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Music is magic - das Mädchen mit der magischen Stimme Teil 5

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19 Kapitel - 65.700 Wörter - Erstellt von: - Entwickelt am: - 1.898 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 2 Personen gefällt es

Nachdem Harry nun die erste Runde des Trimagischen Tuniers überstanden hat, muss sich Olivia mit dem traditionellen Weihnachtsball herumschlagen. Doch dabei drohen noch die beiden anderen Aufgaben, die ihr bester Freund bestehen muss. Und zudem geschehen noch einige seltsame Dinge, die mit Olivias Kräften verbunden zu sein scheinen...

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    27. Kapitel

    Der Dezemberanfang brachte Stürme und starken Niederschlag mit sich. Das Schloss war zwar, wie immer im Winter, eiskalt und zugig, doch dann dachte ich immer voller Erleichterung an die Feuer in den Kaminen. Auch in der Beauxbatons-Kutsche musste es recht kalt sein; Hagrid versorgte Madame Maximes Pferde regelmäßig mit Single Malt Whiskey, und die Dämpfe, die vom Trog in einer Ecke ihrer Koppel herüber wehten, reichten aus, um alle Gryffindors und Slytherins, die gerade Pflege magischer Geschöpfe hatten, beschwipst zu machen. Das war nicht besonders hilfreich, denn wir päppelten noch immer die hässlichen Kröter auf und dafür brauchte man nunmal einen klaren Kopf. „Ich weiß nicht, ob sie ‘nen Winterschlaf halten“, verkündete Hagrid uns, während wir vor Kälte bibberten. „Dachte, wir probieren mal aus, ob sie ‘n Nickerchen mögen...Legen wir sie doch einfach mal in diese Kisten hier...“ Inzwischen waren zum Glück nur noch zehn Kröter übrig; offenbar brachten sie sich immer noch gern gegenseitig um. Die Viecher waren nun schon fast zwei Meter lang. Ihr dicker grauer Panzer, ihre kräftigen Beine, ihre Funken sprühenden Rümpfe, ihre Stacheln, ihre Saugnäpfe - ich fragte mich wirklich, wie selbst ein Freund von gefährlichen Wesen wie Hagrid sie mögen konnte. Dieser brachte gerade riesige Kisten herbei, die mit Kissen und kuscheligen Decken ausgepolstert waren. „Wir führen sie einfach da rein“, erklärte er, „und machen die Deckel zu, dann sehen wir ja, was passiert.“

    Die Kröter hielten ganz offensichtlich keinen Winterschlaf und schätzten es überhaupt nicht, in die kissengepolsterten Kisten gezwängt und eingenagelt zu werden. Kurze Zeit später rasten die Viecher bereits über Hagrids Kürbisfeld, mit Holzstücken ihrer Kisten übersät. Hagrid rief: „Keine Panik jetzt, immer mit der Ruhe!“ Dieser hatte jedoch gut reden. Der größte Teil der Klasse - Draco, Crabbe und Goyle voran - hatten sich in Hagrids Hütte verbarrikadiert; Harry, Ron, Mine und ich gehörten allerdings zu denen, die draußen blieben und verzweifelt versuchten, zusammen mit Hagrid die Kröter einzufangen. Gemeinsam schafften wir es, neun Kröter zu überwältigen und festzubinden, auch, wenn wir uns dafür unzählige Schnitte und Brandblasen einfingen. Am Ende war nur noch ein Kröter übrig. „Jetzt erschreckt ihn bloß nicht!“, empfahl Hagrid Harry und Ron, die ihre Zauberstäbe zückten und den Kröter, der, den spitzen Stachel über den Rücken gebogen, auf sie zukrabbelte, mit einer funkensprühenden Feuerwolke beschossen. „Versucht einfach, die Leine um seinen Stachel zu schlingen, damit er die anderen nicht verletzen kann.“ „Ja, natürlich, das wäre ganz furchtbar!“, schrie Ron zornig, während er und Harry gegen die Wand von Hagrids Hütte zurückwichen und sich den Kröter mit ihren Zauberstäben vom Leib hielten. „Schön, schön, schön...das scheint ja richtig Spaß zu machen.“

    Ich fuhr herum. Rita Kimmkorn lehnte lässig an Hagrids Gartenzaun und beobachtete den Kampf gegen den Kröter. Heute trug sie einen schweren magentafarbenen Mantel mit dunkelrotem Pelzkragen; die Krokodillederhandtasche baumelte an ihrem Arm. Was wollte die denn hier? Hagrid warf sich auf den Rücken des Kröters und drückte ihn platt; eine Stichflamme schoss aus seinem Rumpf und versengte die Kürbispflanzen im Umkreis. Wie sehr ich mir in diesem Moment wünschte, der Kröter hätte auch die Frisur von dieser blöden Reporterin in Flammen gesetzt! „Wer sind Sie?“, fragte Hagrid an Rita Kimmkorn gewandt, während er eine Seilschlinge um den Stachel des Kröters warf und sie festzurrte. „Rita Kimmkorn, Reporterin für den Tagespropheten“, erwiderte sie und strahlte ihn an. „Hat Dumbledore mir nicht gesagt, Sie hätten in der Schule nichts mehr verloren?“, meinte Hagrid und legte die Stirn in Falten. Er stand auf und zog den übrig gebliebenen Kröter hinüber zu seinen Artgenossen. Rita tat so, als hätte sie Hagrids Worte nicht gehört. „Wie heißen diese faszinierenden Geschöpfe eigentlich?“, wollte sie, scheinbar brennend interessiert, wissen. „Knallrümpfige Kröter“, brummte Hagrid. „Wirklich? Ich hab noch nie von ihnen gehört...woher kommen die denn?“ Ich sah, wie Hagrid unter seinem schwarzen wilden Bart rot anlief. Wo bei Merlin hatte er die Kröter her? Mine, die sich Ähnliches zu fragen schien, warf schnell ein: „Sie sind sehr interessant, oder? Oder, Harry?“ „Was? Oh ja...interessant“, sagte Harry, nachdem sie ihm heftig auf den Fuß getreten war. Rita Kimmkorn wandte sich zu uns um und ich versuchte hastig irgendwie, mich unsichtbar zu machen, bevor sie mich bemerkte. „Ach, du bist auch hier, Harry!“, sagte sie. „Also gefällt dir Pflege magischer Geschöpfe? Eins deiner Lieblingsfächer?“ „Ja“, erwiderte Harry knapp. Hagrid strahlte ihn an. „Wunderbar. Wirklich wunderbar. Unterrichten Sie schon lange?“, fügte sie an Hagrid gewandt hinzu. „Das is’ erst mein zweites Jahr“, antwortete Hagrid. „Wunderbar...wären Sie vielleicht bereit, mir ein Interview zu geben? Ein wenig von Ihren Erfahrungen mit magischen Geschöpfen zu erzählen? Der Tagesprophet hat jeden Mittwoch eine Heimtierseite, wie sie sicher wissen. Wir könnten was über diese - ähm - Knallsüchtigen Tröter bringen.“ „Knallrümpfige Kröter“, korrigierte Hagrid sie beflissen. „Ähm - ja, warum nicht?“

    Mir schwante Übles, doch ich hielt mich zurück; Hagrid und Rita Kimmkorn verabredeten sich schließlich für Ende der Woche zu einem ausführlichen Interview in den >Drei Besen<. Dann ertönte von oben vom Schloss die Glocke und verkündete uns das Ende der Stunde. „Gut denn, auf Wiedersehen, Harry!“, rief ihm Rita vergnügt zu, als wir uns auf den Weg zurück machten. „Bis Freitagabend dann, Hagrid!“ „Sie wird ihm die Worte im Wort umdrehen“, murmelte Harry mit gedämpfter Stimme. „Hoffentlich hat er diese Kröter nicht unrechtmäßig eingeführt“, meinte ich. Unsere Blicke trafen sich - genau das sah Hagrid ähnlich. „Hagrid hat doch schon eine Menge Ärger gehabt und Dumbledore hat ihn nie rausgeworfen“, beschwichtigte uns Ron. „Das Schlimmste, was ihm passieren kann, ist, dass er die Kröter loswerden muss. Verzeihung...hab ich gesagt, das Schlimmste? Ich meine, das Beste.“

    Wir lachten; als wir die Eingangshalle betraten, zog ich die drei rasch in einen Seitengang. „Zeigt mal eure Wunden her!“, forderte ich sie auf. Mine zeigte mir ihren rechten Arm, der mit Schnittwunden übersät war. Ich strich vorsichtig über die Wunden, während ich eine Melodie vor mich hin summte. Erst nach einigen Sekunden bemerkte ich, dass ich das Lied sang, von dem ich geträumt und den Text nicht gekannt hatte. Das vertraute silbern und goldene Leuchten erschien und ließ Mines Wunden im Nu verschwinden. Dann wandte ich mich Ron zu, der mir beide Hände entgegenstreckte, die mit unschönen Brandblasen bestückt waren. Ich wiederholte den Vorgang; Rons Blasen verschwanden wie von Zauberhand. Schließlich wandte ich mich Harry zu. Über seine Wange zog sich eine lange Schnittwunde. Okay, dachte ich mir, als ich meine Hand auf seine Wange legte, tu jetzt nichts Unüberlegtes! Die Melodie setzte von vorn an, als ich Harry über die Wange strich. Das Leuchten erschien und ich sah zu, wie es die Wunde schloss und schließlich langsam verschwand.

    Harrys Sicht:
    Ein leichtes Gefühl der Wärme durchfuhr mich, als Liv eine Melodie zu summen begann. Ich sah ein goldenes und silbernes Leuchtes, als sie über meine Haut strich. Ich konnte den Blick nicht von ihren Augen abwenden, die mich stetig musterten. Der Verlauf zwischen einem dunklen Grünton und einem hellen Maigrün war klar zu sehen und die Farben schienen mich anzublitzen. Ich konnte den Blick nicht von ihr lassen. „Tss, tss, tss“, kam es leise von Hermine. Ich wusste nicht, ob Liv sie gehört hatte, doch sie fuhr ruckartig zurück, als hätte ich ihr einen Stromschlag verpasst. Ich sah, wie sie schluckte, dann sagte sie: „Lasst uns zum Mittagessen gehen!“ Während wir zur Großen Halle gingen, warf Hermine mir immer weider belehrende Blicke zu, die ich jedoch gekonnt ignorierte.

    Olivias Sicht:
    Ron schenkte mir einige verdutzte Blicke, die ich allerdings gar nicht beachtete. Meine Gedanken wanderten zu dem mysteriösem Lied, dessen Text ich immer noch nicht kannte. Ich nahm mir vor, heute Nachmittag nach Wahrsagen in den Raum der Wünsche zu gehen. Vielleicht konnte ich dort eine Lösung finden, auch wenn ich es stark bezweifelte. Wir gingen zum Mittagessen und ich bekam gar nicht mit, dass Mine und ron sich verschwörerische Blicke zuwarfen.

    An diesem Nachmittag mussten wir wieder einmal eine Doppelstunde Wahrsagen hinter uns bringen. Noch immer ging es um Himmelskarten und Prophezeiungen, doch nun war es erneut recht komisch. Professor Trelawney, die so zufrieden mit unseren Vorhersagen, die unseren grauenvollen Tod beschrieben, gewesen war, wurde zunehmend gereizter, als wir während ihren Ausführungen über die verschiedenen Möglichkeiten, wie Pluto das tägliche Leben stören konnte, ununterbrochen kicherten und glucksten. „Ich würde doch meinen“, flüsterte sie geheimnisvoll, ohne jedoch ihren Ärger verbergen zu können, „dass einige von uns“ - sie sah Harry viel sagend an - „vielleicht ein wenig nachdenklicher wären, wenn sie gesehen hätten, was ich gestern Abend bei meiner Suche in der Kristallkugel entdeckt habe. Als ich gestern so dasaß, völlig versunken in meine Strickarbeit, überwältigte mich plötzlich der Drang, die Kugel zu Rate zu ziehen. Ich erhob mich, ich ließ mich vor ihr nieder und ich spähte in ihre kristallinen Tiefen...und wer, glaubt ihr, starrt mich da an?“ „Eine hässliche alte Fledermaus mit übergroßer Brille?“, flüsterte Ron. Ich musste mich mit allen Kräften bemühen, nicht laut los zu lachen. „Der Tod, meine Lieben.“ Parvati und Lavender schlugen entsetzt die Hände vor den Mund. „Ja“, bestätigte Professor Trelawney und nickte eindringlich, „er kommt immer näher, er zieht Kreise wie ein Geier, immer tiefer...immer tiefer über dem Schloss...“ Sie starrte Harry an, der unverhohlen und herzhaft gähnte.

    „Es wäre ein wenig eindrucksvoller, wenn sie es nicht schon ungefähr achtzigmal gesagt hätte“, meinte er schließlich, als wir im Treppenhaus unter Professor Trelawneys Zimmer endlich wieder frische Luft schnappen konnten. „Aber wenn ich jedes Mal, wenn sie es sagte, tot umgefallen wäre, dann wäre ich ein medizinisches Wunder.“ „Du wärst sozusagen ein ganz hochprozentiger Geist“, gluckste Ron, als wir dem Blutigen baron begegneten, der uns mit aufgerissenen, bösen Augen ansah. „Wenigstens haben wir keine Hausaufgaben. Ich hoffe, Professor Vektor hat Hermine eine Menge aufgehalst, ich genieße es, nichts zu tun, während sie arbeitet...“

    Vor dem Gemeinschaftsraum verabschiedete ich mich rasch von Harry und Ron und machte mich auf den Weg zum Raum der Wünsche. Ich drehte mich nach allen Seiten um, um sicher zu gehen, dass keiner mich sah, dann ging ich dreimal im Kreis herum, woraufhin vor mir in der Wand eine Tür erschien. Erneut sah ich mich hastig um, dann schritt ich rasch auf die Tür zu, die aus weißem Holz und roten Bildern von Rosen war, und drückte die Klinke hinunter. Als ich sah, wie das Zimmer gestaltet war, schluckte ich schwer. Ich drehte mich einmal um mich selbst und konnte es nicht fassen. Es war das Zimmer aus meinem Traum.

    Ich war sprachlos. Stumm ging ich durchs Zimmer; ich hörte, wie meine Schritte auf dem Holzboden hallten, doch ich nahm es kaum wahr. Alles war wie in meinem Traum; der Flügel, das weiße Bett, die Blumenvase, der Kronleuchter, der warmes Licht verbreitete, die breiten Bücherregalen voller dicker Wälzer, ein dicker, weicher weißer Teppich, das große Fenster, durch das leichte Lichtschimmer fielen. Langsam bewegte ich mich durchs Zimmer. Meine Finger fuhren über die ledrigen Bucheinbände in den Regalen. Ich bemerkte gar nicht, dass ich am ganzen Körper zitterte. Vor der Blumenvase hielt ich inne. Eine wunderschöne dunkelrote Rose erregte meine Aufmerksamkeit. Vorsichtig streckte ich die Hand danach aus und berührte sie. Ich musste mich einfach davon überzeugen, dass ich das hier nicht träumte. Gedankenverloren strich ich über die Blütenblätter, als ich hörte, wie hinter mir die Klinke heruntergedrückt wurde. „Via?“ Ich zuckte zusammen. Draco. Ich wirbelte herum und starrte ihn an. „Diesen Raum hast du dir noch nie gewünscht“, bemerkte er. Ich nickte schlicht. „Er kam in einem Traum vor.“ „In einem Traum?“ Er zog fragend eine Augenbraue nach oben. „Ich habe seit letztem Jahr immer wieder einen Alptraum. Ich bin immer in diesem Raum; dann fängt es auf einmal an zu rauchen und dann steht der ganze Raum in Flammen. Ich flüchte in eine Ecke, drücke mich gegen die Wand und sehe dann ein goldenes Leuchten auf dem Boden, aber bevor ich mich danach bücken kann, wache ich immer auf.“ Draco schien sprachlos zu sein. „Ich glaube, dass es etwas mit meiner Vergangenheit zu tun hat“, fuhr ich fort, „aber ich kann mich nicht erinnern.“ Ich sah ihn unsicher an. Was er wohl sagen würde? „Wow“, entfuhr es ihm. „Du glaubst also, es ist aus der Zeit, bevor du adoptierst wurdest?“ Ich nicke. „Ich kann mich an nichts aus diesem Raum erinnern.“ Er nickte ebenfalls nachdenklich. Ich schritt erneut durch den Raum, bis ich schließlich doch vor dem Flügel stehen blieb. Meine Finger fuhren über die Tastatur. Dann ging alles ganz schnell.

    Mir war, als würde ich durch die Luft geschleudert werden, obwohl meine Füße fest auf dem Boden standen. Alles begann sich zu drehen, mir wurde schwindlig und ich fürchtete, gleich auf den Boden sinken zu müssen. „Draco!“, hauchte ich, bevor ich rückwärts gerissen wurde, und alles um mich herum verschwamm. Ich hörte noch, wie Draco meinen Namen rief, dann löste sich alles um mich herum auf. Und im nächsten Moment konnte ich plötzlich ein Gesicht erkennen, ein Gesicht, das mich liebevoll anblickte. Grüne Augen, braunes Haar, elfenhaftes Lächeln. Sie wirkte ein wenig wie eine ältere Version meiner selbst, bis ich begriff, dass es meine Mutter sein musste. Mein Blick wanderte hinunter zu ihrem Hals. Dort befand sich eine silberne Kette, an der ein ebenfalls silberner Anhänger in Form eines abnehmenden Mondes hing, in dem einige glitzernde Diamanten eingelassen waren. Ich wendete mich wieder ihren grünen Augen zu, die ein Ebenbild der meinen waren, ihren geschwungenen Lippen, die nun ein Wort bildeten. „Olivia“, flüsterte sie. In ihrer Aussprache meines Namens lag soviel Liebe und Wärme, dass es mir schwerfiel, mich nicht darin zu verlieren. Doch bevor noch irgendetwas tun konnte, war mir erneut, als würde ich rückwärts gerissen werden. Alles um mich herum wurde schwarz.

    „Via!“ Ich hörte Dracos Stimme. Ich spürte seine Arme, mit denen er mich festhielt. „Via, was ist mit dir?“ Das Licht begann zu flackern, dann wurden die Umrisse langsam scharf. Ich erkannte Dracos sturmgraue Augen, die mich besorgt anblitzten. „Geht’s dir gut?“, fragte er. Ich nickte und richtete mich, mit immer noch zitternden Knien, auf. „Ich...ich weiß nicht, was das gerade war“, murmelte ich. Ich bemerkte gar nicht, dass Dracos Hände noch immer an meiner Hüfte lagen. „Was hast du gesehen?“, wollte er wissen. Ich dachte kurz darüber nach, wie ich die folgenden Sätze formulieren sollte. „Ich hab meine Mutter gesehen. Meine richtige Mutter.“ „Was?“ Ich nickte. „Sie sah mir sehr ähnlich. Du könntest sie dir wie eine ältere Version von mir vorstellen.“ Ich ließ mich auf dem Bett nieder. „Das muss irgendeine Erinnerung gewesen sein.“, murmelte ich. Draco setzte sich neben mich. Ich wusste nicht, wieso ich es tat, doch ich begann zu weinen. Einfach nur zu weinen. Ich wollte alles herauslassen; es musste der Schock sein, dass ich sie gesehen hatte, dass ich sie gespürt hatte. Sie hatte dieselbe Kette wie ich getragen. In diesem Moment wollte ich mir die Kette mit dem Mondanhänger vom Hals reißen. Meine Mutter hatte mich weggegeben und das Einzige, was mir von ihr blieb, war diese dumme Kette! Wütend fummelte ich am Schloss herum, öffnete es und schleuderte sie durch den Raum. Ich verdeckte mein Gesicht mit meinen Händen und schluchzte. „Via?“ Dracos Stimme hörte sich schüchtern an, falls er diesen Tonfall überhaupt kannte. Ich spürte, wie er seinen Arm um meinen Rücken legte und näher an mich heranrutschte. Er sagte nichts, wofür ich ihm sehr dankbar war.

    Als irgendwann keine Tränen mehr kommen wollten, verstummte ich und hielt meinen Kopf in den Händen verborgen. Draco stand auf und ich hörte, wie seine Schritte den Raum durchquerten. Ich sah erst auf, als er mir etwas hinhielt. Es war meine Kette. Ich drückte seine Hand weg; ich wollte dieses Ding nie wieder sehen. Draco seufzte. „Via! Jetzt komm schon! Wo ist das Mädchen, das sich von nichts aus der Fassung bringen lässt?“ „Dieses Mädchen existiert nicht.“ „Doch, das tut sie. Sie ist stärker, als man es ihr ansieht. Aber sie ist es nur, wenn sie diese Kette trägt.“ Er hielt mir die Kette mit dem Amulett hin. „Vielleicht weißt du es nicht mal selbst, aber wenn du diese Kette trägst, bist du so, wie du wirklich bist.“ Er ließ den Schmuck in meine Hände gleiten. „Erinnerst du dich noch an letzten Sommer? Als wir uns das erste Mal richtig unterhalten haben, ohne uns zu streiten?“ Ich nickte; natürlich erinnerte ich mich daran. „Ich habe dich gefragt, warum du deine Kette nicht trägst, weißt du noch?“ Draco lächelte. „Ich habe dich gefragt, weil es mir sofort aufgefallen ist. Und weißt du auch wieso?“ Ich schüttelte stumm den Kopf. „Weil du ohne sie unsicher und schüchtern warst, so gar nicht, wie ich dich kennengelernt habe.“ Ich betrachtete den geschliffenen Anhänger in meiner Hand. Konnte das stimmen? „Aber wenn du sie trägst, bist du die wirkliche Olivia. Dann bist du mutig, gibst nie auf und bist glücklich.“ Bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, fiel ich ihm um den Hals.

    Mir war es egal, dass es Draco höchstwahrscheinlich unangenehm war, doch ich drückte ihn kurz fest, dann fragte ich: „Könntest du mir kurz helfen?“ Er nickte; ich schob meine Locken über meine Schulter. legte mir die Kette um und hielt ihm die beiden Enden hin. Ich hörte das kurze Klicken, als sie sich wieder ineinander verhakten; ich drehte mich zu ihm um und legte den Kopf leicht schief, als ich sein Lächeln sah. „So gefällst du mir um einiges besser.“ Ich begann zu grinsen. „Du gefällst mir auch besser, wenn du so mit mir redest und nicht mich oder meine Freunde niedermachst.“ Dracos Blick verfinsterte sich ein wenig. „Hatten wir nicht geklärt, dass wir nicht darüber reden?“ „Wir können dem Thema aber nicht für immer aus dem Weg gehen, Draco! Es ist schwer genug, mit dir befreundet zu sein, wenn du ständig einen blöden Kommentar über Harry, Hermine oder Ron fallen lässt!“ „Es ist auch nicht gerade einfach, mit dir befreundet zu sein! Wegen dir muss ich mich ständig wegschleichen, irgendwann kommt uns Zabini noch auf die Schliche, der ist eh schon misstrauisch!“ „Wenn du glaubst, dass es die Zeit mit mir nicht wert ist, dann triff dich nicht mit mir!“ „Verstehst du das nicht? Wir sollten eigentlich Feinde sein. Gryffindor gegen Slytherin, schon vergessen? Das, was wir hier tun, verstößt gegen alle Regeln unserer Häuser!“ Fassungslos sah ich ihn an. „Die können mich mal! Es ist mir egal, was die Regeln sind.“ „Du hast aber Angst vor der Reaktion deiner Freunde, wenn sie dich mit mir sehen würden.“ „Und du hast Angst vor den anderen Slytherins, was die wohl sagen würden, wenn sie dich mit einer Gryffindor wie mir sehen würden!“ Wir verstummten beide.

    Ich wendete mich von ihm ab und ging hinüber zum Flügel, wo ich mich auf den Hocker davor setzte. Ich schloss die Augen, um mir die Melodie erneut ins Gedächtnis zu rufen. Meine Finger fuhren über die Klaviertasten. „Was machst du da?“, fragte Draco. „Ich versuche mich an den Text eines Liedes zu erinnern, das ich einem Traum gehört habe.“ „Ah...ja...“ Ich grinste, öffnete jedoch meine Augen nicht. Ich konnte mir Dracos fragendes und ratloses Gesicht genau vorstellen. Ich versuchte, mir die bunten Lichter in meinem Kopf vorstellen, versuchte, mich an die Sprünge und Drehungen zu erinnern, die ich durchgeführt hatte. Die Musik wurde immer lauter, bis mir der Rythmus schließlich ins Blut überging. Ich legte prüfend meine Finger auf die Klaviertasten, und begann dann, zu spielen, während ich darauf achtete, dass ich im Takt blieb.

    „Distant moon, so big and bright
    Softest silver glowing through the night
    High atop, the mountain gold
    Sun unseen, the world is cold.

    Here I wait, and here I stand
    Early morning northern hour hand
    Studying, in solitude
    Looking for, a hidden clue.

    I wish, to see this world through my own eyes
    To calm, the elders and silence their cries
    Because, of you I now gaze up and sing
    The lullaby of the moon...“

    (Lullaby of the moon, David Vitas)

    Vor Überraschung stoppte ich abrupt. Ich hatte mich an den Liedtext erinnert! Am liebsten hätte ich einen freudigen Luftsprung gemacht. Ich wusste selbst nicht so ganz, wie mir der Text wieder eingefallen war, doch es war, als wären die Worte plötzlich in meinem Kopf gewesen. Bevor Draco, der ebenfalls recht überrascht aussah, irgendetwas von sich geben konnte, war ich schon hinüber zu meiner Tasche gestürzt, hatte Feder und Pergament hervorgeholt und damit begonnen, den Text des Liedes aufzuschreiben. Während ich die einzelnen Verse immer wieder vor mich hinmurmelte, fragte Draco: „Geht’s dir gut, Via?“ Offenbar wirkte ich auf ihn seltsam aufgekratzt, doch ich ignorierte seine Augenbrauen, die er belustigt nach oben gezogen hatte. „So gut, wie schon lange noch nicht!“, erwiderte ich. „Mir ist der Text wieder eingefallen! Endlich!“ „Verzeih mir, aber was ist daran so besonders?“ „Seit dem Sommer träume ich immer wieder von diesem Lied, aber mir ist nie der Text dazu eingefallen, obwohl ich das Gefühl hatte, ich hätte ihn schon hundertmal gesungen. Das ist einfach unglaublich...“ Draco warf mir einen belustigten Blick zu, als meine Feder sich immer weiter über das Pergament bewegte und ich dabei die Melodie vor mich hin summte.

    Ich ging nicht zum Abendessen, sondern direkt zurück zum Gryffindor-Turm. Ich musste noch einige Hausaufgaben erledigen und dafür brauchte ich Ruhe. Kaum hatte ich die ersten zehn Zeilen für meinen Aufsatz für Astronomie niedergeschrieben, als das Porträtloch sich öffnete und Ron und Harry hereinkamen. „Wo warst du?“, fragte Harry. Ich suchte schnell nach einer glaubwürdigen Ausrede, doch glücklicherweise wurde ich von Mine unterbrochen, die keuchend durch das Porträtloch kletterte. „Harry, du musst mitkommen - du musst unbedingt mitkommen, da passiert etwas Unglaubliches - bitte!“ Sie packte Harry am Arm und versuchte ihn mit sich zu zerren. „Was ist denn los?“, fragte Harry. Das wollte ich allerdings auch wissen. „Ich zeig’s dir, wenn wir da sind - komm schon, schnell -...“ Harry sah abwechselnd von Ron zu mir. Wir nickten gleichzeitig; wir waren neugierig geworden. „Na gut“, stimmte Harry zu. Mine zog ihn sofort hinter sich her und Ron und ich mussten uns beeilen, mit ihnen Schritt zu halten. „Mine, wo gehen wir eigenlich hin?“, fragte ich, als sie uns durch sechs Stockwerke geführt hatte und nun über die Marmortreppe in die Eingangshalle hinunter gelangen wollte. „Das seht ihr schon, habt bloß noch ein wenig Geduld!“, entgegnete sie aufgeregt.

    Sie wandte sich am Fuß der Treppe nach links und hastete zu einer Tür, hinter der eine Treppe in die Tiefe führte. Wir folgten Mine nach unten, und gelangten in einen breiten, steinernen Korridor, der von Fackeln erleuchtete wurde und mit bunten Gemälden geschmückt war, die vorwiegend Essbares zeigten. „Oh, wart mal“, sagte Harry zögernd, als wir den Korridor entlanggingen. „Wart mal kurz, Hermine...“ „Was ist?“, fragte sie und drehte sich um. Spannung stand ihr im Gesicht geschrieben. „Ich weiß, was du vorhast.“ Er deutete hinüber auf ein Gemälde, das eine ausladende silberne Obstschale zeigte. „Hermine!“ Ron hatte ebenfalls begriffen. „Du willst uns wieder in diesen Belfer-Kram verwickeln!“ „Nein, nein, will ich nicht!“, erwiderte Mine hastig. „Und es heißt nicht Belfer, Ron-...“ „Dann hast du den Namen geändert? Was sind wir denn jetzt, vielleicht die Hauselfen-Befreiungsfront? Ich platze doch nicht in diese Küche rein und versuche sie vom Arbeiten abzuhalten, nicht mit mir!“ „Das verlange ich auch gar nicht!“, meinte Mine. „Ich bin erst vorhin hier runtergekommen, um mit ihnen zu reden, und wen hab ich da getroffen - komm schon, Harry, das musst du sehen!“ Sie trat ans Bild heran, streckte ihren Zeigefinger aus und kitzelte die saftige, grüne Birne. Sie begann sich zu winden, fing an zu kichern und verwandelte sich plötzlich wie aus dem Nichts in einen großen grünen Türgriff. Mine griff nach ihm, zog die Tür auf, und schob Harry unsanft hinein. Wir stiegen rasch hinterher. Bei dem Raum hinter der Tür handelte es sich um hohes Gewölbe, das recht weitläufig zu sein schien. Ich schätzte, dass es so hoch wie die Decke der Großen Halle war. Schimmernde Kupfertöpfe und Messingpfannen stapelten sich an den Wänden; auf einer Seite waren mächtige Backöfen und mehrere Herdplatten in der Ziegelsteinwand eingelassen. Etwas Kleines aus der Mitte des Raumes kam auf Harry zugewuselt und piepste: „Harry Potter, Sir! Harry Potter!“ Dobby umarmte Harry stürmisch. „D-Dobby?“, fragte Harry.

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    28. Kapitel

    „Es ist Dobby, Sir, er ist es!“, piepste die Stimme des Hauselfs. „Dobby hat so fest gehofft, Harry Potter wiederzusehen, Sir, und Harry Potter ist gekommen, um ihn zu besuchen.“ Interessierte musterte ich Dobby; nur einmal hatte ich ihn gesehen; das war in unserem zweiten Schuljahr gewesen, als Harry und ich im Krankenflügel gelegen hatten und ich ein Gespräch zwischen Dobby und Harry mitgehört hatte. Aus den große grünen Augen des Hauselfs quollen Tränen des Glücks. Er erinnerte an einen ganz normalen Hauself: eine dünne Nase, fledermausähnliche Ohren, lange Finger und Füße - nur war er ganz anders angezogen als ich es normalerweise von Hauselfen kannte. Er trug die seltsamste Auswahl an Kleidern, die ich je gesehen hatte; es war Dobby sogar gelungen, sich noch merkwürdiger zu kleiden als die Zauberer und Hexen bei der Weltmeisterschaft. Er trug einen Teewärmer als Hut, an den ein paar bunte Sticker gepinnt waren. Auf der nackten Brust trug er eine Krawatte mit Hufeisenmuster, darunter eine kurze Hose und zwei verschiedenfarbige Socken. „Dobby, was tust du hier?“, fragte Harry verblüfft. „Dobby ist gekommen, um in Hogwarts zu arbeiten, Harry Potter, Sir!“, quiekte Dobby. „Professor Dumbledore hat Dobby und Winky Arbeit gegeben, Sir!“ „Winky? Ist sie auch hier?“ „Ja, Sir, ja!“, sagte Dobby, packte Harrys Hand und zog ihn in die Mitte der Küche, wo vier lange Haustische standen. Später sollte ich herausfinden, dass die Speisen, die von den Hauselfen auf diese Tische gestellt wurden, durch die Decke auf ihre Gegenstücke in der Großen Halle hinaufgeschickt wurden.

    Mindestens hundert kleine Elfen standen in der Küche herum, sie strahlten und verbeugten sich, als Dobby, Harry, Ron, Mine und ich an ihnen vorbeigingen. Sie trugen alle dieselbe Uniform: ein Geschirrtuch, das mit dem Hogwarts-Wappen bedruckt und als Toga gewickelt war. Dobby hielt vor einem backsteinernen Herd an und streckte die Hand aus. „Winky, Sir!“, piepste er. Winky saß auf einem Stuhl am Herd. Sie hatte ihre Kleider, im Gegenteil zu Dobby, nicht blindlings zusammengeworfen. Sie trug einen hübschen Rock, eine Bluse und passend dazu einen blauen Hut, der Löcher für ihre Ohren hatte. Während allerdings jedes einzelne Stück von Dobbys merkwürdiger Kleidung sauber und gut gepflegt aussah, achtete Winky offensichtlich überhaupt nicht auf ihre Sachen. Ihre Bluse war voller Suppenflecken und ihr Rock hatte ein Brandloch. „Hallo, Winky“, sagte ich leise. Ihre Lippen zitterten. Dann brach sie in Tränen aus, die aus ihren großen braunen Augen quollen und ihre Bluse benetzten. „Oh du liebe Güte“, meinte Mine. „Winky, bitte nicht weinen, bitte nicht...“ Doch Winky schluchzte nur noch lauter und heftig. Dobby hingegen strahlte zu uns empor. „Möchte Harry Potter eine Tasse Tee?“, quiekte er laut. „Ähm - ja, danke.“

    Im selben Moment kamen sechs Hauselfen mit einem großen Tablett auf uns zu, beladen mit einer Teekanne und Tassen für Harry, Ron, Mine und mich, einem Milchkrug und einem großen Teller voller Kekse. „Guter Service!“, sagte Ron zutiefst beeindruckt. Mine warf ihm einen strengen Blick zu, doch die Elfen wirkten geschmeichelt; sie verbeugten sich tief und zogen sich dann zurück. „Wie lange bist du schon hier, Dobby?“, fragte Harry, während Dobby uns Tee einschenkte. „Seit einer Woche, Harry Potter, Sir!“, erzählte Dobby glücklich. „Dobby ist zu Professor Dumbledore gegangen, Sir. Wissen Sie, Sir, es ist sehr schwierig für einen Hauselfen, der entlassen wurde, eine neue Anstellung zu finden, Sir -...“ Bei seinen Worten heulte Winky noch lauter. „Dobby ist zwei Jahre lang durch das Land gereist, Sir, und hat versucht Arbeit zu finden“, quiekte Dobby. „Aber Dobby hat keine Arbeit gefunden, Sir, weil Dobby jetzt bezahlt werden will!“ Die hauselfen in der Küche, die interessiert zugesehen und gelauscht hatten, schauten bei diesen Worten betreten zu Boden, als ob Dobby etwas Peinliches oder Unanständiges gesagt hätte. Hermine meinte jedoch: „Gut für dich, Dobby!“ „Vielen Dank, Miss!“, erwiderte Dobby und lächelte. „Aber die meisten Zauberer wollen keinen Hauselfen, der bezahlt werden möchte, Miss. >Das gehört sich nicht für Hauselfen< sagen sie dann und schlagen die Tür vor Dobbys Nase zu! Dobby mag arbeiten, aber er will auch was zum Anziehen und er will Lohn für seine Arbeit, Harry Potter...Dobby ist gerne frei!“ Die Begeisterung, mit der er sprach, brachte mich zum Lächeln.

    Die anderen Hauselfen waren immer weiter von Dobby zurückgewichen, als ob er eine ansteckende Krankheit hätte. Winky jedoch blieb, wo sie war, begann aber noch lauter zu schluchzen. „Und dann, Harry Potter, geht Dobby Winky besuchen und findet heraus, dass Winky auch freigekommen ist, Sir!“, fuhr Dobby vergnügt fort. Bei diesen Worten warf sich Winky vom Stuhl, knallt mit dem Gesicht auf den steingepflasterten Boden, trommelte mit ihren Fäusten darauf ein und schrie sich die Seele aus dem Leib. Mine kniete schnell neben ihr nieder und versuchte sie zu trösten, doch was sie auch tat, es half nichts. Dobby übertönte mit schriller Stimme Winkys Schreie und fuhr mit seiner Geschichte fort. „Und dann hatte Dobby die Idee, Harry Potter, Sir! >Warum gehen Dobby und Winky nicht zusammen auf Arbeitssuche?< sagt Dobby. >Wo gibt es denn genug Arbeit für zwei Hauselfen?<, sagt Winky. Und Dobby überlegt und da fällt es ihm ein, Sir! Hogwarts! Also gehen Dobby und Winky zu Professor Dumbledore, Sir, und Professor Dumbledore hat uns genommen!“ Dobby strahlte über das ganze Gesicht und wieder rannen ihm Glückstränen über das Gesicht. „Und Professor Dumbledore sagt, er will Dobby bezahlen, Sir, wenn Dobby Lohn will! Und so is Dobby ein freier Elf, Sir, und Dobby bekommt eine Galleone die Woche und einen freien Tag im Monat!“ „Das ist ja nicht gerade viel!“, rief Mine entrüstet vom Fußboden hoch. „Professor Dumbledore hat Dobby zehn Galleonen die Woche angeboten und freie Wochenenden“, sagte Dobby, dem ein leiser Schauer überkam, als ob die Aussicht auf so viel Reichtum erschreckend wäre, „aber Dobby hat ihn runtergehandelt, Miss...Dobby mag die Freiheit, Miss, aber er will nicht zu viel, Miss, er will lieber arbeiten.“ „Wie viel bezahlt Professor Dumbledore dir, Winky?“, fragte Mine freundlich.

    Das hätte sie besser nicht fragen sollen. Winky hörte auf zu weinen, doch als sie sich aufsetzte, starrte sie Mine finster an, das gesamte Gesicht klitschnass. „Winky ist eine Elfe in Schande, aber Winky wird nicht bezahlt!“, quiekte sie. „So tief ist Winky nicht gesunken! Winky schämt sich richtig, frei zu sein.“ „Du schämst dich?“, fragte Mine verdutzt. „Aber - Winky, hör mal! Wer sich schämen sollte, ist Mr. Crouch, nicht du! Du hast nichts Falsches getan, er hat sich dir gegenüber fürchterlich benommen-...“ Doch bei ihren Worten steckte Winky zwei ihrer langen Finger in ihre Ohren, um dann zu kreischen: „Sie dürfen meinen Meister nicht beleidigen, Miss! Sie beleidigen nicht Mr. Crouch! Mr. Crouch ist ein guter Zauberer! Mr. Crouch hatte Recht, die böse Winky forzujagen!“ „Winky hat noch ein wenig Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden, Harry Potter“, quiekte Dobby. „Winky vergisst, dass sie nicht mehr an Mr. Crouch gefesselt ist; sie darf jetzt alles sagen, was sie denkt, aber sie will es nicht.“ „Dürfen Hauselfen also nicht frei über ihre Meister reden?“, fragte Harry. „Oh nein, Sir, nein“, meinte Dobby mit ernster Miene. „Das steht uns als Sklaven nicht zu, Sir. Wir bewahren ihre Geheimnisse und brechen nie unser Schweigen, Sir, wir halten die Ehre der Familie aufrecht und wir sprechen nie schlecht von ihr.“ Harry sah zu mir herüber. „Stimmt das?“, fragte er. Ich nickte traurig. „Leider. Sie haben mir so leid getan, aber ich konnte sie nicht befreien, weil ich theoretisch nicht ihre Herrin bin.“ „Mein armer Mr. Crouch, was macht er nur ohne Winky? Er braucht mich, er braucht meine Hilfe! Ich hab mein ganzes Leben lang für die Familie Crouch gesorgt, und meine Mutter vor mir und meine Großmutter vor ihr...oh, was würden sie nur sagen, wenn sie wüssten, dass Winky frei ist? Oh, welche Schande, welche Schande!“ Winky vergrub das Gesicht in ihrem Rock und schluchzte erneut los. „Winky“, sagte Mine eindringlich. „Ich bin ziemlich sicher, dass Mr. Crouch auch ohne dich sehr gut zurechtkommt. Wir haben ihn gesehen, weißt du-...“ „Sie haben meinen Meister gesehen?“, hauchte Winky, hob das tränenverschmierte Gesicht aus ihrem Rock und sah Mine an. „Sie haben ihn gesehen, hier in Hogwarts?“ „Ja“, sagte ich und nickte. „Er und Mr. Bagman sind Richter im Trimagischen Tunier.“ „Mr. Bagman ist auch hier?“, piepste Winky, und zu unserer Überraschung sah sie plötzlich sehr zornig aus. „Mr. Bagman ist ein böser Zauberer! Ein sehr böser Zauberer! Mein Meister mag ihn gar nicht, oh nein, überhaupt nicht!“ „Bagman - soll böse sein?“, fragte Harry ungläubig. „Oh ja“, entgegnete Winky und nickte eifrig mit dem Kopf. „Mein Meister hat Winky ein paar Dinge erzählt! Aber Winky verrät es nicht...Winky bewahrt die Geheimnisse ihres Meister...“ Erneut brach sie in Tränen aus und schluchzte erstickt in ihren Rock. „Armer Meister, armer Meister, keine Winky mehr da, um ihm zu helfen!“

    Aus Winky brachten wir kein vernünftiges Wort mehr heraus. Wir überließen sie ihren Tränen, tranken unseren Tee und unterhielten uns mit Dobby, der glücklich über sein Leben als freier Elf plauderte. Als wir Anstalten machten zu gehen, scharten sich plötzlich viele der Küchenelfen um uns und boten uns Leckereien zum Mitnehmen an. Mine lehnte peinlich berührt ab (das lag höchstwahrscheinlich auch an den sich verbeugenden und knicksenden Elfen), aber Harry, Ron und ich stopften uns die Taschen mit Cremeschnitten und Pasteten voll. Wir bedankten uns und Harry rief Dobby zu: „Bis bald, Dobby!“ „Harry Potter...darf Dobby Sie mal besuchen kommen, Sir?“, fragte Dobby schüchtern. „Natürlich darfst du“, entgegnete Harry und Dobby strahlte.

    „Wisst ihr was?“, fragte Ron, als wir die Küche verlassen hatten und die Treppe nach oben zur Eingangshalle stiegen. „All die Jahre war ich ganz beeindruckt von Fred und George, wie sie ständig Essen aus der Küche geklaut haben - tja, es ist ja nicht besonders schwer, oder? Die werfen es einem ja nach!“ „Ich glaube, das ist das Beste, was diesen Elfen passieren konnte“, sagte Mine und betrat als Erste die Marmortreppe. „Dass Dobby hierherkam, um zu arbeiten, meine ich. Die anderen Elfen werden sehen, wie glücklich er in Freiheit ist, und allmählich wird ihnen dämmern, dass sie auch frei sein wollen.“ „Na, hoffentlich sehen sie sich Winky nicht allzu genau an“, meinte ich trocken. „Ach, die wird sich schon wieder fangen“, entgegnete Mine, klang dabei jedoch ein wenig unsicher. „Sobald sie den Schock überwunden und sich an Hogwarts gewöhnt hat, wird sie sehen, wie viel besser es ihr geht ohne diesen Widerling von Crouch.“ „Sie scheint ihn ja zu lieben“, mampfte Ron, da er gerade in eine Cremeschnitte gebissen hatte. „Sie hält aber nicht viel von Bagman, oder?“, erwiderte Harry. „Ich frag mich, was Crouch zu Hause über ihn erzählt hat.“ „Wahrscheinlich, dass er kein besonders guter Abteilungsleiter ist. Und ehrlich gesagt...da ist was dran, meint ihr nicht?“, kam es von Mine. „Ich würde trotzdem lieber für ihn als für Crouch arbeiten“, meinte Ron. „Ludo Bagman hat wenigstens Sinn für Humor.“ „Lass das bloß nicht Percy hören“, antwortete ich grinsend. „Natürlich, Percy würde für keinen arbeiten, der Sinn für Humor hat“, sagte Ron und biss in ein Schokoladen-Eclair. „Percy würde einen Witz nicht mal erkennen, wenn er nackt und mit Dobbys Teewärmer auf dem Kopf vor ihm herumtanzen würde.“

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    29. Kapitel

    „Potter! Weasley! Werden Sie wohl zuhören?“ Professor McGonagalls gereizte Stimme knallte wie ein Peitschenhieb an diesem Donnerstag durch den Verwandlungsunterricht. Harry und Ron neben mir zuckten zusammen und sahen auf. Die Stunde waren schon fast vorbei; unsere Sachen waren bereits zusammengeräumt, und die Perlhühner, die wir in Meerschweinchen verwandelt hatten (na ja, zumindest die meisten), steckten nun in einem großen Käfig auf Professor McGonagalls Schreibtisch (allerdings hatte Nevilles Meerschweinchen noch Federn); auch unsere Hausaufgaben hatten wir schon von der Tafel abgeschrieben („Erläutern Sie anhand von Beispielen, wie der Verwandlungszauber aussehen muss, wenn Sie zwischen verschiedenen Tiergattungen wechseln wollen“). Jeden Moment würde es läuten. Harry und Ron, die neben mir in der letzten Reihe saßen, und sich einen Schwertkampf mit Fred und Georges Juxzauberstäben geliefert hatten, blinzelten jetzt verdutzt. Ron hielt einen blechernen Papagei, Harry einen Gummikabeljau in der Hand. „Nun, Potter und Weasley waren so freundlich, uns zu zeigen, wie erwachsen sie schon sind“, meinte Professor McGonagall und warf den beiden einen wütenden Blick zu. Der Kopf von Harrys Kabeljau - den Rons Papagei gerade mit dem Schnabel abgetrennt hatte - kullerte geräuschlos zu Boden.

    „Ich habe eine Ankündigung für Sie alle. Der Weihnachtsball rückt näher - er gehört traditionell zum Trimagischen Tunier und bietet uns die Gelegenheit, unsere ausländischen Gäste ein wenig näher kennen zu lernen. An diesem Ball dürfen alle ab der vierten Klasse teilnehmen - doch wenn Sie möchten, dürfen Sie auch einen jüngeren Schüler einladen-...“ Lavender brach in schrilles Giggeln aus. Parvati stieß ihr unsanft in die Rippen, doch auch ihr war anzusehen, dass sie sich unendliche Mühe gab, nicht auch in lautes Kichern auszubrechen. Beide wandten sich zu Harry um, während Professor McGonagall gar nicht auf sie achtete. „Sie werden Ihre Festumhänge und Kleider tragen“, fuhr sie fort, „und der Ball wird am ersten Weihnachtsfeiertag um acht Uhr abends in der Großen Halle beginnen und um Mitternacht enden. Nun denn-...“ Die Professorin sah bedächtig in die Runde. „Der Weihnachtsball gibt uns allen natürlich die Gelegenheit, uns - ähm - ein wenig lockerer zu geben“, sagte sie mit missbilligendem Unterton. Lavender giggelte noch heftiger und presste die Hand auf den Mund, um das Kichern zu ersticken. Diesmal begriff ich auch, was denn so komisch sein sollte: Professor McGonagall, die ihr Haar zu einem strengen Knoten gebunden hatte, sah aus, als hätte sie sich noch niemals in ihrem Leben locker gegeben. „Aber das heißt NICHT“, fuhr sie fort, „dass wir die Benimmregeln lockern, denen ein Hogwarts-Schüler zu folgen hat. Ich wäre höchst unangenehm berührt, sollte ein Gryffindor-Schüler ganz Hogwarts auf irgendeine Weise in Verruf bringen.“ Im nächsten Moment läutete es, und wie immer gab es ein kleines Durcheinander, weil alle ihre Taschen packten, sich über die Schultern warfen und losstürmten. Als Mine, Ron und ich gerade hinaustraten, rief Professor McGonagall Harry zurück. Offensichtlich wollte sie etwas mit ihm besprechen. Ron, Mine und ich beschlossen, auf unseren Freund zu warten und lehnten uns an die gegenüberliegende Wand.

    „Gehst du hin, Liv, was meinst du?“, fragte Mine. „Klar, wenn mich jemand fragt.“ „Natürlich wird dich jemand fragen, du kannst sehr gut tanzen!“ „Du hast mich doch noch nie tanzen sehen.“ „Doch, als du mir dieses Bild von dir an deinem zehnten Geburtstag gezeigt hast, auf dem du mit deinem Vater getanzt hast.“ „Oh, das hab’ ich ganz vergessen.“ Ich sah meine beste Freundin an. „Was ist mit dir? Du gehst doch auch hin, oder?“ Mine nickte. „Höchstwahrscheinlich. Da fällt mir ein, wir brauchen ja noch die passende Abendgardarobe.“ „Mmmh, wir könnten mal nachsehen, wann das nächste Wochenende nach Hogsmeade stattfindet. Im Dorf gibt es doch Besenknechts Sonntagsstaat, die haben bestimmt eine gute Auswahl!“ „Gute Idee, Liv!“ „Sagt mal, ihr beiden, geht es vielleicht noch mädchenhafter?“, fragte Ron. „Wer seid ihr, und wo sind Hermine und Liv?“ Mine und ich warfen uns gleichzeitig einen eindringlichen Blick zu, dann verdrehten wir synchron die Augen.

    Als Harry aus dem Verwandlungsklassenzimmer herauskam, sah er nicht gerade glücklich aus. „Was ist los?“, wollte Ron wissen. „Professor McGonagall hat gesagt, dass die Champions traditionell den Weihnachtsball eröffnen. Das heißt, ich MUSS da hingehen, ob ich will oder nicht.“ Er sah schon richtig gequält aus. „Hör mal, Harry, du wirst sicher keine Schwierigkeiten haben. Du bist ein Champion und hast den Ungarischen Hornschwanz besiegt. Die werden Schlange stehen, nur um mit dir zum Ball zu gehen.“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „Glaubst du?“ Ich nickte heftig. „Ich wette, du wirst bald einen ganzen Haufen Verehrerinnen haben.“ Bei diesen Worten brachen wir lautes Gelächter aus.

    Ich hatte noch nie erlebt, dass sich so viele unserer Mitschüler auf der Liste derer eintrugen, die über Weihnachten in Hogwarts bleiben wollten. Dieses Jahr schien es so, als wollten fast alle Schüler ab der vierten Klasse dableiben. Die meisten Mädchen hatten nur noch den Ball im Kopf, was mir allmählich wirklich auf die Nerven ging. Sie kicherten und tuschelten in den Gängen, lachten und kreischten, wenn Jungen an ihnen vorbeigingen, verglichen aufgeregt Zettel, auf denen stand, was sie auf dem Ball tragen wollten... Es war einfach schrecklich: das maximale Ausmaß an Kitschigkeit!

    Alles in allem versuchte ich, diesen überkitschigen Mädchen aus dem Weg zu gehen, das war ja nicht mehr auszuhalten. Auch Harry schien es sei der ersten Aufgabe besser zu gehen. Wenn er durchs Schloss lief, musste er sich kaum noch Spötteleien anhören und es kam mir so vor, als würde ich immer weniger „Ich bin für CEDRIC DIGGORY“-Anstecker entdecken. Draco zitierte zwar immer noch bei jeder möglichen Gelegenheit lautstark Rita Kimmkorns Artikel, doch er erntete immer spärlichere Lacher - und zudem war ich auch froh darüber, dass kein Artikel über Hagrid im Tagespropheten erschien.
    „Die findet magische Geschöpfe wohl nicht so spannend, kann ich euch nur sagen“, erklärte Hagrid, als wir ihn in der letzten Stunde Pflege magischer Geschöpfe vor Weihnachten fragten, wie sein Interview mit Rita Kimmkorn gelaufen war. Zu unserer gewaltigen Erleichterung ersparte uns Hagrid jetzt den direkten Umgang mit den Krötern, und so saßen wir heute nur hinten im Schutz des Dachs an einem Klapptisch und bereiteten ein frisches Menü zu, mit dem wir die Kröter später füttern sollten. „Sie wollte, dass ich über dich rede, Harry“, fuhr Hagrid fort. „Na ja, ich hab ihr gesagt, wir sind Freunde, seit ich dich von den Dursleys weggeholt hab. >Und in vier Jahren mussten Sie nie ein Donnerwetter veranstalten?<, hat sie gefragt. >Er hat Sie im Unterricht nie auf die Schippe genommen?< - >Nee<, hab ich gesagt, und da war sie überhaupt nicht zufrieden. Hab fast gedacht, sie wollte, dass ich sage, du bist ‘n furchtbarer Kerl, Harry!“ „Natürlich wollte sie das“, meinte Harry, warf Drachenleberstückchen in eine große Blechschüssel und nahm mein Messer, um noch eine weitere Leber zu schneiden. „Sie kann nicht die ganze Zeit schreiben, was für ein tragischer kleiner Held ich bin, das wird doch langweilig.“ „Sie will eben hinter die Kulissen sehen, Hagrid“, sagte ich und pellte ein Salamanderei. „Du hättest sagen sollen, Harry ist ein verrückter Unruhestifter!“, fügte Ron hinzu. „Das ist er aber nicht!“, antwortete Hagrid und schien aufrichtig schockiert. „Sie hätte Snape interviewen sollen“, meinte Harry mit grimmiger Miene. „Er wird bestimmt jederzeit über mich auspacken. >Seit er an dieser Schule ist, übertritt er ständig Grenzen...<“ „Das hat er gesagt, ne?“, sagte Hagrid unter dem Gelächter von Ron, Mine und mir. „Tja, du hast vielleicht ‘n paar Regeln strapaziert, Harry, aber im Grunde bist du’n anständiger Kerl, oder?“ „Schon gut, Hagrid“, erwiderte Harry grinsend. „Kommst du eigentlich zu diesem komischen Ball an Weihnachten, Hagrid?“, fragte Ron. „Dachte, ich könnt mal vorbeischauen, ja“, brummte Hagrid. „Könnt ganz lustig werden, denk ich mal. Du eröffnest den Ball, nicht wahr, Harry? Wen nimmst du mit?“ Mine warf Harry einen forschen Blick zu, als er rot anlief und murmelte: „Hab noch keine.“ Hagrid fragte nicht weiter nach.

    Zwei Wochen vor Weihnachten stand das nächste Hogsmeade-Wochenende an. Mine und ich beschlossen, nach zwei Abendkleidern für den Weihnachtsball zu suchen. Mine war ganz aufgeregt, denn offenbar hatte sie jemand zum Ball eingeladen, und sie hatte zugesagt, doch zu meinem Pech wollte sie mir bei Merlins Bart nicht verraten, wer es war. Ich konnte ihr so viele Löcher in den Bauch fragen, wie ich wollte, über ihre Lippen kam kein einziges Wort. So machten wir uns also an diesem Samstagmorgen auf den Weg ins verschneite Hogsmeade; wir würden uns später mit Harry und Ron im Drei Besen treffen. Ich atmete erleichtert auf, als wir endlich die eisige Kälte verließen und in das, durch ein Feuer im Kamin, beheizte Geschäft von Besenknechts Sonntagsstaat eintraten. Einige kichernde Mädchen waren schon damit beschäftigt, sich von der Verkäuferin beraten zu lassen. „Was meinst du?“, fragte ich Mine. „Sollen wir uns erst mal selbst umsehen?“ Sie nickte heftig. „Dagegen habe ich nichts, solange uns diese anderen Mädchen in Ruhe lassen.“ Wir grinsten gleichzeitig, dann begannen wir damit, einige Kleider herauszusuchen.
    Ich stöberte zwischen verschiedenen Kleidern herum; über das Angebot konnte man sich wirklich nicht beklagen: es gab kurze und lange Kleider, einige mit Rüschen, bunten Farben, aus Taft, Seide, Brokat...alles, was das Herz begehrte. Ich griff mir einige Kleider und verschwand in der Umkleide. Als Erstes probierte ich ein dunkelgrünes, knielanges Kleid an, das gut mit meinen Augen harmonierte. Als ich hinaustrat, hatte auch Mine bereits ihr erstes Kleid angezogen, dass schwarz war, und oben mit silbernen Steinchen verziert war. Sie musterte mich prüfend, dann schüttelte sie energisch den Kopf. „Ich weiß nicht...irgendwie denke ich, dass es nicht das Richtige für dich ist.“ Ich besah mir meine beste Freundin. „Was hältst du von meinem Kleid, Liv?“ „Hmm...ich glaube, dir würde eine andere Farbe besser stehen.“ Wir brauchten kein weiteres Wort mehr zu sagen; wir drehten uns um und gingen zurück in die Umkleidekabinen. Ich versuchte gerade, mich in ein bodenlanges rotes Kleid zu zwängen, das mir ganz offensichtlich zu klein war, als Mine einen verzückten Schrei fahren ließ, was ich eigentlich nicht von ihr gewohnt war. „Was ist los?“ „Liv, komm mal schnell, du musst dir dieses Kleid ansehen!“ „Okay...“ Ich schob den Vorhang zur Seite und sah eine aufgeregte Hermine vor mir, die ein wunderschönes Kleid in der Hand hielt. Es hatte einen Übergang von dunklem Rosa zu einem hellen Lila und Violett-Ton. Unten lagen mehrere Lagen Stoff übereinander, die elegant zu Boden flossen; um ihre Taille war ein dunkelrosafarbenes Band geschlungen. „Soll ich es anprobieren?“, fragte Mine, als müsse sie mich um Erlaubnis fragen. „Klar! Na los, Mine, ich will dich in diesem Kleid sehen!“ Sie nickte und verschwand mit dem Kleid in ihrer Umkleide. Während sie sich umzog, sah ich mich nach einem Kleid um, das ich schnell durch das meine austauschen konnte. Mein Blick flog über die verschiedensten Kleider, blieb aber plötzlich auf einem hängen. Es strahlte mich förmlich an, als wollte es sagen: >Zieh mich an!< Ohne lang zu überlegen griff ich danach und machte mich in der Umkleide daran, dieses verflixt enge Kleid auszuziehen. Als ich das andere Kleid überzog, fühlte ich mich augenblicklich wohl darin. Der Stoff war weich und geschmeidig und fühlte sich angenehm kühl an. „Liv?“, fragte Mine von draußen. „Willst du mir dein Kleid zeigen?“ „Ich komme...“ Ich zog den Vorhang erneut beiseite.

