Springe zu den Kommentaren

Das Echo des Todes

star goldstar goldstar goldstar goldstar greyFemaleMale
3 Kapitel - 8.433 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 1.065 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Erst war es nur eine dumme Wette. Und dann wurde es zu einem Rennen gegen die Zeit. | Ein Streit kann schwere Folgen haben. Dass es bei diesem Streit zwischen Felspfote und Ingwerpfote ausgerechnet so schwere Folgen sind, hatte keiner von beiden erwartet. Und ein Sturm zieht auf… [Genre: Abenteuer, Drama, Angst, Tragödie, Schmerz] //Beitrag zu: https://www.testedich.de/quiz55/quiz/1530977283/Warrior-Cats-forgotten-stories-Teil-2 im Monat Juli//

    1
    Normalerweise war Felspfote nicht nachtragend. Normalerweise wurde er nicht schnell wütend. Normalerweise wusste er, dass es nicht Ingwerpfotes Absicht gewesen war, ihn zu verletzen. Aber dieses Mal war Felspfote einfach nur wütend auf seinen eigentlich besten Freund. Warum war Ingwerpfote nur so ignorant? Warum hatte er nie gemerkt, dass Felspfote über alle freundschaftlichen Neckereien nur schwach lächelte, außer über die Sache mit den Unwettern? Dass Felspfote dann verletzt war und erst nach einem Tag wieder mit Ingwerpfote sprach?
    Nun, dieses Mal dauerte es wohl länger als einen Tag. Genauer gesagt hatte Felspfote schon fast vier Tage lang nicht mehr mit Ingwerpfote geredet, alle Ansprechversuche seines Freundes ignorierend. Erwartete dieser etwa, dass Felspfote es ihm so leicht verzieh, dass Ingwerpfote ihn vor allen anderen Schülern lächerlich gemacht hatte? Dieser egoistische Kater hatte doch gar keine Ahnung, warum Felspfote solche Angst vor Unwettern hatte! Er hatte zwar gefragt, aber Felspfote hatte nie darüber reden wollen. Nicht jeder musste wissen, dass seine Eltern – Streuner – bei einem Unwetter umgekommen waren. Das einzige, was jeder wissen musste: Felspfote war zwar als Waise und als Streunerjunges in den Clan gekommen, aber würde ihn niemals daran hindern, der beste Krieger zu werden, den der WellenClan je gesehen hatte!
    Wütend zog Felspfote seine Krallen über den Stein und starrte aufs Meer hinaus.
    Welches Fuchsherz war eigentlich auf die Idee gekommen, alle Schüler gemeinsam zum Kämpfen zu schicken, wenn der Himmel aussah, als wolle die gleiche Menge Wasser fallen lassen, die das Meer enthielt? Vielleicht Goldglut, den alle für so toll hielten, obwohl er der dümmste Kater im ganzen Clan war, der obendrein offensichtlich etwas gegen ehemalige Streuner wie Felspfote hatten? Warum hatte die Anführerin Taubenhimmel dieses Mäusehirn zu ihrem Stellvertreter gemacht? Weil er immer so tolle Ideen hatte? Ja, wirklich eine tolle Idee, die Schüler im Regen trainieren zu lassen! Auf dass die Schüler sich erkälteten und der Heiler Wieselzahn noch mehr zu tun hatte als ohnehin schon!
    Felspfote schnaubte. Eigentlich beruhigten die Wellen ihn immer, wie sie so eindrucksvoll gegen die Klippen schlugen und das wunderbare Rauschen erzeugten, welches ihm das Gefühl von Heimat gab. Aber heute wünschte er sich, das Meer und der Wind würden Ruhe geben und aufhören, seine Gedanken derart durcheinander zu wirbeln.
    Felspfote hätte eigentlich nichts dagegen gehabt, sich zu erkälten. Na gut, praktisch wäre es nicht, aber die Welt wäre um einiges leichter, wenn das der einzige Grund wäre, warum er Regen nicht ausstehen konnte. Denn dieser Grund hätte nicht genügt, um seine Kampfzüge unpräzise und seinen Kampfgeist in Angst zu verwandeln. Nein, die aufkommenden Erinnerungen hatten das ferne Donnergrollen laut in seinen Ohren hallen lassen und ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, obwohl Sandpfote aufgehört hatte, ihn anzugreifen.
    Felspfote fauchte leise. „Stell dich nicht so an, es sind doch nur ein paar Tropfen Wasser! Du schwimmst doch so gerne, was hast du gegen den Regen?“, äffte er Ingwerpfote nach und das Lachen der anderen Schüler klang in seinen Ohren. Dieser Kommentar war einfach zu viel für ihn gewesen. Ein Knurren grollte in seiner Kehle und wurde immer lauter. Vor beinahe vier Tagen war es passiert und noch immer hatte er diese Szene im Kopf, als wäre es gerade erst geschehen, dass die Schüler ihn auslachten und die Mentoren ihn merkwürdig anstarrten. Wahrscheinlich nannten sogar die Krieger ihn einen Angsthasen, weil er sich vor dem „Geschenk des Himmels“ fürchtete, der vom launischen Himmelsgott persönlich gesendet wurde, wenn dieser gut gestimmt war. Wasser, das Lebenselixier. Das, was alle Pflanzen und Tiere und somit auch Katzen brauchten, um zu leben. Natürlich sah Felspfote ein, dass Wasser wichtig war. Dass Regen eigentlich ungefährlich war, wenn man den Himmelsgott nicht erzürnte. Der Verstand des grauen Katers wusste das, und darüber hinaus glaubte er nicht einmal an die Existenz des Himmelsgottes. Aber Felspfotes Herz fing bei jedem Schauer an zu rasen, seine Atmung überschlug sich, sobald ein Tropfen seinen Körper traf und seine Beine wurden schwächer mit jeder Sekunde, in denen der Himmelsgott angeblich seine Güte zeigte.
    Wütend bleckte Felspfote die Zähne. Warum verstand sein Körper nicht, dass diese Reaktionen alles andere als nützlich waren?
    „Wie lange willst du noch schmollen?“
    Erschrocken wirbelte Felspfote herum und blickte direkt in die gelbgrünen Augen von Ingwerpfote. Wie hatte er den anderen Schüler überhören können? Und wie lange war Ingwerpfote schon hier und beobachtete Felspfote?
    „Ich bin gerade erst gekommen“, miaute Ingwerpfote und beantwortete damit zumindest die zweite Frage. „Du scheinst ja sehr in Gedanken versunken gewesen zu sein, wenn du mich nicht bemerkt hast.“
    Felspfote verengte die Augen. „Was willst du?“
    „Hör mal, ich hab nachgedacht“, begann Ingwerpfote nervös.
    „Ach, du kannst denken? Das wusste ich gar nicht“, miaute Felspfote trocken. „Worüber hast du denn nachgedacht?“ Die Wut, die sich in all den Tagen aufgestaut hatte, in denen er nicht mit Ingwerpfote gesprochen hatte, brodelte in ihm, heißer als je zuvor. „Vielleicht darüber, wie du mich beim nächsten Regen vor allen anderen blamieren willst? Wie du mich beim nächsten Gewitter runtermachen kannst? Wie du mir am besten sagst, dass ich mit dieser Angst nicht dazu tauge, ein richtiger WellenClan-Krieger zu sein? Ob der Himmelsgott wohl wütend auf mich ist und vor meiner Kriegerzeremonie die Wasserkatzen zu Taubenhimmel schickt und ihr mittteilt, dass der HimmelsClan entschieden hat, dass ich wegen meiner Respektlosigkeit verbannt werden soll?“
    „Felspfote, hör mir doch zu“, versuchte Ingwerpfote, seinen Freund zu unterbrechen, aber Felspfote hatte sich zu sehr in Rage geredet, als dass er hätte stoppen und einfach nur zuhören können.
