesem Rappen nicht werden – das habe ich schon mit fünf Jahren aufgegeben. Aber ein treuer Wegbegleiter ist auch er. Es wird Abend. Ein letztes Mal sitzen wir noch alle zusammen und besprechen das weitere Vorgehen. Ich höre nur zu, denn vermeintlich bleibe ich ja. Wichtig sind ihre Worte dennoch für mich. So weiß ich wenigstens wohin sie wollen. Als die meisten von ihnen sich schlafen legen, schleiche ich mich wieder hinaus und gehe den Weg entlang zu einer Stelle an einem Bach, an der ich in den letzten Tagen oft gewesen bin. Dort habe ich öfters einfach nur gesessen und gezeichnet oder mit dieser Stimme geredet, je nachdem, ob mir etwas auf dem Herzen lag oder nicht. Jetzt will ich einfach nur mal wieder meine Gedanken ordnen und zurechtlegen, wie und wann ich den Gefährten folgen könnte. Porthos setzt sich nach einer Weile neben mich, ohne dass ich bemerkt habe, wie er mir nachgelaufen ist. Ich muss lächeln. Er ist anhänglich, dieser junge Wolf. Aber irgendwie bin ich auch dankbar dafür, dass er da ist. Immerhin muss ich mit ihm nicht unbedingt Gespräche führen, wenn er denn in meiner Nähe ist. Meine Hand fährt über sein weiches Fell, er schließt die Augen. War er nicht verwundet? Am Hals? Eigentlich, ja. Aber ich finde keine Spuren davon. Dírhídh hatte also wohl recht, die Natur hat das schon eingerichtet. Wenn ich gehen werde, dann werde ich ihn wohl kaum mitnehmen können. Einfach schon deswegen, weil Shadow ein unnatürlich schnelles Tier ist und ihn mit Leichtigkeit abhängen könnte. Und ich will nicht, dass er sich in größere Gefahr begibt als er ertragen kann. Aber... wenn er so anhänglich ist... Außerdem ist es bei mir ja so ziemlich das Gleiche. Boromir will nicht, dass ich mich in größere Gefahr begebe. Bei Legolas und Gimli bin ich mir gar nicht einmal so sicher. Genauso wenig bei Aragorn. Ich seufze. Wie es Merry, Pippin, Sam und Frodo sehen, könnte ich noch weniger sagen. Dass die vier denken, ich könne mich nicht wehren, bezweifle ich stark. Doch was mache ich mir darüber Gedanken? Sie denken, ich würde hierbleiben. Folgen werde ich ihn aber müssen. Nicht zuletzt, weil Helendir mich hier viel einfacher in seine Gewalt bringen könnte, sobald er mich erst rausgelockt hat. Aber auch wegen Boromir. Vielleicht wird Dírhídh mir helfen. Verstehen könnte er mich. Vielleicht. Doch vollkommen sicher werde ich mir auch da nicht sein können. Er sagte nichts dazu, als die Gefährten ihr Anliegen vorgebracht haben. Er hörte nur zu und schwieg. Auch später sagte er nichts. Porthos rührt sich und legt seinen Kopf auf meinen Schoß. Ein Lächeln fliegt mir über die Lippen. „Und du?“, frage ich leise. Er hebt seinen Kopf. „Wirst du mir weiterhin folgen?“ Er lässt ein kurzes doch bestimmtes Bellen ertönen, wie als wollte er mir zustimmen. Mit Ausdruck. Ich muss leise lachen und kraule ihn am Kopf. Wie Dírhídh schon sagte. Wir passen zueinander. Die Anwesenheit einer Person lässt mich aufhorchen. Zwar versuche ich mir nicht anmerken zu lassen, dass ich denjenigen bemerkt hab, doch mein Blick wird starr dabei. Weiterhin streichle ich den Wolf auf meinem Schoß; es ist beruhigend. Wer es auch immer sei, der da in unserer Nähe ist, es muss ein Elb sein. Sonst wäre derjenige nicht so leise. Vermutlich Dírhídh oder Haldir. Vielleicht auch ein anderer Bekannter, aber ersterer wäre gerade am wahrscheinlichsten. Ich warte darauf, dass er irgendwas sagt, doch ich warte vergebens. Es bleibt lange Minuten still, bis ich endlich zu reden beginne. „Was tust du hier?