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Elarras - Die eine und neun andere

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1 Kapitel - 9.742 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 582 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Kapitel 12

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12. Kontraproduktive Gedankengänge
So langsam werde auch ich neugierig, warum es ihnen denn so schwerfällt das Rätsel zu lösen. Ich gehe zu Frodo und Gandalf und frage noch einmal nach, was da denn genau steht. „Sprich Freund und tritt ein“, wiederholt Gandalf. Skeptisch betrachte ich die elbischen Runen an der Tür. Könnte es denn nicht sein, dass die Antwort darauf schon im Satz selbst liegt? „Was ist, wenn man das anders betonen muss?“, frage ich die beiden, woraufhin sie mich fragend anschauen. „Naja, also wenn man das Wort Freund stärker betont, gibt es gleich einen anderen Sinn. Vielleicht muss man kein wirkliches Losungswort finden, sondern einfach nur das Wort Freund sagen.“ „Das ist kein dummer Gedanke“, murmelt Gandalf. Frodo hingegen ergänzt: „Doch zu einfach wäre es. Jeder könnte dann hinein.“ „Nicht, wenn derjenige nicht die Sprache kennt. Es gibt kaum Orks, die Sindarin sprechen können oder...“ Da wird es auch Frodo klar. „Was ist das elbische Wort für Freund, Gandalf?“, fragt er, doch ich komme ihm mit der Antwort zuvor. „Mellôn“, sage ich und die Tür beginnt sich zu bewegen. Sofort merken auch die restlichen Gefährten auf und kommen zu uns. Ihre Schritte sind aber nicht das einzige, was ich wahrnehme. War es am Ende doch kein Streich meines Gehirns? Da ist ein leises Plätschern und Blubbern im Wasser zu hören. Während die anderen Richtung Tür gehen, drehe ich mich um und sehe hin zur Wasseroberfläche. „Scheiße“, schießt es mir durch den Kopf. Ja, ich verstehe, warum Aragorn die beiden Hobbits zurechtgewiesen hat. Mir wird mulmig, als ich sehe wie sich das stille Wasser zu bewegen beginnt und berichte es sofort dem Zauberer. „Schnell, in die Minen“, ruft er uns zu. Da schießt aber schon ein riesiger Fangarm aus dem schwarzen Wasser und packt Frodo. Weil Aragorn und Boromir ihm am nächsten sind, ziehen sie ihre Schwerter und schlagen auf das Ungeheuer ein. Auch Sam will hin, um ihnen zu helfen, doch ich halte ihn zurück. Nicht weil ich denke, dass er nicht kämpfen könnte, sondern weil ich nicht will, dass er eventuell auch noch gefangen wird. „Geh“, bitte ich ihn und deute mit dem Kopf Richtung Minen, ziehe gleichzeitig aber meinen Bogen und lege einen Pfeil ein. Legolas sieht das und ruft mir direkt zu: „Die Pfeile werden seine Haut nicht durchdringen, Eruanne!“ Doch ich schieße trotzdem, nicht auf die harte Haut, sondern direkt in eines seiner Augen. Das Untier zuckt zusammen und lässt den Hobbit vor Schreck fallen, woraufhin Boromir ihn auffängt und die drei rasch zu uns in die Minen stürmen. Hinter ihnen fällt das Tor in sich zusammen, zerborsten von dem wütenden Ungetüm, welches durch den Schuss ins Auge nur noch aufgebrachter geworden ist. Von draußen hört man noch das dumpfe Brüllen des Ungetüms, hier drinnen aber herrscht Stille. Totenstille wenn man so sagen möchte. Es ist stockdüster, nicht die eigene Hand kann man vor Augen sehen. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit und das verschwindet auch nicht, als Gandalf die Spitze seines hölzernen Stabes zum Leuchten bringt. Wie ein Blitz flammt das bläuliche Licht zuerst auf, verliert sich dann aber im Dunkeln der weiten Hallen und wird zu einem trüben Schimmer. „Der Eingang ist zerstört“, meint der Zauberer. „Nur noch auf der anderen Seite des Gebirges werden wir hinauskommen können.“ „Tage wird das dauern“, wirft Boromir ein und sieht missmutig zu ihm hin. „Und wer könnte uns hier im Dunkeln überhaupt noch führen?“ „Nicht gerade sehr respektvoll, Bruder“, flüster ich ihm ins Ohr, doch dieses Flüstern wird durch die Akustik der Hallen so verstärkt, dass man es ganz deutlich hören kann. Die übrigen Gefährten müssen leicht schmunzeln, ich hingegen entschuldige mich sofort wieder bei ihm. Doch irgendwo stimmt das ja auch. Bis hierhin hat Gandalf uns geführt und ich sag mal so, schlecht hat er es nicht gemacht. Ich denke nicht, dass er jetzt dadurch entmutigt sein wird. Und ich hatte recht. „Ich werde euch führen“, erwidert der Zauberer. „Und Gimli wird mit mir vorangehen. Es wird lange dauern. Gewiss. Aber es ist der einzige Weg hier raus.“ Mit einem wohlwollenden Lächeln nickt er mir zu, als wir schon wieder losgehen und die Hobbits mit ihm zu reden beginnen, aber ich lächle nur halbherzig zurück. Ich wollte Boromir nicht wirklich ermahnen. Es hat mich einfach nur aufgeregt, dass er immer noch meint, es wäre besser, wenn wir durch Rohan gehen würden. Manchmal scheint es mir schon als würde er Gandalfs Autorität überhaupt nicht achten und das finde ich traurig. Als wir weiterlaufen, gehe ich nicht mehr neben ihm. Zwar hat er meine Entschuldigung angenommen und ist mir auch nicht sonderlich böse, jedoch ist es mir gerade lieber neben jemandem zu laufen, der nicht permanent Gespräche anfangen wollen würde. Aragorn ist somit der einzige, mit dem ich im Moment irgendwie kommunizieren könnte, ohne in allzu hohe Empfindsamkeit abzuschweifen. Wir reden kaum. Nicht mehr als die anderen Gefährten miteinander. Worüber auch? Ja, ich würde schon gerne wissen was in den fünf Jahren geschehen ist, in denen wir uns nicht gesehen haben. Aber hier kann man wie gesagt jedes Flüstern hören und ich denke nicht, dass Aragorn unbedingt allen erzählen will, was damals passiert ist. Doch allein schon, dass wir nebeneinander laufen, gibt mir ein ganz anderes Gefühl. Ich fühle Sicherheit. Seitdem ich begonnen habe mit den Gefährten zu reden, fühle ich mich wirklich sicherer. Vor allem, da sie alle wissen, warum ich eigentlich hier bin. Sicher, sie wissen das auch nur mehr oder weniger. Vor allem die Hobbits können mit Helendirs Namen kaum etwas anfangen. Aber dass sie mir wenigstens Mitgefühl zeigen, ist mir doch schon etwas wert. Es ist Jahre her, dass ich solches Mitleid erlebt habe. Ungeheuchelt, ohne Hintergedanken. Und das tut gut. Mehrere Stunden, vielleicht sogar Tage sind wir unterwegs. Hier ist es nicht leicht herauszufinden, ob es gerade Tag oder Nacht ist, denn es ist immer finster. Aber wir finden dennoch genug Zeit, um zu rasten. Das Gepäck hatte zuvor zum Großteil Lutz getragen. Da er nun nicht mehr da ist, haben wir es untereinander aufgeteilt, auch wenn wir vieles durch den überstürzten Aufbruch an der Tür zurückgelassen haben. Sagen wir, sonderlich viel hat sich zu vorher nicht verändert. Nur Lutz ist weg und es ist immer dunkel, ansonsten laufen wir wie auch zuvor hinter Gandalf her durch die Hallen Morias. Es ist ein ziemlich eindrucksvolles Bauwerk. Im Gegensatz zu den Elben haben die Zwerge eher einen kantigeren Architekturstil, aber man kann die Kunst in ihrer Arbeit nicht verachten. So sehe ich es jedenfalls. Wenn ich jedoch zu unserem elbischen Gefährten schaue, muss ich grinsen. Von Anfang an schien er nicht sonderlich begeistert von Moria zu sein. Eher geringschätzig betrachtet er die Umgebung und nach einigen Tagen merke ich auch schon, wie er hier wieder raus möchte. Natürlich, er