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Lina Bloomfield

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1 Kapitel - 6.329 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 260 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Das ist eine ziemlich lange Geschichte allerdings ohne Ende da mir leider die Ideen ausgegangen sind. Vielleicht hat jemand von euch eine Idee wie es weiter gehen soll? Schreibt sie in die Kommentare!

1
„Hast du schon das hellblaue Geschirrset ausgepackt, Peter?“, tönten ihre Stimmen sogar durch die dicken Wände unseres neuen Hauses. Seufzend ließ ich mich auf die am Boden liegende Matratze fallen und schloss erschöpft die Augen.
Bei der Gelegenheit sollte ich mich auch gleich vorstellen. Mein Name ist Lina Bloomfield und ich bin mit Abstand das tollpatschigste Wesen auf dieser Welt. Ach was rede ich da, des ganzen Universums. Bereits heute hatte ich bei dem Versuch das obengenannte hellblaue Geschirrset auszupacken drei Teller zerbrochen. Bis jetzt war meine Mum noch nicht dahintergekommen und ich hoffte, dass sich an diesem Zustand nichts ändern würde, denn es war ein Vermächtnis meiner verstorbenen Oma. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nun zurück zum eigentlichen Thema. Ich leben in einer ziemlich verrückten aber dennoch sehr liebevollen Patchwork-Familie bestehend aus meiner Mum Charlotte, ihrem Mann Joel, Jo genannt, und dessen Sohn Peter. Unglücklicherweise ging es bei uns in den letzten Wochen noch chaotischer zu als normalerweise. Das lag daran, dass wir umgezogen waren, weil Jo einen besseren Job in der Stadt Mayl bekommen hatte. Am Anfang war ich (und ich glaube auch der Rest der Familie inklusive Jo) nicht besonders begeister unser gemütliches Haus in einer des sonnigsten Gegenden Englands aufgeben zu müssen um in eine regenverhangene Stadt zu ziehen. Dementsprechend fielen heftig fielen die Beschwerden von Peter und mir aus. Peter weigerte sich sogar tagelang das Haus zu verlassen, doch irgendwann hatte auf der sture Lockenkopf aufgegeben und hier waren wir jetzt. Zum Glück erwies sich die Kleinstadt als nicht ganz so schrecklich wie erwartet. In den wenigen Tagen die wir bis jetzt hier verbracht hatten, hatten wir zwar eine Menge Nebel und Regen gesehen, doch auch die Sonne ließ sich immer wieder blicken.
Aber zumindest das Haus hatte alle unsere Erwartungen übertroffen. Es war zwar nicht so klein und gemütlich wie unser ehemaliges Häuschen, dennoch hatte es uns mit seiner majestätischen Ausstrahlung sofort in seinen Bann gezogen. Dieses wunderbare Gebäude war hellblau gestrichen und schon ziemlich alt. Dennoch hatte es nichts von seiner Schönheit eingebüßt und zauberte mir mit seinen kleinen Erkern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Es erinnerte mich ein wenig an die Schlösser meiner Lieblings- Disneyprinzessinen, nur etwas kleiner. Mein Zimmer selbst sah im Moment noch ein wenig leer und trostlos aus, doch ich wusste das würde sich ändern sobald die Möbelpacker endlich die Inneneinrichtung vorbeibrachten. Jetzt war es noch weiß und kahl doch ich wusste schon wo ich das Bett hinstellen würde (in die Ecke rechts neben der Tür, wo der Kleiderschrank hinkommen würde (an die Wand links neben dem Fenster) und sogar wo ich meinen Katzenkalender aufhängen würde (über den Schreibtisch). Ich weiß mit 16 sollte man keinen Katzenkalender mehr besitzen, doch ich konnte mich einfach nicht von den süßen Bildern trennen. Mein persönliches Highlight in meinem Zimmer war jedoch unangefochten der kleine Erker in dem man durch die Fenster einen unglaublichen Blick hinaus in den Garten hatte. Ich hatte vor ihn mit Teppich auszukleiden und mich jeden Abend mit vielen Kissen und einem Buch darin zu verziehen um zu lesen.
Als ich gerade in meinen Gedanken versunken herum lag und kurz davor war vor Erschöpfung einzuschlafen öffnete sich plötzlich meine Zimmertür und der schwarze Lockenkopf von Peter lugt herein. Als er mich auf dem Bett liegen sah kam er lachend auf mich zu und meinte: „Nicht einschlafen, Schlafmütze. Jetzt gibt‘s Essen.“ Bei dem Gedanken an das vorbereitete Mahl, das unten auf mich wartete lief mir sofort das Wasser im Mund zusammen. Ich sprang ebenfalls grinsend auf und drängte mich an meinem Bruder vorbei als Erstes beim Essenstisch zu sein. Dieser nahm die Herausforderung an und stürmte hinter mir her. Bereits an der Treppe roch ich den köstlichen Duft des selbstgebackenen Brotes. Als ich als Erstes den Tisch erreichte und zu jubeln begann, lächelte mich Mum, die gerade die Teller an den Tisch stellte, nur gutmütig an. Schnell sprang ich wieder auf und half ihr beim Tischdecken, während Peter noch schnell Unterlagen von der Uni vom Tisch verschwinden ließ.
Als auch Jo sich setzte begannen wir zu essen. Es war einfach nur köstlich und alle unterhielten sich glücklich. „Liebes, du hast alles fertig gepackt für morgen oder?“, fragte meine Mutter besorgt, als wir uns gerade über meine neue Schule unterhielten. Morgen würde mein erster Tag sein und ich war ehrlich gesagt ein wenig nervös. Trotzdem lächelte ich sie nur beruhigend an und entgegnete schmunzelnd: „Wie könnte ich das vergessen?“
Als ich dann eine halbe Stunde später mit meinem Pinguinpyjama und meinen pinken Kuschelsocken im Bett lag dachte ich noch lange über den morgigen Tag nach. Ich hatte zwar nicht direkt Angst doch ein wenig unwohl fühlte ich mich bei dem Gedanken an die vielen fremden Schüler und Lehrer schon. Bis tief in die Nacht lag ich wach und hing meinen Gedankenkreisen nach.
Als Mum mich am nächsten Morgen liebevoll aufweckte, war ich ziemlich müde und stürzte zum Frühstück zwei Tassen Kaffee hinunter um mein Schlafbedürfnis zu bekämpfen. Dies erwies sich allerdings als eine sehr schlechte Idee, da mich das Koffein ganz hibbelig machte.
