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Phönixfeuer - Verlorene Liebe

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15 Kapitel - 54.735 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 1.909 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Geboren wurde ich als Iselin Faera, Tochter Barahirs und ältere Schwester von Beren Erchamion. Eine gewöhnliche Sterbliche? Nein. Ich geriet in Gefangenschaft Morgoths der mich wegen meiner Schönheit begehrte. In einem Wutanfall tötete er mich und entfesselte eine Kraft, die sein Schicksal mit dem meinen band. Seither bin ich ein Phönix und gefangen in meiner Vergangenheit. Gehasst, gefürchtet, geliebt und verehrt - doch nie sah ein Wesen mein wirkliches Ich. Bis auf einen Elbenkönig, der in vor meinen Augen starb und einem Zwerg, der mich jedoch verstieß. Gerade als ich mich mit meinem Schicksal abfinden will geschieht etwas, mit dem weder ich noch besagter Zwerg wohl gerechnet hätten...

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    Kapitel 1: Nervenaufreibende Bekannte

    Unwillig starrte ich auf den aberwitzigen Zauberer hinab, der sich selbst dreist in mein Haus eingeladen hatte und nun irgendetwas von Zwergen, Drachen und großem Abenteuer schwafelte. Wäre Gandalf kein alter Freund von mir, würde ich ihn allein schon dafür, dass er das Wort Drache in meiner Gegenwart gebrauchte, rösten. Ich verabscheute Drachen aus tiefstem Herzen, besonders solche wie Smaug, die sich viel zu viel auf ihre ach so herrliche Größe und Brutalität einbildeten! Wenn der Zauberer die Zwerge unbedingt in ihr Verderben schicken wollte nur zu. Aber ich weigerte mich als Allerheilmittel herzuhalten, wenn irgendetwas schief lief. Und wenn mich mein Gefühl nicht sehr täuschte, würde diese seltsame Gemeinschaft von einer Schwierigkeit in die Nächste trudeln. Aber ohne mich. Ich hatte schon genug eigene Probleme. Von Abenteuern wollte ich nichts wissen. Was das leidige Thema „Zwerge“ anging, so hatte ich diesbezüglich meine persönliche Lektion gelernt. Nein, es gab keinen Grund mehr, diese Diskussion weiterzuführen. Die Männer mussten ohne Frau klarkommen. Das sollte ihnen nicht allzu schwer fallen. Es machte mich wahnsinnig, das Gandalf immer nur dann bei mir auftauchte, wenn er etwas von mir wollte. So wie in diesem Fall.
    „Bist du fertig?“ Knurrte ich äußerst unfreundlich, weil er wieder einmal meinen Frieden gestört hatte. Als er erwartungsvoll nickte, wies ich auf die Tür. „Fein, dann kannst du ja verschwinden und dich um deine kleinen mürrischen Schützlinge kümmern. Hoffentlich erreicht ihr den Erebor überhaupt nicht und lasst diese falsche Schlange weiter schlafen.“
    Allein schon diese Idee war hirnrissig. Der Drache hatte den Berg erobert – na und? Das Gold, das dort gehortet war, stand im Bann des Bösen. Selbst wenn die Zwerge gegen jede Wahrscheinlichkeit erfolgreich sein sollten, würden sie am Ende der Drachenkrankheit und dem einhergehenden Wahnsinn verfallen. Was für ein ruhmreiches Ende! Außerdem würde mit Smaugs Tod sehr viel Begehren in den Herzen der anderen Völker wecken. Nicht nur der Reichtum des Erebors wäre ein idealer Vorwand um Krieg zu führen, entscheidender war vielmehr seine strategische Lage. Die Zwerge würden in ihr Verderben laufen und viele Unschuldige mit sich reißen. Wollte ich diesen Untergang miterleben? Nein. Hatte ich Lust oder Zeit für einen ausgewachsenen Krieg? Ebenfalls nicht. Meine Zeit als Heerführerin war seit 2941 Jahren vorbei. Ich hatte keine Lust, mich aktiv als Schlüsselfigur zu beteiligen. Denn genau das wäre ich in diesem Fall: von mir würde viel zu viel abhängen.
    „Warum bist du nur so mürrisch? Das letzte Mal hast du mich wesentlich freundlicher empfangen meine Liebe. Oder hat dein Zorn eher etwas mit dem heutigen Datum zu tun.“ Der zu große Genuss von Tabak hatte ihm eindeutig den Rest seines kümmerlichen Verstandes geraubt. Es war nicht klug mich daran zu erinnern, dass ich heute vor sehr vielen Jahrhunderten nicht nur meinem geliebten Bruder Beren, sondern auch meine Menschlichkeit verloren hatte. Morgoth hatte mich in seinem Zorn getötet und damit unbeabsichtigt die Macht entfesselt, die seit meiner Geburt in mir schlummerte. Ich war ein Phönix und solange ich lebte konnte er nicht die Herrschaft über Arda an sich reißen. Mittlerweile sorgte meine Präsenz sogar dafür, dass er nicht nach Mittelerde zurückkehren konnte. Oh, ich konnte sterben, allerdings wurde ich innerhalb kürzester Zeit wiedergeboren. Es war kein wirkliches Leben mehr, sondern eine Existenz, die für mich die Hölle bedeutete. Wahrscheinlich könnte ich ganze Legionen von Feinden die mich am liebsten umbringen würden quer durch Mittelerde bis nach Valinor führen. Sie konnten mich allerdings nicht erfolgreich töten.
    „Hüte deine Zunge alter Graubart.“ Murrte ich verärgert und trat auf das lebensgroße Gemälde meiner Familie zu. Barahir, Emeldir, Beren und ich. Es fühlte sich so ungerecht an, dass ich als Einzige von uns noch lebte und dann auch noch die denkbarst undankbare Rolle hatte. „Bestell dem klapprigen schuppigen Tod schöne Grüße, wenn du ihn siehst. Drachen gehören definitiv angekettet in irgendwelche engen Höhlen, in denen sie sich nicht bewegen können.“ Klang ich rachsüchtig? Ja. Aber eigentlich wunderte es mich nicht. Smaug hatte in der Vergangenheit versucht mich an sich zu binden und dabei äußerst üble Tricks angewandt. Nur war es ihm zu seinem Ärger nicht gelungen. Der Phönix in mir verachtete ihn viel zu sehr um ihn auch nur als möglichen Gefährten in Betracht zu ziehen. Sein Pech. Ich hatte Besseres zu tun als mich den Launen einer Echse auszusetzen. Keinesfalls würde ich mich auf Gandalfs Plänen einlassen und diesem Schuppentier erneut ins hässliche Gesicht blicken.
    „Na, na. Bitte überlege es dir noch einmal.“ Offensichtlich war er nicht lernfähig oder taub. Hatte er mich wirklich nicht verstanden? Ich verschränkte die Arme vor der Brust und warf meinen langen Zopf über die Schulter. Zauberer waren viel zu anstrengend und penetrant.
    „Nein danke. Wenn das alles ist, würde ich ein bisschen Ungestörtheit vorziehen. Stoße ein paar andere Wesen in deine Abenteuer aber lass mich außen vor! Und jetzt geh spielen.“
    Kopfschüttelnd ging er zur Tür und musterte mich von dort aus nachdenklich. „Feana. Es ist an der Zeit die Vergangenheit loszulassen.“

    Als ob das so einfach wäre. Verächtlich schnaubte ich. Wie oft hatte ich versucht meine Vergangenheit loszulassen und neu anzufangen? Aber ich konnte es nicht. Beren, Lúthien, Barahir – sie waren ein Teil von mir und in den Träumen durchlebte ich jene grauenhafte Zeit noch einmal. Ein Phönix war in seinem Schicksal gefangen. Zwar starb er doch dies bedeutete keinesfalls sein Ende, da er aus seiner eigenen Asche immer wieder neu auferstand. Es gab kein Entkommen, keine Möglichkeit den Kreis des Todes und der Wiedergeburt zu entkommen.
    Mein menschliches Ich hatte die Kräfte des Phönixs im Gleichgewicht gehalten. Wäre ich auf natürliche friedliche Weise gestorben, hätte sich der Phönix niemals erheben können und mein Schicksal zweifellos anders verlaufen. Aber Morgoth hatte gewaltsam mein Leben ein Ende gemacht und ich war ein Phönix. Diese Tatsache konnte ich ebenso wenig ändern wie das Wissen, dass es Wesen gab, die hinter meinem Blut her waren, weil es sich dank seiner Reinheit als ein unschätzbares Heilmittel erwiesen hatte und auch als Schutz gegen schwarze Magie eingesetzt werden konnte. Allein deshalb hatte ich Feinde. Von denen, die mich aufgrund meiner anderen Fähigkeiten oder meiner vergangenen Macht tot sehen wollten ganz abgesehen.
    Äußerlich wirkte ich nach wie vor menschlich. Zumindest bis jemand mutig genug war, mir lange in die sehr hellen grauen Augen zu blicken. Die Illusion zerbrach in solchen Momenten und meine wahre Gestalt wurde deutlich sichtbar. Sehr zu meinem Missvergnügen.
    Um der unangenehmen Aufmerksamkeit anderer zu entgehen, führte ich mittlerweile ein zurückgezogenes Leben. Jahrelang hatte ich an der Seite meines Freundes Círdan in Mithlond gelebt. Es war eine glückliche Zeit des Friedens gewesen. Doch nie vergas ich, warum ich überhaupt existierte. Meine Präsenz war auch aus der Sicht der Valar lebenswichtig geworden. Dass ich mich vielleicht nach einem gewöhnlichen irdischen Leben sehnte spielte für niemand eine Rolle. Zumindest war es das gewesen, bis zuerst ein Elbenkönig und später ein Zwerg mich eines Besseren belehrten. Den Elben hatte ich im Ringkrieg gegen Sauron vor 2941 Jahren verloren. Damals war ich am gebrochenen Herzen gestorben. Bis zum Ende war diese Liebe die Reinere gewesen, die nicht durch Verrat oder Verstoßung überschattet wurde. Beim Zwerg sah das Ganze anders aus. Wir hatten uns auf ungewöhnliche Weise kennengelernt und rasch eine Freundschaft aufgebaut. Gefunkt hatte es unterschwellig sofort, aber es hatte gedauert, bis wir unsere Gefühle auch auslebten. Doch aus der tiefen Liebe war großer Hass gewachsen, da ich nicht stark genug war, den Wahnsinn seines Großvaters zu heilen. Seither lebte ich in diesem kleinen abgelegenen Haus. Zu den Zwergen hatte ich jeden Kontakt abgebrochen. Zu schmerzlich war die Erinnerung an seine Worte. Monster hatte er mich genannt. Abscheulich. Kreatur Morgoths – und Schlimmeres. Nein, ich hatte absolut keinen Grund, diesen Teil meiner Vergangenheit aufleben zu lassen, indem ich mich auf Gandalfs wahnsinnige Idee einließ. Kühl starrte ich ihn an, versuchte ihn allein mit meinen Blicken einzuschüchtern. Eine Kunst, die ich eigentlich perfektioniert hatte. Nur schien sie heute nicht sonderlich wirksam zu sein. Wie bedauerlich. Tief atmete ich gegen meinen Zorn an.
    „Die Vergangenheit loslassen?“ Meine Stimme klang selbst in meinen Ohren hart und bitter. „Wie könnte ich das, Gandalf der Graue? Mein Schicksal ist untrennbar mit dem von Morgoth verflochten. Manche verehren mich als Göttin, doch die meisten hassen und fürchten mich wegen meiner Kräfte. Doch kaum einer sieht mein wahres Ich oder macht sich die Mühe es kennenzulernen. Ich kann das Vergangene weder vergessen noch vergeben. Dafür ist zu viel passiert.“
    Deutlich konnte ich die Trauer und das Mitleid in seinen Augen sehen. Bitter wandte ich das Gesicht ab. Das Letzte was ich wollte war Mitleid. Nie würde ich mit den Meinen vereint sein. Niemals konnte der Phönix den ewigen Kreislauf seines Schicksals durchbrechen. Was nutzten mir meine Kräfte, wenn meine Existenz mehr einem Gefängnis glich und ich zusehen musste, wie alle die ich liebte starben? Das war es nicht wert.

    Glühend heiß brannte der Zorn in meinen Adern. Der Phönix war kurz davor auszubrechen. Verdammt. Ich ballte die Hände zu Fäusten.
    „Es täte dir nur gut, dich aus deinem Versteck hervorzuwagen. Nicht alles in der Welt ist schlecht oder bringt Leid hervor. Der Phönix ist auch ein Symbol der Hoffnung und des Neubeginns.“ Er sagte es so, als wäre es meine Schuld, wie sich mein ganzes Leben entwickelt hatte. Als ob ich darum gebeten hätte, als junge Frau entführt und versklavt zu werden! Sofort stieg in mir die altbekannte Wut auf. Die Umgebung verschwand hinter einem roten Schleier. Gleißende Hitze breitete sich schlagartig aus. Entsetzt starrte der Zauberer mich an. Selten hatte er mich außerhalb eines Kampfes in meiner wahren Gestalt gesehen. Ich wusste, dass die Illusion unter dem Feuer meiner Gefühle zerbrach. Pupille und Iris wurden von weißgoldenen Feuerrändern umschlossen während das blasse Grau einem unheimlich leuchtenden Grün wich. Jegliche Weichheit wich aus meinem Gesicht, das nun von Härte, scharfkantigen Linien und leichten Zügen der Grausamkeit dominiert wurde. Winzige Flammen tanzten auf meiner Haut und mein dunkles Haar war zu rotem Feuer geworden. Aus meinem Rücken brachen die Flügel, die mehr als einmal Tod über Morgoths Kreaturen gebracht hatten. So heilend mein Gesang, meine Tränen und mein Blut auch waren – der Phönix hatte auch seine todbringende schöne Seite. Bedrohlich ragte meine Gestalt in die Höhe und ich starrte ohne zu blinzeln auf ihn herab. Wäre Gandalf kein Istari und selbst Hüter eines Feuers wäre allein mein Anblick jetzt tödlich.
    „Fordere mich nicht heraus, Istari. Du hast keine Ahnung von dem Leid das den Meinen zugefügt wurde und begreifst nicht einmal annähernd, was es bedeutet ein Phönix zu sein. Maße dir kein Urteil an und wage es nicht, mir Vorschriften zu machen. Es gibt eine einzige Macht der ich unterstehe und das ist das Schicksal.“ Meine Stimme war hypnotisch schön, klar, melodisch und dennoch bedrohlich. Ich war keine gewöhnliche Sterbliche, obwohl dieses Schicksal mir wesentlich lieber gewesen wäre. „Wie jede Gabe haben auch meine Kräfte ihre Schattenseite. Manchen bringen sie Heilung, andere sterben, wenn sie mit ihnen in Berührung kommen. Morgoth hat seinen größten Feind selbst erschaffen. Der Phönix wäre nie erwacht hätte er mich nicht in einem Anfall von Zorn getötet. Nun sind unsere Schicksale untrennbar verbunden. Keiner von uns ist in der Lage, den Bund zu zerstören. Es gibt kein Entkommen für uns.“
    Zitternd fiel der Zauberer auf die Knie und ich brachte meine Gefühle wieder unter Kontrolle. Seine Robe, seine Haare, ja selbst sein Stab waren leicht verbrannt. Der Gestank stach mir unangenehm in die Nase. Obwohl ich nach wie vor sauer auf ihn war, versetzte mir seine Angst einen schmerzhaften Stich in der Herzgegend., Monster! Du bist ein götterverdammtes Monster Fea!’ Die bösartige kleine Stimme hatte zu große Ähnlichkeit mit einem gewissen Zwerg, als das ich sie ignorieren könnte. Ich musste mich gänzlich beruhigen, um die Gefahr zu dämmen.
    Langsam verebbte der Zorn und das Feuer wurde wieder zu einer leicht kontrollierbaren Glut. Stumm setzte ich die Illusion der menschlichen Frau wieder in Kraft. Dann erwiderte ich gelassen seinen Blick.
    „Ich werde mich nicht diesem Unternehmen anschließen. Akzeptiere meine Entscheidung oder lass es bleiben. Meine Gründe gehen nur mich etwas an und niemanden sonst. Noch einmal werde ich mich nicht mit Zwergen einlassen. Dieses Kapitel meines Lebens ist abgeschlossen.“
    Er atmete keuchend durch und ich dämpfte meine Kräfte.
    „Verzeih mir bitte. Ich hätte dich nicht derart provozieren dürfen.“
    Müde lächelte ich und strich eine dunkle Strähne aus meinem Gesicht.
    „Mögen die Valar dich leiten und die Sterne deinen Weg erhellen.“
    Nach einem letzten Nicken verschwand er. Langsam schloss ich die Tür und blickte mich in meinem Zuhause um. Nichts war von meinem Wutanfall beschädigt worden. Zum Glück. Doch ich wusste, dass es Zeit war weiterzuziehen. Die Balance der Mächte war viel zu gefährdet.
    Wie ein dunkles Gift spürte ich die vertraute Präsenz eines bösartigen Schattens der sich unaufhaltsam ausbreitete. Ein Geist, der längst vernichtet sein könnte, aber dank der Menschen überlebt hatte.
    Mairon. Ein ehemaliger Maia der im Dienste Aules stand ehe Morgoth ihn verführte. Er trug viele Namen doch sein Geläufigster lautete Sauron.
    Nun war er zurückgekehrt und forderte Etwas, das er als Sein betrachtete. Doch die entscheidende Schlacht stand noch nicht bevor. Vielmehr war es die Ruhe vor dem Sturm. Ein Vorbote des drohenden Unheils. Ich kannte die Anzeichen. Zu lange hatte ich das Leben einer Kriegerin geführt. Sauron. Wie sehr ich ihn hasste und verabscheute.
    Ein Krieg, der viele Opfer fordern würde und mich an meine Grenzen brächte. Ich würde nicht unbeteiligt zurückstehen, auch wenn ich genug von Schlachten und Kriegen hatte. Protektorin Mittelerdes. Das war meine Aufgabe und diese würde ich erfüllen. Innerlich zerbrach ich zwar, aber da mich ohnehin niemand fragte, wie es mir ging, musste ich darum keinen Wirbel machen. Wieder töten. Monate lang. Oh, ich war dazu in der Lage.
    Was jedoch nicht bedeutete, dass ich mich nun in das Abenteuer der Zwerge stürzen würde. Die Gefahr war viel zu groß, dass Er unter ihnen war. Auch ohne das Gefühlchaos, das ein Wiedersehen zweifellos mit sich brächte, hatte ich genügend Probleme um die ich mich kümmern sollte.
    „Du handelst zu voreilig Iselin.“ Ich zuckte beim Klang der vorwurfsvollen Stimme zusammen. Warum nur musste Aule sich jedes Mal an mich heranschleichen? Es störte mich zudem, dass er meinen alten Namen verwendete. Es brachte zu viele Erinnerungen zurück die besser vergraben blieben. „Die Zwerge brauchen deine Hilfe mehr als sie ahnen. Ihre Fahrt steht unter keinem guten Stern. Viele Augen werden sich gen Erebor richten und es wird zu einem Krieg kommen, sollte Smaug sterben. Du spürst den Zorn, der in den Herzen der Orks schwelt, den Hass, der sie antreibt. Sie werden vor niemanden Halt machen.“
    Was er mir erzählte entsprach mehr der Wahrheit als mir lieb sein konnte. Aus guten Gründen nutzte ich die Gabe des Zweiten Gesichts nicht mehr aber ich konnte nicht verhindern, dass die Zukunft mich in meinen Träumen heimsuchte. Jedes Mal, wenn Thorin in ihnen vorkam war mein Herz vor Schmerz fast zersplittert. Ich wusste, dass er dem Tode geweiht war und dass seine Reise nichts anderes für ihn bereithielt. Näher als jeden anderen, seit dem Tod meines geliebten Elben, hatte ich ihn an mich herangelassen mit fatalen Folgen. Dieser ungekrönte Zwergenkönig hatte das, was von meinem Herzen übrig gewesen war gestohlen und anschließend mit seinen grausamen Worten zerrissen. Mein Ableben hätte ihn wahrscheinlich gefreut.
    Gandalf hatte keine Namen genannt, doch tief in meinem Innern kannte ich die Wahrheit. Thorin würde versuchen seine Heimat zurückzuerobern und dabei notfalls über Leichen gehen. Vorzugsweise über die des Drachens und meiner Wenigkeit. Immerhin war ich eine Abscheulichkeit die ausgemerzt werden sollte. Grimmig drehte ich mich zu dem Valar um.
    „Warum sollte sich in den letzten Jahren etwas geändert haben?“ Meine Stimme war leise und traurig. „Sein Hass wird kaum verschwunden sein. Niemals würde er meine Hilfe akzeptieren. Für ihn bin ich ein Monster. Die Wahrheit über das Geschehene hat ihn nie interessiert. Nein, Aule, dieser Sohn Durins braucht mich wahrlich nicht und was seine treuen Gefährten angeht so würden sie gegen die Anwesenheit einer Frau protestieren.“
    Aule seufzte und betrachtete mich nachdenklich.
    „Du verschließt dein Herz vor der Wahrheit.“ Als ich verärgert auffahren wollte, hob er bittend die Hand. Würde er jetzt wieder eines dieser tiefschürfenden Gespräche mit mir halten? Wunderbar. Auf Seelenbeichte und Schuldgefühle einreden hatte ich keine Lust. „Ich kann deine Gründe gut nachvollziehen aber hast du nicht in der Vergangenheit immer für diejenigen gekämpft die du liebtest – selbst wenn sie dich verrieten sobald sie die Wahrheit über dich kannten? Thorin hat dich zutiefst verletzt und ich fühle deinen Schmerz, auch wenn du versuchst ihn zu verbergen. In seinem ohnmächtigen Zorn, der Enttäuschung und blinden Verzweiflung bemerkte er nicht, dass du alles getan hast um ihm zu helfen. Bist du es dir selbst nicht wert, ihn zur Rede zu stellen?“
    Er sah eindeutig zu viel. Bitter lächelte ich. Als ob ich nicht versucht hätte mit Thorin vernünftig zu reden. Doch ich konnte nicht zu ihm durchdringen und jedes Wort, das er an mich richtete, war schmerzhafter als die Wunden, die man mir in der Vergangenheit zufügte. Es machte keinen Sinn die Sache wieder anzusprechen. Nichts und niemand konnte seine Meinung ändern, war sie erst einmal gefasst. Er würde nicht auf mich hören. Warum also Zeit und Energie in eine sinnlose Geschichte stecken, die ohnehin abgeschlossen war?
    „Es ist vorbei. Unwahrscheinlich das dieser sture Zwerg jemals seine Meinung ändert. Meine Antwort lautet Nein. Ich werde mich nicht dieser Gemeinschaft anschließen. Diskussion beendet.“
    Aule wirkte so, als wolle er protestieren, aber dann zog er sich mit einem Kopfschütteln zurück. Ich würde einen Weg finden Thorin auf meinen Wanderungen aus dem Weg zu gehen und mich stattdessen mit Sauron beschäftigen. Letzterer war eh das größere Problem.

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    Kapitel 2: Der Rat einer Freundin

    Ich kniete seufzend an meinem Lagerfeuer und starrte in die Flammen. Die Reise war bis auf einige Auseinandersetzungen mit ein paar randalierenden Orks sehr monoton verlaufen. Mir gefiel es gar nicht, dass diese Kreaturen sich ungehindert durch Eriador bewegen konnten. Sicher, die Waldläufer und Elben versuchten Schadensbegrenzung zu betreiben, aber manchmal reichten ihre Aktionen nicht aus. Für mich bedeuteten Orks in der Regel eine nette Abwechslung und Übungseinheit, aber die menschlichen Bauern von den Halblingen ganz zu schweigen, waren ihnen hilflos ausgeliefert. Wobei die Auenländer den besten Schutz bekamen, da die Dúnedain und interessanterweise auch Gandalf sehr viel Sympathie für sie hegten. Was jedoch nicht bedeutete, dass die Schutzvorkehrrungen immer ausreichten oder die Halblinge gänzlich der trägen Unwissenheit verfallen sollten. Offiziell herrschte zwar Frieden, aber diejenigen, die in der Lage waren die Anzeichen zu deuten, kannten die Wahrheit. Das Böse war nie gänzlich gebannt und gerade jetzt begann es sich wie eine scheinbar träge Raubkatze zu strecken. Früher oder später würde Mittelerde erneut unter den Ansturm der Heerscharen Saurons und denen seiner Gegner erzittern. Die Frage war nur, wer dieses Mal den Sieg davontrug, wenn ich mich mit meinen Aktionen zurückhielt und nur wenig eingriff. Schließlich war meine Zeit als Heerführerin vorbei. Noch einmal würde ich nicht in diese Rolle schlüpfen. Stumm streckte ich die Hand aus und löschte das Feuer. Es gab nur wenige Kreaturen die einen Angriff auf mich wagten. Zu deutlich spürten sie das tödliche Feuer in mir, das stärker noch als das Drachenfeuer war. Müde lächelte ich. Zu meiner Verteidigung benötigte ich keine herkömmlichen Waffen. Dennoch trug ich welche bei mir. Als Mensch war ich eine Meisterin des Bogens und des Schwertkampfs gewesen. Die vergangenen Jahrhunderte hatte ich genutzt um mein Können zu perfektionieren und mein Waffenarsenal weiter auszubauen. Doch es gab nur wenige Waffen, die ich tatsächlich immer bei mir trug. Sie waren ein Geschenk von Aule das er mir nach meinem Erwachen als Phönix machte. Ihr Wert lag nicht nur in der dahinter stehenden Geste, sondern in ihrer Beschaffenheit. Sie waren feuerfest und noch wichtiger unzerstörbar. Von allen Valar war Aule derjenige, der mich am meisten unterstützte und mich nicht mit verklärten Augen betrachtete.
    Schweigend lauschte ich den Geräuschen der Nacht. Meine Erinnerungen reisten zurück zu der Noldo-Elbin, die wie ich von Schatten der Vergangenheit umgeben war. Tatsächlich hatte Morgoth gewagt, sie in ihrer Kindheit mit seinem Brandmal zu zeichnen und einen beträchtlichen Teil ihrer Kräfte zu verderben. Varanérë. Sie war eine der größten Elbenkriegerinnen die ich jemals kennengelernt hatte. Ich hatte nicht viele Freunde, aber sie gehörte zu ihnen. Wir waren beide Gefangene unserer Vergangenheit und verstanden uns daher ohne Worte. Es war eine echte, ehrliche und tiefe Freundschaft, die bisher alles überdauert hatte. Kein einziges Mal hatten wir einander verraten oder ernsthaft verletzt. Bei ihr musste ich keine Stärke zeigen, sondern konnte auch verletzlicher sein. Sie vermittelte ein Gefühl der Geborgenheit, dass ich so oft vermisste – auch wenn ich es nie laut zugeben würde. Lächelnd dachte ich über sie nach. Ihr Schicksal war an das der Nachkommen Elendils gebunden. Tatsächlich wusste ich mehr über ihre Zukunft als sie ahnte. Noch war die Zeit ihrer Freiheit nicht gekommen, aber sie näherte sich bereits der entscheidenden Wende. Doch ich würde ihr nichts verraten, was sie veranlassen könnte, falsche Wege einzuschlagen. Bis zu einem bestimmten Punkt war die Zukunft fließend und veränderlich wie der Lauf eines Flusses. Das Wissen um die Dinge, die geschehen werden, war eine Bürde und manchmal ein Fluch.
    Das Zwitschern einer Nachtigall ließ mich grinsen. Schien so, als würde ich doch noch etwas Gesellschaft bekommen. Ich antwortete mit einer komplizierten Abfolge aus Trillern, Pfeifen und Klicken.
    Wie erwartet folgte sie meiner Einladung sofort.
    „Mae govannen Fea.“ Ihre Augen funkelten verschmitzt als sie meine Kleidung bemerkte. Kein Wunder, das letzte Mal hatte sie mich in einer Robe in den Farben von Círdans Haus gesehen. Mein jetziger Anblick musste zwanghaft Erinnerungen an alte Zeiten heraufbeschwören. Monate, die wir zusammen auf Patrouille durch Lindon gezogen waren. Grinsend betrachtete sie meine Waffen, die ich eigentlich immer bei mir trug. „Wieder auf der Jagd nach Abenteuern?“
    Belustigt hob ich eine Augenbraue. Das klang ja fast, als wäre sie so gelangweilt von ihrem Leben, dass sie sich in diesem Fall mir anschließen würde. Nun, sie wäre eine angenehme Begleiterin. Ich würde ihr ohne zu zögern mein Leben und das einer ganzen Stadt anvertrauen.
    „Abenteuern? Seit wann genieße ich das Duell mit dem Tod?“
    Schmunzelnd über meine Selbstironie setzte sie sich neben mich. Neckend beugte sie sich vor und stieß sanft gegen meine Schulter. Vergnügt grinste ich. Freundinnen! Lächelnd bot sie mir ein Stück Lembas an, das ich dankend annahm. Solange man nicht nur diese elbische Wegzehrung zu essen hatte, schmeckte es sehr gut. „Nun, ich würde vermuten, seitdem du zu einer Sagengestalt in den elbischen Legenden wurdest. Wohin geht die Reise denn dieses Mal?“
    Jaja, meinen alten Ruf wurde ich einfach nicht los. Es gab zu viele, die sich an mich erinnerten oder Geschichten über mein Leben kannten. Zum Glück erkannten mich bis auf die Elben und Zauberer nie jemand auf meinen Reisen. Ansonsten müsste ich mich an einem götterverlassen Ort verbergen um Ruhe zu haben. Aber ich war ja nicht die einzige Legende aus dem Zweiten Zeitalter, die noch lebte. Vara war diesbezüglich meine Leidesgenossin. Allerdings hatte sie sich nicht ganz von ihrem früheren Leben abgewandt. Anders als ich. Sie bildete immer noch Krieger aus und übernahm auf Wunsch der Adelshäuser auch mal hohe militärische Positionen ein. Mir war das zuwider und ich wollte es auch nicht.
    „Zum Düsterwald und anschließend nach Mordor.“ Antwortete ich ruhig. Erstaunt musterte sie mich von der Seite. Warum fiel es ihr nur so schwer, diese Route nachzuvollziehen? Das wir Mordor besser beobachten sollten, musste ihr eigentlich klar sein. Aber vielleicht war es ja ein anderer Grund für diese Überraschung. Abwarten, sie würde es schon formulieren. „Ich hätte eher vermutet, dass du dich auf Drachenjagd begibst. Immerhin hast du mit dieser geflügelten Echse noch einige Differenzen zu klären. Der alte Graubart berichtete mir zwar, du hättest abgelehnt aber so ganz konnte ich das nicht glauben.“
    Ernsthaft! Mit wem sprach der bärtige Kauz denn noch alles über mich? Er sollte ehrlich lernen, den Mund zu halten. Zumal ich kein Thema mehr für den Dorfklatsch sein dürfte. Leicht verärgert starrte ich ins Feuer.
    „Der alte Kerl sollte aufhören zu plappern.“ Mein verärgertes Grummeln brachte sie zum Lachen. „Mal abgesehen von meinem Hass auf diese Schuppentiere bin ich nicht bereit, mich mit der Sturheit der Zwerge auseinanderzusetzen. Und was gedenkst du selbst zu tun?“
    „Naja, neben der Ausbildung der hochnäsigen Spitzohr–Elite haben mich auch die Menschen um Hilfe gebeten.“ Ihre Miene wurde erschreckend ernst. Oje. Schien so als würde sie mit mir über Thorin sprechen wollen. Seltsamerweise störte es mich bei ihr nie wenn sie ähnlich heikle Themen ansprach. Vielleicht, weil ich wusste, dass ich ihr bedingungslos vertrauen konnte. „Lenk jetzt nicht ab. Liegt deine Abneigung ihnen zu helfen wirklich nur an dem Drachen oder gibt es einen viel persönlicheren Grund? Du weißt, dass du ihm nicht ewig aus dem Weg gehen kannst.“
    Mit ausdruckslosem Gesicht stocherte ich in der Kohle herum. Diesen Gefühlen und den damit zusammenhängenden Fragen wollte ich eigentlich aus dem Weg gehen. Thorin war Geschichte – Punkt. Vara kannte meine Meinung und meine Gefühle zu diesem Thema. Eigentlich gab es keinen Grund für ein Gespräch über ihn. Leider würde sie nachhaken und nicht lockerlassen. Verdammt.
    „Die letzten Jahre ist es mir gut gelungen.“
    Kein Wunder, immerhin hatte ich die Orte vermieden, wo ich ihm zufällig begegnen könnte. Ich war eine Meisterin der Verdrängung. Nur so hatte ich überleben können. Meine Gefühle für Thorin mussten der Vergangenheit angehören, da sie das Potenzial hatten mich zu zerstören. Deshalb wich ich dem Thema aus, ignorierte es, so gut es ging.
    „Aber es hat dich innerlich zerfressen.“ Stellte sie leise fest. Verdammt, für sie war ich ein offenes Buch. „Du liebst ihn noch immer und genau das jagt dir Angst ein. Was wenn er dich immer noch hasst? Die tief verwurzelte Gier nach Gold über seinen starken loyalen Charakter siegt und er von derselben Krankheit befallen wird wie sein Großvater? Was, wenn du ein zweites Mal zu spät kommst um sein Herz zu retten? Würdest du seinen Tod verhindern können oder beschleunigt deine Anwesenheit nur den Vorgang?“
    Ich erstarrte. Sie sprach genau die Fragen aus die ich verzweifelt zu verdrängen versuchte. Die Wahrheit schmerzte umso mehr, da sie nun ausgesprochen war. Nun konnte ich sie nicht länger ignorieren.
    „Was rätst du mir also Vara? Soll ich mich seinem Hass erneut aussetzen in dem Wissen, dass er niemals seine Meinung ändern wird?“
    Varanérë seufzte leise und blickte in den Nachthimmel. In Gedanken weilte sie bei Elendil, das war mir klar. Ihre Liebe zu ihm war ebenso ehrlich wie hoffnungslos gewesen. Vergleichsweise hatte ich Glück mit meiner Liebe gehabt. Mir waren wunderschöne Jahre an der Seite der Männer gegeben worden, denen mein Herz gehörte. Sie dagegen war von den Valar eher bestraft worden. Allerdings bestand Hoffnung, dass sich dieser Zustand in den nächsten sechzig Jahren änderte. Vorausgesetzt ich hielt natürlich den Mund. „Du bist nicht die Einzige, die einen Mann wieder der Vernunft liebte. Doch im Gegensatz zu mir kannst du wenigstens versuchen ihm die Wahrheit begreiflich zu machen. Für mich ist es bereits zu spät.“ Nachdenklich betrachtete ich ihr Profil. Wie ich hatte sie schwarzes Haar und graue Augen. Sie war eine schöne Elbin und meiner Meinung nach sogar schöner als Lúthien. Wie ich war sie durch die Hölle gegangen und noch immer in ihr gefangen. Anders als sie würde ich meiner eigenen kein Ende setzen können.
    „Die Liebe ist eine grausame aber wunderschöne Kraft.“ Murmelte ich leise und wandte den Blick ab. „Sie schert sich nicht im Geringsten darum, ob zwei Personen grundsätzlich zusammenpassen oder nicht und hält sich an keine Regeln. Obwohl sie Grenzen überwinden kann und scheinbar Unmögliches zur Wirklichkeit werden lässt besitzt sie doch eine zerstörerische Seite. Wie oft habe ich geliebt und jene verloren da sie mich nicht auf meinen Weg begleiten können. Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin um diesen einen letzten Versuch zu wagen.“
    Allein der Gedanke, mich erneut auf Thorin oder irgendeinen anderen Mann so sehr einzulassen, jagte mir kalte Angstschauer über den Rücken. Ein weiteres Mal würde ich den Verlust einer geliebten Person nicht ertragen. Mein Herz war schon fast zerstört. Lieber hielt ich andere emotional auf Abstand. Die Elbin legte ruhig eine Hand auf meinen Arm.
    „Die Frage ist also, ob du mutig genug bist, es herauszufinden. Denk darüber nach, aber zögere nicht zulange. Sie werden sich bald treffen und aufbrechen. Ihr Weg führt sie über Bruchtal, durch die Nebelberge in den Düsterwald.“ Noch immer zauderte ich. Varanérë hatte zwar Recht, aber ich wusste auch was gegen diese Entscheidung sprach. Als ob sie meine Zweifel spürte fuhr sie eindringlich fort: „Ein Zwerg liebt nur einmal. Hass ist die andere Seite der Liebe. Nutze die Chance die sich dir bietet.“
    Ich seufzte und schloss die Augen. Dämlich oder klug. Als was würde sich meine Entscheidung erweisen? Dass ich zu ihr stehen würde, gleichgültig welche Konsequenzen das nach sich zog, wusste ich sehr wohl. In dieser Hinsicht ähnelte ich Thorin viel zu sehr. Fast schon grenzenlose Sturheit. Tief atmete ich durch. Hoffentlich beging ich jetzt keinen fatalen Fehler.
    „Er hat mir schon einmal das Herz herausgerissen und zerrissen. Aber ich will endlich mit dieser Sache abschließen.“ Grimmig starrte ich in Richtung der schemenhaften Nebelberge. „Dieses Mal werde ich mich weder abspeisen noch vertreiben lassen. Er ist nicht der Einzige der stur sein kann. Ich werde mir meine Antworten holen und nicht eher ruhen, bis er endlich zuhört. Notfalls sperre ich ihn ein. Aber noch einmal kommt er mir mit seinem ungerechtfertigten Hass nicht davon.“

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    Kapitel 3: Liebesgesäusel auf Zwergisch?

    Es war wahrscheinlich die dümmste Idee, der ich jemals zugestimmt hatte. Vara hatte nämlich leider Recht: ich liebte diesen egoistischen, verblödeten, starrsinnigen, arroganten, antifeministisch eingestellten Mistkerl von einem ungekrönten Zwergenkönig immer noch! Dabei waren diese Gefühle selbstzerstörerisch. Gefangen in der Hölle, die meine Existenz bedeutete, war es ausgerechnet dieser Zwerg gewesen, der mir den Glauben an die Liebe wiedergab - bis er mich verstieß. War es da verwunderlich, dass ich hin und hergerissen war, ob ich ihn grillte oder ihm eine Chance gab? Selbst wenn Thorin auf wundersame Weise zu einem kooperativen und offenen Mann mutiert sein sollte, war das größte Hindernis mein tiefer Groll ihm gegenüber. Noch einmal würde ich ihm nicht erlauben mich so tief zu verletzen, eher servierte ich ihn hübsch flambiert den Wargen. Ich war ein rachsüchtiges Biest und hatte eine leicht nachtragende Ader. Zugegeben, Letzteres war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Wer behauptete, nur Zwerge und Elben wären nachtragend, hatte noch nicht Bekanntschaft mit meinem Zorn gemacht. Kein Wunder, die Wenigsten überlebten ein Zusammentreffen mit einem rachsüchtigen Phönix. Dazu müsste der Betreffende Illuvatar persönlich sein, denn mein ungezügeltes Feuer richtete mehr Schaden an als das von den feuerspuckenden Echsen. Von einem Lebewesen, das mit meinen Flammen in Berührung kam, blieb nicht einmal die Seele übrig. Also ja, ich war, wie Dwalin einmal bewundernd festgestellt hatte, eine brandgefährliche Frau im wahrsten Sinne des Wortes und wehe dem, der meinen Unmut auf sich zog. Pech für den Möchtegern-Zwergenkönig, das er momentan zu meinem Lieblingsopfer geworden war, was er allerdings noch nicht wusste. Mit einem leicht boshaften Grinsen überprüfte ich meine Klingen nach Schäden, die natürlich niemals vorhanden waren. Aule war nicht umsonst ein Meister der Schmiedekunst. Seine Arbeiten waren immer tadellos und leisteten hervorragende Dienste.
    In der Ferne hörte ich schon die verräterischen Stimmen der seltsamen Reisegesellschaft bestehend aus fünfzehn Mitgliedern, darunter dreizehn Zwerge, ein flüchtiger Istari und ein armer Halbling. Bei dieser Lautstärke wäre es ein Wunder, wenn kein Ork auf sie aufmerksam wurde. Das mit dem unauffällig reisen sollten die Herren noch einmal üben. Dagegen waren selbst Mûmakil auch bekannt als Olifanten lautlos. Thorin konnte es natürlich nicht lassen und musste mit Gandalf streiten, der schließlich erbost verschwand. Tja, als umgänglich konnte man diesen Sohn Durins nicht bezeichnen. Thorin konnte äußerst herrisch und gemein sein wenn er wollte. Aber er hatte seine eigene Meisterin offensichtlich schon vergessen. Diesen Missstand würde ich sehr bald ändern. Nur wollte ich ein wenig warten ehe ich meine Anwesenheit preisgab.
    Immerhin waren die Zwerge zu blöd, um auf ihre Ponys richtig aufzupassen, so dass die Trolle eine wunderbare Mahlzeit bekommen würden - was des Einen Nutztier war, stand auf der Speisekarte des Anderen. Ich legte den Kopf in den Nacken und lauschte ungeniert Balins Erzählung. Zwar war ich selbst dabei gewesen, aber der Zwerg hatte schon immer ein erstaunliches Talent eines Geschichtenerzählers gehabt. Natürlich ließ er einige wichtige Details weg. Zum Beispiel, das ich Thorin und ihm selbst mehr als einmal den Allerwertesten gerettet hatte.
    Nun, er würde zweifellos noch in seinen alten Tagen eine weitere Lektion über Frauen erhalten und zwar von seiner alten Lehrmeisterin. Lautlos schlich ich zu den Trollen und beobachtete, wie sie ihre Mahlzeit zubereiteten. Sie waren nicht besonders klug, aber aufgrund ihrer Größe durchaus gefährlich, wenn auch nicht für mich.
    Der Zauberer würde zweifellos auf Zeit spielen und das Tageslicht als Verbündete nutzen. Ich persönlich wollte diese nichtsnutzigen Riesenbabys in Scheiben geschnitten und gut durchgebraten an die Wölfe verfüttern. Ihre Unterhaltung verriet, dass sie noch weniger Hirn zwischen den Ohren hatten als ihre dumpfbackigen Verwandten in den Heeren Morgoths. Hinter mir hörte ich das aufgeregte Flüstern der jungen Zwergenprinzen, die gerade den dritten Troll bemerkten, der ein weiteres Pony wegtrug. Warum arbeiteten die Gehirne der männlichen Gattung Zwerg eigentlich so langsam? War das ein genetischer Defekt oder hatten die Eltern sie als Babys zu oft mit dem Kopf auf den Boden fallen lassen? Genervt verdrehte ich die Augen und schwang mich in die Sicherheit der Äste. Das Spektakel würde ich mir kaum entgehen lassen. So wie ich die Zwerge kannte würden sie wieder einmal lächerliche Einfälle haben und sich wie die reinsten Idioten verhalten. Warum hatte Aule mich eigentlich damit bestraft, dass ich ausgerechnet dieser Spezies so viel paradoxe Sympathie entgegenbrachte!
    Wie erwartet hatten sie tatsächlich die hirnrissige Idee das der arme Halbling zu den Trollen vorgeschickt werden sollte und wenn möglich etwas stahl – als Beweis für die Richtigkeit seiner Wahl. Hatten sie etwa vergessen, dass die Besitztümer der Trolle verzaubert waren? Offensichtlich. Kopfschüttelnd beobachtete ich das Drama von meiner bequemen Astgabel aus. Die Zwerge kamen natürlich um den Halbling zu retten und wurden innerhalb kürzester Zeit in Säcke verfrachtet. Lebendige Nahrungsmittel bereit zum Verzehr? Wohl kaum. Der junge Hobbit dagegen bewies einiges an Mut und Klugheit, nur dass die geistig zurückgebliebenen Zwergenhirne erst ein paar wertvolle Minuten brauchten, um seinen Plan zu begreifen. Männer! Keine Sekunde wollte ich mir das länger ansehen. Ohne Vorwarnung begannen die Flammen des Lagerfeuers ein Eigenleben zu bekommen und schlangen sich um die hässlichen Körper der Kreaturen. Einzig Thorin schien zu ahnen, was da ablief denn er suchte die Umgebung sofort wachsam ab. Als ob ich ihm erlauben würde, mich jetzt schon zu entdecken. Dummkopf. Meine Stimme schien von überall her zu kommen: „So sehr ich es auch genießen würde zu sehen wie gewisse Zwerge eine Abreibung bekommen schlage ich meine Kämpfe doch alleine. Ich bin die Einzige die Thorin Eichenschild die Haut abziehen und lebendig verbrennen darf.“
    Erschrockene Erkenntnis breitete sich auf den Gesichtern der älteren Zwerge aus. Ich intensivierte die Qualen der Trolle mit boshaftem Vergnügen. „Stellt euch hinten an ihr Riesenbabys. Ihr bekommt von ihm das ab, was übrig bleibt, wenn ich damit fertig bin ihn vor Schmerzen Sterne sehen zu lassen. Wie feige, sich immer an die kleinen Schwächeren heranzumachen. Aber was soll man schon von Kreaturen erwarten, deren Hirn nicht größer als eine Haselnuss ist?“ Sie heulten vor Schmerz und krümmten sich. Meine Ohren taten weh bei diesem Geheul aber ganz ehrlich ich genoß den Anblick viel zu sehr. Trolle hatten damals meine Zelle bewacht und dementsprechend groß war mein Hass auf sie.
    „Feana! Komm sofort heraus!“ Brüllte da der Zwergenanführer los. Wie bitte? Dieser minderwertige Wicht wagte es mir Befehle zu erteilen! Erbost starrte ich ihn an. Am liebsten würde ich ihn jetzt grillen! Wahrscheinlich stiegen gerade winzige Rauchsäulen aus meinen Nasenlöchern. Es war selbstmörderisch mich zu provozieren. „Nein Schnuckelchen, das kannst du dir abschminken wenn du in diesem Tonfall weiter mit mir redest! Du bist noch nicht zu alt um übers Knie gelegt zu werden. Ein bisschen mehr Respekt wenn ich bitten darf!“
    Vereinzelt sah ich ein verschmitztes Grinsen auf den Gesichtern seiner zwergischen Leidesgenossen. Na warte, euch wird das Lachen noch vergehen. Ich sprang, machte eine elegante Flugrolle ehe ich mit gezückten Waffen direkt vor dem Hobbit in der Hocke landete.
    „Eine Frau!“ Einer der Trolle schien zumindest noch klar genug zu sein um mein Geschlecht richtig zu bestimmen. Applaus, Applaus. Spöttisch musterte ich ihn. „Ja stell dir vor, das bin ich seit meiner Empfängnis! Junger Hobbit, kümmere dich bitte um diese dumpfbackigen Gartenzwerge, die sich ohne eine Frau ständig in Lebensgefahr bringen und sorge dafür, dass sie ruhig sind. Ich habe keine Lust, mich um sie zu kümmern.“
    „Gartenzwerge!“
    „Dumpfbackig!“
    „UNTERSTELLST DU UNS HILFLOS ZU SEIN FEA!“
    Wütend wirbelte ich zu Thorin herum, der gerade vom Hobbit befreit wurde. Ich würde ihm nicht erlauben mich Fea zu nennen, dieses Privileg hatte der Herr sich gründlich verspielt! Zur Hölle mit Gelassenheit und Ruhe! „Für dich immer noch Herrin und Meisterin Thorin Miesepeter!“
    „Ähm ich unterbreche euer Liebesgesäusel nur ungern Feana, aber wolltest du dich nicht um die Trolle kümmern?“ Versuchte Balin eilig seinen Freund zu retten. Mutiger Zwerg. Ich warf beiden einen stechenden bösen Blick zu. „Sei dankbar, das Balin dir deinen wertlosen Arsch gerettet hat Gnom, sonst wärst du jetzt zu meinem Zahnstocher mutiert! Aber er wird dich nicht immer retten können...“
    Aufgebracht richtete ich mich zu meiner vollen Größe auf und warf meine Haare schwungvoll nach hinten. Die Sonne ging bereits auf und ich spürte die Anwesenheit des nervigen Zauberers. Argh, Memo an mich selbst neue und bessere Freunde suchen! Ich stolzierte auf die Trolle zu die innerhalb kürzester Zeit unter meinen raubtierhaften Starren zu schrumpfen schienen. Sie stanken geradezu nach Angst. Herrlich! Auch wenn sie keine wirkliche Herausforderung boten. Weder verbal noch kämpferisch. Eigentlich jämmerlich.
    „Warum ist es hier gerade so unerträglich heiß?“ Die ahnungslose Frage des Halblings ließ mich böse grinsen. Oh Junge, du hast ja keine Ahnung was ich bin. Wahrscheinlich würde er schreiend weglaufen wenn er mich erst richtig in Aktion erlebte. So wie Thorin damals. Seither war er nie mehr so schnell gerannt oder hatte so schrill gekreischt wie ein kleines Mädchen. Ja, sehr königlich ich weiß. Langsam hob ich die Klingen vor mein Gesicht um das Feuer in tödlich gebündelter Form freizulassen. Ohne mich umzudrehen antwortete ich mit einer Gegenfrage. „Tja, kleiner Hobbit, schon mal darüber nachgedacht das auch andere Feuerwesen als Drachen oder Balrogs existieren?“
    Im selben Moment als mein Feuer die verängstigten Trolle erreichte zerbrach der Fels hinter ihn und sie erstarrten zu Stein. Nun ja, die Oberfläche wurde zu Glas. Erbost funkelte ich den Zauberer an.
    „WELCHEN TEIL DER WARNUNG:, STELL DICH NIE ZWISCHEN EINEM PHÖNIX UND SEINE FEINDE’ HAST DU NICHT VERSTANDEN GRAUBART!“
    Bemüht um Frieden hob er die Hände, aber dieses Mal würde ich mich nicht besänftigen lassen. Höflichkeit und Diplomatie waren noch nie meine Stärken. Meiner Meinung nach hatte keines der beiden etwas in Kämpfen verloren. Und dieser Zausel hatte sich zwischen mich und meiner Beute gestellt. Unverzeihlich! „Bitte Fea lass dich nicht von ihm beherrschen!“
    „HALT DIE KLAPPE KLEINER ISTARI! VON EINEM ZAUBERER, DER KEINE AHNUNG HAT, WAS MEIN LEBEN FÜR MICH EIGENTLICH BEDEUTET, MUSS ICH MIR NICHTS VORSCHREIBEN LASSEN! ICH SOLLTE DICH IN FEINE STÜCKE ZERREISSEN UND AN DIE WÖLFE VERFÜTTERN!“
    Eingeschüchtert senkte er den Blick und biss sich auf die Unterlippe.
    Männer! Großes Mundwerke und nichts dahinter! Empört drehte ich mich zu den Zwergen um, die das Schauspiel mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern beobachtet hatten. Offensichtlich hatten sie meine berüchtigten Zornausbrüche vergessen. Finster fixierte ich Thorin Eichenschild. Dieser Mistkerl hatte mir das Herz herausgerissen, war darauf herumgetrampelt und es gedankenlos zerbrochen.
    „DASSELBE GILT FÜR DICH THORIN EICHENSCHILD!“
    „Beruhige dich Feana!“ Verächtlich und hasserfüllt blitzte ich den Zwerg ein letztes Mal an ehe ich verschwand. Nein ich würde nicht herausfinden ob unsere angebliche Liebe noch eine Chance hatte. Ich brauchte dringend Abstand zur männlichen Idiotie.