    Hermines Sicht:
    Ich hielt förmlich den Atem an, als Liv aus ihrer Umkleide herauskam. Das Kleid, das sie trug, war umwerfend hübsch; es war trägerlos mit einem Herzausschnitt und ging bis zum Boden. Oben war es mitternachtsblau, welches nach unten immer heller wurde, bis es schließlich ein wunderschönes Meerblau überging. Ganz unten am Rand des Stoffes wurde es zu einem perlenähnlichen Weiß; über dem gesamten oberen Teil und am Ansatz von dem weitauslaufenden Rock waren überall kleine silberne Glitzersteine befestigt. Von ihre Hüfte aus floss der Stoff nach beiden Seiten hin nach unten; das Silber und Blau harmonierte perfekt mit ihrer silbernen Mondkette und ihren Augen. „Was denkst du?“, fragte Liv, und kämmte ihr lockiges braunes Haar nervös über ihre rechte Schulter. „Dieses Kleid ist einfach unglaublich!“, hauchte ich. „Es ist perfekt für dich!“ Liv lächelte. „Danke. Du siehst aber auch schön aus!“

    Olivias Sicht:
    „Wollen wir noch Accessoires und Schuhe kaufen?“, fragte Mine, als wir gerade zur Kasse gehen wollten. Ich schüttelte den Kopf. „Brauchen wir gar nicht. Ich hab genug Schuhe, Armbänder, Ohrringe, Ketten, Broschen, Handtaschen,-...“, ich zählte es an den Fingern ab, „Soll ich weitermachen?“ Mine lachte, dann sagte sie: „Nein, danke, ich glaube, das reicht.“ „Du kannst dich gern bei mir bedienen, ich hab eh viel zu viel Schmuck!“ Wir legten der Verkäuferin die beiden Abendkleider auf den Verkaufstisch und ich kramte meinen Geldbeutel hervor. Nachdem wir ungefähr zwölf Galleonen pro Kleid bezahlt hatten, und diese in Tüten überreicht bekommen hatten, verließen wir zufrieden den Laden und machten uns auf den Weg ins Drei Besen.
    Harry und Ron saßen bereits an einem Tisch am Fenster, was riesiges Glück war, denn das Wirtshaus war mal wieder zum Bersten mit durstigen Schülern gefüllt. Wir ließen uns auf die zwei freien Stühle gegenüber der beiden fallen und atmeten erleichtert auf. „Und? Wie war’s?“, wollte Ron wissen. Mine blinzelte mir verschwörerisch zu. „Ach, wir haben schon was Passendes gefunden“, erwiderte ich betont lässig. „Darf ich mal sehen?“, fragte Ron und wollte schon nach Mines Tüte greifen, als diese ihm heftig auf die Finger schlug. „Nimm deine Finger da weg, Ronald Weasley!“ „Wieso?“, maulte dieser. „Weil ihr unsere Kleider noch früh genug zu Gesicht bekommt!“ „Habt ihr eigentlich schon jemanden gefragt?“, wechselte ich schnell das Thema, bevor Ron und Mine wieder anfingen zu zanken. „Nein“, murmelte Harry, „ich will mir das gar nicht vorstellen. Außerdem, wie soll ich denn eine fragen, wenn die immer in Gruppen herumlaufen?“ „Seid ihr schon gefragt worden?“, fragte Ron. Ich nickte. „Terry Boot aus Ravenclaw hat mich gefragt, aber ich hab gehört, wie Parvati in unserem Schlafsaal von ihm geschwärmt hat, deshalb hab ich nein gesagt.“ „Oh“, kam es von Harry. „Du könntest doch mit einem von uns gehen, Liv“, schlug Ron vor. Ich grinste schelmisch. „Klar, aber nur, wenn ihr auch artig fragt!“ Hastig trank ich einen Schluck von meinem Butterbier, das ich bestellt hatte.
    Plötzlich stöhnte Ron genervt auf. „Was ist?“ „Ich hab ganz vergessen, dass wir morgen diesen Tanzkurs bei Professor McGonagall haben.“ Mine und ich prusteten gleichzeitig los. „Ich kann’s kaum erwarten, Professor McGonagall beim Walzer tanzen zuzusehen!“ „Das wird bestimmt ein Augenblick, den wir niemals wieder vergessen werden...“

    Damit hatte Mine mal wieder recht. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück saßen wir einem der größeren Klassenzimmer; rechts alle Jungen ab der vierten Klasse des Hauses Gryffindor, links alle Mädchen. In der Mitte des Raumes stand ein uraltes Grammophon, an dem Filch murrend herumbastelte. Auf beiden Seiten wurde aufgeregt getuschelt, was jedoch schlagartig verstummte, als Professor McGonagall den Raum betrat. Ihr Haar war mal wieder zu einem strengen Knoten gebunden und sie wirkte nicht gerade „locker“. Hinter mir hörte ich schon wieder Parvati und Lavender, die ihr Giggeln heftig unterdrückten. Professor McGonagall hielt uns erst mal einen Vortrag darüber, wie wichtig unser gutes Verhalten auf dem Weihnachtsball sein würde. „In jedem Mädchen steckt ein wunderschöner Schwan, der die Flügel ausbreiten will, und in jedem Jungen wartet ein Löwe darauf, anmutig zu stolzieren...“ Ich sah, dass Harry, Ron, Fred und George auf der gegenüberliegenden Seite über etwas lachten, was Professor McGonagall sofort bemerkte, denn sie drehte sich um und baute sich direkt vor Ron auf. „Mr. Weasley! Stehen Sie auf!“ Mit gequälter Miene erhob Ron sich und folgte Professor McGonagall in die Mitte des Raumes. „Legen Sie ihre Hand auf meine Hüfte, Mr. Weasley!“, befahl sie. „Wohin?“ „Auf meine Hüfte!“ Fred und George pfiffen laut, als ihr Bruder tatsächlich seine Hand auf Professor McGonagalls Hüfte platzierte. Ein lautes Knacken war von dem Grammophon zu hören, dann erklangen die ersten Takte eines Walzers. Ron suchte meinen Blick und sein Gesichtsausdruck sagte ganz eindeutig: >Bring mich um, Liv!< Ich versuchte krampfhaft, meine Mundwinkel nicht nach oben zucken zu lassen, als ich zusah, wie Ron mit Professor McGonagall tanzte und damit beschäftigt war, die grinsenden Gesichter von Fred und George zu ignorieren. Ich sah zu Mine hinüber, die sich ebenfalls ein belustigtes Lächeln verkneifen musste.

    Nach mehreren qualvollen Minuten für Ron wurde er schließlich erlöst. „Erhebt euch!“, befahl Professor McGonagall. Die gesamte Mädchenseite tat dies nur zu gern, die Jungen wirkten hingegen nicht gerade begeistert, taten es aber doch, da sie sich nicht mit der Hauslehrerin anlegen wollten. Mein erster Partner war Neville, der mehr als nervös wirkte. „Ich warne dich besser vor, Liv, ich bin schrecklich im Tanzen!“ „Oh, das kriegen wir schon hin...“, erwiderte ich, während Neville, den ich damit wohl etwas ermutigt hatte, seine Hand um meine Taille legte. Tatsächlich war Neville eigentlich gar nicht mal so schlecht im Tanzen, wie er von sich behauptete: er stieg mir bloß vier mal auf meine Zehen, wobei ich mir aber nichts anmerken ließ.
    Ich war um einiges erleichtert, als wir die Partner wechselten und ich mit Harry tanzen konnte. „Wie oft ist dir Neville eigentlich auf die Zehen gestiegen?“, flüsterte er mir zu, während wir uns zur Musik bewegten. „Viermal.“ Ich grinste. „Da bin ich ja mal gespannt, ob ich das toppen kann!“, meinte Harry. Wir lächelten beide unsicher, dann setzten wir den Tanz fort.

    In der letzten Woche vor den Weihnachtsferien wurde es immer turbulenter. Durch das ganze Schloss schwirrten Gerüchte über den Weihnachtsball, aber ich glaubte nicht einmal die Hälfte davon - zum Beispiel hieß es, dass Dumbledore achthundert Fässer Honigwein bei Madam Rosmerta gekauft hätte. Allerdings schien es zu stimmen, dass er die Schwestern des Schicksals gebucht hatte.
    Einige der Lehrer, etwa Professor Flitwick, gaben es ganz auf, uns zu unterrichten, da wir mit den Gedanken ständig woanders waren. In seiner Stunde am Mittwoch durften wir tun, was wir wollten, und er selbst saß die meiste Zeit bei Harry und sprach mit ihm über seinen tadellosen Aufrufezauber bei der ersten Tunierrunde. Andere Lehrer waren da nicht so großzügig. Nichts in der Welt hätte zum Beispiel Professor Binns davon abgehalten, seine Aufzeichnungen über die Kobold-Aufstände durchzubringen - da Binns sich nicht einmal durch seinen eigenen Tod vom Unterricht hatte abhalten lassen, vermuteten wir, dass eine Kleinigkeit wie Weihnachten ihn sicher nicht aus der Bahn werfen würde. Es war wirklich erstaunlich, wie Binns es schaffte, selbst die blutigsten und grausamsten Zeiten der Geschichte so langweilig klingen zu lassen wie Percys Berichte über Kesselböden.
    Auch Professor McGonagall und Professor Moody hielten uns bis zur letzten Minute ihres Unterrichts auf Trab, und Snape dachte natürlich genauso wenig daran, seinen Unterricht schweifen zu lassen. Er starrte gehässig in die Runde und teilte uns mit, dass er uns in der letzten Stunde zum Thema Gegengifte prüfen würde.
    „So ein Fiesling“, meinte Ron bitter, als wir an diesem Abend im Gemeinschaftsraum saßen. „Am allerletzten Tag kommt er uns noch mit einem Test. Ruiniert die letzte Woche mit einer Unmenge Büffelei.“ „Hmm...du überanstrengst dich auch nicht gerade, oder?“, fragte Mine und schaute ihn über den Rand ihrer Zaubertranknotizen hinweg an. Ron war gerade damit beschäftigt, ein Kartenschloss aus seinen Zauberschnippschnappkarten zu bauen. „Es ist Weihnachten, Hermine“, sagte Harry träge; er saß in einem Sessel am Feuer und las im Buch >Fliegen mit den Cannons<. Mine versetzte auch ihm einen strengen Blick. „Ich hätte gedacht, du tust was Nützliches, Harry, wenn du schon deine Gegengifte nicht lernen willst!“ „Was zum Beispiel?“, fragte Harry abwesend. „Dieses Ei!“, zischte Mine. „Nun ist aber gut, Hermine, ich hab doch noch Zeit bis zum 24. Februar“, erwiderte Harry. „Aber vielleicht brauchst du Wochen, um es rauszufinden“, sagte Mine. „Dann stehst du wirklich da wie ein Idiot, wenn alle anderen die nächsten Aufgabe schon kennen und du nicht!“ „Lass ihn in Ruhe, Hermine, er hat sich eine kleine Pause verdient“, mischte sich Ron ein. Er stellte die letzten zwei Karten auf die Spitze seines Turms, das ganze Kartenhaus explodierte und versengte ihm die Augenbrauen. „Sieht hübsch aus, Ron...passt sicher gut zu deinem Festumhang.“

    Es waren Fred und George. Sie setzten sich an den Tisch zu uns, während Ron mit den Fingern den Brandschaden in seinem Gesicht betastete. „Ron, können wir uns Pigwidgeon ausleihen?“, fragte George. „Nein, er ist mit einem Brief unterwegs“, sagte Ron. „Warum?“ „Weil George ihn zum Ball einladen will“, meinte Fred trocken. „An wen schreibt ihr da eigentlich die ganze Zeit?“, fragte Ron. „Steck deine Nase nicht in unsere Angelegenheiten oder ich verbrenn sie dir auch noch“, sagte Fred und fuchtelte bedrohlich mit dem Zauberstab. „Wie steht’s...habt ihr schon eure Partnerinnen für den Ball?“ „Nee.“ „Tja, ihr solltet euch besser beeilen, sonst sind die besten weg“, meinte Fred. „Und mit wem gehst du?“, fragte Ron. „Angelina“, antwortete Fred wie aus der Pistole geschossen und ohne eine Spur Verlegenheit. „Wie bitte? Hast du sie schon gefragt?“ „Gut, dass du’s sagst“, meinte Fred. Er wandte den Kopf und rief durch den Gemeinschaftsraum: „Hey! Angelina!“ Angelina, die sich am Kamin mit Katie unterhielt, sah zu ihm herüber. „Was gibt’s?“, rief sie. „Willst du mit mir zum Ball gehen?“ Angelina musterte Fred einen Moment lang abschätzend. „Na gut“, sagte sie und wandte sich dann wieder Katie und ihrer Unterhaltung zu. „Na bitte“, meinte Fred, „nichts leichter als das.“

    Er stand auf und gähnte: „Dann nehmen wir eben ‘ne Schuleule. George, komm mit...“ Die beiden gingen hinaus. Ron ließ jetzt seine Augenbrauen in Ruhe und sah Harry an. „Wir sollten tatsächlich was unternehmen...einfach jemanden fragen. Er hat Recht. Wir wollen ja schließlich nicht mit einem Paar Trollinnen aufkreuzen.“ Mine räusperte sich empört. „Einem Paar...was bitte?“ „Na ja - du weißt schon“, meinte Ron achselzuckend. „Ich würd lieber allein gehen als zum Beispiel mit Eloise Midgeon.“ „Entschuldige mal“, meldete ich mich entrüstet zu Wort. „Mit ihren Pickeln ist es in letzter Zeit viel besser geworden - und sie ist wirklich nett!“ „Ihre Nase ist verrutscht“, sagte Ron. Ich bebte vor Zorn. „Oh, verstehe. Du nimmst also das bestaussehendste Mädchen, das mit dir gehen will, selbst wenn sie unausstehlich ist?“ „Äh - ja, so ungefähr“, bestätigte mir Ron. Ich schnaubte verärgert. „Ich geh schlafen“, fauchte Mine, die ebenfalls wenig begeistert schien. „Gute Idee, ich komme mit“, fügte ich hinzu und folgte ihr zur Mädchentreppe.

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    30. Kapitel

    Die Lehrerschaft von Hogwarts, die ganz offensichtlich vorhatte, die Beauxbatons und Durmstrangs zu beeindrucken, schien entschlossen, die Schule dieses Weihnachten von ihrer besten Seite zu präsentieren. Nun wurde sie festlich geschmückt, und ich musste feststellen, dass ich sie noch nie so außergewöhnlich gesehen hatte. An den Geländern der Marmortreppe hingen nichtschmelzende Eiszapfen; die üblichen zwölf Weihnachtsbäume in der Großen Halle waren mit allem Erdenklichen geschmückt, von leuchtenden Stechpalmenbeeren bis zu echten, schuhuhenden Goldeulen; die Rüstungen waren allesamt verhext worden und sangen Weihnachtslieder, wenn man an ihnen vorbeiging. Filch musste wiederholt Peeves aus ihnen herauszerren, wo er sich gern versteckte und einige Lücken in den Liedern mit selbst gebastelten und allesamt sehr unanständigen Reimen füllte.
    Ich löcherte Mine immer noch ständig, mit wem sie denn nun zum Ball ging, doch sie wollte nichts verraten, sooft ich sie auch fragte. Ich selbst hatte noch immer keine Begleitung zum Ball, auch wenn ich ganz genau wusste, mit wem ich dort hingehen wollte. Allerdings traute ich mich nicht, Harry direkt zu fragen, und er wirkte nicht gerade so, als würde er mich fragen. Die Tage verstrichen blitzschnell und ehe ich mich versah war es schon Freitag. Abends saß ich im Gemeinschaftsraum und schrieb den Liedtext ab in mein Tagebuch und versuchte nicht daran zu denken, dass ich immer noch keinen Partner hatte. Im nächsten Moment klappte das Porträt zur Seite und Ron kam, gefolgt von Ginny, herein; mit aschgrauem Gesicht ließ er sich in einen Sessel neben mir fallen. Keine zwanzig Sekunden später erschien auch Harry im Gemeinschaftsraum. „Was ist eigentlich los, Ron?“, fragte ich, während Harry sich neben mich setzte. „Warum hab ich das nur getan?“, stieß Ron hervor. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist!“ „Was denn?“, fragte Harry. „Er - ähm - er hat eben Fleur Delacour gefragt, ob sie mit ihm zum Ball gehen will“, antwortete Ginny. Sie sah aus, als wolle sie ein Lächeln unterdrücken, tätschelte jedoch mitfühlend Rons Arm. „Du hast was?“, fragte Harry verdutzt. „Ich weiß nicht, was mich da geritten hat!“, keuchte Ron. „Was war los mit mir? Da waren Leute - überall - ich muss verrückt geworden sein - und alle haben zugesehen! Es war in der Eingangshalle, sie stand da und unterhielt sich mit Diggory, und ich bin nur so an ihr vorbeigegangen - da hat es mich irgendwie gepackt - und ich hab sie gefragt!“ Ron stöhnte und schlug die Hände vors Gesicht. Er sprach weiter, doch seine Wort waren so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. „Sie hat mich angeschaut, als wär ich eine Meeresschnecke oder so was. Hat nicht geantwortet. Und dann - ich weiß nicht -, dann bin ich wohl wieder zu mir gekommen und bin abgehauen.“ „Sie hat was von einer Veela“, meinte Harry. „Du hattest Recht - ihre Großmutter war eine. Es war nicht dein Fehler, ich wette, du bist in dem Moment an ihr vorbeigegangen, als sie Diggory mit ihrem unglaublichen Charme besprüht hat, und du hast was davon abbekommen - aber das hat ihr nichts genützt. Er geht mit Cho Chang.“ Ron sah auf. „Ich hab sie eben noch gefragt, ob sie mit mir kommen will“, sagte Harry traurig, „und sie hat es mir erzählt.“

    In diesem Moment war es, als würde etwas in mir zerbrechen. Es tat unglaublich weh; ich musste mich beherrschen und aufpassen, dass mir keine Tränen in die Augen stiegen. Harry hatte Cho gefragt. Gut, sie hatte abgelehnt, aber er hatte den Mut aufgebracht und hatte sie gefragt. Offensichtlich hatte er nicht daran gedacht, dass seine beste Freundin noch keinen Partner hatte. Wie benebelt hörte ich zu, wie Ron Harry erzählte, dass Neville offenbar Mine gefragt hatte, die jedoch abgelehnt hatte. Dann sah ich, wie Mine durch das Porträtloch kletterte. „Warum wart ihr nicht beim Abendessen?“, fragte sie Harry und Ron und kam herüber. „Weil sie gerade eben Körbe von zwei Mädchen gekriegt haben!“, informierte Ginny sie. Dies ließ Harry und Ron verstummen. „Wie nett von dir, Ginny“, meinte Ron säuerlich. „Alle gut Aussehenden sind schon weg, Ron?“, sagte Mine schnippisch. Ich wusste nicht, woher diese plötzliche Wut war, die in mir rumorte, doch ich musste sie irgendwie raushalten. „Eloise Midgeon sieht allmählicher immer hübscher aus, oder? Also ich bin sicher, irgendwo findet ihr eine, die euch haben will.“ Ron starrte uns an, als würde er uns plötzlich in einem anderen Licht sehen. „Hermine, Neville hat Recht - du bist tatsächlich ein Mädchen...“ „Oh, gut beobachtet“, entgegnete sie bissig. „Nun ja - du und Liv, ihr beide könnt doch mit uns gehen!“ „Nein, können wir nicht!“, fauchten wir gleichzeitig. „Jetzt habt euch doch nicht so“, sagte Ron ungeduldig, „wir brauchen Partnerinnen, wie stehen wir denn da, wenn wir keine haben, alle anderen haben welche...“ „Ich kann nicht mit einem von euch gehen“, sagte Mine errötend, „weil ich schon jemanden habe.“ Rons Blick flog weiter zu mir. „Was ist mit dir, Liv?“ Auffordernd sah er mich an. Da kochte ich über. „Sag mal, geht’s noch? Ihr hattet ewig viel Zeit, jemanden zu fragen, aber jetzt, weil ihr keine Zeit mehr habt, kommt ihr bei mir angekrochen? Bloß weil ihr ewig gebraucht habt, um zu merken, dass ich ein Mädchen bin, Ron, heißt es nicht, dass es allen so geht! Ich bin also eure letzte Hoffnung, einigermaßen gut dazustehen, eure letzte Lösung? Die Notlösung? Da geh ich doch lieber allein hin, als dass einer von euch mich begleitet!“ Wütend packte ich meine Tasche und rief Mine zu: „Ich geh ins Bett!“ „Liv!“, wollte Harry mich zurückhalten. „Was?“, zischte ich. „Oh - ähm - vergiss es...“ Schnaubend und zitternd vor Wut stapfte ich davon und ging hastig die Treppe zu unserem Schlafsaal nach oben.

    Im Schlafsaal angekommen ließ ich mich wütend auf mein Bett fallen. Es fühlte sich gut an, den beiden endlich mal meine Meinung gesagt zu haben. Endlich hatte ich es mal rausgelassen. Doch das gute Gefühl der Wut verschwand bald und zurück blieb absolute Leere. Wie hatte ich bloß so mit meinen Freunden reden können? Ich verfluchte mein feuriges Temperament, aber ich konnte mich nun mal oft nicht beherrschen. „Liv?“ Ich hatte Mine gar nicht hereinkommen hören. „Ich hätte nicht so mit ihnen reden dürfen, immerhin sind sie unsere Freunde.“ Mine ließ sich auf ihr Bett neben mir fallen. „Na ja, eigentlich war es gar nicht mal so schlecht, dass du ihnen mal ordentlich den Kopf gewaschen hast. Das tut ihnen bestimmt mal ganz gut.“ Sie lächelte müde. „Harry hat Parvati gefragt, ob sie mit ihm zum Ball geht.“ „Und?“ Ich erwartete schon das Schlimmste. „Sie geht schon mit Terry Boot.“ „Na ja, wenigstens hat sie einen Partner.“ „Weißt du, ich glaube, Harry hat sich einfach nicht getraut, dich zu fragen“, meinte sie. „Ach, und deshalb fragt er lieber Cho als mich, obwohl ich seine beste Freundin bin?“ „Er hat höchstwahrscheinlich gedacht, dass er bei dir überhaupt keine Chance hat.“ „Mit wem gehst du jetzt eigentlich zum Ball?“, fragte ich blitzschnell, um Mine aus dem Konzept zu bringen. Sie lief ganz rosarot an, dann flüsterte sie: „Viktor Krum.“ „Wirklich?“, fragte ich. „Oh Hermine, wie schön für dich. Wann hat der dich gefragt?“ „Schon vor zwei Wochen. Du weißt doch noch, dass er vor der ersten Aufgabe immer in der Bibliothek war, oder?“ Ich nickte gespannt. „Er hat mir erzählt, dass er immer da war und versucht hat, mich anzusprechen, doch es ging nicht, weil du und Harry die ganze Zeit da wart und dann auch sein Fanclub aufgetaucht ist.“ Die Röte wollte schon gar nicht mehr aus ihrem Gesicht verschwinden. „Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich für dich freue“, meinte ich und zog sie in eine feste Umarmung. Wenigstens war es schön, dass Mine mit ihrem Partner zufrieden war. Sie grinste und zeigte dabei ihre Zähne. Sie waren gleich lang und gerade... „Mine?“, fragte ich sie, „Was hast du mit deinen Zähnen gemacht?“ Mine lächelte listig. „Du weißt doch noch, dass Malfoy mir diese Beißer verpasst hat, oder? Tja, ich war danach bei Madam Pomfrey, und die hat gesagt, dass sie meine Zähne mit einem Zauber wieder schrumpfen lassen wird, und dass ich einfach sagen soll, wenn sie wieder aussehen wie vorher...“ „Und du hast sie dir einfach weiter schrumpfen lassen?“ Sie nickte. „Meine Eltern sind doch Zahnärzte und wollten immer, dass ich eine Zahnspange trage. Sie waren total dagegen, dass ich sie mit einem Zauber schrumpfe.“ „Du bist einfach genial“, murmelte ich.

    Am darauffolgenden Morgen, es war ein Samstag, saß ich in der Großen Halle am Gryffindor-Tisch und frühstückte. Ich wartete ganz ungeduldig darauf, dass Ron und Harry endlich erschienen, weil ich mich bei ihnen entschuldigen wollte. Ich nippte an meinem Glas mit Kürbissaft, als ich Harry entdeckte, der gerade hereinkam. Keine drei Sekunden saß mir schon gegenüber. „Hör mal, Harry, es...“ „Ist schon gut, Liv, ich weiß doch, wie du bist.“ Harry sah nicht sonderlich sauer aus, weshalb ich erleichtert aufatmete. Er nahm sich einen Toast und strich etwas Butter darauf. Es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis ich sagte: „Also...Hermine hat mir erzählt, dass du Parvati gefragt hast.“ Harry nickte. „Ja, aber sie ist schon verabredet. Allerdings hat sie gesagt, dass Ron mit ihrer Schwester Padma aus Ravenclaw gehen kann.“ Ich lachte nervös. „Dann brauchst nur noch du eine Verabredung...“ Ich aß ein paar Löffel von meinem Haferschleim und versuchte dabei, Harry nicht direkt ins Gesicht zu sehen. „Liv?“ Ich sah auf, direkt in seine smaragdgrünen Augen. „Weißt du, ich wollte dich fragen...ich wollte dich fragen, ob du vielleicht mit mir zum Ball gehen willst.“

    „Ja...ja, warum nicht?“ Harry wirkte, als wäre ihm eine ungeheure Last von den Schultern genommen worden. Ich grinste. „Du hättest mich aber auch schon früher fragen können, Harry. Ich wollte sowieso mit dir zum Ball gehen.“ „Wirklich?“ Ich nickte und spürte, dass ich rot wurde. In diesem Moment rettete mich Ron, der sich plötzlich neben Harry fallen ließ. Wir hatten gar nicht gehört, wie er hereingekommen war. Ich versuchte, mich auch bei ihm zu entschuldigen, doch Ron unterbrach mich sofort. „Du musst dich nicht entschuldigen. Mal ehrlich, ich hab mich benommen wie ein Idiot.“ Ich grinste.

    Nach dem Frühstück rannte ich sofort hinauf in den siebten Stock. Ich hatte mich mit Draco verabredet, doch ich war noch etwas früh dran. Als ich die Tür zum Raum der Wünsche öffnete, erblickte ich eine leere, gerade Fläche. Ich holte meine Rollschuhe aus einer Ecke, zog sie rasch an und fuhr einige Runden durch den Raum. Es fühlte sich unglaublich toll an, wieder auf Rollen zu stehen; meine Locken peitschten mir ins Gesicht, doch ich ignorierte es. Ich drehte mich und versuchte, mich an den Traum zu erinnern, welche Sprünge ich dort ausgeführt hatte. Ich erinnerte mich an den riskantesten Sprung, den ich gesehen hatte und beschloss sofort, ihn auszuprobieren. Ich drehte mich um, lief rückwärts weiter, streckte mein linkes Bein aus, um es sofort mit Schwung nach hinten zu drehen. Ich spürte, wie ich einige Zentimeter vom Boden abhob und mich um meine eigene Achse drehte - und im nächsten Moment krachte ich voller Wucht auf den Boden. Ein stechender Schmerz fuhr durch mein Knie und ich atmete erschrocken aus. Meine Haut war ein wenig aufgeschrammt und ganz rot. Ich hörte gar nicht, wie die Tür aufging und Draco hereinkam und registrierte ihn erst, als er zu sprechen begann. „Was ist passiert?“ Ich richtete mich auf und zuckte zusammen, als der Fuß mit dem zerschrammten Knie auf dem Boden aufkam. „Bist du über deine eigenen Füße gestolpert?“, fragte Draco weiter und betrachtete mein Knie. „Ha ha“, entgegnete ich trocken, „wir sind heute mal wieder witzig...“ Ohne, dass ich es bemerkte, veränderte sich der Raum der Wünsche wieder einmal von selbst. Ich ließ mich auf einem Sofa vor einer Schrankwand voller Bücher nieder und summte den Text meines neuen Lieblingsliedes vor mich hin: „Distant moon, so big and bright...“ Die vertrauten silbernen Strahlen, die sich mit goldenen Lichttupfen verbanden, traten hervor und erhellten den Raum; ich richtete meine Hand auf das Knie, und es war, als wüssten die Strahlen, was sie zu tun hatten. Sie formten und schlangen sich um mein Knie, der Schmerz verschwand sofort und die Wunde schloss sich. Ich zog meine Rollschuhe aus und stellte sie neben das Sofa.

    „Weißt du, eigentlich wollte ich dir erzählen, wer mich zum Ball eingeladen hat.“, meinte ich. „Lass mich raten: Potter!“, spuckte Draco Harrys Nachnamen verächtlich aus. Ich grinste. „Niemand spricht den Namen >Potter< so verachtend aus wie du.“ Draco zeigte mir ein hochnäsiges Lächeln. „Eines meiner vielen Talente. Aber mal zurück zu dir, hast du zugesagt?“ Ich nickte. „Hätt ich mir ja denken können“, murmelte Draco. „Hast du auch schon jemanden gefragt?“, wollte ich wissen. Er nickte. „Wen?“ Draco schien in Gedanken abzuwiegen, ob er es mir sagen sollte. „Pansy Parkinson“, brachte er schließlich doch hervor. Ich prustete los, als ich das hörte. „Du hast das Mopsgesicht gefragt?“ Draco verzog das Gesicht. „Du kannst vielleicht gemein sein.“ „Sie hat’s absolut verdient.“ „Na ja, wenigstens war es nicht sonderlich schwierig, sie zu fragen. Die klebt nämlich ständig an mir, wie Bubbels Bester Blaskaugummi; sie folgt mir auf Schritt und Tritt und vergöttert mich.“ „Das glaub ich dir auf’s Wort“, entgegnete ich spöttisch. „Sie hat doch einen guten Grund, oder?“, sagte er und zeigte an sich hinunter. Ich zog eine Augenbraue nach oben. „Du könntest noch so gut aussehen, aber wenn du keinen Charakter hast, wirst du niemals auch nur von einem Mädchen angesehen werden.“ „Bist du dir da sicher?“, fragte Draco und rückte so nahe an mich heran, dass sich unsere Köpfe fast berührten. Unweigerlich bekam ich eine Gänsehaut und hoffte, dass Draco es nicht bemerkte. Dieser dachte jedoch gar nicht daran, dabei zu stoppen, sondern drückte mich weiter nach unten, bis er schon fast auf mir lag. „Absolut“, brachte ich gerade noch so hervor und versuchte, ihn von mir herunterzuschubsen. „Ganz, ganz sicher?“ Ich legte meine Hände auf seine Schultern und nutzte seine kurze Verunsicherung. Zuckersüß lächelte ich ihn an und klimperte mit den Wimpern. „Vollkommen“, sagte ich, packte ihn an den Schultern und riss ihn mit aller Kraft herum, sodass ich nun diejenige war, die die Überhand hatte. „Immer noch so selbstsicher?“, fragte ich grinsend, als ich seinen überraschten Gesichtausdruck bemerkte. „Selbstverständlich. Was dachtest du denn?“ „Dass du genau das antworten würdest.“ „Du bist wirklich teuflisch.“ „Wenn ich will.“ Sanft strich Draco über meine Oberarme, die links und rechts von ihm auf das Sofapolster aufgestützt waren, und dann weiter zu meinen Hüften. Mich überlief ein wohliger Schauer, was ich nicht wirklich nachvollziehen konnte. Wie konnte es sein, dass ich auf Dracos Berührungen reagierte, aber bei denen von Harry meistens vollkommen ungerührt blieb? Doch diese Frage konnte ich mir nicht beantworten, weil Draco mich im nächsten Moment an den Handgelenken packte und direkt auf den Rücken schleuderte, während er erneut über mir saß. „Wie war das noch einmal, was du gesagt hast? Sogar du lässt dich von mir ablenken!“ Eher von deinen Berührungen, korrigierte ich ihn in Gedanken, während er immer noch meine Handgelenke umklammert hielt. „Lässt du mich bitte los?“, fragte ich. „Hmm...ich hab’ grad keine Lust dazu.“ „Reiz mich ja nicht, Draco Malfoy, oder du wirst es bereuen!“ „Okay, okay“, gab er nach und ließ mich los. „Gute Wahl“, sagte ich grinsend und richtete mich auf. Meine Locken waren nun ganz elektrisiert und einzelne Haare standen nun zur Seite ab. Draco grinste. „Du siehst aus, als wärst du gerade vom Besen gefallen.“ Ich verdrehte belustigt die Augen und begann eine Melodie zu summen. Das vertraute Leuchten erschien; ich legte meine Hand auf mein Haar und sah, wie sich die Strahlen darüber ausbreiteten. Draco starrte mich verblüfft an. Wahrscheinlich hatte er sich noch immer nicht richtig daran gewöhnt, was für eine andere Art der Magie ich beherrschte. Als das Licht erlosch, fuhr ich mir durch das erneut gewellte Haar. Ich grinste, als ich Dracos überraschtes Gesicht sah, und stand auf. „Ich muss los.“, sagte ich und ging zur Tür. „Wir sehen uns“, fügte ich hinzu, bevor ich die Tür hinter mir schloss und zurück zum Gryffindor-Turm rannte.

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    31. Kapitel

    Alle Viertklässler hatten zwar eine Unmenge Hausaufgaben mit in die Ferien bekommen, doch Harry und Ron hatten in den ersten freien Tagen keine Lust zu arbeiten, während Mine und ich Punkt für Punkt auf der Hausaufgabenliste abhaken konnten. Im Gryffindor-Turm war es dieses Jahr während der Ferien sehr viel voller als sonst und die vielen Dagebliebenen machten auch viel mehr Radau als sonst. Fred und George hatten mittlerweile mit ihren Kanariencremeschnitten einen großen Erfolg gelandet, und während der ersten Feiertage geschah es immer wieder, dass einem der Schüler plötzlich Federn wuchsen. Doch es dauerte nicht lange, bis wir alles, was Fred und George uns anboten, mit äußerster Vorsicht genossen, denn es könnte ja Kanariencreme drin sein.

    Dichter Schnee fiel auf das Schloss und die Ländereien. Die blassblaue Beauxbatons-Kutsche sah aus wie ein in Eiswasser getauchter Kürbis, und auch die Bullaugen des Durmstrang-Schiffes waren vereist und die Masten und Leinen weiß gepudert. Die Hauselfen unten in der Küche übertrafen sich selbst mit einer Reihe von wärmenden Eintöpfen und pikanter Nachspeisen, und nur Fleur Delacour fand immer wieder etwas, über dass sie sich beschweren konnte. „Es ist zu schwer, dieses Essen in’Ogwarts“, murrte sie eines Abends, als wir hinter ihr die Große Halle verließen. (Ron ging geduckt hinter Harry, damit Fleur ihn ja nicht sehen konnte.) „Isch werde nischt in mein Abendkleid passen!“ „Oooh, was für eine Tragödie“, feixte Mine, während Fleur nach draußen ging. „Ganz schön eingebildet, unsere Mademoiselle.“ „Hermine - mit wem gehst du zum Ball?“, fragte Ron, vollkommen aus dem Kontext gerissen. Ich lächelte wissend, als Mine eine Braue nach oben zog und meinte: „Ich sag es dir nicht, sonst machst du dich nur über mich lustig.“ Ron drehte sich mir zu. „Bitte, Liv, du weißt doch sicher, mit wem Hermine zum Ball geht, oder?“ „Klar, aber dir werd’ ich es sicher nicht verraten.“ „Machst du Witze, Rosier?“, ertönte Dracos Stimme hinter uns. „Du willst mir doch nicht erzählen, jemand habe >das hier< zum Ball eingeladen? Doch nicht das Schlammblut mit den langen Hauern?“ In meiner Brust begann es zu brodeln; mein Herz klopfte wie ein Hammer gegen meine Rippen, als ich das hämische Grinsen auf Dracos Gesicht sah. Ich musste irgendwie versuchen, in meiner Rolle zu bleiben, auch wenn ich ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte. Mine hingegen schien ganz gelassen zu bleiben. Sie blickte über Dracos Schulter, winkte und rief: „Hallo, Professor Moody!“ Draco erbleichte, sprang erschrocken einen Schritt zurück und sah sich hektisch um, doch Moody saß noch immer am Lehrertisch und löffelte seinen Eintopf. „Was für ein verschrecktes kleines Frettchen du doch bist, Malfoy“, höhnte Mine und schritt lachend mit Harry und Ron im Schlepptau davon. Ich warf noch einen kurzen Blick auf Draco, der zutiefst verärgert wirkte, dann folgte ich meinen Freunden.

    Als wir hinauf zum Gryffindor-Turm gingen, sahen wir plötzlich Pigwidgeon mit einer Pergamentrolle am Bein auf dem eiszapfenbehangenen Treppengeländer sitzen und fröhlich zwitschern.Im Vorbeigehen deuteten ein paar Schüler auf ihn und lachten; eine Gruppe Drittklässlerinnen blieb stehen. „Oh, schaut euch mal diese WInzeule an! Ist die nicht niedlich?“ „Dummes kleines fedriges Biest!“, zischte Ron, nahm ein paar Stufen auf einmal nach oben, packte Pig und schloss ihn in seine Faust. „Das nächste Mal bringst du den Brief gleich zum Empfänger! Ohne zu trödeln und dich wichtig zu machen!“ Pig quetschte den Kopf aus Rons Faust hervor und schuhuhte vergnügt. Die Drittklässlerinnen machten ganz erschrockene Gesichter. „Verschwindet!“, fauchte Ron sie an und fuchtelte mit der Faust. „Hier - nimm du das, Harry!“, fügte er gedämpft hinzu und die Drittklässlerinnen trotteten mit empörten Mienen davon. Ron zog Sirius’ Antwortbrief vorsichtig vom Bein der Eule, Harry steckte ihn in die Tasche, und wir beeilten uns, in den Gryffindor-Turm zu kommen, um den Brief zu lesen.

    Lieber Harry,
    meinen Glückwunsch, dass du an diesem Hornschwanz vorbeigekommen bist. Wer auch immer deinen Namen in den Kelch geworfen hat, wird jetzt nicht sonderlich glücklich sein! Ich wollte dir eigentlich einen Bindhautentzündungs-Fluch vorschlagen, da die Augen die schwächste Stelle eines Drachens sind-

    „Genau das, was Krum gemacht hat!“, flüsterte Mine.

    - aber deine List war besser, Hut ab.
    Jetzt ruh dich aber nicht auf deinen Lorbeeren aus, Harry. Du hast erst eine Aufgabe geschafft; wer immer dich ins Turnier gebracht hat, wird noch genug Gelegenheit haben, dir etwas anzutun. Halt die Augen offen - besonders wenn der, von dem wir gesprochen haben, in der Nähe ist - und achte vor allem darauf, dir keinen Ärger einzuhandeln.
    Schreib mir wieder; ich möchte auch weiterhin von allen ungewöhnlichen Vorkommnissen erfahren.
    Sirius

    „Er hört sich schon so an wie Moody“, sagte Harry leise und steckte den Brief in seinen Umhang. „>Immer wachsam!< Man könnte meinen, ich laufe blind in der Gegend herum und krache ständig gegen Wände...“ „Aber er hat Recht, Harry“, erwiderte Mine, „du hast tatsächlich noch zwei Aufgaben vor dir. Du solltest dir dieses Ei wirklich mal genauer ansehen und allmählich herausfinden, was es zu bedeuten hat...“ „Hermine, er hat noch Ewigkeiten Zeit!“, fauchte Ron. „Lust auf ‘ne Partie Schach, Harry?“ Er nickte. Mine und ich sahen uns an, seufzten gleichzeitig und ließen uns in unsere Sessel zurücksinken. Ich stützte meinen Kopf auf die Arme und sah den beiden beim Schachspiel zu, das Ron mit einem tollen Schachmatt beendete, bei dem ein paar todesmutige Bauern und ein sehr brutaler Läufer die Hauptrollen spielten.

    Am Weihnachtsmorgen erwachte ich ganz plötzlich. Als ich den Vorhang von meinem Himmelbett zur Seite schob, sah ich, wie tanzende, weiche Schneeflocken vor dem Fenster vom Himmel herunterfielen. Die purpurroten Vorhänge der anderen Betten waren noch zugezogen, weshalb ich annahm, dass Hermine, Parvati und Lavender noch schliefen. Vor meinem Bett lag ein kleiner Stapel Geschenke, dem ich mich nun zuwandte. Das erste Paket, das ich öffnete, war von Mrs. Weasley; darin befanden sich zwei große Kürbispasteten, ein Pflaumenkuchen und ein selbstgestrickter Pullover, der in diesem Jahr scharlachrot war. Ich lächelte und beschloss, ihn danach sofort anzuziehen. Beim zweiten Geschenk handelte es sich um eine kleine Schachtel, die ich neugierig öffnete. Darin befand sich eine große weiße Feder und ein Tintenfass. Daneben lag ein kleiner Zettel, den ich hastig durchlas. Harry hatte mir eine Feder geschenkt, die, wenn man schrieb, die Farbe, je nach meinem Gefühlszustand, wechselte. Ich legte die Schachtel auf mein Nachtkästchen und öffnete das Paket von Mine, in dem sich ein Buch befand, das den Titel >Das Leben von Zauberern in der Muggelwelt< trug. Auf der Vorderseite war ein seltsamer schwarzer Kasten abgebildet, in dem sich Bilder bewegten, von dem ich später erfahren sollte, dass er „Fernseher“ genannt wurde. In Rons Geschenk befanden sich meine Lieblingslollis, die die Farbe wechseln konnten, Lakritzschnapper, die sofort aufgeregt nach meiner Hand zu schnappen begannen, und eine riesige Tüte Bertie Botts Bohnen aller Geschmacksrichtungen. Dann entdeckte ich eine winzige dunkelblaue Box, die noch unberührt auf meiner Bettdecke lag. Ich griff nach ihr und hob sie hoch; prüfend drehte ich sie hin und her und registrierte, dass sie nicht besonders schwer war. Schließlich hielt ich es nicht länger aus und zog den Deckel herunter. Auf schwarzem Samt gebettet lag darin ein dünner silberner Armreif, an dem ein Anhänger in Form eines Violinschlüssels lag. Als ich ihn herausnahm, glitzerte der Reif im hereinfallenden Licht. Ich musste gar nicht nach einem Absender suchen, um zu wissen, dass dieses Geschenk von Draco kam. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, dann stand ich auf und begann leise mich anzuziehen.

    Ich zog den scharlachroten Pullover von Mrs. Weasley an und steckte meine goldene Vogelbrosche, die ich letztes Weihnachten von Draco bekommen hatte, daran fest. Dann zog ich mir eine dunkelblaue Jeans an und flechtete zwei Haarsträhnen an meinem Hinterkopf zusammen. Als ich zurück in den Schlafsaal kam, war Mine bereits auf und packte ebenfalls ihre Geschenke aus. „Wow, danke Liv, dieses Buch über die Folgen der Industrialisierung auf die Zaubererwelt, scheint wirklich interessant zu sein!“ Ich nickte zufrieden, dann erwiderte ich ihren Dank für das Buch, das sie mir geschenkt hatte.

    Später trafen wir uns mit Harry und Ron im Gemeinschaftsraum und gingen dann hinunter zum Frühstück. Danach verbrachten wir fast den ganzen Morgen im Turm, wo wir uns über unsere Geschenke austauschten, dann kehrten wir zu einem wundervollen Mittagessen in die Große Halle zurück, wo es hunderte von Truthähne, verschiedene Arten von Plumpudding und bergeweise Kribbels Zauberkräcker gab. Am Nachmittag gingen wir an die frische Luft hinunter auf das Schlossgelände. Der Schnee war noch ganz unberührt, nur die Durmstrangs und Beauxbatons hatten tiefe Schneisen in der Schneedecke hinterlassen. Mine sah bei der Schneeballschlacht, die Harry, Ron, Fred, George und ich veranstalteten, lieber zu. Irgendwann, als meine Füße schon eiskalt waren, verkündete Mine, dass es fünf Uhr war, und sie jetzt nach oben gehen würde. Ich beeilte mich rasch, ihr zu folgen und hörte noch, wie Ron Harry fragte, wie es sein konnte, dass wir volle drei Stunden brauchen würden.

    Erleichtert stellten Mine und ich fest, dass Parvati und Lavender noch nicht das Bad blockierten, als wir wieder im Schlafsaal waren. Während Mine rasch zum Duschen ging, versenkte ich meine Arme tief in meinen Koffer, um sämtlichen Schmuck und Schminkutensilien herauszuholen, die ich finden konnte. Dabei kam ein riesiger Stapel heraus, den ich auf mein Bett fallen ließ. Als Mine aus dem Badezimmer herauskam, zwängte ich mich schnell an ihr vorbei, verriegelte die Tür, schlüpfte aus meinen Klamotten und stellte mich unter die Dusche. Sofort begann das Wasser, wie bei einem Regenschauer, auf mich herunterzuprasseln und ich entspannte mich. Das Wasser rann an mir herunter und ich spürte die Hitze, die sich an dem Fenster deutlich als Dampf zeigte. Als ich in meinem Bademantel wieder herauskam, war Hermine bereits dabei, ihr Kleid aus dem Schrank zu holen. Hastig zog ich die Vorhänge an einem Bett zu und zog mir neue Unterwäsche an, dann tapste ich hinüber zu meinem Schrank und holte mein Ballkleid heraus. Ich schlüpfte hinein und spürte sofort den zarten Stoff auf meiner Haut, der sich an mich schmiegte und elegant zu Boden floss. „Mine?“, fragte ich meine Freundin, die ihr Kleid bereits anhatte. „Ja?“ „Kannst du mir bitte mein Kleid hinten zuschnüren?“ „Klar.“ Mine kam herüber und schnürte den Rücken meines Kleides zusammen. Seltsamerweise kam es mir so vor, als wäre es viel zu locker, aber vielleicht lag es daran, dass mein Korsett zu Hause immer so fest geschnürt war, dass ich nicht mehr atmen konnte.
    Als es fest saß, wandten wir uns den Schuhen zu, die ich alle aus meinem Koffer hervorgeholt hatte. „Wow, du hast echt zu viele Schuhe...“, murmelte Mine, als sie die zwanzig Paar High Heels vor unseren Betten sah. Ich wählte ein silberfarbenes Paar mit niedrigem Absatz, das gut zu meinem blauen Kleid passen würde. Mine überlegte länger, bis sie sich schließlich ein schwarzes Paar aussuchte.
    Danach wollten wir ins Bad, um unsere Haare zu machen, doch Lavender und Parvati machten uns einen Strich durch die Rechnung, denn sie waren schneller im Bad, als ich „Besen“ sagen konnte. Mine setzte schon zu einer empörten Schimpftirade über die beiden an, als ich sie zurückhielt. „Ich hab eine bessere Idee...“

    „Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“, sagte Mine nervös, als wir beide auf meinem Bett saßen und ich gerade meine leuchtende Hand an ihre braunen Locken halten wollte. „Ganz sicher. Da ist noch nie irgendwas schiefgelaufen.“ „Na gut...“ Ich strich mit meiner rechten Hand über ihr bauschiges Haar, das sofort zu trocknen begann und sich zu einer eleganten Hochsteckfrisur verschlungen. Oben waren ihre Haare nun zu einer Art Dutt frisiert, dann fielen sich nach unten über ihre Schulter. Ich steckte einige weiße und violettfarbene Perlen hinein, um dem Ganzen einen gewissen Feinschliff zu verpassen. Als Mine sich vor dem Spiegel drehte, klappte ihr Mund überrascht auf; während ich damit begann, meine Haare zu machen, begann sie bereits, sich dezent zu schminken. Ich flechtete meine Haare nach hinten; unten steckte ich meine Locken zu einem lockeren Dutt zusammen, der mehr als voluminös aussah, da die Locken öfters übereinander lagen. Ich holte einen kleinen „Kamm“ hervor, der reichlich mit weißen Blumen bestückt war, und steckte ihn in den Ansatz des Dutts. Vorne ließ ich zwei gekringelte Locken offen, dann begann ich mich ebenfalls leicht zu schminken.
    Zum Schluss suchten wir uns noch verschiedene Schmuckstücke hervor, die wir tragen wollten. Ich entschied mich für den Armreif, der Draco mir geschenkt hatte, dünne Perlenohrringe und meine Kette; Hermine wählte einen schlichten Ring mit einem Opal darin.
    Als ich auf die Uhr sah, zuckte ich erschrocken zusammen. Es war schon kurz vor acht! In diesem Moment kamen Lavender und Parvati giggelnd aus dem Badezimmer und verstummten schlagartig, als sie uns sahen. „Ihr seht unglaublich aus!“, brachte Parvati hervor, die eine dunkelrote Tunika trug, die mit goldenen Fäden durchworren waren. Lavender hingegen trug ein knallpinkes Kleid, das meiner Meinung nach einfach zu viel Haut zeigte. Ich erwiderte ihr Kompliment, dann gingen Mine und ich nach unten. Im Gemeinschaftsraum fanden sich bereits einige Pärchen, doch ich achtete nicht darauf. Je näher wir der Marmortreppe kamen, an der Harry auf mich warten würde, desto nervöser wurde ich. Was er wohl zu meinem Aussehen sagen würde? Mine lugte um die Ecke und sagte dann: „Harry steht schon unten. Kommst du?“ „Geh lieber schon mal vor“, erwiderte ich unsicher. Ich musste mich noch einen Moment sammeln. „Gut, dann sehen wir uns gleich!“, sagte Mine und verschwand um die Ecke. Ich atmete tief durch, dann sah ich vorsichtig um die Ecke. Am Ende der Marmortreppe stand Harry, und sah suchend nach oben; Reiß dich zusammen!, meinte meine innere Stimme. Ich atmete erneut tief durch, dann trat ich um die Ecke.

    Harrys Sicht:
    Ich bemerkte sofort, als Liv herunterkam. Mein Mund klappte auf und ich lief rot an, und ich musste mich zwingen, mein Kinn wieder nach oben zu drücken. Livs Kleid wirkte, als würde sie funkelnde Sterne tragen, ihre Haut sah aus, als hätte sie in flüssigem Mondlicht gebadet und ihr grünen Augen blitzten. Ich wusste, dass nicht nur meine Blicke auf ihr lagen, doch Liv schien es gar nicht zu bemerken. Langsam kam sie herunter und blieb dann vor mir stehen. „Du siehst gut aus“, sagte sie und lächelte. „Du bist auch schön“, rutschte es mir heraus. Oh Mann, das war ja wohl der dümmste Kommentar überhaupt... „Ähm...ich meine, du bist wunderschön...“ Sie lächelte mich erneut an. „Wollen wir gehen?“, fragte sie. Ich nickte schwach, hielt ihr meinen Arm hin und führte sie hinüber zur Eingangshalle.

    Olivias Sicht:
    Als wir hinüber zu den Flügeltüren gingen, entdeckte ich Ron mit Parvatis Schwester, die nicht gerade sonderlich begeistert wirkte, ihn als Partner zu haben. Ron wirkte genauso wenig entspannt, was ich ihm bei seinem hässlichen Umhang mit dem ausgefransten Kragen nicht verübeln konnte. In diesem Moment schwebte Fleur Delacour vorbei, begleitet von dem Quidditch-Kapitän der Ravenclaws, Roger Davies. In ihrem silbergrauen Seidenkleid sah sie wirklich gut aus. Ihnen folgte eine Gruppe Slytherins, die gerade die Treppe von den Kerkern heraufkamen. Draco führte sie an; er trug einen Anzug aus schwarzem Stoff; an seinem Arm war Pansy Parkinson geklammert, die ein hässliches, altrosafarbenes Kleid trug, das viel zu stark berüscht war. Crabbe und Goyle trugen beide Grün und ähnelten stark moosbewachsenen Geröllblöcken und es wunderte mich nicht, dass beide keine Partnerin abbekommen hatten.

    Plötzlich ertönte Professor McGonagalls scharfe Stimme. „Die Champions hierher, bitte!“ Die schwatzende Menge teilte sich vor uns und Harry und ich gingen nach vorne. Professor McGonagall wies uns an, rechts vor der Tür zu warten, während die anderen schon hineingingen und sich Plätze suchten; erst dann sollten wir feierlich die Große Halle durchqueren. Fleur Delacour und Roger Davies stellten sich direkt vor der Tür auf. Ihnen folgten Cedric und Cho Chang, der Harry jedoch zu meiner Verwunderung keinen einzigen Blick schenkte. Vor uns standen Mine und Viktor Krum, die beide recht glücklich wirkten. Harry schien gerade begriffen zu haben, um wen es sich handelte, als Mine sich umdrehte, und uns bedeutungsvoll zulächelte.
    Als sich die Tore zur Großen Halle öffneten, stakste Krums Fanclub an uns vorbei und warf Mine Blicke voll abgrundtiefer Verachtung zu. Pansy lief mit offenem Mund an ihr vorbei und selbst Draco schien um eine Beleidung verlegen, die er ihr an den Kopf werfen konnte. Ron lief jedoch schnurstracks an Mine vorbei, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.

    Sobald drinnen alle ihre Plätze gefunden hatten, wies Professor uns an, ihr zu folgen. Als wir die Große Halle betraten, begann klassische Musik zu spielen und es ertönte lauter Beifall. Wir machten uns auf den Weg hinauf zu einem großen runden Tisch auf dem Podium, wo die Richter saßen.
    Die Wände der Halle waren mit funkelnden Eiskristallen geschmückt und Hunderte von Girlanden aus Mistelzweigen und Efeu hingen zur Decke hin, von der sanfter Schnee fiel, der mich jedoch gar nicht berührte. Die Haustische waren verschwunden; an ihrer Stelle befanden sich fast hundert kleinere Tische mit hellen Lampen, an denen jeweils ein Dutzend Schüler saßen. In einer Ecke saß das Schulorchester mit weißen Instrumenten, die von Flitwick dirigiert wurden. Von beiden Seiten sah ich tuschelnde Schüler, die mich neugierig, verachtend und interessiert ansahen, was ich jedoch einfach zu ignorieren versuchte.

    Vom Podiumtisch aus lächelte Dumbledore uns glücklich entgegen. Karkaroff wirkte nicht sonderlich interessiert, und Madame Maxime die ihre sonst schwarze Robe durch ein lavendelfarbenes Kleid vertauscht hatte, klatschte den Champions höflich zu. Dann fiel mir erst auf, dass Mr. Crouch fehlte; auf seinem Platz saß Percy. Als wir schließlich den Tisch erreichten, zog Percy den leeren Stuhl neben sich vor und bedeutete Harry, sich zu setzen. Ich ließ mich auf der anderen Seite von Harry nieder. „Ich bin befördert worden“, sagte Percy, noch bevor wir zu Wort kamen. „Ich bin jetzt Mr. Crouchs persönlicher Assistent und als sein Vertreter hier.“ „Warum kann er nicht selbst kommen?“, fragte Harry. Als Percy zu einer Erklärung ansetzte, schaltete ich ab und sah hinunter auf meinen Teller. Noch immer war darauf kein Essen, doch überall standen kleine Speisekarten. Unsicher nahm ich sie in die Hand. Dumbledore studierte jedoch aufmerksam seine Karte, dann sagte er klar und deutlich zu seinem Teller: „Schweinekoteletts!“

    Und Schweinekoteletts erschienen. Alle anderen am Tisch begriffen ebenfalls und griffen nach den Karten. Ich bestellte mir Rehrücken mit Kartoffeln und begann auch sofort zu essen, während ich mich die nächsten zehn Minuten garantiert auf nichts anderes konzentrieren würde.
    Als alle aufgegessen hatten, nickte Dumbledore Professor Flitwick zu, welcher sofort die Schüler des Schulorchesters zusammenrief und sich dann auf seinen Platz begab. „Komm, Harry“, flüsterte ich. „Wir müssen doch tanzen!“ Auch die anderen Champions führten ihre Partner zur großen Tanzfläche; die anderen Schüler erhoben sich, um sich den ersten Tanz anzusehen. Harry wirkte sehr nervös, und wusste nicht mehr, wo er seine Hände hinlegen sollte, weshalb ich ihm kurz helfen musste, und seine Hand auf meine Hüfte legte, was ein unheimliches Kribbeln in meinem Bauch auslöste. Ich lächelte zuversichtlich und flüsterte: „Wir bekommen das schon hin...“ Die Musik begann zu spielen und Harry und ich setzten uns gleichzeitig in Bewegung. Eigentlich tanzte Harry gar nicht mal so schlecht, zumindest trat er mir nicht auf die Füße. Sogar die kurze Hebefigur lief ganz gut; bald schon strömten andere Schüler auf die Tanzfläche und der Fokus lag nicht mehr auf uns. Sobald das Lied zu Ende war, verließen Harry und ich die Tanzfläche. Harry setzte sich hinüber zu Ron und ich machte mich auf die Suche nach etwas Punsch, von dem Dumbledore riesige Karaffen auf einem schlichten Tisch in einer Ecke der Halle hatten stellen lassen.