Nachdem ich eine Weile mein Essen auf dem Teller hin und hergeschoben hatte stand ich auf, lief in mein Zimmer und schlüpfte schnell ich in mein vorbereitetes Outfit. Glücklicherweise war es in der Andrew Johnson High-School keine Pflicht eine Schuluniform zu tragen. Für den heutigen Tag hatte ich zerrissene Jeans mit einem hellgrauen Sweater mit silbernen Fäden darin kombiniert, welcher meine ungewöhnliche Augenfarbe betonte. Schnell frisierte ich meine blonden Haare und band sie zu einem ungezwungenen Pferdeschwanz zusammen. Schließlich legte ich unauffälligen Lippenstift und leichte Wimpertusche auf. Prüfend drehte ich mich vor meinem Spiegel und zupfte noch an einzelnen Stellen die Kleidung zurecht. Als ich endlich zufrieden mit meinem Äußerem war rief Mum auch schon leicht genervt die Treppe hinauf: „Lina beeil dich, wir kommen sonst zu spät.“ Sie kannte meine chronische Unpünktlichkeit bereits. Ich warf einen letzten Blick in den Spiegel und stürmte dann die Treppe hinunter. Schnell schlüpfte ich in meine Schuhe und warf mir auch einen Mantel über, da es heute zu kalt war, um nur mit dem dünnen Sweater hinaus zugehen.
Als Mum und ich schließlich im Auto saßen und Heizung vollaufdrehten um die Kälte die hier selbst im September herrschte abzuwehren. Doch leider hörten wir während der Fahrt ein lautes Scheppern und plötzlich strömte keine heiße Luft mehr aus dem Gebläse. Mum und ich stöhnten synchron auf. Es war uns nicht Neues, dass Mums Auto, das ich liebevoll Helga getauft hatte, wieder eine kleine Macke hatte. Der kleine blaue Käfer aus dem Jahr 1981 hatte schon eine Menge ausgehalten. Also rumpelten wir zwei nun zitternd durch den kleinen Ort weiter in Richtung Schule. „Das fing ja schon gut an“, dachte ich mir während ich immer wieder mit meinen Fingern auf meine Oberschenkel klopfte. „Das war wirklich zu viel Kaffee gewesen“, dachte ich beunruhigt.
Je näher wir dem altmodischen Gebäude kamen, desto nervöser wurde ich. Meine Knie zitterten und mein Herz raste, als wir schließlich zwei Gassen vor der High-School stehen blieben. Das hatte ich vorgeschlagen doch mittlerweile bereute ich es ein wenig, denn es schüttete wie aus Kübeln. Ich wollte gerade aussteigen als meine Mutter meinen Arm umfasste. Sie lächelte mir aufmunternd zu und wedelte vor meinem Gesicht mit einem kleinen Regenschirm herum. Sie hatte wirklich an alles gedacht. Ich war erleichtert nicht durch den Regen zu müssen und umarmte Mum zum Abschied. Sie murmelte mir leise in mein rechtes Ohr: „Lächel doch, Liebes.“ Ich löste mich von ihr und versuchte mich an einem Lächeln. Mir war klar das es gezwungen aussehen musste, trotzdem lobte mich Mum: „ Das ist meine Tochter! Ich drück dir die Daumen.“
Davon ein wenig besser gelaunt bewegte ich mich Schritt für Schritt auf das Gebäude zu in welchen ich in den nächsten Jahren beinahe jeden Tag verbringen würde. Ich versuchte mich darauf zu konzentrieren nicht auszurutschen und nicht an die kommenenden Stunden zu denken. Trotz Mums aufheiternder Worte wurde mir immer übler, je näher ich der Schule kam. Eine Ecke vor dem großen Gebäude blieb ich kurz stehen um meinen Regenschirm in meine Tasche zu packen, da mittlerweile beinahe keine Tropfen mehr vom grauen Himmel fielen. Ich stöhnte im Geist auf. „Würde hier jemals die Sonne scheinen?“ Ein paar Regentropfen fielen mir ins Gesicht und tropften von meiner Nase. Schnell streckte ich die Zunge heraus um sie aufzulecken, doch ich bemerkte die vielen Schüler die um mich herum zur Schule schlürften. So wie es aussah hatten sie wenn das überhaupt möglich war noch weniger Lust auf Schule als ich.
Schließlich ergab ich mich meinem Schicksal und trat um die Ecke. Von dort marschierte zielstrebig auf meine neue Schule zu. Meine Turnschuhe stampften über den alten und brüchigen Asphalt des Schulhofes. Die meisten anderen Schüler hatten anscheinend keinen Regenschirm dabei gehabt, denn die meisten waren bis auf die Knochen durchnässt. Um mich herum schillerten Jacken und Regenmäntel in den unterschiedlichsten Farbtönen.
Als ich mich durch die Eingangstüren gequetscht hatte, was bei der Masse der Schüler aber auch bei der Masse der einzelnen Schüler als kein besonders einfaches Unternehmen erwies. Doch als ich in der riesigen Eingangshalle stand machte sich ein ganz anderes Problem bemerkbar. Ich hatte keine Ahnung, wo ich hin musste. Ich schaute wohl ein wenig desorientiert durch die Gegend, denn plötzlich spürte ich eine leichte Berührung am Arm und hörte eine freundliche Stimme die mich fragte: „Hi, ich bin Alina Summer. Dich habe ich hier noch nie gesehen. Bist du neu?“ Schnell stellte ich mich auch kurz vor und sie schlug vor mich zum Sekretariat zu begleiten, wo ich meine Stundenpläne bekommen würde. Doch in diesem Moment klingelte auch schon die Schulklingel. Entgegen meiner Erwartungen bestand Alina trotzdem mich zum Sekretariat zu begleiten. „Mit etwas Glück verpass ich was von Englisch“, entgegnete sie nur mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Ich merkte wie sich ein Schmunzeln in meine Züge legte und war überglücklich bereits am ersten Tag eine so gute Freundin gefunden zu haben. Gemeinsam liefen wir durch die vielen geräumigen Gängen bis wir schließlich vor einer großen offenen Holztür standen. In dem Raum dahinter duftete es nach frischen Blumen und als wir in das kleine, gemütliche Zimmer traten schob mich Alina sofort vor einen der beiden Schreibtische, hinter dem sich eine eher füllige Frau befand. Sie wirkte sehr freundlich und lächelte mich erwartungsvoll an. Erst jetzt merkte ich, dass sie darauf wartete, dass ich etwas sagte. „Ich bin Lina Bloomfield und bräuchte meinen Stundenplan“, erklärte ich ihr schnell. Das Gesicht der Sekretärin hellte sich auf und sie reicht mir einen Zettel. Lächelnd nahm ich ihn entgegen, verabschiedete mich und verließ den Raum. Kaum war ich draußen stürzte sich Alina schon auf mich und entwand mir den Stundenplan. „Wir haben drei Stunden und Mittagspause gemeinsam!“, jubelte sie.
Ich lächelte erleichtert, da ich jetzt zumindest wusste, dass ich in der Mittagspause nicht alleine sitzen würde. Als wir uns durch den mittlerweile menschenleeren Gang suchten, um zumindest noch einen Teil der ersten Stunde, Englisch, im Klassenraum zu sitzen, plauderten wir noch eine Weile über dies und jenes. Als wir vor der hellen Holztür standen, bemerkte ich, dass ich beinahe nicht nervös war obwohl ich mich in eine komplett fremde Klasse setzen musste.
