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Wildherz oder warum schwarze Katzen Unglück bringen

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100 Kapitel - 91.805 Wörter - Erstellt von: Gallop - Aktualisiert am: 2018-06-09 - Entwickelt am: - 14.885 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit - 12 Personen gefällt es

Seit Charly beschlossen hat, ein neues Leben bei den sechs Clans als Wildsturm zu beginnen, geht alles drüber und drunter. Ihr Anführer ist ein Pädophiler, alle Kätzinnen leben in Angst und Schrecken, Monster suchen sie jede Nacht heim und bringen entweder Freunde oder andere Katzen um. Der FuchsClan hält sie gefangen und niemand ist mehr vor den schlimmsten Seiten der Wildnis sicher.
Die Fortsetzung zu "Wildherz".

Wildherz oder warum schwarze Katzen Unglück bringen - eine Warrior Cats-Fanfiktion

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    Http://www.testedich.at/quiz49/quiz/1503131867/Wildherz Auf der ganzen Lichtung ertönte Kampfgeschrei und verwirrte meine Sinne. Mit einem Schrecken
    Http://www.testedich.at/quiz49/quiz/1503131867/Wildherz

    Auf der ganzen Lichtung ertönte Kampfgeschrei und verwirrte meine Sinne. Mit einem Schrecken wurde mir klar, dass der FuchsClan den anderen Clans tatsächlich ebenbürtig war.
    Pestfluch und Nadelsprung hieben gleichzeitig auf eine schreiende, verweinte RobbenClan-Kätzin ein, Wurzelstern streckte Dunstkralle nieder, Luchsstern rang mit Regenplätschern und Lehmpilz, während eine gehetzte Astpfote den Krallen eines großen FuchsClan-Katers auswich. Es war das reinste Chaos.

    Rauchpfote wurde neben mir von Teichnase niedergedrückt und ich drängte die weiße Kätzin, die gerade noch meine Jungen gesäugt hatte, zur Seite. Knurrend warf sie sich zu mir herum, aber ich war wütender und zerfetzte ihr gezielt die Nase. Blut tropfte auf den Waldboden und färbte das grüne Gras rot.
    Eines ihrer Katerchen griff mich an der Flanke an, ich konnte nicht erkennen, wer es war, aber ich schubste es nur unfreundlich von mir weg und eilte Taubenschweif zu Hilfe, die sich gerade verbittert gegen Molchschatten und Laubrache wehrte. Trotz ihrer Feindseligkeit untereinander arbeiteten sie im Kampf miteinander als Team und irgendwo in mir keimte doch ein kleiner Spross Respekt für den FuchsClan auf.
    Der allerdings recht schnell wieder erstarb, als sich Regenplätschern mir von hinten auf den Rücken warf und wir beide strampeln über den Boden rollten. Sie holte zu einem heftigen Schlag aus, doch Honigwind war schnell an meiner Seite und zerfetzte ihr die Ohren, woraufhin die Königin schreiend die Flucht in die Kindermulde ergriff.
    "Danke.", miaute ich und sah der honigfarbenen Kätzin, die erst vor wenigen Tagen Vater und Schwester und vor eher nicht wenigen Jahren ihre Mutter verloren hatte, zum ersten Mal richtig in die kobaltblauen Augen.
    "Du bist eine gute Katze.", flüsterte sie zurück und trotz des Jampfgeschreis um mich herum konnte ich sie so gut hören wie noch nie zuvor. "Und Milchblüte und Nusspelz haben das gewusst."

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    Angesichts dieses Bildes von mir wurde mir ganz warm im Bauch und ich leckte ihr kurz über die Schulter. "Deine Familie ist so unendlich stolz a
    Angesichts dieses Bildes von mir wurde mir ganz warm im Bauch und ich leckte ihr kurz über die Schulter. "Deine Familie ist so unendlich stolz auf dich!" Dann nickten wir einander kurz zu und das sagte schon alles: Hoffentlich schaffen wir es, dich zu befreien, Du bist eine gute Kriegerin, Viel Glück im Kampf, Bitte stirb nicht. Hab keine Angst, denn der Clan hält zusammen.
    Ein Schrei voller Verzweiflung und Angst ließ die ganze Lichtung innehalten und ich wirbelte auf den Hinterpfoten herum.
    Muschelstern lag in einer Pfütze ihres eigenen Bluts, eine gewaltige, rote Wunde zerrte sich über ihre Flanke. Pestfluch kauerte über ihr und drei RobbenClan-Krieger hingen an ihm, trotzdem ließ er nicht von ihr ab und hieb immer gröber und wütender auf sie ein.
    Knurrend hetzte ich auf den schwarzen Kater zu und schwor mir, nie wieder diesen einen panischen Ausdruck in Muschelsterns hellen, gelben Augen zu vergessen.

    Ich traf Pestfluch noch in der Luft am Kopf und ich riss gnadenlos an seinem rechten Ohr, bis ich Blut schmeckte und das Monster so laut kreischte, dass sein Maul sich öffnete und eine tödlich verletzte Muschelstern eilig ein paar Schritte wegrobbte.
    Sofort stürzten mehrere Katzen zu ihr, auch Windmeer und ihre Schülerin, dessen Name ich wohl vergessen hatte.
    Mehr bekam ich nicht mehr mit.
    Molchschatten und Laubrache packten mich am Fell, zerrten mich von Pestfluch und pressten mich mit krallenbesetzten Pfoten zu Boden. Ich fauchte, war nun aber nicht mehr in der Lage mich zu wehren.
    Und dann sah ich Habi. Ihr Fell wirkte gepflegter und ihre schönen Augen klarer, als sie sich auf Molchschatten stürzte und ihn dank ihrer Größe mühelos niederrang. Lsubrache wollte seinem missgünstigen Vater helfen, aber ich packte ihn am Schweif, zog kräftig daran und brachte den grauenhaften Kater so zu Fall.

    "Es muss aufhören!", jaulte Graustern, aber nicht eine Katze hörte auf ihn.
    Blut befleckte die gerade noch wachsenden Pflänzchen und Krallen flogen durch die Luft, unaufhaltbar und blutdurstig.
    Laubrache war wieder auf den Beinen und wir umkreisten uns mit zusammengekniffenen Augen und peitschendem Schweif.
    Natürlich ging er zuerst zum Angriff über.
    Schreiend täuschte er eine Attacke von links an und zielte dann auf mein anderes Hinterbein, aber ich sprang einfach auf seinen Kopf und presste seine ABSOLUT HÄSSLICHE Schnauze in die Erde.
    Hoffentlich ringelte sich gerade ein Regenwurm in seine Nase. SternenClan, wäre das geil gewesen.

    Stattdessen zerfetzte ich ihm den Schweif, bis er mehr Stummel war als Pelz hatte und ließ einen heulenden, zusammengerollten Laubrache zurück. Sein Bruder Schwarzsturm eilte selbstverständlich sofort an seine Seite, aber nicht einmal Geschwisterliebe konnte jetzt noch den Schweif dieses Ungeheuers retten.

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    Mir war klar, dass wenn nicht einmal ein Anführer den Kampf beenden konnte, es wirklich keine Hoffnung mehr gab. Und dieser Gedanke war mehr als nur
    Mir war klar, dass wenn nicht einmal ein Anführer den Kampf beenden konnte, es wirklich keine Hoffnung mehr gab. Und dieser Gedanke war mehr als nur ein bisschen erschreckend. Es war die Wahrheit und somit auch unser Untergang.
    Jener kleiner Moment Unachtsamkeit, ließ mich die fliegenden Krallen vergessen, doch der Schmerz an meinem Oberschenkel holte mich schnell wie der Blitz wieder in die Realität.
    Zwei junge BärenClan-Schüler sprangen meine Flanke an und ich konnte nur mit Mühe ihren klauenbesetzten Pfoten ausweichen.
    "Genug!", fauchte ich und legte die Ohren flach an. "Der FuchsClan ist euer Gegner, nicht ich!"
    "Oh...aber...du riechst so sehr nach ihnen...", stammelte der eine, ein hellbrauner Kater mit honigfarbener Tigerung. Der zweite, rauchgrau mit weißen Pfoten, nickte zustimmend.
    Ich blaffte zurück: "Ach ja? Dann schau mir mal in die Augen, du Idiot!"
    Die Kleinen rissen erschrocken die Augen auf und ich bereute meine grobe Wortwahl sofort. Dann flüsterte der eine: "Was ist ein Idiot?"
    Erleichtert atnete ich aus und miaute: "Das spielt keine Rolle. Dieser Kampf wird kein Ende nehmen und es ist meine Pflicht als Kriegerin junge Katzen zu schützen, also geht und nehmt so viele Katzen mit euch, wie nur möglich. Wir brauchen Schüler für die Zukunft der Clans, ohne euch ist das Gesetz der Krieger wehrlos. Lauft!"
    "Aber Graustern hat gesagt, wir sollen kämpfen!"
    "Niemand hat hier auch nur IRGENDWAS unter Kontrolle. Geht und schaut, dass ihr nicht verletzt werdet."

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    "Trouble...", säuselte es da hinter mir. "Redest du etwa mit unseren Gegnern?" "DU bist mein Feind!", fauchte ich wüte
    "Trouble...", säuselte es da hinter mir. "Redest du etwa mit unseren Gegnern?" "DU bist mein Feind!", fauchte ich wütend und blickte nach einer geschickten Umdrehung direkt in Pestfluchs Augen. Er grinste. "Die anderen Clans können nicht gewinnen. Du bist verloren."
    "Das entscheide ich ja wohl selbst!", giftete ich zurück und legte den Schweif schützend um die zwei Schüler. "Es darf nicht noch mehr Blut vergossen werden. Wenigstens die Schüler müsst ihr gehen lassen!"
    "Und DAS ist eben MEINE Entscheidung."
    Töte ihn. Ich darf nicht. Dann bin ich auch nicht besser als er. Er hat es aber verdient...wie sonst sollst die dich ans Gesetz der Krieger halten und die jungen Katzen vor dem Bösen schützen? Es gibt sicher auch einen anderen Weg. Schwächling.
    Pestfluch fletschte die Zähne und erschrocken machte ich einen Schritt zurück. Für die Schüler und alle, die sonst noch unter ihm leiden mussten! Für mich...
    Jaulend bäumte ich mich auch und schlug meine Zähne ohne Zögern in seinen breiten, schwarzen Nacken. Der große Kater hatte mit dieser direkten Attacke nicht gerechnet und warf sich brüllend auf den Boden, aber ich ließ nicht locker.
    Kurz sah ich vor Schmerzen nur noch Schwarz, als er sich auf den Rücken rollte und ein spitzer Stein mir in den Rücken schnitt und ich leitete diese Wunde direkt an Pestfluchs Hals weiter. Es war Zeit, dass er sich wieder zu seiner Schwester gesellte.
    Ich dachte an den dritten, schwarzen Kater damals im Korb, den sich der Fuchs geholt hatte, und tiefes Bedauern verdunkelte meine Augen. Es tut mir leid, Kleiner...
    Pestfluch war am Ende seiner Kräfte und lag jetzt entmutigt und zu Tode erschöpft auf seiner mächtigen Seite, die fast an eine schwarze Pfütze erinnerte. Sein Fell war verschwitzt und stank nach Blut, sein Nacken schmeckte nach nackter Angst.
    Dann sah ich ihm ein letztes Mal in die grünen, verbitterten Augen und riss ihm mit den Krallen die Brust auf.

    Es war das schaurigste, schlimmste Signal, das ich je gehört hatte. "Clans!", schrie Kükenstern, während sie mir einen tieftraurigen Blick zuwarf. So viele Emotionen hätten mich bei ihr schon beinahe zum Heulen gebracht. "Rückzug."
    Jaulend und schlitternd verließen die entkräfteten Krieger und Schüler die Lichtung, ein paar Füchse sprangen ihnen noch knurrend und schreiend hinterher, ansonsten wurde es still und die Katzen begannen sich gegenseitig die Wunden zu lecken.
    Eine verängstigte Blauglanz hockte neben ihrem Nest, eine junge Schülerin vor ihren Pfoten, und ihr zitternde Schweif bestätigte den Tod der Kätzin.
    So viel Blut.
    Panisch ließ ich meinen Blick über die Lichtung gleiten und betete, dass wenigstens MEINE Schülerin es geschafft hatte. Ob ihr das Fliehen oder das Leben gelungen war, inzwischen war es mir egal.
    "Wildsturm!"
    Eine schwer an der Schulter verletzte Astpfote kauerte neben dem Baumstumpf und hatte ihre Klauen fest in der Erde vergraben. "Bitte!", weinte sie. "Hilf mir!"
    Ich wollte zu ihr, aber Laubrache sprang mir in den Weg und klatschte mir seinen verkrüppelten Schweif direkt ins Gesicht.
    Fauchend wich ich zurück, doch bevor ich zum Gegenschlag ausholen konnte, stürzten mehrere Krieger herbei und rangen mich zu Boden, bis ich nicht einmal mehr eine Kralle rühren konnte. Sie lachten.
    "Geht weg.", murrte Laubrache gedemütigt und warf ihnen böse Blicke zu. "Ich komme klar."
    "Sicher.", schnaubte ein Dunkelbrauner, aber die anderen Katzen zogen sich zurück und Laubrache packte mich am Ohr und zerrte mich in den Wald, bis wir an einem dichten Holunderbusch angekommen waren.

    "Du hast Probleme, Kätzin!", knurrte er ungeduldig und umkreiste mich wie ein Tiger seine Beute. "Das VERSPRECHE ich dir..."
    Ich blieb gechillt. "Ne, im Ernst, schau dir deinen Schweif an. Mach kein Drama und geh zu Blauglanz, da ist überall Blut. SternenClan, ist mir schlecht!" Mit einem heftigen Schlag lag ich am Boden und bevor ich wieder aufstehen konnte, sah ich die Wut in Laubraches Augen, schluckte und wusste, dass er nicht log.
    "Und ich halte meine Versprechen..."

    Vier Monde waren vergangen und die Sommerhitze und der dicke Bauch quälten mich schon fast mehr, als die Distelns in meinem Nest. Dass ich es noch ab und zu schaffte, Astpfote, die nun an einer verkrüppelten Schulter litt, zu trainieren, grenzte schon an ein Wunder und dass ich tatsächlich noch laufen konnte an ein zweites.
    Billy trabte zu mir und legte einen dicken Moosball zu mir ins Nest. "Hier.", sagte er und sah mir zärtlich in die Augen. "Für die Jungen und dich." Finkenjunges, Flussjunges und Fuchsjunges waren groß geworden. Gerade eben spielten sie wohl gemeinsam auf der Lichtung, aber sicher konnte ich mir nicht sein, denn die vielen Gräser vor dem Heilernest, neben dem sich nun auch mein Nest befand, verhinderten die Sicht.

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    Das war wohl das erste Mal, das ich mir wünschte nicht mehr alleine zu sein. In Menschenjahren war ich 14 Jahre alt, man konnte und DURFTE von mir ni
    Das war wohl das erste Mal, das ich mir wünschte nicht mehr alleine zu sein. In Menschenjahren war ich 14 Jahre alt, man konnte und DURFTE von mir nicht erwarten, ohne Partner Kinder großzuziehen! Nur schön, dass es hier niemanden juckte.

    Und als die drei Kleinen wieder zu mir sprangen und mir beigeistert einen toten Frosch zeigten und mit wilden Gesten schilderten, wie sie ihn zur Strecke gebracht hatten, konnte ich kein einziges Mal mich auf das Gesagte konzentrieren. Fuchsjunges' hellblaue Augen strahlten mit Flussjunges' Gelben und Finkenjunges' Grauen um die Wette und mir war wieder so verdammt schlecht.
    "Hier.", murrte Blauglanz und schubste eine unerschöpftlich herumspringende Fuchsjunges mehr vorsichtig als gemein mit dem Schweif zur Seite. Sie legte eine Packung Blätter mit den komischen Zacken vor mir ab, was mir ein dankbares Schnurren abgewann, während ich die Kräuter herunterwürgte.
    Es war Frühling und meine Ohren zuckten zufrieden, denn meine Junge würden genug zu Essen haben. Und außerdem hörte endlich diese beschissene Übelkeit auf. #nichtleichtegoistisch

    Ich hatte nur einen Moment nicht aufgepasst und die drei stürzten sich auf meinen Rücken. Empört jaulend versuchte ich sie abzuschütteln, aber selbst dazu war ich zu träge, also warf ich Blauglanz und Billy einfach nur einen genervten Blick zu.
    Billy nickte. "Kommt, ich zeig euch ein geiles Spiel."
    Jubelnd flitzten meine Kinder wieder auf die Lichtung, ein brüllender und urkomuscher Billy hinter ihnen her. Dieses Lachen war Baösam für die Seele. Dass mir das früher als Mensch nicht aufgefallen war? Ich hatte so viel lachen können, wann immer ich wollte, außer Schule gab es keine Aufgaben in meinem Leben, aus purem Egoismus und reiner Dummheit war alles auf dem Scheiterhaufen gelandet.

    Es war schon dunkel, als Blauglanz mich wieder aus meinem Schlaf riss. "Wir gehen zur Großen Versammlung.", miaute sie leise und mit rauer, erschöpfter Stimme. "Ich bete für dich, mein Herz, dass Vogelstern einen Weg findet." Also ich nicht. Trotzdem rang ich mir ein gequältes Lächeln ab. "Viel Spaß, Blue." Sie hob fragend die Pfote.
    Die Welt der Zweibeiner fehlte mir. Ich seufzte. "Schon gut."

    Nachts war die einzige Zeit, in der es sich so anfühlte, als ob mein Leben nicht total traurig wäre. Ganz dicht an mich gekuschelt lagen die energiegeladene Fuchsjunges, der kluge und immer freundliche Flussjunges und ein niedlicher, sabbernder Finkenjunges bei mir. Es fühlte sich richtig an. Und war aber auch das Einzige.
    Also schloss ich wieder die Augen und hoffte auf ein paar weitere Stunden nichts fühlen, bis ich merkte, wie mein Magenknurren Finkenjunges aufweckte und ich miesgelaunt zum Frischbeutehaufen schlich, um nicht auch noch die anderen zu wecken. I hate my life.

    Dann flüsterte das kleinste und schildpattfarbene meiner Junge: "Mama?"
    Ich nahm mir grummelnd einen kleinen Spatz und schnupperte misstrauisch an den Schwungfedern. "Sieht alt aus. Was ist, mein Schatz?"
    "Wer ist dieser Kater?"
    Zu Tode erschrocken wirbelte ich herum.
    Ein Kater mit pechschwarzem Fell, einer weißen Vorderpfote und Hundehalsband stand meinem Kind Nase an Nase gegenüber, seine Größe beeindruckte mich.
    "Geißel.", hauchte ich und näherte mich dem wohl bekanntesten Mörder aller Zeiten so langsam wie es seine Gestalt verdiente. In den Büchern war er kleinwüchsig gewesen, aber nun stand für mich fest, dass Vertrauen auf Papier wohl das dümmste von allen war.

    "Keine Sorge.", flüsterte er und blinzelte mich aus eiskalten Killeraugen an. "Ich tue Jungen nichts." "Ich verlass mich nicht auf Versprechungen eines schwarzen Katers."
    "Wegen Schwarzsturm?", fragte er mit einem zaghaften, BEUNRUHIGENDEN Lächeln. "Ich hab euch gesehen."
    Knurrend machte ich mich sprungbereit. "Ich warne dich. Du gehst jetzt weg oder willst du einen Angriff wirklich riskieren?"
    Endlich kam der Mond hinter den silbergrauen Wolken hervor. Sternenlicht erhellte die Lichtung, den seidigen Pelz des Mörders, die angstgeweiteten Augen vom Sohn meiner Freundin und mein Herz bebte.
    Fauchend stürzte ich mich auf Geißel, aber der wich aus und ich schlitterte in den Dreck. Wie ich es hasste, wenn das Kater taten.
    Er lachte nur und betrachtete meinen Bauch. "So, so. Von Laubrache? Du bist eine außerordentlich dumme Kätzin, Trouble. Du wirst nicht mehr lange leben."
    Schnell wie das Wiesel schob ich mich zwischen Finkenjunges und Geißel, aber ein unbeachteter Stock erschwerte mir den Weg und ich knickte um. Direkt in die Hundezähne.
    "Du machst es mir so einfach!", grinste er mit arroganter Grimasse. "Hätte gedacht, du bist eine Herausforderung."
    "Geh..."
    "Ich töte keine Junge."
    "Und ich habe nie gesagt, ich töte keine Kater."
    "Dafür tötest du dich aber selbst."
    Er zögerte, dann fügte er noch hinzu: "Gute Nacht, Trouble. Ich bin mir sicher, wir werden uns wiedersehen."

    Die Versammlung-Patroullie kehrte ins Lager zurück und Geißel war verschwunden.

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    "Die Pfoten weiter nach oben, Astpfote!", forderte ich die braune Schülerin auf und winkte mit dem Schweif. Ihre tiefblauen Augen funkelten
    "Die Pfoten weiter nach oben, Astpfote!", forderte ich die braune Schülerin auf und winkte mit dem Schweif.
    Ihre tiefblauen Augen funkelten begeistert, während sie einen Angriff erneut antäuschte, über mich hinwegsegelte, sich an meinen Rücken krallte und schließlich triumphierend die Pfoten in die Luft warf, um mich aus dem Gleichgewicht zu bringen.
    Genau wie erwartet rollten wir uns beide mehr oder weniger gekonnt auf dem moosigem Boden ab und lächrlten uns anschließend zufrieden zu. "Das war großartig!", lobte ich sie schnurrend und verpasste ihr einen kleinen Klaps auf's linke Ohr. Sie grinste. "Auch wenn du bald Junge bekommst, bist du eine super Lehrerin."
    Sie hatte recht. Jeder Schritt außerhalb meines Nestes war eine Herausforderung und mit Astpfote weiterhin noch heimlich zu ttainieren, eine weitere. "Ich hoffe, dass die Junge gesund werden.", fügte sie hinzu. "Auch wenn Laubrache ihr Vater ist. Ich mag ihn nicht. Er schreit sehr oft, genauso wie Molchschatten und Nachtigallenherz, aber die ist ja schon tot. Pestfluch auch, SternenClan sei Dank. Wir haben wirklich Glück, dass ihn jejand für uns erledigt hat."
    Ich schüttelte den Kopf und ordnete mir wieder eine wilde Strähne ins Fell ein. "Sag das nicht, Astpfote. Jeder hat gute und schlechte Seiten. Die Kunst besteht darin, beides sehen zu können und gleich zu gewichten. Denk daran, wenn du das nächste Mal einem FuchsClaner in die Augen siehst." "Aber das kann ich nicht! Wie schaffst du es nur, immer das Beste in Monstern zu sehen? Du solltest nicht deine eigenen Entführer verteidigen!"
    Ich lachte. "Und du nicht deiner Mentorin widersprechen! Was meinst du? Holst du mir noch einen Frosch? Ich muss vorgehen, ich glaub, ich kann nicht mehr." Astpfote strahlte. "Natürlich! Geh schon."
    Keuchend taumelte ich auf die Lichtung und schleppte mich zu Blauglanz, die gerade skeptisch ein paar Gänseblümchenblätter beschnüffelte. "Sie sind zu alt.", benantwortete ich ihre unausgesprochene Frage und schob die vertrockneten Kräuter weg. "Du musst neue holen gehen." "Ach, sei doch leise. Leg dich hin."
    Die blaue Kätzin legte wieder die Stirn in Falten und ich streckte ihr die Zunge heraus, als sie sich abwandt.
    "Wildsturm!"
    Noch bevor ich mein Nest erreicht hatte, flitzte Astpfote ins Lager und warf im Vorbeirennen Mohnpfote, einem rot-schwarzen Kater mit dunklen Augen und kräftigem Körperbau, einen unauffälligen Blick zu. Kaum hörbar knurrte ich.
    "Hier!", maunzte sie und ließ einen dieser köstlichen, grün-grauen Frösche vor mir fallen. "Iss! Für die Jungen!"
    Schnurrend nahm ich das Stück Frischbeute auf und setzte mich an ein schattiges Plätzchen am Rand der Lichtung. Und dann kam Pilzkralle.
    "Du."
    "Wie geht es den Jungen?"
    "Geh weg."
    Enttäuscht kickte er den nächstbesten Kiesel mit der Kralle weg und murrte: "Man kann es dir einfach nicht recht machen."
    "Pilzkralle?"
    "Hm?"
    "Schau mal DA." Mit gesträubtem Fell presste ich ihn meine verbarbte Schulter unter die Nase. "Das warst DU."
    "Ich dachte, du bist die Sklavin, die selbst ihren Entführern verzeiht?"
    "Tu ich auch. Aber du zählst nicht dazu. Denn du wirst für mich immer das Junge bleiben, das ich damals vom Spalt gerettet habe."
    Er schnaubte. "Und ich bedeute dir trotzdem nichts."
    Jetzt musste ich doch lächeln. "Doch. Und zwar, dass man Katern mit braunem Fell nicht trauen kann. Wenn du mir noch ein paar weiche Federn holst, habe ich vielleicht bessere Laune."
    Seufzend hievte er sich hoch und eilte los.

    7
    Um ehrlich zu sein, hatte ich noch nie etwas so sehr genossen, wie meinen vorübergehenden Status als Königin. Na gut, dass ich die Jungen im Hochsom
    Um ehrlich zu sein, hatte ich noch nie etwas so sehr genossen, wie meinen vorübergehenden Status als Königin. Na gut, dass ich die Jungen im Hochsommer zur Welt bringen würde und mir jetzt schon sämtliches Fell am Körper klebte, das war vielleicht ein winziger Nachteil. Aber zumindest musste ich nicht arbeiten!
    Im Gegensatz zu Billy. Die junge Kätzin aus dem TigerClan war wohl von einem Auto überfahren worden, als sie hatte Stachelkraut für Blauglanz besorgen wollen. Sie tat mir leid, doch wenigstens hatte sie jetzt ein besseres Dasein als vorher.
    Da Billy jetzt aber für das Schuften von DREI Sklaven aufkommen musste, war er fast ununterbrochen am Arbeiten und dass er trotzdem noch die Zeit fand, mir ab und zu ein Eichhörnchen oder einen Star zu bringen, dafür war ich wirklich dankbar.

    Von den anderen Clans hatte ich auch schon seit Monden nichts mehr gehört, denn selbst als Königin war es Sklaven nicht erlaubt, zu Großen Versammlungen zu gehen und so ihre zurückgelassenen Freunde zu sehen. Nein, ich saß die meiste Zeit an einem Farnfleck in der Nähe von Blauglanz' Nest, weil man von dort das Lager gut im Blick hatte und man auch gleichzeitig nicht der Sonne ausgesetzt war. Billy schon.
    Die Nester in der Revivae befanden sich fast den ganzen Tag in der glühenden Hitze und gerade, wenn der Schatten den Ärmsten von seinem alltäglichen Leiden erlöste, schickte ihn irgendein Idiot noch los, um in der Dunkelheit und Frische zu jagen. Eingebildetes Pack.

    Aber ich beschwerte mich nicht, um meiner Kinder Willen. Es waren drei weitere Wochen vergangen und es stand fest, dass meine Junge wohl Spätblättchen werden würden, so nannten die Heiler Babys, die nach dem vermutlichen Datum auf die Welt kamen. Ich machte mir Sorgen.
    Die drei Kleinen waren schon wieder ein riesiges Stück gewachsen und der Tag, an dem Wurzelstern Finkenjunges dem RabenClan und Flussjunges dem RobbenClan übergeben werden würde, rückte näher. Bis er schließlich da war.

    "Popule bestiae, venite ad arborem!", verkündete Wurzelstern laut und deutlich. Volk der wilden Tiere, komm zum Baum.
    Ich weiß, was das heißt!
    Der Clan versammelte sich und bevor Fuchsjunges zu ihren Brüdern laufen konnte, drückte ich sie eng an mich.
    "Was soll das?", maunzte sie. "Wenigstens verabschieden muss ich mich!"
    "Es ist besser so. Dann schmerzt es später nicht so doll."
    Meine zwei Kinder verließen mit dem Anführer und Teichnase und Nadelsprung das Lager; mein Herz drohte stehen zu bleiben, während ich die einzigen Lebewesen, die Meerschweinchenschimmer mir zurückgelassen hatte, mein Leben verließen. Ich schluckte und blinzelte schnell die Tränen weg. Dort würden sie garantiert ein melior vitam haben wie ich.

    Wie auf Kommando wechselte ein heftiges Gewitter den strahlenden Sonnenschein ab und sämtliche Katzen flohen zu ihren Nestern, wobei Billy, mein Vater, der immer so eifrig und friedfertig war, natürlich im strömenden Regen hockte. Wenn er Glück hatte, würde ihn kein Blitz erschlagen, und wenn noch mehr, dann vielleicht auch kein Baum oder einer der Äste und Steinchen, die jetzt durch die Luft flogen. Ich hatte furchtbare Angst, wusste aber, dass ich nichts mehr für ihn tun konnte und hastete mit meiner Tochter flink zu meinem Nest. Blauglanz oder einer der Schüler hatte es bequem ausgepolstert.
    Schnurrend wühlte ich mich in das warme, trockene Moos und drückte eine schnaufende Fuchsjunges an meine warme Brust. Es war alles gut.

    Und dann fuhr ein stechender, pochender, blutrünstiger Schmerz durch meinen Körper. Mehr vor Schreck fing ich an zu schreien und die Kleine riss überrascht den Kopf hoch. "Mama, was ist denn?"
    Blauglanz sprang aus ihrem Nest, holte gleich sämtliche Kräuter, die sie sich bereit gelegt hatte und jaulte: "BILLY!"
    Der braune Kater kam sofort zu uns her ins Trockene und schüttelte sich das durchnässte Fell. "Blauglanz, was kann ich tun?"
    "Kümmer dich um Fuchsjunges. Sie wird erst morgen dem LibellenClan übergeben und das soll sie auch bitte noch erleben. Einfach warm halten.", befahl die Heilerin und haute mir ungeschickt mit einem Stock auf die Schnauze. "Au!" "Beiss rein."
    Der Sklave zog sich mit Fuchsjunges zurück und ließ uns beide alleine. Es dauerte lange. Sehr lange.
    Meine Schmerzen waren intensiver als die Blitze, die wie Schlangen durch den Himmel schossen, meine Schreie erdrückender als die dunkelgrauen Wolken. Es fühlte sich an, als ob mein Körper in zwei gerissen würde. Come on. Mach weiter. Just do it for Foxkit.
    Ich versuchte mich auf andere Gedanken zu bringen und fragte die Stimme mental: "Warum habe ich seit Monaten Ekel und Century nicht mehr gesehen? Und warum heißt Ekel auch Fliegensturm."
    Ich hätte dich für schlauer gehalten. Century ist ein Produkt deiner Vorstellungskraft, Ekel aber gab es echt. Er war ein ruheloser Streunergeist, der früher im HöllenClan lebte. Und dein Geist war nun einmal so schwach, dass es leicht für ihn war, Teil von dir zu werden.
    HöllenClan?

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    Das Bild wurde von jemandem gemalt, der wirklich SEHR VIEL Talent hat und es lohnt sich auf jeden Fall, reinzuschauen!:) https://plus.google.com/11133
    Das Bild wurde von jemandem gemalt, der wirklich SEHR VIEL Talent hat und es lohnt sich auf jeden Fall, reinzuschauen!:)

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    Ganz schnell wechselte sich dann meine Sicht und auf einmal befand ich mich wieder im Frostwald. Es war ruhig.
    Neben mir lagen vier Kinder, die aus reinem Stern zu bestehen schienen, so hell glitzerte und strahlte ihr Fell. Auch ihre Stimme ließ nicht erkennen, wer Kater und wer Kätzin war, als das ganz rechte miaute: "Hallo?"
    Rauchvogel, Streifensturm und Meerschweinchenschimmer erschienen vor uns und letztere miaute: "Hallo, kleine Jungen. Ihr werdet gleich geboren."
    "Was soll das bedeuten?", quietschte das Linke. "Wer bist du?"
    "Das spielt keine Rolle. Aber seht ihr diese Schneeeulen oben?", fragte Rauchvogel und machte eine vage Bewegung mit dem Schweif. Wir hoben die Köpfe. Vier gigantische, wunderschöne Eulen kreisten über uns, die tiefgelben Augen, die an kleine Knöpfe erinnerten, auf die Kinder gerichtet.
    Schwarzherz fuhr fort: "Wie alle Katzenjunge seid ihr aus einem speziellen Sternenstaub entstanden. Und diese Vögel werden euch zu der Welt der Lebenden bringen, wo ihr euch an nichts mehr von dem hier erinnern werdet. Gibt es noch Fragen?"
    Die zwei mittleren hoben die Pfoten, aber Schwarzherz beachtete sie nicht und stieß stattdessen einen durchdringenden Pfiff aus.
    Sofort erwachten die vier Schneeulen aus ihrer Trance, flatterten noch ein paar Mal unsicher mit den breiten, edlen Schwingen und stießen dann auf die vier Winzlinge herab, die das Ganze mit verdutzt zuckenden Näschen und aufgerissenen Augen in Kenntnis nahmen.
    Es passierte alles ganz schnell und geordnet, doch dann fing die eine Eule an zu trudeln, fing sich wieder, hatte der neben ihr aber schon einen kräftigen Schubs gegeben, so dass sich ihre Flugbahn änderte und dem rechten Jungen, das gequält aufschrie, ihre spitzen Krallen ins linke Auge rammte.
    Erschrocken gurrend versuchte sie ihren Fehler wiedergutzumachen, indem sie das Kleine besonders vorsichtig am Nackenfell anhob, und holte schnell wieder zu ihren Freunden auf, welche nun schon fast nicht mehr zu erkennen waren, während sie sich immer weiter vom Frostwald entfernten.

    "Viel Glück.", flüsterten Meerschweinchenschimmer und Rauchvogel. Schwarzherz grunzte. Dann schnippten sie alle drei gleichzeitig mit dem Schweif und ich war wieder mitten im Gewitter, keuchend und erschöpft in meinem Nest. Der Stock war entzweigebrochen.


    "Trouble.", sagte Blauglanz leise und mit mütterlichem Stolz. "Du hast es geschafft. Du hast gerade eben vier niedliche Junge auf die Welt gebracht." Ich schnurrte müde und wollte mich umdrehen, um meine Kinder in Augenschein zu nehmen, aber Blauglanz schüttelte den Kopf. "Warte. Bei einem gab es wohl Komplikationen..egal. Du solltest stolz sein. Auf sie alle."
    Sie nickte mir zu und trat dann zurück, um ihre übrig gebliebenen Kräuter wieder zu verräumen und mir ein bisschen Privatsphäre zu überlassen. Ich drehte den Kopf.
    Vier kleine, unendlich wertvolle Fellbüschel lagen schnaufend und sich windend an meinem Bauch, mein buschiger Schweif sorgsam um ihre noch so empfindlichen, kleinen Körper gewickelt.
    Ihr Geruch verriet mir, dass es zwei Kater und zwei Kätzinnen sein mussten.
    Eine der beiden Mädchen hatte langes, seidiges Fell mit einem wunderschönem, dunklen Schildpattmuster, das im Mondlicht strahlte wie Seide. Seidenjunges.
    Ihre Schwester war wohl das kleinste Kätzchen im Wurf, ihr Pelz leuchtete beinahe in einem eleganten grau-zartrosa Ton, der mir die Sprache verschlug. Sie waren beide so wunderschön. Seerosenjunges.
    Eine frische Brise zog auf und ich zog die Kleinen noch näher an mein warmes, flauschiges Unterfell heran. Dankbar schnurrend vergruben sie ihre kleinen Pfötchen im schwarzen Pelz, um sie zu wärmen und mir wurde klar: Ich war jetzt Mama.
    Der nächste kleine Kerl, ein Kater, hatte hellbraunes Fell mit schwarzen und weißen Flecken, eine rostfarbene Tigerung überzog jene Farben. Nicht so buschig wie bei Seidenjunges war der Pelz, aber auf jeden Fall deutlich länger als bei Seerosenjunges und dem letzten Sohn. Ich beschloss, den kleinen Braunen Schillerjunges zu nennen. Er würde ihn sicher mit Stolz tragen.
    "Mama." Fuchsjunges tappte wieder zu mir und betrachtete ihre neuen Geschwister. "Was ist mit seinem Auge?"
    Das letzte Junge, ein schwarzer Kater mit einer Narbe an der Schulter und noch einer weiteren über das linke Auge, zitterte am kraftlosesten und ich bekam Panik. Konnte es überleben?
    "Hier her, Fuchsjunges.", raunte ich meiner Tochter zu und rutschte noch ein bisschen zur Seite, damit sie auch Platz hatte. Wie groß sie bereits schon im Vergleich zu den Neugeborenen war.
    Meine Sorge blieb unbegründet. Ich flüsterte: "Obwohl du dich schon am Anfang deiner Reise so einer Tragödie stellen musstest, bist du doch sicher der Stärkste unter deinen Geschwistern. Willkommen in der Familie, Gewitterjunges."

    9
    Dieses Mal fürchtete ich mich fast noch mehr vor dem Augenblick, an dem meine Kleinen zum ersten Mal mit eigenen, farbigen Augen die Welt erblicken w
    Dieses Mal fürchtete ich mich fast noch mehr vor dem Augenblick, an dem meine Kleinen zum ersten Mal mit eigenen, farbigen Augen die Welt erblicken würden. Besser gesagt: Noch nie zuvor hatte ich so sehr vor etwas Angst gehabt. Bitte LibellenClan. LibellenClan. SternenClan, LibellenClan. Hoffentlich würden sie sich Zeit lassen.
    Fuchsjunges hatte man gestern schon zu ihrem neuen Territorium gebracht, was zur Folge hatte, dass sich nun ZWEI Seiten tief in mir drinnen stritten.
    Die eine war einfach nur froh. Richtig glücklich, dass ihre Tochter in dem Clan aufwachsen würde, der auch mir so ein großartiges Zuhause war. Es war alles gut. Fuchsjunges, Meerschweinchenschimmers Kind, war in Sicherheit; ich hatte mein Versprechen gehalten und würde sie vielleicht auch irgendwann wiedersehen. Denn ich hatte einen Plan und der war verdammt gut. Zumindest machte es mich glücklich, überhaupt einen zu haben.
    Der anderen war richtig, richtig schlecht vor Angst. Vogelstern hatte noch eine Rechnung mit mir offen. Nein. Nicht eine, gleich zwei. Oder drei. Allmählich verlor ich den Überblick.
    Und ich, dumme Katze, hatte ihm meine Tochter und das einzige, das mir meine Freundin hiergelassen und bei dem ich überhaupt eine Chance hatte, mit ihr ein gemeinsames Leben zu führen, genau die hatte ich ihm in die offenen Pfoten geschickt. Nächtlich betete ich dafür, dass alle guten Geister ihr zur Seite standen und Habi ein Auge auf sie haben würde.

    Moospfote trottete gerade auf die Lichtung und wollte sich eine Drossel vom Frischbeutehaufen nehmen. SternenClan. Sie sah aus, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen! Steifer wie ein Dachs bewegte sie sich zu dem begehrten Fleckchen am Baumstumpf, ihre Nase zuckte erwartungsvoll und mir wurde klar, dass sie wohl keineswegs freiwillig Diät gemacht hatte! Zorn flammte in mir auf und ich kniff die Augen zusammen, um das Geschehen weiterhin zu verfolgen.
    Die Schülerin hatte den Vogel schon fast erreicht, als Pilzkralle und Molchschatten ins Lager gerast kammen und der Schildpattfarbene sie so heftig am Schweif zog, dass sie das Gleichgewicht verlor und in den Staub fiel. Knurrend sprang ich auf und fuhr meinen Kleinen, die begonnen hatten, unruhig vor sich hin zu maunzen, zärtlich mit dem Schweif über die kleinen Rücken.
    Molchschatten fauchte: "Du bist die BLÖDESTE Schülerin, die jemals in diesem Clan gelebt hat, Moospfote! Die BLÖDESTE! Schon seit zwanzig Monden bist du in Ausbildung, du weigerst dich bei den Übungspatroullien teilzunehmen wegen einer halbwüchsigen Kriegerin" Er deutete auf mich. Ich bleckte die Zähne. "Und wenn du eine Strafe auferlegt bekommst, missachtest du das Verbot und schleichst dich vom Jagdtraining weg, um zu essen, was deine Clan-Gefährten sich mühsam erarbeitet haben." Das ist doch kein Clan, du Zweiter Anführer einer schlechten Streunergruppenkopie!

    "Du wirst NICHTS essen! Stattdessen ziehst du jetzt Trouble eins über die Ohren, ja, DAS IST DEINE STRAFE FÜR'S KNURREN, und kommst dann sofort wieder her, DAMIT DU AUCH EIN PAAR SCHLÄGE ERHÄLTST!", giftete Molchschatten und funkelte mich zornig an. Das Feuer breitete sich zu einem Waldbrand aus, der nun mein ganzes Herz umtobte. Pilzkralle sagte nichts und betrachtete die Situation angespannt.
    Mit zitternden Pfoten machte die schwarze Kätzin einen Schritt auf mich zu. Sie warf einen Blick auf die Jungen, erkannte meinen von der Geburt geschwächten Körper und miaute: "Ich darf nicht, Molchschatten, bitte. Sie ist eine Königin mit Jungen! Das MUSS gegen das Gesetz der Krieger sein!"
    "Du..." Knurrend machte Molchschatten einen Satz auf Moospfote zu und ich stürzte mich auf ihn. "Ich kann noch viel mehr als nur Knurren!", giftete ich und riss an seinem Ohr. Der Kater jaulte und wollte sich zurückziegen, aber ich hielt ihn fest gepackt, brachte meine ganze, restliche Kraft auf und zwanf ihn auf den Boden, bis sein Bauchfell den Dreck berührte, in den er Moospfote geschubst hatte. Pilzkralle half ihm nicht.
    Knurrend zerfetzte ich seinen Rücken und seine Schultern, bis ich mir sicher war, dass wenigstens ein paar Narben bleiben würden, die ihn daran erinnern sollten, wie er mit Königinnen und Schülerinnen und allen Kätzinnen umzugehen hatte.