ist ein Waldelb. Er ist Witterung, Natur und Sonnenlicht gewohnt. Und hier unten gibt nicht wirklich was davon. Beinahe tut er mir deswegen schon leid. Andererseits habe ich aber das unscheinbare Gefühl, dass er manchmal ein klein wenig zu arrogant ist. Wie ich darauf komme? Naja, sagen wir es so, zwischen Gimli und ihm gibt es gelegentlich die ein oder andere Auseinandersetzung, die ich ehrlich gesagt recht kindisch finde. Es scheint als würden beide den jeweils anderen unbedingt davon überzeugen wollen, dass ihr Volk das bessere ist. Die anderen halten sich dabei immer zurück und lassen die zwei Streitenden. Die ersten Male habe ich ihnen zugehört und musste gelegentlich auch über die sinnfreien Argumente grinsen. Mittlerweile habe ich daraus eher ein Spiel gemacht, welches wie folgt funktioniert. Jedes Mal wenn einer der beiden sich derart in seinen Argumenten verwirrt hat, dass das nächste vollkommen unlogisch wird, gebe ich dem anderen einen Punkt. Bemerkt der andere allerdings nicht die Sinnlosigkeit in diesem Einwand, so bekommt sein Gegenüber einen mehr. Ich bin mal wieder am Punkte zählen, als Frodo mich anspricht. „Was tut ihr da, Eruanne?“, will er wissen, wobei er mir interessiert auf die Finger schaut. Ich grinse nur und erwidere leise: „Sinnfreie Behauptungen zählen. Die beiden streiten doch schon wieder.“ Der Hobbit muss schmunzeln und sieht hinter uns zu dem Elb und dem Zwerg hin. „Da hört ihr denen noch zu?“ „Ach, manchmal ist das ganz interessant. Und wisst ihr, mit der Zeit hört man sogar ein Muster heraus. Passt auf.“ Wir hören den Zwerg leise darüber zetern, dass die Elben doch alles angefangen hätten, ich überlege kurz und sag zu Frodo: „Legolas wird jetzt erwidern, dass er als Zwerg nicht einmal das Recht hätte, so etwas zu behaupten, weil sie nur aus einer Laune Aulës entstanden sind und nicht einmal Eru Ilùvatars Kinder sind.“ Das bewahrheitet sich auch. Der Hobbit muss grinsen und sieht wiederum zu ihnen zurück. „Was wird Gimli darauf sagen?“ „Er sagt gleich, dass die Existenz der Zwerge auch dringend nötig gewesen wäre, weil Elben Waldschrate wären, die keinen Sinn für das Schöne in dieser Welt hätten.“ Fast im gleichen Wortlaut gibt er es wieder. Frodo kichert. „Wie lange hört ihr ihnen schon zu?“, will er wissen, woraufhin ich schulterzuckend erwidere: „Gefühlt seit sie angefangen haben. Auf jeden Fall schon länger.“ „Und ihr könnt immer noch zuhören?“ „Sicher. Ich war schon immer eher der Zuhörer als der große Redner. Für euch mag es nicht interessant sein, aber... ich weiß nicht wieso, aber ich liebe es einfach anderen zuzuhören, so uninteressant es auch sein mag.“ Auf diese Aussage hin sieht er mich etwas fragend an. Mit der Antwort auf diese unausgesprochene Frage zögere ich zunächst, dann erwidere ich jedoch: „Ich kann die meisten Leute dann nachspielen, in ihrer Redensart und ihrer Haltung. Und auch Geschichten schreiben kann ich dann viel besser.“ „Ihr schreibt Geschichten?“, meint er erstaunt. Ich nicke. „Gelegentlich.“ „Worüber?“ „Dies und jenes. Was mir halt in den Kopf kommt. Und manchmal sind das ganz wirre Sachen. Ich hab einmal eine Geschichte über eine Ameise geschrieben und wie die Welt aus ihrer Sicht vielleicht aussehen mag.“ Er muss leicht skeptisch grinsen. „Über so etwas denkt ihr nach? Ihr musstet wirklich arg viel Zeit gehabt haben, um auf solche Gedanken zu kommen“, sagt er. Da muss ich ihm zustimmen. Nach einer kurzen Pause fragt er allerdings noch: „So lange wie ihr den Zweien schon zugehört habt, könntet ihr sie auch nachmachen?“ Ein Grinsen überfliegt meine Züge. „Nicht gerade einfach, aber ich kann's ja probieren.“ Damit schaue ich hinter mich zu Gimli und mustere ihn kurz. Sogleich passe ich meine Gangart an, laufe breitbeiniger und stapfender, verlagere mein Gleichgewicht eher in den Bauch und mache mich generell etwas breiter. Die Miene verstelle ich etwas abgehärteter, schiebe ganz leicht meinen Unterkiefer vor und kneife die Augen etwas zusammen. Als der Hobbit mich so ansieht, lacht er leise und nickt. „Sieht ihm schon ganz ähnlich.“ „Was?“, sage ich mit einer tieferen rauen Stimme, die ich aus dem Bauch heraus stütze, damit sie kräftiger wird und Frodo muss noch einmals lachen. „Wir Zwerge waren schon seit jeher ein stolzes Volk. Was haben solche Grünlinge wie ihr unserem Reichtum schon entgegenzusetzen?“ „Reichtum?“, spreche ich mit einer weicheren, dezent höheren, aus offenem Hals gestützten Stimme weiter. In Sekundenschnelle richte ich mich gerade auf, nehme längere leichtere Schritte, verlagere mein Gleichgewicht in den Solarplexus, lasse eine leichte Skepsis gemischt mit Verachtung über mein Gesicht fliegen und sehe zu dem Gefährten hinunter. „Ich sehe hier nur massenhaft totes Gestein. Wie könnt ihr da von Reichtum sprechen?“ Frodo sieht zu Boden und hält sich die Hand vor den Mund. Er kichert, strengt sich aber an nicht so laut zu sein; das sieht man deutlich, denn seine Schultern zittern unter der Anspannung. „Ihr seid gut“, entgegnet er mir und schüttelt grinsend seinen lockigen Kopf. Ich löse mich aus meiner Rolle und nicke ihm dankend zu. Hinter uns ist es plötzlich still. Mir scheint als hätten die beiden uns beobachtet. Sie streiten immerhin nicht mehr. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht drehe ich mich zu ihnen um und sage leise: „Verzeiht mir bitte, aber man kann euch so gut nachahmen.“ Die jüngeren Hobbits hinter ihnen müssen ebenfalls kichern und erwidern leise: „Danke, Eruanne.“ Hingegen ist Gimli ein bisschen beleidigt. Nur der Elb scheint es nicht ganz so streng zu sehen. Er muss auch leicht schmunzeln, schüttelt gleichzeitig aber trotzdem seinen Kopf. Ein seltsam vertrautes Gefühl macht sich dabei in mir breit. Beinahe kommt es mir vor, als hätte er schon früher um meinen Hang zur Schauspielerei gewusst. Mein Lächeln schwächt langsam ab und ich richte meinen Blick nach vorne. Diesmal sind die Erinnerungen nicht wiedergekommen. Das ist aber nicht das einzige, was mir merkwürdig erscheint. Dieser Elb... Man kann sagen, was man will, aber ich habe beinahe den Verdacht, dass die Betrübtheit, die bis vor Kurzem noch sein Gesicht gezeichnet hat, für diesen einen Moment nahezu vollkommen verblasst ist. Allenfalls herrscht nun endlich einmal Ruhe zwischen den beiden. Generell ist es sehr still unter uns geworden. Gimli drängelt sich weiter nach vorne zu Gandalf, denn dieser holt sich immer mal wieder ganz gerne Rat von ihm, bevor wir an Abzweigungen abbiegen oder vorübergehen. Trotz seiner Ratschläge hat der Zauberer dabei immer das letzte Wort, denn auch wenn Gimli ein Zwerg ist, so ist Moria ein regelrechtes Labyrinth, so tief, so hoch und mit so vielen verworrenen Gängen, dass selbst einer wie er die Orientierung verlieren kann. An sich ist Gimli von uns noch der einzige, der nicht von der Finsternis in den Minen bedrückt ist. Ja, nicht nur dem Waldelbenprinz, auch den anderen Gefährten scheint es ein wenig drückend hier und nachdem die zwei Streithähne aufgehört haben sich unsinnige Kommentare an den Kopf zu werfen, hört man nur noch unsere Schritte auf dem Boden, gelegentlich durchbrochen von einem raschen Flüstern. Lange Zeit überlegte ich schon, ob ich nicht etwas dagegen tun könnte. Die Dunkelheit erinnert mich ein wenig an Mordor. An meine Gefangenschaft. Zu der Zeit, als ich noch im Kerker gesungen habe. Das hat mir Mut gegeben. Vielleicht... könnte ich jetzt auch singen. Ich weiß, die Gefährten werden diese Lieder nicht kennen und mit deren Texten nichts anfangen können, aber... Auch wenn ich zuerst zögere, beginne ich nach einiger Zeit leise zu summen. Die Wände der Hallen verstärken auch dieses Summen, wie zu Beginn mein Flüstern, sodass es gar nicht lange dauert, bis ich darauf angesprochen werde. Es ist Sam, der mich anstupst und fragt: „Würdet ihr vielleicht ein bisschen lauter singen? Die Melodie ist so schön.