    Ich hatte mir gerade ein Glas eingeschenkt und war kurz davor, die rotschimmernde Flüssigkeit in mich hineinzukippen, als mir jemand auf die Schulter tippte. Erschrocken drehte ich mich um und fast hätte ich mir den Punsch über mein Kleid geschüttet. Draco grinste überheblich, doch ich versuchte es zu ignorieren. „Du bist nicht so hübsch wie die ganzen anderen Mädchen, die ich gesehen habe.“ Einen Moment lang verstand ich überhaupt nicht, was er eigentlich gesagt hatte. Dann breitete sich brennende Wut in mir aus und ich hätte ihn am liebsten geschlagen. Dracos Grinsen wurde breiter. „Du bist hübscher.“ Ich begann ebenfalls zu lächeln. „Gut gerettet, Malfoy.“ Hastig drehte ich mich nach allen Seiten um, um zu sehen, ob uns irgendjemand beobachtete. „Beruhig dich, Via. Die sind alle mit sich beschäftigt.“ Er deutete auf ein Pärchen hinter sich, das gerade heftig zu knutschen begonnen hatte. Trotzdem fühlte ich mich, als wären tausende Augen auf mich gerichtet. „Schenkst du mir einen Tanz, Via?“, fragte Draco, und hielt mir auffordernd die Hand hin. „Ich weiß nicht...“ „Komm schon! Dann können wir Potter mal zeigen, wie man richtig tanzt.“ Ich wusste zwar nicht wieso, aber mir gefiel die Aussicht auf einen ordentlichen Walzer mit Draco. „Na gut“, stimmte ich schließlich zu und griff nach seiner Hand, um mich hinüber zur Tanzfläche ziehen zu lassen.

    Das Stück neigte sich gerade dem Ende zu, als Draco und ich die Tanzfläche erreichten. Ich drängte mich an einigen Paaren vorbei, bis wir uns mehr in der Mitte befanden. Draco verbeugte sich leicht, was ich mich einem schnellen Knicks erwiderte, dann erklangen die ersten Takte eines neuen klassischen Stücks und wir begannen zu tanzen. Ich spürte Dracos kühle Hand in der meinen, als wir uns drehten; ein Schauer aus blauem Stoff rauschte um mich herum, der sich anhörte, als wäre er die Brandung des Meeres, die gegen hohe Felsklippen schlug. Meine Augen lösten sich nicht von dem durchdringenden Grau in seinen Augen, das so tiefgründig war, dass es sich anfühlte, als würde es direkt in meine Seele blicken, um all meine Wünsche zu erfahren. Tief in mir spürte ich eine unsichtbare Kraft, die mich näher zu Draco zog, und mich zu der Erkenntnis brachte, dass ich bis zum nächsten Morgen in meinen Träumen mit ihm weitertanzen würde, ohne auch nur einmal zu stoppen. Fast war es, als würde ich über den Tanzboden schweben, und würde niemals wieder die Erde berühren. Die Violinen des Orchesters spielten schneller und immer lauter, vereinten sich mit den dumpfen Klängen des Cellos und des Kontrabass, um in mir einen unglaublichen Rausch aufzulösen. Draco griff an meine Hüften und hob mich kurz in eine Hebefigur, bei der sich mein Kleid um mich herum aufbauschte. Sobald meine Füße den Boden wieder berührten, wurden die Geigen leiser, doch wir hörten nicht auf zu tanzen. Im Gegenteil, wir drehten uns im Takt zur Musik; in diesem Augenblick spürte ich meine tiefe Verbindung zur Musik, die mich komplett aufzufüllen schien, und keinen Platz für irgendetwas anderes ließ als aufrichtige Sehnsucht.

    Harrys Sicht:
    Ron und ich hatten uns gerade an einem Tisch niedergelassen; Ron trank ein Glas Punsch und ich war dabei, den Schnee zu betrachten, der von der Decke rieselte, uns aber nicht berührte und auch nicht kalt zu sein schien. In diesem Moment begann Ron laut zu husten, weil er sich offenbar verschluckt hatte. „Was ist, Ron?“, fragte ich, als er plötzlich ganz weiß wurde. „Da“, brachte er hervor und deutete hinüber zur Tanzfläche. Ich folgte seinem Blick, konnte aber zuerst nur einige tanzende Paare entdecken. Doch dann blitzte in der Mitte ein Kleid hervor, das so schön wie der Nachthimmel war. Sofort wusste ich, dass es Liv war. Doch mit wem tanzte sie da? Ein weißblonder Haarschopf kam in meine Sichtweite. Ich schluckte. Das konnte doch nicht wahr sein! Bitte lass es nicht Malfoy sein!, betete ich in Gedanken, doch die Wahrheit traf mich trotzdem wie ein Schlag. Liv tanzte mit Malfoy, demjenigen, der sie fast täglich als Blutsverräterin bezeichnete und Hermine ein Schlammblut nannte! Es war, als hätte jemand mein Herz herausgerissen und ordentlich mit einem Hammer darauf eingeschlagen. Ich wandte mich ab, um nicht mehr hinsehen zu müssen, auch, wenn ich mich dazu zwingen musste.

    Olivias Sicht:
    Es war fast, als ob wir über die Tanzfläche fliegen würden; nach tausenden von Drehungen wirkte es, als würden wir uns schon nicht mehr auf dem Boden befinden. Mein Kleid flog um mich herum und wurde zu einem blauen Schleier, die meinen Blick ganz einnahm. Ich konnte nicht mehr aufhören, mich zu drehen, mich zu bewegen und mich in die endlose Musik fallen zu lassen. Die Geigen wurden leiser und ausschweifender, was das Ende des Stückes ankündigte, und mit einem lauten anhaltenden Ton beendet wurde. Als wir stoppten, blickte ich mich um und bemerkte überrascht, dass außer mir und Draco nur noch wenige Paare auf der Tanzfläche waren und der Rest sich zurückgezogen hatte, um uns zuzusehen. „Entschuldige mich“, flüsterte ich Draco zu, „ich muss mir etwas zu trinken holen.“ Erst jetzt bemerkte ich meine raue Zunge, die nach einer kühlen Flüssigkeit verlangte. Ich verließ hastig die Tanzfläche und ging hinüber zu einem Tisch, an dem ich Harry und Ron entdeckte. Auf dem Tisch standen einige Gläser mit Punsch, von denen ich mir auch sofort eines nahm. Die süße Erfrischung rann mir durch die Kehle und ich ließ mich zufrieden auf den Platz neben Harry fallen. Dieser saß jedoch mit dem Rücken zu mir, was ich irgendwie seltsam fand. „Alles in Ordnung mit dir, Harry?“ „Ja, mal ganz davon abgesehen, dass er dich gerade mit Malfoy hat tanzen sehen!“, blaffte Ron an Harrys Stelle. „Was hast du dir bloß dabei gedacht, Liv?“ „Ich hab mir gedacht, dass ich Lust auf einen richtigen Tanz hatte!“, erwiderte ich scharf. „DU HAST MIT MALFOY GETANZT!“, schrie Ron wütend. In mir begann es schon wieder zu brodeln und ich ließ ihm freien Lauf. „Hör auf dich zu benehmen, als wärst du mein Gewissen, Ron! Ich kann ja wohl selbst entscheiden, mit wem ich tanze! Und außerdem war es nicht einmal so schlimm! Malfoy hat mich weder als Blutsverräterin, oder euch als irgendetwas Schreckliches beschimpft, also reiß dich zusammen!“ Ich drehte mich zu Harry um, der noch kein einziges Wort dazu gesagt hatte. „Und? Hast du dazu nichts zu sagen!“, fragte ich in einem wütenden Rausch. Doch als Harry den Mund aufmachte, mischte Ron sich schon wieder ein: „Du verbündest dich mit dem Feind!“ Ich glaubte, mich verhört zu haben. „Dem Feind? Entschuldigung, Mr. Weasley, falls Sie diesen Gedankengang noch nie hatten, aber wir gehen auf dieselbe Schule wie >die Feinden<! Und hör endlich mal auf, alles nur in Schwarz oder Weiß zu sehen! Nicht alle Slytherins sind schlecht, und nicht alle Gryffindors sind gut! Schalt dein Hirn ein, Ronald Bilius Weasley, und hör auf, alles zu verallgemeinern!“ „Liv-...“ „Nein, Ron, ich hab es satt! Ich hab es satt, mir das anhören zu müssen!“ Ich drehte mich um und machte, dass ich von den beiden wegkam.

    Ich beschloss, dass ich eindeutig frische Luft brauchte und ging durch die Eingangshalle, durch das Portal hinaus in den Rosengarten. Einige Lichterfeen funkelten im Licht, als ich eine Treppe hinunter ging. Die von Büschen eingefassten Pfade waren in weißen Schnee gehüllt; sie endeten in kunstvollen Windungen, an denen große steinerne Statuen aufgestellt waren. Ich ließ mich auf einer Marmorbank am Wegrand nieder und atmete tief durch; meine Wut hingegen wollte nicht verschwinden. Ich war furchtbar sauer auf Ron, weil er mich wegen jeglichem Schwachsinn kritisieren musste. Ich konnte doch selbst entscheiden, mit wem ich tanzen wollte, selbst, wenn das Draco war. Wieso konnte er mich nicht einmal in Ruhe lassen? Meine Gedanken kreisten weiter zu Harry. Wieso hatte er nichts gesagt? War er wütend auf mich, weil ich mit Draco getanzt hatte? Enttäuscht? Verletzt? Vollkommen unberührt? Tausende Fragezeichen drehten sich in meinem Kopf und ich konnte keine einzige Antwort finden. Erst jetzt begann ich zu zittern, und verfluchte mich dafür, dass ich kein langärmliges Kleid angezogen hatte. Die Härchen auf meinen Oberarmen stellten sich auf und ich bekam eine Gänsehaut, wovon ich nicht gerade begeistert war. Es hatte wieder zu schneien begonnen; dünne Eiskristalle legten sich auf den blauen Stoff meines Kleid, worauf man sie gut unterscheiden konnte. Keine glich der anderen... „Liv?“ Ich blickte auf; Harry kam zu mir herüber. Offenbar hatte er nach mir gesucht; er setzte sich zögernd neben mich und wollte wahrscheinlich etwas sagen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Auch blieb einfach stumm und sah nach oben in den dunklen Himmel, von dem unablässig Schneeflocken herunterwirbelten. „Ist dir kalt?“ Fragend sah ich ihn an. „Du hast eine Gänsehaut.“ „Ich weiß.“ „Soll ich-...“, begann Harry und wollte schon seine Jacke ausziehen, als ich ihn zurückhielt. „Nein, nein, schon gut.“ „Aber-...“ „Lass mal.“ Ich begann meine neue Lieblingsmelodie zu summen und blickte mich nach beiden Seiten um, um sicherzugehen, dass niemand kam. Dann schoss der helle Lichtschein hervor, der mich sogleich zu umhüllen schien. Die Mischung aus silbernen und goldenen Strahlen breiteten sich auf meine Arme und meinen Oberkörper aus und floss weiter an meinen Beinen entlang. Keine zwei Sekunden später trug ich ein graues, langärmliges Wollkleid, dicke Stiefel und eine schwarze Strumpfhose. „Sehr viel besser!“

    Harry starrte mich ungläubig an. Erst jetzt fiel mir auf, dass er mich noch nie bei einer solchen Verwandlung gesehen hatte. Ich setzte mich lächelnd wieder neben ihn auf die Bank. „Ich muss zugeben, das hab’ ich nicht erwartet.“, meinte Harry. „Ich weiß.“ „Weißt du“, er schien kurz zu überlegen, „du darfst Ron das nicht so übel nehmen. Er ist einfach...Ron! Du kannst ihn nicht ändern.“ „Schon, aber muss er mich deshalb so blöd anreden?“ „Na ja, für Ron warst du halt gerade in der Position, wo er dich zur Rede stellen musste.“ Ich nickte und verstummte. Meine Wut war längst verraucht; plötzlich bemerkte ich Schritte, die sich über den knirschenden Schnee bewegten. Einige Sekunden später tauchte Ron hinter einer Ecke auf. Harry und ich drehten uns gleichzeitig zu ihm. Rons Blick wanderte von Harry zu mir und wieder zu Harry, dann fragte er: „Störe ich?“ „Überhaupt nicht!“, sagte ich vielleicht etwas zu schnell. Harrys verwirrten Blick bekam ich gar nicht mit. „Lasst uns lieber wieder reingehen, mir wird kalt.“ „Aber du hast doch-...“ „Kommt schon!“ Hinter meinem Rücken zuckten Ron und Harry beide mit den Schultern, doch ich ignorierte es.

    Wir gingen an einem Springbrunnen vorbei, aus dem hohe Fontänen emporschossen. Auf einer anderen Steinbank davor waren schattenhafte Umrisse zweier riesiger Menschen zu erkennen. Dann hörten wir Hagrid sprechen. „Ich hab Sie nur einmal ansehn brauchen, da wusst ich’s“, sagte er mit einer seltsamen rauen Stimme. Harry, Ron und ich erstarrten. Ich wusste, dass das kein Moment war, in den wir einfach so dazwischen platzen konnten. Ich spürte, wie Harry mir auf die Schulter tippte und ich drehte mich um. Den Anblick, der sich mir bot, wollte ich am liebsten sofort wieder aus meinen Kopf bekommen. Fleur Delacour und Roger Davies wurden in der Nähe zwar von einem Rosenbusch versteckt und sie waren gerade wirklich seeeeehr beschäftigt. Rons Augen weiteten sich vor Schreck beim Anblick von Fleur, er schüttelte heftig den Kopf und zog Harry und mich in den Schatten einer riesigen Statue von Rowena Ravenclaw. „Was ‘aben Sie gewusst, ‘Agrid?“, fragte die Stimme von Madame Maxime mit einem deutlichen Schnurren. Bei Merlins Bart! Ich hätte alles getan, um jetzt einfach an einem anderen Ort zu sein. Um nicht zuhören zu müssen, starrte ich wie verrückt auf einen Käfer, der über das Gewand von Rowena krabbelte, aber leider war er einfach nicht interessant genug, um Hagrids nächste Worte zu überhören. „Ich wusst es gleich...Sie sind wie ich...war’s die Mutter oder der Vater?“ „Isch - isch weiß nicht, was sie meinen, ‘Agrid...“ „Bei mir war’s die Mutter“, sagte Hagrid leise. „Sie war eine der Letzten in Britannien. Natürlich kann ich mich nicht mehr gut an sie erinnern...sie ist fortgegangen. Als ich ungefähr drei war. War nicht so der mütterliche Typ. Tja...liegt eben nicht in ihrer Natur, nich. Keine Ahnung, was aus ihr geworden ist...vielleicht ist sie gestorben...“

    Madame Maxime sagte kein Wort. Ich wusste, dass ich nicht zuhören sollte, doch ich hatte Hagrid noch nie über seine Kindheit sprechen hören, weshalb ich die Ohren spitzte. „Dass sie fortging, hat meinem Dad das Herz gebrochen. Winziger kleiner Kerl, mein Dad. Als ich sechs war, konnte ich ihn hochheben und ihn auf den Küchenschrank setzen, wenn er mich geärgert hat. Dann hat er immer gelacht...“ Hagrids tiefe Stimme brach ab. Madame Maxime lauschte reglos. „Dad hat mich großgezogen...aber dann ist er gestorben, gerade als ich in die Schule gekommen bin. Danach musste ich mich selbst durchschlagen. Dumbledore hat mir wirklich geholfen. War sehr freundlich zu mir, muss ich sagen...“ Hagrid zog ein großes Taschentuch hervor und schnäuzte sich markerschütternd. „Tja...wie auch immer...das war’s von mir. Und wie steht’s mit Ihnen? Von wem haben Sie’s?“ Doch Madame Maxime war schon ruckartig aufgestanden. „Mir ist kalt“, meinte sie. Ihre Stimme war fast eisiger als das Wetter hier draußen. „Isch möchte wieder reinge’en.“ „Was?“, fragte Hagrid verdutzt. „Nein, gehen Sie nicht! Ich - ich hab noch nie eine andere getroffen!“ „Eine andere was denn genau?“, fragte Madame Maxime kalt. Wieso konnte Hagrid bloß nicht den Mund halten? „Eine zweite Halbriesin natürlich“, sagte Hagrid. „Wie können Sie es wagen?“, kreischte Madame Maxime. Ihre Stimme klang viel zu laut durch die friedliche Nacht. Ich hörte, wie Fleur und Roger aus ihrem Rosenbusch hervorstürzten und verschwanden. „Man ‘at misch nie im Leben dermaßen beleidigt! ‘albriese? Moi? Isch ‘abe - isch ‘abe große Knochen!“ Sie stürmte davon; Hagrid saß immer noch auf der Bank und starrte ihr nach. Es war zu dunkel, um sein Gesicht sehen zu können. Am liebsten wäre ich zu ihm hinübergegangen und ihn aufgeheitert, doch ich hätte höchstwahrscheinlich eh nicht die richtigen Worte gefunden. Dann stand er auf und ging hinunter zu seiner Hütte. „Habt ihr das gewusst?“, fragte Ron. „Dass Hagrid ein Halbriese ist?“ „Nein“, sagten Harry und ich gleichzeitig, dann fügte Harry hinzu: „Na und?“ „Na ja...sie sind... sie sind...“, Ron rang nach Worten, „nicht besonders nett“, endete er. „Wenn stört das denn? Hagrid ist vollkommen in Ordnung!“, kam es aus mir hervor. „Das weiß ich auch, aber...verdammt noch mal, kein Wunder, dass er bisher den Mund gehalten hat. „Aber was ist denn schon dabei, wenn seine Mutter eine Riesin war?“, fragte Harry verwirrt. „Also, keiner, der ihn kennt, wird sich darum scheren, weil wir wissen, dass er nicht gefährlich ist. Aber die Riesen sind nun einmal bösartig. Wie Hagrid selbst gesagt hat, es liegt in ihrer Natur, sie sind wie Trolle, sie mögen einfach töten, das weiß jeder. In Großbritannien gibt es keine mehr.“ „Was ist mit ihnen passiert?“, wollte Harry wissen. Nun schaltete ich mich ein. „Sie waren ohnhin schon vom Aussterben bedroht und dann haben die Auroren viele von ihnen umgebracht. In anderen Ländern soll es auch noch Riesen geben...sie leben meist versteckt in den Bergen...“ „Ich weiß nicht, wen die Maxime eigentlich täuschen will“, sagte Harry. „Wenn Hagrid ein Halbriese ist, dann ist sie es eindeutig auch. Von wegen große Knochen...das Einzige, was größere Knochen hat als sie, ist ein Dinosaurier.“

    „Lasst uns zurückgehen“, murmelte ich; mit einem hellen Leuchten verschwand das Wollkleid und wurde zu meinem meerblauen Ballkleid. Ich ignorierte Rons und Harrys Blicke; vielleicht verpasste ich ja, wie ich dem Schein nach unglaublich aussah, wenn ich mit meinen Kräften „herumspielte“. Als die Wärme mich schließlich wieder umschloss, sobald wir in die Eingangshalle kamen, fühlte ich mich erleichtert und versuchte das Gespräch von Hagrid und Madame Maxime einfach zu vergessen. Harry und Ron machten Anstalten, zurück in die Große Halle zu gehen, doch in diesem Moment dachte ich mir, dass ich gerade wirklich ungerne mitkommen würde. Irgendwie hatte ich keine Lust dazu, mich in diesen vollen Saal zu begeben, wo mich jedes zweite Mädchen neidisch anstarren würde, weil ich ja mit Harry Potter zum Ball ging...mal ehrlich, wer würde unter diesen Umständen gerne wieder in die Große Halle gehen? „Ich geh ins Bett, Jungs“, sagte ich deshalb, und bevor einer von ihnen etwas dazu sagen konnte, war ich schon die Marmortreppe nach oben gerannt und verschwunden.

    Harrys Sicht:
    Ich sah Liv nach, wie sie hinter einer Ecke verschwand und das letzte Stück ihres Kleids nicht mehr zu sehen war. Ich verzog das Gesicht bei der Vorstellung, dass Ron und ich gleich wieder zwischen tanzenden Pärchen an einem Tisch sitzen würden. „Du magst sie“, sagte Ron. „Ach wirklich? Das ist mir noch überhaupt nicht aufgefallen!“, erwiderte ich ironisch. „Vielleicht solltest du mal mit ihr reden.“, schlug Ron vor, worauf ich jedoch sofort den Kopf schüttelte. Ich konnte unsere Freundschaft dafür einfach nicht riskieren, das war es mir nicht wert. „Ich kann nicht.“ „Ich glaube, Liv mag dich auch.“ „Ja, als Freund...“ „Nein, ich glaube, dass sie dich mehr als nur einen Freund mag! Möglicherweise denkt sie genauso wie du, und will deshalb nicht zu ihren Gefühlen stehen.“ „Wow, Ron, so kenne ich dich gar nicht! Ist irgendwas mit dir?“ „Lenk hier nicht vom Thema ab, Harry. Irgendwann musst du ihr die Wahrheit sagen, mit der Zeit machst du alles nur schlimmer.“

    Olivias Sicht:
    Im Schlafsaal war es bereits dunkel, als ich hereinkam. Hermine, Lavender und Parvati waren immer noch auf dem Ball und so hatte ich den Raum für mich allein. Ich hatte keine Lust, das Licht anzumachen und mich schon umzuziehen. Ich wusste nicht, was mich dazu brachte, aber ich ging hinüber zu meinem Koffer und holte das Tagebuch heraus, das Professor Lupin mir letztes Jahr geschenkt hatte. Ich spürte das dicke Pergament zwischen meinen Fingern, als ich die Seiten durchblätterte, bis ich das Blatt gefunden hatte, das ich gesucht hatte. Lily Evans und Lindsay Winter sahen mir entgegen und winkten. Ich schloss die Augen und versuchte mir die Ereignisse des heutigen Abends ins Gedächtnis zu rufen. Wie ich mit Harry getanzt hatte, wie Draco mich doch dazu überredet hatte, ihm nur einen einzigen Tanz zu schenken... Wenn ich daran dachte, konnte ich mich deutlicher an den Tanz mit Draco erinnern, als mit dem mit Harry. Der erste Tanz schien nur so an mir vorbeizurauschen, nichts blieb hängen, kein Blick, keine Berührung, nichts... Hingegen erinnerte ich mich an jedes kleine Detail von dem Tanz mit Draco. Seine grauen Augen, die den Blick nicht von mir abwandten, unsere Hände, die in einander verschränkt gewesen waren, die Musik, die die Luft um uns herum erfüllt hatte, das Gefühl, zu schweben,... War das normal? War das gut oder schlecht? Ich sah hinunter auf das Bild. Was meine Mutter wohl sagen würde, wenn sie jetzt hier wäre? Um ehrlich zu sein hatte ich keine Ahnung. Ich vermisste sie, obwohl ich mich kaum an sie erinnern konnte, war das nicht verrückt? Ich stand auf, weil ich den Anblick des Fotos nicht mehr ertragen konnte, und ging hinüber ins Bad, ohne das Licht anzumachen. Ich lehnte mich gegen das Waschbecken und starrte in den Spiegel. Mein Haar sah so weit ganz in Ordnung aus, meine Wangen waren etwas gerötet, doch das war mir gerade eh egal. Ich wollte nicht mehr an meine Mutter denken, an meine biologische Mutter genauso wenig, wie an meine Adoptivmutter. In diesem Moment wünschte ich, ich wäre wie alle anderen, ohne besondere Kräfte, ohne einem gestörten Adoptivvater, mit biologischen Eltern, die nicht möglicherweise schon tot waren, und vor allem ohne einer solchen Verwirrung in mir.

    Ich war gerade dabei, in Selbstmitleid zu ertrinken, als mich plötzlich etwas davon losriss. Der ganze Raum war von silbernem Licht erfüllt; zuerst bemerkte ich gar nicht, woher es kam, doch dann stach es mir praktisch ins Auge. Auf meinem rechten Oberarm leuchtete etwas so hell, dass ich mehrmals blinzeln musste, bevor ich es genau sah. Ich hatte das Muttermal, das dieselbe Form wie meine Kette hatte, nicht mehr richtig wahrgenommen, seit es zum Ende meines ersten Schuljahres auf Hogwarts dort aufgetaucht war. Doch nun glühte es regelrecht und ich schaffte nicht, es zu ignorieren. Das Muttermal war zwar nur in etwa so groß wie ein Fingernagel, war aber nicht zu übersehen. Zögernd berührte ich die silberne Stelle, doch nichts tat sich. Was hatte ich auch erwartet? Doch als ich mit den Fingern darüberfuhr, wurde es schwächer und schwächer und verschwand schließlich. Zurück blieb nur ein hellbrauner Fleck in Form des Anhängers meiner Kette. Ich wusste nicht, wie lange ich einfach nur dastand, und auf die Stelle starrte und erwartete, das sie wieder anfing zu leuchten, was sie jedoch nicht tat. Mir kam es vor wie mehrere Stunden, doch in Wirklichkeit waren es höchstwahrscheinlich nur fünf Minuten, in denen ich den Blick nicht von dem Mal lassen konnte.

    Zwanzig Minuten später lag ich im Bett, umgezogen, mit offenen Haaren und kurz davor, einzuschlafen. Die anderen waren noch nicht zurück; draußen war es totenstill. Durch die schwarze Nacht schwebten hunderttausende Schneeflocken, die kein einziges Geräusch hinterließen. Unter der scharlachroten Bettdecke war es angenehm warm und gemütlich und ich konnte mir keinen einzigen Ort vorstellen, an dem ich jetzt lieber sein würde. Ich kuschelte mich an mein Kissen und schloss die Augen; ich ließ den Tag vor meinen Augen vorbeiziehen, während ich an dem silbernen Armreif herumspielte, den Draco mir geschenkt hatte, und bemerkte gar nicht, wie ich in einen tiefen Schlaf glitt.

    Ich fand mich in einem schneeverhangenen Garten wieder, den ich schon einmal in einem Traum gesehen hatte. Links von mir befand sich ein kleiner See, der zugefroren war, weshalb man wahrscheinlich darauf Schlittschuh laufen konnte. Rechts befand sich eine große Baumgruppe; vielleicht wirkten sie auf mich aber auch so groß, weil ich sie von weiter unten sah als sonst. Vor mir befand sich ein großer Baum, vielleicht eine Eiche, an der eine Schaukel hing, auf der ein kleines Mädchen saß und hin und her schwang. Ihre braunen Locken sprangen auf und ab, als sie sich nach hinten lehnte und laut aufjuchzte. „Ich kann fliegen!“, rief sie mit heller Stimme, als die Schaukel wieder nach vorne schwang. Ein glockenhelles Lachen folgte. Lächelnd betrachtete ich sie, wie sie da hin und her schwang, ohne sich Gedanken zu machen. Das Mädchen war vielleicht ein bis zwei Jahre alt und trotzdem erinnerte sie mich an mich selbst. „Schatz!“, ertönte dann eine Stimme aus der Ferne, die mich zusammenzucken ließ. Sie klang wie eine Melodie, es war die Stimme meiner Mutter... „Schatz, kommst du? Dein Großvater ist aus der Stadt zurück, er hat dir etwas mitgebracht!“ „Ich komme, Mummy!“, rief das Mädchen, sprang von der Schaukel und rannte auf einem geharkten Weg hinüber in die Richtung, aus der die Stimme kam. Ich wusste nicht, was mich dazu trieb, doch ich folgte ihr den Weg entlang. Kurz darauf kam das Mädchen wieder in Sicht. Wegen meinem dummen Blickwinkel konnte ich das Gesicht des Fremden nicht genau erkennen, doch ich nahm an, dass es der Großvater des Mädchens war. „Großvater!“, rief sie und rannte auf ihn zu, was sie erstaunlich gut konnte für eine Einjährige. „Na, meine Sonne, hast du mich vermisst?“, fragte eine andere Stimme, die eindeutig männlich war. Es war wohl ihr Großvater; er hob sie hoch, weshalb das Mädchen zu lachen begann. Bevor ich das Gesicht des Mannes erkennen konnte, verschwamm das Bild vor mir und alles wurde schwarz.

    Erschrocken fuhr ich aus dem Schlaf hoch. Ich musste erst einmal die Informationen in meinem Gehirn verarbeiten, bevor ich wieder zu denken beginnen konnte. Ich hatte Lindsays Stimme gehört; ich hatte mich selbst gesehen, als ich noch ganz klein gewesen war; ich hatte einen Großvater! Ich hatte einen Großvater... Ob er wohl noch lebte? Der Stimme nach zu urteilen, war er noch nicht besonders alt gewesen, doch diese Erinnerung war bereits dreizehn Jahre alt... Egal, wie oft ich die Ergebnisse in meinem Kopf überschlug, ich kam immer zu ein und denselbem Ergebnis: Ich hatte möglicherweise einen Großvater! Ich konnte es kaum fassen! Am liebsten wäre ich sofort aufgestanden, doch mein Verstand riet mir, mich lieber wieder hinzulegen, was ich schließlich auch tat. Keine Minute später war ich wieder in tiefem Schlaf versunken.

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    32. Kapitel

    Am zweiten Weihnachtstag standen alle erst spät auf. Im Gemeinschaftsraum war es so ruhig wie schon lange nicht mehr; der Zauber war nun wieder aus Mines Haaren verschwunden und sie waren wieder so buschig wie sonst. Wir erzählten ihr, was Hagrid Madame Maxime erzählt hatte, doch sie schien nicht annähernd überrascht zu sein. Mine meinte, sie hätte schon lange vermutet, dass Hagrid ein Halbriese war; ein Riese könne er ja nicht sein, da die normalerweise 7 Meter groß wurden. Als sie sagte, dass sie sicher missverstandene Wesen war, war Ron kurz davor, einen höhnischen Kommentar dazwischenzuwerfen, doch ich brachte ihn mit einem eisigen Blick zum Schweigen.

    Es lag noch immer hoher Schnee, und die Fenster des Gewächshauses waren so dicht beschlagen, dass wir während Kräuterkunde nicht einmal nach draußen sehen konnten. Bei einem solchen Wetter hatte niemand sonderlich Lust auf Pflege magischer Geschöpfe, obwohl Ron sagte, als wir hinuntergingen, dass die Kröter uns höchstwahrscheinlich ganz schon einheizen würden, oder dass ihre Rümpfe explodieren würden, um somit Hagrids Hütte Feuer fangen zu lassen. Vor der Hütte sahen wir allerdings nur eine ältere Hexe mit kurzen grauen Haaren und einem energischen spitzen Kinn vor der Tür stehen. „Nun beeilt euch mal, es hat schon vor fünf Minuten geläutet“, blaffte sie die ganze Klasse an, als wir durch den Schnee auf sie zustapften. „Wer sind Sie?“, fragte Ron. „Wo ist Hagrid?“ „Mein Name ist Professor Raue-Pritsche“, erwiderte sie barsch, „ich bin eure Vertretung in Pflege magischer Geschöpfe.“ „Wo ist Hagrid?“, wiederholte Harry lauter. „Er fühlt sich nicht wohl“, antwortete Professor Raue-Pritsche knapp. Hinter mir hörte ich ein leises, unangenehmes Lachen. Ich drehte mich um; Draco und die anderen Slytherins waren zu uns gestoßen. Ihnen allen stand die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben, und keiner von ihnen schien überrascht, Professor Raue-Pritsche hier zu sehen. „Hier lang, bitte“, sagte diese gerade und ging mit schnellen Schritten an der Koppel entlang, auf der die riesigen Beauxbatons-Pferde standen. Harry, Ron, Mine und ich folgten ihr und warfen Blicke über die Schulter zurück zu Hagrids Hütte. Alle Vorhänge waren zugezogen. Ob Hagrid dort drin saß, krank und allein? „Was fehlt Hagrid denn?“, fragte Harry und versuchte mit Professor Raue-Pritsche Schritt zu halten. „Das geht dich nichts an“, erwiderte die Professorin scharf. „Tut es allerdings“, meinte Harry gereizt. „Was ist los mit ihm?“ Professor Raue-Pritsche tat so, als ob sie ihn überhaupt nicht hören würde.

    Sie führte uns an der Koppel vorbei und auf einen Baum am Waldrand zu. Ein Einhorn war an den Baum gebunden. Von vielen Mädchen war ein „Uuuuuuh“ zu hören. Normalerweise hätte ich nun die Augen verdreht, doch in diesem Fall konnte ich das einfach nicht tun. Selbst ich fand dieses Tier im wahrsten Sinn des Wortes einfach umwerfend. Das Einhorn war so gleißend weiß, dass der Schnee um es herum grau schien. Es stampfte nervös mit seinen goldenen Hufen auf und warf seinen gehörnten Kopf zurück. „Jungen zurückbleiben!“, bellte Professor Raue-Pritsche. „Sie ziehen die Hand einer Frau vor, diese Einhörner. Mädchen kommt her, aber nicht alle, sonst wird es nervös.“ Während Mine sofort auf das Einhorn zuging, zog ich es vor, lieber mit Ron und Harry am Zaun zu bleiben. Sobald Professor Raue-Pritsche außer Hörweite war, drehte ich mich zu den beiden um. „Was meint ihr, ist mit Hagrid los? Hat ihn vielleicht ein Kröter-?“ „Oh, er wurde nicht angegriffen, wenn du das meinst, Rosier“, sagte Draco leise hinter mir. Wütend vor ich zu ihm herum. „Woher willst du das wissen, Malfoy?“, warf ich ihm an den Kopf. „Er schämt sich nur zu sehr, um sein großes hässliches Gesicht zu zeigen.“ „Was meinst du damit?“, fragte Harry scharf. Draco steckt die Hand in seinen Schulumhang und zog eine zusammengefaltete Zeitungsseite heraus. „Hier, lies“, sagte er. „Tut mir ja unendlich leid, dass du es erfahren musst, Potter...“ Er grinste höhnisch, als Harry ihm das Blatt aus der Hand riss, es auffaltete und zusammen mit Ron und mir durchlas. Es war ein Artikel mit einem Bild von Hagrid, auf dem er irgendwie verschlagen aussah.

    Dumbledores Riesenfehler

    Albus Dumbledore, der exzentrische Direktor von Hogwarts, der Schule für Zauberei und Hexerei, hat sich noch nie gescheut, Stellen mit umstrittenen Personen zu besetzen. Im September dieses Jahres stellte er Alastor „Mad-Eye“ Moody ein, den berüchtigten, schockzauberfreudigen Ex-Auroren, und zwar als Lehrer zur Verteidigung gegen die dunklen Künste. Diese Entscheidung hat im Zaubereiministerium einiges Kopfschütteln ausgelöst, da Moody durchaus bekannt dafür ist, dass er gewohnheitsmäßig jeden angreift, der in seinem Umkreis auch nur eine plötzliche Bewegung macht. Mad-Eye Moody jedoch kommt einem ganz vernünftig und freundlich vor, wenn man ihn mit dem Halbmenschen vergleicht, den Dumbledore Pflege magischer Geschöpfe unterrichten lässt.
    Rubeus Hagrid, der zugibt, dass er in seinem dritten Schuljahr von Hogwarts geflogen ist, hat seither die Stelle eines Wildhüters an der Schule inne, eine Arbeit, die ihm Dumbledore besorgt hat. Letztes Jahr allerdings hat Hagrid seinen unheilvollen Einfluss auf Dumbledore dazu eingesetzt, sich zusätzlich die Stelle eines Lehrers für die Pflege magischer Geschöpfe unter den Nagel zu rießen, ohne Rücksicht auf viele besser ausgebildete Kandidaten.
    Hagrid, ein beängstigend großer und wild aussehender Mann, nutzt seitdem seine neu gewonnene Autorität, um die ihm anvertrauten Schüler mit einer Reihe grauenhafter Kreaturen in Angst und Schrecken zu versetzen. Während Dumbledore beide Augen zudrückte, hat Hagrid in einigen seiner Unterrichtsstunden, die viele als „sehr beängstigend“ beschreiben, dafür gesorgt, dass mehrere Schüler schwer verletzt wurden.
    „Ich wurde von einem Hippogreif angegriffen und mein Freund Vincent Crabbe ist von einem Flubberwurm ganz schlimm gebissen worden“, berichtet der Viertklässler Draco Malfoy. „Wir alle hassen Hagrid, aber wir haben zu viel Angst, um etwas zu sagen.“
    Hagrid hat freilich nicht die Absicht, seine Einschüchterungskampagne zu beenden. Im Gespräch mit einer Reporterin des Tagespropheten gab er letzten Monat zu, dass er Geschöpfe gezüchtet habe, die er „Knallrümpfige Kröter“ nennt, eine höchst gefährliche Kreuzung zwischen Mantikor und Feuerkrabbe. Die Züchtung neuer Kreuzungen magischer Geschöpfe steht natürlich unter der strengen Kontrolle der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. Hagrid jedoch scheint sich über solch kleinliche Beschränkungen erhaben zu fühlen. „Es hat mir einfach Spaß gemacht“, sagte er, um dann hastig das Thema zu wechseln.
    Als ob dies nicht genug wäre, hat der Tagesprophet Beweise dafür gefunden, dass Hagrid kein - wie er immer vorgab - reinblütiger Zauberer ist. Er ist in Wahrheit nicht einmal ganz Mensch. Seine Mutter, so können wir jetzt exklusiv berichten, ist keine andere als die Riesin Fridwulfa, deren Aufenthalt gegenwärtig unbekannt ist.
    Blutrünstig und gewalttätig, wie sie sind, brachten sich die Riesen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts durch Kriege untereinander selbst an den Rand des Aussterbens. Die wenigen, die übrig geblieben waren, schlossen sich den Reihen von Du-weißt-schon-wem an und verübten während seiner Schreckensherrschaft einige der bestialischsten Massenmorde an Muggeln. Zwar wurden viele Riesen, die Du-weißt-schon-wem dienten, von Auroren im Kampf gegen die dunklen Kräfte getötet, doch Fridwulfa entkam. Es ist möglich, dass sie Zuflucht in einem der Riesen-Dörfer gefunden hat, die es in Bergregionen anderer Länder noch immer gibt. Nach seinem Gebaren als Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe zu schließen, hat Fridwulfas Sohn jedoch offensichtlich ihr gewalttätiges Wesen geerbt.
    Eine makabre Seite dieser Geschichte ist nun, dass Hagrid, wie zu hören ist, eine enge Freundschaft zu dem Jungen aufgebaut hat, der den Sturz des Unnennbaren herbeiführte - und damit Hagrids Mutter und die übrig gebliebenen Anhänger des Unnennbaren in den Untergrund getrieben hat. Vielleicht kennt Harry potter die unangenehme Wahrheit über seinen großen Freund gar nicht - oder Albus Dumbledore hat gewiss die Pflicht, dafür zu sorgen, dass Harry Potter und seine Mitschüler vor den Gefahren, die ihnen beim Umgang mit Halbriesen drohen, gewarnt werden.
    Rita Kimmkorn

    Als ich fertig gelesen hatte, stellte ich mir nur eine einzige Frage: Wie hatte sie das herausgefunden? Es war niemand da gewesen, der Hagrid und Madame Maxime hätte belauschen können, wir hätte diese Person sicher entdeckt. Die Münder von Harry und Ron standen beide offen; offensichtlich konnten sie nicht fassen, was da für Lügen über Hagrid geschrieben wurden. In mir kochte die Wut jedoch hoch. „Was soll das heißen, >Wir alle hassen Hagrid<?“, fauchte ich Draco an. „Was soll der Mist, von wegen der hier“ - ich zeigte auf Crabbe - „hätte einen üblen Biss von einem Flubberwurm abbekommen? Die haben doch nicht mal Zähne!“ Crabbe kicherte, er war höchst zufrieden mit sich. „Tja, ich vermute mal, das wir die Lehrerlaufbahn dieses Idioten beenden“, meinte Draco höhnisch grinsend. „Ein Halbriese...und ich hab doch tatsächlich geglaubt, er hätte als Kind ’ne ganze Flasche Skele-Wachs ausgetrunken...die Mamis und Papis werden das überhaupt nicht gerne hören...Sie werden Angst bekommen, dass er ihre Kleinen frisst...“ „Du-...“, setzte ich an, verstummte jedoch, als ich Professor Raue-Pritsches Stimme hörte. „Hört ihr da drüben eigentlich zu?“ Ich war so wütend, dass ich mich zusammenreißen musste, um nicht gleich laut loszuschreien und Draco die Haare zu Stacheln zu zaubern. Mit leerem Blick starrte ich auf das Einhorn, dessen Eigenschaften Professor Raue-Pritsche nun begann zu beschreiben.

    Als wir nach dieser Stunde zurück zum Schloss gingen, war Mine ganz begeistert. „Das war wirklich eine gute Unterrichtsstunde“, sagte sie, als wir die Große Halle betraten. „Ich habe nicht mal die Hälfte von dem gewusst, was uns Professor Raue-Pritsche über Ein-...“ „Schau dir das an!“, knurrte Harry und drückte ihr den Artikel des Tagespropheten in die Hand. Mines Mund klappte beim Lesen langsam auf. „Wie hat diese fürchterliche Kimmkorn das rausbekommen? Ihr glaubt doch wohl nicht, dass Hagrid ihr das selbst erzählt hat?“ „Nein“, erwiderte Harry, als wir uns auf vier Plätze am Gryffindortisch fallen ließen. „Er hat es doch nicht mal uns erzählt, oder? Ich schätze, sie war sauer, weil er ihr keine Horrorgeschichten über mich erzählt hat, und hat dann rumgeschnüffelt, um es ihm heimzuzahlen.“ „Vielleicht hat sie gehört, wie er es am Ballabend Madame Maxime erzählt hat“, vermutete ich zweifelnd. „Dann hätten wir sie doch draußen im Garten sehen müssen!“, antwortete Ron. „Außerdem darf sie sich in der Schule gar nicht mehr blicken lassen, Hagrid meinte, Dumbledore hätte ihr Hausverbot erteilt...“ „Vielleicht hat sie einen Tarnumhang“, sagte Harry wütend. „Das sieht ihr ähnlich, sich in Büschen zu verstecken und Leute zu belauschen.“ „Wie ihr drei, willst du wohl sagen“, entgegnete Mine. „Wir wollten sie doch gar nicht belauschen!“, verteidigte ich mich und die Jungs. Ron nickte. „Wir hatten keine andere Wahl!“ „Wir müssen zu ihm und sehen, wie es ihm geht“, sagte Harry. „Heute Abend, nach Wahrsagen. Ihm sagen, dass wir ihn wiederhaben wollen...Du willst ihn doch ach wieder?“, fragte er mit wütendem Blick zu Mine gewandt. „Ich - nun ja, ich will nicht so tun, als wär es keine schöne Abwechslung gewesen, mal eine richtige Stunde Pflege magischer Geschöpfe-...“ Unter Harry wütendem Blick gab sie jedoch klein bei und fügte rasch hinzu: „Aber natürlich will ich Hagrid wiederhaben!“

    So gingen wir also nach dem Abendessen noch einmal aus dem Schloss und über den gefrorenen Abhang hinunter zu Hagrids Hütte. Wir klopften an und Fang antwortete prompt mit freudigem Gebell. „Hagrid, wir sind’s!“, rief Harry und trommelte gegen die Tür. „Mach auf!“ „Bitte, Hagrid!“, fügte ich hinzu. Er gab keine Antwort. Wir hörten Fang an der Tür kratzen und winseln, doch Hagrid machte nicht auf. Zehn mInuten lang hämmerten wir abwechselnd gegen die Tür; Ron ging sogar um die Ecke und klopfte an ein Fenster, doch nichts rührte sich. „Warum will er uns nicht sehen?“, fragte Mine, als wir schließlich aufgegeben hatten und zurück zum Schloss gingen. „Er denkt doch nicht etwa, es würde uns was ausmachen, dass er ein Halbriese ist?“

    Doch es hatte ganz den Anschein, als würde es Hagrid selbst etwas ausmachen. Die ganze Woche über war keine Spur von ihm zu sehen. Er erschien nicht zum Essen am Lehrertisch, er ging nicht seinen Pflichten als Wildhüter auf den Ländereien nach, und Pflege magischer Geschöpfe hatten wir weiter bei Professor Raue-Pritsche. Draco feixte bei jedem sich bietenden Gelegenheit. Ich versuchte es zu verbergen, doch innerlich traf es mich wirklich sehr, dass einer meiner Freunde sich über Hagrids Elend lustig machte, vor allem Draco. „Sag mal, Liv, könntest du ihn mit deinen Kräften nicht zum Schweigen bringen?“, fragte Harry mit den Zähnen knirschend, als Draco ihn gerade mal wieder damit aufgezogen hate. „Theoretisch schon, aber willst du, dass ihm danach alle Zähne fehlen, weil ich mich nicht richtig konzentriert habe?“ Harrys Gesicht hellte sich auf. „Das wäre sogar noch besser.“, sagte er, worauf ich bloß belustigt die Augen verdrehte.

    Mitte Januar war wieder ein Besuch in Hogsmeade angesagt. Mine war sehr überrascht, dass Harry mitkommen wollte. „Ich dachte eigentlich, du würdest die Gelegenheit vernünftig nutzen, wo es doch im Gemeinschaftsraum ausnahmsweise mal ruhig ist“, meinte sie. „Du musst dich endlich um dieses Ei kümmern.“ „Oh, ich - ich glaub, ich weiß schon ziemlich genau, um was es geht“, erwiderte Harry. Irgendetwas in mir sagte mir, dass er log. „Ach wirklich?“, fragte Mine, offensichtlich beeindruckt. „Nicht schlecht!“

    Am Samstag verließ ich mit Harry, Ron und Mine das Schloss und wir machten uns auf den Weg durch die verschneiten Wiesen hinüber zum Tor. Harry und ich hielten den ganzen Weg die matschige Hauptstraße entlang Ausschau nach einem Zeichen von Hagrid, doch als wir uns vergewissert hatten, dass Hagrid in keinem der Läden war, schlug Harry vor, einen kleinen Abstecher in die Drei Besen zu machen.

    Der Pub war wie immer gut besucht; wir gingen hinüber zur Bar und bestellten bei Madam Rosmerta vier Butterbier. „Geht der eigentlich nie in sein Büro?“, fragte Mine plötzlich. „Seht mal!“ Es war tatsächlich merkwürdig; Ludo Bagman saß hinter der Bar mit einer Schar Kobolde in einer dunklen Ecke. Bagman redete schnell und leise auf die Kobolde ein, die alle mit verschränkten Armen dasaßen. Seltsam, dass Bagman hier in den Drei Besen saß, an einem Wochenende ohne Turnier, wo er als Richter nicht benötigt wurde. Er wirkte angespannt, wie damals im Wald bei der Quidditch-Weltmeisterschaft, bevor das Dunkle Mal erschienen war. Doch in diesem Moment warf er einen Blick zur Bar und erkannte Harry. „Bin gleich wieder da, einen Moment nur!“, hörte ich ihn barsch zu den Kobolden sagen, dann hastete Bagman durch den Raum auf Harry zu, grinsend, als wäre nicht gewesen. „Harry!“, sagte er. „Wie geht’s dir? Hatte gehofft, dich zu treffen! Läuft alles gut?“ „Ja, danke.“ „Könnte ich dich vielleicht kurz unter vier Augen sprechen, Harry?“, drängte Bagman. „Ihr drei würdet uns doch kurz mal allein lassen, nicht wahr?“ „Ähm - okay“, erwiderte Ron, und Mine, und ich gingen davon, um uns einen freien Tisch zu suchen.