“, frage ich leise, den Blick immer noch nach vorne gewandt. Keine Antwort, aber Schritte. Leise, leichte Schritte, die mir sehr bekannt vorkommen. „Wollt ihr nicht schon morgen aufbrechen? Brauchst du nicht deine Ruhe?“ Er hält inne, erwidert aber wieder nichts. Mir geht ein Seufzen über die Lippen. „Früher warst du gesprächiger, meldir.“ Auch hierauf folgt eine Pause, dann aber erwidert er: „Das Gleiche könnte ich von dir behaupten.“ Nun drehe ich mich um zu ihm und muss lächeln. Porthos spitzt seine Ohren, als würde er unser Gespräch mitverfolgen wollen, doch seine Augen sind geschlossen. „Bist du mir böse?“, fragt er leise und kommt einige Schritte näher. Ich schüttle den Kopf. „Ich kann dir nicht böse sein. Bist du's mir etwa?“ Auch er verneint. In der Dunkelheit leuchten seine Augen. Früher fragte ich mich, ob er so besser sehen könne. Ein leichtes Schmunzeln lässt mich zu Boden blicken. „Ich weiß“, fährt er schließlich fort, „du willst eigentlich nicht hierbleiben. Du willst mehr sehen. Die Welt entdecken. Wäre nicht Helendir, so hätte ich auch nicht das Geringste dagegen, wenn du mitkommen würdest. Aber so...“ Ihn bedrückt mehr als er sagen will. Es ist nicht nur Helendir, sondern etwas viel banaleres noch. Ich nicke nur und klopfe mit der flachen Hand neben mir auf den Boden, woraufhin er sich zu mir setzt. Für eine ganze Weile mustere ich ihn, bevor ich wieder Worte fassen kann. „Du machst dir doch noch andere Sorgen, El.“ Wenn mich nicht alles täuscht, steigt ihm eine leichte Röte ins Gesicht, als er zu mir schaut. Sofort schüttelt er den Kopf und blickt zu Boden. „Worum sollte ich mir denn sonst noch Sorgen machen? Wenn du hierbleibst, ist doch alles in Ordnung.“ „El...“ Ich kann nicht weitersprechen. Er lügt doch. Natürlich macht er sich noch andere Sorgen. Nur wird es kaum etwas bringen, wenn ich ihn dazu dränge, dass er es zugibt. Ich schweige also und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Porthos rückt näher zu ihm und beobachtet ihn kritisch, doch mit freundlichem Blick. Auf Legolas' Lippen legt sich ein Lächeln, als er zu ihm hinunterschaut. „Ihr habt die gleichen Augen“, sage ich leise. Für einen langen Augenblick bleibt sein Blick an mir hängen, dann nickt er. „Mag sein. Aber er hat deinen Charakter.“ Sofort legt sich Skepsis über mein Gesicht. „Wie kannst du das sagen? Du kennst ihn doch noch gar nicht.“ Er zuckt darauf nur mit den Schultern. „Ihr passt eben zueinander.“ Das Gleiche hat Dírhídh gesagt. Und vielleicht stimmt es ja auch. „Ich... habe gestern mit deinem Bruder geredet“, fährt er fort. „Er hat Bedenken. Wegen eures Volkes.“ Mir entkommt ein Nicken, das Legolas wohl irritiert. „Du weißt schon davon?“ Wieder nicke ich. „Du musst mir so etwas nicht sagen. Ich kenne meinen Bruder.“ Da muss er zustimmen und verfällt wieder ins Schweigen. Wir sitzen eine Zeitlang so da, schweigend, weg von allem anderen, jeder in seinen eigenen Gedanken verstrickt. „Möglich, dass das jetzt ungelegen kommt, aber... weißt du eigentlich, was mit Adon und Keres geschehen ist?