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Elarras - Die eine und neun andere

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1 Kapitel - 6.254 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 131 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Kapitel 7

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7. Und dann wurde es kalt Die Zeit vergeht viel schneller, ohne dass ich nur das Geringste mitbekomme. Sogar die Stille, die folgt, nachdem alle Grün
7. Und dann wurde es kalt
Die Zeit vergeht viel schneller, ohne dass ich nur das Geringste mitbekomme. Sogar die Stille, die folgt, nachdem alle Grünfelder getötet oder gefangengenommen wurden und wir alleine im Keller auf irgendwas warten, was sich nicht genau bestimmen lässt, sogar diese Stille kriege ich nicht mit. Erst als die Orks die Tür zum Keller aufbrechen und alle nacheinander rausholen, wache ich aus meiner Gedankenstarre auf. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, als der nächste Ork zu mir kommt. Ich umklammere krampfhaft den Griff meines Degens und zieh ihn sofort aus seiner Halterung, als er näherkommt und seinen letzten Atemzug nimmt, sodass gleich darauf die kristallene Klinge in seinem Herz steckt, sofern er überhaupt eines hat. Die Kinder starren mich fassungslos an und gehen einen Schritt zurück, als nach einigen Minuten der nächste Ork zeternd und schimpfend hinunterkommt. Auch er findet schnell den Tod, doch danach kommen keine einzelnen Orks mehr hinunter. Nun sind es fünf an der Zahl; alle bewaffnet und mit schweren Rüstungen. Einer von ihnen sieht mich kurz an und hält die anderen sogleich zurück. Ich stehe nur da, zitternd, nicht wirklich kontrollieren könnend, was ich gerade tue und mit Tränen in den Augen. „Lasst sie“, spricht dieser Ork zu den anderen. „Das ist das Weibsstück.“ Die fünf scheuchen zuerst die restlichen Kinder aus dem Keller hinaus, bevor sie sich meiner annehmen. Aber ich wehre mich nicht mehr; ich kann nicht. Meine Muskeln erschlaffen, sodass ich wie ein nasser Sack zu Boden falle, unfähig mich zu rühren. Die fünf nehmen mir die Waffen ab; nur den Dolch nicht, denn den habe ich wieder in meinem Ärmel versteckt. Dann nimmt einer von ihnen mich auf den Arm und zieht nahe an meinem Hals die Luft ein. Ein Grinsen steigt in sein Gesicht, doch ich wende mich sofort ab von ihm und blinzle rasch, um weitere Tränen zu vermeiden. „Die riecht besser als ihr Charakter sein kann“, sagt er zu den anderen, die ein knappes Lachen hören lassen, mir dann aber giftige Blicke zuwerfen. Sie bringen meine Waffen mit mir raus und werfen sie genauso wie mich vor dem Mann, den ich als Helendir vermutet habe, auf den Boden hin. Ich schaue nicht zu ihm auf. Die Angst vor ihm sitzt mir wieder in allen Knochen. Er nimmt sein Messer, legt die Spitze der Klinge unter mein Kinn und zwingt mich dazu aufzusehen. Angestrengt halte ich meine Tränen zurück und versuche auch dieses Zittern zu unterdrücken. Aber das will einfach nicht klappen. Die Falle hat zugeschnappt. Seit ich mir dessen bewusst bin, wächst meine Angst einfach nur. Nichts weiter. Sie wächst und zerfrisst mich innerlich. Der Mann mustert mich aufmerksam und löst das Tuch vor seinem Gesicht, sodass ich es komplett sehen kann. Ein Schrei will mir meiner trockenen Kehle entweichen, als ich es sehe, aber nicht etwa, weil es schrecklich aussieht oder entstellt ist. Nein, es ist schön, sehr schön sogar. Doch dieses Gesicht habe ich schon einmal gesehen und zwar in meinem ersten Traum, den ich hier in Grünfeld hatte. Er ist der Mann, von dem ich geträumt habe! „Weißt du wer ich bin, Mädchen?“, fragt er mich mit harter Stimme. Ich stammle nur verschreckt: „Helendir?“ Dabei bin ich mir allerdings nur in soweit sicher, da meine Intuition das sagt und darauf habe ich noch nie sonderlich viel Wert gelegt. Er lächelt und nickt. Verdammt, es war also richtig. Aber was nützt es mir? Er hebt mein Kinn noch ein wenig weiter an und fragt: „Wie ist dein Name? Es wäre nur recht, wenn du ihn mir verraten würdest, wo du doch meinen kennst.“ Ich bekomme kurz keine Luft, da fliegt ein Gedanke in meinem Gedächtnis vorbei und setzt sich fest: Sag ihm bloß nicht deinen richtigen Namen, sonst bist du tot! Also metaphorisch gesehen tot. Nur metaphorisch, hoffentlich. „Elarras“, sag ich rasch. „Man nennt mich Elarras.“ „Elarras?“, wiederholt er und nimmt sein Messer verwundert lächelnd von meinem Hals weg. „Ein schöner Name. Wohl aus dem Sindarin... ja, es müsste Sindarin sein. Aber eine Elbin bist du nicht. Wie kommt das, wo du doch in Grünfeld wohnst?“ Ich zucke mit den Schultern und erwidere, wobei mein Mut langsam wieder zurückkommt: „Meine Eltern liebten wahrscheinlich die elbischen Sprachen. Vermutlich haben sie mich deswegen so genannt.“ „Ach? Sind deine Eltern nicht Eronod und Kayen Marthannar? Ich dachte Gerüchte gehört zu haben... dass du ihre Tochter seist. Oder mein Gehörsinn ist nicht mehr so gut wie früher.“ Ich schüttle schweigend den Kopf. Er redet mir eindeutig zu viel, um wirklich derart bösartig zu sein, wie man sagt, auch wenn ich gerade eine kalte Stahlklinge an meiner Kehle spüre. Dennoch geht eine eigentümliche Kälte von ihm aus, die dieser Bosheit ein wenig mehr Präsenz verleiht. Nach kurzem Überlegen sehe ich, den dabei aufkommenden Schüttelfrost unterdrückend, direkt in seine Augen und ergänze: „Nur meine Pflegeeltern. Meine echten sind wohl tot.