    10
    Und zum großen Erstaunen: Niemand hinderte mich daran. Eine gewaltige Scharr an Krieger, Schülern und Königinnen hatte sich bereits um uns gescharr
    Und zum großen Erstaunen: Niemand hinderte mich daran. Eine gewaltige Scharr an Krieger, Schülern und Königinnen hatte sich bereits um uns gescharrt und keine einzige Katze griff ein, um ihrem Zweiten Anführer beizustehen. Pack.
    "Was ist?", fauchte ich und ließ Molchschatten liegen. "Was seid ihr nur für ein Clan. Null Loyalität, alles nur Show und falsch gelagerter Ehrgeiz. Ihr seid keine Clan-Katzen. Ich schäme mich, eure hässlichen Krötenpelze jemals gesehen zu haben. Und was jetzt? Mich umbringen? Eine Mutter und zwar vor den Augen ihrer eigenen Jungen? Das tut keiner." Ich hustete heiser. "Außer ihr."
    "Trouble. Ich meine Wildsturm." Wurzelstern bahnte sich einen Weg zu mir und beachtete Molchschatten nicht, der immer noch wimmerte, als würde der Himmel über ihm einstürzen und sein gewaltiges Ego noch dazu.
    Furchtlos hielt ich dem Anführer dieser Katzenräuber mit eisernem Blick stand und miaute ruhiger: "Was ist, Meister?"
    "Nenn mich nicht so. Das beleidigt meinen Rang. Bitte komm mit mir in den Wald, ich denke, wir müssen reden."
    Ich nickte langsam. "Und was ist mit meinen Kindern."
    "Moospfote und Pilzkralle werden auf sie aufpassen. Derjenige, der sich an ihnen vergreift, wird auf der Stelle hingerichtet.", antwortete der braune Kater und warf dem ängstlich zitternden Schillerjunges einen warmen Blick zu. "Lass mich dir beweisen, dass wir nicht alle Monster sind."

    Zusammen wanderten wir in den Wald, weit weg vom Lager und Wurzelstern bat mich, mich zu setzen.
    "Siehst du das Monster da?" Er schnippte mit dem Schweif zu einer alten Karosserie, vielleicht ein Mercedes, der einfach so mitten im Grün stand, kein Mensch weit und breit, Pflanzen umarmten das blaue Fahrzeug, ganz allein stand es da.
    Er fuhr fort: "Das Teil steht dort schon, seitdem ich hier geboren wurde. Meine Mutter Kleeblatt hat es mir gezeigt, als ich vier Monde alt war. Ich weiß, ich hätte noch gar nicht das Lager verlassen dürfen, aber sie fand, dass es nie schadete, sein Territorium und seine Abstammung zu kennen." Ich blickte dem Kater in die Augen und sah die Angst darin. Nein. Er hatte Panik. Sein Wille, ein guter Anführer zu sein, geriet mit der Katze, die den Sternen versprochen hatte, sich an das Gesetz der Krieger zu halten, in wilden Streit und das Feuer und Silber ihrer Krallen und Zähne ließen seine Augen kühl leuchten.
    "Warum sagst du mir das?", fragte ich. "Ich weiß es selbst nicht, junge Kriegerin..." "Sklavin."
    Er räusperte sich und legte seine Vorderpfote auf meine. Erschrocken hätte ich sie fast weggezogen, aber ich kämpfte gegen den Instinkt an und sah zur Seite. Das hier war nicht mein Wald. Ich war eine Gefangene meiner Umgebung, schon das allein riss meinen Geist in zwei Hälften.
    "Danke.", sagte er da und es klang so ehrlich wie eine Entschuldigung und ein Dank zugleich nur klingen konnten.
    Ich zuckte mit den Ohren. "Warum?"
    "Sieh mich bitte an." Ich wandte mich wieder ihm zu und diesmal gelang es mir nur mühsam dem Grün standzuhalten. Ein Leben lang würde ich einen Horror vor dieser Farbe haben. Ein Leben lang. Und danach noch im SternenClan. Es sei denn, es ging weiter bergab, dann wohl eher bei Ahornschatten, die wohl im Momrnt fuchsteufelswild war. Wie lange hatte ich sie schon nicht mehr besucht?
    Wurzelstern miaute: "Du verstehst es sicher nicht. Aber diese Katzen brauchen Opfer, damit sie sich nicht selbst zerfetzen und dann wie ein Orkan über alle anderen Clans herfallen. Du kennst ihre Natur nicht, aber ich schon und deshalb" Er warf sich vor mir auf den Bauch und sah mit großen, dankbaren Augen zu mir hoch. "Werfe ich mich vor dir auf den Boden, denn du gibst deine Freiheit, deinen Körper, deine Kräfte und deinen Willen und Mut um die Clans vor dieser Katastrophe zu bewahren. Du, Wildsturm, bist eine Heldin. Und zwar die barmherzigste und heiligste, die je meinem Clan geschickt wurde. Alle Anführer sollten zu deinen Pfoten liegen für diese Loyalität allen anderen Katzen gegenüber, egal von welchem Clan, und genau das tue ich für sie alle. Keine Katze von den meinen soll deinen Jungen schaden, ich werde niemals Krieg mit deinem Clan anfangen, denn dir ist eine große Zukunft bestimmt, und im Kampf will ich dir nicht gegenüber stehen, wenn du selbst Anführerin des LibellenClans bist.
    Verletze mich, greif mich an. Jede Narbe, die dein Fell ziert und von deinem Mut erzählt, darfst du mir persönlich wiedergeben. Ich büße für meinen Clan."
    Ich schüttelte heftig den Kopf und legte mich ebenfalls hin. "Niemals. Keine Katze wird jemals vor mir im Dreck liegen. Und wenn jemand dann geschlagen wird, dann ich, weil ich nicht auf ihrer Augenhöhe bin. Ich bin nichts besseres als du. Du bist der loyalste Anführer, den ich kenne, ich sterbe eher als ich dich schlage." SternenClan, war es richtig, einem anderen Anführer dieses Versprechen zu geben?

    11
    "Ich habe auch schon einen Plan. Vor Monden haben meine Kriegerahnen mit mir gesprochen, dass es keinen Ausweg gibt und ich kann es nicht länger
    "Ich habe auch schon einen Plan. Vor Monden haben meine Kriegerahnen mit mir gesprochen, dass es keinen Ausweg gibt und ich kann es nicht länger meiden. Die Hälfte des Clans muss sterben, sonst wird sich das Gift fortsetzen und den Clan of Foxes bis in seine Wurzeln verderben."
    Ich nickte entschlossen. "Alles in meiner Macht stehende werde ich tun, um dir zu helfen. Diesen Kampf werde ich für meinen Clan führen." Und für meine Kinder.
    "Das geht aber nur, wenn wir Hilfe bekommen.", fügte er hinzu. "Wildsturm, bist du bereit, einen Fuchs zu suchen? Sein Name ist Wurzel und er lebt einige Hügel von diesem Territorium entfernt. Er ist unsere letzte Hoffnung. Moospfote und Pilzkralle werde ich mit dir losschicken, damit sie dich unterstützen, falls es nötig ist."
    "Ein Fuchs?" Ungläubig riss ich die Augen auf und das Bild, wie das Biest Nachtigallenherz' und Pestfluchs Bruder das Leben nahm, tauchte genauso ungewollt in meinem Kopf auf, wie der Gedanke, dass das bald ich sein werde.
    Eine Weile sah ich einfach nur in die Baumkronen, beobachtete die Farben, hörze das Rauschen der Blätter, wenn der Wind sanft wie Seide hindurchstruch und konnte den Eichelhäher hören, der ganz in der Nähe sein Sommerlied zum Besten gab.
    Dann fragte ich: "Wann breche ich auf?"

    Wir beschlossen, dass es das beste war, mich in den Augen der zu tötenden FuchsClaner tot zu lassen und so berichtete Wurzelstern eines frühen Herbsttages dem Clan von meinem Tod, wie ich auf dem Eis ausrutschte und mir das Genick brach, als ich mich heimlich hinten aus dem Lager herausschlich. Blauglanz' Augen funkelten mir entgegen, sie sah mich, denn ich war blöderweise auf ein Ahornblatt getreten, aber sie sagte nichts und wünschte mir mit einem letzten Nicken alles Glück, das dieser Ort noch zu bieten hatte. Sie waren verloren.
    Es wäre zu gefährlich gewesen, meine Junge "allein" im Lager zu lassen, selbst mit Blauglanz' Überwachung wären sie wohl ständig in Gefahr gewesen. Also nahm ich sie mit.
    In den letzten Tagen war ich ununterbrochen unterwegs gewesen, um genug Gräser, Moos und Halme für eine "Tasche" zu finden, die ich in diesem Moment trug und die meine vier kostbarsten Schätze auf der Welt beherbergte. Hinter der Lichtung traf ich meine zwei Mitstreiter.
    Pilzkralles und Moospfotes Fell waren gegen die kühle Brise gesträubt und machten ihre vielen Barben vom eindeutig zu viel kämpfen nur umso sichtbarer. Ein Schauder fuhr mir über den Rücken, aber nicht wegen des bevorstehenden Winters. Na gut, deshalb vielleicht auch. Würden meine Kleinen diesen harten Winter überstehen? Sie hatten ihre Augen immer noch nicht geöffnet, mit Ausnahme von Schillerjunges' blauen Diamanten und es wätmte mein Herz, das er früher oder später noch Fuchspfote kennenlernen würde. Wer wohl ihr Mentor war? Ich würde alles herausfinden, aber das ging nur, wenn ich mich jetzt auf meine Aufgabe konzentrierte und so meine Freiheit auch verdiente. Vorher durfte ich Wurzelstern und all die unschuldigen Katzen, die sonst noch ihr Leben lassen müssten, nicht im Stich lassen.
    Bewältige diese Mission. Dann wirst du schon bald deine Kinder aufwachsen sehen können und zwar von dem Ort, an den du selbst gehörst.

    Für alle, die Wurzels Vorgeschichte kennen wollen:):

    http://www.testedich.de/quiz44/quiz/1476287992/Dein-Leben-als-Fuchs

    12
    Wir nickten einander stumm zu und Pilzkralle übernahm die Führung. Der Krieger hatte anscheinend schon öfter sein Territorium verlassen, vielleicht
    Wir nickten einander stumm zu und Pilzkralle übernahm die Führung. Der Krieger hatte anscheinend schon öfter sein Territorium verlassen, vielleicht um zu jagen. Auf jeden Fall konnte er uns die ungefähre Richtung sagen, was mir schon etwas mehr Hoffnung gab.
    Am Rande des FuchsClan-Territoriums stießen wir auf verschneite, eisige Grashüfel, die sich bis hin zum Horizont erstreckten und nur ab und zu von vereinzelten Tannenwäldchen durchzogen waren.
    Wenn wir Glück hatten, trafen wir auf keine Gefahren.
    Moospfote und ich wechselten ungefähr jede Stunde die Tasche und wir legten ein zügiges Tempo an den Tag, damit man uns nicht zufällig vom Territorium aus entdecken konnte.
    Meine Pfoten trafen auf Schnee, versanken darin und ich kämpfte mich weiter, winziges Miauen aus dem Geflecht auf meinem Rücken. Es war so eisig kalt. Zum Glück schneite es nicht.
    Was beim FuchsClan wie ein gewöhnlicher Herbsttag gewirkt hatte, war hier zum schlimmsten Winteralptraum geworden, überall Weiß.
    Schließlich ließen wir die Clans hinter uns und machten eine kurze Pause, immer noch ohne zu reden. Jeder von uns rang mit seinen eigenen Grenzen, Moospfote und ich am meisten.
    Die Schülerin hatte so wie es aussah nämlich das schlechteste Immunsystem aller Katzen. Ihr Nackenfell war dauerhaft gesträubt, ihre Krallen tief im Schnee vergraben, zitternd und fluchend ringelte sie sich ihren Schweif um die Flanke, um den kalten Wind von ihrem Fell fernzuhalten, der nun aufzog. Ich bückte mich schützend über meine Jungen und hörte sie maunzen, als meine Wärme in ihren Körper einzog. Irgendwann kam auch Moospfote dazu.
    Pilzkralle hielt währenddessen Wache. Der braune Kater saß ruhig da, die Ohren gespitzt und seine Augen huschten wachsam über die Wiesen.
    "Wir sollten zu einem Wald gehen.", schug ich vor. "Dort gibt es mehr Deckung."
    "Ja. Und zwar vor allem für Streuner. Ich möchte keine Kämpfe, bis dieser Auftrag erfüllt ist.", erwiderte er ruhig und mir wurde bewusst, was er hier für eine Last trug. Nämlich die ganze Zukunft seines Clans.
    Wir schwiegen wieder und liefen los. Diesmal übernahm Moospfote die Kleinen, ich nickte ihr dankbar zu, als sie die Tasche überzog und dabei leise stöhnte. Sie blinzelte.
    Und es fing an zu schneien. Dicke, große Flocken durchnässten unsere Pelze und selbst der letzte Rest Wärme wich aus unserem Blut, bis wir alle zitternd zusammengekauert unter einem dichten, vereinzelten Holunderbusch Schutz suchen.
    Ich murrte unwillig: "Jeder kann uns hier sehen. Wir brauchen mehr Deckung. Und vor allem Wind- und Schneeschutz."
    "Und noch weniger brauchen wir Kämpfe!", entgegnete Pilzkralle hitzköpfig und Moospfote rückte näher an mich ran. Es war kalt.

    13
    Wir wanderten weiter, bis die Sonne unterging, dann hielten wir an. Die Landschaft um uns herum hatte sich kein bisschen verändert. Irgendwie wirkte
    Wir wanderten weiter, bis die Sonne unterging, dann hielten wir an. Die Landschaft um uns herum hatte sich kein bisschen verändert. Irgendwie wirkte es, als ob alles in Watte gepackt wäre, zeitlos, raumlos, unantastbar.
    "Wir brauchen ein Quartier.", hüstelte Moospfote und trat von einer Pfote auf die andere um sich warmzuhalten.
    Ich nickte und wollte ihr zustimmen, aber Pilzkralle war schneller: "Vorschläge?" Wir dachten nach.
    Plötzlich riss Pilzkralle die Augen so weit auf, dass ich meinte direkt in seine grüne Seele zu schauen und er keuchte: "Wir werden verfolgt! Ich kann euch nicht sagen, was oder wer, aber wir brauchen dringend Deckung und müssen weiter! SCHNELL."
    "Unauffällig.", zischte Moospfote und wir duckten uns tief in den Schnee, während wir hastig weiterkrochen. Das feine Pulverzeugs juckte in meiner Nase, mein Nackenfell sträubte sich, da ich nun auf keinen Fall niesen durfte. Ein Junges tat es dennoch. In der Ferne ertönte Gebell und wir sprangen auf und hetzten los, über die weite, helle Fläche, die gerade in den letzten Strahlen der Sonne erleuchtete.
    Wir drehten uns nicht um, um unsere Verfolget zu sehen, einfach immer nur weiterrennen. Aber die Jungen waren schwer. Auf einmal verfluchte ich mich für den Tausch mit den Kleinen vor ungefähr einer halben Stunde, gleichzeitig war ich auch irgendwie dankbar, dass so eine junge Katze wie Moospfote sie nun nicht zu schleppen brauchte.
    In Filmen wurde an solchen Momrnten immer dramatische Musik eingeblendet, meistens Trommeln, Trompeten, Posauen oder vielleicht auch Hörner.
    Das einzige, das ich hörte war unser rasselnder Atem, selbst unsere Pfoten schienen lautlos über den Boden zu gleiten. Moospfotes Schwanzspitze schwebte direkt vor meiner Nase dirch die Luft, während Pilzkralle die Führung übernahm und zu einem vereisten, von Sträuchern umgebenen Fluss raste. "Hier entlang! Lauft schneller!", jaulte er und folgte dem Ufer mit weiten Sprüngen. Die Tasche jedoch war furchtbar schwer geworden, ich schwöre, es schien als würde ich Goldbarren schleppen! Um nicht stehen zu bleiben, beschwor ich mir die grausamsten Bilder vor Augen. Die Hunde werden meine Kinder zerfetzen. Weiter. Nicht nachdenken. So viel Blut wird in den noch so reinen Schnee sickern! This innocence would be destroyed forever. Lauf!
    Meine Schultern und mein Rückrn schmerzten und ich gab mich dem Gedanken hin, wie es wäre einfach stehen zu bleiben. Ich könnte mich hinlegen, wieder Luft holen, wahrscheinlich würde ich es auch schaffen, mich noch rechtzeitig zu verstecken. Aber konnte ich das wirklich bei dem Leben von Schillerjunges, Seerosenjunges, Seidenjunges und Gewitterjunges riskieren?
    Wenn vorhin alles in Watte gewesen war, so befand es sich jetzt in verdammt zähflüssigem, seltsam friedlichen Honig, der durch die Luft wabberte, den Schilf mit seinem Zucked bestrich und meine Gelenke immer mehr und mehr mit jedem Schritt an den Boden heftete. Nicht denken. Weiter!
    Kiesel bohrten sich nun in meine bereits sowieso empfindlichen Ballen, Pilzkralle jaulte, als er sah, wie weit ich schon zurückgefallen war.
    Moospfote schrie/keuchte: "Denkt an die Kinder! Den Clan! NICHT STEHEN BLEIBEN!"
    Ich stolperte, fing mich aber wieder und entschied, noch ein letztes Mal an Tempo zuzulegen. Es fing an, zu schneien. In der Ferne erkannte ich blinzelnd einen Wald, der den Fluss im Schatten seiner Zweige ertränkte, woraufhin ich versuchte, meinen Kameraden Mut zuzurufen, aber meine Lunge versagte und es kam nur ein heiseres Röcheln heraus.
    Moospfote und Pilzkralle hatten die Deckung gesehen, das Geräusch ihrer Pfoten, wenn die Ballen dumpf auf die weiße Pracht trafen, beschleunigte sich.
    Jemand heulte. Und es war keiner von uns. Für die Kinder und all meine Junge, die den Wald noch jemals betreten werden! SternenClan, gib mir Kraft.
    Hechelnd rannte ich den anderen hinterher und die dunklen Kontraste der Bäume verschluckten mich.
    "Da rein!", stöhnte Pilzkralle und kletterte auf einen Berg kleiner Felsen. "In die Höhle!"
    Wimmernd vor Schmerz und nur ein klein bisschen hypaventilierend quetschten wir uns alle drei gleichzeitig durch den schmalen Eingang und versuchten instinktiv unseren Atem im Fell der anderen zu ersticken.

    14
    Eine knurrige, aber helle Stimme verkündete von draußen: "Sie sind weg. Ihr Geruch ist noch da, ansonsten nichts." "So ein Eichhörnc
    Eine knurrige, aber helle Stimme verkündete von draußen: "Sie sind weg. Ihr Geruch ist noch da, ansonsten nichts." "So ein Eichhörnchenmist.", kläffte ein stämmiger Rüde und schüttelte sich den Schweiß aus dem Fell. "Die sind nicht weit. Die Dunkle war müde." Ein Halsband klimperte. Waren das Straßenhunde oder wo war ihren Besitzer? Wir hielten weiter still und ich ringelte den Schweif um die Kleinen.
    "Aber ich habe etwas gehört!", protestierte ein weiterer Köter. "Die sind hier!" "Wir werden das Gebiet absuchen.", befahl ein anderer. Pfotenscharren drang vom Höhlenausgang her zu uns.
    Dann wurde es wieder still.
    "Los jetzt.", zischte Pilzkralle. "Es gibt einen Hinterausgang."
    "Stopp. Moospfote, lass uns die Jungen aufteilen."
    Die schwarze Kätzin sah mich fragend an und ich murmelte: "Nur so ein Gefühl." Schnell teilten wir die Tasche, ich übernahm Seerosenjunges und Gewitterjunges, Moospfote Schillerjunges und Seidenjunges.
    Pilzkralle war bereits zu einem schmalen Streifen Licht gekrochen, der durch ein winziges Löchchen am Ende der Höhle die Schatten ein wenig verdrängte.

    Es war nun Nacht. Wie Laternen strahlten die Sterne um die Wette, aber mich erinnerten sie heute eher an Schüsse, wie die von Jägern. Außer den Grillen und den Schreien einer Eule (im sicheren Abstand) war alles ruhig.
    Das Gras raschelte leise, während wir von Gebüsch zu Baum und Strauch schlichen, der kühle Nachtwind ließ meine Schnurrhaare und mein Rückenfell leicht zittern. Und zu meiner Überraschung waren meine Kinder sogar noch leiser als das vorsichtige Auftreten meiner Pfoten, mit dem ich den Hunden zu entgehen versuchte.
    Pilzkralle ging voran mit zügigem Tempo, doch seine Augen huschten unruhig hin und her und wenn er sich nach uns umschaute, waren mir seine Bewegungen eindeutig zu verkrampft. Er wartete und wusste, dass sie uns finden werden.
    Zu dritt kauerten wir uns unter eine hervorstehende Wurzel.
    "Was jetzt?", flüsterte Moospfote. Der braune Krieger schüttelte leicht den Kopf. "Ruhig. Wir müssen aus dem Wald. Schlafen später." Also liefen wir weiter, das Licht der Sterne und des Mondes kaum ausreichend für so einen riskanten Spaziergang.

    Plötzlich sah ich ein zaghaftes Schimmern und hielt an.
    Eine weiße Maus mit Augen aus Saphiren blinzelte mich an, saß nur ein paar Schritte entfernt unter einem Haselnussbusch. Sie putzte sich die Pfoten und verfolgte doch jede meiner Bewegungen.
    "Nova." Sie hob den Kopf. Dann piepste sie leise und kroch durch die Zweige tiefer in den Schutz der Äste.
    "Bitte komm.", miaute ich. "Lass mich nicht alleine. Ich brauche dich."
    Nova piepste erneut und Pilzkralle und Moospfote hielten an. "Schnell."
    Wie Schatten tauchten wir unter die Blätter und kämpften uns vorbei an Brenesseln immer tiefer ins Unterholz, bis Nova stehen blieb.
    "Hier bleiben wir.", beschloss Pilzkralle mit einem dankbaren Nicken und auch Moospfote lächelte freundlich, während mir klar wurde, dass sie dachten, ICH hätte das Versteck gefunden.

    15
    Ohne ein weiteres Wort rollten wir uns zusammen, aber selbst als sich die Sonne again über dem Horizont erhob, hatte ich immer noch kein Auge zugemac
    Ohne ein weiteres Wort rollten wir uns zusammen, aber selbst als sich die Sonne again über dem Horizont erhob, hatte ich immer noch kein Auge zugemacht. Trotzdem mussten wir weiter. Without Frühstück schlängelten wir uns wieder aus dem Deckicht heraus und warteten, bis die Umgebung so friedlich schien, dass ein Feind sich unmöglich in der Nähe verbergen konnte. Pilzkralle knurrte: "Los."
    Mit gespitzten Ohren schlichen wir uns von Busch zu Busch, immer auf der Hut und wachsam. Moospfotes Schweif zuckte unruhig und ich konnte Seidenjunges und Gewitterjunges bei ihr maunzen hören. Sie brauchten Milch.
    Sind sie in der Nähe?
    Woher soll ICH das wissen, du Dachskopf?
    Nur so 'ne Idee.
    Dann erreichten wir den Waldrand und schneefreie, saftig grüne Wiesen mit vereinzelten Laubbäumen erstreckten sich so weit das Auge reichte. Unwillkürlich schnurrte ich und warf Moospfote einen zufriedenen Blick zu. "Hast dich gut geschlagen, Schülerin." Sie lächelte. "Gleichfalls. Aber ich werde die beiden noch eine Weile tragen, damit du dich von der Jagd gestern erholen kannst. Alles gut."
    "Apropos Jagd.", murrte Pilzkralle. "Wir brauchen Essen und Trouble, du musst deine Kinder säugen." "Doch nicht vor euch!"
    "Siehst du hier einen geschützten Raum?"
    Seufzend legte ich mich hin und rief meine Kleinen zum Trinken. "Zufrieden." "Nein."
    Moospfote sprang auf und miaute: "Dann gehe ich jagen! Pilzkralle sollte bei dir bleiben." Der braune Kater nickte. "In Ordnung. Aber mach..." "schnell.", beendete ich seinen Satz und grinste ihn neckend an.

    Plötzlich knackste es. Entsetzen trat in Moospfotes Augen und die Kättin machte einen gewaltigen Satz rückwärts. "Trouble, nimm die Kinder und renn!"
    Hastig schubste ich die Jungen in die Tasche, Pilzkralle und Moospfote waren sofort an meiner Seite und übernahmen jeweils Schimmerjunges und Seerosenjunges.
    Wir wollten loslaufen, aber auf einmal beigte sich ein gewaltiges, gelbes Gebiss über mich und vor Schreck stieß ich ein ängstliches Fauchen aus. Pilzkralle reagierte überlegter.
    Mit einem gewagten Sprund landete er auf dem Rücken des Rottweilers, während der Rüde schnappend und knurrend versuchte, seinen unterlegenen Angreifer abzuwerfen. Ich konnte nicht hinsehen.
    "GEH!", brüllte Pilzkralle, schlug seine Zähne in den Nacken des Monstrums und ich erwachte wieder zum Leben.
    Jaulend nahm ich die Pfoten in die Hand und ich glaube, ich war noch nie zuvor so schnell gerannt.
    Wie eine Irre (oder ein Gepard, hört sich cooler an) hetzte ich über das Gras.
    Krallen gruben sich in Erde, mein Atem beschleunigte, überall war Angst und Hektik. Nur mit gewaltiger Anstrengung schaffte ich es, bei der Sache zubleiben, verbot meinen Beinen einzuknicken oder sich fallen zu lassen.
    Ein kleinerer Dackel klammerte sich kurz an mein Hinterbein, aber ich gab Gas und dem Biest einen fetten Kratzer an der Schulter, sodass ich schnaufend ein wenig Vorsprung gelang.
    Dann bemerkte ich das nächste Problem. Verdammt, wo war Moospfote hingelaufen? WO WAREN MEINE KINDER?
    WEITER.
    Gerade noch entging ich einer weiteren Attacke und schlug stöhnend einen Hacken. Gewitterjunges wimmerte.
    Schneller.
    Meine Pfoten wurden wieder zu Honig, doch ich gab noch nicht auf. Irgendwo musste es Rettung geben. War der nächste Baum schon in Sicht? Nein, selbst wenn ich es zu einem schaffte, hätte ich niemals genug Zeit, mit den Jungen an der Flanke, die Rinde hochzukommen. Ich musste es anders versuchen. Aber wie? Allmählich ging mir die Kraft aus und Panik packte mich, während ich zwei Dalmatiner und einen Schäferhund bemerkte, die nun den Versuch starteten, mich einzukesseln. Nicht mit mir und erst recht nicht mit den Jungen.
    Flink wie ein Hase rutschte ich unter dem Bauch einer Hündin hindurch und war auch schon wieder auf den Pfoten. Nicht schlapp machen. Ich musste ein Versteck suchen.

    16
    Irgendwo schrie Moospfote laut auf, aber ich sah mich nicht um. Jetzt zählte nur noch das Überleben meiner Kinder. Keuchend schlug ich einen weitere
    Irgendwo schrie Moospfote laut auf, aber ich sah mich nicht um. Jetzt zählte nur noch das Überleben meiner Kinder. Keuchend schlug ich einen weiteren Hacken, entging den Zähnen eines Dalmatiners, einer Hündin, nur knapp und raste einfach in eine Richtung, die mir am meisten versprach. Also total orientierungs- und wahllos. Dann hatte ich eine Idee. Ungefähr hundert Fuchssprünge weiter wuchs ein kleines Fleckchen Dornenkraut, das ich bereits von Habi kannte; hatte sie nicht erwähnt, dass Hunde diesen Geruch nicht ausstehen konnten? Selbst, wenn er mir nur ein paar Momente schenken konnte, das war alles, was ich brauchte. Verschwitzt und völlig am Ende rannte ich los, drei weit aufgerissenen, gierige Münder hinter mir. Ich beschleunigte. Fast wären meine zwei Kleinen aus der Tasche gefallen, aber wie durch ein Wunder konnten sie sich an ein paar losen Grashalmen festklammern. Das darauf folgende Stöhnen verriet mir, dass sie es wieder sicher in die Deckung geschafft hatten.
    Der Schäferhund bremste zuerst ab, niesend und mit Tränen in den Augen. Der zweite Dalmatiner folgte. Jetzt war mir nur noch der letzte Hund auf den Fersen, aber ich wusste, dass es nur ihn brauchte, um einer Kätzin und zwei Jungen das Leben zu nehmen. Deshalb wagte ich noch einen letzten Satz und fand mich mitten in pieksenden, scharfen Stacheln wieder. Mein Verfolger war stehen geblieben.
    Wie Tiger umkreisten die drei Bestien das Sträuchchen, die Narben an den Flanken, Pfoten, Köpfen und Rücken entgingen mir nicht. Ich fauchte. Aus Angst oder Wut? Ich wusste es selbst nicht.
    Ok. Schritt 2. Ich musste Moospfote und Pilzkralle auf meinen Standpunkt aufmerksam machen, sonst wären meine Jungen bis zum Morgen tot. Also machte ich einfach mal das erstbeste, das mir in den Sinn kam.
    Verwundert zuckten die Hunde zurück, ihre Nasen schnüffelten angeekelt, als ich einen lauten Schrei ausstieß und währenddessen die Kleinen aus der Tasche zog. Keine Ahnung, wie lange ich es tat, aber danach war ich heiser, hustete, und meine Kinder waren sicher in den Dornen verborgen. Es ging weiter. Bitte SternenClan, mach, dass diese beiden Flohpelze meine Babys finden.
    Mit neuer Kraft schoss ich aus dem Gebüsch, eine Bergkette am Horizont kam mir in den Blick und ich hielt darauf zu.
    Sie jaulten. Die Kleinen waren in Sicherheit.
    Aus den Augenwinkeln sah ich Pilzkralle und Moospfote, beide jagten mit verklebtem Fell ebenfalls zu dem einzigen Schutz, der diese Landschaft bot. Sie würden umdrehen. Später. "Rettet meine Kinder!", schrie ich ihnen zu, denn ab diesem Moment wusste ich es. Ich würde meine Kinder morgen nicht mehr wiedersehen. Alleine diese beiden Trottel waren ihre letzte Hoffnung.
    Und im nächsten Moment lag ich auch schon am Boden. Zwei Steine, die durch eine Wurzel verbunden waren, hatten sich um meine Hinterbeine zusammengezogen, ich keuchte vor Schreck und Erschöpfung.
    Die kastanienbraune Windhündin mit den kleinen Ohren und langen, zierlichen Beinen lachte gehässig und sprang um mich herum. "So schnell entkommt NIEMAND aus unserem Revier!"
    "Ich...ich wollte nicht..." Sie biss mir ins Ohr und ich erschlaffte instinktiv, um nicht noch mehr Verwundungen davontragen zu müssen. Was sie nur mit einem bösartigen Knurren quittierte.
    Die restlichen Hunde versammelten sich ebenfalls um uns. Die zwei Dalmatiner erkannte ich, sie waren wohl Bruder und Schwester. Auch der Dackel war dabei, erst jetzt fiel mir auf, dass seine Rute nur ein verkrüppelter Stummel war, seine beiden Ohren zierten unzählige feine Narben, eine seiner Vorderpfoten hatte eine böse, eiternde Wunde und am Kiefer trug er eine Narbe, die Teile seines Zahnfleisches sehen ließ. Ich schluckte.
    "Sie riecht nicht nach Menschen.", bemerkte die Schäferhündin. Ihre Hinterbeine hatten ein paar größere Narben, ansonsten schien sie noch nicht häufig in Kämpfe verwickelt. Die Windhündin bellte: "Ist doch egal! Lasst uns sie töten, Alpha hat nichts dagegen. Wetten?" "Das kannst du nicht wissen.", argumentierte der männliche Dalmatiner mit zittrigen Pfoten. Nur eine Narbe an der Brust konnte ihn von seiner Schwester unterscheiden, die wohl noch nie verletzt worden war. Die Windhündin mit dem etwas längerem Fell und den langen Schweif knurrte. "Ich habe hier das Sagen! Lucky hat MIR die Patroullie übergeben. Du hast hier nichts zu sagen, Sea. Und du auch nicht, Whisper!", schnappte sie erbost, als sich Seas Schwester zu Wort melden wollte.

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    "Honey", stöhnte ein großer, schlammbrauner Rüde mit kurzem Fell und dunklen Pfoten. "Lucky hat gesagt, zu ihm bringen, nicht töten
    "Honey", stöhnte ein großer, schlammbrauner Rüde mit kurzem Fell und dunklen Pfoten. "Lucky hat gesagt, zu ihm bringen, nicht töten. Wir müssen los." Die restlichen Hunde nickten zustimmend. Nur Honey schien nicht zufrieden. "Ihr spinnt doch. Es ist eine KATZE. Die können Storms und Flowers Welpen töten, diese Viecher." Ich hob den Blick und sah der Windhündin direkt in die Augen. "Ich habe noch nie jemanden getötet." Lügnerin.
    "Müssen wir dich tragen oder läufst du selbst?" Die Schäferhündin seufzte und ich nutzte den kurzen Augenblick, um mich noch besser zu orientieren. Ok
    - Eine Schäferhündin
    - Der große, braune Rüde
    - Die zwei Dalmatiner
    - Ein Kampfdackel
    - Honey, die Böse
    - Drei Rottweiler
    - Vier weitere Mischlinge
    Überwältigen und flüchten ausgeschlossen. "So ein Blödsinn!", schnappte Honey. Die vorderen Hunde sprangen erschrocken zurück, als sie sich zu mir beugte und die Fesseln enger zog. "Was machst du da?", wollte die Schäferhündin wissen. Hones warf ihr einen finsteren Blick zu, als der Dackel näher kam, bleckte sie die Zähne und ich zitterte, als sie mich am Nacken nahm und in die Luft hob.
    "Honey, ich bin sicher, sie will selber gehen." "WEIß ICH DOCH." Und so setzten wir uns in Bewegung. Für so eine große Gruppe ging es erstaunlich schnell. Wie erwartet eilte Honey an die Spitze und der Trupp raste los, als ob sie nicht mindestens zehn Minuten hinter drei verschiedenen Katzen hinterhergejagt wären.
    SternenClan, Pilzkralle und Moospfote müssen meine Babys finden. Lass MICH sterben, wenn ihr Gesellschaft wollt.
    Die Dalmatinerhündin trabte in flottem Tempo neben uns und flüsterte: "Alles gut, Kätzchen. Lucky ist kein Mörder. Er ist ein guter Alpha."

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    Honey knurrte nur und die Dalmatinerin verzog sich wieder zu Sea. Ich hatte Angst. Am liebsten hätte ich sie gebeten zu bleiben, aber das wäre moral
    Honey knurrte nur und die Dalmatinerin verzog sich wieder zu Sea. Ich hatte Angst. Am liebsten hätte ich sie gebeten zu bleiben, aber das wäre moralisch nicht in Ordnung und somit gegen mein eigenes Gesetz gewesen. Also war ich still. Eine Weile trabten wir im halsbrecherischem Tempo über eine weite Wiese, dann bogen wir in einen dieser kleinen Nadelwälder und meine Freunde waren immer noch nicht in Sicht. Ich tröstete mich, dass sie vielleicht genau in dem Moment nach meinen Jungen suchten. Sie mussten doch gesehen haben, dass die Hunde mich ohne Tasche eingefangen haben! Oder hatten sie sich überhaupt umgedreht? Noch nie hatte ich mich so alleine gefühlt.
    Als Honey sich der Mitte des Forstes näherte, spürte ich, wie sich ihr Griff selbst ein kleines bisschen verstärkte. Aus Taktgefühl sagte ich nichts. War da etwa jemand wegen seinem Alpha nervös? Ich war froh, dass das unter Katzen nie der Fall war und senkte unterwürfig den Kopf. Kein Grund, Krallen zu riskieren.
    In der Mitte der Baumgruppe befand sich ein Tümpel mit vielleicht zehn Fuchslängen Umfang. Und darum herum war sämtliches Schilf aus dem sandigen Untergrund gerissen, weiches, angenehmes Gras zierte den Uferrand und als ich mir vorstellte, wie es sich wohl unter meinen Ballen anfühlen würde, musste ich zufrieden seufzen. Ihre Zähne gruben sich noch etwas mehr in mein Fell.
    Etwas abseits des Sandes waren mehrere Bauten an den Rand der Mulde gegraben, einige neugierige Köpfe streckten sich bereits uns entgegen, als Honey auf den Bau ganz am Ende der Lichtung zusteuerte. Sie schluckte. Wie würde es Lucky auffassen, dass ausgerechnet bei ihrer ersten Patroullie der erste Eindringling gefasst worden war? Aber immerhin von ihr.

    Ein großer, schimmernder Golden Retriever mit hübschen Augen blinzelte uns aus dem Halbschatten entgegen. Honey vergaß zu atmen, nur mein leicht hin und her schwingender Schweif erinnerte ihren Hals an seine eigentliche Aufgabe. "Sei gegrüßt, Alpha!" Sie fühlte sich dumm und ihr war klar, dass ihr Bellen in eine viel zu hohe Tonlage hinaufkletterte. "Honey?", fragte Lucky und warf mir einen beunruhigten Blick zu. "Was ist los?"
    "Nichts.", miaute ich leise und sah auf meine in der Luft hägnenden Pfoten. "Das sieht anders aus."
    Jetzt ließ mich die Windhündin einfach fallen. Mit einem erschrockenem Fauchen landete ich direkt auf meinen Pfoten und war unendlich dankbar, eine schwarze Katze zu sein. Vielleicht war ich so bedrohlicher als eine mit hellem Pelz? Aber wie weit würde mir das nützen?
    "Lucky. Alpha." Sie sortierte ihre Gedanken neu. Your Soulsister. What?
    "Wir haben diese Streunerin am Rand unseres Reviers aufgegriffen. Und mir ist eben aufgefallen, dass ich vergessen habe, Hunde hinter ihren Gefährten herzuschicken. Entschuldigung, Lucky. Alpha." Der Rüde seufzte genervt und ich versuchte, mir nichts davon anmerken zu lassen, dass ich sämtliche Gedanken und Gefühle seiner ersten drei Bände kannte. Ich bereute es, nicht weiter gelesen zu haben.
    "Worauf wartest du, du junger Hund?", knurrte er. "Schick welche." "Äh...Sea? Whisper?" "Die sind bei Flower und ihren Welpen.", berichtete eine Australian Sheperd-Hündin mit dunkelblauen Augen, die gerade dazugekommen war.
    "Hallo.", begrüßte sie mich mit einem freundlichen Nicken. "Ich bin Cloud, Seas, Whispers und Flowers Mutter. "Guten Tag, Cloud.", sagte ich gleich etwas ruhiger. "Mein Name ist Wildherz." 'Sei gegrüßt, Wildherz." Honey schien diese Unterhaltung gar nicht zu gefallen. "Cloud, das ist eine KATZE. Du solltest nicht mit diesen Streunern reden. Deine Tochter hat Welpen; was ist wenn diese Wildherz sie heute Nacht im Schlag umbringt? Schäm dich. Geh jetzt und mach dich nützlich!" Sie schnaubte zufrieden und ehe Cloud etwas antworten konnte, fuhr Lucky dazwischen: "Nimm das Maul nicht zu voll, Junghündin! Cloud ist eine viel erfahrenere, ältere und auch sichtbar KLÜGERE Hündin als du! DU bist es, die hier ihre Pflichten vernachlässigt. Du solltest eine Patroullie losschicken. Ein Nichtsnutz bist du. Genau wie deine Mutter Sweet. Ich schäme mich, dein Vater zu sein. Dass Sweet beim dritten großen Knurrer, du weißt schon, nachdem wir uns endgültig wegen ALPHA getrennt haben, umgekommen ist...ist nur DEINE Schuld! Wegen deinem EGOISMUS liegt meine Exgefährtin bis heute noch unter einem Lärmkasten, tot, und du zeigst weder Respekt noch lernst du dazu. Geh mir AUS DEN AUGEN."

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    Winselnd senkte sie den Kopf. Cloud wollte zu ihr, aber rasend vor Wut, bellte Lucky sie an und die ältere Hündin trat zurück. "Wie du willst,
    Winselnd senkte sie den Kopf. Cloud wollte zu ihr, aber rasend vor Wut, bellte Lucky sie an und die ältere Hündin trat zurück. "Wie du willst, Alpha.", murrte sie ohne ihm in die Augen zu sehen. Honey floh in den Schatten der Bäume. "Und du, Wildherz." Mit zusammengekniffenen Augen beäugte er mich, dann fuhr er fort: "Du schuldest mir Auskunft, weshalb du dich auf unserem Revier aufhältst und was deine Freunde vorhaben." Er gab Cloud ein Zeichen und die Hündin rannte zum nächsten Bau links von uns, Richtung Welpenkläffen. "Komm herein und mach es dir bequem. Du siehst hungrig und durstig aus. Ich will ein guter Gastgeber sein." Wir verzogen uns ins Halbdunkel. Unerwarteterweise war Alphas Bau mindestens doppelt so groß wie die der anderen Rudelmitglieder. Das ist nicht Luckys Art. Ich weiß. Aber ich habe so Hunger. "Bitte." Lucky machte es sich auf einem Laubkissen aus orangen und roten Blättern gemütlich. "Setz dich. Und nimm dir etwas vom Kaninchen." Ein hellbrauner, gelblicher Nager lag ausgestreckt und schon zur Hälte verzehrt zwischen uns. "Ich danke dir, Alpha.", miaute ich höflich und nahm mir ein kleines Stück. Belustigt sah Lucky mir zu, wie ich das Fleisch herunterschlang und mir gleich eine zweite Portion nahm. Auch ich musste über meine eigene Gier schnurren. Nur dann schnell weiterkauen. "Also, Wildherz war dein Name." "Ja, Alpha." "Nenn mich nicht so. Ich bin nicht dein Rudelleiter. Für dich heiße ich Lucky." Ich antwortete mit weit geöffneten Augen: "Ja, Lucky." "Weshalb habt ihr unser Revier betreten? Bis jetzt haben das Streuner noch nie getan." "Wir sind keine Streuner, Lucky. Meine Freunde und ich gehören zu den KatzenClans am Rande des Zweibeinerdorfes." Er zuckte mit der Nase. "KatzenClans? Davon habe ich in meinen Tagen als Rudel- und Rinzelhund nicht gehört. Erkläre."
    "Meine Kameraden und ich, wir sind der LibellenClan. Moospfote und Pilzkralle dagegen, das waren die zwei anderen Katzen, gehören zum FuchsClan. Es gibt auch noch andere. Aber wir wollen keinen Streit mit den Hunden, für gewöhnlich kommen wir auch nicht hier her."
    "Willst du etwas trinken?" Gerade eben hatte ich wohl meine vierte Portion beendet und schnippte dankbar mit dem Schweif. "Ja, bitte." Der goldfarbene Rüde ging in den hinteren Teil und kam mit einer seltsam geformten Wurzel mit Wasser innen drinnen wieder. "Wahnsinn!", staunte ich. "Wie tut ihr so etwas?" Er lächelte. "Hundegeheimnis. Warum seid ihr hier her? Und wohin sind deine Freunde?" "Na ja. Wir sind auf eine Mission geschickt worden. Wir haben auch so etwas wie einen Alpha. Aber ich darf nicht mehr davon erzählen. Was du zu wissen brauchst, ist, dass es dich und dein Rudel nicht betrifft." Er atmete erleichtert aus. "Gute Neuigkeiten. Aber deine Freunde?" Ich seufzte. "Das sind nicht meine Freunde. Ich bin ihre Sklavin. Und unterwegs habe ich meine Jungen verloren." Lucky sprang auf. "WIE BITTE? HONEY HAT EINFACH TIERBABYS IM STICH GELASSEN!" "Ich...ich weiß nicht einmal, ob sie es mitbekommen hat, Lucky, wirklich! Aber ich muss los!", erklärte ich. "Ich muss meine Kinder und dann meine Meister suchen!"
    Ich stand auf und wollte wieder ins Sonnenlicht und mich auf die Suche machen, aber Lucky war schneller und versperrte mir den Weg. "Erstens.", bellte er. "Wirst du mir jetzt sofort den Ort beschreiben, wo du deine Junge verloren hast. Und zweitens, ich werde dich nicht als Sklaven ausliefern. Hier im Rudel hast du Asyl, kein Tier soll in Gefangenschaft leben, wenn ich es verhindern kann. Alpga verbietet es dir, diesen Bau zu verlassen, bis er etwas anderes anordnet!" Und ehe ich widersprechen konnte, war er weg.