“ Der erste Impuls rät mir den Kopf zu schütteln. Im zweiten Moment aber erscheint es mir als zutiefst feige, wenn ich nun lügen würde. Mein Hals wird trocken und meine Augen feucht, als ich daran zurückdenke. Es musste jedoch irgendwann einmal so weit kommen. Irgendwann hätte ich es ihm sagen müssen. Ich nicke also. Daraufhin schluckt er schwer. In seine Augen legt sich eine Art böse Vorahnung vermischt mit Nervosität, hingegen bin ich vollkommen ruhig. Mich wundert's. Sollte es nicht gerade anders herum sein? Erst als ich reden will, merke ich, dass meine Stimme zittert. „Sie... wurden umgebracht“, sage ich leise. Ihn anschauen kann ich dabei nicht. Das Zittern meiner Stimme hat bei diesen Worten auf meine Schultern übergegriffen und es mir mit einem Schlag bitterkalt werden lassen. Aus Affekt schlinge ich die Arme um meinen Körper. Nach kurzem Zögern legt der Elb seinen Arm um mich und zieht mich näher zu sich. „Es tut mir leid für dich“, flüstert er. Die vorige Anspannung in seinen Zügen ist verblasst, als ich geantwortet habe. Sie hat Mitgefühl und eigenem Bedauern Platz gemacht. Doch alles habe ich noch nicht gesagt. Wieder schaudere ich, den Blick von ihm abgewandt. Ich will nicht Helendir dafür die Schuld geben. Schlussendlich hat er ja auch nur Befehle ausgeführt; die Entscheidung selbst lag bei mir. Als ich es nicht schaffe, die Tränen zurückzuhalten, wischt Legolas sie vorsichtig weg und entschuldigt sich verlegen. „Ich wollte dich nicht kränken. Verzeih mir“, bittet er leise, doch ich schüttle nur den Kopf. Kontrastiv zu meinem Äußeren hat meine Stimme sich einigermaßen wieder auf ein normales Niveau zurückbegeben. Mich selbst erstaunt, wie viel Ruhe in ihr liegt, als ich erwidere: „Es ist nicht alles. Aber bitte, hör erst zu.“ Das Gedicht fällt mir wieder ein. Für mich ist er ein Freund gewesen. Vielleicht war der Mörder in einer ähnlichen Situation wie ich damals. Er nickt, aber das vertreibt meine Bedenken nicht. Dennoch bin ich es ihm schuldig, dass er weiß, was mit den beiden geschehen ist. Nach einem tiefen Durchatmen spreche ich also. „Helendir hat mich vor eine Entscheidung gestellt“, sage ich. „Er sagte, wenn ich die beiden umbringen würde, werden sie die überlebenden Grünfelder freilassen. Andernfalls hätten sie selbst Adon und Keres getötet und alle Grünfelder wären in Sklaverei geraten... Was hätt' ich anderes tun sollen?“ Die Tränen strömen nach und wieder kann ich Legolas' Blick nicht mehr standhalten. Ich wische mir mit dem Handrücken über die Augen und merke wie mir das Blut in den Kopf steigt. Zugleich macht sich aber auch eine Art Erleichterung in mir breit. Ich habe es gesagt. Endlich. Ich habe es jemandem gesagt, nur weiß ich nicht wie er darauf reagiert. Mich würde es kein bisschen wundern, wenn er jetzt aufsteht, geht und nie wieder mit mir reden will. Nein, wundern würde es mich nicht. Auch nicht wenn er mir Vorwürfe machen würde, mich dafür hassen wird, alles könnte ich ihm verzeihen. Es ist nun mal nicht ausgeschlossen, dass es so sein wird. Doch allein dafür diese Beschwerde von meinem Herzen zu haben, hat es sich gelohnt, ihm die Wahrheit zu sagen. Legolas tut jedoch nichts dergleichen. Er nimmt mich nur fester in den Arm und erwidert: „Du hast das Richtige getan. Jeder, der anders gehandelt hätte, hat die beiden nicht geliebt.