“ „Nun... das tut mir leid für dich. In der Tat. Aber...“, fährt er fort und beugt sich zu mir hinunter, „wie erklärst du mir dann, dass deine werten Brüder dich bei dem Namen Jenny gerufen haben?“ Vor dieser Frage hab ich mich gefürchtet. Was soll ich denn antworten? Lügen will ich nicht, wenn es sich vermeiden lässt. Elarras werde ich manchmal tatsächlich von Legolas genannt, also ist es ja keine wirkliche Lüge gewesen. Nur wie soll ich ihm das jetzt erklären? Da kommt mir ein Geistesblitz. Ein kleiner nur, aber immerhin. Erwartungsvoll, beinahe schon mit einer gewissen Schadenfreude sieht er von oben zu mir hinab. Das macht mich allerdings eher wütend, als dass es mich sonderlich einschüchtert. Doch diese aufkeimende Wut unterdrückend antworte ich schlussendlich: „Es ist einer der vielen Namen, die mir gegeben wurden seit ich hier lebe. Ein Kosename, so kann man es seh'n. Seid ihr nun zufrieden?“ Helendir schüttelt leicht den Kopf und antwortet noch immer lächelnd: „Ich wüsste nicht, was man daran aussetzen könnte.“ Aus dem Augenwinkel sehe ich die anderen Grünfelder, die auch gefangengenommen worden sind. Darunter meine Familienangehörigen, alle noch lebend, aber zerschunden bis zum Gehtnichtmehr. Legolas kann ich nicht entdecken. Doch ich vermute das Schlimmste und muss mich sehr anstrengen, um nicht die Kontrolle über meine Emotionen zu verlieren. Helendir bittet mich schließlich aufzustehen und kommt etwas näher. Er überragt mich bei Weitem; fast um mehr als drei Köpfe. Jetzt, da ich den Waldelb nicht unter den Lebenden finden kann, sehe ich in diesem Elb vor mir aber nichts als Abschaum. Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle umgebracht, wenn ich nur ein wenig mehr Kraft hätte. Er nimmt eine Strähne meines Haares in seine Hand, betrachtet sie kurz und meint daraufhin: „Hübsches Haar hast du. Es ist zwar ziemlich fein, aber die Farbe ist wundervoll, wenn man einmal von dem ganzen Blut und Schmutz, der daran klebt, absieht.“ „Wer hat euch eigentlich die Dreistigkeit erlaubt mich anzufassen?“, unterbreche ich ihn harsch und komme nicht umhin ihm einen giftigen Blick zuzuwerfen. Erstaunt lacht er auf und verbeugt sich lächerlich überschwänglich. „Oh vergebt mir edle Maid. Ich wusste ja nicht, wie viel Wert ihr darauf legt, dass man euch mit Respekt behandelt.“ Etwas zerknirscht presse ich meine Lippen aufeinander. Er spielt. Was er damit bezweckt, keine Ahnung. Vielleicht will er einfach nicht so berechenbar sein. Aber es nervt. Nichtsdestotrotz kann ich ja mitspielen, solange es nicht gefährlich wird. Also lächle ich ebenfalls, neige meinen Kopf zur Seite und blinzle ihm mehrfach hintereinander zu. „Es freut mich, dass euer Benehmen sich so schnell gebessert hat. Hättet ihr denn wohl auch die Güte, uns nun freizulassen und aus unserem Dorf zu verschwinden?“ Wieder muss er lachen, doch als Antwort gibt er ruhig: „Dann hätten wir uns die ganze Mühe ja umsonst bereitet. Wie kämen wir denn dazu?“ Auf einmal wird sein Gesicht ernst. „Aber wirklich. Du bist eine von der Art, die einem lächelnd ins Gesicht sagen würde, dass du ihn hasst. Hab ich nicht recht?“ Ich zucke nur mit den Schultern. „Möglich. Aber nur zu Leuten, die es verdient haben.“ Gleich darauf schnappe ich mir meinen Degen wieder und hole zum Streich aus. Helendir weicht zurück, doch getroffen habe ich ihn und zwar mit einem Schnitt diagonal über sein Gesicht. Bevor ich zu einem effektiveren Angriff komme, halten mich schon wieder mehrere Orks fest und reißen mir die Waffe aus den Händen. „Warum töten wir sie nicht einfach?“, zischt einer von ihnen, doch Helendir hebt seine Hand und erwidert kühl: „Ich bin nicht den weiten Weg hierhergekommen, um zu versagen. Sie ist es. Töte sie und du stirbst selbst, aber auf die grausamste Weise, die du dir nur vorstellen kannst.“ Helendir wirft mir, gleichgültig über meine ansteigende Verwirrung, einen geringschätzigen Blick zu und streift kurz das Blut von seiner Wunde fort. „Ich hatte ein wenig mehr Stil von dir erwartet, Elarras. Du enttäuschst mich. Aber wie du willst. Gebt mir ihre Waffen und legt sie in Ketten, wie die anderen auch.“ Die Orks gehorchen ihm sofort, wenn auch mürrisch, wie ich bemerke. Mein halbwegs funktionierender Überlebenswille treibt mich dazu mich zu wehren, doch mein Verstand will es mir verbieten. Diese Stimme in mir ruft wieder, ich solle damit aufhören. Ich solle aufhören zu hassen. Doch ich verstehe das nicht. Ich spüre keinen Hass mehr in mir, sondern pure Irritation und doch ruft diese Stimme mir immer noch zu. Die Orks machen sich meinen vernebelten Zustand zunutze. Schnell haben sie mich in Ketten gelegt und meine Waffen wiederum dem Elb gebracht. Dieser betrachtet sie prüfend, wirft sie dann aber weg und packt mich unsanft am Arm. „Mir ist schleierhaft, warum man einem Kind solche Waffen anvertraut. Du bist keinesfalls reif genug dafür“, flüstert er mir ins Ohr, dann zerrt er mich hinter sich her zu einem Pferd, auf welches er mich hinaufsetzt und schließlich hinter mir aufsteigt. Ich drehe mich zu ihm um und erhasche einen flüchtigen Blick auf sein Gesicht. Ich kenne ihn. Da bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Aber zugleich weiß ich gar nichts über ihn, auch... auch wenn er mich ebenfalls zu kennen scheint. Seine Fragen lassen mich darauf schließen. Sie