Entschlossen öffnete ich die Tür und erklärte dem Lehrer, Herr Richard wie ich auf seinem Namenschild ablesen konnte, wer ich war und das ich neu an der Schule war. Der zwang mich zum Glück nicht zu einer Vorstellungsrunde sondern ließ mich gemeinsam mit Alina zu dem einzigen leeren Tisch in der letzten Reihe gehen. Seltsamerweise machte es mir nichts aus ganz hinten zu sitzen sondern ich war sogar positiv überrascht von den vielen netten Mädchen die hier hinten saßen. Offenbar kannten sie alle Alina und nach einigen prüfenden Blicken und Fragen nahmen sie mich freundlich in ihre Gruppe auf. Nur dem Lehrer gefiel unsere kleine Gruppe offenbar nicht so besonders, denn er ermahnte uns mehrmals nicht so viel zu plauder.
Der Rest der Stunde lief ereignislos und auch in der nächsten Stunde passierte relativ wenig. Leider ersparte mir mein Biologielehrer es mir nicht, mich der Klasse vorzustellen. Als ich vorne an der Tafel stand, ließ die Übelkeit auf sich warten. Ich schaffte es meinen Namen zu sagen, bevor ich zu dem einzigen freien Platz eilte. Meine neue Sitznachbarin war ein eher fülliges Mädchen mit schulterlangem hellbraunem Haar. Sie war wie ich eher still und wir wechselten nur ein paar Worte.
Die nächst Stunde, Chemie, dagegen die reinste Qual. Die Lehrerin, Frau Jones, war einfach ein schrecklicher Drache der versuchte mich mit den Flammen der Experimente zu grillen. Immer wieder rief sie mich auf und fragte mich nach den unmöglichsten Fakten. Mein Selbstbewusstsein war nach dieser Stunde so am Boden, dass ich beinahe nicht mehr in die Cafeteria gehen wollte um zu Mittag zu essen. Doch wie immer rief mich mein Magen mit einem ohrenbetäubenden Knurren wieder zu Vernunft. Ich merkte, dass es meinen neuen Mitschülern nicht anders ging und da ich nicht wusste wo die Cafeteria lag, ließ ich mich einfach von dem Menschenstrom tragen, der sich durch zwei viel zu enge Türen in einen freundlichen, offenen Saal drängte. Scheinbar willkürlich verteilt standen unterschiedlich große Tische herum und vor der Essensausgabe warteten bereits eine Menge Schüler. Da ich auch Hunger hatte schnappte ich mir eins der einfachen Holztableaus und stellte mich auch an der Schlange an.
Doch als mir der Geruch der heutigen Mahlzeit in die Nase stieg, schwante mir Böses. Es roch nicht einmal ansatzweise so gut wie das köstliche Essen, dass ich von zuhause und von meiner alten Schule gewöhnt war. Angeekelt verzog ich mein Gesicht. Und dann sah ich ihn.
Er hatte sich wohl gerade sein Mittagessen, bestehend aus zwei Äpfeln, einer Tüte Milch und einem gefüllten Weckerl, geholt. Gemeinsam mit drei oder vier anderen Jungs schlenderte er lachend auf einen beinahe voll besetzten Tisch zu auf dem eindeutig die Beliebtesten der Schule saßen. Das erkannte sogar ich. Sein Aussehen haute mich beinahe um. Sein schokoladenbraunes Haar stand in alle Richtungen abstehend von seinem Kopf weg und wirkte trotzdem absolut vollkommen. Als er über einen Witz seiner Kumpel lachte, leuchtenden seine silbernen Augen um die Wette und seine karamellbraune Haut vervollständigte sein unperfektes Aussehen. Doch als er den Blick gleichgütig über die Menge schweifen lies merkte ich das er mich eine Weile länger ansah als alle anderen. Doch als ich schon errötete merkte ich, dass er mich keineswegs interessiert gemustert hatte sondern mich mit nun stahlgrauen Augen abwertend gemustert hatte. Sofort drehte ich mich weg und ließ meine Haare vor mein Gesicht fallen. Trotz meiner guten Vorsätze wagte ich einen kurzen Blick durch meine blonde Mähne in Richtung des Jungen. Als ich sah, wie er sich neben ein wunderschönes blondes Mädchen setzte und dieses dann innig küsst wurde mir kalt ums Herz. Schnell holte ich mir noch eine Cola, denn nun war mir der Appetit vergangen.
Trotzdem setzte ich mich zu dem Tisch auf denen auch meine neuen Freundinnen saßen. Neben Alina war noch ein leerer Stuhl und als sie mich sah klopfte sie einladend auf ihn. Als sie meine Cola sah schmunzelte sie. „Eine gute Wahl. Das Essen hier ist wirklich ekelhaft“ „Ja“, stimmte auch das Mädchen zu, das mir gegenüber saß. Ich glaube ihr Name war Pauline oder Paula oder so ähnlich. Sie war asiatischer Abstammung und ein wenig pummelig aber trotz ihres Äußeren war sie diejenige am Tisch mit der spitzesten Zunge. „Wollen wir morgen Pizza bestellen?“, fragte Paula nun. Ihr Vorschlag fand allgemeine Zustimmung und alle redeten wild durcheinander, als mich Alina plötzlich anstubste. „Lina! Erik Johnson sieht dich an!“, flüsterte sie mir leise zu. „Erik wer?“, flüsterte ich verwirrt. Schnell klärte sie mich auf. Erik Johnson war angeblich der heißeste Typ der Schule und so ziemlich alle Mädchen sollen auf ihn stehen. Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum so ein Typ ein Mädchen wie mich auch nur eine Nanosekunde betrachten sollte, also drehte ich mich in der Erwartung um, dass Erik irgendein anderes Mädchen anschauen würde. Doch als mein Blick den einzigen Jungen gefunden hatte der auf Alinas Beschreibung zutraf (blaues Hose, schwarze Schuhe, hellbraunes Haar, graues T-Shirt) sah er mir wirklich direkt in die Augen. Und nicht nur direkt in die Augen. Es fühlte sich an als würde der durchdringende Blick aus seinen nun wieder silbernen Augen in meine Seele blicken und von dort alle meine Geheimnisse ausfindig machen. Ich war so von seinen Augen gebannt, dass ich erst nach einigen Sekunden bemerkte, dass Erik der Junge war, den ich zuvor gesehen hatte. Ich wollte mich gerade wieder umdrehen aber da lächelte er schon arrogant und wandte seinen Blick ab um ihn erneut über die Menge schweifen zu lassen.
Die nächsten beiden Stunden (Musik und GWK) verbrachte ich damit, mit Alina Eriks Verhalten genau zu analysieren. Dabei kamen wir allerdings zu keinem hundertprozentigen Ergebnis, da sein Benehmen einfach zu seltsam war.