“ Unwillkürlich rücke ich näher zu ihm. Es ist wieder so kalt geworden, aber bei ihm fühle ich Wärme und Sicherheit. Ich schließe die Augen, als ich seine Arme um mich spüre und versuche die Erinnerung an den Tod der beiden Jungen zu verarbeiten. Wenn Legolas etwas anderes gesagt hätte, wenn er fortgegangen wäre und ich hier mit Porthos zurückgeblieben wäre, dann wär' es nicht unwahrscheinlich, dass diese Gedanken an sie meine Empathie verhärtet hätten und vielleicht völlig zum Erliegen gebracht hätten. Lange dauert es nicht, bis ich mich auch äußerlich wieder beruhige. Als ich zu ihm hinaufblicke, habe ich das Gefühl, ich könne endlich mit diesen Erlebnissen abschließen. Seine Augen sind glasig, doch in ihnen hat sich mittlerweile Ruhe und Ausgeglichenheit eingefunden. Er lächelt ein wenig, kaum bemerkt er, dass ich ihn mustere. „Du willst es vergessen können, nicht wahr?“ Ich schüttle den Kopf. So etwas kann man nicht vergessen; eigentlich will ich es auch gar nicht, denn das würde verhindern, dass mein eigener Charakter wächst. Andere Sachen würde ich viel lieber vergessen. „Ich würde lieber wissen, wie ich dir helfen könnte. Du bist schon die ganze Zeit so bedrückt.“ Er schüttelt nur den Kopf und krault Porthos' Kopf – er ist in seinem Schoß eingeschlafen. „Warum soll ich dich noch mit meinen Sorgen belasten?“, fragt er. „Hast du davon nicht genug?“ Nur ein müdes Lächeln entweicht mir. „Jeder Mensch hat seine Sorgen. Aber sie währen ihm nicht ewig, weil er irgendwann eh einmal stirbt. Bei euch Elben ist das anders. Ihr sterbt nicht. Euer ganzes Leben ist gefüllt mit Sorgen und Trauer. Warum willst du dann nicht jemandem etwas davon abgeben, der sie nicht für tausende von Jahren mit sich tragen muss?“ Selten hat er so verwundert zu mir geschaut wie jetzt. „Warum sagst du so etwas?“ „Weil ich nicht will, dass deine Sorgen dich irgendwann noch kaputtmachen, El.“ Er lächelt und streicht mir durchs Haar. „Bisher haben sie es noch nicht geschafft.“ „Aber dir wird es besser gehen, wenn du deine Sorgen nicht nur für dich behältst.“ „Sagst gerade du.“ Da hat er recht. Sag gerade ich. Dennoch fährt er nach einiger Zeit fort: „Ich... befürchte, dass wir es nicht bis nach Mordor schaffen werden. Jedenfalls nicht alle von uns. Du weißt, was ich von den Hobbits halte, selbst du hättest mehr Kampferfahrung als sie. Zwar sind sie tapfer und widerstandsfähig wie selten andere, aber sie sind nun mal auch noch sehr unerfahren. Vor allem Merry und Pippin werden sich mit Sicherheit von ihrem Leichtsinn verblenden lassen und in Schwierigkeiten geraten. Und dein Bruder... Er ist so sehr von eurem Volk überzeugt, dass... Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob er es verkraften wird Gondor schwach zu sehen.“ „Und Gimli und Aragorn?“, frage ich nach einer Weile vorsichtig. Legolas deutet ein Kopfschütteln an. „Um die beiden mache ich mir keine Sorgen. Sie wissen, was sie tun, auch wenn man Gimlis Worten manchmal nicht ganz so blindlings trauen sollte.“ Ein Schmunzeln legt sich über meine Züge. Ich kann seine Gedanken nachvollziehen. Viel anders denke ich nun auch wieder nicht. Nur weiß ich nicht, wie ich ihm darin helfen könnte. Ein weiser Mensch bin ich nun sicherlich nicht. So viel Erfahrung habe ich nicht. Trotzdem muss ich doch irgendetwas erwidern. Da fällt mir etwas aus meiner Welt ein. Ein Zeitabschnitt in meinem Leben, den ich liebend gerne zu einer Art Studie umgestaltet hätte. „Versuch doch einmal optimistischer zu denken. Es ist manchmal nicht leicht, aber schwer ist es eigentlich auch nicht sein eigenes Denken auszutricksen.