    Bagman und Harry unterhielten sich einige Minuten, ich sah, wie Fred und George ihm eine Frage zu stellen schienen, die Bagman jedoch ablehnte, und die Zwillinge davongingen. Bagman schien sich von Harry zu verabschieden, dann verließ er den Pub, worauf die Kobolde ihm allesamt folgten, und Harry zu uns herüber kam. „Was wollte er?“, fragte Ron, kaum dass Harry sich hingesetzt hatte. „Er hat mir Hilfe für das goldene Ei angeboten“, antwortete Harry. „Das darf er eientlich nicht!“, meinte Mine schockiert. „Er ist einer der Richter! Und außerdem hast du es doch schon fast gelöst, oder?“ „Ähhhhm...ja.“ „Ich glaube nicht, dass Dumbledore erfreut wäre, wenn er wüsste, dass Bagman dich zum Mogeln anstiftet!“, fuhr sie mit einem missbilligenden Blick. „Ich hoffe, er versucht auch Cedric zu helfen!“ „Tut er nicht. Ich hab ihn gefragt.“ „Wen kümmert es, ob Diggory Hilfe kriegt?“, fragte Ron rethorisch. „Diese Kobolde sahen ja nicht gerade freundlich aus“, sagte ich nach einer Weile. „Was hatten die überhaupt hier verloren?“ „Bagman behauptet, sie suchen nach Crouch“, entgegnete Harry. „Er ist immer noch krank. Erscheint nicht zur Arbeit.“ „Vielleicht ist Percy dabei, ihn zu vergiften“, vermutete Ron. „Denkt wahrscheinlich, wenn Crouch abnippelt, wird er zum Chef der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit ernannt.“
    Mine versetzte Ron einen ihrer Darüber-macht-man-keine-Witze-Blicke. Ich murmelte: „Merkwürdig, Kobolde, die nach Mr. Crouch suchen...normalerweise haben sie mit der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu tun.“ „Crouch beherrscht übrigens eine Menge verschiedener Sprachen“, warf Harry ein. „Vielleicht brauchen sie einen Übersetzer.“ Mine setzte einen nachdenklichen Blick auf, worauf Ron sofort fragte: „Jetzt sorgst du dich auch noch um die süßen kleinen Kobolde, oder? Willst du vielleicht so was wie BLÖK gründen? Befreit die Lümmelhaften Öden Kobolde?“ „Ha, ha, ha“, entgegnete Mine trocken. „Kobolde brauchen keinen Schutz. Habt ihr nicht gehört, was uns Professor Binns über die Kobold-Aufstände erzählt hat?“ „Nein“, sagte Ron und Harry wie aus einem Mund. „Klar“, sagte ich. „Sie sind durchaus fähig, es mit Zauberern und Hexen aufzunehmen; sie sind ziemlich klug“, erklärte ich und nippte an meinem Butterbier. Mine nickte. „Sie sind so ganz anders als die Hauselfen, die nie für sich eingetreten sind.“ „Oh, nein!“

    Rita Kimmkorn war gerade eingetreten. Sie trug ein bananengelbes Kleid; ihre langen Fingernägel waren knallrosa lackiert, und begleitet wurde sie von einem dicken Fotografen. Sie holten sich Getränke an der Bar und drängten sich durch die Menge, und zwar, wie wir mit finsteren Blicken feststellen mussten, zu einem Tisch in unserer Nähe. Rita Kimmkorn redete sehr schnell und offenbar voller Selbstzufriedenheit.
    „Er schien nicht besonders scharf darauf zu sein, mit uns zu reden, oder, Bozo? Was glaubst du, warum? Und was tut er eigentlich mit einer Bande Kobolde im Schlepptau? Zeigt ihnen die Sehenswürdigkeiten...was für ein Blödsinn...er war immer schon ein schlechter Lügner. Denkst du, da ist was im Busch? Sollten wir vielleicht ein wenig Staub aufwirbeln? >In Ungnade gefallener Ex-Chef der Sportabteilung, Ludo Bagman<...packender Satzanfang, Bozo - wir brauchen nur noch ‘ne Story, die dazu passt -...“
    „Wieder mal dabei, jemandes Leben zu ruinieren?“, fragte Harry laut. Manchmal fragte ich mich wirklich, wie er das einfach so tun konnte... Einige Köpfe wandten sich zu uns um. Rita Kimmkorns Augen hinter der juwelenbesetzten Brille weiteten sich, als sie erkannte, wer gesprochen hatte. „Harry!“, rief sie und setzte ein strahlendes Lächeln auf. „Wie wunderbar! Willst du dich nicht zu uns-?“ „Ich würde nicht mal mit einem Dreimeterbesen in Ihre Nähe kommen“, sagte Harry hitzig. „Warum haben Sie das Hagrid angetan?“ Rita Kimmkorn hob ihre Augenbrauen. „Unsere Leser haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren, Harry, ich tue nur meine-...“ „Wen schert es, dass er ein Halbriese ist?“, rief Harry. „Er ist völlig in Ordnung!“ Der ganze Pub war verstummt. Madam Rosmerta stand hinter der Bar und starrte herüber, ohne zu merken, dass der Krug, den sie mit Met füllte, schon überlief. Rita Kimmkorns Lächeln flackerte kaum merklich, doch es festigte sich rasch wieder. Sie ließ ihre Krokodillederhandtasche aufschnappen, zog eine Feder heraus und sagte: „Wie wär’s mit einem Interview über Hagrid, wie du ihn kennst, Harry? Der Mann hinter den Muskeln? Eure doch sehr verwunderliche Freundschaft und die Gründe, die dahinterstecken. Würdest du ihn als Vaterersatz bezeichnen?“ Mine stand abrupt auf und umklammerte ihr Butterbierglas. „Sie entsetzliche Frau“, sagte sie zähneknirschend, „Ihnen ist alles gleich, nicht wahr, Hauptsache, Sie haben eine Story und jeder kann dafür den Kopf hinhalten, nicht wahr? Selbst Ludo Bagman-...“ „Setz dich, du dummes kleines Gör, und red nicht über Dinge, von denen du nichts verstehst“, unterbrach sie Rita Kimmkorn kühl und musterte Mine hart. „Ich weiß Dinge über Ludo Bagman, die dir die Haare zu Berge stehen lassen würden...Nicht, dass du es nötig hättest-...“, fügte sie mit einem Blick auf Mines buschiges Haar hinzu. „Gehen wir“, sagte Mine, ohne den Blick von Rita Kimmkorn zu nehmen. „Kommt, Harry - Ron - Liv...“

    Wir gingen zur Tür; viele der Gäste starrten uns nach, doch ich sah gar nicht zurück. Ich wollte nur noch weg von hier. „Dich nimmt sie als nächstes auf Korn, Hermine“, sagte Ron mit leiser, besorgter Stimme, während wir rasch die Straße heruntergingen. „Lass sie nur machen!“, meinte Mine schrill; sie zitterte vor lauter Wut. „Ich werd’s ihr schon zeigen! ‘ne dumme Göre bin ich also? Oh, das werd ich ihr heimzahlen, erst Harry, dann Hagrid...“ „Du willst dich doch nicht etwa Rita Kimmkorn in die Quere kommen“, fragte Ron nervös. „Ich mein es ernst, Hermine, dann wird sie irgendwas über dich ausgraben-...“ „Meine Eltern lesen den Tagespropheten nicht, mich bringt sie nicht zum Kuschen!“ Sie schritt so energisch voran, dass wir Mühe hatten, ihr zu folgen. Das letzte Mal, als ich sie so wütend gesehen hatte, hatte sie Draco ein paar saftige Ohrfeigen verpasst. „Und Hagrid kommt jetzt aus seinem Versteck! Er hätte sich von so einer niederträchtigen Kreatur nie und nimmer einschüchtern lassen dürfen! Kommt mit!“

    Wir rannten den ganzen Weg zurück, durch das von geflügelten Ebern flankierte Tor und über das Schlossgelände hinüber zu Hagrids Hütte. Die Vorhänge waren immer noch zugezogen, und als wir näher kamen, hörte ich Fang kläffen. „Hagrid!“, schrie Mine und hämmerte gegen die Tür. „Hagrid, jetzt reicht’s aber! Wir wissen, dass du dadrin bist! Es kümmert doch keinen, dass deine Mum eine Riesin war, Hagrid! Du kannst doch nicht zulassen, dass diese miese Kimmkorn dir das antut!“ „Bitte, Hagrid, mach auf!“, rief ich. „Wenn du dich vor allen versteckst, gibst du dieser Zicke nur recht! Gib ihr doch nicht die Genugtuung!“ Die Tür ging auf. „Wird auch Z-...!“, begann Mine, doch brach jäh ab, denn nicht Hagrid stand im Türrahmen, sondern Albus Dumbledore. „Guten Tag!“, sagte er freundlich und lächelte uns an. „Wir - ähm wollten eigentlich Hagrid besuchen“, meinte Mine kleinlaut. „Ja, soviel habe ich verstanden“, antwortete Dumbledore mit funkelnden Augen. „Wollt ihr nicht reinkommen?“ „Oh - ähm - gut.“

    Wir betraten die Hütte. Sofort stürzte sich Fang wie verrückt bellend auf Harry und versuchte ihm die Ohren zu lecken; Harry wimmelte ihn ab. Hagrid saß an seinem Tisch, auf dem zwei große Becher Tee standen. Er sah ungeheuer elend aus. Sein Gesicht war fleckig, die Augen geschwollen, und was sein Haar anging, so hatte er es jetzt in ein Extrem getrieben: es war nicht im Mindesten gezähmt, sondern war vollkommen verknotet und verdreckt. „Hallo, Hagrid“, sagte Harry. Hagrid sah auf. „’lo“, antwortete er mit heiserer Stimme. „Noch ein wenig Tee, nehme ich an“, meinte Dumbledore, schloss die Tür hinter uns, zückte seinen Zauberstab und ließ ihn viermal kurz im Kreis wirbeln; mitten in der Luft erschien ein sich drehendes Tablett, mit Teetassen und einem Teller voller Kekse. Dumbledore ließ das Tablett auf den Tisch aufsetzen und alle setzten sich. Ein kurzes Schweigen trat ein, dann fragte Dumbledore: „Hast du zufällig gehört, was Miss Granger und Miss Rosier da gerade eben gesagt haben, Hagrid?“ Mines Wangen verfärbten sich rosa, doch Dumbledore lächelte uns an und fuhr fort: „Hermine, Harry, Ron und Olivia wollen offenbar immer noch etwas mit dir zu tun haben, wenn man bedenkt, dass sie fast die Tür eingeschlafen hätten.“ „Natürlich wollen wir das!“, warf Harry ein und sah Hagrid eindringlich an. „Du glaubt doch nicht etwa, dass irgendetwas von dieser Kimmkorn-Kuh - Verzeihung, Professor“, fügte er rasch hinzu und sah zu Dumbledore. „Ich bin vorrübergehend taub und habe keine Ahnung, was du gesagt hast, Harry“, meinte Dumbledore, drehte Däumchen und starrte an die Decke. „Ähm - gut“, sagte Harry verlegen. „ich wollte nur sagen - Hagrid, wie konntest du nur glauben, wir würden uns darum scheren, was diese - Person - über dich geschrieben hat?“ Ich nickte heftig. Zwei dicke Tränen kullerten aus Hagrids käferschwarzen Augen und rannen in seinen wirren Bart. „Das ist der lebendige Beweis dessen, was ich dir gesagt habe, Hagrid“, sagte Dumbledore und starrte weiter an die Decke. „Ich hab dir die Briefe von zahllosen Eltern gezeigt, die dich noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen und mir unmissverständlich schreiben, sollte ich dich feuern, dann hätten sie ein Wörtchen mit mir zu reden-...“ „Nich alle“, murmelte Hagrid heiser. „Nich alle woll’n, dass ich bleib.“ „Ich bitte dich, Hagrid, wenn du von allen geliebt werden willst, dann, fürchte ich, musst du sehr lange in dieser Hütte hocken bleiben“, sagte Dumbledore und schaute Hagrid über den Rand seiner Halbmondgläser hinweg an. „Seit ich Direktor bin, ist noch keine Woche vergangen, in der ich nicht mindestens eine Eule bekommen habe mit einer Beschwerde über meine Art, diese Schule zu leiten. Aber was soll ich machen? Mich in meinem Studierzimmer verbarrikadieren und mich weigern, mit irgendjemandem zu reden?“ „Sie - Sie sind ja auch kein Halbriese!“, krächzte Hagrid. „Hagrid, bitte komm zurück und unterrichte wieder. Wir vermissen dich! Du darfst nicht auf diese Menschen hören, die dich runtermachen wollen!“, sagte ich. Noch mehr Tränen kullerten aus seinen Augen. Dumbledore erhob sich. „Ich weigere mich, deine Kündigung anzunehmen, Hagrid, und erwarte dich am Montag wieder zur Arbeit“, sagte er. „Du frühstückst um halb neun mit mir in der Großen Halle. Und keine Widerrede. Schönen Nachmittag euch allen noch.“

    Dumbledore verließ die Hütte, nicht ohne vorher noch kurz Fangs Ohren gekrault zu haben. Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, begann Hagrid in seine riesigen Hände zu schluchzen. Mine tätschelte ihm den Arm, worauf Hagrid den Kopf hob, sie mit brennend roten Augen ansah und sagte: „Großartiger Mann, Dumbledore...großartiger Mann...“ „Ja, das ist er“, meinte Ron. „Kann ich einen von diesen Keksen haben, Hagrid?“ „Schlag zu.“ Hagrid wischte sich mit dem Hadrücken über die Augen. „Aber, ‘türlich hat er Recht - ihr habt alle Recht...war dumm von mir...mein alter Dad hätt sich geschämt für mich...“ Wieder rollten Tränen über seine Wangen, doch nun wischte er sie energisch ab. „Hab euch noch nicht mal’n Bild von meinem Dad gezeigt, nich? Hier...“ Hagrid stand auf, ging hinüber zu seiner Kommode, öffnete eine Schublade und holte ein Bild hervor. Es zeigte einen kleinen Zauberer, der Hagrids schwarze Augen hatte und mit strahlendem Gesicht auf Hagrids Schulter saß. Hagrid war nach dem Apfelbaum neben ihm zu schließen, gut zweieinhalb Meter groß, doch sein Gesicht war bartlos, glatt und jung - ich schätzte in auf etwa elf Jahre. „Das war, kurz nachdem sie mich in Hogwarts aufgenommen ham“, krächzte Hagrid. „Dad war so was von froh...dachte, ich wäre vielleicht kein Zauberer, wisst ihr, weil meine Mum...na, wie auch immer. ‘türlich war ich nie der große Magier, stimmt schon...aber wenigstens hat er nicht erlebt, wie sie mich rausgeworfen haben. Ist nämlich schon in meinem zweiten Schuljahr gestorben...
    Dumbledore war der Einzige, der sich nach dem Tod von meinem Dad für mich eingesetzt hat. Hat mir diese Wildhüterstelle besorgt...vertraut einfach Leuten, ist doch wahr. Gibt ihnen noch ‘ne zweite Chance...ganz anders als die anderen Schulleiter, wisst ihr. Er nimmt jeden auf in Hogwarts, wenn er nur begabt ist. Weiß, dass was Gutes aus den Leuten werden kann, auch wenn ihre Familien...wie sagt man...nicht so respektierlich war’n. Aber manche verstehn das einfach nich. ‘s gibt welche, die halten dir das immer wieder vor...manche von unserem Schlag tun sogar so, als hätten sie nur große Knochen, statt den Mund aufzumachen und zu sagen - ich bin, was ich bin, und ich schäm mich nicht dafür. >Schäm dich nie<, hat mein alter Dad immer gesagt, >’s gibt immer welche, die’s dir vorwerfen, aber mit denen brauchst du dich gar nicht abzugeben.< Und er hat Recht gehabt. Ich war’n Idiot. Mit dieser-... mit ihr geb ich mich nicht mehr ab, das versprech ich euch. Große Knochen...erzählt mir was von wegen große Knochen.“

    Wir warfen uns nervöse Blicke zu. Ich hätte mich lieber freiwillig drei Stunden lang um fünfzig Kröter gekümmert, als Hagrid zu erzählen, dass wir ihn belauscht hatten. Hagrid jedoch redete einfach weiter, ohne zu merken, was er ausgeplaudert hatte. „Weißt du was, Harry?“, fragte er und sah Harry mit leuchtenden Augen an. „Als ich dich kenn’ gelernt hab, hast du mich ein bisschen an mich selbst erinnert. Mum und Dad nicht mehr da, und du hattest das Gefühl, dass du nicht nach Hogwarts passt, weißt du noch? Warst nicht sicher, ob du es überhaupt schaffst...und nu schau dich mal an, Harry! Schul-Schämpion!“ Sein Blick verweilte einen Moment lang auf Harry, dann fuhr er toternst fort: „Weißt du, was ich wirklich gut finden würd, Harry? Ich fänd’s wirklich gut, wenn du gewinnst, sag ich dir. Dann hättest du’s allen gezeigt...du brauchst nicht reinblütig zu sein, um es zu schaffen. Du brauchst dich nicht zu schämen, weil du so bist, wie du bist. Dann würden sie sehen, dass es Dumbledore ist, der Recht hat und alle aufnimmt, wenn sie nur zaubern können. Wie steht’s eigentlich mit dem Ei, Harry?“ „Großartig“, erwiderte Harry. „Wirklich großartig.“ Auf Hagrids verweintem Gesicht erschien ein breites, feuchtes Lächeln. „Gut gemacht, Junge...Du zeigst es denen, Harry, du zeigst es denen. Schlägst sie alle.“

    7
    33. Kapitel

    Der Gedanke an mein hell aufleuchtendes Muttermal wollte nicht mehr aus meinen Gedanken verschwinden; irgendwie hatte ich das Gefühl, jemandem davon erzählen zu müssen, doch ich wollte Hermine, Ron und Harry nicht damit belasten. Ich wusste, dass Harry sehr nervös wegen der zweiten Aufgabe war und ich vermutete, dass er das Rätsel um das goldene Ei noch immer nicht gelöst und er Mine und Hagrid angelogen hatte. Mit Hagrid wollte ich auch nicht darüber reden, und Draco hätte mir wahrscheinlich nicht geglaubt. Als die Glocke am Mittwochvormittag das Ende der Verwandlungsstunde verkündete, fasste ich mir ein Herz und beschloss, Professor McGonagall zu bitten, mich zu Professor Dumbledore zu lassen. „Geht schon mal vor“, sagte ich zu Harry, Ron und Mine. „Ich komme gleich nach zum Mittagessen.“ Harry wirkte zwar etwas überrascht, nickte jedoch, dann verschwanden sie aus der Tür. Niemand war noch im Klassenraum, als nach vorne zum Pult ging; Professor McGonagall war gerade damit beschäftigt, einige Aufsätze zu korrigieren. Sie blickte auf, als sie meine Schritte hörte. „Ja, Miss Rosier?“, fragte sie und sah mich über ihre Brille hiweg streng an. „Professor McGonagall...ich möchte mit Professor Dumbledore reden.“ „Weshalb? Ist es wegen...“, sie senkte die Stimme, als fürchtete sie, wir könnten belauscht werden, „Ist es wegen Ihrer Gabe?“ Ich nickte. Die Professorin schien sich zurückhalten zu müssen, um nicht zu fragen, was denn passiert sein. „Nun gut, gehen Sie zum Mittagessen, ich werde Professor Dumbledore ausrichten, dass Sie ihn heute Abend um fünf Uhr zu sprechen wünschen.“ Ich lächelte zufrieden. „Danke, Professor.“ Dann verließ ich den Raum und machte mich auf den Weg zum Mittagessen.

    „Was wolltest du von Professor McGonagall?“, fragte Mine, als mich auf einen Platz neben ihr fallen ließ. „Ich musste mit ihr etwas...bereden.“ „Was denn?“, wollte Harry wissen. Ich zögerte kurz; Sollte ich es ihnen erzählen? Ich holte tief Luft, dann sagte ich: „Ich wollte mit Professor Dumbledore reden.“ „Warum?“, mischte sich nun auch Ron ein. „Ähm...äh...“ Ich entschied mich dafür, die Wahrheit zu sagen. „Es ist etwas Seltsames geschehen, am Abend des Weihnachtsballs...“ Ich stockte; Wie sollte ich denn erklären, was passiert war? „Was ist passiert?“, fragte Mine nervös. „Ich bin, nachdem ich keine Lust mehr hatte, zurück in den Schlafsaal gegangen; ich habe mein Tagebuch herausgeholt und hab mir das Bild meiner Mutter angesehen. Ich habe mir gewünscht, dass sie bei mir wäre. Ich-...Ich hab es nicht mehr ausgehalten, auf das Bild zu sehen, deshalb bin ich ins Bad gegangen...“ Ich stockte. „Was ist daran so seltsam?“, fragte Harry stirnrunzelnd. „Ihr erinnert euch doch noch an das Muttermal, das ich am Ende des ersten Schuljahres bekommen habe, oder?“ Alle drei nickten. „Es hat angefangen zu leuchten!“, flüsterte ich. Mines Augen weiteten sich, als sie das hörte. „Der ganze Raum ist davon beleuchtet worden; es war komplett silbern.“ „Ja, ich glaube es ist gut, wenn du zu Dumbledore gehst...“, kam es von Ron. Ich nickte und nahm mir dann etwas von der Gänseleberpastete.

    Um kurz vor fünf machte ich mich auf den Weg zu Dumbledores Büro. Nach dem Unterricht hatte er mir einen Brief zugestellt, in dem stand, dass das Passwort >Kakerlakenschwarm< sei. So ging ich also zu dem mir bereits vertrauten Wasserspeier, der auch sofort ein lautes „Passwort?“ fragte. „Kakerlakenschwarm“, antwortete ich; der Wasserspeier fuhr zur Seite und die Steinwand teilte sich. Ich betrat die Treppe und wurde nach oben gefahren. Ich klopfte; ein lautes „Herein“ ertönte, woraufhin ich die Tür öffnete. Dumbledore saß auf seinem Stuhl hinter dem Scheibtisch, auf dem die dünnen silbernen Geräte standen. Der Phönix Fawkes saß auf einer Stange hinter dem Tisch und sang einige Töne, als er mich sah. „Guten Abend, Professor Dumbledore“, sagte ich, und setzte mich auf den Platz vor den Schreibtisch. „Guten Abend, Olivia. Du wolltest mit mir reden?“ Ich nickte. „Ja. Es ist etwas Seltsames passiert, von dem ich dachte, ich sollte es Ihnen erzählen.“ Dumbledore lächelte. „Ich habe schon vermutet, dass du irgendwann zu mir kommen würdest. Was ist geschehen?“ Ich atmete tief durch, dann begann ich zu reden. „Ich habe seit meinem ersten Schuljahr in Hogwarts ein Muttermal auf dem rechten Arm, dass die gleiche Form wie meine Sichelmondkette hat. In der Nacht des Weihnachtsballs hat es silbern aufgeleuchtet, ich weiß aber nicht, wieso.“ „Weiß es irgendjemand außer dir?“ „Nur Harry, Ron und Hermine.“ Dumbledore nickte nachdenklich. „Nun, ich muss dir ehrlich sagen, es ist schwer, den Grund für eine solche Situation zu erkennen, da ich bisher noch keine vergleichsmäßigen Kräfte wie bei dir gesehen habe.“ Seine Stirn legte sich in Falten, als er nachzudenken schien. „Ich denke, es könnte vielleicht eine Aufstauung deiner Kräfte sein, die sich irgendwie äußern muss. Spürst du denn, dass sie stärker werden?“ „Ich weiß nicht“, antwortete ich ehrlich. „Nun ja, in den vergangenen drei Jahren sind sie...nun ja, anders geworden. Irgendwie kommt es mir vor, als wären sie...vielseitiger geworden. Am Anfang konnte ich nur mit meiner Stimme heilen, dann konnte ich aus meiner Magie echte Gegenstände herstellen und jetzt...“ „Verstehe“, meinte Dumbledore. Er wollte gerade etwas sagen, als es an der Tür klopfte.

    „Ja?“ Die Tür ging auf und vor uns stand Professor Moody. Sein magisches Auge huschte durch das Zimmer hin und her, während das normale auf mir ruhte. „Alastor“, sprach Dumbledore, „was kann ich für dich tun?“ Besorgt musterte ich Moody; Ob er irgendetwas mitgehört hatte? Anzusehen war ihm nichts, doch ich wollte mich lieber nicht darauf verlassen. „Peeves wollte mal wieder nicht Ruhe geben und hat mein Büro verwüstet“, krächzte Moody. „Er hat sich aus dem Staub gemacht, aber ich denke, er hat eine Strafe verdient...“ Ein hässliches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich kümmere mich darum, Alastor.“ „Gut.“ Er drehte sich um und verließ hinkend das Büro. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, fragte ich nervös: „Ob er mitgehört hat?“ „Ich weiß es nicht. Aber falls er unser Gespräch gehört hat, kannst du dir sicher sein, dass er nichts verraten wird. Ich kenne Alastor. Eine Information von solcher Wichtigkeit behält er lieber für sich, um alles unter Kontrolle zu behalten.“ Ich atmete erleichtert auf. „Ich glaube, ich sollte gehen.“ Ich stand auf und wollte schon zur Tür gehen, als Dumbledore mich noch zurückhielt. „Warte lieber nicht zu lange. Es könnte sein, dass du ihn dann verlierst.“ Ich wusste nicht genau, was ich darauf antworten sollte, weshalb ich lieber die Tür öffnete. „Auf Wiedersehen, Olivia.“ „Bis dann, Professor.“ Dann schloss ich die Tür hinter mir.

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    34. Kapitel

    „Du hast doch gesagt, du hättest das Eierrätsel schon gelöst!“, entrüstete sich Mine. „Sprich doch leiser!“, zischte Harry, da wir gerade im Zauberkunstunterricht bei Professor Flitwick saßen. Harry hatte uns gerade etwas Unglaubliches erzählt; Cedric hatte ihm erzählt, er solle das Ei waschen, und zwar im Vertrauensschülerbad. Dort hatte er sich gestern Abend mit dem Tarnumhang hingeschlichen und hatte mit dem Ei darin gebadet. Unter Wasser hatte es sich geöffnet und dort hatte es ein Rätsel offenbart. Auf dem Rückweg hatte Harry auf die Karte des Rumtreibers gesehen und hatte seltsamerweise Barty Crouch in Snapes Büro gesehen. Er war hinuntergegangen und in einer Trickstufe hängengeblieben; Filch, Snape und Moody waren aufgetaucht, doch glücklicherweise war Harry dank Moodys Hilfe gerade noch so entwischt. Allerdings hatte Moody sich aus Interesse die Karte ausgeliehen.
    Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ein Kissen knapp meinen Kopf verfehlte. Heute übten wir das Gegenteil des Aufrufezaubers - der Verscheuchzauber. Professor Flitwick, der sehr wohl wusste, was für hässliche Unfälle es geben konnte, wenn ständig Gegenstände durchs Zimmer flogen, hatte allen einen Stapel Kissen zum Üben gegeben. Der Gedanke dabei war, dass niemand verletzt wurde. Ein guter Plan in der Theorie - in der Praxis taugte er jedoch nicht viel. Neville zielte so schlecht, dass er versehentlich sehr viel Schwereres durch die Luft fliegen ließ - zum Beispiel Professor Flitwick.
    „Vergiss doch einfach mal für ‘ne Weile dieses Ei!“, flüsterte Harry, während Professor Flitwick mit einem Ausdruck stummer Verzweiflung auf dem Gesicht an uns vorbeischwebte und auf einem großen Schrank landete. Der Unterricht bot die beste Deckung für ein vertrauliches Gespräch, da unsere Mitschüler alle viel zu viel Spaß hatten, um uns zu beachten. Harry erzählte schon seit einer halben Stunde geflüstert von seinen Abenteuern in der vorigen Nacht.

    „Snape sagt, auch Moody hätte sein Büro durchsucht?“, wisperte Ron, während er gleichzeitig mit einem Schwung des Zauberstabs ein Kissen fortjagte (es sauste durch die Luft und schlug Parvati gegen den Hinterkopf.) „Was glaubt ihr...ist Moody hier in der Schule, um nicht nur Karkaroff, sondern auch Snape im Auge zu behalten?“ „Keine Ahnung, ob Dumbledore ihn darum gebeten hat, jedenfalls tut er genau das“, erwiderte Harry und wedelte achtlos mit dem Zauberstab, woraufhin sein Kissen eine Bauchlandung auf dem Boden hinlegte. „Moody meinte, Dumbledore behalte Snape nur hier, weil er ihm eine zweite Chance oder so was geben will...“ „Was?“, fragte Ron und riss die Augen auf. „Harry...vielleicht glaubt Moody, Snape habe deinen Namen in den Feuerkelch geworfen!“ „Ach, Ron“, meinte ich kopfschüttelnd, „wir haben schon einmal gedacht, Snape wolle Harry umbringen, und dann hat sich rausgestellt, dass er ihm das Leben gerettet hat, weißt du noch?“ Ich schwenkte meinen Zauberstab und eines der Kissen flog in die Kiste, in die es eigentlich hinsollte. „Mir ist es egal, was Moody sagt“, sagte Mine, „Dumbledore ist nicht dumm. Er hatte Recht, Hagrid und Professor Lupin zu vertrauen, auch wenn eine Menge Leute ihnen keine Arbeit gegeben hätten. Warum sollte er sich dann in Snape täuschen, selbst wenn Snape ein wenig-...“ „bösartig ist“, ergänzte Ron sofort. „Jetzt hör mal, Hermine, warum sollte dann ein Schwarzmagierfänger sein Büro durchsuchen?“ „Warum hat Mr. Crouch so getan, als sei er krank?“, fragte Mine, ohne auf Ron einzugehen. „Schon ein wenig komisch, dass er es nicht schafft, zum Weihnachtsball zu kommen, aber mitten in der Nacht hier rumschleichen kann, wie es ihm passt?“ „Du kannst Crouch einfach nicht leiden, und zwar wegen dieser Winky, seiner Elfe“, meinte Ron und ließ ein Kissen gegen das Fenster klatschen. „Und du hast dir in den Kopf gesetzt, dass Snape irgendwas ausheckt“, erwiderte Mine und ließ ihr Kissen tadellos in die Kiste fliegen. „Ich will nur wissen, was Snape mit seiner ersten Chance angefangen hat, wenn das jetzt seine zweite ist“, meinte Harry grimmig.

    „Kannst du mir das Gedicht noch einmal aufsagen?“, fragte ich Harry, als wir in der Bibliothek saßen, um eine Lösung für die zweite Aufgabe zu finden. „Na gut“, sagte Harry.

    „Komm, such, wo unsere Stimmen klingen,
    denn über dem Wasser können wir nicht singen
    Und während du suchst, überlege jenes:
    Wir nahmen, wonach du dich schmerzlich sehnest.
    In einer Stunde musst du es finden
    und es uns dann auch wieder entwinden.
    Doch brauchst du länger, fehlt dir das Glück,
    zu spät, ‘s ist fort und kommt nicht zurück.“

    Er blätterte in einem Buch. „Da unten im schwarzen See leben Wassermenschen. Ich muss also da runter, und irgendetwas zurückholen, was mir sehr wichtig ist.“ „Die beste Lösung wäre natürlich, wenn du dich in ein U-Boot oder so was verwandeln könntest“, meinte Mine. „Wenn wir doch nur schon Verwandlung für Menschen gehabt hätten! Aber ich glaub nicht, dass wir vor der sechsten Klasse damit anfangen, und es kann ganz übel ausgehen, wenn du nicht genau weißt, was du tust...“ „Allerdings, ich hab keine Lust, mit einem Sehrohr im Kopf durch die Gegend zu laufen“, sagte Harry. „Vielleicht sollte ich einfach jemanden vor Moodys Augen angreifen, dann erledigt er das sicher für mich...“ „Er lässt dich sicher nicht selbst entscheiden, in was er dich verwandelt“, widersprach ich nüchtern. „Ich denke, die beste Möglichkeit wäre irgendein Zauber.“

    So vergruben wir uns abermals in der Bibliothek, auf der Suche nach einem Zauber, der Harry helfen könnte, eine Stunde unter Wasser atmen zu können. Doch obwohl wir alle vier unsere Mittagspausen, die Abende und die Wochenende mit der Suche verbrachten - und obwohl Harry Professor McGonagall nach einer Bescheinigung bat, damit er auch in die Verbotene Abteilung benutzen durfte, und sogar die reizbare Bibliothekarin Madam Pince um Hilfe fragte - wir fanden trotz allem nichts. Ich spürte, dass Harry fast so nervös wie bei der ersten Aufgabe war, und ich wusste nicht, wie ich ihn aufmuntern sollte. Es waren noch zwei Tage bis zur zweiten Aufgabe, als zum Frühstück eine Eule mit einem Brief von Sirius kam. Darin stand:

    Schick mir das Datum des nächsten Hogsmeade-Wochenendes per Eule zurück.

    „Übernächstes Wochenende“, flüsterte ich, da ich über Harrys Schulter mitgelesen hatte. „Los, nimm meine Feder und schick die Eule gleich zurück.“ Harry kritzelte das Datum auf die Rückseite von Sirius’ Brief, band ihn wieder an das Bein des Waldkauzes und sah zu, wie der Vogel zum Rückflug ansetzte. „Weshalb will er denn wissen, wann wir das nächste Mal in Hogsmeade sind?“, fragte Ron. „Keine Ahnung“, entgegnete Harry dumpf. „Beeilt euch...wir haben Pflege magischer Geschöpfe.“

    Offenbar wollte Hagrid sich für die Knallrümpfigen Kröter entschuldigen, denn er hatte das Thema Einhörner aufgegriffen. Er hatte es geschafft, zwei Einhorn-Fohlen zu fangen. Im Gegensatz zu ausgewachsenen Einhörnern waren sie von Kopf bis Schwanz von reiner goldener Farbe. Parvati und Lavender waren ganz hingerissen; selbst die Slytherin Pansy Parkinson konnte kaum verbergen, wie sehr sie die Tiere mochte. „Leichter zu erkennen als die Alten“, erklärte Hagrid uns. „Sie wer’n silbern, wenn sie etwa zwei Jahre alt sind, und mit vier Jahren wächst ihnen ein Horn. Erst wenn sie ausgewachsen sind, mit etwa sieben, wer’n sie ganz weiß. Als Babys sind sie’n wenig zutraulicher...haben nicht so viel gegen Jungs...nur zu, ein wenig näher ran, ihr könnt sie streicheln, wenn ihr wollt...gebt ihnen ‘n paar von diesen Zuckerstückchen...“ Hagrid nahm Harry kurz darauf zur Seite; offenbar wollte er ihm Mut zusprechen. Ich wendete mich wieder den Einhörnern zu, und begann sie, wie meine Mitschüler, zu streicheln.

    Als am Abend vor der Aufgabe die Sonne unterging, saßen Harry, Ron, Mine und ich in der Bibliothek und blätterten fieberhaft Seite für Seite von riesigen Wälzern durch. Rons matte Stimme war zu hören: „Nichts. Nichts zu finden. Was am ehesten noch ginge, wäre dieser Dreh, um Pfützen und Tümpel auszutrocknen, dieser Dürrezauber, aber der ist nie und nimmer mächtig genug, um den See trockenzulegen.“ „Es muss doch irgendwas geben“, meinte ich verzweifelt, und blätterte weiter. „Sie würden doch niemals eine Aufgabe stellen, die man nicht lösen kann.“ „Haben sie aber“, widersprach Ron trocken. „Harry, du gehst morgen einfach runter zum See, steckst deinen Kopf ins Wasser und rufst nach den Wassermenschen, sie sollen dir bitte schön das zurückgeben, was sie dir gestohlen haben, und einfach rauswerfen. Mehr kannst du schlicht nicht machen.“ „Es gibt eine Möglichkeit, ganz sicher!“, versuchte ich mich selbst zu motivieren. „Ach, das bringt doch nichts“, meinte Mine unwirsch und schlug >Tausend knifflige Zauberrätsel< zu. „Wer um Himmels willen möchte schon, dass seine Nasenhaare als Ringellöckchen wachsen?“ „Fänd ich nicht schlecht“, ertönte Freds Stimme. „Könnte man mal drüber reden, oder?“ Wir sahen auf. Fred und George waren gerade hinter einem Bücherregal hervorgetreten. „Was treibt ihr zwei denn hier?“, fragte Ron. „Wir suchen euch“, meinte George. „Professor McGonagall will dich sprechen, Hermine. Und dich auch, Livvy.“ „Warum?“, fragte ich verdutzt. „Keine Ahnung...jedenfalls sah sie ziemlich angespannt aus“, meinte Fred. „Wir sollen euch zu ihr ins Büro runterbringen“, fügte George hinzu. Mine und ich sahen beide zu Harry. „Wir treffen uns im Gemeinschaftsraum“, befahl Mine, als wir uns erhoben. „Und bringt möglichst viele von diesen Büchern mit, ja?“ „Gut.“ Harry wirkte bedrückt, als wir die Bibliothek verließen.

    Ich war recht nervös, als wir uns auf den Weg zu Professor McGonagalls Büro machten. Was sie wohl von uns wollte? Ich hoffte, dass sie uns nicht bestrafen würde, weil wir so viel in Harrys Nähe waren und ihm halfen. Fred und George versuchten uns zwar zu beruhigen, doch es brachte nicht viel. Als wir schließlich die Tür zum Büro der Professorin öffneten, wurde ich noch nervöser. „Ah, Ms. Granger und Ms. Rosier!“, begrüßte uns Professor McGonagall. Irrte ich mich, oder wirkte sie ebenfalls beunruhigt? Sie sah zu Fred und George; „Sie können gehen, bitte!“ Die beiden nickten und verschwanden. „Warten Sie bitte kurz, Professor Dumbledore wird gleich hier sein.“ Professor Dumbledore? Was wurde das hier? Erst jetzt bemerkte ich die beiden anderen Personen im Raum. Die eine war Cho Chang, die andere ein kleines Mädchen mit silbernem Haar, die mich irgendwie an Fleur Delacour erinnerte. Auch die beiden schienen nicht zu wissen, was hier vor sich ging. Einige Minuten herrschte peinliches Schweigen, dann öffnete sich die Tür und Dumbledore trat ein. „Oh, gut, ich sehe, alle vier sind hier.“ Fragend sah ich ihn ein. „Ihr fragt euch bestimmt, was ich hier sollt, nicht wahr? Nun, wie ihr wisst, findet morgen die zweite Aufgabe statt. Die Aufgabe besteht darin, etwas Geliebtes zurückzuholen; jede von euch ist das meist Geliebte eines Champion. Ms. Chang ist der Schatz von Cedric Diggory, Ms. Granger der Schatz von Viktor Krum, Ms. Delacour der Schatz von Fleur Delacour und Ms. Rosier der Schatz von Harry Potter. Ich verspreche euch, dass euch nichts geschehen kann. Ihr seid vollkommen sicher.“ Meine Gedanken überschlugen sich selbst. Ich war Harrys Schatz? Ich war das Wichtigste für ihn? „Ich werde euch nun in einen tiefen Schlaf versetzen; wie gesagt, euch kann nichts passieren.“ Er zog seinen Zauberstab und schwenkte ihn hin und her. Er sprach kein einziges Wort; ich spürte, wie ich zu Boden fiel. Dann wurde alles schwarz.

    Harrys Sicht:
    Es war bereits kurz vor elf Uhr, als ich endlich im Gemeinschaftsraum war; jedoch legte ich mich nicht schlafen, sondern setzte mich zusammen mit Ron in einen Sessel, um weiter nach einem Spruch zu suchen. Als die Uhr im Gemeinschaftsraum drei Uhr schlug, verabschiedete sich Ron und ging in unseren Schlafsaal. Ich hatte das Gefühl, dass ein Golfball in meinem Hals steckte. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und ich machte mir Sorgen um Hermine und Liv, da sie immer noch nicht zurückgekommen waren. Ich starrte auf die Uhr. Drei Uhr...vier Uhr... Ich blätterte in den Büchern. Im nächsten...im nächsten...

    „Harry Potter!“, quiekte Dobby und zupfte an meinem Arm. „Harry Potter muss aufwachen!“ „Dobby?“ „Ja, Harry Potter, Sir. Sie sind sicher aufgeregt, nicht wahr, Sir?“ „Es ist zu spät“, meinte ich hoffnungslos. „Ich weiß nicht, wie ich die Aufgabe lösen soll.“ „Harry Potter wird diese Aufgabe lösen! Dobby wusste, dass Harry nicht das richtige Buch gefunden hat, also hat Dobby es für ihn getan?“ „Was?“, fragte ich. „Aber du weißt doch gar nicht, was in der zweiten Aufgabe dran kommt.“ „Dobby weiß es sehr wohl, Sir! Harry Potter muss in den See hinein und seine Freundin retten!“ „Meine Freundin?“ Ich hatte ein ganz ungutes Gefühl. „Harry Potters Freundin mit den grünen Augen und der Mondkette.“ „Was?“, keuchte ich. „Sie haben Liv?“ Dobby nickte. „Das, was sie am meisten vermissen werden, Sir! Und nach einer Stunde-...“ „>fehlt dir das Glück<“, zitierte ich, „> zu spät, ‘s fort und kommt nicht zurück.< Dobby, was muss ich tun?“ „Sie müssen essen, Sir!“, quiekte der Elf und holte etwas hervor, dass aussah wie eine Kugel aus schmierigen, graugrünen Rattenschwänzen. „Kurz bevor Sie in den See gehen, Sir - Dianthuskraut!“ „Was bewirkt das?“ „Es macht, dass Harry Potter unter Wasser atmen kann, Sir!“ Dobby sah sich um. „Dobby muss zurück in die Küche, Sir! Muss das Frühstück vorbereiten!“, sagte er und verschwand durch das Porträtloch. Ich sah auf die Uhr. Gleich würde es Frühstück geben. Ich nahm die Kugel, steckte sie in meine Tasche und rannte hinauf in den Schlafsaal, um Ron zu wecken.

    Als wir beim Frühstück saßen, bekam ich keinen einzigen Bissen hinunter. Auch Ron wirkte nicht gerade glücklich bei der Tatsache, dass Hermine und Liv unten im schwarzen See waren. Die Zeit verflog schneller, als es mir lieb war, und ehe ich mich versah, stand ich in Badehose vor dem Richtertisch, zusammen mit den anderen Champions. Meinen Zauberstab hatte ich zur Sicherheit mitgenommen. „Alles klar, Harry?“, wisperte Bagman mir zu. „Du weißt, wie du es anstellst?“ „Ja“, keuchte ich. Bagman nickte mir bestärkend zu und ging zurück zum Richtertisch. Er richtete seinen Zauberstab auf seine Kehle, sagte: „Sonorus!“ und ließ seine Stimme über das Wasser hinüber zu den Tribünen dröhnen. „Es ist so weit, unsere Champions sind bereit für die nächste Aufgabe, die auf meinen Pfiff hin beginnt. Sie haben genau eine Stunde, um das zurückzuholen, was ihnen genommen wurde. Ich zähle also bis drei. Eins...zwei...drei!“ Der Pfiff hallte in der kalte Luft wider; auf den Tribünen brach Jubel aus. Ohne mich darum zu kümmern, was die anderen taten, zog ich Schuhe und Socken aus, zog das Dianthuskraut aus meiner Tasche, stopfte mir die Kugel in den Mund und watete hinaus in den See. Das Wasser war eisig kalt; das Wasser stand mir über den Knien. Ich kaute das Kraut so gut es ging; es fühlte sich unangenehm schleimig und gummiartig an. Ich wartete darauf, dass etwas geschah. Ich hörte Gelächter aus dem Publikum; es sah vermutlich verdammt doof aus, wie ich da ihm See herumtapste, ohne etwas zu tun. Von der Tribüne der Slytherins drangen Buh-Rufe herüber. Dann, ganz plötzlich, fühlte ich mich, als würde mir ein unsichtbares Kissen auf Mund und Nase gedrückt. Ich versuchte Luft zu holen, doch alles drehte sich in meinem Kopf. Meine Lungen waren leer und ich spürte stechenden Schmerz auf beiden Seiten meines Halses. Ich spürte zwei große Schlitze gleich unter meinen Ohren, die in der Luft flatterten...ich hatte Kiemen. Ich tat das Einzige, was mir sinnvoll erschien. Ich warf mich bäuchlings ins Wasser.

    Der erste Zug eisigen Wassers kam mir vor wie lebensnotwendiges Atemholen. Der Wirbel in meinem Kopf legte sich; ich nahm einen weiteren kräftigen Zug Wasser. Ich streckte meine Hände vor mich aus und betrachtete sie. Unter Wasser wirkten sie gespenstisch grün und zwischen den Fingern hatten sich Schwimmhäute gebildet. Meine Füße waren länger geworden; auch zwischen den Zehen waren nun zarte Schwimmhäutchen; es sah aus, als wären mir Flossen gewachsen. Ich machte einen Schwimmzug und freute mich, wie schnell ich mich fortbewegen konnte. Bald war ich so weit in den See hineingeschwommen, dass ich den Grund nicht mehr sehen konnte. Alles war sehr still; immer neue Landschaften tauchten aus der Dunkelheit auf: Wälder aus wimmelndem schwarzen Tang, weite mit Steinen übersäte Schlickebenen. Immer tiefer hinunter schwamm, und weiter hinaus in die Mitte des Sees. Kleine Fische flitzten an mir vorbei, so schnell, dass ich nur einen silberen Schimmer wahrnahm. Von den anderen Champions, von Wassermenschen und von Liv war nichts zu entdecken - und glücklicherweise auch nichts von dem Riesenkraken. Ich spähte in die Tiefe und versuchte etwas zu erkennen...und dann, ohne Vorwarnung, packte mich etwas Knöchel.

    Es war ein Grindeloh, der die langen Finger fest um mein Bein geklammert hatte. Ich schüttelte ihn heftig ab und schwamm weiter. Ich wusste, dass ich nun tief unten im See sein musste. „Wie kommst du so voran?“ Ich war einem Herzanfall nahe. Ich wirbelte herum und sah die Maulende Myrthe im Wasser schwimmen. „Myrthe!“, versuchte ich zu sagen, doch kein Wort kam heraus. Sie kicherte. „Vielleicht probierst du es mal dort drüben!“, sagte sie und deutete in die Trübe hinein. „Ich komm nicht mit...ich mag sie nicht besonders, sie jagen mich immer, wenn ich ihnen zu nahe komme...“ Ich bedankte mich mit einem nach oben gerecktem Daumen und schwamm erneut los, in den Tang hinein. Dann endlich hörte ich einen Fetzen des Wassermenschenliedes, das ich nicht mehr vergessen konnte:
    „In einer Stunde musst du es finden
    und es uns dann auch wieder entwinden...“
    Aus der Dunkelheit ragten plötzlich einige mit Algen bewachsene Behausungen ins Licht. Ich sah einige Wassermenschen. Sie sahen nicht besonders schön aus; sie hatten gräuliche Haut und langes, dunkelgrünes Haar. Ihre Augen waren gelb, und sie trugen dicke Kieselschnüre um den Hals. Sie verfolgten grinsend, wie ich an ihnen vorbeischwamm, doch ich kümmerte mich gar nicht darum. Von allen Seiten erschienen nun Wassermenschen und betrachteten mich neugierig, deuteten mit ihren Flossenhänden auf mich und tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Schnell bog ich um einen Felsen, hinter dem sich mir ein seltsames Schauspiel bot. Eine ganze Schar Wassermenschen schwebte vor einer Häuserreihe, die eine Art Dorfplatz bildete. Ein Wassermenschenchor sang jenes Lied, dass die Champions anlocken sollte, und hinter dme Chor ragte eine Statue auf: ein gigantischer Wassermensch. An seiner Schwanzflosse waren vier Menschen gefesselt.

    Liv war zwischen Hermine und Cho Chang angebunden. Mit dabei war noch ein Mädchen, das nicht älter als acht war. Alle vier waren in tiefen Schlaf versunken. Hastig schwamm ich auf sie zu und stoppte erst vor Liv, der einige Luftblasen aus dem Mund heraus quollen. Ihre braunen Locken kamen einer Wolke gleich, die sich wie ein Kranz um ihren Kopf legten. An ihrem Hals entdeckte ich ihre Kette mit dem silbernen Mondanhänger, dessen Diamanten im trüben Wasser funkelten. Ich riss an den Schnüren aus Seetang, mit denen Liv fest verschnürt an der Statue hing. Ich sah umher...ich brauchte etwas Scharfes... Auf dem Boden des Sees lagen Steine verstreut. Ich schwamm hinab, und holte einen besonders gezackten Stein herauf und ich begann, auf die Taue einzuhacken. Nach einigen Minuten harter Arbeit rissen sie schließlich. Liv blieb bewusstlos ein paar Zentimeter über dem Seegrund schweben. Ich sah mich um. Wo blieben die anderen Champions? Warum beeilten sie sich nicht? Ich wandte mich zu Hermine um und begann auch ihre Taue zu durchhacken- Doch dann packten mich mehrere Paar starker grauer Hände. Ein Dutzend Wassermänner zogen mich kopfschüttelnd von Hermine fort. „Du nimmst deine eigene Geisel“, sagte einer von ihnen. „Lass die anderen hier...“ „Unmöglich!“, wollte ich schreien, doch meinem Mund entwichen nur einige große Blasen. „Deine Aufgabe ist es, deine Freundin zurückzuholen...lass die anderen hier...“ „Mit ihr bin ich auch befreundet!“, rief ich und deutete zu Hermine hinüber. Chos Kopf ruhte auf Mines Schulter, das kleine silberhaarige Mädchen war gespenstisch grün und fahl. Ich versuchte verzweifelt, die Wassermänner abzuschütteln, doch sie lachten nur und hielten mich fest. Wo blieben die anderen? Hatte ich noch Zeit, Liv nach oben zu bringen, und dann wiederzukommen, um Hermine und die anderen zu holen? Würde ich sie dann wiederfinden? Ich sah auf die Uhr, um zu prüfen, wie viel Zeit mir noch blieb- aber sie war stehen geblieben. Nun jedoch deuteten die Wassermänner um mich herum auf etwas über meinem Kopf. Ich sah auf und beobachtete, wie Cedric an mir vorbeischwamm. Sein Kopf steckte in einer großen Blase, die sein Gesicht merkwürdig weitete und spannte.
    „Hab mich verirrt!“, formte er mit den Lippen, die Augen voller Panik. „Fleur und Krum kommen gleich!“ Mir fiel ein Stein vom Herzen, und ich sah zu, wie Cedric ein Messer aus der Tasche zog und Chos Fesseln durchschnitt. Er zog sie in die Höhe und verschwand mit ihr. Ich sah mich angespannt um. Wo blieben Fleur und Krum? Die Zeit wurde allmählich knapp und dem Lied zufolge waren die Geiseln nach einer Stunde verloren...

    Die Wassermenschen schrien überrascht. Jene, die mich festhielten, lockerten ihren Griff und schauten über die Schultern. Auch ich sah mich um und sah etwas Monströses durch das Wasser furchen: ein menschlicher Körper in Badehosen mit dem Kopf eines Hais. Es war Krum. Er schien sich selbst verwandelt zu haben - mehr oder weniger erfolgreich.
    Krum schwamm geradewegs auf Hermine zu und begann an ihren Fesseln zu reißen: Das Problem war nur, dass seine neuen Zähne wenig dazu geeignet waren, etwas Kleineres als einen Delphin zu zerbeißen, und ich sah es schon kommen, dass Krum, wenn er nicht vorsichtig war, Hermine in zwei Teilen reißen würde. Ich schoss auf ihn zu, schlug ihm hart auf die Schulter und hielt den gezackten Stien in die Höhe. Krum packte dne Stein und begann Hermine freizuhacken. Nach Sekunden schon war es ihm gelungen; er schlang den Arm um Hermines Taille und schwamm ohne einen Blick zurück davon. Was jetzt? Wenn ich nur sicher wüsste, dass Fleur auf dem Weg war...noch war nichts von ihr zu sehen. Es blieb mir nichts anderes übrig...

    Ich holte den Stein vom Grund, den Krum fallen gelassen hatte, doch die Wassermänner kamen näher, bildeten einen Kreis um Liv und das kleine Mädchen und schüttelten die Köpfe. Ich zog meinen Zauberstab. „Aus dem Weg!“ Nur Blasen sprudelten heraus, aber ich war mir sicher, dass die Wassermänner mich verstanden hatten, denn ihnen verging das Lachen. Mit ihren gelben Augen blickten sie gebannt und verängstigt auf meinen Zauberstab. Ichw ar allein und sie waren viele, doch nach ihren Mienen zu schließen, konnten sie genauso wenig zaubern wie der Riesenkrake. „Ich zähle bis drei!“, rief ich: ein langer Strom aus Blasen quoll aus meinem Mund, doch ich hielt drei Finger in die Höhe, damit sie die Botschaft auch ganz sicher verstanden. „Eins...“ (ich zog einen Finger ein) - „zwei...“ (ich zog den zweiten Finger ein) - Sie wichen zurück. Ichs choss auf das kleine Mädchen zu und hieb mit dem Stien auf das Tau ein, mit dem es an die Statue gefesselt war; nach wenigen Minuten war auch sie befreit. Ich griff sie am Arm und schlang meinen anderen Arm um Livs Taille, um mich dann kräftig mit den Beinen durchs Wasser zu stossen.

    Ich kam nur langsam und mühsam voran. Meine Schwimmhände konnte ich nicht mehr benutzen, um mich anzutreiben; ich ruderte verzweifelt mit meinen Beinen, doch Liv und Fleurs Schwester waren wie Säcke voller Kartoffeln, die mich hinabzogen. Ich wandte das Gesicht nach oben, obwohl das Wasser über mir noch dunkel war und ich wusste, dass ich noch tief unten sein musste. Auch Wassermenschen stiegen mit mir hoch. Sie schlängelten völlig mühelos um mich herum und beobachteten, wie ich mich durch das Wasser kämpfte...würden sie mich zurück in die Tiefe ziehen, wenn die Zeit um war? Fraßen sie vielleicht sogar Menschen? Meine Beine verkrämpften sich vor Anstrengung; meine Schultern schmerzten furchtbar unter dem Gewicht...

    Das Luftholen war nun unerträglich schwer geworden. Wieder spürte ich Schmerzen an beiden Seiten meines Halses...jetzt wurde mir auch bewusst, dass mein Mund voller Wasser war...aber die Dunkelheit war jetzt nicht mehr so undurchdringlich...über mir konnte ich bereits das Tageslicht sehen...Ich stieß mit den Beinen kräftig nach unten und entdeckte, dass ich wieder ganz normale Füße hatte...Wasser drang durch meinen Mund in meine Lungen. Ich fühlte mich schwindlig und benommen, aber ich wusste, dass nur drei Meter über mir Licht und Luft waren...ich musste es bis oben schaffen...ich musste einfach... Ich ruderte so verzweifelt mit meinen Beinen, dass es sich anfühlte, als würden meine Muskeln vor Wut schreien; sogar mein Kopf schien voller Wasser zu sein; ich konnte nicht atmen, ich brauchte Sauerstoff, ich musst weitermachen, ich durfte nicht aufhören- Und dann spürte ich, wie mein Kopf durch die Wasseroberfläche stieß.

    Olivias Sicht:
    Hastig riss ich die Augen auf und schnappte nach Luft; das Wasser war eiskalt, doch ich achtete gar nicht darauf. Von den Tribünen konnte ich die Schüler rufen hören, und die Stimme von Bagman tönte über den See hinweg, doch ich verstand seine Worte nicht. Ich wandte mich zu Harry um, der ziemlich müde zu sein schien. Sein schwarzes Haar war klatschnass und er wirkte komplett durchgefroren. Ich sah zur anderen Seite; Fleurs Schwester trieb neben mir im Wasser. Sie war ganz blass und sah sich verwirrt um. Ich fasste mir ein Herz und fragte: „Est-ce que ça va?“ (Anmerkung: Olivia fragt Gabrielle, ob es ihr gut geht.) Sie nickte schüchtern. „Ich glaube, wir sollten hinüber zum Strand, Harry. Wieso ist Fleurs Schwester eigentlich bei uns?“ „Fleur ist nicht aufgetaucht. Ich konnte sie doch nicht da unten lassen.“ „Harry, du hast dieses Lied doch hoffentlich nicht ernst genommen, oder?“ An Harrys Blick sah ich sofort, dass er es ernst genommen hatte. „Uns wäre ganz sicher nichts geschehen, Harry, Dumbledore hat es uns versichert.“ Harry nickte. „Lass uns lieber raus aus dem Wasser gehen.“ Ich drehte mich um und griff nach der Hand des kleinen Mädchens, da sie sich offenbar nur mühsam über Wasser halten konnte. Dann zogen Harry und ich sie hinüber zum Strand, wo die Richter uns beobachteten. Ich sah, wie Madam Pomfrey um Hermine, Krum, Cedric und Cho herumwirbelte, die allesamt in dicke Decken eingewickelt waren. Dumbledore und Ludo Bagman standen da und strahlten uns entgegen. Unterdessen versuchte Madame Maxime Fleur zu bändigen, die vollkommen aufgelöst schien und sich mit Zähnen und Klauen kämpfend zurück ins Wasser stürzen wollte. „Gabrielle! Gabrielle!“ Harry wollte sie beruhigen, doch er brachte kein Wort heraus, weshalb ich ihr auf Französisch zurief: „Elle est ça va. Ce n’est pas grave.“ (Anmerkung: Olivia beruhigt Fleur und sagt ihr, dass es nicht schlimm ist, und es ihrer Schwester gut geht.)

    Nun waren wir am Strand angekommen; Dumbledore und Bagman zogen Harry auf die Beine; Fleur hatte sich Madame Maximes Griff entwunden und umarmte ihre Schwester. „Es waren die Grindelohs...sie ‘aben misch angegriffen...oh, Gabrielle, isch dachte schon...isch dachte...“ Sie begann schnell auf Französisch auf sie einzureden, doch ich hörte nicht mehr zu. Ich kletterte aus dem Wasser und ging hinüber zu Madam Pomfrey, die mich sofort in eine Decke einwickelte und mir einen Löffel sehr heißen Zaubertrank einflößte. Harry saß bereits neben mir; „Gut gemacht, Harry!“, rief Mine. „Du hast es geschafft, du hast es ganz allein rausgefunden!“ „Ja, stimmt schon“, meinte Harry nach kurzem Zögern. „Du hast eine Wasserkäfer in deine Haar, Erminne“, sagte Krum. Irgendwie kam es mir so vor, dass Krum versuchte, ihre Aufmerksamkeit wiederzugewinnen, vielleicht um sie daran zu erinnern, dass er sie gerade aus dem See gerettet hatte, doch Mine wischte den Wasserkäfer unwirsch weg. „Aber du hast die Zeit weit überschritten, Harry...hast du so lange gebraucht, um uns zu finden?“ „Nein...gefunden hatte ich euch schon lange...“

    Dumbledore kauerte gerade am Ufer, vertieft in ein Gespräch mit einem Wassermenschen, offenbar der Anführerin, einer besonders wild aussehenden Nixe. Dumbledore machte gurgelnde Geräusche; ich vermutete, dass er sich auf Meerisch unterhielt. Schließlich richtete er sich auf, wandte sich seinen Richterkollegen zu und sagte: „Ich denke, wir sollten uns beraten, bevor wir die Noten vergeben.“ Die Richter scharten sich um ihn eng zusammen. Madam Pomfrey wandte sich nun von uns ab und wandte sich Fleur und ihrer Schwester zu. Fleur hatte viele Schnittwunden auf Gesicht und Armen, doch es schien sie nicht zu kümmern, und sie gestattete Madam Pomfrey nicht einmal, die Wunden zu reinigen. „Kümmern Sie sisch um Gabrielle“, meinte sie und wandte sich Harry zu. „Du ‘ast sie gerettet“, keuchte sie. „Obwohl sie nischt deine Geisel war.“ „Ja“, erwiderte Harry kurz angebunden. Fleur bückte sich, küsste Harry zweimal auf jede Wange und wandte sich mir zu: „Et toi, tu a aidé - Merci beaucoup-...“ „Ce n’est rien.“, entgegnete ich freundlich. (Anmerkung: Fleur bedankt sich, weil Olivia Gabrielle geholfen hat; sie erwidert, dass das doch nichts Großartiges war.)
    In diesem Moment drang Ludo Bagmans magisch verstärkte Stimme neben uns hinauf auf den See; wir zuckten zusammen und die Menge wurde ganz still. „Meine Damen und Herren, wir haben unsere Entscheidung getroffen. Seehäuptlingin Murcus hat uns genau geschildert, was auf dem Grund des Sees geschehen ist, und wir haben daher beschlossen, die Champions bei 50 möglichen Punkten wie folgt zu benoten...

    Miss Fleur Delacour hat zwar gezeigt, dass sie hervorragend mit dem Kopfblasenzauber umgehen kann, doch sie wurde von Grindelohs angegriffen, als sie sich ihrem Ziel näherte, und hat es nicht geschafft, ihre Geisel zu befreien. Wir erteilen ihr 25 Punkte.“ Applaus erschallte von der Tribüne. „Isch ‘ab eigentlisch keinen verdient“, krächzte Fleur und schüttelte ihren Kopf. „Mr. Cedric Diggory, der ebenfalls den Kopfblasenzauber verwendet hat, kam als Erster mit seiner Geisel zurück, allerdings eine Minute nach der gesetzten Zeit von einer Stunde.“ Gewaltiger Applaus von den Hufflepuffs im Publikum; ich sah, wie Cho Cedric einen glühenden Blick schenkte. „Deshalb geben wir wir ihm 47 Punkte. Mr. Viktor Krum hat eine unvollständige Verwandlung benutzt, die dennoch sehr wirksam war, und ist als Zweiter mit seiner Geisel zurückgekehrt. Wir geben ihm 40 Punkte.“ Karkaroff klatschte besonders laut und mit überlegener Miene. „Mr. Harry Potter hat mit bester Wirkung Dianthuskraut genommen“, fuhr Bagman fort. „Er kehrte als Letzter zurück und weit über dem Zeitlimit von einer Stunde. Wie uns die Seehäuptlingin allerdings mitteilt, hat Mr. Potter die Geiseln als Erster erreicht, und die Verspätung bei seiner Rückkehr war seiner Entschlossenheit geschuldet, alle Geiseln, nicht nur die seine, in Sicherheit zu bringen. Die Mehrzahl der Richter“ - und an dieser Stelle versetzte Bagman Karkaroff einen sehr gehässigen Blick - „sind der Überzeugung, dass dies moralisches Rückgrat beweist und mit der vollen Punktzahl belohnt werden sollte. Dennoch... Mr. Potters Ergebnis lautet 45 Punkte.“ Zuerst sah ich Harry etwas verdutzt aus, dann begann ich wie wild zu klatschen. Auch Fleur klatschte begeistert, während Krum überhaupt nicht glücklich schien. „Die dritte und letzte Runde des Tuniers findet am 24. Juni bei Einbruch der Dunkelheit statt“, fuhr Bagman fort. „Wir werden den Champions genau einen Monat vorher mitteilen, was auf sie zukommt. Dank an alle für die Unterstützung ihrer Champions.“

    Auf den Weg zurück zum Schloss stieß Ron zu uns, der geradezu begeistert schien. Im Gemeinschaftsraum wurde bereits gefeiert, und die Zwillinge präsentierten ihre neusten Kreationen, als ich und Mine in unseren Schlafsaal flüchteten, um uns umzuziehen. Während ich mir meine Haare trocken zauberte, zog Mine sich auf ihrem Bett um. Ich bürstete gerade meine Locken, um sie zu meiner üblichen Frisur zu machen, als Mine sagte: „Weißt du, ich glaube, du solltest mit Harry reden.“ „Weshalb?“ „Er hat dich aus dem See gerettet. Du warst seine Geisel; das bedeutet, dass du ihm sehr wichtig bist.“ „Ach ja? Dann rede du mal mit Krum!“, rettete ich mich aus dem Thema. Mine lief rot an, als sie seinen Namen hörte. „Er mag dich gern, Mine!“ „Und Harry mag dich sehr gerne!“ „Du wirst gar nicht mehr damit aufhören, oder?“, fragte ich lächelnd. „Nein.“ Ich schlüpfte aus meinen Klamotten und suchte etwas aus meinem Koffer heraus. Ich entschied mich für eine normale Jeans und ein weinrotes Oberteil, was ich mir schnell anzog und dann prüfend in den Spiegel sah. „Du siehst hübsch aus, wie immer“, beruhigte mich Mine augenverdrehend. „Lass uns gehen.“ „Na gut.“

    Als wir zurück in den Gemeinschaftsraum kamen, waren alle bereits mächtig am Feiern. Laute Musik spielte, es gab riesige Schüsseln, mit allem, was die Küche hergab und die Zwillinge hatten sogar eine kleine Tanzfläche freigeschaffen. Ron und Harry saßen bereits an einem Tisch am Fenster und aßen Torte. Ron erzählte immer noch begeistert von der Aufgabe, während Harry gedankenverloren in die Gegend starrte. Als wir uns zu ihnen setzten, hellte sich sein Gesichtsausdruck auf. „Willst du ein Stück Torte?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß ja nicht, ob da etwas von der Kanariencreme drin ist.“ Mines Worte tanzten in meinem Kopf hin und her. >Ich glaube, du solltest mit Harry reden<. Sollte ich wirklich? Vielleicht würde ich alles zerstören...aber vielleicht... Nein, ich dachte besser erst gar nicht daran! Aber wieso eigentlich nicht? Was konnte Harry denn Schlimmeres sagen, als, dass er meine Gefühle nicht erwiderte? Ich atmete tief durch. Ich musste es einfach wagen. Wenn ich es nicht tat, würde ich für immer ahnungslos bleiben, und das wollte ich nicht. „Harry?“, fragte ich schließlich. „Ja?“ „Können wir... reden? Unter vier Augen?“ Meine Beine zitterten. Er nickte. Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Mine und Ron sich verschwörerische Blicke zuwarfen, doch ich versuchte es zu ignorieren. „Wohin willst du?“, fragte Harry. „Astronomieturm.“ Dort bekam ich vielleicht etwas frische Luft.