    „Du hast dir wohl schon vorgestellt, dass Taubenhimmel auf die Sternenpelze hört und mich verbannt, am besten noch an einem Regentag! Und dann kannst du mir nachblicken und rufen, dass du Recht hattest! Und dann kann der ganze Clan mir verachtend hinterher rufen, dass ich den Himmelsgott beleidigt hätte!“
    „Felspfote…“, hauchte Ingwerpfote leise, und man konnte hören, dass die Worte seines Freundes ihn gekränkt hatten. „Was denkst du denn von mir?“
    „Naja, sicher nichts Positives, immerhin ist dir ein Haufen toter Katzen, die den Befehlen einer erfundenen Gottheit folgen, wichtiger als die Gefühle deines besten Freundes!“, fauchte Felspfote aggressiv.
    „Erfundene Gottheit? Ein Haufen toter Katzen?“ Jetzt war es an Ingwerpfote, wütend zu sein. „Ich hab dich gesucht und bin schlussendlich hier an die Klippe gekommen, um mit dir zu reden, nachdem du es tagelang nicht getan hast! Du sagst mir doch nie, was durch deinen Kopf geht! Und hier bin ich, will dir sagen, dass ich dich nicht lächerlich machen wollte und mich entschuldigen, dass dich das so getroffen hat, und was machst du?“
    Diese Worte trafen Felspfote mehr, als er zugeben wollte. Dennoch war seine Antwort nicht minder wütend. „Ja, was mach ich denn, hm? Ich sage dir die Wahrheit!“ Herausfordernd blickte er Ingwerpfote an, welcher nun komplett die Fassung verlor.
    „Du schreist mich an, als wolle ich dich die Klippe runterschubsen, beleidigst nicht nur den HimmelsClan sondern auch den Himmelsgott persönlich und leugnest sogar die Existenz des Himmelsgottes, der uns allen das Leben geschenkt hat! Du beschmutzt den ehrenhaften Glauben des WellenClans mit deinen ungläubigen Streunerpfoten, du respektloser Haufen Fuchsdung! Wie kannst du es nur wagen, so über unsere Ahnen zu reden!“
    „Meine Pfoten nicht die Pfoten eines Streuners, sondern die eines WellenClan-Schülers!“, knurrte Felspfote entrüstet. „Ich brauche keinen Glauben an etwas, das nicht existiert, um in die Fußstapfen der anderen Krieger zu treten! Ich werde ein Krieger, und ein besserer als du auf jeden Fall!“
    „Du? Ein Krieger?“ Ingwerpfote schnaubte. „Weißt du, erst war mir deine Herkunft egal, aber nun muss ich Goldglut Recht geben. Ein gottloser Streuner wie du ist es nicht wert, ein Krieger des WellenClans zu sein!“
    Felspfote zuckte zusammen. Er spürte einen Stich in seinem Herzen. Dieser Streit war schnell eskaliert. Erst war es ein Streit über Ingwerpfotes Verhalten gewesen, und nun wusste Ingwerpfote, dass Felspfote nicht an den Himmelsgott glaubte und wollte offensichtlich nicht mehr sein Freund sein.
    Mit Ingwerpfote war er schon durch Dick und Dünn gegangen. Ingwerpfote war immer sein bester Freund gewesen. Er war die erste Clankatze gewesen, die er ins Herz geschlossen hatte, und beide hatten sich ausgemalt, wie sie noch als Älteste Freunde waren und den Jungen Geschichten über ihre Kriegerzeit erzählten. Und mit einem Mal schien die gesamte Freundschaft zerbrochen. Die beiden würden nicht als Freunde in den Ältestenbau ziehen. Felspfote würde wieder als Streuner leben und Ingwerpfote Krieger werden. Nie hätte Felspfote gedacht, dass ein Streit alle seine Träume zerstören würde. Alle seine Träume, die er mit Ingwerpfote zusammen hatte erfüllen wollen. Ingwerpfote… Ingwerpfote hatte alles zerstört. Felspfote schluckte seinen Schmerz herunter. Die Wut auf seinen – ehemals – besten Freund übernahm seinen Verstand. „Ist das so?“ Er erschrak selbst ein wenig darüber, wie kühl und vor allem ruhig seine Worte sich anhörten. „Du? Du willst ein Krieger sein? Mit deinen mickrigen Jagdkünsten und deiner Tollpatschigkeit, die dich auf jeden Stock treten lässt?“ Felspfote spürte, wie sich ein anderer Ton in seine Worte mischte. Es klang nach mehr als nur Wut. Es klang nach Hass.
    Ingwerpfote schien das nicht entgangen zu sein. „Weißt du was?“, schnaubte er, das goldbraune Fell gesträubt. Seine Stimme zitterte bedrohlich, als er fortfuhr. „Ich werde dir beweisen, dass du falsch liegst. Ich werde dir beweisen, dass es den Himmelsgott gibt und dass der HimmelsClan existiert.“ Er holte tief Luft. „Ich gehe in die verbotene Höhle und ich finde den Himmelskristall. Und ich bringe ihn zu dir und zu dem Clan und beweise dir, dass die Wasserkatzen kein Haufen toter Katzen sind, sondern ehrenhafte Sternenpelze, die den richtigen Pfad eingeschlagen haben, anders als du. Und ich beweise dem Clan, dass ich es mehr wert bin als du, ein Krieger zu werden! Und ich werde in die Geschichte eingehen als der Krieger, der den Himmelskristall fand und zum persönlichen Gehilfen des Himmelsgottes wurde!“ Die letzten Worte schrie Ingwerpfote fast.
    Entgeistert wich Felspfote zurück. „Das ist einer deiner schlechten Scherze, oder? Nicht einmal die erfahrensten Krieger haben den Himmelskristall gefunden und Schüler dürfen nicht in die Verbotene Höhle. Das ist… naja, verboten!“
    „Glaubst du, ich weiß das nicht?“, gab Ingwerpfote trocken zurück. „Ich werde das schaffen, mit dem Himmelsgott an meiner Seite. Und mir ist es egal, dass es verboten ist, denn es wird sowieso niemanden mehr kümmern, wenn ich als Held gefeiert werde und du zugeben musst, dass ich Recht hatte und wieder mein Freund sein willst!“ Mit einem wütenden Fauchen wirbelte Ingwerpfote herum und sprintete zum Rand der Klippen. Vorsichtig, aber dennoch offensichtlich wütend, betrat er den schmalen Pfad, der die Bucht hinunter führte. Den gefährlichen Weg zur Verbotenen Höhle, welchen man eigentlich unter keinen Umständen alleine betreten sollte.
    „Er zieht das wirklich durch“, murmelte Felspfote zu sich selbst, als er angespannt über den Rand der Klippe sah und einen nervösen, aber entschlossenen, goldbraunen Kater dabei beobachte, wie er geschickt und hastig zugleich den Pfad hinunterstieg. Felspfote hielt die Luft an. In diesem Tempo war Ingwerpfote schnell beim Eingang der Verbotenen Höhle angelangt. „Er zieht das wirklich durch“, wiederholte Felspfote mit zusammengebissenen Zähnen und sog scharf die Luft ein, als schlussendlich auch der geringelte Schwanz des anderen Schülers im Dunkel der Höhle verschwand. Einige Herzschläge vergingen, aber Ingwerpfote kam nicht zurück.
    Felspfote richtete sich auf und taumelte nervös ein paar Schritte nach hinten. Jedes Junge wusste, dass der Pfad gefährlich und die Höhle wie ein Labyrinth war. Ihm wurde oft genug eingeschärft, niemals die Verbotene Höhle zu betreten.