“ Ich stutze erst und schaue hinüber zu Gandalf, denn ich weiß nicht so recht. Immerhin könnten Orks oder noch Schlimmeres in diesen Minen auf uns warten. Er aber dreht sich nur zu mir um und nickt dezent. Also beginne ich die Worte zu singen. Ich spüre sofort die Welle an Verwirrung, die von den Gefährten ausgeht, als der deutsche Text meine Lippen verlässt. Sie sagen nichts, sondern hören meinem Gesang zu, aber ich weiß ganz genau, dass diese Sprache ihnen fremd ist. Wieder einmal ist es Frodo, der mich darauf anspricht. Er mustert mich ein wenig ungläubig, dann aber sagt er: „Diese Sprache kenne ich gar nicht. Wo habt ihr sie gelernt?“ Ich weiß nicht recht zu antworten, denn ich weiß selbst nicht, wo ich sie gelernt haben könnte. Das erste aber, was in meinen Kopf kommt, ist: „Es ist meine Muttersprache. Aber... ich weiß nicht woher sie stammt.“ Ein Raunen geht durch die Runde. Vor allem Boromir scheint mehr als erschrocken über meine Worte zu sein. Sagen tut er jedoch nichts dazu. „Wovon handelt das Lied denn?“, fragt nun Pippin mit neugierigem Blick. Ich weiß nicht, wie ich es ihnen erklären soll. Sie glauben ja mehr an die Valar als an Gott selbst. Es wird sie sicher verwirren, denn gerade von ihm handelt dieses Lied. Und doch, etwas muss ich sagen. Nur was? Dezent verzweifelt schau ich zu Gandalf, aber er wird mir im Moment wohl kaum helfen können. Also atme ich tief durch und fange von vorne an. „Wisst ihr... Nein, ich muss anders anfangen. Also. Ihr glaubt ja wohl alle daran, dass die Valar diese Welt erschaffen haben und sie beeinflussen und so.“ Bei diesen Worten merkt Gandalf auf, doch ich rede ungeachtet dessen weiter. „Es klingt vielleicht seltsam, aber ich habe das irgendwann einmal ganz anders erzählt bekommen. Ich habe nicht gelernt zu den Valar zu beten sondern direkt zu Gott. Und mir wurde nicht gesagt, er hieße Eru Ilùvatar, sondern einfach nur... Gott.“ Die Blicke der Gefährten sind bei jedem Wort verdutzter geworden, doch wie anders könnte ich ihnen den Sinn des Liedes sonst erklären? „Und mir wurde auch immer gesagt, dass dieser Gott immer für mich da ist und mich beschützt, weil er jeden einzelnen von uns liebhat wie sein eigenes Kind. Davon handelt schlussendlich auch das Lied.“ Wir sind stehengeblieben. Neun verwirrte Gesichter sehen mich an, der eine mehr, der andere weniger verwirrt. Aber weiter kann ich auch nichts sagen. „Verzeiht mir“, sage ich verlegen und sehe zu Boden. „Aber anders hätte ich es euch wirklich nicht erklären können.“ „Ihr könnt also direkt mit Eru Ilùvatar sprechen?“, fragt Frodo verblüfft. Ich hingegen bin unschlüssig. „Ich nenne ihn nicht so, aber wenn ihr denjenigen meint, der alles geschaffen hat, ja.“ Es ist ein seltsamer Moment, in dem wir gerade feststecken und ich hoffe, dass er sich niemals wiederholen werde. „Ihr habt immer wieder neue Überraschungen für uns, Fräulein Eruanne“, wirft Gimli kopfschüttelnd ein und lacht. Innerlich bete ich dafür, dass sich die Lage gerade nicht noch weiter anspannt, doch auch ich muss leicht schmunzeln. Gandalf wiederum mustert mich kritisch, sagt dann aber: „Ich denke, es werden noch so einige Überraschungen auf uns zukommen. Doch wir müssen trotzdem weiter. Singt ruhig, Eruanne. Ich glaube, das wird uns allen guttun.“ Damit setzen wir unsere Reise fort. Dieses Gefühl aber, dass sich irgendetwas unter uns allen verändert hat, bleibt mir bestehen. Ich könnte es mir einbilden, jedoch spüre ich deutlich, dass die Bedrückung durch das Dunkel nicht mehr ganz so schwer auf den Gefährten lastet. Sie fragen mich auch nicht weiter aus, wie ich es zuerst befürchtet hatte. Nein, sie warten darauf, dass ich wieder singe. Offengestanden fand ich meine Stimme noch nie sonderlich... „gesangsgeeignet“, wenn man das so nennen kann. Zwar habe ich öfters gesungen, aber halt eher durchschnittlich gut und vor allem nicht laut und schon gar nicht erst hoch. Ich brauche immer meine Zeit, um mich einzusingen, ansonsten kann ich nicht einmal ein g' singen. Jetzt bin ich schon relativ gut eingesungen, zögere allerdings bevor ich wieder ein Lied anstimme. Es sind eigentlich alles deutsche Lieder, die ich singe. Erstaunlich, dass ich den Text von ihnen noch komplett auswendig kann. Doch nach einigen weiteren Liedern bin ich bereits müde zu singen. Ein letztes singe ich noch, dann herrscht wieder Stille. Aber eine viel entspanntere Stille als zuvor. Bis zu unserer nächsten Rast hält sie an. Wir lagern uns in einer der Hallen, stellen aber immer noch zwei als Wachen ab. Für jetzt sind wieder Boromir und Legolas an der Reihe, Gandalf überdenkt ein weiteres Mal den vor uns liegenden Weg, der Rest legt sich schlafen. Auch ich leg mich hin und schließe meine Augen. Das eine Lied wiederholt sich noch immer in meinem Kopf, sodass sich ein leichtes Lächeln auf meinen Zügen ausbreitet. Nie tiefer als in Gottes Hand, nie länger als in seine Nähe. Es beruhigt mich. Die Angst, die mich vor einigen Tagen noch so gequält hat, die Zweifel, ich hätte etwas falsch gemacht, die Sorge gefunden zu werden und sie alle in Schwierigkeiten zu bringen; das alles ist wie ein Traumbild verschwunden, als läge es in fernster Vergangenheit. Unwillkürlich fühle ich nach meiner Halskette und nehme den Anhänger zwischen meine Finger. Hoffnung. Das ist es, was diese Lieder mir geben. Die Gewissheit, dass die Verheißungen in ihren Texten sich bewahrheiten. Mut zwar auch, aber vor allem Hoffnung, für die ich nur dankbar sein kann. Gleichzeitig finde ich es jedoch auch traurig, dass die Gefährten diese Hoffnungen, die ich durch meinen Glauben habe, kaum nachvollziehen können.