Als wir endlich auf dem zur letzten Stunde waren schwirrte mein Kopf von den vielen Zeichen auf die ich, laut Alina, unbedingt in Eriks Verhalten achten sollte. Zum Glück hatten wir nun Sport, was mein absolutes Lieblingsfach war. Die meisten Mädchen in meinem Alter waren, zu meinem vollkommenen Unverständnis nicht gerade begeistert von der Vorstellung sich körperlich zu betätigen. Also lief ich im Gegensatz zu den anderen Schülerinnen, die mit hängenden Köpfen und Schulter zur Umkleide schlürften, mit einem freudigen Lächeln in Richtung Turnsaal.
Als endlich auch die langsamsten und unwilligsten in ihre Turnsachen geschlüpft und in den Turnsaal getrottet waren, wartete die Lehrerin bereits ungeduldig auf uns. Sie war eine streng wirkende Frau, die auch schon ein wenig in die Jahre gekommen war. Als wir uns in einem Kreis um sie herum auf dem Boden setzten sprach sie mit überraschend sanfter Stimme: „ So meine Lieben“, dabei blickte sei in die Runde, „Ich sehe hier zwar ein paar bekannte Gesichter aber ich würde vorschlagen wir machen eine schnelle Vorstellungsrunde bevor wir mit dem eigentlichen Unterricht beginnen – mein Name ist Elisabet Greenfield.“ Reihum sagten wir alle unsere Namen. Wie erwartet konnte ich mir bis auf die drei-vier die ich vorher schon gewusst hatte merken. Trotzdem die Lehrerin lächelte und, meinte da wir uns nun alle kennen würden, würden wir nun hinaus auf die Laufbahn gehen um den 60-Meter- Sprint zu üben. Ich war erleichtert, da sie nicht von uns verlangte Volleyball, Basketball oder andere Ballsportarten zu zeigen. Unglücklicherweise stellte ich mit allem, was auch nur eine ansatzweise runde Form hatte, erschreckend tollpatschig an. Laufen hingegen war meine Sportart, auch wenn ich lieber lange Strecken lief.
Die anderen Schülerinnen schienen meine Ansichten nicht zu teilen, denn es machte sich protestierendes Gemurmel breit. Trotzdem öffnete Frau Greenfield die Tür in den Schulhof und gemeinsam joggten wir bereits zum Aufwärmen zur der großen Laufbahn. Erstaunt bemerkte ich, dass auch die Lehrerin mit uns mit lief, was ja für ihr Alter eher ungewöhnlich war.
Sobald wir die Laufstecke erreicht hatten begann ich meine starren Gelenke und kalten Muskeln mithilfe von Lauf- und Mobilisationsübungen aufzuwärmen. Nachdem ich eine Zeit lang Schultern, Knie und Sprunggelenke kreisen ließ, begann ich auf der etwas feuchten Strecke auf- und abzulaufen. Sobald meine Füße begannen zu laufen legte sich die, mir nur allzu gut bekannt, Ruhe über mich, die mich immer beruhigte wenn meine Füße über den Boden trommelten.
Glücklicherweise ließ uns die Lehrerin genügen Zeit uns entsprechend aufzuwärmen, auch wenn ich nur einige der wenigen war, die dieses wertvolle Geschenk dankbar annahmen. Die meisten der Mädchen saßen im Schatten herum und plauderten unbekümmert. Nach dem ich sie einige Sekunden empört beobachtet hatte, zwang ich mich wegzusehen und nicht mehr darüber nachzudenken, da der Ärger nur meine empfindliche Konzentration stören würde.
Endlich wurde die ganze Truppe zu den abgenutzten Startmaschinen am Anfang der Strecke gerufen. Die Lehrerin stellt uns in mehreren Gruppen auf, die gegen einander sprinten sollten. Ich sollte erst den vorletzten Durchgang laufen, deswegen entschloss ich mich noch ein wenig psychisch sowie physisch auf den bevorstehenden Lauf vorzubereiten. Mir war vollkommen klar, dass das hier nur ein Lauf in der Schule sein würde. Aber ich hatte mir diesen Ehrgeiz sosehr angewöhnt, dass ich mich auch bei solchen Amateurläufen professionell aufwärmte. In meiner alten Schule, hatte ich mehrere Schulrekorde im Bereich geholt und war auch bei verschiedenen Wettkämpfen angetreten, wo es jedes Mal für einen Stockerlplatz gereicht hatte. Deswegen bemerkte ich nur am Rande, wie die anderen Schülerinnen mich abwertend ansahen und hinter vorgehaltener Hand tuschelten, als ich erneut meine Muskeln lockerte und dehnte.
Nur nebenbei bemerkte ich, dass die Schlange aus Läufern vor mir immer kleiner wurde. Als ich schließlich ganz vorne an der Laufbahn stand und mit geübten Bewegungen meine Startmaschine richtig einstellte, füllte mich die beruhigende Leere, die ich bei Sport immer empfand vollkommen, aus. Es war ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Man hörte praktisch auf zu denken, und alles was zählte waren die hämmernden Sohlen meiner schon etwas ausgelatschten Turnschuhe. Bedächtig stieg ich in die Startvorrichtung, steigerte die Anspannung in meinem Körper auf die notwendige Intensität. Als ich dann endlich das heißersehnte „LOS!“ hörte, schnellte ich ähnlich einer Sprungfeder in Richtung Ziel davon. Ich wusste nicht wieso, aber ich wollte der Lehrerin zeigen was in mir steckte. Meine hellgrauen Turnschuhe trommelten über den etwas feuchten Grund, mein Atem entwich keuchend meiner Lunge und mein Blut pumpte energisch durch meine Adern. Wie ich dieses Gefühl liebte!
Während ich lief bemerkte ich die staunenden Gesichter am Rand der Laufbahn nicht. Erst nachdem ich schweratmend die Ziellinie hinter mich gebracht hatte, sah ich die ungläubig Blicke, die mir meine Mitschüler zuwarfen. Einzig Mrs. Greenfield bedachte mich mit zwar mit einem anerkennenden Blick, aber schien sich ansonsten nicht über meine Zeit zu wundern, die sie mir auch gerade zurief. „7,90“, schallte ihre Stimme über den Sportplatz, „Nicht schlecht aber da geht noch mehr.“
In den nächsten zwei Durchgängen verbesserte ich mich tatsächlich um zwei Zehntel. Zufrieden lächelnd ging ich gemeinsam mit den anderen Mädchen zurück in den Schulturnsaal. Meine Kehle fühlte sich an, als hätte sie die letzten drei Monate kein Wasser mehr gesehen. Dummerweise hatte ich es versäumt meine pinke Trinkflasche mitzunehmen. Deswegen musste ich den anderen sehnsüchtig dabei zusehen, wie sie sich durstig Wasser in den Mund schütteten. Als wir endlich bei dem roten Ziegelsteingebäude angekommen waren, klebten meine vertrockneten Lippen bereits aneinander und auch meine Mitschülerinnen warteten bereits ungeduldig auf eine Entlassung.