    Aber jedes Junge hatte nicht nur über die Gefahr und die vielen Todesopfer oder Verschwundenen gehört, die die Verbotene Höhle und der Pfad zu ihr zu verschulden hatten, sondern auch von der Legende über den Himmelskristall, den der Himmelsgott einst in der Höhle versteckt hatte. Wer besagten Kristall fand, würde angeblich unbesiegbar werden und zum persönlichen Gehilfen des Himmelsgottes aufsteigen, als ein unsterblicher Krieger, der die Erde sein Heim nannte, aber dennoch Sterne im Pelz hatte. Natürlich war die Höhle schon von vielen Generationen unzählige Male abgesucht worden, aber noch nie wurde der Himmelskristall gefunden. Und Ingwerpfote wollte der erste und einzige sein, der es tat.
    Felspfote erinnerte sich, dass ein Ältester namens Narbenpelz ihm erzählt hatte, dass die Höhle bei Sturm zum gefährlichsten Ort der Umgebung wurde, weil die Wellen stärker wurden und das Meer die Höhle innerhalb kürzester Zeit fluten konnte. Noch ein guter Grund, den Zugang zu dieser Höhle zu verbieten.
    Eine starke Briese zerzauste Felspfotes Haar, während er mit leerem Blick zum Horizont starrte. Noch vor vier Tagen war sein Leben ganz in Ordnung gewesen. Er hatte Ingwerpfote an seiner Seite gehabt und niemand hatte gewusst, dass er nie an den Himmelsgott geglaubt hatte. Etwas, für das manche Katzen, so wie Goldglut, ihn aus dem Clan werfen würden. Aber Felspfote hätte nie gedacht, dass auch Ingwerpfote seine Ahnen und den Himmelsgott so sehr verehrte, dass er ihm die Freundschaft kündigte. Natürlich war das nicht der einzige Grund und eigentlich hatte Ingwerpfote die Worte auch nicht ausgesprochen. Aber Felspfote spürte, dass etwas zwischen den beiden zerbrochen war.
    Seine Augen tränten nun, einerseits, weil ihm die kräftige, nach salz riechende Meeresbriese in die braunen Seelenspiegel schlug, andererseits, weil er nicht wusste, wie er den Schmerz über den Verlust seines so ziemlich einzigen Freundes verarbeiten sollte. Felspfote war eher ein Einzelgänger und als Junges zweier Streuner nie wirklich beliebt gewesen. Sein Herz schlug wieder viel zu schnell. Ingwerpfote würde allen von seinen schlechten Worten über den Himmelsgott berichten und Felspfote würde verbannt werden. Er würde wieder allein sein. Ganz allein.
    Die Sicht des Schülers verschwamm, teils wegen den Tränen, teils, weil sein Herz so schnell raste, dass er glaubte, es würde gleich stehenbleiben. Seine Beine gaben nach und dumpf prallte Felspfote auf den steinigen Boden. Zitternd gab er sich der Angst, Trauer und Verzweiflung hin, die seinen Körper beherrschten.
    Auf einmal holte ihn ein lautes Donnergrollen in die Wirklichkeit zurück. Sein verschleierter Blick richtete sich gen Himmel, und was er sah, tröstete ihn nicht gerade. Schwere, dunkle Wolkentürme brauten sich am Himmel zusammen. Es würde jede Sekunde beginnen, zu regnen.
    Ein erneutes, noch lauteres Donnergrollen ließ Felspfote erneut zusammenzucken. Ängstlich richtete der graue Kater sich auf, wurde von einer heftigen Windböe aber fast direkt wieder umgeworfen. Er legte die Ohren an und sah sich panisch um, als er plötzlich realisierte, was das zu bedeuten hatte. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu und seine Atmung überschlug sich. Der immer stärker werdende Wind trug seine Worte davon und das nächste Donnergrollen übertönte sie. Felspfote schrie, so laut wie er noch nie geschrien hatte, panischer denn je, doch auch diese Worte wurden vom Wind verschluckt, kaum, dass sie seinen Mund verlassen hatten. Felspfotes Herz raste. Ein greller Blitz zuckte über den Himmel, während Felspfote, sich gegen den Wind stemmend, am Rand der Klippe stand.
    „KOMM ZURÜCK! INGWERPFOTE!“

    2
    Mit wild pochendem Herzen wagte Felspfote einen Blick über den Rand der Klippe und schnappte sogleich hörbar nach Luft. Die Wellen wurden mit jedem Herzschlag gewaltiger und mit Entsetzen bemerkte der graue Kater, dass sie kurz davor waren, die Verbotene Höhle zu erreichen. Würde er es zurück zum Lager schaffen, bevor die Höhle überflutet wurde?
    Schwer atmend drehte Felspfote sich um und blickte in Richtung des Lagers. Nein, das war viel zu weit entfernt und er war nicht der beste Sprinter, besonders bei Sturm, wenn er seine Atmung nicht unter Kontrolle hatte.
    Nervös lief er auf und ab, hin und hergerissen. Ingwerpfote hatte sich das selbst eingebrockt und sollte sich auch selbst retten. Andererseits flüsterte eine leise Stimme in seinem Kopf, dass auch Felspfote Mitschuld hatte. Seine Wut war zuerst außer Kontrolle geraten und er hatte Ingwerpfotes Versöhnungsversuche ignoriert.
    Er holte tief Luft und versuchte, den Regen zu ignorieren, der zwar gerade erst begonnen hatte, aber bereits den kompletten Boden nass und rutschig gemacht hatte.
    Er hatte Ingwerpfote nicht verziehen und er spürte noch immer Wut auf den goldbraunen Kater, aber trotzdem machte er sich Sorgen und wünschte sich, der Streit hätte nie stattgefunden.
    Felspfote fasste einen Entschluss. Ingwerpfote war sein Freund. Streit hin oder her. Und er würde Ingwerpfote nicht im Stich lassen!
    Ein wenig bereute er diesen Gedankengang, als er den Pfad zur Verbotenen Höhle betrat und fast sofort ausrutschte. Selbst mit ausgefahrenen Krallen fand er kaum Halt auf dem nassen Stein. Das einzig positive an dem Sturm war wohl, dass der Wind Felspfote an die Wand presste und somit verhinderte, dass er hinunterfiel.
    Mittlerweile war Felspfotes Pelz komplett durchnässt und er zitterte wie Espenlaub. Selten hatte er so gefroren. Im Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als in seinem warmen Nest im Schülerbau zu sitzen und sich eine von Ingwerpfotes lustigen Geschichten anzuhören, während man vom Sturm nur die schweren Regentropfen, die auf das Dach prasselten, mitbekam.
    Aber so war es nicht. Es war alles andere als gemütlich und Ingwerpfote schien tausende Fuchslängen weit entfernt, obwohl Felspfote bereits die Hälfte des Pfades geschafft hatte. Er hatte sich noch nie so weit von Ingwerpfote entfernt gefühlt.
    Der Schüler kniff die Augen zusammen und drückte sich gegen die Wand, seine Schritte wurden etwas langsamer. Er musste vorsichtiger sein. Fast wäre er erneut ausgerutscht, was, dem immer schmäler werdenden Pfad nach zu urteilen, dieses Mal fatale Folgen gehabt hätte.
    Der Wind peitschte ihm Regen ins Gesicht, dennoch lief Felspfote stur weiter. Er wagte es nicht, in die Tiefen zu seiner Rechten zu blicken, aus Angst, dass in diesem Moment eine Monsterwelle kommen könnte und ihn mit sich nach unten reißen würde. Bei Ingwerpfote hatte der Abstieg so leicht ausgesehen!