klangen prüfend, nicht etwa unwissend. Die Antworten darauf kannte er schon, aber woher? Woher kennt er mich? Nachzufragen wäre naiv, also schweige ich lieber und versuche mir einen Fluchtplan zurechtzulegen, denn dass diese Truppe hier nichts Gutes im Schilde führt, ist ja wohl nicht schwer zu erraten. Schwierig ist es nur, wenn man nicht weiß, wohin sie überhaupt wollen. Klar, es ist eigentlich offensichtlich, dass wir jetzt nach Mordor in den Süden gehen. Aber ich kenne diese Gegend überhaupt nicht. Vielleicht gibt es dort ja Stellen, an denen eine Flucht günstig wäre, doch ich kenne sie nicht, was mir nicht sonderlich viel nützt. „Du wirst dich ein wenig ausruhen müssen“, spricht dieser Elb mich an und legt seine Hand auf meine Schulter. Sofort spüre ich, wie sich Erschöpfung und Müdigkeit in mir breitmacht, aber ich will nicht einschlafen und schüttle seine Hand von meiner Schulter ab. „Lasst mich“, erwidere ich zerknirscht. „Ich bin nicht müde.“ Doch er grinst nur und streift mir über die Wange. „Natürlich nicht.“ Wieder nimmt die Müdigkeit mich in ihren Griff; dieses Mal kann ich sie jedoch nicht abschütteln. Alles wird dunkel um mich, noch dunkler als es eh schon ist. Den Regen auf der Haut kann ich nicht mehr spüren, denn ich falle unweigerlich in einen tiefen Schlaf und wache erst wieder auf, als wir schon lange aus Grünfeld fort sind. Die drückende Luft, die plötzlich um uns herum herrscht, raubt mir beinahe den Atem. Ich muss schwer husten, als die aufgewirbelten Staubpartikel vom Boden in meine Nase steigen. Vorsichtig hebe ich meinen Kopf und blinzle hoch zur dunkeltrüben Wolkendecke, die schwarz und dicht über unseren Köpfen hängt. Das Land ist kahl und grau, mehrere Mulden, die mit Wasser und anderen undefinierbaren stinkenden Flüssigkeiten gefüllt sind, zeigen sich auf dem vegetationsfeindlichen Boden; kein Strauch, kein Baum, nicht einmal ein winziger Grashalm ist zu sehen, geschweige denn Tiere. Die Sonne ist nirgends zu erblicken, stattdessen schwebt ein bedrohlicher Schatten über uns, der kaum Licht hindurchfallen lässt. Wir müssen schon lange gereist sein. Mehrere Tage vielleicht sogar. Nichts hiervon erinnert noch an das grüne fruchtbare Land, aus welchem wir mitgenommen worden sind, alles ist so... trostlos. Das wäre wohl das passende Wort dafür. Ich huste wieder und will mir den Mund zuhalten, da erinnere ich mich an die Ketten, die mir angelegt wurden. Mein Kopf brummt und mir wird heiß, obwohl die Sonne gar nicht mal wirklich zu sehen ist. Was ist das hier? Ein Treibhaus? Ja, aber eins mit saurem Regenwasser so wie es aussieht. Helendir klopft mir mit der flachen Hand sachte zwischen meine Schulterblätter, als ich nicht aufhören kann zu husten. „Ich weiß,“, fängt er zu reden an, „hier ist alles ein wenig gewöhnungsbedürftig für dich, aber nach ein paar Monaten...“ „Wasser“, unterbreche ich ihn, ohne wirklich zugehört zu haben. Meine Kehle ist staubtrocken und ehe ich nichts zu trinken bekomme, werde ich mit dem Husten nicht aufhören können. Außerdem habe ich Durst. Schrecklichen Durst. Wenn auch nicht gerade schnell so nimmt der Elb doch eine Feldflasche zur Hand, öffnet den Verschluss und gibt mir zu trinken. Das kühle Wasser fühlt sich wie die reinste Erlösung an. Wie in einem Rausch nehme ich es auf und atme tief durch. Nachdem die halbe Flasche leer ist, nimmt er sie wieder weg von mir. Ich schließe nur meine Augen und versuche ruhiger zu atmen. Diese Müdigkeit hat mich noch nicht ganz verlassen. Pochend und schmerzend versucht mein Kopf sie zu vertreiben, schafft es auch einigermaßen, doch ich mag nicht sehen, was sich vor meinen Augen abspielt. Kann das alles nicht einfach ein Traum sein? Ich weiß, es wäre ein ziemlich absurder Traum, aber kann es nicht einfach einer sein? Hinter uns höre ich die stampfenden Schritte der Orks, ihre lauten antreibenden Rufe und Peitschenhiebe. Sie scheuchen die anderen Gefangenen weiter. Ein furchtbares Bild muss es wohl sein. Am liebsten will ich es nicht wahrhaben. Wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nur mich haben wollen, warum um alles in der Welt nehmen sie dann komplett Grünfeld auseinander und schleppen die Einwohner als Gefangene mit? Ich verstehe nichts mehr. Bin ich zu dumm für diese Welt? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich habe ich mein Gehirn in Grünfeld gelassen und kann jetzt nicht mehr das Geringste nachvollziehen. Was ist eins plus eins? Drölf! So sieht's aus! Und warum bin ich wieder so aggressiv? „Helendir, was ist hier eigentlich los?“, platzt es mit einem mal aus mir heraus. „Was wollt ihr von den Grünfeldern? Was wollt ihr von mir?“ Er sieht mich kurz an und erwidert: „Du verfügst über etwas ganz Bestimmtes, das Sauron haben will und diese Menschen da,“, er deutet hinter uns auf die lange Reihe angeketteter Gefangener, die sich erschöpft von Durst und Hitze hinter uns her schleppen, „die werden entweder auf dem Weg schon sterben oder in Mordor als Sklaven verenden.“ „Aber warum? Konntet ihr sie nicht einfach in Frieden weiterleben lassen? Müsst ihr so grausam sein?“ Helendir lacht. „Danke für das Kompliment, Elarras. Aber nein, warum sollten wir denn nicht jetzt schon anfangen, schwache Dörfer mit guter Wirtschaft, wie Laegrîdh nun einmal eines ist, in unseren Besitz zu bringen? Das erspart uns später eine Menge Arbeit. Spätestens wenn sie gehört hätten, dass andere Dörfer und Städte weiter im Süden oder Osten schon angegriffen wurden, so hätten sie mehr Wert auf ihre Verteidigung gelegt, aber so war es ein Kinderspiel. Und die Elben hätten ihnen eh nicht geholfen.