    Auf dem Weg sagten wir beide kein Wort; wir hingen unseren Gedanken nach. Ich atmete erleichtert aus, als wir uns oben auf der Plattform befanden, vor uns das Geländer. „Harry?“ Ich lehnte mich gegen die Brüstung und sah über die Ländereien, die wolkenverhangen waren. „Ich muss dich etwas fragen.“ Ich holte tief Luft. „Wieso war ich diejenige, die du retten musstest?“ Betretene Stille trat ein; dann lehnte sich Harry neben mir über das Geländer. „Weißt du, Liv, ich...ich muss dir jetzt etwas sagen. Ich...Du-...Du bist mehr, als nur eine Freundin für mich.“
    Meine Augen weiteten sich; ich konnte einfach nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. „Ich-...“, Harry brach ab. Ich brachte kein einziges Wort heraus, so überwältigt war ich. „Ich mag dich sehr, Liv. Um ehrlich zu sein, ich mag dich mehr als jede andere.“ Ich merkte, wie er nach Worten suchte, während ich immer noch unfähig war, ein einziges Wort auszusprechen. „Es tut mir so leid, dass ich-...“, begann er, doch ich legte meinen Zeigefinger auf seine Lippen und brachte ihn zum Verstummen. Ich sah in seine sanften grünen Augen, die mich besorgt musterten. Was er wohl erwartete? Was glaubte er, wie ich reagieren würde? Ich trat einen Schritt auf ihn zu, bis uns nur noch wenige Zentimeter trennten. „Ich weiß, wie du dich fühlst, Harry“, flüsterte ich. „Wieso?“, nuschelte Harry, da mein Finger noch immer auf seinen Lippen lag. „Weil ich mich genauso in deiner Nähe fühle. In meinem Bauch beginnt es zu kribbeln, mein Herz setzt einen Schlag aus und ich habe Angst, rot zu werden.“ Ich lächelte nervös und nahm meinen Finger von seinem Mund. Harry sah mich mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht an. Nach einer gefühlten Ewigkeit begann er zu lächeln. Dann bemerkte er, wie nahe wir uns eigentlich waren, doch er bewegte sich nicht. Ich grinste. „Willst du mich jetzt nicht küssen?“, fragte ich verschmitzt. „Doch“, gab er zögerlich zu. „Worauf wartest du dann noch?“ „Auf gar nichts.“

    Im nächsten Moment lagen seine Lippen auf meinen. Es fühlte sich unglaublich an. Es war anders als mein erster Kuss mit Draco, aber nicht schlechter. Nein, auf keinem Fall war es schlechter. Es fühlte sich nur so anders an... In meinem Körper schienen Schmetterlinge umherzufliegen, die mich regelrechter Hitze aussetzten. Harry griff nach meiner Hüfte und zog mich näher an sich heran. Seine rechte Hand blieb auf meinem Rücken liegen, während die linke Hand zu meinen Locken wanderte und sie aus meinem Gesicht strich. Ich ergriff die Initiative und vergrub meine rechte Hand in Harrys schwarzem abstehenden Haar, wobei ich ihn mit meiner linken Hand noch näher an mich heranzog. Seine Lippen auf den meinen waren so unglaublich sanft...Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, damit wir auf Augenhöhe waren, dann ließ ich mich in dieses wundersame Gefühl der Wärme und Geborgenheit fallen.

    Als ich mich wieder von ihm löste, konnte ich mein Lächeln nicht verbergen. „Weißt du eigentlich, dass du wunderschön bist?“, fragte Harry, und strich meine Locken zurück. Jedesmal, wenn er meine Haut berührte, schien es dort zu brennen; es war unglaublich schön. „Jetzt weiß ich es“, erwiderte ich und küsste ihn kurz auf den Mund. „Seit wann...“, ich wusste nicht, wie ich die Frage stellen sollte, „seit wann fühlst du schon so?“ Harry wandte den Blick nicht von mir, als er antwortete: „Eigentlich schon, seit wir uns kennengelernt haben. Du warst für mich schon immer etwas Besonderes, weißt du? Aber...es ist gewachsen. Seit letztes Jahr habe ich es deutlich gespürt. Ich...ich hab dich da im Tropfenden Kessel vor meiner Zimmertür gesehen und da...da habe ich es das erste Mal richtig deutlich gemerkt. Und du?“ „Auch erst richtig seit dem dritten Schuljahr. Du weißt ja nicht, wie oft ich mich innerlich dafür verflucht habe.“ „Warum?“ „Ich dachte, du siehst in mir nur deine beste Freundin. Und...ich wollte unsere Freundschaft auf keinen Fall zerstören.“ „Mir ging es genauso.“, gab Harry zu. Ich begann zu lachen; ganz plötzlich. „Wieso lachst du?“, fragte Harry besorgt. „Hat-...Hat es dir nicht gefallen?“ „Natürlich hat es mir gefallen“, meinte ich kichernd und versuchte ernst zu bleiben. „Ich denke nur, dass wir es uns so viel schwerer gemacht haben, als es eigentlich hätte sein müssen. Wir hätten so viel Zeit sparen können...“ Harry brachte auch ein leichtes Lächeln zu Stande. Mein Lachen wurde jedoch von einem weiteren Kuss erstickt, was mir in diesem Moment total egal war. Meine Beine waren ganz wackelig, doch Harry hielt mich so fest, dass ich gar nicht in der Lage war, hinzufallen. Als Harry sich wieder von mir löste, murmelte er leise: „Ich liebe dich.“

    Er hatte es gesagt; er hatte die drei Worte gesagt. Waren vorher noch Zweifel dagewesen, waren sie nun wie weggeblasen. „Ich liebe dich auch“, wisperte ich, bevor wir in einem weiteren Kuss versanken. „Wir sollten zurückgehen“, meinte ich schließlich. „Ron und Mine werden sich schon fragen, wo wir so lange bleiben.“ „Die beiden wussten davon, oder?“ Ich grinste, dann nickte ich. Zusammen gingen wir die Stufen hinunter und zurück zum Gemeinschaftsraum, wobei Harry meine Hand kein einziges Mal losließ. Die fette Dame war gerade mit ihrer Freundin Violet im Porträt vor dem Porträtloch. Die beiden sahen auf unsere verschränkten Hände, dann lächelten sie wohlwissend. „Lichterfeen“, sagte ich hastig, bevor die beiden noch etwas Peinliches von sich gaben. Das Porträt schwang zur Seite und wir stiegen in den Gemeinschaftsraum. Die Party war gerade im vollen Gange; die Musik war so laut aufgedreht, dass mir fast die Trommelfelle platzten. Als wir hereinkamen, gesellten sich Mine und Ron zu uns. Als meine beste Freundin unsere verschränkten Hände sah, wurde sie ganz aufgeregt und umarmte uns stürmisch. „Ich wusste doch, dass es irgendwann rauskommt!“, wiederholte sie immer wieder. „Glückwunsch“, sagte Ron grinsend. „Es wurde aber auch Zeit.“ „Na, wen haben wir denn da?“, drang plötzlich die Stimme von George an mein Ohr. „Harry Potter und Olivia Rosier: das neue Traumpaar von Hogwarts. Morgen steht es bestimmt schon in der Hexenwoche. Und zwar vorn auf dem Titelblatt!“, fügte Fred grinsend hinzu. „Kann es sein, dass jeder davon wusste, außer wir selbst?“, fragte mich Harry. „Klar“, meinte George, „sogar ein Blinder konnte sehen, dass ihr aufeinander steht!“ Ich grinste ein wenig beschämt. „Sollen wir euch vielleicht zu deinen Schlafsaal begleiten, Harry? Wir wissen ja nicht, was ihr noch so miteinander treiben wollt...“ „Oh, ich weiß es schon“, meinte ich gelassen und grinste. „Sollen wir es den beiden mal zeigen?“ „Nur zu gern“, erwiderte Harry, ebenfalls grinsend. Im nächsten Moment lagen unsere Lippen aufeinander. Ich schmiegte mich an Harry, und ignorierte das laute Pfeifen von Fred und George. Als wir uns wieder voneinander lösten, bemerkte ich erst, dass fast alle Augen im Gemeinschaftsraum auf uns gerichtet waren. Einen Augenblick lang herrschte betretenes Schweigen, dann brach lauter Applaus aus. Ich lächelte; dieser Abend war einer der schönsten meines Lebens.

    9
    35. Kapitel

    Die ganze Woche über war ich auf Wolke sieben gewesen; Harry und ich zeigten es zwar nicht offensichtlich, dass wir zusammen waren, doch die Neuigkeit hatten bereits die Runde gemacht. Selbst Dumbledore hatte uns am Tag nach der Aufgabe beim Frühstück wissend zugelächelt. Dass mir bei jeder Gelegenheit die Augen eines gewissen Slytherins folgten, bemerkte ich jedoch nicht.

    Am Samstag nach dem Frühstück machten Harry und ich allein einen Spaziergang über die Ländereien. Der Schnee war bereits größtenteils weggetaut, doch das Wasser des schwarzen Sees war immer noch eiskalt. Auf einem kleinen Hügel vor dem See, der von Bäumen verdeckt wurde, blieben wir schließlich stehen, um den Morgen zu genießen. Einige Eulen saßen auf einem Baum ganz in der Nähe und krächzten, als sie uns sahen. Ich zitterte in meinem Mantel; als Harry es bemerkte, zog er mich näher an sich heran und schlang einen Arm um meine Taille. Es raubte mir immer noch den Atem, wenn er das tat. Ich hatte mich einfach noch nicht daran gewöhnt, dass er nicht mehr irgendein Freund war, oder mein bester Freund. Er war >mein< Freund. Ich lächelte. Da es einer der wenigen Momente war, in denen wir wirklich allein waren, nutzte Harry die Chance. Seine Küsse lösten noch immer ein regelrechtes Feuer in mir aus, ich konnte nichts dagegen tun. So standen wir also umschlungen da, ohne loszulassen; zwischen uns hätte nicht einmal ein Blatt Pergament gepasst. Harry spielte mit einer meiner Locken und wickelte sie um seinen Finger; ich mochte es, wenn er das tat.

    Wir waren gerade dabei, den Kuss zu intensivieren, als wir von einer schnarrenden Stimme unterbrochen wurden. Als ich erkannte, dass es Draco war, riss ich mich ruckartig von Harry los. Doch es war schon zu spät; er hatte uns gesehen. Zuerst spiegelte sich in seinem Blick etwas wie...Entsetzen?, dann setzte er ein höhnisches Lächeln auf. Crabbe und Goyle folgten ihm sofort. (War ja auch klar, ging er irgendwo ohne die beiden hin?) „Wen haben wir denn hier? Potter und Rosier, dachte ich mir schon.“ „Lass uns in Ruhe, Malfoy!“, zischte Harry wütend. „Oh Potter, kann deine Freundin sich nicht selbst verteidigen? Braucht sie jemanden, der auf sie aufpasst?“ „Danke, ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, Malfoy!“, fauchte ich. „Ach ja, Rosier? Das wirkt aber nicht so. Es ist eh schon ein Wunder, dass ihr überhaupt zusammen seid. Ihr seid sowas von schüchtern, ich hab geschätzt, das würde noch tausend Jahre dauern.“ Nimm ihn nicht ernst, nimm ihn nicht ernst!, wiederholte ich in meinem Kopf. Das ist nur seine Rolle, er spielt mit dir, Olivia!, dachte ich weiter. Draco ließ ein höhnisches Lachen hören, das sogar noch boshafter klang als sonst. „Na, Rosier, seid ihr schon zusammen ins Bett gesprungen? Mich würd’s nicht wundern, du bist solch eine Schlampe, hab ich Recht? Das hast du ja bestimmt alles von deiner Mutter gelernt.“ Ich versuchte mit aller Kraft, die Sätze einfach aus meinem Gedächtnis zu streichen, doch es funktionierte nicht. Ich sah hinüber zu Harry, der vollkommen fassungslos war, dass Draco mich so beleidigen konnte. Ich versuchte, von außen ganz ruhig zu bleiben, dann ging ich betont lässig auf den Slytherin zu. „Wenigstens bin ich kein arroganter Idiot, der versucht, andere niederzumachen, weil sie glücklich sind.“ Dann trat ich ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein; mit einem Schmerzenslaut sank Draco zu Boden, doch ich hatte kein Mitleid. Stattdessen erhielt er noch eine schallende Ohrfeige. Als Crabbe und Goyle sich auf mich stürzen wollten, zog ich meinen Zauberstab und richtete ihn auf die beiden. „Versucht es ruhig!“, zischte ich, doch den beiden schien die Lust vergangen zu sein. Sie griffen Draco unter die Arme, der immer noch jämmerlich wimmerte, und machten, dass sie davonkamen.

    Ich starrte ihnen wie betäubt nach; ich konnte einfach nicht glauben, dass Draco das gerade zu mir gesagt hatte. Wie konnte er nur? Wie konnte er das nur tun? Die Fragen wollten einfach nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden. Sie brannten sich darin ein; ich war unfähig, sie wieder zu löschen. Ich wollte nicht zugeben, dass seine Worte mich unglaublich verletzt hatten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er das, was er gesagt hatte, vollkommen ernst gemeint hatte. Ich wollte Draco nicht verlieren, doch das würde ich unweigerlich, wenn er nicht akzeptierte, dass ich mit Harry zusammen war. Denn er hatte nicht nur mich beleidigen wollen, das war mir klar, sondern Harry und mich. Wahrscheinlich wäre es ihm gerade recht gewesen, wenn Harry sich vor Wut auf ihn gestürzt hätte. „Denen hast du es gezeigt“, riss Harry mich aus meinen Gedanken. Er sah fast schadenfroh aus, was ihm gar nicht mal so schlecht stand. „Aber ich fürchte, dass die nicht so einfach aufhören werden.“ Ich nickte bestätigend. „Du hast vermutlich Recht, Harry. Malfoy wird dich vermutlich nie in Ruhe lassen können.“ „Dich aber genauso wenig.“ Wie recht er damit hatte, sagte ich ihm lieber nicht.

    Nach dem Mittagessen saß ich im Raum der Wünsche und machte Hausaufgaben. Professor McGonagall hatte uns mal wieder einen sechs Fuß langen Aufsatz aufgegeben, den ich noch unbedingt erledigen wollte. So saß ich also auf dem Sofa und schrieb vor mich hin; die Befürchtung, dass Draco auftauchen könnte, hatte ich natürlich schon, aber in diesem Moment versuchte ich sie einfach zu verdrängen. Sollte er doch kommen! Hässlichere Worte als heute Morgen konnte er mir ja nicht an den Kopf werfen! Wütend tunkte ich meine Feder in das Tintenfass und schrieb weiter. Draco konnte mir wirklich gestohlen bleiben; er konnte tun und lassen, was er wollte, solange es nichts mit mir zu tun hatte. Ich würde jedenfalls nicht weich werden. Meinen Tritt in sein Schienbein hatte er redlich verdient, und das wusste er ganz genau! Höchstwahrscheinlich heulte er sich gerade bei dem Mopsgesicht Pansy Parkinson aus... Seltsamerweise verspürte ich keinerlei Freude an dem Gedanken, Draco vor sich hin jammern zu sehen, obwohl er doch selbst an seinem Unglück schuld war. Bei dem Gedanken an seine Worte verkrampften sich meine Finger automatisch, und fast hätte ich den Kiel der Feder kaputt gemacht. Dass Draco mir aber auch die ganze Zeit im Kopf herumspuken musste! Bei Merlins Bart, wieso verstand er bloß nicht, dass ich ihn doch nicht plötzlich vernachlässigen würde, nur, weil ich mit Harry zusammen war? Es war geradezu frustrierend.

    Ich bemerkte erst, dass er in der Tür stand, als ich aufsah. Doch ich ging nicht; nein, ich wandte mich wieder meinem Aufsatz zu, als wäre er Luft für mich. Ich wusste, dass ich ihm somit sehr viel mehr weh tun konnte, als nur mit einer Ohrfeige. Und zugegeben, ich wollte Draco leiden sehen. Er hatte es verdient und nicht anders gewollt. Ich hörte, wie er herüber kam und sich in einen Sessel, der mir gegenüber stand, fallen ließ. Ich musste mich förmlich dazu zwingen, ihn nicht anzusehen; ihm nicht ins Gesicht zu schreien, was ich von ihm hielt. Er räusperte sich laut und vernehmlich; meine Feder kratzte weiter über die Pergamentseite. Er räusperte sich ein zweites Mal. Ob er wohl wirklich dachte, ich hätte ihn nicht gehört? Jedenfalls reagierte ich auch darauf nicht. „Via?“ Ich blieb stumm und sah mir meine Notizen durch, als ob ich ihn wirklich nicht sehen könnten. „Via!“ Ich tauchte meine Feder erneut in das Tintenfass. „Hör zu, ich hab das nicht so gemeint.“ Ach nein?, dachte ich, sagte jedoch keinen Ton und begann mit der nassen Tinte erneut zu schreiben. „Ehrlich, glaub mir.“ Ich glaubte ihm nicht. Ich hatte den Hass förmlich aus seinen Augen sprühen sehen können. Er seufzte. „Du wirst nicht wieder mit mir sprechen, ehe ich mich entschuldigt habe, oder?“ Ich nickte zwar nicht, aber er wusste, dass ich genau das vorhatte. „Via, ich...“ Er brach ab. „Es tut mir leid.“ Ich hielt das nicht länger aus. Ich musste irgendetwas sagen...

    Als ich meinen Mund aufmachte, purzelten die Wörter heraus, so schnell, dass ich selbst kaum hinterherkam. „Ach ja? Das sieht man dir ja wirklich gut an!“ Ich sprang auf und bewegte mich auf ihn zu. „Ich werde dir jetzt mal zeigen, was eine >Schlampe< wie ich so alles mit dir machen kann!“ Ich musste nicht einmal anfangen zu singen; die Strahlen schossen aus meinen Händen hervor und knisterten förmlich in der Luft. Ich ging weiter auf ihn zu; Draco wich zurück, bis er schließlich an der Wand stand. Ich ging ganz gelassen weiter, dann richtete ich meine Hände auf ihn; das Licht wurde zu zwei gewaltigen Strahlen, die links und rechts von Dracos Oberkörper in der Wand landeten und ihn somit praktisch einkerkerten. Sie flimmerten und knisterten, wie sie da außerhalb von Draco in der Wand steckten und er unfähig war, sich zu bewegen. Zwei Meter von ihm entfernt blieb ich stehen und richtete meinen rechten Arm drohend auf ihn. „Ich sagte doch, es tut mir leid!“ „DU HAST MICH EINE >SCHLAMPE< GENANNT!“, schrie ich. Draco zitterte förmlich, als er mich so wütend sah. Er wirkte regelrecht verängstigt; es war, als würde sich mein Verstand endlich wieder einschalten. Wie konnte ich ihm nur solche Angst einjagen? Für ihn musste ich sicher furchterregend aussehen, wie ich drohend und wütend vor ihm stand und ihn mit meinen Kräften in Schach hielt. Ich ließ meinen rechten Arm sinken; als hätten die Strahlen mich verstanden, verschwanden sie augenblicklich. „Du...du wirst mich niemals wieder so nennen, verstanden?“, sagte ich in bestimmendem Ton. Draco nickte; er wirkte allerdings immer noch so, als wäre er sich nicht sicher, ob ich mich wieder beruhigt hatte.

    Ich ging zurück zum Sofa und ließ mich darauf fallen; „Es ist alle in Ordnung. Ich hab mich beruhigt, Draco.“ Damit fühlte er sich wohl ein wenig sicherer, denn er setzte sich neben mich. Eine ganze Weile lang schwiegen wir beide, dann sagte Draco: „Also du und Potter?“ „Ja.“ „Seit wann?“ „Seit der zweiten Aufgabe.“ Draco wirkte, als würde er über etwas nachdenken, dann meinte er: „Liebst du ihn?“ Fragend sah ich ihn an. Was meinte er denn damit? „Ja...natürlich.“ „Du wirkst nicht gerade überzeugt.“ „Natürlich liebe ich ihn, Draco, sonst wären wir ja wohl nicht zusammen. Ich mag Harry sehr!“ „Lieben und Mögen sind zwei unterschiedliche Dinge.“ „Seit wann bist du denn bitte der Experte in Sachen Liebe?“ Dann viel mir wieder ein, was er mir damals erzählte hatte. Dass es da ein Mädchen gebe, dass er sehr gern hätte. Dass er sie lieben würde. „Oh.“, brachte ich nur hervor. „Tut mir Leid, Draco, ich wollte nicht-...“ „Schon gut“, erwiderte Draco unwirsch. „Hast du schon den Aufsatz für Professor Snape geschrieben?“, versuchte ich ihn abzulenken. „Hör auf, das Thema zu wechseln“, sagte Draco. „Wieso willst du überhaupt darüber reden?“, fragte ich. „Ich bin mit Harry zusammen, na und?“ „Ich sehe es einfach nicht gern, dass du die ganze Zeit über mit ihm zusammen bist.“ „Das ist es also. Du bist eifersüchtig.“ „Nein!“ Ich schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich werd’ dich schon nicht vernachlässigen, Draco, versprochen.“ „Ich bin nicht eifersüchtig!“ „Ja klar!“, meinte ich grinsend, „Überhaupt nicht.“ „Dir kann man so einfach nichts vormachen, stimmt’s?“ Ich nickte lächelnd. „Das hast du mal wieder sehr gut erkannt.“ „Meine Spezialität, das weißt du doch, Singvogel.“ „Nenn mich nicht >Singvogel<, Frettchen!“ Wir sahen uns einen Moment lang herausfordernd an, dann begannen wir gleichzeitig zu lachen.

    Als ich zurück in den Gemeinschaftsraum kam, wurde ich bereits sehnsüchtig von Harry erwartet. „Wo warst du?“, fragte er, als ich mich neben ihn setzte. „In der Bibliothek. Du weißt doch, ich wollte noch den Aufsatz für Professor McGonagall fertigschreiben.“ „Und dafür hast du den ganzen Nachmittag gebraucht?“ „Ähm...ich habe noch ein wenig nach neuen Bücher gesehen, die ich noch nicht gelesen habe.“ „Wenn du so weiter machst, kennst du bald jedes einzelne Buch in der Bibliothek.“ „Da hast du wohl recht.“ Ich kuschelte mich näher an ihn heran und starrte in die Flammen des Feuers im Kamin, die dem Raum etwas Wärme spendeten. Harry legte einen Arm um mich und zog mich noch näher an sich heran. Ich konnte seine Wärme spüren, als ich mich an ihn schmiegte und meinen Kopf auf seine Schulter legte. „Ach übrigens“, flüsterte Harry, „nächstes Wochenende ist Hogsmeade-Wochenende. Wir wollten doch Sirius besuchen, kommst du mit?“ „Klar“, wisperte ich. „Ich kann es kaum erwarten.“

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    36. Kapitel

    Anfang März wurde das Wetter endlich trockener, jedoch herrschte draußen immer noch starker Wind. Der Waldkauz, den Harry Sirius mit dem Datum des Hogsmeade-Wochenendes geschickt hatte, tauchte am Freitagmorgen beim Frühstück auf; die Hälfte seiner Federn war in die falsche Richtung gebürstet. Kaum hatte Harry Sirius’ Antwort von seinem Bein gerissen, flatterte er wieder davon, offensichtlich aus Furcht, dass er gleich den Antwortbrief zurückbringen müsse. Sirius’ Brief war fast so kurz wie sein voriger.

    Komm Samstagnachmittag um zwei zu dem Gatter an der Straße, die aus Hogsmeade herausführt (an Derwisch und Banges vorbei). Bring so viel Essbares mit, wie du tragen kannst.

    „Er ist doch wohl nicht wieder in Hogsmeade?“, fragte Ron ungläubig. „Sieht ganz danach aus“, sagte Mine. „Das ist aber ziemlich riskant...“, meinte ich. „Das kann er doch nicht machen“, fügte Harry angespannt hinzu. „Wenn sie ihn fassen...“ „Bis hierher ist er jedenfalls durchgekommen“, sagte Ron. „Und in diesem Kaff wird sich jetzt wohl kein Dementor mehr herumtreiben.“ Trotzdem machte ich mir Sorgen, die den ganzen Tag lang anhielten bis zur letzten Doppelstunde an diesem Nachmittag - Zaubertränke.

    Als wir die Treppen zu den Kerkern hinunterstiegen, sahen wir bereits Draco in Begleitung von Crabbe und Goyle, der vor der Klassenzimmertür stand und die Köpfe mit einigen Slytherin-Mädchen zusammensteckte. Die Mädchen kicherten ausgelassen über etwas, dass ich nicht sehen konnte. Als wir näher kamen, lugte Pansys aufgeregtes Mopsgesicht hinter Goyles breitem Rücken hervor. „Da sind sie, das sind sie!“, giggelte sie und die Slytherin-Traube stob auseinander. Ich sah, dass Pansy eine Zeitung in der Hand hielt - die Hexenwoche. Da würde doch hoffentlich nichts über Harry und mich drinnen stehen? „Da steht was drin, das dich sicher interessieren wird, Granger!“, rief Pansy und warf die Illustrierte Mine zu, die sie verdutzt auffing. In diesem Augenblick öffnete sich die Kerkertür und Snape winkte uns herein.
    Wir gingen wie immer schnurstracks auf einen Tisch ganz hinten zu. Sobald Snape uns den Rücken zugedreht hatte, um die Zutaten des heutigen Tranks an die Tafel zu schreiben, blätterte Mine unter dem Tisch hastig das Heft durch. Im mittleren Teil fand sie schließlich, wonach wir suchten. Ein Farbfoto von Harry prangte über einem kurzen Artikel mit der Überschrift

    Harry Potters stummes Herzeleid

    Ein Junge wie kein anderer, könnte man meinen - doch auch ein Junge, der die ganzen gewöhnlichen Qualen des Heranwachsenden durchleidet. Seit dem tragischen Ableben seiner Eltern der Liebe beraubt, glaubte der vierzehnjährige Harry Potter, endlich Trost bei seiner Freundin in Hogwarts, der muggelstämmigen Hermine Granger, gefunden zu haben. Doch er ahnte nicht, dass seine Seele in diesem ohnehin von persönlichen Verlusten geprägten Leben bald erneut einen schweren Schlag erleiden würde.
    Miss Granger, ein äußerlich unscheinbares, aber ehrgeiziges Mädchen, hegt offenbar eine Vorliebe für berühmte Zauberer, die Harry allein nicht befriedigen kann. Seit Viktor Krum, der bulgarische Suche rund Held der letzten Quidditch-Weltmeister, in Hogwarts weilt, spielt Miss Granger mit den Gefühlen beider Jungen. Krum, der von der tückischen Miss Granger offensichtlich hingerissen ist, hat sie bereits eingeladen, ihn während der Sommerferien in Bulgarien zu besuchen, und versichert, er habe „solche Gefühle noch für kein anderes Mädchen empfunden“.
    Allerdings sind es womöglich gar nicht die zweifelhaften natürlichen Reize Miss Granger, denen diese beiden unglückliche Jungen verfallen sind.
    „Die ist echt hässlich“, meint Pansy Parkinson, eine hübsche und lebhafte Viertklässlerin, „aber dass sie einen Liebestrank zusammenbrat traue ich ihr durchaus zu, sie hat ja ziemlich viel Grips. Ich bin sicher, damit schafft sie es.“
    Natürlich sind Liebestränke in Hogwarts verboten und zweifellos sollte Albus Dumbledore diesen Behauptungen nachgehen.
    Zudem ist anzunehmen, dass Miss Granger mit ihrer vermeintlich besten Freundin Olivia Rosier einige Streitgespräche hinter sich hat, was natürlich verständlich ist, da auch Miss Rosier gewisses Interesse an Harry zeigt; in der Öffentlichkeit zeigen sich die beiden zwar als unschuldige und sich verstehende Mädchen, doch was wirklich zwischen ihnen steht, ist nicht zu übersehen.
    In der Zwischenzeit können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen, nur hoffen, dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren Kandidatin schenkt.
    Rita Kimmkorn

    „Ich hab’s dir doch gesagt!“, flüsterte Ron auf Mine ein, die mit offenem Mund das Blatt anstarrte. „Ich hab dir doch gesagt, du sollst diese Rita Kimmkorn nicht ärgern! Jetzt hat sie dich auf dem Kieker und macht aus dir so eine - eine Lebedame!“ Mines verblüffter Gesichtsausdruck löste sich in schnaubendes Gelächter auf. „Lebedame?“, wiederholte sie und zitterte verhalten kichernd. „So nennt es jedenfalls meine Mum“, murmelte Ron und wurde wieder um die Ohren herum ganz rot. „Wenn das alles ist, was sie zustande bringt, wird sie langsam langweilig“, sagte Mine und steckte die Hexenwoche unter den Tisch. „Das ist doch nichts als ein Haufen Müll.“ Sie sah hinüber zu den Slytherins, die gespannt beobachteten, ob es ihnen gelungen war, uns zu ärgern. Mine schenkte ihnen ein herablassendes Lächeln und einen lässigen Wink mit der Hand.
    Während wir unsere Zutaten auspackten, die wir für den Gripsschärfungs-Trank brauchten, lächelte ich in mich hinein. Sie hatte nicht herausgefunden, dass Harry und ich zusammen waren; das wäre ja auch noch schöner!

    „Eins ist schon komisch daran“, sagte Mine zehn Minuten später, als ich gerade die Schale eines Skarabäuskäfer zerrieb. „Wie hat sie das nur rausgefunden?“ „Was rausgefunden?“, fragte Ron. „Du hast doch nicht wirklich Liebestränke gebraut, oder?“ „Sei doch nicht albern“, zischte Mine. „Nein, es ist nur...wie hat sie erfahren, dass Viktor mich eingeladen hat, ihn im Sommer zu besuchen?“ Mine lief bei ihren Worten scharlachrot an und mied Rons Blick. „Was?“ Ron ließ seinen Mörser fallen. „Er hat mich gefragt, gleich nachdem er mich aus dem See gezogen hatte“, murmelte Mine. „Nachdem er seinen Haikopf losgeworden ist. Madam Pomfrey hat uns Decken gegeben, dann hat er mich von den Richtern weggezogen, damit sie nichts mitbekamen, und gefragt, ob ich im Sommer schon was vorhätte und ob ich nicht Lust hätte-...“ Sie brach ab und ihre Wangen röteten sich noch ein wenig mehr. „Was hast du geantwortet?“, fragte ich flüsternd, während Ron, der unverwandt auf meine beste Freundin starrte, gut eine Handbreit von der Schale entfernt mit dem Mörser auf den Tisch hämmerte. „Und er hat wirklich gesagt, dass er noch nie solche Gefühle für jemanden empfunden hätte“, fuhr Mine fort, ohne auf meine Frage zu antworten. „Aber wie könnte Rita Kimmkorn uns belauscht haben? Sie war nicht da...oder doch? Vielleicht hat sie einen Tarnumhang und hat sich aufs Gelände geschlichen, um sich die zweite Runde anzusehen...“ „Und was hast du geantwort?“, wiederholte Ron meine Frage und hieb mit dem Mörser so heftig auf den Tisch ein, dass eine Delle im Holz zurückblieb. „Mich hat nur interessiert, ob es Harry und Liv gut geht und-...“

    „So faszinierend Ihr gesellschaftliches Leben zweifellos ist, Ms. Granger“, ertönte eine eisige Stimme direkt hinter uns, „ich muss Sie doch ermahnen, es nicht im Unterricht zu erörtern. 10 Punkte Abzug für Gryffindor.“ Snape war zu unserem Tisch herübergeglitten, während wir gesprochen hatten. Die ganze Klasse drehte nun die Köpfe; Draco nutzte die Gelegenheit und ließ POTTER STINKT durch den Kerker zu Harry herüberblitzen. „Ah...und man liest auch noch Heftchen unter dem Tisch?“, setzte Snape hinzu und griff nach der Hexenwoche. „Noch einmal 10 Punkte Abzug für Gryffindor...oh, verstehe...“ Seine schwarzen Augen glitzerten, als sein Blick auf Rita Kimmkorns Artikel fiel. „Potter muss natürlich erfahren, was die Presse über ihn schreibt...“ Der Kerker erzitterte förmlich unter dem Gelächter der Slytherins; ein unangenehmes Lächeln kräuselte sich auf Snape dünnen Lippen. Harry wurde ganz rot vor Zorn, als Snape auch noch begann, den Artikel laut vorzulesen. „>Harry Potters stummes Herzeleid<...meine Güte, Potter, was hast du denn nun schon wieder für ein Wehwehchen? >Ein Junge wie kein anderer, möchte man meinen<...“ Snape legte am Ende jedes Satzes eine kleine Pause ein, um den Slytherins einen ausgiebigen Lacher zu gönnen. Von ihm vorgelesen klang der Artikel noch zehnmal schlimmer. „>können alle, die sich um das Wohl Harry Potters sorgen, nur hoffen, dass er sein Herz das nächste Mal einer würdigeren Kandidatin schenkt.< Wie unglaublich rührend“, höhnte Snape und rollte das Heft unter dem anhaltenden Gelächter der Slytherins zusammen. „Es ist wohl das Beste, wenn ich euch vier voneinander trenne, damit ihr euch Gedanken über Zaubertränke statt über euer Liebesleben macht.Weasley, du bleibst hier. Miss Granger, dort rüber, neben Miss Parkinson. Miss Rosier neben Mr. Malfoy. Potter, an den Tisch vor meinem Pult. Beweg dich. Sofort.“

    Während Harry wütend nach vorne stapfte, ließ ich mich leise auf dem Platz neben Draco nieder, ohne diesen auch nur einmal anzusehen. Mit geübten Handgriffen erhitzte ich die Gürteltiergalle in meinem Kessel und fügte danach die zerkleinerten Skarabäuskäfer, einen Billywigstachel und ein Stück Ingwerwurzel hinzu. Ich konnte schwören, dass Snape Harry vorne am Pult gerade fertigmachte, doch ich hätte nichts dagegen machen können. Mein Trank köchelte gerade vor sich hin, als es an der Kerkertür klopfte. „Herein“, sagte Snape. Die Tür ging auf; Professor Karkaroff trat ein. Unter aller Augen ging er auf Snapes Tisch zu. Er wirkte aufgewühlte und wickelte seinen Ziegenbart um einen Finger. „Ich muss Sie sprechen“, sagte Karkaroff leise. „Ich spreche nach dem Unterricht mit Ihnen, Karkaroff-...“, murmelte Snape, doch Karkaroff unterbrach ihn. „Ich will jetzt mit dir sprechen; von hier kannst du nicht einfach verschwinden, Severus. Du bist mir die letzte Zeit dauernd aus dem Weg gegangen.“ „Nach der Stunde“, zischte Snape.

    Karkaroff vertrat sich für den Rest der Doppelstunde die Beine hinter Snapes Rücken. Er schien unbedingt verhindern zu wollen, dass Snape am Ende der Stunde verschwand. Als die Glocke läutete, ging ich hinaus; mir entging jedoch nicht, dass Harry gerade dabei war, seine Gürteltiergalle aufzuwischen. Ich wusste, was er vorhatte: er wollte Karkaroff und Snape belauschen. Ich schloss die Tür hinter mir und rief Ron und Mine zurück. „Harry ist noch da drin. Ich glaube, er belauscht Snape und Karkaroff.“ Die beiden wunderten sich gar nicht darüber. Ich lehnte mich gegenüber der Tür an die Steinwand und wartete, bis Harry aus dem Raum gestürzt kam. Während wir nach oben gingen, erzählte Harry, was er gesehen hatte. „Karkaroff hat den Ärmel seines linken Arms hochgezogen und hat Snape darauf etwas gezeigt; und dann hat er gesagt, es sei noch nie so deutlich gewesen...“ Irgendwie hatte ich dabei ein ganz schlechtes Gefühl.

    Am nächsten Tag gingen wir um die Mittagszeit aus dem Schloss; so mild wie in diesem Jahr war es noch nie gewesen, und als wir in Hogsmeade angekommen waren, hatten wir uns bereits von unseren dicken Jacken befreit. Das Essen, das wir für Sirius mitbringen sollten, trug Harry in einer Tasche mit sich; wir hatten ein Dutzend Hühnerbeine, einen ganzen Laib Brot und eine Flasche Kürbissaft vom Mittagstisch mitgehen lassen.
    Wir gingen in den Besenknecht, um ein Geschenk für Dobby zu finden, da er Harry mit der Lösung für die zweite Aufgabe des Trimagischen Tuniers geholfen hatte. Wir machten uns einen Spaß daraus, die schrillsten Socken auszusuchen, die wir finden konnten, darunter auch welche, die mit blitzenden Gold- und Silbersternen geschmückt waren, und solche, die laut aufschrien, wenn sie zu stinkig wurden.
    Um halb zwei machten wir uns dann auf den Weg die Hauptstraße entlang und aus dem Dorf hinaus. In diese Richtung waren wir noch nie gegangen. Die gewundene Straße führte uns hinaus in die wilde Landschaft um Hogsmeade. Hier gab es nur vereinzelte Landhäuser mit großen Gärten; die Straße führte zunächst auf den Berg zu, in dessen Schatten Hogsmeade lag. Dann machte sie eine Biegung und wir konnten am Ende der Straße ein Gatter sehen. Dort wartete ein großer, zottiger schwarzer Hund, der die Vorderpfoten auf die oberste Stange gelegt hatte und einen Haufen Zeitungen im Maul trug.
    „Hallo, Sirius“, sagte Harry, als wir ihn erreicht hatten. Der schwarze Hund schnüffelte begierig an Harrys Tasche, wedelte mit dem Schwanz, drehte sich um und trottete über das Gras davon, das bis zum felsigen Fuß des Berges anstieg. Wir kletterten über das Gatter und folgten ihm.

    Sirius führte uns bis zum Fuß des Berges, wo der Boden mit Steinen übersät war. Mit seinen vier Hundebeinen kam er rasch voran; bei uns jedoch dauerte es nicht lange, bis wir außer Puste waren. Nun ging es steil den Berg hinauf. Eine halbe Stunde lang folgten wir Sirius’ wedelndem Schwanz und kletterten einen gewundenen, steinigen Pfad empor.
    Dann war es so weit. Sirius verschwand plötzlich, und als wir die Stelle erreichten, wo wir ihn zuletzt gesehen hatten, standen wir vor einem schmalen Spalt im Fels. Wir drängten uns hindurch und standen in einer kühlen, schwach erleuchteten Höhle. Im hinteren Teil der Höhle stand Seidenschnabel, der der an einem großen Stein angeleint war. Seine wilden, orangen Augenblitzten auf, als er uns erkannte. Wir verbeugten uns tief vor ihm, und nachdem er uns einen Moment lang gemustert hatte, knickte er die Vorderbeine ein und erlaubte es Mine, schnell hinüberzugehen um seinen fedrigen Hals zu streicheln. Sirius verwandelte sich gerade wieder in seine normale Gestalt zurück.

    Er trug einen zerlumpten grauen Umhang; ich erinnerte mich, dass er ihn auch getragen hatte, als er aus Askaban geflohen war. Sein Haar war länger geworden und verfilzt und zerzaust. Er sah vollkommen abgemagert aus. „Hühnchen!“, sagte er mit rauer Stimme, nachdem er die alten Ausgaben des Tagespropheten aus dem Mund genommen und zu Boden geworfen hatte. Harry öffnete seine Tasche und reichte Sirius das Bündel mit Hühnerbeinen und Brot. „Danke“, meinte Sirius, wickelte es aus, packte einen Hühnerbein, setzte sich auf den Boden und riss mit den Zähnen ein großes Stück Fleisch ab. „Hab die letzte Zeit meist von Ratten gelebt. Darf in Hogsmeade nicht zu viel Essen stehlen; die würden sonst auf mich aufmerksam werden.“ Er grinste uns an, was ich nur schwer erwidern konnte. „Was treibst du hier, Sirius?“, fragte Harry. „Ich erfülle meine Pflicht als Pate“, antwortete Sirius und nagte an einem Knochen. „Mach dir mal keine Sorgen, für die Leute hier bin ich nur ein liebenswerter Streuner.“ Er grinste, doch als er Harrys besorgte Miene sah, wurde er ernster. „Ich will in der Nähe sein, für alle Fälle. Dein letzter Brief...sagen wir einfach, allmählich ist was faul. Immer wenn jemand seine Zeitung wegwirft, schnappe ich sie mir, und wie es aussieht, bin ich mittlerweile nicht mehr der Einzige, der sich Sorgen macht.“ Er nickte zu den beiden vergilbten Tagespropheten hinüber. Ron bückte sich danach und schlug eine Zeitung auf. Harry starrte weiterhin Sirius unverwandt an. „Was ist, wenn sie dich erkennen und einfangen?“ „Ihr vier und Dumbledore seid die Einzigen hier, die wissen, dass ich ein Animagus bin“, meinte Sirius achselzuckend. Ron stieß mich an und reichte mir und Harry einen der Tagespropheten. Es waren zwei Artikel; der erste trug die Schlagzeile: Mysteriöse Erkrankung von Bartemius Crouch, die zweite: Ministeriumshexe noch immer vermisst - Zaubereiminister erklärt den Fall zur Chefsache. Harry und ich überflogen den Artikel über Crouch. Einige Sätze blieben vor meinen Augen hängen:

    ...ist seit November nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden...sein Haus scheint leer zu stehen...St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen lehnt jegliche Stellungsnahme ab...das Ministerium will Gerüchte über eine schwere Erkrankung nicht bestätigen...

    „Das klingt, als würde er im Sterben liegen“, sagte ich. „Mein Bruder ist Crouchs persönlicher Assistent“, erklärte Ron Sirius. „Er behauptet, Crouch sei einfach überarbeitet.“ „Er hat wirklich ziemlich krank ausgesehen, als ich ihn das letzte Mal aus der Nähe gesehen hab“, meinte Harry. „An dem Abend, als der Kelch meinen Namen ausgespukt hat...“ „Ist doch nur die wohlverdiente Strafe dafür, dass er Winky entlassen hat“, erwiderte Mine kühl. Sie streichelte Seidenschnabel, während dieser einen Hühnerknochen zermalmte. „Ich wette, er bereut es inzwischen. Hoffentlich spürt er am eigenen Leib, wie es ist, wenn sie nicht da ist und ihn betüttelt.“ „Hermine hat sich wegen dieser Hauselfen in irgendwas reingesteigert“, murmelte Ron Sirius zu, während er ihr einen finsteren Blick zuwarf. Sirius blickte auf. „Crouch hat seine Hauselfe rausgeworfen?“ „Ja, bei der Quidditch-Weltmeisterschaft“, antwortete Harry und erzählte ihm rasch von den Vorkommnissen.

    Als er geendet hatte, war Sirius bereits wieder auf den Beinen und schritt in der Höhle auf und ab. „Wie war das noch mal?“, fragte er nach einer Weile und wedelte mit einem Hühnerbein. „Ihr habt die Elfe zuerst in der Ehrenloge gesehen. Sie hat für Mr. Crouch einen Platz besetzt?“ „Richtig“, sagten Harry, Ron, Mine und ich wie aus einem Mund. „Aber Mr. Crouch ist zu dem Spiel gar nicht aufgetaucht?“ „Nein“, meinte ich. „Später sagte er, er sei zu beschäftigt gewesen.“ Ohne ein Wort zu sagen, schritt Sirius an der Höhlenwand entlang. Dann drehte er sich zu Harry um. „Hast du nachgesehen, ob dein Zauberstab noch in der Tasche war, als du die Ehrenloge verlassen hast?“ „Ähm...“ Harry verstummte und dachte nach. „Nein“, sagte er schließlich. „Bis wir in den Wald kamen, hab ich ihn ja nicht gebraucht. Und als ich dann die Hand in die Tasche steckte, fand ich nur mein Omniglas.“ Er sah Sirius mit großen Augen an. „Willst du etwa sagen, wer immer dieses Mal beschworen hat, der hat auch in der Ehrenloge meinen Zauberstab gestohlen?“ „Schon möglich.“ „Winky hat diesen Zauberstab nicht gestohlen!“, ertönte Mines schrille Stimme aus einer Ecke. „Die Elfe war ja nicht alleine in der Ehrenloge“, meinte Sirius stirnrunzelnd. „Wer saß sonst noch in eurer Nähe?“ „Eine Menge Leute“, erwiderte Harry. „Ein paar bulgarische Minister...Cornelius Fudge...die Malfoys...“

    „Die Malfoys!“, rief Ron so laut, dass seine Stimme von den Höhlenwänden widerhallte und Seidenschnabel nervös seinen Kopf zurückwarf. „Ich wette, es war Lucius Malfoy!“ Bei diesen Worten zog sich mein Herz vor Unbehagen zusammen. „Sonst noch jemand?“, fragte Sirius. „Nein, niemand“, antwortete Harry. „Doch, noch jemand, und zwar Mr. Bagman“, erinnerte ich ihn leise. „Ach ja...“ „Ich weiß nichts über Bagman, außer dass er früher Treiber bei den Wimbourner Wespen war“, meinte Sirius und ging weiter auf und ab. „Was ist er für ein Mann?“
    „Er ist schon in Ordnung“, teilte Harry ihm mit. „Er bietet mir andauernd seine Hilfe für das Trimagische Tunier an.“ „Ach, tut er das?“ Sirius legte seine Stirn in Falten. „Ich frage mich, warum eigentlich?“ „Er meint, er könne mich ganz gut leiden“, sagte Harry achselzuckend. „Hmmmh.“ „Wir haben ihn im Wald gesehen, kurz bevor das Dunkle Mal erschienen ist, wisst ihr noch?“, fragte Mine. „Ja, aber er ist doch nicht im Wald geblieben“, erinnerte Ron sie. „Kaum hatten wir ihm von dem Aufruhr erzählt, ist er Richtung Zeltplatz verschwunden.“ „Woher willst du das wissen?“, warf meine beste Freundin ein. „Woher willst du wissen, wohin er disappariert ist?“ „Jetzt hör aber auf“, unterbrach ich sie, „willst du ernsthaft behaupten, dass du es für möglich hältst, dass Ludo Bagman das Dunkle Mal heraufbeschworen hat?“ „Jedenfalls ist es ihm eher zuzutrauen als Winky.“ Sie blieb stur.

    „Hab’s dir ja gesagt“, wandte sich Ron mit viel sagendem Blick an Sirius, „sie hat sich da in was reingesteigert wegen dieser Haus-...“ Doch Sirius hob die Hand, um Ron zum Schweigen zu bringen. „Als das Dunkle Mal am Himmel war und die Elfe mit Harrys Zauberstab gefunden wurde, was hat Crouch da getan?“
    „Er ging ins Gebüsch, um noch einmal nachzusehen“, sagte ich, „aber er hat niemanden gefunden.“ „Natürlich“, murmelte Sirius, „natürlich wollte er es unbedingt jemand anderem an den Hals hängen, wo dochs eine Elfe beschuldigt wurde...und dann hat er sie rausgeworfen?“ „Ja“, regte sich Mine (zu Recht) auf. „Er hat sie rausgeworfen, nur weil sie nicht im Zelt geblieben ist und sich hat niedertrampeln lassen-...“ „Hermine, nun hör doch mal auf mit dieser Elfe!“, meinte Ron genervt, wofür er einen bitterbösen Blick von mir kassierte. Doch Sirius schüttelte den Kopf. „Sie hat Crouch besser durchschaut als du, Ron. Wenn du wissen willst, wie ein Mensch ist, dann sieh dir genau an, wie er seine Untergebenen behandelt, nicht die Gleichrangigen.“

    Er fuhr sich mit der Hand durch seine langen Haare und dachte offenbar angestrengt nach. „Dieser Barty Crouch lässt sich so selten blicken...da befielt seiner eigenen Hauselfe, ihm einen Platz bei der Quidditch-Weltmeisterschaft zu besetzen, und dann kommt er nicht mal, um sich das Spiel anzusehen. Er trägt mit viel Mühe dazu bei, dass das Trimagische Tunier wieder stattfinden kann, und dann erscheint er auch dazu nicht...das sieht Crouch gar nicht ähnlich. Wenn er sich vor dieser ganzen Geschichte auch nur einen Tag wegen Krankheit freigenommen hat, dann verspeise ich Seidenschnabel.“ „Du kennst Crouch also?“, fragte Harry. Sirius’ Miene verdüsterte sich.