    Nun, Ingwerpfote war ja auch nicht zur Verbotenen Höhle gelaufen, während neben ihm die Welt unterging. Felspfotes Mundwinkel zuckten. Diese zynische Formulierung hätte durchaus von Ingwerpfote persönlich stammen können, würde dieser nicht den Himmelsgott so sehr verehren.
    „Autsch!“, fauchte Felspfote leise und hob schnell seine linke Vorderpfote, mit der er auf einen besonders spitzen Stein getreten war. Blut quoll aus seinem Pfotenballen hervor, aber jetzt hatte er keine Zeit und auch nicht das Gleichgewicht, lange auf drei Beinen herumzustehen und sich seine Wunde zu lecken.
    Gerade noch rechtzeitig setzte er seine Pfote auf den Boden, um zu verhindern, dass er vornüber fiel. Der Pfad war steiler geworden und Felspfote erinnerte sich, dass das ein Zeichen dafür war, dass er beinahe sein Ziel erreicht hatte. Viele Geschichten berichteten von dem gefährlichsten Pfad des Abstiegs.
    Felspfote nahm einen tiefen Atemzug und versuchte, die Höhle ausfindig zu machen, aber der Regen war mittlerweile so dicht, dass er kaum noch etwas sehen konnte.
    Vorsichtig mache er noch einen Schritt und rutschte aus. Mit einem Aufschrei verlor er den Halt und viel vornüber. Er bekam nicht mehr mit, außer, dass ihm langsam sehr schwindelig wurde. Deshalb vermutete er, gerade in einer Mischung aus Rutschen und Rollen den letzten Teil des Pfades, welcher glücklicherweise etwas breiter geworden war, herunterzufallen.
    Das war wohl die schnellste Methode, nach unten zu gelangen. Felspfote konnte ein bitteres Grinsen nicht verhindern, welches ihm aber sogleich aus dem Gesicht gewischt wurde. Schmerzfrei war diese Methode jedenfalls nicht. Und wohl auch das Gegenteil von sicher.
    Angestrengt versuchte Felspfote, sein Rutschen zu stoppen und schaffte es, in eine halbwegs aufrechte Lage zu gelangen, allerdings falsch herum. Er sah nicht, wohin er überhaupt rutschte. Seine Pfotenballen würden ihm auch nicht gerade hierfür danken, da war er sich sicher.
    Er fuhr seine Krallen aus, um zu stoppen, was nur bedingt funktionierte. Ein wenig langsamer wurde er zwar, aber seine Pfoten schmerzten nun noch mehr als ohnehin schon. Warum war der Weg für Ingwerpfote so kurz gewesen? Felspfote kam es bereits wie eine halbe Ewigkeit vor.
    Fast wäre sein Herz stehengeblieben, als der Boden unter seinen Hinterpfoten nachgab. Geistesgegenwärtig sprang Felspfote nach vorn und holte mehrmals tief Luft, bevor er es wagte, hinter sich zu sehen. Gerade fielen die Steine, die sich eben gelöst hatten, in den gähnenden Abgrund. Felspfote konnte nicht erkennen, ob sie noch immer fielen oder bereits im Meer gelandet waren.
    Nach Luft schnappend drehte er sich wieder um. Er stand auf einer Art winzigen Plattform, vor ihm der steilste Teil des Pfades und direkt neben ihm der Eingang. Der Eingang zur Verbotenen Höhle. Felspfotes Schweif zuckte nervös. Er steckte seinen Kopf in den Eingang und rief nach Ingwerpfote, aber die Worte verloren sich im lauten Donnern. Das Gewitter musste nun fast über ihm sein. Er schluckte. Sollte er wirklich die Höhle betreten?
    Die Gezeiten nahmen ihm diese Entscheidung ab. Er hatte sich kaum von dem Schock von seinem Fast-Sturz erholt, da kam auch schon der nächste Schock. Mit einer enormen Wucht klatschte eine riesige Welle gegen die Plattform und die Wassermassen schubsten Felspfote unsanft in die Höhle. Er schrie erschrocken auf und schluckte dabei eine Menge Wasser. Hustend und keuchend rappelte er sich auf und schüttelte sich.
    Viel konnte er nicht sehen, aber was er spürte, gefiel ihm nicht. Vor ihm war ein Hang, der weiter nach unten führte. Erneut nahm eine Welle ihm die Entscheidung ab, ob er weiter in die Höhle hineingehen sollte. In weiser Voraussicht ließ Felspfote den Mund geschlossen, während er gar nicht erst versuchte, sich gegen die gewaltigen Wassermassen zu stemmen.
    Das Wasser drückte ihn über den Rand und schon spürte Felspfote keinen Boden mehr unter seinen Pfoten. Mit einem lautem Platschen wurde seine Reise beendet. Das Wasser am Boden fing ihn ab und machte den Aufprall ein wenig erträglicher – Moment, das Wasser am Boden?
    Er rappelte sich auf und merkte mit Entsetzen, dass er beinahe komplett im Wasser stand. Wie tief war er gefallen? Wie tief war der Grund dieser Höhle?
    Angst durchströmte ihn. Mühsam watete er durch das Wasser. Diese Höhle hatte etwas Unheimliches an sich. Es war nicht die Tatsache, dass Felspfote nur ein paar Schimmer des Wassers sehen konnte und sonst nichts. Es war die Tatsache, dass sich das Rauschen des Wassers mit dem Donnergrollen vermischte und er sich so einbildete, die Schreie von Katzen zu hören. Hoffentlich war es auch wirklich nur Einbildung.
    „Ingwerpfote? Bist du hier?“, rief Felspfote hoffnungsvoll. Es war, als hätte der Boden der Höhle nur auf diese Unaufmerksamkeit gewartet. Der Boden verschwand unter seinen Pfoten und Felspfote tauchte unter, wodurch der zweite Ruf nach Ingwerpfote zu einem Blubbern wurde.
    Heftig strampelte Felspfote mit den Beinen und dankte im Stillen seiner strengen Mentorin Möwenschrei, dass sie ihn beim Schwimmtraining einfach ins Wasser geschubst hatte, um ihm gar keine Zeit für Angst zu lassen, und dann solange mit ihm trainiert hatte, dass er nun einer der besten Schwimmer des Clans war. So bereitete es ihm kaum ein Problem, zurück an die Wasseroberfläche zu kommen. Erleichtert atmete er die stickige Höhlenluft ein. Ob hier schon alles überflutet gewesen war, als Ingwerpfote die Höhle durchquert hatte? Hoffentlich nicht. Ingwerpfote kannte zwar die Grundlagen, war aber nie ein begeisterter oder ausdauernder Schwimmer gewesen.
    Mit gleichmäßigen Schwimmzügen setzte er also seinen Weg fort. Jetzt spürte er es noch mehr als zuvor, wenn eine Welle ihren Weg in die Höhle fand und das Wasser durcheinanderwirbelte. Das Wasser war unruhig und es viel ihm stellenweise schwer, sich an der Oberfläche zu halten. Wo war nur Ingwerpfote? Sollte er noch einmal rufen? Schaden konnte es wohl nicht.
    „Ingwerpfote?“, probierte er es. Seine Worte hallten in der Höhle wieder.
    „Felspfote?“
    Erstaunt riss Felspfote die Augen auf, bevor ihm bewusst wurde, dass er sicherlich einfach nur sein Echo gehört und es automatisch anders wahrgenommen hatte, weil er so sehr auf eine Antwort hoffte.
    Eine weitere Welle und ein dumpfer, ferner Donnerschlag lenkten ihn ab. Prompt stieß er sich den Kopf an der Decke und fluchte. Wie groß war denn bitte diese bescheuerte Höhle?