    4
    Kapitel 4: Die "schlechtere" Hälfte des Phönixs

    Thorins Sicht:
    Überrumpelt starrte ich auf die Stelle wo Fea vorhin gestanden hatte. Ich hatte es mir nicht eingestehen wollen, dass ich sie immer noch liebte aber nun konnte ich es nicht mehr leugnen. Verdammt wie sie mich angesehen hatte! Dieser Schmerz, die Wut, das Feuer in ihren Augen – die geballte Leidenschaft ihres vertrauten Wesens nach Jahren zum Greifen nahe und ich Idiot hatte sie einmal mehr vertrieben. Ich musste nicht in die Gesichter der anderen blicken um zu wissen, dass einige mich mitleidig musterten. Kein Wunder, sie hatten mein Gejammer immer wieder hören müssen. Nach ihrem Fortgang war mir mein Fehler sehr bald klar geworden, dafür hatten auch Balin und Dwalin gesorgt, die Fea als Teil der Familie ansahen und mir die Schuld am Ganzen gab. Leider hatten sie Recht. Mein Starrsinn hatte mich das Einzige gekostet das ich niemals verlieren wollte: die Liebe meines Lebens., Ein Zwerg liebt nur einmal.’
    Dieser Spruch hatte sich eindeutig als wahr erwiesen.
    Schon beim ersten Klang ihrer Stimme hatte ich Herzrasen bekommen, die alten Gefühle waren aufgeflammt und die Sehnsucht zu ihr zu gelangen zerriss mich fast. Als sie dann kampfbereit in der Hocke landete, hatte ich mich nur mit Mühe davon abhalten können im Sack gefangen zu ihr zu kriechen und um Vergebung zu betteln. Sie war noch schöner als in meinen Erinnerungen und der Schmerz sie verloren zu haben nahm zu.
    Dieses ganze Feuer war einst Mein gewesen. Ich konnte mich noch sehr gut an die Zeit erinnern in der sie mich liebevoll angesehen hatte und ich wusste, dass ich der glücklichste Mann der Welt war. Es war ein Geschenk von einer Frau wie ihr geliebt zu werden und nun hasste sie mich.
    Zum Glück war ich ihr nicht gleichgültig. Mit Wut, Hass und Schmerz konnte ich besser arbeiten als mit Gleichgültigkeit. Die Trennung zwischen diesen leidenschaftlichen Gefühlen war haarscharf. Wenn ich es zur Abwechslung nicht vermasselte könnte ich es schaffen sie von der Aufrichtigkeit meiner Liebe zu überzeugen. Naja, hoffentlich zumindest.
    Aber ich würde versuchen sie wiederzugewinnen, selbst wenn das bedeutete die eine oder andere Brandblase zu riskieren.
    „So wütend habe ich sie lange nicht mehr erlebt.“ Murmelte Gandalf der genauso wie ich auf den Brandfleck starrte den sie bei ihrem Abgang hinterlassen hatte. „Bei meinem Besuch vor ein paar Monaten war sie zwar etwas mürrisch und wies mich in meine Grenzen, aber verglichen mit eben war das geradezu freundlich. Darf ich fragen, warum sie dich so sehr hasst, Thorin? Dem Waldbrand sind wir ja nur knapp entkommen.“
    Und auch nur weil sie verschwunden war bevor sie die Kontrolle über ihr Feuer verlor. Ich schluckte angestrengt und wich Dwalins vorwurfsvollem Blick aus. Jeder, wirklich jeder, hatte damals mitbekommen wie ich Fea anschrie und aufs Übelste beschimpfte. Ich hatte sie Monster, abscheulich, grausam und kaltherzig genannt. Dabei wusste ich doch am besten, dass es nicht wahr war was ich sagte. Es war kurz nach dem Auftauchen des Drachen und unserer Flucht nach Dunland gewesen als ich ihr gänzlich das Herz brach und ihren Hass auf mich zog. Fea hatte zuvor ein paar Mal versucht vernünftig mit mir zu reden doch dazu war ich nicht in der Lage gewesen. Aus reiner Dummheit und Ohnmacht hatte ich sie vertrieben. Mehr noch, ich hätte sie beinahe getötet. Nicht, das es viel genutzt hätte. Sie war ein Phönix und wäre wiedergeboren worden, aber es hatte ausgereicht um alles Gute zu zerstören. Seither war sie verschwunden und kein Zwerg hatte sie mehr zu Gesicht bekommen. Bis heute und ich Idiot hatte es geschafft sie erneut zu vertreiben.
    „Wir waren früher ein Paar und unsere Trennung war... schwierig.“
    „Das ist noch mild ausgedrückt.“
    „Er hat ihr das Herz gebrochen und sie ist weggelaufen.“
    „Seitdem jammert er entweder rum, heult als ob sie tot wäre oder schnauzt jeden an der in seine Nähe kommt.“
    Das reichte! Scharf blickte ich jeden meiner Gefährten an. Dass sie mich nun hänselten und über mich lustig machten gefiel mir gar nicht. Diese ganze Sache ging nur uns beide etwas an. Fea würde es mir schon schwer genug machen, da konnte ich diese Nervensägen nicht brauchen. Wo war sie nur hingegangen? Aber egal wo sie sich versteckte, ich würde sie finden! „Diese Sache geht nur Fea und mich etwas an!“
    Dwalin verschränkte die Arme vor der Brust und grinste spöttisch.
    „Thorin, Fea wird von allen vermisst, nicht nur von dir. Bring das in Ordnung oder Dis wird dir den Kopf abreißen wenn du ohne sie zurückkommst. Deine Schwester liebt sie genauso wie wir alle.“
    „Und ihr gebt mir die Schuld an ihrem Verschwinden!“
    „Natürlich. Er war nicht mehr zu retten und das hat sie dir auch erklärt. Du wirst zu Kreuze kriechen müssen um das wieder gut zu machen.“
    Ich schnitt innerlich eine Grimasse. Na, ein Spaziergang würde das keineswegs werden. Als ob das ganz so einfach wäre: Ich müsse lediglich die Gnade meiner Liebsten erlangen. Wenn Fea eines war dann stur. Hoffentlich würde sie mich nicht grillen oder braten. Zumindest nicht für die nächste Zeit. „Sie ist wieder einmal abgehauen. Wann oder wie soll ich denn eurer Meinung nach Abbitte leisten? Zumal unser Phönix sich als äußerst flüchtig erweist.“ Der alte Zauberer grinste verschmitzt. Misstrauisch musterte ich ihn. Was hatte er nur wieder vor?
    „Es gibt sehr viele Möglichkeit eine widerspenstige Feana zurückzurufen. Ich dachte, ihr kennt sie gut genug um zu wissen, wie sehr sie hohe Töne hasst.“ Skeptisch wechselten Balin, Dwalin und ich Blicke. Ob es eine so gute Idee wäre Fea noch mehr zu verärgern als sie es ohnehin schon war? Ich hatte nicht vergessen, dass sie in ihrem Zorn ein ganzes Orknest in Flammen aufgehen lassen konnte. Wenn diese Frau eines war dann gefährlich. Ihr empfindliches und absolut musikalisches Gehör hatte sich immer wieder als Fluch erwiesen, da sie hohe Töne tatsächlich nicht vertrug. Es wäre reiner Selbstmord. Ich mochte stur sein, aber ich war nicht so dumm wie Gandalf offenbar dachte.
    „Und dann als Brathähnchen enden?“ Murrte Bifur ungehalten. Ich konnte ihm nur beipflichten. „Es wäre glatter Selbstmord sie so zu behandeln.“
    In diesem Moment hörten wir zwei leise Frauenstimmen.
    Ich sog leicht die Luft ein. Eine von ihnen war Fea!
    Zögernd folgten wir dem Klang der melodischen Stimmen. Vor einer stinkenden Höhle stand Fea zusammen mit einer dunkelhaarigen Elbin. Argwöhnisch beobachtete ich die beiden. Sie wirkten so vertraut, fast schon wie Freundinnen. Ärgerlicherweise schien Fea sich beruhigt zu haben und benahm sich verdächtig umgänglich. Was hatte sie nur mit dieser Elbin zu schaffen? Und warum standen sie seelenruhig vor dem Trollhort? Meine Liebste neigte nachdenklich den Kopf. Sie schien so ruhig und besonnen zu sein. Also hatte sie sich völlig unter Kontrolle.
    „Du bist dir also sicher, dass du diesen Weg beschreiten willst Vara?“
    „Was spricht denn gegen die Route? Ich war lange nicht mehr in Harad, von Rhûn und Khand ganz zu schweigen. Außerdem weiß ich doch, wie sehr Abenteuer dich reizen und da du dein Herzblatt nicht begleiten wirst – was spricht also dagegen das du mitkommst?“ Ich ballte die Hände zu Fäusten. Sie würde ganz sicher nicht dorthin reisen wo ich sie nicht beschützen konnte! Und was dieses Spitzohr anging wer war sie überhaupt! „Tja, wenn Mordor mein Reiseziel wäre würde ich mich dir tatsächlich anschließen meine Liebe aber ich habe vor ein kleines Gespräch mit unserem königlichen Trinker und emotionalen Stockfisch zu führen. Namentlich bekannt als Thranduil.“ Bei der Bezeichnung des Elben musste ich ein Prusten unterdrücken. Schien so, als wäre ich nicht der Einzige, den sie nicht ausstehen konnte. Äußerst beruhigend. Ich konnte nicht den Blick von Fea abwenden. Ihr Haar, das in den Farben des Sonnenuntergangs beinahe glühte, wirbelte in kessen Locken um sie herum. Wild, ungezähmt und widerspenstig wie sie selbst. Dieses leidenschaftliche Feuer hatte einst mir gehört und ich wollte sie wiederhaben. Leider dürfte sich das als schwierig erweisen.
    „Sehr charmant Fea. Du warst auch schon mal umgänglicher. Sag bloß im Liebesparadies gibt es auch Regen? Streit unter Liebenden? Soll ich dir einen Tipp geben? Vielleicht kann ich euch helfe?“
    „Ha, sehr witzig. Darf ich dich daran erinnern, dass ich eigentlich keine Lust hatte ihn wiederzusehen? Deinetwegen habe ich ihn wiedergesehen und wurde ganz nebenbei um meine schöne Rache gebracht. Es gibt nur wenige Wesen die ich mehr hasse als Morgoth. Höhlentrolle gehören dazu.“ Verwirrt sah ich meine Gefährten an. Hieß das etwa, dass ich Fea nicht begegnet wäre, hätte die Elbin sie nicht dazu überredet? Ich wusste gar nicht, dass jemand Einfluss auf ihre Entscheidungen nehmen konnte. „Sei nicht immer so nachtragend meine Liebe. Kommst du jetzt mit?“
    „Bevor oder nachdem ich dir für deinen Rat den Hals umgedreht habe?“
    „Davor.“ Die Elbin lachte leise auf. „Außerdem bringt es absolut nichts schon vergessen? Bis der Fluch gebrochen ist kann mich nichts umbringen. Auch nicht ein wütender Phönix oder ein Drache.“
    Fea seufzte leise und murmelte etwas das sich verdächtig nach einem >leider< anhörte. Ich grinste. Vielleicht mochte sie die Elbin doch nicht so sehr wie befürchtet. „Warum sind deine Haare eigentlich nicht mehr schwarz Fea? Normalerweise haben sie nicht diese Farbe.“ Die Elbin streckte die Hand aus um die Haare zu berühren und fuhr mit einem Jaulen zurück. Haha, sie hatte wohl vergessen, dass ein Phönix aus Feuer bestand. Tja, Dummheit auf zwei Beinen mit spitzen Ohren...
    „Phönixe sterben und werden wiedergeboren. Das meine Haare jetzt auch tagsüber diese Farbe annehmen ist eine Warnung. Es dauert nicht mehr lange und ich werde einmal mehr den natürlichen Tod eines Phönix sterben.“ Verblüfft rückten Balin und Dwalin näher. Aufmerksam beobachtete ich jede Bewegung meiner Liebsten. Diese erstarrte auf einmal und ihre Augen begannen vor unterdrücktem Hass zu lodern. Diesen Ausdruck kannte ich nur zu gut. Hier draußen bedeutete er in der Regel eins: Orks. Ihre nächsten Worte bestätigten diesen Verdacht. „Wir sollten schleunigst von hier verschwinden, es sei denn, du wünscht dein Können unter Beweis zu stellen, Vara. Eine Gemeinschaft wie diese, besonders wenn sie es nicht versteht, sich lautlos zu bewegen, erregt zu viel unerwünschte Aufmerksamkeit. Ich rieche Orks und Warge.“

    5
    Kapitel 5: Lästige Verwandtschaft

    Feana’ s Sicht:
    Grausame Vorfreude, Hass und Zorn brodelten in mir hoch. Nach dem Aufeinandertreffen mit dem Zwerg brauchte ich ein Ventil um mich abzureagieren. Die Gefühle, die mich bei seinem Anblick durchflutet hatten, störten mich gewaltig. Den neben der Wut, dem Groll und dem Schmerz waren auch Liebe, Hoffnung, Unsicherheit und Zuneigung in mir aufgestiegen. Dabei wusste ich, dass ich Thorin nicht vertrauen konnte. Warum fühlte ich mich also immer noch zu ihm hingezogen? Ich verstand es nicht. Aber im Moment war es auch wichtiger gewissen Kreaturen eine Lektion zu erteilen. „Wetten, das ich mehr töte als du?“
    Vara grinste verschmitzt bei dieser Frage. Wenn wir zusammen kämpften und wetteten gewann in der Regel ich. „Das wäre unfair. Immerhin hast du im Gegensatz zu mir auch das Feuer als Waffe. Verursache nur bitte keinen Waldbrand. Das wäre ein bisschen unpraktisch.“
    „Dann komm Elblein! Lass uns Orks jagen.“ Synchron verließen wir den Ort und spürten rasch die Truppe auf. Hasserfüllt zischte ich als mir der Gestank von Azog in die Nase stieg. Dieser Mistkerl! Allerdings würde ich ihn mit Freude Thorin überlassen. Bevor wir jedoch zum Angriff übergingen verharrte Vara vor Überraschung. Ich hatte die Präsenz längst wahrgenommen, aber das störte mich nicht. Immerhin war er kein Ork, Warg oder Zwerg. Auch wenn es mich erstaunte ihn hier zu wissen. Normalerweise verließ er seinen Wald und die Tiere selten. Grinsend fixierte ich meine Beute und spannte den Bogen. Zeit für ein bisschen Spaß. „Ich höre unseren alten Freund Aiwendil*.“
    „Deine Sinne waren auch schon mal besser Vara. Ich habe ihn schon viel früher bemerkt. Er wird sich um Gandalf und die Gnome kümmern.“
    „Sie heißen immer noch Zwerge Fea.“
    Gelangweilt zuckte ich mit den Schultern. Meine Fingerspitzen kribbelten vor Verlangen zu töten. Die dunkle Seite des Phönixs hatte die Oberhand gewonnen und ich wusste, dass man mir nun die Grausamkeit ansehen konnte. Es war mir gleichgültig. Ich wollte Orkblut sehen.
    „Mir egal. Ich will mich abreagieren. Sollen sie doch machen was sie wollen, solange sie mir nicht in die Quere kommen.“
    „Manchmal bist du so sozialverträglich wie ein hungriger weiblicher Drache.“ Ich ignorierte sie und begann zu schießen. Dieser Vergleich war einfach zu idiotisch um kommentiert zu werden. Die Orks wirbelten herum, als sie das Gurgeln hörten. Mit einem bösen Lächeln verließ ich meine Deckung. Entsetzen zeigte sich auf ihren hässlichen Fratzen als sie mich unweigerlich erkannten. In der Ferne hörte ich das Geplapper von Thorins Reisegesellschaft und dem Istari, sowie das Heulen eines Wargs. Tja, Überleben ist Glückssache, Zwerglein!
    Gemeinsam mit Vara begann ich die Gruppe aufzuspalten, da ich bereits den näherkommenden braunen Zauberer wahrnahm. Immerhin bin ich höflich und überlasse ein paar Orks auch gerne anderen. Na dann, viel Vergnügen ihr armen Kaninchen. Möge der Bessere gewinnen!
    Radagast wirkte überrascht als er uns kämpfen sah, tat aber das, was er sich anscheinend vorgenommen hatte und lenkte die Aufmerksamkeit der Orks, die gerade vor mir flohen, auf sich. Sollte das sein Ablenkungsmanöver sein? Nun, er war erwachsen und musste damit umgehen können, eventuell getötet zu werden. Nicht, das es mich wundern würde, wenn er dem Tod entging. Immerhin war er ein Zauberer. Lächelnd konzentrierte ich mich wieder auf den Kampf und schlachtete vergnügt meine Gegner ab. Da die Kehle durchschneiden, hier ein Tritt, der den Kopf vom Rumpf abtrennt, dort einen Ork von oben nach unten entzwei spalten – hach, wie sehr hatte ich das vermisst! Fröhlich begann ich zu singen und das absichtlich in der Schwarzen Sprache. Die Reaktion der Orks war einfach nur göttlich. Ihre Angst strahlte von ihnen aus und ich verfiel in den berüchtigten Rausch. Alles andere verblasste. Bis auf die ängstlichen grotesken Fratzen und das Singen meiner Waffen bemerkte ich nichts mehr. Wieder war ich die Heerführerin von einst. Gnadenlos in ihrer Grausamkeit ihren Feinden gegenüber. Ich fühlte nichts mehr. Kein Hass, kein Zorn, keine Reue und keine Freude am Töten. Ich tat das, was ich mein ganzes langes Leben getan hatte: Kämpfen ums Überleben.
    Erst als alle Orks vernichtet waren und ein elbischer Ruf erschallte, kam ich wieder zu mir. Um mich herum lagen die verstümmelten und unnatürlich verdrehten Körper der Kreaturen. Schade, dass es schon vorbei war. Gerade jetzt, wo ich diese Ablenkung gebraucht hatte. In der Ferne spürte ich, wie die seltsame Gemeinschaft Thorins sich Imladris näherte. Ihn wäre ich jetzt los. Allein schon der Gedanke, dass er die Hilfe von Elben annehmen musste erfreute mich zutiefst. Es würde ihm nicht gefallen. Ich blinzelte und bemerkte neben Vara einen gewissen Elbenfürsten in goldener Rüstung. Pah, Angeber. Das kann ich auch!
    Im Gegensatz zu ihm brauchte ich keine Rüstung und diejenige, die ich hatte, verdankte ich Aule. Ich musste nur an sie denken und schon trug ich sie. Nur fand ich es viel angenehmer in meiner „Waldläuferkleidung“ zu kämpfen. Ich hasste diesen Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht. Wieso war er so besorgt um mich? Er wusste, dass ich so schnell nicht krepierte. Und selbst wenn, kam ich wieder zurück. Mein ach so geliebtes Schicksal! Leider, leider, waren wir miteinander verwandt. Auch wenn ich dieses Verwandtschaftsverhältnis gerne ignorieren würde. Zu meinem Ärger ließ er mich nie vergessen wer ich vor meinem ersten Tod gewesen war. Ich war seine Urgroßtante. Pff! Das klang schrecklich. Es nervte mich, dass ich mein Alter immer bemerkte, wenn ich mich in seiner Nähe aufhielt. Früher war unser Verhältnis viel besser gewesen. Ich hatte ihn genauso geliebt wie meine tote Familie. Aber er hatte selbst zur Entfremdung beigetragen. Niemals hätte er mich aufhalten dürfen, mir den Kopf des Drachen zu holen, der meinen Zwergenfreund Dáin I. auf dem Gewissen hatte. Nicht nur das hatte er getan. Ihm war es schwer gefallen, meinen Rückzug aus der mittelerdischen Politik zu akzeptieren. Zumal Ereinion mich als seine Erbin benannt hatte. Aber ich wollte keine Königin sein. Nicht nach allem was passiert war. Ja, Ereinion und ich waren mehr als Heerführerin und König gewesen. Er hatte mich als seine Königin angesehen und stand damit nicht alleine. Aber ich konnte ohne meinen geliebten König nicht dieses Erbe antreten. Also hatte ich auf die Krone verzichtet und hatte meinem früheren Leben den Rücken gekehrt. Elrond hatte mir diese Haltung nie wirklich verziehen. Seiner Meinung nach hatte ich einen großen Fehler begangen. Ich sah das anders. So zerbrochen wie ich innerlich war seit dem Tod meines Geliebten konnte ich nicht die Pflichten der Hohen Königin der Elben erfüllen.
    2941 Jahre waren eine viel zu kurze Zeitspanne, um alle Wunden zu heilen. In dieser Zeit hatte Elrond das Geheimnis erfahren, dass besser im Dunkeln geblieben wäre. Urgroßtante. Ein Verwandtschaftsverhältnis, dem ich am liebsten keine Beachtung geschenkt hätte. Nur machte er mir das mit seiner Haltung unmöglich. Gegen jede Vernunft sorgte er sich um mich, versuchte mich in eine Position zu drängen, die ich nicht mehr erfüllen konnte. Zu sehr hatte ich mich verändert. Sein Blick ruhte auf mir. Deutlich erkannte ich seine Besorgnis. Kurz blickte ich an mir herunter. Ich hatte keine Verletzungen und das schwarze Orkblut würde sich wegwaschen lassen. Kein Grund zur Beunruhigung.
    „Hiril nín?“ Verächtlich schnaubte ich. Als ob ich eine Dame war. Nicht einmal als ich ein Mensch gewesen war hatte man mich so bezeichnet. Aber Elrond hatte Höflichkeit und Manieren mit der Muttermilch aufgenommen. Was mich jedoch mehr nervte als seine Höflichkeit, war die Tatsache, dass er mich mittlerweile immer mit meinem alten Namen ansprach. Ich hätte ihn niemals verraten dürfen. Aber der Fieberwahn hatte mich halt zu dieser Dummheit verleitet. Elrond war klug genug um diese Information als bedeutend zu erkennen. Deshalb hatte er Nachforschungen angestellt. Mit dem Erfolg, dass er nun mein bestgehütetes Geheimnis in allen grausigen Einzelheiten kannte. Das war auch ein Grund, warum ich Bruchtal selten einen Besuch abstattete. Ganz davon abgesehen, dass Elben viel zu neugierig und aufdringlich waren sobald sie meine wahre Identität erfuhren. Nicht nur, das ich im Zweiten Zeitalter eine Legende gewesen war auch meine Abstammung schien wesentlich interessanter für gelangweilte Erstgeborene sein, als irgendwelche Studien über Bienchen und Blümchen. Ich verstand nicht, warum sie um diese Tatsache so viel Wirbel machten. Einige Elben behandelten mich allerdings immer noch wie früher. Glorfindel, Erestor, Vara, Círdan und nicht zuletzt Lindir. Lange hatte ich den männlichen Elben keinen Besuch mehr abgestattet. Besonders Lindir würde deshalb sauer auf mich sein. Immerhin hatte ich ihn in der Obhut Elronds überlassen, als er gerade mal zweihundert Jahre alt war. Aber er hätte mich nicht auf meine Jagd begleiten können. Lindwürmer waren an sich schon gefährlich. Für einen jungen Elben hätte diese Begegnung tödlich geendet. Und ich wollte nie wieder einen Elben begraben müssen, denn ich ins Herz geschlossen hatte. Nicht nach Ereinion. „În ci mael, Iselin?“
    Blöde Frage. Er konnte sich seine Besorgnis sonst wohin stecken! Ich war neunundneunzig Jahre älter als er! Aber bitte, wenn er liebender Urgroßneffe spielen wollte, warum nicht? Genervt verschränkte ich die Arme vor der Brust. Vara blitzte mich warnend an. Haha. Als ob ich keine Manieren hätte. Übertrieben verneigte ich mich leicht in seine Richtung. Hoffentlich merkte er, dass ich nicht bereit war, mit ihm über alte Zeiten zu sprechen. Meine Laune erreichte langsam ihren Tiefpunkt, was an sich schon ein schlechtes Zeichen war. Ich brauchte eine Pause. „Mae.“ Erleichtert lächelte der Junge mich an. Mein Gesicht verschloss sich immer mehr. Zu viel war zwischen uns vorgefallen, als das ich einfach ehrlich freundlich zu ihm sein könnte. Wir waren blutsverwandt und teilten einige kostbare Erinnerungen, aber das war mittlerweile auch das Einzige, was uns verband. Die sanfte Freundlichkeit auf seinen Zügen bereitete mir Übelkeit. Noch immer hegte er unerfüllbare Erwartungen an mich, seine ehemalige Mentorin. „Annan le ú-gennin.“ Als ob er mich vermisst hätte. Kühl musterte ich ihn. Jedes Mal, wenn wir uns begegneten, war die Luft zum Zerreißen angespannt. Ich konnte ihm nicht vergeben, was früher passiert war und er versuchte mich noch immer in eine Rolle zu drängen, die nicht mehr die meine war. Meine Zeit als oberste Heerführerin und mächtige Kriegsherrin war mit dem Tod Ereinions beendet worden. Ich konnte diesen Weg nicht noch einmal beschreiten. Es war vorbei, auch wenn Elrond das nicht akzeptierte.
    „Ich wüsste nicht, dass du so viel Wert auf meine Anwesenheit legst.“
    Tief atmete er durch, während Vara mich warnend musterte. Mir war es gleichgültig, was sie von meinem Verhalten hielt. Dies ging nur meinen Urgroßneffen und mich an. Unsere Differenzen waren zu groß, als dass ich meine Laune freiwillig verbergen würde. „Du bist sauer.“
    Tatsache. Es war nicht so schwer, meine Stimmung zu erraten. Ich wäre enttäuscht gewesen, wenn er es nicht bemerkt hätte. Spöttisch zog ich eine Augenbraue hoch. Leider war er noch nicht fertig. „Vielleicht könnten wir unsere Differenzen in Imladris ausräumen? Du bist verletzt und ich würde mir gerne die Verletzung ansehen. Wärst du dazu bereit?“
    Die ehrliche Antwort auf die beiden Fragen war >Nein<. Ich hatte keine Lust den Zwergen erneut zu begegnen und das würde ich, wenn ich mich nicht fatal in Olórin täuschte. Allerdings dauerte es nicht mehr lange, bis ich starb um wiedergeboren zu werden. Diese kurzen Phasen der Sterblichkeit waren nervend und eigentlich hatte ich keine Lust, im Nebelgebirge kurz nach dem Erwachen wieder zu sterben. Sollte ich mich also an meine Verwandten halten? Eigentlich wollte ich es nicht. Allerdings kannte ich auch Vara und die würde einen solchen Rückzug noch weniger akzeptieren als dieser Halbelb. Ganz davon abgesehen hatte ich Erestor knapp sechshundert Jahre nicht mehr gesehen und Lindir ganze vierhundert. Wenigstens ihretwegen sollte ich einen Höflichkeitsbesuch machen. Es zwang mich ja niemand, mit Elrond über die Vergangenheit zu sprechen. Tief atmete ich durch und schloss kurz die Augen. Wunderbar, die Elben, die mich noch aus meiner Zeit als Kriegsherrin kannten, würden sich wieder auf die Heldenverehrung meiner Person konzentrieren und die anderen sähen mich an wie ein exotisches Tier. Ich würde keinen unbeobachteten Schritt machen können. Am Schlimmsten waren ohnehin diejenigen, die meine wahre Abstammung kannten und mich verklärt behandelten. Blendende Aussichten, die meiner guten Laune auch so zuträglich waren!
    „Du solltest wissen, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich zur Abwechslung mal wieder sterbe. Ich habe Bruchtal als nicht besonders feuerfest in Erinnerung.“ Es war eine Warnung. Elrond seufzte leise und schüttelte leicht den Kopf. Ja, ich wich seinen Fragen aus. Zeit schinden war eine gute Methode um ihn loszuwerden. Allerdings könnte ich ein Zugeständnis machen. „Wir können miteinander reden nach meinem Erwachen. Vorher würdet ihr Elben einfach zu gefährlich leben.“
    Vara grinste wissend und zwinkerte mir verschmitzt zu. Warum sollte sie auch nicht amüsiert sein? Sie war es ja auch nicht, die unablässig angestarrt wurde. Hoffentlich überlebte ich dieses Theater. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Jahrmarktattraktion, dass ich nicht lache. Vielleicht sollte ich mich im Weinkeller verschanzen. Nicht, dass ich es schaffen würde, mich zu betrinken. Bedauerlicherweise konnte ich nicht meine Sorgen im Alkohol ertränken. Wie unpraktisch.
    „War das jetzt so schwer?“ Manchmal könnte ich sie umbringen. Ihre Belustigung regte mich auf. Ich seufzte und löste meine Arme. Aufmerksam musterte sie mich. Nun würde ich nicht mehr den Besuch streichen können, dafür kannte ich sie zu gut. Sehr wahrscheinlich würde sie mich andernfalls an den Haaren nach Bruchtal schleifen. Und ganz ehrlich, auf diese Erfahrung konnte ich verzichten! Es würde zu sehr an meinem Stolz nagen und mir im Nachhinein Magenkrämpfe bescheren. Ich war keine Zweiundzwanzigjährige mehr, die von einem Ork während eines Gemetzels an den Haaren zu einem Warg geschleift wurde. Innerlich fluchte ich, als auch andere Erinnerungen sich aufdrängten. Das war nicht der rechte Zeitpunkt um sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich musste schleunigst mein feuerfestes Versteck aufsuchen. Der Schmerz, der mir bevorstand, war grausamer als alles, was ich den Orks in der Vergangenheit angetan hatte.
    „Fea, pass auf dich auf. Wir werden dich in Imladris erwarten.“
    Einfach nur wunderbar. Wenigstens verschwanden sie nun endlich. Warum machte man um mich so einen Aufstand, aber Varanérë, die ebenfalls eine Verwandte Elronds und viel älter als ich war wurde verschont? Schließlich war sie die Schwester von Feanor, Fingolfin und Finarfin. Vergleichsweise war ich doch bedeutungslos! Ich war die Tochter von Barahir und ursprünglich ein Mensch. Meine Abstammung war längst nicht so beeindruckend wie die meiner Freundin. Elbengehirne funktionierten anscheinend zwangsläufig anders als die von Menschen
    Kopfschüttelnd suchte ich nach dem nächsten See und wusch das Orkblut ab. Wie schon zuvor erkannt, hatte ich keine einzige Verletzung davon getragen. Etwas anderes hätte mich auch gewundert. Gerade jetzt, da der Phönix ständig präsent war, hätten sich die Wunden sofort geschlossen. Wieder einmal viel Lärm um nichts. Wahrscheinlich hatte Elrond auch verzweifelt nach einen logischen Vorwand für meine Anwesenheit in Imladris gesucht. Zuzutrauen wäre es ihm.
    Wachsam streckte ich meinen Geist aus. Das Letzte, was ich gebrauchen konnte, waren unerwünschte Beobachter. Zu meinem Ärger befand die seltsame Gemeinschaft um Gartenzwerg Thorin in Bruchtal. Hoffentlich blieben sie nicht allzu lange. Mein Bedarf an zwergische Gesellschaft war für die nächste Zeit gedeckt. Auf keinen Fall wollte ich dem Mistkerl erneut begegnen. Meine Bereitschaft, herauszufinden, ob unsere Liebe von einst überhaupt noch bestand, war ausgelöscht. Ich würde Thranduil einen kleinen Besuch abstatten um sicherzugehen, dass er Dol Guldur im Blick behielt und anschließend nach Rhûn gehen. Die geänderte Route kam meinem Bedürfnis nach Distanz zu gewissen Zwergen perfekt entgegen. Bis zu meinem Aufbruch musste ich allerdings zuerst den schmerzhaften Tod des Phönixs sterben und wieder erwachen.
    Seufzend machte ich mich nach meinem Bad auf den Weg zu der Höhle, die ich genau für diese Phase eingerichtet hatte. Niemand kannte diesen Ort und so war ich in meiner verletzlichsten Zeit so sicher wie sonst nie.
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    *Quenya Name für Radagast
    În ci mael? = Seid Ihr wohlauf?
    Mae = ja, gut
    Annan le ú-gennin. = Ich habe dich seit langer Zeit nicht gesehen.

    6
    Kapitel 6: In den Fängen der Vergangenheit

    Zwei Wochen waren seit meinem Aufeinandertreffen mit Elrond vergangen. In dieser eigentlich kurzen Zeit hatte ich den schmerzhaftesten Tod durchlaufen, den das Schicksal für mich bereithielt. Knochen waren zersplittert, das Blut hatte Feuer gefangen und ich war von meiner außer Kontrolle geratenen Magie entzwei gerissen worden. Der Todesprozess hatte zwei Tage und Nächte angehalten, ehe ich bewusstlos wurde und meine Organe versagten. Als ich schließlich wieder zu mir kam, begann mein Körper bereits sich vollständig zu regenerieren. Auch das wurde von Schmerzen begleitet. Kaum war die Heilung ganz abgeschlossen, spürte ich das Fehlen meiner wichtigsten Fähigkeit.
    Es würde noch etwas länger dauern bis der Phönix sich von der Tortur erholt hatte und das Feuer heißer als das eines Drachen brannte. Bis dahin war ich so schwach wie eine gewöhnliche Sterbliche.
    Auch mein Aussehen hatte mehr Ähnlichkeit mit der Frau, die ich vor meinem ersten Tod gewesen war. Noch immer war mein taillenlanges Haar rabenschwarz, glatt und schimmerte im Licht leicht bläulich. Meine Augen, die als Zeichen der Präsenz des Phönixs sonst grün strahlten, waren wieder stürmisch grau. Für eine Frau war ich als Mensch ungewöhnlich groß. Die laut Elben perfekte Haut war von der Sonne leicht gebräunt und schimmerte in einem weichen gesunden Goldton. Diesem Aussehen verdankte ich meinem Fluch. Morgoth war mir einst verfallen, sowie es später auch einige Elbenkönige. Doch da war ich schon unsterblich wider willen. Sie hatten mich alle in meinen beiden Gestalten erlebt und wussten durchaus beides zu schätzen. Der Phönix war leidenschaftlich, die Frau nicht minder. Und so mancher liebte die Gefahr, die es in sich barg, ein Feuerwesen zu umwerben.
    Das alles kümmerte mich nicht. Erst wenn ich meine Kräfte vollständig wiedererhalten hatte würde ich beruhigt schlafen können. Wie sehr ich doch das Wissen hasste, das es für mich kein Entkommen gab.
    Seufzend blickte ich in den Sonnenuntergang. Eigentlich könnte ich bereits jetzt nach Imladris gehen. Ein Vogel hatte mir verraten, dass die Zwerge samt Halbling weitergezogen waren. Der Weg war also frei.
    Nur wollte ich in diesem noch geschwächten Zustand zu den Elben gehen? Die älteren Bewohner kannten mein Geheimnis, doch die Jüngeren wussten nichts darüber. Konnte ich es riskieren, das sie miterlebten, wie der Phönix an Macht gewann und ich einmal mehr im Kreislauf gefangen wurde? Auf der anderen Seite war ich so schneller wieder unterwegs.
    „Iselin.“ Ich zuckte heftig zusammen. Warum mussten sich die Valar immer an mich anschleichen! Das war echt nicht mehr lustig. Grollend vor Ärger drehte ich den Kopf und erkannte Orome. Na so was. Der ach so charismatische Weiberheld, der oft genug jungen Elbinnen bei einem Bad in heißen Quellen oder in normalen Seen hinterher spionierte, beehrte mich mit seinem Besuch. Wie immer, wenn ich es mit allen Valar außer Aule und Yavanna zu tun hatte, hielt sich auch jetzt meine Begeisterung in Grenzen. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte mich nicht zur Kenntnis genommen. Wahrscheinlich spionierte er mir schon länger nach. Oder aber Aule hatte ihm verraten, wo ich mich befand. Sollte Letzteres zutreffen, stand meinem valarischen väterlichen Freund eine Standpauke ersten Grades bevor. Er wusste sehr wohl, dass ich Überraschungsbesuche verabscheute. Von meiner ablehnenden Haltung ließ der Jäger sich wiederum nicht abschrecken. Selbstsicher grinsend ließ er sich neben mir ins Moos fallen. „Aiya, meldis nín!“
    Pff. Verärgert wandte ich mich wieder von ihm ab. Ich würde mich nicht von seinem Charme einwickeln lassen. Soweit ich wusste, waren wir nie Freunde gewesen. Wahrscheinlich waren selbst Valar nicht gefeit vor geistiger Umnachtung! So wie ich ihn einschätzte belästigte er mich nur, weil er etwas von mir wollte. Und da ich ihn zu meinem Leidwesen kannte, bedeutete das in der Regel, dass er sich auf meine Kosten amüsieren würde, wenn ich seinen Wünschen nachkam. Also nein, er sollte sich fortscheren! Es reichte, wenn Aule mir in den Ohren lag, weil er eine seltsame romantische Adar hatte und mich unbedingt glücklich mit Thorin sehen wollte. Dummkopf. Daraus würde nichts werden. Punkt.
    Orome lachte leise, als ob meine Reaktion sehr amüsant wäre.
    „Aule warnte mich bereits, dass du schlecht auf uns zu sprechen seist.“
    Anscheinend war er nicht besonders lernfähig, oder er litt unter Langeweile. Mich störte es gewaltig, dass er so sehr in meinen persönlichen Raum eindrang. Murrend starrte ich in die Ferne. Manchmal vermisste ich die glücklichen Zeiten mit Ereinion schmerzhaft. So lange ich mit ihm zusammen gewesen war, hatten die Valar sich mit ihren unangekündigten Besuchen zurückgehalten. Leider schien Taktgefühl ein Fremdwort für diesen Jäger zu sein. Eindeutig, jemand hatte in seiner Erziehung katastrophal versagt. Und ich konnte nur Eru und ihm selbst Schuld für seine nervende Präsenz geben. Vielleicht verschwand er ja, wenn ich mich auf eine kurze Konversation einließ. Auch wenn ich eigentlich nicht daran glaubte. Parasit und Schlange in einem.
    „Und warum belästigst du mich dann? Langeweile?“
    Vergnügt lachte er auf. Wunderbar, jetzt hielt er mich wohl für witzig. „Auch.“ Entnervt warf ich die Arme hoch und starrte nach oben. Warum, Eru, musst du mich mit diesen angeblich höheren Wesen quälen! Was habe ich getan, um eine solche Strafe zu verdienen? Konnten die Valar sich nicht mit ihren elbischen Spielzeugen von der Langeweile der Unsterblichkeit ablenken? Aber nein, lieber belästigten sie eine gewisse Frau, die schon genügend Probleme ohne ihre Einmischung hatte!
    „Amman Eru!“ Wieder dieses nervtötende Kichern. Manchmal würde ich sie gerne um ihre Köpfe erleichtern. Dieser Blödsinn musste ein Ende haben. Obwohl sie meine Gedanken mühelos lesen konnten, ließen mich nicht einfach in Frieden oder erleichterten mich um ihre erlauchte Gegenwart. Pff! Sie könnten mal erwachsen werden!
    „Tsts. Also wirklich Iselin. Wir sind unsterbliche Wesen, die schon viel erlebt und gesehen haben. Sind uns da nicht etwas extravagante Angewohnheiten erlaubt?“ Nein. Protestiertes Schnauben neben mir. Haha. Das hatte er sich selbst zuzuschreiben. Niemand zwang ihn meine Gedanken zu lesen. „Aber nur so wissen wir, was du wirklich vorhast und fühlst. Wie sonst könnte Vaire an deinem Schicksalsteppich weiterweben? Außerdem ist dein Geist sehr erfrischend. So viele interessante Erinnerungen, Gedanken und Bilder.“
    Aus schmalen Augen fixierte ich ihn. Ich hatte es schon gehasst, als Morgoth mich mental folterte und private glückliche Erinnerungen mit Schmerzen bestrafte. Das ungebetene Eindringen in mein Bewusstsein nahm ich jedem übel. Erst Recht irgendwelchen Valar, die gespenstische Ähnlichkeiten mit meinem Erzfeind hatten.
    „Schon einmal etwas von Privatsphäre und Verboten gehört?“
    Der Vala schmollte neben mir. Kopfschüttelnd stand ich auf und streckte mich leicht. Vielleicht wurde ich ihn ja los, wenn ich mich auf den Weg machte. Bei der Bewegung fuhr er auf und packte hart mein Handgelenk. Erbost riss ich mich los. Keinen Moment zweifelte ich daran, dass er es mir lediglich gestattete. Er könnte mich ohne Schwierigkeit gegen meinen Willen festhalten. Allerdings hätte das für mich schreckliche Folgen.
    „Man i padach? Ich dachte, du wolltest vorläufig allen die dich kennen aus dem Weg gehen?“ Entnervt verdrehte ich die Augen. So viel zur Allwissenheit gewisser Geschöpfe Erus. Manchmal zweifelte ich wirklich an ihrem ach so hoch gepriesenen Verstand. Eigentlich sollte er sehr wohl wissen, wohin ich ging. Auch wenn es für ihn uninteressant sein sollte. Er kam mir vor wie ein kleines Kind, dem man das heißgeliebte Spielzeug wegnimmt. Wie bedauerlich für ihn, dass der Vergleich zutraf.
    „Das hat ja bei dir auch gut geklappt oder?“ Die leicht beißende Ironie prallte an ihm ab. Was für eine Schande, dass er da so unempfindlich war. Seine funkelnden Sternenaugen musterten mich mit einem Glühen, das mich innerlich zurückzucken ließ. So sahen mich nur Männer oder Frauen an, die ich sexuell anzog. Seid wann begehrte er mich? Und wie wurde ich ihn bitte los? Ich hatte keinen Sinn für so etwas. Nicht nach dem Verlust von Ereinion und Thorin. Beziehungen waren nicht meine Stärke. Unwillkürlich versteifte ich mich. Seine Miene gefiel mir immer weniger. Er bedrohte mich allein durch seine Anwesenheit.
    „Du wirst die Antworten auf deine Fragen eher erhalten, als du denkst. Und sehr wahrscheinlich wird dir ein Teil dieser Erklärung nicht gefallen.“ Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Das klang nicht so, als ob ich in nächster Zeit meine Ruhe haben würde. Mit einem Lächeln, das mich nun wirklich ängstigte, weil es mehr Ähnlichkeit mit einer Drohgebärde eines Raubtiers hatte, erhob er sich ohne mich aus seinem Blick zu entlassen. O-oh, mir schwante Böses. Einem Vala konnte ich nicht davonlaufen. Einem Zwerg schon. Seine Augen loderten kurz auf und ich spürte, wie seine Macht mich einfing. Ich konnte mich nicht bewegen und spürte, wie er, ohne mir dazu physisch näher kommen zu müssen, meinen Körper auf sehr intime Weise mit seiner Präsenz berührte. Leicht panisch kämpfte ich gegen die Leidenschaft an, die er so mühelos in mir entfachte. Also doch. Er kannte das Geheimnis, dass ich bislang vor allen bis auf meine wenigen Liebhaber verstecken konnte! Mein Körper reagierte zu meinem Entsetzen mit gieriger Sehnsucht und brannte förmlich. Dabei hatte er mich nicht wirklich angefasst. Nein! Das durfte einfach nicht wahr sein! Genugtuung blitzte in seinen Augen auf und er löste den Bann. Zitternd fiel ich auf die Knie. Seine Finger schlossen sich eisern um mein Kinn und hob es gnadenlos an - damit ich seinem Blick nicht ausweichen konnte. Was auch immer er in meiner Miene und meinen Augen sah, ließ ihn zufrieden lächeln. Ich steckte eindeutig in großen Schwierigkeiten. „Namarië, mel melethril elen.“ Fließend verbeugte er sich leicht vor mir und gab mich frei. Allerdings erst, nachdem er mich mit einem düsteren leidenschaftlichen Kuss gebrandmarkt hatte. Bevor ich irgendwie reagieren konnte, war er auch schon wieder weg. Starr vor Angst lauschte ich dem panischen Schlagen meines Herzens. Nie wieder hatte ich so etwas erleben wollen. Doch nun schien es, als wäre ich wieder in diesem Teufelskreis gefangen. Erst als ich mir sicher war, dass er nicht plötzlich zurückkehren würde, erlaubte ich mir, durchzuatmen. Zitternd schlang ich die Arme um meine Taille und versuchte mich zu beruhigen. Nur fiel mir das äußerst schwer. Es war beschämend, dass er solche Macht über meinem Körper besaß und das nun auch noch wusste. Ich hatte ihn nicht daran hindern können auf den Jäger zu reagieren. Mein angeborenes leidenschaftliches Wesen, das äußerst sensibel auf gewisse Reize reagierte, spielte dem Vala in die Hände. Wäre ich in Vollbesitz meiner Kräfte, hätte er nicht so weit kommen können. Der Phönix war viel widerstandsfähiger als die sterbliche Frau und genau das, diese Schwäche, hatte er ausgenutzt. Nun saß ich sprichwörtlich in der Falle.
    Mochte mein Verstand, mein Geist und auch mein Herz noch so sehr dagegen ankämpfen – mein Körper gehörte nach dieser Geschichte ihm. Ich kannte die Anzeichen viel zu gut. Bis ich wieder ein vollwertiger Phönix war, hatte er praktisch freie Hand was mich betraf.
    Wenn er wollte, konnte er einen Bann über mich verhängen, so dass ich alles tat, was ihm in dem Sinn kam. Ich durfte nicht allein in seiner Nähe sein, solange ich eine verletzliche Sterbliche war. In dieser Phase war ich viel zu anfällig für Verführungskünste. Ein weiterer Grund, warum ich mich eigentlich immer dann an Orte zurückzog, die außer mir niemand betreten konnte. Leider hatte er mich draußen erwischt und in Imladris gab es keine Zuflucht, die mich vor seinen Avancen beschützen würde.
    Verdammt. Warum musste mein Leben so kompliziert sein?
    Rasch packte ich mein Bündel zusammen und lief in Richtung Imladris. Es war nicht unbedingt sinnvoll, aber aus irgendeinem verzweifelten Grund glaubte ich, dass Varas Schutzzauber das Schlimmste verhindern konnten. Und vielleicht redeten die Valar ihm ja noch ins Gewissen. Sie allein konnten ihn jetzt noch aufhalten – sofern er auf sie hörte. Hoffentlich verschonte er mich mit irgendwelchen Besuchen. Aber eigentlich glaubte ich nicht daran.