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Lange sind sie nicht mehr wach. Es ist seltsam, wie schnell sie heute einschlafen können, aber für einen Augenblick scheinen alle Sorgen in Vergessenheit geraten zu sein. Bei jeder anderen Rast drückte die Umgebung den Gefährten aufs Gemüt, jetzt liegt jedoch etwas wie ein unsichtbarer Schutzschild um ihr Lager. Legolas atmet tief durch. Die Melodie des letzten Liedes hallt ihm in seinem Gedächtnis wider. Sie sind schön, ihre Lieder; trotz oder gerade auch wegen ihrer Fremdartigkeit. Es sind klare Melodien, die man leicht wiedererkennen kann. Manche traurig, manche fröhlich und bei manchen kann man sich ehrlich gesagt nicht sicher sein, denn sie sind schnell, doch in einer dunklen Tonart, beinahe wie Marschgesang. Und die Sprache, in welcher sie singt... diese Sprache klingt hart, aber mindestens genauso deutlich, gar unmissverständlich. Gerade so wie sie selbst manchmal wirkt. Mehrere Tage ist es sicher schon her, seit dieser Nacht, in der sie miteinander gesprochen haben. Dieses Gespräch wäre nie zustande gekommen, wenn Aragorn ihn nicht gebeten hätte, nach ihr zu suchen. Er scheint sich Sorgen um sie zu machen. Sie kennen sich schon länger. Aber warum er nicht selbst zu ihr gegangen ist, kann Legolas nicht sagen. Natürlich, ihre Geschichte lässt Mitleid in einem aufkommen. Jahrelang in der Gefangenschaft eines Jemanden wie Helendir zu sein und keine Möglichkeit zur Flucht zu sehen, kann nicht ohne Spuren bleiben. Er hatte nichts dagegen ihr zur Flucht zu verhelfen, sei es auch nur, um diesem ehrlosen Meuchelmörder zu schaden. Doch dass sie mit ihnen ziehen sollte, gefiel ihm von Anfang an nicht. Sein Blick wandert zu ihr hinüber. Sie schläft. Ruhe und Zufriedenheit gehen von ihr aus, ganz anders als in dieser einen Nacht. Sie hätte nicht mit ihnen kommen sollen. Es ist zu gefährlich. Obgleich sie Waffen besitzt und auch mit ihnen umgehen kann, zweifelt er daran, dass sie das genauso im Kampf können wird. Sie ist zu schwach dafür. Zu wankelmütig. Und ihr Bruder wird sie nicht immer beschützen können, auch wenn er in Bruchtal lautstark das Gegenteil behauptet hat. Sie hätte Bruchtal auf anderem Wege verlassen sollen. So bringt sie nicht nur sich selbst, sondern auch die ganze Gemeinschaft in Gefahr. Obgleich... Er seufzt leise und schüttelt seinen Kopf. Wenn sie nicht wäre, würden die anderen Gefährten gerade nicht so tief und fest schlafen können. Sogar Gandalf hat sich zur Ruhe gelegt. Nur Boromir und er selbst sind noch wach. Nur ihr Bruder und er. Es erstaunt ihn, wie wenig Ähnlichkeit diesen beiden doch zueinander aufweisen. Nicht nur im Aussehen, auch im Charakter unterscheiden sie sich maßgeblich. Vielleicht ist das normal. Sonderlich viel kann er über geschwisterliche Gemeinsamkeiten nun nicht sagen. Er selbst hat keine Geschwister. Doch er kannte einst Menschen, die er beinahe als solche bezeichnen konnte. Der Gedanke an sie schmerzt ihn. Diese Familie bestand aus sechs der wenigen Menschen, mit denen er sich gut verstand. Vor allem die beiden Söhne der Marthannars sind ihm ans Herz gewachsen. Seit ihrer Kindheit kannte und unterrichtete er sie. Sie vertrauten ihm. Genauso ihre jüngere Schwester. Jahre bevor sie ihre Schwester genannt wurde, hatten sie eine andere. Ermordet von genau jenem Elb, der auch Eruanne gefangengehalten hat. Die Jüngste hat er letztendlich auch ermordet. So wie ihre Eltern. Was aus den beiden Brüdern geworden ist, weiß er bis heute nicht, doch dass sie noch am Leben sind, würde an ein Wunder grenzen. Er hätte sie früher warnen sollen. Sie früher dazu bringen sollen, das Dorf zu verlassen. So hoffnungslos es auch gewesen wäre. Vielleicht hätte es mit der Hilfe ihrer Schwester sogar funktioniert. Selten hat jemand ihm so vertraut, wie dieses Mädchen. Selten hat er jemanden so eigenartig gefunden wie sie. Sie war in der Tat ein ungewöhnlicher Mensch. Konnte ihre Kraft nicht einschätzen, hat an manchen Tagen einen beispiellosen Ehrgeiz gezeigt, an anderen aber schneller aufgegeben, als man denken könnte und besaß ein derart unerschöpfliches Gedankengut, dass man ganze Bücher damit füllen könnte. Sie wurde ihm von Tag zu Tag lieber, mehr sogar als ihre beiden Brüder. Es gab tatsächlich Tage, an denen sie ihm wie seine eigene Schwester vorkam. Doch diese Zeit ist vorbei. Niedergebrannt von einem blutrünstigen Verrückten. Zu Staub zerfallen. Wieder bleibt sein Blick an der jungen Gefährtin hängen. Es scheint ihm, als könne er dieses Mädchen in Eruannes Zügen wiedererkennen. Das Mädchen, dem er einst den Namen Elarras gegeben hat. Für einen Moment dachte er sogar, sie wäre dieses Mädchen. Für einen Moment, als sie geweint hat und er dachte sie trösten zu können. Er dachte es nicht nur, er war sie dessen absolut gewiss – jedenfalls so lange, bis sie beteuerte ihn nicht zu kennen. Elarras log ihn nie an. Sie hatte auch einen starken Geist. Nie hätte sie ihm so etwas gesagt, nie hätte sie sich so etwas einreden lassen. Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass Helendir ausgerechnet dieses Mädchen hier nicht auch noch getötet hat. Sie sieht Meriel und Elarras so unfassbar ähnlich, dass ihre Lebenserwartung nicht gerade hoch sein kann. Früher oder später hätte Helendir sie aus welchem Grund auch immer bestimmt gleichfalls umgebracht. Sie passt perfekt in sein Opferschema. Im selben Moment ertappt er sich dabei, dass es ihm gar nicht mehr leidtäte, sie tot zu sehen. Elarras hat er nie tot gesehen. Sie wurde sicherlich verbrannt, genauso wie ihre Eltern und sehr wahrscheinlich auch ihre Brüder. Aber wenn Eruanne stirbt, sähe er auch Elarras tot. Vielleicht ist es genau das, was ihn daran hindert, sie zu vergessen. Er hat sie nicht tot gesehen und ist sich dennoch gewiss, dass sie nicht mehr lebt. Die Erinnerung an sie drückt ihm jeden Tag aufs Gemüt. Jede Nacht spielt ihm sein Gedächtnis den Brand in Laegrîdh vor den Augen ab, jedes Mal hört er die Schreie der Menschen, die dort ihr Leben ließen, das Poltern der zusammenstürzenden Häuser, das Geräusch von kaltem Stahl, das ins Fleisch dringt. Alles das stumpft zwar ab, doch einzelne bestimmte Momente stehen ihm bei jedem Mal nur noch klarer vor Augen. Darunter eben der Moment, in dem Adon und Keres gefangengenommen wurden und Elarras sich von ihm getrennt hat. Diese Momente lassen ihm keine Ruhe, denn er weiß nicht, was mit ihnen danach passiert ist. Er kann nur sagen, dass ihr Tod mit hoher Wahrscheinlichkeit darauf gefolgt ist. Vielleicht erst Jahre danach oder vielleicht auch erst in einigen Jahren, die noch folgen werden; doch wer nach Mordor gelangt, kommt so schnell nicht wieder hinaus. Und dorthin hat Helendir die Gefangenen gebracht. Ausnahmslos. Die Spur von zurückgebliebenen verbluteten, verdursteten oder verhungerten Kadavern, die sich von dem kleinen Dorf bis hin zum Morannon zog, sprach für sich. Keiner unter ihnen war einer der fünf Marthannars. Diese sind schon in Laegrîdh oder erst in Mordor ums Leben gekommen. Er selbst hat nur mit knapper Not überlebt, doch es wäre ihm lieber gewesen, er wäre genauso gestorben wie sie. Er schaudert und wendet sich ab von Eruanne. Sie ist ein Fluch. Äußerlich mag sie liebenswürdig und unerschütterlich in ihren Emotionen scheinen, aber so wie er sie gesehen hat, versteckt sie diese nur unter einer Decke aus Höflichkeit und Zufriedenheit. Sie gibt vor jemand anderes zu sein als sie ist. Wäre es nur das, so würde es Legolas kaum etwas ausmachen. Das aber, was ihn stört, was ihn Tag für Tag diesen Brand in dem Dorf wieder erleben lässt, ist dieses Mädchen als solches. Unwillentlich schaut er zurück zu ihr und das Bild vor ihm ändert sich. Anstelle der schlafenden Eruanne liegt Jenny da. Mit glasigem Blick, aufgeschlitzter Kehle, blutüberströmt und bar jeglichen Lebens. Sofort wendet er sich ab und schließt die Augen. Er will das nicht sehen. Er kann das nicht sehen. Es erfüllt ihn mit Groll und Hass, nicht nur gegenüber Helendir. Sondern gegenüber Eruanne selbst. Sie kann nichts dafür. Das weiß er. Aber er weiß nicht wie lange er es aushalten würde, tagtäglich das Abbild eines Menschen zu sehen, der ihm ans Herz gewachsen ist und erst vor wenigen Jahren aus dem Leben gerissen wurde.