    Erst, als der dumpfe Schmerz in seinem Kopf etwas nachgelassen hatte und Felspfote sich dafür erneut den Kopf stieß, realisierte er, dass er hier so nicht weiterkam. War die Decke tiefer geworden oder das Wasser gestiegen? Vermutlich beides, und das war gar nicht gut. Langsam dämmerte ihm, was genau Narbenpelz gemeint hatte. Weil die Höhle so tief abfiel, sammelte sich hier bei jedem Sturm das Wasser, welches die Wellen in die Höhle brachten. Und es konnte nicht wieder ablaufen. Die Höhle wurde überflutet und wer auch immer sich in ihr befand, würde ertrinken. Ganz einfach ertrinken, selbst mit den besten Schwimmkünsten. Irgendwann war überall Wasser und kein Platz mehr, um zu atmen.
    Das hieß, das Ingwerpfote ertrinken würde! Felspfote musste so schnell wie möglich zu ihm und ihn warnen, ihn retten, bevor es zu spät war!
    Er holte tief Luft und tauchte ab. Mit der Schwanzspitze tastete er sich an der Decke entlang, darauf hoffend, dass er gleich auf Ingwerpfote stoßen würde. Je weiter er jedoch tauchte, desto mehr wandelte die Hoffnung sich in Panik. Nicht nur Ingwerpfote würde ertrinken, nein, wenn die Decke nicht bald weiter nach oben gehen würde, damit Felspfote Luft schnappen könnte, würde auch er ertrinken.
    Auf seiner Zunge schmeckte der graue Kater das Salzwasser. Sein nasses Fell zog ihn in die Tiefe, seine Schwimmzüge wurden kräftiger und verbrauchten mehr Luft. Langsam wurde ihm schwindelig und er schloss die Augen. Jetzt würde er also sterben.
    Aber er wollte nicht sterben! Er wollte atmen, aber hier war kein Sauerstoff! Hier war nur salziges, wildes, dunkles Wasser, und er meinte, einen Schrei über ihm zu vernehmen. War das der Tod, der nach ihm rief? Oh, er wollte doch nur einen Atemzug nehmen… Aber er würde ertrinken…
    Er sah nicht mehr, er fühlte nichts mehr. Seine Welt bestand nur aus Leere und Dunkelheit. Aber irgendwo spürte er doch etwas. Ein Kribbeln lief durch seinen Körper, und dann spürte er, wie jemand heftig auf seine Brust schlug. Und er hörte, wie jemand seinen Namen rief. Ob das die Wasserkatzen waren?
    „Felspfote! Wach auf, du Fischhirn!“, heulte die Stimme verzweifelt, und mit einem Mal erkannte Felspfote, dass es sich um Ingwerpfote handelte. Ingwerpfote. Ingwerpfote lebte! Oder war Ingwerpfote auch ein Sternenpelz?
    Ein Husten schüttelte Felspfote und Ingwerpfote verstummte. Er konnte den goldbraunen Kater zwar nicht sehen, aber spürte dessen kalten, nassen Pelz neben ihm. Hustend hob er den Kopf und spuckte Salzwasser auf den Boden, während neben ihm Ingwerpfotes rasselnder Atmen immer wieder ängstlich stockte.
    „Wie geht es dir?“, fragte er schließlich, als Felspfote fertig war, Wasser zu erbrechen und nur noch schwach hustete.
    „Den Umständen entsprechen“, murmelte er als Antwort. „Ich fühl mich wie ein toter, faulender Fisch in einer Schlammpfütze.“
    „Woher weißt du denn, wie sich so ein Fisch fühlt?“, fragte Ingwerpfote und sein Freund konnte sich vorstellen, wie seine Augen schelmisch funkelten.
    Zitternd drückte Felspfote sich an ihn. „Ich bin so froh, dich gefunden zu haben. Es tut mir so leid, was passiert ist…“
    „Felspfote, wir haben keine Zeit für Entschuldigungen“, miaute Ingwerpfote nervös. „Ich spüre das Wasser schon an meinen Pfoten.“
    „Wo sind wir hier eigentlich?“
    „Ich vermutete, das ist ein Felsvorsprung. Jedenfalls war er meine Rettung. Aber ich fürchte, lange wird er das nicht mehr sein. Und er sich außerdem zu klein für uns beide. Wir müssen hier irgendwie raus…“
    Felspfote nickte, bevor er merkte, dass Ingwerpfote das nicht sehen konnte. Es hatte etwas tröstliches an sich, wie er so dicht an seinen besten Freund gedrückt auf einem Felsvorsprung saß. Es ließ ihn beinahe vergessen, in welch misslicher Lage die beiden sich befanden. Aber auch an seine Pfoten kam das Wasser und so sehr er sich wünschte, auf ewig an Ingwerpfote gekuschelt hier in der Dunkelheit zu sitzen, den Geruch des Meersalz in der Nase und den Atem des anderen Schülers in den Ohren, wusste er, dass Ingwerpfote Recht hatte. „Wir müssen tauchen“, sagte Felspfote langsam. Es fiel ihm schwer, auch nur daran zu denken, noch einmal so lange unter Wasser zu bleiben, dass er fast ertrank, aber es war die einzige Möglichkeit.
    „Aber…“ Ingwerpfotes Stimme zitterte und er drückte sich ein wenig fester an den anderen Schüler. „Wir werden ertrinken!“
    „Wir können hier bleiben und warten, bis wir ertrinken, oder wir tauchen. Entweder wir ertrinken dabei oder wir schaffen es!“ Diese Worte klangen mutiger, als Felspfote sich fühlte. In Wahrheit bebte auch er vor Angst.
    „Ich… Okay…“, flüsterte Ingwerpfote.
    „Also, ich gebe die Richtung an und du tauchst neben mir“, fasste Felspfote hastig seinen Plan zusammen, da das Wasser bereits auf Brusthöhe gestiegen war.
    „Verstanden.“
    „Auf drei tauchen wir. Eins. Zwei-“
    „Ich habe Angst“, flüsterte Ingwerpfote.
    „Ich auch. Drei!“
    So kräftig er es vermochte, stieß Felspfote sich von dem Stein unter ihm ab und tauchte unter. Neben ihm tat Ingwerpfote es ihm gleich. Felspfote spürte seinen Pelz dicht an seinem eigenen und die Bewegungen im Wasser neben ihm.
    Felspfote wusste nicht, ob er in die richtige Richtung schwamm oder weiter in die Höhle hinein. Was zählte, war nur der Versuch, zu entkommen. Aber er vermutete, dass es die richtige Richtung war, denn er musste gegen die Wellen anschwimmen. Es war so sehr viel schwieriger, voranzukommen, und seine Luftreserven wurden schon nach kurzer Zeit knapp. Wie es Ingwerpfote neben ihm wohl ging? Hoffentlich würden er es durchhalten. Hoffentlich würden beide es nach draußen schaffen.
    Entschlossen schwamm Felspfote weiter. Ihm war schwindelig und er hatte keine Luft mehr, aber er würde das schaffen. Ganz sicher. Er neigte hoffnungsvoll den Kopf nach oben und sein Herz machte einen Hüpfer, als er Luft und kalten Stein an seiner Nase spürte. Es war nicht viel Platz zum Atmen, aber dennoch war er unfassbar erleichtert. „Wir haben es fast geschafft“, keuchte er an Ingwerpfote gewandt. Aber er bekam keine Antwort.
    Panik stieg in ihm auf. „Ingwerpfote? Ingwerpfote!“, rief er, entsetzt nach Luft schnappend. Der andere Schüler musste bewusstlos geworden sein!
    Die Angst gab Felspfote neue Kraft, als er wieder untertauchte und blind mit den Vorderpfoten nach Ingwerpfotes Körper tastete. Wo war er? War er bewusstlos? Oder gar tot?