    Es hatte mich nicht im Mindesten beruhigt, dass er mich während meiner Reise nicht aufgesucht hatte. Er spielte mit meinen Nerven um mich einerseits unvorsichtig werden zu lassen und andererseits in seinem Sinne zu manipulieren. Noch schlechter für mich war es, das nach seinem letzten Auftritt meine Träume sich um ihn drehten und mein Körper sich offensichtlich nach seinen Berührungen verzehrte. Es war ein gemeines Spiel, das er mit mir spielte. Leider konnte ich nichts tun, um ihn aufzuhalten. Ich hasste es einem anderen Wesen so sehr ausgeliefert zu sein. Aufgebracht starrte ich einen Baum böse an, obwohl er völlig unschuldig an meiner Lage war. Orome war eindeutig in der besseren Handelsposition und das gefiel mir nicht. Der Teufelskreis von früher begann wieder mich zur Hilflosigkeit zu verdammen. Nicht mehr lange und ich wäre ein nervliches Wrack. Im Ernstfall konnte ich ihm keinen wirklichen Widerstand leisten. Ich war nicht bereit den Preis für seine Begierde zu bezahlen. Für meine wenigen Liebhaber, die ich seit meinem ersten Erwachen hatte, waren wenigstens liebevolle Gefühle im Spiel gewesen. Aber Orome war gedankenlos mit seiner Grausamkeit. „Barad!“
    Innerlich rasend vor Zorn betrat ich den geheimen Pfad, der mich zu Elrond bringen würde. Gerade jetzt konnte ich solche Machtspielchen mit den Valar nicht gebrauchen. Warum mussten sie sich in mein Leben einmischen und mir derartig zusetzen! Was, oh Eru, hatte ich getan, um das zu verdienen! Ich wollte nie wieder das Spielzeug eines Mannes sein. Aber genau das würde ich sein, wenn der Phönix mir nicht bald zur Hilfe kam. Wenn ich mich schon Morgoth körperlich nicht wiedersetzen konnte, welche Chancen hatte ich dann Orome Widerstand zu leisten? Als Sterbliche war ich völlig hilflos und genau das weckte meinen ohnmächtigen Zorn. Wie hatte er nur von dieser Schwäche erfahren? Mit aufeinandergepressten Zähnen stapfte ich den schmalen Pfad hinunter. Für die Schönheit um mich herum hatte ich keinen wirklichen Sinn.
    „Bei den Valar! Was ist los mit dir Fea?“ Ich hob erbittert den Kopf und blickte in das besorgte Gesicht von Vara. Grollend schlug ich mit der Hand gegen einen Felsen. Der Schmerz war mir willkommen. Entsetzt keuchte meine Freundin auf und schnappte sich die verletzte Hand. Ich bedachte diese mit einem gleichgültigen Blick. Der Schlag hatte die Haut nicht nur aufgerissen sondern auch ein paar Knochen gebrochen. Nur war mir das herzlich egal. Grimmig entzog ich der Elbin meine Hand.
    „Verschon mich von den Valar!“ Sie zuckte zusammen als sie den Zorn und Hass in meiner Stimme hörte. Noch nie hatte sie mich so erlebt. „Ich will nichts über sie und ihre ach so gütige Art hören! Du willst wissen was mit mir los ist? Schön, ich erzähl es dir, sobald du mich hier weggebracht hast. Und kein Wort zu Elrond. Er braucht nichts davon zu erfahren.“
    „Schon zu spät.“ Verärgert funkelte ich einen besorgten Halbelben entgegen. Er und Vara wechselten Blicke, ehe er zustimmend nickte. Alte Verschwörer. „Vara wird sich um deine Verletzung kümmern.“
    Die Noldo-Elbin schleifte mich hinter sich her in ihr Zimmer. Mit sanfter Gewalt zwang sie mich dazu, auf ihrem Bett Platz zu nehmen. Wie sehr ich es doch verabscheute schwach zu sein! Sie füllte eine Schale mit klarem Wasser, schnappte sich saubere Tücher, Salbe und Verbandzeug. Beruhigend legte sie eine Hand auf meine Schulter. „Tief durchatmen, Fea. Dein Herz rast und schlägt so laut, dass ich mich ernsthaft frage, was mit dir geschehen ist. So aufgewühlt habe ich dich noch nie erlebt. Hat es etwas mit Thorin zu tun?“ Erbost starrte ich sie bei dieser Frage an. So würde ich garantiert nicht reagieren, wenn es Thorin gewesen wäre, der mich so behandelt hätte! Immerhin liebte ein kleiner masochistischer Teil meines Ichs den Zwergenprinzen. Als Mensch hätte ich wohl nicht die innere Stärke besessen dem Mann zu widerstehen, den ich liebte. Allerdings wäre ich dann kaum über mein Verhalten entsetzt. Zumindest nicht in diesem Ausmaß. „Nein! Thorin ist ausnahmsweise unschuldig.“ Während sie meine Wunde versorgte zog sie fragend eine Augenbraue hoch. Die Aufforderung war unmissverständlich. Gereizt schnaubte ich. „Orome ist aufdringlich geworden und nutzt meine momentane Schwäche aus um mir erfolgreich Avancen zu machen. Die Tatsache, dass ich es nicht will, fällt bedauerlicherweise nicht ins Gewicht. Offensichtlich langweilt er sich oder ist sexuell unbefriedigt. Ich will allerdings nicht zu seinem Spielzeug werden, nur weil mein Körper momentan anfällig für Verführungskünste ist. Leider kann ich ihm nicht entkommen.“
    Sie pfiff beeindruckt und lehnte sich etwas zurück um mir ins Gesicht zu blicken. In ihren Augen las ich Sorge, Verständnis und der Wille mir jede Unterstützung zu geben, die ich brauchte. Das machte wahre Freundschaft aus! Ich wusste, dass sie mir helfen würde. Hoffentlich reichte ihre Stärke aus um mich vor seinen Annährungen zu beschützen.
    „Das erklärt auch das erschreckende Ausmaß deines Zornes.“
    Zitternd vor Anspannung fixierte ich einen Punkt über ihr. Die Betäubung wich und ich spürte nun deutlicher denn je die Verletzung meiner Hand. Wahrscheinlich hätte ich nicht so viel Kraft in den Schlag legen sollen. Nun, für Reue war es zu spät. Zumal der Zorn über meine Hilflosigkeit der Auslöser gewesen war. Ich wollte nicht noch einmal erleben einem Vala ausgeliefert zu sein. Das letzte Mal war ich gestorben und als Phönix wiedergeboren worden. Innerlich schrie ich vor Schmerz auf als die Erinnerung gewaltsam über mich hereinbrach. Verdammt, das kam jetzt zum falschen Zeitpunkt! Ich war weit davon entfernt, die Wunden der Vergangenheit überwunden zu haben. Meine angebliche Stärke war am Ende nichts als eine Lüge. Denn hinter der Fassade war ich ein seelischer Krüppel. Morgoth war es gelungen mich zu zerbrechen. „Es erinnert mich zu sehr an Morgoth.“
    Rasch zog sie mich in eine feste Umarmung.
    „Es ist vorbei. Du bist nicht mehr in seiner Gewalt.“
    Tränen liefen mir über die Wangen. Immer wieder verschwamm das Zimmer vor meinen Augen um Bildern aus der Vergangenheit zu weichen. Beren, der freudestrahlend mir entgegen lief und mir stolz sein erstes echtes Schwert präsentierte. Mein Vater, der mir Bogenschießen beibrachte und dabei so glücklich wirkte, dass mir warm ums Herz wurde. Meine erste Stunde im Schwertkampf. Die Aufnahme in die Bande meines Vaters als vollwertiges Mitglied – obwohl ich eine Frau war!
    Dann hörte ich wieder die schrecklichen Schreie als meine Mutter vor meinen Augen von einem Ork vergewaltigt und anschließend getötet wurde. Das Lager in Flammen stehend und überall tote Frauen mit ihren Kindern. Der riesige Ork der mich brutal an den Haaren hinter sich her zog und anschließend auf einen geifernden Warg warf. Die Unwissenheit, ob Beren in Sicherheit bei unserem Vater war oder zu den Toten gehörte. Morgoth, der meine Hinrichtung hinauszögerte, weil er meiner Schönheit verfallen war. Wie sehr er es genoß mich zu foltern und gegen meinen Willen zu nehmen. Meine eigene Unfähigkeit mich körperlich zu widersetzen. Wochen ohne Nahrung, Wasser und Bewegung. Nur Dunkelheit, Kälte und der Geruch von Verwesung.
    Dann die Nachricht von dem Tod meines Vaters. Wie Morgoth mich verhöhnte, weil ich ihm hilflos ausgeliefert war und dennoch versuchte ihm zu entkommen. Fünf gescheiterte Selbstmordversuche, die schreckliche Folter als Strafe nach sich zogen...
    „FEANA! KOMM WIEDER ZU DIR!“ Ich blinzelte verwirrt und bemerkte, dass Vara mich verzweifelt schüttelte. Ihr Brüllen hatte mich aus den Klauen der Erinnerungen gerissen. Meine Kehle fühlte sich wund an. Vorsichtig räusperte ich mich und erregte so ihre Aufmerksamkeit. Leicht beschämt blickte ich in ihre geweiteten Augen. Sie hatte wirklich Angst um mich gehabt. Schuldgefühle nahmen mir fast wieder den Atem. „Hannon le, Varanérë.“ Beinahe zuckte ich bei dem rauen Klang meiner Stimme zusammen. Tief atmete ich durch und beruhigte mich. „Das war eine unangenehme Erfahrung. Es tut mir aufrichtig leid, dass du es miterleben musstest. Eigentlich hatte ich die Erinnerungen gut verdrängt.“ Zu gut, wie mir nun klar war. Ich hatte meine Vergangenheit nie wirklich verarbeiten können, weshalb sie mich immer in meine Träume verfolgte. Es reichte ein winziger Auslöser und schon brach diese Hölle auch im wachen Zustand über mich herein. Das war auch ein Grund, warum ich normalerweise die Einsamkeit bevorzugte.
    Erschüttert schüttelte sie den Kopf. „Entschuldige dich ja nicht bei mir! Ich wusste ja, das Morgoth deine Seele verletzt hat aber das sie beinahe gebrochen ist war mir nicht klar. Warum haben dir die Valar nur nicht diese Erinnerungen nach deinem ersten Tod genommen? Dein Leben hier muss für dich eine reine Qual sein.“
    Erschrocken schnappte ich nach Luft.
    „Du hast alles gesehen!“ Sie nickte und ließ mich nicht aus den Augen. Nein! Das durfte doch nicht wahr sein! Niemand kannte das wahre Ausmaß meines Leids oder ahnte, dass meine Seele alles andere als heil war. Ich war eine Gefangene meines Körpers und der Erinnerungen, die viel präsenter war als gewöhnlich. „Bitte sag es niemandem!“
    „Du schämst dich für das, was er dir angetan hat?“ Nun schwang Entsetzen in ihrer Stimme mit. „Fea, nicht du bist das Monster, das ein Kind derartig gequält hat. Dich trifft doch keine Schuld für seine Taten! Ich werde es niemanden verraten. Aber bitte, sprich mit mir! Lass den Schmerz freien Lauf, hör auf dagegen anzukämpfen.“
    „Aber ich - “
    „Nein!“
    Eingeschüchtert von ihrer Heftigkeit zuckte ich zurück und rollte mich zu einer Kugel zusammen. Mein innerer Schutzschild war nun endgültig gebrochen. Mit den Gefühlen, die jetzt auf mich einstürmten konnte ich nichts anfangen. Ich wollte mich dem nicht stellen. Jahrtausende lang hatte ich mich vor meinem eigenen Schmerz versteckt, hatte versucht jemand zu sein, der ich eigentlich nicht war. Was war schon Stärke? Ein Lächeln auf den Lippen zu tragen, während man innerlich förmlich zerbrach? Zu Lachen, statt die Tränen laufen zu lassen? Mit einem Schulterzucken über das Geschehene wegzugehen und niemals zurückzuschauen? Ich war eine verdammte Heuchlerin. Nein, ich war nicht stark oder besonders tapfer. Stumm weinte ich und krümmte mich dabei nur noch mehr. Überleben. Allein das hatte für mich gezählt.
    Schlanke Arme legten sich um mich. Vara zog mich in eine feste tröstende Umarmung. Beruhigend, als wäre ich ein Kind, streichelte sie mein Haar und flüsterte sanfte Worte. Langsam aber sicher ließ das Zittern nach und ich wurde ruhiger. Die Wärme, die mich nun einhüllte nahm den Schrecken der Erinnerungen. Ihr stetiger Herzschlag tat sein Übriges um die Angst schwinden zu lassen.
    „Im garen ha istaen tiren.“ Murmelte sie leise. „Morgoth hat sich für viel zu verantworten. Einem Kind solche schrecklichen Sachen anzutun.“
    „Ich war kein Kind mehr.“ Mit 22 Jahren hatte ich längst nicht mehr zu den Kindern gehört. Was auch ein Grund war, warum die Orks mich nicht töteten sondern Morgoth klaglos lebend übergaben. Als ich starb war ich gerade mal 69 Jahre alt gewesen. Das ich den Großteil meines ersten Lebens in Gefangenschaft verbracht hatte hinterließ immer noch einen bitteren Beigeschmack. Seufzend verdrängte ich diese Gedanken.
    „Vielleicht nicht körperlich, Fea. Aber das heißt nicht, das deine Seele und dein Geist bereit für ein solches Grauen waren.“
    „Mag sein. Menschen, besonders jene mit númenórischem Erbe, haben andere Maßstäbe um die Zeit zu bemessen. Verglichen mit den Elben haben wir nur einen Wimpernschlag zum Leben. Daher fehlt uns oft auch die Ruhe, die ihr Erstgeborenen ausstrahlt.“
    „Feana?“
    „Ja?“ Ein leises Seufzen. Abwartend blieb ich still. Irgendetwas brannte ihr auf der Zunge, das wusste ich. Nur warum zögerte sie mir eine Frage zu stellen? Nach einer gefühlten Ewigkeit fasste sie offensichtlich den Mut. „Wie viele Jahre warst du seiner Willkür und Grausamkeit ausgeliefert?“
    „47 Jahre.“ Ihr Herz setzte für einen Moment aus. Sie hatte mit dieser Antwort nicht gerechnet. Ich lächelte müde. So war es bisher jedem ergangen, der die Frage zu stellen wagte. Die betreffenden Personen konnte ich an einer Hand abzählen. „Du warst ein Mensch.“ Ihre Stimme lediglich ein Hauch. Bewunderung, Entsetzen und Respekt klangen in ihr mit. „Wie hast du nur so lange überleben können? Ich weiß von keinem anderen Sterblichen, der so etwas von sich behaupten könnte.“

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    Aiya, meldis nín! = Sei gegrüßt, meine Freundin!
    Amman Eru! = Warum Eru!
    Man i padach? = Wohin gehst du?
    Namarië, mel melethril elen. = Lebwohl, mein geliebter Stern.
    Barad! = Verdammt!
    Im garen ha istaen tiren. = Ich hätte es wissen müssen.

    7
    Kapitel 7: Erinnerung an ein anderes Leben

    Lange hatten wir miteinander über die Vergangenheit gesprochen, ehe ich Vara erlaubte, einen Schlafzauber zu sprechen, damit ich mich erholen konnte. Selten ließ ich Derartiges zu, aber ich hatte die Erfahrung gemacht, dass ich meist traumlos schlief, wenn sie ihre Elbenmagie bei mir anwandte. Sie ließ mich allerdings nicht alleine im Zimmer sondern blieb bei mir um mir auch weiterhin Sicherheit und Wärme zu vermitteln.
    Ich war unfähig meine Dankbarkeit in Worte zu fassen. Kaum jemand hatte mir so sehr das Gefühl vermittelt, trotz allem was geschehen war eine liebenswerte und wertvolle Person zu sein. Es rührte mich zu Tränen, dass sie mich so bedingungslos akzeptierte und als diejenige liebte, die ich war. Diese bedingungslose Akzeptanz und Liebe hatte ich zuletzt durch Círdan erfahren. Für beide war ich so etwas für eine kleine Schwester und als solche wurde ich auch behandelt. Ich wusste, dass sie meine Bedürfnisse und mein Glück jederzeit über ihr eigenen Interessen stellen würden. Es machte mich demütig und dankbar. Womit hatte ich sie verdient? Ein unschätzbar wertvolles Geschenk. Beruhigt schlief ich ein und bekam nur am Rande mit das Vara die Decke über uns beide zog.

    Mittelerde im Jahre 443 E.Z.
    Unruhig, weil die Frauen mich daran hinderten zu meiner geliebten Mama zu kommen, lief ich im Vorraum hin und her. Blöde Weiber! Ich wollte zu ihr und meinem kleinen Bruder! Aber der Meinung der Wichtigtuerinnen nach war ich erstens zu jung um zusehen wie mein Brüderchen geboren wurde und zweitens sei ich zu unruhig dafür. Ich zuckte zusammen als meine Mutter anfing zu schreien. Das klang so, als ob sie starke Schmerzen hatte. Rasch lief ich zu der Tür und flehte um Einlass. Aber sie ließen mich nicht. Weinend sank ich daran gelehnt zu Boden und schlang die Arme um meine Knie. Wieso ließen sie mich nicht zu ihr? So laut war ich doch gar nicht. Ich wollte doch nur, dass es Mama wieder gut ging und sie aufhörte zu schreien. Zitternd wiegte ich mich hin und her.
    Hoffentlich kam Papa bald nachhause. Er hatte versprochen, dass wir Mama beistehen würden, wenn Brüderchen kam. Auf ihn würden diese blöden Hühner hören. Er wurde von allen respektiert und war sehr beliebt bei den Männern. Papa würde dafür sorgen, dass alles gut wurde.
    „Bitte beeil dich Papa.“ Flüsterte ich erstickt. Die Schreie gewannen an Intensität und ich krümmte mich leicht. Warum half denn niemand Mama? Sah denn niemand, dass sie Schmerzen hatte? Immer schneller wiegte ich mich hin und her. Es beruhigte mich ein wenig. Angespannt lauschte ich. Irgendwann musste er doch kommen! Das Herz schlug mir bis zum Hals. Ärgerlich wischte ich die Tränen weg. Ich war ein großes Mädchen und zu alt um zu weinen. Eine Kriegerin weinte niemals. Zumindest hatte ich so was noch nie beobachtet. „Mama, das Baby, ich – wir brauchen dich jetzt. Bitte komm Papa! Ich habe Angst.“
    Plötzlich öffnete sich die Tür und ein dunkelhaariger Mann betrat den Raum. Erst wollte ich ihm entgegenlaufen, dann bemerkte ich, dass es nicht mein Papa war. Vorsichtig erhob ich mich und musterte ihn misstrauisch. Was machte er hier? Er bemerkte mich und hob friedlich die Hände. Seine Kleidung war edel und er war wirklich schön. Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, der Ähnlichkeit mit ihm hatte. Dennoch gab ich meine Abwehrhaltung nicht auf. „Verzeih bitte, dass ich hier eindringe, junge Kriegerin. Ich komme nicht mit böser Absicht.“
    Misstrauisch beäugte ich ihn und berührte dabei meine Dolche. Wenn nötig konnte ich ihn damit töten. Ich war eine ausgezeichnete Werferin. Auf keinen Fall würde er meiner Mama oder meinem kleinen Bruder schaden! Soweit kam es noch, dass ein Fremder zu ihr gelassen wurde, wenn ich als Tochter nicht einmal bei der Geburt dabei sein durfte.
    „Das kann jeder sagen! Du wirst da nicht rein gehen! Ich vertraue dir nicht. Und ich bin nicht klein!“
    Täuschte ich mich, oder blitzte da etwas Anerkennendes in den seltsamen Augen auf? Seine Augen waren wirklich seltsam. Sie erinnerten mich an Sterne in einer Novembernacht. Als ob er kein Mensch wäre, sondern irgendein anderes Wesen. Wer er wohl war? Und was suchte er hier? Meine Hände schlossen sich für einen kurzen Moment fast krampfhaft um die Griffe der Dolche. Selbst aus dieser Entfernung könnte ich ihn mühelos töten. Nur war ich ein wenig unschlüssig, ob ich es tun sollte.
    „Ich bewundere dich dafür, dass du deine Mutter vor mir beschützen willst, Iselin. Du hast sehr viel von deinen Eltern geerbt und ich fühle mich geehrt, dich kennenzulernen.“ Leicht verbeugte er sich vor mir. Als ob ich so etwas wie eine Königin wäre. Das Kichern brach aus mir heraus, ehe ich es zurückhalten konnte. Er lächelte mich warmherzig an. „Ich bin weder für sie noch für deinen Bruder eine Gefahr. Deine Familie liegt mir sehr am Herzen. Würdest du mich denn durchlassen, wenn ich dir erzähle, woher ich deine Mutter kenne?“
    Verwundert musterte ich ihn. Woher kannte er nur meinen Namen? Meine Neugierde hatte er auf jeden Fall geweckt. Auffordernd blickte ich ihn von meinem Platz an der Tür in die seltsamen Augen. Wenn er mit so einem Angebot kam, musste die Geschichte wirklich gut sein. Er lachte leise auf und betrachtete mich mit einem sehr freundlichen Leuchten in den Augen. „Das nehme ich dann mal als ein Ja. Ich lernte deine Mutter kennen, als sie ungefähr in deinem Alter war. Ihr Vater Beren war ein begnadeter Schmied und sie ein kleiner Wirbelwind, der sich am liebsten bei ihm in der Schmiede aufhielt. Beren hatte für sie extra einen kleinen Amboss aufgestellt und brachte ihr nebenbei so das Schmieden bei. Als ich sie das erste Mal traf, schimpfte sie gerade auf das Eisen, weil es anscheinend sich weigerte, die Form anzunehmen, die sie wollte. Es war ein denkwürdiger Anblick, das ein kleines schwarzhaariges Mädchen wie ein Holzfäller schimpfte um nebenbei neue Ausdrücke zu erfinden. In diesem Moment erkannte ich, dass sie entgegen der Hoffnungen ihrer Mutter niemals das Leben einer gewöhnlichen Frau führen würde. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes ein Freigeist und in jeder Hinsicht außergewöhnlich.“ Gespannt lauschte ich seinen Worten und beobachtete dabei seine Mimik. Er sprach gerne über sie und diese Zeit, das merkte man sofort. Seine Stimme war fast genauso schön wie die von Papa, wenn er mir vor dem Einschlafen Geschichten erzählte. Fast schon einlullend. Nicht ungefährlich. Um nicht an Wachsamkeit einzubüßen, zwickte ich mich selbst leicht in den Arm. Ich durfte ihn nicht auf Grund seiner schönen Stimme vertrauen. Ein schönes Gesicht bedeutete nicht zwingend einen guten Charakter. Er schien zu merken, dass ich nicht wirklich überzeugt war. Mit einem leichten Lächeln fuhr er fort: „Ziemlich abrupt unterbrach sie sich selbst und starrte mich finster an. Sie war nicht sonderlich begeistert, dass sie einen Zuhörer hatte, denn sie noch nicht kannte. Ich fragte sie, ob sie mir denn zeigen wollte, was sie bisher alles geschmiedet hätte. Der Ärger war sofort vergessen und mit einer ansteckenden Begeisterung zeigte sie mir ihre Werke. Ihr Vater hatte bei ihrer Ausbildung wirklich gute Arbeit geleistet. Seither sind wir miteinander befreundet und auch wenn ich sie mit den Jahren immer seltener besuchen konnte, verlor ich doch nie vollständig den Kontakt zu ihr. Ich freute mich als sie und dein Vater heirateten.“
    Das waren plausible Erklärungen für einige meiner Fragen. Auch stimmte das mit meinem Wissen über ihre Vergangenheit halbwegs überein. Dennoch verschwieg er mir irgendetwas. War es leichtfertig ihm einfach so zu vertrauen, nur weil er ein guter Geschichtenerzähler war? Ich musterte ihn mit schief gelegtem Kopf ehe ich leicht nickte.
    „Mama schmiedet nur noch selten und wenn, dann sind es meistens kleine Waffen für uns Kinder, damit wir uns im Falle eines Angriffs verteidigen können und nicht völlig hilflos sind. Papa meinte zwar, dass das Dorf gut beschützt ist, aber er redet ihr es nicht aus und hilft bei unserer Ausbildung mit. Aber sag, warum hast du sie dann nicht besucht in letzter Zeit? Hattest du mit deiner eigenen Familie genügend Sorge?“
    Er lächelte warm und zwinkerte mir vergnügt zu.
    „Deine Mutter ist klug, dass sie so sehr auf eure Sicherheit bedacht ist. Kinder sind das kostbarste Gut, das wir haben und je besser sie beschützt sind, desto länger können sie ihre Kindheit genießen. Welche Waffe bevorzugst du denn? Als Tochter Barahirs wirst du sicher ebenfalls im Kämpfen ausgebildet nicht wahr? Dein Vater würde wollen, das du dich im Notfall verteidigen kannst.“
    Stolz richtete ich mich zu meiner ganzen Größe auf. Ich war eine der Besten meines Alters und durfte teilweise den Jüngeren Sachen beibringen. „Papa hat mir beigebracht, wie man mit zwei Dolchen zugleich kämpfen kann. Ich bevorzuge ja eher das Kurzschwert, aber er meint, dafür sei ich noch ein wenig zu klein. Wenn ich zwölf bin, fängt er an, mich im Bogenschießen zu unterrichten. Mama hat mir im Geheimen Tricks beigebracht, wie ich mich ohne Waffen aus dem Griff eines Mannes befreien kann. Sie war der Meinung, dass ich so etwas auch wissen müsse. Immerhin kann es genau so gut sein, dass ich unerwartet angegriffen werde und meine Waffe nicht gerade griffbereit habe.“
    Der dunkelhaarige Mann warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. „Emeldir hat sich in den letzten zehn Jahren eindeutig nicht verändert! Aber etwas anderes hätte ich von Berens Tochter auch nicht erwartet. Das freut mich wirklich. Ich hatte schon Angst, dass sie sich zu sehr verändert hätte. Aber ganz offensichtlich bleibt sie beständig.“
    Hinter ihm schwang die Tür auf und ich hörte eine vertraute Stimme überrascht sagen: „Aule! Was machst du denn hier?“
    „Papa!“ Ich stürmte an dem Mann vorbei und warf mich in seine ausgebreiteten Arme. Lächelnd fing er mich auf. Seine grauen Augen funkelten mich verschmitzt an. „Du bist wieder da!“
    Zärtlich küsste er mich auf die Nasenspitze, ehe er mich auf seine Hüfte setzte. Glücklich schmiegte ich mich in seine Arme. Jetzt würde alles gut werden. Er war wieder da. „Meine kleine Kriegerin. Hast du den bösen Aule daran gehindert, nach deiner Mama zu sehen?“
    Aule verschränkte die Arme vor der Brust und machte ein empörtes Gesicht. „He! Ich bin nicht böse! Rede ihr das ja nicht ein Barahir!“
    Papa lachte leise und zerzauste mein Haar.
    „Aye, aber du hast die Angewohnheit, meine Frauen mit deiner Stimme um den Finger zu wickeln. Emeldir hat mich anfangs mit dir verglichen. Weißt du wie hoch du ihre Maßstäbe gesetzt hast? Und wenn du das Gleiche mit meiner Tochter machst, tut mir jeder Mann leid, der sich um sie bemüht und abgewiesen wird.“
    Unruhig bewegte ich mich leicht und zog sanft an seinem Haar. Jetzt, da er hier war, mussten wir doch nach Mama sehen. Immerhin hatte er das versprochen. Und ich konnte es nicht abwarten, meinen kleinen Bruder zu sehen! Schmunzelnd blickte er mich wieder an. Ich spielte mit seinen Zöpfen. Er hatte immer dieses seidige Haar, auch wenn er Monate unterwegs war. „Papa, gehen wir jetzt zu Mama?“
    Liebevoll küsste er meine Nasenspitze. Ah, nein, das kitzelt!
    „Natürlich mein Spatz.“ Empört richtete ich mich in seinem Griff auf. Ich bin doch kein Vogel! Sah ich etwa so aus? Nein. Keine Federn, keine Flügel. Die einzigen dummen menschlichen Vögel, die ich kannte, waren gerade bei Mama. Diese idiotischen Hühner, die sich für etwas Besseres hielten. Sie hatten kein Recht mir zu verbieten, bei Mama zu sein.
    „He! Ich bin kein Spatz!“ Beide lachten und Papa trug mich zu der Tür. Er bedeutete mir leise zu sein, dann riss er sie auf. Die Hühner kreischten vor Schreck auf und drehten sich um. Als sie ihn erkannten schluckten sie und gaben den Weg zu Mamas Bett frei. Ängstlich sah ich zu ihr. Sie wirkte ein wenig erschöpft, aber ihre blauen Augen leuchteten liebevoll auf, als sie bemerkte. Erleichtert atmete ich auf. Es schien ihr gut zu gehen. Ob mein Brüderchen schon auf der Welt war? Neugierig betrachtete ich sie, konnte aber von meinem Platz aus nicht viel erkennen. „Da sind ja meine beiden Helden. Wie war die Jagd, Liebster?“
    Er ging mit mir in den Armen zu ihr und setzte mich gegen den Protest der anderen Frauen auf ihr Bett. Rasch krabbelte ich in ihre wartenden Arme. Zärtlich hielt sie mich fest und fuhr mir durch die Haare.
    „Nun, wir werden eine ganze Weile genügend Fleisch zum essen haben und können vielleicht einiges trocknen oder salzen, damit wir im Winter noch etwas davon haben. Und du scheinst ja das größte Abenteuer von uns allen erlebt zu haben. Wie geht es dir mein Stern?“
    Sie lächelte ihn sanft an. Glücklich schmiegte ich mich an ihre Seite. Jetzt war wieder die Welt in Ordnung. Ihr Herz schlug gleichmäßig. Neugierig legte ich eine Hand auf ihren Bauch. Oh! Das Baby war schon da?
    „Dein Sohn hatte anscheinend etwas dagegen, so schnell die Welt zu entdecken. Da war unsere Kleine etwas stürmischer und entschlossener. Mir geht es gut, besonders, da wir jetzt alle zusammen sind.“
    „Mama?“ Ich richtete mich auf und sah sie neugierig an. „Wo ist mein kleines Brüderchen? Er ist nicht mehr in deinem Bauch.“
    Die Erwachsenen brachen in Gelächter aus und verwirrten mich dadurch. Was war denn bitte komisch daran? Mama lachte leise und küsste mich liebevoll auf die Wange. „Ardis? Bring uns bitte den kleinen Krieger.“
    Eine der Frauen brachte ein kleines Bündel zu uns ans Bett. Behutsam schob ich den Stoff ein bisschen beiseite und blickte Papa fragend an.
    „Ist es normal, dass sein Gesicht so faltig und rot ist?“
    Wieder dieses Gelächter. Mann, das war gemein! Es war eine ernstgemeinte Frage. Immerhin ging es hierbei um meinen Bruder. Vielleicht blieb er ja sein ganzes Leben so seltsam entstellt. Sein Gesicht war zumindest zerknautscht, faltig, rot und wirkte angeschwollen. Das sah nicht gesund aus. Vielleicht war es sogar ansteckend...
    „Kann mir mal jemand sagen, was so witzig ist? Ich will auch lachen!“
    „Verzeih uns bitte, Kätzchen.“ Mama schmunzelte leicht. „Wir fanden nur deine Formulierung und Neugierde amüsant.“
    Aha. Ich nickte. Mit diesen Worten konnte ich etwas anfangen.
    „Um deine vorige Frage zu beantworten, ja es ist völlig normal. Aber das wird schon noch. Liebster, bleibt es bei der Namenswahl?“
    „Natürlich. Ich habe Beren genauso geliebt wie du, Stern. Er würde sich darüber sicher freuen. Mit dieser Namensgebung erhalten wir die Erinnerung an ihn aufrecht und gedenken seiner würdig.“
    Aufgeregt blickte ich von einem zum anderen. Das bedeutete dann wohl, dass dieses kleine Wesen in Mamas Armen von heute an Beren hieß? Eines war mir klar: ich würde meinen Beren beschützen und alles lehren was ich wusste. Mein kleiner Bruder. Zärtlich und vorsichtig berührte ich das Gesichtchen. Aus dem Stoff stahl sich eine winzige Hand und die Finger schlossen sich um meinen. Fasziniert blickte ich auf hinunter.
    So viel Kraft in so einem Winzling?

    Ich erwachte mit einem Lächeln auf den Lippen. Eine meiner schönsten Erinnerungen meiner Kindheit. Beren. Mein kleiner süßer Bruder. Vorsichtig richtete ich mich auf und blickte auf die noch immer schlafende Vara herunter. Ihre Augen hatten diesen seltsamen leeren Blick aller Elben wenn sie schliefen. Warum sie mit offenen Augen träumten, hatte ich bisher nicht verstanden. Aber das musste ich auch nicht. Elben waren ohnehin schwierig zu verstehen. Sie empfanden Gefühle viel intensiver als Menschen taten aber meistens so, als wären so emotionslos und verstockt. Bestes Beispiel war immer noch Thranduil. Dabei wurde der Kerl richtig redselig, sobald ein wenig Wein im Spiel war. Ob er noch damit rechnete, dass ich seine Wettschuld einforderte? Wahrscheinlich nicht. Immerhin hatte ich mir fast zweitausend Jahre Zeit gelassen.
    Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, das gerade ein neuer Tag anbrach. Definitiv genügend Schlaf für Fräulein Spitzohr! Schelmisch grinste ich und pustete ihr sanft in die Ohren. Sie zuckte zusammen und war schlagartig hellwach. Grummelnd fixierte sie mich. Tja, die empfindlichen Öhrchen der kleinen makellosen Sensibelchen. Es war die beste Weckmethode. Selbst bei dem Langschläfer Ereinion hatte das funktioniert. Allerdings waren die Konsequenzen auch sehr erfreulich gewesen. Ich wusste haargenau was ich wollte und wie ich meinen Willen in der Regel auch durchsetzen konnte. Zum Glück war ich Frühaufsteherin, so dass er es mir nie zurückzahlen konnte.
    „Warum bist du schon wach, Fea? Ich dachte, du wärst eine Langschläferin?“ Falsch gedacht. Ich war noch nie eine Langschläferin, es sei denn, ich war krank. In diesem Fall war es aber auch ein heilsamer Schlaf, den ich wirklich brauchte. Also nichts, was man unterbrechen sollte. Leise kicherte ich und sprang aus dem Bett. Zum ersten Mal seit Tagen war ich richtig fröhlich und Energie erfüllte mich. Sie stöhnte hinter mir. Unverbesserlicher Morgenmuffel. Während des Krieges hatte sie sich zumindest diesbezüglich zusammengerissen. Wir hatten uns aber auch nur genügend Schlaf gestattet um nicht auf dem Schlachtfeld zusammenzubrechen. „Himmel, du wirkst gerade wie Elronds Söhne!“
    Empört fuhr ich zu ihr um. Ich hasste solche Vergleiche. Immerhin war ich wesentlich älter als diese Bengel und weiser. Man könnte mich als regelrecht unschuldig bezeichnen. Meine Streiche hob ich mir für besondere Zwecke und Personen auf. Anders als die Zwillinge konnte ich durchaus vernünftig sein. Knurrend fixierte ich meine beste Freundin. „He! Vergleich mich bitte nicht mit diesen Kindsköpfen!“
    Sie lachte leise und musterte mich aufmerksam. Seufz, sie nahm mich also nicht ernst. Warum nur? Ich hatte ihr doch nichts von der Wette mit Thranduil erzählt, oder doch? Nein, ganz sicher nicht. Und wenn ich träumte plapperte ich auch keine Geheimnisse aus. Kopfschüttelnd wandte ich mich ab. „Gut geschlafen Fea? Irgendwelche Albträume?“
    Nach dem was passiert war in letzter Zeit, wären Albträume zwar keine große Überraschung gewesen, aber diese Nacht war ich verschont worden. Keine schmerzhaften Erinnerungen an meine Gefangenschaft.
    „Nein.“ Schnell spritzte ich mir etwas Wasser ins Gesicht. „Ganz im Gegenteil. Ich habe von meiner Familie geträumt. Als mein Bruder geboren wurde und Aule das erste Mal in mein Leben trat.“
    Hinter mir schnappte sie nach Luft. Ach, ich hatte vergessen, ihr das zu erzählen. Nun gut, es schadete nicht, wenn sie es wusste. „Warte, was? Du kennst Aule persönlich? Und das schon seit deiner Kindheit?“
    Diese ganze Ehrfurcht war doch übertrieben. Auch Valar machten Fehler und hatten Schwächen. Sie zu übermächtigen, unerreichbaren Wesen zu erheben war falsch. Manch einer ging sogar so weit zu behaupten, dass die Valar Götter seien. Was definitiv nicht stimmte. Aber kaum einer ließ sich auf diese Diskussion mit mir ein. Leider. Ich sollte mal wieder meine Zunge wetzten, sonst ging mir die berüchtigte Schärfe verloren.
    „Aule war ein guter Freund meiner Eltern und hat bei der Ausbildung von uns Kindern mitgeholfen wenn er da war. Er kannte Beren seit seiner Geburt und mich auch seither, soweit ich weiß.“
    Hoffentlich hielt er Orome davon ab, mir weiterhin nachzustellen. Ich hatte keine Lust den Preis für seine Gedankenlosigkeit zu bezahlen. Das Einzige, worüber ich immer die Kontrolle gehabt hatte war mein Herz. Es war mir unmöglich ihn lange aufzuhalten. An die Folgen wollte ich gerade jetzt nicht denken. Aule würde schon Schlimmeres verhindern.
    „Wie alt warst du damals als ihr euch das erste Mal begegnet seid, Fea?“ Schon wieder diese Frage nach meinem Alter. Mittlerweile sollte sie doch zumindest grob meinen Lebenslauf errechnen können. Ich drehte mich zu ihr um. Ihre Augen waren geweitet und sie musterte mich ehrfürchtig. Und das nur, weil ich einen der Valar persönlich kannte. Haha, ich kannte alle Valar nachdem Morgoth mich getötet hatte. Das wiederum würde ich ihr jedoch nicht erzählen. Ein paar Geheimnisse sollten mir allein gehören. Verschmitzt hob ich eine Augenbraue. Wie anders wohl mein Leben verlaufen wäre, hätte keiner der Orkspäher mich ohne Maske und Kapuze gesehen? Wahrscheinlich wäre ich den gewöhnlichen Tod einer Sterblichen gestorben. Der Phönix wäre nie erwacht und ich hätte nie die Chance erhalten, Ereinion und Thorin zu lieben. „Zehn Jahre und laut meiner Eltern ein fröhlicher anhänglicher Wirbelwind.“
    „Das kann ich mir vorstellen. Du überrascht mich immer wieder.“
    Ich nickte und verabschiedete mich bald. Erstens brauchte Vara immer länger als ich und zweitens hatte ich Hunger. Höchste Zeit etwas gegen den knurrenden Magen zu unternehmen. Angeblich war ich so friedlich wie ein hungriger Drache, wenn ich über längeren Zeitraum keine Nahrung zu mir nahm. Zufrieden genoß ich den Geruch des Essens.
    Tja, nicht nur ich war eine Frühaufsteherin. Beschwingt nahm ich den Weg durch die Gärten zur Küche. Ich war nicht lange unterwegs, da hörte ich Kinderlachen und die Stimmen der Zwillinge. Überrascht hielt ich inne. Hatte Elrond ein weiteres Kind bekommen ohne dass ich es wusste? Aber seine Gemahlin war doch längst in den Westen gesegelt und er schien ihr immer noch hinterher zu trauern. Wer war also der Kleine? Vorsichtig näherte ich mich dem Ursprung der Geräusche und schnappte ungläubig nach Luft. Auf dem Schoß Elladans saß ein Junge, der Beren förmlich aus dem Gesicht geschnitten war. Sie hätten Zwillinge sein können. Abrupt erstarrte ich. Das war unmöglich. Beren war zwei Mal gestorben und ich bezweifelte, dass ich es mit einer Widergeburt meines geliebten Bruders zu tun hatte. Dieser Anblick rief machtvoll alte Erinnerungen wach.
    „Beren.“ Flüsterte ich fassungslos. Meine jüngsten Verwandten blickten überrascht auf und bemerkten mich. Sofort leuchteten ihre Augen auf. Offensichtlich hatten sie mich erkannt. Kein Wunder, mein menschlicher Körper sah in der Regel immer gleich aus. Vierhundert Jahre war ich nicht mehr hier gewesen. Ich blinzelte und lächelte dann. „Mae aur, gwanun.“
    Was machte ein Menschenkind unter den Elben? Irgendeine traurige Geschichte musste dahinter stecken. So viel war mir zumindest klar. Wohlmöglich hatte er seine Eltern verloren und lebte nun als Ziehsohn Elronds hier. Das würde ebenso viele Fragen beantworten, wie neue aufwerfen. Konnte es sein, dass es sich hierbei um den letzten direkten Nachfahren Elendils handelte? Auch diese Ähnlichkeit war erkennbar. Vielleicht hatte das Leiden meiner besten Freundin ein Ende, sobald dieses Kind erwachsen war. Nur der prophezeite König Elessar konnte ihren Fluch brechen. Aber vielleicht irrte ich mich ja auch mit meiner Vermutung. Also würde ich mich Vara gegenüber mit einer Äußerung in dieser Richtung zurückhalten. Keine Hoffnungen wecken, die vielleicht enttäuscht wurden. So etwas könnte ich ihr nie antun.
    Der Junge musterte mich mit kindlicher Neugierde. Ein Stich fuhr in mein Herz. Ich wusste, dass er nicht Beren war, aber er sah verdammt noch mal so aus! Sein Anblick war Freude und Hölle zugleich. Selbst die Augenfarbe war identisch. Barad! Die Zwillinge lächelten mich freundlich an. Sie schienen meine innere Unruhe nicht zu bemerken. Auch gut.
    „Mae aur, Feana.“ Freundlich lächelte ich sie an. Ihnen gegenüber hegte ich absolut keinen Groll. Sie waren zu jung, um von dem Streit ihres Vaters mit mir wegen Ereinions Nachfolge zu wissen. Dementsprechend normal konnte ich mich ihnen verhalten. Sanft blickte ich nun den Menschenjungen auf Elladans Schoß an. Er wurde zweifellos von Glorfindel unterrichtet. Der beste Lehrer für einen so jungen Menschen. „Soso, Bruchtal hat in meiner langen Abwesenheit einen neuen Krieger bekommen, hm? Wie heißt du, denn?“
    „Estel! Bist du die Kriegerin, die Ada alles beigebracht hat, was er heute weiß?“ Wissbegier lag in seinen Augen und spiegelte sich auch auf seinem Gesicht wieder. Eindeutig, Neugierde war bei allen Kindern vertreten. Ich kicherte leise. Interessant, was man so erfuhr, wenn man etwas früher aufstand. Anscheinend hatte Elrond zu viel Wein getrunken und ihm eventuell mehr über seine Vergangenheit berichtet als er wollte. Es stimmte, dass der Halbelb mein Schüler gewesen war. Mehr noch, ich hatte ihn und seinen Bruder unter meine Fittiche genommen, nachdem Maglor und Maedhros sie mir überließen. „Du hast teilweise Recht Estel. Ich habe deinem Adar vieles beigebracht, was ich im Laufe meines Lebens gelernt habe. Und er war genauso neugierig wie gewisse Zwillinge!“
    Prompt kam der Protest der beiden. Elladan und Elrohir waren als Kinder die reinste Plage gewesen. Umso froher war ich, dass sie ihre Streiche mittlerweile anders auslebten. Die Valar mussten ihnen sehr wohlgesonnen sein, denn bei vielen Streichen hätte es gut ihr Letzter gewesen sein können. Was sie alles für schauderhafte Ideen hatten umsetzen müssen! Ein Glück, dass sie jetzt ein wenig erwachsener waren. Schmunzelnd winkte ich ab. „Jungs, solange ihr so lebendig seid und dumme Ideen im Kopf habt weiß ich, dass es euch gut geht. Allerdings möchte ich nie wieder diesen Schreck erleben wie damals, als ihr in den Brunnen gefallen seid, weil ihr herausfinden wolltet, wie tief er wirklich ist.“ Wie erwartet liefen die beiden Schlitzohre rot an und stammelten leise vor sich hin. Tja, sie waren jünger als ich und ich kannte sie schon ihr ganzes Leben lang. Da mussten sie damit rechnen, dass ich sie aufzog. Für meine Gnade war ich nicht gerade bekannt.
    „Du, meine Liebe, bist unmöglich.“ Diese Stimme kannte ich doch. Wenn das nicht einer meiner beiden Ziehsöhne war. Wohlgemerkt der Jüngere von beiden. Erestor war mit der Zeit mehr Bruder als Sohn für mich geworden. Ich grinste vergnügt als ich Lindirs bemüht ernste Miene sah. Gespielt beleidigt schüttelte er den Kopf. Sein Pech war lediglich, dass seine Augen freudig blitzten. Man merkte sehr wohl, dass er zu der jüngeren Elbengeneration in Bruchtal gehörte. „Einfach sich im Zimmer verkriechen ohne mich zu begrüßen! Du brichst mir das Herz.“
    „Deine dramatischen Auftritte waren auch schon mal besser, mellon.“
    Er fasste sich ans Herz und tat so als würde er gleich in Ohnmacht fallen. Haha. Alter Gauner. „Dein Charme ist zum himmelschreiend schrecklich.“ Die Zwillinge kicherten, während Estel das geschehen aufmerksam verfolgte. Mit hochgezogenen Augenbrauen und verschränkten Armen beobachtete ich ihn. „Linnie, krieg dich wieder ein. Diese Darbietung kauft dir eh niemand ab. Willst du jetzt eine anständige Umarmung oder weiter dort drüben herumlamentieren, wie schrecklich ich doch bin?“ Grinsend kam er und schloss mich fest in seine Arme. Ich schüttelte den Kopf und zog leicht an seinem langen Haar. Der Kerl war echt unmöglich.
    „Ich sollte dir eigentlich für dein wortloses Verschwinden den Kopf abreißen Fea.“ Murmelte er mir ins Ohr. „Ich dachte, wir wären Freunde? Und dann meldest du dich vierhundert Jahre nicht mehr? Niemand konnte mir sagen ob du überhaupt noch lebst! Weißt du eigentlich, was ich deinetwegen durchgemacht habe?“
    „Ich kann es mir lebhaft vorstellen. Aber ich dachte, mit zweihundert Jahren wärst du erwachsen genug und brauchst mich nicht mehr.“
    Er schmollte und bedachte mich mit dem speziellen Blick, der früher mein Herz geschmolzen hatte. Aber damals war er ein elternloser Elbling gewesen. Ich hatte ihn vor vierhundert Jahren in Elronds Obhut gelassen, weil ich mich mit einigen Lindwürmern angelegt hatte. Ein junger Elb, der gerade mal erwachsen war, hätte gegen sie nichts ausrichten können. „Nun, du hast dich geirrt! Ich war völlig verunsichert und hätte deine Hilfe gebraucht. Leider konnte dich niemand erreichen. Wo warst du?“
    „Lindwürmer jagen – und nein, du hättest mich nicht begleiten können. Es wäre zu gefährlich gewesen.“ Bockig ließ er mich los um die Arme verschränken zu können. Genau eine solche Situation hatte ich damals vermeiden wollen. Entnervt seufzte ich und verdrehte die Augen. Er war einfach unverbesserlich dickköpfig. Von mir hatte er das auf keinem Fall. „Stell dich nicht so an Linnie!“ Noch immer schmollte er und warf mir unzufriedene Blicke zu. Ehrlich, wie lange wollte er dieses Schauspiel noch durchhalten? Die Zwillinge betrachteten uns mit hochgezogenen Brauen.
    „Wieso nennt sie dich Linnie?“ Estels Stimme durchbrach die Spannung und ich grinste in mich hinein. „Weil es ihn wahnsinnig macht und jeden anderen zum Lachen bringt. Außerdem bin nicht ich diejenige, die auf die Idee mit einem verrückten Spitznamen gekommen ist.“
    Interessiert beugte sich Elrohir vor. „Was für ein Spitzname?“
    Ich fixierte Lindir düster. Oh nein, das würde er nicht verraten. Er lenkte rasch ein, denn er hatte nicht vergessen, wie ich zu diesem Namen stand. „Ich würde gerne noch ein wenig länger leben Elrohir.“ Idiot! Jetzt hatte er erst Recht die Neugierde geweckt. Verdammt!