“ Er hat recht. Leider. Die einzigen, die ihnen vielleicht noch hätten helfen können, wären Legolas und Aragorn gewesen, doch Aragorn ist schon länger nicht mehr zu uns gekommen und Legolas... Ich wende mein Gesicht ab. Mich schmerzt der Gedanke an ihn. Ich hätte nicht überreagieren sollen. Vielleicht würde er dann noch leben. Doch was wäre das für ein Leben? Entweder hätten sie ihn sowieso umgebracht oder er wäre genauso wie alle anderen in Gefangenschaft geraten. Wenigstens ist Aragorn nicht dagewesen. So kann ich mir immerhin sicher sein, dass er noch lebt. Zumindest in gewissem Sinne. Ich zucke zusammen. Mich schrecken die Peitschenhiebe der Orks und deren nachfolgenden Schreie auf. Immer wieder aufs Neue. Diese armen Menschen. Warum nur muss ihnen so etwas widerfahren? Gut, das ist eher eine rhetorische Frage mit einem Hauch Melodramatik, aber trotzdem; irgendwo tun sie mir leid, auch wenn sie nicht gerade wenig eigenverantwortlich für ihre derzeitige Situation sind. Vorsichtig luge ich hinter uns. „Seht ihr nicht, wie schwach sie schon sind?“, spreche ich Helendir an. „Müssen eure Untergebenen sie denn noch zusätzlich quälen?“ Er zuckt nur grinsend mit den Schultern. „Also, ich hab nichts dagegen. Du etwa?“ Ein Pfropfen Wut bahnt sich in meinem Bauch an. Was für ein sadistischer Mistkerl er doch ist. „Wenn es euch doch so gefällt, andere leiden zu sehen, dann lasst mich runter. Ich bin nicht besser als die anderen.“ Wieder lacht er leise und schüttelt seinen Kopf. „Wie käme ich dazu? Ich soll dich doch unverletzt zu meinem Herrn bringen.“ „Dann befehlt euren sogenannten Soldaten, dass sie verdammt noch einmal damit aufhören sollen, unschuldige Leute zu schlagen!“ „Sonst was? Was willst du dagegen tun, Menschentochter?“ Ich spucke ihm ins Gesicht und hole mit dem Ellbogen aus, sodass ich ihn schmerzhaft in die Rippen treffe. Daraufhin zieht er jedoch nur die Ketten enger um meine Handgelenke, wischt sich übers Gesicht und erwidert streng, ich solle damit aufhören. Ich hingegen kümmere mich nicht sonderlich um seine Worte. Eine Zeit lang bleib ich zwar ruhig, hole dann aber nach hinten aus und treffe in seine Seite, sodass sich die Nieten der Kette mit voller Wucht hineinbohren. Er zuckt zwar zusammen und lässt einen schmerzerfüllten Laut hören, aber auf meine mehr oder weniger höfliche Bitte, die nunmehr recht handfest geworden ist, geht er nicht ein. Nein, er zieht nur noch fester an, woraufhin meine Handgelenke zu schmerzen beginnen, dann versetzt er mich wieder in diese komische Art Schlaf, sodass ich überhaupt nichts mehr mitbekomme, bis wir anhalten. Nur der harte Boden, auf welchem ich nach geraumer Zeit aufkomme, hat die Kraft mich zu wecken. Wehgetan habe ich mir nicht, aber zufrieden mit dieser Behandlung kann man auch nicht gerade sein. Ich stehe auf und klopfe den Staub von meinen Klamotten... Moment. Die Ketten wurden mir abgenommen. Sind wir etwa schon da? Zögernd drehe ich mich zu demjenigen um, der mich hergebracht hat. Der Ork will schon hinaus und die Tür der Zelle hinter sich zuziehen, da packe ich ihn am Arm und nehme diesen in einen schmerzhaften Griff. Er beginnt zu fluchen und versucht sich zu befreien, aber ich drücke nur fester zu. „Wo sind die anderen Menschen?“, frage ich ihn scharf und spüre deutlich wieder diesen Hass in mir aufkeimen, der auch in den Augen meines Gegenübers zu vernehmen ist. „Wo sind die Grünfelder? Sprich!“ „Sie sind noch oben“, antwortet er rasch, woraufhin ich sofort sage: „Bring mich zu ihnen. Falls es dir sicherer erscheint, leg mir meinetwegen auch wieder die Ketten an.“ Dann lasse ich ihn los und trete aus der Tür hinaus. Der Ork hält sich immer noch argen Schmerz fühlend seinen Arm und mustert mich grimmig. „Du hast mir nichts zu befehlen, Göre“, keift er mich an, doch als ich wieder meinen Arm ausstrecke, weicht er zurück und hebt abwehrend seine Hände. „Schon gut, schon gut, ich bring dich ja hinauf.“ Es ist eher ein Brummeln als eine klare Antwort, doch er tut es. Die Ketten hat er mir nicht wieder angelegt. Entweder hat er sie nicht mehr dabei oder... vielleicht hat er auch ein klein wenig Angst vor mir. Immerhin bringt er mich eine Treppe hoch. Sehen kann ich es nicht wirklich, so dunkel wie es hier ist. Spüren dafür umso mehr und dass wir eine Treppe hochgehen, spürt man spätestens nachdem man sich zum gefühlt zehnten Mal an einer Steinstufe gestoßen hat. Ich verstehe das ganze System gerade nicht. Wieso trennen sie mich von den Grünfeldern, bringen mich davor jedoch nicht zu dem, der befohlen hat mich aus meinen gewohnten Lebensumständen rauszureißen? Es macht einfach keinen Sinn. Jedenfalls nicht für mich. Doch das Einzige, was mir jetzt wirklich Sorgen macht, ist meine Familie. Wenn sie auch hier sind, wo sind sie dann? Und wie geht es ihnen? Hoffentlich besser als ich befürchte. Oben angekommen läuft ein anderer Ork uns plötzlich entgegen. Schon vom Weiten ruft er uns zu, wir sollen stehenbleiben. So schlecht auch das Gefühl ist, das ich bei dieser Sache habe, gehorche ich und bleibe. Der andere Ork, ein sehr großer und breiter, der auch derjenige gewesen ist, der die