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    Weil ich sonst nichts besseres zu tun hatte, setzte ich mich einfach in den Schatten des Baus und beobachtete das Treiben draußen. Irgendwann hörte
    Weil ich sonst nichts besseres zu tun hatte, setzte ich mich einfach in den Schatten des Baus und beobachtete das Treiben draußen. Irgendwann hörte ich leises Pfotengetrappel und drei kleinen Welpen huschten in die Dunkelheit. "Na nu." Sie erstarrten. "Wer seid denn ihr? Wo ist eure Mutter?" "Bitte nicht petzen.", winselte das Weibchen. Es waren drei Mischlinge, wahrscheinlich halb Schnauzer, halb Dalmatiner und ihre Pfötchen zuckten so süß, wenn sie nicht still halten wollten. "Tu ich nicht. Ich bin Wildherz."
    Das größere Männchen kam vorsichtig und mit großen Welpenaugen näher. "Bist du eine Katze?" "Ja. Und du ein Hund." "Natürlich!", bellten das Weibchen und der kleinere. Auch der Große maulte beleidigt: "Wir sind doch nicht blöd!" "Hab ich nie behauptet." "Mama hat uns von dir erzählt. Stimmt es, dass du auch aus einem Rudel bist? Fühlst du dich nicht einsam unter den Hunden?", wollte die Kleine wissen. Da ertönte aufgeregtes Bellen. Erschrocken flohen die drei in den hinteren Teil, ich dagegen trabte zum Ausgang, setzte mich und spitzte gespannt die Ohren.
    "Meine Welpen!", jaulte eine Riesenschnauzerin, die soeben aus dem Bau rechts von mir stürzte. "Kläff, Flüster, Krabbel!" Dicht hinter ihr befanden sich Sea und Whisper. Nervös umkreisten sie ihre Halbschwester, die Nasen witternd in der Luft.
    Cloud, der Dackel, dessen Namen ich vergessen hatte, falls er überhaupt schon erwähnt worden war, und eine große, zierliche Windhündin mit rein weißem Fell und hellblauen Augen trabten zu ihnen. "Was ist passiert?", bellte Cloud; die große Hündin scharrte ungeduldig mit den Vorderpfoten. "Die Welpen sind weg.", jammerte Sea, während die Schnauzerin und Whisper sich bereits auf die Suche machten.
    "Kann es sein, dass du nach deiner Halbtante benannt wurdest?", miaute ich der Welpin zu, die sich mit ihren Brüdern unter Luckys Bett versteckte. "Vielleicht.", grummelte sie. "Ihr könnt nicht einfach verschwinden. Eure Mutter macht sich Sorgen und hat Angst um euch."
    Kläff protestierte: "Woher willst du das wissen? Honey sagt, Katzen haben keine Gefühle. Du hast doch keine Ahnung!" "Mehr als du, Klugscheißer. Und wenn ihr nicht freiwillig rausgeht, sage ich ihnen, wo ihr seid." "Warum?", winselte Flüster. "Dann beißt uns Papa! Er beißt uns immer, wenn wir etwas falsch machen und Mama traut sich nicht, etwas dagegen zu tun. Deshalb sind wir auch weggelaufen. Bitte verrat uns nicht! BITTE!" Ich zuckte mit den Schnurrhaaren und legte mich zu den Kleinen. "Erzählt mir mehr über euren Vater. Aber erst mal, kommt aus den Blättern raus, sonst bekommt ihr noch irgendwas ins Fell." Zögerlich befreieten sie sich aus dem Laub und einer nach dem anderen kuschelte sich in meinen Pelz.
    "Vielleicht haben Katzen ja doch Gefühle.", flüsterte Krabbel und Kläff sagte: "Papa gehört nicht zum Rudel. Alpha lässt ihn nur ins Lager, weil Mama früher eine Haushündin war, dann Papa kennengelernt hat und schließlich ein Rudel wollte. Papa ist ein Einzelhund, genau wie Alpha früher."
    "Wie sieht er aus."
    "Groß, schwarz-dunkelbraun.", erwiderte Flüster. "Er ist ein Mischling, Mama sagt aus Dobermann und Schäferhund. Seine Eltern waren auch Streuner, haben aber dann das Graue Rudel in der Fernen Stadt gegründet. Er wollte lieber unabhängig sein."
    "Graues Rudel?"
    "Ja.", antwortete Kläff. "Und zwar in der Fernen Stadt. Die Langpfoten nennen sie München. Aber sie ist weit weg, deshalb heißt sie für uns einfach nur Ferne Stadt."
    "Und was ist das für ein Rudel?" Krabbel erschauderte. "Die sind nicht nett, hat Mama gesagt. Mehr verrät sie uns nicht. Aber ich glaube, sie liebt Papa nicht mehr."
    "Mama nennt ihn Messer.", fügte Flüster leise hinzu. Ich fragte: "Ist das sein Name?" Die drei nickten.

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    "Und kennt ihr vielleicht auch Füchse?" "Natürlich!", beeilte sich Krabbel zu sagen und kam somit früher als Kläff, der ihm ei
    "Und kennt ihr vielleicht auch Füchse?" "Natürlich!", beeilte sich Krabbel zu sagen und kam somit früher als Kläff, der ihm einen bösen Blick zuwarf, zu Wort. Mein Herz machte einen Salto. "Welche?" "Viele.", bellte Flüster. "Es gibt hier sehr viele Füchse weiter im Süden, sagen die Großen."
    "Flüster?" Eine Silhuette zeichnete sich am Eingang ab und ihr Schatten ließ das Glitzern in den Augen der Welpen verschwinden. Lucky war zurück. Verwirrt betrachtete der goldfarbene Rüde erst mich und dann die Kleinen. "Was hat das zu bedeuten?" "Meine Kinder!" Eine vollständig aufgelöste Riesenschnauzerin drängte sich vorbei am Alpha und zu uns. "Du!", knurrte sie. "Alpha, diese Streunerin hat meine Babys entführt!"
    "Aber das stimmt nicht!", widersprach ich. "Sie...sie hatten Angst und da habe ich..." "Still!", unterbrach mich Lucky. "Bringt die Welpen wieder in IHREN Bau." "Natürlich, Alpha!" Hastig packte die Schnauzerin Krabbel am Nacken und stieß Flüster und Kläff mit den Pfoten vorwärts. "Los jetzt!" "Mama..." "Nein!"
    Die kleine Familie verließ den Bau und mich mit Lucky zurück. Er war wütend. "Immer diese Katzen!", knurrte er. "Machen nur Ärger." "Ich habe wirklich nichts gemacht!", jaulte ich. "Du musst die Welpen fragen!"
    "Ich schäme mich, dich verteidigt zu haben. Raus mit dir." Geduckt schlich ich mich zurück auf die Lichtung, während sich die Blicke der angesammelten Hunde mir in den Pelz brannten. Lucky folgte mir mit einem seltsamen Ausdruck im Gesicht. "Rudel!", bellte er so laut, dass es auch die hinteren Hunde hören konnten. "Diese Katze, unsere Gefangene, hat Welpen geklaut und muss nun bestraft werden, um nicht den Zorn der Himmelshunde auf sich zu ziehen." Ich schrie: "Lucky, ich habe nichts getan!" Er ging nicht darauf ein. "Es tut mir leid.", meinte er nur. "Aber es ist das Beste für dich. Sonst werden dich die Himmelshunde jagen." "Red keinen Blödsinn! Ich glaube nur an den SternenClan!" Mein Pelz stellte sich vor Aufregung auf und mein Schweif peitschte wild hin und her, während Lucky und ich uns umkreisten. Die Blicke der Rudelmitglieder machten meine Ballen zu Kleber und meine Pfoten zu Beton.
    "Dein Problem!", kläffte jemand aus den hinteren Reihen, aber ich ließ Lucky nicht aus den Augen. Trotz seiner zornigen Augen und den hochgezogenen Leftzen startete ich noch einen letzten Versuch: "Wir sollten nicht kämpfen. Sweet würde kein Blut wollen." "Diese flohfressende Verräterin ist mir total egal. Meine Treue gilt nur dem Rudel." Bellend machte er einen Satz nach vorne und ich entging seinen scharfen Zähnen nur knapp. Dieser Rüde hatte bereits viel Leid erfahren und ich war nicht versessen darauf, das ganze wieder abzubekommen. Also warf ich mich flach auf den Boden und rutschte unter Luckys Bauch, um ihn den Angriff zu erschweren. "Bitte!", brüllte ich über das aufsteigende Jaulen hinweg. Sie feuerten ihren Alpha an. "Tu das nicht!"
    Lucky sprang zur Seite und verpasste mir einen kräftigen Tritt mit dem Hinterbein, der mich durch den Staub schlittern ließ. Ich hustete. Cloud stellte sich zwischen uns und alles wurde totenstill.
    "Geh zur Seite, bitte." Er sah ihr direkt in die nachtblauen Teiche. "Das hier ist nicht dein Kampf. " Stolz und Stärke sprühten aus ihren Augen zurück. "Deiner auch nicht. Ich weigere mich, dabei zuzusehen, wie ein wehrloses Tier von meinem Alpha getötet wird." "Ich hätte sie nicht umgebracht." "Wie willst du dir da sicher sein?" Nachdenkliches Gemurmel schwoll an, schließlich bellte Lucky: "Dann ist diese Strafe beendet! Aber sie soll sich nützlich machen. Um ihre Jungen wirst du dich kümmern, Cloud." Die Hündin nickte.

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    Die älteren Hunde beschlossen, dass ich vorerst bei Cloud übernachten durfte und das machte mich froh, denn dann würde ich wenigstens abends nicht
    Die älteren Hunde beschlossen, dass ich vorerst bei Cloud übernachten durfte und das machte mich froh, denn dann würde ich wenigstens abends nicht von meinen Babys getrennt sein. Überhaupt fiel mir jede Sekunde schwer, in der ich mich weiter als einen Meter von ihnen entfernen musste. Denn Luckys Suchtrupp war erfolgreich gewesen. Mit Ausnahme von einem winzigen Kratzer über Seidenjungee rechtem Auge und einer Erkältung von Gewitterjunges waren sie sogar unverletzt. Ganz lange und ganz fest drückte ich sie an mich, bis mein Herzklopfen mit ihrem in Einklang war. Lucky trennte uns. Zwar vorsichtig und mitfühlend, aber dennoch bestimmt. "Ich will, dass du zum Ufer gehst und schaust, ob du was für's Rudel fängst. Katzen können doch fischen, oder? Dort, beim Teich." Ich war einverstanden, wartete aber trotzdem noch ab, bis ich die zwei Kleinen mit Cloud in der Welpenstube verschwinden sah. Dann machte ich mich auf zum Wasser in der Mitte des Lagers. Ein paar der Hunde sahen mir sichtlich zufrieden dabei zu. Zum Glück war das Nass nicht sehr dreckig und es machte mir auch nicht sonderlich viel los, mir die Pfoten wet zu machen. Alles gut. Einfach ausprobieren.
    Bis zum Nachmittag war ich schon mit säntlichen Techniken durch, die mir unsere Biologie-Lehrerin in der Menschenschule erklärt hatte und immer noch ohne Ergebnis. Es MUSSTE doch irgendwann funktionieren! Als es anfing, zu dämmern, erlaubte mir Alpha aufzuhören und müde und frustriert ließ ich mich in das eher härtere Moos neben Cloud fallen, die wohl gerade mit den anderen Rudelmitgliedern draußen aß. Ich hätte auch fragen sollen/können, ob ich mir etwas nehmen durfte. Aber ich war einfach nur erschöpft. Meine Kinder krabbelten instinktiv zu mir ins Fell und ich musste schnurren, als ihre weichen Nasen mir in die Seite stießen. "Schon gut, alles klar." Ich ließ sie trinken. "Ich hoffe nur, dass es euren Geschwistern auch gut geht.", sagte ich mehr zu mir als zu ihnen und beobachtete einen Schwarm Spatzen der draußen am roten Himmel mit den Wattebauschen gen Süden zog. Sie waren so frei. Wann hatte ich mich das letzte Mal gefühlt? Wann war ich zuletzt ein Spatz gewesen?
    Ich schlief schneller ein als gedacht und war unendlich dankbar dafür. Es stand außer Frage, dass ich diese Kraft später noch brauchen würde. Trotzdem träumte ich nur seltsames Zeug. Später konnte ich mich nicht mehr erinnern, was davor war, aber irgendwann landete ich in einer kleinen Einzimmerwohnung uns starrte trostlos an die Ecke. Der Geruch von Essensresten und altem Gemüse drang zu mir, aber dieses Gift würde nicht einmal eine Streunerin kurz vor dem Vergungern wie ich essen. Und die vier kleinen Fellknäuel, ihre Kinder, erst recht nicht.
    "Steh auf, Wildherz. Ich soll dir etwas geben." Langsam hob ich den Kopf und sah aus mitternachtblauen Augen direkt zu Schwarzherz. "Du?" Meine Stimme klang heiser. Ich hatte sie schon eindeutig zu lange nicht mehr benutzt.
    Auch der schwarze Kater schien sich hier nicht sehr wohlzufühlen. Ständig huschten seine Blicke zu allen Seiten, dieser Raum gefiel ihm nicht. Konnte aber auch am Schimmel liegen, der sich an Decke und Eänden entlangzog. "Kannst du nicht etwas schöneres träumen?", murrte er genervt. "Na ja. Gab neulich nicht sehr viele schöne Erlebnisse."
    Er schnaubte. "Ist mir doch egal. Nein, vergiss das. Manchmal falle ich noch in mein altes Leben als FuchsClaner zurück. Es tut mir leid."
    Ich funkelte ihn an.
    "Tut es nicht."
    "Nein, du hast recht. Aber diskutieren kannst du auch mit Veilchenmond. Das ist nicht meine Aufgabe." Hi. What?
    Um diesen seltsamen, absurden Gedanken wieder loszuwerden, schüttelte ich den Kopf und miaute: "Und was führt dich dann her." "Das hier. Rattensprung und Wolkenblatt haben es mir gegeben."
    Direkt vor den schwarzen Pfoten lag ein Zettel, der aus verschiedenen Blättchen zusammengebastelt worden sein musste. "Es ist wichtig. Verlier ihn nicht." Schwarzherz war verschwunden. Mit steifen Beinen sprang ich von der Matratze, auf der ich mich eindeutig zu lange hingelegt hatte, auf und beschnupperte das Ding argwöhnisch. "Warum sollte man mir so etwas schicken." Es könnte wichtig sein. Du könntest auch leise sein. Punkt für dich. Ich hab dich vermisst. Kurz war es tatsächlich still. Ich dich nicht.

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    ((big))Wurzelstern, braun, m((ebig)) ((blue))Molchschatten, dunkel schildpattfarben, m ((eblue)) ((fuchsia))Blauglanz, blau-grau, w ((efuchsia)) ((cur
    Wurzelstern, braun, m

    Molchschatten, dunkel schildpattfarben, m

    Blauglanz, blau-grau, w

    Pilzkralle, braun, m
    Schmalmond, weiß, m
    Laubrache, dunkel schildpattfarben, m
    Teichnase, weiß, w
    Regenplätschern, grau getigert, w
    Nadelsprung, dunkelbraun getigert, m
    Diamantenrausch, weiß, schwarz getigert, w
    Dreckpelz, cremefarben, m
    Strudelfang, hellgrau, m
    Fuchszahn, rot, m
    Sina, weiß mit orangen Flecken, w
    Lila, weiß mit lila schimmernder Tigerung, w
    Rindenklaue, dunkelbraun getigert, m
    Blassnase, hellgrau mit schwarzer Tigerung, w
    Hairiss, schwarz mit weißen Pfoten, m
    Dämmerflucht, rot-schwarz-weiß, m
    Lehmpilz, cremefarbe, schwarze Pfoten, m


    Moospfote, schwarz, w
    Mohnpfote, rot-schwarz, m
    Schneepfote, cremefarben, weiße Schwanzspitze, m
    Bärenpfote, cremefarben, braune Schwanzspitze, m
    Amselpfote, cremefarben, schwarze Schwanzspitze, m
    Silberpfote, weiß, hellgrauer Brustfleck, w
    Himmelpfote, grau getigert, w


    Flussklee, dunkelbraun, w
    Bussardflug, hellbraun getigert, m
    Rubinhaar, dunkelbraun, leicht rötlich schimmernd, m
    Samira, weiß mit dunkelgrauen Flecken und drei Beinen, w
    Maja, goldfarben, w


    Es war nichts weiter als die Aufzählung der im FuchsClan lebenden Katzen. Aber in der letzten Zeile stand etwas anderes:

    Zu gegebener Zeit werden die zu sterben verdammten Katzen die Farbe der untergehenden Sonne annehmen. Wähle weise, mit wem du diese Information teilst.

    Meine Junge schrien und ich wollte schauen, was los war, aber noch davor weckte mich Vogelgezwitscher. Ich hob den Kopf, blinzelte träge ins strahlende Sonnenlicht.
    "Hallo!"
    Eine geduckte Flüster näherte sich mir unauffällig, sprang in die Welpenstube und versteckte sich hinter mir. Es hätte mich nicht wundern sollen, dass sie schon wieder in einem Schlamassel steckte. Ich fragte: "Und was hast du jetzt wieder ausgefressen?" "Nichts. Nur für dich." Sie schob mir mit der Schnauze ein Eichhörnchen vor die Pfoten und ich lächelte berührt. "Danke." "Bitte." "FLÜSTER." "Ich muss gehen."
    "Guten Morgen, Wildherz." Cloud trabte zu mir und steckte den Kopf unter die Haselnusszweige, sodass ihre Ohrenspitzen leicht das Blätterdach berührten, was den zarten Ästchen ein kaum vernehmbares Rascheln entlockte. Natürlich merkte ich so etwas. Man hatte mich im Wald jagen geschickt. Oder so etwas ähnlichem. Sehnsucht erfasste mich beim Gedanken an das Territorium meines LibellenClans. Wie ging es gerade den Libellenseen?
    "Alpha hat mich gebeten, dir auszurichten, den Junghunden Kampftechniken zu zeigen. Ich werde solange auf deine Kinder aufpassen. Grummel und Sanft? Kommt her, ich mache mit euch einen Spaziergang." Es war so cute. Auf diese Namen wäre ich niemals gekommen!
    "Wo soll ich hin?", miaute ich. Eine zarte Brise verwuschelte mir das Fell trotz der Blätter und ich beschlosd, die Morgenpflege auszulassen. Für die Junghunde nur, natürlich. "Komm!"
    Cloud und ich übernahmen jeweils ein Junges und die alte Hundedame führte mich zu einer weiteren Lichtung, kaum drei Bärenlängen vom Hauptlager weg.
    Dort warteten bereits vier Hunde. Ein Beagle mit schlammbraunem Fell hob fragend den Kopf, als er das Murren von Grummel vernahm und ich lächelte verlegen. Zwei weitere Schäferhündinnen, die einfach nicht auseinander zu halten waren, sprangen sofort auf, um ein übereifriges Training zu starten, der letzte Junghund war für sein Alter noch winzig und vielleicht eine Mischung aus Labrador und Windhund.
    "Guten Tag, Tröpfel, Spring, Fetz und Winsel! Das hier ist eure vorübergehende Lehrerin, Wildherz.", begrüßte Cloud die vier. Die Stimmung war auf der Stelle im Keller. "Was?", bellte, glaube ich, Fetz. Es war noch nicht einmal gedacht, um meine Gefühle zu verletzen. Die Empörung und die Trauer in ihrer Stimme waren echt. Cloud nickte zufrieden. "Genau. Ihr werdet auf sie hören. Wenn es Probleme gibt, müsst ihr sie selbst lösen. Auf Wiedersehen!"
    Wir riefen ihr noch zum Abschied zu, bis die Sheperd-Hündin hinter den Bäumen verschwunden war. Dann wurde es still.
    "Also.", krächzte ich. Winsel legte wütend die Ohren an. Irgendwer knurrte. "Wir könnten mit einer einfachen Übung anfangen. Nur eine Runde von der Eiche dort hinten bis zu dieser kleinen Tanne neben mir laufen. Und zurück. Damit sich eure Muskeln aufwärmen." Keiner rührte sich. Nur Spring. Einfach so fing sie an, mich anzubellen und ich musste meine Ohren anlegen, um bei diesem Lärm keinen Hörschaden zu bekommen. Fetz war weit weniger freundlich. "Du denkst wohl, ein Hund ist nicht zu mehr imstande, ge, Katze?" Sie hächelte höhnisch. "Lass mich dir das Gegenteil beweisen!" Mit einem Frontalangriff schlug sie gekonnt ihre Zähne in meinen Rücken und warf mich bis gegen die Eiche. Ich stöhnte und konnte Blut an der Rinde erkennen. Es war viel. Oder sah ich einfach doppelt?
    "Was soll das?", sagte Tröpfel, der Beagle. "Das ist es nicht wert." "Wert? Ich bin mehr wert als du, Froschdreck!", jaulte Fetz und wollte sich am anderen Junghund vergreifen. "Lass das!", fuhr ich dazwischen und ganz kurz zögerte sie. Es war lange genug.
    Knurrend nahm ich Anlauf, segelte einen Moment in der Luft und schloss die Augen. Konzentration. Mach, was Nusspelz dich gelehrt hat. Du packst das.

    24
    Ich packte es eben nicht. Zu geschwächt waren meine Beine vom dauernden Wegrennen, sämtliche Energiereserven waren aufgebracht. Außerdem hatte ich
    Ich packte es eben nicht. Zu geschwächt waren meine Beine vom dauernden Wegrennen, sämtliche Energiereserven waren aufgebracht. Außerdem hatte ich gestern Abend nichts gegessen. Wie auf Kommande knurrze mein Magen (und zwar SCHÖN laut) und brachte mich gekonnt aus dem Konzept.
    Beim Aufprall auf die Erde hörte der Wald ein leises KNACKS. Ich hörte es. Die Hunde hörten es. Mein Schrei hörte es. Was ein schöner Tag! Meine Flanke peallte auf die Erde, wobei mir eine Wurzel schmerzhaft in die Wunde schnitt. Trotzdem wagte ich es nicht, mich zu bewegen, was mich an Habi erinnerte und was sie erst vor sechs Monaten zu mir gesagt hatte. War es wirklich schon so lange her? Das war die körperliche Schockstarre, die direkt nach größten Schmerzen einsetzte, obwahl der Geist noch problemlos in der Lage war, zu funktionieren. Dieser Schutzmachanismus wurde automatisch bei dem wortwörtlichen Zusammenbruch der Nerven in Betrieb gesetzt und diente dazu, dass die Katze vor Blut und Schmerz nicht wahnsinnig wurde. Was trotzdem durchaus mal vorkam.
    Auch die Hunde schienen von der neuen Situation mehr als überrascht. Damit hatten sie nicht gerechnet. Fetz sprang kläffend auf mich zu, aber ihre Schwester Spring stoß sie kraftvoll zur Seite und jaulte: "Sie ist verletzt! Die Katze steht nicht mehr auf!" "Wie heißt die noch einmal?" Schnüffelnd kam Tröpfel näher und untersuchte das stöhnende Häufchen Fell genauer. "Wildblut? Alles gut? Du lebst noch, oder?" Langsam konnte ich meine Ballen und die Schwanzspitze wieder bewegen. "HERZ!", brüllte ich ihm entgegen. Erschrocken machte der junge Rüde einen Satz zurück. Winsel hob ruckartig den Kopf und rannte im Kreis. "SIE WIRD STERBEN! BLUT! TOOOOOOOOD!" "Sag mal, HAST DU SIE NOCH ALLE?", bellte Spring. "Wir brauchen Hilfe!" Es war das reinste Chaos.
    "RUUUUUUUUHEEEEEEEEE!"
    Sofort war es still.
    "Sie lebt." "Ist das der Zustand zwischen Himmelsrudel und der Erdenhündin?" "Blut." "Holt doch endlich mal jemand Lucky!" "Oder Cloud?" "Was macht man, wenn Katzen ins Gras beißen?"
    Ich lag hier. In mitten einer Blutlache mit Schmerzen wie Hölle. Und rollte mit den Augen. "Keine Ahnung, ob wer von euch Hellschnauzen draufkommen könnte.", fauchte ich. "Aber ICH habe einen ECHT verrückten Vorschlag. Wie wäre es mit: MIR HELFEN?"
    Spring jaulte: "Bitte stirb nicht!" "ICH BIN NOCH NICHT TOT."
    Nur Tröpfel beruhigte sich allmählich wieder. "Ok. Alles klar. Wildblut, was tut dir weh?"
    "Wildherz."
    "Was tut weh?"
    "Wildherz."
    "Was?"
    "W..."
    "Halt die Fresse."
    Tröpfel und Winsel hoben mich vorsichtig auf die andere Seite, so dass sie einen Blick auf meine Verletzungen werfen konnten. "Sieht schlecht aus.", meinte Tröpfel. Winsel schüttelte den Kopf, dass seine Ohren flogen. "Quatsch. Blut sieht immer schlimm aus."
    "Gebt her!"
    Es gab wohl kaum mehr Gewalt auf dieser Welt, als andiesem GOTTVERDAMMTEN FLECK. Ohne irgendwelche SPÜRCHEN VON GEWISSENSBISSEN packte Fetz mich am Bein und zog mich von den jungen Rüden weg. Über die Erde. Mit Steinen. Und Wurzeln. Und verdammt viel Blut.

    25
    Logisch in diesem Moment wäre zu schreien gewesen. Ich stöhnte einfach nur. Genervt. Hatte NIEMAND von diesen WELPEN einen Plan? ODER ETWAS ÄHNLICH
    Logisch in diesem Moment wäre zu schreien gewesen. Ich stöhnte einfach nur. Genervt.
    Hatte NIEMAND von diesen WELPEN einen Plan? ODER ETWAS ÄHNLICHES? The first lesson is always the hardest. Show them what a great teacher you ARE! Alles klar. "Ok." Ich atmeze tief durch und ignorierte meine brennende Flanke. "Erstens: Hör auf, mich durch den Dreck zu ziehen, Fetz, sonst entzündet sich die Wunde." Die Schäferhündin ließ los. Sämtliche Blicke und Schnauzen waren auf mich gerichtet, ENDLICH war da so etwas wie...Aufmerksamkeit! *itsmagic*
    "Zweitens: Die wichtigste Regel in einer solchen Situation ist Ruhe zu bewahren. Ihr wollt Leben retten? Dann sorgt dafür, DAS IHR AM LEBEN BLEIBT. Winsel, was machst du jetzt? Einen Vorschlag, wenn ich bitten darf?"
    Nachdenklich legte der kleine Mischling den Kopf zur Seite und sah mich aus dunklen Welpenaugen an. "Hmmm...ich könnte Hilfe holen. Es ist nicht weit zum Lager." "Soll er Cloud holen?", bellte Spring dazwischen und erntete gleich mehrere böse Blicke. Ich fauchte: "Nein! Hör zu und halt deine überdemensionale Schnauze. Du redest nicht. Es sei denn, ich frage etwas oder du stirbst gerade. Nein, Winsel muss nicht los, ich will, dass er die Verletzung sepbst behandelt. Ihr seid immerhin schuld an ihr. Weshalb sollten die Älteren sich für eure Feher aufopfern?"
    "Aber...wir wissen über Blut und so gar nichts!", widersprach Spring. Fetz und Tröpfel nickten zustimmend. Nur ganz leicht senkte Winsel sein Bellen. "Wir könnten dich noch mehr verletzen."
    "Dann hättet ihr mich ja nicht gegen einen Baum werfen müssen.", konterte ich. "Und jetzt los, ich könnte STERBEN." Na gut, das war gelogen. Unschön war die Wunde, realtiv groß, blutig und garantiert würde eine Narbe bleiben. Wegen eines dummen Welpen. Aber draufgehen würde ich so wahrscheinlich nicht.
    "Gruppenkreis!", jaulte Spring und die vier Hunde versammelten sich diszipliniert und gleich viel schneller neben mir.
    Tröpfel kläffte: "Jemand muss bei Wildblut bleiben und sie verteidigen, falls Streuner uns finden."
    "Genau. Ich werde währenddessen nach nützlichen Kräutern und ähnlichem suchen." Spring bellte ein letztes Mal den anderen ermutigend zu, dann jagte sie durch den Wald davon, die Nase in die Luft gehoben, um keine hinweisgebenden Gerüche zu verpassen.
    Die restlichen zwei Junghunde sahen sich ratlos an. Also knurrte ich: "Fetz und Winsel! Bis euch etwas gutes einfällt, rennt ihr bis zur Eiche und zurück. Los!"

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    ((big))2 Monate später((ebig)) Die Narbe war, dem SternenClan sei Dwnk, unter meinem wuscheligen Fell kaum zu sehen und war auch nicht sehr groß. Ge
    2 Monate später

    Die Narbe war, dem SternenClan sei Dwnk, unter meinem wuscheligen Fell kaum zu sehen und war auch nicht sehr groß. Genau in der Mitte zwischen Schulter und linkes Hinterbein befand sie sich. Aber es war nicht schlimm.
    Jeden Tag tranierte ich von Morgendämmerung bis abends, wenn die ersten Sterne erstrahlten, together mit den Welpen. Manchmal bildete ich mir auch ein, eine schwarze Katze oder Nova hinter Tannen verborgen zu sehen. Es war aber verdammt unwahrscheinlich.
    Die Junghunde waren mit der Zeit allesamt in die Höhe geschossen. Während Winsel mich nun gut um einen halben Meter überragte, waren es bei Spring und Fetz schon ein ganzer und Tröpfel war schon mindestens so groß, wie Cloud, die sich jeden Tag fleißig um meine Junge kümmern. Auch sie waren groß geworden. Und hatten ihre Augen geöffnet. Dunkelblau wie meine, so konnte man Gewitterjunges' Clanzugehörigkeit am besten beschreiben. Seidenjunges würde sich wohl dem FuchsClan anschließen. Ab und zu betete ich auch und fragte meine Kriegervorfahren, welche Farben denn Schimmerjunges und Seerosenjunges hatten. Niemand antwortete.
    Von Pilzkralle und Moospfote hatte ich ebenfalls nicht mehr gehört. Irgendwann am Anfang war mein Blick wohl noch nach ihnen über die Grenze geschweift. Da war aber nichts. Nur Gras, Weide und vereinzelt Pflanzen.
    "Angriff, Fetz!", rief ich der gigantischen Schäferhündin zu. Wie ein Puma schnellte sie in die Höhe, wobei ihr Oberkörper schön gerade blieb, um nicht Tröpfel zu verwehlen, welcher sich zwei Meter vor ihr postiert hatte und die Attacke in Kauerlage erwartete. Fetz täuschte die rechte Seite an, sprang dann nach links und brachte den schlammbraunen Beagle aus dem Gleichgewicht. Cloud hatte mir erzählt, dass seine Eltern Streuner waren und er ins Rudel geflohen war, weil sie ihn immer gebissen und verprügelt hatten. Seine beiden Brüder lebten wegen ihnen bereits nicht mehr. Damals war mir ein Schauer über den Rücken geglitten, bei der Vorstellung, dass meine Kinder sich selbst irgendwann einmal solchen Ungrheuern entgegenstellen müssten.
    Aber er fing sich noch. Recht wenig elegant stolperte er zur Seite, richtete sich dann wieder auf und bellte triumphierend. Wie laut manche Hunde doch waren! Fetz knurrte frustriert. "Alles okay.", miaute ich. "Das war gut. Nochmal."
    Um sicher zu gehen, dass auch Spring und Winsel auf der anderen Seite der Lichtung weiterkämpften, warf ich den beiden einen warnenden Blick zu. Winsel nickte und die Übung ging weiter.
    Außer Kämpfen brachte ich ihnen auch noch Sachen bei, die sie außerhalb von Grenzstreitigkeiten brauchen würden. Zum Beispiel jagen. Vermutich strengte ich mich extra so sehr an, um die verlorene Zeit und Aufgabe bei Astpfote wieder gutzumachen.
    Aber ich konnte ihnen nicht das Hunde-Hetzen lehren, die normale Jagdtechnik jedes Wolf-Verwandtens. Und zu groß zum Anschleichen waren sie auch.
    Also rieben wir uns immer alle mit Schlamm und Blättern ein (außer Tröpfel, bei dem passte das schon) und bildeten zwei Gruppe. Auch bei anderen "Fächern" musste ich oft improvisieren. Das war wohl der Grund, weshalb meine Schülereinheit von den anderen Rudelmitgliedern die "Katzengruppe" genannt wurde. Hier lernten sie nicht nur die Weisheiten der Rudel, sondern auch die der Clans.
    Am Rand der Lichtung beobachtete uns eine junge Pudeldame mit flauschigem weißen Fell und schwarzen Kulleraugen, wobei ihr pinkes Strasssteinhalsband so sehr blendete, dass ich gar nicht genau erkennen konnte, was sie tat.
    "Wie wäre es, Flausch?", rief ich ihr über die Lichtung zu. Honey hatte sie mit einer Patroullie im Alter von ungefähr drei Wochen vor erst einem Mond an der Grenze zu unserem Revier gefunden. Bald wäre sie auch meine Schülerin. "Heute ist doch der perfekte Tag, um endlich den Ring abzulegen." Ernegisch schüttelte sie ihre fluffigen Ohren. "Nein! Das ist das einzige, dass ich noch von meinen Eltern habe!" Ich erinnerte mich an die Kette am Ufer von einem Libellensee tief in meinem eigenem Territorium. Also sagte ich nichts mehr dazu.
    In diesem Moment hörte ich Fight rufen, den kleinen Dackel, der meistens mit Cloud und meinen Kleinen spazieren ging: "Wildherz! Hier!" Ich drehte mich in Richtung des Bellens und rannte lachend meinen Babys entgegen. Sie jaulten (ja, manches gewöhnte man sich von den Hunden ab) vor Begeisterung und leckten mir stürmisch die Ohren. "Mami!", quietschte Seidenjunges. Gewitterjunges fragte: "Dürfen wir auch üben?" "Nein, noch nicht. Ihr seid erst drei Monde."
    Cloud lächelte. "Die Junghunde sind schon sieben Monde, ihr Süßen. Ich glaube, man kann sie noch nicht einmal mehr als Junghunde bezeichnen!"
    Fight nickte. "Genau, ihr müsst noch wachsen! Aber raufen dürft ihr!" Und das taten sie auch. Jeden Abend nach dem gemeinsamen Essen mit dem Rudel spielten sie mit Flüster, Kläff und Krabbel, bis auch das letzte Tierkind vor Erschöpfung eingeschlafen war. In drei Wochen würden die Welpen ihr Traning beginnen. Auch bei mir. Bei den Hunden begann es mit fünf Monden und endete schon mit acht, den Rest machte die praktische Erfahrung. Zu diesem Zeitpunkt werde ich nämlich schon bereit sein, neue Schüler anzunehmen.
    Jeden Morgen ging ich zuerst zu Alpha, um ihn zu fragen, ob ich grhen durfte. Er sagte nein. Immer. Aber inzwischen hatte ich mich ans Rudel gewöhnt und es war nichts mehr als ein Morgenritual. Wie Cloud, Silver (so hieß die Schnauzerin), Sea, Whisper und Catcher (die große Schäferhündin, Mutter von Spring, Fetz und ihrem bei der Geburt verstorbenem Sohn Fang), welche bei Morgengrauen immer zu den Gräbern ihrer Eltern liefen, um ihnen Blumen zu bringen. Cloud nahm Nelken, Silver Gänseblümchen, Sea und Whisper Rosen, Catcher Butterblumen.

    Catcher hatte auch einen Halbbruder, Run, der große braune Rüde mit der verschrumpelten Nase und den massigen Pfoten. Silver, Seas und Whispers Halbschwester, hatte eine beste Freundin, Flower, die ebenfalls mit ihren weiblichen Welpen Zuck und Schnuff die Welpenstube besetzte, welche genau dasselbe typische Shi Tzu-Aussehen wie ihre Mutter besaßen. Nur das ein grau-brauner Fleck Zucks hellblaue Augen zierte.
    Frost, Honeys Schwester, die weiße Windhündin war Tochter von Sweet und ebenfalls Luckys deutlicher Liebling. Sie war immer ruhig und so klug.
    Die drei Rottweiler waren Geschwister und schon ihre Großeltern hatten ihr Leben im Rudel geführt. Wie hießen sie? Ich glaube, die Namen waren Thrush, Bear und Shadow, alles Männchen.
    Aber die freundlichsten und gutmütigsten Hunde waren wohl immer noch Winsels Eltern, die dasselbe Ausehen wie ihr Sohn teilten (Labrador-Windhund-Mischung) -> Rose und Mouse. Roses zwei Brüder waren leider bei einem Kampf mit Füchsen ermordet worden, doch Mouses Geschwister, zwei Weibchen, Labradore mit grauem und hellbraunem Fell, ließen keine Gelegengeit aus, um den jungen Rüden zu nerven. Das war typisch für Lake und Tree.
    Es gab aber noch zwei alte Rüden und eine betagte Hundedame; Deer, Horse und Rain. Die zwei Golden Retreiver mit den dunklem Brustfleck waren schon älter als Lucky, während Rain, die schlanke, graue Windhündin ihn nur um drei Jahre übertrumpfte. Horse war Roses Vater, während die Himmelshunde die verstorbene Flight Rain als Nachwuchs zugeteilt hatte. Sie wurde von einem Jäger erschossen. Niemand sprach gerne über die graue Hündin.

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    Es wurde schon dunkel, also machten wir uns zu neunt auf den Weg ins Lager. Die Strecke war wie schon erwähnt nicht weit, aber als wir dort ankamen,
    Es wurde schon dunkel, also machten wir uns zu neunt auf den Weg ins Lager. Die Strecke war wie schon erwähnt nicht weit, aber als wir dort ankamen, war es für mich, als wäre ich in einer anderen Welt gelandet. Wie immer zum großen Essen abends hatten sich die Hunde um das Ufer versammelt, Rain, Deer, Horse und Lucky ganz vorne an der Beute. Mit Stolz erkannte ich, dass die Hällfte der Katzengruppe zum Opfer gefallen war. Aber das war es gar nicht. Direkt an der Frischbeute stand ein schwarz-brauner, riesiger Mischling und drei verängstigte Welpen blickten zu ihm hinauf: Kläff, Flüster und Krabbel. Er biss den Größten und Kläff jaulte.
    "Stopp!", schrie ich und rannte los, doch Cloud und Fight überholten mich und stellten sich mit stolz erhobenen Köpfen zwischen den Vater und seinen Nachwuchs. "Alpha, was wird das?", verlangte die Sheperd-Hündin zu wissen. Fight bellte: "Was machst du, Messer?"
    Einige Hunde stimmten murmelnd und rufend zu, doch Silver, die Mutter, noch die stets freundliche Whisper oder der ausgeglichene Sea waren zu sehen. Etwas stimmte nicht.
    Und als Lucky sprach, konnte ich nicht glauben, dass das der Held war, der einst ein ganzes Rudel vor dem sicheren Untergang rettete: "Sie haben sich vorgedrängelt. Ich schätze dein beherztes und garantiert gut gemeintes Eingreifen sehr, Cloud, aber in diesem Fall sind harte Erziehungsmaßnahmen notwendig."
    Sie war entsetzt und Fight beleidigt, dass sein Anführer ihn einfach nicht wahrgenommen hatte. "Es ist nur Essen! Im Moment gibt es genug davon!"
    Lucky jedoch schüttelte bestimmend den Kopf. Sein Urteil war gefallen. "Es ist Winter, Cloud. Wir verdanken es nur unserem großen Revier, dass wir nicht zu hungern haben und das haben auch die Welpen zu lernen."
    Der Streuner bellte zustimmend. Seine Stimme war sehr heiser und hörte sich brutal an. Als der Rüde einen weiteren Schritt auf die Junghunde zumachte und bedrohlich die Zähne bleckte, schrie Flüster vor Angst auf und Kläff stellte sich schützend vor sie. Der kleine Krabbel war zu entsetzt, um irgendwie zu handeln.
    So etwas konnte ich mir als Mutter nicht mitansehen. Was sollten meine Kinder denken, wenn ich jetzt nicht eingriff?
    "Es wird alles gut.", flüsterte ich ihnen zu. "Versprochen. Bitte bleibt hier und macht einfach nichts. Auch wenn ich schreie oder Messer mich verletzt, ja?" Tränen sammelten sich in ihren Augen. Aber sie würden auf mich hören, bestimmt.
    "Schluss jetzt!", fauchte ich, drängte mich am Alpha vorbei und postierte mich neben meine zwei geschockten Kameraden. "Das geht zu weit, Alpha! Und das sage ich nicht als ehrenhaftes Rudelmitglied, das bin ich nämlich nicht. Ich bin eine Katze aus einem euch fremden Clan. Ich stelle mich dieser Gewalt entgegen. Und zwar als Mutter."
    Fight bellte zustimmend, sah aber winselnd auf seine kleinen Pfoten, als Lucky ihn erbost anknurrte. Augenblicklich stolperten Cloud und der Dackel zurück.
    Gewitterjunges und Seidenjunges versuchten, zu mir zu gelangen, doch Rose und Flower mit ihren eigenen zitternden Welpen hielten sie zurück. Hatte Rose ihnen gerade gesagt, sie sollten wegsehen?