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    Mae aur, gwanun. = Guten Morgen, Zwillinge.

    8
    Kapitel 8: Komplizierte Angelegenheiten

    Die Zwillinge wechselten vielsagende Blicke, die mir gar nicht gefielen. Ich kannte sie lange genug um zu wissen, was sie nun vorhatten. Ärgerlich blitzte ich Lindir an. Einfach nur wundervoll! Jetzt würden sie uns beide so lange pesten bis wir einknickten und ihnen die Wahrheit zu sagen.
    „Na herzlichen Dank auch!“ Grollte ich ihm leise in die Ohren. Dass man ihm das schlechte Gewissen ansah beruhigte mich nicht im Mindesten. Widerwillig verschränkte ich die Arme vor der Brust und begann die beiden Jungelben in den Boden zu starren. „Wisst ihr nicht mehr, was mit der zu neugierigen Katze geschehen ist, Jungs?“
    Wie erwartet zuckten sie nun zusammen. Diese Geschichte hatte ich in der Vergangenheit oft genug erzählt, dass sie nun gewarnt waren es nicht zu übertreiben. Ich hatte meine eigenen Methoden mit neugierigen Elben umzugehen. Insbesondere mit so frechen wie diesen Zwillingen.
    „Tut uns leid, Fea.“ Zu ihrem Pech, nahm ich ihnen die zerknirschten Mienen keine einzige Sekunde ab. Langsam zog ich eine Augenbraue hoch und wartete stumm ab. Sie schrumpften immer mehr ein. Haha. Es wirkte immer noch. Leises Lachen ließ mich herumwirbeln. Ein seltenes ehrliches Lächeln spielte um seine Lippen, als der ehemalige Noldo-Krieger Erestor mir entgegen kam. Dunkle Augen, die sonst als schwarzes Eis bezeichnet wurden, betrachteten mich mit liebevoller Wärme. Der letzte männliche Elb der mich so angesehen hatte war Gil-galad gewesen und das war vor meinem vorletzten Tod. Unweigerlich schlug mein Herz ein wenig schneller. Dieser Elbenkönig und Thorin waren die Einzigen, die wirklich behaupten konnten einen festen Platz in meinem Herzen zu haben. Ich hatte die beiden mit jeder Faser meines Ichs geliebt, wohlwissend welchen Preis ich dafür zahlen musste. Doch das war es mir wert gewesen. „Einige Dinge verändern sich nie, hm? Du beherrscht immer noch diese Kunst, mit der du selbst Gil-galad, Oropher und Glorfindel zum Schweigen gebracht hast. Beeindruckend.“ Erestor selbst war für mich so etwas wie ein Bruder gewesen, der mir genauso beistand wie Vara und Círdan. Lächelnd warf ich mich in seine ausgebreiteten Arme. Der Geruch von Schriftrollen, Tinte und Teeblüten stieg mir in die Nase. Früher hatte er nach Leder, Moos und fremdartigen Gewürzen gerochen. Aber sein Lebenswandel hatte diese Veränderung herbeigeführt. Einst war er ein Krieger in Gil-galads Diensten gewesen und mein stellvertretender Heerführer. Doch das, was er erlebt hatte brachte ihn schließlich dazu, statt dem Schwert die Feder zu schwingen. Ich hatte seinen Entschluss nie hinterfragt – anders als Glorfindel und Elrond.
    Sanft hielt er mich nun fest. Ich spürte die Überraschung der anderen. Nun bisher hatten sie uns auch nicht zusammen erlebt.
    „Sechshundert Jahre sind eine lange Zeit.“ Murmelte er leise in mein Ohr und hielt mich auf Armlänge weg, um mich aufmerksam zu mustern. „Du hast dich irgendwie verändert, auch wenn ich noch nicht bestimmen kann, inwiefern. Wie lange bist du nun schon hier? Ich hoffe doch nicht, das du es dir zur Angewohnheit machen wirst wortlos aufzutauchen und zu verschwinden. Du hast wahrlich schon genügend schlechte Gewohnheiten.“ Spöttisch funkelte ich ihn an und deutete eine Reverenz an. Immerhin wussten wir beide, was ich von der lindonischen Etikette gehalten hatte – nämlich gar nichts. Seine scherzhaften Vorwürfe waren für mich eine Provokation die ich nicht ignorieren konnte und wollte.
    „Ach ja? Und du Tugendbold bist etwa nicht wortlos aufgetaucht und verschwunden, nur um heimlich die Weinvorräte von Gil-galad zu plündern? Um mir diesen Diebstahl in die Schuhe zu schieben? Ganz zu schweigen von dem kleinen Unfall in dem Elronds Schwert verwickelt war?“ Er schob leicht schmollend die Unterlippe vor, als ich ihn an diese Eskapade erinnerte. Selbstzufrieden grinste ich ihn an. Im Gegensatz zu den Elben kannte ich sein wahres Alter und konnte mich dank meines ausgezeichneten Gedächtnisses an jeden Streich erinnern. Sein Pech. Deutlich hörte ich das ungläubige Prusten der Zwillinge und Lindir. Tja, heute fiel es den meisten Leuten schwer, ihn sich als frechen jungen Elbenkrieger vorzustellen. Aber genau das war er gewesen. Am liebsten dachte ich tatsächlich an den Vorfall mit Elronds Schwert zurück. Es war äußerst amüsant gewesen auch wenn der Halbelb mir ein wenig leidtat. Immerhin war es am Tag von Ereinions Geburtstag kurz vor seinem ersten Kampf im Turnier gewesen. Wohlgemerkt mit mir als Gegnerin. „Was andere schlechte Gewohnheiten deinerseits angeht sag ich nur: Schummeln beim Schachspiel und das Zurückstoßen einer gewissen Person!“ Seine Wangen röteten sich vor Verlegenheit. Es wunderte mich nicht, dass er noch immer um die angebetete Person herumschlich und es noch nicht wagte, seine Gefühle zu offenbaren. Dennoch hatte mein Verständnis für seine Zurückhaltung Grenzen. Irgendwann sollte er das Risiko einer Zurückweisung eingehen. Liebe hatte immer etwas mit der Angst zu verlieren zu tun. Schmerz und Glück waren miteinander verbunden. Auch das wusste er. Geschlagen seufzte er. Ohne meine Zustimmung würde er diese Debatte nicht gewinnen. „Du bist gemein und antwortest wie immer vage. Also: wie lange bist du schon hier Fea?“
    „Ich kam gestern Nachmittag an, zufrieden?“
    „Nein. Warum hat mir niemand Bescheid gesagt?“
    Mein Grinsen vertiefte sich. Der Grund war eigentlich offensichtlich. Immerhin war er für seine Laune berüchtigt. „Weil wir alle wissen, wie grantig du bist, wenn man dich von deiner Arbeit abhält. Du mein Freund, hast das Temperament eines wütenden Dachses. Außerdem wusste bis auf Vara nur Elrond davon und ich kann mir gut vorstellen, dass er ab und zu klare Momente hat. Zufällig kennt er mich auch von früher.“
    Seufzend gab er endgültig auf. So viel er auch in den letzten Jahrhunderten gelernt hatte, gegen mich kam er nicht an, wenn ich es darauf anlegte zu gewinnen. Ereinion hatte einmal den treffenden Kommentar gemacht, dass ich nur spielte um zu gewinnen und das meine Erfolgsquote diesbezüglich ja für sich spräche. In der Regel gewann ich tatsächlich. Nur sobald gewisse Valar sich einmischten wurde es schwieriger. Ein leichter Schmerz in der Herzgegend erinnerte mich einmal mehr an den Preis, denn ich für meine Liebe zahlen musste. Verdammt. Genau jetzt wollte ich mich nicht daran erinnern. Ich hatte schon genügend Probleme. Rasch drängte ich die unerfreulichen Erinnerungen zurück. Ich war bei meinen Freunden und wollte es diese Zeit genießen. „Begleitest du mich nach dem Frühstück zum Übungsplatz Fea? Ich muss das Areal inspizieren um sicherzustellen, dass die Krieger sich nicht verletzen können. Außerdem können wir dann beide den Anblick genießen, wie Glorfindel die Zwillinge in die Mangel nimmt und unserem kleinen Tunichtgut Estel hier richtig Kämpfen beibringt.“
    Zustimmend nickte ich und harkte mich bei ihm ein.
    Grinsend führte er mich in die Küche, wo wir natürlich Aufsehen erregten. Erestor, weil er oft das Frühstück ausfallen oder in sein Arbeitszimmer bringen ließ und ich, weil ich so selten in Bruchtal weilte. Nachdem sich die fleißigen Elblein beruhigt hatten, bekamen wir eine reichhaltige Mahlzeit vorgesetzt, die wahrscheinlich das Mittagessen auch noch ersetzen würde. So große Portionen hatte ich lange nicht mehr erhalten. Genießerisch schweigend nahmen wir das Essen zu uns, ehe wir uns auf den Weg zum Übungsplatz machten. Glorfindels Gebrüll, weil einige Rekruten wieder einmal es an Deckung und Schnelligkeit mangeln ließen, war von Weiten zu hören. Wie sehr hatte ich diese Geräusche doch vermisst. Dabei hatte ich mich selbst gegen dieses Leben entschieden. Damals waren Glorfindel und ich beide Ausbilder gewesen, wobei ich die wesentlich härtere Kriegerin war, die mehr von den Soldaten verlangte als er. Ich wusste, dass die Männer und Frauen immer dankbar gewesen waren, wenn nicht ich die Übungsstunden übernahm. Denn ich hatte gnadenlos echte Kriegssituationen simuliert, nachdem ich sie stundenlang Ausdauertraining machen ließ. Sie waren dadurch zu den besten Kriegern geworden, aber es war oft genug eine Hölle für sie gewesen. So gesehen konnten die Bruchtaler dankbar sein, dass ich nicht länger als Heerführerin tätig war. Aber auch der Vanya konnte gnadenlos sein. Besonders wenn er noch nichts gegessen hatte. Und wenn er sich nicht sehr verändert hatte, war er immer noch mit leerem Magen unterwegs. Gedankenverloren grinste ich. „Fast wie in alten Zeiten.“
    Erestor schmunzelte und drückte meine Hand. Wie mir war auch ihm der Rückzug schwergefallen. Lächelnd lehnte ich mich gegen das Geländer, das den Trainingsplatz ein zäumte und beobachtete meinen alten Freund in seinem Element. Hach, es ging doch nichts über diesen Vanya, der manchmal ein gnadenloser Ausbilder war. Beinahe taten mir seine Schüler leid. Auch wenn sie besser nicht vorbereitet werden konnten. Die Zeiten waren noch einigermaßen friedlich, was ihnen die Muße gab, ihr Können auszufeilen, ohne das davon gleich ihr Überleben abhing. Ein Glück für sie, denn die meisten von ihnen waren relativ jung und unerfahren für Elben. Das erkannte ich mühelos, als ich sie beobachtete. Was mich keineswegs erstaunte war, das auch Elladan und Elrohir ihre Probleme hatten gegen Glorfindel zu bestehen. Der Blondschopf war einfach zu gewieft und erfahren, als dass sie es so leicht hätten.
    Nachdem die Zwillinge zum wiederholten Mal im Staub gelandet waren wurde er auf mich aufmerksam und grinste mir verwegen entgegen.
    „Lust auf ein Sparring mit mir, Todestänzerin?“ Leicht verzog ich das Gesicht bei diesem alten Spitznamen. Ich mochte es gar nicht so von ihm genannt zu werden, auch nicht im Spaß. Er stützte die Hände in seine Hüften und musterte mich eingehend. Mit einem Kopfschütteln quittierte ich seinen bloßen Oberkörper. Nun, niemand hatte je behauptet, dass es ihm an Selbstbewusstsein mangelte. „Nur wenn du es dieses Mal schaffst, deiner Prahlerei Taten folgen zu lassen. Wenn ich mich an unseren Stand erinnere, führe ich mit 120 zu 18 gewonnen Kämpfen.“
    Stöhnend rappelten sich derweil die Zwillinge auf und verfolgten die Diskussion mit leuchtenden Augen. Glorfindel winkte großmütig ab.
    „Ich weiß, dass du eine großartige Kämpferin bist. Ansonsten hätte Gil-galad dich wohl kaum zu der Anführerin seiner Leibgarde gemacht.“
    Richtig. Ich war die Anführerin seiner Leibwächterin gewesen und seine oberste Heerführerin. Vara war meine Stellvertreterin in der Leibgarde gewesen. Aber ich hatte mich nicht wirklich als qualifiziert erwiesen, als es darauf ankam. Fließend wechselte ich ins Quenya, damit die anderen nicht verstanden, worum es ging. Denn ab hier wurde es zu persönlich.
    „Und wir wissen beide, dass ich nicht verhindern konnte, dass er fiel. Ich glaube kaum, dass das für meine Qualifikation als Leibwächterin spricht.“ Seine blauen Augen verengten sich leicht als er die Schuldgefühle wahrnahm. Ah, er war schon immer sensibler gewesen, als die meisten ahnten. Seufzend kam ich auf ihn zu und rief gedankenverloren meine Waffen herbei. Immerhin funktionierte dieser Teil meiner Magie auch jetzt. Eindeutig eine nützliche Fähigkeit. Die Griffe meines Schwertes und dem Langdolch schmiegten sich in meine Hände.
    „Du warst zu weit von ihm entfernt um ihn zu retten. Mal ganz davon abgesehen hatte er dir die Aufgabe erteilt auf Erestor und Elrond zu achten, damit diese sich nicht unnötig in Gefahr brachten. Dich trifft keine Schuld Feana und eigentlich weißt du das auch.“
    Ich seufzte und musterte ihn nachdenklich. Seine Schwächen und Taktiken waren mir wohlbekannt. Die Frage war also, wie schnell ich den Kampf beenden wollte, oder ob ich es immer mehr ausdehnen sollte. „Mag sein, es ändert aber nichts an meinen Schuldgefühlen.“
    Er schüttelte leicht den Kopf und beobachtete, wie ich die Klingen kreisen ließ, so dass die Schneiden im Sonnenlicht tödlich aufblitzten. Um uns herum waren alle Geräusche verstummt. Ich fühlte unzählige Augenpaare auf uns ruhen. Doch das war mir gleichgültig. Ruhig konzentrierte ich mich auf meinen Lieblingsgegner und lächelte betont unschuldig.
    „Sein Tod liegt nun schon 2941 Jahre zurück. Meinst du nicht, dass die Zeit der Selbstvorwürfe ein Ende haben sollte? Selbst Erestor und Elrond haben sich diesbezüglich vergeben. Warum kannst du es nicht?“
    Tief atmete ich durch und begann federnden Schrittes ihn langsam zu umkreisen. Während wir uns unterhielten registrierte ich fast schon geistesabwesend jede kleinste Bewegung und überprüfte seine Deckung. Bis jetzt hatte er sich noch keinen Fehler erlaubt. Mhm. Vielleicht sollte ich das Spiel heute ein wenig ausdehnen um den Gaffern ein schönes Spektakel zu bieten. Meine Mundwinkel zuckten leicht.
    „Ich habe ihn geliebt Glorfindel. Sein Tod brach mir das Herz und ich bin ihm kurz darauf gefolgt – du erinnerst dich?“ Als er nickte seufzte ich leise und drehte mich rasch um erst mit dem Schwert und dann den Dolch zuzuschlagen. Dem ersten Angriff konnte er standhalten, beim Zweiten geriet er mit der Schrittfolge ins Hintertreffen. „Der Nachteil an meinem Dasein ist, dass mir die ewige Ruhe nicht gegönnt wird und ich immer wieder auf dieser Welt wandeln muss. Mit den Gefühlen und Erinnerungen meiner vorherigen Leben. In der Regel haben die Geschöpfe Erus nur ein Leben, doch mir sind solche Grenzen nicht gesetzt und das ist richtig anstrengend. Ach übrigens, deine Konzentration lässt nach.“
    Beiläufig hatte ich ihn nach hinten gedrängt und ließ dabei meine Klingen in so raschen Abständen auf sein Schwert niedersausen, das es für ihn wie ein einziger Angriff aussehen musste. Dementsprechend schwer fiel es ihm die Deckung aufrecht zu erhalten. Zumal ich ihm keine Chance ließ selbst in die Offensive zu gehen. Ein leises schmerzhaftes Zischen verriet mir, dass er die Kraft meiner Schläge noch immer unterschätzte.
    „Du bist wahrlich eine Schwertmeisterin.“ Stellte er bewundernd und leicht außer Atem in Westron fest. Feine Schweißperlen traten auf seine Stirn. Ach es ging doch nichts über ein Sparring mit ihm. „Was hast du getan, das du sogar noch besser geworden bist?“
    Ah, er sollte aufhören zu plappern und sich lieber konzentrieren. Das Publikum raunte und schloss Wetten auf den Sieger ab. Ich fixierte seine Augen und erkannte in ihnen, das Wissen um seine Niederlage. Ihm war klar, dass ich den Kampf jederzeit beenden könnte und nun nur noch mit ihm spielte. Grinsend gab ich ihm die Chance zurückzuschlagen. Was er auch prompt versuchte. Bedauerlicherweise kannte ich seinen Kampfstil in- und auswendig. Ich wusste im Voraus was sein nächster Schritt war und hielt ihm dementsprechend locker stand. Zeit, das Tempo zu beschleunigen. Auffordernd blickte ich ihn an und zog eine Augenbraue hoch. Selbst in meiner schwächeren Gestalt war ich den Elben an Geschwindigkeit ebenbürtig. Ein eindeutiger Vorteil. „Ich habe Lindwürmer gejagt. Bereit für ein kleines Schemen - Duell?“
    „Natürlich. Mit dir immer, meldis!“
    Unmerklich wurde unser Tanz, denn nur als das konnte man es bezeichnen, immer schneller, bis alles bis auf den anderen zu einem Schleier aus Farben verschwamm. Rasend schnell wirbelten wir umeinander herum, schlugen zu und trennten uns wieder. Zu geschwind für ein menschliches Auge. Diese Art von Kampf konnten wir allerdings nicht beliebig lange fortsetzen. Es war eindeutig an der Zeit, das Spiel zu beenden. Ich lächelte ruhig und griff mit aller Stärke an. Glorfindel beförderte sich wie bei achtzig Prozent unserer Sparrings selbst ins Aus. Abgelenkt von den beiden Klingen, die er abwehren musste und gleichzeitig selbst Treffer landen wollte stolperte er und fiel hin. Ruhig pinnte ich ihn mit beiden Waffen auf dem Boden fest, so dass er sich nicht bewegen konnte. Mit einem verschmitzten Grinsen blickte ich auf ihn hinab. „So viel zu deiner Unbesiegbarkeit Findel.“
    Grollend wegen des Spitznamens blickte er zu mir auf.
    „Das war unfair. Ich hätte gegen dich gar nicht gewinnen können, da du heute noch gar nicht gekämpft hast! Fiese Umstände!“
    Erestor fing meinen Blick auf und grinste breit, auch wenn das Rot seiner Wangen sich sehr vertieft hatte. Nicht mehr lange und er machte einer Tomate Konkurrenz. Ach ja, irgendwann würde ich ihn zwingen seine Gefühle endlich zu gestehen. Immerhin kannte ich den Namen seines Angebeteten. Und ich mochte beide Elben sehr gerne.

    „Du bist einfach ein schlechter Verlierer.“ Äußerst zufrieden befreite ich ihn und zog ihn wieder auf die Beine. „Weißt du, deine Ausreden waren auch schon mal besser. Das nächste Mal nimmst du das Wetter als Vorwand – wetten?“ Er versuchte den Lachreiz zu unterdrücken und scheiterte kläglich. Beinahe tat er mir Leid. Aber auch nur beinahe.
    „Vielleicht solltest du dein Repertoire an Vorwänden erweitern.“ Stimmte mir Erestor mit ernster Miene zu. Wieder einmal verbarg er seine wahren Emotionen hinter einer kühlen Fassade aus Ruhe. Langsam ging mir diese elbische Angewohnheit auf die Nerven. Die beiden schlichen um einander herum und verzichteten auf ihre gewohnte Direktheit. Stattdessen verletzten sie sich gegenseitig mit gemeinen Spitzen. Lange würde ich mir dieses Theater nicht mehr tatenlos ansehen. An sich störten mich Neckereien nicht. „So langsam gehen dir die Ausreden aus, Vanya. Vielleicht wäre es für dich besser, du gäbest freiwillig zu, dass dir die Schwertkämpferin überlegen ist. Sofern dein Stolz dass zu läßt, versteht sich. Ich will dir ja kein riesiges Ego unterstellen...“
    Schmollend blickte Glorfindel von mir zu Erestor und wieder zurück. In diesem Moment hatte er erstaunlich viel Ähnlichkeit mit einem Welpen dem man das Spielzeug weggenommen hatte. Einfach nur niedlich.
    Dann huschte ein leicht hinterhältiges Lächeln über sein Gesicht. Obacht, da kommt die Retourkutsche, Erestor. „Mich wundert es mehr, das du noch keinen Staub angesetzt hast Noldo! Hat Fea dich vorher mühsam von Spinnweben befreien müssen, damit du dich hierher bequemst?“
    Ich sog die Luft scharf zwischen die Zähne. Das war zu viel. Eindeutig war der Vanya einen Schritt zu weit gegangen. Niemand, der Erestor weniger gut kannte hätte es bemerkt. Die Worte des Balrogtöters hatten ihn zutiefst verletzt und gekränkt. Äußerlich ließ er sich den Schmerz aber nicht anmerken. Ich konnte über die beiden nur den Kopf schütteln. Warum nur mussten sie so schüchtern sein und sich auf diese Weise annähern? Direktheit lag ihnen doch sonst sehr. Nun würde ich Schadensbegrenzung betreiben und musste mich deshalb zuerst mit dem niedergeschlagenen Noldo befassen. Der arme Kerl.
    „Ihr haltet jetzt beide die Klappe. Du mein Lieber hast noch eine Menge Arbeit mit diesen Rekruten vor dir und wir beide, mein Freund, überprüfen noch einmal die Verträge mit dem Düsterwald.“ Mein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu und so fügten sie sich ohne Murren. Dabei warfen sie einander verstohlen sehr eindeutige Blicke zu, die der jeweils Andere aber nicht mitbekam. Was Liebe nur anrichten konnte. Erestor blieb sehr still bis wir die Bibliothek erreichten. Abrupt blieb er stehen und sah mich mit verdächtig schimmernden Augen an. Eindeutig, die spöttischen Worte hatten tiefer getroffen als der Vanya ahnte.
    „Glaubst du, dass er so von mir denkt? In Wirklichkeit?“
    Sanft zog ich ihn zu einem Sessel, drückte ihn hinein und ergriff die überraschend kalten Hände. Ich hielt seinen Blick fest.
    „Nein. Glorfindel wollte nur den Spott zurückgeben, tinu.“
    Nun rannen die Tränen ungehindert über seine Wangen.
    Zärtlich nahm ich ihn in den Arm. Mein armer kleiner Stern. Weinend schmiegte er sich an mich und ich strich ihm liebevoll über den Rücken. „Aber ich bin doch so langweilig und farblos, verglichen mit ihm!“ So ein Unsinn. Allerdings ließ ich erst einmal zu, dass er all seine aufgestauten Ängste bezüglich des Vanyas in Worte fasste. Es tat ihm am Ende nur gut es auszusprechen. Vorsichtig hob ich ihn hoch und setzte mich in den Sessel. Wie das kleine ausgehungerte Kind, dass er einst gewesen war, hielt er mich fest, als wäre ich sein einziger Halt. Lächelnd streichelte ich seinen Rücken und spielte mit seinem Haar. Ich wusste, warum ich den kleinen Stern liebte. Als er schließlich nur noch schluchzend in meinen Armen lag und sich an mich klammerte, küsste ich ihn sanft auf die Stirn und hob sein Kinn an. Behutsam strich ich die Tränen weg und lächelte ihn voller Zuneigung an. Für mich war er ein Bruder, selbst wenn wir nicht Blutsverwandte waren. Dementsprechend groß war mein Beschützerinstinkt. Ich hatte ihn vor dem sicheren Hungertod gerettet und ihn all die Liebe zuteil werden lassen, die auch einst mein Beren genoßen hatte. Unsere Verbindung war stark und hatte bisher jede Prüfung bestanden. Wenn Erestor jemanden bedingungslos vertraute, dann war das wahrscheinlich ich. Aus gutem Grund.
    „Tinu, du bist weder farblos, uninteressant oder hässlich. Ganz im Gegenteil. Hinter dieser kühlen Fassade, die du zu deinem Schutz errichtet hast steckt ein herzlicher, großzügiger, loyaler, fürsorglicher, liebevoller und unschätzbar wertvoller Elb. Du bist wunderschön, mein Kleiner, vergiss das niemals. Hast du denn niemals die Blicke derer gesehen, an denen du vorbeigehst? Sie bewundern dich, sind fasziniert von deiner Schönheit, doch es ist dein Verhalten, das sie auf Abstand hält. Die meisten von ihnen wissen nicht, wie sie sich dir nähern können ohne das du sie gleich vertreibst.“ Er wurde merklich ruhiger und beobachtete mich aus aufgerissenen Augen. Wie ein Schwamm sog er meine lindernden Worte in sich auf. Ihm war klar, dass ich ihn niemals belügen würde. Dafür bedeutete er mir zu viel. Lächelnd spielte ich mit den dunklen Haarsträhnen und massierte seine Kopfhaut. Die verzweifelte Spannung wich ganz aus ihm und er schmiegte sich in meine Arme. Schutzsuchend und wissend, das er genau das bei mir immer finden würde. Bedingungslose Liebe und Anerkennung seines Wesens. „Es geht nicht darum, ob du anderen genügst. Viel mehr ist die Frage, ob sie deiner wert sind. Ihr beide, du und Glorfindel steht neben Vara meinem Herzen am nächsten. Ich liebe euch, wie ich meine Familie liebe. Für mich seid ihr unschätzbar wertvoll und ich liebe euch gerade wegen eurer Fehler. Es sind die Ecken und Kanten, die uns ausmachen. Gerade sie geben uns etwas Einzigartiges, formen uns zu dem was wir sind und oft sind es gerade diese kleinen Eigenarten, die uns liebenswert machen. Fürchte dich nicht davor zu lieben Erestor.“
    Still blieb ich im Sessel sitzen den kleinen Elben festhaltend.
    Lange war bis auf unsere Atemzüge und Herzschläge nichts zu hören.
    Er dachte nach und schien langsam einen Entschluss zu fassen.
    „Würdest du mir helfen, Glorfindel von meiner Liebe zu überzeugen?“
    „Meine Unterstützung hast du, dass weißt du doch.“
    „Hannon le, thêl.“
    „Immer wieder gerne, tinu.“

    Nach meinem Gespräch mit Erestor half ich ihm tatsächlich bei den Verträgen, so dass wir lange vor dem Abendessen fertig waren. Um ihn aufzumuntern zog ich ihn in die Gärten zu einem Spaziergang. Er blühte förmlich auf und legte seine sonst so beherrschte Maske ab. Zufrieden beobachtete ich, wie sehr er sich an den Blüten und Schmetterlingen erfreute. Es wärmte mich zutiefst, ihn so zu sehen. Frei von dem Schmerz, der Ereinions Tod in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Erestor war während der Schlacht näher bei ihm gewesen als Elrond und ich. Sein Versuch, den König zu beschützen schlug Fehl und das hatte ihn davon überzeugt, dass er seiner Stellung nicht länger würdig war. Es waren seine Schuldgefühle und dieses scheinbare Versagen, das ihn dazu getrieben hatte, Berater und Gelehrter zu sein. Nun übte er eine andere Form der Kriegsführung aus – mit einem Federstrich und Tinte.
    Als der Abend dämmerte und alles in ein weiches rotgoldenes Licht getaucht wurde, kehrten wir ins Haus zurück. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass Estel schon ins Bett gebracht wurde und dass man mich zwischen Vara und Erestor platziert hätte. Uns gegenüber saßen die Zwillinge und Glorfindel. Innerlich seufzend beobachtete ich, wie innerhalb kürzester Zeit wieder das Geplänkel der beiden losging. Es wäre amüsant, wüsste ich nicht, das einige verbale Spitzen unbeabsichtigt tief verletzten. Wie lange durfte ich mich eigentlich noch zurückhalten? Das war ja nicht zum aushalten! Wie lange kannten die beiden sich? Um die viertausend Jahre? Sie sollten endlich zu ihren wahren Gefühlen stehen.
    „Du isst viel zu wenig Fea.“ Murmelte Vara, die genauso wie ich die beiden Turteltauben beim Zanken im Blick behielt. „Riskiere nicht deine Gesundheit für diese liebenswerten Dummköpfe. Du brauchst deine Energie. Besonders nach diesem kräftezehrenden Duell.“
    Unwirsch starrte ich auf meinen Teller hinunter. Nach dem reichhaltigen Frühstück kam mir diese Portion wie ein unüberwindlicher Essensberg vor. Mal ganz davon abgesehen war der Kampf für mich nicht anstrengend gewesen – weder körperlich noch emotional. Leider kannte ich Vara viel zu gut. Notfalls würde sie die Nahrung in mich hineinzwingen. Diese Blamage würde ich mir ersparen. Grummelnd fügte ich mich ihrem Diktat und lauschte wachsam den anderen Gesprächen. Schließlich hörte ich meinen eigenen Namen in dem Stimmengewirr. Ich hob den Kopf und blickte direkt in die Augen meines Urgroßneffens.
    „Feana, ich habe dich trotz deiner Verletzung kämpfen sehen. Wie geht es deiner Hand?“ Ach, die hatte ich ja ganz vergessen. Prüfend warf ich ein Blick darauf. Sie war wieder völlig normal und schmerzte gar nicht.
    „Ihr geht es gut, danke der Nachfrage Elrond.“
    Leidgeprüft seufzten Erestor und Vara bei dieser Antwort auf. Davon ließ ich mich nicht irritieren. Der Hausherr hatte nicht wegen meiner Hand das Gespräch angefangen. Gelassen wartete ich ab. Es interessierte mich sehr wohl was ihm jetzt für Einfälle durch die Gehirnwindungen spukten.
    „Ich wollte dich fragen, ob du gemeinsam mit Vara und Glorfindel die Ausbildung der Rekruten übernehmen würdest.“
    Gespannte Stille. Einmal spürte ich zu viele Augenpaare auf mich gerichtet. Eigentlich sollte mich dieses Ansinnen nicht überraschen. Tat es aber, weil ich nicht richtig einschätzen konnte, was er in Wahrheit bezweckte. Wollte er den Legenden um die oberste Heerführerin Gil-galads wieder aufleben lassen? Das würde bei mir kaum auf Zustimmung stoßen. Mit diesem Leben hatte ich restlos abgeschlossen, nachdem mein Liebster gefallen war. Wie Erestor hatte ich das Amt niedergelegt. Ich hegte kein Interesse daran, diese Vergangenheit wiederaufleben zu lassen. Was waren schon 2941 Jahre? Angesichts der Tatsache, das ich 6539 Jahre alt war herzlich wenig. Manche Wunden hatten sich noch lange nicht geschlossen. Er kannte meine Haltung zu diesem Thema. „Vielen Dank für das Vertrauen, das du in mich setzt.“ Ernst sah ich erst ihn, dann Glorfindel und Vara an. „Doch ich kann ihnen nichts beibringen als das, was die anderen beiden in ihrem Repertoire haben. Außerdem bin ich nicht gerade für meine Geduld bekannt, es sei denn es geht um Musik. Verzeih mir bitte, dass ich das großzügige Angebot nicht annehmen kann. Aber ich werde voraussichtlich nur vier Tage hier verbleiben und anschließend zum Düsterwald aufbrechen. Ich habe noch eine Rechnung mit einem gewissen Sinda offen.“ Der Vanya mir gegenüber zog fragend eine Augenbraue hoch. Meine Mundwinkel zuckten amüsiert als ich mir die Reaktion Thranduils auf meine Person vorstellte. Mein Kommen hatte er zweifellos nicht in seinen fabelhaften Plan der hermetischen Abschottung einkalkuliert. Sein Pech. „Wettschulden sind Ehrenschulden. Bedauerlicherweise hat er nicht aus der Zeit des letzten Bündnisses gelernt und mit mir gewettet. Das Spiel war enttäuschend schnell gewonnen und ich habe lange gewartet bis ich den Einsatz einfordere. Dummerweise hat er mir nämlich einen Wunsch freigegeben falls ich gewinnen sollte. Jetzt rechnet er kaum mehr damit, dass ich auf sein Wort poche. Er hätte nicht mit mir wetten dürfen.“
    Erestor, Vara, Lindir und Glorfindel brachen in Gelächter aus. Auch einige andere Elben konnten nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken. Mein Talent, Spiele und insbesondere Wetten zu gewinnen war nahezu berüchtigt. Freiwillig forderte mich niemand heraus. In der Regel gewann der Gegenpart nämlich nur dann, wenn es mir in die Pläne passte.
    „Sag bloß, du hast ihn zuvor unter den Tisch getrunken?“ Meine Freundin blitzte mich vor Vergnügen an. Es war allgemein bekannt, das ich mehr Alkohol vertrug als Elben und Zwerge. Selbst wenn ich sturzbetrunken war merkte man mir das nicht an. Ein Hoch auf den Phönix! „Du spielst manchmal wirklich unfair mit diesem armen Waldelben.“
    Amüsiert betrachtete ich ihr Gesicht, das vor diebischer Freude strahlte. Eindeutig, sie genoß diese Vorstellung und empfand vor allem Genugtuung. Tja, Charme konnte die äußerst skurrilen Formen annehmen. Genauso wie Humor. Ich zuckte mit den Schultern. „Er war gewarnt und wusste haargenau, dass weder sein Vater noch ein gewisser Ereinion Gil-galad gegen mich bestehen konnten im Wetttrinken. Es hat ihn niemand gezwungen, Wein beim Schachspielen zu trinken und dann auch noch aus seinen eigenen Kellern. Und bisher habe ich noch jede Wette gegen ihn gewonnen. Lernfähig ist er ja nicht gerade.“
    „Und du bist skrupellos und durchtrieben, Fea!“
    „Ein wenig, ja, Linnie. Aber ich wollte seiner übertriebenen kaltschnäuzigen Arroganz mal wieder dringend einen Dämpfer versetzen.“
    Erestor schüttelte nur den Kopf, lächelte aber wissend. Die anderen Elben verbargen nur mit Mühe ihre Belustigung. Zufrieden lehnte ich mich zurück und ließ gedankenverloren den Wein in meinem Glas kreisen.
    „Intelligente Frauen sind eine Gefahr für sich.“ Murmelte ein Heiler und zwinkerte mir dabei freundlich zu. Schmunzelnd nickte ich. „Insbesondere wenn sie Feana heißen. Sagt mir meine Liebe, wann gedenkt Ihr Euch dauerhaft irgendwo niederzulassen?“
    Seltsame Gedankengänge, die diese Elben heutzutage hatten. Als ob ich mich irgendwo sesshaft niederlassen würde. Allein schon die Tatsache, dass ich ein Phönix war, machte das auf Dauer unmöglich. Ich fuhr mit der Fingerspitze leicht über den Rand meines Weinkelchs. Hm, der Wein aus Ereinions Keller war wesentlich besser gewesen. Er hätte mich zumindest leicht angeheitert. Wenn auch nicht betrunken gemacht.
    „Um mich im Netz der Nostalgie fangen zu lassen? Meister Soron, eigentlich kennt Ihr mich besser. Ich bin nicht dafür geschaffen, über Jahrtausende an einem Ort zu bleiben. Es widerspräche meinem Bewegungsdrang.“ Allseits beifälliges Gelächter, dann begannen sich die Gespräche um andere alltägliche Dinge zu drehen. Als die Gesellschaft sich schließlich auflöste begleitete mich Vara zu meinem üblichen Zimmer. Sie hatte dem Wein mehr zugesprochen als üblich und zog sich weise zurück, ehe sie ungebührlich über die Stränge schlagen konnte.
    An der Tür verabschiedete sie sich von mir, nicht ohne zu versprechen, mir bei dem Projekt „Vanya & Noldo“ zu helfen.
    Schmunzelnd blickte ich ihr hinterher. Wenn man sich anstrengte genauer hinzusehen, erkannte man, dass ihr energischer Gang etwas unsicherer und schwankender war als zuvor. Tja, die Dosis macht das Gift.
    Nach einem tiefen Atemzug betrat ich das Zimmer, das ich vor vierhundertzwanzig Jahren erhalten hatte und das seither nicht verändert wurde. Es schien, als ob die Zeit stehen geblieben wäre. Alles war immer noch so, wie ich es hinterlassen hatte. Ich hatte nichts Persönliches hier gelagert, geschweige denn Waffen. Im Grunde war der ganze Raum nichtssagend und langweilig. Fast schon langweilig. Aufmerksam blickte ich mich um, ehe ich zum Balkon ging um die Türen zu öffnen damit die frische Luft rein konnte. Nach einem wehmütigen Blick auf die Sterne drehte ich mich um und erstarrte vor Schreck. Mit diesem Besucher hatte ich nicht mehr gerechnet. Ein Fehler, wie mir nun klar wurde.
    „Mae fuin, melethril elen.“ Ungläubig starrte ich ihn an. Das Herz schlug mir bis zum Hals denn nun erwachte die Panik. Seine Sternenaugen glitzerten unheilvoll. Ich befand mich in ernsten Schwierigkeiten. Blieb nur die Flucht. Rasch stürmte ich an ihm vorbei und rüttelte an der Tür, die bisher verschlossen gewesen war. Hinter mir hörte ich das Lachen des dunklen Jägers. Verdammt. Zitternd wandte ich mich um. Er sprach einen Bann aus um jeden weiteren Fluchtversuch zu verhindern. Sein selbstzufriedenes Lächeln bestätigte mir meinen grässlichen Verdacht: ich saß in seiner Falle. Meine Haut kribbelte als Warnung. Solange er es nicht wollte würde ich ihm nicht entwischen können. Verflucht!

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    meldis = Freundin
    tinu = kleiner Stern
    Mae fuin, melethril elen. = Gute Nacht, geliebter Stern.