anderen in Grünfeld von mir abgehalten hat, nimmt mich an meinem Oberarm und befiehlt mir ihm zu folgen. Erstaunlicherweise ist er nicht so rüde mit mir, wie die anderen Orks es bisher gewesen sind, aber ich mag ihn immer noch nicht sonderlich. Generell mag ich diese Orks irgendwie nicht. Bei dem bloßen Gedanken, wie viel Unrecht sie bisher schon veranlasst haben müssen, schaudert es mich. Ich habe Angst vor ihnen. Doch nicht so sehr wie vor Helendir, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Er war so kalt, so unheimlich kühl. Im nächsten Moment aber sprach purer Hohn aus seinen Augen. Beinahe als hätte jemand einen Schalter umgelegt und ihm eine andere Persönlichkeit verpasst. Schauspielert er? Wenn Ja, warum? Wenn Nein, was war das dann? Hab ich mich getäuscht? Nein, ich kann mich nicht getäuscht haben. Auf dem Hinweg hatte er wieder – oder besser gesagt immer noch – dieses sarkastische Wesen an sich. Jetzt aber wo er wieder vor mir steht – denn nirgendwo anders hat dieser Ork mich hingebracht – strahlt er wiederum diese furchtbare Kälte aus. Das eisige Silber seiner langen Haare unterstützt die Kälte um ein Vielfaches und die Narbe, die aus der Schnittwunde in seinem Gesicht entstanden ist, schimmert ebenfalls silbern. Das finde ich von allem noch am unnatürlichsten. Elben haben keine Narben. Man sieht ihnen kleinere Verletzungen oder Unreinheiten wie eben Narben und dergleichen nicht an, es sei denn direkt nachdem sie diese Verletzung erlitten haben. Diese Narbe aber verblasst nicht auf seiner Haut. Sie ist da und bleibt mit einem silbrigen Glanz. Sofort senke ich meinen Blick, wenngleich ich auch nicht gerne zugebe, dass dieser Elb mich einschüchtert. Helendirs Blick scheint mich durchdringen zu wollen, so stark spüre ich ihn auf mir liegen. Und Angst spüre ich. Angst, die mein ganzes Inneres in Besitz nehmen will. „Komm mit“, spricht er mich an und streckt mir seine Hand entgegen. Nur mit sehr viel Selbstüberwindung schaffe ich es sie anzunehmen und folge ihm ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Er bringt mich zu den Zellen, in welchen die Grünfelder untergebracht sind. Es sind ihrer nicht viele, die überlebt haben. Von den ungefähr 180 Menschen, die dort lebten, ist gerade einmal die Hälfte in Gefangenschaft geraten, während die anderen schon in Grünfeld gestorben sind; von diesen, sagen wir 90 Menschen, haben die Orks die Ältesten und die Jüngsten wiederum bereits in Grünfeld getötet und ein weiteres Viertel ist auf dem Weg hierher dem Erschöpfungstod zum Opfer gefallen. Knapp 30 Grünfelder sind nur noch am Leben und das auch nicht gerade im besten Gesundheitszustand. Ich kämpfe mit den Tränen, als Helendir mich zu ihnen bringt. Er hat ein ganzes Dorf dem Erdboden gleichgemacht. Ein Dorf voll unschuldiger Menschen. Ich will immer noch nicht begreifen, warum. Nicht, warum er das getan hat, nein, sondern warum diese Grünfelder so versessen auf ihr konservatives Dasein beruhten, dass Streicher und Legolas schon von Anfang an der Meinung gewesen sind, dass ihr Fall hoffnungslos sei. So gesehen sind diese Menschen selbst schuld an ihrem Schicksal. Aber ich habe sie in den Jahren trotzdem in mein Herz geschlossen und kann es nicht mitansehen wie sie leiden. Da höre ich plötzlich Helendirs Stimme und zucke zusammen. „Du kannst diesen hier noch zur Freiheit verhelfen“, sagt er. Sogleich drehe ich mich zu ihm um, wische hastig die Tränen mit dem Ärmel von meinem Gesicht und sehe ihn erwartungsvoll an. „Wie? So wie ich euch bisher kennengelernt habe, seid ihr wohl nicht so barmherzig, dass ihr sie freilasst, ohne dass irgendeine schreckliche Bedingung erfüllt werden muss.“ Einer seiner Mundwinkel zuckt kurz, als ich das sage. Doch als Antwort gibt er nur: „Ich habe einmal von einem intelligenten Menschen gehört, dass man ein Leben nur mit einem anderen Leben bezahlen kann.“ Ich schlucke. Damit könnte er alles meinen. Will er noch einmal die Hälfte der Grünfelder umbringen? Will er mich umbringen und sie freilassen? Will er ein anderes Dorf dafür vernichten? Das zweite wäre mir im Moment tatsächlich am liebsten – so extrem es auch klingen mag. Aber nichts davon soll wahr werden. Er winkt einen Ork zu sich, der zwei Menschen, deren Gesichter verdeckt sind, hinter sich her zieht. Mich nimmt er wieder bei der Hand, bevor wir hinaus aus dem Gefängnis gehen. Zu einem abgelegenen Ort bringt er mich und der Ork folgt uns mit den beiden Gefangenen hinterdrein. Es ist der gleiche, der mich auch bei der Treppe abgefangen hat. Den beiden Menschen befiehlt er sich auf den Boden hinzuknien. Wie bei einer Exekution sieht das aus. Ich spüre immer deutlicher wie mein Puls heftig durch meinen Körper hämmert und so langsam wird mir immer unwohler zumute. „Wer sind diese beiden?“, will ich wissen und bereue sogleich wieder das gefragt zu haben, denn der Ork, nimmt den Zweien die Kapuzen vom Kopf, woraufhin ich vor Schreck aufschreien muss und die Hände vor meinem Gesicht zusammenschlage. Helendir legt seine kühle Hand auf meine Schulter und spricht wieder: „Eronod und Kayen haben wir bereits in Grünfeld umgebracht. Ich dachte, es würde dir die ganze Sache erleichtern.