    „Oh, natürlich kenne ich ihn“, sagte er leise. „Er war es, der den Befehl gab, mich nach Askaban zu bringen - ohne Gerichtsverhandlung.“ „Was?“, fragten Ron und Mine im selben Moment. „Du machst Witze!“ Ein seltsames Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Mein Gefühl hatte mir schon gesagt, dass ich mich vor Mr. Crouch besser in Acht nehmen sollte. Wenn er jetzt direkt vor mir stehen würde, wäre ich Crouch höchstwahrscheinlich an die Kehle gegangen. Ich musste mich wirklich bemühen, meine hochkochende Wut hinunterzuschlucken. Wie hatte Crouch nur so etwas tun können? Wie hatte er Sirius einfach ohne eine Gerichtsverhandlung nach Askaban stecken können? Sirius riss mich wieder aus meinen Gedanken heraus. „Crouch war früher Chef der Abteilung für Magische Strafverfolgung, habt ihr das nicht gewusst?“ Wir schüttelten automatisch die Köpfe. „Er war als nächster Zaubereiminister im Gespräch. Ein großartiger Zauberer, dieser Barty Crouch, mit starken magischen Kräften und machthungrig - übrigens nie ein Anhänger Voldemorts“, setzte er zu, als er Harrys fragendes Gesicht sah. „Nein, Barty Crouch hat sich immer klar und deutlich gegen die dunkle Seite ausgesprochen. Allerdings wurden mit der Zeit viele Leute, die gegen die dunkle Seite kämpften...na ja, das würdet ihr nicht verstehen...ihr seid noch zu jung...“ „Warum sagen uns das immer alle?“, fragte ich und hörte eine Spur Ärger in meiner Stimme. „Warum stellst du uns nicht mal auf die Probe?“ Ein Grinsen blitzte über Sirius’ hageres Gesicht. „Gut, ich versuch’s mal...“

    Er stand wieder auf und ging hin und her. „Stellt euch vor, Voldemort ist gerade sehr mächtig. Ihr wisst nicht, wer seine Anhänger sind, ihr wisst nicht, wer für ihn arbeitet und wer nicht; ihr wisst, dass er sich Menschen untertan machen kann, die dann schreckliche Dinge tun, ohne dass sie sich selbst Einhalt gebieten können. Ihr habt Angst um euer eigenes Leben, um eure Familie und eure Freunde. Jede Woche gibt es Meldungen von Morden, von Verschwundenen, von Folter...im Zaubereiministerium herrscht völliges Durcheinander, sie wissen nicht, was sie tun sollen und versuchen, alles vor den Muggeln zu verbergen, doch unterdessen sterben auch Muggel. Überall herrscht Schrecken...Angst...Chaos...so war das damals.
    Solche Zeiten bringen bei manchen Menschen das Beste zum Vorschein, bei anderen das Schlimmste. Crouchs Grundsätze mögen zu Anfang gut gewesen sein - ich weiß nicht. Er stieg im Ministerium rasch auf und begann harte Maßnahmen gegen Voldemorts Anhänger zu befehlen. Den Autoren erteilte er weitgehende Machtbefugnisse - zum Beispiel die Erlaubnis zu töten, statt Gefangene zu machen. Und ich war nicht der Einzige, den sie ohne Prozess sofort den Dementoren ausgeliefert haben. Crouch hat Gewalt mit Gewalt bekämpft und den Einsatz der Unverzeihlichen Flüche gegen Verdächtige erlaubt. Ich würde sagen, er würde so gefühllos und grausam wie viele von der dunklen Seite. Er hatte natürlich seine Anhänger - eine Menge Leute dachten, er würde die Probleme richtig anpacken, und viele Hexen und Zauberer waren von der Vorstellung ganz begeistert, er könnte Zaubereiminister werden. Als Voldemort verschwand, sah es so aus, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis Crouch den Ministerposten übernehmen würde. Doch dann geschah etwas Peinliches...“

    Sirius lächelte grimmig. „Crouchs eigener Sohn wurde zusammen mit einer Gruppe von Todessern gefasst, die es dank ihrer Lügenmärchen geschafft hatten, dass sie aus Askaban entlassen wurden. Offenbar versuchten sie damals, Voldemort zu finden und ihn an die Macht zurückzubringen.“ „Crouchs Sohn wurde gefasst?“, keuchte Mine überrascht. „Ja“, sagte Sirius, warf Seidenschnabel einen Hühnerknochen hin und setzte sich wieder hin. „Hässlicher kleiner Schock für den guten Barty, könnte ich mir vorstellen. Hätte vielleicht hin und wieder früher aus dem Büro gehen und ein wenig mehr Zeit zu Hause bei seiner Familie verbringen sollen...dann hätte er seinen eigenen Sohn kennen gelernt.“ Er nahm den Laib Brot in die Hand und riss große Stücke davon herunter; dann begann er zu essen. „War sein Sohn ein Todesser?“, fragte ich. „Keine Ahnung“, antwortete Sirius und stopfte sich weiter Brot in den Mund. „Ich selbst war bereits in Askaban, als sie ihn eingeliefert haben. Das meiste hab ich erst erfahren, als ich raus bin. Der Junge wurde jedenfalls in Begleitung von Leuten geschnappt, die, da wette ich mein Leben drum, Todesser waren - aber er hätte natürlich auch zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort sein können, genau wie die Hauselfe.“ „Hat Crouch versucht, seinen Sohn da rauszuhauen?“, wollte Harry wissen. Sirius ließ ein Lachen hören, das eher an ein Bellen erinnerte. „Crouch und seinen Sohn raushauen? Alles, was seinen Ruf zu gefährden drohte, musste beseitigt werden, er hatte sein ganzes Leben dem Ziel gewidmet, Zaubereiminister zu werden. Crouchs väterliche Zuneigung ging nur so weit, dass er dafür sorgte, dass seinem Sohn der Prozess gemacht wurde, und nach allem, was man hört, war dieser Prozess nicht viel mehr als eine gute Gelegenheit für Crouch, zu zeigen, wie sehr er seinen Sohn hasste...danach schickte er ihn direkt nach Askaban.“

    Meine Kehle fühlte sich seltsam rau und kratzig an, als ich leise fragte: „Er hat seinen eigenen Sohn den Dementoren augeliefert?“ „Ja, allerdings“, meinte Sirius, der keineswegs amüsiert wirkte. „Ich hab gesehen, wie ihn die Dementoren reinbrachten, ich hab sie durch die Gitter meiner Zellentür beobachtet. Er konnte nicht älter als neunzehn gewesen sein. Sie steckten ihn in eine Zelle in der Nähe von meiner. Als es Nacht wurde, schrie er nach seiner Mutter. Nach ein paar Tagen wurde er dann ruhiger...irgendwan sind sie alle verstummt...nur hin und wieder schrien sie im Schlaf...“ Für kurze ziet war die Abgestumpftheit in Sirius’ Blick deutlich zu sehen, als wäre er gar nicht mehr nicht mehr hier und wieder hinter Gittern in Askaban. „Also ist er immer noch dort?“, fragte Ron. „Nein. Nein, er ist nicht mehr dort. Er starb, ungefähr ein Jahr nachdem sie ihn eingeliefert hatten.“ „Er ist gestorben?“ „Er war nicht der Einzige“, meinte Sirius bitter. „die meisten dort werden wahnsinnig und viele hören schließlich einfach auf zu essen. Sie verlieren ihren Lebenswillen. Mann wusste immer, wann einer sterben würde, denn die Dementoren spürten es und wurden erregt. Dieser Junge sah schon recht kränklich aus, als er eingeliefert wurde. Da Crouch ein wichtiger Mann im Ministerium war, durften er und seine Frau ihn am Totenbett besuchen. Das war das letzte Mal, dass ich Barty Crouch gesehen hab; er musste seine Frau praktisch an meiner Zelle vorbeitragen. Offenbar ist sie dann auch gestorben, kurz danach. Sie ist dahingesiecht, genau wie ihr Junge. Crouch hat die Leiche seines Sohnes nicht einmal abgeholt. Die Dementoren haben ihn draußen vor der Festung begraben, ich hab sie dabei beobachtet. Der alte Crouch hat also alles verloren, genau in dem Augenblick, da er glaubte, es endlich geschafft zu haben. Da ist er ein Held, drauf und dran, Zaubereiminister zu werden...kurz darauf stirbt sein Sohn, stirbt seine Frau, der gute Name gerät in Verruf, und wie ich seit meiner Flucht gehört habe, hat auch seine Beliebtheit rapide abgenommen. Als der Junge schließlich tot war, empfanden die Leute ein wenig mehr Mitgefühl für ihn und fingen an zu fragen, wie ein junger Bursche aus einer angesehenen Familie auf solche Abwege geraten konnte. Man zog den Schluss, dass sich sein Vater nie sonderlich um ihn gekümmert hatte. So konnte Cornelius Fudge den Chefposten erobern und Crouch hat man in die Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit abgeschoben.“

    Ein langes Schweigen trat ein. Ich wusste nicht genau, was ich von dieser Geschichte halten sollte. Auf der einen Seite tat mir Mr. Crouch ja Leid, wegen der ganzen Verluste, die er hatte hinnehmen müssen, aber auf der anderen Seite war er selbst an seinem Unglück Schuld. Wenn er sich vielleicht mehr um seinen Sohn gekümmert hätte... „Moody behauptet, Crouch sei davon besessen, schwarze Magier zu fangen“, bemerkte Harry schließlich. „Ja, wie ich höre, ist bei ihm schon fast ein Wahn geworden“, erwiderte Sirius. „Wenn du mich fragst, glaubt er immer noch, er könnte seine frühere Beliebtheit bei den Leuten zurückgewinnen, wenn er nur wieder einen Todesser fängt.“ „Und er hat sich in Hogwarts eingeschlichen und Snapes Büro durchsucht!“, fügte Ron triumphierend hinzu und sah zu Mine hinüber. „Ja, und das ergibt überhaupt keinen Sinn“, entgegnete Sirius. „Tut es sehr wohl!“, sagte Ron aufgeregt. Sirius schüttelte den Kopf. „Hör zu, wenn Crouch Snape nachspionieren will, warum kommt er dann nicht als Richter zum Tunier? Das wäre doch die beste Begründung dafür, Hogwarts regelmäßige Besuche abzustatten und ihm im Auge zu behalten.“ „Dann glaubst du also auch, dass Snape irgendetwas ausheckt?“, fragte Harry, doch Mine unterbrach ihn. „Hör mal, Dumbledore jedenfalls vertraut Snape-...“ „Jetzt lass doch mal, Hermine“, sagte Ron ungeduldig. „Natürlich wissen wir, dass Dumbledore ein brillianter Kopf ist und so weiter, aber das heißt nicht, dass ein wirklich gerissener schwarzer Magier ihn nicht täuschen könnte-...“ „Und warum hat Snape Harry dann im ersten Schuljahr das Leben gerettet und ihn nicht einfach sterben lassen?“, pflichtete ich meiner besten Freundin bei. „Keine Ahnung - vielleicht dachte er, Dumbledore würde ihn rauswerfen-...“ „Was meinst du, Sirius?“, fragte ich über Mine und Ron hinweg, die heftig zu zanken begannen. „Bei dem, was ihr sagt, ist wohl jeweils was Wahres dran“, stellte Sirius fest und sah uns nachdenklich an. „Seit ich rausgefunden habe, dass Snape hier unterrichtet, frage ich mich, warum Dumbledore ihn eingestellt hat. Die dunklen Künste haben Snape immer schon fasziniert, in der Schule wusste das jeder. Ein schleimiger, öliger, fetthaariger Bengel war er-...“

    Harry und Ron grinsten breit. In mir stritten zwei Stimmen um die Oberhand; die eine stimmte Sirius in so ziemlich allem zu, was er von Snape erzählte, und doch, da war auch noch die andere Stimme, die unbedingt wollte, dass ich ihn verteidigte, aus welchem Grund auch immer. Die beiden Stimmen schrien sich in den hintersten Winkeln meines Kopfes an und ich versuchte, so gut es nunmal ging, wenn zwei Stimmen in deinem Kopf dich zur Weißglut bringen, zu unterdrücken. Schließlich verzog ich mein Gesicht zu einem schmalen Lächeln. „Als Snape in die Schule kam, beherrschte er mehr Flüche als die Hälfte der Schüler im siebten Jahr, und er gehörte zu einer Bande von Slytherins, die sich später fast alle als Todesser erwiesen.“ Sirius streckte die Finger in die Luft und zählte mehrere Namen auf. „Die Lestranges - ein Ehepaar - sitzen in Askaban. Wilkens - wurde einem Jahr vor Voldemorts Sturz von Auroren getötet. Avery und Rosier - wie ich höre, haben sie sich aus der Schlinge gezogen, indem sie behaupteten, sie hätten unter dem Imperius-Fluch gehandelt.“ Ein leichter Schauder traf mich, als ich diesen Namen hörte. Natürlich hatte ich gewusst, dass er ein Todesser war, aber ich hatte nicht gedacht, dass er einmal mit Snape befreundet gewesen war. Harry, Ron und Mine machten betretene Gesichter, als sie begriffen, dass er von diesem Mistkerl redete, den ich einmal meinen Vater genannt hatte. „Was ist los?“, wollte Sirius wissen. „Er ist mein Vater.“ Ich starrte ihm herausfordernd in die Augen. „Evan Rosier ist, oder für mich eher war, mein Adoptivvater.“

    Betretenes Schweigen trat ein. Schließlich räusperte Sirius sich. „Du-...du bist also-...“ „Könnten wir aufhören, über ihn zu reden, bitte? Ich will mich nicht an ihn erinnern.“, flüsterte ich tonlos. Sirius war dem Anschein nach sprachlos, denn er nickte nur. Wir blieben weiterhin still, dann griff Sirius das vorherige Thema erneut auf, wofür ich ihm äußerst dankbar war. „Jedenfalls...soweit ich weiß, wurde Snape nie beschuldigt, ein Todesser zu sein - aber das heißt natürlich nichts. Viele von ihnen wurden nicht gefasst. und Snape ist sicher klug und gerissen genug, nicht in irgendwelchen Schwierigkeiten hineinzutappen.“ „Snape kennt Karkaroff ziemlich gut, aber das will er geheim halten“, bermerkte Ron. „Ja, du hättest Snapes Gesicht sehen sollen, als er gestern in Zaubertränke aufgetaucht ist!“, fügte Harry rasch hinzu. „Karkaroff wollte mit Snape reden, er behauptete, Snape sei ihm aus den Weg gegangen. Er sah jedenfalls ziemlich panisch aus. Dann hat er Snape etwas auf seinem Arm gezeigt, aber ich konnte nicht sehen, was es war.“ „Er hat Snape etwas auf seinem Arm gezeigt?“, fragte Sirius verblüfft. „Ich hab keine Ahnung, was das bedeuten soll...aber wenn Karkaroff aufrichtig besorgt ist und er zu Snaope geht, um sich Rat zu holen...“ Snape starrte auf die Hhlenwand, dann zog er eine verdrießliche Grimasse. „Es bleibt dabei, Dumbledore vertraut Snape, und ich weiß, dass Dumbledore noch vertraut, wo andere längst misstrauisch sind, aber kann mir einfach nicht vorstellen, dass er Snape in Hogwarts unterrichten lassen würde, wenn Snape je für Voldemort gearbeitet hätte.“ „Warum sind Moody und Crouch dann so scharf darauf, Snapes Büro zu durchsuchen?“, bohrte Ron nach. „Na ja“, sagte Sirius bedächtig, „ich würde es Mad-Eye durchaus zutrauen, dass er sämtliche Lehrerbüros durchsucht hat, als er nach Hogwarts kam. Er nimmt die Verteidigung gegen die dunklen Künste schon sehr ernst, der gute Moody.Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt jemandem vertraut, und nach allem, was er erlebt hat, wundert mich das nicht. Eins halte ich Moody jedoch zugute, er hat nie getötet, wenn es sich vermeiden ließ. Hat die Leute immer lebend abgeliefert. Er war hart, aber er hat nie die Mittel der Todesser angewandt. Crouch jedoch...ist ein anderer Typ...ist er wirklich krank? Wenn das stimmt, warum er sich dann aufgerafft und sich in Snapes Büro geschleppt? Und wenn nicht...was hat er vor? Was war denn so wichtig, dass er bei der Weltmeisterschaft nicht in die Ehrenloge kommen konnte? Was hat er getrieben, während er als Richter beim Tunier gebraucht wurde?“ Sirius hielt den Blick gesenkt und verfiel in stummes Schweigen. Seidenschnabel scharrte auf dem steinigen Boden nach Knochen, die er vielleicht übersehen hatte.

    Sirius sah zu Ron auf. „Du sagst, dein Bruder ist Crouchs persönlicher Assistent? Vielleicht könntest du ihn fragen, ob er Crouch in letzter Zeit gesehen hat?“ „Ich kann’s versuchen“, meinte Ron zweifelnd. „Sollte aber möglichst nicht so klingen, als würde ich vermuten, Crouch würde irgendein faules Ei ausbrüten. Percy liegt Crouch zu Füßen.“ „Und wenn du schon dabei bist, könntest du versuchen herauszufinden, ob sie irgendeine Spur von Bertha Jorkins gefunden ahben“, setzte Sirius noch dazu und deutete auf eine Seite des Tagespropheten. „Bagman hat mir gesagt, dass sie imme rnoch im Dunkeln tappen“, sagte Harry. „Ja, eriwrd in diesem Artikel hier zitiert“, meinte Sirius mit einem Kopfnicken zur Zeitung hinüber. „Lästert über Berthas schlechtes Gedächtnis. Vielleicht hat sie sich seit damals verändert, aber die Bertha, die ich kannte, war überhaupt nicht vergesslich - ganz im Gegenteil. Sie war kein großes Licht, aber sie ein glänzendes Gedächtnis für Klatsch und Tratsch. Hat sich damals regelmäßig in große Schwierigkeiten gebracht, wiel sie wusste, wann es besser war, den Mund zu halten. Ich könnte mir vorstellen, dass sie für das Zaubereiministerium eine ziemliche Belastung war...vielleicht hat sich Bagman deshalb so lange nicht darum geschert, sie suchen zu lassen...“

    Sirius ließ einen mächtigen Seufzer hören und rieb sich die dunkel umringten Augen. „Wie spät ist es?“ Ich sah rasch auf meine Uhr. „Halb vier.“ „Ihr geht jetzt am besten zurück zur Schule“, sagte er und erhob sich. „Und hört mal...“, er sah Harry besonders eindringlich an - „ich will nicht, dass ihr aus der Schule schleicht, um mich zu besuchen, verstanden? Schickt mir einfach Nachrichten hier hoch. Ich will weiterhin von allen merkwürdigen Vorfällen erfahren. Aber ihr solltet Hogwarts nicht ohne Erlaubnis verlassen, dass wäre die beste Gelegenheit für jemanden, euch anzugreifen.“ Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

    11
    37. Kapitel

    Nach dem Frühstück am Sonntagmorgen stiegen Harry, Ron, Mine und ich hoch in die Eulerei. Wie Sirius vorgeschlagen hatte, hatten wir einen Brief für Percy dabei, in dem wir ihn fragten, ob er in letzter Zeit Mr. Crouch gesehen habe. Hedwig hatte schon lange keinen Brief mehr ausgeliefert, weshalb wir ihr den Brief mitgaben. Von einem Fenster der Eulerei aus beobachteten wir, wie Hedwig davonflog, dann machten wir uns auf den Weg in die Küche, um Dobby die neuen Socken zu schenken.

    „Harry Potter ist viel zu gut zu Dobby!“, quiekte der Hauself, während ihm Freudentränen über das Gesicht liefen. „Du hast mir mit diesem Kiemenkraut das Leben gerettet, Dobby, und das meine ich ernst“, sagte Harry. „Habt ihr vielleicht noch ein Eclair übrig?“, fragte Ron den freudestrahlenden Hauselfen, der sich daraufhin verbeugte. „Ron, du hast doch gerade erst gefrühstückt!“, entrüstete sich Mine, doch im nächsten Moment kamen auch schon vier Hauselfen mit einem Tablett voller Eclairs auf uns zu. „Wir brauchen doch auch noch was zu essen für Schnuffel“, warf ich ein, woraufhin Harry heftig nickte. „Gute Idee“, meinte Ron, „dann hat Pig wenigstens was zu tun. Habt ihr vielleicht noch was zum Mitnehmen für uns?“, fragte er die umstehenden Hauselfen, die sich sofort wieder verneigten und hastig davon eilten. „Dobby, wo steckt Winky?“, fragte Mine freundlich und sah sich in der Küche um. „Winky ist dort drüben beim Herd, Miss“, quiekte Dobby und ließ dabei ein wenig die Ohren hängen.

    „Meine Güte!“, rief Mine entsetzt, als sie Winky erkannte. Winky saß auf demselben Stuhl wie letztes Mal, doch sie war so heruntergekommen und schmutzig, dass man sie vor den rauchgeschwärzten Ziegelsteinen nicht sofort zu erkennen war. Ihre Kleider waren zerlumpt und vollgekleckert. Sie umklammerte eine Flasche Butterbier und stierte, während sie ein wenig auf ihrem Stuhl schwankte, ins Feuer. Und in diesem Moment bekam seinen offenbar ziemlich heftigen Schluckauf. „Winky ist inzwischen bei sechs Flaschen am Tag“, wisperte Dobby leise. „Na ja, das Zeug ist nicht besonders stark“, bemerkte Harry. Dobby jedoch schüttelte den Kopf. „Für einen Hauselfen ist es stark, Sir.“ Winky hickste erneut. Die Elfen, die uns die Eclairs gebracht hatten und zurück an die Arbeit gingen, warfen ihr missbilligende Blicke zu. „Winky hat Sehnsucht“, flüsterte Dobby traurig. „Winky will nach Hause. Winky glaubt immer noch, dass Mr. Crouch ihr Meister ist, und Dobby kann sagen, was er will, sie wird nie Professor Dumbledore als ihren neuen Meister annehmen.“ Harry schien plötzlich eine Idee zu kommen, denn er kniete sich rasch neben ihren Stuhl. „Hey Winky“, sagte er, „Du weißt nicht zufällig, wie es Mr. Crouch geht? Er lässt sich nämlich als Richter beim Trimagischen Tunier nicht blicken.“

    Winkys Augen flackerten und ihre riesigen Pupillen wandten sich ihm zu. Sie schwankte wieder einw enig, dann lallte sie: „M-Meister kommt - hicks - nicht mehr?“ „Nein“, kam ich Harry zur Hilfe. „Wir haben ihn seit der ersten Runde nicht mehr gesehen. Der Tagesprophet schreibt, er sei krank.“ Winky schwankte ein wenig heftiger und sah nun mich mit trüben Augen an. „Meister - hicks- krank?“ Ich bemerkte, dass ihre Unterlippe heftig zu zittern begann. „Aber wir sind nicht sicher, ob das stimmt“, fügte ich rasch hinzu. „Meister braucht seine - hicks- Winky!“, wimmerte sie. „Meister kann nicht - hicks - alles - hicks - allein schaffen...“ „Andere Leute schaffen es sehr wohl, ihre Hausarbeit selbst zu erledigen, Winky!“, belehrte Mine sie. „Winky - hicks- macht nicht nur - hicks - Hausarbeit für Mr. Crouch!“, piepste sie entrüstet, begann nung efährlich zu schwanken und verschüttete Butterbier über ihr Bluse. „Meister - hicks - vertraut Winky - hicks - das Wichtigste - hicks - das Geheimste an-...“

    „Was denn?“, fragte Harry. Doch Winky schüttelte energisch den Kopf und bespritzte sich erneut mit Butterbier. „Winky bewahrt - hicks - die Geheimnisse ihres Meisters“, meinte sie trotzig und sah mit finsterem Blick zu Harry nach oben, während sie immer heftiger hin und her schwankte. „Du - hicks - du willst spionieren, du.“ „So darf Winky nicht zu Harry Potter sprechen!“, sagte Dobby erzürnt. „Harry Potter ist edel und tapfer und Harry Potter spioniert nicht!“ „Er will - hicks - das ganz geheime Geheimnis - hicks - meines Meisters - hicks - ausspionieren - hicks - Winky ist eine gute Hauselfe - hicks - Winky ist stumm wie ein Fisch - hicks - wenn jemand kommt und - hicks - stöbert und herumschnüffelt - hicks -...“ Winkys Augenlider klappten plötzlich zu; sie glitt von ihrem Stuhl herunter, blieb vor dem Herd liegen und begann laut zu schnarchen. Die leere Flasche Butterbier rollte über den Boden davon. Ein halbes Dutzend Hauselfen kam mit angewiderten Blicken herbeigeeilt. EIner hob die Flasche auf, die anderen deckten Winky mit einem großen karierten Tischtuch zu und stopften es fest utner ihren Körper, so dass sie nicht mehr zu sehen war. „Verzeihung bitte, dass Sie so etwas mit ansehen mussten, Sirs und Misses!“, qiekte einer der Elfen und schüttelte beschämt den Kopf. „Wir hoffen, dass Sie uns nicht nach Winky beurteilen, Sirs und Misses!“ „Sie ist doch unglücklich“, unterbrach ich ihn. „Warum deckt ihr sie einfach zu und versucht nicht, sie aufzumuntern?“ „Ich bitte um Verzeihung, Miss“, piepste der Hauself mit iener tiefen Verbeugung, „aber Hauselfen haben kein recht, unglücklich zu sein, wenn Arbeit zu tun ist und ihre Meister bedient werden müssen.“

    „Oh, um Himmels willen!“, rief Mine wütend. „Hört mir mal gut zu, ihr alle! Ihr habt genauso gut das Recht wie Zauberer, unglücklich zu sein! Ihr habt ein Recht auf Bezahlung und Urlaub und richtige Kleidung, ihr müsst nicht alles tun, was man euch sagt - schaut euch Dobby an!“ „Miss, bitte halten Sie Dobby da raus“, murmelte Dobby mit ängstlicher Miene. Das fröhliche Lächeln von den Hauselfen ringsum war verschwunden. Plötzlich sahen sie Mine an, als wäre sie verrückt und gefährlich. „Hier ist noch viel mehr zu essen!“, quiekte eine Elfe an Harrys Ellbogen und stemmte ihm ein Dutzend Kuchenstücke, ein paar Äpfel und Birnen und einen großen Schinken in die Arme. „Auf Wiedersehen!“

    Die Hauselfen scharten sich jetzt dicht um uns, drückten uns viele kleine Hände ins Kreuz und begannen uns aus der Küche zu schubsen. „Danke für die Socken, Harry Potter!“, rief Dobby niedergeschlagen vom Herd herüber, wo er neben der zugedeckten Winky stand. „Hättest du nicht wenigstens einmal den Mund halten können, Hermine?“, fragte Ron zornig, als die Tür hinter uns zugeschlagen wurde. „Die wollen uns sicher nie wieder hier unten sehen! Wir hätten vielleicht noch mehr über Crouch aus Winky rauskitzeln können!“ „Oh, als ob dich das kümmern würde!“, feixte Mine. „Du kommst doch nur wegen des Essens hier runter!“

    Den Rest des Tages herrschte eine gereizte Stimmung zwischen Ron und Mine. Bei den Hausaufgaben im Gemeinschaftsraum gifteten sich die beiden ständig an, weshalb ich schon recht früh schlafen ging.

    Beim Frühstück am nächsten Morgen war die schlechte Laune von Ron und Mine glücklicherweise verflogen, und Rons düstere Prophezeiung, die Hauselfen würden jetzt nur noch miserables Essen an den Gryffindor-Tisch schicken, weil Mine sie gekränkt hatte, erwies sich als falsch. Schinken, Eier und Räucherhering waren genauso gut wie immer. Als die Eulen kamen, sah Mine auf, offenbar erwartete sie Post. „Percy wird noch keine Zeit gehabt haben zu antworten“, sagte Ron. „Wir haben Hedwig doch erst gestern losgeschickt.“ „Nein, das ist es nicht“, erwiderte Mine. „Ich hab den Tagespropheten abonniert, weil es mir langsam stinkt, dass wir alles von den Slytherins erfahren müssen.“ „Gute Idee!“, meinte Harry und sah ebenfalls hoch zu den Eulen. „Hey, Hermine, ich glaub, du hast Glück -...“ Ein Steinkauz segelte auf uns zu. „Der hat aber keine Zeitung“, sagte sie mit enttäuschter Miene. „Er-...“ Doch zu unserer Verblüffung landete der Steinkauz vor ihrem Teller, dicht gefolgt vor vier Schleiereulen, einer Sumpfohreule und einem Waldkauz. „Wie viele Abos hast du eigentlich bestellt?“, fragte ich stirnrunzelnd und schob mir einen Löffel mit Haferschleim in den Mund. „Was um Himmels willen-?“, fragte Mine verdattert, weil jeder der Vögel seinen Brief zuerst übermitteln wollte. Sie nahm den Steinkauz den Brief ab, öffnete ihn und begann zu lesen. „Was soll das denn!“, stieß sie hervor und lief rot an. „Was ist los?“, fragte ich besorgt. „Das ist - nein, wie lächerlich -...“, sie klatschte den Brief auf den Tisch. Er war nicht handgeschrieben, sondern mit ausgeschnittenen Buchstaben aus dem Tagespropheten zusammengeklebt war.

    Du bist ein BösEs MädchEN, HaRRy PottEr verDienT eine BesserE.
    VerSchwinde daHin wo du herKommst mUggel.

    „Die sind alle so!“, meinte Mine verzweifelt und öffnete einen Brief nach dem anderen. „>Du hast Harry Potter nicht verdient...< - >Dich sollte man in Froschlaich kochen...< Autsch!“ Sie hatte den letzten Brief geöffnet, und sofort spritzte ihr eine gelblich grüne Flüssigkeit über die Hände, auf denen sofort große gelbe Blasen aufquollen. „Oh nein, Mine!“, rief ich entsetzt, als ich erst realisierte, um was es sich für eine Flüssigkeit handelte. „Unverdünnter Bubotubler-Eiter!“, sprach Ron das aus, was ich dachte. Er hob mit spitzen Fingern den Umschlag auf und roch daran. „Au!“, wimmerte Mine, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, während sie versuchte, den Eiter mit einer Serviette von ihren Händen zu wischen, doch ihre Hände waren so von Blasen übersät, dass es aussah, als würde sie dick gefütterte Fäustlinge tragen. Wut kochte in mir hoch, als ich meine beste Freundin ansah, der mittlerweile schon Tränen über die Wangen liefen. Bei Merlins Bart, wie konnten diese dummen Frauen, die die Hexenwoche lasen, einem Mädchen nur so etwas Schreckliches antun? „Du gehst am besten in den Krankenflügel“, meinte Harry, während die Eulen eine nach der anderen davonflatterten. „Wir sagen Professor Sprout Bescheid, ja?“, rief ich ihr hinterher, als sie sich zum Krankenflügel aufmachte. „Ich hab sie gewarnt!“, murmelte Ron, als wir zu Kräuterkunde gingen, „ich hab ihr gesagt, sie soll sich nicht mit Rita Kimmkorn anlegen...“

    Mine erschien nicht mehr zu Kräuterkunde. Als wir das Gewächshaus verließen und uns auf den Weg zu Pflege magischer Geschöpfe machten, sahen wir Draco, Crabbe und Goyle die Steintreppe vor dem Schloss herunterkommen. Hinter ihnen wisperte und giggelte eine Bande von Slytherin-Mädchen. Pansy Parkinson, das Mopsgesicht, schrie zu uns herüber: „Hey Rosier, haben du und das Schlammblut euch gegenseitig die Augen ausgekratzt? Warum war sie denn beim Frühstück so durch den Wind?“ Sie brachen in lautes Gelächter aus; Harry wurde schon ganz rot vor Wut, doch ich hielt ihn leicht zurück. „Einfach ignorieren!“, flüsterte ich zähneknirschend und zog ihn weiter.

    Hagrid, der uns in der letzten Stunde verkündet hatte, dass wir mit den Einhörner fertig seien, erwartete uns vor seiner Hütte mit einer neuen Sammlung offener Kisten. Meine Laune verschlechterte sich rasend beim Anblick der Kisten. Hoffentlich war es keine neue Kröterbrut... Doch als ich näher heran kam, konnte ich darin flaumige schwarze Geschöpfe mit langen Schnauzen erkennen. Ihre Vorderpfoten waren eigenartig flach, wie Spaten, und als sie zu uns nach oben blickten, wirkten sie milde verdutzt. „Das sind Niffler“, verkündete Hagrid, als sich alle im Kreis aufgestellt hatten. „Man findet sie meist unten in Bergwerkstollen. Sie stehn auf Glitzerzeug...da seht ihr’s schon.“ Ein Niffler war plötzlich hochgeschnellt, umklammerte Pansy Parkinsons Arm und versuchte ihr die Uhr vom Handgelenk zu beißen. Kreischend stolperte sie ein paar Schritte zurück. „Nützliche kleine Schatzsucher“, sagte Hagrid glücklich.

    „Dachte, wir machen uns heut ‘nen lustigen Vormittag mit denen. Seht ihr das dort drüben?“ Er deutete auf das große Stück frisch umgegrabener Erde. „Ich hab dort ‘n paar Goldmünzen vergraben. Wessen Niffler nachher die meisten Goldmünzen ausgräbt, kriegt von mir ‘nen Preis. Ihr müsst nur eure Wertsachen ablegen, dann sucht ihr euch ‘nen Niffler aus und macht euch bereit, sie loszulassen.“ Mit einem etwas schlechten Gefühl nahm ich meine Kette ab und steckte sie in die rechte Tasche meines Umhangs. Dann hob ich einen der Niffler aus der Kiste. Dieser streckte seine lange Schnauze nach vorne direkt in mein Ohr und schnüffelte begeistert. Ich kicherte leise, weil ich an dieser Stelle unglaublich kitzelig war. Diese Niffler waren wirklich kuschelige Geschöpfe. „Wartet mal“, sagte Hagrid und sah hinunter in die Kiste, „da ist noch ‘n Niffler übrig...wer fehlt? Wo ist Hermine?“ „Sie muss sich verarzten lassen“, meinte Ron. „Erklären wir dir später“, warf Harry ein; Pansy Parkinson hatte die Ohren gespitzt.

    So viel Spaß hatte ich in Pflege magischer Geschöpfe noch nie gehabt. Die Niffler tauchten in die Erde ein und wieder daraus auf, als ob es ein Teich wäre. Jeder trippelte zu seinem Schüler zurück, der ihn losgelassen, und spuckte ihm Gold in die Hände. Rons Niffler warbesonderstüchtig; bald war sein ganzer Schoß mitGoldmünzen gefüllt. „Kann man die auch als Haustiere kaufen, Hagrid?“, fragte Ron begeistert, während der Niffler sich schon wieder in die Erde stürzte und Roms Umhang mit Dreck bespritzte. „Da wär deine Mum aber nicht so glücklich, Ron“, erwiderte Hagrid grinsend, „die bringen ganze Häuser zum Einsturz, diese Niffler. Ich schätze, sie haben jetzt fast alle“, fügte er hinzu und ging um das Stück Erde herum, während die Niffler eifrig weitertauchten. „Ich hab doch nur hundert Münzen vergraben. Oh, da bist du ja, Hermine!“

    Mine kam über den Rasen auf uns zu. Ihre Hände waren rundum bandagiert und sie sah wirklich elend aus. Das Mopsgesicht beobachtete sie mit glänzenden Knopfaugen. „Gut, dann schauen wir mal, wie ihr abgeschnitten habt!“, rief Hagrid. „Zählt eure Münzen! Und es hat keinen Zweck zu stehlen, Goyle“, fügte er hinzu, als er hinüber zu dem grunzenden Slytherins sah. „Das ist Leprechan-Gold. Löst sich nach ‘n paar Stunden auf.“ Mürrisch leerte Goyle seine Taschen aus. Wie sich herausstellte, war Rons Niffler der tüchtigste gewesen, und Hagrid überreichte ihm als Preis einen Riesenriegel Schokolade aus dem Honigtopf. Vom Schloss hörten wir das Läuten der Glocken, die uns zum Mittagessen riefen. Harry, Ron, Mine und ich blieben noch kurz da, um Hagrid zu helfen, die Niffler in die Kisten zu steckener in die Kisten zu stecken, während der Rest der Klasse zum Schloss ging. „Was hast du mit deinen Händen gemacht, Hermine?“, fragte Hagrid besorgt. Mine erzählte ihm von der Hasspost, die sie heute Morgen bekommen hatte, und von dem Umschlag voller Bubotubler-Eiter. „Ach, mach dir keine Sorgen“, meinte Hagrid und sah sie freundlich an. „Nach dem, was diese Rita Kimmkorn über meine Mutter geschrieben hat, hab ich auch ‘n paar von diesen Briefen gekriegt. >Du bist ein Monster und man sollte dich erlegen.< - >Deine Mutter hat unschuldige Menschen getötet, und wenn du nur einen Funken Anstand hättest, würdest du in den See springen.<“ „Nein!“, rief Mine entsetzt. „Ja“, bestätigte Hagrid und trug die Kisten voller Niffler hinüber zur Hüttenwand. „Sind doch nur Spinner, Hermine. Wenn du noch mehr von diesen Briefen kriegst, mamch sie bloß nicht auf. Wirf sie einfach ins Feuer.“

    Auch in der Woche darauf bekam Mine immer wieder Hasspost. Sie befolgte zwar Hagrids Ratschlag und öffnete sie nicht mehr, doch einige schickten ihr Heuler, die am Gryffindor-Tisch explodierten und sie, für alle hörbar, mit schrillen Beschimpfungen überhäuften. Selbst wer nicht die Hexenwoche las, erfuhr jetzt von der angeblichen Dreiecksgeschichte Harry-Hermine-Krum. Harry war wirklich extrem genervt, weil er ständig erklären musste, dass er nur mit Mine befreundet war. Dass Harry und ich zusammen waren, ließ er jedoch fast immer weg. „Das wird sich schon wieder legen“, versicherte ich meiner besten Freundin zuversichtlich, „was diese dumme Ziege das letzte Mal geschrieben hat, wurde allen auch irgendwann langweilig.“ „Ich will aber wissen, wie sie vertrauliche Gespräche belauschen kann, wenn sie doch angeblich Hausverbot hat!“, fauchte sie zornig.

    Nach der nächsten Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste blieb Mine noch kurz im Klassenzimmer, um Professor Moody etwas zu fragen. Alle anderen machten, dass sie wegkamen. Moody hatte uns so scharf in Zauberabwehr geprüft, dass viele kleine Risse und Stiche an den Armen hatten.
    „Also, Rita benutzt jedenfalls keinen Tarnumhang!“, keuchte Mine fünf Minuten später, als sie uns am Fuß der Marmortreppe eingeholt hatte. „Moody sagt, er habe sie bei der zweiten Runde nirgendwo in der Nähe des Richtertisches oder des Sees gesehen!“ „Hermine, hat es noch irgendeinen Sinn, dir zu sagen, dass du die Sache endlich aufgeben sollst?“, fragte Ron. „Nein!“, erwiderte Mine stur. „Ich will wissen, wie sie mich und Viktor belauscht hat! Und wie sie von Hagrids Mutter erfahren hat!“ „Vielleicht hat sie dich verwanzt“, überlegte Harry. „Verwanzt?“, fragte ich verwirrt. Harry begann etwas von versteckten Mikrofonen und Tonbändern zu erzählen. Ron fand es ungeheuer spannend, doch Mine unterbrach Harry. „Wollt ihr beide denn nie >Eine Geschichte von Hogwarts< lesen?“ „Wozu denn?“, erwiderte Ron. „Ihr beide kennt das Buch doch auswendig, wir müssen euch nur fragen.“ Ich verdrehte belustigt die Augen, während Mine sofort zu erklären begann. „All die Sachen, die die Muggel als Ersatz für Zauberei benutzen - Elektrizität und Computer und Radar und so weiter -, die spielen in der Nähe von Hogwarts alle verrückt, es liegt einfach zu viel Magie in der Luft. Nein, Rita gebraucht einen Zauber, um uns abzuhören, sie muss...wenn ich nur rausfinden könnte, was es ist...und wehe, es ist gesetzwidrig, dann werd ich sie...“ „Haben wir denn sonst keine Sorgen?“, fragte Ron. „Müssen wir auch noch einen Rachefeldzug gegen Rita Kimmkorn starten?“ „Dich hab ich doch gar nicht um Hilfe gebeten!“, fauchte Mine. „Ich mach es allein!“ Ohne einen Blick zurück stolzierte sie die Marmortreppe hoch. Ich war mir sicher, dass sie in die Bibliothek ging. „Wetten, sie kommt mit einem Haufen >Ich hasse Rita Kimmkorn<-Anstecker wieder?“, sagte Ron.

    12
    38. Kapitel

    In den Wochen vor den Osterferien waren wir viel zu sehr beschäftigt mit Bergen voller Hausaufgaben, als dass wir Mine in ihrer Rache hätten unstützen können, weshalb wir dankbar waren, dass sie unsere Hilfe nicht wollte. Ich bewunderte wirklich, wie Mine sich über magische Abhörverfahren erkundigte und dann auch noch alles andere nebenbei ab arbeitete. Hedwig kam erst am Ende der Osterferien mit Percys Antwortbrief zurück. Sein Brief lag in einem Päckchen mit Ostereiern, die Mrs. Weasley geschickt hatte. Die für Harry, Ron und mich waren groß wie Dracheneier und mit hausgemachter Karamellcreme gefüllt, während Mines Ei nicht größer als das eines Hühnchens war. Ihre Züge erschlafften, als sie es sah. „Deine Mum liest nicht zufällig die Hexenwoche, Ron?“ „Doch“, erwiderte dieser mit dem Mund voller Karamellcreme. „Aber nur wegen der Rezepte.“ Mine betrachtete traurig ihr kleines Ei. „Hier, nimm meins“, meinte ich und starrte angeekelt auf das riesige Ei. „Mir ist der Appetit vergangen.“ Wie konnte Mrs. Weasley auch nur ein Wort von dem glauben, was Rita Kimmkorn da schrieb? Das erste Mal, seitdem ich Mrs. Weasley kannte, verachtete ich sie regelrecht, obwohl sie es sicher nicht böse gemeint hatte. Ron las inzwischen Percys Brief vor, der nur knapp und in gereiztem Ton gehalten war.

    Wie ich dem Tagespropheten andauernd mitteile, gönnt sich Mr. Crouch eine wohlverdiente Ruhepause. Er schickt mir regelmäßig Eulen mit seinen Anweisungen. Nein, ich habe ihn tatsächlich nicht gesehen, aber ich denke, man wird mir zutrauen, dass ich die Handschrift meines eigenen Vorgesetzten kenne. Im Moment habe ich zu viel zu tun, um auch noch diese lächerlichen Gerüchte aus der Welt schaffen zu können. Bitte belästigt mich nicht mehr, außer wenn etwas Wichtiges anliegt. Frohe Ostern.

    Nach Ostern ging es auf den Sommer zu. In der letzten Maiwoche nahm Professor McGonagall Harry kurz nach Ende des Verwandlungsunterrichts zur Seite. Als wir zurück zum Turm gingen, erzählte er, er solle heute Abend um neun hinunter zum Quidditch-Feld gehen, um zu erfahren, was bei der dritten Runde passieren würde.
    Abends blieben Ron, Mine und ich also im Gemeinschaftsraum, während Harry sich auf den Weg machte. Ich arbeitete an meinen Aufsätzen für Zauberkunst und Zaubertränke, was bis tief in die Nacht dauerte. Als ich nach gefühlten Stunden aufblickte, merkte ich, dass nur noch Mine, Ron und ich im Gemeinschaftsraum waren. Ich gähnte, hielt mich jedoch angestrengt wach und schrieb weiter. Um kurz vor zwölf Uhr platzte Harry endlich in den Gemeinschaftsraum. „Was hat denn so lang gedauert?“, fragte Ron gähnend. Harry ließ sich stumm neben mich fallen. „Harry?“, fragte ich leise. „Die letzte Aufgabe ist ein Irrgarten.“ Und dann sprudelte es nur so aus ihm heraus. Er und Krum hatten sich, nachdem ihnen erklärt worden war, um was für eine Aufgabe ging, noch unterhalten. Plötzlich war dann Mr. Crouch aufgetaucht und hatte unverständliche Dinge gemurmelt und hatte nach Dumbledore verlangt. Krum war bei Crouch geblieben, während Harry Dumbledore hatte holen wollen. Snape hatte ihn zwar aufhalten wollen, doch Dumbledore war dazugekommen, und sie waren zurückgerannt. Crouch war aber, als sie wieder dort ankamen, verschwunden und Krum war offenbar niedergeschlagen worden.

    Harry wirkte leicht verzweifelt. „Dumbledore hat gemeint, ich soll Sirius erst morgen früh eine Eule schicken, aber...“ „Er hat Recht, Harry!“, meinte ich. „Am besten gehen wir jetzt schlafen, und schicken ihm morgen einen Brief, in Ordnung?“ Harry nickte leicht und auch Ron und Mine wirkten damit einverstanden. Sie waren beide schon auf den Weg zu unseren Schlafsälen, als Ron fragte: „Harry, kommst du?“ „Ich...ich kann nicht schlafen.“ Ich rutschte näher auf ihn zu. „Ich bleibe hier, vielleicht kannst du dann schneller einschlafen.“ Mine protestierte nicht, sondern flüsterte nur: „Gute Nacht!“ Auch Ron nickte verständnisvoll und verschwand in seinem Schlafsaal. Harry und ich blieben zusammen auf dem Sofa sitzen. Im Kamin brannte ein prasselndes Feuer, das den ganzen Gemeinschaftsraum zu erleuchten schien. Ich kuschelte mich näher an Harry; ich hörte seinen gleichmäßigen Herzschlag, als er mich umarmte und mich noch näher an sich heranzog. Es war viel zu lange her, seit wir das letzte Mal so alleine gewesen waren. „Daran könnte ich mich gewöhnen“, murmelte Harry und entlockte mir damit ein leichtes Lächeln. „Ich mich auch.“ Ich gähnte müde. „Du bist müde.“ „Wie kommst denn nur darauf?“, fragte ich ironisch. Mein Oberkörper sackte leicht zur Seite weg und ich lag quer über dem Sofa. Harry betrachtete mich aufmerksam, das spürte ich an dem Blick, den er mir zuwarf. Er beugte sich leicht zu mir hinunter und strich mir die dicken Locken aus dem Gesicht. „Ich liebe dich“, flüsterte ich, bevor ich die Augen schloss. „Ich dich auch.“

    „Es gibt nur zwei Möglichkeiten“, schlussfolgerte Mine und runzelte dabei die Stirn. „Entweder hat Mr. Crouch Krum angegriffen oder jemand anderer hat beide aus dem Hinterhalt überfallen.“ „Es war sicher Crouch selbst“, vermutete Ron. „Darum war er verschwunden, als Harry und Dumbledore hinzukamen. Hat sich schnell aus dem Staub gemacht.“ „Das glaub ich nicht“, entgegnete Harry kopfschüttelnd. „Mir kam er tatsächlich schwach vor - sah nicht so aus, als hätte er disapparieren können.“ „Man kann aber auf dem Hogwarts-Gelände nicht disapparieren!“, erinnerte ich ihn. „Okay...und wie wär’s mit meiner Theorie“, sagte Ron erhitzt. „Krum hat Crouch angegriffen - nein, lass mich ausreden - und sich dann selbst einen Schockzauber verpasst!“ „Und Mr. Crouch hat sich in Luft aufgelöst, ja?“ „Ähm, jaaa...“

    Ein neuer Tag brach an. In aller Frühe waren wir nach oben in die Eulerei geschlichen, um Sirius eine Nachricht zu schicken. Jetzt standen wir oben am Fenster und sahen hinaus auf die Ländereien, die von dichtem, wattigen Nebel durchzogen waren. „Lass uns das Ganze noch mal durchgehen, Harry“, sagte ich langsam. „Was genau hat er gesagt?“ „Ich hab’s dir doch schon erzählt, es war viel wirres Zeugs darunter“, erwiderte er. „Er wollte Dumbledore vor etwas warnen. Jedenfalls hat er von Bertha Jorkins gesprochen und schien sie für tot zu halten. Immer wieder hat er gesagt, es sei seine Schuld gewesen...und seinen Sohn hat er auch erwähnt.“ „Ja, das war allerdings wirklich seine Schuld“, sagte Mine gereizt. „Er war vollkommen durcheinander“, fuhr Harry fort. „Mir kam es immer wieder so vor, als glaube er, seine Frau und sein Sohn seien noch am Leben, und dauernd hat er mit Percy geredet und ihm irgendwelche Anweisungen für die Arbeit erteilt.“ „Und...was hat er noch mal über Du-weißt-schon-wen gesagt?“, fragte Ron argwöhnisch. „Hab ich doch schon gesagt“, erwiderte Harry matt. „Er sei stärker geworden.“ Stille trat ein. „Sollte ich vielleicht jetzt erwähnen, dass das Dunkle Mal meines Adoptivvaters in den Sommerferien dunkler geworden ist?“, fragte ich in die Stille hinein. „Was?“, fragte Mine entsetzt. Ich drehte mich zu den anderen um. „Meine Mutter hat mit mir darüber geredet; sie meinte, wenn ich nächsten Sommer zurückkehren würde, müsste ich mich vielleicht ebenfalls den Todessern anschließen.“ Meine Stimme klang verbittert, genau wie meine Stimmung im Moment. „Sie hat gesagt, dass es für sie schon zu spät ist, und dass sie wenigstens mich retten muss.“ Ich seufzte, als ich mich an die traurigen Augen meiner Adoptivmutter erinnerte, die mich über die Jahre so lieb gewonnen hatte. „Du meinst-...“ „Ja.“ Ich sah erneut aus dem Fenster. „Vielleicht ist sie jetzt schon eine neue Anhängerin - wenn auch gezwungen - von Voldemort.“

    Ron zitterte und wollte schon einen Kommentar von wegen „Nenn seinen Namen nicht!“ einwerfen, als die Tür zur Eulerei aufgerissen wurde. „Das ist Erpressung, sag ich dir, das kann uns ‘ne Menge Ärger einbringen-...“ „Wir haben es lange genug auf die nette Tour versucht, wird allmählich Zeit, dass wir die harte Gangart einschlagen, tut er ja auch. Es wäre ihm sicher unangenehm, wenn man im Zaubereiministerium erfährt, was er getan hat-...“ „Ja, und ausgerechnet du wirst dich beklagen, wenn ‘ne hübsche Summe dabei rausspringt?“ Fred und George kamen um die Ecke und blieben bei unserem Anblick wie angewurzelt stehen. „Was macht ihr denn hier?“, fragten Ron und Fred gleichzeitig. „Post verschicken“, antworteten Harry und George wie auf Kommando. „Wie, so früh?“, fragten Mine und Fred. „Konnten nicht mehr schlafen“, erwiderten George und ich. Fred grinste. „Schön - wir fragen euch nicht, was ihr hier zu suchen habt, wenn ihr uns nicht fragt, was wir hier treiben“, sagte er. Er hielt einen versiegelten Umschlag in der Hand. Ich warf einen Blick darauf, doch Fred schob (ich wusste nicht, ob es mit Absicht war) seine Hand über den Namenszug. „Lasst euch von uns nicht aufhalten“, fügte er hinzu und deutete mit einer übertreibenen Verbeugung zur Tür. Ron rührte sich nicht vom Fleck. „Wen wollt ihr erpressen?“, fragte er.

    Das Grinsen auf Freds Gesicht erstarb. George warf Fred einen kurzen Blick zu, dann lächelte er Ron an. „Mach dich nicht lächerlich, ich hab nur Witze gemacht“, meinte er gelassen. „Klang aber gar nicht danach“, widersprach Ron. Fred und George wechselten einen Blick. Dann sagte Fred barsch: „Ich hab’s dir doch schon mal gesagt, Ron, steck deine Nase nicht da rein, wenn du sie hübsch findest, so wie sie ist. Weiß zwar nicht, warum das so sein sollte, aber...“ „Es ist auch meine Angelegenheit, wenn ihr jemanden erpresst“, meinte Ron. „George hat recht, ihr könntet ernsthaft Ärger kriegen.“ „Ich hab dir doch gesagt, dass ich einen Witz gemacht hab“, entgegnete George. Er ging auf Fred zu, nahm ihm den Brief aus der Hand und band ihn an das Bein der nächstbesten Schleiereule. „Du klingst allmählich wie unser lieber älterer bruder, muss ich sagen. Mach so weiter, und sie ernennen dich noch zum Vertrauensschüler.“ „Was für ein Blödsinn“, sagte Ron entrüstet. George trug die Schleiereule hinüber zum Fenster und ließ sie davonflattern. Dann wandte er sich grinsend zu Ron um. „Na dann hör auf, den Leuten vorzuschreiben, was sie tun sollen. Bis später.“ Die beiden verschwanden und wir starrten ihnen verdutzt hinterher.

    „Ihr glaubt doch nicht, dass sie etwas von alldem mitbekommen haben?“, flüsterte Mine beunruhigt. „Von Crouch und so weiter?“ „Nein“, erwiderte Harry. „Wenn es etwas so Ernstes wäre, dann würden sie es jemandem sagen. Zumindest Dumbledore.“ Ron schien sich jedoch nicht recht wohl in seiner Haut zu fühlen. „Was ist denn los?“, fragte ich. „Na ja...“, setzte Ron an, „ich bin mir da nicht so sicher. Sie...sie sind in letzter Zeit ganz scharf darauf, Geld zu machen, das ist mir aufgefallen, als ich öfter mit ihnen rumgehangen habe - als - ihr wisst schon -...“ „Als wir nicht miteinander geredet haben“, beendete Harry den Satz für ihn. „Sicher, aber Erpressung...“ „Sie haben sich diese Sache mit dem Zauberscherzladen in den Kopf gesetzt“, meinte Ron. „Ich dachte zuerst, sie wollten damit nur Mum ärgern, aber sie meinen es ernst, sie wollen einen Laden aufmachen. Sie haben nur noch ein Jahr in Hogwarts, ständig reden sie davon, es sei an der Zeit, über die Zukunft nachzudenken, und dass Dad ihnen nicht helfen könne und dass sie Gold brauchten, um überhaupt anfangen zu können.“ Mine schien plötzlich sehr beunruhigt. „Schon, aber...sie würden nichts Ungesetzliches tun, oder doch?“ „Oder doch?“, wiederholte Ron skeptisch. „Keine Ahnung...jedenfalls haben sie keine großen Probleme damit, Regeln zu verletzen.“ „Ja, aber hier geht’s um das Gesetz“, widersprach Mine mit besorgtem Blick. „Und nicht um eine alberne Vorschrift in der Hausordnung...bei Erpressung kommen sie mit Nachsitzen nicht davon! Ron...vielleicht solltest du es Percy sagen...“ „Bist du wahnsinnig?“, fragte ich entgeistert. „Percy würde die beiden sofort ins Gefängnis werfen lassen!“ Ron nickte nur zustimmend und sah erneut aus dem Fenster. „Kommt, lasst uns was frühstücken.“

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    39. Kapitel

    „Glaubt ihr, es ist noch zu früh, um zu Professor Moody zu gehen?“, fragte Mine, während wir die Wendeltreppe hinunterstiegen. „Ja“, antwortete Harry. „Wenn wir ihn im Morgengrauen wecken, wird er wahrscheinlich glauben, wir wollen ihn im Schlaf angreifen und dann sprengt er uns glattweg durch die Tür. Warten wir lieber bis zur großen Pause.“

    Geschichte der Zauberei war mal wieder furchtbar zäh und einschläfernd und ich musste versuchen, mich angestrengt wachzuhalten. Ich war so müde, dass ich am liebsten meinen Kopf auf den Tisch gelegt hätte und geschlafen hätte. Selbst Mine machte sich ausnahmsweise keine Notizen, sondern saß da, den Kopf auf die Hände gestützt, und sah Professor Binns mit trüben Augen an. Als es endlich läutete, rannten wir hinaus in den Gang und hinüber zu dem Klassenraum, in dem wir Verteidigung gegen die dunklen Künste hatten. Moody kam gerade aus der Tür. Er sah so müde aus, wie wir uns alle fühlten. Das Lid seines normalen Auges hing schlaff herab und verlieh seinem Gesicht einen noch schieferen Ausdruck als sonst. „Professor Moody?“, rief Harry und wir drängelten uns durch die Scharen an Schülern auf dem Korridor zu ihm hinüber. „Hallo, Potter“, knurrte Moody. Sein magisches Auge folgte ein paar vorbeigehenden Erstklässlern, die verängstigt ihre Schritten beschleunigten. „Kommt hier rein.“ Er trat zur Seite, ließ uns in das leere Klassenzimmer eintreten und schloss die Tür, nachdem er hinterher gehinkt war. „Haben Sie ihn gefunden?“, fragte Harry sofort. „Mr. Crouch?“ „Nein“, sagte Moody. Er humpelte hinüber zu seinem Tisch, setzte sich, streckte leise grunzend das Holzbein aus und zog seinen Flachmann hervor. „Haben Sie die Karte benutzt?“ „Natürlich“, entgegnete Moody und genehmigte sich einen Schluck aus seiner Flasche. „Hab mir ein Beispiel an dir genommen, Potter. Hab sie aus meinem Büro in den Wald gerufen. Auf der Karte war er jedenfalls nicht.“ „Also ist er tatsächlich disappariert?“, fragte Ron. „Man kann auf dem Gelände nicht disapparieren, Ron!“, entgegnete Mine. „Es gibt andere Wege, auf denen er hätte verschwinden können, nicht wahr, Professor Moody?“ Moodys magisches Auge blieb leicht zitternd auf Mine ruhen. „Du bist auch so eine, die mal über eine Laufbahn als Auror nachdenken sollte“, erklärte er. „Tickst genau richtig dafür, Granger.“ Mine lief vor Stolz rosarot an. Moodys Auge wanderte inzwischen herüber zu mir. „Und du, Rosier...du kommst nicht nach deinem Vater, ich seh’s dir an. Allein in der letzten Stunde! Kein einziger Kratzer...was McGonagall da erzählt hat, ist nicht zu verachten. Ein Animagus, he? Würdest dich prima als Aurorin machen.“ Ich hatte Angst, gleich rot anzulaufen.

    „Zurück zum Thema“, meinte Harry. „Mr. Crouch war also auch nicht unsichtbar, weil die Karte auch Unsichtbare zeigt. Er muss das Gelände verlassen haben.“ „Aber ob er das aus eigener Kraft gemacht hat?“, überlegte ich stirnrunzelnd. „Vielleicht hat ihn jemand gezwungen?“ „Ja, jemand hätte - hätte ihn auf einen Besen zerren und mit ihm fortfliegen können, oder?“, sagte Ron hastig und sah Moody hoffnungsvoll an, ganz als ob auch er hören wollte, dass er das Zeug zum Auroren habe. „Auch eine Entführung können wir nicht ausschließen“, brummte Moody. „Und?“, fragte Ron weiter, „vermuten Sie, dass er irgendwo in Hogsmeade ist?“ „Konnte überall sein“, meinte Moody kopfschüttelnd. „Sicher wissen wir nur, dass er nicht hier ist.“ Er gähnte so ausgiebig, dass sich seine Narben spannten und sein schräger Mund einige Zahnlücken offenbarte. Dann sagte er: „Nun, Dumbledore meint zwar, ihr vier spielt gern Detektive, aber für Crouch könnt ihr nichts tun. Das Ministerium wird inzwischen nach ihm suchen, Dumbledore hat sie unterrichtet. Potter, du musst jetzt über die dritte Aufgabe nachdenken.“ „Wie bitte?“, fragte Harry. „Ach ja...“ Über die Aufgabe im Irrgarten hatten wir in dieser Eile noch nicht gesprochen. „Sollte dir diesmal wirklich liegen“, sagte Moody, sah Harry an und kratzte sein vernarbtes und stoppliges Kinn. „Dumbledore meint jedenfalls, dass du schon einschlägig bewandert bist. Hast im ernsten Schuljahr ein paar Hindernisse aus dem Weg zum Stein der Weisen abgeräumt, nicht wahr?“ „Wir haben ihm dabei geholfen“, warf Ron hastig ein. „Ich, Hermine und Liv haben ihm geholfen.“ Moody grinste. „Schön, wenn ihr ihm auch helft, sich auf diese Runde vorzubereiten, dann würd’s mich sehr überraschen, wenn er nicht gewinnt“, meinte er. „Und bis dahin...immer wachsam, Potter. Immer waschsam.“ Er nahm noch einen kräftigen Zug aus seinem Flachmann und ließ sein magisches Auge zum Fenster hinüberschwenken. „Ihr drei“ - sein normales Auge musterte Ron, Mine und mich - „ihr passt auf Potter auf, klar? Ich behalt zwar im Auge, was hier so vor sich geht, aber trotzdem...man kann nie genug Augen offen haben.“

    Sirius schickte die Eule schon am nächsten Morgen mit seiner Antwort zurück. Sie flatterte vor Harry auf den Tisch, genau in dem Moment, als ein Waldkauz mit einem Tagespropheten im Schnabel vor Mine landete. Sie nahm ihm die Zeitung ab, überflog die ersten Seite und sagte triumphierend: „Ha! Sie hat nichts von Crouch erfahren!“ Dann beugte sie sich zu uns herüber; gemeinsam lasen wir, was Sirius über die mysteriösen Ereignisse der vorletzten Nacht zu sagen hatte.

    Harry - wie konntest du dich darauf einlassen, mit Viktor Krum in den Wald zu gehen? Schwöre mir bitte eulenweise, dass du mit niemandem mehr nachts spazieren gehst. In Hogwarts ist jemand, der höchst gefährlich ist. Für mich ist offensichtlich, dass sie nicht wollten, dass Crouch mit Dumbledore spricht, und sie waren vermutlich nur ein paar Meter von dir entfernt in der Dunkelheit. Sie hätten dich umbringen können.
    Dein Name ist nicht zufällig in den Feuerkelch geraten. Wenn dich jemand angreifen will, dann hat er jetzt seine letzte Chance. Bleib immer in der Nähe von Olivia, Ron und Hermine, verlass abends nicht mehr den Gryffindor-Turm und wappne dich für die dritte Aufgabe. Übe Schockzaubern und Entwaffnen. Ein paar Hexereien können auch nicht schaden. In dieser Crouch-Sache kannst du nichts tun. Halt dich bedeckt und pass auf dich auf. Ich erwarte deinen Brief mit dem Versprechen, dass du dich nicht wieder draußen rumtreibst.
    Sirius

    „Ausgerechnet er will mir was erzählen von wegen draußen herumtreiben?“, entrüstete Harry sich, faltete Sirius’ Brief zusammen und steckte ihn in den Umhang. „Nach all dem, was er selbst damals in der Schule getrieben hat!“ „Er macht sich Sorgen um dich!“, sagte Mine scharf. „Genau wie Moody und Hagrid! Also hör auf ihn!“ „Das ganze Jahr über hat keiner versucht, mich anzugreifen“, erwiderte Harry. „Niemand hat mir auch nur ein Haar gekrümmt-...“ „Außer, dass jemand deinen Namen in den Feuerkelch geworfen hat“, warf ich ein. „Und der oder die müssen das aus einem bestimmten Grund getan haben, Harry. Schnuffel hat Recht. Vielleicht haben sie nur abgewartet. Jetzt ist vielleicht genau diese Runde, bei der sie dich kriegen wollen.“ „Passt mal auf“, unterbrach mich Harry ungeduldig, „nehmen wir an, Schnuffel hat Recht und jemand hat Krum einen Schocker verpasst und Crouch entführt. Gut, dann wären sie doch irgendwo hinter den Bäumen um uns herum gewesen? Aber sie haben gewartet, bis ich fort war, und dann erst angegriffen. Also sieht’s nicht danach aus, als ob sie es auf mich abgesehen hätten!“ „Sie hätten es nicht nach einem Unfall aussehen lassen können, wenn sie dich im Wald ermordet hätten!“, entgegnete ich angespannt. „Aber wenn du wähtend einer Tunierrunde stirbst-...“ „Aber Krum haben sie doch einfach angegriffen“, sagte Harry. „Warum ahben sie mich dann nicht auch gleich weggeputzt? Sie häten es zum Beispiel so aussehen lassen können, als ob Krum und ich uns duelliert hätten.“ Darauf wusste ich keine Antwort, während sich jetzt wieder Mine einschaltete. „Ich weiß es doch auch nicht, Harry“, sagte sie verzweifelt. „Ich weiß nur, dass eine menge merkwürdiger Dinge passieren, und mir gefällt das überhaupt nicht...Moody hat Recht - Schnuffel hat Recht - du musst endlich für die dritte Runde trainieren, und zwar sofort. Und vergiss ja nicht, Schnuffel zu antworten und ihm zu versprechen, dass du dich nicht mehr alleine rumtreibst.“

    Die folgenden Nachmittage verbrachten wir zu viert in der Bibliothek, um nach Zaubersprüchen zu suchen, die Harry bei der dritten Aufgabe helfen würden. Manchmal schlichen wir uns auch in leerstehende Klassenzimmer, um in Ruhe zu üben. Harry nahm sich vor allem den Schockzauber vor, den er noch nie angewandt hatte. Das Problem war nur, dass Ron, Mine und ich dafür als Opfer herhalten mussten. „Können wir nicht Mrs. Norris kidnappen?“, schlug Ron am Montag in der Mittagspause vor, als er im Zauberkunstklassenzimmer flach auf dem Rücken lag. Gerade war er von Harry zum fünften Mal geschockt und wiederbelebt worden. „Schocken wir doch die mal zur Abwechslung. Oder du könntest Dobby nehmen, Harry, ich wette, er würde alles tun, um dir zu helfen. Ich will mich ja nicht beklagen oder so“ - er stand ächzend auf und rieb sich dabei den Hintern - „aber mir tut schon alles weh...“ „Wenn du auch andauernd neben die Kissen fällst!“, meinte mine unwirsch und warf die Kissen, die wir für den Verscheuchzauber genutzt hatten, auf einen Haufen. „Versuch doch einfach mal gerade nach hinten zu fallen!“ „Wenn du geschockt bist, geht das nicht mehr, Hermine!“, entgegnete Ron wütend. „Warum probierst du es nicht selbst?“ „Ach, weißt du, ich glaube, Harry hat es jetzt ohnehin raus“, erwiderte meine beste Freundin hastig, was mich zum Schmunzeln brachte. „Und wegen Entwaffnung müssen wir uns keine Gedanken machen, das kann er ja schon ewig...ich denke, heute Abend soltlen wir mit ein paar von diesen Hexereien anfangen.“ Sie überflog die Liste, die wir zusammen in der Bibliothek aufgestellt hatten. „Der hier gefällt mir“, meinte sie, „dieser Lähmfluch. Soll alles verlangsamen, was dich angreifen will, Harry. Mit dem fangen wir an.“ Die Glocke läutete. Schnells topften wir die Kissen in Flitwicks Schrank zurück und schlüpften aus dem Klassenzimmer.