    9
    Kapitel 9: Gefangene der Leidenschaft

    Unruhig beobachtete ich den Vala, der so mühelos Varas Schutzzauber überwunden hatte und sich nun mit einem beängstigend räuberischen Lächeln dem Bett näherte. Ich hatte bereits versucht zu fliehen mit dem Erfolg, das ich mich jetzt gar nicht mehr rühren konnte. Er nutzte seine Macht und meine momentane Hilflosigkeit aus um mich festzuhalten. Sein Bann verhinderte mein Fortlaufen. Glühende Sternenaugen glitten begierig an meinem Körper hinunter. Mir wurde heiß und kalt bei dieser intensiven Musterung. Er hatte eindeutig gute Chancen meinen Körper zu besitzen und ich konnte mich ihm nicht einmal verweigern.
    Panik machte sich in mir breit und rang mit der aufflammenden Leidenschaft. Gerade jetzt konnte ich mir diese Schwäche nicht leisten! Ein Lächeln, das mir kalte Schauer über den Rücken jagte, verzog die viel zu sinnlichen Lippen des Jägers. Nicht zum ersten Mal fühlte ich mich wie eine Beute in der Falle. Zitternd am ganzen Körper und mit geballten Fäusten beobachtete ich wie er schmale Lederstreifen an den Pfosten befestigte. Das war doch nicht sein Ernst. Er würde mich doch nicht festbinden, oder? Hilfe! Das Ganze erinnerte mich viel zu sehr an meine Gefangenschaft. Morgoth hatte mich stets gefesselt, weil er sich an meiner Verzweiflung über meine Hilflosigkeit erfreute. Ihm war es herrlich gleichgültig gewesen ob ich ebenfalls Lust empfand oder nicht. Es war mehr eine Vergewaltigung gewesen als ein Liebesspiel. Es schien ihn damals nur noch mehr anzustacheln wenn ich mich vor Schmerz unter ihm wand. Ich hatte seiner Kraft nichts entgegensetzten können.
    Und nun war ich in demselben Teufelskreis gefangen. Am liebsten hätte ich geschrien und wäre davongelaufen. Aber diesem Vala konnte ich nicht entkommen. Es sei denn ich überzeugte ihn davon mich gehen zu lassen.
    „Bitte.“ Meine Stimme klang rau vor Furcht. „Tu mir das nicht an Orome.“
    Sein Blick wurde weich, als er meine Angst bemerkte. Allerdings unterbrach er seine Tätigkeit nicht, bis er fertig war. Langsam drehte er sich um und richtete sich dabei zu seiner beträchtlichen Größe auf. Mein Herz schlug hektisch und ich wäre zurückgewichen, wenn ich gekonnt hätte. Nur ließ sein Bann eine solche Bewegung nicht zu. Aus aufgerissenen Augen beobachtete ich, wie er behutsam näher kam. Ich bekam keine Luft mehr und der Raum begann sich leicht zu drehen. Verzweifelt schnappte ich nach Luft und krümmte mich leicht.
    Orome blieb stehen und schien mich mit zunehmender Besorgnis zu betrachten. Meine Finger krallten sich in den Stoff meiner Tunika und ich hob abwehrend eine Hand. Hoffentlich hielt er diesen Abstand.
    „Estelio nin, meril nín.“ Als ich verzweifelt den Kopf schüttelte seufzte er leise und musterte mich mit merklicher Wärme. Vorsichtig streckte er eine Hand nach mir aus. Ängstlich wich ich zurück soweit der Bann es mir gestattete. Immer wieder schob sich über sein Gesicht das meines Peinigers. Morgoth hatte mich damals fast vollständig gebrochen. Man musste nicht der Heilkunst fähig sein um zu wissen, dass meine Seele völlig zersplitterte, wenn sich die Erlebnisse von damals wiederholten. Sollte Orome sich nicht von der Wahrheit aufhalten lassen stand genau dieser Albtraum bevor! Ich war nicht sicher ob ich das überleben würde. „Ú-charnathon gen.“ Wieder ergriff das Zittern von mir Besitz. Hilflos in meiner eigenen Hölle gefangen schloss ich die Augen. Warum wurde mir nicht erlaubt endlich Erlösung zu finden und in Frieden zu ruhen? Gewaltsam hatte ich die Erinnerungen immer wieder verdrängt aber meine geschundene Seele gestattete es mir nun nicht mehr. Glühend heiß brannte der Schmerz in meinem Innern und rann feurig durch meine Adern. Wieder vernahm ich die Schreie, die ich ausgestoßen hatte, sobald Morgoth mit der Folter begann. Das Zischen der Peitsche die auf meinen Körper niederfuhr und mit grausigen Eisenwiderharken Fleisch herausriss. Wie sie Gift in die Wunden rieben, weil sie meinten, dass ich dann endlich Gehorsam gegenüber ihrem Herrn lernte. Das Einzige, das mich in diesen schrecklichen Jahren der Gefangenschaft aufrechterhielt war die Musik. Nur ihretwegen verlor ich nicht den Verstand oder gab meinen passiven Widerstand auf. Sie verlieh mir die Hoffnung eines Tages wieder die Sonne zu sehen und meinen Bruder in die Arme zu schließen.
    Ich öffnete die Augen und verdrängte diese schrecklichen Bilder. Der Vala glaubte, dass er mich nicht verletzen würde – nur lag er damit weit von der Wahrheit entfernt. Es brauchte dafür keine Folterwerkzeuge. Allein sein Verhalten reichte aus um alte Wunden wieder aufzureißen und mich einmal mehr in die Hölle der Vergangenheit zu befördern. Ich hatte Angst. Schreckliche, allumfassende, tiefverwurzelte, eiskalte Angst.
    „Das tust du schon Orome.“ Ungeweinte Tränen nahmen mir langsam die Sicht. Das hier war der reinste Albtraum für mich. Für mich gab es keinen Ausweg aus meiner eigenen persönlichen Hölle. Am liebsten hätte ich geschrien. Aber genau das versagte ich mir. Beschämt wandte ich den Blick ab. Mein Herz gehörte immer noch Thorin. Allein schon Oromes Anwesenheit fühlte sich wie Verrat an. Er hatte meine Verletzlichkeit mühelos erkannt und meinen Körper gebrandmarkt. Innerlich weinte ich. Um Thorin, unsere Liebe und um mich. Warum musste ich nur so sehr die Aufmerksamkeit von Männern auf mich ziehen? „Ich kann nicht, bitte versteh das. Morgoth hat mich damals gegen meinen Willen genommen und ich konnte ihm nichts entgegensetzen. Es gefiel ihm, wenn ich vor Schmerzen schrie und mich dabei unter ihm wand – angekettet wie ein tollwütiges Tier oder ein Troll. Lass mich bitte in Ruhe. Ich kann das nicht. Wenn du mich auf diese Weise nimmst wird meine Seele gänzlich zerbrechen. Bitte tu mir das nicht an.“
    Zum ersten Mal sah ich in seinen Sternenaugen so etwas wie Verständnis. Vielleicht bestand ja noch Hoffnung, dass er die Hände von mir ließ. Wenige Minuten später wurde ich jedoch etwas Besseren belehrt. Ich hatte nur kurz die Augen geschlossen, da spürte ich auch schon wie er mich gegen seine Härte presste. O-oh. Das war nicht gut. Sofort begann ich mich zu wehren. Doch alles was ich tat prallte an ihm ab.
    Er wartete einfach ab, bis ich zu schwach war und trug mich zum Bett. Unwillig blitzte ich ihn an. Leider hatte auch das nicht die gewünschte Wirkung. Im Gegenteil. Sein Kopf stieß hinab und er presste die Lippen fast schon brutal auf meine. Entsetzen durchflutete mich, gefolgt von Abscheu, dass mein Körper mit Erregung reagierte.
    Ich verlor die Kontrolle über ihn und musste machtlos miterleben wie ich erneut zu dem Lustobjekt eines Mannes wurde. Oromes Hände schienen überall zu sein und entflammten mich auf gefährliche Weise. Geschickt entlockte er mir Reaktionen für die ich mich zutiefst schämte. Das Stöhnen, Keuchen, Flehen trieb mir die Röte in die Wangen. Aber noch hatte ich den Widerstand nicht ganz aufgegeben. Ich drehte den Kopf weg und zischte ihn an: „Tampa tanya! Orome! Daro!“
    Er zwang meine Lippen auseinander und genau in diesem Moment spürte ich, wie er seine Macht einsetzte um den letzten Rest meines Selbsterhaltungstriebs auszuschalten. Mit Erfolg.

    Orome erkannte, dass seine Kräfte endlich die erwünschte Wirkung zeigten. Ihre grauen Augen waren vor Lust verschleiert und die Angst war aus ihnen gewichen. Es passte ihm gar nicht, dass er so lange hatten warten müssen um sie dort hinzubekommen, wo er sie jetzt hatte. Unter sich. Stöhnend. Sich windend und an ihn reibend. Ein flehendes Bündel, das gefangen in seiner Leidenschaft war. Er lächelte selbstzufrieden, begann aber zur Sicherheit ihre Hand- und Fußgelenke festzubinden. Schließlich wusste er, dass die Verzweiflung ihr durchaus genügend Kraft verleihen konnte um ihn ernsthaft zu verletzen. Befriedig betrachtete er den schönen Körper vor sich. Ihre Schönheit wurde durch nichts geschmälert. Exquisit. Einem Vala mehr als würdig.
    Seine Augen glühten blau vor Begierde und ohne sie aus seinem Blick zu entlassen zog er sich aus. Zufrieden stellte er fest, dass er sie nicht kalt ließ. Ihre Brustspitzen bettelten geradezu um seine Aufmerksamkeit. Doch noch mehr zog ihn das verlockende Dreieck zwischen ihren gespreizten Schenkeln an. Feine dunkle Löckchen verbargen den Schatz, den er zu besitzen beabsichtigte. Eine zarte Röte breitete sich über ihren Körper aus. Oh ja. Sie würde ihn noch anflehen, sie zu nehmen.
    Er würde sich Zeit nehmen und ihr beweisen, dass er mehr Geduld hatte als sie – auch wenn seine Begierde ihm selbst zu schaffen machte.
    Langsam wie ein Raubtier kam er näher. Sie erzitterte leicht vor Erwartung. Diabolisch grinste er. Schön, dass ihr Widerstand endlich erloschen war. Nun hatte er freie Hand. „Mel melethril elen.“
    Ruhig achtete er darauf dass seine langen Haare über ihre erhitzte Haut strich und sie noch mehr stimulierte. Sein Kuss war nun viel sanfter als zuvor. Jetzt konnte er sich Zeit lassen sie nach allen Regeln der Kunst zu verführen und um den Verstand zu bringen.
    Ihre Lippen öffneten sich sehnsüchtig und er genoß es, mit ihrer Zunge zu spielen. Deutlich schmeckte er die schwelende Leidenschaft in ihr. Ihr inneres Feuer stachelte ihn nur noch mehr an. Wäre der Phönix längst in ihr erstarkt, hätte er auch den Reiz der Brandgefahr. Doch selbst jetzt spürte er, dass sie im wahrsten Sinne ein Feuerwesen war. Ihr leises Stöhnen war wie Musik in seinen Ohren. Diesen Lauten könnte er der Ewigkeit lauschen ohne dass es ihm langweilig wurde. Hilflos in ihrer Leidenschaft gefangen versuchte sie ihn dazu verleiten, sie endlich dort zu berühren, wo ihre Lust gebündelt wurde. Sein Grinsen nahm raubtierhafte Züge an. Sie war eindeutig empfänglicher und heißblütiger als seine vorherigen Geliebten. Das hatte er sehr rasch gemerkt. Und dieses Wissen genoß er. Er knabberte an ihre vollen Unterlippe, nur um später mit seiner Zunge den Schmerz zu lindern. Sie wand sich ruhelos unter ihm soweit es ihr möglich war. Absichtlich hatte er die Fesseln so gebunden, dass ihm mehr Spielraum für sein Vorhaben zur Verfügung stand. Fea konnte die Knie leicht anwinkeln aber das war auch die einzige Bewegung, die sie mit ihren Beinen machen konnte. Die Fesseln an ihren Armen sorgten für eine gewisse Spannung, die aber nicht schmerzhaft war – solange sie nicht an ihren Handgelenken zerrte. Auch schnitt das Leder nicht in die empfindliche Haut. Ein Umstand, der ihm wichtig war.
    Seine dunklen Haare breiteten sich fächernd über den hoch sensibilisierten Frauenkörper aus um ihn so immer größer werdenden, erotischen Hitzewellen auszusetzen. Lächelnd lauschte er dem beschleunigten Herzschlag, beobachtete das schöne ausdrucksvolle Gesicht und seine Fingerspitzen spielten zärtlich mit den harten Knospen.
    „...um ... Himmelswillen! Fass. Mich. Endlich. Richtig. An!“ Grollte sie nun leise und brachte ihn mit der Forderung zum Lachen. Wie sehr genoß er doch die Macht die er über sie hatte. Langsam neigte er den Kopf über sie und quälte sie weiter, indem er eine brennende Spur aus Küssen bis zu ihrem Nabel zeichnete. Ihre leisen Lustschreie erfreuten seine Seele.
    Neckend stupste seine Zunge ihren Nabel an, zeichnete Kreise und erforschte ihn. Ihre straffen Muskeln erzitterten unter seiner sinnlichen Attacke. Seine Lippen kräuselten sich zufrieden an ihrer Haut.
    Der feine Film, der sie bedeckte sprach Bände.
    Genauso wie der Duft, den sie verströmte und der besser als jedes Aphrodisiakum wirkte. Absichtsvoll rieb er sich an ihr und genoß jede noch so kleine vielsagende Reaktion, die er ihr entlockte.
    Mittlerweile hatte sie ihre Stimme eingebüßt. Seine Hände pressten ihre Hüften gnadenlos auf die Matratze, so dass sie sich nicht rühren konnte. Längst war sie dem Höhepunkt schmerzhaft nahe und das, obwohl er noch immer nicht ihren Lustknoten berührt hatte. Doch er gestattete ihr nicht Erlösung zu finden, sondern hielt sie erbarmungslos kurz davor.
    Quälend langsam wanderte sein Mund weiter nach unten, nur um einen federleichten Kuss auf die feuchten Löckchen zu hauchen.
    Sanft legte er sein Kinn darauf ab und fing den glitzernden, verhangenen Blick seines geliebten feurigen Sterns ein. „Du gehörst mir, melethril elen. Bis ich dich freigebe wird es für dich keinen anderen geben, verstanden?“ Es widersprach seinem Wesen, seine Geliebte zu teilen. Solange er sie besaß, würde niemand es überleben, sie gegen seinen Willen anzurühren – dabei war ihm das Geschlecht des Emporkömmlings egal. Orome war ein leidenschaftlicher, besitzergreifender und sehr eifersüchtiger Liebhaber. Für Toleranz war er nicht gerade bekannt sobald es um seine Geliebten ging. Er würde keinen Rivalen dulden.
    Sie zitterte leicht ehe sie nickte.
    Innerlich grinste er vor Vorfreude. Gefangen in ihrer Leidenschaft würde sie allem zustimmen, was er von ihr verlangte bis zu dem Moment, in dem sie wieder vollständig bei klarem Bewusstsein war. Es war viel zu spät sich ihm zu verweigern. Nun gehörte sie ihm bis er sie freigeben würde. Was er nicht freiwillig täte. Dafür waren seine Gefühle zu stark.
    Fast schon zärtlich schlüpfte seine Zunge in ihr Inneres. Wilder Honig und erstaunliche Enge empfingen ihn. Ihr Geschmack war einzigartig und machte ihn nach der ersten Kostprobe bereits süchtig. Erst langsam dann immer schneller stieß er vor, wobei er jedes Mal den geheimen Lustknopf in ihrem Innern traf. Noch immer hielt er sie bewegungslos, so dass er sich in aller Ruhe an ihr laben konnte. In diesem Augenblick, der sich gefühlt in die Ewigkeit ausdehnte, beherrschte er sie wahrhaftig. Als sie vor Lust zersplitterte und ihn in Honig badete sah er Sie. Ihr wirkliches Wesen. Sie vermochte sich nicht mehr vor ihm verstecken. Ihre Seele strahlte so hell wie der Stern, als den er sie bezeichnete. Doch er erkannte auch die Schatten die an ihr nagten und ihr Licht bedrohten. Alles Leid was sie erfahren hatte, brachte erst die Schönheit ihres Inneren zur Geltung. Erinnerungen, die nicht die seinen waren, durchfluteten seinen Geist, überwältigten ihn förmlich. Er lächelte als ihm bewusst wurde, dass die letzte Schutzbarriere des Phönixs in diesem Moment gefallen war. Nachdem er selbst die ersehnte Erfüllung erlangt hatte befreite er sie von den Fesseln und genoß die Nachbeben die noch immer ihren schlanken Körper erschütterten.

    Langsam klang die Leidenschaft ab und der Scham gewann die Oberhand. Erschöpft und resigniert schloss ich die Augen um nicht den Triumph in seiner Miene sehen zu müssen. Ich kam mir schmutzig vor. Verdorben, verräterisch und wertlos. Wie hatte ich das nur zulassen können?
    Für ihn war ich nicht mehr als ein Lustobjekt – das hatte ich von Anfang an gewusst. Indem ich mit ihm geschlafen hatte war ich einen unwiderruflichen Schritt zu weit gegangen. Mein Herz gehörte immer noch Thorin. Ich hatte ihn betrogen. Ausgerechnet mit einem Vala. Das Schlimmste daran war, das ich dafür keine schlagkräftige Entschuldigung hatte. Sicher, meine angeborene Sinnlichkeit hatte es ihm einfach gemacht meinen Widerstand zu brechen und seine körperliche Stärke übertraf meine um Längen – trotzdem machte ich mir Vorwürfe. Warum hatte ich mich ihm nicht bis zum Ende verweigert, da ich wusste was ich mir damit antat? Hatte ich mir nicht geschworen, niemals einem anderen Wesen so viel Macht über mich zu geben? Nun gehörte mein Körper Orome und das solange bis er ihn freigab. Und nach den Erfahrungen die ich mit Morgoth in der Vergangenheit machte wusste ich mit Sicherheit, dass ich meine Freiheit endgültig verwirkt hatte.
    Tränen brannten unter meinen geschlossenen Lidern und ich unterdrückte mit aller Macht das wilde Schluchzen, das sich bemerkbar machen wollte.
    Was, Eru, hatte ich getan! Ich war nicht besser als eine Hure. Innerhalb weniger Minuten war mein Selbstwertgefühl zu Asche verbrannt. Orome hatte ein zu leichtes Spiel gehabt und nun gab es kein Entkommen mehr. „Tampa tanya, elen. Ich weiß was du jetzt denkst.“
    Vorsichtig drehte ich mich von ihm weg und schrie erstickt vor Schmerz auf. Jede Faser meines Körpers brannte vor Qual und ich würgte leicht. Abscheu vor mir selbst breitete sich wie Gift aus. Es wäre gelogen zu behaupten, dass ich es währenddessen nicht genoßen hätte. Doch nun erinnerte ich mich, welchen Preis ich dafür zahlen musste. Nach all der Zeit reagierte mein Körper immer noch auf diese Weise auf Sex. Dabei war es völlig gleichgültig wer der Partner war. Die Abwehrreaktion, die aus den Jahren der Gefangenschaft unter Morgoth herrührte, blieb dieselbe. Es machte keinen Unterschied ob Zwang und ehrliche Liebe Co-Faktoren waren. Zu tief waren die Erinnerungen an diese schreckliche Zeit verwurzelt. Behutsam richtete ich mich auf und schwang die Beine vom Bett. Allein diese Bewegungen reichten aus um mir kalte Schauer über die Haut zu jagen und Schweiß ausbrechen zu lassen. Eindeutig ein schlechtes Zeichen. Hoffentlich schaffte ich es rechtzeitig ins Bad.
    „Fea! Was ist los?“ Sorge klang in seiner Stimme mit. Ich zuckte vor seiner Berührung zurück und erhob mich schwankend. Nun, eher zog ich mich an einem der Bettpfosten hoch. Meine Beine fühlten sich schwach an und in meinen Ohren hörte ich ein bedrohliches Rauschen. Kurz wurde mir schwarz vor Augen. Eine Horde Zwerge hämmerte fröhlich in meinem Kopf. Wunderbar. Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und drohende Ohnmacht. Die üblichen Symptome. Grimmig fixierte ich die Tür des Badezimmers und blendete alles andere aus. Ich musste mich beeilen, ehe es zu spät war. „Feana? Was geschieht mit dir?“ Bitter lächelte ich und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Jeder Muskel protestierte dagegen und mein Magen wollte sich so schnell wie möglich entleeren. Keine Ausflüchte mehr. Immerhin war er nicht gerade unschuldig an dieser Situation. Ausdruckslos antworte ich leise: „Das, was jedes Mal geschieht, wenn ich Sex hatte Orome. Ich zahle den Preis dafür. Ein Andenken von Morgoth an mich.“
    Mit Mühe und Not erreichte ich rechtzeitig die Waschschüssel. Mit den Fingern krallte ich mich förmlich in die Keramik um ein wenig Halt zu finden. Zitternd übergab ich mich, während der Schüttelfrost mich immer fester in Griff hatte. Meine Haut juckte und meine Haarmähne verursachte mir noch mehr Schmerzen. Empfindlich wie mein Körper jetzt war richteten die Strähnen noch größeren Schaden an, weil sie über die Rötungen strichen, die sich in kürzester Zeit zu offenen Wunden entwickeln würden. Bald würde das Fieber beginnen und ich in Träume versinken, die grausige Details beinhalteten. Starke Finger nahmen mein schweres Haar im Nacken zusammen und ich spürte mühelos die Besorgnis des Vala. Das hatte er weder gewollt noch gewusst.
    Hätte er auch mit mir geschlafen, wenn er die Wahrheit kannte? Keiner meiner Partner hatte diesen Preis zahlen müssen. Ich schon, denn noch immer trug ich die unsichtbaren Brandzeichen Morgoths. Bis der Fluch gebrochen war würde sich nichts an diesem Überbleibsel ändern. Zitternd schloss ich die Augen, während ich meinen Magen gänzlich ausleerte.
    Ich fühlte mich einfach nur elend. Hinter mir seufzte er auf und ich ahnte, welche Frage ihn auf der Zunge brannte. „Magst du mir erklären, warum dein Körper so reagiert?“ Was würde sich dann schon verändern. Er hatte mich ebenso benutzt und behandelt für Morgoth. Der einzige Unterschied zwischen den beiden war für mich, dass der Jäger mich nicht in einem fensterlosen Verlies festhielt und seinen Spießgesellen erlaubte, sich nach Belieben an mir zu vergreifen. Ansonsten hatten sie erschreckend viel Ähnlichkeit miteinander. Erschöpft lehnte ich mich gegen den kleinen Tisch und fixierte mein Spiegelbild. Eigentlich wollte ich nicht mit Orome darüber sprechen. Allerdings würde er kaum Ruhe geben, eher er nicht die ganze Wahrheit wusste. Genau über diesen Teil meiner Gefangenschaft schwieg ich mich in der Regel aus.
    „Morgoth hat nicht nur meinen Körper gefoltert und gebrandmarkt. Die Schatten, die du auf meiner Seele wahrgenommen hast sind die Zeichen seines Besitzanspruchs.“ Tief atmete ich durch. „Er wollte sichergehen, dass keiner seiner Feinde mich jemals wirklich besitzen würde, sollte ich ihm entgegen jeder Wahrscheinlichkeit entkommen. Bisher habe ich diesen Preis immer bezahlen müssen, ganz gleich, wer der Betreffende war, der mit mir intim war. Mein Körper mag sehr anfällig für Berührungen sein und während des Akts selbst reagiert er auch nicht auf diese Weise – aber im Nachhinein versucht er sich von jedem noch so kleinen Überbleibsel zu befreien. Seine Abwehr wirkt sich am Ende wie eine heftige Krankheit aus, die mich auch Wochen später mit Rückenfällen schwächt. Es gibt kein Mittel dagegen. Je mehr Gefühle meinerseits im Spiel sind, desto höher und gefährlicher fällt der Preis aus.“
    Seit meinem ersten Erwachen als Phönix war ich zehnmal gestorben. Zwei davon weil ich es gewagt hatte einen Mann mit jeder Faser meines Selbst zu lieben. Folglich war die Bestrafung durch Morgoths Brandzeichen heftiger als jemals zuvor oder danach ausgefallen.
    Ich begegnete seinem fassungslosen entsetzten Blick im Spiegel. Mit dieser Offenbarung hatte er definitiv nicht gerechnet. Tja, so sehr konnte man sich täuschen. „Dann ist es unheilbar? Aber wieso?“ Jetzt kam das Schwerste für mich. Denn Morgoth hatte es dabei nicht belassen. Leider. „Er hat Splitter seiner Seele in die meine eingesetzt. Sollte er jemals freikommen und mich in diesem für mich gefährlichen Zustand befinden kann er mühelos die Kontrolle über mich gewinnen. Sein Schatten vergiftet mich und zehrt meine Seele sehr langsam auf. Durch die Tode, die ich als Phönix habe, wird dieser Prozess immer wieder gestoppt. Das Feuer hält ihn in Schach, denn gegen die Reinheit dieses Wesens kommt er nicht an. Nur der Urheber könnte dieses Übel beseitigten und mich retten. Wir wissen beide, das Morgoth das niemals tun wird.“
    Damit wandte ich mich ab und verließ mit hölzernen Bewegungen das Badezimmer. Die Schwäche setzte mir nun immer heftiger zu. Über die Verbindung zu dem dunklen Vala spürte ich seinen Zorn und Hass.
    Er wollte mich dafür leiden sehen, dass ich einmal mehr mich seinem Zugriff für ein paar Minuten entzogen hatte. Kaum berührte mein Kopf das Kissen fiel ich in einen unruhigen Schlaf während mein Körper von dem Fieber erfasst wurde, das nur Morgoths Splitter auf seinen Befehl auslösten. Durch den Schleier der Bewusstlosigkeit vernahm ich noch die geflüsterten Worte Oromes: „Den car annin naeth! Im garen ha istaen tiren!“

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    Estelio nin, meril nín. = Vertrau mir, meine Rose.
    Ú-charnathon gen. = Ich werde dir nicht wehtun.
    Tampa tanya! = Hör auf damit!
    Daro! = Halt!
    Den car annin naeth! = Es tut mir so leid!
    Im garen ha istaen tiren! = Ich hätte es wissen müssen!

    Eure objektive/subjektive Meinung? Verbesserungsvorschläge? Kritik? Sonstiges?

    10
    Kapitel 10: Rechtschaffender Zorn

    Orome verließ mit einem sehr schlechten Gewissen die junge Frau. Wenn er gewusst hätte, was für einen schrecklichen Preis sie zahlen musste, wäre es nicht so weit gekommen. Warum hatte Aule ihn nicht gewarnt? Er war es doch, der als Beschützer der Phönixträgerinnen Verantwortung für Iselin übernommen hatte – kaum das sie empfangen wurde. Melkor hätte niemals in ihr Leben eintreten dürfen. Nicht einmal Vaire hatte das vorausgesehen und so waren die Schutzmaßnahmen äußerst gering. Keiner von ihnen hatte damit gerechnet, dass sich das Schicksal des Phönixs jemals erfüllen würde. Auch Valar machten Fehler, doch das ausgerechnet Iselin den Preis dafür zahlen musste gefiel ihm gar nicht. Zumal er sich in ihren Augen nicht von Melkor unterschied – besonders was das Verhalten anging. Mochte ihr Körper ihn in diesem Moment gewollt haben, ihr Geist, ihr Herz und ihre Seele waren dagegen gewesen. Ihm hätte auffallen müssen, dass ihre Seele teilweise zersplittert war und ihr Geist ebenfalls tiefe Verletzungen aufwies. Er hatte es nicht sehen wollen, getrieben in seiner Begierde. Nun musste sie unnötig leiden, weil er absichtlich blind gewesen war. Es war unverzeihlich.
    Iselin stand unter ihren Schutz und er hatte nicht besser gehandelt als Melkor, den sie zu Recht verabscheute. Diese Schuldgefühle waren doch ein wenig neu und auch unangenehm für ihn. Seine Begierde hatte sie in eine Hölle geschleudert, die er ihr mühelos ersparen könnte. Nun musste ausgerechnet sie den Preis zahlen. Sie alle hatten in ihrem Schutz versagt. Niemand hatte ein solches Schicksal verdient.
    „Was haben wir denn da? Einen Jäger getrieben von Schuldgefühlen?“ Orome fuhr herum und sah sich Aule gegenüber der ihn düster betrachtete. O-oh. Jetzt musste er sich vor dem Schmied verantworten. Er schnitt ihm eine Grimasse. „Du weißt es also. Warum hast du mir nichts gesagt? Ich hätte sie niemals angerührt, wenn ich die Wahrheit wüsste.“ Die dunklen Augen des anderen Vala sprühten Funken. Iselins Beschützer war zu Recht sauer und ließ es den unsterblichen Jäger deutlich spüren, was er von dessen Verhalten hielt. Nämlich gar nichts. Es war nie klug diesen Vala zu verärgern. Eigentlich hätte Orome es besser wissen müssen als zu glauben, er würde einer Strafe entgehen können. Die glühende Hitze des Zorns hüllte ihn ein und brannte sich durch seinen Körper bis zu seiner Essenz. Unter den Schmerzen zuckte er zusammen. Aule und Tulkas hatten beide ein gefährliches Temperament, wobei Ersterer eine eiserne Selbstbeherrschung hatte. Nun ja, meistens. „Lüg mich nicht an Arǭmēz! Ich habe es dir gesagt und du hast mich ignoriert.“
    Der Klang seines ursprünglichen Namens im Valarin verriet dem Jäger dass er den Bogen im wahrsten Sinne überspannt hatte. Er war zu weit gegangen. Eigentlich konnte er dankbar sein, dass er nicht von Manwë zur Rechenschaft gezogen wurde. „Deinetwegen muss Iselin nun leiden und das völlig grundlos! Sie hat Recht, dich mit Melkor gleichzusetzen. Weißt du, die Männer, die seit ihrem Erwachen ihr Lager geteilt haben besaßen wenigstens ein Teil ihres Herzens. Freiwillig hätte keiner von ihnen sie verletzt oder ihre Hilflosigkeit ausgenutzt. Gil-galad und Thorin standen ihr näher als sonst jemand – von ihrer menschlichen Familie mal abgesehen. Wir alle haben dich gewarnt, dich an ihr zu vergreifen.“
    Um ihn herum materialisierten sich mit anklagenden Mienen die anderen Valar. Manwë trat mit unheilvoll blitzenden Augen näher.
    „Du hast zu viele Gesetze gebrochen, als das ich Gnade walten lassen könnte. Iselins Leben ist aufgrund unserer Fehleinschätzung eine Hölle und statt sie zu schützen, quälst du sie und betrügst nebenbei deine Gefährtin. Du wirst bis auf weiteres Valinor nicht mehr verlassen und die nächste Zeit in demselben Verlies verbringen, in dem wir einst Melkor anketteten. Dort hast du die Muße über deine Fehler nachzudenken. Was weiter mit dir geschieht, werde ich mir noch überlegen. Es wird dir allerdings kaum gefallen.“ Er sah Tulkas und Aule an, die stumm ihr Einverständnis gaben. Sie würden sichergehen, dass Orome seiner Strafe nicht entkommen konnte. Vána beobachtete ihren untreuen Gatten mit kaum verhohlener Abscheu. Niemals hätte sie gedacht, dass er sich jemals so verhalten würde. Aber anscheinend hatte sie sich in ihm gründlich geirrt. Eine warme Hand berührte sanft ihren Arm und sie blickte in die verständnisvollen Augen ihrer älteren Schwester. Yavanna wusste wie sie sich fühlte und gab ihr schweigend ihre Unterstützung. Mit ausdruckslosen Mienen packten Ulmo und Námo den Frevler. Stumm verschwanden sie mit ihm, wissend, dass vorerst sein Kampfgeist gebrochen war. Varda, Yavanna, Nienna, Este, Vaire und Nessa nahmen ihre Freundin in die tröstende Mitte, ehe sie ebenfalls nach Valinor zurückkehrten. Aule dagegen blieb mit verschränkten Armen, wo er auf Orome gelauert hatte. Er war zu zornig um in die Heimat zurückzukehren. Im Augenblick wollte er das Blut seines Schwagers sehen.
    Niemals hätte er gedacht, dass der Jäger sich so verhalten würde. Eigentlich war seine Warnung klar genug gewesen. Und nun verspürte er einen Zorn, der vergleichbar war mit dem Moment, als er erkannte, was mit seinem geliebten Schützling passiert war. Melkor hatte sein Schicksal und das einer wahrhaft unschuldigen Seele mit einer unbedachten Tat besiegelt. Nichts konnte die Schuld lindern, die sie sich aufgeladen hatten, als sie damals in ihrem Schutz versagten. Besonders er machte sich Vorwürfe. Er liebte Iselin wie eine Tochter und konnte ihren Schmerz kaum ertragen. 6470 Jahre war sie nun schon ein Phönix. Eine viel zu lange Zeit für ein solches Schicksal. Ihre Seele war für immer gezeichnet und ihr Herz würde einen erneuten Verlust wie der von Thorin und Gil-galad kaum ertragen. Und jetzt hatte Orome in seiner Dummheit ihr schreckliche Qualen zugemutet. Das durfte einfach nicht wahr sein!
    Er tobte vor Zorn und mahlte mit den Zähnen. Wie gerne hätte er seinem unbedarften Schwager in diesem Moment den Kopf abgerissen. Wie konnte jemand, der so alt war wie die Valar, sich zu dieser verhängnisvollen, unverantwortlichen Gedankenlosigkeit hinreißen? Aule verstand es einfach nicht. Sie alle hatten Orome ins Gewissen geredet. „Es tut mir Leid Aule.“ Manwë sah ihn mit echter Reue an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß wie sehr du die Kleine liebst. Er wird seine Tat noch bereuen, das verspreche ich dir. Sie hat wahrlich genug gelitten. Kümmere dich nun um sie und diesen Zwerg. Es ist an der Zeit, dass sie daran erinnert wird, dass Liebe jede Schwierigkeit überwindet. Thorin und sie gehören zusammen. Solange es ihnen noch möglich ist, sollten sie ihre Liebe genießen. Beide haben es verdient. Genügend Leid steht ihnen noch bevor. Lass die Liebe zu ihr über deinen Zorn siegen.“
    Der Herrscher der Valar verschwand mit einem letzten Lächeln. Zurückblieb ein sehr nachdenklicher Aule, in dessen Innern väterliche Liebe zu Iselin mit rechtschaffendem Zorn auf Orome um die Oberhand kämpften. Schließlich lächelte er und wandte sich ab. Er wusste, was er nun zu tun hatte. Besonders erfreut würde sie zwar nicht sein, aber sie brauchte dringend jemanden, der ihr beistand. Und das konnte dieses Mal nicht Vara sein. Die Elbin sollte sich auf die Aufgabe konzentrieren, Aragorn auszubilden. Iselin würde zweifellos eine zeitlang sauer auf ihn sein, aber damit konnte er leben. Manwë hatte Recht.

    11
    Kapitel 11: Wenn die Nacht alte Geheimnisse ans Licht bringt

    Thorins Sicht:
    Mit gemischten Gefühlen stand ich an der Seite meiner Gefährten und blickte zum Erebor. So sehr es mich auch freute, meine Heimat wiederzusehen, wusste ich doch, dass ich ohne Fea niemals glücklich sein würde – ganz gleich wie viele Schätze ich mein Eigen nannte. Ob ich jemals die Chance bekam, sie von meiner aufrichtigen Liebe zu überzeugen? Warum nur hatte ich nicht darauf bestanden, sie zu suchen und zu zwingen, sich uns anzuschließen? Die Antwort auf die letzte Frage war erschreckend einfach. Ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie mich eher umgebracht hätte als mitzukommen. Außerdem hasste sie es, wenn ich mich in ihrer Nähe aufhielt, solange sie schwach war. Das ich sie deshalb nie geringer schätzen würde begriff sie nicht. Immer, wenn sie den schmerzhaften natürlichen Tod eines Phönixs durchmachen musste zog sie sich zurück und verbarg sich, bis das Feuerwesen wieder seine gewohnte Stärke zurückgewonnen hatte. Meine geliebte Fea.
    Im Vergleich zu dem, was sie hatte durchmachen müssen, wirkte meine Vergangenheit geradezu traumhaft idyllisch. Ja, ich wurde von Schuldgefühlen geplagt. Ich konnte nur hoffen, dass ich eine Chance erhielt, mich mit ihr auszusprechen und vor ihren Augen Vergebung zu finden. Wobei sie nicht gerade zu den Frauen gehörte, die leicht verziehen oder vergasen. In dieser Hinsicht ähnelte sie den Zwergenfrauen.
    Balin fing meinen Blick auf und nickte wissend.
    „Ich bin überzeugt, dass wir nicht nur den Erebor wiedersehen werden, sondern auch Fea. Mahal war ihr immer wohl gesonnen, wenn du dich daran erinnern magst.“ Das beifällige Raunen der anderen Zwerge versuchte ich zu ignorieren. Natürlich wäre es für mich eine große Chance und ich wahrscheinlich weniger unruhig, aber soweit ich wusste, hatte Fea jetzt besonders mit den Folgen ihres Erwachens zu kämpfen. In dieser Zeit würde sie sich nicht freiwillig auf den Reiseweg machen. Allein wenn ich an unsere Begegnung dachte, zweifelte ich daran, dass wir uns so schnell wiedersehen würden. Ich räusperte mich und gab den Befehl zum Aufbruch. Bevor die Dunkelheit hereinbrach mussten wir eine sichere Stelle zum Rasten finden. Mein Körper brannte bei der Kraxelei bergab. Grimmig presste ich die Zähne aufeinander und versuchte die Schmerzen auszublenden. Ich konnte es mir nicht leisten Schwäche zu zeigen. Nicht, wenn der Hobbit, Gandalf und Balin mich mit Argusaugen beobachteten. Zum Glück sah Dis mich nicht in diesem Zustand. Schaudernd dachte ich an den Wutanfall, den sie zweifellos hätte und an die Standpauke, die ich für mein verantwortungsloses Verhalten in Bezug auf meine Gesundheit erhalten würde. Oja, meine kleine Schwester hatte eine sehr scharfe Zunge und ließ sich selten Vorschriften machen. In Fea hatte sie damals eine Verbündete, Freundin und Schwester gefunden. Zusammen hatten sie mich in den Wahnsinn getrieben mit ihren Neckereien. Was Feas Reaktion auf meine Verletzungen anging, so war ich mir nicht sicher. Sie hasste mich. Warum also sollte sie Mitgefühl haben oder mich überhaupt zur Kenntnis nehmen? Unwahrscheinlich, dass sie mich freiwillig ansah.
    Seufzend konzentrierte ich mich auf das Klettern und schließlich erreichten wir eine kleine Höhle. Wachsam, dank des Erlebnisses in den Bergen untersuchten wir sie nach verräterischen Anzeichen. Doch da war nichts. Trotzdem würden wir hier kein Feuer anmachen. Das war zu gefährlich. Unwillig gestattete ich es Óin und Balin meine Verletzungen noch einmal zu überprüfen. Damit die Orks nicht so leicht unserer Fährte folgen konnten, hatten wir provisorisch Verbände angelegt. Gandalf hatte zwar einige Heilzauber angewendet und die größten Wunden verschlossen, allerdings hatte ich durch den Sturz einige innere Verletzungen. Es würde lange dauern und schmerzhaft sein, bis sie vollständig verheilt waren. Seufzend lehnte ich mich an einen Felsen und beobachtete, wie Bilbo sich zögernd an Gandalf wandte. Der Zauberer wirkte besorgt und ein wenig misstrauisch, was die Ruhe da draußen anging. Es war unwahrscheinlich, dass wir in dieser Nacht friedlich schlafen würden. Die Gefahr war zu gegenwärtig.
    „Gandalf, wer ist Feana eigentlich genau? Ich habe noch nie in deinen Geschichten von ihr gehört.“ Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch. Anscheinend war der kleine Hobbit sehr aufmerksam und neugierig. Eigentlich konnte ich es ihm nicht verdenken. Immerhin kannte jeder außer ihm die Phönixträgerin und selbst diese verlogenen Elben wussten um ihren hohen Stellenwert. Jetzt war ich mal auf die Antwort des Graubarts gespannt. Dieser genehmigte sich einen Zug mit seiner Pfeife, ehe er dem Halbling leise antwortete: „Feana ist eine Kriegerin, die durch die Hölle gegangen ist Bilbo. Sie hat in ihrer Jugend etwas Schreckliches erlebt, dass sie sehr prägte. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass sie einst eine gewöhnliche Sterbliche war. Ein Menschenmädchen, mit einer liebenden Familie und einem normalen Leben.“ Trauer und Mitgefühl schwangen in der Stimme des Alten mit. „Ich weiß nur über ihr früheres Leben, was sie mir zu erzählen bereit war. Es ist ihr eiserner Überlebenswille, der verhindert dass sie aufgibt, egal wie ausweglos eine Situation auch erscheinen mag. Im letzten Zeitalter war sie eine der mächtigsten Personen. Sie war eine wahre Kriegsherrin, die oberste Befehlshaberin der lindonischen Armee und die Protektorin des noldischen Königs Gil-galad. Es gibt viele Legenden, die sich um sie ranken. So heißt es auch, dass jeder König, gleich Mensch, Elb oder Zwerg in Krisenzeiten sich ihrem Urteil unterworfen habe und alle Heere ihrem Befehl unterstellten. Feana war eine nicht zu unterschätzende Gegnerin, die niemand sich wirklich als Feindin wünschen würde. Ich selbst habe sie damals nicht gekannt. Aber einige meiner Freunde und Kollegen erinnern sich an jene Zeiten. Es muss erschreckend gewesen sein, sie nach dem Tod des Königs Gil-galad so gebrochen zu sehen.“
    Der Zauberer warf mir einen wissenden Blick zu. Feana selbst hatte nur ungern über die Zeit gesprochen, in der sie die berühmt-berüchtigte Heerführerin gewesen war. Aber ich erinnerte mich an die Geschichten, die mein Großvater damals über ihre früheren Heldentaten erzählt hatte. In solchen Momenten, wenn Fea das mitbekam, verschloss sich ihr Gesicht und sie strahlte eine schmerzhafte Unnahbarkeit aus. Natürlich wussten die Zwerge von dem, was sie früher geleistet hatte. Immerhin war sie eine Freundin der Zwerge gewesen und wenn ich das mitgehörte Gespräch in Bruchtal richtig verstanden hatte, waren Elrond und sie sich spinnefeind, weil er verhinderte, dass sie den Tod von Dáin I. verhinderte. Ich hatte sie oft genug kämpfen gesehen um zu wissen, dass ich mich niemals auf der falschen Seite ihres Angriffes wiederfinden wollte.
    Gnadenlos, grausam, schnell und präzise vernichtete sie ihre Gegner. Es gab keine Chance, ihrer Vergeltung zu entkommen. Ihre Klingen waren absolut tödlich. Nicht ohne Grund hatte sie den Ruf, die beste Schwertkämpferin Mittelerdes zu sein.
    „Feana ist ein Phönix.“ Gab ich leise von mir. Das Unverständnis des Jungen ließ mich bitter lächeln. Natürlich, woher sollte er auch wissen, dass diese Frau ein Leben führte, das für ihre Seele die reinste Hölle war? Er war noch jung und hatte bisher nicht viel von der Welt gesehen. „Sie ist ein Feuerwesen. Ihre Tränen bergen ebenso Heilkräfte in sich wie ihr Blut. Doch am gefährlichsten ist ihr Feuer. Nichts, was damit in Berührung kommt, überlebt. Von dir würde nicht einmal die Seele übrig bleiben, kleiner Meisterdieb. Gegen ihr Feuer ist das der geflügelten Echsen geradezu lächerlich. Warum glaubst du, hat Gandalf sonst versucht, sie für diese Reise zu gewinnen? Sie ist die Einzige, die Smaug überhaupt töten könnte, falls die Bestie noch lebt. Allerdings wird sie uns kaum helfen. Nicht nach allem was passiert ist.“
    Dwalin schnaubte leise und machte sich daran, seine Waffen zu schärfen. Ich war dankbar, dass er nichts zu diesem Thema sagte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich sie damals geheiratet und niemals so tief verletzt. Jetzt konnte ich nur beten, dass sie mich beim nächsten Aufeinandertreffen nicht in Einzelteile zerlegte. Verdient hätte ich es. „Und ihr beide wart ein Liebespaar? Warum ist sie so wütend auf dich?“ Argh. Das würde eindeutig die längste Nacht meines Lebens werden. Ernst fixierte ich den Hobbit. „Ich habe mich wie ein Mistkerl verhalten und ihr Herz gebrochen. Sie hat jedes Recht, mich zu hassen.“
    Angespannte Stille. Bilbo schien ein wenig beschämt zu sein, weil seine Neugierde so viel Unruhe verursacht hatte. Ich seufzte und lächelte müde. Mir gefiel nicht die unrühmliche Rolle, die ich in ihrem Leben nun spielte, aber das war meine eigene Schuld. Niemand hatte mich gezwungen, mich so verabscheuungswürdig ihr gegenüber zu verhalten.
    „Und vielleicht hast du jetzt eine Chance, dich zu bessern und ihre Liebe zurückzugewinnen.“ Die fremde Männerstimme ließ mich herumfahren. Aus dem Schatten eines Höhlengangs trat ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann. Ich schenkte ihm weniger Beachtung, da die Frau in seinen Armen meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Feana sah schrecklich aus. Hastig sprang ich auf und richtete meine Waffe auf den Mann. War er dafür verantwortlich! Wenn ja, würde ich ihn mit Vergnügen umbringen. „Das war genau die Reaktion, die ich von dir erwartet habe Thorin Eichenschild. Ich wäre enttäuscht, wenn sie dir nicht so viel bedeuten würde. Zumal sie mich zweifellos hassen wird, wenn sie aufwacht und erkennt, was ich getan habe.“ Der Fremde trat näher und verblüfft erkannte ich die Sternenaugen. Unsterbliche Augen. Einer der Valar? Gandalfs Reaktion war mehr als aufschlussreich. Ihm fiel die Pfeife aus dem Mund. Geschockt starrte er den Mann an, ehe er sich ehrfürchtig verneigte. „Hîr Aule! Mit Eurem Erscheinen hat niemand gerechnet.“
    Aule... Verblüfft starrte ich den Vala an, den wir Zwerge Mahal nannten. Ihm verdankten wir überhaupt unsere Existenz. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihm jemals zu Lebzeiten begegnen würde. Fassungslos beobachtete ich das verschmitzte Grinsen, dass dieser dem Zauberer schenkte. „Wirklich nicht, Olórin? Dabei sollte dir Feana doch erzählt haben, dass wir Valar sich oft in ihr Leben einmischen und sie zu den unmöglichsten Zeiten besuchen. Der Bart steht dir übrigens hervorragend. Auch wenn du als junger Mann zweifellos das Herz einer gewissen blonden Elbin gestohlen hast, hm?“
    Der Bart verdeckte es zwar, aber ich war mir ziemlich sicher, dass Gandalf gerade rot anlief. Ich zog die Augenbrauen hoch. Das wurde ja immer interessanter. Anscheinend hatten beide sehr viel vor mir geheim gehalten. Denn dass die Valar sie besuchten, hörte ich heute zum ersten Mal. Ich ließ das Schwert sinken und verschränkte die Arme vor der Brust. Was das Liebesleben des Zausels anging, hatte ich da meine Vermutung. Mir war nicht die Ankunft der blonden Elbin entgangen, die sich bei Elrond nach Gandalf erkundigte. Das Warum war nun ziemlich eindeutig. Argh, Ich wollte mir das nicht vorstellen.
    „Es ist diese blonde Hexe aus dem goldenen Wald, habe ich Recht, Gandalf?“ Dieser senkte den Kopf und schien seine Schuhspitzen wesentlich interessanter zu finden als mein Gesicht. Also doch. Na wunderbar. Anscheinend hatten die Spitzohren ihn wirklich verhext. So ganz glaubte ich nicht, dass er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sich auf diese Hungerlappen einlassen würde. Bah, allein die Vorstellung war schon grotesk. Widerlich. „Wahrscheinlich sind es deine komischen Kräuter die du immer rauchen musst. Würde mich auf keinen Fall überraschen, wenn das deinen Verstand schmälert.“
    Ein leises Räuspern ließ mich wieder zu dem Vala sehen. Doch es war offensichtlich nicht er, der dieses Geräusch von sich gegeben hatte. Nein, mich starrten eindeutig wütend graue Augen an. O-oh. Hart schluckte ich, als sie sich ohne mich aus ihrem düsteren Blick zu entlassen, aus dem Griff des Mannes befreite und die Arme verschränkte. Das sah nicht gut aus. Am besten sollte ich jetzt wohl mein Testament machen.
    „An deiner Stelle wäre ich vorsichtig, wie weit ich meinen Mund aufreiße, Thorin Thráinssohn! Es ist ja nicht so, als würde dein Gehirn logisch funktionieren, wenn es darauf ankommt, nicht wahr?“ Autsch. Die Schärfe hatte ihre Zunge definitiv noch nicht eingebüßt. Leider schien sie noch nicht fertig zu sein. „Das, was unserem lieben Zauberer, das Denken erschwert, nennt sich Liebe. Glaubst du, ich habe mir damals ausgesucht, mich in dich zu verlieben! Nein! Zur Hölle ich hatte noch immer ein gebrochenes Herz wegen meines Geliebten. Für euch Zwerge mögen vielleicht 2766 Jahre eine lange Zeit sein, aber ich versichere dir, für mich ist dass eine sehr kurze Zeitspanne, gemessen an meinem Alter. Ich habe mich gegen jede Vernunft in dich verliebt. Und was hat mir das gebracht? Nichts als Schmerz, Verzweiflung und Tod. Falls du also mit den Gedanken spielen solltest, weiter am Leben zu bleiben rate ich dir, den Mund zu halten und mich in Ruhe zu lassen!“
    Wie erstarrt hatte ich ihre Worte gehört und nun beobachtete ich, wie sie sich mit dem gleichen wütenden Gesichtsausdruck zu Mahal umwandte. „Was dich angeht Aule, ich hätte nicht erwartet, dass du mich so hintergehst. Reicht es nicht, dass dein Schwager verantwortlich für meine Verletzungen ist? Musst du mich auf diese Weise zu etwas zwingen, was ich definitiv nicht will?“ Als er anfangen wollte sich zu verteidigen, strafte sie ihre Gestalt. Innerhalb eines Wimpernschlags schien sie größer zu werden und strahlte die Autorität einer uralten Heerführerin aus. „Ich will nichts davon hören, dass Manwë es für eine gute Idee hält. Sieh mich nicht so ungläubig an. Glaubst du wirklich, ich bekomme nichts mit! Zufällig hast du in deiner Aufregung alles auf mich übertragen. Ich durfte die Standpauke, die du Orome gehalten hast, hautnah miterleben. Ganz zu schweigen von deinen Gefühlen und Gedanken. Oh, ich habe gehofft, dass ich mich irre, was dein Vorhaben angeht. Aber anscheinend habe ich mich in dir getäuscht. Richte den anderen aus, dass ich für dieses Zeitalter genug von euch Valar habe und keinen von euch mehr in meiner Nähe sehen will. Und jetzt geh, bevor ich mich vergesse!“