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Ein heiseres Flüstern weckt mich. Sofort will ich mich aufsetzen, aber mein Körper gehorcht mir nicht. Ich sehe auch gar nicht wirklich durch meine Augen, denn ich kann mich selbst auf den Boden liegen sehen. Was... ist das? So ziemlich alles kann ich sehen, die Gefährten, die Halle in der wir uns befinden und das von jedweder Perspektive. Auch die Geräusche nehme ich wahr, ein dumpfes Rieseln von Wasser, das leise Rascheln der Decken, wenn sich einer der anderen im Schlaf bewegt, meinen Atem und Herzschlag. Aber bewegen kann ich mich nicht. So sehr ich mich auch anstrenge, es funktioniert nicht. Hm... eigentlich ganz interessant, das alles hier so überblicken zu können. Langsam finde ich Gefallen daran und schau mich um. Plötzlich setzt mein Herz aus. Helendir ist hier! Dort drüben neben Boromir steht er! Noch einmal versuche ich aufzustehen, aber es geht nicht. Ich will aufschreien, doch mein Mund lässt sich nicht öffnen. Warum bemerkt ihn keiner? Er steht doch direkt neben meinem Bruder! Mir wird heiß und kalt zugleich, dieses Zittern ergreift mich wieder, als er in meine Richtung blickt und langsam aber sicher näher kommt. Noch immer kämpfe ich gegen diese Starre an, nichts funktioniert. Der Elb steht nun direkt vor mir und beugt sich hinunter. Tränen bilden sich in meinen Augen, aber tun kann ich nichts. Seine grünen Augen bohren sich in meinen Blick, nicht etwa schadenfroh, sondern ernst und kühl. Er setzt sich zu mir und legt seine Hand behutsam auf meinen Rücken. Mein Puls dröhnt durch meinen gesamten zitternden Körper, doch ich bemühe mich Ruhe zu bewahren und beobachte, wie er mein schlafendes Ich anschaut und schließlich zu reden beginnt. „Du hast es also geschafft. Du bist vor mir geflohen.“ Wenn ich könnte, würde ich etwas erwidern, allein nur, um ihn zu unterbrechen und seine Stimme nicht mehr hören zu müssen. Doch er redet ungestört weiter. „Aber vor deiner Vergangenheit kannst du nicht fliehen. Siehst du den Elb da?“ Er deutet auf den anderen Legolas. Nicht einmal weit steht er von uns entfernt und sein Blick ist auf mich gerichtet. Seine Gesichtszüge wirken so kühl und leblos, wie Helendir mich oft angeblickt hat, als er sich abrupt von uns abwendet, gerade als hätte er auch in Gedanken eine andere Richtung eingeschlagen. Ohne Helendir wahrzunehmen. „Erinnert er dich nicht an deinen alten Freund?“ Ich will etwas sagen, aber mein Mund ist wie zugeschweißt. Ein leises Lachen entkommt Helendir und er streift gefühlvoll durch mein Haar. „An deinen toten alten Freund? Er erinnert dich an Grünfeld, nicht wahr? An alles, was dort passiert ist. Und du leidest darunter.“ Genau in diesem Augenblick sehe ich meine Familie wieder; schreiend, brennend, kämpfend, sterbend. Die Tränen fließen über meine Wangen. Ich dachte, diese Erinnerungen wären verflogen und würden mich nicht mehr belasten. Aber jetzt, wo ich diesen Legolas wieder so bedrückt sehe, kommen sie hoch und erwürgen mich regelrecht. Helendir nimmt vorsichtig meine Hand in die seinige, was ein kaltes Schaudern über meine Haut jagt. „Es verfolgt dich, nicht wahr? Tag und Nacht.“ Ich will meinen Blick von ihm abwenden, aber ich weiß nicht wohin. Warum stimmt das, was er sagt? Warum? „Ich weiß, wie du dich fühlst. Was es mit dir macht. Ich habe es selbst erlebt. Und ich kenne einen einfachen effektiven Weg, wie du diese ganzen Erinnerungen mit einem Schlag ersticken könntest.“ Bei diesen Worten zuckt mein Körper zusammen. Ein eigenartig trauriges Lächeln umspielt Helendirs Lippen, als er sein Messer hervorholt und neben meinen Kopf legt. Meine Kehle wird trocken, als ich das sehe. Ich... ich soll... ihn töten? Helendir streicht mir ein letztes Mal über die Wange und küsst mich nach den Worten: „Du hast es doch schon mehrmals getan. Was ist schon dabei? Er ist nur einer von vielen.“ Dann verschwindet er. Meine Augen öffnen sich und ich kann mich wieder rühren. Mit einem tiefen Aufatmen lösen sich alle Anspannungen aus meinem Körper. Ich fasse mir an die Stirn und versuche ruhiger zu werden, da höre ich Pippin besorgt fragen, ob denn alles okay sei. Mir kommt ein erleichtertes Lachen über die Lippen und ich nicke sofort. „Habt ihr schlecht geträumt?“, forscht er weiter, diesmal muss ich den Kopf schütteln. „Nicht wirklich. Ich hat' eine Schlafparalyse... Also...“ Dass er jetzt verwirrt sein würde, wusste ich. Etwas hilflos sieht er zu mir hinüber, als ich mich aufsetze und ein paar nasse Haarsträhnchen aus meinem Gesicht streife. „Sagen wir's so, mein Kopf war schon wach, mein Körper aber noch nicht. Und wenn das der Fall ist, sieht man Dinge, die gar nicht da sind, hält sie aber für echt. Das Schlimmste daran ist aber, dass man alles wahrnimmt, sich aber in keinster Weise bewegen kann, sondern einfach nur zuschaut.“ Seine Augen weiten sich. „Ist das nicht faszinierend?“ Ein Lächeln überzieht meine Lippen und ich muss seufzen. „Sehr sogar. Aber das Problem ist, wenn man das hat, sieht man zumeist schreckliche Dinge. Ich hab gehört, dass einige bei so etwas Ungeheuer oder Dämonen gesehen haben.“ „Und ihr habt so etwas gesehen?“ Die anfängliche Begeisterung in seiner Stimme ist nun nicht mehr ganz so groß. Sie hat einer leichten Angst Platz gemacht. Ich zögere. „Wenn man Helendir als Ungeheuer bezeichnen kann, dann ja.“ Pippin nickt verständig. Daraufhin stehe ich auf und räume meine Sachen zusammen. Wir wollen schon bald weitergehen. Während wir uns zum Aufbruch bereitmachen, scheint der junge Hobbit wohl über das, was ich ihm erzählt hab, nachzudenken. Er ist nämlich sehr still. Die anderen Gefährten haben von unserer kurzen Konversation kaum etwas mitbekommen und kümmern sich auch jetzt wenig um uns. Unsere Rast dauerte gar nicht so lange, wenn man bedenkt. Zwei Stunden höchstens. Eher weniger. Vermutlich bin ich deswegen in so eine Paralyse geraten. Aber es beschäftigt mich noch die ganze weitere Zeit. So es denn geht, versuche ich den Elb nicht mehr anzusehen. Ich habe Angst, er könnte meine Gedanken erraten. Und ich habe Angst vor den Erinnerungen. Vielleicht ist an Helendirs Worten tatsächlich etwas Wahres dran. Ich habe nun wirklich nicht zum ersten Mal jemanden umgebracht. Aber... er hat mir nichts getan. Er kann nichts dafür, dass er mich an meine Vergangenheit erinnert. Er kann absolut nichts dafür... Jedes Mal, wenn ich doch zu ihm zurückschaue, fliegen die Erinnerungen in Windeseile an meinen Augen vorbei – jedes Mal, wenn er bedrückt wirkt jedenfalls. Nur wenn er lächelt, was eine Seltenheit sondergleichen ist, nicht. „Was ist schon dabei?“, hallt Helendirs Stimme in meinen Ohren wider. So vernünftig, so besonnen klingen diese Worte, nicht wie die eines Geisteskranken. Doch das darf ich den Gefährten nicht zumuten. Sie haben andere Probleme als die meinigen zu bewältigen und ich bin die einzige, die ihnen noch ein wenig Erleichterung schaffen kann. Das kann ich jedoch nur, wenn meine eigenen Sorgen um mich selbst nicht die Oberhand gewinnen. Also ignoriere ich den Elb einfach nur so gut es geht. Wieder vergehen lange Stunden des Marschierens im Halbdunkeln. Die Bedrückung, die unter uns herrscht, ist nicht so stark, wenn ich das eine oder andere Lied singe, aber sonderlich oft will ich auch nicht mehr singen. Nicht um meine Stimme zu schonen, auch nicht wegen des Gedankens an das, was Helendir mir gesagt hat – jedenfalls nicht nur deswegen –, nein, der Sorgenberg ist mittlerweile um einige weitere angewachsen. Neuere, aktuellere Sorgen. Vor allem um Frodo und Boromir. Diese Geschichte mit dem Ring gefällt mir ganz und gar nicht. So bekannt sie mir auch vorkommt. Ich habe das Gefühl, dieses kleine Ding wird meinem wertgeschätzten Bruder sehr bald schon zum Verhängnis werden. Und für den Hobbit ist er eine große Last. Das spürt man. Mit solchen Gedanken zu singen, ist nicht einfach. Also lasse ich es einfach, bevor ich die Zuversicht der Gefährten noch aus Versehen zunichte mache. Während der nächsten Tage in der Dunkelheit reifen die Gedanken, die Helendir mir eingeflüstert hat, immer mehr heran. Tatsächlich fände ich auch immer mehr Gefallen daran, diesen Elb tot zu sehen. Die Aussicht, meine Erinnerungen an Grünfeld dann endlich los zu sein, trägt einen wesentlichen Teil dazu bei. Und doch versuche ich es immer wieder noch abzuwehren. Es funktioniert für eine Zeit, aber ich zweifle daran, dass es lange andauern wird und mir ist bange vor dem Tag, an dem ich den Entschluss fasse, ihn wirklich umzubringen. Etliche Meilen weiter kommt Gandalf ins Stocken. Er erinnert sich nicht mehr an den Weg, welchen wir nehmen sollen und vor uns tun sich drei Gänge auf. Diese Unterbrechung kommt uns eigentlich gar nicht so ungelegen, denn wir sind schon wieder ziemlich müde. Unsere letzte längere Rast ist bereits zwei Tage her, wenn man Gimlis Zeitgefühl Glauben schenken kann. Merry und Pippin haben eine Tür entdeckt, die einen kleinen Raum abgrenzt. Nur angelehnt ist sie, also gehen die beiden schon ins Zimmer hinein, da ihnen ein Raum mit Tür doch etwas heimeliger vorkommt als wenn sie mitten auf dem Weg schlafen müssten. „Halt!