Doch Mrs. Greenfield machte zumindest mir einen Strich durch die Richtung. Sie entließ alle anderen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, doch als auch ich dem Schülerstrom in die Garderobe folgen wollte, hörte ich unsere Lehrerin rufen:
„Lina! Warte bitte kurz, ich muss noch mit dir reden.“
Kurz spielte ich mit dem Gedanken so zu tun als ob ich sie nicht gehört hätte, doch ich hatte zu lange gezögert. In dem Moment, in dem ich zu meiner heißersehnten Trinkflasche laufen wollte, spürte ich einen leichten, aber trotzdem bestimmten Griff um mein Handgelenk. Meinem Schicksal ergeben, drehte ich mich um und blickte auf die etwas kleinere Lehrerin hinab. Ich würde mich mit meinen 1,78 zwar nicht unbedingt als gigantisch bezeichnen, aber ich überragte schon einige meiner Lehrer.

„Was ist denn los, Mrs. Greenfield“, fragte ich mit meinem freundlichsten Lächeln, obwohl ich Mühe hatte mit einer dermaßen trockenen Kehle überhaupt ein Wort herauszubringen. Doch die etwas ältere Frau schien zu merken, dass ich in meinem momentanen Zustand nicht geeignet war mit ihr über etwas Sinnvolles zu reden. Deswegen lächelte sie mich mit, wie ich mir einbildete, einem Hauch Mitleid an. „Trink lieber noch etwas.“, schlug sie vor. Mit einem Schmunzeln fügte sie noch hinzu: „Wir wollen doch nicht das unsere beste Läuferin am ersten Tag verdurstet.“