    *Feanas Sicht*:
    Noch immer loderte in mir der Zorn hoch, wenn ich an Aules Verrat dachte. Er wusste sehr wohl, was ich von Thorin und dieser seltsamen Verkupplungsidee hielt. Nämlich gar nichts! Mittlerweile war er verschwunden und ich hatte mich mit schmerzendem Körper neben Balin niedergelassen. Er und sein Bruder schienen einverstanden zu sein, Thorin von mir fernzuhalten. Dafür war ich dankbar. Morgen würde ich versuchen Gwaithir zu erreichen und ihn zu bitten, mich direkt zu Thranduil zu bringen. Zur Hölle mit der Zwergengemeinschaft samt Anhängsel. Ich würde mich nicht tagelang in Thorins Nähe aufhalten, in dem Wissen, dass ich seinetwegen Probleme bekommen würde. Argh, wie sehr ich doch diese ganze Situation verabscheute. Warum tat Aule mir das an? Aus uns würde mit Sicherheit kein Liebespaar mehr werden. Von diesem Gedanken sollten die Herren sich so schnell wie möglich verabschieden. Vaire wollte Thorins Leben bald beenden – warum also erst tiefere Gefühle zulassen! Ich wusste doch, welche Hölle in diesem Fall auf mich wartete. Das war sicher nicht das, was ich wollte.
    Herzlichen Dank, ich hatte genügend Probleme dank Oromes Leichtsinn. „Scheint so, als wäre viel passiert, seit unserem letzten Aufeinandertreffen. Magst du davon erzählen Fea?“ Balin musterte mich eingehend und ich war mir sicher, dass er die Symptome richtig deutete. Seufzend versuchte ich mich bequemer hinzusetzen. Morgen würden meine Muskeln ansonsten so steif sein, das an Aufstehen nicht zu denken war. Was sprach eigentlich dagegen, das ich es den Brüdern erzählte? Von allen Zwergen konnte ich ihnen am ehesten vertrauen. Ich schenkte ihm ein kleines ehrliches Lächeln. „Tut mir Leid, das ich euch dumpfbackige Gartenzwerge genannt habe. Mein Ärger bezog sich vor allem auf Thorin und der Tatsache, dass diese Trolle solche Idioten waren.“ Die beiden grinsten mich an und versicherten, dass es verständlich sei, dass ich mich auf diese Weise abreagiert hatte. Außerdem sei der Anblick doch ganz lustig gewesen. Fragend zog ich eine Augenbraue hoch. „Fea, wir wissen alle, dass du ein heftiges Temperament hast. Es war also keine große Überraschung, dass du ein wenig durchgedreht bist. Ehrlich gesagt hätten wir mit einigen Brandwunden bei Thorin gerechnet. Du hättest jedes Recht mit ihm so umzuspringen, nachdem was er angerichtet hat. Deine Bemerkungen über die Trolle waren vor allem so amüsant.“
    Dwalin schmunzelte versonnen, als gefiele ihm diese Erinnerung. Ich unterdrückte mit Mühe ein Lachen. Das war ja fast so wie früher.
    „Welche der Bezeichnungen war denn die Beste?“
    Der jüngere Fundinssohn hob eine Augenbraue und musterte mich mit kaum verhohlener Belustigung. „Mal überlegen. Wie wäre es mit >Aber was soll man schon von Kreaturen erwarten deren Hirn nicht größer als eine Haselnuss ist<?“ Vereinzelt erklang Gelächter. Ah, wir hatten also doch mehr Zuhörer als erwartet. „Wobei, am meisten habe ich im Stillen deine Bemerkung zu Thorin gefeiert: >Sei dankbar, dass Balin dir deinen wertlosen Arsch gerettet hat Gnom sonst wärst du jetzt zu meinem Zahnstocher mutiert!<. Ich bin so froh, dass ich nie wirklich das Ziel deines Zorns war. Auch wenn ich immer wieder über deinen vulgären Sprachschatz staune.“ Ich schnaubte leise und strich mein langes Haar im Nacken zusammen. Zum Glück hatte Aule meinen Körper größenteils geheilt. Ansonsten wäre das Sitzen an sich schon eine Qual. Der Humor der Zwerge war schon immer fraglich gewesen. „Dwalin, ich habe Jahre unter euch Zwergen gelebt und ich war eine Heerführerin. Glaubst du wirklich, ich habe mich immer in der gehobenen Sprache bewegt? Himmel, wenn ich kämpfe, singe ich meistens Schlachtlieder in der Schwarzen Sprache, nur um meine Feinde panisch weglaufen zu sehen.“ Spätestens jetzt besaß ich die Aufmerksamkeit aller. Verschmitzt grinste ich. Es war doch immer wieder lustig, die bärtigen Gesellen zu schockieren. „Meine Mutter hat mir den Mund früher mit Seife ausgewaschen, wenn ich ihrer Meinung nach, zu sehr und zu oft vor meinem kleinen Bruder geflucht habe. Das hat zwar nicht sonderlich viel geholfen, aber es war ihr egal. Außerdem hat sie viel schlimmere Worte benutzt als ich wenn irgendetwas schief lief und sie sich ärgerte. Aber wie jede Erwachsene hat sie diese Beobachtung nicht sonderlich gut aufgenommen.“ Ori einer der jüngeren Zwerge, beugte sich neugierig vor. Seufzend machte ich mich auf einen Kreuzverhör gefasst. Darin waren sie oft unschlagbar. Menschen konnte ich viel leichter auf Abwege bringen oder ablenken von ihren Zielen. Aules Kinder dagegen waren leider so stur wie ich selbst. Irgendwie bedauerlich, nicht wahr? Und die Schönlinge Mittelerdes, diese spitzohrigen Alleskönner, hatten immer noch zu großen Respekt vor mir um mir ernsthaft Vorschriften machen zu wollen. Gut, mit einigen Ausnahmen, aber die konnte ich an einer Hand abzählen. Ich hatte eindeutig den Unterhaltungswert der Zwerge vergessen. Hm, sollte ich eventuell meine Entscheidung widerrufen? Aber das bedeutete Blickkrieg mit Thorin Miesepeter.
    „Dann hattet Ihr eine große Familie? Wolltet Ihr schon immer Kriegerin werden? Wie habt Ihr überhaupt Thorin kennengelernt? Könnt Ihr alle Sprachen Mittelerdes sprechen? Gibt es andere Wesen wie Euch?“
    So viele Fragen. Ich war nicht sicher, ob ich auf jede ehrlich antworten sollte. Wahrscheinlich schon. Natürlich könnte ich sie auch einfach ignorieren. Mal sehen, welche Strategie am besten gegen ihn ankommt.
    „Hm, mal überlegen, ja ich habe eine große Familie, zu der bedauerlicherweise auch Elrond, seine Nachkommen und seine entfernten menschlichen Neffen zählen. Die ursprüngliche Familie, aus der ich stamme, ist ebenfalls sehr groß. Würde ich jedes einzelne Mitglied und den Verwandtschaftsgrad aufzählen, säßen wir noch ein ganzes Jahr hier. Den Kern allerdings bildeten meine Eltern, mein jüngerer Bruder und ich. Da ich in einer Zeit geboren wurde, in denen die Orks versuchten die Menschen auszurotten, legte mein Vater einen hohen Wert auf meine kriegerische Ausbildung. Sobald ich laufen konnte begann mein Unterricht und schon als Mensch eignete ich mir mein Wissen über den Schwertkampf an. Ich kenne meine Stärken genau und weiß, wie ich die unterschiedlichsten Waffen im Kampf einsetzen kann.“ Vergnügt zwinkerte ich Dwalin zu. Oft genug war er mein Sparringpartner gewesen und hatte lernen müssen, dass ich ihm mehr als nur gewachsen war. „Unser lieber Dwalin hier war ganz entsetzt, dass ich ohne Probleme den Kriegshammer seines Königs gezielt werfen konnte. Tja, er hätte vorher besser Hintergrundinformationen einholen sollen, ehe er sich auf eine Wette mit mir einließ.“ Sein leicht verärgertes Brummeln rief allgemeine Erheiterung hervor. Langsam wurde ich wieder ernst und musterte nachdenklich Ori, der eifrig Notizen schrieb. Soso, ein Chronist in der Runde. Ungewöhnlich. „Ja, ich bin eine Kriegerin und das werde ich kaum leugnen. Was nicht heißen soll, dass ich mich allein darüber identifiziere. Die Älteren unter euch erinnern sich vielleicht daran, dass ich Musik und Geschichten liebe. Und nein, ich kann längst nicht alle Sprachen Mittelerdes lesen geschweige denn sprechen. Allein schon im Elbischen gibt es fünfzehn verschiedene Sprachen und Dialekte. Die Komplexität der Grammatik und die Sprachmelodien sind wunderschön aber langwierig zum lernen. Mir ist zwar die Ewigkeit gegeben, doch mein Studium widme ich in Friedenszeiten eher anderen Dingen. Auch wenn ich mit meinen 6539 Jahren sicher mich damit auseinandersetzen könnte.“
    Dem Hobbit fielen fast die Augen aus dem Kopf. Anscheinend hatte er nicht mit solchen Offenbarungen gerechnet. Innerlich zuckte ich mit den Schultern. Das war kaum mein Problem. „Und was mein Kennenlernen mit Thorin angeht, so ist das eine andere Geschichte, die nur uns beide etwas angeht.“ Der dankbare Blick des Zwergs entging mir nicht. Wie vorhersehbar. Aber nun gut, das erste Aufeinandertreffen war für ihn auch hochpeinlich gewesen, für mich dagegen sehr amüsant. Meine Mundwinkel zuckten nach oben, was seinen Neffen auffiel. Die beiden stießen einander an. Neugierde war für so junge Zwerge nicht gerade ungewöhnlich. Aber egal welche Masche sie nun versuchen würden, diese spezielle Geschichte behielt ich lieber für mich. Thorin hatte wahrlich genug gelitten. Warte – was zur Hölle dachte ich da für eine Pferdescheiße! Hasste ich ihn nicht für das, was er mir angetan hatte?, Er war wahnsinnig vor Schmerz, Dummheit und hilflosem Zorn. Du hättest genauso reagiert.’ Wunderbar, mein Gewissen suchte sich ausgerechnet diesen Moment aus, um mich heimzusuchen. Und ich hätte nicht so wie Thorin reagiert! Leider interessierte das diese kleine Stimme, die erschreckend viele Ähnlichkeiten zu Aules und Varas aufwiesen, überhaupt nicht., Du hast mehr Temperament als er. Erinnerst du dich vielleicht noch an den Vorfall mit Maedhros? Wie du ihn körperlich und seelisch fertig gemacht hast?’ Das war wohlgemerkt nach meinem Erwachen, als ich feststellte, das Elrond und Elros verschwunden waren. Ich hatte die Feanorions mit meinem Feuer aufgehalten um meinen Schützlingen Zeit zu erkaufen. Das die Noldo-Zwillinge Amrod und Amras mich schließlich töteten war nebensächlich. Viel mehr hatte es mich gestört, dass die beiden Jungen, die mir so sehr ans Herz gewachsen waren offensichtlich verschleppt wurden. Als ich die, Entführer’ und ihre, Geisel’ einholte, raste ich innerlich vor Wut. Also ja, ich hatte meine Kräfte ein wenig spielen lassen, vom Tanzen meiner Klinge ganz abgesehen. Obwohl der Elb Jahrtausende älter war, hatte er mir nicht wirklich Paroli bieten können. Allerdings hatte ich ihn nicht Monster, kaltblütig oder verabscheuungswürdig genannt. Vielmehr war ich in seinen Geist eingedrungen und hatte ihn mit unschönen Erinnerungen konfrontiert, sie wieder lebendig werden lassen. Nicht besser als Folter. Also nein, ich hatte mich nicht sonderlich gut benommen. Erstaunlicherweise hatte Maedhros mich nie dafür verurteilt oder mir mein Verhalten nachgetragen. Woran vielleicht auch Cáno bzw. Maglor nicht unschuldig war. Aye, Cáno war mein erster Liebhaber nach dem Erwachen als Phönix gewesen. Doch mein Herz wirklich berührt hatten Ereinion und später auch Thorin. Ironischerweise, bedachte man Thorins Einstellung zu Elben, waren es gerade meine elbischen Liebhaber gewesen, die mich nie seelisch oder körperlich verletzt hatten – bei dem Zwerg sah die Sache wiederum anders aus. Etwas, das Thranduil wohl zweifellos in Erfahrung gebracht hatte und was er mir bei sich bietender Gelegenheit vorhalten würde. Argh. Auf dieses Gesprächsthema freute ich mich nicht wirklich. Einer der Neffen Thorins räusperte sich und beugte sich neugierig vor. „Was ist denn passiert, Milady?“ Der vernichtende Blick seines Onkels brachte mich zum Lachen. Ganz ehrlich, Herr Möchtegern-Zwergenkönig musste sich diesbezüglich keine Sorgen machen. Diese Peinlichkeit würde ich ihm fürs Erste ersparen. Schmollend sah der Junge mich an. „Das wüsstest du wohl gerne, hm Junge? Ich habe es nicht einmal deiner Mutter erzählt und sie hat so ihre Methoden, um herauszufinden, was ihr Bruder mal wieder angestellt hat. Balin, Dwalin und Thorin erspart mir diesen Blick. Meint ihr wirklich, Dis hätte nie etwas von euren nächtlichen Streifzügen mitbekommen? Für wie blöd haltet ihr eigentlich eure Frauen!“ Gandalf verbarg sein Grinsen, indem er seine Nase rieb und meinen Blick mied. Dennoch wusste ich, was in ihm vorging. Diesbezüglich war er einfach zu berechenbar. Kopfschüttelnd griff ich nach der winzigen Flöte, die ich immer bei mir trug. Sanft strich ich darüber und murmelte einen leisen Zauberspruch. Ruckartig fuhr Gandalfs Kopf zu mir herum. „Woher hast du die Flöte, Feana?“
    „Sie gehörte meiner Tochter Gandalf und zuvor mir. Es war ein Geschenk von einem Musiker, den ich sehr schätzte. Er gab sie mir, als ich zwölf Jahre alt war und in meiner Neugierde mich zu weit in die Wälder vorwagte. Zum Glück war er in der Nähe und verhinderte, dass ich zu Wargfutter mutierte. In ihr liegen uralte Schutzzauber verborgen, die verhindern, dass die Spielerin von feindlichen Augen erspäht wird. Zudem vertreibt ihr Klang das Böse und reinigt.“
    Thorins Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Oh, ich wusste warum er so wütend war. Ich hatte ihm nie etwas aus meiner Vergangenheit als lindonische Heerführerin erzählt. Er wusste, dass es vor ihm einen Mann gegeben hatte, dessen Verlust ich bis heute nicht überwunden hatte. Es gab viele Geheimnisse die ich hütete. So auch die Tatsache, dass ich Ereinions Ehefrau und die Mutter eines kleinen Mädchens gewesen war. Rhawones. Alles was mir von ihr blieb außer den bittersüßen Erinnerungen war dieses Instrument. Eine einzelne Träne lief mir über die Wange. Die Kleine war viel zu früh gestorben.
    „Wie?“ Gandalf warf dem Zwerg einen beschwörenden Blick zu Ruhe zu bewahren. Er stand auf, kam zu mir, kniete sich vor mich hin und nahm sanft meine Hände in seine. Kluge alte Augen suchten die meinen. „Wie hast du sie verloren, Feana? Ist sie einer der Gründe, warum du immer wieder diese Schatten in den Augen hast?“ Ich lächelte müde. Sein Verständnis war Balsam für mich. „Sie ist gestorben, weil sie meine und Ereinions Tochter war, Gandalf. Auch in wenn wir unser Bestes gegeben haben um sie zu beschützen, kamen wir am Ende doch zu spät. Es war ein Mensch der sich Zutritt verschaffte, sie entführte und brutal zurichtete. Sie starb in meinen Armen. Gütige Götter, sie war keine zwanzig Jahre alt als ich sie verlor. Es war viel zu früh. Ereinion hat darunter ebenso sehr gelitten wie ich. Wir haben beide in unserer Aufgabe sie zu beschützen versagt. Warum glaubst du, schlafe ich nicht mehr? Die Vergangenheit holt mich immer in meinen Träumen ein. Besonders diese alptraumhafte Episode.“
    Dwalin räusperte sich, betrachtete mich von der Seite.
    „Wie kann ein einfacher Mensch sich an Elben mit ihrem scharfen Gehör vorbeischleichen? Ganz zu schweigen an dir? Uns ist es ja nie gelungen von dir unbemerkt zu verschwinden. Warum ist es also diesem Bastard geglückt?“ Bitter lächelte ich und schloss für einen Moment die Augen. Es tat weh, mich daran zu erinnern. Es stimmte, dass es normalerweise unmöglich war, sich an Elben und einem Phönix unbemerkt vorbei zu schleichen. Unglücklicherweise hatte man mir Gift in den Wein gemischt. Der Phönix kam ja bekanntlich nicht so gut klar mit Giften.
    Es war also kinderleicht gewesen mich auszuschalten, zumal der Anschlag auf Ereinion nicht lange her war. Der Phönix war noch nicht ganz auf der Höhe gewesen. Die anderen Elben waren entweder getötet oder betäubt worden. „Nun, wie jedes Wesen habe auch ich meine Schwächen. Gift und Wasser. Der Mensch hatte Helfer. Er wollte die gesamte königliche Familie auslöschen. Da ich die eigentliche Macht hinter dem Thron darstellte versuchte er es mit einer wilden Mischung von Giften, da er sich unsicher war, welche ich vertrug. Die Elben wurden entweder betäubt oder getötet. Zu unserem Glück hat er nicht wirklich überprüft, ob Ereinion und ich wirklich tot waren. Ich weiß nicht, ob er es andernfalls überlebt hätte. Varanérë rettete mich mit ihrer Fähigkeit zu jedem Gift ein passendes Gegengift zu mischen, so dass ich mich auf die Jagd konzentrieren konnte. Als wir ankamen war der Mensch tot und Rhawones selbst kurz davor. Meine ganze Heilkraft war umsonst. Ich konnte sie nicht mehr retten. Nie werde ich den Anblick ihres Körpers vergessen. Sie sah genauso schlimm aus wie ich während meiner Gefangenschaft in Morgoths Klauen. Fürchterlich.“
    „Du hast mir nie erzählt, dass du mit dem Anderen verheiratet warst und ein Kind hattest.“ Das leise Grollen Thorins ließ mich wütend auffahren. Er hatte kein Recht mir Vorwürfe zu machen. Leise aber heftig zischte ich ihm zu: „Und das ist an deiner Einstellung zu Elben verwunderlich! Ja, ich war die Gemahlin von Ereinion Gil-galad, auch wenn nur die Wenigsten das wirklich wussten. Denn in erster Linie war ich immer seine Kriegsherrin, die oberste Heerführerin und Anführerin der königlichen Leibwache.“ Mit Genugtuung stellte ich fest, wie er zusammenzuckte. Geschah ihm nur Recht. Ich hatte meine Gründe, warum ich die Wahrheit vor tastenden Fingern verbarg. „Vielleicht mag es dir seltsam erscheinen, aber ich habe Ereinion und Rhawones mehr geliebt als mein eigenes Leben. Ihr Verlust hat mich zerstört und ich habe ihn bis heute nicht wirklich überwunden. Ich hätte als die Erbin Gil-galads die Krone nach seinem Tod übernehmen müssen, aber ich konnte es nicht. Nicht ohne ihn an meiner Seite. Thorin, ich war eine Kriegskönigin. Mit Frieden kam ich nicht wirklich zurecht, weil ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der die Menschen ums Überleben kämpften. Die Wälder von Dorthonion waren damals von Orks verseucht. Viele von ihnen hatten ihre Siedlungen bereits aufgegeben, waren geflohen oder gestorben. Mein Vater weigerte sich und gründete mit zwölf anderen Männern eine Bande, die den Orks das Leben zur Hölle machte. Ich war ein Teil von ihnen und das, obwohl ich eine Frau bin. Aber warum erzähle ich dir das überhaupt? Du hast mich doch schon längst verurteilt!“ Nach diesem heftigen Ausbruch breitete sich eine unangenehme Stille aus. Auffordernd blickte ich Gandalf an, der mir mit einem leisen Seufzen hoch half. Mein Körper heulte innerlich vor Schmerz aber ich verzog störrisch keine Miene. Für heute Nacht hatte ich genug Schwächen offenbart. Jetzt wollte ich mit keinem mehr reden. Behutsam führte er mich zu einer Lagerstatt neben seiner und lächelte mir ermutigend zu.

    12
    Kapitel 12: Schicksalsbestimmende Entscheidungen

    Selbst als das Schnarchen der Zwerge von den Wänden hallte konnte ich keine Ruhe finden. Nach der Offenbarung, die ich heute Abend ungewollt gemacht hatte, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Die Albträume, die mich andernfalls heimsuchen würden, konnte ich mir lebhaft vorstellen. Rhawones, mein kleines Mädchen. Wie so vieles aus meiner Vergangenheit hatte ich auch die Erinnerung an sie irgendwann erfolgreich zurückgedrängt. Nur so hatte ich überleben können. Der Schmerz, den ich jedes Mal empfand, wenn der Tod mir diejenigen entriss, die ich liebte, war viel zu stark und intensiv um ihn lange in seinem vollen Ausmaß zu ertragen. Ich wusste, dass Thorin nun eifersüchtig war auf Ereinion und sich gleichzeitig über die unrühmliche Rolle ärgerte, die er selbst in meinem Leben spielte. Dabei war es unsinnig auf einen Toten eifersüchtig zu sein, den ich mit aller Wahrscheinlichkeit erst in der Dagor Dagorath wiedersehen würde, wenn sich Mandos Hallen entleerten um den letzten Kampf gegen Morgoth zu bestreiten. Auch Thorin würde ich zu diesem Zeitpunkt wiedersehen. Doch bis zu dieser gewaltigen Schlacht der gegensätzlichen Urkräften Ardas würde noch viel Wasser dem Anduin hinabfließen.
    Zitternd, wenn auch nicht vor Kälte, sondern viel mehr vor Angst um meine Freunde schlang ich die Arme mehr um mich. Varanérë würde mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nach mir suchen und dabei jeden Stein dreimal umdrehen. Ihr Beschützerinstinkt mir gegenüber übertraf den der anderen Elben am Weitesten. Selbst Círdan machte sich weniger Sorgen um mich. Aule hatte mich gegen meinen Willen fortgebracht. Aus seiner Sicht waren es durchaus sinnvolle Gründe gewesen. Doch mir bereitete seine Handlung nichts als Kummer und Kopfschmerzen. Wenn er mir die Wahl gelassen hätte, wäre ich bei Varanérë geblieben. Sie hätte mir mehr helfen können als die Anwesenheit der Zwerge insbesondere Miesepeter. Wie wohl Manwës Strafe für Orome aussehen würde? Schließlich war die Entscheidung, ihn in dasselbe Verlies einzusperren wie einst Morgoth nur eine Übergangslösung. Auf der anderen Seite sollte mich das nicht kümmern. Eher sollte ich mir Sorgen um meine unmittelbare Zukunft machen. Bliebe ich bei den Zwergen, würde ich wohlmöglich dem hartnäckigen Werben eines gewissen Miesepeters ausgeliefert sein, sobald dieser seinen Stolz hinunterschluckte. Außerdem hatte ich immer noch keine Lust mich mit der Echse auseinanderzusetzen. Dennoch führte mich mein Weg in dieselbe Richtung wie der dieser seltsamen Gemeinschaft. Wenn es nach den Valar ginge, würde ich der Liebe eine zweite Chance geben. Nur wollte ich das eigentlich nicht. Am Ende würde ich es nur bereuen. Thorin war dem Tode geweiht. Würde ich mich wieder vollständig auf ihn einlassen, bedeutete das zu viel Schmerz für mich. Ganz ehrlich, ich konnte dieses Risiko nicht eingehen. Nicht jetzt. Niemals wieder.
    Ereinion hatte mich nie so sehr verletzt wie Thorin. Nie hatte er mich Monster, verabscheuungswürdig oder Ähnliches genannt. In seinen funkelnden Augen hatte ich stets eine reine starke Liebe gesehen. Bei ihm konnte ich aufhören Stärke zu mimen und meine Verletzlichkeit offen zeigen. Er hatte meine Fassade durchschaut und mein wahres Ich geliebt. Seine Arme hatten mir Geborgenheit, Frieden und Sicherheit geboten. Oh ja, Ereinion war mein sicherer Hafen gewesen, der Mittelpunkt meines Lebens und der Einzige, der mich davon abhielt, wahnsinnig zu werden. Thorins und meine Liebe hatte eine ganz andere Ebene gehabt.
    Vielleicht liebte ein kleiner masochistischer Teil von mir immer noch den Zwergenprinzen, aber ich selbst wusste, dass ich es mir nicht erlauben durfte, diese Gefühle noch einmal aufleben zu lassen. Selbst wenn er nicht durch Smaug oder Azog seinen Tod fand, so war er doch sterblich. Früher oder später würde er mich endgültig gebrochen zurücklassen.
    Aber hatten wir nicht doch eine kurze glückliche Zeit verdient? Entsetzt hielt ich inne in der Bewegung. Das durfte jetzt nicht wahr sein. Woher kam dieser selbstzerstörerische Gedanke nur? Verdammt, ich hasste Schmerzen. Warum also spielte ich trotzdem mit dem Gedanken bei dieser wahnsinnigen Fahrt teilzunehmen! Gereizt erhob ich mich und trat in den Höhleneingang. Der Horizont färbte sich bereits leicht rosa und die Sterne verblassten. Nicht mehr lange und die Männer würden ihre Reise fortsetzten und ich würde mich absetzen. Dieses ungewollte Treffen hatte zu viele Erinnerungen wachgerufen und mich emotional aufgewühlt.
    Es war an der Zeit, mit den Adlern in Kontakt zu treten. Langsam hob ich die Arme und griff nach meiner ureigenen Macht, die nichts mit dem tödlichen Feuer des Phönixs zu tun hatte.

    Allgemeine Sicht der erwachten Gemeinschaft:
    Ein warmes goldenes Licht umgab die schlanke Frau, die reglos im Höhleneingang verharrte. Obwohl kein Wind herrschte bewegten sich ihre dunklen Haare unaufhörlich als wären sie lebendig. Auch ihre Kleidung schien ein Eigenleben zu führen. Sie wirkte unwirklich, ätherisch und dennoch von einer urgewaltigen Stärke erfüllt, dass es unmöglich war, den Blick von ihr abzuwenden. Sehr langsam, wie um den Tag zu begrüßen hob sie die Arme. Gleichzeitig begann das Leuchten eine feste Gestalt anzunehmen. Aus ihrem Körper heraus erhob sich ein großer Adler, bestehend aus reinen goldenem Licht und Magie. Die Augen des Zauberers weiteten sich vor Staunen. Noch nie zuvor war er Zeuge dieser Gabe geworden, auch wenn er viel davon gelesen hatte. Es war die Art der Kommunikation der Phönixträgerinnen, wenn sie die Tiere um Beistand baten. Dabei konzentrierten sie sich auf ihren eigenen Geist und ihre guten Erinnerungen, die sie mit dem betreffenden Tier verband, damit ihre Magie dessen Gestalt, Stimme und Wesenszüge übernehmen konnten. Sie riefen ihre reine Magie als Vermittler und Bote an. Je stärker die Phönixträgerin war, desto lebendiger wurde die magische Gestalt und desto besser konnten die Tiere mit dieser kommunizieren. Dieses Exemplar war ein Zeugnis ihrer Macht, da die gebündelte Magie sehr lebensechte Formen angenommen hatte. Der Adler schlug vor seiner Schöpferin majestätisch mit den Flügeln.
    Feana ließ einen Arm sinken, der andere streckte sich dem Lichtwesen entgegen. Dieses schmiegte seinen Kopf in die ihm zugewandte Handfläche. „Finde Gwaithir. Sage ihm, das Unheil wird bald über die Lande hereinbrechen und die Orks gen Erebor strömen. Bitte ihn um Beistand. Ein alter Feind ist erwacht und plant einen Angriff, der ihm nun zum Verhängnis werden soll. Die Zeit der Zwerge ist noch nicht abgelaufen. Angmar wird sich nicht erneut erheben und Grauen verbreiten. Sage Gwaithir, dass sie sich bereithalten müssen. Früher oder später wird es zu einer Schlacht kommen.“
    Der Adler nickte, schlug einmal kräftig mit den Flügeln und war sofort den Blicken entschwunden. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen bis das goldene Leuchten um den Phönix verblasste. Fassungslos, überwältigt und erstaunt beobachtete die Gemeinschaft, wie sie mit einer kurzen Handbewegung einen Stab mit einer eingelassenen gebogenen Mithrilklinge sowie ein Schwert heraufbeschwor. Es waren einzigartige Waffen, die offensichtlich ein Meister der Schmiedekunst hergestellt hatte. Kaum schlossen sich ihre Hände um die Griffe veränderte sich auch ihre Kleidung. Statt der Tunika, der Leggins und den Stiefeln trug sie nun eine Rüstung, die ihresgleichen suchte. Der silberne Brustpanzer war mit Federornamenten geschmückt und die rote Seidentunkia, die sie darunter trug, löste sich unterhalb der Hüfte in frei herumwirbelnde Stoffbahnen auf, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Flammen aufwiesen. Was die Männer nicht sehen konnten war, dass unter der Tunika ein feines Mithrilhemd sie vor ernsthaften Verletzungen schützte und das auch ihre Beine unter der Hose mit einem Mithril ähnlichem Material abgesichert waren. Der Kragen ihrer Tunika selbst barg ebenfalls ein Geheimnis.
    Hätte einer der Zwerge ihn berührt, wäre ihm zweifellos aufgefallen, wie hart und fest sich das Material anfühlte. Keine Klinge konnte sie durchbrechen. Aule hatte wirklich an alle Gefahren gedacht und seinen Schützling mit dem Besten ausgestattet, dass er zu bieten hatte.
    Sie seufzte und senkte den Arm, ehe sie sich fließend zu der illustren Versammlung in ihrem Rücken umdrehte. Thorin rang nach Luft. Doch es war Gandalf, der zuerst das Schweigen brach.
    „Selbst nach fast dreihundert Jahren überrascht du mich immer noch meine Liebe. Ich hätte nie damit gerechnet, dich einmal so zu sehen.“ Ein feines Lächeln hellte die strengen Züge der Kriegerin auf. Silbergraue Augen funkelten kurz vor Belustigung ehe sie sich jeder weiteren Deutung verschlossen. „Es gab bisher auch keinen Grund dafür mein Freund. Nur weil man eine Gabe oder eine Waffe besitzt, muss man sie nicht immer nutzen. Als Zauberer solltest du wissen, dass Macht gleich welche Form sie annimmt Verantwortung und Selbstdisziplin verlangt. Ich wäre nie eine Kriegsherrin geworden, wüsste ich nicht mein Wissen und meine Fähigkeiten im richtigen Moment einzusetzen. Fehler erweisen sich bisweilen als tödlich. Gwaithir musste gewarnt und um Beistand gebeten werden. Er kennt mich genauso gut, wie seine Vorfahren es taten.“
    Gandalf schmunzelte leicht und schüttelte über sie den Kopf. Nach all dieser Zeit überraschte sie ihn doch immer wieder. Dabei hätte er mit dieser Antwort rechnen müssen. Zögernd machte Balin einen Schritt auf sie zu. „Würdest du uns vielleicht begleiten? Ich weiß, dass du deine Gründe hast, von dieser Idee Abstand zu nehmen, aber du wärst eine unschätzbar wertvolle Verbündete für das Unternehmen.“
    Ihre Miene verschloss sich bei Balins Worten immer mehr. Dennoch war ihr Unwillen förmlich mit den Händen zu greifen. Die Zwerge wechselten ernste und teilweise betroffene Blicke untereinander.
    „Wertvoll in dem Sinne, dass ich als Allheilmittel der Gemeinschaft herhalte und für die Unterhaltung eures Königs sorge? Verzeihe mir bitte meine Direktheit, aber ich habe bereits andere Pläne die das Einlösen von Wettschulden beinhaltet. Mit einem Drachen wie Smaug es ist will ich nichts zu tun haben. Ich lehne hiermit euer Gesuch ab.“
    Der kleine Hobbit sah sie unschuldig an und beugte sich neugierig vor.
    „Warum hasst Ihr den Drachen so sehr? Kennt Ihr ihn persönlich?“
    Erschrocken schnappten die anderen Gemeinschaftsmitglieder nach Luft und nervöse Blicke richteten sich auf die Kriegerin. Halb erwarteten sie, dass Feana den Kleinen grillte oder in Fetzen zerriss für diese Frage.
    Diese seufzte leise und brachte sich auf dieselbe Augenhöhe wie Bilbo. „Deine Unschuld bringt mich beinahe zum Weinen Junge.“ Ein trauriges Lächeln ließ ihre Augen hell schimmern, fand aber nicht den Weg auf ihre Lippen. „Ich hasse Smaug, weil er versuchte mich zu seiner Gefährtin zu machen, wohlgemerkt gegen meinen Willen. Dabei wendete er Mittel an, die man allgemein als Folter bezeichnen würde. Nicht nur das, er tötete viele Zwerge, die ich als meine Freunde bezeichnen würde. Der Erebor war eine zeitlang auch mein Zuhause. Man könnte fast schon sagen, dass ich auf Drachen allergisch bin. Also ja, ich kenne diese falsche geflügelte Schlange aus Ancalagons Brut persönlich und ich habe kein Interesse daran diese Bekanntschaft zu vertiefen.“
    „Warte was!“ Gandalf trat eilig neben den Hobbit. „Smaug hat versucht, dich zu seiner Gefährtin zu machen? Wann hattest du eigentlich vor mir das zu erzählen Feana? Ich hätte dich in diesem Fall nie gefragt!“
    Kühle graue Augen musterten den Zauberer abschätzend. Um den schönen Mund gruben sich Linien der Bitterkeit und Grausamkeit ein. Sehr langsam richtete sie sich wieder zu ihrer beträchtlichen Größe auf. „Um ehrlich zu sein, wollte ich dieses Wissen für mich behalten. Ich spreche nicht über die dunklen Seiten meiner Vergangenheit, es sei denn, die Umstände zwingen mich dazu. Auch du musst nicht alles wissen, alter Freund. Drachen sind an sich schon ein heikles Thema und das wusstest du, als du mich aufgesucht hast. Allein unserer Freundschaft hast du es zu verdanken, das ich dich nicht grillte. Deinen jungen Freund hier rettete seine eigene Unschuld. Passt gut auf ihn auf, damit er sie nicht verliert. Die Welt braucht keine weiteren zynischen Krieger mehr, die sich nicht mehr an der Schönheit von scheinbaren unbedeutenden Kleinigkeiten erfreuen können. Es braucht nicht die Fähigkeit eine Waffe schwingen zu könne um einen Krieg erfolgreich zu bestreiten. Beschützt sein Herz und sein sonniges Gemüt. Ihr werdet seinen wahren Wert in der dunkelsten Stunde erkennen.“ Ihr Blick bohrte sich gnadenlos in Thorins. „Wahre Freundschaft ist ein kostbares Gut, das es zu schützen und zu ehren gilt. Stoße ihn nicht so von dir, wie mich einst. Bleibe dem Zwergenprinzen treu, in den ich mich einst verliebte. Lasse dich nicht von dem Drachengold beherrschen. In jeder Seele schlummern dunkle Abgründe. Die Frage ist nur, ob man sich von ihnen zur Grausamkeit verleiten lässt. Wähle weise wenn die Zeit gekommen ist Thorin Thráinssohn.“
    Damit wandte sie sich ab und war im Begriff zu gehen als er sie aufhielt. „Werden wir uns wiedersehen Feana?“
    Der Phönix erstarrte. Angespanntes Schweigen, das sich in die Unendlichkeit auszudehnen schien. Dann, als Thorin schon glaubte, keine Antwort mehr zu erhalten erklang ihre leise Stimme. Doch sie erschien ihm aus weiter Ferne zu kommen, als wäre sie an einen Ort entrückt worden, an den er ihr nicht folgen konnte. Sehnsucht zerriss sein Herz. Wie gerne hätte er sie in diesem Moment berührt. „So sicher, wie es mein Schicksal ist immer wiedergeboren zu werden, so wurde unser nächstes Wiedersehen vorbestimmt. Die Valar sind in einer Sache auf deiner Seite Zwergenkönig. Sie wollen mich glücklich an deiner Seite sehen, selbst wenn diese Zeit noch so kurz bemessen sein sollte. Vor dem Schicksal kann man nicht davonlaufen, geschweige denn vor einem Vala. Genügt dir das als Antwort, Thorin Eichenschild?“
    Seine Stimme versagte. Statt Worte kam nur ein Krächzen heraus. Was er nicht sehen konnte war das kleine liebevolle Lächeln, das kurz über ihre Lippen huschte ehe sie verschwand um die Wettschuld einzutreiben. Unwissend, dass sie sich früher wiedersehen würden, als sie erwartete.

    13
    Kapitel 13: Stell dich nicht so an Thranduil Oropherion!

    Schneller als mir lieb war erreichte ich Beorns Gebiet. Eigentlich mochte ich den bärbeißigen Hünen mit dem kleinen pelzigen Geheimnis sehr. Allerdings bedeutete meine Ankunft auch, das es nicht mehr lange dauern würde bis ich Thranduil wiedersah und wahrscheinlich auch Thorin – falls der Zwerg dumm genug war vom Elbenpfad abzukommen. Leise grummelnd dachte ich über den Charakter meines freien Wunsches nach. Es kam selten genug vor, dass Thranduil einem seiner Freunde geschweige denn seiner Untertanen einen Wunsch gewährte. Das ich mir meinen durch eine Wette gesichert hatte mochten böse Zungen als hinterlistig bezeichnen, aber der Elbenkönig wusste eigentlich, dass Elben in meiner Gegenwart besser nicht zu viel Wein trinken und mich zu einem Spiel auffordern sollten. Man könnte also behaupten, dass es seine eigene Schuld war. Immerhin hatte ich seinen Vater, ihn selbst und Ereinion jedes Mal im Schach geschlagen. Genau deshalb war ich ja auch eine Kriegsherrin gewesen. Sowohl die Menschenkönige als auch die der Zwerge und Elben hatten versucht mich abzuwerben. Aber meine Treue galt nach wie vor Ereinion und meiner Sippe. Das war auch der Grund warum ich mir nicht vorstellen konnte erneut an diesem Teil meines alten Lebens anzuknüpfen. Gut, ich war eigentlich die rechtmäßige Königin aller Noldor in Mittelerde aber ohne meinen früheren Gefährten, Geliebten und Ehemann konnte ich mir das nicht vorstellen. Zumal mich mittlerweile simple Politik und langweiliges Tagesgeschäft nicht mehr interessierten. Ich hatte es immer verabscheut, wenn die Leute um mich großen Trubel veranstalteten und mich mit bedeutungslosen Titeln ansprachen. Niemals könnte ich die Position einer Königin ausfüllen. Ein bitteres Lachen entrang sich meiner Kehle. Ha, bis auf Elrond, Celeborn und Galadriel wollte mich auch niemand in dieses Leben drängen. Die Letzteren zweifellos deshalb, weil sie meinten, dass ich mehr für diese Position geeignet sei als der liebe Sinda im Düsterwald seine Aufgabe überhaupt erfüllen konnte. Charmant, einfach nur charmant. Obwohl, eigentlich nicht. Nichts war schlimmer als ein gelangweilter Unsterblicher.
    In der Ferne verklangen die Geräusche, die Thorins Gemeinschaft verursachte und ich erreichte Beorns Haus. Die riesigen Hummeln und Bienen begrüßten mich freudig summend. Ich hielt inne um sie leise zu bitten, ihren großen momentan zweibeinigen Freund von meiner Ankunft zu berichten und ihn zu fragen, ob ich mich weiter nähern durfte. Nur ungern drängte ich mich anderen auf, auch wenn mich Freundschaft mit ihnen verband. Ja, Beorn war mein Freund.
    Geduldig wartete ich bis eine Biene mit der eigentlich erwartete Antwort überbrachte. Schmunzelnd trat ich durch das Gatter und beobachtete den Hünen dabei das Holz zu spalten. Grinsend hielt er inne und musterte mich aufmerksam. Seine dunklen Augen funkelten belustigt. Nur zu gut konnte ich mir den Grund denken. Er zog mich mit meinen Manieren auf, da er der Meinung war, dass eine sehr gute Freundin ihren Besuch nicht jedes Mal ankündigen musste. Das ich es trotzdem tat, brachte ihn immer wieder zum lachen. „Soso, der Phönix ist also wieder auf Reisen im Osten. Sag mir meine Liebe, wie lange haben wir uns nicht gesehen?“
    Meine Augenbrauen schnellten in die Höhe. Ah, die typische Begrüßung von seiner Seite. „Hm. Um die vierzig Sonnenläufe? Du weißt, dass ich die Zeit nur noch selten messe. Wie geht es dir mein Freund?“
    Er senkte die Arme und kam auf mich zu um mich zu umarmen. Dass er sich dafür bücken musste, störte keinen von uns beiden. Lächelnd versicherte er mir, dass es ihm gut ginge, er sich aber Sorgen machte, da ihm die größer werdenden Orkgruppen kaum entgangen waren. Mit einer einladenden Geste lud er mich ein, mich auf einen der Baumstümpfe zu setzen und die Mahlzeit mit ihm zu teilen. Schmunzelnd nahm ich die Einladung an, musterte ihn aber fragend. Er wusste, was ich erfahren wollte. Nach dem er seinen Krug Quellwasser halb geleert hatte, sprach er das Thema an, dass ihn offensichtlich bewegte. „Die Orks wagen sich immer weiter vor und schlagen langsam über die Stränge. Besonders schlimm an den Ausläufern der Berge und in dem Gebiet zwischen dem Düsterwald und hier. Weißt du, was vor sich geht?“
    Ich schloss für einen Moment die Augen. Es würde noch schlimmer werden als jetzt. Beorn hasste Orks und Warge aus vollem Herzen. Für diese Gefühle hatte ich größtes Verständnis, war er doch einst ein Gefangener Azogs gewesen, der Spaß daran hatte, die Pelzwechsler aus dem hohen Norden zu quälen. Noch immer trug der Hüne die Fesseln von damals an den Handgelenken. Er jagte die Kreaturen mit Vergnügen. Eine Haltung, die er mit mir teilte. Dennoch hatte ich gehofft, dass er nicht auf diese Weise von dem bevorstehenden Krieg erfuhr.
    „Aye, bedauerlicherweise ja. Sauron ist in Dol Guldur erstarkt, zwar noch nicht so sehr, dass er wirkliche Gestalt annehmen könnte, aber er hat die Nazgûls zu sich gerufen und züchtet Heere von erschreckender Größe heran um Mittelerde wieder zu beherrschen. Ihr erstes Ziel wird der Erebor sein. Wenn sie ihn erobern sollten stünde dem Erwachen Angmars nichts mehr im Wege. Das darf nicht geschehen.“ Ernst blickte ich in das Gesicht meines Freundes, der sehr nachdenklich wirkte. Tief atmete ich durch. Es war wichtig, dass sowohl die Adler als auch Beorn den Menschen, Elben und Zwergen im Kampf beistanden. Vielleicht war es nicht sonderlich klug, ihn bereits jetzt von meinen Visionen zu erzählen, aber er hatte die Wahrheit verdient. Dass ich mehr wusste als Galadriel und Gandalf freute mich keineswegs. Nicht, wenn es so schlechte Neuigkeiten waren. „Sollte der Drache getötet oder noch schlimmer von Sauron erfolgreich rekrutiert werden steht uns ein Gemetzel bevor, bei dem ich unsicher bin, was den Ausgang betrifft. Die Zwerge und die Menschen Esgaroths können allein nicht gegen die Legionen bestehen. Sie brauchen Hilfe.“ Ich hatte gesehen, dass er an der Schlacht teilnahm. Was ich nicht wusste war, ob meine Einmischung jetzt die Zukunft verändern würde. Seine Augen funkelten vor Entschlossenheit und er beugte sich ernst vor. „Wenn du zu den Waffen rufst werde ich da sein, Fea. Ich habe nicht vergessen, dass ich dir mein Leben verdanke. Du hast mich vor Azog gerettet und mich geheilt. Aber verrate mir doch, warum die Zwerge zum Erebor sollten, wenn dort noch immer der Drache haust, durch den viele von ihnen den Tod fanden? Es wäre selbstmörderisch.“ Ein leises spöttisches Lachen entkam meinen Lippen und ich beugte mich vor. „Du hast die Entschlossenheit von Zauberern und die verbohrte Sturheit von Zwergen vergessen. Doch mehr wirst du schätzungsweise in ein paar Tagen erfahren. Glaube ruhig die fantastische Geschichte, die man dir erzählen wird, denn sie entspricht der Wahrheit.“
    Skeptisch nickte er und ließ den selbsthergestellten Honig auf seiner Zunge vergehen. Mit einem wissenden Lächeln betrachtete ich seine Mahlzeit. Man merkte, dass er sich in einen großen schwarzen Bär verwandeln konnte, der Honig über alles liebte.
    „Feinschmecker und Banause in einem. Isst den Honig einfach pur mit bloßen Händen.“ Neckte ich ihn und erntete ein tiefes gutmütiges Lachen. Er ernährte sich praktisch von Honig und Sahne. „Dass du noch keine Löcher in den Zähnen hast bei so viel Zucker erstaunt mich immer wieder. Hast du eigentlich noch Kontakt zu Thranduil?“
    „Dem Elbenkönig?“ Überrascht zog er eine Augenbraue hoch. „Warum willst du das wissen, Fea? Um deine Frage zu beantworten, nein. Die Waldelben bleiben unter sich und ihr König beschränkt die Kontakte auf die Menschen von der Seestadt und vielleicht noch auf andere Elben. Aber im großen Ganzen riegelt er sein Königreich hermetisch ab. Unter anderem wegen dieser lästigen Spinnenplage. Freiwillig würde ich den Wald nicht betreten. Zu viel Ungeziefer treibt sich im Schatten herum. Außerdem bezieht Thranduil seinen Honigvorrat von der eigenen Zucht. Es gibt keinen Grund für irgendwelche Zusammentreffen zwischen uns. Nur warum interessierst du dich dafür?“
    Ruhig trank ich von dem kühlen Quellwasser und dachte kurz über meine Antwort nach. Beorn wusste, dass Thranduil zu den wenigen Elben gehörte, mit denen ich freiwillig den Kontakt suchte. Allerdings hatte ich ihm nicht alles über die gemeinsame Vergangenheit erzählt. „Vielleicht, weil ich mit dem spitzohrigen Schnösel noch eine Rechnung offen habe? Präziser formuliert er schuldet mir noch einen Wetteinsatz.“ Erstaunt hörte er auf mit dem Honigtopf zu spielen und musterte mich eingehend. Tja, mit dieser Offenbarung hatte er wohl kaum gerechnet. „Dass ausgerechnet ein Elb so dumm ist mit dir zu wetten versteh ich nicht. Du lässt dich doch nur auf solche Spielchen ein, wenn du die Absicht hast zu gewinnen und auch weißt, dass dir der Sieg sicher ist.“
    „Ich habe nie behauptet die seltsamen Vorgänge in den verqueren elbischen Gehirnwindungen verstehen zu können, mein Freund. Es würde mir zu viele Kopfschmerzen bereiten es zu versuchen, darum lasse ich es im Vorfeld bereits sein. Tatsache ist aber, dass ich Thranduil einen Besuch abzustatten gedenke, der ihn zweifellos in Verlegenheit stürzen wird.“
    „Böser Phönix!“
    „Im Gegenteil. Ich habe die Absicht sehr höflich zu sein.“
    „Ha, nur weil du die Absicht hast, muss das nicht heißen, dass du es auch tust. Außerdem weiß ich, was du mit dieser Art von Höflichkeit meinst.“
    „Wie auch immer. Mich werden weder die Orks noch die Spinnen angreifen, wenn sie ein bisschen Verstand haben. Ich habe große Lust, ein kleines Grillfest zu veranstalten.“
    Amüsiert schüttelte er den Kopf, beließ es aber dabei. Zufrieden schloss ich die Augen und genoß die warmen Strahlen auf meinem Gesicht. Oh, wie sehr ich mich darauf freute, Thranduil den Schock seines Lebens einzujagen. Man sollte niemals einen Phönix unterschätzen. Auf einmal stand er auf und irritiert wandte ich mich um. Was hatte er jetzt schon wieder? Meine Frage wurde beantwortet als er mit einem Pergament zurückkam. Vorsichtig überreichte er es mir und ich überflog die Worte mit zunehmenden Schmerzen in meinem Herzen.