“ Damit legt er mir ein Messer in die Hand und gibt mir einen leichten Schubs nach vorne. Sofort lasse ich die Waffe fallen und gehe zur Seite; aber der Elb packt mich an der Schulter und zieht mich schroff zurück. Ich spüre ganz deutlich seinen warmen Atem an meinem Hals, als er zynischen Tones fragt: „Willst du lieber zwei Dutzend Menschen in Sklaverei verenden lassen und zusehen, wie wir deine Brüder vom Leben zum Tode befördern? Du wolltest meine Bedingung wissen. Hier ist sie. Töte die beiden und die anderen kommen frei.“ Ich schlucke hart und versuche die Tränen zu verdrängen. Die beiden jungen Männer sehen mich nur stumm an, ohne etwas zu sagen, aber auch in ihre Augen steigen Tränen. Ich kann das nicht. Mein Leben lang könnte ich es mir nicht verzeihen die beiden getötet zu haben. Aber die anderen Grünfelder würden wieder in Freiheit leben. Logisch gesehen wäre es viel sinnvoller, wenn ich die zwei jetzt umbringe, nur... Ich muss schluchzen und sehe zu Helendir zurück. Dieser zieht sein eigenes Messer aus der Halterung und neigt leicht den Kopf zur Seite. Ein eiskalter Schauer durchfährt mich bei seinem Anblick. Um so etwas von einem Menschen zu verlangen, muss man schon jeglichen Skrupel verloren haben. „Mach schon, Kleine“, höre ich Keres flüstern. „Du rettest damit viele Menschenleben und wir sterben so oder so.“ Er sagt das ohne mich anzusehen. Meine Hände beginnen zu zittern. „Ich kann nicht“, will ich erwidern, aber die Worte bleiben mir im Halse stecken. Zugleich wird mein Gesicht warm. An den Schläfen spüre ich deutlich das Pochen meines Herzschlags und das Zittern greift auf meine Arme über, woraufhin nicht lange danach mein ganzer Körper angespannt ist. Ich kann nicht. Das ist das Einzige, woran ich gerade denken kann. Fünf Jahre lang habe ich diese beiden meine Brüder genannt. Fünf Jahre lang waren sie für mich da, haben mir beigebracht zu leben und mich lieb gehabt. Und nun soll ich sie umbringen? Ich versuche die Stimme wiederzufinden, die in Grünfeld zu mir gesprochen hat. Will sie um Rat fragen. Doch ich finde sie nicht. Adon hebt seinen Blick und sieht mich lange an, bevor er mich mit einem Nicken zu sich rüberwinkt. Nur zögerlich nähere ich mich den beiden und knie mich zu ihnen hinunter. „Du hast doch immer gesagt, es müsse nach dem Leben hier noch weitergehen“, sagt der Ältere leise, zu meiner Verwunderung aber doch mit fester Stimme. „Und wenn das stimmt, dann werden wir uns ganz sicher wiedersehen. Das verspreche ich dir. Aber jetzt musst du stark bleiben. Keres hat recht. Bitte, tu uns den Gefallen und lass uns nicht durch den gleichen Mörder umkommen, der uns schon unsere Eltern und unsere Schwester genommen hat.“ Ich muss schwer schlucken, als er das sagt. Sprechen kann ich nicht. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen könnte. Mein Kopf ist leer. Keine Gedanken sind mehr darin. Umso überfüllter ist dafür mein Herz, wie kitschig es sich auch anhören mag; es fühlt sich tatsächlich gerade so an, als würden sich dort zwei konträre Gestalten bilden, die mich zerreißen wollen. Es ist nicht zu beschreiben, wie ich mich gerade fühle. Man kann es einfach nicht in Worte fassen. Irgendetwas staucht sich in mir an und brodelt hoch, sodass es mir den Hals verengt. Ein letztes Mal schauen Adon und Keres zu mir hinüber. In ihren Blicken liegt keine Angst. Nur eine Betrübnis, die von einer festen Entschlossenheit überspielt wird. Ihr Tod ist ihnen gewiss – das wissen sie. Stück für Stück wird es auch mir immer bewusster. Und doch zögere ich. „Wie kann ich mir sicher sein, dass ihr euer Wort haltet?“, frage ich Helendir mit einem unverkennbaren Zittern in der Stimme. Ohne etwas zu sagen, gibt er dem Ork einen Wink, woraufhin dieser zu den Gefangenen zurückgeht. „Wenn ich auch ein ruchloser Mörder bin, so bin ich wenigstens einer, der zu seinem Wort steht. Darauf kannst du dich verlassen.“ „Und wenn nicht?“ Er kommt einige Schritte näher, nimmt das Messer, welches ich fallengelassen habe, vom Boden auf und reicht es mir zusammen mit dem seinigen. „Wenn nicht,“, fährt er fort, „dann darfst du mich ebenfalls töten.“ Man könnte meinen, es gäbe keinen besseren Zeitpunkt als diesen hier, um zu fliehen. Jeder normale Mensch würde mir wohl sagen: „Nimm die Waffen, töte ihn, befreie deine Brüder und flieh verdammt noch mal!“ Ja. Das würde ich unter anderen Umständen auch denken. Doch der Rest? Wie sollten wir aus Mordor hinausgelangen? Sollen wir die anderen Grünfelder einfach hierlassen? Selbst wenn ich das wollen würde, Adon und Keres würden das sicher nicht. Und an Wachen mangelt es hier nicht. Daher sind Helendirs Worte eigentlich recht wertlos. Er weiß, dass ich dieses Risiko nicht eingehen würde. Meine Hand zittert, als ich das Messer von vorher wieder nehme und mich langsam erhebe. Die Tränen in meinen Augen lösen sich lautlos; mir wird übel. Ich will das nicht tun. Ich habe nie jemanden töten wollen. Selbst dass ich in unserem Dorf schon einigen Orks zum Verhängnis geworden bin, lässt es mir unwohl werden, doch dass ich nun meine Brüder umbringen soll... einfach so... ohne jegliches Erbarmen... Ich muss unwillentlich schluchzen und schüttle den Kopf. Die beiden vor mir bleiben ganz ruhig, auch wenn ihre Augen feucht sind und ihr Haar ihnen mit Schweiß und Blut vermischt an der Stirn klebt. Meine Hände werden schwer und mir kommt es vor, als ob alles um mich herum nur noch in Zeitlupe geschieht. Krampfhaft umfasse ich den Griff des Messers; meine Brüder schließen die Augen, um es mir nicht noch schwerer zu machen. Hätten sie mich