“, ruft Gandalf sie allerdings zurück und geht hinüber zu ihnen. Ein Fünkchen Wut ist wohl in seiner Stimme gewesen, aber diese ist auch rasch erklärt. Vorsichtig öffnet er die Tür und erhellt den Raum ein klein wenig, woraufhin sich in dessen Mitte ein großes, tiefes Loch sehen lässt. An der Seite sind zerbrochene Steinstücke, umgeworfene Tische und Stühle und zerschmetterte Ketten zu sehen. Eine Wachstube, von der aus die drei Gänge beobachtet werden konnten, wird das wohl gewesen sein. In diesem Zustand aber ist sie wohl schon lange gewesen. Eine dicke Staubschicht breitet über allem, was auf dem Boden liegt, aus; auch auf dem Rand des Brunnens, denn nichts anderes wird das schwarze Loch in der Mitte gewesen sein, hat sich mit der Zeit eine dichte Schmutzschicht angesetzt. „Wärt ihr jetzt einfach so hineingegangen, dann hättet ihr diesen Brunnenschacht wohl kaum bemerkt und wärt womöglich noch hineingefallen“, tadelt der Zauberer die beiden Hobbits. Diese schauen etwas betreten zu Boden, erwidern jedoch nichts darauf. Das ist allerdings auch nicht nötig. Nach einigem Überlegen und Bereden, beschließen wir für die nächste Rast hierzubleiben, da wir alle schon wieder sehr müde sind. Ob es nun Nacht oder Tag sein mag, können wir nicht wissen, wie Gandalf noch einmals sagt, aber da es hier nur einen Eingang gibt, der leicht überwacht werden kann, ist es gar nicht mal so abwegig hier zu rasten. Wir bräuchten so nur eine Wache statt zwei. Nur wer würde das schon freiwillig übernehmen, nach so einem langen Marsch? Während wir darüber diskutieren, wer die erste Wache halten sollte, schleicht sich Peregrin nah an den dunklen Schacht heran. Nur aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie interessiert er dort hinabschaut und schließlich einen Stein hinunterwirft. „Pippin“, rede ich ihn dezent vorwurfsvoll an und drehe mich zu ihm um, als es leider schon zu spät ist. Der Stein fällt und fällt, ohne dass man einen Aufprall hört. Kaum habe ich den jungen Hobbit angesprochen, weicht er vom Brunnen zurück und schlägt seine Hände hinter dem Rücken zusammen, um einen unschuldigen Anschein zu geben. Da hört man leise den Aufschlag des Steines, ganz tief unten und nur gedämpft, doch es lässt Gandalf aufmerken. Sofort dreht er sich ebenfalls zu Pippin um. „Was hast du gemacht?“, fragt er ihn wütend, er hingegen antwortet nur kleinlaut, dass er einen Stein hinuntergeworfen habe, um zu schauen wie tief der Brunnen ist. „Närrischer Tuk!“, fährt der Zauberer ihn daraufhin an. „Wir sind hier nicht auf einer Vergnügungsreise! Wirf dich das nächste Mal selbst hinunter, dann sind wir dich und deine Dummheit los!“ Diese Redensart schockiert nicht nur die Hobbits. Auch ich habe ihn noch nie so reden gehört, ja noch nicht einmal erwartet, dass er so reden könnte. Einerseits kann man ihn ja verstehen, andererseits finde ich jedoch auch, dass er mit Pippin ein wenig hart ist. Ich gehe zu dem Hobbit und lege meine Hand auf seine Schulter, den Blick zu Gandalf gewandt. „Es bringt nichts, ihn jetzt noch deswegen zu beschimpfen. Der Stein ist gefallen, Gandalf und sicher dachte Pippin sich auch nichts Böses dabei“, versuche ich ihn wenigstens ein bisschen in Schutz zu nehmen. Auf diese Aussage hin nickt der Zauberer zwar, jedoch fügt er hinzu: „Strafe muss aber trotzdem sein. Für deine Unachtsamkeit musst du nun die erste Wache übernehmen.“ Wenn dieses Problem damit auch geklärt wäre, so tut der Hobbit mir leid. Die Gefährten suchen sich ihre Schlafplätze so weit wie möglich weg vom Brunnenrand. So auch ich. In der Nähe von mir sind Boromir und Merry. Es sind nur wenige Minuten vergangen, seit der Stein den Boden erreicht hat, da tönt auf einmal etwas aus der Tiefe hinauf. Ganz leise ist es zu hören. Drumm... drumm... drumm... Dann hört es auf. „Das sind Hammerschläge“, meint Gimli, als die Geräusche verstummen. „Oder ich will nie welche gehört haben.“ Es ist förmlich spürbar, wie Gandalfs vorwurfsvoller Blick zu Pippin schweift, doch er beruhigt uns, da es nicht unbedingt etwas bedeuten müsse. Es wird wieder ruhig unter uns. Mit meinem Bruder wechsle ich noch leise einige Worte, Merry ist schon schnell eingeschlafen. Später schläft auch Boromir. Nur ich liege noch wach da. Dieses Erlebnis mit der Schlafparalyse kommt mir wieder hoch. Ich weiß, dass ich den Schlaf dringend benötige, doch Helendir spukt mir noch immer im Kopf herum. Ich soll diesen Elb also töten. Nicht zu vergessen, diesen Elbenprinz. Macht es das schwieriger? Wohl kaum. Ein Elb ist er trotzdem. Auch wenn er vielleicht eine bessere Ausbildung genossen hat als manch ein anderer. Es brennt mir in den Augen. Sollte ich Aragorn davon erzählen? Nein, er wird mir eh nicht helfen können. Wie denn auch? Aber ist es denn wirklich die einzige Möglichkeit von diesen furchtbaren Erinnerungen loszukommen? Ein Mord? Unbewusst verschränke ich meine Finger ineinander und frage in Gedanken: „Was für eine Möglichkeit gibt es noch, Vater? Ihn zu töten ist keine Option für mich. Ich soll nicht töten, wenn es denn nicht einer größeren Sache dient, die sich für das Gute einsetzt.“ „Was ist denn überhaupt gut?“, erwidert eine fremde Stimme und lässt mich stocken. Eine berechtigte Frage. Was ist überhaupt gut? Was ist böse? Kann man das überhaupt beantworten? Ein Schaudern durchfährt mich. Helendir ist böse. „Ist er das?“ Meine Augen öffnen sich und starren an die schwarze Decke über unseren Köpfen, schließen sich aber gleich wieder, denn es ist so dunkel, dass es kaum einen Unterschied machen würde. Seinen Taten nach, ja. „Sollst du jemanden, denn nach seinen Taten beurteilen? Demnach wärst du mindestens genauso böse. Du hast viele Lebewesen umgebracht. Du hast deine Brüder getötet. Wie oft du gelogen hast, ist schon nicht mehr zu zählen.“ Wann hab ich gelogen? Wann? Eine Pause folgt. Erst nach einer ganzen Weile antwortet diese fremde zynische Stimme: „Jeden Tag, Jenny. Jeden Tag.“ Dann verschwindet sie. Sofort löse ich meine Hände voneinander und drehe mich mit dem Gesicht zur Wand. Wie lange würde es dauern, bis Helendir mich findet? Bis er mich umbringt und von all diesen fürchterlichen Gedanken befreit? Eigentlich will ich das nicht. Ich weiß nicht, was ich will. Würde er mich töten, so wäre ich diesen ganzen Schmerz los. Doch ich will mein Leben nicht lassen müssen, nur weil ich zu schwach für psychische Belastungen bin. Das ist nicht meine Art. Außerdem würde er sich nie damit zufriedengeben, mich einfach so umzubringen. Er würde mich quälen. So wie Ranak es gesagt hat. Bis ich den erlösenden Tod vor Augen habe, aber nie erlangen könnte. Hier wird Helendir mich kaum finden können. Dennoch habe ich Angst. Wer weiß, vielleicht findet er mich schneller wieder als ich denke. Clever ist er, auch wenn er krank ist. Vielleicht auch gerade weil er krank ist. Und selbst wenn er von den Elben aus Bruchtal gefangengenommen wurde, so wird er sich schon einen Weg finden, wie er da wieder hinauskommt. Und dann kann es nicht mehr lange dauern, bis... Ein Schauer zieht sich über meine Haut. Krampfhaft schließe ich meine Augen und versuche die Erinnerung an ihn zu unterdrücken. Doch sie kommt wieder hoch. Mein Atem geht schwerfälliger. Ich spüre seine kühlen Hände auf meiner Haut. Seinen im Gegensatz unheimlich heißen Atem auf meinen Wangen und seine weichen Lippen auf den meinigen. Rasch öffne ich meine Augen und schlinge die Arme enger um meinen Körper, den Blick starr an die Wand mir gegenüber gerichtet. In meinem Kopf hallt seine spöttisch sanfte Stimme wieder. „Du gehörst mir und ich kann tun mit dir, was ich will“, sagt er. „Ich habe dich bisher nur zum Beischlaf gezwungen, aber glaube mir. Ich werde dich auch bald dazu zwingen mich zu lieben. Und es wäre besser für dich, wenn ich dich gar nicht erst dazu drängen muss.“ Nochmals kneife ich meine Augen zusammen und schüttle den Kopf. Ich will nicht mehr daran denken. Ich will einfach nicht mehr. Doch ich stecke da mittendrin. Wie soll ich da nicht daran denken? Mein Blick schweift zu den anderen. Sie wirken so ruhig, wie sie so daliegen, ohne Probleme konnten sie einschlafen. Alle bis auf zwei. Einer davon ist Pippin, der mir immer noch irgendwie leidtut und weit gähnt, als mein Blick zu ihm hinüber schweift. Gandalf ist auch noch wach. Er denkt die ganze Zeit schon über den Weg nach und kann kein Auge zutun. Mehrmals wechsle ich meine Seite, um vielleicht doch noch einschlafen zu können, aber es hilft nicht. Tief durchatmend setze ich mich auf und lege den Kopf aufs Knie. Gab es überhaupt einmal eine Zeit, in der ich einen Schlafrhythmus wie jeder andere Mensch hatte? Wenn ja, dann kann ich mich nicht mehr daran erinnern. In Grünfeld hab ich nur jeden zweiten Tag normal ausgeschlafen, in Mordor wusste ich nie wirklich wann Tag oder Nacht war und habe manchmal mehrere Tage nicht schlafen können und dann habe ich in Bruchtal beinahe eine ganze Woche durchgeschlafen. Irgendetwas sagt mir, dass das nicht ganz so gesund sein kann. Und doch, ich kann gerade überhaupt nicht einschlafen, obwohl ich weiß, dass ich es eigentlich dringend nötig habe. Ich stehe auf und geh zu Gandalf hinüber. „Darf ich Pippin vielleicht ablösen?