Dankbar machte ich ein Geräusch das sich entfernt an ein Lachen anhörte, dann war ich schon in die mittlerweile leere Umkleide geeilt. Dort machte ich mir nicht die Mühe in den Tiefen meiner lavendelfarbenen Schultasche zu kramen, sondern trank direkt aus dem etwas verrosteten Wasserhahn bei den Duschen. Als mein Durst endlich gestillt war (und mein Bauch aufgrund der Wassermassen unangenehm gluckerte), lief wieder durch die Tür in den Turnsaal. Ich wollte das Gespräch so schnell wie möglich hinter mich bringen, um nicht mehr als unbedingt nötig von meiner kostbaren Pause zu verlieren.

Glücklicherweise kam meine Lehrerin sofort zur Sache. „Du bist ungewöhnlich schnell gelaufen, Lina“, lobte sie mich, „Bist du im Leichtathikteam der Schule?“ Als ich verneinend den Kopf schüttelte versprach sie mit dem Trainer zu reden und mir einen Platz in der Mannschaft zu beschaffen. „So ein Talent sollte man nutzen“, meinte sie überraschend ernst.

Als ich, vor Vorfreude auf das Training lächelnd, die Umkleide verließ holte mich die bittere Wirklichkeit in Form der Schulklingel wieder ein. „Ich komm zu spät zu Mathe!“, schoss mir durch den Kopf und ich verzog das Gesicht. Das mir das ausgerechnet bei Mathe, meiner großen Schwäche passierte. Um das Schlimmste zu verhindern schnappte ich meine Tasche und sprintete den Flur hinunter. Leider half nicht einmal das beruhigende Gefühl, das mir Laufen sonst immer verschaffte. Dafür war ich viel zu nervös. Außerdem machte sich langsam bemerkbar, dass ich in der Pause nichts gegessen hatte. Sogar beim Gedanken an den schleimigen Eintopf zog sich mein Magen vor Hunger zusammen. Als ich schließlich mehr schlecht als recht vor der schon ein wenig zerkratzten Klassenzimmertür waren bereits über fünf Minuten zu spät, „Das wird Ärger geben“, dachte ich resigniert und klopfte gegen die alte Holztür.

„Herein!“
Die harsche Stimme, die sogar die Wand durchdrang, machte meine letzten Hoffnungen zunichte. So leise wie möglich öffnete ich die Tür. Peinlicherweise klemmte sie ein wenig und als ich sie langsam und vorsichtig aufdrücken wollte ertönte ein langgezogenes, irgendwie traurig wirkendes Quietschen. Ich spürte wie mir das Blut ins Gesicht stieg und zog beschämt den Kopf ein, als die Schülermasse hinter mir leise aber trotzdem unüberhörbar zu tuscheln begann. Schnell wollte ich auf einen Platz huschen, doch die Lehrerin machte mir einen Strich durch die Rechnung. „Wo willst du denn hin?“, hörte ich ihre Stimme hinter mir.

Ich blieb abrupt stehen und drehte mich langsam um, immer darauf bedacht meine hellblonden Haare vor mein Gesicht fallen zu lassen, um meine Schamesröte zu verbergen. Mit gesenktem Haupt wartete ich auf die unüberwindbare Demütigung. Nun ja lange musste ich nicht warten.