    28
    Messer knurrte. Das war kein freundlich gemeintes Spielknurren, sonder fiel defintiv in die Stirb-Katagorie. Jetzt musste ich mich auf meine Reflexe v
    Messer knurrte. Das war kein freundlich gemeintes Spielknurren, sonder fiel defintiv in die Stirb-Katagorie. Jetzt musste ich mich auf meine Reflexe verlassen.
    Ein paar meiner Freunde schrien entsetzt auf, als er nach meinem Hals schnappte und ich diesen gerade noch rechtzeitig wegzog. "Renn!", schrien Kläff und Krabbel. Ihre Schwester heulte, als wäre sie es gleich wieder, die unter den gewaltsamen Zähnen ihres Vaters zu leiden habe.
    Und Messer sprang in die Luft. Beinahe hätte seine gewaltige Brust mich unter ihm begraben, aber ich zog meine Hinterbeine weg und drehte mich kauernd für den nächsten Angriff um. Ein Blick in die Gesichter der anderen Hunde bestätigten nur meine größte Angst. Das hier war ein Kampf, den ich nicht gewinnen konnte.
    Einige jaulten: "Tu doch was, Alpha!" Lucky saß nur aufrecht und ohne mit der Pfote zu zucken da. Seine Augen waren hart und verbittert, doch er griff nicht ein, um mir das Leben zu retten. Nicht einmal Cloud und Fight taten das. Und trotz des gewaltigen Lärms, der rasenden Eindrücke, würde mir später nur das Weinen meiner Kinder im Gedächtnis bleiben.
    Die kurze Erholungspause war vorbei, denn Messer rappelte sich wieder auf und drehte sich mit feurigem Bellen zu mir um. Es hieß, Hunde, die bellen, beißen nicht. Versuch das nächste Mal an mich zu denken oder diesen Augenblick, wenn du deinem/deiner hundeängstlichen Freundin diesen niedlichen Kläffer aus der Nachbarschaft vorstellst. Dieser Kampf war nämlich mehr als nur real.
    Vor Wut schnaubend bäumte sich das Untier auf und diesmal war ich zu langsam. Mit voller Wucht drückten mich diese Raubtierpranken nieder, während die Zähne des Streuners tief in mein Vorderbein drangen. Ich heulte vor Frustration und Schmerz. Nun durfte ich mich nicht von der Angst ablenken lassen. Ich brauchte dringend eine Strategie. Ein Streifen abstehendes Fell flog an meinem Maul vorbei und ich zog daran, so fest ich konnte. Messer brüllte vor Wut. Mit neuer Energie rammte ich ihm meine Hinterbeine in den Hals, sodass der Rüde taumelnd und würgend von mir abließ. Erleichtertes Stöhnen und Freudenbellen erfüllte die Reihen, aber jetzt hatte Lucky genug. Der Alpha sprang auf, wirbelte herum und verpasste dem nächstbesten Hund, Rain, einen heftigen Biss in die Schulter. Das Rudel schnappte nach Luft, sogar Messer war für einen kurzen Augenblick verwirrt.
    Schnell brachte ich mich außer Reichweite, denn das war vielleicht meine einzige Chance. Zwischen den Hunden flogen verwirrte, entsetzte Blicke hin und her, während Messers Nase zuckend den Angstgeruch zur Kenntnis nahm, doch das war mir im Moment egal. Die Unterbrechung war dennoch nur kurz.
    Du bist gerettet.
    In Panik schrie ich: "Woher willst du das wissen?"
    Messer hob verwirrt den Kopf und ich hatte wieder die volle Aufmerksamkeit.
    Weil du ihn bereits siehst.
    Es kostete mich viel Anstrengung, den Blick vom langsam näher schleichenden Messer loszureißen, aber als ich in die erste Reihe sah, erblickte ich einen Fuchs. Niedergekauert und mit blitzenden Augen verfolgte er das Geschehen, wie auch sämtliche um ihn herum. Es gab nur einen einzigen Unterschied. Denn dieses Untier, war das einzige von all diesen Levewesen, das eingriff.
    Fast komplett lautlos trabte der Fuchs hinter Messer, bis er die Rute meines Gegners mit der Nase anstupsen könnte. Was er aber nicht tat. Jaulend verkündete Messer seinen nächsten Angriff, wobei der Laut vom Heulen zum Winseln überwechselte, denn Wurzel hatte den Hund fest an der Rute gepackt und zog kräftig daran. Messer wirbelte herum.
    Gezwungen ließ er vom Schweif ab und brachte sich selbst jaulend in Sicherheit, als Messer seinen Kopf nur um Haaresbreite verfehlte.
    Das war meine Zeit. Dass Wurzel alleine keine Chance gegen den Streuner hatte, war klar, und auch wenn es mir nicht gefiel: Dieser Fuchs hatte sein Leben für mich riskiert, riskierte es immer noch. Ich schuldete es ihm und behielt diesen Gedanken im Kopf, während ich wie eine Schlange vorschoss und ihm das rechte Gelenk am Hinterbein zerkratzte, sodass Blut hervorquoll.
    Und da passierte das Unfassbare. Noch mitten in der Drehung donnerte Messer mir dasselbe Hinterbein in die Rippen, was mich gut zwei Meter wegschleuderte und erst einmal heftig nach Luft schnappen ließ. Aber Wurzel verlor keine Zeit.
    Er folgte der Drehung mit einem großen Sprung, hechtete sofort wieder in die Höhe und schlug das Gebiss direkt in die Kehle von Silvers Gefährten. Er brach zusammen.
    Das ganze Rudel wurde still, denn das Herzrasen brauchte sämtliche Energie, ließ uns als unbewegliche Puppen zurück.
    Deer drängelte sich wieder nach vorne und beschnüffelte erst die Wunde, dann Messers Kopf.
    "Und?", bellte Rain, die sich immer noch die leicht blutende Schulter leckte. Sie unterbrach die Pflege, um ihrem Baugefährten einen fragenden Blick zuzuwerfen.
    Deer erwiderte: "Er ist tot."

    "Bin...ich..." Wurzels Fell sträubte sich vor Schreck und alle Hunde machten einen Satz nach hinten. Messer röchelte. "Jetzt....niemals finden...Leichen...Sea und Whisper...Silver..."
    Cloud stimmte das Klagegeheul an.

    29
    Woran ich den Fuchs erkannt hatte, der auserwählt war, die Clans zu retten? Ich wusste es nicht. Wurzel kannte ich eigentlich nur aus Wurzelsterns Auftrag, woher konnte ich mir sicher sein, dass er es war. Bis es mir einfach so einfiel. Hatte ich nicht irgendwann so eine Geschichte auf TD gelesen? Da war doch auch ein Fuchs namens Wurzel, oder?
    Sea, Whisper und Silver fand Alphas Patroullie noch am selben Tag, inmitten eines Brombeerdickichts. Das Blut hatte bereits zahlreiche Viecher angelockt, weshalb man die nun leeren Körper nur teilweise und recht wenig feierlich der Erdhündin übergeben konnte. Ob Hunde wirklich zu den sagenhaften, magischen Geistern oder wohl doch zum SternenClan kamen?
    Eine düstere und bedrohliche Zeit begann, wo immer auch unsere Gefährten hingegangen waren. Wurzel war erstaunlich wortkarg für einen Lebensretter und trotzdem stellte ich ihn noch in derselben Nacht zur Rede. Er würde vorerst bei mir und Cloud in der Welpenstube schlafen. Um Seidenjunges und Gewitterjunges fürchtete ich mich nicht, denn der Fuchs konnte anscheinend gut mit Kindern. Die beiden spielten gerade mit einem Laubball, den Wurzel ihnen geformt und übergeben hatte.
    "Also.", safte ich. Mein Magen knurrte und ich blickte verlegen zur Seite. "Sorry."
    "That's no problem.", erwiderte er und spitzte aufmerksam die flauschigen Ohren.
    "Ich muss trotzdem dringend mit dir reden und denke, du weißt, wieso."
    "Sure.", he answered. "I know about the FoxClan. Two cats came to me a month ago and wanted me to help the cats' Clans. So we looked for good warriors and after that they sent me and some others here to find you. They worried so much about you, black cat. And they were able to safe one of your kits."
    Gewitterjunges und Seidenjunges hatten aufgehört zu spielen und starrten mich ängstlich an.
    "Was hat der Fuchs gesagt, Mama?", fragte Seidenjunges. Ihr Bruder ahnte es bereits. Langsam legte er ihr den Schweif um den Rücken und begann vorsichtig ihr Nackenfell wieder glatt zu lecken.
    Ich wusste einfach nicht, was ich ihnen erzählen sollte, denn wie brachte man so kleinen, naiven Kreaturen bei, dass eines ihrer Geschwister schon vor einiger Zeit diese Welt verlassen hatte?
    Also tat ich einfach so, als hätte ich meine Tochter nicht gehört.
    "And are you able to speak Gernan, too?", erwiderte ich etwas teilnahmsloser, um den Kleinen nicht noch mehr Angst zu machen.
    Wurzel antwortete: "I'm sorry but I already do. Because I'm a fox it sounds English to you but in reality I speak German."
    Ok, das würde es vielleicht etwas schwieriger machen, aber für jemanden, der schon mit Hunden gekämpft hatte und mit 14 drei Katzenbabys aufzog, noch lange nicht unmöglich.
    Ich fuhr fort: "So what's the plan, Root?"
    "The two cats, three other foxes and a bager called Big are travelling to the Clans' territorys. It's my task to save you and bring you and your kits to that place, too."
    "Where are the other foxes? You said you aren't alone."
    "You don't have to speak English, too, but you're clever. They are waiting for us at the end of the territory of the dogs. We're in hurry, there's not much time."
    Wortlos stand ich auf, verließ den Bau und steuerte geradewegs auf Luckys Bau zu, während ich versuchte, nicht zu sehr auf die Blutspuren zu achten, die den Sand am Ufer im Mondlicht blau schimmern ließen. Der Alpga saß vor dem Unterschlupf und unterhielt sich im Moment mit Rain und Cloud.
    "Wir sollten sie nicht gehen lassen.", meinte Lucky gerade. "Wir wissen fast nichts über sie und sie defintiv zu viel über uns. Und den Fuchs hat sie auch noch nicht erklärt."
    Cloud dagegen schien unsicher. "Alpha, ich will ehrlich sein. Mein Gespür sagt mir, dass es keine gute Idee wäre, sie hierzubehalten wie eine Gefangene. Ihr vergesst, dass sie es war, die die Ausbildung unseres Nachwuchses für ganze zwei Monate übernommen hat. Es ist schade für die Junghunde, eine so gute Lehrerin zu verlieren, sicher, es ist ein Verlust für das Rudel. Aber sie darf gehen, wohin auch immer sie will."
    Lucky knurrte drohend. "Nein, gerade das eben nicht! Es ist meine Entscheidung. Ich bin ihr neuer Alpha."
    Rain schüttelte ungeduldig den Kopf und mir fiel der Schorf auf, der sich bereits auf der Schulterwunde bildete.
    "Das bist du nicht und warfst es nie. Nicht wirklich. Ich habe ihr Gesicht gesehen, als sie heute nach dem Eingreifen vom Fuchs wieder Hoffnung hatte, das Rudel zu verlassen und wieder zu ihren Liebsten zu stoßen. Sie ist eine KATZE, KEIN HUND. Das hier ist nicht ihr Zuhause. Nicht, wenn sie gehen will."
    "Aber wir brauchen hilfreiche Pfoten!", wütete der Rüde und stampfte zornig mit den Vorderpfoten auf, dass der Sand in die Luft wirbelte. "Drei unserer Hunde sind tot. Das Rudel ist zu sehr von ihrem Unterricht abhängig. Außerdem ist es Winter und sie würde die Heimreise vielleicht gar nicht überleben."
    "Himmelshunde hört mich an, Lucky!" JETZT war es Rain genug. "Das ist ein lebendes Tier! DU WOLLTEST SIE NICHT GEHEN LASSEN, WEIL DU ANGST HATTEST, SIE WÜRDE WIE EIN SKLAVE BEHANDELT WERDEN. Auch DU hast kein Recht darauf, sie festzuhalten. Trenne niemals eine ängstliche Hündin von ihren Welpen. Sie würde dich so und so nur töten."
    "Dann werde ich gehen."
    Zeitgleich wirbelten die drei Gestalten zu mir herum und erwiderten meinen entschlossenen Blick mit gleichem Funkeln. "Ich werde mit Wurzel gehen und zwar jetzt. Sonst stirbt das eizige Zuhause, das mir noch bleibt."
    Ich erinnerte mich an die Liste und instinktiv wusste ich, dass ich die Aufzählung der FuchsClaner gleich in meinem Nest finden würde.

    30
    Wie Seide schimmerte der unaufällige Zettel unbemerkt unter meinem Nestpolster mit den Sternen um die Wette. Wurzel fragte: "When do we go?" "Now."
    Als ich aus dem Bau wollte, um Schilf für eine vorübergehende Tasche zu holen, stolperte ich in einen Schatten hinein. Einen weichen und sehr angenehm riechenden.
    "Cloud?", flüsterte ich in die Dunkelheit. Ich hatte Angst, sie würde mich doch nicht gehen lassen. Es wäre meine Aufgabe gewesen, ihre Welpen zu tranieren und großzuziehen, damit dass ich jetzt gehen würde, hatte niemand gerechnet. Würde sie es wirklich fertig bringen und mich hindern? Obwohl sie genau wusste, dass meine Liebsten nur wenige Meilen von hier entfernt waren? Dass mein Junges nur so ein kurzes Stück entfernt zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schlief?
    Aber sie knurrte nicht, oder bellte. Ihre Rute war ein einziger, gerader Strich, das alleinige Körperteil, das von ihrer innerlichen Unruhe zeugte. Da war nur Trauer und Verlust in diesen dunkelblauen Augen, vielleicht auch ein bisschen Angst. Um wen?
    "Hier. Leb wohl. Rette deinen Clan, ja? Aber vergiss mich nicht."
    "Ich könnte nicht."
    Langsam, als wolle sie die Abreise hinauszögern, übergab sie mir eine wunderschöne Tasche aus Schilf, Moos und einigen Nelken. Ab jetzt waren das meine Lieblingsblumen.
    Aus Solidarität begleitete uns das gesamte Rudel noch zum äußersten Ende ihres Reviers, bis die ersten Sterne zu verblassen begannen.
    Und als Kläff, Flüster und Krabbel sich stürmisch an meine Flanke warfen, hörte ich kurzes Protestmiauen von Seidenjunges und Gewitterjunges, sowie das Rascheln eines winzigen, weißen Zettels. Einer Todesliste.
    "Wildherz! Bitte geh nicht!", wimmerte Flüster. Krabbel klagte: "Mama ist tot. Wir brauchen dich!" Es brach mir das Herz, diese kleinen Geschöpfe ohne Eltern zurückzulassen. Sie waren so groß geworden, alle drei, sie würden starke Rudelmitglieder werden. Irgendwo tief in meinem Inneren hoffte ich, dass Winsel, Tröpfel, Fetz und Spring meine Lehren weitergeben würden, um diese Welpen zu verteidigen, dem Rudel einen Vorteil gegenüber anderen zu geben. Wie konnte ich nur diese Freunde hinter mir lassen, die mich zwei Monate meines Lebens beschützt, ernährt und einen Schlafplatz geschenkt hatten? Ein Klumpen aus Angst bildete sich in meiner Brust bei dem Gedanken, dass es diese Hunde, wenn ich sie irgendwann wieder besuchte, vielleicht gar nicht mehr gab. Es hatte Probleme mit Füchsen gegeben. Bitte SternenClan, lass das Rudel leben und gib ihm Kraft.

    Das Heulen der wilden Hunde verfolgte uns noch, als wir längst über die Hügel verschwunden waren, um meine Clan-Gefährten einzuholen. Die unnatürliche Stille war lautem Grillenzirpen und Froschquaken gewichen. Wurzel war das einzige ruhige Tiere in den Wiesen.
    Wider Willen musste ich zugeben, dass er so leise war, man hätte ihn einfach nur für einen Schatten halten können, der lautlos über das feuchte Gras glitt. Was bei mir eindeutig anders aussah. Trotz meiner Bemühungen stampfte ich immer wieder auf kleine Frösche (einmal auch auf eine fette Kröte) oder stolperte vor Müdigkeit über Äste und Pfoten.
    "When will I meet your friends?", fragte ich ihn nach einer Zeit mit schlechtem Schülerenglisch.
    "I told you you don't have to speak like me. I'd unterstand you althouh. "
    "Hmm....Antwort?"
    "We'll meet them at this tree."
    Ganz am Horizont erhob sich eine massive Eiche mit Ästen und Blättern wie Armen, die nach uns griffen. Ich schluckte. "Ich habe Angst."
    "Me too."
    Wir beschleunigten und flogen bald in einem flottem Trab über die Stöcke, bei denen ich vorher noch gestolpert wäre. Etwas stimmte nicht. Wurzel wusste nicht was, ich auch nicht, aber etwas hier war...seltsam.
    Plötzlich stolperte ich. "Ahhhh!"
    Erschrocken wirbelte Wurzel herum und versuchte mich wieder am Nackenfell hochzuziehen. Doch es ging nicht.
    Meine Pfote steckte in einem tiefem Schlammloch und mein Körper gleich mit ihr. Zuerst war ich noch ganz ruhig, bis ich bemerkte, dass selbst ein Fuchs keine Kraft hatte, um mich zu befreien. Vielleicht auch als mir klar wurde, dass ich gerade ein ganzes Stück tiefer eingesunken war. Ich wusste es nicht mehr.
    "That's not good.", knurrte Wurzel und begutschtete den stinkenden Schlamm, der bereits tief in meinen Pelz gesickert war. "In my family we call this 'Sea of Death'."
    Es war Treibsand. Einfach unfassbar.

    31
    Noch nie hatten meine Beine so gezittert und noch nie war das so gefährlich wie jetzt gewesen. "Don't move!", kommentierte Wurzel meine Lage total sinnlos und dachte nach. Das sah ich an den trüben Ausdruck in seinen Augen. "We have to save you. Fast. So listen detailly: You're going to stay cool und not to do anything that could be dangerous for you. You're going to breath slowly. If there's a big animal you're going to take cover and to pray to StarClan or whatever the dead ones are called. You want to see your baby again? Then you will."
    Gewitterjunges und Seidenjunges schrien vor Angst, als ich noch ein bisschen tiefer einsank und Wurzel reagierte schnell. Mit einem Ruck war ich von der Tasche befreit, meine Kleinen lagen keuchend und hustend neben der Todespfütze.
    "You all stay here. Don't move. Don't do anything."
    Normalerweise wäre ich jetzt an der Reihe gewesen zu fragen, was dieser Holzkopf denn überhaupt vor hat. Aber diesen Gefallen tat mir Wurzel nicht. Ohne sich noch einmal umzudrehen entfernte er sich mit gewaltigen Sprüngen Richtung Monstereiche und Schatten.
    Wenn mir jemand mal gesagt hat, es tut weh, jemanden gehen zu sehen...nun tat es das wirklich. Meine Pfoten waren taub, meine Beine schmerzten, neben mir weinten kleine Kinder und meine letzte Hoffnung auf Rettung rannte auf einen Baum zu, der mehr Bestie als Pflanze ähnelte. Ich war so unendlich glücklich.
    Und weil es gerade eben so toll war, radchelte es in den Gräsern hinter mir. Don't move. Noli movere. Ich kann es auch noch in tausend andere Sprachen übersetzen, wenn du willst und noch nicht tot bist, also wohl eher unwahrscheinlich. Also das zweitere. Aber tu. Es. Einfach. NICHT."
    Ich drehte mich um. Langsam, um nicht unnötig tiefer zu versinken als nötig, aber ganz sicher bewegte ich mich.
    Die Augen des großen Fuchses waren kleinen Glühwürmchen gar nicht so anders, so sehr sprühten sie vor Rache und dem Wunsch nach Vergeltung. Ich hatte dieses Monster noch nie gesehen.
    "Ach, hat der ach so liebe Wurzel mal wieder Held gespielt? Ist ja süß. Weißt du, er war schon immer ein ziemicher Frauenschwarm. Aber eine Katze? Ist mal was neues."
    "Bitte geh und lass meine Kinder in Ruhe. Selbst für einen Fuchs ist es nicht ehrenhaft, ein Tier, das sich bereits in Notlage befindet, zu verletzen oder gar zu töten."
    Das Raubtier lachte heiser. Kurz konnte ich einen Blick auf seine gelblichen, verfaulten Zähne werfen und wünschte, ich hätte es nicht getan.
    "Du bist nicht dumm, Mutter von drei hilflosen Jungen.", keckerte er mit gierig heraushängender Zunge. "Aber ich bin immer noch klüger."

    32
    Erst als das Biest schon zu nahe an meinen Jungen war, realisierte ich die wahre Gefahr.
    "Du wirst sterben, wenn du sie nur berührst." Mein Knurren so unnatürlich tief und bedrohlich, dass es sogar mich selbst überraschte.
    Leider traf das auf den Fuchs nicht zu. Der lachte nur wieder sein Höllengelächter und schleuderte Gewitterjunges über das Gras, wo der kleine, schwarze Kater gegen einen größeren Ast prallte und reglos liegen blieb. War er tot? Gott, SternenClan, verdammt, wer auch immer hier Aufsichtspflicht hat, stopp diese Folter, bevor ich es tue!
    Nun war Seidenjunges dran. Der Fuchs brüllte vor lachen, Speichel flog herum und ein Spritzer landete genau auf Seidenjunges' schwarzem, süßem Näschen. Stirb.
    Ohne genauer darüber nachzudenken, was das für Folgen nach sich ziehen könnte, warf ich alle Vorsicht in den Wind. Was ich da genau machte? Nichts. Ich warf mich nur herum und schrie, wie eine Mutter es nun einmal tat, wenn ihre Babys vor ihren Augen gefoltert wurden.
    Es juckte ihn nicht. Nur Seidenjunges bewahrte einen kühlen Kopf und miaute: "Wenn du mir oder meinem Bruder noch einmal weh tust, werde ich dich in deinen Träumen verfolgen. Für immer."
    Er hörte auf, zu lachen.
    "So ein Blödsinn. Seh ich aus, als ob ich Angst vor Katzen hätte? Dafür werde ich dir besonders weh tun."
    "Wirst du nicht."
    Erschrocken wirbelte ich herum und das war ein Fehler. Der letzte Halt verschwand. Nein, ich war es, die stolperte. Mit vor Panik aufgerissenen Augen versuchte ich, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, aber mein Schweif klebte im Treibsand und sank bei dieser Bewegung nur weiter ein. Genau wie meine restliche Brust, die Hälfte meines nach oben gereckten Halses, der Rücken, Bauch, Schwanzwurzel. Nur mein Kopf sah noch heraus.
    In Filmen oder Büchern machten sich jetzt die meisten Opfer Gedanken, dass sie bald ganz eingesunken sein würden. Dass sie schon tot waren.
    Aber das war ich nicht. Der unangenehme, haftende Druck an meine Kehle erinnerte mich an das Leben, das ich noch zu führen hatte, auch wenn es nun verdammt schlecht aussah.
    Deshalb hatte ich nicht aufgepasst, als das zweite Tier an mir vorbeihuschte und sich auf den Fuchs warf. Jemand kreischte. Krallen und Zähne scharrten über Boden, wo vielleicht gerade eben eine zu Tode verängstigte Seidenjunges kauerte. Lebte Gewitterjunges noch? LEBTE ER?
    "I said don't move, stupid cat!"
    "Wurzel!" Keuchend reckte ich das Kinn in die Luft, um keinen Treibsand beim Sürechen zu verschlucken. "Rette meine Kinder!"
    "No. The others will. I told you it's my task to take you back to your Clan, not to save other cats."
    "ES SIND MEINE BABYS! NICHT IRGENDWELCHE KATZEN!"
    Ein stattlicher Kiefer schloss sich um das noch winzige, aus der Pfütze hervorragende Stück Nacken, wobei die Tasthaare fast ein bisschen meine eigenen Härchen kitzelten. Aber ich lachte nicht. Wie eine Wilde brüllte ich immer wieder: "Rette meine Jungen! Rette sie!"
    "Don't move."
    "Rette sie!"
    Der Wettkampf zwischen Treibsand und Wurzel begann. Wie giftiger Schleim klebte das Zeug an mir, wollte mich einfach nicht freigeben. Doch Wurzel gab nicht auf. Mit aller Kraft zog er an meinem Nacken, erst als ein Stücken Rücken hervotkam, holte er kurz Luft. Ich sank wieder ein.
    Erschrocken schnappte er nach Luft, erschrocken schnappte ich nach Luft, erschrocken und peinlich berührt begann er wieder zu ziehen.
    Ein heftiger Schubs trennte uns voneinander und ich spürte, wie ein gewaltiger Körper meinen tiefer in die tödliche Pfütze drückte.
    "Hilfe!", jaulte ich. "Nein, nein, nein! WURZEL!"
    Knurrend warf dieser sich auf den anderen Fuchs und die beiden richteten sich zu ihrer vollen Größe auf, um den Kampf für sich entscheiden zu könnrn, während meiner mit dem Tod weiterging.
    Dachte ich.
    Dann packten mich von mehreren Seiten Zähne, ich konnte gar nicht sehen, wie viele Mäuler es waren, aber kein Ruck war zu viel.
    Kein einziger.
    Man hätte meinen können, meine Kraft würde langsam nachlassen, irgendwann würden die Fremden es mit vereinter Strategie schaffen, meinen toten Körper zu bergen und mein trauriges Leben würde wie erwartet mit einer Tragödie enden, die ihresgleichen suchte. Zum Glück hatte ich da noch ein bisschen mitzureden.
    Wurzel flog über mich drüber, sodass ich mich gerade noch rechtzeitig ducken konnte.
    Der Angreifer allerdings nicht.
    Dieser trampelte einfach über meine Stirn und nahm prompt wieder die Verfolgung auf.
    Mein erster Gedanke war einfach nur: Scheiße. Scheiß Fuchs, scheiß Treibsand, scheiß nutzlose Tiere. Ich konnte nicht mehr atmen. Treibsand drang in meinen Mund, zog an meinen Zähnen, verklebte meine Zunge. Nicht einmal mehr sprechen konnte ich. Vor lauter Angst riss ich die Augen auf und da ich diesem Moment leider einfach nur dumm war, blinzelte ich sofort kornigen Treibsand hinein. Ich schrie ins todbringende Wasser so laut und lange ich konnte, es würde sowieso niemand hören.
    Und ganz langsam wurde es besser.
    Ich brauchte mich nicht mehr zu wehren, der Tod empfing mich mit ausgebreiteten Armen. Er sah gar nicht so böse aus. Wäre es nicht schöner, lodzulassen? Der Frostwald hatte doch so nett gewirkt. Garantiert würde sich Wurzel nach meinem Tod um die Babys kümmern. Was hielt mich denn noch?
    Da gibt es viele Beispiele.
    Ach, jetzt meldest du dich wieder. Wie geht's?
    Erinnerst du dich an deine erste Traingsstunde mit Nusspelz?
    Er ist tot.
    Der wäre wahrscheinlich richtig glücklich, dich wiederzusehen, NACHDEM ER SEIN LEBEN FÜR DEN CLAN RISKIERTE.
    Sei leise. Ich will nicht, dass deine Stimme das letzte ist, das ich zu hören bekomme, bevor ich sterbe.
    Oder Habi? Du hast sie so lange nicht gesehen. Du schuldest ihr eine Antwort.
    Die hat mich bestimmt vergessen...
    Schwarz breitete sich in mir aus, umnebelte meinen Kopf und machte die Gedanken leiser. Es war schön. Aber nicht richtig.
    Lebe.
    Neuer Lebensmut durchströmte mich mit jeder Ader meines Körper, ließ das Blut pumpen wie Lava. Ich wollte schreien. Meine Krallen sehnten sich so sehr danach, noch einmal meinen Clan zu beschützen. Wer sollte denn meine Kinder nach Hause bringen, wenn nicht ich?
    Und es sammelte sich in meinen Schultern. Kennt ihr Turbo? Das ist diese Schnecke aus dem neuen Disney-Film, ka wann der erschien ist. Und erinnert ihr euch noch an diese Chinaschachtel-Szene? Die Schnecke wurde von Raben oder Krähen oder so angegriffen und als Turbo dann fast gefressen worden wäre, konnte der kleine Kerl gerade noch mit Mutations-Geschwindigkeit ausweichen. Lange Rede, kurzer Sinn. Es gab in diesem Moment wohl nichts vergleichbareres auf der Welt als diese Kinderfilm-Szene und erstaunlicherweise ärgerte mich das nicht einmal.
    Kinder? Ich komme.
    Und mit letzter Kraft schoss ich an die Oberfläche. Gierig wie die Geier saugten meine Lungen nach Luft, während ich hecktisch blinzelte, um den Sand aus den Augen zu bekommen.
    Erstauntes Jaulen schwoll an.
    Und sie packten mich wieder am ganzen Körper.
    Es tat verdammt weh, wie Feuer fühlte sich die Haut an, an der gerissen und gezerrt wurde, als täte es um mein Leben gehen.
    Das tat es ja auch.
    Meine Schultern kamen zuerst frei und wurden von der Klarheit und Kühle der Nachtluft verwöhnt. Zum Sterben schön.
    Auch meine Brust wurde befreit. Das Feuer erlosch, wie als hätte mir jemand Eiswasser über den Körper gekippt.
    "Zieht, Leute! Nicht loslassen!"
    Danke, hätte ich am liebsten gesagt. "Danke.", flüsterte ich.
    "Sei leise. Du darfst deine Lungen nicht überanstrengen."
    "Wer bist du?"
    "Kannst mich gerne Held nennen."
    "Halt die Klappe, Stein."
    "Wir müssen noch ihre Beine herausziehen."
    Jemand hielt mir einen Stock hin, noch während ich mich mit den Vorderpfoten halbwegs ans Ufer kämpfte.
    "Beiß rein."
    Tat ich auch.
    "Gleichzeitig." Die Rinde fühlte sich unbarmherzig und abweisend an, wegen dem kalten Holz. Das war mir egal.
    Man hätte mich beten können, einen Frosch zu essen, ich hätte es getan.
    Und dann war ich frei. Also, ganz. Stöhnend versuchte ich, weiter weg zu kriechen, als ich der Länge nach hinfiel.
    "Ich hasse Stöcke."
    "Hättest du ihn halt nicht losgelassen."
    Weitere Füchse gruppierten sich um mein armes, geschwächtes, von Treibsand verklebtes, verschwitztes, bebendes Ich und halfen mir ins Trockene.

    33
    "Kannst du atmen? Geht mal alle weg!", gab ein junges Fuchsmännchen mit auffallender Ähnlichkeit zu Wurzel von sich.
    Die anderen, zwei Fuchs-Mädchen und eine ältere Otterdame, gehorchten.
    Spuckend und mit tränenden Augen nahm ich die Umgebung wieder näher zur Kenntnis, da die Bedrohung zu sterben jetzt ja nicht mehr ganz so groß war.
    Es dämmerte schon, war das erste, das mir in den Sinn kam. Was für schöne flauschige, Wölckchen.
    "Ich glaube nicht, dass es heute schneien wird.", sprach das eine Weibchen meine Gedanken aus und blinzelte mir freundlich zu. "Mein Instinkt sagt mir, heute wird ein Frühlingstag wie er im Buche steht. Und Papa meint, auf mein Gefühl kann man sich verlassen."
    Doch das war es gar nicht mehr, das meinen Kopf beschäftigte. Krallen der Angst gruben sich in meinen Magen, während ich zaghaft den Hals reckte und meine Babys zuerst nicht entdecken konnte. Ich schrie.
    Vollkommen überfordert wichen die eine Füchsin und der Otter mit hastigen Pfötchen zurück. Ich nahm an, dass sie noch nie eigene Junge hatten, sonst hätten sie meinen Gefühlsausbruch wohl einigermaßen verstanden. Nur die, die schon vorher mit mir geredet hatte, begriff es schnell.
    "Schnell! Sie muss ihre Kinder sehen!"
    Kinderweinen mischte sich unter meine Laute der nackten Panik, weshalb ich erst einmal inne hielt, um zu lauschen. Meine Babys.
    Die hübsche Füchsin sprang an ihren verdutzten Gefährten vorbei und holte hinter ihnen zwei zappelnde, klatschnasse Bündel hervor.
    "Du brauchst keine Angst zu haben.", flüsterte sie beschwichtigend auf mich ein. "Es sind deine Jungen. Beide. Sie haben nur ein paar Kratzer."
    Viele hätten jetzt erwartet, dass ich wohl überglücklich meine todgeglaubten Nachfahren an meine Brust drücken würde, alle Sorge wäre vergessen und der Kummer in Hoffnung und Freunde aufgelöst. Non.
    Jetzt brüllte ich richtig vor Tränen, die ins taunasse Grün oder auf meine Kleinen tropften, welche ängstlich zu mir hochstarrten. Dann umarmte ich sie, immer noch heulend wie ein Schlosshund, sehr lange Zeit, bis der Otter mir sachte auf die traibsandverklebte Schulter tippte. "Es ist alles gut, wirklich. Du brauchst gar nicht so verschreckt gucken. Aber du musst sie jetzt loslassen, damit wir dich sauber machen können."
    "Es nützt ihnen nichts, wenn ihre Mutter Treibsand überlebt, aber dann an einer Grippe wegen Unterkühlung stirbt.", fügte die zweite Füchsin für diese Angelegenheit seltsam gut gelaunt hinzu. Wahrscheinlich wollte sie mich einfach nicht mehr weinen sehen.
    Widerwillig ließ ich von meinen Kleinen ab, winkte aber die erste Füchsin mit ernsten Augen wieder dicht zu mir. "Lass sie nicht alleine, ja? Sie sind für drei Monde defintiv zu oft fast gestorben."
    Sie nickte. "Vertrau mir, eher beiß ich mir selbst alle vier Pfoten und den Schweif ab, bevor ich sie unbeaufsichtigt lasse."
    Sie führte die zwei zu einem Kaninchen, dass sie wohl itgendwann während meines Keuchens und Hustens angeschafft haben musste und ließ die von der Reise und dem Überfall geschwächten Körper in Ruhe essen.
    Ich war so dankbar.
    Der Otter und das zweite Fuchsmädchen machten sich an mein Fell zu schaffen; mit zügigem, kraftvollem Lecken schienen sie es bis auf die Haarwurzeln trocknen zu wollen. Na gut, vielleicht war das gar nicht so übertrieben im Winter.
    "Warum kann ich euch verstehen? Normalerweise müsstet ihr eich für mich Englisch anhören."
    "Das wissen wir.", antwortete der Otter. "Aber Stern" Sie deutete kurz auf die Füchsin bei meinen Jungen. "Und Kralle haben einen besonderen Dialekt. Vererbt, nehme ich an. Und Otter sind sowieso dar bekannt, sämtliche Tierverständigungsformen im Schlaf zu beherrschen."
    Ok, das war sogar logisch.
    "Und wer bist du?"
    "Ni hao.", erwiderte Kralle für sie, was der Otter mit einer finsteren Miene quittierte. "Das ist Chinesisch. Heißt: Guten Tag."
    Es hätte mir schon früher auffallen sollen. Angst krabbelte wie lästige Käfer in meinen Pelz, doch selbst die Panik ließ Wurzel nicht erscheinen.
    "Wurzel...", miaute ich entsetzt. Alle fünf Köpfe schossen in die Höhe und selten hatte ich so viel Schock in verschiedenen Gesichtern erlebt. Ehrlich gesagt, hatte ich mir das bis jetzt nicht einmal vorstellen können.
    "Wurzel...", flüsterte ich heiser. "Wo ist er?"

    34
    "Und wo ist Bussard?", bellte Kralle verängstigt. Niemand hatte eine Antwort. "Verdammt, er war doch gerade noch hier!" Mit entschlossenem Gesichtsausdruck begannen Ni hao und Stern in der Luft zu schnüffeln, mit der Hoffnung, so die beiden Verschwundenen zu finden. Aber da war nichts.
    "Hat Wurzel vielleicht vorhin irgendwann erwähnt, dass er weg will?", fragte ich Ni hao. Sie antwortete: "Nein...aber wir können nicht hier bleiben. Holz hat zu viele Freunde."
    "Holz?" "Der andere Fuchs, der dich bedroht hat." "Achso, der."
    "Kommt!"
    Wir überquerten den restlichen Wiesenabschnitt, der zum Monsterbaum führte, mit weiten Sprüngen und die Eiligkeit der anderen verriet mir ihre wahren Gedanken: Sie hatten Angst.
    Genauso wie ich.
    Aus der Nähe sah das Ungetüm sogar noch böser aus, aber hier war der letzte Treffpunkt verabredet gewesen, also schließ sich die Diskussion von selbst aus. Ich seufzte. Hoffentlich waren meine Kinder mutiger als ich.
    "Hey, ihr Kleinen, wer holt am schnellsten Moos für weiche Nester vom Baum?"
    Gewitterjunges und Seidenjunges freuten sich darüber, etwas tun zu können und hasteten los. Dankbar warf ich Stern einen freundlichen Blick zu.

    Wir blieben dort den ganzen Tag, selbst als es dämmerte, konnten sich Kralle, Ni hao und Stern nicht dazu bewegen lassen, weiterzuziehen. Das passte mir gar nicht. Am liebsten hätte ich woanders eine sichere Stelle gesucht, doch was sollten dann Seidenjunges und Gewitterjunges denken? Ich musste jetzt stark sein. Auch wenn mein Inneres im Moment genauso lebensfroh wie ein toter Hamster war.
    Für das Nachtlager boten sich die hervorstehenden, knorrigen Wurzeln am besten an, obwohl es mir lieber gewesen wäre, weiter oben zu pennen. Egal. Das hier war kein Wellnesswochenende, ich würde dankbar für jedes friedliche Stück Sicherheit sein.
    Kralle hielt zuerst Nachtwache.
    Als Ni hao und Stern sowie Gewitterjunges und Seidenjunges schon schliefen, fragte ich die junge Füchsin: "Glaubst du sie kommen zurück?" Das 'sie' erklärte sich von selbst. Ich wusste, sie würden es niemals zugeben, um mich nicht zu beunruhigen, aber der durchdringende Angstgeruch ließ Seidenjunges im Schlaf niesen.
    "Natürlich." Ich glaubte ihr nicht. "Vielleicht kannst du es dir nicht vorstellen, aber Bussard und Wurzel sind härter und mutiger als du denkst. Vor allem Wurzel. Er hatte schon harte Bürden zu tragen."
    "Warum?", miaute ich.
    Irgendwo raschelte es im Gras und wir hoben beide zeitgleich den Kopf. Es war nichts. Ein harmloses, älteres Kaninchen hoppelte an uns vorbei, aber keiner hatte Lust, es zu fangen. Jagen war defintiv Sterns Angelegenheit.
    Im Mondlicht sah immer alles so friedlich aus. Es war richtig komisch, das mir das jetzt zum ersten Mal auffiel, doch als ich mich hinunterbeugte, um Gewitterjunges näher an mein weiches Bauchfell zu schieben, sah ich das silberne Glitzern auf seinem Fell. Und wusste, der SternenClan war immer noch da.
    Dann, nach einer halben Ewigkeit, erwiderte Kralle: "Wurzel ist Bussards, Sterns und mein Vater. Ni hao hat er kennen gelernt, als er in einen Fluss einbrach, weil er unbedingt etwas zu Essen finden musste. Stern war damals krank und Bussard und ich haben schon geglaubt, dass die Himmelsfüchse sie zu sich nehmen werden."
    Dieses Gefühl kannte ich. Bittere Erinnerungen stiegen mir bei dem Bild von einer verblutenden Meerschweinchenschimmer zusammen mit Tränen in die Augen und auch wenn ich hätte Stärke zeigen sollen, ich empfand es nicht als Schwäche um verlorene Freunde zu trauern.
    "Es ist die Treue zu unserem Clan, aus der wir unseren Mut und unsere Stärke ziehen.😐"
    Und wenn da kein Clan mehr war? Wer war ich überhaupt noch?

    "Wir hatten natürlich auch einmal eine Mutter. Ich glaube, sie hieß Schmetterling, aber Papa redet nicht gerne über sie. Wenn wir ihn fragen, wie sie war, sagt er, sie wäre der schönste und schlauste Engel auf Erden gewesen. Aber dann ist sie verschwunden. Holz und Ast sind Papas Brüder. Als er noch selbst ein Jungfuchs war, wurde er von ihnen immer gemobbt und deshalb musste er mit Schmetterling fliehen. Den Wald nennt er immer 'Blatt der tausend Düfte', weil es dort immer nach Hoffnung gerochen hat, meint er. Er hat es nie gesagt. Er wollte es nicht einmal denken. Aber wir haben es alle gespürt. Er weiß, dass Holz und Ast an Schmetterlings Verschwinden schuld sind und auch dass sie nie wieder kommen wird."
    "Das tut mir leid. Wirklich."
    (Link zu Wurzels Geschichte ist weiter oben!)
    "Mir auch, aber es hat uns stärker gemacht und zu dem, was wir heute sind. Es liegt alleine in deinen Pfoten, was deine Erfahrungen aus dir machen, Wildherz. Vergiss das nicht."
    "That was good, my dear. You're a good speaker."
    Wir waren zu vertieft ins Gespräch gewesen und hatten die Umgebung vernachlässigt.
    Eine im Mondlicht silbrige Gestalt lag nur wenige Meter weg, in dem Nest, das die Kleinen extra für Wurzel und Bussard errichtet hatten.
    "Wo ist mein Bruder?", wollte Kralle sofort wissen.
    "He's looking for the other group. Sleep well, honey."
    Und obwohl ich ihn am liebsten an den Schultern gepackt und gefragt hätte, was los war, befolgte ich Wurzels Rat und rollte mich wieder klaglos zusammen.