“, frage ich unsicher. Er hebt seinen Blick und mustert mich kurz. Dann muss er leicht lächeln. „Du stehst wohl gerne für diesen Hobbit ein. Nicht wahr?“ Zuerst muss ich kurz auflachen, dann aber lasse ich ein halbes Kopfschütteln vernehmen. „Er erinnert mich manchmal an mich selbst, Gandalf. Aber... eigentlich kann ich nur nicht schlafen.“ Nun nickt er, dennoch meint er gleich darauf: „Ich werde ihn gleich ablösen. Ich kann auch nicht schlafen. Doch wenn du willst, kannst du für einige Minuten hinaus auf den Gang gehen. Es könnte ja sein, dass es hilft.“ Der Rat klingt gut. Mit einem dankenden Nicken wende ich mich ab und schleiche aus der Stube hinaus ins Dunkel. Jetzt wo das Licht des Stabs nicht mehr hier ist, kann man nicht einmal die Umrisse von dem erkennen, was vor einem liegt. Es ist stickig. Doch aus einer Entfernung, die ich nicht genau einschätzen kann, ist ein leises Plätschern zu hören. Vielleicht von einem unterirdischen Bachlauf. Meine langsamen Schritte hallen kaum hörbar durch den Gang. Es ist fast das einzige, was ich hier wahrnehme, meinen Atem und das Herzklopfen ausgenommen. In meinen Gedanken singe ich wieder das Lied vor mich hin, welches ich in meinem Büchlein geschrieben stehen habe. Nein, niemals allein, nein, niemals allein. So hat der Herr mir verheißen, niemals lässt er mich allein. Ein schönes Lied ist es. Und Mut macht es mir. Nicht selten klang die Melodie in meinem Gedächtnis, als ich in Mordor war. Irgendwie hat es so eine beruhigende Wirkung, eine Wirkung, die ich schlecht beschreiben kann. Es lässt mich sicherer sein, gelassener, ruhiger. Aber kaum höre ich auf an dieses Lied zu denken, spielt meine Fantasie mir wieder einen Streich. Ich sehe Helendir wieder vor mir und schlucke hart. Die Kälte seines Blicks durchbohrt mich und mir wird heiß und kalt zugleich. Ich spüre nachgerade seine Anwesenheit, doch durch die Angst, die mich ergreift, kann ich nichts dagegen tun und erstarre.
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Sie zittert als sie wieder in das Zimmer kommt. Vor gerade einmal einer Viertelstunde hat er Gandalf von der Wache abgelöst. Warum, das kann er nicht sagen. Er hat keine andere Antwort darauf, als dass er selbst nicht wirklich zur Ruhe kommen konnte. Jetzt sieht er aber nur, wie dieses junge Mädchen unsicher und wie unter Kälte frierend zurückkommt und an der Schwelle stehenbleibt. Sie sieht ihn nicht. Er steht außerhalb ihres Blickfelds, sieht sie jedoch selbst, auch wenn er es nicht wirklich will. Sie steht noch draußen. Nur ein blasser Schatten fällt auf den steinernen Boden der Wachstube. „Pippin? Gandalf?“, flüstert sie heiser, aber mit gespielter Festigkeit in der Stimme. Legolas sieht zu Boden und schüttelt leicht den Kopf. Diese Stimme. Sie ist erwachsener, ein klein wenig tiefer und sanfter als die seiner Elarras. Aber sie klingt ihr ähnlich. „Eruanne, seid ihr das?“, fragt er zurück. Ein leises Schlucken gefolgt von einem „Ja“ ist die Antwort. Wer sollte es auch sonst sein. Mit einem Schritt tritt er in ihr Sichtfeld und winkt sie hinein. Sie folgt der Anweisung ohne ihren Blick zu heben. Mitleid macht sich in dem Elb breit, als er ihr blasses Gesicht sieht. Ungesund blass könnte man es schon nennen, so fahl wie der Schein des Mondes in einer Winternacht. Vorher war sie nicht ganz so bleich. Eigentlich hätte er sich erhofft, sie würde einfach wieder zu ihrem Schlafplatz gehen und ihn nicht einmal eines Blickes würdigen, doch sie bleibt nach wenigen Schritten stehen, dreht sich um und sieht zu ihm hinüber. „Herr Legolas“, sagt sie im Flüsterton, „dürfte ich euch etwas fragen?“ Er hat Mühe sein Nein zurückzuhalten. Zu sehr erinnert sie ihn an das kleine Dorf nahe seiner Heimat. Zu sehr an Elarras. Ihre Haut, ihr Haar, ihre Augen, die Art wie sie spricht, wie sie sich bewegt... als würde sie sie absichtlich nachahmen. Dennoch bemüht er sich, ihr früheres Leiden in Betracht zu ziehen und nickt nur ruhig. Eine Art Erleichterung breitet sich in ihrem Gesicht aus. Doch mit ihrer Frage zögert sie merklich. „Findet ihr es richtig... jemanden zu töten, um sein eigenes Leben zu erleichtern?“ Er stockt. So eine Frage hat er nicht erwartet. „Wieso fragt ihr?“, erwidert er, doch sie schüttelt den Kopf und schaut zu Boden. „Ich... ich weiß es nicht“, stottert sie. „Ich... Vergesst diese Frage. Ich wollte mich noch dafür entschuldigen, wie ich mich verhalten habe. Dort am See. Wisst ihr noch?“ Er nickt und wirft einen unverständigen Blick in ihre Richtung. „Habt ihr euch nicht schon einmal dafür entschuldigt?“ Sie zuckt nur mit den Schultern. „Selbst wenn. Ist es denn schlimm, wenn ich mich ein zweites Mal dafür entschuldige?“ Er ertappt sich dabei, dass die Andeutung eines Lächelns über seine Lippen schleicht. Zugleich wechselt er das Thema. „Wann gedenkt ihr uns eigentlich zu verlassen?“ Dies interessiert ihn wirklich, zumal er dann weiß, wann diese andauernde Erinnerung an Elarras sein Ende finden wird. „Sobald wir in der Nähe Minas Tiriths sind, vermute ich mal. Mein Bruder meinte, ich solle mit ihm gehen. Es ist nun mal das Sicherste.“ „Durchaus.“ Unwillkürlich schaut er zu Boden. Bis nach Gondor also. Ob er das aushalten wird, ist eine andere Frage. Sie erzittert kurz und verschränkt gleich darauf die Arme vor der Brust. „Ich... sollte wohl besser schlafen gehen“, murmelt sie. Ihre Wangen werden rot und ihre Augen feucht, als diese Worte ihren Mund verlassen. Eine gute Idee wäre es sicher nicht, sie daran zu hindern. „Geht nur“, erwidert er mit dem Bemühen so sanft wie nur irgend möglich zu klingen, doch seine Stimme hat an Härte nur zugenommen, je länger sie miteinander sprachen. Sie versucht zu lächeln und nickt ihm dankend zu, dann geht sie zurück. Es ist ihm unbegreiflich, warum er auf einmal so hart zu ihr redet. Sie hat ihm eigentlich nichts getan. Wenigstens eine Antwort auf ihre Frage hätte er ihr geben sollen, so seltsam diese ihm auch scheinen mag. Sie war ernst gemeint. Ein leichtes Schaudern durchfährt ihn, als er zu ihr hinüberschaut. Er sieht wieder Elarras an ihrer Stelle. Daneben ihre beiden Brüder. Alle drei tot. Mit einem raschen Blinzeln versucht er dieses Bild verschwinden zu lassen, geht zugleich aber in ihre Richtung. Sie liegt auf der Seite, das Gesicht zur Wand gerichtet. Unschlüssig bleibt er stehen. Zwei Schritte von ihrem leblos scheinenden Körper entfernt. Sie schläft mit Sicherheit noch nicht. Wenn sie sich zu ihm umdreht und ihre Blicke sich wieder treffen, wird er Elarras in ihr sehen, den Brand in Laegrîdh um sie herum, die gefallenen Grünfelder, er wird das alles wieder sehen und womöglich seine Beherrschung verlieren. Und doch muss er ihr etwas antworten. Erst nach einem tiefen Einatmen kann er seinen Mund öffnen. Den Blick senkt er zu Boden, um dem ihrigen ausweichen zu können, falls sie sich denn umdrehen sollte. „Wenn ihr tatsächlich qualvoll unter jemandem leidet oder euer eigenes Leben in Gefahr ist“, spricht er leise, „dann ist es nur recht, dass ihr denjenigen aus eurem Leben schafft.“ Sie erzittert kurz. Doch sie dreht sich nicht um. Erst nach einer Weile des Schweigens erwidert sie flüsternd: „Danke.“ Legolas nickt nur, auch wenn er weiß, dass sie das nicht sehen kann. Dann wendet er sich um und geht wieder zu seinem Posten. Er ist selbst erstaunt über seine Worte. Sie sind recht treffend formuliert. Auf ihre sowie auch auf seine Situation. Sie litt unter Helendir; vielleicht leidet sie immer noch unter seinem Einfluss und kann ihn nicht vergessen. Und Legolas... er leidet unter ihr. Unter den Erinnerungen, die sie in seinem Gedächtnis hervorruft. Wenn er das nicht bis nach Gondor durchstehen wird... würde er sie töten können? Vielleicht wäre es auch für sie eine Erleichterung und wenn er sie tot sieht, so würde er auch Elarras tot sehen können. Dass sie noch am Leben ist, ist ausgeschlossen. Aber ein letztes Mal will er sie sehen. Nicht als zerstreute Asche in Mordor, sondern so wie sie gewesen ist, als sie sich zum letzten Mal sahen. So wie Eruanne... Woher diese Gedanken kommen, ist ihm schleierhaft. Nüchtern betrachtet ergibt es nicht einmal einen Sinn, was er denkt. „Irrsinn ist das, weiter nichts“, sagte er sich noch vor einigen Tagen. Doch selbst irrsinnige Gedanken festigen sich und ergeben mit jedem Tag mehr Sinn, wenn man sie nur oft genug wiederholt. Und dieser Irrsinn gebietet ihm einen Menschen zu töten, um einen anderen, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, vergessen zu können.

