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Die Stadien der Ewigkeit

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1 Kapitel - 1.073 Wörter - Erstellt von: Kte Ohitaka //210699 - Aktualisiert am: 2018-03-01 - Entwickelt am: - 164 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Zu toden! s Schreibwettbewerb.

Anlauf 2.

    1
    Es gibt Dinge, die kann niemand ahnen. Und dann steht man vor einem Grab, hält einen Regenschirm in der Hand und sieht all den Rosen zu, wie sie unter der Erde verschwinden. Es gibt Dinge, die kann niemand wissen. Wenn man älter wird und immer älter. Aber es ändert sich nichts. Und irgendwann, am tausendsten Grab … merkt man, dass weiterleben das weitaus schlimmere sterben ist.

    Ich war dreiundachtzig als ich zum fünfundsechzigsten Male achtzehn wurde. Ich war schön und ich war jung und ich wusste, dass sich nie etwas daran ändern würde. Ich hatte Freunde gehabt. Manche waren inzwischen gestorben, andere sah ich nicht mehr. Der Geist der Jugend hielt mich gepackt und wirbelte mich umher, wie der Strudel das Blatt, kurz bevor er es in seinen Schlund zieht. Mir fehlte die Angst vor dem Tod und ich war besessen von der Liebe und der Schönheit, den Genüssen. Ich verlor regelmäßig alles was ich hatte. Meine Identität, mein Sein, meine Zeit … Ich wurde ein Schatten, ein tanzender Schatten in der Nacht. Berauscht. Ich war. Ein Waise? Meine Eltern waren längst gestorben. Ich war ein Kind und wenn ich Heim kam, fand ich mein Zuhause nicht. Wenn ich strauchelte küsste längst niemand mehr das wunde Knie. Ich war ein Junge, der zwischen Bergen von Geschirr und schmutzigen Klamotten schlief und sich Gott gleich fühlte. Ich stand höher als jeder König, Papst oder Kaiser. Gesegnet mit der Unendlichkeit. Ich nahm und ich verlor. Ich lebte. Ich genoss jede Sekunde, jeden Atemzug. Wenn man es ewig hat, dann ist das Leben nicht sinnlos. Menschen kamen und gingen, ich blieb. Ich lernte, ihnen in die Augen zu sehen. Ich sah, wovor sie sich fürchteten. Und ich schäme mich, dass ich sie innerlich verspottete. Ich war. Ich war der Augenblick, in diesen Tagen.

    Irgendwann beginnt jeder Dinge zu hinterfragen. Bei manchen dauert es vielleicht etwas länger. In meinem Fall dauerte es sehr lange. Ich beruhigte mich. Immer öfter brachte ich Tage damit zu, in der Bibliothek zu sitzen, Bücher zu wälzen, sie mir Stapelweise anzueignen und Morgens mit einer Tasse Schwarztee in der Hand nach einer Antwort zu suchen. Es gab viele Legenden um Menschen, die angeblich ewig Leben konnten. Aber keine davon schien mir sehr glaubwürdig zu sein. Wer bin ich? Wie bin ich zu dieser Kraft gekommen? Gibt es mehr von meiner Sorte? Ein Gegenmittel, Ausnahmen? Was bedeutet es, unendlich zu Leben? Und zum Schluss wieder: Wer bin ich? Was bin ich? Ich hatte viel Zeit, um mir diese Fragen zu stellen. Aber ich habe keine einzige Antwort gefunden. Man sagt, mit dem Alter wird man Weise. Ich bin nie Weise geworden. Ich bin nicht einmal klüger geworden. Ich begann nur jeden Tag mehr zu spüren, wo meine geistigen Grenzen lagen. Ich wollte etwas lernen, aber ich konnte es nicht. Was ich Anfangs voller Eifer begann, wurde irgendwann auf Morgen verschoben. Ich fühlte mich dumm. Ich lebte seit 140 Jahren, aber es gab dreizehnjährige, die klüger waren als ich. Es gab sechzigjährige, die mehr erlebt hatten. Und ich habe tatsächlich Menschen getroffen, die Weise waren. Aber viele von ihnen hatten nicht einmal eine Ahnung, was es heißt alt zu sein.

    Man kann viel verlieren, das habe ich gelernt. Aber erst später lernte ich, was es bedeutet alles zu verlieren. Ihr ahnt es sicherlich bereits. Ich verliebte mich, gegen meinen Willen sozusagen. Ich hatte geglaubt, ich wüsste, was Liebe ist. Immerhin hatte ich im Laufe der Zeit unzählbar viele Beziehungen gehabt. Aber ich wusste gar nichts. Die Liebe packte mich und sie ergriff mich ganz und gar. Ich möchte über die Zeit schweigen, die ich an der Seite meiner Seelengefährtin verbrachte. Weil sie immer nur uns beiden gehören wird. Aber sie musste gehen, genau wie alle anderen gegangen waren. Es war nicht dasselbe. Ihr Grab war ein Abgrund, von dem ich mich nicht losreißen konnte. Ich besuchte sie viele Jahre täglich und immer mehr glaubte ich daran, dass es meine Pflicht – Ja, eine Notwendigkeit war, dort neben ihr zu liegen. Dort tief unten, wo wir mit der Erde und einander eins werden konnten. Es begann ein Fluch zu werden, der auf mir lastete, eine Ungerechtigkeit, eine Strafe. Ich saß an ihrem Grab und pflanzte Vergissmeinnicht, während sich alles in mir nur noch danach sehnte, bei ihr zu sein. Nicht nur, weil ich sie geliebt hatte. Sondern, weil auch sie mich geliebt hatte. Und diese Liebe hatte von mir Besitz ergriffen, wie ein süßer Dämon, der niemals aus mir ausfahren würde. Schmerzen, die man nicht in Worte fassen kann.

    Viel Zeit verbrachte ich danach für mich allein. Ich hielt mich von den Menschen fern, weil ich mich vor Verlust fürchtete. Und weil mich der ständige Wandel der Zeit in Angst versetzte. Die Jahrhunderte in Einsamkeit vergingen für mich wie ein Tag. Und irgendwann entschied ich mich für den endgültigen Abbruch. Ich war immer nur ein Mensch gewesen. Weil meine Eltern Menschen waren, weil ich unter Menschen gelebt hatte und weil die Liebe eines Menschen in mir wohnte. Ein Mensch ist nicht gemacht für die Ewigkeit. Und obwohl ich immer noch jung war, spürte ich das Alter an mir nagen. Meine Augen waren wächsern geworden. Ich spürte, dass es an die Zeit gekommen war und ich zögerte nicht, zu gehen. Wie ich gestorben bin? Im Grunde ist es ganz einfach. Ich versenkte meinen Körper in den tiefen des Meeres und dann schlief ich ein. Vielleicht werden Forscher eines Tages meine Hülle finden und feststellen, dass sie lebendig ist. Aber ich werde nicht da sein. Ich werde weit, weit fort sein. Hoffentlich Zuhause.

Kommentare (1)

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Bulmchen ( von: Bulmchen)
vor 118 Tagen
Kte Ohitaka //21099 komm bitte zurück ins Sport Academy RPG