    35
    Am nächsten Morgen wurde ich von Geschrei geweckt.
    "Gib das her, Seidenjunges?" Träge öffnete ich erst das eine Auge, dann das andere.
    Gewitterjunges und Seidenjunges waren mit einer wilden Rauferei beschäftigt, sodass sie nicht merkten, wie ich bereits wach war.
    Mein Vorteil.
    "Stopp."
    Erschrocken fuhren die beiden auseinander und stierten mich mit großen Augen an.
    "Was soll das?", fauchte ich. "Wollt ihr mich noch mehr stressen? Was immer es ist, es ist es nicht wert." "Gewitterjunges protestierte: "Aber Seidenjunges hat mir meine Feder weggenommen!"
    Tatsächlich hielt meine Tochter den weichen Flaum mit der Schwanzspitze hinter ihrem Rücken versteckt. "Stimmt nicht." "Ich sehe die Feder, Seidenjunges. Da ist der Federschaft."
    Betreten senkte sie den Kopf und legte sie mir vor die Pfoten. "Tut mir leid, Mama."
    Ein bisschen war es mir peinlich, dass Wurzel zu mir herübersah und alles mitbekam, aber Strafe musste sein. "Entschuldige dich nicht bei mir, sondern bei deinem Bruder!", forderte ich. Sie gehorchte.
    Das Trippeln leiser Pfoten verriet mir, dass sich Tiere näherten und ich witterte mit leicht geöffnetem Mund ins Morgengrauen.
    "Schon gut, Mama. Es sind nur der Otter und die zwei Füchse. Also, die Mädchen." Ich warf Seidenjunges einen verletzten Blick zu. "Das wusste ich." Lügnerin. Besser als Einmischerin. Ach, und in Jungenkämpfen eingreifen ist für dich nicht einmischen? Hast du Kinder? Früher ja. Sind sie lebendig? Nein? Das erklärt alles.
    Es war eine schöne Feder. Wahrscheinlich von einem Specht, was man an dem roten Ende des schwarzen Flaums beinahe mühelos erkennen konnte. Aber sie war groß, eher eine Schwungfeder.
    Mit lautem Protest der beiden teilte ich sie entlang des Schaftes in zwei und miaute: "Wer findet schneller zwei lange Schilfgräser?"
    "Was macht ihr da?"
    Stern und Kralle setzten sich zu mir, während die Kleinen jauchzend davonrannten. Ich konnte nicht anders als zu grinsen. "Nur spielen."
    "Das ist aber eine schöne Feder."
    "Ja.", fügte Kralle hinzu. "Warum hast du sie kaputt gemacht?"
    Auch Wurzel und Ni hao gesellten sich mit einer prächtigen, fetten Wachtel zu uns.
    "Aber ich habe sie doch gar nicht kaputt gemacht.", miaute ich lächelnd. "Ich habe sie nur geteilt."
    Die Füchse und der Otter schauten verdutzt, gleichzeitig auch ziemlich lustig. "Hä?"
    Und mit vollem Karacho krachte Gewitterjunges geradewegs in die arme Ni hao, die erst einmal wegrollte.
    "Guck mal, Mama! Mama! Mama?", rief er.
    "Komm her, mein Schatz."
    Gefolgt von einer schwer atmenden Seidenjunges setzte er sich zu mir mit stolz gereckter Schnauze.
    Es passte. Zwei schöne lange Schilfgräser hatten mir die beiden geholt, ideal für hübsche Ketten. Klasse!
    Anstelle von mir, lobte Stern: "Das habt ihr toll gemacht, ihr Süßen! Aber warum?"
    Sämtliche Aufmerksamkeit galt nun mir. Früher als Mensch war Kettchen machen im Alter von 8 Jahren meine absolute Lieblingsbeschäftigung gewesen; ich nahm mal an, dass ich es auch irgendwie als kleine, tollpatschige Katze hinbekommen würde. Und trotz viel Zerren, Reißen und Verknotungskünsten, bei denen die anderen neidisch nach Luft schnappten, gelang es mir zwei wunderschöne Haldbänder mit je einer hübschen Spechtfederhälfte zustande zu bringen. Ich war sehr stolz auf mich selbst und legte sie ihnen feierlich und mit viel Sorgfalt an, damit die Halme nicht so leicht rissen. "Das ist großartig!", flüsterte Stern ehrfurchtsvoll. "Wo hast du das gelernt?"
    "Ein bischen sieht es aus wie bei diesen Hauskatzen und entlaufenen Streunern. Bei denen ist es ganz nett, erinnert mich aber immer an Gefangenschaft, wenn ich eins sehe." Skeptisch beschnüffelte die zwei Schwester meine vollendete Kunst an den Hälsen meiner Kinder. "Ok. Normalerweise mag ich so Zeugs nicht. Obwohl...das erinnert mich an Freiheit. Echt schön. Es gefällt mir."
    Auch wenn ich Seidenjunges Magen knurren hörte, die Augen meiner Kleinen strahlten. "Mama, das ist toll!" "Ich werde es nie wieder weg tun.", versprach Gewitterjunges und streckte ernst die Brust heraus.
    "It looks great, little cat. But now we have to eat something. We'll meet the others at twelve o' clock but somewhere different. It's better when we have eaten already at this time."
    "Guter Vorschlag, Wurzel." Ni hao sah meine Babys böse an. Ein ganz leises, zorniges Fauchen entwich meinen Lippen, damit ihr auch ja klar wurde, dass nur ich das durfte. Sie ignorierte es.

    "Gewitterjunges, wetten, ich bin schneller!"
    Diesen frechen Käfern schien nie die Energie auszugehen. Ich meinte wirklich: NIE.
    Vielleicht lag es aber auch nur am guten Frühstück, dass die beiden einfach nicht langsamer sein wollten, als wir in der Mittagswärme den nächsten Hügel erklommen. "Wurzel!", rief ich zum Fuchsrüden vor, der satellitenmäßig die Ohren verdrehte ohne den Blick Richtung Ziel abzuwenden. Natürlich nur SEIN Ziel. Es durfte ja niemand wissen außer ihm. "Wie lange noch?" "Genau! Ist es noch weit?", wollte auch der blöde Otter wissen.
    Wurzel schüttelte seine rote Mähne. "We'll be there soon. Everything alright, cat?" Erschrocken machte ich einen Satz zur Seite, als die Kleinen wie Blitze wieder an mir vorbeihuschten. Zu meinem Trost zuckte auch Kralle weiter vorne zusammen, denn nun waren die beiden offensichtlich der Ansicht, was für eine tolle Hürde sie doch war.
    "Katze!", keifte sie so zienlich am Ende ihrer Nerven. "Mach, dass dein Nachwuchs aufhört, über meinen Rücken zu hüpfen!"
    Stern lachte. "Komm schon. Ich finde es cool, dass sie überhaupt so hoch kommen." Was Gewitterjunges selbstverständlich als Einladung sah, sein jetziges Opfer zu verlassen und Stern zu quälen. "Hey! Mein Fell!" Insgeheim war ich froh, dass sie Ni hao ausschlossen, weil sie mir seit heute Morgen generell nur noch unsympathisch war.

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    Wenn das doch nur das einzige Problem gewesen wäre. In den letzten zwei Monaten hatte ich kein einziges Mal irgendeine Art von plötzlichem Wetterumschwung erlebt - nur schade, dass das Schicksal wohl heute auf Comedy stand. Also kämpften wir uns mit aufgeplusterten Schweifen und blutigen Ballen die Grasflächen hinauf, ohne Rücksicht auf Verletzungen und Energieverbrauch. Wenn denn sonst. Gefühlt tausend Schneeflocken klatschten dir pro Sekunde gleichzeitig ins Gesicht und wer sich schon einmal bei einem Schneesturm des Jahrhunderts auf dem Mount Everest aufgehalten hatte, würde mit der Erfahrung ansatzweise in die Nähe meines Gesichtsschmerzes kommen. Auch die Jungen litten. Anders als bei sonnigem Wetter oder leichtem Nieselregen waren ihre Augen jetzt zu winzigen Schlitzen verengt, um den fliegenden Eissplittern zu entkommen. Ni hao stolperte neben mir, doch ich half ihr nicht auf und stapfte einfach weiter. Mir egal, ob Wurzel, Stern oder Kralle schauten.
    Weil die Wolken den Himmel in undurchlässiges, erdrückendes Grau tauchten, war auch nicht einmal abzuschätzen, welche Tageszeit gerade uns die Pelze zerriss. Vielleicht war es auch besser so. Denn egal, welche es war, ich würde sie für den Rest meines weiteren Lebens im sicheren, TROCKENEN Bau verbringen.
    Und dann hielt Wurzel an. Einfach so, kein Baum, kein Strauch, so weit ich es einschätzen konnte, nicht einmal Gras. Aber es konnte auch sein, dass der jähzornige Schnee es einfach zu gut verbarg.
    "Was ist?", schrie Stern, welche seit den letzten Stunden das Schlusslicht bildete, gegen den Sturm an.
    Zuerst antwortete Wurzel nicht, es hätte mich auch nicht sonderlich gewundert, wenn der Wind es einfach übertönt hätte, doch dann senkte er den Kopf. Ich wusste, wir waren in Gefahr.
    "Stay behind me, cat." Es war faszinierend. Hätte er etwas gesagt wie: "Just five hours!", "It's so snowy.", "We should make a break.", ich hätte es niemals verstanden in diesem Lärm beim Kampf von Wind und Eis. Vielleicht auch noch: "Hey, cat, is there a bear dying next to you?" Nichts hätte ich gehört.
    Aber als er flüsterte: "Take your kits and sit down so maybe they won't die.", vernahm ich es so gut, als ob wir auf einem windstillen Strand in Mallorca chillen täten. "Seidenjunges, Gewitterjunges, sofort zu mir!"
    Wie durch ein Wunder hörten auch sie und drückten sich nur wenige Momente später an die restliche (und ziemlich geringe) Wärme meines noch nicht eingeeisten Fells.
    Dann warteten wir. Ich hätte nicht mehr sagen können wie lange. Peut-être hours but perhaps just a few seconds. Niemand wusste es mehr. War wahrscheinlich so bei lebensbedrohlichen Situationen.
    Neben mir reckten Stern, Ni hao, Wurzel vor mir und Kralle gleichzeitig die Nase in die Luft, während sie das Maul leicht öffneten, um besser feindliche Gerüche aufzunehmen. Aber es wäre wohl eher ein Eisbär von der nächsten Wolke gefallen, als dass der Sturm nachgab und es uns wenigstens ermöglichte, die Feinde zu lokalisieren.
    "Schaut nach Pelzen im Schnee!", jaulte Stern, als ihr unsere gefährliche Lage RICHTIG bewusst wurde. "Schützt die Jungen!"
    Auch die anderen gaben die Witterungsversuche auf, um einen engen, angenehm warmen Kreis um mich und die Babys zu ziehen. Falls wir es überlebten, werde ich vorschlagen, bei der Weiterreise enger zusammen zu laufen. Falls.

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    Mit allem hätte ich gerechnet. Wirklich, von mir aus eine Horde blutrünstiger Hasen oder ein Tiger, der aus dem nächstgelegenen Zoo ausgebüxt und nun hinter Katzenfleisch her ist. Alles. Ohne Ausnahme. Doch leider gab es nur eine Regel, die immer so war: Es war der Welt egal, was du dachtest oder vermutetest. Es spielte einfach keine Rolle. Man konnte dir das Leben nehmen, den Traumpartner über die Pfoten stolpern lassen und dich zur Antarktis entführen, die Welt juckte das doch nicht. Da war nur eine einzige Sache, auf die du dich immer verlassen konntest - die Unvorhersahbarkeit aller Dinge. Alles ist relativ. Niemand wird auf dich aufpassen, wrnn du diese Aufgabe nicht selbst übernimmst. Deine Jungen konnten von Adlern gefressen werden und der Himmel würde seine Farbe nicht ändern.
    Deshalb nutzte das Jetzt noch genau diesen Joker, bevor es den Ball abgab.
    Ich war nicht mehr da. Du denkst nun vielleicht: Hä? Ist die jetzt vollkommend plemplem? Tickt die noch richtig? Mann kann nicht einfach mal so nicht mehr da sein. Das ist physikalisch unmöglich! Wo soll man denn sein außer DA? Weg, oder wie?
    Ok, ew sah schon ein bisschen anders aus. Kein weißer leerer Raum oder so, nur einen kurzen Moment alles schwarz. Hätten meine Pfoten nicht vor Kälte gefroren, hätte man vermuten können, ich wäre einfach nur ohnmächtig geworden. Aber ich atmete doch. Wie konnte jemand der atmete, bewusstlos sein?
    Dann sah ich die Bilder. Nein, vor den Bildern, da waren Geräusche. Nicht Star Wars-Laserkanonen, kein T-Rex-Gebrül, wie Dementorengesänge hörte es sich auch nicht an. Es war Blätterrauschen. Da wo Aufregung und Angst war, breitete sich Erschöpfung aus und erfüllte alle meine Sinne, bis nichts anderes mehr zu fühlen war. Ich vergaß meine Kinder, die Füchse und ja, auch Ni hao, aber das fiel mir sogar am leichtesten. Da war nur noch der Wind.
    Und weil es sich so richtig anfühlte, schloss ich spontan die Augen, ließ mir ein paar Haare aus dem Gesicht wehen, die mir über die blauen Vollmonde hingen. Wie schön es doch war, zu vergessen. Schon so lange Zeit hatte ich diese Befreiung nicht mehr spüren können, doch jetzt war sie da, in all ihrer Pracht und Wahrheit.
    Die Knoten lösten sich tief in mir. Wie ein Fisch war ich, ein Fisch, der nach langer, langer Zeit den Weg zurück ins Meer gefunden hatte. Meer. Mehr. Nur ein winziger Buchstabe Unterschied. Endlich war ich frei.
    Und dann, ja, das wisst ihr schon, hob ich wieder die Lider, um sommerhaftes Tageslicht durch Nadelbaumkronen leuchten zu sehen. Ein Schmetterling tanzte dicht an meinem Ohr vorbei, wobei seine zarzen Flügeln die dünnen, abstehenden Haare kitzelten. Tatsächlich, ich lachte. Warum denn auch nicht? Ich war doch zu Hause.
    So lange hatte ich diese Wälder nicht mehr sehen können! Ich hatte gehört, dass manche Menschrn fasteten, um wieder den vollen Geschmack des Essens wahrnehmen zu können, um es noch mehr zu genießen. Die Fastenzeit war vorbei.
    "Hallo, Wildherz. Deine Träume sind so schön, nicht wahr?"
    Das war unerwartet. Erwarte immer das Unerwartete.
    "Sei gegrüßt. Kann ich dich sehen?"
    Jetzt schnurrte die Katze belustigt. "Natürlich. Willst du denn?"
    Eine Libelle rauschte an mir vorbei, schnell wie der Wind. LibellenClan, meine Heimat, wie hatte ich dich nur jemals verlassen können, ohne mich mit Krallen und Zähnen zu wehren? Moment, das hatte ich; Laubrache allein war schuld an unserer Trennung und das würde ihn sein Schweif seinen Lebtag lang erneut sagen.

    Ich antwortete: "Ja, bitte." "Dann sieh nach oben." Ich hob den Kopf, um einen Blick in die unteren Äste der vor mir stehenden Lerche zu werfen.
    "Ich wollte dir schon so lange in echt begegnen.", miaute sie ehrfurchtsvoll.

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    Blaustern senkte grüßend den Kopf und blinzelte moch aus himmelblauen Augen an.
    "Das ist...oh mein SternenClan, ...das bist du...ich meine...BLAUSTERN.", stammelte ich total zusammenhanglos ohne den Blick von der GROßARTIGSTEN ANFÜHRERIN ALLER ZEITEN reißen zu können. Das hier war etwas neues. Wenn ich mir jemals hätte erträumen können, eines Tages dieser wundervollen, ehrwürdigen Kätzin begegnen zh dürfen...Auf einmal hatte mein Leben wieder Sinn. Ich spürte es. Die ganze Last, der Mut, den ich nur durch äußerste Willensstärke hatte erbauen können, das ganze Muttersein, es war einfach weg. Da war nur diese eine Katze (die mich sogar sehen hatte WOLLEN) und ich wusste wieder, wofür ich kämpfte.
    Schnurrend legte sie den Schweif um die Pfoten, während sich ihre muskulösen Schultern anspannten, um sich zu setzen. "Du uast dir den Respekt des gesamten SternenClans verdient, Wildherz." Ein warmes, gütiges Lächeln huschte über ihre silbrigen Lippen. "Deine Kriegerahnen sind so stolz auf dich." Wie Mondlich schien ihr Fell mich zu bestrahlen, wie feuriges, wildes Mondlicht. "Bitte setz dich doch zu mir.", schlug sie vor. Sie redete mit mir. Diese unfassbare, erfundene, nicht reale Katze sprach mit mir und die letzten Zweifel an der Magie der Buchstaben lösten sich in reinen Mondstaub auf.
    Und wenn dein bis jetzt nicht existierendes Idol dir anbot, sich zu ihr zu gesellen, dann machst du das auch. Ehrensache!
    Geschmeidig wie eh und je arbeitete ich mich die Rinde der Lerche hinauf, bis meine Silberkrallen den untersten Ast erreichten. Ich fragte mich, wie ich diese unübersehbare Autorität vorher nur NICHT GESEHEN haben konnte! Ob SternenClan-Katzen wirklich in der Lage waren, Magie auszuüben?
    Ich miaute: "Blaustern, es tut mir leid, falls ich jetzt wie ein dummes, aifgeregtes Junges wirke, aber ich hätte es nie für möglich gehalten, dir zu begegnen. Ich meine, du bist nicht...echt. Da, wo ich herkomme, gibt es so viele junge Leute, die sich beide Füße abhacken täten, um dir einmal begegnen zu können!"
    Ein Eichhörnchen, so ein richtig großes, schönes, kletterte an uns vorbei, doch wie ließen es weiter, damit die kleine Mame ihre Babys versorgen konnte.
    "Wildherz.", sagte die blau-graue Kätzin. "Viel Zeit, um dir alles zu erklären, ist mir leider vergönnt. Düstere Zeiten ziehen auf. Für dich, nicht für die Clans. Ich weiß von den Büchern und jeder Fan da draußen, egal ob Mensch oder Katze, jedes Tier, ein Tier, das in uns allen schlummert, ist in der Lage, Großes zu vollbringen. Das UNMÖGLICHE zu erreichen! Du kannst sein wer immer du willst, es sind deine Entscheidungen, die dich zu dem machen, was du jetzt bist. Und das können auch die kleinen sein: Unterstützung der Ausgegrenzten, Verteidigung deiner Freunde oder einfach, dass du deiner engsten Freundin hilfst, ein Date mit ihrem Schwarm zu bekommen."
    Mir bildete sich ein Kloß im Hals, doch ich schluckte ihn schnell hinunter. Dieser Moment, das alles hiet, ich würde diesen Traum oder was immer das war, mit aller Würde, die ich noch hatte, bestreiten.
    "Wildherz, du junge, mutige Katze. Das Leben muss kein Abenteuer sein. Aber es ist DEINE Entscheidung, ob es nicht vielleicht doch eines ist. Niemald hätte irgendjemand geglaubt, dass ich in der Lage sein werde, meinen Clan zu führen oder meinem eigenen Mörder zu verzeihen. Aber woher willst du wissen, ob du es kannst, wenn dich die Angst vor dem Unbekannten davon abhält, das zu tun, was du wirklich für richtig hältst?"
    Eine kleine rosa Blume landete auf meinem rechten Ohr. Die winzigen Pollen kitzelten ein wenig. Lächelnd kam Blaustern näher, um das kleine Wunder der Natur näher zu betrachten.
    "Sie ist wunderschön, nicht wahr?"
    Ich nickte. "Danke, Blaustern. Und zwar für alles. Nicht nur für die Bücher."
    Jetzt grinste sie noch breiter. "Weißt du, die meisten Leser denken, sie würden das wahre Abenteuer verpassen, weil sie nicht Feuerstern oder ich sind. Dabei ist doch genau das der Sinn der Romane: Sie erzählen dir von anderen Geschichten, um dich selbst daran zu erinnern, deine eigene weiter zu leben. Du bist keine Katze? Du hast keinen Clan? Dann lebe das Abenteuer ANDERS."
    Stolz streckte ich die Brust heraus. "Ich werde es allen sagen. Versprochen. Hiermit gelobe ich feierlich meine Loyalität vor den Augen Blausterns, des SternenClan und im Herzen des LibellenClans! Ich werde immer das richtige tun. Bis zum letzten Atemzug."
    Trauer verdunkelte kurz Blausterns Augen. "Ich wünschte, du hättest das nicht getan. Aber dann sei es so. Sirhst du diese Kirschblüte? Leg sie dir auf den Ballen der linken Vorderpfote."
    Ich gehorchte und balanziette die zarten Blättchen mit zur Sicherheit ausgefahrenen Krallen.
    "Schließ die Augen."
    "Darf ich sie nun wieder öffnen?", fragte ich nach wenigen Sekunden, aber nirmand antwortete. "Hallo?"

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    Aus Vorsicht ließ ich sie dennoch zu, selbst als zartes Sonnenlicht begann, meine Schnurrhaare zu kitzeln. Weiches Moos hing mir in Fetzen am Pelz, ich musste mich am Boden also ziemlich herumgewälzt haben. Doch was war nur passiert? Warum lag ich hier? Ein Kuckuck gab sein Lied zum besten, irgendwo tropften Tautropfen auf Stein. Platsch. Platsch. War das in der Nähe ein Bach? Das Blätterrauschen vierriet mir, dass ich mich in einem Wald mit Laubbäumen befinden musste. Dafür dass ich nichts sah, nahmen meine Sinne erstaunlich viel war, wie ich registrierte! Ob das mit meinem Körper als Katze oder dem neuen Leben im Wald, im Freien, zusammenhing, wo du selbst blind in der Lage sein musstest, dir zu helfen?
    Leise Pfotenschritte ließen den Boden an meinem rechten Ohr leicht vibrieren. "Geht es dir schon besser? Hallo?" Eine kleine Stupsnase beugte sich herunter, um mein anderes Ohr anzustupsen. Ich verzog das Gesicht. "Bist du wach?", flüsterte die honigsüße Stimme, die wohl einer jungen Kätzin gehören musste. "Es ist in Ordnung, wenn du die Augen noch nicht aufmachen willst. Es ging dir lange Zeit nicht gut." Ohne mit den Lidern zu zucken fragte ich: "Wie lange?" "Du warst fünf Tage weg und musst dringend etwas essen." Die Katze schob mir einen undefinierbaren Fleischbrocken vor die Nase, den ich argwöhnisch beschnüffelte. Nur das leichte Zucken ihrer Schwanzspitze, als sie über die Erde streifte, verriet ihren inneren Aufruhr. "Es tut mir leid.", sagte ich. "Für gewöhnlich bin ich nicht wählerisch. Aber diese Fleisch habe ich noch nie gegessen." "Das ist Krötenfleisch." Stöhnend streckte ich die Pfote aus, denn ohne die glitschige, grüne Haut zu berühren, konnte ich so etwas nicht glauben. Trotz Erwartung stieß ich tatsächlich auf den charakteristischen Schleim.
    Wer schon mal diese Sendungen über Reisen zu Völkern im Himalaya oder so gesehen hatte, wusste, dass es oft ein Zeichen der Unhöflichkeit war, einheimische Speisen zu verweigern. Also biss ich wortwörtlich die Zähne zusammen und schluckte das erste Stück hinunter. Es war köstlich und mein Magen knurrte in der Gier nach mehr. Schneller als ich es je erwartet hätte, war die Kröte weg, bis mir nur noch übrig blieb, die letzten Fleischreste von den Lippen zu lecken.
    Die junge Katze setzte sich, wobei ihr Schweif leicht meine Pfote streifte. Ich knurrte unwillig. "Du solltest die Augen langsam öffnen.", meinte sie. "Es ist heute recht hell und sie müssen sich wieder ans Licht gewöhnen."
    Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich hier den Rest meines Lebens mit der freundlichen Katze verbracht, aber plötzlich hatte ich schreckliche Sehnsucht nach meinen Jungen. "Bitte. Ich muss erst meine Babys bei mir haben, um zu wissen, dass es ihnen gut geht." "Sie schlafen noch. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen." "Bitte." "Na gut." Sie klang resigniert und zog sich kurz zurück, damit ich einigermaßen beruhigt wurde. Dann kehrte sie zurück. "Die Süßen heißen Gewitterjunges und Seidenjunges nicht wahr? Das sind sehr schöne Namen. Aber du musst aufpassen: Gewitterjunges hat seit gestern Fieber und seine Schwester eine grobe Schürfwunde am Nacken und an der Flanke. Die Kleine ist schlimm gestürzt, weil sie sich so erschrocken hat, dass sie weglaufen wollte, nachdem du ohnmächtig geworden bist."
    "Mama..." Ganz fest drückte ich die kleinen Fellbündel an mich, während ich ihren vertrauten Duft inhalierte. "Oh meine Kleinen. Es tut Mama so leid."
    "Zucker, wird Mama wieder ganz gesund?", fiepte Seidenjunges. Die beiden schirnen jeden Tag weitere fünf Centimeter zu wachsen. "Garantiert.", antwortete Zucker so nett, dass ich das honiggleiche Lächeln fast schon vor mir sehen konnte. Es war Zeit, die Augen aufzumachen. "Mama muss jetzt aufstehen, ihr Kleinen." "Kommt her, ihr Süßen, eure Mama braucht Platz." Quietschend und hüpfend schmiegten sie sich an die Kätzin, obwohl sie in Wirklichkeit doch gar nicht ich war. Schuldgefühle packten mich. Diese Katze hatte die letzten fünf Tage über meine zwei Engel gewacht, mich versorgt, wo ich in einer anderen Welt gelebt hatte und jetzt konnte ich ihr nicht einmal die Liebe meiner eigenen Junge gönnen.
    Ich sortierte zuerst meine Beine. Wie ein Fohlen, so unbeholfen kam ich mir vor.

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    Man brauchte kein Experte zu sein, um zu ckecken, wie geschwächt ich noch vom Kampf mit Messer und dem langen Marsch war. Ganz zu schweigen davon, dass ich fast wegen bescheuertem Treibsand gestorben wäre. Und dennoch gab ich mir einen Ruck und öffnete vorsichtig und langsam die Augen. Es war wirklich hell, trotz der Blätter. Wir befanden und bei den Wurzeln einer Kastanie, aus denen der ganze Wald zu bestehen schien. Ich hatte keine Ahnung, ob wir uns auf einem Clan-Territorium befanden.
    "Zucker, wo sind wir?", fragte ich die honigfarbene Kätzin mit den schwarzen Pfoten und den hellblauen Augen. "Nicht weit weg vom FuchsClan-Revier.", erwiderte sie. "Soll ich den anderen sagen, dass du wieder wach bist?" "Nein. Bitte erzähl mir, was passiert ist." Der Anblick meiner Jungen an der Flanke einer fremden Kätzin brach mir das Herz gleich dreifach.
    "Wir wollten euch nicht erschrecken, wirklich. Ich denke, Wurzel hat schon von uns geredet. Wir sind 'die zweite Gruppe'. Auch wir wollen den Clans helfen." "Warum überhaupt?", fauchte ich missmutig. "Das ist nicht euer Kampf." Zucker schloss seufzend die Augen. "Wir alle wissen, wie schnell das Gleichgewicht der natürlichen Dinge erschüttert werden kann, Wildherz. Oder soll ich dich lieber Trouble nennen? Das mit euren Namen verwirrt mich. Wenn sich das Gleichgewicht bei euch verschiebt, kann es gut sein, dass wir genauso darunter leiden werden. Außerdem ist es Ehrensache."
    So etwas gab es nicht oft. Niemand half dem anderen ohne sich selbst etwas davon zu erhoffen, so lief das nun einmal. Aber es stand mir nicht zu, über Tiere zu urteilen, deren Geschichte ich nur teilweise, beziehungsweise gar nicht kannte.
    "Bitte sag, Zucker. Wie hast du die Füchse und Ni hao kennen gelernt?"
    Seidenjunges schien sich nicht mehr sicher zu sein, wohin sie gehörte und wechselte Blicke zwischen Zucker und mir. Sie entschied sich für die Fremde. "Früher habe ich im FelsenClan gelebt, ganz weit weg im Norden. Doch dann wurden ich, Mirjam und Wolf verbannt, weil es nicht mehr genug Nahrung gab und ansonsten die drei Jungen hätten verhungern müssen. Bei einer solchen Situation ist es gegen unsere Ethik sich zu wehren und dann haben wir schon bald Wurzel, Ni hao, Stern, Kralle, Groß, Moos, Sonne, Wald und Hase gefunden."
    Bis jetzt hatte ich mir noch nie so Gedanken, um die Schicksale anderer gemacht. Erst jetzt wurde mir klar, dass ich nicht die einzige war, die zu kämpfen hatte und das gab mir seltsamerweise Mut. "Ich selbst komme ursprünglich aus dem LibellenClan. Ein Krieger des FuchsClans hat mich entführt, Laubrache, er ist auch der Vater von Gewitterjunges, Seidenjunges, Schimmerjunges und Seerosenjunges.", erklärte ich ihr. Irgrndwie war ich auch stolz auf meine Geschichte. Immerhin hatte ich trotz aller Gegenwinde immer den Kopf stolz erhoben gehalten!
    "Achso." Plötzlich wirkte sie gar nicht mehr gesprächig. "Trink erst etwas und komm dann mit. Die anderen werden sicher auch gleich wach." Gierig schlang ich etwas Regenwasser hinunter, überlegte, ob ich meine Junge säugen sollte, entschied dann aber, dass Frischbeute sie mehr stärken würde, für was auch immer.
    Die Lichtung, zu der Zucker und die Kleinen mich führten, war nicht sonderlich groß, aber sehr gemtlich und mit viel Laub und Moos. Schnell jagte ich Seidenjunges und Gewitterjunges eine Maus und einen Finken, dann setzte ich mich wieder zu Zucker, die bereits mit der Morgenwäsche begonnen hatte. Sie schien es ziemlich genau zu nehmen. Ich mochte keine eitlen Katzen.
    "Bitte erschreck dicht nicht, wenn Groß kommt.", meinte sie kurz und unterbrach ihre kostbare Wäsche. "Er ist etwas speziell." "Ach, das passt schon.", sagte ich etwas neben der Spur ohne richtig zugehört zu haben. Gewitterjunges und Seidenjunges spielten irgendein lustiges Fangspiel.

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    "Nein, wirklich, ich will nicht, dass du dich erschrickst." Zucker blieb hartnäckig. "Keine So..." Der Rest des Satzes blieb mir im Hals stecken, wo ich ihn schnell wieder herunterschluckte. "Wow." Ein gigantischer Dachs schob sich aus dem Unterholz auf die Lichtung betrachtete mich mit schwarzen, wilden Knopfaugen. "Der...ist aber zahm, oder?", miaute ich mal darauf vertrauend, dass Dächse ein paar Verständigungsschwierigkeiten mit Katzen haben würden.
    "Groß kann übrigens selbst sprechen." Ich wette, du hast noch nie einen Dachs reden hören, aber wenn du das Röcheln eines Walrosses mit dem Pfeifen einer Fledermaus kreuzt, sollte es so ungefähr hinkommen.
    Groß folgten Wurzel, Bussard und einer kleinerer, jüngere Fuchs. Ich tippte stark auf Hase.
    "Good morning, cat!", begrüßte mich der Älteste munter. Sein Sohn Bussard senkte zustimmend den Kopf. Nur Hase blieb still und setzte sich schweigend auf die andere Seite von Zucker. "Ein schöner Tag, nicht wahr, Kleiner?" "Yes, I think so."
    Dieses ganze Wir-sind-so-gute-Freunde-und-du-warst-fünf-Tage-i m-Koma ging mir lsngsam echt auf die Nerven und ich schritt ein, bevor ich erst recht das fünfte Rad am Wagen war. "Wo bleiben die restlichen? Gibt es überhaut schon einen Plan?"
    Die anderen wechselten ungewisse Blicke, die defintiv etwas verheimlichen sollten. Bussard fuhr sich verlegen mit der Zunge über die Nase. "Hast du schon gefrühstückt?", fragte er mit seiner brummigen Jungfuchsstimme. Ehrlich, diesem Vieh konnte man Stunden zuhören.
    "Ich habe etwas gefragt." Es war noch zu früh für diese Wir-antworten-nicht-auf-deine-Fragen-Spielchen-um- dich-nicht-zum-Heulen-zu-bringen. Kleine Schatten huschten über die Gesichter meiner Babys und ich beschloss, dass sie jetzt bei mir sein sollten. "Kommt her, ihr Kleinen." Etwas widerwillig gesellten sich die Racker zu mir, jedoch nicht ohne den jeweils anderen leise zu fragen, was denn los sei. Natürlich wussten sie es beide nicht.
    "Ihr seid ja schon alle wach!" Niemand war so talentiert, diese Situation zu zerstören wie Ni hao. Als wäre alles komplett in Ordnung krabbelte sie mit ihren miniaturartigen Beinchen zu uns und schnupperte an meinem Fell.
    "Siehst schon viel besser aus.", befand sie das Ergebnis nickend.
    Klar, Ni hao kam nicht allein. Ein grauer, massiger Kater mit leichter Tigerung, eine schwarz-rote Kätzin und drei Füchse, ich schätzte Sonne, Moos und Wald, begleiteten sie.

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    Keine Ahnung, was ich erwartet hatte. Vermutlich war die Zeit in meinem alten Leben einfach nicht besser zu gebrauchen gewesen, als sich stundenlang Transformers, Die Chroniken von Narnia, Harry Potter oder Game of Throns reinzuziehen. Aber falls da jemals irgendwo tief in meinem Herzen, ein Blättchen Hoffnung aufgekeimt war, es vertrocknete an Fassungslosigkeit, dass die letzte Rettung der Clans aus Tieren, die einen Hund nicht überragten, bestehen sollte. Das ging einfach nicht. Vielleicht war das der Moment, an dem ich es endgültig wusste, das würde ich später denken. Der Moment, an dem du begriffen hast, dass die Clans sterben müssen, kein Weg daran vorbei führt und trotzdem redest du dir ein, alles würde gut werden.

    "We'll go there by moon rise.", bellte Wurzel, während er sich ordentlich den buschigen Schweif um die weißen Pfoten ringelte.
    Ich wollte fragen, wohin, aber Zucker antwortete schon: "Zum FuchsClan. Wir wissen zufällig, dass ganz in der Nähe auf den Wiesen jede Nacht Jäger herumschleichen und auf etwas zum Abschießen hoffen. Das genau werden wir ihnen geben." Kaltes Entsetzen krallte sich mir in die Brust. So war das nun einmal, wenn dir klar wurde, wie knapp du dem sicheren Tod ausgewichen warst. Pilzkralle, Moospfote, die Jungen und ich, es hätte gereicht, wenn wir nur ein paar Minuten früher los wären, um uns alle umzubringen.
    Fast zum gleichen Zeitpunkt machte sich das Gefühl von Misstrauen in mir breit. Wurzelstern hatte uns so früh losgeschickt und vielleicht war das sogar Absicht gewesen...
    Und zum anderen: WTF. Es musste gegen sämtliche Regeln des SternenClan, NEIN, ALLER RELIGIONEN UND ENGEL ZUSAMMEN sein, jenanden auf so hinterlistige Weise zu töten!
    "Ich bevorzuge es, meine Gegner in einem fairen Kampf zu vernichten. Wir sind doch keine Menschen." Auf keinen Fall würde ich so tun, als wäre so eine Schandtat für mich in Ordnung! Ich werde meine Kinder nach den Gesetzen der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit erziehen! "Trouble, bitte denk doch an deine Kinder." Farn raschelte, dann traten Moospfote und Pilzkralle gemeinsam auf die Lichtung. Ich hätte lügen können, es ging ihnen gut, aber sie sahen so sch.... aus, dass selbst Ratten dagegen wie Kuscheltiere wirkten. Und das war noch hochhausweit untertrieben. So ERBÄRMLICHE Kreaturen wollte ich meinen Lebtag nicht mehr sehen!
    Moospfote hing das Fell nur noch in Fetzen am Körper, falls die Haut nicht von langen, wulstigen, roten Narben durchzogen war, welche teilweise noch bluteten und eiterten wie Tod. Dass ihr mehrere Krallen fehlten, war noch der geringste Schaden. Beide ihrer Ohren waren so zerfetzt und verstümmelt, dass es mehr wie verlängertes Gewebe als Ohren zählte und ich fragte mich ernst, ob die überhaupt noch etwas hören konnte. Vielleicht hatte man sie auch nur heimlich durch einen Zombie ersetzt.
    Und nein, Pilzkralle, sah NICHT besser aus. Wenn du Moospfote auch nur ansatzweise ernst genommen hast, also, du glaubst wirklich, dass die nicht tot oder ein Roboter oder so ist, Pilzkralle war der Hammer. Und zwar ein sehr, sehr schlechter!
    Du kennst doch sicher den Begriff, einem Vieh das Fell vom Leibe ziehen? Tja. Wer immer noch so naiv ist und denkt, das tut doch niemand, das hier...war der LEBENDE BEWEIS.
    Fell? Fehlanzeige, dieses stoppelige Dings, das vielleicht 5% des Körpers einnahm, konnte nicht mal als freakiger Katzenbart durchgehen. Schnurrhaare waren keine zu sehen, aber HEY, er hatte noch beide Ohren! Sogar mit nur DREI Rissen! Und wenn man von seinem nur noch zur Hälfte existierendem Schweif absah, genauso wie den fünf Narben über seinem rechten Auge, der gewaltigen Wunde an seiner Brust und dem zerfetzten Bauch, dann konnte höchstens nur noch die rechte Vorderpfote stören, die komischerweise wohl noch gar nicht aufgestanden war. Ha. Ha. Mir war so schlecht.
    Keine Worte der Welt wären in der Lage gewesen, mein Staunen über so viel Grausamkeit und immer noch Lebendig-Sein Ausdruck zu verleihen, ich meine es ernst. Meine Blicke und das unterdrückte Würgen kamen aber vielleicht hin. "Hunde.", war das einzige, das Moospfote sagte. Aha. Wie ich also ausgesehen hätte, wenn Wurzel mich nicht vor Messer gerettet hätte.

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    Trotzdem hielt ich dagegen. "Aber wenn wir das durchziehen, dann sind wir auch nicht besser als diese Monster!" "DU hast von NICHTS eine Ahnung!" Jetzt hatte ich es zu weit getrieben, denn blanker Zorn loderte in Pilzkralles Augen. "Ich wollte dich zur Gefährtin! Was meinst du, weshalb ich mich freiwillig für diesen Höllentrip gemeldet habe? DAS war die einzige, verdammt, so geringe Chance, dich aus der Sklaverei zu retten, sogar mein Leben habe ich riskiert!" Moospfote traten Tränen in die Augen. Inmitten dieses wunderschönen Taus waren es die traurigsten, hoffnungslosesten Tropfen weit und breit. "Aber..." "Was?", fauchte Pilzkralle. Den anderen wurde die Situation zunehmend brenzliger, das sah ich an den zuckenden Schwanzspitzen. Zucker, NATÜRLICH, mischte sich ein: "Leute, wir dürfen jetzt nicht streiten! Die Zukunft von zahlreichen Katzen steht auf dem Spiel unf ob es euch gefällt oder nicht, in diesem Fall werdet ihr nun einmal Opfer bringen müssen." "DOCH NICHT MEIN LEBEN!" Kurz hatte ich Angst, Pilzkralle würde Moospfote angreifen, doch dann traf er die weisere Entscheidung und wandte sich schnaubend von der Gruppe ab. "Ihr unschuldigen Lämmer, ihr.", war gedämpft zu hören, obwohl ich mich wunderte, denn er hatte ja jetzt kein Fell mehr, in das er das hineinnuscheln konnte. "Glaubt, ihr wärt die Engel auf Erden, aber wollt nicht zugeben, dass ihr egoistisch wie auch alle anderen euren eigenen Zielen hinterherjagt, ohne Rücksicht auf Verluste!"
    "Aber du hast gesagt, DU LIEBST MICH!" Ich hätte erwartet, dass sie schreien würde, jaulen wie ein verletzter Hund, deshalb überraschte es mich so sehr, dass sie flüsterte. Vielleicht kennst du diese Situation ja: Der Lehrer spricht, die Mitschüler schreien und deine Freundin meint, du verstehst sie, wenn sie flüsternd fragt, was es heute zum Mittsgessen in der Kantine gibt. NEIN, ICH WEIß ES IMMER NOCH NICHT, AUCH WENN DU ES NOCH ZEHNTAUSEND MAL WIEDERHOLST. FLÜSTERND.
    Nur war es diesmal so still, nur die wenigen Vögel störten ein wenig im Hintergrund. Fast war ich versucht zu rufen, dass sie gefälligst ihr gelbe Klappe halten sollen. Wir sind hier nicht bei Donald Duck.
    "Sollen wir euch kurz alleine lassen?", fragte Zucker. NEIN, WIR WOLLEN EUCH UNBEDINGT ALLE MIT DABEI HABEN. Moospfote atmete ein und aus. Irrte ich mich, oder hatte sich die junge Kätzin in den letzten Monden auch stark innerlich verändert? Sie wirkte auf einmal...viel klüger und ausgeglichener. "Ja, bitte geht weg." Was unter anderen Umständen schlicht unhöflich aufgefasst worden wäre, wurde hier mit Dankbarkeit und Erleichterung empfangen. Und schnell wie Honey waren sie alle weg. Alle. Außer einer zutiefst erschütterten Moospfote, dem leicht gestressten Pilzkralle und...ja, was fühlte eigentlich ich? Hatte mich das Leben im Rudel auch verändert? "Bitte geht zu Schmetterling.", sagte ich zu Seidenjunges und Gewitterjunges. "Ich erinnere mich vage, dass ich noch Eichhörnchen jagen gehen wolltet." Vielleicht war es nach dem Gesetz der Krieger nicht ganz OK, aber wenn du mit zwei 5-Monde alten Kätzchen eine lebensgefährliche Reise unternimmst, könnte es eventuell von Vorteil sein, wenn sie schon einigermaßen jagen können. Vor allem Seidenjunged schlug sich trotz ihres langen Fells und des leichten Fiebers hervorragend.
    Was? Ich hätte sie zum Ausruhen schicken sollen? Du hast recht. Nur war ich damals dumm und ängstlich, vermutlich hatte ich einfach Panik, sie würde nicht mehr aufwachen, wenn ich sie schlafen schickte. Wie blöd ich doch war...