“ „Wie meinst du das?“ Ich zucke mit den Schultern. „Naja, wenn einem nur Gutes widerfährt, ist es sicher einfacher glücklich durchs Leben zu gehen. Aber das passiert eher selten. Vielleicht klingt es absurd, aber bei mir hat das früher sogar geklappt, auch wenn es durch reinen Zufall passiert ist. Anstatt dir zu denken Wie viel Schlechtes und wie viel Gutes ist heute passiert?, denk einfach mal Wie viel Schlechtes ist denn nicht passiert, obwohl es hätte passieren können? Ja, das klingt total absurd, aber rein logisch gesehen, gibt es dann doch viel mehr Schlechtes, das hätte passieren können, als Schlechtes das wirklich passiert ist. Und dann wäre das doch eigentlich automatisch etwas Gutes, oder?“ Immerhin lacht er, auch wenn er meinen Gedankengang zu kompliziert und wirr finden mag. Es freut mich. In letzter Zeit ist es doch eher eine Seltenheit gewesen, ihn wirklich lachen zu sehen, obgleich das eines der Dinge ist, welche ihn sympathischer machen. „Diese philosophischen Gedankenspielchen. Ich habe sie so vermisst, als du nicht da warst.“ Ich muss grinsen. „Du hast doch selbst genug Zeit, um dir solche Sachen zu überlegen. Tu nicht so, als wäre ich im Gegensatz zu dir ein ach so großer Philosoph.“ Mit einem Schmunzeln schüttelt er den Kopf. „Zeit habe ich zwar genug, aber ich würde solche Gedanken nie so direkt äußern wie du es tust.“ „Ach? Ich dachte so Leute wie du wären immer sehr direkt.“ Eine leichte Skepsis zieht sich über sein Gesicht, als ich das sage. Er wendet seinen Blick zu mir und wiederholt: „Leute wie ich? Meinst du Elben? Oder willst du etwas anderes damit sagen?“ „Als ob Elben direkt sind. Nein, mir ist nur aufgefallen, dass ich bisher die interessantesten Gespräche immer mit Leuten geführt habe, die blond und blauäugig sind. So wie du halt.“ Wieder muss er leise lachen. „Worüber habt ihr denn geredet, dass es dich interessiert hat? Sonderlich einfach ist es ja nicht bei dir Interesse zu wecken.“ „Na“, ich zucke mit den Schultern, „zum Beispiel über... Glauben, Wahrnehmung, Psychologie, Krieg, Moral... So Dinge wie, dass man eigentlich nichts sehen könnte, wenn man die Zeit anhält, weil die Lichtwellen dann erstarren und nicht ins Auge treffen oder einmal hab ich mich mit jemandem darüber unterhalten, ob man im Krieg an der Front bereits gefallene Soldaten essen würde, wenn man keine Vorräte mehr im Lager hat.“ „Du hast da natürlich mit Nein geantwortet, weil du ein höchst moralischer Mensch bist.“ Denn sarkastischen Unterton in seiner Stimme konnte man ganz deutlich heraushören. Ich weiß, dass er mich nur triezen will. „In etwa. Ich habe gesagt, eher nicht, weil man ja nicht weiß, was für Krankheiten diese Menschen gehabt haben oder vielleicht haben die ja eine Bleivergiftung wegen den Einschusswunden. Es wäre klüger, wenn man das nicht täte, aber ich könnte niemanden dafür verurteilen, zumal Hunger ein menschlicher Trieb ist. Mit Moral hätte das dann weniger zu tun.“ „Du denkst Sachen. Ich würde eher sterben, als einem Menschen so etwas anzutun.“ „Das sagst du jetzt. Aber ich hoffe doch sehr, dass so ein Fall nie eintreffen wird. Nebenbei bemerkt... frag mich nicht, woher mein Bruder das weiß, aber er hat mir einmal gesagt, Menschenfleisch schmeckt wie Hühnchen.