    „Wir sehen uns beim Abendessen!“, rief Mine und machte sich auf den Weg zu Arithmantik, während Harry, Ron und ich in den Nordturm zu Wahrsagen gingen. Durch die hohen Fenster fielen breite Streifen gleißend goldenen Sonnenlichts auf den Gang und malten dort Kreise und Kringel. Der Himmel war von einem leuchtend hellen Blau. „In Trelawneys Zimmer wird’s kochend heiß sein, die macht ihr Feuer doch nie aus“, murmelte Ron, als wir die Treppe zur silbernen Leiter und zur Falltür hochgingen. Er hatte vollkommen Recht. In dem matt erleuchteten Raum herrschte brühende Hitze. Und die schwer parfümierten Rauchschwaden aus dem Kamin machten alles noch schlimmer... Mir wurde ganz schwummrig im Kopf, weshalb ich mich mit Ron und Harry hinüber zum Fenster setzte. Als Professor Trelawney gerade nicht hinsah, öffnete Harry das Fenster einen Spaltbreit. Eine sanfte Brise beruhigte meine Sinne wieder ein wenig; es war unglaublich angenehm.
    „Meine Lieben“, verkündete Professor Trelawney, setzte sich in ihren geflügelten Lehnstuhl und sah uns mit ihren merkwürdig vergrößerten Augen an, „wir haben unsere Arbeiten zur planetarischen Weissagung fast abgeschlossen. Heute jedoch bietet sich eine exzellente Gelegenheit, die Wirkungen des Mars zu studieren, denn gegenwärtig steht er in höchst interessanter Konstellation. Wenn ihr bitte alle hierher schauen würdet, ich dämpfe das Licht...“

    Sie schwang ihren Zauberstab und die Lampen erloschen. Das Feuer war nun die einzige Lichtquelle im Raum. Professor Trelawney bückte sich, griff unter ihren Stuhl und holte ein kleines, unter einer Glaskuppel verborgenes Modell des Sonnensystmes hoch. Es war ein schönes Stück. Um die Planeten drehten sich schimmernde Monde, die von einer goldig glänzenden Sonne beschienen wurden. Professor Trelawney begann mit rauchiger Stimme etwas zu erklären, doch ich hörte kaum zu. Dieses Modell hatte mich irgendwie in seinen Bann gezogen. Gebannt starrte ich auf die Sonne in der Mitte des Modells; im gedämmten Licht glänzte sie schwach, und doch blieb mein Blick daran hängen und war nicht davon zu lösen. Die Monde drehten sich langsam um das Modell; und plötzlich war da etwas in meinen Gedanken, etwas wie... eine verschwommene Erinnerung. Ich nahm es nur nebenbei wahr, doch ich sah deutlich mein Medaillon vor mir. Das silbrige Glitzern und Funkeln der kleinen Diamanten nahm ich deutlich wahr, und doch wusste ich, dass etwas fehlte. Und dann war alles verschwunden, als wäre es nie dagewesen.

    Plötzlich hörte ich ein leises Aufstöhnen neben mir. Harry wirkte, als wäre er schon längst nicht mehr anwesend. „Harry!“, wisperte ich, doch er reagierte nicht. Im Gegenteil, es wurde schlimmer. Im nächsten Moment fiel er zu Boden und wälzte sich vor Schmerz darauf herum. Mittlerweile hatte Professor Trelawney ihren Vortrag unterbrochen und sah schon fast begeistert zu Harry hinüber, der sich die Hände auf seiner Narbe an der Stirn drückte, und vor Schmerzen einen kurzen Aufschrei von sich gab. Im gleichen Moment wie Ron ließ ich mich zu Boden sinken und rüttelte heftig an Harrys Schultern, woraufhin er aber nicht reagierte. „Harry!“, versuchte es nun auch Ron, doch nichts geschah. Harry sah nicht gut aus; „Verdammt, Harry, wach auf!“, schrie ich schon fast hysterisch. Er riss die Augen auf; Erleichterung machte sich in mir breit. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Ron besorgt. „Natürlich nicht!“, meinte Professor Trelawney mit überaus aufgeregter Miene. Ihre riesigen Augen schwebten lauernd über Harry. „Was war es, Potter? Eine Vorahnung? Eine Erscheinung? Was haben Sie gesehen?“ „Nichts.“ Ich wusste sofort, dass er log. Harry setzte sich auf. „Ich glaube, ich muss in den Krankenflügel“, sagte er schnell, da Professor Trelawney schon wieder im Begriff war, ihn zu unterbrechen. „Ich hab üble Kopfschmerzen.“ „Mein Lieber, Sie wurden ohne Zweifel durch die außerordentlich klarsichtigen Schwingungen meines Zimmers stimuliert!“, meinte Professor Trelawney. „Wenn Sie jetzt gehen, verlieren Sie vielleicht die Möglichkeit, weiter denn je in die Zukunft zu sehen-...“ „Ich möchte nichts weiter sehen als ein Kopfschmerzmittel“, erwiderte Harry. Er stand auf und die Klasse wich zurück. Alle sahen erschüttert aus. „Bis später dann“, murmelte er mir und Ron zu, dann nahm er seine Tasche und ging auf die Falltür zu, ohne auf Professor Trelawney zu achten, die ein fürchterlich enttäuschtes Gesicht machte, als ob ihr ein richtiger Leckerbissen durch die Lappen gegangen wäre. Der Rest der Stunde verging unglaublich langsam und schleppend, doch ich passte nicht mehr richtig auf, weil ich nur darauf wartete, dass es endlich klingelte.

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    0. Kapitel

    Als ich zusammen mit Ron zurück in den Gemeinschaftsraum kam, saß Mine bereits ungeduldig wartend auf dem Sofa. Bestimmt wartete sie nur darauf, dass wir endlich weiter trainieren konnten. Harry war allerdings noch nicht da. „Wo ist Harry?“, fragte meine beste Freundin, woraufhin Ron mit den Schultern zuckte und ich ihr erklärte, was vorgefallen war. Mine machte gerade den Mund auf, um etwas zu sagen, als Harry hereinkam. Er sah recht nachdenklich drein, und schien uns kaum zu bemerken, bis ich ihn ansprach. „Harry, warst du im Krankenflügel?“ Er schüttelte den Kopf. „Ich war bei Dumbledore.“

    Und dann begann er zu erzählen. Er war in Professor Dumbledores Büro gewesen, doch der Schulleiter war nicht da gewesen. Harry war „aus Versehen“ in das Denkarium im Raum „gefallen“ und hatte eine Szene in einem Gerichtssaal im Ministerium miterlebt, bei der Bellatrix und Rudolphus Lestrange, und Barty Crouch Jr. verurteilt und nach Askaban gebracht worden war. Anschließend hatte er mit Dumbledore geredet, über die Tatsache, dass seine Narbe so brannte. Und der Schulleiter hatte ihm eine interessante Theorie erzählt...

    „Sogar Dumbledore glaubt also, dass Du-weißt-schon-wer stärker wird?“, flüsterte Ron. Er starrte sprachlos ins Kaminfeuer. Ich glaubte fast, dass er leicht zitterte. „Ja“, erwiderte Harry. Mine hatte seit zehn Minuten kein einziges Wort mehr gesprochen. Sie saß da, die Stirn auf die Hände gestützt und starrte auf ihre Knie. „Rita Kimmkorn“, murmelte sie schließlich vor sich hin. „Wie kannst du dich ausgerechnet jetzt über sie aufregen?“, fragte Ron verdutzt. „Ich reg mich nicht über sie auf“, erwiderte Mine. „Ich überleg nur...wisst ihr noch, was sie mir in den Drei Besen gesagt hat?“ Sie stockte kurz. „>Ich weiß Dinge über Ludo Bagman, da würden dir die Haare zu Berge stehen.< Jetzt wissen wir, was sie gemeint hat, oder? Sie hat damals über seinen Prozess berichtet, sie weiß, dass er Informationen an die Todesser weitergegeben hat. Und Winky auch...erinnert euch... >Mr. Bagman ist ein böser Zauberer.< Mr. Crouch hat es sicher rasend gemacht, dass Bagman davongekommen ist, und hat dann zu Hause von ihm gesprochen.“ „Stimmt schon, aber Bagman hat die Informationen doch nicht absichtlich weitergegeben?“ Mine zuckte mit den Schultern. „Und Fudge vermutet, Madame Maxime hätte Crouch angegriffen?“, sagte Ron und wandte sich Harry zu. „ja“, erwiderte Harry, „aber das sagt er nur, weil Crouch in der Nähe der Beauxbatons-Kutsche verschwunden ist.“ „An sie haben wir noch gar nicht gedacht“, überlegte Ron langsam. „Überlegt mal, sie hat eindeutig Riesen-Blut und will es nicht zugeben-...“ Ich wurde ganz rot vor Wut und fauchte scharf: „Natürlich nicht! Sieh dir doch an, was Hagrid passiert ist, als Rita rausgefunden hat, wer seine Mutter ist! Und überleg mal, wie schnell Fudge Madame Maxime verdächtigt, nur weil sie zur Hälfte eine Riesin ist. Diese Vorurteile bringen mich irgendwann noch ins Grab! Wahrscheinlich würde ich selbst behaupten, ich hätte große Knochen, wenn ich wüsste, was ich mir einhandle, wenn ich die Wahrheit sage!“ Mine blickte rasch auf ihre Uhr. „Wir haben noch nicht trainiert!“, rief sie erschrocken. „Wir wollten doch den Lähmzauber üben! Morgen müssen wir aber wirklich ran! Ins Bett, Harry, du brauchst deinen Schlaf.“

    Mine und ich gingen rasch nach oben in unseren Schlafsaal und zogen uns leise um, da Lavender und Parvati bereits zu schlafen schienen, da Harry, Ron, Mine und ich bis spät in die Nacht geredet hatten. Nachdem wir uns hastig eine gute Nacht gewünscht hatten, lag ich also in meinem Himmelbett und starrte auf die purpurfarbenen Vorhänge, die mein Bett vom Raum abtrennten. Meine Augenlider flackerten leise, dann glitten meine Gedanken davon und verflüchtigten sich in meine Träume.

    Stumm öffnete ich meine Augen und fand mich zu meinem Erstaunen im Turnzimmer von Professor Trelawney wieder. Im Feuer flackerten kleine Flammen, die die plötzliche Kälte, die sich über meinen gesamten Körper ausbreitete, vertrieb. Langsam ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern. Alles sah genauso aus, wie ich es vor jeder Stunde Wahrsagen vorfand. Bis auf... das riesige Modell unseres Sonnensystems, das Professor Trelawney uns gezeigt hatte. Fasziniert betrachtete ich die silbrig glitzernden Monde, die sich um ihre Planeten drehten und in der Mitte, die golden glänzende Sonnenscheibe. Ich ging näher darauf zu und wollte es gerade berühren, als hinter mir eine rauchige Stimme ertönte. Professor Trelawney saß hinter mir in ihrem Lehnstuhl und sah mich mit einem beinahe unheimlichen Blick an.

    „Mond und Sonne sich verbinden,
    wenn Mut und List zusammenfinden,
    denn erst dann wird offenbart,
    was die Tochter in sich wahrt.“

    „Professor Trelawney?“, fragte ich halb ängstlich und halb verwirrt. „Was sagen Sie da?“ Doch die Lehrerin schien mich gar nicht zu bemerken, denn sie sprach mit der seltsamen Stimme weiter:

    „Von der Mutter Seite her,
    reicht die Gabe durch die Zeit,
    von Jahrtausend zu Jahrtausend,
    doch zu Hauf’ wird es gestaut,
    wenn es keinen Ausweg weiß.

    Trifft Schwarz auf Weiß,
    so wird zu es Zeit,
    zu entscheiden, welche Wahl die Richtige sei.
    Geben Klugheit und der Freund ihr das Geleit,
    oder doch die Weisheit ganz allein?“

    Ihre Stimme verklang in der Dunkelheit und zurück blieb nur ich, vollkommen verwirrt, während mir tausende Fragezeichen durch den Kopf schwirrten.

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    41. Kapitel

    In den folgenden Tagen verlor ich kein einziges Wort über meinen seltsamen Traum, sondern saß stattdessen zusammen mit Harry, Mine und Ron in der Bibliothek, damit Harry sich auf die dritte Runde vorbereiten konnte. Eigentlich hätten wir für die Prüfungen lernen sollen, von denen die letzten am Tag der dritten Aufgabe stattfinden würden, doch den größten Teil unserer freien Zeit verbrachten wir damit, Harry zu helfen. Meinen Lernplan verrichtete ich deshalb bis spät in die Nacht hinein. Nun ja, wenigstens würden wir Spitzennoten in Verteidigung gegen die dunklen Künste bekommen, denn im Unterricht hätten wir niemals so viele verschiedene Zaubersprüche besprochen. Ron meinte außerdem, es wäre ein gutes Training für später, wenn wir erst mal Auroren wären, was mich zum Schmunzeln brachte.

    In den ersten Junitagen breitete sich erneut eine gespannte und erregte Stimmung im Schloss aus. Alle freuten sich auf die dritte Runde, die eine Woche vor Ende des Schuljahrs stattfinden würde. Harry übte in jedem freien Augenblick magische Verwünschungen. Vor dieser Runde wirkte er sicherer, als vor den beiden anderen, was an sich ja kein Wunder war, immerhin konnte er sich dieses Mal wappnen und war schon vorgewarnt. Professor McGonagall war es mittlerweile leid, uns andauernd in den Fluren üben zu sehen, weshalb sie uns erlaubte, über die Mittagszeit das leere Verwandlungs-Klassenzimmer zu benutzen. Den Lähmzauber hatte er bald im Griff, ebenso den Reduktor-Fluch, mit dem man feste Gegenstände aus dem Weg schießen konnte, und schließlich noch den Vier-Punkte-Zauber, den Mine entdeckt hatte. Dieser richtete den Zauberstab stets nach Norden und würde es Harry ermöglichen, zu prüfen, ob er im Irrgarten in die richtige Richtung ging. Harry übte gerade mal wieder den Schildzauber, als Ron plötzlich vom Fenster her rief: „Kommt und seht euch das an! Was treibt Malfoy denn da?“ Rasch lief ich hinüber zum Fenster und sah hinunter aufs Gelände. Draco, Crabbe und Goyle standen unten im Schatten eines Baumes. Crabbe und Goyle shcienen nach etwas Ausschau zu halten; beide feixten. Draco hielt seine Hand vor den Mund und sprach hinein. „Sieht aus, als würde er ein Walkie-Talkie benutzen.“, meinte Harry. Fragend sah ich ihn an, als er meinen Blick auffing. „Das erklär ich dir mal bei Gelegenheit“, murmelte er, als Mine ihn schon unterbrach. „Das ist unmöglich, ich hab dir doch gesagt, diese Dinger funktionieren in und um Hogwarts nicht. Jetzt komm schon, Harry“, fügte sie ungeduldig hinzu, wandte sich vom Fenster ab und ging zurück in die Mitte des Raumes. „Probieren wir noch mal diesen Schild-Zauber.“

    Sirius schickte inzwischen täglich eine Eule. Wie Mine schien er seine Kräfte ganz darauf zu verwenden, Harry heil durch die letzte Runde zu bringen, alles andere konnte warten. In jedem Brief ermahnte er Harry, alles, was außerhalb der Mauern von Hogwarts vor sich gehe, brauchte ihn nicht zu beschäftigen, und schon gar nicht liege es in seiner Macht, diese Dinge zu beeinflussen. Einmal schrieb er Harry:

    Wenn Voldemort wirklich wieder stärker wird, dann ist es mir am wichtigsten, für deine Sicherheit zu sorgen. Er kann nicht hoffen, dich in die Hände zu kriegen, während du unter Dumbledores Schutz steht, und dennoch, riskiere nichts: Konzentriere dich darauf, sicher durch dieses Labyrinth zu kommen, dann erst können wir unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen zuwenden.

    Der 24. Juni rückte immer näher und ich konnte nicht verhindern, dass ich unglaublich nervös wurde.

    Am Morgen der dritten Runde war das Frühstück am Gryffindor-Tisch eine sehr laute Angelegenheit. Die Posteulen erschienen und brachten Harry eine Karte mit den besten Wünschen von Sirius. Es war eigentlich nur ein Stück Pergament, zusammengefaltet und mit einer schlammigen Hundepfote gestempelt, aber ich fand trotzdem, dass es eine wirklich aufmunternde Sache war. Eine Schleiereule ließsich vor Mine nieder, wie üblich mit einer Ausgabe des Tagespropheten. Mine entrollte die Zeitung, warf einen Blick auf die Titelseite und verschluckte sich dabei an ihrem Kürbissaft. „Was ist los?“, fragten die Jungs und ich gleichzeitig. „Nichts“, meinte Mine und versuchte das Blatt unter ihrem Umhang zu stecken, doch Ron schnappte es sich. Er starrte auf die Schlagzeile und sagte: „Nicht zu fassen. Ausgerechnet heute. Diese blöde Kuh.“ „Wie?“, fragte ich überrascht. „Ist es schon wieder Rita Kimmkorn?“ „Nein“, entgegnete Ron und wollte genau wie Mine die Zeitung verschwinden lassen. „Es geht um mich ja?“, fragte Harry. „Nein“, sagte Ron in keineswegs überzeugendem Tonfall. Doch bevor Harry energisch verlangen konnte, das Blatt zu sehen, rief Draco vom Slytherin-Tisch durch die Große Halle: „Hey, Potter! Potter! Wie geht’s deinem Kopf? Noch alle Tassen im Schrank? Oder gehst du gleich auf uns los wie ein Berserker?“ Auch Draco hielt einen Tagespropheten in der Hand. Die Slytherins am ganzen Tisch begannen zu kichern und wandten ihre Köpfe, um zu sehen, wie Harry reagieren würde. „Lass mich sehen“, verlangte Harry. „Gib her.“ Höchst widerwillig reichte Ron ihm die Zeitung. Harry drehte die Zeitung um, während ich ebenfalls neugierig hinsah. Auf dem Titelblatt war ein Bild von Harry und darüber die fettgedruckte Schlagzeile:

    Harry Potter „gestört und gefährlich“

    Der Junge, der den Unnennbaren besiegte, ist labil und möglicherweise gefährlich. Beunruhigende Tatsachen über Harry Potters seltsames Verhalten sind jetzt ans Licht gekommen, und sie wecken Zweifel, ob er geeignet ist, an einem kräftezehrenden Wettkampf wie dem Trimagischen Tunier teilzunehmen oder auch nur die Hogwarts-Schule zu besuchen. Wie der Tagesprophet heute exklusiv enthüllen kann, bricht Potter in der Schule des Öfteren zusammen und klagt häufig über Schmerzen, die ihm seine Stirnnarbe bereitet (Überbleibsel des Fluches, mit dem Du-weißt-schon-wer versuchte, ihn zu töten). Letzten Montag, mitten im Wahrsageunterricht, wurde Ihr Tagesprophet-Reporter Zeuge, wie Potter aus dem Klassenzimmer stürzte und behauptete, er habe so heftige Narbenschmerzen, dass er nicht weiter am Unterricht teilnehmen könne. Topspezialisten am St.-Mungo-Hospital für Magische Krankheiten und Verletzungen halten es für durchaus möglich, dass Potters Gehirn durch den Angriff des Unnennbaren nachhaltig geschädigt wurde und dass seine Behauptung, die Narbe schmerze noch immer, Ausdruck einer tief sitzenden Störung ist. „Gut möglich, dass er alles vortäuscht“, meint ein Spezialist, „es könnte ein Schrei nach Zuwendung sein.“ Der Tagesprophet hat jedoch alarmierende Fakten über Harry Potter ans Licht gebracht, die Albus Dumbledore, Schulleiter von Hogwarts, von der Zaubereröffentlichkeit sorgfältig verborgen hat. „Potter beherrscht Parsel“, enthüllt Draco Malfoy, ein Viertklässler in Hogwarts. „Vor ein paar Jahren gab es viele Angriffe auf Schüler, un ddie meisten vermuteten Potter dahinter, nachdem sie gesehen hatten, wie er in einem Duellierclub die Nerven verlor und eine Schlange auf einen anderen Jungen hetzte. Aber es wurde alles vertuscht. Außerdem hat er sich auch noch mit Werwölfen und Riesen angefreundet. Wir glauben, dass er für ein bisschen Macht alle stun würde.“
    Parsel, die Fähigkeit, mit Schlangen zu sprechen, wurde lange als eine dunkle Kunst betrachtet. Tatsächlich ist der berühmteste Parselmund unserer Zeit niemand anderer als Du-weißt-schon-wer persönlich. Ein Mitglied der Liga der Verteidigung gegen die dunkle Kraft, das ungenannt bleiben will, stellte fest, jeder Zauberer, der Parsel spreche, solle seiner Meinung nach „einmal gründlich durchleuchtet werden. Ich persönlich würde jedem mit größtem Misstrauen begegnen, der mit Schlangen sprechen kann, denn diese Tiere werden oft bei den schlimmsten schwarzmagischen Praktiken eingesetzt und wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit Schurken in Verbindung gebracht.“ Desgleichen gelte für alle, „welche die Nähe solch heimtückischer Kreaturen wir Werwölfe und Riesen suchen, dass sie sich offensichtlich an der Gewalt ergötzen.“ Albus Dumbledore sollte unbedingt darüber nachdenken, ob ein solcher Junge am Trimagischen Tunier teilnehmen darf. Manche befürchten, Potter könnte sein heil in den dunklen Künsten suchen, um das Tunier zu gewinnen, dessen dritte Runde heute Abend stattfindet.
    Von unserer Sonderkorrespondentin Rita Kimmkorn

    „Sieht aus, als hätt ich’s mir mit ihr verscherzt“, meinte Harry gelassen und faltete die Zeitung zusammen. Draco, Crabbe und Goyle saßen lachend drüben am Slytherin-Tisch, zeigten Harry den Vogel, zogen abstruse Fratzen und ließen ihre Zungen flattern wie Schlangen. War ich hier im Kindergarten gelandet?

    „Woher wusste sie, dass deine Narbe in Wahrsagen weh getan hat?“, fragte Ron. „Sie konnte unmöglich dabei gewesen sein, sie kann es unmöglich selbst gehört haben-...“ „Das Fenster war offen“, warf Harry ein. „Ich hab es aufgemacht, um frische Luft zu bekommen.“ „Du warst hoch oben im Nordturm!“, meinte MIne. „Deine Stimme hätte nie bis ganz nach unten wehen können!“ „Na, du bist doch diejenige, die magische Methoden der Verwanzung erforscht!“, erwiderte Harry. „Sag mir doch, wie sie es geschafft hat!“ „Ich hab’s ja versucht!“, sagte sie. „Aber ich... aber...“ Ein seltsam träumerischer Ausdruck trat plötzlich in ihre Augen. Sie hob langsam die Hand und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragt eich ein wenig besorgt. „Ja“, hauchte Mine. Erneut strich sie sich mit den Fingern durchs Haar. Wir sahen sie alle drei mit großen Augen an. „Ich hab ‘ne Idee“, sagte Mine ins Leere starrend. „Ich glaub, ich weiß es... denn dann hätte es keiner gesehen... nicht mal Moody... und sie hätte auf das Fenstersims kommen können... aber das darf sie nicht... das ist eindeutig verboten... ich glaub, wir haben sie! Gebt mir ‘ne Sekunde in der Bibliothek - nur um sicherzugehen!“ Und schon hatte sie ihre Schultasche gepackt und stürzte aus der Großen Halle.

    „Mine, in 10 Minuten beginnt die Geschichtsprüfung!“, rief ich ihr hinterher, doch da war sie schon verschwunden. „Unglaublich“, meinte Ron, „sie muss diese Kimmkorn wirklich hassen, wenn sie’s riskiert, den Anfang einer Prüfung zu verpassen. Was machst du eigentlich gleich bei Binns - wieder mal die ganze Zeit lesen?“ Harry, der ja von den Prüfungen entbunden war, hatte bisher Stunde für Stunde in der hinteren Reihe gesessen und nach neuen Zaubersprüchen gesucht. „Denk schon“, meinte er, doch in diesem Augenblick kam Professor McGonagall am Gryffindor-Tisch entlang auf uns zugeschritten. „Potter, die Champions finden sich nach dem Frühstück im Raum hinter der Halle ein“, sagte sie. „Aber das Tunier ist doch erst heute Abend!“, erwiderte Harry verdutzt. „Das weiß ich wohl, Potter“, fuhr sie fort. „Die Familien der Champions sind eingeladen, bei der dritten Runde zuzuschauen. Eine sehr gute Gelegenheit für Sie, sie zu begrüßen.“ Sie entfernte sich. Harry sah ihr mit offenem Mund nach. „Sie glaubt doch nicht etwa, dass die Dursleys hier auftauchen?“, fragte er Ron und mich verdutzt. „Keine Ahnung“, entgegnete ich. „Entschuldige, Harry, aber Ron und ich müssen uns beeilen, sonst kommen wir zu spät zur Prüfung. Bis dann.“

    Die Prüfung verlief recht gut, für die Tatsache, dass ich kaum gelernt hatte, doch die Fragen waren glücklicherweise recht einfach. Mine tauchte gerade noch rechtzeitig vor Beginn der Prüfung auf, weshalb ich erleichtert aufatmete. Die Stunden bis zum Mittagessen vergingen recht schnell und Ron, Mine und ich machten uns dann auch hungrig auf den Weg in die Große Halle, wo uns allerdings eine Überraschung erwartete: Mrs. Weasley und Bill saßen zusammen am Gryffindor-Tisch und unterhielten sich angeregt mit Harry. „Was macht ihr denn hier?“, fragte Ron verdattert, als wir hinüber zum Tisch gingen und uns hinsetzten, ich mich neben Harry. „Wir schauen Harry bei der letzten Aufgabe zu!“, strahlte Mrs. Weasley. „Und ich muss sagen, es ist zur Abwechslung mal ganz schön, nicht selbst kochen zu müssen. Wie war deine Prüfung?“ „Oh...es ging“, meinte Ron. „Mir sind nicht mehr alle Namen der Koboldrebellen eingefallen, also habe ich ein paar erfunden. Wird schon werden.“ Mrs. Weasley sah ihn spitz an, doch er tat sich eine Blätterteigpastete auf und fuhr fort: „Die heißen doch alle Bodrod der Bärtige oder Urg der Unsaubere oder so, war jedenfalls nicht schwierig.“

    Auch Fred, George und Ginny kamen und setzten sich dazu; es folgten angeregte Unterhaltungen, bis Harry wohl schließlich wieder einfiel, weshalb Mine in die Bibliohek gehastet war. „Erzählst du uns jetzt-?“, setzte er an, doch Mine war Mrs. Weasley einen Blick zu und schüttelte warnend den Kopf. „Hallo, Hermine“, sagte Mrs. Weasley mit steifer Stimme. „Hallo“, erwiderte Mine, doch ihr Lächeln erstarb angesichts des kühlen Ausdrucks auf Mrs. Weasleys Gesicht. Harry schien zu begreifen, was los war, denn sofort schaltete er sich ein. „Mrs. Weasley, Sie glauben doch nicht etwa diesen Mist, den Rita Kimmkorn in der Hexenwoche geschrieben hat? Hermine und ich haben nämlich nichts miteinander.“ Demonstrativ verschränkte er seine Hand in meiner und fügte dann hinzu: „Außerdem habe ich schon eine Freundin.“ „Oh“, sagte Mrs. Weasley. „Nein - natürlich nicht!“ Und danach verhielt sie sich Mine gegenüber um einiges herzlicher. Mir es zwar ein wenig peinlich, dass Harry so offen über unsere Beziehung mit Mrs. Weasley gesprochen hatte, doch ihr Verhalten gegenüber Mine machte es das wert.

    Meine Nervosität hatte sich gegen Abend hin immer mehr zugespitzt; bald darauf saß ich in der Großen Halle beim abendlichen Festessen. Auch Ludo Bagman und Cornelius Fudge waren inzwischen eingetroffen und saßen am Lehrertisch. Bagman war offenbar in bester Stimmung, doch Fudge, der neben Madame Maxime saß, machte eine ernste Miene und sprach kein Wort. Madame Maxime schien seltsamerweise ganz gerötete Augen zu haben; sie starrte stumm auf ihren Teller. Von der anderen Seite des Tisches warf Hagrid ihr immer wieder einen Blick zu. Es gab mir mehrere Gänge als sonst, doch ich brachte kaum etwas hinunter. Als das Blau der verzauberten Hallendecke einem dunklen Purpur wich, erhob sich Dumbledore, und Stille senkte sich über die Halle.

    „Meine Damen und Herren, noch fünf Minuten, und ich werde Sie bitten, sich auf den Weg zum Quidditch-Feld zu begeben, zur dritten und letzten Aufgabe des Trimagischen Tuniers. Die Champions folgen bitte Mr. Bagman hinunter zum Stadion.“ Harry zögerte kaum merklich. Beruhigend legte ich ihm meine Hand auf die Schulter. „Du schaffst das“, wisperte ich. „Ich vertraue dir.“ Harry nickte. „Ich schaffe das...“, wiederholte er leise. Ich lächelte ihm aufmunternd zu, dann erhob sich Harry. Der ganze Gryffindor-Tisch klatschte tischauf und tischab Beifall. Viele wünschten ihm Glück, dann verließ er gemeinsam mit Cedric, Fleur und Krum die Große Halle.

    16
    42. Kapitel

    Zusammen mit Mine, Ron, Fred, George, Ginny und Bill setzte ich mich auf die Zuschauertribüne des Quidditch-Stadions; Mrs. Weasley hatten wir in der Eile verloren. Stumm betrachtete ich die hochgewachsenen Hecken des Irrgartens, durch die man fast nichts erkennen konnte. Ich wusste nur, dass sich dahinter allerlei gefährliche Dinge befanden. Die Luft war erfüllt vom aufgeregten Stimmengewirr unserer Mitschüler und von dem Getrappel Hunderter von Füßen. Der Himmel hatte ein tiefes, klares Blau angenommen und nun erschienen auch die ersten Sterne am Himmel. Hagrid, Professor Moody, Professor McGonagall und Professor Flitwick kamen ins Stadion und gingen auf Bagman und die Champions zu. Höchstwahrscheinlich würden sie um den Irrgarten herum als Wachen postieren, und würden den Champions helfen, falls diese in Schwierigkeiten geraten oder gerettet werden wollen würden. Die vier Lehrer trennten sich nun und gingen davon, um offenbar ihre Posten im Umkreis des Irrgartens einzunehmen. Bagman richteten den Zauberstab auf seine Kehle, führte den Sonorus-Zauber aus und sofort hallte seine magisch verstärkte Stimme durchs Stadion.

    „Meine Damen und Herren, gleich beginnt die dritte und letzte Runde des Trimagischen Tuniers! Zu Ihrer Erinnerung noch einmal der gegenwärtige Punktestand! Mit jeweils 85 Punkten zusammen auf dem ersten Platz - Mr. Cedric Diggory und Mr. Harry Potter beide von der Hogwarts-Schule!“ Jubelschreie und Applaus zogen sich durch die Reihen. „Auf dem zweiten Platz - Mr. Viktor Krum vom Durmstrang- Institut!“ Ebenfalls Applaus. „Und auf dem dritten Platz - Ms. Fleur Delacour von der Beauxbatons-Akademie!“ Höflich wurde erneut Applaus gespendet. „Nun...auf meinen Pfiff, Harry und Cedric!“, sagte Bagman. „Drei - zwei - eins -...“ Er blies kurz und kräftig in seine Trillerpfeife und Harry und Cedric liefen in den Irrgarten hinein.

    Wenig später durften auch Krum und Fleur in den Irrgarten, woraufhin die Spannung weiter anstieg. Wer würde wohl als erstes den Trimagischen Pokal finden? Eigentlich interessierte mich das nicht sonderlich, viel mehr hielt mich die Sorge um Harry hellwach. Ron und Mine wechselten einige besorgten Blicke, als sie sahen, wie ich starr auf meinem Platz saß und unverwandt auf das Labyrinth starrte, doch ich tat so, als würde ich es nicht bemerken. Alle unterhielten sich oder sahen gespannt auf den Irrgarten, in dem sich jedoch nichts rührte. Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden... Ich war mir sicher, dass entweder Cedric oder Harry doch schon längst den Pokal hätte finden müssen, denn Krum und Fleur waren aus dem Labyrinth geholt worden, nachdem aus ihren Zauberstäben offenbar rote Funken in den Himmel gestiegen waren. Ich wollte gerade die Augen schließen, und mich etwas zurücklehnen, als ich deutlich einen dumpfen Aufprall vor dem Labyrinth bemerkte. Hastig stürzte ich nach vorne an die Brüstung. Dort lagen Harry und Cedric; Cedric lag unten und schien sich nicht zu rühren. Harry hingegen umklammerte Cedrics Arm und mit der anderen Hand den Trimagischen Pokal- Harry hatte nicht nur überlebt, sondern auch gewonnen. Jubel brandete auf, doch etwas hielt mich davon ab, mit einzustimmen. Ich sah genauer hin. Harry schien zu weinen, und zwar nicht nur ein wenig, sondern vollkommen ausgelassen. Und langsam schlich sich eine schreckliche Vorahnung in meine Gedanken. Cedric bewegte sich noch immer nicht... die Wahrheit traf mich wie einen Stromstoß. Cedric war tot.

    Ohne darauf zu achten, wen ich alles anrempelte und mit zu Boden riss, drängte ich mich durch die Massen und stürzte fast die Treppe zum Spielfeld hinunter, bis ich endlich bei Harry ankam. Vor diesem stand bereits Dumbledore. Ich rannte weiter auf ihn zu, als ich Harrys leise Worte hörte: „Er ist zurück. Er ist zurück. Voldemort.“ „Was sagst du da? Was ist geschehen?“, mischte sich nun Fudge ein, der entsetzt zu Harry sah. Er war weiß und ganz starr vor Entsetzen. „Mein Gott - Diggory!“, flüsterte er. „Dumbledore - er ist tot!“ Jemand wiederholte die Worte, die Schüler, die auf uns zudrängten, keuchten sie den Umstehenden zu... anderen schrien schließlich - kreischten - die Worte in die Nacht hinaus. „Er ist tot! Er ist tot! Cedric Diggory! Tot!“

    Fudge und Dumbledore redeten beide auf Harry ein, er solle Cedrics toten Körper loslassen, doch er schüttelte nur den Kopf. „Er wollte, dass ich ihn zurückbringe“, murmelte Harry. „Er hat mich gebeten, ihn zu seinen Eltern zurückzubringen...“ Endlich war ich bei ihm angekommen und ging vor ihm in die Knie. „Harry“, flüsterte ich, während meine Stimme irgendwie gebrochen wirkte, „Harry, ich bin hier! Hörst du, ich bin da!“ Harry nickte leicht und ließ zu meiner Überraschung Cedrics Leiche los. Langsam zog ich ihn nach oben. Harry wankte. „Voldemort, er ist...“ „Ich weiß.“, entgegnete ich. „Nein!“, keuchte er. „Er...er weiß von dir!“ Erschrocken sah ich ihn an. „Er-...“ Ich wurde von Fudge unterbrochen, der nun versuchte, die entsetzte Menge zu beruhigen. „Er muss in den Krankenflügel!“, verkündete er. „Er ist krank, er ist verletzt - Dumbledore, Diggorys Eltern, sie sind hier, sie sind auf der Tribüne...“ „Ich nehme Harry mit, Dumbledore, ich nehm ihn schon-...“, krächzte Moody. „Nein, es wäre besser-...“ „Dumbledore, dort läuft Amos Diggory...er kommt hier rüber... meinen Sie nicht, Sie sollten es ihm sagen... bevor er ihn sieht-?“ „Harry, bleib hier-...“, meinte Dumbledore. Harry erwiderte nichts; er wirkte einfach nur unglaublich geschockt. „Ist schon gut, Junge, ich bin bei dir... komm mit... Krankenflügel...“ „Nein, Dumbledore hat gesagt, ich soll bleiben“, nuschelte Harry, doch Moody zog und trug ihn halb durch die Menge, vermutlich in den Krankenflügel. Nun musste ich mich aber erst einmal mit Professor McGonagall und Dumbledore unterhalten...

    Fudge verkündete gerade irgendetwas, doch ich achtete gar nicht darauf, sondern suchte nach Professor McGonagall, die ich neben Dumbledore entdeckte. „Professor McGonagall“, rief ich und rannte auf die beiden zu. Die Lehrerin drehte sich überrascht um. „Was tun Sie hier, Ms. Rosier?“ Ich senkte die Stimme und erzählte ihr leise, was Harry über Voldemort gesagt hatte, auch darüber, dass er über meine Kräfte wüsste. Professor McGonagalls Augen wurden groß, dann erklärte sie hastig Professor Dumbledore, was geschehen war. „Wem hast du es erzählt?“, fragte dieser schließlich mit unheimlich besorgtem Gesicht. „Nur Harry, Ron, Hermine und Hagrid.“ Draco ließ ich lieber außen vor. „Außer...“, meine Augen weiteten sich plötzlich vor Schreck. Auch Dumbledore schien zu begreifen, ich musste kein einziges Wort sagen, denn er sagte: „Wenn er es war, dann schwebt Harry gerade in Lebensgefahr!“ Ich nickte beunruhigt. Professor McGonagall verstand kein einziges Wort. „Holen Sie bitte Severus, Minerva, und kommen Sie umgehend zu Professor Moodys Büro!“ Sie nickte verwirrt und verschwand in der Menge. „Ich komme mit!“, vekündete ich und rannte los, Dumbledore auf den Fersen. Während ich rannte, zog ich hastig meinen Zauberstab hervor und umklammerte ihn mit meiner rechten Hand. Kurz bevor wir Moodys Büro erreicht hatten, stießen auch Professor McGonagall und Snape zu uns. Dieser schien ein wenig verwundert über die Tatsache, dass ich auch hier war, doch er hatte gar keine Zeit zu fragen, denn im nächsten Moment sprengte Dumbledore die Tür.

    „Stupor!“, hörte ich Dumbledore rufen, dann ging Moody zu Boden. Die Tür war unter lautem Splittern und Krachen auseinandergerissen worden. In diesem Moment verstand ich wirklich zum ersten Mal, warum es hieß, Dumbledore sei der einzige Zauberer, den Voldemort je gefürchtet hatte. Der Ausdruck auf Dumbledores Gesicht, als er auf den bewusstlosen Mad-Eye Moody hinabblickte, war schrecklicher, als ich ihn mir je hätte vorstellen können. In jeder Furche seines alten Gesichts stand die kalte Wut geschrieben; die Macht, die von Dumbledore ausging, war körperlich zu spüren, als würde er sengende Hitze ausstrahlen. Er trat ins Büro, schob einen Fuß unter den wie leblos daliegenden Moody und stieß ihn auf den Rücken, so dass man sein Gesicht sehen konnte. Snape folgte ihm. Bevor Professor McGonagall den Raum betreten konnte, schob ich mich an ihr vorbei und fiel Harry um den Hals. „Ich hatte schreckliche Angst um dich“, flüsterte ich, und in dem Moment, als ich es aussprach, wusste ich, dass es die Wahrheit war. „Es war er“, zischte ich leise, löste mich von Harry und starrte auf die Gestalt Moodys am Boden. „Er hat Voldemort von mir erzählt; du erinnerst dich doch noch an den Tag, als ich zu Professor Dumbledore wegen meines Muttermals wollte? Er hat unser Gespräch belauscht und sich höchstwahrscheinlich so einiges zusammengereimt... Wir haben ihn sogar erwischt, aber Professor Dumbledore meinte, dass Moody nie irgendjemandem davon erzählen würde...“

    „Moody“, flüsterte Harry ungläubig, „Wie kann es denn Moody gewesen sein?“ „Dies ist nicht Alastor Moody“, sagte Dumbledore leise. „Ihr habt Alastor Moody nie kennen gelernt. Der wahre Moody hätte dich nie aus meiner Nähe verschleppt, nach allem, was heute Abend geschehen ist. In dem Moment, da er dich mitnahm, ging mir ein Licht auf - und ich bin ihm gefolgt.“ Dumbledore beugte sich über den falschen Moody und shcob die Hand in seinen Umhang. Er zog Moodys Flachmann und einen Schlüsselbund hervor. Dann wandte er sich an Professor McGonagall und Snape. „Severus, bitte besorgen Sie mir das stärkste Wahrheitselixier, das Sie haben, und dann gehen Si ehinunter in die Küche und bringen eine Hauselfe namens Winky hier hoch. Minerva, seien Sie so freundlich und gehen Sie hinunter zu Hagrids Haus, wo Sie einen großen schwarzen Hund im Kürbisbeet sitzen sehen werden. Bringen Sie den Hund hoch in mein Büro, sagen Sie ihm, ich werde in Kürze bei ihm sein, und dann kommen Sie zurück.“ Snape und McGonagall mochten diese Anweisungen merkwürdig finden, sie verbargen ihre Verwunderung jedoch recht gut. Sie wandten sich unverzüglich um und verließen das Büro. Dumbledore ging hingegen zu dem großen Koffer mit sieben Schlössern, steckte den ersten Schlüssel in eines der Schlüssellöcher und öffnete den Deckel. Der Koffer enthielt einen Haufen Zauberbücher. Dumbledore schloss den Deckel, steckte den zweiten Schlüssel ins zweite Schloss und öffnete den Koffer erneut. Die Zauberbücher waren verschwunden; diesmal kamen eine Reihe kaputter Spickoskope zumVorschein, ein paar Pergamentblätter und Federkiele und - zu Harrys und meiner Überraschung - ein silbrig schimmernder Tarnumhang. Wir sahen verdutzt zu, wie Dumbledore den dritten, vierten, fünften und sechsten Schlüssel in die dazugehörigen Schlösser steckte, den Koffer jedes Mal erneut öffnete und immer etwas anderes zum Vorschein brachte. Dann steckte er den siebten Schlüssel ins Schloss, schlug den Deckel auf, und mir entfuhr ein lauter Schrei der Verblüffung.

    Wir sahen hinunter in eine Art Grube, einen unterirdischen Raum, und dort, drei Meter tief unten, offenbar tief schlafend, dünn und ausgemergelt, lag der wahre Mad-Eye Moody. Sein Holzbein war versschwunden, die Augenhöhle, in der sich das magische Auge hätte befinden müssen, wirkte leer unter dem eingefallenen Lid und ganze Büschel seines grauweißen Haars fehlten. Halb gelähmt vor Schreck musterte ich abwechselnd den schlafendne Moody im Koffer und den ohnmächtigen Moody auf dem Fußboden. Dumbledore kletterte in den Koffer, ließ sich in die Grube hinabfallen und landete leichtfüßig auf dem Boden neben dem schlafenden Moody. Er beugte sich über ihn. „Unter Schockzauber - und in der Gewalt des Imperius-Fluchs - sehr schwach“, sagte er. „Natürlich musste er ihn am Leben halten. Werft mir den Mantel dieses Doppelgängers herunter, Alastor fühlt sich eiskalt an. Madam Pomfrey wird sich um ihn kümmern müssen, aber er scheint nicht unmittelbar in Gefahr zu sein.“ Wir reichten ihm den Mantel; Dumbledore deckte Moody damit zu, und kletterte aus dem Koffer. Dann griff er nach dem Flachmann, schraubte den Deckel auf und kippte die Flasche um. Eine dicke, klebrige Flüssigkeit ergoss sich auf den Fußboden. „Vielsaft-Trank, Harry“, sagte Dumbledore. „Ihr seht, wie einfach es war, und zugleich genial. Denn Moody trinkt tatsächlich immer nur aus seinem Flachmann, dafür ist er bekannt. Der Doppelgänger musste den echten Moody natürlich in der Nähe behalten, damit er den Trank nachbrauen konnte. Du siehst ja sein Haar...“ Dumbledore blickte hinunter auf den Moody im Koffer. „Der Doppelgänger hat das ganze Jahr über immer wieder etwas davon abgeschnitten, du siehst, wo die Büschel fehlen. Aber ich würde bermuten, bei all der Aufregung heute Abend hat unser falscher Moody womöglich vergessen, den Trank so regelmäßig wie nötig zu schlucken... stündlich... und zur vollen Stunde... wir werden sehen.“

    Dumbledore zog den Stuhl unter dem Schreibtisch hervor und setzte sich, die Augen auf den bewusstlosen Moody auf dem Boden gerichtet. Auch Harry und ich starrte ihn an. Minutenlang sprachen sie kein Wort...
    Dann begann sich das Gesicht des Mannes auf dem Boden vor unserenAugen zu verändern. DieNarben verschwanden, die Haut glättete sich; die verstümmelte Nase heilte aus und begann zu schrumpfen. Die lange Mähne weißgrauen Haares zog sich in die Kopfhaut zurück und nahm die Farbe von Stroh an. Plötzlich und mit einem lauten „Klonk“ fiel das Holzbein vom Körper ab und an seiner Stelle wuchs ein normales Bein unter dem Umhang hervor; und schon war auch der magische Augapfel aus dem Gesicht des Mannes gehüpft und ein echtes Auge war an seine Stelle getreten; das magische Auge kullerte wild kreiselnd über den Fußboden davon. Ich sah einen Mann vor mir liegen, mit bleicher Haut, einigen Sommersprossen und einem hellen Haarschopf. Harry schien ihn zu erkennen, doch ich hatte keine Ahnung, um wen es sich handelte. Draußen auf dem Korridor ertönten hastige Schritte. Snape kam zurück, mit Winky auf den Fersen. Professor McGonagall folgte ihnen einen Augenblick später. „Crouch!“, sagte Snape und blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. „Barty Crouch!“

    „Du meine Güte“, meinte Professor McGonagall, und auch sie erstarrte und sah hinunter zu dem Mann auf dem Fußboden. Winky, die schmutzig und zerzaust wirkte, lugte hinter Snapes Beinen hervor. Ihr Mund öffnete sich weit und sie stieß einen spitzen Schrei aus. „Meister Barty, Meister Barty, was machen Sie denn hier?“ Sie stürzte vor und warf sich auf die Brust des jungen Mannes. „Ihr habt ihn totgemacht! Ihr habt ihn totgemacht. Ihr habt den Sohn vom Meister totgemacht!“ „Er ist nur geschockt, Winky“, erklärte Dumbledore. „Bitte tritt zur Seite. Severus, haben Sie das Elixier?“ Snape reichte Dumbledore ein Glasfläschen mit einer vollkommen klaren Flüssigkeit: Veritaserum. Dumbledore stand auf, beugte sich über den Mann auf dem Boden, schleifte ihn hinüber zur Wand und lehnte ihn mit dem Rücken aufrecht an die Mauer. Winky blieb zitternd, das Gesicht in den Händen, auf ihren Knien sitzen. Dumbledore zwängte den Mund des Mannes auf und träufelte ihm drei Tropfen ein. Dann richtete er den Zauberstab auf die Brust des Mannes und sagte: „Rennervate.“

    17
    43. Kapitel

    Crouchs Sohn öffnete die Augen. Sein Gesicht war schlaff und seine Augen leer. Dumbledore kniete sich vor ihm nieder, so dass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. „Können Sie mich hören?“, fragte Dumbledore ruhig. Die Lider des Mannes zuckten. „Ja“, murmelte er. „Ich möchte, dass Sie uns erzählen, wie Sie herhiergekommen sind“, forderte Dumbledore leise. „Wie sind Sie aus Askaban entkommen?“ Crouch holte tief und bebend Luft, dann begann er mit matter und ausdrucksloser Stimme zu sprechen. „Meine Mutter hat mich gerettet. Sie wusste, dass sie totkrank war. Sie hat meinen Vater überredet, ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen und mich zu retten. Er liebte sie, wie er mich nie geliebt hatte. Er willigte ein. Si ekamen mich besuchen. Sie gaben mir einen Schluck Vielsaft-Trank, der ein Haar meiner Mutter enthielt. Sie nahm einen Schluck Vielsaft-Trank mit einem Haar von mir. Und so nahmen wir die Gestalt des jeweils anderen anderen.“ Die zitternde Winky schüttelte den Kopf. „Reden Sie nicht weiter, Meister Barty, reden Sie nicht weiter, Sie machen Ihrem Vater noch Ärger!“ Doch Crouch fuhr ungerührt fort: „Die Dementoren sind blind. Sie spürten, wie ein gesunder und ein sterbender Mensch in die Mauern von Askaban kamen. Und sie spürten, dass ein gesunder und ein sterbender Mensch Askaban wieder verließen. Mein Vater schmuggelte mich hinaus, ich hatte die Gestalt meiner Mutter angenommen für den Fall, dass uns ein Gefangener durch die Gitter seiner Zellentür beobachtete. Meine Mutter starb kruz danach in Askaban. Sie achtete sorgfältig darauf, bi szum Ende regelmäßig den Vielsaft-Trank einzunehmen. Sie wurde unter meinem Namen und in meiner Gestalt begraben. Alle glaubten, sie sei ich.“ Die Lider des Mannes zuckten. „Und was tat Ihr Vater mit Ihnen, als er Sie bei sich zu Hause hatte?“, fragte Dumbledore weiter. „Er tat so, als wäre meine Mutter gestorben. Ein stilles Begräbnis im kleinsten Kreis. Das Grab ist leer. Die Hauselfe hatte mich wieder aufgepäppelt. Dann musste mein Vater mich verstecken. Er musste mich überwachen. Er musste mich mit einigen Flüchen belegen, um mich gefügig zu machen. Als ich meine Kräfte wiedergewonnen hatte, dachte ich nur noch daran, meinen Herrn zu suchen...und wieder in seine Dienste zu treten.“ „Wie hat Ihr Vater Sie gefügig gemacht?“ „Mit dem Imperius-Fluch. Ich stand unter der Herrschaft meines Vaters. Er zwang mich, Tag und Nacht einen Tarnumhang zu tragen. Ich war immer mit der Hauselfe zusammen. Sie war meine Wärterin und meine Pflegerin. Sie hatte Mitleid mit mir. Sie überredete meinen Vater, mir hin und wieder etwas Gutes zu tun. Als Belohnung für mein gutes Betragen.“ „Meister Barty, Meister Barty“, schluchzte Winky durch ihre Hände. „Sie dürfen es denen nie nicht sagen, wir kriegen Ärger...“ „Hat irgendjemand einmal entdeckt, dass Sie noch am Leben waren?“, fragte Dumbledore. „Wusste es jemand, außer Ihrem Vater und der Hauselfe?“ „Ja“, sagte crouch und wieder zuckten seine Augenlider. „Eine Hexe im Büro meines Vaters. Bertha Jorkins. Sie kam eines Tages mit Papieren zu uns, die mein Vater unterschreiben sollte. Er war nicht zu Hause. Winky ließ sie eintreten und kam dann zu mir in die Küche zurück. Aber Bertha Jorkins hörte, dass Winky mit mir redete. Sie war gekommen, um nachzuforschen. Sie hatte genug, um zu erraten, wer sich unter dem Tarnumhang verbarg. Dann kam mein Vater heim. Sie sagte ihm freimütig, was sie entdeckt hatte. Er belegte sie mit einem sehr starken Gedächtniszauber, damit sie es vergaß. Der Zauber war zu stark. Mein Vater glaubte, er habe ihr Gedächtnis auf Dauer geschädigt.“ „Warum kommt sie auch und schnüffelt bei meinem Meister rum?“, schluchzte Winky. „Warum lässt sie uns nicht in Ruhe?“ „Erzählen Sie mir, was sich bei der Quidditch-Weltmeisterschaft abgespielt hat“, verlangte Dumbledore. „Winky hat meinen Vater dazu überredet“, sagte Crouch, weiterhin mit gleichgültiger Stimme. „Dazu hatte sie Monate gebraucht. Ich hatte das Haus jahrelang nicht verlassen. Quidditch hatte ich immer geliebt. Winky überredete meinen Vater schließlich, indem sie sagte, meine Mutter hätte es so gewollt. Meine Mutter sei gestorben, um mir die Freiheit zu schenken. Sie hätte sie mich nicht gerettet, damit ich für den Rest meines Lebens eingesperrt bleiben müsste. Schließlich sagte er ja.
    Alles war sorgfältig geplant. Meine Vater führte mich und Winky schon früh am Morgen nach oben in die Ehrenloge. Winky sollte sagen, sie würde einen Platz für meinen Vater besetzen. Ich sollte neben ihr sitzen, unsichtbar. Wir sollten warten, bis alle fort waren, und dann das Stadion verlassen. Keiner würde es je erfahren.
    Aber Winky wusste nicht, dass ich allmählich stärker wurde. Ich begann gegen den Imperius-Fluch meines Vaters anzukämpfen. Es gab Zeiten, in denen ich fast wieder der Alte war. Manchmal spürte ich, dass ich mich seiner Herrschaft vollkommen entzogen hatte. Und so war es auch dort, in der Ehrenloge. Es war, als würde ich aus einem tiefen Schlaf erwachen. Ich fand mich draußen in der Öffentlichkeit, es war mitten im Spiel, und ich sah einen Zauberstab aus der Tasche eines Jungen vor mir ragen. Seit der Zeit vor Askaban hatte ich keinen Zauberstab mehr in die Hand nehmen dürfen. Ich stahl ihn. Winky hat es nicht mitbekommen. Winky hat Höhenangst. Sie hat ihr Gesicht verborgen.“ „Meister Barty, böser Junge!“, wisperte Winky und Tränen sickerten durch ihre Finger. „Sie haben also den Zauberstab genommen“, sagte Dumbledore, „und was haben Sie damit gemacht?“ „Wir gingen zurück in unser Zelt. Dann hörten wir sie. Wir hörten die Todesser. Jene, die nie in Askaban saßen. Jene, die nie für meinen Herrn gelitten haben. Sie hatten sich von ihm abgewandt. Sie waren nicht versklavt, wie ich es war. Sie waren frei, ihn zu suchen, doch sie taten es nicht. Sie trieben nur ihre Späße mit den Muggeln. Ihr Geschrei weckt emich. Mein Kopf war seit Jahren nicht mehr so klar gewesen. Ich war zornig. Ich hatte den Zauberstab. Ich wollte sie angreifen, weil sie meinem Herrn untreu waren. Mein Vater war aus dem Zelt gegangen, um die Muggel zu befreien. Winky bekam Angst, als sie mich so zornig sah. Sie benutzte ihre eigene Art von Zauber, um mich an sie zu fesseln. Sie zog mich aus dem Zelt, hinein in den Wald, weg von den Todessern. Ich versuchte sie aufzuhalten. Ich wollte zurück zum Zeltplatz. Ich wollte diesen Todessern zeigen, was Treue zum Dunklen Lord bedeutet, und sie für ihre Treulosigkeit bestrafen. Ich nahm den gestohlenen Zauberstab und brannte das Dunkle Mal an den Himmel.
    Dann kamen die Ministeriumszauberer. Sie schossen durch den Wald. Einer der Schockzauber kam durch die Bäume geflogen, unter denen Winky und ich standen. Das Band, das uns verknüpfte, zerriss. Wir beide wurden geschockt. Als sie Winky entdeckt hatten, wusste mein Vater, dass ich in der Nähe sein musste. Er durchstöberte das Gebüsch, in dem man Winky gefunden hatte, und ertastete mich, wie ich dort lag. Er wartete, bis die anderen Ministeriumsleute den Wald verlassen hatten. Dann belegte er mich erneut mit dem Imperius-Fluch und nahm mich mit nach Hause. Er verstieß Winky. Sie hatte ihn enttäuscht. Sie hatte es zugelassen, dass ich mir einen Zauberstab verschaffte. Sie hatte mich beinahe entkommen lassen.“

    Winky stieß einen verzweifelten Klageschrei aus. „Nun waren nur noch Vater und ich da, allein in unserem Haus. Und dann... und dann...“ Crouch wiegte seinen Kopf hin und her und das Grinsen eines Irren breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Dann kam mein Meister, um mich zu holen. Er kam eines Nachts, sehr spät, in unser Haus, in den Armen seines Dieners Wurmschwanz. Mein Meister hatte herausgefunden, dass ich noch am Leben war. Er hatte Bertha Jorkins in Albanien entführt. Er hatte sie gefoltert. Sie berichtete ihm eine Menge. Sie erzählt ihm vom Trimagischen Tunier. Sie sagte ihm, der alte Auror Moody werde bald in Hogwarts unterrichten. Er folterte sie, bis er durch den Gedächtniszauber brach, mit dem mein Vater sie belegt hatte. Sie sagte ihm, ich sei aus Askaban entkommen. Mein Vater halte mich gefangen, damit ich mich nicht auf die Suche nach meinem Herrn machen könne. Und so erfuhr mein Herr, dass ich immer noch sein treuer Diener war - vielleicht der treueste von allen. Mein Herr entwarf einen Plan, der auf dem Wissen beruhte, das er Bertha abgepresst hatte. Er brauchte mich. Er kam gegen Mitternacht zu unserem Haus. Mein Vater öffnete die Tür.“ Das Lächeln auf Crouchs Gesicht wurde noch breiter, als würde er sich an den schönten Moment seines Lebens erinnern. Winkys angsterfüllte braune Augen lugten zwischen ihren Fingern hindurch. Sie schien zu entsetzt, um sprechen zu können. „Es ging sehr schnell. Mein Herr unterwarf meinen Vater mit dem Imperius-Fluch. Nun war es mein Vater, der gefangen war und gehorchen musste. Mein herr zwang ihn, wie üblich seiner Arbeit nachzugehen, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Und ich wurde befreit. Ich erwachte. Ich war wieder ich selbst, ich lebte, wie ich seit Jahren nicht mehr gelebt hatte.“ „Und was hat Lord Voldemort von ihnen verlangt?“ „Er fragte mich, ob ich bereit sei, alles für ihn aufs Spiel zu setzen. Ich war bereit. Es war mein Traum, mein höchstes Ziel, ihm zu dienen, mich ihm zu beweisen. Er sagte, er müsse einen treuen Diener nach Hogwarts einschleusen. Einen Diener, der Harry Potter ganz unauffällig durch das Trimagische Tunier geleiten sollte. Einen Diener, der Harry Potter bewachen sollte. Der dafür sorgen müsse, dass er den Trimagischen Pokal erreicht. Der den Pokal in einen Portschlüssel verwandelt, welcher den Ersten, der ihn berührt, zu meinem Herrn bringen würde. Doch zuerst-...“ „Brauchten Sie Alastor Moody“, unterbrach ihn Dumbledore. In seinen blauen Augen loderte es, doch seine Stimme bleib ruhig.