    Felspfotes Herz raste. Er tauchte immer tiefer, aber noch immer fand er nichts. Langsam ging ihm auch die Luft aus. In seinem Kopf dröhnte es und der Druck wurde schlimmer, je tiefer er tauchte, aber er musste Ingwerpfote finden!
    Endlich berührten seine Pfotenballen etwas Festes. Etwas Weiches. Erleichtert schloss Felspfote die Augen. Ingwerpfotes Pelz!
    Hoffnung flammte in Felspfote auf und gab ihm die Kraft, Ingwerpfote zu packen und nach oben zu ziehen. Wie er das geschafft hatte, wusste er selbst nicht wirklich, aber das war ihm egal, als er endlich wieder Sauerstoff spürte. Der Raum zwischen Wasser und Decke war noch kleiner geworden, und Felspfote nahm hastig ein paar tiefe Atemzüge. Ingwerpfote musste so schnell wie möglich nach draußen, weshalb Felspfote wieder abtauchte. Er schwamm langsam. Es war ein wahrer Kraftakt, zugleich die Luft anzuhalten, gegen die Wellen zu schwimmen und Ingwerpfotes schlaffen Körper zu tragen.
    Zum Glück konnte er im vorderen Teil der Höhle ab und zu Luft schnappen und manchmal sogar mehrere Fuchslängen über Wasser bleiben, aber mittlerweile war nicht der Luftmangel das größte Problem, sondern die Kraft, welche Felspfote langsam aber stetig verließ.
    Wann kam denn endlich der Ausgang dieser verdammten Höhle?
    Felspfote tauchte auf und sah sich mit offenen Augen um. Vor ihm flutete ein grelles Licht für Sekundenbruchteile die Höhle. Ein Blitz? Also war er fast draußen!
    Felspfote verfestigte seinen Griff und schwamm schneller, flach atmend, bis die Decke ihn dazu zwang, wieder unterzutauchen. Eine Welle schob ihn wieder zurück, aber Felspfote ließ sich nicht beirren. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seit er den Pfad zur Verbotenen Höhle betreten hatte, aber der Sturm schien ein wenig abgeklungen zu sein. Ihm fiel es mittlerweile leichter, gegen die Wellen anzuschwimmen.
    Kurz spürte er sogar Boden unter seinen Pfoten! Er legte die Ohren an und nahm all seine Kraft zusammen. Bloß raus aus dieser Höhle!
    Er konnte wieder auftauchen und Luft schnappen. Gleich, gleich war er da! Gleich konnte er wieder normal stehen, gleich würde er wieder etwas sehen können, gleich würde er endlich den Wind wieder fühlen!
    Felspfote konnte stehen. Er war am Eingang. Kraftlos watete er durch das Wasser und zog Ingwerpfote mit sich. Um zu verhindern, dass eine Welle beide erneut in die Höhle beförderte, bog er direkt nach dem Eingang um die Ecke und lehnte sich keuchend gegen die Wand, bevor er Ingwerpfote zu sich zog.
    „Wir haben es geschafft…“, seufzte er leise und betrachte den goldbraunen Schüler, bevor er energisch dessen Fell putzte.
    Langsam regte Ingwerpfote sich. „Felspfote?“, hustete er schwach. „Du hast es geschafft…“
    „Nein, nein, wir haben es geschafft“, miaute Felspfote beruhigend.
    „Ich habe den Himmelskristall nicht gefunden“, krächzte Ingwerpfote leise.
    Sanft schüttelte der Graue den Kopf. „Das ist egal. Du lebst.“
    Ein schmerzvoller Ausdruck trat in Ingwerpfotes halbgeöffnete Augen. „Ich… ich glaube… Felspfote…“
    Entsetzt riss Felspfote die Augen auf. „Was? Nein! Du darfst mich nicht verlassen!“ Ingwerpfote meinte doch nicht etwa…!
    „Ich muss…“, hauchte der Goldbraune traurig. „Aber… Zuvor… Eine Frage…“
    „Frag nur, frag nur“, sagte Felspfote hastig und mit rasendem Herzen. Der Donner, der Sturm, der Regen und die Blitze, all das war gerade egal, es zählte nur Ingwerpfote.
    „Freunde?“, hauchte dieser, beinahe lautlos.
    Tränen stiegen Felspfote in die Augen, als er nickte. „Freunde“, antwortete er mit erstickter Stimme.
    Ein Lächeln schlich sich auf Ingwerpfotes Gesicht, bevor ihm wieder die Augen zufielen und seine Atmung verstummte.
    Felspfote schluchzte auf und sank zitternd vor Schmerz auf den Boden. „Nein! Bitte nicht! Ingwerpfote!“

    3
    „Ingwerpfote…“ Felspfotes Stimme war kaum mehr als ein leises Flüstern. Von Schluchzern geschüttelt vergrub er seine Nase in dem Fell seines besten Freundes. Es war kalt und nass, und je länger er in dieser Haltung blieb, desto mehr bemerkte er den Gestank von Tod.
    Ingwerpfote war tot. Er würde Felspfote nie wieder aufheitern. Ihn nie wieder aufziehen. Nie wieder mit ihm streiten. Nie wieder mit ihm lachen. Aber Felspfote wünschte sich, er würde wenigstens mit ihm weinen.
    Doch das tat er nicht. Felspfote war allein. So allein, wie er gewesen war, als seine Eltern starben. So allein, wie er sich nach jedem Streit mit seinem besten und so ziemlich einzigen Freund gefühlt hatte. So allein, wie er es noch nie gewesen war.
    Zitternd sog er Ingwerpfotes Geruch ein. Er wollte diesen Geruch für immer in Erinnerung behalten und nie wieder vergessen. Und eigentlich würde er am liebsten so lange bei Ingwerpfote bleiben, bis der Tod auch zu Felspfote kam und ihn mitnahm, wohin auch immer. Wo auch immer Ingwerpfote jetzt sein mochte. Felspfote würde alles geben, jetzt bei ihm zu sein. Sogar sein Leben.
    Unruhig zuckte er mit dem Schweif. Warum auch nicht? Warum sollte er noch leben, wenn es keinen Freund mehr gab, für den es sich zu leben lohnte?
    Er schnappte nach Luft. Nein, so durfte er jetzt nicht denken!
    Schwankend richtete Felspfote sich auf. Der Sturm war zwar schwächer geworden, doch trotzdem musste er sich etwas gegen den Wind stemmen. Wenigstens konnten die Wellen ihn nicht mehr erreichen.
    Verunsichert sah er aufs Meer hinaus. „Die Toten gehören dem Wasser“, hauchte Felspfote. Das hatte man ihm oft gesagt. Es waren die Worte der Totenzeremonie im WellenClan. Wenn jemand starb, wurde sein toter Körper dem Meer geschenkt, damit dieses die Seele des Toten zum HimmelsClan brachte.
    „Ingwerpfote war ein WellenClan-Kater. Er ist dort geboren worden, dort Schüler geworden, und wäre der beste Krieger in der Clangeschichte geworden. Er glaubte an den Himmelsgott und verehrte seine Ahnen“, setzte Felspfote leise an. Die Worte kamen von selbst, wirbelten durch sein Gehirn und ließen sich nur schwer sortieren. Trotzdem schaffte Felspfote es, sie zu sinnvollen Sätzen zu verknüpfen, obgleich er dabei zitterte, als wäre es bittere Blattleere. Das war vielleicht einer der Gründe, warum seine Worte nur stockend kamen. „Durch seine Adern floss das Blut eines Helden. Das Wasser gab ihm das Leben und das Wasser nahm ihm das Leben. Niemand hätte je ein besserer Freund für mich sein können. Also schenke ich dem Meer seinen Körper, mit dem Wunsch, dass es seine Seele befreit, und in der Hoffnung, dass sie den richtigen Weg zum Himmelsgott finden möge.“ Felspfote blinzelte heftig. Es fiel ihm schwer, sich vom Meer abzuwenden und einen Blick auf Ingwerpfotes Körper zu wagen.