doch nie gefunden! Hätten die Wölfe mich damals doch zerrissen! Dann müssten sie nicht sterben! Mein Atem macht mir Probleme. Ich krieg kaum noch Luft, aber ich weiß, dass Helendir direkt hinter mir steht und nicht zögern wird, die zwei zu ermorden, wenn ich es noch länger hinauszögere. Eine Art Schmerz ergreift von mir Besitz, als ich sie noch einmal anschaue. Ein so starker Schmerz, dass ich hätte schreien mögen, wenn ich denn könnte. Sie haben das nicht verdient. Sie haben es nicht verdient zu sterben. Nicht durch meine Hand, noch durch irgendeine andere. Ich kann nicht, ich will es nicht! Aber ich muss! Die Tränen brennen in meinen Augen, als ich auch noch das zweite Messer nehme und aushole. Ein schneller sauberer Stich genau ins Herz, wie bei Adon so auch bei Keres. Gleichzeitig, um keinen der beiden noch den Tod des anderen ertragen lassen zu müssen. Kurz und schmerzlos für sie. Sie fallen sofort tot um. Im Gegensatz dazu schreie ich vor inneren Schmerzen auf und breche in mich zusammen. So tief bin ich also gesunken. Meine eigenen Brüder getötet habe ich. Warum lebe ich eigentlich noch? Warum? Kann mir das einer sagen? Als Helendir mich wieder aufrichtet, schlage ich ihm verzweifelt mit den Fäusten auf die Brust. „Tötet mich! Bitte! Ich will hier nicht mehr leben!“, schreie ich ihn an und will mich nicht beruhigen lassen. Er hat eine Mörderin aus mir gemacht! Das Leben so vieler Menschen hat er selbst auf dem Gewissen! Hat er so etwas denn überhaupt? Hat er ein Gewissen? Er hält mich an den Handgelenken fest, bis ich still werde; eher aus Kraftlosigkeit, als dass ich mich beruhige. Dann sinke ich wieder auf den Boden zurück. Für einige Minuten lässt er mich dort liegen, sodass ich die beiden Leichen vor mir genau im Blickfeld habe. So sehr ich es auch möchte, so schaffe ich es nicht meinen Blick von den beiden leblosen Körpern abzuwenden. Diese Wut, dieser Hass auf Helendir, dieses... ich habe kein Wort für dieses Gefühl, es geht langsam aber beständig in Kälte und Emotionslosigkeit über. Je länger ich meine toten Brüder anschaue, desto gefühlsärmer werde ich. Das Einzige, was ich noch fühle, ist Leere, Kälte und Angst. Aber eine Angst, die ich zuvor noch nie gespürt habe. Der Ork von vorhin kommt wieder zurück und berichtet den Wachen angeordnet zu haben, dass die Grünfelder bis hinters Morannon gebracht werden sollen, nachdem sie zu essen und zu trinken bekommen haben. Ich höre nur ganz stumpf seine Worte an meinen Ohren abprallen. Es ist mir jetzt auch egal, was er noch sagt. Mein Leben hat jetzt noch weniger Sinn als es ohnehin schon gehabt hat. Ohne ein weiteres Wort nimmt der Ork mich über seine Schulter und trägt mich wieder zurück in meine Zelle. Nur aus weiter Entfernung sehe ich noch, wie die Grünfelder aus dem Gefängnisgebäude hinausgelassen und zusammengestellt werden. Wenigstens scheint Helendir darin nicht gelogen zu haben. Aber Adon und Keres, ihre Eltern, sie sind meinetwegen tot. Ich verstehe langsam, warum dieser Elb es so eingerichtet hat. Es macht mich seelisch und psychisch so fertig, dass ich früher oder später daran zugrunde gehen muss und keine Veranlassung sehe, mich in welcher Weise auch immer zu wehren. An Flucht denken, grenzt für mich jetzt schon an Absurdität. Gleichermaßen scheint es mir auch als das Unnötigste, was ich machen könnte. Doch warum sollte ich mir jetzt überhaupt noch um irgendetwas Gedanken machen? Ich werde sicher eh demnächst umgebracht werden. Was sollten sie sonst noch mit mir anstellen?
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1545769411
Elarras - Die eine und neun andere
Elarras - Die eine und neun andere
Kapitel 7
https://www.testedich.de/quiz58/quiz/1545769411/Elarras-Die-eine-und-neun-andere
https://www.testedich.de/quiz58/picture/pic_1545769411_1.jpg
2018-12-25
402C
Herr der Ringe

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Kommentare (23)

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vor 2 Tagen
Falls Verwirrung aufkommen sollte wegen den drei 14ten Kapiteln: Neuerdings werden keine E-Mails mehr geschickt, wenn eins aufgenommen wird und... das wusste ich nicht. Deshalb hab ich das vierzehnte Kapitel mehrmals eingeschickt (es kam halt nie eine Bestätigung) und deshalb gibt es das jetzt dreimal. Aber das eine habe ich mittlerweile schon durchs fünfzehnte ersetzt - da wird nur leider immer noch "Kapitel 14" in der Zusammenfassung angezeigt - und das dritte werde ich demnächst durch Kapitel 16 ersetzen - könnte aber noch paar Tage dauern.
vor 7 Tagen
Ist das jetzt eher gut oder eher schlecht? (Spätestens seit der Existenz Grünfelds ähnelt diese Geschichte gar nicht mehr so wirklich Tolkiens Werken; aber ich bemühe mich die Hauptstory schon beizubehalten - und vor allem Ortsbeschreibungen. Nur halt aus einer anderen Perspektive mit einer etwas ausführlicheren Nebenhandlung.) Aber es freut mich, dass die Handlung nicht ganz so vorhersehbar zu sein scheint :)
vor 10 Tagen
Ups. Ich meinte Jenny und Legolas
vor 10 Tagen
Echt krass, wie sich die Beziehung von Jenny/Legolas gewendet hat. Ich bin schon seit einer Weile hier auf den Fanfiktion von der Heer der Ringe und habe gerechnet, dass sich, wie in jeder Geschichte hier, alles sich sofort zum Guten wendet und sich Jenny und Legolass sofort wiedererkennen. Bei dir aber nicht. Sie wollen sich doch wirklich gegenseitig umbringen...