    „Das waren Wurmschwanz und ich. Wir hatten den Vielsaft-Trank schon vorbereitet. Wir reisten zu seinem Haus. Moody wehrte sich mit Zähnen und Klauen. Es gab ein Durcheinander. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, ihn zu bändigen. Wir zwängten ihn in ein Fach seines eigenen magischen Koffers. Nahmen ein paar von seinen haaren und fügten sie dem Gebräu hinzu. Ich trank davon und wurde Moodys Doppelgänger. Ich nahm ihm das Bein und das Auge. Ich war bereit, Arthur Weasley entgegenzutreten, als er kam, um das Gedächtnis der Muggel zu bearbeiten, die Lärm gehört hatten. Ich ließ die Mülleimer im ganzen Hof herumrollen. Ich sagte Arthur Weasley, ich hätte Eindringlinge auf meinem Hof gehört, und ihretwegen seien auch die Mülleimer losgegangen. Dann packte ich Moodys Kleider und Antiobskuranten zusammen, legte sie zu Moody in den koffer und machte mich auf den Weg nach Hogwarts. Ich hielt ihn am Leben, dem Imperius-Fluch unterworfen. Ich wollte ihn noch ausfragen können. Wollte von seiner Vergangenheit erfahren, seine Gewohnheiten erlernen, dmait ich sogar Dumbledore täuschen konnte. Ich brauchte auch sein Haar, um den Vielsaft-Trank zu brauen. Die anderen Zutaten waren einfach zu beschaffen. Die Baumschlangenhaut stahl ich aus dem Kerker. Als der Lehrer für Zaubertränke mich in seinem Büro ertappte, sagte ich, ich hätte Anweisung, es zu durchsuchen.“ „Und was wurde aus Wurmschwanz, nachdem Sie Moody angegriffen hatten?“, fragte Dumbledore. „Wurmschwanz kehrte ins Haus meines Vaters zurück, um für meinen Herrn zu sorgen und meinen Vater zu bewachen.“ „Aber Ihr Vater ist entkommen.“ „Ja. nach einer Weile begann er gegen den Imperius-Fluch anzukämpfen, genau wie ich es getan hatte. Es gab Zeiten, in denen er wusste, was vor sich ging. Mein Herr befand, es wäre nicht mehr sicher, wenn mein Vater das Haus verließe. Stattdessen zwang er ihn, Briefe an das Ministerium zu schreiben. Er gebot ihm zu schreiben, er sei krank. Aber Wurmschwanz vernachlässigte seine Pflichten. Er war nicht wachsam genug. Mein Vater entkam. Mein Herr vermutete, dass er sich nach Hogwarts durchschlagen würde. Mein Vater würde Dumbledore alles sagen, ihm alles gestehen. Er würde zugeben, dass er mich aus Askaban herausgeschmuggelt hatte. Mein Herr benachrichtigte mich von der Flucht meines Vaters. Er wies mich an, ihn um jeden Preis aufzuhalten. So wartete ich und hielt Ausschau. Ich benutzte die Karte, die ich Harry Potter abgenommen hatte. Die Karte, die fast alles ruiniert hätte.“

    „Karte?“, warf Dumbledore ein. „Welche Karte denn?“ „Potters Karte von Hogwarts. Potter hatt emich darauf gesehen. Er sah mich, als ich eines Nachts weitere Zutaten aus Snapes Büro stahl. Er dachte, ich wäre mein Vater, da wir denselben Vornamen tragen. Noch in derselben Nacht nahm ich Potter die Karte ab. Ich sagte ihm, mein Vater hasse schwarze Magier. Potter glaubte, mein Vater sei hinter Snape her. Eine Woche lang wartete ich darauf, dass mein Vater in Hogwarts ankam. Endlich, eines Abends, zeigt emir die Karte, dass der das Gelände betreten hatte. Ich warf mir den Tarnumhang über und igng hinunter, um ihn zu stellen. Er lief am Waldrand entlang. Dann kamen Potter und Krum. Ich wartete. Ich konnte Potter nichts antun, mein Herr brauchte ihn. Potter rannte davon, um Dumbledore zu holen. Ich schockte Krum. Ich tötete meinen Vater.“ „Neeiiiiin!“, jammerte Winky. „Meister Barty, Meister Barty, was sagen Sie da?“ „Sie töteten Ihren Vater“, wiederholte Dumbledore immer noch mit ruhiger Stimme. „Was haben Sie mit der Leiche getan?“ „Ich trug sie in den Wald.Bedeckte sie mit dem Tarnumhang. Ich hatte die Karte bei mir. Ich verfolgte, wie Potter ins Schloss rannte. Er traf auf Snape. Dumbledore kam hinzu. Ich sah, dass Potter Dumbledore aus dem Schloss mitbrachte. Ich verließ den Wald, schlug einen Bogen und ließ sie vorbeigehen, dann kam ich hinzu. Ich sagte Dumbledore, Snape hätte mir gesagt, wohin ich gehen solle.
    Dumbledore gab mir den Auftrag, nach meinem Vater zu suchen. Ich ging zurück zur Leiche meines Vaters. Beobachtete die Karte. Als alle fort waren, verwandelte ich die Leiche meines Vaters. Er wurde ein Knochen... ich zog den Tarnumhang über und begrub den Knochen in der frisch umgegrabenen Erde vor Hagrids Hütte.“ Winky schluchzte erschüttert. Dumbledore fragte jedoch: „Was erzählten Sie Ihrem Herrn über Olivia Rosier?“

    Ich schluckte schwer, als Crouch weiterredete: „Peeves hatte mein Büro verwüstet, weshalb ich zu Dumbledores Büro ging. Ich wollte klopfen, als ich ihn mit einer Person sprechen hörte. Einem Mädchen. Ich hörte zu und schloss daraus, dass sie besondere Kräfte hat. Ich habe Dumbledore über Peeves informiert und mir den Namen des Mädchens eingeprägt. Ich wollte später meinem Herrn darüber berichten. Mein Herr erzählte mir, dass Olivia Rosier die Gabe einer magischen Stimme beherrschen würde und er sie bereits zu suchen begonnen hatte, da ihre Kräfte ihm sehr nützlich wären. Er befahl mir, sie im Auge zu behalten. Ich sollte ihn über alles Unauffällige informieren. Ich berichtete ihm, dass Olivia Rosier und Harry Potter zusammen seien.“ Harry und ich wechselten einen erschrockenen Blick. Dumbledore jedoch nickte nur. „Und heute Abend...“ „Vor dem Abendessen erbot ich mich, den Trimagischen Pokal in den Irrgarten zu tragen“, wisperte Barty Crouch. „Verwandelte ihn in einen Portschlüssel. Der Plan meines Meisters gelang. Er ist wieder an die Macht gekommen, und er wird mich ehren, wie es ein Zauberer nie zu träumen wagte.“
    Das irrsinnige Lächeln erhellt enoch einmal sein Gesicht, dann sank Winky unter ständigem Schluchzen und Wehklagen zu Boden.

    18
    44. Kapitel

    Dumbledore stand auf. Einen Moment lang sah er mit angewidertem Gesicht auf Barty Crouch hinunter. Dann hob er den Zauberstab. Seile flogen aus der Spitze des Stabs hervor, schlangen sich um Barty Crouch und fesselten ihn straff. Er wandte sich an Professor McGonagall. „Minerva, würden Sie bitte Olivia in den Krankenflügel bringen und anschließend Barty Crouch bewachen, während ich Harry nach oben bringe?“ „Natürlich“, sagte Professor McGonagall. Er schien ein wenig übel zu sein, als hätte sie gerade gesehen, wie sich jemand erbrach. Mit sanfter Gewalt führte mich Professor McGonagall aus dem Raum; ich warf Harry noch einen kurzen Blick zu, bevor ich Professor McGonagall folgte. Die Gänge des Schlosses wirkten seltsam verlassen und trostlos; „Professor McGonagall?“, fragte ich zögernd. „Ja, Olivia?“ „Was geschieht jetzt? Ich glaube Harry, dass Lord Voldemort zurückgekehrt ist.“ Professor McGonagalls Miene wurde ein wenig weich, festigte sich dann jedoch ruckartig wieder. „Du wirst es früh genug erfahren. Mach dir vorerst keine Sorgen. Wir lassen dich nicht alleine.“ Sie öffnete die Tür zum Krankenflügel und ich trat ein. Sofort richteten sich die Augen von Mrs. Weasley, Bill, Ron und Mine auf mich, während Madam Pomfrey bereits auf mich zugewuselt kam. Die Verwandlungslehrerin sprach kurz mit ihr, dann nickte sie zufrieden und verließ den Krankenflügel. Alle Anwesenden (ausgenommen Madam Pomfrey) bombardierten mich mit Fragen, doch ich konnte auf keine eine Antwort geben. Stumm legte ich mich in ein Bett, als Mine und Ron hinüber an mein Bett kamen. „Was ist passiert?“, fragte Mine. Ich sah die beiden an. „Er ist zurück. Voldemort. Und er weiß von mir.“

    Die Ankunft von Harry im Krankenflügel hatte ich vollkommen verschlafen. Ich musste alles, was vorgefallen war, erst einmal verarbeiten. Lord Voldemort wusste also von meiner Existenz. Er wusste von meinen Kräften, und was ich damit bewirken konnte. Und nun wollte er mich, um mich als Waffe einzusetzen. Als ob ich mir das gefallen lassen würde! Ich stand an einem Fenster des Krankenflügels und starrte über die Ländereien; heute Abend würde es ein Festmahl zu Ehren Cedrics geben. Sirius lag noch immer in Form eines Hundes neben Harrys Bett und betrachtete mich mit klugen Augen. Ich seufzte leise. Professor McGonagall war vorhin kurz hier gewesen und hatte erzählt, was geschehen war. Eigentlich hatten sie Barty Crouch Jr. zurück nach Askaban schicken wollen, doch ein Dementor, den Fudge mitgebracht hatte, war ihnen zuvorgekommen. Er hatte ihm einen Kuss gegeben; mit anderen Worten, er hatte ihm die Seele aus dem Körper gesaugt. Professor Dumbledore hatte mit Unterstützung Harrys Fudge die Situation erklärt. Dieser wollte jedoch nicht glauben, dass Voldemort zurück sei. Mehr noch, er war bockig und stur wie ein kleines Kind. Fudge hatte Dumbledore sogar beleidigt und bedroht, und gewarnt, dass das folgende Jahr einige Änderungen mit sich bringen würde... Doch jetzt zählte erst das Ende dieses Schuljahrs.

    „Liv?“, fragte Harry. Er war also aufgewacht und stand nun hinter mir. Ich sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe. Sein Haar war zerzaust, die grünen Augen müde und seine Brille saß schief auf seiner Nase. „Harry?“, erwiderte ich. „Wie geht’s dir?“ „Mit dir geht es mir besser.“ Ich drehte mich zu ihm um. „Du weißt, dass sich bald eine Menge Dinge ändern werden?“ „Ja“, sagte Harry und zog mich näher an sich heran. „Liv, wir werden es nicht verhindern können.“ „Ich weiß“, flüsterte ich und sah ihm in die Augen. „Aber wir können versuchen, ihn aufzuhalten.“ Ein leichtes Lächeln erschien auf seinen Lippen, welches meine Mundwinkel ebenfalls ein wenig anhob. „Das klingt mehr nach dir.“ „Es wird hart für uns werden, Harry.“ „Für uns alle.“ „Nein, insbesonders für uns. Voldemort weiß von uns und er wird das ausnutzen wollen.“ Harrys Finger fuhren über meine Wange und lösten einen leichten Schauder in mir aus. „Und trotzdem werde ich dich nicht so einfach aufgeben, Liv.“ „Ich dich aber genauso wenig, Harry.“ Eine Welle der Stille brach über uns herein, als wir unsere Lippen zu einem Kuss versiegelten. Wir lösten uns erst, als sich Sirius in seiner Animagus-Gestalt zwischen uns hindurchdrängte, und uns somit zwang, unseren Kuss zu unterbrechen. „Sirius, musstest du das gerade jetzt tun?“, fragte ich gespielt empört und sah den Hund an, der beinahe aussah, als würde er grinsen. „Genau, Sirius, eigentlich wollten wir jetzt zum nächsten Teil übergehen.“, meinte Harry ginsend. Der Hund legte den Kopf schief. „Keine Angst, das meint der Idiot nicht ernst.“ „Hey, wen nennst du hier einen Idioten?“ „Na, dich!“, meinte ich grinsend. „Warte nur, wenn ich dich erwische...“ Lachend rannte ich los und wurde von Harry gejagt, bis wir zusammen auf meinem Krankenbett landeten und Harry mich durchkitzelte. Es war fast ein Wunder, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, Harry vom Geschehenen abzulenken.

    Wir hörten erst auf, als Mrs. Weasley, Bill, Mine, Ron, und Professor Dumbledore in den Krankenflügel kamen. Ich wurde ein wenig rot, als ich die Blicke auf uns spürte. „Nun gut, wie geht es euch beiden?“ „Ganz gut“, murmelte Harry ein wenig peinlich berührt, woraufhin Ron ein feixendes „Das sieht man“ von sich gab. „Nun gut, ich dachte, wir machen uns sofort daran, alle zusammenzurufen.“, sagte Dumbledore, „Molly...ich glaube wohl zu Recht, dass ich auf Sie und Arthur zählen kann?“ „Natürlich können Sie das“, erwiderte Mrs. Weasley. Sie war noch immer kreidebleich, offenbar hatten sie alle draußen gewartet, bis Harry aufwachte. „Er weiß, was Fudge für einer ist. Weil Arthur so viel für die Muggel übrig hat, legen sie ihm in Ministerium seit Jahren schon Steine in den Weg. Fudge meint, es fehlt ihm an Zaubererstolz.“ „Dann muss ich Arthur eine Botschaft schicken“, meinte Dumbledore. „Alle, die wie wir von der Wahrheit überzeugt sind, müssen sofort benachrichtigt werden, und Arthur hat den richtigen Posten, um mit den Leuten im Ministerium Verbindung aufzunehmen, die nicht so kurzsichtig sind wie Cornelius.“ „Ich gehe zu Dad“, sagte Bill und stand auf. „Und zwar sofort.“ „Bestens. Sagen Sie, ich werde bald direkt mit ihm Kontakt aufnehmen. Er muss allerdings verschwiegen sein. Wenn Fudge denkt, ich würde mich im Ministerium einmischen-...“ „Überlassen Sie das mir“, rief Bill und war im nächsten Moment schon nicht mehr da. „Minerva, ich möchte, dass Hagrid so schnell wie möglich in meinem Büro erscheint. Und auch - sofern sie einverstanden ist - Madame Maxime.“ Professor McGonagall nickte und ging, ohne ein Wort zu verlieren, hinaus. Madam Pomfrey war inzwischen ebenfalls wieder verschwunden.

    „Und nun“, sagte er, „ist es an der Zeit, dass zwei der hier Anwesenden sich gegenseitig als das anerkennen, was sie sind. Sirius... bitte nimm deine gewöhnliche Gestalt an.“ Der große schwarze Hund sah zu Dumbledore auf, dann verwandelte er sich in Sekundenschnelle in einen ausgewachsenen Mann. Mrs. Weasley schrie auf und sprang vom Bett zurück. „Sirius Black!“, schrie sie und deutete mit dem Finger auf ihn. „Mum, beruhige dich!“, rief Ron. „Es ist alles in Ordnung!“ Snape hatte nicht geschrien und war auch nicht zurückgewichen, aber auf seinem Gesicht war eine Mischung aus Zorn und Entsetzen zu sehen. „Der!“, raunzte er und starrte Sirius an, dem nicht weniger Abscheu im Gesicht geschrieben stand. „Was tut der hier!“ „Er ist meiner Einladung gefolgt“, sagte Dumbledore und sah die beiden abwechselnd an, „wie auch Sie, Severus. Ich vertraue euch beiden. Es ist an der Zeit, dass ihr die alten Streitigkeiten begrabt und euch gegenseitig vertraut.“ Ich fand, dass Dumbledore fast ein Wunder verlangte. Sirius und Snape beäugten sich mit allergrößtem Abscheu. „Fürs Erste“, fuhr Dumbledore mit einer Spur Ungeduld in der Stimme fort, „gebe ich mich auch mit dem Verzicht auf offene Feindseligekeiten zufrieden. Ihr werdet euch jetzt die Hände reichen. Ihr seid auf derselben Seite. Die Zeit ist knapp, und wenn die wenigen von uns, die die Wahrheit kennen, nicht zusammenhalten, gibt es für einen von uns Hoffnung.“ Ganz langsam - doch noch immer mit bösen Blicken, als würden sie dem anderen das Schlimmste auf den Hals wünschen - bewegten Sirius und Snape die Hände aufeinander zu und überwanden sich zu einem Händedruck. Äußerst rasch ließen sie wieder los. „Das wird fürs Erste genügen“, sagte Dumbledore und trat erneut vor. „Nun habe ich Aufträge für euch beide. Fudges Haltung, wiewohl nicht unerwartet, ändert alles. Sirius, ich muss dich bitten, sofort abzureisen. Du musst Remus Lupin, Arabella Figg und Mundungus Fletcher alarmieren - die alten Kämpfer. Tauch eine Weile bei Lupin unter, ich werde dort Verbindung mit dir aufnehmen.“ „Aber-...“, wollte Harry einwerfen, doch Sirius meinte: „Wir werden uns sehr bald wiedersehen. Das versprech ich dir. Aber ich muss tun, was in meinen Kräften steht, das verstehst du doch?“ „Ja“, erwiderte Harry, „Ja... natürlich.“ Sirius nahm kurz seine Hand, nickte Dumbledore zu, verwandelte sich wieder in den schwarzen Hund und rannte durch den Saal zur Tür, deren Klinke er mit der Pfote hinunterdrückte. Dann war er verschwunden. „Severus“, fuhr Dumbledore an Snape gewandt fort. „Sie wissen, was ich von Ihnen verlangen muss. Wenn sie willens sind... wenn sie bereit sind...“ „Das bin ich“, erwiderte Snape. Er sah ein wenig bleicher aus als sonst und seine schwarzen Augen blitzten eigenartig. „Viel Glück“, sagte Dumbledore. Mit einem Anflug von Besorgnis sah er Snape nach, der ohne ein weiteres Wort durch die Tür verschwand. Es vergingen noch einige Minuten, bis Dumbledore wieder sprach. „Ich muss nach unten“, meinte er schließlich, „Ich muss mit den Diggorys reden. Harry - hier ist dein Preisgeld.“ Er ließ einen großen Lederbeutel voller Galleonen auf Harrys Nachttisch fallen und war im nächsten Moment verschwunden.

    „Ich will dieses Gold nicht“, sagte Harry mit ausdrucksloser Stimme. „Nehmen Sie es, Mrs. Weasley. Oder irgendwer. Ich hätte es nicht gewinnen dürfen. Es stand eigentlich Cedric zu.“ Eine eizelne Träne rollte über seine Wange. „Harry, es war nicht deine Schuld“, flüsterte ich tröstend und zog ihn in eine tiefe Umarmung. „Ich hab ihm gesagt, dass wir den Pokal zusammen nehmen sollten“, meinte Harry. Ich erwiderte nichts, sondern drückte ihn ihn einfach nur fest; Harry umklammerte mich, als wäre er ein Ertrinkender und ich sein Rettungsring. „Du solltest deinen Schlaftrank nehmen, Harry“, sagte Mrs. Weasley und schob ihm einen Kelch zu, in dem ein wenig Flüssigkeit war. Harry nahm einen Zug; seine Augen schlossen sich langsam, dann fiel er zurück in die Kissen und schlief ein.

    Am nächsten Morgen richtete Dumbledore beim Frühstück einige Worte an uns. Er bat alle, Harry in Ruhe zu lassen und ihn nicht mit Fragen zu durchlöchern, was im Labyrinth geschehen, was wir ihm mitteilten, sobald er entlassen wurde. Auf den Korridoren gingen ihm die meisten unseren Mitschüler aus dem Weg und mieden sienen Blick. Manche flüsterten hinter vorgehaltener Hand miteinander, wenn Harry vorbeiging. Sicher glaubten viele Rita Kimmkorns Artikel, der ja behauptete, er sei gestört und womöglicherweise auch gefährlich. Vielleicht reimten sie sich auch selbst zusammen, wie Cedric gestorben war. Harry schien es jedoch kaum zu kümmern. Er war ohnehin am liebsten mit Ron, Mine und mir zusammen, und dann redeten wir über andere Dinge. Manchmal schwiegen Ron und Mine auch einfach nur, denn sie wussten, was Harry und mich gleichermaßen bedrückte. Ich hatte das Gefühl, dass wir zu einem stillschweigenden Einverständnis gelangt waren; wir warteten alle darauf, Neuigkeiten von außerhalb der Schlossmauern zu erhalten - und es war sinnlos, lange hin und her zu überlegen, was in nächster Zeit passieren würde, solange wir nichts Genaueres erfuhren. Nur einmal streiften wir das Thema, als Ron uns von einem Treffen Mrs. Weasleys mit Dumbledore vor ihrer Heimreise erzählte. „Sie wollte ihn fragen, ob du diesen Sommer gleich zu uns kommen könntest“, erklärte Ron. „Aber Dumbledore möchte, dass du zu den Dursleys zurückgehst, wenigstens für die erste Zeit.“ „Warum?“, fragte Harry. „Sie meinte, Dumbledore hätte seine Gründe“, erwiderte Ron und schüttelte mit düsterer Miene den Kopf. „Bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als ihm zu vertrauen.“

    Da wir nun keinen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste mehr hatten, hatten wir in diesen Stunden frei. Am Donnerstagnachmittag nutzten wir die Gelegenheit und gingen hinunter zu Hagrids Hütte, um ihn zu besuchen. Es war ein heller, sonniger Tag, Fang kam aus der offenen Tür gejagt und nahm uns bellend und wie verrückt mit dem Schwanz wedelnd in Empfang. „Wer da?“, rief Hagrid und kam zur Tür. „Harry!“ Mit großen Schritten kam er uns entgegen, drückte Harry mit einem Arm an sich, zerzauste sich mit der anderen Hand das Haar noch mehr und sagte: „Lässt dich endlich wieder blicken, Kumpel. Schön, dich zu sehn.“ Wir betraten die Hütte. Auf dem Holztisch vor dem Kamin standen ein paar eimergroße Tassen und Teller. „Hab mit Olympe ‘n Tässchen Tee getrunken“, sagte Hagrid. „Ist eben gegangen.“ „Mit wem?“, fragte Ron verwundert. „Madame Maxime natürlich!“, meinte Hagrid. „Habt ihr euch wieder versöhnt?“, fragte ich lächelnd. „Keine Ahnung, was du meinst“, erwiderte Hagrid lässig und holte frische Tassen aus dem Geschirrschrank. Als er Tee gekocht und uns einen Teller teigiger Kekse angeboten hatte, lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und nahm Harry mit seinen käferschwarzen Augen scharf unter die Lupe. „Alles in Ordnung mit dir?“, fragte er. „Jaaa.“ „Nein, ist es nicht“, sagte Hagrid. „Natürlich nicht. Aber wird schon.“ Harry schwieg. „Wusste, dass er eines Tages zurückkommt“, brummte Hagrid und wir sahen ihn alle vier erschrocken an. „Wusste es seit Jahren, Harry. Wusste, dass er irgendwo da draußen war und gewartet hat, bis seine Zeit kam. Musste passieren. Und jetzt ist es passiert und wir müssen damit klarkommen. Wir werden kämpfen. Vielleicht können wir ihn stoppen, bevor er richtig Fuß fasst. Das jedenfalls hat Dumbledore vor. Großartiger Mann, Dumbledore. Solange wir ihn haben, mach ich mir nicht allzu viele Sorgen.“ Hagrid sah unsere ungläubigen Mienen und hob seine buschigen Augenbrauen. „Hat kein Zweck, dazuhocken und sich Sorgen zu machen“, sagte er. „Was kommen muss, wird kommen, und wenn es da ist, nehmen wir den Kampf auf. Dumbledore hat mir gesagt, was du getan hast, Harry.“ Hagrid schwoll die Brust, während er Harry ansah. „Du hast so viel getan, wie dein Vater getan hätte, und das ist das größte Lob, das ich für dich hab.“ Harry lächelte ein wenig. Es war das erste Mal seit Tagen, dass er lächelte.

    „Worum hat dich Dumbledore gebeten, Hagrid?“, fragte er. „Er hat Professor McGonagall geschockt, um dich und Madame Maxime zu holen... noch in der Nacht.“ „Hatte ‘nen kleinen Auftrag für mich übern Sommer“, meinte Hagrid. „Ist aber geheim. Darf nicht drüber reden, nicht mal mit euch Rasselbande. Olympe - für euch Madame Maxime - kommt vielleicht mit. Denk eigentlich schon. Glaub, ich hab sie überredet.“ „Hat es mit Voldemort zu tun?“ hagrid zuckte beim Klang dieses Namens zusammen. „Könnt sein“, wich er aus. „Aber... wie wär’s, wenn wir zusammen den letzten Kröter besuchen? War nur’n Witz - nur ‘n Witz!“, setzte er beim Anblick unserer Gesichter hastig hinzu.

    Zwei Tage vor dem Beginn der Ferien saßen Draco und ich zusammen im Raum der Wünsche, der sich wieder in ein gemütliches Wohnzimmer verwandelt hat, und redeten. „Jetzt wird sich alles ändern.“ Ich spielte nervös mit meinen Haaren herum; Draco nickte und schluckte schwer. „Du glaubst Potter, nicht wahr?“ „Du denn nicht?“ „Ich würde es ihm gerne nicht glauben, aber ich fürchte, dass er die Wahrheit sagt.“ „Was glaubst du, wird passieren, wenn Voldemort an die Macht kommt?“ Draco zuckte bei dem Namen kurz zusammen, fing sich aber schnell wieder. „Ich weiß nicht.“ Ich seufzte leise. „Aber du weißt, was geschehen wird, wenn Dumbledore ihm entgegentritt?“ Er nickte erneut. Draco wirkte nicht so gefasst wie sonst. „Wir werden kämpfen müssen.“ Das, was er eigentlich sagen wollte, schwebte unausgesprochen in der Luft. Wir würden auf verschiedenen Seiten kämpfen.

    19
    45. Kapitel

    Der Abend vor der Rückreise kam schneller, als ich es mir vorgestellt hatte. Als Harry, Ron, Mine und ich die Große Halle zum Abschiedsessen betraten, fiel uns als Erstes auf, dass sie nicht wie sonst festlich geschmückt war. Normalerweise prangte die Halle beim Abschiedsessen in den Farben des Hauses, das den Hauspokal gewonnen hatte. Heute Abend jedoch hingen schwarze Tücher an der Wand hinter dem Lehrertisch. Ich wusste, dass dies alles zu Ehren Cedrics geschehen war.
    Der wahre Mad-Eye Moody saß am Lehrertisch, mitsamt Holzbein und magischem Auge. Äußerst schreckhaft zuckte er jedesmal zusammen, wenn ihn jemand ansprach. Ich konnte es verstehen; Moodys Angst vor Angriffen war nach der zehnmonatigen Gefangenschaft in seinem eigenen Koffer natürlich noch gewachsen. Professor Karkaroffs Stuhl war leer. Harry hatte erzählt, dass er offenbar geflohen war, da er Angst vor Voldemorts Aufstieg gehabt hatte. Ob dieser ihn schon aufgespürt hatte? Madame Maxime war noch da. Sie saß neben Hagrid und unterhielt sich leise mit ihm. Ein paar Plätze weiter, neben Professor McGonagall, saß Snape. Kurz trafen sich unsere Blicke. Er wusste von mir und meinem Geheimnis, doch irgendwie wusste ich tief in mir drin, dass er es für sich behalten würde. Ich setzte mich an den Gryffindor-Tisch, genau in dem Moment, als Dumbledore sich erhob. In der Großen halle, wo es ohnehin schon viel leiser war als sonst beim Abschiedsessen, wurde es still.

    „Wieder einmal“, sagte Dumbledore und sah in die Gesichter rundum, „wieder einmal geht ein Jahr zu Ende.“ Er hielt inne und sein Blick fiel auf den Tisch der Huffelpuffs. Bevor er aufgestanden war, hatte man dort die blassesten und traurigsten Gesichter in der Halle gesehen. „Es gibt viel, was ich euch heute Abend sagen möchte“, fuhr Dumbledore fort, „doch will ich zuerst daran erinnern, dass wir einen großartigen Menschen verloren haben, der hier unter uns sitzen und das Essen mit uns genießen sollte.“ Er wies zu den Hufflepuffs hinüber. „Ich möchte euch bitten, aufzustehen und die Gläser zu Ehren Cedric Diggorys zu erheben.“ Jeder tat es, ohne Ausnahme. Stuhlbeine kratzten über den Boden, als alle aufstanden und ihre Kelche erhoben, und eine Stimme, laut und tief wie fernes Donnerrollen, erklang in der Halle: „Cedric Diggory.“ Alle setzten sich erneut. „Cedric war ein Mensch, der viele der Tugenden, welche das Haus Hufflepuff auszeichnen, in sich vereinte“, ergriff Dumbledore erneut das Wort. „Er war ein guter und treuer Freund, ein fleißiger Schüler, ein Mensch, der das Fairplay schätzte. Sein Tod hat euch alle berührt, ob ihr ihn gut kanntet oder nicht. Deshalb glaube ich, dass ihr das Recht habt, genau zu erfahren, wie es dazu kam.“ Ich hob den Kopf und starrte Dumbledore an, genau wie Harry. „Cedric Diggory wurde von Lord Voldemort ermordet.“

    Panisches Flüstern erhob sich in der Großen halle. Viele starrten Dumbledore ungläubig und entsetzt an. Er schien jedoch vollkommen ruhig und wartete geduldig, bis sich das Gemurmel wieder gelegt hatte. „Das Zaubererministerium wünscht nicht, dass ich euch dies sage. Vielleicht werden manche eurer Eltern entsetzt sein - entweder, weil sie nicht glauben wollen, dass Lord Voldemort zurückgekehrt ist, oder weil sie meinen, ich sollte es euch nicht sagen, weil ihr noch zu jung seid. Es ist jedoch meine Überzeugung, dass die Wahrheit immer der Lüge vorzuziehen ist und dass jeder Versuch, so zu tun, als wäre Cedric durch einen Unfall gestorben oder durch einen eigenen Fehler, eine Beleidigung seines Andenkes ist.“ Bestürzt und verängstigt war nun jedes Gesicht ind er Halle Dumbledore zugewandt... fast jedes. Drüben am Slytherin-Tisch unterhielten sich Draco, Crabbe und Goyle leise. Ich zwang mich dazu, den Blick erneut auf Dumbledore zu richten. „Und noch jemand muss im Zusammenhang mit Cedrics Tod erwähnt werden“, sagte Dumbledore. „Ich spreche natürlich von Harry Potter.“ Eine Welle durchlief die Halle, es waren sämtliche Köpfe, die sich zu Harry umdrehten, und sich dann wieder Dumbledore zuwandten. „Harry Potter ist es gelungen, Lord Voldemort zu entkommen“, meinte Dumbledore. „Er hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um den toten Cedric nach Hogwarts zurückzubringen. Er hat Tapferkeit in jeder Hinsicht beweisen, wie sie bislang nur wenige Zauberer im Angesicht von Lord Voldemort gezeigt haben, und dafür ehre ich ihn.“

    Dumbledore wandte sich mit ernstem Gesicht Harry zu und hob erneut seinen Trinkkelch. Fast alle taten es ihm nach. Wir murmelten seinen Namen, wie zuvor den Cedrics, und tranken auf sein Wohl. Durch eine Lücke sah ich jedoch, dass Draco, Crabbe, Goyle und viele andere Slytherins trotzig sitzen geblieben waren und ihre Kelche nicht angerührt hatten. Dumbledore, der ja schließlich kein magisches Auge hatte, konnte sie nicht sehen. Wir nahmen unsere Plätze wieder ein und Dumbledore fuhr fort: „Ziel des Trimagischen Tuniers war es, das gegenseitige Verständnis unter den Magiern verschiedener Länder zu fördern. Im Lichte dessen, was geschehen ist - der Rückkehr Lord Voldemorts -, sind partnerschaftliche Bande wichtiger denn je.“ Dumbledore sah zu Madame Maxime und Hagrid hinüber, zu Fleur Delacour un dihren Mitschülern aus Beauxbatons und zu Viktor krumm un den Durmstangs am Tisch der Slytherins. „Jeder Gast in der Halle, sollte er oder sie uns wieder einmal besuchen wollen, ist hier jederzeit willkommen. Ich sage es euch noch einmal - angesichts der Rückkehr Lord Voldemorts sind wir so stark, wie wir einig, und so schwach, wie wir gespalten sind. Lord Voldemort besitzt ein großes Talent, Zwietracht und Feindesligkeit zu verbreiten. Dem können wir nur entgegentreten, wenn wir ein nicht minder starkes Band der Freundschaft und des Vertrauens knüpfen. Unterschiede in Lebensweise und Sprache werden uns nicht im Geringsten stören, wenn unsere Ziele die gleichen sind und wir den anderen mit offenen Herzen begegnen.
    Es ist meine Überzeugung - und noch nie habe ich so sehr gehofft, mich zu irren -, dass auf uns alle dunkle und schwere Zeiten zukommen. Manche von euch hier haben bereits spürbar unter der Hand Lord Voldemorts gelitten. Viele eurer Familien wurden entzweigerissen. Vor einer Woche wurde ein Schüler aus unserer Mitte genommen. Denkt an Cedric. Erinnert euch an ihn, wenn einmal die Zeit kommt, da ihr euch entscheiden müsst zwischen dem, was richtig ist, und dem, was leicht ist. Denkt daran, was einem Jungen, der gut und freundlich und mutig war, geschah, nur weil er Lord Voldemort in die Quere kam. Erinnert euch an Cedric Diggory.“

    Bevor die Schüler aus Beauxbatons und Durmstrang am nächsten Morgen abreisten, verabschiedete Harry sich persönlich von Fleur und Krum, welcher noch ein kurzes Gespräch mit Mine hielt. Ron traute sich endlich, Krum nach einem Autogramm zu fragen, welches dieser ihm rasch auf einen Fetzen Pergament kritzelte.

    Das Wetter auf unserer Rückreise nach King’s Cross war um Welten besser als bei unserer Fahrt nach Hogwarts im vorherigen September. Keine einzige Wolke war am Himmel zu sehen. Harry, Ron, Mine und ich hatten es geschafft, ein Abteil für uns zu ergattern. Pigwidgeon war wieder einmal unter Rons Festumhang verborgen, damit er nicht endlos schuhuhte; Hedwig hatte den Kopf unter einen FLügel gesteckt und war am Dösen, und Krummbein hatte sicha uf einem freien Sitz eingekringelt und sah wie großes rötliches Pelzkissen aus. Während der Zug schnell nach Süden fuhr, unterhielten wir uns ausgiebig und freimütig wie seit einer Woche nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, dass Dumbledores Worte beim Abschiedsessen etwas in uns ausgelöst hatte. Es war keine Qual mehr, darüber zu reden, was passiert war. Wir überlegten hin und her, was Dumbledore wohl gerade unternahm, um Voldemort auzuhalten, und verstummten erst, als der Imbiss-Wagen kam.

    Als Mine mit unserem Essen ins Abteil zurückkam und ihren Geldbeutel wieder in die Schultasche steckte, zog sie eine Ausgabe des Tagespropheten heraus, die sie mitgenommen hatte. Harry warf einen Blick darauf, Mine folgte seinem Blick und sagte: „Da steht nichts drin. Du kannst selbst nachsehen, aber sie bringen überhaupt nichts. Ich hab jeden Tag geschaut. Nur eine kleine Meldung am Tag nach der dritten Runde, dass du das Tunier gewonnen hast. Cedric haben sie nicht einmal erwähnt. Nichts von der ganzen Geschichte. Wenn du mich fragst, zwingt Fudge sie dazu, Stillschweigen zu bewahren.“ „Der wird doch Rita nicht zum Schweigen bringen“, sagte Harry. „Nicht, wenn es um eine solche Geschichte geht.“ „Oh, Rita hat seit der dritten Runde nichts mehr geschrieben“, erwiderte Mine in merkwürdig verhaltenem Ton. „Es ist nämlich so“, fügte sie mit einem leichten Zittern in der Stimme hinzu, „dass Rita Kimmkorn eine ganze Weile lang gar nichts mehr schreiben wird. Außer sie will, dass ich über sie auspacke.“ „Wovon redest du überhaupt?“, fragte Ron verwirrt. „Ich hab rausgefunden, wie sie unsere privaten Gespräche belauscht hat, obwohl sie eigentlich nicht aufs Schlossgelände durfte“, kam es hastig aus Mines Mund. Ich hatte den Eindruck, dass sie uns das bereits seit knapp seit einer Woche erzählen wollte, es sich aber wegen der ganzen anderen Ereignisse verkniffen hatte. „Und wie hat sie es nun getan?“, fragte ich neugierig. „Wie hat sie es rausgefunden?“, setzte Ron hinzu und starrte sie an. „Na ja, eigentlich warst du es, der mich auf die Idee gebracht hat, Harry“, sagte sie. „Tatsächlich?“, entgegnete Harry verdutzt. „Wie denn?“

    „Wanzen“, sagte Mine gelassen. „Aber du hast doch gesagt, sie funktionieren nicht-...“ „Oh nein, keine elektronischen Wanzen“, unterbrach sie ihn. „Nein, wisst ihr... Rita Kimmkorn“- in ihrer Stimme zitterte verhaltener Triumph - „ist ein nicht gemeldeter Animagus. Sie kann sich-...“, Mine zog ein kleines, versiegeltes Einmachglas aus ihrer Tasche, „in einen Käfer verwandeln.“ „Du machst Witze!“, rief Ron. „Das ist doch nicht...sie ist nicht etwa...“ „Oh doch, genau das ist sie“, juchzte Mine un dfuchtelte mit dem Glas vor unseren Augen herum. Drin waren ein paar Zweige, Blätter und ein großer, fetter Käfer. „Das ist doch nie und nimmer - du willst uns auf den Arm nehmen -...“, flüsterte Ron und hob das Glas an die Augen. „Nein, will ich nicht“, strahlte Mine. „Ich hab sie auf der Fensterbank im Krankensaal gefangen. Schaut euch den Käfer genau an, dann seht ihr, die Muster auf ihrem Fühler sind genau die gleichen wie auf dieser bescheuerten Brille, die sie immer trägt.“ Ich nahm den Käfer unter die Lupe und stellte fest, dass Mine Recht hatte. Harry fiel plötzlich etwas auf. „An dem Abend, als wir gehört haben, wie Hagrid Madame Maxime von seiner Mutter erzählt hat - da war ein Käfer auf dieser Statue!“ „Genau“, sagte Mine. „Und Viktor hat einen Käfer aus meinen Haaren gezogen, nachdem wir am See miteinander gesprochen hatten. Und wenn ich mich nicht gewaltig irre, hockte Rita Kimmkorn genau an dem Tag bei Wahrsagen auf dem Fenstersims, als deine Narbe geschmerzt hat. Das ganze Jahr über ist sie auf der Suche nach irgendwelchen Geschichten herumgesschwirrt.“ „Und als wir Malfoy unter diesem Baum gesehen haben...“, setzte ich langsam hinzu. „Er hat mit ihr gesprochen, sie war auf seiner Hand“, führte Mine nickend fort. „Natürlich hat er es gewusst. So hat sie all diese netten kleinen Interviews mit den Slytherins bekommen. Denen war es egal, dass sie etwas Ungesetzliches tat, solange sie ihr diese fürchterlichen Geschichten über uns und Hagrid erzählen konnten.“ Mine nahm das Glas wieder an sich und sah lächelnd zu, wie der Käfer zornig gegen das Glas brummte. „Ich hab ihr gesagt, ich lass sie raus, wenn wir in London sind“, meinte sie. „Das Glas hab ich unzerbrechlich gehext, deshalb kann sie sich nicht verwandeln. Und ich hab ihr gesagt, sie solle ihre flotte Feder ein Jahr lang stecken lassen. Mal sehen, ob sie von dieser Gewohnheit runterkommt, schreckliche Lügen über die Leute zu verbreiten.“ Erhaben lächelnd steckte Mine das Glas zurück in ihre Schultasche.

    Die Abteiltür glitt auf. „Oberschlau, Granger“, sagte Draco. Crabbe und Goyle standen hinter ihm. Alle drei sahen eingebildeter, selbstzufriedener und arroganter aus, als ich sie je erlebt hatte. „Schön“, fuhr er fort, trat einen Schritt ins Abteil und sah sie mit hämisch gekräuselten Lippen an. „Ihr habt eine erbärmliche Reporterin gefangen, und Potter ist mal wieder Dumbledores Liebling. Ganz toll.“ Sein Grinsen wurde noch breiter. Crabbe und Goyle standen da und schielten. „Wollt euch ein wenig ablenken, oder?“, fragte Draco und sah uns abwechselnd an. „Versucht so zu tun, als ob nichts passiert wäre?“ „Raus hier“, sagte Harry. Instinktiv griff ich zu meinem Zauberstab, ohne dass es einer der Anwesenden bemerkte. „Du hast dich für die Verlierer entschieden, Potter! Ich hab dich gewarnt! Ich hab dir gesagt, du solltest besser darauf achten, mit wem du dich abgibst. Erinnerst du dich? Ich hab dir bei unserer ersten Begegnung gesagt, dass du dich nicht mit so einem Pack abgeben sollst!“ In mir kochte die Wut hoch, als er mit dem Kopf in unsere Richtung zeigte. „Zu spät, Potter! Die verschwinden zuerst, jetzt, wo der Dunkle Lord zurück ist! Schlammblüter und Muggelfreunde als Erste! Na ja - als Zweite - Diggory war der Er-...“
    Es war, als würde eine Kiste Feuerwerkskrache rim Abteil explodieren. Harry, Mine, Ron und ich hatten gleichzeitig mehrere Flüche auf die drei Slytherins gehetzt. Sie lagen bewusstlos da, halb auf dem Gang, halb im Abteil. Wir waren nicht die Einzigen, die Flüche losgelassen hatten.

    „Dachten, wir schauen mal nach, was diese drei so vorhaben“, meinte Fred lässig und stieg über Goyle hinweg ins Abteil. Er hatte den Zauberstab gezückt, wie auch George, der mit großer Umsicht auf Draco trat, als er Fred folgte. „Interessante Wirkung“, sagte George und sah auf Crabbe hinunter. „Wer hat den Furunculus-Fluch genommen?“ „Ich“, antwortete Harry. „Seltsam“, schmunzelte George. „Ich hab Wabbelbein genommen. Sieht aus, als sollte man die beiden nicht mischen. Dem sprießen ja kleine Tentakel aus dem gesicht. Und hört mal, wir wollen sie nicht hier drinlassen, die passen doch nicht zum Ambiente.“ Ron, Harry und George kickten, wälzten und schoben die Slytherins - mein Fluchwirrwarr hatte ihrem Teint gar nicht gut getan - hinaus auf den Gang, kehrten zurück ins Abteil und schoben die Tür zu. „Jemand Lust auf Zauberschnippschnapp?“, fragte Fred und zog einen Stapel Spielkarten aus der Tasche.

    Harry, Ron, Fred und George waren mitten im fünften Spiel, als Harry plötzlich fragte: „Wie steht’s, George, rückst du endlich mit der Sprache raus? Wen habt ihr erpresst?“ „Oh“, Georges Gesicht wurde finster. „Das.“ „Vergiss es“, mischte Fred sich ein und schüttelte ungeduldig den Kopf. „Es war nichts Wichtiges. Vielleicht später mal.“ „Wir haben’s ohnehin aufgegeben“, pflichtete George ihm bei. Nun ließen wir aber erst recht nicht mehr locker und endlich miente Fred: „Schon gut, schon gut, wenn ihr’s unbedingt wissen wollt... es war Ludo Bagman.“ „Bagman?“, fragte Harry scharf. „Willst du sagen, er hatte mit-...“ „Nö“, unterbrach George ihn schnell, „Damit hatte er nichts zu tun. Ist’n Dummbeutel. Hätte nicht den Grips dazu gehabt.“ „Um was ging es dann?“, fragte ich und zog eine Augenbraue nach oben. Fred zögerte, dann antwortete er: „Ihr wisst doch noch, dass wir bei ihm eine Wette platziert hatten, bei der Quidditch-Weltmeisterschaft? Dass Irland gewinnen, aber Krum den Schnatz fangen würde?“ Wir nickten. „Na ja, der Schlaumeier hat uns mit dem Leprechan-Gold bezahlt, das diese irischen maskottchen vor dem Spiel runterregnen ließen.“ „Und?“ „Und?“, sagte Fred ungeduldig. „Es hat sich natürlich aufgelöst! Am nächsten Morgen war es weg!“ „Aber - das muss doch ein Versehen gewesen sein?“, warf Mine ein. George lachte bitter. „Ja, das haben wir zuerst auch geglaubt. Wir dachten, wenn wir ihm einfach schreiben, dass er einen Fehler gemacht hat, würde er die Kohle rausrücken. Aber denkste. Hat unseren Brief einfach ignoriert. In Hogwarts dann haben wir andauernd versucht mit ihm zu reden, aber er hat immer irgendeine Ausrede gefunden, um uns zu entwischen.“ „Schließlich ist er ziemlich fies geworden“, fuhr Fred fort. „Meinte, wir seien zu jung zum Spielen und er würde uns überhaupt nichts geben.“ „Also haben wir unser Geld eben zurückverlangt“, sagte George mit finsterem Blick. „Er hat doch wohl nicht abgelehnt, oder?“, fragte ich entsetzt. „Volltreffer, Livvy“, meinte Fred. „Aber das waren eure ganzen Ersparnisse!“, rief Ron. „Wem sagst du das“, erwiderte George. „Natürlich haben wir irgendwann rausgefunden, was eigentlich los war. Auch Lees Vater hatte einige Schwierigkeiten, sein Geld von Bagman zu kriegen. Wie sich rausgestellt hat, hat er großen Ärger mit den Kobolden. Hat sich Unmengen Gold von ihnen geliehen. Eine Bande von denen ist ihm nach der Weltmeisterschaft im Wald auf die Pelle gerückt und hat ihm alles Gold abgenommen, das er bei sich hatte, und es war immer noch nicht genug, um die Schulden zu begleichen. Dann sind sie ihm bis nach Hogwarts gefolgt, um ihn im Auge zu behalten. Er hat alles beim Glücksspiel verloren. Kann keine zwei Galleonen mehr zusammenkratzen. Und wisst ihr, wie der Idiot die Kobolde bezahlen wollte?“ „Wie?“ „Er hat auf dich gewettet, Harry“, meinte Fred. „Hat ‘nen großen Betrag darauf gesetzt, dass du das Tunier gewinnst. Und die Kobolde haben dagegengehalten.“ „Darum also wollte er mir ständig gewinnen helfen!“, sagte Harry. „Aber - ich hab doch gewonnen. Also kann er euch das Gold zurückzahlen!“ „Von wegen“, erwiderte George kopfschüttelnd. „Die Kobolde spielen genauso ‘n dreckiges Spiel wie er. Die sagen jetzt, du hättest dir den ersten Platz mit Diggory geteilt, und Bagman hat ja gewettet, dass du allein gewinnst. Also musste Bagman abhauen. Und das hat er gleich nach der dritten Runde getan.“

    George seufzte tief und begann die Karten neu auszuteilen. Die restliche Reise verging wie im Flug; und ich tat etwas, das vorher noch nie geschehen war: ich freute mich auf die Ferien. Vielleicht lag das einfach daran, dass ich sie bei den Weasleys verbringen würde, und das würde ein großer Spaß werden. Bald darauf lief der Hogwarts-Expres lief auf Gleis neundreiviertel ein. Wie üblich machte sich beim Aussteigen ein lärmiges Durcheinander auf den Gängen breit. Gemeinsam mit Ron und Mine kämpfte ich mich mitsamt meinem schweren Koffer an Draco, Crabbe und Goyle vorbei. Harry blieb noch kurz mit Fred und George zurück. Ich hatte eine gewisse Vermutung, was er tun würde. Harry wollte das Gold, das er gewonnen hatte, sowieso nicht behalten; höchstwahrscheinlich konnte die Zwillinge es gut gebrauchen, immerhin wollten sie einen eigenen Scherzartikel-Laden eröffnen.

    Mrs. Weasley wartete bereits auf der anderen Seite der Absperrung. Sie zog mich in eine heftige Umarmung, bei der ich Angst bekam, dass sie meine Rippen brechen würde. Auch Harrys Onkel stand in der Nähe. „Bis dann, Harry“, sagte Ron und gab ihm einen Klaps auf den Rücken. „Ciao, Harry!“, fügte Mine hinzu und umarmte ihn kurz. Jetzt waren also nur noch ich dran. Harry und ich sahen uns ein wenig verlegen an. „Ich werd’ dich vermissen, Harry, aber wir sehen uns ja noch...“ Ich zog ihn in eine Umarmung und drückte dann meine Lippen auf seine. Harry erwiderte den Kuss zärtlich, dann lösten wir uns; Harrys Onkel sah aus, als würde er am liebsten explodieren wollen, doch in diesem Moment zählte das nicht das Geringste. „Wir sehen uns, Liv.“, meinte Harry, dann drehte er sich um und ging mit Vernon Dursley davon, während ich bei Mrs. Weasley, Ron, Fred, George und Ginny blieb, um kurz darauf zwischen den dahinhastenden Muggeln zu verschwinden.

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Kommentare (26)

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vor 107 Tagen
Sorry meinte natürlich 291...
Jetzt schreibe ich es schon zweimal und dann ist es eine andere Zahl xD
vor 107 Tagen
@Ms. Mistery
Hey ich liebe diese Music is Magic Storys wirklich und deshalb wollte ich fragen, ob du es abgebrochen hast, oder doch noch daran schreibst? Du hast vor 291 Tagen geschrieben, dass du am 6. Teil schreibst und das ist, wie gesagt 219 Tage her. Würde mich sehr über eine Antwort freuen!
Liebe Grüße
vor 221 Tagen
Hallo Ms. Mystery

Ich habe alle geschickten gelesen und muss sagen das sie echt genial sind. Alle sind mega spannend, also wollte ich Fragen wann den der 6. Teil draußen ist ich will dich ja nicht hetzen aber bitte schreib schneller 😂😂😢😢😢❤❤❤ich freu mich schon aber bis dahin
Deine Ms. Lupin☺❤
vor 284 Tagen
Hammerstory!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Ich glaube ich weiss auch schon wer ihre Eltern sind ;D. Bitte beeile dich ich bin schon super gespannt auf den nächsten Teil. ICH LIEBE DEINEN STREIBSTIL UND DEINE STORYS!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
vor 326 Tagen
Liebe Elea,

im nächsten Teil findet Olivia heraus, wer ihr Vater ist, mal sehen, ob du richtig liegst...
Es freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefällt, aber es wird noch eine Weile dauern, bis ich den nächsten Teil fertig habe.

Liebe Grüße
Ms. Mystery
vor 337 Tagen
Hallo Ms. Mystery,

Ich habe gestern angefangen, die Geschichten zu lesen, und ich muss ehrlich sagen WOW! Das ist mit Abstand die beste beste beste Geschichte die ich je gelesen hab! Ich kann mir auch schon denken, wer Livs Vater ist... Auf jeden Fall schreib weiter!
Viele liebe Grüße,
Elea (das bedeutet übrigens starke Elfe 😊)
vor 357 Tagen
Ich freue mich schon sehr auf deine weiteren Teile! <3
vor 398 Tagen
@Irgendwie anders
Vielen Dank für das Kompliment:) Ich schreibe gerade am 6. Teil, aber das kann noch ein wenig dauern, weil das fünfte Buch das dickste der gesamten Reihe ist, und ich leider sehr viel für die Schule tun muss. Ich werde mich aber ein wenig beeilen...
LG
Ms. Mystery
vor 399 Tagen
Liebe Ms Mystery,
ich habe ungefähr 6 Stunden gebraucht, um alle Teile zu lesen.
Ich hoffe du schreibst bald den 6. Teil, damit ich weiter lesen kann.

PS: DU SCHREIBST BESSER ALS ALLE ANDEREN😊 DAFÜR EINEN 👍
vor 404 Tagen
6. TEIL, 6. TEIL; 6. TEIL!
vor 436 Tagen
Wann kommen die nächsten Teile?
vor 442 Tagen
@Olivia Rosier
Ich finde auch sie sollte den 6.Teil schreiben !!😍❤Das wäre richtig cool👍👍
vor 445 Tagen
Schreib bitte einen 6. Teil 😍biteeeeeee
vor 452 Tagen
Schreib bitte weiter!
vor 529 Tagen
Schreib unbedingt weiter! ❤
vor 537 Tagen
Du musst unbedingt weiter schreiben.
vor 547 Tagen
Ich liebe deine ff und freue mich schon auf den neuen Teil! Schreib unbedingt weiter!!!
vor 609 Tagen
@niniel Ich werde das vierte Buch in zwei Teile teilen, deshalb wird der nächste Teil höchstwahrscheinlich schneller als gedacht kommen. Ich werd' versuchen, so schnell wie möglich weiterzuschreiben, auch wenn ich gerade viel mit der Schule zu tun habe!
vor 615 Tagen
Bitte wann kommt die 4. ff von dir muss sie unbedingt
lesen
vor 627 Tagen
So froh die beste Freundin von Ms. Mistery zu sein, so weiß ich schon genau was passieren wird. <3 <3