    Nie hatte er diese Art der Totenzeremonie wirklich als respektvoll empfunden. Nie hatte er verstanden, warum es respektvoll war, einen Toten ins Meer zu werfen. Aber er wusste, dass Ingwerpfote es so gewollt hätte.
    Eine Art Ehrfurcht hatte ihn beim Reden erfüllt, und nun mischte sich Angst vor dem hinzu, was er nun tun musste.
    Nervös beugte sich Felspfote zu dem leblosen Körper hinunter und packte ihn am Nackenfell. Er keuchte leise, während er ihn an den Rand des Felsens zog. Vorsichtig legte er den Körper ab und betrachte ihn mit brennenden Augen.
    Ingwerpfote hätte als Ältester oder als Krieger sterben sollen, nicht als Schüler. Und Felspfote wusste, dass es seine Schuld war. Er hätte Ingwerpfote aufhalten müssen, oder ihm einfach schon vorher verzeihen sollen, oder am besten seine dumme Angst vor Regen verlieren sollen!
    Ein bitteres Fauchen entwich dem grauen Schüler. Es war ungerecht. Schrecklich ungerecht, dass Ingwerpfote dort lag, nicht Felsenpfote. Dass er nun Ingwerpfote ins Wasser werfen würde, nicht anders herum.
    Ja, er musste ihn jetzt ins Wasser werfen. Felspfote zögerte. Er wollte das nicht. Er wollte noch so viel sagen, er wollte sagen, wie viel Ingwerpfote ihm bedeutete, warum er Regen nicht mochte, warum er ihm nie alles erzählt hatte - aber kein Wort kam aus seinem Mund. Und Ingwerpfote hätte ihn doch sowieso nicht gehört.
    Bedächtig hob er seine linke Vorderpfote und legte sie auf Ingwerpfotes Körper. Der pochende Schmerz in seiner Wunde war nichts gegen den stechenden Schmerz in seinem Herzen. Nun würde er Ingwerpfote nie wieder sehen und hatte sich noch nicht einmal richtig verabschieden können. Die Wege trennten sich hier.
    „Ich zähle bis drei“, flüsterte Felspfote mit rauer Stimme. „Dann schenke ich dich dem Meer.“ Nervös nickend holte er Luft.
    „Eins.“ Er schluckte. „Zwei.“ Fahrig strich er mit seiner Pfote über den kalten, nassen Pelz. „Mach’s gut“, murmelte Felspfote mit erstickter Stimme und neigte den Kopf als Abschiedsgruß. „Ich hoffe, das Meer nimmt dich an.“ Zitternd holte er Luft. „Drei.“
    Mit diesen Worten drehte er den Kopf zur Seite und stieß Ingwerpfote in den Abgrund. Er wollte ihm nicht nachsehen. Er wollte nicht sehen, wie die Leiche im Wasser versank. Am liebsten wollte er Ingwerpfote doch noch auffangen und wieder nach oben ziehen. Aber dafür war es jetzt zu spät.
    Fest kniff Felspfote die Augen zu und hob den Kopf, um einmal tief Luft zu holen.
    Dann öffnete er sie wieder und sah mit leerem Blick zum Horizont. Ingwerpfote war tot und Felspfote lebte. Ingwerpfote war weg und Felspfote war hier. Ingwerpfote war frei und Felspfote… Felspfote war allein.
    Langsam bewegte er seine linke Pfote nach unten und setzte sie dann am Rand des Felsvorsprungs ab. Unruhig fuhr er seine Krallen ein und aus.
    Wenn er jetzt auch sprang… Wenn er jetzt auch sprang, dann würde er vielleicht bei Ingwerpfote sein. Dann würde er nicht dem Clan Bericht erstatten müssen. Dann wäre auch er frei.
    Dann wäre es nur noch halb so ungerecht. Dann wäre sein Schmerz nur noch halb so stark.
    Vielleicht würde er so ihre Wege wieder zusammenführen.
    Zitternd holte Felspfote Luft und schloss die Augen. Er konnte nicht springen. Sein Körper weigerte sich. Wer sollte sonst Ingwerpfotes Geschichte erzählen? Wer sollte sonst irgendwann als Ältester die Schüler über die Gefahren der Verbotenen Höhle aufklären? Wer, wenn nicht er, sollte sonst dem Clan erzählen, dass Ingwerpfote ein Held gewesen war, ein Held und ein Krieger?
    Krieger…
    Plötzlich erinnerte Felspfote sich, dass manche Katzen bei der Totenzeremonie ihre Kriegernamen bekamen, wenn sie schon als Schüler gestorben waren. Fahrig kratze er mit den Krallen über den Stein und überlegte angestrengt. Es sollte ein Kriegername sein, der zu Ingwerpfote passte. Und einer, der Felspfote an dessen Tod erinnerte.
    „Ingwerflamme“, murmelte er leise. Er wusste, seine Worte hatten nicht die gleiche Kraft wie die eines Anführers, und deshalb konnte er nicht einfach Ingwerpfote zu Ingwerflamme machen, aber es musste ja niemand wissen. Nur er und Ingwerflamme. Es war jetzt eines der vielen Geheimnisse, die nur die beiden kannten. „Du warst temperamentvoll und stark, aber du warst auch warm. Das Wasser hat dir dein Feuer genommen. Trage deinen Kriegernamen mit Stolz, Ingwerflamme…“ Felspfote schluckte und trat einen Schritt zurück. Er wollte nicht mehr springen. „Ich werde dich niemals vergessen, und ich werde dafür sorgen, dass man sich im Clan noch lange an dich erinnert.“ Der Wind trug sein Flüstern aufs Meer hinaus. Hoffentlich wurde es von Ingwerflamme gehört.
    Er seufzte. Langsam sollte er mal zurück ins Lager. Er bezweifelte, dass man sich dort Sorgen um ihn machte, aber er wollte sie wissen lassen, wie Ingwerflamme gestorben war. Außerdem wollte er mit Narbenpelz reden. Er hatte das merkwürdige Gefühl, dass der Älteste der einzige sein würde, der ihn vielleicht verstehen könnte, denn ihm war damals nicht entgangen, dass Narbenpelz Blick traurig gewesen war, während er Felspfote vor den Gefahren der Verbotenen Höhle bei Sturm gewarnt hatte. Ob auch Narbenpelz einen Freund dort verloren hatte?
    Gedankenverloren ließ Felspfote seinen Blick über das Wasser schweifen. Eine merkwürdige Leere hatte die Trauer verdrängt, aber er hatte nichts dagegen. So fühlte es sich besser an.
    Mit einem erneuten Seufzen wandte Felspfote sich zum Gehen. Während er den Pfad erklomm, dachte er verbittert, dass er es mit Ingwerflammes totem Körper hier sowieso nicht heraufgeschafft hätte. Der steile Anfang des Pfades war nicht leicht. Dauernd rutschte Felspfote ab und landete unsanft. Aber es war ihm egal. Gerade war ihm alles egal. All seine Emotionen schienen von der merkwürdigen Leere verdrängt worden zu sein. Er wusste nicht, wie lange sie noch bleiben würde, aber wenn sie nicht da wäre, würde er es sicher nicht schaffen, eine Fuchslänge geradeaus zu gehen, sondern sich doch noch von der Klippe stürzen.