Echt, wenn es jetzt schon so kommt, weis ich garnicht mehr, wie sich die Geschichte wenden wird. Damit meine ich, dass deine Geschichte nicht allzu sehr an den Werken von Tolkien ähneln.
vor 21 Tagen
WOW. Du steckst mega Zeit in diese Geschichte rein. Aber das merkt mann auch am Ergebniss. Echt klasse. Vielen Dank
vor 24 Tagen
Heute ist ein neuer Teil online🙃 Es braucht aber leider immer recht lange, bis die Kapitel von testedich angenommen werden. Hier beim zwölften hat's jetzt ganze sechs Tage gedauert. Trotzdem versuch ich, dass nie mehr als zwei Wochen zwischen den einzelnen Kapiteln vergehen. Und nochmal ein herzliches Dankeschön für's Feedback :)
vor 27 Tagen
Tut mir leid, wenn ich verdammt ungeduldig wirke, aber ich muss echt fast jeden Tag gucken, ob ein neuer Teil online ist
vor 41 Tagen
Ich merke gerade, dass mein letzter Kommentar garnicht online gestellt wurde. Also versuche ich es, mit diesem Teil hier einbeschlossen, zusammenzufassen. Ich hab versucht, möglichst wenige Infos über der Geschichte zu schreiben (also kommentieren) weil ich nicht wollte, dass ich für andere, die Geschichte noch lesen werden, spoilere. Aber ich kann es nicht mehr lassen. Ich liebe es, wie du Helendir sozusagen ,,zum Leben erwegst". Ich finde es auch ziemlich cool, dass Legolas mit den Gefährten (inklusive Jenny/Elarras) mitreist, ohne einen Schimmer zu haben, dass Jenny noch lebt. Er ist irgentwie der Unscheinbare in der Gruppe und das macht die Geschichte noch viel spannender. Freue mich weiterhin auf weitere Teile :3
vor 57 Tagen
Dann mal viel Erfolg bei den Prüfungen; schaffst du schon👍🏼Ist nicht schlimm, wenn du nicht sofort nachgucken kannst. Bemüh' mich mindestens jede zweite Woche ein neues Kapitel fertig zu haben, wenn's klappt, dann vllt sogar jede Woche, so als Anhaltspunkt.
vor 60 Tagen
Danke für die Deutschstunde. Bin einfach net so gut in Deutsch...
Und sorry das ich ab und zu nicht sofort nachgucken konnte, ob ein neues Kapitel online ist. Hab bald Prüfungen und muss viel lernen
vor 64 Tagen
Danke für das Kompliment, aber nee, ich bin kein berühmter Autor. Ich schreibe nur schon länger Geschichten und hab früher auch oft gelesen; vielleicht kommt's daher :) (übrigens, du kannst "Potential" oder "Potenzial" schreiben; wäre orthographisch beides richtig, wobei ersteres eher zur alten Rechtschreibung gehört)
vor 65 Tagen
Ach, ich liebe es... Bist du irgentein berühmter Autor, der gedacht hat, ein wenig auf Teste dich mit einem falschen Namen zu schreiben? Echt, mein ernst. Dein Schreibstil kombiniert mit deinen Details und Einfällen hätte Potentiall (schreibt man des so?) für ein Buch. Also nicht, dass du wirklich ein Autor bist und ich hier mit beispielsweise J. K. Rowlling schreibe die sich gedacht hat, ihre Deutschkenntnisse zu testen😂.
vor 78 Tagen
Cool. So viele Kapitel. Freu mich jetzt schon drauf :3
vor 79 Tagen
Ja, ich hab wohl eher eine stille Leserschaft; ist ja auch nicht so tragisch (würd' mich aber ebenso über ein paar Kommentare mehr freuen🙂). Vor allem aber Danke dafür, dass ihr bis hierher schon durchgelesen habt (sind übrigens insgesamt um die 25 bis 28 Kapitel - also noch gaaaanz schön viel zu lesen). Es kann sein, dass es ein bisschen länger dauert, bis das achte rauskommt, weil ich bemerkt habe, dass da noch einiges an Worldbuilding fehlt (gibt es einen deutschen Fachbegriff für "Worldbuilding"?) und ich nebenbei schon die nächsten Kapitel überarbeite bzw. am Ende schreibe. Jedenfalls: Dankeschön (vor allem dir Shirakii🤗), gleichfalls guten Rutsch und ein schönes neues Jahr :)
vor 80 Tagen
WOW. Was führ eine Wendung in deiner Story. Aber positiv. Jetzt wird es immer spannender. Ich bleib auf jeden Fall drann. Also eine Leserin wirst du haben (Hehe) . Nach den Aufrufen zu schließen bin ich nicht die einzigste, die deine Ff gefählt, doch warum bin ich die einzigste, die Kommentiert? Ach, auch egal. Freue mich wieder auf ein neuen Teil
Jetzt heißt es wohl: Guten rutsch ins neue Jahr ;))
vor 85 Tagen
Immer wieder gerne :3
vor 86 Tagen
Danke nochmal😅 ist echt motivierend wenn du schreibst und auch dir frohe Weihnachten :)
vor 87 Tagen
Echt, ich weis langsam nicht mehr, was ich dazu schreiben soll. Diese Geschichte ist ein Traum. Ich liebe deine Details. Du lässt alles so echt und lebhaft erscheinen. Echt top👍🏼
P.s. Fröhliche Weihnachten🤗
vor 102 Tagen
Perfekt ❤❤❤. Eine wunderschöne Geschichte. Ich liebe sie.
Ps. Mein Internet oder/und Handy spinnt. Ich kann mich nicht mehr als Shirakii anmelden. Also kommen ab und zu Komentare bon Shiraki05
vor 111 Tagen
Vieeelen dank für dieses Kapitel. Mal wieder mega. Du kannst mit deinen Ff echt die Stimmung heben. Maxh weiter so denn so ist es perfekt💓