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    Es kam mir so absurd vor, dass die Bedrohung für die Clans von einer Bande hinterlistiger, gemeingefährlicher Katzen zum alltäglichen Teenie-Liebeskomödien-Streit gewichen war. In meinem Leben hatte ich schon vieles erlebt und die Hälte davon betraf Morde, Angriffe und Verteidungsmaßnahmen, wenn es nicht gerade um's Jagen ging. Eins war klar: Wenn ich diese Katastrophe nicht schnell in den Griff bekam, konnte aus reinem Liebeschaos noch sehr viel mehr werden...
    Astpfote und Rauchpfote konnte ich nicht mehr helfen, abet ich schuldete es ihnen, aus deren Fehlern zu lernen, um zwei weitere Katzen davor zu bewahren.
    "Pilzkralle, ich weiß, dass du dich im Moment sehr verletzt fühlst. Ich habe so etwas doch selbst erlebt." Widerstrebend legte der gewaltige Kater die Ohren an. "Du weißt nicht, wovon du redest."
    Einen Moment überlegte ich kurz, denn ich wollte nicht lügen. Meine Freunde konnten mir nur vertrauen, wenn ich auch ehrlich blieb und von diesem Gespräch hing zu viel ab, als dass ich diesen Bund auf's Spiel setzen konnte. Es ging hier nicht mehr nur um die Clans. Dieses Problem betraf auch mich persönlich, kein Clan-Anführer hatte mich darauf angesetzt, es für das Wohl seiner Katzen zu lösen. Irgendwie kam ich mir ein bisschen wie Bat Cat vor. Also von der Fellfarbe würde es passen.
    Ich antwortete wahrheitsgemäß: "Nein, du hast recht. Jeder Kummer hat seine eigenen Schatten, die ihn einzigartig und persönlich verletzlich für denjrnigen machen, der ihn betrifft. Das ist das grausame am Schmerz der Psyche. Man fühlt sich allein. Aber das bist du nicht. Du auch nicht, Moospfote, bitte schau nicht so traurig. Wir haben immer noch uns und einen Grund, zu kämpfen und so lange es den gibt, ist es unsere Pflicht als Krieger für den Clan da zu sein, denn er kann sich nur auf uns verlassen, wenn wir für ihn stark sind."
    Pilzkralle hob den Kopf. "Genau das ist es, das mir weh tut. Mein Ziel war es dich zu befreien, damit wir zusammen in den Ältestenbau ziehen können, aber du willst nicht. Sag, liebst du jemand anderen?" "Es spielt keine Rolle.", warf Moospfote ein. "Sie liebt dich nicht, Pilzkralle. Und du hast kein Recht, einen andrren dafür schuldig zu machen. Weder Trouble noch ein anderer Kater kann an ihren Gefühlen etwas ändern. An meinen übrigens auch nicht." Die Tapferkeit von der früher so schüchternen Kätzin überraschte mich. Und entflammte tief in mir diese eine Flamme, die darauf brannte, endlich wieder Fuchsjunges in die Pfoten schließen zu können.
    Beide FuchsClaner sahen mich an. Es lag nun an mir, das richtige zu sagen, deshalb hatte ich auch Angst. Mir wollte nichts einfallen. Was sollte nur passieren, wenn ich die falschen Worte wählte? Oder wenn meine Intonation ganz falsch war? Würde ich mich jemals dafür verantworzen können, dass sechs Clans von innen heraus zerstört wurden, weil eine unbedeutende, kleine Katze, keine Rethorik beherrschte?
    Wenigstens den Mund öffnen sollte ich, sonst sah es noch völlig ohne Plan aus. Das geringste, das wir jetzt brauchten.
    Seltsamerweise kamen die richtigen Sätze ganz von alleine: "Jede Katze kämpft mit ihren Problemen. Aber nur diejenigen, die stark genug sind, sie auf später zu verlegen, um ihrem Clan beizustehen, sind die wahren Krieger unter uns." Moospfote begutachtete ein Kleeblatt vor ihr und bog nachdenklich den Stängel von der einen zur anderen Seite. Auch Pilzkralle schien ähnlich mit sich zu kämpfen.
    Allmählich bekam ich es mit der Angst zu tun. Keep calm, du schwarzes Wunder. Wenn sie nicht wollen täten, würden diese Schwachköpfe doch nicht nachdenken.
    Am liebsten hätte ich mich unter die Erde verkrochen, ganz weit weg, am besten in Japan oder whatever. Dann sah mir Moospfote in die Augen und zwar mit dem Blick eines klugen Tigers: "Ich bin dabei! Lasst uns für unsere Clans kämpfen!"
    Verwundert riss Pilzkralle den Kopf noch weiter nach oben, was eine verkrustete Narbe unterhalb seiner Kehle entblößte. "Ich dachte, du könntest mir nicht verzeihen." Knurrend spannte sie die muskulösen, felllosen Schulter an. "Das habe ich auch nie behauptet. Nur bin ich loyal genug, um nicht meinen Clan unter Liebeskummer leiden zu lassen. Es gibt im Moment wichtigeres zu tun." Der braune Kater nichte nachdenklich. "Damals als Junges haben sie mir immer das Fell ausgerissen, weil Rot eine Farbe für Unglück war. Wusstet ihr, dass sie meinen Pelz opferten, um selbst das 'Geschenk' gebracht zu haben? Erst als mein Fell braun nachwuchs, haben sie aufgehört. Nadelsprung, Pestfluch, Eulenschatten und Nachtigallenherz. Es wird Zeit, dass jemand diese Tyrannei beendet und zwar für all die Jungen, die sonst noch unter den Biestern unter uns zu leiden haben werden."
    "Wir haben einen Deal?", miaute ich.
    Die beiden nickten entschlossen, zwar ohne sich gegenseitig ins Gesicht zu sehen, aber bereit, um das Wohlergehen des FuchsClans über ihr eigenes zu stellen. Ich hatte es geschafft. Wieder war ein weiterer Schritt Richtung Freiheit gemacht.
    "Dann muss ich nur noch eines wissen." Schock mischte sich mit Angst in Moospfotes Augen. Pilzkralle wandte sich ab. "Trouble.", sagte die Schülerin. "Willst du es wirklich wissen?" Nein, nein, niemand wollte das. Aber ich hatte gefälligst zuzuhören. "Ja." Du verflucht mutige Katze, du. "Sie sind beide tot.", miaute der Kater.

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    "Aber...warum..." Beruhigend legte mir Moospfote den Schweif um die Schultern. "Es tut uns leid, Trouble. Ehrlich. Aber wir konnten sie einfach nicht finden. Erst als wir weiter gezogenen sind, ist Pilzkralle nach dem Kampf mit den Hunden mehr oder weniger über einen toten Schimmerjunges gestolpert. Er muss von einem Luchs oder so verschleppt worden sein. Nachdem wir nun eine schwache Geruchsspur hatten, sind wir natürlich sofort umgekehrt und kamen zu einer kleinen Dornenpflanze. Der Duft war dort sehr stark und ein wenig war auch noch von deinem Geruch übrig."
    "Aber Seerosenjunges war weg.", schloss der Kater, mir traurig zublinzelnd. "Es tug mir im Herzen weh, ich meine es ernst. Jedes tote Junge, iet eine verlorene Katze zu viel. Vermutlich hätten wir sie noch erreicht, wenn wir nur Minuten früher dagewesen wären, so frisch war der Geruch noch. Aber sie war weg. Und nachdem wir zwei Wochen in der Gegend nach ihr gesucht haben, mussten wir die Hoffnung aufgeben und weiterziehen, wenn wir nicht noch mehr Katzen verlieren wollten."
    Meine Babys waren tot. In einer stürmischen Sommernacht hatte ich diese drei Fellbündel in diese grausame Welt befördert und zwei davon hatten nicht eine postive Erfahrung machen können. Woraus hatte ihr kurzes Leben schon bestanden? Nur wenige Tage hatten sie in einem mehr oder weniger warmen, nicht nassen Nest verbringen können, der Rest war eine katastrophale Mixtur aus Rennen, Verfolgung, Hecktik, Hunger und Kälte. Von der enormen Raumenge ganz zu schweigen. Ich fühlte mich so schuldig. Der SternenClan hatte mir diese vier Leben geschenkt, um sie zu behüten und zu versorgen, bis sie ihren eigenen Lebensweg einschlagen konnten. Und ich hatte kläglich versagt. Wenn Teichnase ihre Mutter gewesen wäre? Dann wären sie alle zu rassistischen, unsympathischen Gören herangewachsen, die nichts besseres zu tun haben, als bei einem von Rebellen geplanten Jagdeinsatz draufzugehen. Wenigstens hätten sie ein Leben gehabt...
    Ohne es selbst zu merken, hatte ich angefangen zu weinen. Dicke, entsetzte Tränen der Erschöpfung und des Verlusts sickerzen in die Erde, um irgendwo einer Pflanze ein kleines bisschen mehr Kraft zu gönnen, und vermischten sich mit denen von Moospfote. Auch Pilzkralle war zum Heulen zumute, aber er war wohl der stärkste von uns halten. Für diese Standfestigkeit liebte ich ihn, zumindest für diesen einen Moment. Ob er es spürte? Keine Macht der Welt konnte mein Herz umstimmen, von der Meinung abbringen, die es wirklich in sch trug. Aber vielleicht gab ihm dieses kleine, dankbare Lächeln mehr Lebenamut für seinen weiteren Weg. Um wieder aufzustehen.
    Wir saßen noch eine Weile so da, während ich darüber nachdachte, was nun zu tun war. Meine eigene Trauer musste verschoben werden, denn dafür war jetzt nicht die Zeit. Doch war sollte ich Gewitterjunges und Seidenjunges erzählen? Wir kamen nicht dazu. Fremde Gerüche vermischten sich mit der normalen Waldluft, bis es zu spät war. Nein, nicht ganz. Ok, ein paar hatte ich noch nie davon kennen gelernt, aber da war ein bekannter.
    Er erinnerte mich an eine längst vergangene Zeit, in der es noch Blumen gegeben hatte, an denen ich riechen durfte.

    "Es ist wirklich nervig, dieses reizende Treffen stören zu müssen. Aber ich bitte um einen Moment eurer Aufmerksamkeit."
    Er war hinter mir. Natürlich war er das. Vermutlich war es total bescheuert, aber ich fragte: "Darf ich mich umdrehen, ohne zu sterben?" Nach Moospfotes und Pilzkralles entsetzten Mienen nein. Der Kater aber gab eine andere Antwort. "Aber natürlich, Hübsche. Du sollst doch deinen Angreifer sehen können, bevor du umkommst. Ist es so nicht das Gesetz der Krieger." "Ja, das ist es.", miaute ich, atmete tief durch und wirbelte dann schnell herum. Zuerst war ich verwirrt. Don't know was ich erwartet hatte, aber der schmächtige, braune Kater ohne Musterung war es nicht.
    Mir wurde bewusst, dass Moospfote und Pilzkralle noch nicht in der Lage sein würden, um gegen einen Angreifer kämpfen zu wollen, der ihnen anscheinend nach dem Leben trachtete.
    Also sprach ich. "Es tut mir leid, aber du musst uns vetwechseln. Aber wir kennen dich nicht." "Du meinst wohl, nicht mehr."
    Gurgelnd vor Kichern tigerte er um uns herum, bis wir drei Räcken an Rücken standen; Pilzkralles und Moospfotes Augen huschten nervös hin und her.
    "Bringt die Opfer.", befahl er.
    Mehrere andere Katzen krochen aus den Büschen, jede mit einem besonderen Merkmal. Eine schwarz-weiße Kätzin mit einem braunem und einem blauen Auge flüsterte: "Sehr wohl, Meister."
    "Ich danke dir, Regenbogen." So einen arroganten Tonfall hatte ich ja noch nicht einmal von Laubrache zu hören bekommen!
    Einigen anderen fehlte der Schweif oder irgendwelche Beine. Blinde und Taube waren ebenfalls dabei, ihre unsichere Körperhaltung verriet sie gegen ihren Willen. So einen traurigen Haufen hatte ich noch nie gesehen UND DAS MEINTE ICH ERNST. Die verschiedensten Gerüchse sammelten sich in der Luft, weshalb ich mich gar nicht mehr richtig aus das konzentrieren konnte, was man für uns auf die kleine Lichtung zerrte. Mit einem Schlucken nahm ich zur Kenntnis, das vorher noch meine Jungen hier gespielt hatten.
    Der braune Kater kicherte aufgeregt. Ich konnte es einfach nicht sagen, aber irgendetwad STÖRTE mich an diesem Kater. Ich KANNTE ihn. Wie ein Hochleistungssportler suchte mein Gegirn nach der Lösung, dem richtigen Schlüssel, denn woher sollte ich wissen, wie viel Zeit mir noch blieb. So lange schon hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Und doch schien es mir einfach nicht einfallen zu können! Ich musste konzentriert bleiben, trotz der vielen vertrauten und fremden Gerüche zugleich. Dann hatte ich es. Nun ja, wer der Kater war, ich hatte immer noch nicht den leisesten Hauch einer Ahnung. Seine GEFÄHRTEN aber...waren enttarnt. Das waren alles Clan-Katzen, verstoßen und verjagt wegen Auffälligkeiten, die einfach nicht in das normale Waldleben passten, wie wohl manche Katzen fanden.

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    Es war wieder die Macht der Worte, die auf MIR lastete. Doch dann erkannte ich etwas - es gab gar keine richtigen. Worte konnten Schmerzen lindern, die Augen öffnen, stützen, dir Angst machen, Vertrauen schaffen, ja auch Neues eröffnen. Aber es gab zu viele davon. Und mir rann die Zeit durch die Ballen.
    Das Blut war es, dass meinen ziemlich bizzaren Gedankengang stoppte. So unglaublich viel Blut. Eis schien mir durch's Fell zj strömen, zumindest zitterte ich so stark als ob am ganzen Körper. Hilflos gruben sich meine Krallen in die Erde. Ganz sicher war ich nicht, was ich fühlte, inzwischen war ich die unfähigste Person auf der Welt, so etwas ausdrücken zu können. Ich hoffte nur, dass Moospfote und Pilzkralle die Fassung bewahrten, für das Wohl der sechs Clans. Denk an Blaustern. Denk an Rauchvogel. Du darfst sie nicht enttäuschen, wenn du noch das kleinste Stück Selbstachtung behalten willst.
    Denn vor uns lagen Kralle, Ni hao, Bussard und Wolf, alle regungslos und mit vor Schock geöffneten Augen. Die Wunden waren noch frisch, stanken nach Angst und Dreck. Manchmal dachte ich darüber nach, wie es wäre seinem Leben einfach ein Ende zu setzen. Was hatte ich denn jetzt noch zu verlieren? Mobbing war noch das freundlichste Wort, für das, was das Schicksal mir angetan hatte und nein, ich übertrieb bei weitem nicht. Sicher war es schön, nichts mehr fühlen zu müssen. Nur Ni hao gönnte ich es nicht.
    "Warum habt ihr das getan?", flüsterte Moospfote neben mir. Ihre Flanken bebten vor Aufregung und Fassungslosigkeit.
    "Das könnt ihr nicht tun." Da war kein Flehen, keine Bitte, nur Schock in Pilzkralles Augen. Mehr denn je fielen mir die Narben, welche von vergangenen Kämpfen berichteten, in seinem Gesicht auf.
    "Und warum nicht?" Mir blieb zwar verborgen, was an dieser Situation so lustig war, aber der Braune lachte und einige der Fremden, auch Regenbogen, mit ihm.
    Ich schüttelte langsam den Kopf. Irgendwo in mir war die eine Entscheidung getroffen, aber zuerst würde ich noch den Clans helfen. Das schuldete ich ihnen, immerhin waren es sie gewesen, die mir trotz allen Verderbens ein neues Zuhause gegeben hatten.
    Die Zeit als Charly schien mir unendlich weit fern. Wann hatte ich zuletzt lauthals und bedenkenlos gelacht? Vielleicht würde es dem Universum ohne mich sowieso besser gehen. Es gab nun einmal ab und zu Schmutzflecken, da war man doch sicher dankbar, wenn sie sich selbst entfernten.
    Ich sagte: "Wer immer du auch bist, woher auch immer du kommst, ich weiß jetzt, dass du starke Schmerzen erlitten hast. Und ich rede nicht von einer gebrochenen Pfote." Unruhig wischte ich mir mit dem Schweif über die Flanke. Wäre ich noch ein Mädchen, ich hätte nicht begreifen können, wie man so etwas mutiges und dummes nur tun konnte. Aber jetzt war ich ja eine Kriegerin, auch wenn das vielleicht mein letzter Kampf war. Für den LibellenClan und Habi würde ich ihn noch zu Ende führen.
    Ob ich traurig war? Ja, schon ein bisschen. Ich erinnerte mich an Las Vegas und den tollen Strand in Italien, wo meine Faimlie und ich immer im Sommer hin sind. Jedes Jahr, abwechselnd. Wir hatten nämlich Verwandte in den USA.
    Auch würde ich Gewitterjunges und Seidenjunges vermissen. Und Sonnenruß, weil ich ihm so weh getan hatte. Ich hoffte, dass er eine nette Gefährtin finden würde, mit der er dann zahlreiche Minikätzchen großziehen konnte.
    "Deshalb bitte ich dich, dass du diese Schmerzen nicht weitergibst. Denn dann bist du auch nicht besser als diejenigen, die dich zu dem gemacht haben, der du jetzt bist."
    Abrupt hörte das Kichern auf und die umstegenden Verbannten schienen die Luft anzuhalten. Damit hatte anscheinend niemand gerechnet. Der braune Kater am wenigsten. (Er kam mir SO BEKANNT vor!)
    Er knurrte: "Du weißt nicht, wovon du da redest! Aber das spielt keine Rolle. Wenn du nicht sofort eines sehr grausamen Todes sterhen willst, wirst du ab jetzt sehr leise sein." Ok, eine Wahl hatte ich wohl nicht. "So.", fuhr er fort. "Du kennst mich wirklich nicht mehr?"
    Denk nach, Hirn, DENK! Doch es wollte mir einfach NICHT einfallen. Also...improvisieren.
    "Doch...natürlich..." Ich wusste selbst, wie böd und dumm ich klang, doch die zwischen Verwunderung und blankem Entsetzen schwankenden Blicke von Pilzkralle und Moospfote halfen auch nicht gerade. "Nun?" Dieses eine Wort klang für mich seltsamerweise mehr nach einer Drohung, als Frage.
    "Nein...nein." Betreten senkte ich den Kopf und wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Du Schwachkopf. Das hilft mir nicht wirklich weiter. Aber HEY, wenn der Kerl mich umbrachte, dann wäre es sogar ein ehrenhafter Selbstmord!
    Jetzt lächelte er. SternenClan, wie sehr ich lächelnde Kater verabscheute! "Ok, dann lass uns ganz von vorne anfangen."
    Er blieb stehen.
    Und plötzlich wusste ich es. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich endlich die richtige Antwort geben konnte. Und zwar nicht vor Freude. "Es tut mir so leid, was aus dir geworden ist, Hirsch."
    "Danke. Jetzt weiß ich, dass du wenigstens nicht vollkomend behämmert bist. Und ich schätze ich schulde euch eine Erklärung für..." Er machte eine vage Bewegung in Richtung der Toten. "...das hier."
    Bei näherer Betrachtung, sah der letzte Gedanke in Kralles Augen eher wie eine Frage als Schreck aus. Dass sie nun sterben musste, hatte sie gewusst, so viel war sicher gewesen. In so einer kleinen Gruppe war es schlicht nicht möglich, gegen so viele wilde Streuner anzukommen. Aber da war dieser letzte, stumme Satz in ihren leicht geöffneten, blutverkrusteten Lippen: Werden es die anderen schaffen, wenn ich mich jetzt opfere?
    Ich verspreche dir, Kralle, ich werde alles tun, was nötig ist, um deine Schwester und deinen Vater wiederzufinden und vor den Gegnern, die dir das Leben genommen haben, zu beschützen. Dann musste ich aber schon jetzt anfangen. Weil es plötzlich so still geworden war, nickte ich, was Hirsch als gebührende Einladung empfang. "Weißt du, wisst ihr...dieses Leben habe ich mir nicht ausgesucht. Das, was ich verdient hätte, nämlich diesselbe Ausbildung und dasselbe Aufwachsen wie meine Schwestern, das hat mir Vogelstern einfach so weggenommen." Eine noch nicht dagewesene Traurigkeit überkam seinen Körper. Mit wischendem Schweif, gesträubtem Fell und flachen Ohren saß er, das Gras vor sich anstarrend. "Zuerst habe ich versucht, Habichtpfote zu töten, dann hätten sie mich vielleicht wieder als Heiler-Schüler genommen. Aber ich war klein. Außerdem warst du ständig bei ihr und mit einem lebenden Zeugen wäre das wohl ein ziemlicher Reinfall geworden." So weit, so schlecht. Blöd, dass das hoer so schnell kein gutes Ende nehmen konnte. Was würde mit den zwei Verletzten passieren, wenn ich einen Fluchtversuch unternahm?
    Erinnerst du dich noch an uns? Die Außenwelt brach um mich herum zusammen und Veilchenmond meinte allen Ernstes, jetzt spinnen zu müssen! Lass den Quatsch. Wenn du willst, dass ich am Leben bleibe, nur ein kleines bisschen, musst du mich in Ruhe lassen. Bitte. Nur ein Mal.
    She's so stupid, I can't believe. Sch.... . Ekel, Century, bitte nicht, es geht hier um die Zukunft der Clans. DAS IST KEIN SPIEL MEHR. Reißt mich ruhig ins Verderben, ich wehre mich nicht, aber meine beste Freundin und meine Kleinen haben nicht dasselbe verdient!

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    Hast du etwa Angst?, verhöhnten mich die Stimmen in meinem Kopf. Ja. Nur Dumme fürchten sich nicht, wenn das Leben ihres Clans auf dem Spiel steht. Vermutlich wäre es anders gewesen, wenn es um mich ging, denn ich war einsam. Niemand liebte mich außer meinen eigenen Babys, von denen ich zwei aus reiner Unachtsamkeit verloren hatte. Sie fehlten mir so sehr; nun würde ich nie herausfinden, wer die zwei Fellbüschel wirklich waren. Umso mehr war es jetzt meine Aufgabe, auf die verblieben zwei aufzupassen. Ich wagte einen neuen Versuch. "Ich fühle mit dir. Obwohl ich selbst trotz meines...Streunerdaseins im Clan aufgenommen wurde, habe ich oft genug sehen können, was Andersartigkeit mit den Seelen der sechs Clans macht. Die Furcht vor dem Unbekannten macht sie zu Monstern. Bitte sei keines und vergebe denen, die dir Unrecht getan haben."
    Hirsch lachte ein trockenes, bitteres Lachen. "Denkste! Als ob ich mir dieses DEMÜTIGUNG noch einmal antun würde! Das, was ich hier tue, nennt sich Rache und wenn man mir nicht selbst alles genommen hätte, was einem Jungen etwas bedeutete, dann gäbe es sie überhaupt nicht. Deshalb werdet ihr drei, genauso wie diese Viecher, sterben." "Ihr wisst nicht einmal, ob wir den Clans angehören.", widersprach ich. "Was ist, wenn wir nur ehemalig Clan-Katzen waren und genau aus den selben Gründen wie ihr vertrieben wurden?"
    Regenbogen und ein mickriger, brauner Kater neben ihr, so einer mit weißem Bauchfell und braunen Regaugen, kniffen nachdenklich die Augen zu. "Könnte sein.", meinte die Kätzin schließlich nach einer Weile. Trotz der durch die Luft schwirrenden Angst und meiner eigenen Panik, dankte ich dem SternenClan für jede einzelne Sekunde hier. Denn der kurze Moment, den ich gerade durchlebte, gab den anderen eine größere Chance, demselbem Schicksal zu entkommen.
    Hirsch wollte etwas erwidern, doch der wohl für immer gestörte Kater kam nocht dazu.
    Die ersten Katzen schrien, rannten in alle Himmelsrichtungen. Die Schüsse waren auch nicht zu überhören gewesen.
    Ganz unentschlossen stand der brutale Attentäter jetzt da, gefangen zwischen seiner überdimensionalen Wut und nacktem Überlebenswillen. Ich nahm ihm die Entscheidung einfach ab. "Renn!", schrie ich ihm über das Pfotentrappeln hinweg zu. "Lauft alle, so schnell ihr könnt!" Hatte ich vorher Angst, was geschehen könnte, wenn Moospfote und Pilzkralle vor eine körperlich zu anstrengende Situation gestellt würden, es mutierte nun zu einer verschwommenen Misch aus Panik, Schock und Unentschlossenheit. Meine Kleinen brauchten ihre Mutter. Konnte ich es riskieren, den letzten Halt meiner Babys an die Jäger für zwei FuchsClaner zu verkaufen?
    SternenClan sei Dank, die zwei hatten anscheinend auch keine Lust zu sterben.
    Trotz größter Schmerzen hasteten sie los mit vor Schmerz und Entschlossenheit zugekniffenen Augen.

    Wenn man sich in einem Film verrückte Verfolgungsjagten reinzog, dann war da immer Regen, Regen und Blitze und Gewitter und Dunkelheit. Keuchender, rasselnder Atem und Wolfsgeheule im Hintergrund. Ich glaube, ich hatte großes Glück eine gute Sprinterin zu sein, was ich auch mehr oder weniger schamlos ausnutzte. Obwohl mir der FuchsClan so viel Leid angetan hatte, warf ich auch hin und wieder einen Blick über die verschwitzte Schulter, um mich zu vergewissern, dass Moospfote und Pilzkralle noch nicht angeschossen worden waren. Ihr erinnert euch noch an Rosenwolke, richtig? Das war diese schöne Heiler-Kätzin mit den schwierigen Geschwistern und (noch) schlimmeren Eltern, die damals vor meinen eigenen Augen von genau so einem Jäger abgeknallt wurde. Und wenn ich jetzt noch hoffte, eine Schusswunde würde im dramatischten Fall keine katastrophalen Folgen nach sich ziehen, dann war ich ja wohl echt blöd.
    Wo waren keine Kinder? Ich wusste es nicht. Glaubt es oder nicht, ich war und bin die furchtbarste Mutter auf Erden, gequält und gefoltert unter Schuld und Mitleid mit den Kleinen, die das Schicksal zu ertragen hatten, meine Kinder zu sein.
    Weil ich keinen Plan von der näheren Umgebung hatte, hängte ich mich einfach an den struppigen, gescheckten Kater vor mir ran, der wenigstens so einen groben Umriss von Karte im Kopf zu haben schien. Ganz sicher war ich mir nicht, meiner Meinung nach, torkelte er ein bisdchen, aber ich war noch nie sonderlich wählerisch gewesen. Das leise Rascheln von Moos und Blättern, wenn Katzen wieder hinten aufschlossen, verriet mir, dass bei meinen zwei Gefährten hoffentlich/noch alles in Ordnung war.
    Trotz der gewaltigen Anstrengung wurden wir langsamer. Es war dieser eine Moment, in dem du mit dir selbst kämpfen musstest, um nicht komplett durchzudrehen und die Verletzten total im Stich zu lassen.
    Stattdessen nahm ich sämtlichen Mut zusammen und sprang heftig atmend in den nächsten Brombeerbusch, was im nachhin wohl noch etwas ausbaufähig an Idee war. Die kleinen Kratzer brannten auf meiner so schon wunden Haut, wenigstens schien ich nicht stark zu bluten.
    Und da die zwei mindestens genauso geschwächt und am Ende waren, eilten sie zu mir, mit zittrigen Pfoten und angstgeweiteten Augen. "Still", sagte ich. In solchen Momenten war ich einfach ein bisschen dumm, was die beiden aber nicht sonderlich zu überraschen schien. Weshalb wohl.
    Hastiges Fußstapfen näherte sich, bis das Auftreten eher Donner als normalem Schritt glich. Vielleicht kam es uns aber auch nur so vor und wir waren einfach vollständig am Durchdrehen. Na ja, Hauptsache lebendig. Dann wurde es leiser. Es war jene Stille vor dem Sturm, bei denen jedes Tier den Atem anhielt, verharrte und sich nicht traute, den Blick gen Himmel zu wenden, denn man wusste genau, was sich dort oben abspielte, auch ohne zu gucken.
    Ich beschloss, selbst nachzusehen. "Wenn ich erschossen werde, rennt ihr, klar?", hauchte ich beinahe atemlos, während ich langsam die unteren Zweige zur Seite schob.
    Da war nichts. Eine Elster pickte am Boden vor sich hin, als wäre nie etwas gewesen und wenn da ein Vogel war, dann ging das Leben weiter.
    Erleichtert sackten meine Schultern zusammen, die zerrende Muskulatur entspannte sich, soweit das unter meinem momentanem Stresslevel möglich war. "Es ist alles gut.", miaute ich stöhnend. "Wir sind sicher."
    Zuerst jagten wir ein bisschen, um unsere kaputten Körper zu stärken, falls die Irren wieder zurückkommen sollten, doch es schien nicht so. Eine Stunde verging, vielleicht auch zwei.
    Irgendwann fragte Moospfote: "Sollen wir zurück und sie begraben?" Pilzkralle und ich schüttelten gleichzeitig den Kopf, wobei ich sofort damit aufhörte, als ich bemerkte, dass er es auch tat. Er hatte es trotzdem bemerkt. Zum Glück war er zu sehr von der schlimmen Situation abgelenkt, sodass er für seine Liebesprobleme jetzt nicht viel übrig hatte. Er antwortete: "Nein. Die anderen Katzen könnten dorthin zurückkommen und wir können das nicht riskieren. Auch nicht für deine Jungen, Trouble." Auf einmal wollte ich es wirklich wissen. "Ihr habt sie aber schon anständig beerdigt, oder?", fragte ich. Moospfote war erleichtert, dass es sonst nichts war. "Natürlich. Sie ruhen jetzt in Frieden an einem klaren Bach mit viel Forelle und Glockenblumen. Sicher gefällt es ihnen dort." Ich hoffte es so sehr. "Und wie sieht jetzt der Plan aus?", fuhr ich fort.
    Pilzkralle und Moospfote tauschten einen verängstigten Blick. "Wir haben keinen."

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    "Und was sollen wir jetzt tun?" Ich gab mein Bestes, um ja wenigstens ein bisschrn gelassen oder zumindest genervt rüberzukommen, aber in Wirklichkeit war ich SO kurz davor, meine Fassade endgültig zu verlieren.
    "Na ja.", miaute sie. "Wir wissen, in welche Richtung es ungefähr zum FuchsClan geht. Wenn wir Glück haben, begegnen wir den Jägern nicht mehr und erreichrn das Territorium noch bevor es dunkel wird." Das Wetter selbst schien sich auch gegen uns gewandt zu haben, denn als wir alle den Kopf in den Nacken legten, wobei das dichte Blätterdach doch etwas störte, um einen Blick in den Himmel werfen zu können (damit wir wussten, wie viel Zeit vor Dämmerung uns noch blieb), war da nichts weiter als die trostlose Mischung aus Grau und schmutzig Blau, die sonst nur Erstklässler in der dritten Kunststunde zustande brachten.
    Und ja, ich hatte KEINE AHNUNG, wie ich auf DIESEN Mist kam.
    Zum Glück konnte hier keiner Gedanken lesen. Haha!Autsch. Moment. Bist du das, Veilchenmond? Moospfote sagte etwas, doch das Flattern meines erschöpften Herzens und Veilchenmonds Stimme übertönten es. Ja, aber ich weiß nicht, für wie lange noch. Century und Ejel haben mich einfach...weggedrängt. Kein Peil, wie ich das beschreiben soll. "Trouble, alles ok?"
    Was ist passiert? Was wollen die Freaks? Weißt du, eig kann ich dich nicht mal leiden. Du bist ziemlich dumm, egozentrisch manchmal auch und defintiv die übelste Schwarzseherin, die mir je unter die vier Pfoten gekommen ist. Pilzkralle wirkte zutiefst beunruhigt. "Trouble? Trouble?" Er rdete etwas lauter als normal. Die Schnurrhaare der anderen zitterten vor aufkommender Panik, doch ich konnte mich einfach nicht genug darauf konzentrieren, etwas zu antworten...Es war...als würde mein Körper schlafen, aber meine Augen und Sinne dafür alles mitbekommen. Richtig...creepy. Ein unheimliches Gefühl begann, mein Rückenfell zu befallen und das gefiel mir ganz und gar nicht.
    "Ja.", brachte ich mit allergrößter Mühe hervor; die beiden durften jetzt auf keinen Fall hecktisch werden. Wer wusste schon, was zu tun war, wenn bei Bluthochdruck so viel Schorf aufplatzte?
    In meinem frühreren Leben war ich auch mal Heilerin.Das hilft mir jetzt nicht sehr viel, aber danke. War das ironisch? Schon klar, Pessimist, sei mal ruhig. Je mehr du die düsteren Gedanken zulässt, desto mehr und schneller entgleitest du mir, klar? Hör sofort auf über Regenwolken nachzugrübeln, wenn gerade die Sonne scheint! Und JA, das war eine METAPHER, du Ungebildete! Wenn du das Dunkle zu nahe an dich ranlasst, frisst es dich. Verstanden? Ich bin jetzt wieder leise, sonst musst du noch alleine sterben, wie es aussieht. Womit die Verrückte nicht ganz Unrecht hatte. Pilzkralle und Moospfote sahen wirklich nicht gut aus und dankbar für die neu errungene Freiheit des Sprechens miaute ich: "Es...geht schon wieder. Ich glaube mir war nur ein wenig schwindelig."
    Etwas benebelt stellte ich fest, dass ich auf dem Boden lag, mitten im braunem, dreckigem Regenschlamm. "Igitt. Wer von euch war das?" "Du bist umgefallen.", erklärte Pilzkralle.
    Moospfote schüttelte sich das vor Schock erstarrte Fell. "Wir müssen dich schnell zu Heiler-Katzen bringen, Trouble. Sollte so etwas wirklich noch einmal passieren, können wir dir NICHT helfen. Ich schlage vor, wir machen uns nun sofort auf den Weg." Wir alle drei waren verwundet, trotz des Essens geschwächt und selisch gesehen mehr Zombies als Lebendige. Aber das durfte nicht unsere Clans in den Tod treiben, denn nur DANN hatten wir verloren und zwar in ECHT.

    Wir liefen sehr, sehr lange, das war fast alles, an das ich mich im Nachhinein erinnern konnte. Felsen, Bäume, Sträucher, Wiesel, Hasen, Adler, Weiden, Kühe, Pferde, Traktoren, Straßen und Steine zogen an uns vorbei, doch hätte man mir später eines von diesen Sachen gezeigt, ich hätte wohl ein verdammt ähnliches Gesicht wie Harry Potter gemacht, als dieser Halbriese ihm versuchte zu erklären, dass seine Eltern Dinge in der Luft schweben lassen konnten und so.
    Dann waren wir da.
    Seltsam erdrückend und hoffnungslos grinsten uns die Schatten des gewaltigen Waldes entgegen, ohne das geringste Erbarmen. Kälte kroch in meine Knochen und erst als ich mich an Veilchenmonds Warung erinnerte, schüttelte ich sie wieder ab. Dafür war jetzt keine Zeit, nicht die geringste.
    "Willkommen zu Hause, ihr beiden." Na gut, vielleicht war es doch etwas taktlos zu tun, als hätten wir es hier mit etwas derartig Bösem wie Napoleon zu tun. Aber das stimmte nun einmal nicht. Das hier war Darth Vader-Klasse, ich schwör.
    Wenn ich von hier, von diesem letzten Hügel der Wiesen den Hals lang machte, war ich sogar in der Lage, die ersten Tannen des LibellenClan-Reviers zu erkennen, wobei ich mich plötzlich fragte, wie viele denn in den vergangenen Monden von uns gegangen waren. Wollte ich es überhaupt herausfinden?
    Was du vielleicht noch wissen solltest...na gut... wie sagt man so etwas am besten...Die Zeit funktioniert in den Clans irgendwie...ein kleines bisschen anders. So ein Buchtick wahrscheinlich, damit sich die Leser nicht die GANZE Zeit langweilen müssen. Am liebsten hätte ich die Irre einfach unterbrochen, wenn da nicht die leise Stimme gewesen wäre, die beteuerte, dass sie es vielleicht doch nicht ist.
    Sie vergeht schneller. Also, die Zeit. Ihr wart zehn Monde weg..
    Moospfote knurrte leise. "Etwas stimmt hier nicht. Wir sollten gehen."
    Heute ist der 11. März, Wilde. Was die Erins nie in den Büchern oder Interviews gesagt haben...
    SternenClan, verdammt, was ist hier los? Sollen wir alle STERBEN?
    Im Originalskript...was soll's. Ihr seid eh alle tot. Also, zuerst war der Plan, die gesamten vier Clans am 11. März durch eine Horde wilder Luchse aus dem Norden auszulöschen. Dann wollten die Erins, dass sie von der anderen Seite der Stadt kommen, von hier, damit nicht alle sterben müssen. Sie konnten ja nicht wissen, dass IHR hier lebt, zu ihrer Verteidigung. Im Endeffekt verwarfen sie die Idee wieder, weil sie so schlecht und überdramatisiert ist. Das will ja keiner lesen. Ich verstand den Hacken nicht. "Hä? Dann ist doch alles gut." Moospfote und Pilzkralle warfen mir unerwarteter Weise seltsame Blicke zu. Sagten aber nichts. Die hatten mich eh schon als durchgeknallt abgestempelt.
    Ich war noch nicht fertig, DU IRRE. Die Sache ist die...damit sie diese furchtbare Idee nicht mehr umzusetzen brauchten, haben sie die Clans einfach vorher schon zu den neuen Territorien abreisen lassen. Kein großes Ding...Ich schluckte. Eigentlich wollte ich das gar nicht mehr hören. "Und weiter?"
    ...sie haben die Computerdatei mit den Luchsen nie gelöscht...

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    "Pilzkralle, Moospfote, wir sollten hier weg gehen..." Irgendetwas sagte mir, dass jetzt NICHT die richtige Zeit war, von der Stimme in meinem Kopf anzufangen, aber was sollte ich nur tun, damit sie mir glaubten, dass jetzt defintiv nicht der richtige Zeitpunkt war, zu den Clans zurückzukehren. Falls es den denn je überhaupt gegeben hatte. Was ich irgendwo starz bezweifelt. Aber TROTZDEM.
    Mit grimmig verzerrten Gesichtszügen hob Pilzkralle die vernarbte Nase in die Luft und öffnete leicht den Mund. Er witterte.
    "Es stinkt, aber ich kann nicht sagen nach was. Du hast recht, Moospfote, etwas ist passiert oder wird es zumindest noch. Wir sollten schnellstens zum FuchsClan, um den anderen zu helfen." Ok, jetzt reichte es mir endgültig. Diese Bande von Streunern würde ich doch nicht mit meinem LEBEN verteidigen! "Spinnst'e jetzt total, oder was?" Wie eine Rakate ging ich in die Luft, legte alles um mich mit elektrischer Ladung in Asche. Also sprichwörtlich, nicht zu ernst nehmen.
    "Egal, wohin ihr Loser wollt, wenn dann gehe ich zum LibellenClan! DA ist meine Tochter! Nicht irgendwo bei diesen VERRÜCKTEN, die ihr FREUNDE und CLAN-GEFÄHRTEN nennt.
    Pilzkralle knurrze entnervt: "Daran hab ich nicht gedacht, tut mir leid! Aber für so etwas haben wir wirklich keine Zeit! Moospfote, sag du es ihr." 'Wir haben dafür keine Zeit." "Braves Kätzchen." Sie funkelte ihn an. Stumm, aber tödlich.
    "Ach, ihr habt wohl kurz vergessen, dass man mich in euren Clan ENTFÜHRT hat und mich schon seit MONDEN gefangen hält. Ist euch überhaupt klar, dass ich zu diesem Höllentrip MUSSTE, wenn ich Fuchspfote wiedersehen wollte? Ich musste mein Leben wegen einem Haufen Killern riskieren, um meine eigene Tochter irgendwann wieder in den Pfoten halten zu können!" Wie Gewehre feuerten meine kalten Augen Blitze durch die Gegend, ballerten alles nieder, was bei drei den Blick nicht am Boden hatte. Kluge Moospfote. Die junge Kätzin hatte ganz schön etwas dazugelernt, als ich den Welpen meine Jagdkünste unterrichtet hatte.
    Plötzlich schoss ihr Kopf empor, sämtliche Muskeln schienen angespannt. Das war diese Sorte von Gegner, den du lieber den Krieger neben dir bekämpfen lässt, damit du mit vier Beinen wieder das Lager erreichen kannst. Nicht sonderloch ehrenhaft, aber in einem Menschen setzte sich immer irgendwo der Egoismus durch, auch wenn nur in so Kleinigkeiten. Für diese Selbstlosigkeit bewunderte ich die Clan-Katzen wie sonst nichts. Ob ich später auch mal so loyal sein konnte?
    Zurück zu Moospfote. Die Schultern hatte sie nun geduckt wie bei der Jagd und starrte mit halb geschlossenen Augen in den Wald. Besser gesagt in den Teil des BärenClan-Territoriums. "Da war eine Bewegung.", miaute sie so ernst, wie ich sie noch nie gehört hatte. Was war wen...Weiter ließ sie mich nicht nachdenken, denn anscheinend hatte ihr Gehirn gerade einen Kurzschluss, was vielleicht erklärte, warum sie wie ein Gepard mit Doping die Hügel hinunterraste und in die Schatten des fremden Revieres tauchte.
    Pilzkralle reagierte zuerst. Wie besessen rief er: "Hey! Hey! Moospfote, komm zurück! Da sind FREMDE!" Schon hatte auch er die Pfoten in die Hand und die Verfolgung aufgenommen.
    Und weil ich nicht alleine von Luchsen zerfetzt werden wollte, rannte ich einfach mal hinter. Dummes Kätzchen. Ach, sei leise, wann hab ich denn schon auf dich je gehört?

    Das Territorium der BärenClaner war anders als jedes Revier, dass ich bereits zu Sicht bekommen hatte. Dunkler war es, fast kein Sonnenstrahl schien den Boden zu erreichen, wo Unmengen an Löwenzahn und Butterblumen ihren Weg durch die feinen Kiesel bahnten. Die Bäume waren überwiegend Tannen und Lerchen, aber vereinzelt waren auch Kastanien dabei und ungefähr in der Mitte des Territoriums vom kleinsten aller Clans stießen wir auf eine riesige Buche.
    Erst dort brach Moospfote schnaufend und entkräftet zusammen, was der ach so tapfere Kater mit einem schrillen, in diesem Fall aber verständlichen Quiecken zur Kenntnis nahm. "Moospfote!"
    Eine der Wunden an ihrer Flanke war wieder aufgepkatzt und rotes, zähflüssiges Blut verteilte sich langsam auf dem schwarzen Waldboden. So ein Mist, wie hielten es die BärenClaner hier drinnen NUR AUS? Man sah fast GAR NICHTS. Wenn es mir nicht zu peinlich gewesen wäre, hätte ich jetzt vielleicht auch zugegeben, dass ich unterwegs gegen ein, zwei Bäume gerannt war.
    Na ja, es war so finster, die zwei Beulen konnten sie ja nicht sehen.
    Taumelnd kam Pilzkralle neben ihr zu stehen und beschnupperze mkt bebender Brust die Verletzung. "Das sieht nicht gut aus.", murmelte er mit NOCH finsteren Augen. "Was hast du dir nur gedacht?"
    Automatisch machte ich kehrt und begann die klotzige Erde nach Spinnweben oder etwas anderem Brauchbarem abzusuchen. Bis ich endlich auf das erhoffte Weiß stieß. "Hier!", jaulte ich erleichtert, riss das klebrige Netz von der Rinde einer sehr, sehr alten Lerche. Hier war seit heute früh niemand mehr vorbeigekommen, was ich seltsam fand, der sich der Baum mitten im Territorium befand, doch irren tat ich mich nicht, denn weit und breit war nur sehr schwach BärenClan-Duft auszumachen.
    Eine große Spinne krabbelte über meine Zunge, wie ich plötzlich bemerkte. Sie musste sich noch auf dem Netz befunden haben, als ich es abgerissen hatte.
    Also schluckte ich sie einfach herunter.
    Als ich die beiden bei dieser unerträglichen Dunkelheit endlich wieder gefunden hat, stand es mit der Blutung noch schlechter. Pilzkralle warf mir einen ängstlichen Blick zu, woraufhin ich schnell den Kopf senkte. Ja, es stand schlecht um sie. Aber solange sie atmete war alles gut und wenn der FuchsClaner jetzt total dufchdrehte, würde sie das nicht mehr lange.
    "Still halten. Ja nicht bewegen." So gut ich konnte wickelte ich sie um die üppige Wunde, sah schaudernd dabei zu, wie aus Watte blutige Wolle wurde.
    Moospfote hatte die Augen fest zugekniffen und atmete mir defintiv zu flach. "Moospfote." Sanft stupste ich sie mit der Pfote an, doch sie reagierte nicht.
    Keuchend sprang Pilzkralle auf. "MOOSPFOTE!" Ganz schwach hob und senkte sich ihre Brust, fast wie ein kaputtes Uhrwerk, als mir klar wurde, dass es nur noch Sekunden waren. Dann war sie erlöst von dieser grausamen, hinterhältigen Welt, die uns drei alles genommen hatte.
    Sicher würde sie sich Sorgen um uns machen, aber das war in erster Linie unser Problem.
    "TU ETWAS!" Wie ein Irrer kreischte Pilzkralle, wetzte die Krallen wie besessen an det Erde. "MOOSPFOTE!"
    Ein kleines Stück öffnete sich ihr linkes Auge, sodass sie direkt in Pilzkralles verweintes, hecktisch aufgeplustertes Gesicht sah. "Ich glaube, ich habe einen Luchs gesehen.", flüsterte sie. "Für mich ist es zu spät. Aber du kannst noch gehen, Wildsturm. Bitte geh, rette deine Jungen und hab ein schönes Leben, ja?" "Natürlich. Für dich." In stiller Trauer senkte ich den Kopf und strich mit dem Schweif leicht über ihre bebende Flanke.
    "MOOSPFOTE?", brüllte Pilzkralle wieder, wobei sich das Kreischen langsam in verzweifeltes Weinen abänderte.
    Ihre Augen wurden kalt, den nun war da kein Scherz mehr, keine Hoffnung, nur Trauer, Verletzung und Wut. "Du Lügner hast mich doch geliebt.", zischte sie mit zusammengebissenen Zähnen. Ihr Rückenfell sträubtevsich vor Zorn und ich hatte irgendwo gehofft, nie so eine wütende Kreatur sterben sehen zu müssen.
    "Moospfote..." Seine Pfoten konnten ihn nicht länger tragen und er ließ sich zitternd neben ihr zu Boden gleiten.
    "Halt die Fresse, Verräter.", waren ihre letzten Worte. Ohne Freude. Nur abgrundtiefer Hass.