    Aber die Leere war auch beklemmend. Einengend. Unheimlich. Sie war keine Erleichterung, sondern vielmehr eine Last, die eisig auf Felspfotes Brust ruhte und jeden einzelnen Schritt erschwerte.
    Der Aufstieg erschien ihm unendlich, doch als er endlich oben angekommen war und sich umdrehte, den grauen Horizont betrachtend, da fühlte es sich für den jungen Kater an, als hätte er noch vor wenigen Herzschlägen beim Höhleneingang um Ingerflamme getrauert.
    Wie surreal. Felspfote hatte nie darüber nachgedacht, wie es für ihn wäre, sollte sein bester Freund einmal sterben. Wie es wäre, sollte er Ingwerflamme verlieren.
    Ein raues Seufzen entwich ihm. Nur mit Mühe riss er seinen Blick vom wolkenverhangenen Himmel und drehte sich um, stapfte über die nasse Wiese in Richtung Lager.
    Ingwerflamme würde ihn nicht dort erwarten. Die wichtigste Katze in seinem Leben.
    Er beschleunigte seine Schritte. Die wichtigste Katze seines Lebens war ihm vom Regen genommen worden. Wie ironisch; diese Situation kannte er ja bereits.
    Ein weiterer, zitternder Atemzug. Dann blieb Felspfote schwankend stehen. Nicht nur der Regen hatte Schuld. Auch er selbst! Wer hatte denn Ingwerflammes Versuche zur Versöhnung ignoriert?
    Mit aufgerissenen Augen starrte er auf seine schlammbefleckten Pfoten. Eine merkwürdige Kälte breitete sich in ihm aus, doch je mehr sie wuchs, desto heißer wurde ihm unter seinem durchnässten Pelz. Adrelanin schoss durch seinen ganzen Körper, Panik lähmte seinen Verstand, und sein Atem ging nur noch stoßweise, als der Kater sich urplötzlich mit einer enormen Energie, von der er nicht wusste, woher sie kam, schlitternd umdrehte und völlig überstürzt zurück zu den Klippen sprintete.
    Ingwerflamme war doch noch da! Irgendwo dort im Meer!
    Wie naiv dieser Gedanke war, darüber war er sich in keinster Weise bewusst. Er wollte nicht akzeptieren, dass der goldbraun getigerte Kater tatsächlich sein Leben ausgehaucht hatte. Das konnte einfach nicht sein, nicht so schnell, nicht so, das konnte nicht wahr sein, das war alles nicht mehr als ein furchtbarer Alptraum, Ingwerflamme war nicht tot - nein, er leugnete dieses Wissen und er wollte zurück, zurück zu seinem Freund, seinem haltgebenden Ein und Alles!

    Aber es ging nicht.
    Es war nicht möglich.
    Ingwerflamme war tot.
    Irgendwo im Meer.

    Und das wurde Felspfote plötzlich doch bewusst.
    Ohne Vorwarnung verließ die komplette Energie ihn. Alle Kraft wich aus seinen Schritten, aus seinem Körper. Seine Beine wollten ihn nicht mehr halten und er brach zusammen, schlug hart auf dem steinigen Boden bei den Klippen auf. Er hatte gar nicht realisiert, dass er bereits so weit gerannt war. Oder hatte er sich erst gar nicht so weit entfernt, wie es sich angefühlt hatte?
    Wenn er gerade nicht gestürzt wäre…
    Schluchzend rollte Felspfote sich zusammen, hielt sich zuerst beide Vorderpfoten über die Augen und hätte sich dann fast ins eigene Vorderbein gebissen. Dieses Gemisch aus Angst, Wut und Erleichterung machte ihn wahnsinnig.
    Aber Schock, Schock war das Wort, was seinen jetzigen Zustand am besten zusammenfasste. Schock. Und Wut, wahnsinnige Wut auf sich selbst.
    „Ich bin gerade fast doch von der Klippe gesprungen!“, schrie der Graue, die Stimme voller Verzweiflung. „Krieg deine verdammten Gefühle unter Kontrolle, du Fischhirn!“ Schluchzend und schniefend wurde er leiser. „Was machst du denn! Wie willst du tot davon erzählen, was Ingwerflamme zugestoßen ist, oder tot dein Versprechen einlösen, der beste Krieger zu werden?“ Noch nie zuvor hatte seine Stimme derart stark gezittert. Pure Verzweiflung machte es ihm unmöglich, in den nächsten Minuten etwas anderes als die letzten drei Fragen auszustoßen, geschweige denn klar zu denken.
    Zusammengekauert wie ein weinendes Junges lag er einfach nur dort und versuchte, seinen Schmerz auf irgendeine Art und Weise zu bewältigen.
    Irgendwann hatte er keine Kraft mehr, Tränen zu vergießen. Keine Kraft mehr, etwas zu sagen.
    Aber Kraft, sich aufzurichten. Die Kraft, zum Meer hinauszuschauen, und zu akzeptieren, anzunehmen, dass er Ingwerflamme in diesem Leben nie wieder lebendig sehen würde. Und die Kraft, anzuerkennen, dass er nichts daran ändern konnte.

    Endlich kehrte das Gefühl in seinen Körper zurück. Er spürte den Stein unter seinen Pfoten, er bemerkte den Wind, der eisig seinen nassen Pelz durchdrang, er sah die Sonnenstrahlen, die es geschafft hatten, sich einen Weg durch die dicke Wolkendecke zu bahnen, und nun das Meer zu erleuchten. Dieses trügerisch ruhige, unberechenbare Wasser, in dem Ingwerflammes Seele nun einen Platz gefunden hatte.

    Und dann wandte Felspfote sich ab, riss den Blick von diesem, für ihn, einzigartigen Moment ab und ging festen Schrittes zum Lager.
    „Ich werde mich an dich erinnern, wenn wir uns wiedersehen, Ingwerflamme. Und dann sind wir Krieger. Krieger und Freunde.“

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare (9)

autorenew

vor 213 Tagen flag
Nah...ich werde mich drauf einstellen zu weinen. Gelbzahns Tot oder Lichtherz‘ Umbenennung haben mich auch sehr getroffen
vor 436 Tagen flag
*schnappt sich noch einen Keks.*

Und hier eine Suppe für dich Kupfer.

{\_/}
(• . •)
c🍜
vor 441 Tagen flag
*reißt alle Trostkekse an sich die sie kriegen kann* So eine herzzereißende Geschichte!
Viel zu emotional für mich ;(
vor 446 Tagen flag
Tut mir leid, euch zum Weinen gebracht zu haben *verteilt Trostkekse*
Nach Kapitel 3 geht es allerdings nicht weiter, die Geschichte ist beendet. Selbst wenn ich noch Ideen hätte, könnte ich die wohl erstmal nicht schreiben, da mich die Geschichte emotional ziemlich ausgelaugt hat, sorry ^^"
Danke für euer liebes Feedback :*
vor 446 Tagen flag
Warte... ihr musstet alle nur fast weinen?
vor 447 Tagen flag
Bei Kapitel drei habe ich einfach durchgehend geheult. Bitte schreib weiter.
vor 483 Tagen flag
Ich hatte total Angst um Felspfote und Ingwerpfote! Eigentlich liebe ich ja schwimmen und tauchen, aber ich habe total Angst davor, keine Luft mehr zu bekommen.
vor 692 Tagen flag
Heul!
So traurig und so gut!
Schreib weiter bitte!
vor 734 Tagen flag
Eine richtig richtig gute Geschichte!💗💗Ich musste fast weinen und das tue ich nur wenn meine Lieblingspersonen o ä Sterben! Tolle geschichte💗💗🙈 schreib unbedingt weiter!