    Leben und Tod, Licht und Dunkelheit
    Feuer und Asche: Er kennt sie alle
    Verehrt als Symbol des Lebens
    Als Sieger über den Tod, erhebt er sich immer wieder.

    Der Kreis der Ewigkeit und der Wiedergeburt
    Kann von ihm nicht durchbrochen werden.
    Immer wieder verbrennt er zu Asche
    Nur um als neuer Phönix aufzuerstehen.

    Das Lied des Phönixes ist so alt wie die Zeit-
    Doch jedes neue Leben das er beginnt
    Verändert und formt die alte Weise
    Immer wieder neu, und schön erklingt es.

    Dieses Gedicht hatte einst Dáin I. für mich dichten und in ein Medaillon eingravieren lassen. Es war ein Geschenk der Freundschaft gewesen, ein Hoffnungsschimmer, wenn meine Gedanken wieder von Trauer getrübt wurden. Vor sehr vielen Jahren hatte ich es in einem Kampf verloren. Längst hatte ich die Suche danach aufgegeben. Nun fragte ich mich allerdings, wie Beorn in Besitz dieses Gedichts gekommen war. Fragend und mit brennenden Augen blickte ich in sein mitfühlendes Gesicht. „Der braune Zauberer, Radagast brachte mir das Medaillon, dass er während einer seiner Reisen fand. Er hatte die zwergischen Runen übersetzt und auf Westron aufgeschrieben. Es war nicht sonderlich schwer herauszufinden, wem diese Zeilen gewidmet waren. Wo hattest du es verloren?“ Ich seufzte leise und fuhr mir müde über die Augen. Es fiel mir schwer mich zu beherrschen. Meine Gefühle spielten einfach verrückt. Dáin I. war der Grund, weshalb die freundschaftliche Beziehung zu Elrond gänzlich in die Brüche gegangen war. Noch immer konnte ich meinen Urgroßneffen sein damaliges Verhalten nicht verzeihen. Selbst ein Drache hätte mich nicht für immer vernichten können und das hatte der Junge gewusst. Warum er also meine Rache verhinderte, konnte ich wahrlich nicht verstehen. Es war ja nicht so, als wäre mir der Tod so unbekannt. „Während eines Kampfes in den Nebelbergen. Es ist allerdings viele Jahre her. Als ich den Verlust bemerkte, habe ich das ganze Gebiet akribisch abgesucht, aber nichts gefunden. Sag mir, hast du auch das Medaillon noch?“ Mit einem Nicken reichte er mir die Kette, deren Verschluss zerbrochen war. Zitternd nahm ich sie entgegen und strich über die zwergischen Verzierungen., Von einem Freund für eine Freundin.’ Nie würde ich diesen Zwerg und seine vorurteilsfreie Haltung mir gegenüber vergessen. Er war wahrlich einer meiner besten Freunde gewesen.

    Thranduils Soldaten mochten noch so gut ausgebildet sein, wenn ich nicht gesehen werden wollte, dann würden sie mich auch nicht bemerken. Außerdem kannte ich die unterirdischen Gänge gut genug, um so den Spinnen zu entgehen und in den Badehöhlen aufzutauchen. Es war fahrlässig, diese Gänge nicht zu blockieren und die Öffnungen unbewacht zu lassen, aber ich war keine Heerführerin mehr, weshalb es nicht mehr in meinem Aufgabenbereich fiel, ihn auf militärische Schwachpunkte hinzuweisen. Er sollte besser beten, dass die Orks diese Tunnel nicht kannten. Das mögliche Massaker wollte ich mir lieber nicht vorstellen.
    Ich hatte mir absichtlich mehr Zeit gelassen auf meinem Weg und selbst Schutzmaßnahmen innerhalb der Tunnel ergriffen, auch wenn ich das eigentlich gar nicht musste. Dummerweise mochte ich den notorischen königlichen Trinker sehr und meine alte Seite dominierte im Augenblick. Lautlos strich ich durch die Gänge und entging dabei den Waldelben, die meine Anwesenheit dank eines Trubels nicht mitbekamen. Wenig später vernahm ich Zwergenstimmen, die in ihrer Sprache über die Elben schimpften und ihnen schreckliche Qualen androhten. Na wunderbar. Thorin und seine Gemeinschaft waren ihnen also doch in die Hände gefallen. Oder mit anderen Worten: ich hatte mir zu viel Zeit gelassen. Angespannt verharrte ich und wartete ab. Offensichtlich wurden die Zwerge in die Kerker geführt, wobei Thorin gleich vor Thranduil erscheinen musste. Sturkopf gegen Sturkopf. Das würde nicht gut ausgehen. Ich kannte die Temperamente beider Männer und konnte mir schon denken, worüber sie sprechen würden. Einmischen in diesen Dialog würde ich mich nicht. Mittlerweile wusste ich nämlich, was ich als Wettschuld einfordern würde. Begeistert dürfte Thranduil nicht sein. Gelassen lauschte ich dem Streit der beiden und konnte ein böses Grinsen nicht verbergen, als Thorin das Spitzohr als ehrlos, verlogen und falsch beschimpfte. Uh, das würde dem Ego des Schnösels nicht gefallen. Mit einem Lächeln, das einer Raubkatze alle Ehre gemacht hätte, betrat ich nach dem Abgang des Zwerges den Thronsaal. Fassungslos ließen die Elben, die mich bisher nicht bemerkt hatten, alles fallen, was sie in den Händen hielten. Zeit, die Wettschuld einzufordern. Zufrieden genoß ich die entgleisten Gesichtszüge der Elbenkönigs, der mich ungläubig musterte. „Was hat das zu bedeuten? Warum bist du hier und wieso wurde deine Anwesenheit mir nicht angekündigt?“
    Ah, fehlte nicht mehr viel und er würde anfangen zu stammeln. Spöttisch zog ich eine Augenbraue hoch. „Nun, ich nehme an, dass du unter selektivem Gedächtnis leidest, mellon, denn eigentlich müsste das Warum dir nur allzu bewusst sein. Darf ich dich daran erinnern, dass du mir noch etwas schuldest? Einen freien Wunsch, wenn ich mich nicht irre?“
    Vor Entsetzen purzelte er fast runter von seinem ach so erhabenen Thron. Von dem kaltschnäuzigen, berechnenden und arroganten Kotzbrocken war nichts mehr übrig. Einfach nur herrlich, was mein Erscheinen für Reaktionen hervorrufen konnte. Er tat mir beinahe leid. Beinahe. Aber nicht genug, um von meinem Plan abzusehen.
    „W- warte was! Wovon sprichst du Feana?“
    Ich schnalzte leicht missbilligend mit der Zunge. Das Spitzohr hatte keine Chance gegen mich. Noch wollte ich allerdings ein wenig spielen. Immerhin bot sich mir selten eine solche Chance.
    „Tsts. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen, dass dein Vater dich als Kind zu oft auf den Kopf fallen ließ. So langsam arbeitet den Verstand sonst auch nicht. Oder leidest du wie die Menschen unter Gedächtnisschwund dank deines zunehmenden Alters? Bist du wohlmöglich senil geworden, Thranduil Oropherion? Was für eine Schande.“ Wie sehr ich doch dieses Schauspiel genoß. Es war einfach zu niedlich, ihn bis zu den Ohrspitzen rot anlaufen zu sehen. „Weißt du, rot steht dir ausgezeichnet, vielleicht solltest du deinen Schneider Anweisungen geben, deine Roben nur noch in dieser Farbe anzufertigen. Es ist ausgesprochen kleidsam, dich so zu sehen.“ War ich grausam? Ja. Genoß ich seine Pein und die Verwirrung seiner Bediensteten? Auf jeden Fall. Hatte ich vor sobald damit auf zu hören? Keineswegs. Dafür machte es mir zu viel Spaß ihn öffentlich zu quälen.
    „Bei den Valar, Feana, warum bist du hier!“ Uh, also den Gehörschaden würden vor allem die Spitzohren bekommen, solange er nicht drei bis vier Oktaven höher mich an kreischte wie ein wütendes Waschweib. Was für ein geniales Bild. Thranduil beim waschen in einem eiskalten Fluss und mit der üblichen Gewandung für diese Arbeit. Grinsend musterte ich ihn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich spreche von der Wette, die ein gewisser weinsüchtiger Elb verloren hat. Mir steht ein freier Wunsch zu mein alter Freund. Und jetzt will ich, dass du deine Wettschuld einlöst.“ War er vorher knallrot gewesen, wurde er jetzt so bleich, dass man deutlich die Adern sehen konnte. Anscheinend hatte er diese unrühmliche Episode vergessen und wollte sich nicht daran erinnern. Pech, das ich es ihm nicht durchgehen lassen würde. „Schätze, du wärst jetzt lieber überall nur nicht hier, hm? Tut mir leid, aber ich bestehe darauf, dass du dich an deine Abmachung hältst ansonsten hätte der Zwerg mit seiner Anschuldigung Recht. Und das willst du ja nicht, oder?“ Er knurrte etwas Unverständliches. Seufzend kam ich näher. „Du hast dir deine Lage selbst zuzuschreiben Oropherion. Du wusstest, dass du niemals mit mir wetten solltest, gleichgültig ob in betrunkenem Zustand oder nüchtern. Ich spiele nur um zu gewinnen.“
    Mit einem etwas irren Gesichtsausdruck hob er den Kopf und seine Augen funkelten vor Triumpf. „Aber die Wette ist Jahrtausende her! Damit ist dein Wunsch verjährt. Du hast keinen Grund, darauf zu beharren.“ Armer Junge. Der Wein hatte offensichtlich seine Gehirnwindungen aufgelöst, warum sonst sollte er glauben, mit so einer billigen Ausflucht ungeschoren davonzukommen? Da kannte er mich doch eigentlich besser. „Was für eine lahme Ausrede, alter Freund. Dabei weißt du noch gar nicht was ich von dir verlangen werde – außer das du dein Wort hältst.“ Trotzig starrte er mich an und presste die Lippen aufeinander. Wie ein Kleinkind, dem ich sein Spielzeug weggenommen hatte, weil es ins Bett musste. Seufz. Warum stellte er sich überhaupt so an?
    „Wir haben keine Frist vereinbart, in der ich dir meinen Wunsch nennen musste, also hast du auch kein Schlupfloch. Hör auf dich wie ein Elbling zu verhalten und steh zu deinem Handeln wie ein Erwachsener.“ Langsam zog ich eine Augenbraue hoch. „Oder ich behandele dich so, wie dein Vater dich als Kind maßgeregelt hat. Ich kann dich immer noch übers Knie legen und dir Manieren beibringen. Willst du das!“
    „Warum tust du mir das an, Feana? Was habe ich dir getan, dass du mich so sehr hasst?“
    „Hass? Das tue ich definitiv nicht. Du hast mir dein Wort gegeben und ich bestehe darauf, dass du es hältst. Warum sollte ich dich also quälen oder gar hassen? Soweit ich weiß bist du kein Ork, Warg, Sauron oder Morgoth höchstpersönlich. Oder hast du mir da etwas verschwiegen Duil?“
    „Nenn mich nicht so!“
    „Dann stell dich nicht so an Thranduil Oropherion!“
    Er setzte seine gekränkte Miene auf und stemmte die Hände in die Hüften. Warum fand ich Elben eigentlich immer so süß, wenn sie ihre übliche Contence verloren? Streng hob ich einen Zeigefinger und brachte ihn damit zum Verstummen. „Mein Wunsch lautet, dass du die Zwerge ihren Weg ziehen lässt, so dass sie ohne behelligt zu werden in ihre Heimat zurückkehren. Wenn du dich nicht für die Belange anderer interessierst sollte es dir doch egal sein, sie gehen zu lassen.“
    „Du vergisst den Drachen Smaug. Sie werden ihn aufwecken und Unheil über die Lande bringen! Ich kann diese Gefahr nicht riskieren.“
    „So? Dann freut es dich sicher zu erfahren, dass ich mich mit den Drachen beschäftigen werde. Ich habe mit ihm noch eine Rechnung offen und ganz ehrlich, er wird sterben und dann richten sich alle Augen auf den Erebor. Nicht nur einfache Neider sondern auch dunkle Kreaturen.“
    Schweigen. Ruhig wartete ich auf seine Reaktion.
    „Meine Antwort lautet nein. Ich werde diesen Wunsch nicht erfüllen. Verlange etwas anderes von mir, aber die Zwerge bleiben in ihren Kerkern bis sie mir geben, was ich will.“
    Er wandte sich zum Gehen. Tief atmete ich durch. Sehr bald würde ich explodieren, wenn er so weiter machte. Sein Verhalten war nicht nur dumm sondern langfristig gesehen tödlich. Nie hatte ich gedacht, dass er eines Tages so tief fallen würde. Wo war mein Freund von früher abgeblieben? Lebte er überhaupt noch? Erbittert funkelte ich ihn an. „Und wie sollen sie das tun, wenn du sie gefangen hältst! Ein Schatz, auf dem ein Drache ruht, ist verflucht. Die weißen Steine deiner Frau werden nur Unheil, Tod und Wahnsinn hervorrufen, selbst wenn sie in deine Hände gelangen sollten! Du verachtest die Zwerge wegen ihrer Liebe zum Reichtum? Du bist selbst nicht besser als sie. Ich weiß, dass du Faen wirklich geliebt hast und nie über ihren Tod hinweggekommen bist, aber mit dieser Haltung gehst du zu weit. Lass sie ruhen und hör auf, dich vor der wahren Gefahr zu verschließen!“
    Blitzschnell wirbelte er herum und starrte mich wütend an.
    „WAGE ES JA NICHT IHREN NAMEN ZU ERWÄHNEN FEANA!“
    Mit schnellen Schritten baute ich mich vor ihm auf, versperrte ihn den Weg. Wenn er mich anbrüllen wollte bitte! Ich hatte einen längeren Atem als er. Und ich würde auch meinen Zorn bis zu einem gewissen Punkt freien Lauf lassen. „ACH UND SONST? WAS WILLST DU MIR ANTUN, WAS UNSERE GEMEINSAMEN FEINDE NICHT SCHON GETAN HABEN! NICHT NUR DU HAST IN JENER SCHLACHT PERSONEN VERLOREN, DIE DU LIEBTEST! EREINION WAR NICHT NUR MEIN KÖNIG SONDERN AUCH MEIN EHEMANN. GLAUBST DU, ES IST MIR LEICHT GEFALLEN, WEITERZULEBEN IN DEM WISSEN, DASS ICH IHN ERST IN DEN DAGOR DAGOLATH WIEDERSEHEN WERDE? NEIN. HÖR ENDLICH AUF DICH BLIND ZU STELLEN UND FANG AN IN DER GEGENWART ZU LEBEN.“

    14
    Kleine Manipulationen

    Leider erzielte mein Gebrüll nicht die erwünschte Wirkung. Tief atmete ich durch und konzentrierte mich auf die unsichtbaren Ketten, die meine Macht im Schach hielten. Also gut, wenn er auf die freundliche Tour nicht kooperierte, würde ich andere Seiten aufziehen. Sehr langsam richtete ich mich zu meiner vollen Größe auf und fixierte den Elbenkönig mit einem starren gnadenlosen Blick aus Phönixaugen. Keuchend vor Angst flohen die anderen Elben aus der Halle, als ich auf die Jahrtausende alte Autorität und Ausstrahlung zurückgriff, die ich als oberste Heerführerin und Kriegskönigin gehabt hatte. Thranduil wurde ungewohnt blass und kleinlaut. Ein denkwürdiger, seltener Anblick. Zu schade, dass niemand es bildlich festhalten würde. „Selbst wenn du die weißen Edelsteine zurückbekommen solltest, bringt dir das Faen nicht zurück. Seit wann ist dir Reichtum wichtiger als das Leben? Du hast einen Sohn, ihren Sohn. Ich weiß, das irgendwo in deinem Herzen noch der alte Thranduil von einst lebt.“ Meine Stimme war sanft und sehr ruhig. Die betörende Reinheit im Klang konnte selbst den stärksten Krieger oder Magier in den Bann ziehen. Normalerweise verabscheute ich solche Tricks. Ich manipulierte den Geist eines Freundes. Damit war ich nicht besser als Morgoth oder Sauron. Aber ich wollte ihn auch nicht mit Waffengewalt zum Nachgeben zwingen. „Du verabscheust die Zwerge für ihre Liebe zu Gold und Edelsteinen? Wobei du selbst auch danach gierst und nicht gerade in einer Fischerhütte lebst? Ich vermisse meinen Freund, Thranduil. Den Sinda, der mit mir die Sterblichen besuchte, um sie zu heilen und ihnen Schutz vor Orks zu geben. Wo ist nur der Elb, der lachend einen Zwergen als Kampfgefährten begrüßte und mit ihm Streiche spielte? Nicht nur du hast in jener Schlacht eine wichtige Person verloren. Ich habe damals auch dich als Freund verloren, denn dein Herz zerbrach an dem Verlust. Doch statt mit mir darüber zu reden oder dir helfen zu lassen, zogst du dich hinter Mauern aus Eis zurück. Allein Legolas und deine Verantwortung als König haben dich vor dem Schwinden bewahrt. Zu bleiben, obwohl das Herz zersplittert ist, braucht viel Stärke und Mut. Glaub mir, ich weiß, was du durchmachst, denn ich fühle genauso. Ereinion war mehr als mein König. Er besaß mein Herz und ich wünschte, er hätte es ganz mit ins Grab genommen. Viel wäre nicht geschehen, hätte ich nicht wieder zu lieben gelernt.“ Trauer und Wehmut ließen meine Miene weicher werden. Zitternd starrte der Elb mich an, wagte es nicht den Blick abzuwenden. Lautlos kam ich näher und legte ihm sanft eine Hand an die Wange, die wie ich wusste vom Drachenfeuer versengt war. „Du hast schon einmal gegen Smaug gekämpft, als dieser noch in seiner eigentlichen Heimat lebte und wurdest verletzt. Tu nicht so erschrocken, ich habe dir oft genug angeboten dich zu heilen, aber du hast jede Hilfe abgelehnt. Überleben ist eine Kunst, wieder zu lieben eine schmerzhafte Herausforderung. Bitte lass dich nicht von deinem Stolz leiten.“ Meine eindringliche Bitte schien ihn mehr zu erreichen, denn seine Miene wurde sanft und nachgiebig. Forschend blickte er mir in die Augen. Langsam nickte er ohne mich aus seinem Blick zu entlassen. In meinem Herzen tobte ein Kampf. Einerseits verabscheute ich mich für mein Tun, andererseits war ich entschlossen, die Zwerge freizubekommen. Auch wenn ein Teil von mir nicht verstand, warum mir das überhaupt so wichtig war. Immerhin handelte es sich bei einem der Insassen um Thorin! „Lass die Zwerge ihren Weg fortsetzen. Es ist ihr Schicksal, den Erebor wiederzuerobern. Ich werde mich bemühen, dass du die Edelsteine erhältst. Es besteht kein Grund für Krieg und Zwietracht unter euch. Es ist an der Zeit, Frieden zu schließen.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, während mein Geist sein Bewusstsein in einem feinen Netz gefangen hielt. Ohne meine Erlaubnis könnte er mich niemals in seinem Geist bemerken. Er würde mir nachgeben. Allerdings nicht aus freiem Willen, auch wenn er das vielleicht glaubte. Innerlich seufzte ich. Meine Taktik ging auf. Sollte ich mich darüber freuen oder im Stillen deshalb weinen? Ich benutzte die Gefühle und die Vergangenheit um ihn zu manipulieren. Als Kriegsherrin hatte ich oft genug andere beeinflusst, gedroht, gelogen und getötet, so dass es für ein einziges Leben reichte. Aber ich war nun einmal dazu verdammt immer wieder ein neues Leben zu führen. Für mich galten andere Regeln. Warum hatte ich Skrupel? Weil Thranduil noch immer einer meiner Freunde war. Gut, er war ebenfalls ein Meistermanipulator, aber das rechtfertigte eigentlich nicht mein Vorgehen. Verdammt, diese Überlegungen führten zu Nichts!
    „Ich werde sie aus Prinzip drei Tage hier noch festhalten, dann dürfen sie weiter.“ Erleichtert schloss ich kurz die Augen. Warum denn nicht gleich so? Leider war er noch nicht fertig. „Kann es sein, das du Gefühle für einen von den Zwergen hast? Normalerweise hältst du dich aus den Angelegenheiten heraus und von Elben wie Zwergen fern.“ Misstrauisch beäugte ich ihn. Sein Lächeln hatte diabolische Züge angenommen. Jetzt musste ich vorsichtig sein. Alles was ich sagte, konnte er im Zweifelsfall gegen mich verwenden. Sobald er die Wahrheit bezüglich, seiner’ Entscheidung bezüglich der Gemeinschaft herausfand würde er auf Rache sinnen. Das Schlimmste an der Sache war, dass ich es ihm nicht einmal übel nehmen konnte. „Feana? Ich kenne dich seit einigen Jahrtausenden. Ereinion war deine große Liebe auch wenn das nur die Wenigsten wussten. Du bist damals an einem gebrochenen Herzen gestorben. Diese Zwerge laufen blind in ihren Tod, das weißt du. Selbst wenn der Drache nicht wäre, würden sie früher oder später sterben. Es ist töricht, sich an einen der Naugrim zu binden, besonders als Phönix. Wie lange hast du nach dem Tod Ereinions getrauert? 2900 Jahre oder mehr? Du kennst die Risiken.“ Allerdings tat ich das. Aber das bedeutete wohl kaum, dass mein Herz sich darum scherte. Liebe war für mich immer mit Qualen verbunden. Doch ich konnte mir Thorin nicht einfach aus dem Herzen schneiden. Er war mir nicht gleichgültig. Wäre er es, würde ich ihn nicht mehr lieben. Kühl musterte ich den Elben vor mir. So sehr ich Thranduil auch schätzte, ich gedachte nicht ihm so viel Bedeutung zuzugestehen, dass er meine Entscheidungen beeinflussen konnte. Ich würde immer meinen Weg gehen. Der Sinda kam auf mich zu und ergriff behutsam meine Hände. „Deine Seele weint und dein Körper ist von Schmerz gepeinigt. Verweile in meinem Reich, ehe du deine Reise fortsetzt.“ So ganz traute ich diesem Frieden und Themawechsel nicht. „Wir haben einander sicher viel zu erzählen und ich bin sehr neugierig.“
    Widerwillig begannen meine Lippen zu zucken. Das sah ihm ähnlich. Mich einfach aushorchen zu wollen bei irgendwelchen Trinkspielen. So schnell wurde ich nicht betrunken. Aber gut, wenn er mit dem Feuer spielen wollte, gerne. Er hatte sich anscheinend nicht oft genug verbrannt.
    „Ist das eine Einladung oder ein Befehl, mein Freund?“
    Er grinste verschmitzt. Diese Frage hatte ich in seinem Beisein immer wieder verwendet. Irgendwann war sie zu einem privaten Witz in unserem Freundeskreis geworden. „Was auch immer dich dazu bringt, hier zu bleiben und mir Gesellschaft zu leisten. Du weißt doch, nichts ist gefährlicher als ein alter gelangweilter Elb.“ Leise lachte ich. So alt war er gar nicht, auch wenn er es natürlich anders sah. Immerhin war er etwa im selben Jahrgang wie Elrond. Nein, ich würde mir nicht die Laune verderben lassen, in dem ich Gedanken an den Halbelben nachhing.
    „Alt, Thranduil? Und was bin dann bitte ich? Oder Círdan? Sind wir Fossilien? Oder hast du mittlerweile eine andere, schmeichelhaftere Bezeichnung in deinem Repertoire?“
    Gespielt gekränkt legte er sich die Hand auf die Brust und setzte eine verletzte Miene auf. „Hältst du so wenig von mir, Feana?“
    „Im Gegenteil, Duil. Ihr solltet dringend die Tunnel unter dem Palast zuschütten. Ich bin allein deshalb unbemerkt hereingekommen. Deine Soldaten arbeiten wirklich schlampig und nachlässig.“
    „Ist dass ein Angebot meine Liebe? Ich hätte dich gerne als Kriegsherrin an meiner Seite...“ Ja, das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Aber ich hatte damit abgeschlossen. Keine Chance, dass ich meine Meinung änderte. Gelassen schüttelte ich den Kopf und wandte mich zum Gehen. „Bleibst du ein paar Tage, Feana? Bitte. Ich könnte deine Hilfe und deinen Rat gebrauchen. Die Zwerge werden bald wieder unterwegs sein.“
    Was sprach eigentlich dagegen, eine Weile hier zu bleiben? Nichts. Ruhig gab ich meine Zustimmung. Zeit, den Palast neu zu entdecken und ein paar Bekanntschaften aufzufrischen.

    15
    Unerwartete Begegnung

    Zitternd stand ich auf meinem Balkon im Palast und starrte zu den Sternen hoch. Ich hatte nicht damit gerechnet, in dieser Nacht mit dieser speziellen Erinnerung konfrontiert zu werden. Immerhin lag die Vergewaltigung durch Orome einige Tage zurück. Nichts hätte mich auf diesen Schmerz vorbereiten können. Es war wie damals gewesen. Nur, das meine Tortur dieses Mal nicht mit meinem Tod endete. Stattdessen verflocht sich die Vergangenheit mit der Gegenwart und jenen Visionen, die mir meinen kostbaren Schlaf immer wieder raubten. Irgendwann hatte ich mich gewaltsam aus dem hilflosen Traumzustand gerissen und war ruckartig nach draußen auf meinen Balkon gestürmt. Diese Emotionen, Bilder und Gedankenfetzen besaßen eine explosive Kraft, die mir kalte Angstschauer über den Rücken jagten. Damals, als ich Ereinion geliebt hatte, wusste ich gleichzeitig bei jeder noch kleinen Berührung, das er sterben würde und ich es nicht verhindern konnte. Diese Gewissheit und die daraus resultierende Angst hatten mich beinahe in den Wahnsinn getrieben. Mir war ohnehin klar gewesen, das unser gemeinsames Glück lediglich gestohlene Zeit und niemals von Dauer sein konnte. In meinen Träumen war ich immer wieder von Visionen seines Todes gequält worden. Ich musste einen ungerechten Preis dafür zahlen, das ich mir einen Teil meiner Menschlichkeit bewahrt hatte.
    Dank Morgoths Splitter sollte ich gar nicht in der Lage sein, zu lieben. Das ich es trotzdem tat und der bösartigen Dunkelheit, die beharrlich an meiner Seele fraß nach all den Jahrtausenden beständig die Stirn bot, war keineswegs selbstverständlich. Ich fürchtete mich vor den Augenblicken, in denen Morgoth sich in seinem Splitter regte und kurzweilig gänzlich die Kontrolle übernahm. Woher sollte ich die Sicherheit nehmen, gefeit gegen Saurons Einflüsterungen und dem Drachenfluch zu sein, wenn mein Herz von dunklen Schattenklauen regelrecht zerdrückt wurde! Ich wusste, das Thorin sterben musste. Es war sein Schicksal und ich konnte es nicht verhindern. Wie also konnte ich es verantworten, wieder Gefühle für ihn zu hegen? Das letzte Mal als ich Ereinion verlor war ich gestorben und nur mit vereinter Gewalt war es den Valar gelungen, mich wieder ins Leben zu zwingen. Wenn ich es trotz der grausamen Gewissheit wagte, den Zwergenkönig zu lieben und die Hände nach einer glücklichen gemeinsamen Zukunft auszustrecken, würden die Qualen alles Bisherige übertreffen. Schlimmer noch, wenn ich seinen Tod wirklich überleben sollte, würde der Rest meiner Güte und meiner Menschlichkeit gänzlich ausgelöscht sein. Ich wäre das Monster, als das Thorin mich beschimpft hatte. Morgoth hätte ein leichtes Spiel, sobald der Phönix sich in eine dunkle Kreatur verwandelte. Allein deshalb musste ich mich von Thorin fernhalten und meine Gefühle eisern verschließen.
    Unsere Liebe würde so vielen Unschuldigen den Tod bringen.
    Als Protektorin Mittelerdes musste ich meine Pflichten über die Stimme meines Herzens stellen. Ich hatte gar keine andere Wahl.
    Erschöpft schlang ich die Arme um meine Taille und ließ den Moment der Schwäche zu. Hier sah niemand meine Tränen und ich bezweifelte ernsthaft, das ich einem zufälligen Beobachter genug bedeuten würde, damit dieser die richtigen Fragen stellte. Zum Wohle aller sollte ich erneut den Weg der Einsamkeit beschreiten. Mich von jenen fernhalten, die das Eis um mein Herz einbrechen lassen konnten. Aber ich war nicht stark genug dafür. Ich wollte nicht alleine sein. Weiterhin in der Dunkelheit kämpfen. Ungesehen dahin schwinden und dennoch keine Erlösung finden. Wie lange könnte ich Morgoth schon standhalten? In diesem Zustand war ich viel zu angreifbar, zu verletzlich... zu schwach.
    Vor vielen Jahren hatte mich Lindir gefragt, wovor ich mich überhaupt fürchtete, da ich mich von nichts und niemanden unterkriegen ließ. Die Antwort war ich ihm schuldig geblieben. Ich fürchtete das Monster, was in mir lebte.
    Echte Freiheit würde ich niemals erleben, das war mir längst klargeworden. Mir blieb nichts anderes übrig, als immer weiter zu kämpfen. Aufgeben kam nicht infrage. Es widerspräche nicht nur meinem Wesen sondern auch meinen ureigenen Überzeugungen. Wenn ich nicht für mich leben wollte, dann für diejenigen, die ich wider Vernunft noch immer liebte. Warum nur konnte ich diese Lektion nicht endlich begreifen? Liebe ging für mich immer mit unsäglichem Schmerz, Verrat und Verlust einher. Es war schon eine erstaunliche Gnade gewesen, das ich solange mit Ereinion glücklich sein durfte und eine Tochter mein Eigen hatte nennen können. Ich sollte besser aufhören mich nach Etwas zu sehnen, was ich wahrscheinlich niemals wieder haben konnte. Selbst wenn der gegenwärtige Plan der Valar aufging, blieb mir nicht viel Zeit mit Thorin. Er war dem Tod geweiht und es war mir untersagt mich einzumischen. Vielleicht hatte ich bereits zu viel getan, indem ich meinen Wunsch einforderte. Noch vor wenigen Monaten hatte ich es geschafft, mich immer wieder zu überzeugen, dass ich ohne den Zwerg besser dran war, mehr noch, dass er mich hasste und als Monster ansah. Jetzt zweifelte ich an dieser doch tröstlich-giftigen Lüge.
    Ohne es zu wollen hatte ich vor dem Einschlafen den Geist des Mannes gestreift, der keine Ahnung hatte, was er meinem Herzen immer noch antun konnte. Was ich vorfand, zerbrach alles, was ich mir seit meiner Flucht vor ihm damals eingeredet hatte, als ein Trugbild. Wie konnte ausgerechnet ein so altes Wesen wie ich mich derartig täuschen lassen? War ich wirklich bereitwillig blind gewesen? Er liebte mich mit einer verzweifelten Leidenschaft, die mir Tränen in die Augen trieb. Da war kein Hass, kein Abscheu, keine Verachtung mir gegenüber. Nichts, was ich erwartet hätte. Umso tiefer traf mich die Erkenntnis, das wir niemals zusammen kommen durften. Nicht, wenn ich meinen Aufgaben als Protektorin gerecht werden wollte. Ich musste ihn irgendwie dazu bringen, das er mich genug verabscheute, damit er mich vergaß.
    Thranduil hatte versprochen Wort zu halten und ich zweifelte nicht daran, dass es er tun würde. Diese drei Tage waren eine Entschädigung für sein verletztes Ego. Mehr nicht. Für mich war es eine Tortur der besonderen Art. Dem Mann, den ich liebte so nah zu sein in dem Wissen, das wir nie eine gemeinsame Zukunft haben durften, tat weh. Aber ich durfte meine Gedanken niemanden anvertrauen. Wie so oft musste ich schweigen und mein bereits gebrochenes Herz verbergen.
    „Mae fuin, meldis nín. Annan le ú-gennin.“ Ich zuckte bei dem unvermuteten Klang zusammen. Diese Stimme würde ich überall und zu jeder Zeit erkennen. Langsam drehte ich mich um und sog scharf die Luft ein. Ich hatte mich nicht geirrt. Rhawones Patentante und Ereinions Halbschwester stand an einen Bettpfosten gelehnt da. Kluge silberblaue Augen betrachteten mich eingehend. Ich hätte niemals gedacht, sie jemals wiederzusehen. Sie war eine der besten Bogenschützinnen der lindonischen Armee gewesen und unterstand in jener verhängnisvollen Schlacht meinem Befehl. Da ich kurz nach Ereinions Tod ebenfalls starb, hatte ich nie erfahren, ob mein gewagter Plan doch funktioniert hatte und überhaupt ein Elb der Truppe diese Aktion überlebte. „Lósiel?“
    Ein warmes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie näher kam und sanft einen Arm um meine Taille schlang. Ihre Wärme drang bis zu meinen Knochen vor und vertrieb die Dunkelheit in meinen Gedanken. Behutsam zog sie mich in eine freundschaftliche Umarmung.
    „Und ich dachte, ich hätte dich und die anderen damals in den Tod geschickt.“ Noch immer glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Niemals hätte ich zu hoffen gewagt, das dieser verzweifelte Plan funktionierte. Mehr noch, das überhaupt einer zurückkam. Dennoch war sie nun hier. Wenn das ein Traum war, wollte ich momentan nicht aufwachen. „Wie konntet ihr damals überleben? Die Waffen waren überhaupt nicht einem perfekten Endzustand und ihr hattet nur einen einzigen Versuch! Es war eine reine Selbstmordaktion.“
    „Schsch. Alles gut, keiner von uns war dir jemals böse. Im Gegenteil. Wir haben dich schließlich dazu gedrängt, dass du uns schickst und nicht selbst den Angriff durchführst. Jeder von uns wusste, was dieser Auftrag bedeuten konnte und wir haben freiwillig die Entscheidung getroffen.“ Das stimmte zwar, konnte aber meinen inneren Schmerz nicht lindern. Ja, Lósiel und ihre engsten Vertrauten hatten darauf bestanden, dass ich ihnen diesen Auftrag übergab. Sie hatten nicht gewollt, dass ich von Ereinions Seite wich und damit den fragilen Frieden zwischen den Verbündeten gefährdete. Sie waren mit Waffen losgezogen, die meinen eigenen von Aule ähnelten, aber längst noch nicht ausgereift waren. Andere hatten sie aber nicht mehr gehabt, weil sämtliche Waffenlager durch den langen Krieg praktisch ausgeräumt waren. Ich hatte ihnen nur ungern diesen einen Befehl erteilt und sie gehen lassen. „Wir haben ihnen den Rückzug abgeschnitten und Saurons Heer empfindliche Verluste zugefügt, noch lange bevor wir entdeckt wurden. Das entfesselte Feuer deinerseits hat sein Übriges getan um ihre Panik komplett zu machen. Waffen, die im Seelenfeuer geschmiedet wurden sind tödlicher als jede andere Klinge, die von Elben, Menschen, Zwergen oder gar dunklen Kreaturen hergestellt werden könnte.“
    Vorsichtig begegnete ich ihrem offenen Blick, der mich von meinen marternden Schuldgefühlen freisprach und gleichzeitig soweit beruhigte, dass ich meine Fassung wiedererlangen konnte. Dankbar schenkte ich ihr ein ehrliches Lächeln. Grinsend ließ sie mich los und lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. Aufmerksam musterte ich sie. Für eine Kriegslegende sah sie äußerst unauffällig aus. Eine schlichte dunkelgrüne Tunika, Hosen und Stiefel zeichneten sie als eher gewöhnliche Noldo aus. Es war ein Eindruck, der täuschte. Belustigt musterte ich die kaum sichtbaren Knäufe ihrer Dolche, die sie in ihren Stiefeln verbarg. Manche Dinge änderten sich wohl nie. Früher hatte Ereinion sie immer aufgezogen, sie wäre ein lebendes Waffenarsenal. Eine Bezeichnung, die perfekt zutraf. Selbst wenn sie schlief hatte sie ihre Klingen immer griffbereit. Wachsamkeit war ihre höchste Tugend. Auch deshalb hatten wir uns so gut verstanden. Gemeinsam waren wir oft in der Waffenschmiede gewesen und hatten neue Techniken ausprobiert. Nun, ihr Name war eindeutig irreführend. Lósiel war keine gewöhnliche Blume. Eher eine tödliche Wüstenrose. Wunderschön anzusehen, aber so giftig und mit Stacheln bewehrt, das niemand es wagte, sie anzurühren.
    „Wer hat noch überlebt vom inneren Kreis?“ Unter anderen Umständen hätte Varanérë sie begleiten müssen, aber ich hatte mich geweigert, als sie ebenfalls darum bat. Dafür hatte sie mich im ersten Moment gehasst. Erestor war freiwillig geblieben, das Gleiche galt für Glorfindel und Elrond. „Oh, einige. Die meisten sind aber nach dem Untergang von Lindon in den Westen gesegelt, auch weil nichts über deinen Aufenthaltsort bekannt war. Viele haben sich damals gewünscht, du hättest die Thronfolge angetreten, sowie Ereinion es bestimmte. Als du es nicht getan hast, sahen sie darin das Zeichen, dass die Zeit der Eldar in Mittelerde abgelaufen sei. Feara?“ Ich zuckte bei dem alten Namen zusammen. „Dir wären wir in den Tod gefolgt. Wenn jemand das Auftreten einer geborenen Königin so mühelos lebte, dann bist das du.“
    Eine Königin? In Friedenszeiten? Ohne den König, den sie liebte? Nein, niemals. Die Krone der Noldo war nicht die meine. Wie sollte ich schon ein so großes Reich regieren, wenn ich keine Politikerin war sondern einer Kriegerin? Heuchelei war nicht mein bevorzugtes Metier.
    „Vielleicht. Ohne Ereinion hätte ich niemals gekonnt.“
    Sie seufzte und lächelte mich an. Unruhig verlagerte ich mein Gewicht. Diesen Gesichtsausdruck kannte ich nur zu gut. Ereinion hatte ihn oft genug zur Schau getragen. Meistens in den Diskussionen, in denen er mir begreiflich machen wollte, dass ich endlich die Heimlichkeit lassen und offen bekennen sollte, dass ich mehr als nur die Kriegsherrin war. Er hatte mich immer wie eine Ebenbürtige behandelt. Wie eine Königin. Doch ich strebte weder nach Macht noch danach, über andere zu herrschen. Titel waren für mich keineswegs anziehend. Mir ging es um den Charakter hinter der höfischen Fassade. Allein das zählte für mich. Das wahre Wesen unter der Oberfläche. Aber das hatte kaum jemand verstanden. „Du siehst dich nicht so, wie wir anderen dich wahrnehmen. Ich kenne keine andere Frau, die trotz so vielen grausamen Erfahrungen eine derartige Güte, Liebe, Herzenswärme, Fürsorge und innere Stärke ausstrahlt. Du hast bisher noch den schrecklichsten Schicksalsschlag überlebt und nie aufgegeben, gleichgültig wie groß die Gefahr auch war. Deine Loyalität ist grenzenlos. Glaubst du wirklich, dass Königinnen ihre Macht allein wegen ihrer Geburt oder der lächerlichen Krone haben? Du bist mehr eine Königin, als Galadriel es je sein könnte. Gerade weil du dich für ungeeignet hältst und außergewöhnlich bist. Dein Charisma - “
    „Seit wann habe ich Charisma? Es wurde mir oft genug abgesprochen.“
    „Nur von Neidern, meine Liebe. Dein Wesen nötigt anderen Bewunderung und Respekt ab. Wieso glaubst du, ist es dir so leicht gefallen, selbst den skeptischsten Herrscher von deinen Qualitäten zu überzeugen? Sicher nicht nur wegen deiner hervorragenden Leistungen im Krieg und deiner offensichtlichen Bestimmung zur Heerführerin. Für dich spielen Dinge wie Herkunft, Stand, Reichtum und politische Macht keine Rolle. Grundsätzlich begegnest du jedem Wesen mit Respekt und es ist sehr schwer, sich wirklich deinen Hass zu verdienen.“
    Das klang ja beinahe, als wäre ich eine Heilige. Entnervt, belustigt, leicht verärgert und neugierig, wie lange die Lobhudelei noch anhalten würde beobachtete ich ihr sprechendes Mienenspiel., Ach, Lósiel, wie blind du doch für die Fehler deiner ehemaligen Vorgesetzten bist!’ Niemals könnte ich die Person sein, die sie so lebhaft beschrieb. Gut, ein paar Ähnlichkeiten konnte ich nicht bestreiten, aber sie übertrieb maßlos. Ich war weit davon entfernt perfekt zu sein und ich verabscheute auch den Personenkult um mich, den die jüngeren Soldaten damals praktiziert hatten. Weder war ich eine Heldin noch eine Märtyrerin. Ganz sicher nicht war ich die geborene Königin der Noldor. Diesen Titel und die damit verbundene Macht waren nichts für mich.
    „Wie leidenschaftlich du mich vor mir selbst verteidigst, kleine Wildrose. Ich wusste nicht, das du mich so sehr verehrst!“ Ich konnte nicht widerstehen sie aufzuziehen. Sie war eine meiner wenigen echten Freundinnen und einst meine Elevin gewesen. Ereinion hatte mich damals gebeten, mich ihrer anzunehmen und sie auszubilden. In erster Linie damit sie sich selbst beschützen konnte. Der lindonische Hof war keineswegs eine natternlose Idylle gewesen und ein illegitimer Bastard wäre das perfekte Werkzeug für die Adligen gewesen, denen Ereinions Herrschaft nicht zusagte. „Vielleicht solltest du mir bei Gelegenheit diesen Ausbund der Tugend vorstellen. Denn die Frau, die du beschreibst kann unmöglich ich sein. Hast du Thranduils Weinkeller geplündert?“
    Beleidigt rümpfte sie ihr Näschen und kräuselte die Lippen zu einem Schmollmund. Leise begann ich zu lachen. Sie sah einfach zu süß aus.
    „Du nimmst mich nicht ernst! Das ist gemein.“
    Unvermittelt spürte ich, wie etwas Bösartiges mein Bewusstsein streifte und erstarrte. Die Berührung war denkbar kurz gewesen, aber ich fühlte deutlich, wie die Splitter erwachten und zu pulsieren begannen. Keuchend sank ich auf die Knie und versuchte das verzweifelte Aufbäumen meiner Magie unter Kontrolle zu bekommen. Glühend heiß raste der Schmerz meine Wirbelsäule hoch und einige Rippen zerbrachen unter der dahinter stehenden dunklen Kraft. Ich fixierte zwanghaft meine Hände, die sich so sehr in den Boden krallten, dass sie unheimlich wächsern und knochig aussahen. Nur am Rande nahm ich die alarmierten Rufe wahr und die Arme, die sich um meine Mitte schlangen. Plötzlich verschwamm das Zimmer und die Dunkelheit breitete sich aus.