    Keiner von uns konnte sagen, wen Moospfotes tragischer Tod mehr erschütterte. Irgendwie hatte ich immer gehofft, dass es für sie ein Happy Ebd geben würde, in dem Pilzkralle und sie sich wieder versöhnten, vier süße Kätzchen bekamen, Wurzelstern, der jetzt wahrscheinlich auch tot war, ihr den besten Kriegernamen aller Zeiten vergab und sie zu seiner neuen Stellvertreterin als Zeichen der Ehre ernannte. Schülerin würde sie später noch bekommen, das Tribut sollte im Vordergrund stehen.
    Wir blieben noch sehr lange bei ihrem toten Körper, wobei Pilzkralle die meiste Zeit nicht ansprechbar war. Zeitweise führze er still und verhalten Selbstgespräche, doch als ich mir anfing, richtig Sorgen zu machen, hörte er wieder auf.
    Wir mussten weiter. Wenn es noch eine Chance gab, konnten wir sie nicht vergeuden, um einer Verlorenen hinterher zu trauern.

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    Vor zehn Monden waren zwei schwarze Kätzinnen und ein brauner Kater losgezogen, um das Schicksal der Clans von Blutrünstigkeit und Qual zu bewahren. Sie hatten einen Plan gehabt oder zumindest eine Idee davon, wie sie diesen Krieg richtig angehen sollten.
    Doch war das überhaupt noch Krieg? Gegen wen kämpften wir denn überhaupt? Unser Gegner schien ein Fabelwesen zu sein, ein Tier, das es so nicht gab und weder besiegt noch jemals gefunden werden konnte, denn in Wirklicgkeit existierte es nur in unseren Köpfen - die Katze mit den dunkelblauen Augen, braunem Fell, schwarzen Pfoten, Fuchsschwanz und Schatten. Es gab sie nicht in echt. Lohnte es sich dann noch, ihr hinterherzujagen, wie ein verzweifelter Jäger dem Hasen, der ihn doch eh an der nächsten Lichtung wieder überlisten würde? Wie weit durften wir gehen, um diese Kreatur zu verfolgen, wenn sie etwas war, dass gejagt werden konnte?
    Wir wussten die Antwort auf diese Frage beide nicht und hatten so endgültig keine Wahl mehr. Ob wir uns trauten oder nicht, ob wir es wollten, es zählte nicht, aber wir mussten zum FuchsClan-Lager, zur Quelle des Verderbens. Es war wie, wenn ein Medizinmann auszieht, um das seltene Kraut zu suchen und dann heimkehrt mit dem Anblick des vom Löwen gerissenen Patienten. Seape volendi non iter est. Oft ist es zu wollen, nicht der Weg. Nur Taten trugen Pfoten.
    "Pilzkralle, wir müssen sie hierlassen und das weißt du." Irgendjemand musste es ja aussprechen. Weil das Leben heute unfair war, brachte mir die Ausrede, nicht als Teufel dastehen zu wollen genauso wenig wie einfach schnell Suizid zu begehen. Achtung. Trotzdem war da nicht die ganze Weg diese eine Regenwolke in meiner Brust, die einfach nicht verschwinden wollte. Oder hielt ich sogar an ihr fest? Was immer auch wen band, es würde uns niemals trennen, erst recht nicht in so düsteren Schattenzeiten.
    An dem Ausdruck in Pilzkralles Gesicht wusste ich, dass er nie wirklich loslassen würde, egal, was man ihn als Lohn bot. "Sie hatte einen Kriegernamen verdient.", murrte er mit Dunkelheit in den Augen. "Sie war mehr Kriegerin als alle von uns." Ich knurrte kurz, aber nur leise, da ich die furchtbare Situation nicht noch weiter verschlimmern wollte. "Du meinst euch, das betrifft mich nicht." Aus stahlharten Zügen verharrten unsere Blicke ineinander. "Nein." Sein Schweif wischte unruhig über den finsteren Boden voller Blut einer vergangenen Freundin. "Es betraf dich ab dem Moment, wo du mit ganzem Herzen dafür gekämpft hast, einen fremden Clan zu retten." Fürchterliche, ungebändigte Wut bahnte sich ihren Weg in mir. Wie Lava wälzte sie alle guten Gefühle nieder, riss sie ein einen Brei der Angst, Rache und Verzweiflung über so vieles, es hätte für neun Leben ausgereicht.
    "Wie kannst es nur wagen, so über mich zu reden!" Die Energie pulsierte dutch meine Adern wie der majestätische, zu stolze Tiget im Käfig, mit Krallen, die bereit waren, alles zu vernichten, wenn man ihnen die Chance gab, die vor keinem Kleinkind mit Kappe und blauer Kinderjacke voller Fussel und Schokolade galtmachen würden, wenn es erst darauf ankam. Wie grausam der Mensch in mir immer noch war, selbst nach so langer, entwöhnender Zeit?
    Also musste ich mich bewegen, um Kontrolle über bestimmte Bewegungsabläufe zu behalten, was ich zugleich sinnvoll nutzte, indem ich die Richtung zum FuchsClan einschlug.
    "Du...du bisz so eine schlechte KATZE, da fällt mir keine Beleidigung mehr ein!" Schnaubend wante ich den Kopf von diesem Kater ab, der mir vorwarf, untreu zu meinem Clan zu sein, nach allem was ich für SEIN Leben auf's Spiel gesetzt hatte. Wie konnte man nur so...FUCHSCLAN sein?
    Was auch irgendwie verständlich war, er folgte mir, wenn auch zögernd und mit unsicheren Blicken über die verkrustete linke Schulter. Niemand wollte alleine mit Luchsen zuröckbleiben, auch die Arroganten nicht. "Warum empfindest du diesen Mut als Beleidigung?", fragte er mich und schien selbst nicht zu wissen, wieso. WARUM TAT ER ES DANN ÜBERHAUPT?
    "Weil...wei...wegen dem Gesetz der Krieger vielleicht?", entgegnete ich fauchend, die Schultern verkrampft. Wie ich trotzdem so schnell laufen konnte ohne es renben zu nennen, ich hatte keine Ahnung. Er auch nicht. Etwas stolpernd, was mir schon gleich ein wenig die Laune hob, beeilte er sich mit mir Schritt zu halten und sagte: "Das Gesetz der Krieger besagt, du sollst nicht durch Untreue deinem eigenen Clan schaden. UND du sollst Katzen in Bot beistehen. Du hast dich an BEIDES gehalten."
    Ein niedrig hängender Zweig peitschte mir ins Gesicht, ich hielt an, schrie, riss ihn ab und tigerte weiter. "Die Rede ist von JUNGEN, nicht einem GANZEN, FREMDEN CLAN. Was ist das, wenn NICHT Illoyalität?"
    Er schnaubte. "Du hast deinem Clan aber mit ihr GEHOLFEN, was auch immer es war. Und anderen Katzen, die mir etwas bedeuten, nebenbei auch. DAS ist Mut. Ich kenne keine Katze, die den Schutz der heiligen Kriegerahnen mehr verdient hat." "Was wird das?", ftagte ich mich noch während ich mich endlich zu ihm umdrehte und kurz anhielt. Auch er setzte sich mit wachsamen, blitzenden Moosaugen. Dann sagte er: "Ich will dir danken und hoffe, dass der SternenClan deshalb versteht, dass du in ihre Reihen gehörst, falls wir im Lager sterben. Ich sorge für deinen Schutz, Wildsturm." "Jetzt habe ich zwei Fragen." Weil ich nicht wusste, was sonst sinnvolles zu tun, gjngen wir einfach weiter, bis der Wald langsam lichter wurde. Ungewöhnlich helles Licht bestrahlte unsere Pelze, ließ uns blinzelnd und mit zuckenden Schnurrhaaren weiterhasten.
    "Schieß los.", miaute er irgendwann nach drei Ewigkeiten. Er musste sich diese Worze sehr sorgfältig überlegt haben.
    "Erstens.", erwiderte ich. "Warum nennst du mich bei meinem echten Namen." Er schüttelte leicht genervt den Kopf und seufzte schließlich. Die kleinen Haare, die noch verblieben waren, bewegten sich an seinen Wangen, ganz unauffällig. "Sie hat dich so genannt, bevor sie gestorben ist, Wildsturm. Deshalb. Aus Prinzip." "Na gut. Zweitens - du hast vorhin noch gesagt, Moospfote wäre die einzige wahre Kriegerin von uns gewesen. Wenn du das, was ich getan habe, so toll findest, warum bin ich dann keine?" Jetzt lachte er allen Ernstes. Aber es tat verdammt gut, so ein echtes, fröhliches Lachen, welches eigentlich nicht in eine so bedrohliche Kulisse gehörte. Irgendwie machte es das Ganze etwas tröstlicher, schade, dass es bald vorbei sein würde. Vielleicht konnte ich ihn ja überreden, mit mir zu gehen?
    Er überradchte mich mit seiner Antwort, ehrlich. "Weil dir dafür ein wichtiger Charakterzug fehlt.", sagte er. Wir hatten nur noch ein paar Schritte vor uns, dann würden wir das FuchsClan-Revier betreten und trotzdem interessierten mich im Augenblick nur seine Worte. "Du bist nicht grausam.", sagte er. Irgendwo in meinem kleinen, verletzten Herzen entzündete dieser schlichte Satz ein Feuer, welches ich Hoffnung nannte, Hoffnung, ein schöner Name für Licht nicht wahr? Denn auch die Menschen nannten sie Goffnung, alle Katzen auch, jedes Lebewesen auf dieser Erde mit reiner oder von Blut beschmutzter Seele. Denn Hoffnung war das Licht, das "Bleib!" rief, wenn die Dunkelheit nahte.

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    Als wir endlich aus der Finsternis in die mehr oder weniger aktive Sonne traten, schoss uns statt angenehmer Wärme wie erwartet Hitze in den Rücken. Etwas bläd war es schon, aber das FuchsClan-Revier hatte auch einige gute Bäume, sodass es nicht gsnz schlimm wurde.
    Was wir erwartet hatten? Ich gestehe, schon als Mensch hatten mich Horrorfilme wie Es oder diese Puppenfilme mit Gruselgelächter immer interessiert, was meinen Eltern aber hinter einer Fassade aus Gleichgültigkeit verborgen geblieben war. Zu meinem Glück, denn so hatten weder Rose noch sie irgendwie Probleme mit Verkäufern ect. bekommen, bzw. waren sie nie auf die Idee gekommen, mich deswegen zum Psychologen zu scgicken und wenn euch das übertrieben vorkommt, so handelten meine Eltern nun einmal.
    Zurück zum Thema. Die Gräser sahen wie normale Pflanzen aus, Unkraut bahnte sich noch immet seine Schleichwege zwischen Flechten und Gestein, mittelgroße Pfützen aus langweiligem Regenwasser warfen uns leicht verzerrte Abbilder von uns selbst wider. Das einzige, was etwas deutlicher auffiel, bezog sich auf die gewohnten Waldgeräusche - statt dem Zwitschern der Vögel oder dem Geraschel von Ksninchen und Igeln, zog fast nur noch der raue Sommerwind durch die Blätter, ließ sie knistern wie Laub bei Berührung mit Regenstiefeln im Frühherbst.
    Kein Blut, kein fauchender Luchs, nicht einmal Pfotenabdrücke oder abgebrochene Ästchen fanden wir auf unserem Weg.
    Irgendwann, bei einem kleinen, zerpflückten Johannisbeerbusch blieb ich stehen. "Hast du etwas gesehen?" Natürlich machte sich Pilzkralle Sorgen, und obwohl ich daran hätte denken müssen, verspürte ich nur Genugtuung, dass er denselben Schmerz wie ich empfand. Ich antwortete: "Nein. Ich traue mich nur nicht weiter. Nur ein Dummkopf kann nicht bemerken, wie sehr du dir wünscht, deinen Clan außer Gefahr auf einer sonnenbeschienen Lichtung chillend vorzufinden. Aber da wird nichts mehr sein, das weißt du genauso gut wie ich. Jede Sekunde, die wir uns noch in diesen Wäldern aufhalten, begeben wir uns weiter in Gefahr. Wir können nicht wissen, ob die Luchse immer noch hier sind und ob es überhaupt Überlebende gibt." Er lachte das Lachen eines Verrückten, von jemandem, der versuchte einen Totschlag mit einem Witz zu etwas Lustigem zu machen. "Haha! Sei mal ehrlich: So naiv bist noch nicht einmal du. Da waren SECHS Clans, garantiert leben noch welche." "Meinst du nicht, dass diese bereits das Weite gesucht haben werden? Ohne Gemeinschaft oder irgendeiner Spur von Sicherheit. Vielleicht sind die meisten in die Stadt oder Richtung Hunderudel von Lucky geflohen, Pilzkralle. Wenn du willst, können wir dort suchen gehen." In Wirklichkeit wollte ich nicht mehr so alleine sein, ohne Plan oder Schutz, wilden Räubern ausgeliefert, und das Rudel war vielleicht unsere letzte Chance. Wir könnten dort ein neues Leben anfangen, denn da war nichts in unserer Macht, dass wir die Clans hätten zurückholen können. Trotzdem kam es mir surreal vor. Es durfte nicht sein, dass alles, was mir etwas bedeutete, das, das mich von Selbstmord und depressiver Verzweiflung und Furcht abgehalten hatte, schlicht nicht mehr existierte.
    Aber weil er es noch bewiesen haben musste, gingen wir weiter. Danach drehen wir um, hatte er gesagt. Würde er sich wirklich an dieses Versprechen halten, wenn sein Herz in drei Teile und mehr zerbrochen war? Konnte ich es über mich bringen, diesen arnen, verletzten Kater alleine in einem bedrohlichen Gebiet ohne Hilfe oder Schutz zurückzulassen? Nein, ich musste für den SternenClan jeden verteidigen und behüten, der noch unter diesen Baumkronen atmete, auch die Irren, wenn es sein musste. Msnchmal musste man eben über Schatten springen, um das Licht der Richtigkeit nicht aus den Augen zu verlieren.

    Auf der altvertrauten Lichtung des FuchsClans mit dem grünen Boden war nichts. Keine toten Krieger oder geschockte Königinnen, nirgendwo halb zerrissene Jungen zu sehen. Als der Wind über den Wald strich, schien es ein bisschen so, als würde er atmen, wie ein verletzes Reh nach seinem letzten Kampf mit dem alten Wolf. Es war dieses typische ruhige Stöhnen, wenn man wusste, man wird sterben, aber dann hat man es ja auch schnell hinter sich.
    Wir dachten, die Lichtung wäre leer, doch dann hörten wir beide ein sehr viel echteres Stöhnen aus dem Kriegerbau.
    Zuerst wechselten wir fragende Blicke, dann beschloss ich, es einfach darauf ankommen zu lassen und schlich geduckt und mit zuckender Nase näher. "Hallo?" Krächzig und verstaubt klang meine Stimme, nicht so mutig wie ich gerne gewesen wäre, um Pilzkralle ein sicheres Gefühl zu geben. Oder dem, das sich dort in der Dunkelheit verbarg.
    Als ich nur noch ganz knapp von der Stelle entfernt war, roch ich es, das Blut. Es durchdrang meine Sinne wie Gift, schien sie töten, morden zh wollen, wie die Luchse, die diesen Wald durchjagten mit so vielen unschuldigen Katzen zu ihren gigantischen, Monster beklauten Pfoten...
    "Bitte...geht...es lohnt sich nicht, mich zu fressen..."
    Nadelsprung lag dort, in seinem eigenen Blut mit panisch leuchtenden Augen die nervös gegen das Sonnenlicht ankämpften, um unsere Gestalten indetifizieren zu können.
    "Trouble...dachte, du wärst tot. Bist wohl abgehauen, was? Genauso wie du, Pilzkralle, alter Trottel, du."
    "Du musst uns sagen, was passier ist, Nadelsprung.", miaute Pilzkralle. "Kannst du dich erinnern?" Der dunkelbraun getigerte Kater stöhnte so intensiv, dass es mein Herz fast in zwei Hälfzen zerriss, trotz seines furchtbaren Charakters und sämtlicher Unwissenheit von gerechter Ethik. Mit Ausnahme der selbstgerechten, da kannte er sich blendend aus.
    "Luchse...die Viecher haben die Katzen aus den Clans verscheucht...wisst ihr, nur die bereits Verletzten haben sie zurückgelassen." "Ich nehme an, du hattest also schon eine Wunde, bevor sie ins Lager gefallen sind?", fragte ich. Obwohl mir sehr übel war, riss ich mich vom vielen Blut los und sah Nadelsprung in die verhassten grünen Augen. Dieser nickte schwach. "Ja. Diese bescheuerten Füchse sind echt das letzte. Deshalb haben sie mich einfach liegen lassen, die Verräter. Der ganze Clan, versteht ihr? Niemand, der zu euch hält, wen.., wenn ihr sie wirklich braucht." Ich konnte es ihm ansehen, wie sehr erblitt, die Tränen, das zittrige Schlucken in der brutalen Kehle, sogar seine Pfoten zuckten leicht. Trotz allem, was er im Leben falsch gemacht hatte, ich beschloss nie wieder eine Katze sterben zu lassen, ungeachtet ihrer Vergangenheit oder Zukunft. Das brachte mir dieser grauengafte Anblick bei und deshalb wollte ich ihm etwas zurückgeben.
    "Sollen wir bei dir bleiben, bis es vorbei ist?", fragte ich deshalb. Pilzkralle warf mir einen entsetzten Blick zu, doch ich ignorierte ihn einfach.
    Nadelsprung dachte kurz nach. Stöhnend legte er den Kopf in den Nacken, um die geschädigte Muskulater wenigstens etwas zj entspannen. "Ja...ja, bitte. Ich will nicht alleine sterben, wisst ihr. War ein böser Kater, nie sonderlich nett zu anderen. Wünsche mir irgendwie, hätte es anders gemacht."
    Wir blieben bei ihm, vor fremden Blicken im Bau geschätzt, bis auch er uns zurückließ in einer Welt scheinbar ohne Zukunft.

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    Egal, was wir nun zu tun planten, zuerst brauchten wir auf jeden Fall ein Versteck und zwar ein möglichst sicheres. "Ich weiß nicht." Wenn sogar Pilzkralle es nicht wusste, was sollte dann aus uns werden? "Aber im FuchsClan gibt es nichts Gutes. Selbst, wenn du hier aufgewachsen bist, gibt es immer noch genug Sichtschutz und Orte, an denen man uns auflauern kann. Kommen Luchse eigentlich auch auf Bäume?" "Ja, denke schon." "Toll." Gereizt trat er einen kleinen Moosfetzen beiseite. "Dann können wir noch nicht einmal zum LibellenClan." Ob ich es wohl riskieren würde, dennoch zum Territorium zu laufen, selbst wenn es gefährlich oder gar tödlich war? Wäre ich nicht eine schlechte Katze, meinen eigenen Clan aus Egoismus im Stich zu lassen? Pilzkralle knurrte: "Vergiss es, Wildsturm. Sie sind weg, genauso wie alle anderen. Mit etwas Glück finden wir sie wieder, aber dafür brauchen wir erst eine guter Unterkunft, wo man uns nicht findet. Wir wissen nicht genau, was in diesem Wald vorgefallen ist, aber es stellt für uns die gleiche Bedrohung dar, wie für alle anderen." Weil das auch stimmte, beschlossen wir unser Glück zuerst im RobbenClan zu versuchen. Ununterbrochen zuckten wir bei den leisesten Geräuschen zusammen, keine Sekunde schienen unsere Pfoten still halten zu können.
    Doch nichts sprang uns an, weder Katze noch Luchs oder anderes Tier, fast sah es so aus, als ob die Territorien mitsamt ihrer ehemaligen Bewohner alle...gestorben wären. Es war so unnatürlich ruhig. Aber Luchse waren ja auch sehr leise, nicht wahr? Verdammt, wer dachte sich so etwas unrealistisches und grausames überhaupt aus? Was hatte dieses Kapitel überhaupt für EINEN SINN?
    Der RobbenClan war ebenfalls nicht in der Lage, uns weiter zu helfen, denn die frischen Spuren im Sand des Lagers machten nur allzu deutlich, dass die Angreifer diesen Ort anscheinend immer noch aufsuchten. Es war zu gefährlich, also suchten wir danach den Mondfelsen, diesen riesigen Berg, zu dessen Fuße die Clans ihr Leben geführt hatten, auf.
    "Sollen wir es beim TigerClan oder RabenClan versuchen?", fragte ich niemand bestimmten. Pilzkralle schüttelte den Kopf. Doch das signalisierte nicht sein Veto, sondern nur pure Verzweiflung. "Wir werden es so und so müssen. Bist du dir ganz sicher, dass es beim LibellenClan nicht geht?"
    Ich wünschte, ich hätte laut lachen und behaupten können, das wäre doch alles nur ein dummer Scherz gewesen und wir würden jetzt natürlich nach Hause gehen, auch wenn es etwas Unterschiedliches für uns zwei bedeutete.
    Ich schüttelte den Kopf, genauso wie er, und wir machten uns an den weniger entspannten Aufstieg. Auch wenn es eigentlich ein nur sehr kleiner Berg, fast schön steilerer Hügel war, brannten meine Schultern und Flanken bereits nach wenigen Höhrnmetern vor Schweiß und Erschöpfung.
    Pilzkralle, der vorausgefangen war, drehte sich mit einem sehr besorgten Ausdruck in den Augen um und sagte: "Wir gehen einfach morgen, in Ordnung? Dann sehen wir auch garantiert mehr." Sehr gerne hätte ich ihm zugestimmt, ja, da wäre doch sicher irgendwo ein kleines, unbeluchstes Fleckchen, aber weil ich das einfach nicht sagen konnte, es stimmte ja gar nicht, murmelte ich einfach nur halblaut vor mich hin und machte weiter, bis meine Beine unter mir einzuknicken drohten.

    Schließlich fanden wir einen abgelegenen, verlassenen Fuchsbau im TigerClan-Revier, fast an der Grenze zum Berg. Obwohl es sich genau gesagt, direkt auf dem Berggipfel befand, zählte dieses Gebiet für mich jedenfalls nur zu den Clan-Territorien und zu nichts anderem. Ich glaubte, Pilzkralle ging es irgendwie genauso.
    Nachdem wir noch ein paar magere Vögelchen verschlungen hatten, rollten wir uns dann auch zusammen mit perfektem Blick auf das ehemalige Zuhause der vier anderen Clans. Unserer alten Heimat.

    Wahrscheinlich blieben wir dort drei Monde oder so, genauer konnte ich es echt nicht sagen. Wie alt ich jetzt wohl in Menschenjahren war? Garantiert doch schon fünfzehn oder so. Weil das hier mit der Zeit aber ein bisschen anders funktionierte, legte ichbmich nicht fest, es war doch auch egal.
    In dieser passierten viele gruselige Dinge.
    Wenn du meine Geschichte bis hierhin schon kennst, weißt du sicher, dass der Begriff "Einsamkeit" nichts neues für mich, nach allem, was man mich schon hatte durchmachen lassen.
    Nur Pilzkralle schien diese Leere schlimmer zu spüren, manchmal ertappte ich ihn im Schlaf auch beim Weinen. Versteht mich nicht falsch, daran, Emotionen zu zeigen, ist rein gar nichts falsch. Es machte die Sache doch etwas schwerer für mich, ihn so verzweifelt wie mich selbst zu sehen, aber ich suchte Trost darin, ihm mit meiner Erfagrung im Alleinsein helfen zu können, zumindest ein wenig.
    In den ersten fünf Wochen oder so, waren wir noch immer gemeinsam auf Suchtrupp losgezogen; von Morgengrauen bis Abenddämmerung waren wir unterwegs, bis die ganze Umgebung bis ins kleinste Detail durchsucht war.
    Langsam aber sicher wurde es uns klar: Sie hatten uns zurückgelassen und würden nicht mehr kommen.
    Nachts, wenn alles so schwarz und beängstigend war, tröstete ich mkch mit dem Gedanken, dass irgendwo da draußen, der LibellenClan ein neues Leben zwar ohne mich, aber vielleicht mit meiner Hilfe begonnen hatte. Garantiert dachte Habi, doch manchmal an mich, oder?
    Ab und zu hörte es sich fast so an, als ob sie in meinen Träumen für mich beten würden, was ziemlich verrückt war, weil Katzen doch normalerweise zum SternenClan beteten.
    Es war eine große Ehre, wenn andere ihrer letzten Abendstunden dafür opferten, an dich zu denken und dir in Gedanken Mut zuzusprechen, deshalb hörte ich auch immer so genau hin. Schade, dass diese Stimmen nie da waren, während Pilzkralle und ich wach waren, auch bezweifelte ich langsam, dass jemand aus seinem alten Leben überhaupt noch an ihn dachte. Dem größtenteils braunem Kater fehlte seit einigen Tagen das Funkeln in den Augen, was mir gar nicht gefiel.
    Noch ein guter Grund, ihn auf gar keinem Fall alleine zu lassen.
    Aber zu mir sprachen sie noch, sie hatten mich nicht vergessen. Es waren diese kleinen Kerzen der Erinnerung und Dankbarkeit, die mich daran hinderten wie Pilzkralle Tag und Nacht erschlagen im Nest zu bringen.

    Habi: Ich weiß immer noch nicht, ob du es hörst, wenn ich abends mit dir rede. Aber du fehlst mir so sehr. Ich schwöre, ich hätte es nie zugegeben, aber ohne dich ist mein Nest so furchtbar kalt und einsam. Du bist die Einzige, die ich je an mich herangelassen habe und deshalb kann ich wahrscheinlich einfach nicht verstehen, weshalb sie dich entführen mussten.
    Ob du schon tot bist, weiß ich auch nicht, aber realistisch ist es schon, oder? Auch wenn ich es nicht verhindern konnte, ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du nicht leiden musstest und der Gedanke an mich dich getröstet hat, als es plötzlich so weit war. Ich vermisse dich. Das tun wir alle.
    Nachdem du gestorben bist, haben wir es sogar geschafft, Astpfote zu retten, ob du es glaubst oder nicht. Die Kleine heißt jetzt Astwild, denn sie wollte unbedingt nach dir benannt werden.


    Sonnenruß: Eigentlich sollte ich dich hassen, aber dafür bedeutest du mir immer noch nach all dieser Zeit zu viel. Manchmal frage ich mich, ob du überlebt hättest, wenn wir zusammen geflogen wären, ob es so etwas wie Schicksal wirklich geben muss.
    Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass dich die Luchse wohl doch erwischt haben. Schattenfell war richtig wütend, nachdem sie erfahren hat, dass ich die Hälfte aller Clans befragt habe, nur um zu erfahren, wo du bist. Sie wussten es alle nicht.
    Schon verrückt, was so eine Apokslypse anrichten kann. Wir mussten ja alle zusammen fliehen und das hat die Bände stärker denn je gemacht.
    Neben mir schlafen gerade die LibellenClan-Heilerin und so ein BärenClan-Krieger, den ich bis jetzt noch nie gesehen habe. Von der Heilerin kennich sogar den Nanen, irgendetwas sagt mir, dass ich sie von früher kenne, aber ich weiß es einfach nicht mehr.
    Ich hoffe, der SternenClan passt gut auf dich auf. Gute Nacht.
    .

    Laubrache: *weinend* Es tut mir so leid! Jedes mal, egal, welche LibellenClan-Katze es ist, ich spüre deine Angst um deine Clan-Gefährten und was ich getan habe, als ich dich ihnen weggenommen habe! Bitte mach, dass mich die Reue nicht erdrückt, denn wegen dir will ich ein besserer Kater werden. Morgen will ich Silberschweif meine Liebe gestehen und ich werde niemals vergessen, was ich von dir gelernt habe! Es tut mir leid. Danke.

    Ich vergebe dir, Laubrache.
    Dann schlief ich ein.

    53
    Am nächsten Morgen, unsere knurrenden Mägen hatten uns geweckt, sonst wären wir gar nicht aufgestanden, machten wir beide uns auf den Weg, etwas beim Bergsee zu jagen.
    Mit Schrecken stellte ich fest, wie furchbar dünn Pilzkralle geworden war! Jeder Knochen seines Körpers stach kantig scharf hervor wie bei einem Quader aus Mathe. Es war unheimlich wie seltsam faszinierend zugleich, denn es erinnerte an somehting supternatural, als ob der einst so muskulöse Kater gar nicht echt war. Es lag daran, dass ich als Mensch immer das Privileg genossen hatte, Filme sehen zu dürfen, konnte es so sein?
    Auf jeden Fall ist da dieser richtig steile Abhang auf der einen Seite des Ufers, wo wir immer hingehen, wenn wir Lust auf Streifenhörnchen hatten. Ja, STREIFENHÖRNCHEN, es war echt unfassbar, was diese Bergziegen hier alles hatten genießen können!
    Traumhafte, fast unglaubliche Sonnenuntergänge, die seltensten Fischarten, riesige Fichten mit verlassenen Bienenstöcken voller köstlichen, extra süßem Honig, natürlich die besonders zarten Streifenhörnchen, so viel besser als zähe Eichhörnchen oder Hasen...das waren nur die wenigsten Beispiele.
    Fast könnte man meinen, wir wären Adam und Eve, nur statt in der Bibel, in der Realität. Wir hatten ein Paradies voller Frieden und Ruhe gefunden, ohne Stress und ohne Angst...na fast. Auf die streunenden Luchse und den mystischen Tiger, bei dem wir beide uns nicht ganz so sicher waren, ob wir es riskieren sollten, ihn als Legende abzutun, musste man immer noch ein Auge hsben und vor allem gutes Gespür dafür, wo sie sich gerade aufhielten. Zum Glück kamen die Biester nicht sehr oft in unser Territorium, obwohl es ja eigentlich ihr natürlicher Lebensraum war. Schon krass, wenn man das von einer hörte, deren Platz sich genau genommen in einem lila Teenager-Zimmer mit Popstar-Postern und Familien- und Bff-Fotos an den hellen Wänden befand.
    Weil alles eh schon so schlimm war, ging ich nicht darauf ein, weshalb es nicht lustig war, im Hochsommer als Skelett verkleidet die Frischbeute zu erschrecken, und fragte stattdessen: "Wie steht's mit Streifenhörnchen."
    Er zuckte zusammen, als hätte ichvihn geschlagen, blinzelte mir mit bedrohlich großen Augen zu. Unsicher wiegte er den Kopf hin und her, hin und her, schien sich einfach nicht einigen zu können. Seltsam lustlos sah er dabei aus, fast als ob ihn das alles längst njchts mehr anging. Als ob wir schon tot wären.
    Dann wurde er ganz trsurig, ließ den Schweif tief hängen und seufzte. "Klingt...gut.", wobei sich das Gut wohl eher wie ein Würgen anhörte.
    Also spazierten wir in aller Ruhe um den See herum und betrachteten währenddessen die Landschaft, die uns inzwischen so vertraut geworden war. Einmal hatte meine Familie und ich mit Mina Urlaub im Zion National Park in den USA gemacht, und genau daran erinnerten mich die dunklen Fichten, mit den großen, von Tau benetzten Nadeln. Nur ein Weißkopfseeadler und die Herde Büffel hatten noch gefehlt, um die warmen Erinnerungen an Eis und sowie Fangenspielen auf den Wegen oder das tolle Picknick wieder hochkochen zu lassen.
    Pilzkralle sah weniger glücklich aus.
    Als wir am Rand von diesem steilen Abhang standen, sagte er: "Ich denke, es ist besser, wenn wir uns zuerst aufteilen. Wir sehen uns...später."
    "Alles klar!" Ich wollte los, denn der Hunger war schon richtig überwältigend, aber Pilzkralle trat mir in den Weg.
    "Viel Glück.", miaute er mit mehr Gefühl, als für Streifenhörnchenjagten gewöhnlich war.
    Wir nickten uns zu, doch als ich durch das Unterholz sprang, konnte ich immer noch seine moosgrünen Augen auf meinem sehr, sehr hungrigen, entkräfteten Pelz spüren. Es war ein Abschied.

    Das laute Platschen hörze ich erst viel später. Bis zu jenem Moment war ich noch richtig glücklich gewesen, weil ich neben zwei Streifenhörnchen auch eine Wasserratte erwischt hatte, was hier oben nur verdammt selten geschah und sie natürlich Pilzkralles Lieblingsessen war. Ich hatte gehofft, wieder das Leuchten in seinen Augen zu sehen, als er hier zum ersten Mal eine gefangen hatte, doch als ich es hörte, war da nur nlch sehr schwere Leere in mir.
    Ich wusste schon, was er getan hatte. Deshalb beeilte ich mich auch nicht, als ich mich Richtung See bewegte, die gute Beute dort, wo ich gerade eben noch gesessen hatte, zurückgelassen.
    Was mich noch trauriger machte, war dass ich seine Leiche nicht finden konnte.
    Ich suchte wirklich, wirklich lange, aber die Strömung musste seinen Körper mit den geschlossenen Augen und dem leichten Lächeln wohl längst in die tieferen Zonen, jene Unerreichbaren für mich, hinabgezogen haben.
    Sehr gerne hätte ich ihn beerdigt, um ihm genauso Lebewohl sagen zu können, wie er noch die Chance hatte, es mit mir zu tun, doch er war fort, nun in einer besseren Welt genauso wie Moospfote.

    Ich glaube, das war der Moment, an dem ich wusste, dass im alten Wald, in meinem alten Leben, kein Platz mehr für mich war. Es war Zeit, weiterzuziehen.

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    Ich glaube, ich blieb noch zwei Wochen im alten Bau. Warum? Irgendwie wusste ich es selbst nicht, aber alles fühlte sich so zeitlos an. Fast als hätte ich ewig Zeit, mir zu überlegen, was der nächste Schritt sein soll, was ich denn überhaupt noch aus meinem traurigem Leben machen konnte, verstrichen Tage um Wochen, genaueres wusste ich nicht. Fühlten sich so Depressionen an?
    Ohne Pilzkralle war es auf jeden Fall ganz schön einsam. Man konnte nicht begreifen, was Stille war, wenn du den ganzen Zag von anderen umgeben warst, bis der Momrnt da war, wo du nicht mehr reden konntest, einfach weil da niemand zum reden war. Und weil ich es jetzt nicht gebrauchen konnte, verrückt zu werden, fielen Selbstgespräche ebenfalls weg.
    Am dritten Tag hatte ich schon fast keine Stimme nehr, als ich erschrocken aufschrie, da ein großer Sprcht beinahe meinen Bauch crashte. Wie so etwas Dämliches überhaupt passieren konnte? Ich wusste es selbst nicht.
    Am vierten Tag versuchte ich es nicht einmal mehr.
    Unzählige weitere Tage, es wirkte wie eine eigene kleine Ewigkeit, träumte ich. Es war bereits dunkel und wie jeden einsamen Abend hatte ich zuvor stundenlang in den Himmel gestarrt, in der Hoffnung, Spuren des SternenClans zu erkennen. (Ich hatte nichts gefunden. Leider.)
    Deshalb war ich auch sehr müde (natürlich) und dämmmerte fast auf der Stelle weg. Es war richtig seltsam, weil ich seit Pilzkralles Tod normalerweise echt lange brauchte, um endlich einzuschlafen, wahrscheinlich fürchtete ich mich einfach davor, ein Mal aufzuwachen und alles noch schrecklicher vorzufinden als es eh schon war.
    Na gut, eigentlich ging das gar nicht mehr, aber meine Fantasie war für eine so verzweifelte, traurige Katze ganz schön kreativ.
    Und trotz allem war ich mir dieses eine Mal verdammt sicher, dass es anders war, nicht nur Trauergeklage meines Gehirns, auch nicht das herzerreißende Weinen meines Herzens, denn dafür wat es zu sehr wie früher, als ich noch einen Grund gehabt hatte, zu leben. Wieso ich dann nicht tot war? Ehrlich gesagt, wusste ich es selbst nicht.
    Ich glaube, ich hatte einfach die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht aufgegeben. Es bestand noch die Chance, auch wenn geringer als eine Milliarde Prozent, eines Tages wieder meinen alten Clan, meine beste Freundin, Blaustern oder meine Jungen zu sehen, was mir das Kinn anhob, wann immer ich den Kopf hängen lassen wollte.
    Also, da war ja dieser Traum.
    In diesem Traum befand ich mich im alten LibellenClan-Territorium bei den Libellenseen, wo ich das erste Mal mit Nusspelz, der nun selbst schon sehr lange bei seinen Kriegervorfahren ruhte, trainiert hatte. Wie Schmetterlinge flatterten die glücklichen Gedanken voller Wärme und Sonne durch meinen Bauch, strahlten tief in die finstersten Winkel meines kranken, kalten Herzens. Ob es je wieder derartige Freude empfinden würde können? War es das, was mich noch weitergehenbließ?
    Dann hörte ich Schritte. Richtig komisch war es, denn schienen aus allen Richtungen wie aus keiner kommen, so, als ob Geister durch die Bäume strichen, Geister, die seit sehr, sehr langer Zeit wieder die Pfade ihres früheren Lebens beschritten. Ein wenig erinnerten sie mich an mich selbst und das, was mir das Schicksal alles genommen und angetan hatte. Wartete ich nach all dem immer noch auf Gerechtigkeit, die man mir schon seit Meerschweinchenschimmers Tod schuldete?
    Ich war wie so ein bescheuertes Tourist, der in Ägypten einen Handel mit dem berüchtigten Straßengauner abgeschlossen hatte, jetzt immer noch am Markstand herumlungerte und hoffte, der Dieb würde gleich mit seiner bereits bezahlten Ware zurückkehren. Was er natärlich nie tat. Aber ich wartete weiter, denn andere Alternativen gab es nicht nicht.
    Eine vertraute Stimme hallte durch die toten Bäume: "Bitte geh nicht..."
    "Redest du mit mir?", rief ich zurück, unsicher, in welche Richtung ich schauen sollte.
    Dann erkannte ich die kleine, glitzernde Gestalt auf der Lichtung, nur ganz wenig von mir entfernt, mit strahlend schönen Augen und glücklicherer, stolzerer Kötperhaltung denn je. "Ja, Wildherz, und ich möchte dir sagen, dass du nicht dafür geschaffen wuddest, jetzt wegzulaufen."
    "Was hält mich denn noch? Ich kann nicht für den Rest meines Lebens alleine bleiben. Ich will Freunde, Familie, ein Abenteuer, die große Liebe!"
    Nun wirkte Meerschweinchenschimmer ein bisschen verwirrt. "Aber das hast du doch schon." "Was?" "Dein Abenteuer." "Blödsinn."
    "Doch, natürlich." Sie lächelte leicht und bat mich mit einem zierlichen Nicken, näher zh kommen und mich zu ihr zu setzen. "Es liegt nur an dir, was daraus wird, welche Richtung es annimmt."
    "Aber ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll!", weinte ich den Sturm in mir an die sichtbare Oberfläche. "In ein paar Stunden bin ich wieder wach und werde einen weiteren wertlosen Tag über mich brjngen, genauso wie morgen und übermorgen und bis sich ein Luchs erbarmt und mich endlich frisst."
    Meerschweinschimmer blinzelte mitfühlend, in ihren Augen sah ich Anerkennung und auch Entschlossenheit. "Ich kann mir nicht ansatzweise vorstellen, welche Hölle du durchmachen musst, niemand von uns kann das. Aber was wir können, ist dich zu erlösen, wenn du uns nur vertraust."
    Entsetzt schnappte ich nach Luft. Ok, das Leben war gerade richtig scheiße, aber ich war nicht wie Pilzkralle! Ich hatte doch noch Hoffnung!
    "Wie ich sehe, willst du nicht sterben.", miaute sie. Die Eiskristalle leuchteteten eine Spur heller. "Du weißt gar nicht, wie sehr mich das erleichtert. Aber es gibt auch noch einen anderen Weg."
    "Welchen?"
    "Wir schicken dich in der Zeit zurück. Und zwar zu den echten Clans."

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    Die Sache hatte einen Haken. Das hatte sie immer. "Also? Was muss ich tun?"
    "Brauchst du einen Spiegel?"
    Für einen Scherz klang es wirklich seltsam ernst. "Haha." Sie reagierte nicht, mit Ausnahme eines zaghaften, verwirrten Blinzelns. "Das ist kein Witz.", stellte ich fest. "Wir sind hier im WALD. Ich weiß nicht, ob es dir bereits aufgefallen ist, aber im WALD gibt es für gewöhnlich nicht allzu viele SPIEGEL."
    "Wildherz." Jetzt lächelte sie leicht. "Das hier ist ein Buch, da gelten manchmal andere Regeln. Bitte dreh dich um." "Warum soll ich mich..." Neugierde siegte und ich wandte mich um, um zu sehen, was Meerschweinchenschimmer wmit ihren seltsamen SternenClan-Worten meinte. Tatsächlich strahlte mir ein riesiger, mannshoher Spiegel aus purem Silber und filigranen Schnitzerein entgegen, keine Ahnung, woher er als das Licht nahm.
    "Du musst nur hinein sehen.", fügte sie noch hinzu. "What!" Schnell wandte ich den Blick wieder auf meine Pfoten ab. "Falls du mich so reinlegen wolltest, das kannst du vergessen."
    Mit einem sehr traurigen Seufzen sakten ihre Schultern wieder zusammen, ihr Lächeln erlosch zu Eis und Schnee. "Du willst es doch. Es gibt keine andere Möglichkeit, sonst würde ich es nicht von dir verlangen." Ein winziger, blauer Schmetterling schwebte an uns vorbei in einer eigenen, traumhaften Welt, wie wir sie als Außenstehende niemals verstehen werden.
    "Um genau zu sein, habe ich nicht einmal die Erlaubnis, dich mit Hilfe derartiger Magie zu retten, aber du STIRBST sonst. Ich habe in die Zukunft gesehen. Für dich. Nur wegen dir bin ich in den Wald der Finsternis gestiegen, habe in den See des Schicksal genau wie du geblickt. Auf dieselbe Art und Weise, wenn du es so wissen willst. Es kann sogar sein, dass sie mich aus dem SternenClan verbannen müssen, doch das ist es wert, wenn du dafür in Sicherheit bist."
    "Moment, was wird passieren? Ist es ein Luchs?" "Komm bitte mit. Nur kurz. Dann kannst du dich endgültig entscheiden."
    Wir eilten durch den verschlafenen Frühlingsmorgen, ließen den Silberspiegel mitsamt all seiner Möglichkeiten und uneinschätzbarer Risiken zurück. An den Libellenseen liefen wir vorbei, aber Meerschweinchenschimmer hielt nicht an, sondern beschleunigte nur, bis da ein seltsamer, kleiner Baum war, den ich noch nie gesehen hatte. "Das hier ist ein Schicksalsbaum, Wildherz. Wenn du ganz genau hinsiehst, kannst du auch in diesem hier Teile der nahen Zukunft sehen. Genau wie..." "Der See im Finsterwald.", schloss ich und sie nickte. "Das ist es. Bleib aber ganz ruhig, ja?" "Versprochen."
    Zuerst war da nur Holz, so ein hübsches, edles, das man normalerweise nur in modernen, aufgestylten Hochhäusern in Manhatten erwartete. Falls das nicht auch schon aus Plastik oder so war.