„Schau mir ins Gesicht, Mädchen!“, blaffte mich die Lehrerin an. Ihr verkniffener Mund erinnert am ehesten an einen mit Lineal gezogenen Strich. Er passte perfekt zu den tiefen Falten, die ihre Stirn zierten, welche ihrerseits von fettigem blauschwarzen Haar eingerahmt wurde. Auch die unreine Haut und die lange, schiefe Nase trugen nicht zu einem beeindruckenden Äußeren bei. Alles in allem war sie keine besondere Schönheit.

Langsam hob ich meinen Kopf und warf in einem Anfall von Trotz (oder selbstmörderischer Veranlagung) sogar meinen beschützenden Vorhang aus Haar über die Schulter. Doch als ich direkt in das verkniffene Gesicht, das sich gerade zu einem grausamen Grinsen verzog, wünschte ich mir ich hätte es nicht getan. „Willst du nicht etwas sagen, Liebes?“, sie schaffte es sogar den eigentlich liebevollen Kosenamen so kalt zu zischen, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Und nicht nur mir. Auch das beständige Murmeln im Hintergrund stoppte abrupt und zurück blieb eine noch bedrückendere Stille. Die ich nun durchbrechen musste. Sofort begannen meine Knie zu zittern.

„Es tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin…“, presste ich in der Lautstärke (und wahrscheinlich auch Tonhöhe) einer winzigen Ameise. Genauso fühlte ich mich gerade auch, winzig und hilflos. Zu allem Überfluss meinte die sadistische Lehrerin jetzt auch noch hämisch: „Was hast du gesagt, Kleines? Du redest so leise.“ Als ich dann auch noch unterdrücktes Lachen von den Sitzplätzen hörte, stiegen mir Tränen in die Augen und ich spielte mit dem Gedanken, einfach meine Sachen zu packen und aus der Klasse zu stürmen. Doch ich wollte nicht nach Hause kommen ohne es wenigstens versucht zu haben. Also wiederholte ich meine Entschuldigung, diesmal etwas lauter. Zum Glück akzeptierte die Lehrerin diesen Versuch. „Wo setzten wir dich jetzt hin, Kleines?“, sie warf einen kurzen Blick auf die Tische hinter mir, „Neben Erik ist noch Platz.“
„Erik, ist das nicht der Typ von der Cafeteria?“, schoss mir noch den Kopf bevor ich mich umdrehte. Suchend ließ ich meinen Blick über die vollbesetzten Tischreihen schweifen. Nein, sie waren tatsächlich nicht absolut voll besetzt. In der letzten Reihe stand noch ein freier Stuhl und am Platz daneben entdeckte ich…

…Erik. Ich war vollkommen in seinem Bann sobald ich ihn sah. Irgendwie übertrieben, doch ich konnte nichts daran ändern. Sein Aussehen war einfach atemberaubend und als er kurz aufblickte und meinen Blick durch seine grauen Augen erwiderte, vergaß ich tatsächlich kurz zu atmen. Aber seine Augen waren auch nicht einfach nur grau. Vielmehr glichen sie tiefen wirbelnden Silberseen. Als er beinahe sofort wieder den Blick abwandte fühlte ich mich endlich fähig, wenn auch mit wackeligen Knien, zu dem in der rechten hinteren Ecke liegenden Tisch zu gehen. Zum Glück beachteten mich die anderen Schüler nicht mehr, denn sie waren damit beschäftig ihre Mathebücher herauszuholen. Ihre Mathebücher! „Verdammt“, dachte ich mir, „Ich hab mein Buch im Spind vergessen!“

Doch ich war schon bei meinem Sitzplatz (und Sitznachbarn) angekommen. Also hoffte ich einfach darauf, dass ich in dieser Stunde noch einmal Glück haben würde. Doch wie erwartet blieb mir nicht einmal diese letzte Demütigung erspart. Kaum hatte ich meine Federschachtel aus meiner türkisen mit kleinen Einhörnern verzierte Schultasche gezogen, hörte ich die unfreundliche Stimme der Lehrerin erneut. „Packt eure Bücher aus damit wir endlich anfangen können“ An dieser Stelle warf mir sie einen giftigen Blick zu, der mich sofort erneut zum Schaudern brachte. Ich überlegte gerade wie ich am unauffälligsten verschwinden könnte (egal wie sehr ich es mir wünschte, ich hatte es noch nie geschafft mich in Luft aufzulösen), als Erik mir unauffällig sein Buch hinüberschob. Als ich ihn dann, durch meine Haarmähne, ungläubig anblickte, lächelte er mich nur an. Sofort war ich wieder in den Bann seiner faszinierenden Augen gezogen. Wenn er lächelte bildeten sich winzige Falten um seine Augen und süße Grübchen um seine Mundwinkel. In dem Moment in dem ich merkte, dass ich seinen Mund anstarrte, drehte er auch schon seinen Kopf weg und beachtete mich und mein tomatenrotes Gesicht nicht mehr. Stattdessen hob er seine Hand und rief: „Mrs. Edison, ich habe mein Buch vergessen.“ Sie bedachte ihn zwar mit einem bösen Blick, der mich auch wenn er nicht auf mich gerichtet war zum Schaudern brachte aber andere Folgen hatte Eriks Meldung nicht.