“ „Ich glaub ja, deine Geschwister und du, ihr habt zu viele Bücher gelesen oder Geschichten gehört. Welcher war es denn? Der, der früher Soldat gewesen ist? Eruannant? Eure Namen ähneln sich zu sehr. Hieß er denn wirklich Jonathan?“ Ich nicke. „Ja, der war's. Noch verwirrender war es, wenn wir ihn nur Jonny genannt haben. Da unterscheiden sich unsere richtigen Namen in nur einem Buchstaben.“ Die Namen meiner Geschwister habe ich ins Sindarin übersetzt, damit sie ihm geläufiger erscheinen. Sie sind keine Elben und mit Ausnahme des Namens meiner ältesten Schwester und des meinigen sind alle Namen bei uns russischer oder hebräischer Herkunft, was es ihm nicht einfacher gemacht hätte, sie im Gedächtnis zu behalten. Wie dem auch sei, wir reden noch eine ganze Weile. Die vorigen Sorgen, die El noch geplagt hatten, schwinden langsam, je weiter wir uns von ihnen entfernen, doch im Gegensatz dazu wachsen sie in mir. Sie brechen früh auf, am nächsten Morgen. Mir gefällt es nicht, mich von ihnen verabschieden zu müssen, aber der Gedanke daran, dass ich ihnen eh folgen werde, beruhigt mich zumindest ein wenig. Von Boromir fällt mir der Abschied am schwersten, zumal er einer der beiden dringlichsten Gründe ist, aus denen ich ihnen überhaupt folgen will. Bei jedem einzelnen der Gefährten verabschiede ich mich, bei ihm aber werde ich traurig und senke meinen Blick. „Ich will nicht Lebewohl sagen, Großer“, spreche ich leise, woraufhin er ein halbes Lächeln zeigt und sich zu mir hinunterbeugt, um mich zu umarmen. „Es wird nicht für immer sein. Keine Sorge.“ Seine Zuversicht kommt mir unbegreiflich vor. Es ist seltsam, wo er doch spüren müsste, dass er bald... „Bist du dir da sicher?“, frage ich, schüttle aber direkt danach den Kopf und entschuldige mich. Er lächelt nur und verwuschelt mir das Haar. „Ich verspreche dir, wir werden uns wiedersehen“, sagt er mit so einem bestimmten Ton, dass ich beinahe lachen muss. „Soll das etwa eine Drohung sein?“ „Achte auf deine Worte, Kleine. Du wirst noch übermütig.“ Aber ich winke ab. „Von wem ich das wohl gelernt haben mag... nein. Aber pass bitte auf dich auf.“ Ein Nicken folgt. Dann macht sich ein Lächeln auf meinen Lippen breit. Lange schaue ich ihnen noch nach, bis sie mit ihren Booten im morgendlichen Winternebel verschwinden. Theoretisch könnte ich ihnen auch mit einem Boot nach. Im Kanufahren habe ich einige Erfahrungen in meiner Welt gemacht und so viel anders dürfte es nun hier auch wieder nicht sein. Aber das könnte ihnen auffallen. Ich muss laufen oder zumindest reiten. Nur werde ich hier wohl kaum ein Pferd bekommen können. Es würde nicht über die Flussgrenze hinüber kommen. Mein Blick schweift zu Porthos. Er schaut erwartungsvoll zu mir hinauf, als wüsste er, dass wir bald von hier fortgehen würden. Aber zuerst sollte ich mir meine Waffen wieder geben lassen. Dírhídh weiß mit Sicherheit wo sie sind. „Na komm“, spreche ich zu Porthos und gehe in Richtung des Grenzflusses. Er folgt mir sofort und springt leichtfüßig neben mir her, bis wir an dem Fluss ankommen. In einigen Minuten werden die Wachen abgelöst, dann werden wir Dírhídh abfangen können. Tatsächlich kommen er und zwei andere nach einer Weile von Süden her und überqueren den Celebrant. Als er mich aus dem Augenwinkel bemerkt, bleibt er stehen und grüßt mich. Ich lächle nur und nicke höflich. „Was tust du hier?“, spricht er weiter und kommt näher. „Ist es dir etwa langweilig geworden?