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Kommentare (30)

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vor 125 Tagen flag
Bitte schreib eine Fortsetzung
vor 468 Tagen flag
Hey, hatte jetzt wieder Zeit mich zu melden. Es wahr bei mir in meinem Leben echt die Hölle los und mus gestehen, dass ich es komplett vergessen habe deine Geschichten zu lesen. Ich werde versuchen, in Zukunft mehr zu schreiben💟
vor 503 Tagen flag
Juchey :D freut mich echt für dich, dass die Prüfungen vorbei sind; ich hatte jetzt heut auch meine letzte und kann mich hoffentlich wieder mehr auf das Schreiben konzentrieren. Falls die Kapitel doch nicht jede zweite Woche kommen sollten, wie jetzt das letzte, tut es mir leid, da muss ich dann wohl gegen Schreibblockaden ankämpfen. Aber schön mal wieder was von dir zu hören :)
vor 504 Tagen flag
Hey, ich bin's wieder. Sorry, dass ich mich in letzter Zeit nicht mehr gemeldet hab. Hatte noch einihe Prüfungen, Abschlussfahrt und co. Aber jetzt bin ich ja wieder da :))
vor 535 Tagen flag
WOW, diese Kampfszene...
Ich freue mich jedes Wochenende auf einen weiteren Teil von deiner Ff ;3
vor 559 Tagen flag
Nee, nee alles gut. In letzter habe ich leider nur sehr oft Besuch von meinen kleinen Nichten, da ist es ein bisschen schwer sich beim Schreiben zu konzentrieren. Aber ich bemühe mich :)
vor 559 Tagen flag
Ich will ja keinen Stress machen, aber ich vermisse seit einer Woche ein nächster Teil. Ich verstehe, wenn du keine Zeit hast, ich hab mit Prüfungen auch viel zu tun. Wollte nur nachfragen, ob alles in Ordnung bei dir ist...
vor 572 Tagen flag
Hey. Wie immer: vielen Dank. Mir fällt garnichts mehr ein, was ich schreiben soll....
Konnte mich auch nicht regelmäßig melden, da wieder ne Prüfung dazwischen gekommen ist...
vor 595 Tagen flag
Ist das jetzt eher gut oder eher schlecht? (Spätestens seit der Existenz Grünfelds ähnelt diese Geschichte gar nicht mehr so wirklich Tolkiens Werken; aber ich bemühe mich die Hauptstory schon beizubehalten - und vor allem Ortsbeschreibungen. Nur halt aus einer anderen Perspektive mit einer etwas ausführlicheren Nebenhandlung.) Aber es freut mich, dass die Handlung nicht ganz so vorhersehbar zu sein scheint :)
vor 597 Tagen flag
Ups. Ich meinte Jenny und Legolas
vor 597 Tagen flag
Echt krass, wie sich die Beziehung von Jenny/Legolas gewendet hat. Ich bin schon seit einer Weile hier auf den Fanfiktion von der Heer der Ringe und habe gerechnet, dass sich, wie in jeder Geschichte hier, alles sich sofort zum Guten wendet und sich Jenny und Legolass sofort wiedererkennen. Bei dir aber nicht. Sie wollen sich doch wirklich gegenseitig umbringen...
Echt, wenn es jetzt schon so kommt, weis ich garnicht mehr, wie sich die Geschichte wenden wird. Damit meine ich, dass deine Geschichte nicht allzu sehr an den Werken von Tolkien ähneln.
vor 609 Tagen flag
WOW. Du steckst mega Zeit in diese Geschichte rein. Aber das merkt mann auch am Ergebniss. Echt klasse. Vielen Dank
vor 612 Tagen flag
Heute ist ein neuer Teil online🙃 Es braucht aber leider immer recht lange, bis die Kapitel von testedich angenommen werden. Hier beim zwölften hat's jetzt ganze sechs Tage gedauert. Trotzdem versuch ich, dass nie mehr als zwei Wochen zwischen den einzelnen Kapiteln vergehen. Und nochmal ein herzliches Dankeschön für's Feedback :)
vor 615 Tagen flag
Tut mir leid, wenn ich verdammt ungeduldig wirke, aber ich muss echt fast jeden Tag gucken, ob ein neuer Teil online ist
vor 629 Tagen flag
Ich merke gerade, dass mein letzter Kommentar garnicht online gestellt wurde. Also versuche ich es, mit diesem Teil hier einbeschlossen, zusammenzufassen. Ich hab versucht, möglichst wenige Infos über der Geschichte zu schreiben (also kommentieren) weil ich nicht wollte, dass ich für andere, die Geschichte noch lesen werden, spoilere. Aber ich kann es nicht mehr lassen. Ich liebe es, wie du Helendir sozusagen ,,zum Leben erwegst". Ich finde es auch ziemlich cool, dass Legolas mit den Gefährten (inklusive Jenny/Elarras) mitreist, ohne einen Schimmer zu haben, dass Jenny noch lebt. Er ist irgentwie der Unscheinbare in der Gruppe und das macht die Geschichte noch viel spannender. Freue mich weiterhin auf weitere Teile :3
vor 645 Tagen flag
Dann mal viel Erfolg bei den Prüfungen; schaffst du schon👍🏼Ist nicht schlimm, wenn du nicht sofort nachgucken kannst. Bemüh' mich mindestens jede zweite Woche ein neues Kapitel fertig zu haben, wenn's klappt, dann vllt sogar jede Woche, so als Anhaltspunkt.
vor 647 Tagen flag
Danke für die Deutschstunde. Bin einfach net so gut in Deutsch...
Und sorry das ich ab und zu nicht sofort nachgucken konnte, ob ein neues Kapitel online ist. Hab bald Prüfungen und muss viel lernen
vor 651 Tagen flag
Danke für das Kompliment, aber nee, ich bin kein berühmter Autor. Ich schreibe nur schon länger Geschichten und hab früher auch oft gelesen; vielleicht kommt's daher :) (übrigens, du kannst "Potential" oder "Potenzial" schreiben; wäre orthographisch beides richtig, wobei ersteres eher zur alten Rechtschreibung gehört)
vor 653 Tagen flag
Ach, ich liebe es... Bist du irgentein berühmter Autor, der gedacht hat, ein wenig auf Teste dich mit einem falschen Namen zu schreiben? Echt, mein ernst. Dein Schreibstil kombiniert mit deinen Details und Einfällen hätte Potentiall (schreibt man des so?) für ein Buch. Also nicht, dass du wirklich ein Autor bist und ich hier mit beispielsweise J. K. Rowlling schreibe die sich gedacht hat, ihre Deutschkenntnisse zu testen😂.
vor 666 Tagen flag
Cool. So viele Kapitel. Freu mich jetzt schon drauf :3