Immer noch erstaunt schob ich sein Buch in die Mitte des Tisches, damit er auch mitlesen konnte. Als er sich auf meine Seite herüber beugte stieg mir sein Geruch in die Nase. Er war wie erwartet ungewöhnlich herb und erinnerte an Tannenwälder. Auch wenn er so ähnlich roch, wie ich ihn mir vorgestellt hatte, warf mich die Intensität förmlich um. Ich schaffte gerade noch ein gehauchtes „Danke“ hervor zu pressen, bevor ich mich zwang ein wenig von ihm weg zu rutschen und meine Gedanken zu ordnen. „Er kann dich nicht leiden und hat dir das Buch nur aus Mitleid gegeben“, rief ich mir scharf in Erinnerung, „Außerdem spielt ihr überhaupt nicht in der selben Liga! Wie könnte ich auch mit seinem wuscheligen, karamellfarbenen Haar und……STOPP! Er kann dich nicht leiden“, rief ich mir ein wenig schmerzhaft in Erinnerung. Schnell schüttelte ich den Kopf einige Male um ihn zu klären und merkte dabei, dass Erik mich schmunzelnd ansah. Sofort errötete ich, doch dann rief ich mir in Erinnerung, dass er mich nicht leiden konnte und ich ihn auch nicht. Um das deutlich zu machen blaffte ich ihn unfreundlich an: „Was schaust du jetzt so?“ Doch anstatt wie erhofft ebenfalls zu erröten, lächelte er nur wissend und drehte sich wieder zur Lehrerin, die mich gerade böse anglotzte. Wenn Blicke töten könnte wäre ich nicht nur im übertragenen Sinne tausend Tode gestorben seit ich dieses Klassenzimmer betreten hatte.

Während ich versuchte mich auf den Unterricht zu konzentrieren, schaute Erik entweder gelangweilt aus dem Fenster, oder er schmunzelte mich an, als würde etwas an mir ihn belustigen. Plötzlich stiegen mir Tränen in die Augen, war ich wirklich so bemitleidenswert anzusehen? Zum Glück sah er meinen Gesichtsausdruck nicht, da ich meine Haare immer noch wie eine Schutzmauer zwischen uns fallen ließ. Während ich damit beschäftigt war meine Tränen niederzukämpfen und in Gedanken über die Lehrerin und meinen Sitznachbarn zu schimpfen, ließ mich letztgenannter plötzlich in Ruhe. „Hoffentlich hat er nichts durch die Haare gesehen!“, schoss mir durch den Kopf. Aber ich hatte nicht mehr Zeit darüber nachzudenken, denn just in diesem Moment rief die Lehrerin meinen Namen. Als sie mich erwartungsvoll ansah, merkte ich, dass sie eine Frage, die ich nicht gehört hatte, gestellt hatte. Ich war schon wieder den Tränen nahe und hatte wahrscheinlich größere Ähnlichkeiten mit einer Tomate als mit einem Menschen. Ich wollte gerade die beschämende Frage „Können Sie Ihre Frage wiederholen?“, als ich von meiner linken Seite ein leises Zischen hörte. „3,14“, hörte ich tatsächlich, wen auch nur leise geflüstert. Schnell wiederholte ich die Antwort. Und tatsächlich die Lehrerin schaute beinahe enttäuscht als ich die richtige Antwort wusste.

Der Rest der Stunde verlief relativ ereignislos, die Lehrerin fragte mich zwar noch einige Male etwas ab, aber nun konzentrierte ich mich auf den Unterricht. Als endlich dies heißersehnte Klingel läutete, warf ich meine Hefte in meine hellblaue Schultasche. Schnell hielt ich Erik sein Buch hin. Als er danach griff berührten seine langen Finger und er hielt das Buch eine Spur zu lange fest, als das es unbeabsichtigt sein könnte. Schnell schlug ich die Augen nieder und flüchtete aus dem Klassenzimmer.

Schnell lief ich zu meinem Spind, um meine Bücher zu verstauen, bevor die anderen Schüler der High-School den Spindraum belagerten. Ich schlüpfte in meine Sneakers und schnappte mir meinen Mantel, den ich allerdings getrost tragen konnte, da die Sonne aufgetaucht war und jetzt die Kleinstadt in warmes Licht tauchte. Darauf bedacht niemanden in die Augen zu sehen, stürmte ich aus dem Schulgebäude hinaus und blieb erst einige Ecken weiter mit schmerzenden Lungen und rasendem Puls, den ich nicht nur dem selbstmörderischen Sprint zu verdanken hatte, stehen. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, ging ich nachdenklich weiter.

Was wollte Erik? Immer wieder stellte ich mir die Frage doch mir wollte keine Antwort einfallen, egal wie sehr mein Kopf rauchte. Ich war so vertieft in meine Gedankenkreise, dass ich beinahe an unserem neuen Haus vorbei gelaufen wäre. Glücklicherweise wartete meine Mutter bereits auf mich und lehnte sich sogar überschwänglich aus dem Fenster. Zu meinem Glück war zu diesem Zeitpunkt niemand außer einem älteren Herr mit einem kleinem Dackel auf der Straße unterwegs.

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Kommentare (1)

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vor 116 Tagen
Ich finde diese Geschichte sehr schön 👍🏻 Es könnte noch passieren, dass Erik sie irgendwann mal anspricht und sie nach einem Treffen (vielleicht auch zum lernen) fragt. Sie lernen sich besser kennen und irgendwann gibt er ihr einen Kuss auf die Wange und das ist das Ende. Fände ich schön😊 hoffe du schreibst weiter