“ Etwas unschlüssig zucke ich mit den Schultern. „Eigentlich nicht, aber sag einmal, was meinst du, wie lange brauchen die acht bis zu den Raurosfällen?“ Er überlegt kurz, als wir losgehen. Schließlich erwidert er: „Um die drei Tage werden sie sicher unterwegs sein. Doch warum fragst du?“ Wieder zucke ich mit den Schultern. „Es interessiert mich einfach.“ Ein Stück geht es ohne Unterhaltungen weiter. Er fragt nicht weiter nach, vielleicht ahnt er ja auch schon, warum ich ihn das gefragt habe. „Es war ziemlich ruhig heute“, meint er plötzlich. „Auf der Wache?“ Er nickt. „Ja. Die Orks haben ihr Interesse an unserem Wald wohl vollkommen verloren.“ Mit einem leichten Lächeln sieht er zu mir. Ich erwidere das Lächeln, werde gleichzeitig aber dezent unruhig. Wahrscheinlich werden sie den Gefährten gefolgt sein. Kein Wunder also, dass es hier ruhiger geworden ist. Aber wenn die acht auf dem Anduin nicht mehr weiter können... Sie werden den Orks direkt in die Arme laufen. „Wenn sie gelaufen wären“, frage ich weiter, „wie lange hätten sie wohl dann gebraucht?“ Obwohl man merkt, dass er die Frage ein wenig seltsam findet, denkt er kurz nach und gibt als Antwort: „Ich würde vielleicht einen Tag mehr schätzen, wenn du gut zu Fuß bist und keine Pausen machst. Aber wieso fragst du? Du willst ihnen doch nicht etwa nachlaufen.“ Doch ich nicke leicht. „In etwa schon.“ Sein Blick wird ungläubig. „Meinst du das im Ernst?“ Ich schaue zu Boden. „Ich habe Angst um sie. Vor allem um Boromir. Hier wäre ich nur so lange sicher, bis Helendir ein Mittel gefunden hat, um mich herauszulocken. Das verstehst du doch wohl.“ „Du wirst sie niemals einholen können, Jenny. Selbst wenn du ohne Rast läufst. Sie werden dir mindestens einen Tag voraus sein.“ Wenn ich mich nicht irre, schwang ein klein wenig Bedauern in seinem Ton mit, als er das gesagt hat. „Hast du die Nächte einkalkuliert? Ich würde auch nachts laufen. Sie werden nachts rasten, da bin ich mir sicher.“ Es folgt eine lange Pause. Bis wir wieder in die Stadt kommen, sagt keiner etwas. Dort jedoch angekommen nimmt Dírhídh mich zur Seite und bittet mich ihm zu folgen. Porthos geht natürlich mit uns. Wir gehen zu den Waffenkammern, wo er erst einmal seine Waffen ablegt. Währenddessen schaue ich mir die anderen kunstvoll gefertigten Bögen, Schwerter und Messer an. Wenn ich daran denke, dass ich mich in meiner Welt erst im Alter von etwa vierzehn Jahren wirklich für Waffen interessiert habe, kommt es mir unwirklich vor, dass ich mit den meisten Messern und Bögen hier sicher umgehen kann. Darin hat Legolas mich gut unterrichtet. „Komm her“, ruft der Elb mich zu sich. Ich wende meinen Blick zu ihm und gehe dann langsam in seine Richtung. „Willst du mir etwa meine Waffen zurückgeben?“ Er nickt, jedoch liegt ein geheimnisvolles Grinsen auf seinen Zügen. „Ich werde sie doch eh nicht mehr einholen“, erwidere ich mit einem leichten Schmunzeln, doch er nickt nur und nimmt eine eingerollte Decke aus Leinen in die Hände. „Zwar denke ich das auch, aber ich habe den Befehl von Frau Galadriel erhalten, dich nicht zu hindern, falls du ihnen folgen möchtest. Egal wie früh oder spät du diesen Entschluss auch gefasst haben mögest.“ Ein ungläubiges Lächeln erscheint auf meinem Gesicht und ich sehe hinunter zu Porthos, welcher aufgeregt hin und her springt. „Warum aber dieses... große Drumherum? Du kannst mir meine Waffen auch einfach so wiedergeben.