    >Als ich wieder zu mir kam, spürte ich, dass ich auf einem weichen Untergrund lag. Noch mit geschlossenen Augen versuchte ich mich zu orientieren und möglichst viel über den Ort herauszufinden, an dem ich mich befand. Das Letzte woran ich mich erinnern konnte war, dass mich ein sehr hässlicher Ork über einen geifernden Warg geschmissen und mich dort festgehalten hatte. Ob es nun ein Segen war, das ich von dieser Reise nichts mitbekommen hatte war Ansichtssache. Ich musste so schnell wie möglich von hier verschwinden oder meinem Leben ein Ende setzen. Niemals wollte ich lebend unseren Feinden in die Hände fallen. Hatte der Elb namens Cáno mich nicht gewarnt, dass kein Orkspäher mich jemals ohne meine Maske und meine Kapuze sehen dürfte! Zu groß sei die Gefahr, dass ich verschleppt und zur Sklavin gemacht wurde. Wofür genau wusste ich zu gut. Dieses Schicksal konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Ich war Barahirs Tochter und verdammt noch mal die beste Schwertkämpferin unseres Hauses! Es lag mir nicht mich einfach unterzuordnen und zu resignieren. Wachsam lauschte ich. Außer mir befand sich niemand in diesem Raum. Gut.
    Vorsichtig öffnete ich die Augen und schauderte. Es war ein Schlafzimmer, in das man mich gebracht hatte und wenn ich mir die Einrichtung näher ansah, ahnte ich auch von wem. An den Absichten des Feindes mit mir gab es nun keine Zweifel mehr. Sie hätten mich mühelos töten können, Gelegenheit hatte es gegeben. Stattdessen brachten sie mich ausgerechnet zu IHM. Ich war mit den Schauergeschichten über Morgoth aufgewachsen und hatte genügend Frauen gesehen, die von seinen Dienern geschändet wurden. Zuletzt meine eigene Mutter.
    Vorsichtig setzte ich mich auf und suchte mit den Blicken nach einer Fluchtmöglichkeit oder eine Waffe. Als ich aufstehen wollte spürte ich ein beängstigendes Kribbeln und eiserne Bänder, die sich um mich schlangen. Magie. Dunkle Magie. Gütige Valar, ich musste von hier verschwinden! Aber ich konnte sich nicht bewegen. Wie erstarrt blieb ich sitzen. Mein Körper verweigerte mir den Gehorsam. So langsam geriet ich doch in Panik. Vor dem Zimmer hörte ich Schritte und ich versuchte verzweifelt mich zu bewegen. Doch alles was ich erreichte war, dass sich die unsichtbaren Fesseln so fest um mich schlangen, das ich kaum einen Muskeln mehr rühren geschweige denn atmen konnte.
    Die Tür schwang zu meinem Entsetzen auf. Sofort breitete sich eine derartig bösartige Präsenz im Raum aus, dass mir schlecht wurde. Vor mir erhob sich drohend eine sehr dunkle Gestalt mit glühenden roten Augen. Ich vertraute meinen Instinkten, hatten sie mich bisher doch am Leben erhalten und gerade jetzt schrien sie mir zu, ich sollte rennen um mich zu retten. Nur konnte ich das nicht, war zur Bewegungslosigkeit verdammt. Zitternd starrte ich in die beunruhigenden Augen. Also gut. Vielleicht konnte ich ihn lange genug ablenken, um seinen Zugriff zu entkommen. „Was wollt Ihr von mir?“ Er lächelte raubtierhaft und umfasste hart mein Kinn. Starrte in meine grauen Augen, die sich nun leicht weiteten. Seine Berührung war schmerzhaft und schien sich bis auf die Knochen durchzubrennen. Als wolle er mich als sein Besitz kennzeichnen. Wie Vieh! Mit dennoch ruhigen Atemzügen versuchte ich der Angst entgegenzuwirken. Ich musste klar denken können, wenn ich hier lebend und vor allem unversehrt raus wollte. Panik spielte meinem Feind in die Hände. Meine Ruhe nötigte ihm Respekt ab. „Ich will Eure Macht und Euren Gehorsam. Aber am meisten will ich Rache. Und wie könnte ich mich besser an den Elben und an Eurem Volk rächen, als wenn ich Euch zu meiner Frau mache? Ihr gehört allein mir. Es gibt kein Entrinnen.“ Wie sicher er klang. Mir wurde schlecht. In seinen Augen erkannte ich eine düstere Besessenheit. Verflucht. Wann hatten die Orkspäher mich ohne meine Tarnung gesehen! Und was meinte er mit Macht? Ich war eine gewöhnliche Sterbliche, keine Elbin. Außerdem hatte er kein Recht, mich als Besitz anzusehen. Ich war ein Wesen mit Gefühlen, Verstand und einem eigenen Willen! Vielleicht war es nicht sonderlich klug mit Stolz auf diese Behauptung zu reagieren, aber das war mir jetzt egal.
    „Nein.“ Meine Stimme wurde schneidend. „Ich gehöre nur mir.“
    Amüsiert lachte er auf. Seine langen kühlen Finger streiften meine Wange ehe sie sich eisern um meine Nacken schlossen. Gelassen glitt seine andere Hand zu meiner Brust und öffnete geschickt die Verschnürung meines Oberteils. Der Griff der magischen Fesseln erstarb und ich kämpfte ich sofort gegen ihn an. Aber er ließ sich nicht aufhalten. Es war, als würde er meine Versuche freizukommen gar nicht bemerken. „Seit dem ich Euch das erste Mal sah, gehört Ihr mir Faera. Außer mir wird es keinen anderen Mann für Euch geben. Ich gebe das was mir gehört nicht her. Erst recht nicht, wenn es sich um so einen bezaubernden Juwel wie Ihr es seid handelt.“ WAS! NIEMALS GEHÖRE ICH IHM. Alles in mir begehrte gegen diesen dunklen Tonfall auf. Verzweifelt schlug ich ihm ins Gesicht als er mich küssen wollte. Was für ein Widerling! Leider reagierte er viel zu schnell. Er packte mein Handgelenk so fest, dass ich die Knochen brechen hörte. Vor Schmerz schrie ich auf. Böse amüsiert lachte er heiser an meinem Ohr, vergrub die Finger in meinen Haaren und riss meinen Kopf in den Nacken, so dass ich seinem glühenden Blick begegnen musste. Erbittert versuchte ich mich zur Wehr zu setzen. Es ging hier um mein Leben! Wo waren die Valar, wenn man sie brauchte! „Wehr dich nicht und hör auf zu schreien. Oder willst du gefesselt und geknebelt werden?“ Sein Arm schlang sich besitzergreifend um meine Taille. Als er seinen Kopf senkte um hart seine Lippen auf meine zu pressen biss ich so fest zu, dass ich Blut schmeckte. Fluchend ließ er mich los. Ich entwischte seiner Umklammerung und stürmte in Richtung Tür. Höchste Zeit zu verschwinden. Er folgte mir wütend. Seine Erregung hatte sich in Hass verwandelt. Er warf sich so heftig auf mich, dass er mich umriss. Mit meinem Kopf knallte ich gegen den Marmorboden und mit dem Rücken so hart auf den Stein, dass mir die Luft aus den Lungen getrieben wurde. Obwohl ich mich in einer noch ungünstigen Position als zuvor befand, schlug ich so fest ich konnte nach seinem Gesicht und traf sein linkes Auge. Seine Rache ließ nicht lange auf sich warten. Er fluchte und schlug mir drei Mal ins Gesicht. Ich sah Sterne und der Rand meines Gesichtsfelds wurde schwarz. Grimmig weigerte ich mich das Bewusstsein zu verlieren. Morgoth zerrte derweil grob an meiner Kleidung und zerriss meine Tunika. Es war unmöglich ihn abzuschütteln oder sich unter ihm hervorzurollen, so dass ich meine kräftigen Bauchmuskeln anspannte und ihn mit meinen Kopf unters Kinn traf. Den höllischen Schmerz den ich verspürte ignorierte ich vorübergehend, denn ich hatte es geschafft ihn von mir herunter zu befördern. Er rollte gegen das Bett. Hastig kämpfte ich mich auf alle vier ehe ich versuchte aufzustehen. Er trat nach mir und traf mich hart in die Rückseite meines Oberschenkels.
    Ich unterdrückte einen scharfen Fluch, denn mein Bein wurde taub und die Wucht der Tritts schleuderte mich durch die angelehnte Tür nach draußen. Argh! Verdammt tat das weh! Ich landete auf dem Bauch und versuchte so schnell wie möglich wegzurollen. Es war ihm völlig egal ob er mich verletzte oder nicht. Wahrscheinlich würde er mich vergewaltigen und anschließend umbringen. Ich spuckte etwas Blut aus. Niemals würde ich zulassen, dass jemand wie dieser Mann mich berührte und tötete. Nicht ohne ihn bleibende Narben zuzufügen. Blindlings tastete ich mit den Fingern nach irgendeinem Gegenstand, den ich als provisorische Waffe benutzten konnte. Meine Finger schlossen sich um einen faustgroßen Stein. Ich hatte nur eine Hand, die ich zum Kämpfen verwenden konnte. Mein rechtes Handgelenk schrie mir fleißig ein „Hack mich ab!“ entgegen. Verflucht, ich hasste Knochenbrüche! Entschlossen kämpfte ich gegen die Übelkeit an. Als ich mich hoch hievte trat er mich von hinten und stieß mich wieder auf den Boden. Seine Hände gruben sich schmerzhaft in mein Haar, rissen meinen Kopf zurück und er biss mir heftig in die Unterlippe. Die Schmerzen wurden unerträglich. Er lachte, sein Mund von meinem Blut rot verschmiert. Mir wurde schlecht. „Du wirst für jeden einzelnen Schlag bezahlen und ich werde es genießen. Zeit das dir jemand zeigt, das Frauen nur einen Zweck haben um zu überleben. Oh ja, ich werde es genießen dich zu erziehen.“ Ein tiefes Knurren entrang sich meiner Kehle. Als er sich wieder zu mir beugte schlug ich mit aller Kraft den Stein gegen seinen Kopf. Ächzend verdrehte er die Augen ehe er zusammenbrach. Angewidert schob ich ihn weg und kam taumelnd auf die Füße. Ich war vernünftig genug um die Chance zur Flucht zu nutzen. Mein Gesicht schwoll bereits an und meine Rippen schmerzten höllisch.
    Humpelnd, aber so schnell wie es mir möglich war rannte ich den dunklen Flur entlang und versuchte dabei den Ork-Patrouillen aus dem Weg zu gehen, die von den Kampfgeräuschen angelockt wurden. Normalerweise war ich die schnellste Läuferin und stellte mit meiner Ausdauer selbst den routiniertesten Elbenkrieger in den Schatten, aber die Rückseite meines Oberschenkels protestierte bei jedem Schritt. Verfluchter Morgoth!
    Die Festung glich einem einzigen Labyrinth und ich wusste, dass ich verloren war, fand ich nicht bald einen Ausgang. Dies war sein Territorium und er hatte die bessere Position in diesem Kampf. Die Verletzungen die ich ihm zugefügt hatte waren zweifellos schon verheilt. Bei meinen eigenen war das leider Wunschdenken. Mir ging es zusehends schlechter.
    Verdammt. So wollte ich nicht sterben! Nicht hier!
    Pausen um mich notdürftig zu versorgen konnte ich nicht riskieren. Die schlechte Luft brannte in meiner Lunge und da jeder Schritt meinen Körper erschütterte, schmerzten meine Rippen höllisch. Mit jedem Atemzug den ich mich voran kämpfte verfluchte ich Morgoth und seine Viecher. Zitternd versuchte ich einen Ausgang zu finden. Lange würde ich das nicht mehr aushalten. Schon begann sich mein Sichtfeld einzuengen und die schwarzen Flecken verrieten mir, dass mir die Zeit davonlief. Meine Beine waren kurz davor unter mir einzubrechen, der Schmerz in meiner Seite strahlte nun bis in Brust aus, sodass beim Atmen meine Lunge brannte. Rasch drückte ich mich in eine dunkle Nische um einer Orkgruppe zu entgehen. Zu meinem Glück waren es eher die der dümmeren Sorte mit den schlechteren Sinnen. Und weiter!
    Dann hörte ich das Heulen, das mir schon als Kleinkind Angst eingejagt hatte. Er setzte Warge auf mich an, weil diese mich schneller finden würden. Die Panik verlieh mir genügend Kraft, weiter zu rennen.Schon bald hörte ich das Kratzen langer Krallen auf Stein, das Jaulen und spürte, wie sie immer näher kamen. Ich suchte verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit, aber vor mir am Ende des Ganges war eine Wand. Eine verfluchte Sackgasse. Ich saß in der Falle. Sekunden später stolperte ich und fiel hin. Ein beißender Schmerz im Nacken dann wurde alles dunkel.
    Mit einem hämischen Gesichtsausdruck betrat der Ork die Zelle, in der ich aufgewacht war. Ich wusste nicht mehr, wie viel Zeit seit diesem Fluchtversuch vergangen war, denn hier gab es kein Tageslicht oder einen Sternenhimmel. Nur Dunkelheit, Kälte, Verwesung, Schreie und Orks. Die Biester hatten sich anscheinend verschworen, dass ich für meine unverzeihliche Tat, ihrem Herrchen ein Haar zu krümmen, besonders viel Folter verdiente. Zusätzlich zu den alten Wunden, die von unserem Kampf stammten war mein Körper durch andere verunstaltet. Man hatte mich mit einer Peitsche geschlagen, deren eiserne Widerharken das Fleisch aus meinem Rücken riss und schließlich brachen sie mir auch das andere Handgelenk. Damit waren sie natürlich noch nicht zufrieden. In den Nächten kamen sie um mich zu vergewaltigen und verspotteten mich dabei. Lediglich mein Gesicht verschonten sie weitestgehend. Von Morgoth hatte ich seit dem Kampf nichts mehr gesehen. Ich wusste nicht, ob ich das als gutes Zeichen werten sollte. Wachsam musterte ich den hässlichen Ork vor mir. Sein Blick ruhte auf dem Eisenring um meinen Hals. Ob es tatsächlich Eisen war, wagte ich zu bezweifeln. Es tat höllisch weh und brannte sich förmlich in meine Haut ein. Allein die Schmerzen hielten mich wach. Wie ein Tier hatte man mich an die Wand gekettet und mir dabei keinen Bewegungsfreiraum zugestanden. Hass loderte in mir auf, als er näher kam. Wenn ich könnte würde ich ihn in Stücke zerreißen! Nur dafür müsste ich erst einmal frei und körperlich widerhergestellt sein. Düster lächelte ich und starrte das Biest vor mir voller Abscheu an. Noch konnte er lachen, aber ich hatte alle Zeit der Welt um Rachepläne zu schmieden. Ich würde abwarten. Am Ende würden Morgoth und seine Schoßtierchen bezahlen!
    „Der Herr verlangt dich zu sehen.“ Knurrend beobachtete ich, wie er eine Hand ausstreckte. Niemals würde ich mich dazu herablassen, Morgoth das zu geben was er wollte. Er würde mich nicht brechen und zu seinem Spielzeug machen! Ich spuckte vor ihm zu Boden. Lieber starb ich als zuzulassen, dass er über mein Volk triumphierte. „Ah, du willst also noch mehr Schläge.“ Mit einem widerlichen Lächeln schlug er mir ins Gesicht. Ich fauchte vor Schmerz. Verdammte Orks! „Noch mehr Widersprüche? Du weißt, wie du dein Leiden beenden könntest.“ Wenn ich nicht verletzt wäre und erschöpft hätte ich vielleicht gelacht. So naiv war ich nicht. Als ob mich Morgoth leben lassen würde, nachdem ich ihm alles verraten hatte was er wissen wollte und zudem mich ihm unterwarf. Wenn ich nicht vorher an meinen Verletzungen starb. Meine Antwort bestand darin die Augen zu schließen. Wieder schlug der Mistkerl zu, dieses Mal allerdings gegen meine verletzte Schulter. Verdammt! Ich unterdrückte nur mit Mühe einen Schmerzensschrei. „Du bleibst gefälligst wach!“ Knurrte er. Sein widerlicher Mundgeruch schlug mir entgegen und ich würgte. Urgh, Sauberkeit war wohl für diese Viecher ein Schimpfwort. „Quälst du schon wieder unseren Gast?“ Erklang die spöttische Stimme meines Erzfeindes. „Wie unhöflich von dir. Geh beiseite, ich werde mich jetzt persönlich ihr widmen.“ Widerwillig öffnete ich die Augen und zischte hasserfüllt als ich Morgoth erkannte. Verdammter Bastard!
    Nicht nur das er mich bluten ließ, nein, ich bekam auch nichts zu essen. Der Hunger nach echter Nahrung hielt mich in seinen erbarmungslosen Klauen, ein roter Dunst legte sich vor meine Augen, und mein Puls hämmerte von dem unaufschiebbaren Drang nach Nahrung. In seiner schwarzen Eisenrüstung beugte er sich vor.„Sag mir wo dein Bruder und dein Vater sich verstecken, Faera.“ Ich knurrte ihn an. Seine roten Augen durchbohrten mich, forderten Gehorsam dem ich ihn strikt verweigerte. „Hör auf dich zu wehren. Du willst was zu essen? Dann verrate mir, was ich wissen will. Oder willst du dich zu Tode hungern?“ Verächtlich schnaubte ich und drehte den Kopf weg. Wäre das denn so schlimm zu sterben? Wahrscheinlich hielt mein Bruder mich längst für tot - von den anderen Menschen die mich kannten mal abgesehen. Solange meine Welt nur aus Schmerzen bestehen würde hatte ich nichts gegen den Tod einzuwenden. Ich war es leid, gefangen zu sein. Meine Handgelenke pochten vor Schmerz und meine Kehle fühlte sich wund an. Von den anderen alten und neueren Verletzungen ganz zu schweigen. Dennoch würde ich meine Meinung nicht ändern und mich von diesem Widerling brechen lassen. Eisern schloss sich seine Hand um mein Kinn, drehte mein Gesicht wieder zu ihm. Ich spürte seine Präsenz in meinem Geist und verschloss mich vor seinem Zugriff. Nein. Er würde mich nicht brechen und mir jede Hoffnung rauben.
    „Faera!“ Er versuchte mich einzuschüchtern, aber ich hatte jegliche Angst vor ihm verloren. Meinen Körper mochte in seiner Gewalt sein, aber ganz anders verhielt es sich mit meinem Verstand. Abgesehen davon gehörte meine Loyalität meinem Volk, meiner Familie und meinen Freunden. Niemals würde ich sie verraten. „Fahr zur Höhle!“
    Frustriert riss ich an meiner Kette. Ich wollte hier raus! Er hatte die Nerven mich auszulachen. Hass breitete sich wie ätzende Säure in mir aus. Trügerisch sanft fuhr er mit einem Finger über meine Wange und schlitzte sie dabei auf. Obwohl es höllisch wehtat gab ich keinen Laut von mir sondern kämpfte stur gegen die Ketten. Das giftige Metall fraß sich nur noch mehr in mein Fleisch. Doch das war mir egal. Ich würde ohnehin hier sterben wenn nicht ein Wunder geschah. Ich sehnte meinen Tod herbei. Nur wollte Morgoth mich nicht sterben lassen. Immer wenn ich kurz davor war, ließ er mir von seinem Speichelleckern einen widerlichen Trank einflößen, der mich am Leben erhielt. Er war grausam und rachsüchtig. Zumal ich ihm schon einmal fast entkommen war. Verwundet sein nervte.
    „So wild. Scheint so als müsste ich dich zähmen, Kleine.“ Meine Augen verengten sich und ich spukte ihn verächtlich an. Hinter ihm keuchten die Orks auf. Ja, ich provozierte ihn bewusst. Ich wollte, dass er meinem Leben ein Ende setzte. Er spielte mit mir wie eine Katze mit einer Maus. Nur war ich keineswegs eine verängstigte Maus. Ich hatte ebenfalls Krallen auch wenn er mich gefesselt und mir den größten Teil meiner Kräfte genommen hatte. Oh nein. Ich würde mich niemals ergeben. „Benimm dich Mädchen.“ Seine Stimme klang viel zu ruhig. Die Gefahr war mittlerweile so sehr zu greifen, dass sie kalt über meine Haut prickelte. Aber ich hatte längst keine Angst mehr. Warum auch? „Du hast keinen Respekt verdient!“ Fauchte ich aufgebracht. „Wie lange willst du dieses Spiel noch weiter treiben? Ich werde niemals die Meinen verraten oder mich dir freiwillig unterwerfen! Bist du so schwer von Begriff, oder hat dir die Macht den letzten kümmerlichen Verstand geraubt, den du hattest? Ich werde nicht aufhören gegen dich anzukämpfen. Du magst meinen Körper noch so foltern wie du willst – aber du wirst mich niemals brechen. Beende es oder lass mich frei!“ Er schlug zu und bohrte sein Schwert in mein Herz, nagelte mich an die Wand. Ich lächelte und schloss die Augen. Alles versank in Dunkelheit während das Leben aus mir herausfloss. Erleichterung durchströmte mich. Wie sehr ich mich irren sollte...<

    Lósiels Sicht:
    Entsetzt starrte ich auf das bleiche Gesicht der Frau, die für mich Schwester, Mentorin, Lehrerin, Heerführerin und Schwägerin war. Ihr gesamter Körper strahlte eine eisige Kälte aus, die ich zuvor niemals mit ihr in Verbindung gebracht hätte. Feana war mir trotz ihrer Strenge, ihre kompromisslosen Kampftechnik und vielen anderen harten Seiten ihres Wesens immer als eine warme, freundliche und vor allem fürsorgliche Persönlichkeit in Erinnerung geblieben. Ihre Stärke war unbestreitbar, ihr Willen so stählern und beherrschend, dass man leicht ihr verletzliches Herz vergaß. Dennoch, noch nie zuvor hatte ich sie in einen solchen Zustand erlebt. Einen Augenblick zuvor hatte sie mich noch aufgezogen mit meiner Heldenverehrung – sie war verdammt noch mal eine Heldin, auch wenn sie es nicht sein wollte – und dann brach sie einfach zusammen. Das Schlimmste an der ganzen Situation war allerdings, das sie äußerlich keine Verletzungen hatte, weshalb die Heiler und König Thranduil vermuteten, dass ihre Seele gerade heimgesucht wurde.
    Von was hatten sie mir allerdings nicht gesagt. Ihre Mienen verrieten, dass sie zumindest einen Verdacht hatten. Ich konnte nicht begreifen, warum sie mich der Ungewissheit überließen. Zitternd nahm ich eine ihrer schmalen feingliedrigen Hände in meine. Hoffentlich spürte sie wenigstens, dass sie nicht alleine war. Seitdem ich sie kennenlernte, fühlte ich ihre Einsamkeit, die sie sehr gut verbarg. Mein älterer Bruder hatte ihr damals am Besten beistehen können und sie selbst dann erreicht, wenn es Vara, Erestor, Elrond, Glorfindel oder mir nicht gelungen war. Ihm gegenüber hatte sie sich vollkommen geöffnet. Ereinion hatte mich nur soweit ins Vertrauen gezogen, als das mir klar wurde, das diese Kriegerin zu wenig Dank von den Bewohnern Mittelerdes erhielt. Wie viele Kämpfe hatte sie wohl alleine ausgefochten, in dem Wissen, das es dort niemand gab, bei dem sie sich anlehnen konnte? Ihre unbeirrbare Stärke und ihr Widerwille, selbst in einer scheinbar ausweglosen Situation aufzugeben nötigten jedem Respekt ab. Aber konnte überhaupt ein Lebewesen wirklich behaupten, Feana zu kennen? Sie war da, wenn man sie brauchte. Sie beschützte diejenigen, die sie geschworen hatte, vor Unheil zu bewahren und sie liebte ebenso leidenschaftlich wie bedingungslos. Trotzdem. Noch immer war sie eines der großen Mysterien dieser Welt. Vielleicht lag darin die Faszination, die sie auf andere ausübte. Sie war zu vielschichtig und zu facettenreich um jemals vollständig vom Verstand her erfasst zu werden.
    „Hiril Lósiel? Henno nin ned in hen!“ Unwillig gehorchte ich dem Befehl des Mannes, dessen Sohn ich zu einem herausragenden Krieger ausgebildet hatte. Thranduil war mein Kampfgefährte und mein Freund. Vor allem aber war er mein König, dem ich bis zu einem bestimmten Punkt Gehorsam schuldete. Seine ungewöhnlichen Augen musterten mich eindringlich und ich wusste, dass er einmal mehr versuchte, meinen Geist zu berühren um mich zu beruhigen. Gelassener als ich mich fühlte, verstärkte ich meine mentalen Schutzbarrieren. Feana hatte damals allen Angehörigen des inneren Kreises beigebracht, wie man das Bewusstsein nicht nur vor dem Zugriff anderer Personen schützen konnte sondern auch jene wahrnahm, die sich bemühten, ihre Präsenz zu verschleiern. Es war ein hartes Training gewesen, aber es hatte nicht nur mir mehr als einmal das Leben gerettet. Je widerstandsfähiger der Geist eines Kriegers war, desto schwerer fiel es dem Feind, wichtige Informationen zu holen oder den Betreffenden zu versklaven. Zwar war Thranduils Intention in diesem Fall friedlicher Natur, trotzdem wollte ich ihn an unsere Abmachung erinnern: keine Gedankenkontrolle, egal zu welchem Zweck. Entnervt nahm er etwas Abstand zu mir und rieb sich grimassierend die Schläfen. Der Blick, den er mir zuwarf, verriet sowohl Hochachtung, widerwilligem Respekt, Anerkennung und – war das Kränkung?
    Ein kleines Lächeln umspielte meine Lippen. Oh, ich mochte vielleicht in manchen Situationen ein Tollpatsch sein, aber wenn es darum ging, meine Privatsphäre zu schützen, konnte man mir keineswegs eine fehlerhafte Deckung vorwerfen. Galadriel weigerte sich immer noch mit mir zu sprechen, weil ich mich weigerte, sie in meinen Geist herumspionieren zu lassen und mein gesamtes Wesen vor ihrem Zugriff schützte. Feanas Lektionen zahlten sich eben aus, denn sie hatte uns über Monate hinweg immer wieder plötzlich geistig attackiert, so lange, bis unsere mentalen Schutzschilde zu jedem Zeitpunkt stark genug waren, um sie abzuwehren. Wachsamkeit gehörte zu den entscheidenden Schlüsselworten, die ich während meiner Ausbildung körperlich, seelisch und geistig hatte verinnerlichen müssen.
    „Ich habe Euch das schon einmal gefragt: Wer hat Euch ausgebildet, das niemand, nicht einmal Galadriel geschweige denn ich Eure Gedanken lesen kann? Bisher sind mir nur wenige so junge Elben untergekommen, die über derartige Fähigkeiten verfügen.“ Belustigt beobachtete ich ihn, während ich Feanas Hand behutsam rieb bis sie wieder warm war. Denselben Vorgang widerholte ich bei ihrer anderen Hand. Noch war ich mir nicht sicher, inwiefern ich den Sinda in die Unterrichtsmethoden meiner ehemaligen Mentorin und Heerführerin einweihen sollte. Ich wollte nicht, dass er sie später zu etwas drängte, was sie nicht erfüllen konnte. Mir war nur allzu bewusst, dass sie keineswegs vor hatte Königin oder Heerführerin zu sein. Noch immer trauerte sie um meinen Bruder.
    „Mit Verlaub, aran nín, Ihr seid ziemlich neugierig, was meine früheren Ausbilder angeht. Darf ich fragen, weshalb Euch meine Vergangenheit so sehr interessiert? Schließlich bin ich lediglich eine stellvertretende Heerführerin und in Friedenszeiten eine Ausbildnerin. Ich gehöre nicht einmal von Geburt her zu den Tawarwaith.“
    Ein seltenes, ehrliches Lachen entrang sich seiner Kehle aufgrund meiner trockenen Antwort. Zufrieden über meine mentale Abwehr genoß ich den Anblick. König oder Königin zu sein war keineswegs so vergnüglich, wie manche glaubten. Immerhin trug man Verantwortung für ein ganzes Volk und oft genug mussten die eigenen Bedürfnisse zu Gunsten der Schützlinge zurückstehen. Ich war immer froh gewesen, nicht von meinem Vater als Erbin anerkannt zu sein und so auch die Last der Königswürde niemals selbst tragen zu müssen. Ereinion hatte Feana gehabt, die ihm beistand, den Rücken stärkte und ihn wirklich ergänzte. Er hatte Glück gehabt, das sie ihn so vorbehaltlos unterstützte. Auch Thranduil hatte einst eine solche Frau an seiner Seite gewusst. Faen jedoch war tot. Die Hauptgründe, weshalb er weder geschwunden noch fort gesegelt war, lagen praktisch auf der Hand: sein Sohn und seine Pflichten als König. Es erforderte Stärke, weiterzumachen, wenn man die Liebe seines Lebens verlor. Beide hatten sie. Feana und Thranduil.
    „Mich wundert es doch sehr, das in Eurem Vokabular das Wort >nur< existiert. Ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass Ihr unglaublich bescheiden oder demütig wärt.“ Amüsiert beugte er sich leicht vor und fing meinen Blick ein. „Ja, ich bin neugierig. Für eine Elbin, die den Ringkrieg erlebte seid Ihr immer noch sehr jung und zufällig habe ich gehört, dass Ihr damals ein Mitglied des sogenannten inneren Kreises des Königs wart. Das beweist, dass Ihr mehr seid, als Ihr anderen offen zeigt. Was Eure Herkunft angeht, so hat es mich doch sehr gewundert, das eine Noldo sich gegen ihr Volk entscheidet und einem König dient, der ein Sinda ist sowie einen zweifelhaften Ruf genießt.“
    Nachdenklich wandte ich den Blick von ihm ab. Er hatte in allen genannten Punkten Recht und ich konnte seine Neugierde sehr gut nachvollziehen. Aufmerksam registrierte ich die gesunde Röte, die sich in der Zwischenzeit in den Wangen meiner ehemaligen Mentorin eingenistet hatte. Die wächserne Beschaffenheit ihrer Haut war ebenfalls zurückgegangen und ihr Brustkorb hob sich in tiefen ruhigen Atemzügen. Offenbar gewann sie an Stärke und Kraft. Ich entschied mich dazu, zumindest teilweise die Wahrheit zu sagen.
    „Ich hatte viele Lehrer, Mylord, darunter auch Berühmtheiten wie Lord Glorfindel oder Lady Varanérë. Am meisten gelernt habe ich jedoch bei meiner späteren Heerführerin Feana. Sie legte ziemlich viel Wert darauf, dass jene Soldaten, die dem König am nächsten standen nicht nur das typische Wissen von Kriegern ihr Eigen nennen konnten. Das ich meinen Geist abschirmen kann, ist ihr Verdienst.“ Ruhig zuckte ich mit den Schultern. „Ich habe mich dagegen entschieden mein Exil in der Nähe meines Volkes zu verbringen, weil mich damals wie heute bis auf meine Abstammung nichts mit den anderen Noldor verbindet. Von meinen Verwandten lebt niemand mehr, der mir nahesteht und meine alten Gefährten führen ihr eigenes Leben. Feana hat immer mit Wertschätzung über die Herrscherfamilie von Eryn Lasgalen gesprochen. Das war sicher ein Auslöser, warum ich mich entschieden habe, hierher zu kommen. Bisher gab es auch keinen Grund, diese Entscheidung zu bereuen.“
    Die Tür öffnete sich und ein Heiler kam herein, um die immer noch bewusstlose Feana zu untersuchen. Er wirkte sehr erfreut, als er die Veränderungen bemerkte. Beinahe als ob er nicht damit gerechnet hätte, das eine Besserung derartig schnell eintreten würde. Aus schmalen Augen beobachtete ich seinen vergnügten Abgang. Wer er wohl war? Ich kannte praktisch alle Heiler und dieser war mir fremd. Später musste ich dieser Sache nachgehen. Auch dass er sich geweigert hatte, den Elbenkönig oder mich direkt anzusehen machte mich misstrauisch. Mehr noch, er hatte es versäumt, Thranduil gebührend zu begrüßen. Keine respektvollen Floskeln, kein Verbeugen. Nichts. Da stimmte etwas eindeutig nicht.
    „So ist das also.“ Murmelte der Sinda leise. „Feana ist geheimnisvoll wie eh und je. Kein Wunder, das dieser nervige Zwerg ihr nachtrauert.“
    Überrascht fuhr mein Kopf zu ihm herum. Das die Herrin des Feuers dem Zwergenvolk freundschaftlich gesinnt war, konnte man nicht als Neuigkeit bezeichnen, aber ich hatte nie jemanden von einer amourösen Beziehung zwischen einem Zwerg und dieser Kriegerin sprechen hören, nicht einmal andeutungsweise. Aber wenn einer der Gefangenen wirklich Feana nachtrauerte, war das eine erstaunliche Entwicklung. „Ein Zwerg trauert ihr nach? In welcher Beziehung standen sie denn zueinander, das Ihr diese Formulierung wählt?“
    Er schnaubte leise und fuhr sich durch die langen Haare, wobei er es vermied, mich direkt anzusehen. Das musste ich allerdings auch nicht, um in ihm zu lesen. Ungläubig starrte ich ihn an. „Sie waren offenbar einst ein Liebespaar, bis er sie verstieß. Oh, er hat es sehr schnell bedauert und bereut, allerdings war der Schaden bereits angerichtet. Ich nehme an, Ihr kennt Eure frühere Heerführerin gut genug um zu wissen, wie sie auf eine solche Tat reagieren würde.“
    Nun, diese Neuigkeit erklärte mir vieles, was mir bei ihr aufgefallen war. Hatte sie deshalb ihren kostbaren Wunsch verschwendet, um die Gefangenen frei zu bekommen? In der Hoffnung, das es irgendetwas ändern würde? Zwerge waren unvergleichlich stur, aber das war meine Schwägerin auch. Wenn einer des kleinen Volkes sie wirklich verstoßen hatte, musste sie das tief getroffen haben. Vielleicht ging es dieses Mal sogar soweit, dass sie den Narren hasste. Auf jeden Fall hatte das besagte Kind Aules sich eine tödliche Feindin gemacht, wenn sie sich von ihrem Zorn beherrschen ließ. Wer verstieß schon eine geliebte Person! Dieses Verhalten war idiotisch und enttäuschend. „Allerdings. Wer ist dieser Dummkopf, der sich diese Frau zur Feindin gemacht hat!“
    Geringschätzig schürzte er die Lippen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sein Name ist Thorin Thráinssohn, auch wenn er zweifellos den Beinamen Eichenschild mehr schätzt. Bedauerlicherweise habe ich Feana mein Wort gegeben, ihn und seine törichte Gefolgschaft unbeschadet in wenigen Tagen freizulassen. Ich kann einfach nicht verstehen, weshalb sie ihm hilft, wenn er ihr schon einmal ihr Herz gebrochen hat.“

    Feanas Sicht:
    Erleichtert tauchte ich aus dem Wirbel der Erinnerungen auf und blinzelte gegen die plötzliche Helligkeit. Noch während ich versuchte mich zu orientieren, hörte ich zwei äußerst vertraute Stimmen, die ein erhitztes Gespräch führten. „Allerdings. Wer ist dieser Dummkopf, der sich diese Frau zur Feindin gemacht hat!“ Hm, Lósiel war selten so erregt gewesen. Nicht einmal Ereinion und Glorfindel hatten es zusammen geschafft, sie derartig aufzubringen. Wen sie wohl mit ihren Worten meinte? Neugierig schloss ich wieder die Augen und stellte mich wieder bewusstlos. „Sein Name ist Thorin Thráinssohn, auch wenn er zweifellos den Beinamen Eichenschild mehr schätzt. Bedauerlicherweise habe ich Feana mein Wort gegeben, ihn und seine törichte Gefolgschaft unbeschadet in wenigen Tagen freizulassen. Ich kann einfach nicht verstehen, weshalb sie ihm hilft, wenn er ihr schon einmal ihr Herz gebrochen hat.“ Thranduil. Schlagartig wurde mir klar, worum sich das Gespräch drehte und vor allem, woher er seine Informationen hatte. Erbost setzte ich genügend Macht frei, um ein kleines Erdbeben zu verursachen. Sofort verstummten ihre Stimmen und ich öffnete verärgert meine Augen. Finster fixierte ich meinen alten Freund und setzte mich trotz ihrer Proteste auf. Eilig setzte er ein charmantes Lächeln auf. „Nathla ad meldis nín!“
    Unwillig schnaubte ich. Dieser Heuchler! Ich wusste ja, dass er Thorin hasste und unbedingt seine Pläne wissen wollte, aber das er dafür die Privatsphäre seines Geistes verletzte, ging eindeutig zu weit. Er hatte einmal mehr sein Versprechen gebrochen.
    „Dev ava nin an gau mellon nín. Ich dachte, du würdest mir vertrauen?“ Plötzlich erschöpft ließ er sich in einen Sessel neben meinem Bett fallen und wirkte seltsam traurig. Ernst hielt ich seinen Blick fest. Er schluckte merklich. Vielleicht steckte hinter seinem Verhalten mehr als nur das, was ich vermutete. Wie Ereinion war auch er im Grunde seines Herzens einsam. Damals, als er Faen gehabt hatte, wurde es besser. Aber sie war tot und ihr gemeinsamer Sohn konnte unmöglich diese Leere füllen. Thranduil hatte zuerst seinen Vater überlebt, dann seine geliebte Gefährtin. Ich wusste nur zu gut, was ein solcher Verlust mit einem Herzen anrichten konnte. Es war durchaus möglich, das er glaubte, mich beschützen zu müssen. Notfalls vor mir selbst. Allerdings hatte ich es niemanden jemals gestattet, meine Kämpfe auszufechten oder mich zu verteidigen. Ich war nicht wehrlos und ich hasste es, wenn andere glaubten mich beschützen zu müssen, nur weil ich ab und zu diese Schwäche zuließ. Es war gefährlich, ständig Stärke, Unerschütterlichkeit und Unverwundbarkeit auszustrahlen. Dennoch. Ich würde nicht vor diesem einen Kampf zurückschrecken. Solange ich mit Thorin glücklich sein konnte, würde ich die mir gegebene Zeit nutzen. Zwangsläufig überlebte ich diejenigen, die ich liebte. Ja, ich hatte meine Entscheidung getroffen und auch wenn sich nach wie vor leiser Zweifel meldete, wusste ich, dass mein Herz mir ohnehin keine andere Wahl lassen würde. Ich war es Leid, einsam zu sein. Wenn diese Liebe Gift für mich sein sollte, war es so. Ein Rückzieher kam nicht infrage.
    „Esteliach hon? Man aníra ned chûn lîn?“ Mit einem leisen Seufzen erhob ich mich und kniete mich vor meinen Freund hin. Jeder andere hätte es vielleicht nicht bemerkt. In Thranduils einzigartigen Augen schimmerten ungeweinte Tränen. Nicht nur um die Verlorenen, sondern um mich. Liebevoll lächelte ich ihn an und nahm seine Hände in meine. Seine Angst war so verständlich wie unbegründet. Ich würde mir mein Glück nehmen und keineswegs Pflicht über Liebe stellen. Das hatte ich bereits einmal getan. Ein zweites Mal würde ich den Fehler nicht begehen. „Tinu? Vor vielen Jahrhunderten hat mich ein Elbenprinz einmal gefragt, weshalb ich bei Ereinion bliebe, obwohl so viele andere Herrscher sich freudig erniedrigten, nur um mich als ihre Heerführerin zu gewinnen. Damals habe ich geantwortet, das ich niemals jene im Stich lassen könnte, die einen Platz in meinem Herzen haben. Ereinion und ich waren mehr als nur König und seine engste Vertraute. Wir waren Liebende und heimlich verheiratet. Als ich ihm das erste Mal begegnete, konnte ich ihn nicht ausstehen. Das wir trotz aller Schwierigkeiten zusammen kamen, habe ich meinem Herzen zu verdanken. Liebe geht für mich immer einher mit unerträglichen Schmerzen, Trauer und Verlust. Aber ich könnte niemals diejenigen aufgeben oder vergessen, die ich zu lieben gelernt habe. Ich wollte mich damals nicht in Ereinion verlieben. Das Gleiche galt für Thorin. Bei ihm war jedoch dieser Unwillen noch größer. Nicht etwa, weil er sich bei unserer ersten Begegnung wie der größte Idiot auf Arda verhielt, sondern, weil ich wusste, das sein Verlust mir den Rest geben könnte. Ereinions Tod hat mein Herz für immer gebrochen, Thorin hat die Scherben zuerst zusammengefügt und sein Werk dann eigenhändig wieder zerrissen. Gefühle machen uns blind. Sie beherrschen uns Denken und Handeln, auch wenn wir es uns nicht eingestehen wollen.“ Behutsam beugte ich mich vor, um ihn zärtlich auf die Stirn zu küssen. „Ich werde nie aufhören, jene zu lieben, die sich in mein Herz geschlichen haben. Ereinion wird immer meine große Liebe bleiben, denn er hat mich erst gelehrt, dass mich die Qualen der Vergangenheit und der Gegenwart zu der wertvollen Person gemacht haben, die ich bin. Er ist der Vater meiner Tochter und der Einzige, dem ich mich gänzlich offenbart habe. Damals hatte ich keine andere Wahl, als den Seelenbund mit ihm einzugehen. So wie er mich brauchte, so sehr brauchte ich ihn. Wenn du mich also fragst, ob ich in meinem Herzen schon bereit bin, dann lautet die Antwort ja. Ich werde nicht zulassen, dass es Morgoth gelingt, mir jede Freude zu nehmen, nur weil er mich nie wirklich besitzen konnte. Solange ich mit Thorin glücklich sein werde, halte ich an ihm fest. Aufgeben ist keine Option. Nicht für jemanden, der wie ich in Kriegszeiten aufgewachsen ist und einst zum Hause Barahirs gehörte. Wir geben niemanden auf, der zu uns gehört und erst Recht nicht beugen wir uns dem Bösen.“
    Hinter mir hörte ich Lósiels gerührtes Schniefen. Wenn sie jetzt noch in Tränen ausbrach wie damals bei Ereinions Beerdigung, würde sich das Zimmer bald in einen Teich verwandeln. Eigentlich müsste ich sie zumindest scherzhaft Níniel nennen. Tränenmaid. Begeistert wäre sie darüber wohl kaum. Schmunzelnd zeichnete ich die Kieferlinie meines alten Freundes nach. „Ich vertraue seinem Herzen, Thranduil, seiner Seele. Ja, die Gefahr besteht, das er der Drachenkrankheit ebenso verfällt wie vor ihm sein Großvater und sein Vater. Doch solange nur ein Funke Hoffnung besteht, dass ich ihn retten kann, werde ich ihn nicht aufgeben. Wenn er sich entscheiden sollte nicht zu kämpfen, dann werde ich es tun. Thorin hat wie jeder von uns Schatten und Abgründe in seiner Seele. Doch wichtig ist es letzten Endes nur, für was er sich entscheidet.“
    Endlich begann er wenn auch zögerlich zu lächeln. Zufrieden richtete ich mich zu meiner vollen Größe auf. Sehr gut. Fehlte nur noch die passende Ablenkung von diesen rührseligen Themen. Schlafen würde nämlich in dieser Nacht keiner mehr von uns. „Thranduil, du bist einer meiner ältesten Freunde und du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben, vergiss das nicht. Und jetzt sollten wir uns eventuell einen Ort suchen, wo wir fröhlich über alte Zeiten sprechen können. Lósiel, sind noch andere aus der alten Truppe hier, oder bist du die Einzige?“
    „Oh, lass mich überlegen. Feredir müsste mittlerweile von seiner Patrouille zurück sein, dann ist da noch Halvir, die dir wahrscheinlich den Kopf abreißen wird, weil du nichts von dir hast hören lassen und Balan ist ebenfalls da. Er gehört nämlich zu den glücklichen Wachen, die sich um die Zwerge kümmern müssen!“ Überrascht hob ich die Augenbrauen. Das waren ja mehr als erwartet. Feredir und Balan hatten wie Lósiel zu denjenigen gezählt, die ich damals mit dem selbstmörderischen Auftrag losschickte, Saurons Armee von hinten anzugreifen und aufzureiben. Halvir dagegen war die Tochter des obersten Heilers am lindonischen Königshof gewesen und in Kriegszeiten immer im Heiler Zelt anzutreffen. „Soso, da haben ja erstaunlich viele überlebt...“
    Ich spürte ihr Grinsen förmlich. Stürmisch umarmte mich Lósiel von hinten während Thranduil aufstand und uns mit einem warmen Lächeln betrachtete. Herrlich. Genau diese Nähe hatte ich irgendwie vermisst.
    „Das liegt allein daran, dass du uns zu gut ausgebildet hast. Wir können es durchaus vermeiden, vom Feind überhaupt bemerkt zu werden. Deine Waffen hatten nämlich eine geniale Nebenwirkung: für unsere lieben Gegner waren wir nicht nur unsichtbar, sondern auch geruchlos.“ Nun, das erklärte natürlich ihren Erfolg. Belustigt schaffte ich es trotz der Umklammerung das Zimmer zu verlassen. In dieser Nacht dürfte der Schrecken erst einmal ein Ende haben. Und ich hatte vor, jeden Moment zu genießen und in meinem Herzen aufzubewahren.
    ________________________________________________ __________________________

    Mae fuin, meldis nín. = Gute Nacht, meine Freundin.
    Annan le ú-gennin. = Ich habe dich seit langer Zeit nicht mehr gesehen.
    Lósiel (Q.) = Blume (Elbenname)
    Hiril Lósiel? = Herrin Lósiel?
    Henno nin ned in hen! = Schau mir in die Augen!
    aran nín = mein König
    Tawarwaith = Waldelben
    Nathla ad meldis nín! = Willkommen zurück, meine Freundin!
    Dev ava nin an gau mellon nín. = Versuche(n) nicht (tun) mich zu täuschen, mein Freund.
    Esteliach hon? = Du vertraust ihm?
    Man aníra ned chûn lîn? = Bist du in deinem Herzen schon bereit?
    Tinu? = Kleiner Stern?
    Feredir (S.) = Jäger
    Halvir (S.) = Muscheljuwel
    Balan (S.) = Gottesgeschenk

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Kommentare (7)

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vor 86 Tagen
15 KAPITEL INSGESAMT ONLINE!
vor 309 Tagen
Schreib bitte weiter
vor 474 Tagen
Ich musste bei den 2 letzten Kapiteln oft lachen😂 'Gnom' 😂 ich konnte nicht mehr vor lachen!!!

Auch wenn du noch nicht weisst ob er überlebt gebe ich die hoffung nicht auf das er es tut😉

P.S.: nochmal... Klasse schreibweise😍
vor 474 Tagen
Hehe, aber nichts verraten, Princess alias Sky, das wäre den anderen gegenüber nicht fair 😉 Hach, dein Lob ist Balsam für mich *theatralisch zu Boden sink‘*. Es fällt mir manchmal sehr schwer, mich an die eigentlichen Prioritäten zu halten.

Preisfrage: Was würdet ihr eurem Bruder zum 18. Geburtstag schenken?
vor 474 Tagen
Naww, obwohl ich die nächsten Kapitel eigentlich schon kenne, sitze ich hier wie auf heißen Kohlen, weil ich so gespannt bin ^^ Dein Schreibstil ist einfach super und ich könnte deine Geschichten den ganzen Tag lesen, ohne dass mir langweilig wird;D
vor 475 Tagen
Hey, danke für das Lob! Wahrscheinlich werde ich heute Abend die nächsten zwei Kapitel hochladen. Das Original ist auf meinem anderen Account bereits länger on;)

Tja, ob Thorin & Co. überleben weiß ich noch nicht. Eifersüchtige Valar sollen rachsüchtig sein, habe ich mir sagen lassen - ups Spoiler 😅
vor 475 Tagen
Wow! Dein Schreibstil ist wirklich klasse!! Und ich freue mich aufjedenfall darauf die weitere Geschichte zulesen😍

Mach weiter so!
Ich hoffe das dies eine geschichte ohne den Tod eines gewissen Zwergen wird😅

#TeamThorin