“ Sein Lächeln wird breiter. Er hält mir die Decke hin und ergänzt: „Nun es sind deine Waffen, also sind sie auch etwas ganz Besonderes.“ Aus Affekt verdrehe ich die Augen und nehme die Decke in meine Hände. Täusche ich mich oder sind die Waffen leichter geworden? Eine gewisse Skepsis kommt in mir auf, mein auf Dírhídh gerichteter Blick wird kritisch. „Das sind nicht meine Waffen“, sage ich leise, als ich beginne die Decke abzuwickeln, er aber lächelt nur. Und als ich sehe, was darin liegt, verstehe ich auch warum. „Aber...“ Mir bleibt der Mund offen stehen. „Aber... das...“ Der Elb nickt und sagt: „Das sind deine Waffen.“ Freudentränen stehen mir in den Augen, als ich den edlen Degen und den schönen Bogen in meine Hände nehme. Die kristallene Klinge blitzt im Licht der Sonne auf wie kaltes Feuer, das dunkle Holz des Bogens schimmert silbrig. „Woher...“, beginne ich, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. „Aus Laegrîdh. Kurz nach seinem Untergang. Wir ritten dort hin, um nach Überlebenden zu suchen. Einen fanden wir auch. Legolas. Und er hat diese Waffen gefunden. Er kannte sie, wollte sie aber nicht mitnehmen, weil sie ihn zu sehr an dich erinnerten. Er dachte, du seist tot. Also bat er uns, dass wir sie mitnehmen und zerstören, aber... Ich weiß nicht woher oder warum, doch mir sagte etwas wie eine Stimme, ich solle sie aufbewahren. Und so... Nun ja. Ich hoffe doch, du freust dich?“ „Und ob, Dírhídh! Danke!“, sage ich und falle ihm um den Hals. Porthos begutachtet die beiden Kriegswerkzeuge neugierig und sieht mich erwartungsvoll an, als ich sie mithilfe von Dírhídh um meinen Körper gürte. Bevor er mir jedoch hilft den Rückenköcher anzulegen, reicht er mir einen Mantel. „Der gehört nun wohl ebenfalls dir. Du bist doch auch eine von den Gefährten.“ Ich muss lächeln und lege ihn um meine Schultern. Die Farbe ist nicht genau zu definieren... braun-grün-grau, so in der Art, aber ich mag diese Farbe. Darüber schnalle ich den Köcher mit den weißen Pfeilen und den Bogen, dann gehen wir aus der Waffenkammer hinaus. Nachdem wir uns um genügend Reiseproviant gekümmert haben, fällt dem Elb noch etwas ein. „Wirst du deinen Wolf hierlassen?“ Ich schaue zu Porthos hinunter, der bei diesen Worten traurig zu werden scheint und mich mit großen Kulleraugen ansieht. Sogleich verneine ich lächelnd und verwuschle ihm das Fell. Wirklich nachvollziehen kann Dírhídh das zwar nicht, aber er fragt nicht weiter nach. Bis zum Fluss begleitet er uns, dann verabschieden wir uns mit einer Umarmung. Er wird ein wenig betrübt, als wir uns loslassen. „So verliere ich dich wieder an diesen Boromir. Versprich mir wenigstens, dass es nicht umsonst sein wird.“ Ich lächle und nicke. Da fällt mir etwas ein. Ich nehme ein loses Stück Papier aus meinem Büchlein. Es ist ein Bild, das Dírhídh besonders mochte. Ein Bild von einer weißen Rose. „Hier. Dann wirst du mich wenigstens nicht vergessen“, sage ich leise und reiche es ihm. Er lächelt und senkt dankend den Kopf. Dann aber gehen Porthos und ich hinüber. Auf der anderen Seite bei einer der Wachen angekommen löse ich das Seil vom Baumstamm und werfe es Dírhídh zurück. Er holt es ein und hebt zum Abschied seine Hand. Das tue ich auch, dann aber laufen wir los in Richtung Süden.

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare autorenew