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    Doch dann, am Anfang nur ganz verschwommen und kaum auszumachen, bildeten, nein, zerflossen die verschiedenen Stränge der Rinde, um den Blick, wie man zumindest erwartete, auf das nackte Holz des kleinen Bäumchens preiszugeben.
    Was mich jedoch überraschte, denn natürlich war da nicht Holz, was auch sonst, ein klares, gut erkennbares Bild erschien und woher konnte niemand sagen.
    Fast genauso erschreckend wie die Erscheinung an sich aber war da, das diese Illusion uns zeigen wollte: Da war nur eine einzige, schwarze Katze in diesem total komisch scharfen Nebel, nur ein einziges Lebewesen, wie es schien, weit und breit. Also mit Ausnahme von den Tannen und so, wie sie am Bergsee im TigerClan-Territorium ihre Wurzeln gegraben hatten. Zuerst schien es beinahe wie ein gewöhnlicher Spaziergang, so wie fast jeden Morgen, denn meine Pfoten brauchten Bewegung, um sich lebendig zu fühlen.
    Doch dann bog ich ab und zwar auf denselben, im wahrsten Sinne des Wortes, steinigen Pfad, den schon Pilzkralle vor mir gewählt hatte. Erschrocken schrie ich auf. "Mach es weg! Mach es weg! Schnell!" Weil Meerschweinchschimmer ihr restliches Dasein im SternenClan und nicht bei Ahornschatten und Tigerstern fristete, reagierte sie auch sofort, ließ die Rinde wieder über meine grausame Zukunft wachsen mit nur einem einzigen Schwanzschnippen.
    "Ich wollte dich nicht so sehr schockieren.", miaute sie. "Aber wenn du das Schicksal noch beeinflussen willst, bleibt dir nichts anderes mehr übrig. Es tut mir leid." Ich schnaubte, mehr um die Anspannung wieder loszuwerden als aus Gereiztheit. "Du entschuldigst dich zu oft. Kannst du mir nicht einfach sagen, wo meine Freunde hingegangen sind?"
    Ein Laut, eine Mischung aus Winseln und reiner Frustration entwich ihrer Jehle, ziemlich unüblich für so edle Pfoten. "Nein. Sie wollen es mir nicht sagen, weil sie wissen, dass ich es dir verraten würde. Es steht uns eigentlich nicht zu, das Schicksal der Lebenden so arg zu berinflussen."
    "Dann sollte ich nicht hier sein?" "Genauso wenig wie in den alten Territorien, Wildherz. Du musst dich schnell entscheiden. Wie gesagt, wenn sie mich hierbei erwischen, werde ich entweder als Geist oder im Wald der Finsternis bleiben. Für immer."
    Allmählich wurde mir das Risiko bewusst, dass meine alte Freundin für mich auf sich nahm. Es ging hier längst nicht mehr nur um mein erbärmliches Leben - das hier war so viel mehr.
    "Dann gehe ich." Wie ein feierlicher Entschluss fühlten sich die Worte an, doch ich war klug genug, um zu wissen, dass die Gefahr nur wieder Verkleiden spielte. "Ich werde Gabi und meine Kinder nie wiedersehen, oder? Hätte ich es getan, wenn ich bleibe?" Sie schüttelte stumm den Kopf. Die Entscheidung war gefallen.
    "Dann bring mich zu den 'echten' Clans."

    Wir beeilten uns, um nicht von anderen SternenClan-Katzen wahrgenommen zu werden, bis wir unser Ziel, den Silberspiegel erreicht hatten.
    Ein bisschen wünschte sich mein Unterbewusstsein schon, dass man uns aufhalten würde; jemand würde sagen, es ist gut so wie es ist oder etwas Ähnliches, behutsam den Schweif um mich wickeln und mir ein sternengleiches Lächeln schenken. Und Meerschweinchenschimmer verbannen. Auf ewig.

    Der Sliegel glitztere genau so, wie wir ihn verlassen hatten, um unsere kleine Lehrreise durchzuführen. Wie ein Baum, so solide und entschlossen stand er da und ich würde mich sicher wie ein Fremdkörper fühlen, sobald ich ihn nur betrachtete. Ok, das tat ich jetzt schon.
    Auf einmal musste ich schlucken und nicht ein Alleswirdgutauchwennichesnochnichtglaube-Schlucken . Harte Realität ging tausend Mal klebriger den Hals hinunter.
    "Wirst du dich an mich erinnern, sobald ich hinsehe?", fragte ich. Sie antwortete: "Natürlich, Wildherz. Du hast dich unvergessbar gemacht und zwar durch Tapferkeit und Mut, nicht Krallen. Nur das Ich auf der anderen Seite, genau wie der alte LibellenClan und alle anderen werden dich nicht kennen."
    "Aber ihr vergesst mich nicht, oder? Meine Kinder wissen, wer ihre Mutter ist?" "Dafür werde ich sorgen. Versprochen."
    Und ich hob den Kopf, sah der Katze aus blau leuchtenden Steinen direkt in die Augen.

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    Eine Gänsehaut, wie ich sie sonst noch nie erlebt hatte, überzog meine Haut, sodass sich sämtliches Fell zu Berge stellte. Wie ein flauschiges Kissen mit blauen Strasssteinen in der Mitte sah ich nun aus. Nkcht gerade schlimm, aber eben auch nicht wie eine tapfere Kriegerin oder in der Art so.
    Was würde mich in dieser neuen Vergangenheit erwarten? Ich misste damit rechnen, dass es Abweichungen gab, Unterschiede und Differenzen zu den Katzen auf Papier, denn das hier war 4 und nicht 3D. Ob ich es jemals schaffenn konnte, nein könnte, eine von ihnen zu sein? Ich werde es für Habi, Fuchspfote, Gewitterjunges und Seidenjunges versuchen. Hoffentlich hatten sich Wurzel und die restlichen Überlebenden retten können.
    Was ich aber mindestens genauso heftig spürte, war der stechende Schmerz in meinen Knochen, sowie die Zuckungen, die auf einmal meine Muskeln überfielen. Nur am Randr bemerkte ich die grauenvollen Schreie, die meine Stimmbänder ausstießen. Das hier war nicht mehr eine starke Kriegerin, sondern der Schatten, die Vergangenheit einer toten Blume, zerfranst und dem Hungertod nahe. Konnten Blumen überhaupt hungern?
    Dämliche Frage, natürlich nicht, doch mein Gehirn war wie ausgeschaltet, schien nur noch Panik und Verzweiflung rrgistrieren zu können. Alle Gedanken, die mehr als "Ahhhhhhh!" beinhalteten, wurden auch prompt beiseite geschoben. Das nannte man, Prioritäten setzen.
    Genauso schnell wie die Blitze um mich herum erschienen waren, vergingen auch wieder die Qualen, bis nur noch ein schwaches Zittern an die eben verstrichenen Strapazen erinnerte. Zumindest keine größeren Krämpfe. Ob man vom Zeitreisen wohl Muskelkater bekam?
    "Ich lebe noch.", sagte ich, nur um zu wissen, ob diese Aussage denn auch stimmte. Was sie seltsametweise tat, denn mein Körper fühlte sich im Moment mehr tot als lebendig an.
    Vielleicht war das auch der Grund, der mich zuerst daran hinderte, die neue Ungebung wahrzunehmen. Ich befand mich nicht mehr im sagenhaften Frostwald und trotz der tragischen Erinnerungen an diesen Ort sowie seine märchenhaften Bewohner, fühlte ich mich neu, anders war es nicht zu beschreiben. Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Neuanfang, diese Chance würde ich nach all dem Leid und der Folter zu nutzen wissen für Pilzkralle und Moospfote wenigstens. Wenn sie hier sein hätten können, sie hätten dasselbe gesagt.
    Ich schätzte die aktuelle Jahreszeit auf Spätsommer/Anfang Herbst. Es waren noch nicht genügend Blätter gefallen, um wirklich vom Ende der warmen Tage voller Beute und Genuss reden zu dürfen, aber lange war es safe nicht mehr. Der Wind frischte schon auf und meine Instinkte sagten mir, dass es längst Zeit war, sich ein bisschen Winterspeck anzufressen. Also, manchmal war der Bauch auch sehr leicht mit Instinkt zu verwechseln, muss man schon sagen.
    Egal wo ich nun war, irgendwo im Wald würde es schon sein. Warum hatte ich nicht genauer auf die einzelnen Territorien der Clans in den Romanen geachtet? WIESO? Ich war halt echt blöd, da gab es keine Rettung. Ganz sicher nicht vor mir.
    Dummerweise wäre es auch etwas schwierig für die Erins geworden, Düfte in Buchstaben umzuwandeln, weshalb ich ihnen trotzdem verzieh, diesen erdigen, nach Steinen und Moos riechenden Duft nicht einordnen zu können. Wäre auch etwas zu viel verlangt gewesen.

    "Okay. Cool." Ich fühlte mich besser, wenn ich mit mir selbst sprach, dann war ich nicht mehr so einsam.
    Plötzlich verstärkte sich der Geruch, bekam noch eine zarte, weiblichere Spur dazu.
    Weil ich, wen immer auch, nicht allzu sehr erschrecken oder verängstigen wollte, miaute ich: "Entschuldigung, dass ich mich auf fremden Revier befinde. Von mir geht keine Gefahr aus."
    "Woher soll ich das wissen?", piepste eine hohe, zittrige Stimme zurück. "Du riechst nicht nach DonnerClan." 'Ach, echt nicht?"
    Empört schnappte sie nach Luft. "Willst du mich etwa hereinlegen? Da irrst du dich aber! Ich, Taupfote, Schülerin des DonnerClans, lasse mich nicht von Streunern austricksen."
    "Auch nicht von Füchsen, die sich gerade von hinten an dich anschleichen, um dir das Fell vom Leibe zu reißen?"
    "Erschrocken wirbelte Taupfote herum und ich nutzte die geradezu lächerliche Gelegenheit.
    "Sorry, aber ich hab mir einfach Sorgen gemacht, dass du total überreagierst, wenn ich nur zucke.", miaute ich als Entschuldigung, währendbsich die grau getigerte Schülerin mit den hellgrünen Augen unter meinen unbekrallten Pfoten wandt.

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    "Wie heißt du noch einmal? Taupfote? Ich kann mir keine Namen merken." Dann tat Taupfote etwas Unerwartetes. Wer immer sie auch tranierte, er oder sie hatte es echt drauf. Sie erschlaffte und blinzelte nur gelangweilt in die Sonne, die ihr ungünstigerweise durch die Blätter direkt ins Gesicht fiel. Wegen des FuchsClan-Territoriums hatte ich mich endlich an Laub gewöhnt, aber mit etwas Gutem verbinden tat ich es nicht.
    "Wahre Krieger kämpfen mit Ehre und Geschicklichkeit, nicht Hinterlist, Streunerin. Wo bleibt dein Ehrgefühl?" "Was soll das sein? Und wenn schon, Hinterlist ist auch eine Art von Geschicklichkeit, Schülerin. Raufpfote, nicht?"
    Sie knurrte. "Taupfote." "Taupfote, alles klar. Ich würde dich gerne loslassen, weil mir auch so schon alles weh tut. Ich habe einfach keine Kraft mehr für einen Kampf, in Ordnung! Und wenn ich mkch nicht stelle, renne ich auch nicht. Du hast mein Wort."
    "Ich achte nicht auf das Wort einer Katze, die die Aussage, kein Ehrgefühl zu kennen, und nicht zu fliehen, wenn sie nicht mehr kämpfen will, innerhalb einer einzigen Minute trifft."
    "Schlaues Kätzchen.", erwiderte ich nur.
    "Dann ist das wohl ein Patt."
    "Lass die Schülerin los." Ein schmächtiger rot-weißer Kater, den ich aus keinem der Bücher kannte, hob stolz das Kinn in die Höhe, um nicht zu mir aufsehen zu müssen. Wo war DER her?
    "Mohnpfote, du hast anschleichen geübt.", neckte ihn die junge Taupfote und als sich ihre Blocke trafen, konnte ich die tiefe Zuneigung zueinander in ihnen sehen.
    Warum wusste ich von den beiden nichts? Allmählich kam ich mir irgendwie immer mehr eie diese typische Art von Stalker vor, die sich nachts ärgerte, wenn ihr auffiel, dass das Lieblingessen ihres Opfers Erdbeereis und doch nicht Ananas war.
    Krank.
    "Auf jeden Fall." Der kleine Kater, der offensichtlich nicht ihr Bruder war, machte sich noch größer und einen beachtlichen, von mir nicht gerade gebilligten, Schritt auf uns zu. "Ich will euch nicht weh tun.", sagte ich, um den bevorstehenden Kampf, der nicht mehr zu verhindern war, doch noch zu verhindern.
    "Du hast mich nicht ausreden lassen, Streunerin." Seine Augen glitten zusammengekniffen über meinem ungepflegten, struppigen Pelz, bis sich ein aorrogantes Lächeln auf seine Lippen stahl. "Wenn du Taupfote nicht gleich loslässt, zwingst du mich, einzugreifen." Verdammt, blöde Schüler. Mir war etwas unwohl, dich ich ließ von der Schülerin ab und machte ein paar Schritte Platz, um die aufgeregten Katzen nicht noch mehr zu provozieren.

    "Feigling!", höhnten sie beide. Der Kater lachte. "Zu ängstlich, um zu kämpfen, was? Würde dich glatt für ein Hauskätzchen halten, wenn du nicht so aussehen würdest, als wärst du gerade aus der Mülltonne gekrochen. Du bist richtig eklig." "Wenn du wüsstest, was ich schon alles durchgemacht habe...."
    "Was denn?" Taupfote zitterte und legte schnell die Ohren an, damit es nicht so auffiel. "Hast du heute dein Schälchen Milch nicht bekommen?"
    Es war klar, was hier los war. Wenn die zwei ihren Clan mit Hilfe ihrer Krallen verteidigten, stieg die Chance bald zum Krieger ernannt zu werden und selbst falls sie diesen Kampf provozieren mussten, so eine Gelegenheit musste man nutzen. Mit vor Scham brennendem Pelz dachte ich daran, dass ich wahrscheinlich genauso gehandelt hätte. Was war das nur für eine grausame, unfaire Welt? Wann würde ich wieder lachen können?
    Weil es Mohnpfote wohl zu langsam ging, fauchte er, was wohl an einen Tiger erinnern sollte, aber mehr Ähnlichkeit mit einem kranken Stinktier aufwies, und stieß sich mit beiden Beinen fest von der Erde ab, um direkt auf meine Brust zuzusegeln.
    SternenClan, ich hatte schon lange nicht mehr gekämpft. Inzwischen hatte ich mich so sehr an das Verstecken und Wegrennen gewöhnt...ich musste ihnen zeigen, dass der LibellenClan durchaus in der Lage war, sich zu verteidigen, auch wenn sie ihn nicht kannten.
    Ihre Seele lebte in meinen Errungenschaften von Nusspelz und Dunstkralle weiter.
    Geschickt duckte ich mich, sodass der kleine "Tiger" schreiend über mich hinwegflog und hart im Farn aufkam.
    "Ist alles in Ordnung mit dir?", fragte ich und machte einen Schritt auf ihn zu, um zu helfen, falls nötig. Taupfote jaulte: "Lass ihn in Ruhe, du Monster!"
    Stöhnend rappelte sich der Schüler wieder auf, blitzte mir zornig in die Augen. "Du hast mir weh getan!"
    "Das tut mir leid. Ehrlich.", erwiderte ich ohne eine Spur von Ironie. Hier, was ich in Wirklich gerade dachte:

    "MUHAHAHA!" *in die Luft spring* "Das kommt davon, sich mit fremden Katzen anzulegen, die du nicht gerecht behandelst! Karma ist RICHTER!"

    "Ist alles ok?", wiederholte ich meine Frage.
    Taupfote schnaubte wütend. "Du darfst uns nicht verletzen! Wir sind nur Schüler und wollen unseren Clan verteidigen!" "Verteidigen bedeutet, seinen eigenen Pelz für andere zu riskieren, und wenn man mich angreift, weiche ich aus."
    "Schluss jetzt!"
    Wir hatten die vierte Katze noch gar nicht bemerkt, aber da saß sie und funkelte uns wissend an. Es war Lichtherz, nein, zu diesem Zeitpunkt hieß sie doch noch Halbgesicht.
    Und weil die kleine Schülerin immer noch etwas überdreht war, sprang sie während dieser Ablenkung kurzerhand auf meine Schulter und fauchte. "Halbgesicht, diese Katze hat Mohnpfote verletzt."
    Um sie nicht selbst zu verletzen (oder sie einbilden zu lassen, sie wäre es) nahm ich sie vorsichtig an der Vorderpfote und zog sie von mir herunter.
    "Ich weiß.", entschuldigte ich mich bei der gescheckten Kätzin. "Es tut mir leid."
    Sie musterte mich misstrauisch von oben bis unten. "Du hast das Benehmen einer Clan-Katze, musst aber eine Eizelläuferin sein, nach deinem Fell."

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    Irgendetwas in mir schrie: "Ich habe mich seit ein paar Tagen nicht gewaschen, ok? KÖNNTE EVENTUELL MIT DEM SUIZID MEINES FREUNDES ZU TUN HABEN."
    Weil ich aber Resoekt vor dieser Katze hatte, antwortete ich: "Für mein Aussehen entschuldige ich mich auch, selbst wenn es euch im Grunde nichts angeht. Ich möchte nicht unhöflich sein, da ich mich auf fremden Territorium befinde, aber dann seid es bitte auch nicht. Sonst bin ich es nämlich. Und ihr wollt mich nicht erleben, wenn man mich zu wütend macht."
    Nun sah Halbgesicht ganz schön verdutzt aus. Die Clan-Katzen waren es nicht gewohnt, dass Streuner Rethorik beherrschten, fiel mir ein. Wozu brauchte man das schon, wenn man alleine lebte?
    "Jetzt...keine Ahnung, aber etwas sagt mir, dass ich dich Feuerstern und dem Clan vorstellen sollte. Mohnpfote, kannst du laufen?"
    "Ja, Mentorin.", sagte der Kater ohne seine Lehrerin währenddessen anzusehen. Vielleicht war da doch so etwasvwie schlechtes Gewissen. Wenn auch nur ganz wenig.
    Wenn du schon so viel über diesen Ort gelesen hattest, dich jede Nacht in diese Wälder geträumt hattest und nun zum allerersten Mal diese Erde selbst berühren durftest...es war überwältigend. Anders als im LibellenClan oder FuchsClan gab es fast gar keine Steine und meine blutigen Ballen feierten gerade Weihnachten. Ob Feuerstern mich aufnehmen würde, wo doch die Blattleere so kutz bevorstand? Ich wollte mir nicht audmalen, wie es sein musste, die Winter einsam und ohne Hilfe selbst überstehen zu müssen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mich der Tod doch einholte, aber solange würde ich um jede Sekunde kämpfen.
    Der Wald schien größtenteils aus Buchen und Eichen zu bestehen, aber auch Ahornbäume waren dabei, die ihre langen Äste gierig gen Himmel streckten. Ein Schauer überlief meinen Rücken bei dem Gedanken, dass auch Ahornschattens Pfoten eins hier ihren Weg durch den mehr oder weniger dichten Farn und die Brombeersträucher gesucht hatten.
    "Gehen wir ins Lager?", fragte ich. Ruckartig blieb Halbgesicht stehen, sodass die beiden Schüler ihr beinahe auf den Schweif traten. Um die ältere Kätzin nicht zu verärgern, stolperte Mohnpfote hastig zur Seite, wobei er leider Taupfote schubste, welche dann doch umfiel. "He!"
    Halbgesicht miaute: "Woher weißt du davon? Das ist nicht normal für Einzelläufer."
    Wenn sie mir vertrauen sollten, musste ich selbst bei der Wahrheit bleiben. Ich war wohlerzogen genug, um meine Gastgeber nicht mit Lügen à la Vogelstern abzuspeisen. Hoffentlich war dieser verrückte Pädophile endlich tot.
    "Ich war früher in einem Clan. Dem LibellenClan." Während ich dies sagte, flatterte mein Herz inbrüstig in der Hoffnung, dass diese Infornation die Geschichte des DonnerClans nicht verändern würde.
    Sie zuckte mit den Ohren, eine undefinierbare Geste. "Den kenne ich nicht. Woher kommst du? Entschuldigung, Feuerstern sollte dir diese Fragen stellen, nicht ich."
    Wir betraten den Felsenkessel.

    Zuerst waren da nur ganz viele Katzen, die alle in meine Richtung starrten, bis mein Gehirn begann, den einzelnen Fellmustern Namen zuzuordnen. Sandsturm war da, genauso wie Mausefell, Dornenpfote, Borkenpelz, Russpelz, Brombeerpfote und Glanzfell. Wobei gerade diese nicht gerade begeistert von meinem Anblick schien. "Halbgesicht, warum bringst du eine Str....Einzelläuferin ins Lager?" Katzen tuschelten beunruhigt, während meine schwarzen Pfoten die Pfotenabdrücke vieler vergangener Sterne nachfolgten. Es war wie Magie, nur defintiv krasser!
    "Was willst du hier?", brummte der kleine Sohn Tigersterns, ald ich an ihm vorbeischritt, den Blick auf die Erde vor mir gerichtet. Nur Halbfesichts Schweif wies mir den Weg, indem die Katzen damit leicht an meiner verbarbten Schulter strich. "Du hast gekämpft.", flüsterte sie. "Ein aufdringlicher Kater.", erwiderte ich. "Nichts besonderes, wo ich herkomme."
    Aus dem Schülerbau jagten Rauchpfote und Bernsteinpfote, Brombeerpfotes Schwester heraus. Die graue Schülerin wirkze regelrecht begeistert über so viel Aufregung, während die andere nur einen übellaunigen Blick für mich übrig hatte. "Sag bloß, noch ein Hauskätzchen für den Clan, das der große Feuerstern retten will." "Du solltest nicht so unhöflich gegenüber ihm sein.", schimpfte ihre Feundin, strahlte aber dennoch über's ganze Gesicht.
    "Halbgesicht!" Rußpelz, die sich gerade mit den Ältesten unterhalten hatte, sprang auf und stellte sich der erfahrenen Kriegerin in den Weg. Trotz der unübersehbaren Provokation blieb diese ruhig. "Ich verstege dein Misstrauen, weil es deine Pflicht als Heilerin ist, den Clan zu schützen. Aber garantiert möchte diese Streunerin erklären, was sie hierherführt." Einauge konterte mit peitschendem Schweif und angelegten Ohren: "Dafür brauche ich Feuerstern nicht. Es hat nur ein halbes Gesicht und läuft auf vier Pfoten." "Einauge!" Empört schnappten Rußpelz und der alte Kater Kleinohr nach Luft.

    "Halbgesicht, warum bringst du diese Kätzin ins Lager?" Kaum hörten die Ältesten die Worte ihres Anführers wichen sie ehrfürchtig zur Seite, wenn Einauge nur knurrend. Ihr einziges Auge funkelte bedrohlich und zum Glück war ihr anderes schon lange fort, sodass ihre Morddrohungen doch nicht anschlugen.
    Feuerstern trat zu Rußpelz und betachtete mich nachdenklich. "Bist du sicher, dass du das hier berreden willst?", fragte Halbgesicht. "Hier sind zu viele Katzen."
    "Ich verheimliche meinem Clan nichts."
    Total unangebracht miaute ich: "Ich bin Wildherz." Mich hatten die beiden anscheinend vergessen, denn, als ich sprach, zuckten sie fast kaum merkbar zusammen.
    "Streuner sind hier für gewöhnlich nicht willkommen.", sagte der feuerrote Kater mit der Geschichte eines Helden. Er war die Person, die ich immer hatte sein wollen und jetzt stand sie direkt vor mir. Es war...atemberaubend. Noch besser als das Lager mit all seinen Bewohnern.
    "Aber ich vertraue meinen Kriegern. Bitte erkläre mir, warum Halbgesicht dich zu mir gebracht hat."
    Zuerst legte ich mir die Worte zurecht, dann fing ich an, zu sprechrn. Erst zögernd, mit der Zeit deutlich selbstbewusster. Er war niemand, vor dem ich mich fürchten musste. Dafür hatte ich schon zu viele Monster in meinem Leben getroffen.

    60
    "Ich werde euch nicht verraten, welch fürchterlicher Weg mit den grausamsten Verästelungen mich zu euch geführt hat. Ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen, aber sie hat mir auch neue Kraft für die Zukunft gegeben, Kraft, obne die ich jetzt nicht hier stehen würde. Ich will dem DonnerClan beitreten, um das Leben, und zwar das richte, zu führen. Ich fordere mein Recht, Kriegerin sein zu dürfen."
    Alles war ganz still geworden und starrte zu mir. Die Rraktion hätten nicht unterschiedlichef ausfallen können.
    Vorbei an einer wetternden Einauge, drängte sich Sandsturm zu ihrem Gefährten, welcher sie mit einem liebevollen Stups an der Schulter begrüßte.
    "Ich finde, der DonnerClan benötigt Krieger. Gerade jetzt, in so schlimmen Zeiten. Was kann uns der SternenClan da mehr, als erbrobte, tapfere Katzen mit einem reichen Erfahrungsschatz für jene Katastrophen, geben? Wir sollten dankbar sein." Rußpelz meldete sich wieder zu Wort: "Feuerstern, wir dürfen so eine Entscheidung nicht leichtfertig treffen. Es wäre töricht, eine Katze ohne bekannter Vorgeschichte in unsere Reihen aufzunehmen."
    "Sie sieht verzweifelt aus.", bemerkte Kleinohr. Ich protestierte: "Stimmt doch gar nicht!" "Doch, doch."
    Immer mehr Katzen aller Altersstufen drängten sich zu uns, sodass ihr Anführer eigentlich ziemlich aus der Diskussion ausgeschlossen wurde.
    Halbgesicht kniff nachdenklich das Auge zusammen. "Wir können es nicht riskieren, sie wegzuschicken. Wie sollen wir die Schuld auf uns nehmen, wenn Katzen an Hunger sterben, den Wildsturm mit Frischbeute hätte verhindern können?"
    Fleckenschweif fauchte und verschuf sich somit zu Gehör. "Der SternenClan hat uns Hoffnung geschickt und ich lasse nicht zu, dass du sie wieder wegschickst, Feuerstern!"
    Eine ganze Menge anderer riss das Maul ebenso auf, um mitzustreiten, doch Feuerstern schnippte nur mit dem Ohr und alles wurde still. Weil ich mir gerade vorstellte, wie eine Grille ausgerechnet jetzt zu zirpen begann, musste ich lächeln.
    Dann erhob er sich, legte das vor Aufregung gesträubte Nackenfell wieder an, sprang auf den Hochfelsen und jaulte laut genug, dass es der ganze Clan hörte: "DonnerClan, hör mir zu! Heute hat Halbgesicht, ja, bitte tritt vor, diese junge Kätzin aus dem Wald in unser Lager gebracht. Und ich denke, nicht grundlos. Wildherz, so heißt du doch! Bitte komm auch weiter nach vorne - perfekt, jetzt sehen dich alle."
    Aufgeregtes Getuschel erhob sich erneut, während wir zwei uns einen Weg durch die aufgewühlten Katzen bahnten. Von nun an musste sich Feuerstern anstrengen, um die restlichen Stimmen zu übertönen, die die ganze Lichtung erbeben lassen zu schienen. Und dad kam sehr, sehr selten vor.
    "Halbgesicht, weil du klug gehandelt hast und wir alle Katzen ungeachtet ihres Aussehens gleich schätzen, will ich jetzt gleich deinen Namen ändern: zu Lichtherz. Möge der SternenClan mitsamt all seiner Lichter diesen Nsmen billigen, aufdass du ihn in Ehren trägst und seiner Bestimmung nachkommst. Wildherz."
    Die junge Kätzin lächelte verlegen, bis das Gejaule ihrer Clan-Gefährten im Wald verklang.
    "Wildherz.", fuhr Feuerstern fort. "Ich hoffe sehr, dass ich diese Wahl nicht bereuen werde, aber letzte Nacht hatte ich einen Traum, eine Art Prophezeiung. Wenn der SternenClan nicht zu mir gesprochen hätte, würde ich dich wegschicken. Da man mir doch folgende Bilder zeigte, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dich als Teil des DonnerClans aufzunehmen.

    Während Blaustern mich zu der Pfütze leitete, kräuselte sich das Wasser. Zuerst fürchtete ich, gar nichts mehr erkennen zu können, doch dann klärten sich die Spiegelungen. Eine schwarze Katze mit Augen wie Mond und Blütennarbe am linken Ohr soll uns alle retten, dem DonnerClan ein neues Leben gewähren. Hart musste sie leiden, unter Schmerzen, unter Fudcht, unter der Femde. Aber sie hat nun ihr Zuhause erreicht.

    Deshalb will ich, dass du deinen Namen so beibehälst und dich uns anschließt. Was sagst du?"

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    Erschrockenes Gemurmel veränderte die Atmodphäre von Feierlich in nackte Angst. "Feuerstern kann doch nicht einfach eine beliebige Streuner aufnehmen!", protestierte Glanzfell und auch Wolkenschweif neben ihr nickte zustimmend.
    Weißpelz sprang auf und schritt neben mich, bis sich unsere Flankem berührten. "Feuerstern!", jaulte er mit in den Nacken gelegtem Kopf. "Das ist unverantwortlich!"
    "Die Zeiten ändern sich, Weißpelz.", erwiderte dieser. "Es bleibt mir keine andere Wahl, um das Überleben unseres Clans zu sichern."
    "Es ist keine Lösung, aus Verzweiflung Fremde zu etwas machen zu wollen, dass sie nicht sind, bei allem Respekt."
    Feuerstern wollte etwas entgegnen, doch ich antwortete schneller. "Ich war bereits Kriegerin, Weißpelz. Und ich glaube zu wissen, dass ich mein Bestes gegeben habe."
    "Ach ja?", fauchte Dunkelstreif und ausnahmsweise murmelten die anderen Katzen ihre Zustimmung. "Dann hättest du vielleicht noch einen Clan und müsstest nicht beim DonnerClan betteln gehen!"
    "Genau!"
    "Der DonnerClan muss Stärke zeigen!"
    "Ruhe!", übertönte Feuerstern das Gejaule, doch nur die wenigsten hörten auf ihren Anführer. "RUHE!"
    "Schweigt!" Rußpelz hatte gesprochen und nun lagen alle Blicke auf ihr. Trotz der Hitze, die von ihrem Fell wegen der ungewohnten Aufmerksamkeit ausströmte, blieb sie gelassen. "Es steht euch allen nicht zu, Feuerstern zu widersprechen. Er hat Recht. Wir können es uns nicht leisten, brauchbare Jäger wegzuschicken. Ich schlage Folgendes vor:
    Wildherz, du verbleibst die Blattleere bei uns, zeigst uns, dass es sich lohnt, dir Schutz und Nahrung zu geben. Dann steht es dir frei, zu gehen oder zu bleiben."
    Diesmal blieb es ruhig, damit Feuerstern besser nachdenken konnte. "In Ordnung.", sagte er schließlich. "Das ist eine großartige Idee, Rußpelz. Wildherz?"
    "Bin dabei."

    62
    Es vergingen zwei Monde und es schien endlich wieder Frieden eingekehrt zu sein. Nach all dem Trauern, den Schrecken, das Ankämpfen gegen das stetige Verzweifeln, fühlte es sich fast schon zu normal an.
    Obwohl es am Anfang echt hart war, mkch sozial irgendwie einzubringen, gelang es mir dennoch Freunde zu finden. Im Kriegerbau schlief ich neben Lichtherz, Wolkenschweif und Sandsturm, wobei ich meistens mit Lichtherz herumhang. Weil sie und Wolkenschweif ja ein Paar waren, nutzte ich die Zeit, in der die beiden sich zurückzogen und jagte tatsächlich viel, was mich selbst ein bisschen überraschte.
    Eines Tages hockte ich in der Nähe des Schülerbaus, als Brombeerpfote und Bernsteinpfote plötzlich vor mir standen. Sie wirkten seötsam ernst. Ob sie schon ahnten, was ihnen die Zukunft alles bringen würde oder hatte ich diese bereits beeinflusst?
    "Wildherz.", miaute die kleine Kätzin. "Wenn du wirklich die bist, die unserem Clan helfen kann, dann bin ich mir bei einer gewissen Entscheidung sicher. Aber das musst du mir beweisen."
    Ich machte ein zerknirschtes Gesicht. "Tut mir leid, ich war heute wirklich noch nicht jagen. Am besten mache ich das gleich."
    Brombeerpfote erwiderte: "Ich traue dir nicht, weil es so etwas noch nie gab. Es ist nicht mal persönlich und ich weiß auch, wie blöd es ist, schief angeschaut zu werden. Aber das ist es nicht."
    Seine Schwester fügte hinzu: "Du musst uns diese Kirschblüte zeigen."
    "Ich habe keine.", sagte ich leicht verwirrt. "Dann bist du nicht die Katze aus der Prophezeiung und ich werde gegen." "Ich habe in echt keine!"
    Ohne auf meine Zustimmung zu warten, machte sich Brombeerpfote groß, stieg auf die Hinterpfoten, nur um sich dann auf meinem Kopf abzustützen. Ich konnte seinen suchenden Blick förmlich spüren. "Siehst du es?", fragte Bernsteinpfote. Ihre Stimme zitterte ein wenig, vielleicht, weil sie gar nicht richtig gehen wollte. Sie wünschte, dass es die Wahrheit war, sie hier sicher war und sich nicht vor den Konsequenzen fürchten musste, wenn sie nkcht zu Papilein kam.
    Dann stutzte ihr Bruder. "Da..."
    Erschrocken riss ich den Hals weg und sprang zur nächsten Pfütze. Zuerst war da alles total. Ein paar Fellsträhnen hingen mir wie immer über das eine Augen, irgendwo hatte ich wohl eine winzige Narbe an der Stirn abbekommen. Weil ich mich gerade erst geputzt hatte, war der Pelz auch nicht gsnz seidig und glänzend, so wie der eines Pferdes nach dem Striegeln.
    Beim näheren Betrachten war es allerdings nicht mehr zu übersehen. Der kleine, aber deutlich erkennbare, haarlose Platz auf meinem Ohr stellte eindeutig eine Kirschblüte dar. Es erinnerste mich an eine Zeit, an der Blaustern und ich auf einem Ast entspannten und sie plötzlich von Kirschblüten zj reden begann....
    "Es stimmt. Du brauchst nicht zu gehen, Bernsteinpfote. Bleib, bitte."
    Die Kätzin schloss vor Erleichterung einen Moment die Augen, um die Leichtigkeit zu genießen, die nach dem Fall dieses Monsterfelsenen zurückgekehrt war.
    Ich hatte Bernsteinoelz davor bewahrt, nicht den DonnerClan zu verlassen. Oder aich zumindest dazu genötigt zu fühlen.
    Was würde das für Folgen haben?

    Den Rest kennt ihr so weit schon. Es ist kein großes Geheimnis, wieviele schreckliche Ereignisse das letzte Buch der ersten Staffel beeinflussen und das meiste war auch so, wie in den Bächern beschrieben. Nur dass Steinfell starb, das stimmte nicht. Blausterns Sohn wurde natürlich schwer verwundet, überlebte allerdings knapp wegen Graustreif, der ihn vor dem sicheren Tod bewahrte und Rußpelz, die ihn sehr lange Zeit bei sich behielt, bis er wieder alleine auf allen vier Pfoten stehen konnte. Nur die große Narbe über seiner Stirn und die kahlen Flecken am Bauch und Schweif erinnerten noch an seine Heldentat. Und Rabenpfote war nicht in der Lage, Blausterns Grab aufzusuchen, da Mikusch derzeit an einer bösen Grippe litt und man ihn nicht ohne Gefahr zurücklassen konnte. Zumindest hatte er sich schon bald dadauf erholt, was mir zufällig zu Ohren kam, als ich am Rand zum WindClan-Territorium patroullierte.
    Tigerstern starb.
    Die Clans waren wieder vereint.
    Und ein Kampf, den ich nicht meiden konnte, aber dennoch nicht zu sehr beinflussen durfte, stand schon kurz bevor. Wenn ich jetzt floh, durfte ich nie wieder zum DonnerClan zurückkehren, da sie mich verstoßen würden. Ich wollte meine neue Heimat nicht aufgeben müssen. Es musste ein Plan her.
    Am besten trat ich nur gegen BlutClan-Katzen an, die entweder keine besondere Rolle spielten oder sowieso diesen Tag nicht mehr überlebt hätten. Und wenn ich sah, wie sie Weißpelz töteten? Würde ich wirklich ruhig zusehen und nichts tun können, während ich all das Weinen und die Angst der Leser vernahm, welche wie das Rauschen der Blätter meine Gedanken durcheinander wirbeln zu schienen? Da wurde mir klar, dass es keine perfekte Lösung gab. Der Kampf war da und es meine Pflicht, dem Clan meines Herzens zu dienen. Wenn ich deswegen eine besondere Katze attackieren musste, dann war es so.

    Wir gingen los. Die Katzen um mich herum, wussten nicht, ob sie diese Schlacht überstehen konnten, ohne das eigene Leben opfern zu müssen und hatten deshalb Angst.
    Wolkenschweifs Nackenfell war gesträubt, als er sich zu seiner Gefährtin umdrehte, um ihr liebevoll eine kleine Feder aus dem Gesicht zu streichen. Ihre Pfoten zitterten.
    Wenn man ganz genau hinhörte, war das auch das Rascheln und Flüstern der anderen WaldClans, was mir auf einmal seltsam tröstlich vorkam. Wir waren nicht alleine.
    Ich war fest entschlossen, heute auf keinen Fall zu sterben. Mein Leben hatte noch so viel Schönes nachzuholen, da war es nur gerecht, diesen Kampf überstehen zu können.

    Mit einem Schrecken und ängstlichem Geflüster um mich herum, sah ich es: Der BlutClan war bereits da. Zum Glück war da nicht allzu viel Zeit, noch nachzudenken, SternenClan, es waren so viele Katzen, denn Feuerstern verließ die Gruppe, dieser lebensmüde Kater, was sollte das nur, um sich ihm gegenüber zu stellen. "Noch gibt es die Möglichkeit, Frieden zu schaffen.", sagte er mit klarer, lauter Stimme. Einige der Streuner lachten höhnisch. "Niemand muss hier sterben."
    Seine Augen waren blau wie Eis, sein Körper genauso groß, wie ich ihn schon von meinem alten Leben kannte. Auf einmal wusste ich es. Er hatte mich verfolgt. Und zwar schon seit dem Tag, an dem wir uns zum ersten Nal begegnet waren.
    Während ich langsam die Pfote hob, um die Narbe zu sehen, welche mich immer noch an seine Hundekrallen erinnerte, spürte ich seinen Blick so intensiv auf mir, dass es mir das Fell aufstellte. Er wusste, nur er allein, hier auf der Welt, ein Mörder, nur er wusste, wer ich war. Wirklich.
    Ich traute mich nicht, ihm in die Augen zu gucken.
    Schon mit seiner Wachstumsstörung in den Büchern hatte er etwas Anziehendes an sich gehabt, das niemand überbieten konnte, aber genauso viel Gewalt wie auch Eleganz ausstrahlte. Die Erins hatten trotzdem gelogen. Er war genauso groß wie alle anderen, nur wilder und gefährlichef, als es jemals ein anderer Feind sein konnte.
    "Ich will keinen Frieden, Feuerstern.", flüsterte er. "Ich will diesen Wald."

    63
    Ich hatte nicht damit gerechnet, dass unsere Gegner sofort zum Angriff übergehen würden. Das hatte niemand. "Wildherz, pass ja auf!", schrie Lichtherz, die mit schreckgeweiteten Augen zu dem hellbraunen BlutClan-Streuner hinter mir starrte, doch ich hatte ihn bereits bemerkt. Fauchend entfloh ich seinen Krallen, indem ich zur Seite sprang und peitschte ihm währenddessen den Schweif mitten auf die Stirn. Der Kater jaulte vor Schmerz.
    Als ich mich wieder umdrehte, sah ich den Abdruck den diese Verteidungstaktik verursacht hatte, musste grinsen. Vielleicht war ich eine Kätzin, aber das änderte nichts an meinem Überlebenswillen.
    Doch er war noch nicht fertig, wollte zum nächsten Angriff übergehen. Nicht mit mir. Vor Wut vergaß er sämtliche Angriffsmanöver, jeden Trick, den er sich auf den Straßen vor meiner Tür selbst beigebracht hatte. Er wollte einfach nur zuschlagen. Und weil einfach nur zuzuschlagen keine besonderen Geschicklichkeiten benötigte, brüllte er, während er sich vom Boden abstieß, um auf meinem Rücken zu landen. Fast hätten mich seine blutigen Klauen gepackt. Alter, wenn du weißt, dass du heute noch einen Krieg vor dir hast, dann machst du dir nicht schon vorher die Pfoten kaputt.
    Er war schnell, ich flinker. Mit einem geübten Pfotengriff, streckte ich die ausgefahrenen Krallen in die Luft, sodass sie seine Kehle nicht mehr verfehlen konnten. Blut bespritzte meine Brust und mein Gesicht, aber der Kater war auf der Stelle tot. Es fühlte sich überraschend gut an zu töten, stellte ich fest, und schnappte gleich darauf entsetzt nach Luft. Hatte ich das gerade wirklich gedacht? Wer wusste schon, ob die Katze, die Meerschweinchenschimmer in mir sah, überhaupt noch existierte?
    Eine weiße Kätzin mit vernarbten Beinen drückte nur wenige Meter neben mir Leopardenstern, die Anführerin des FlussClans, auf den Boden, während ihre Hinterpfoten ihren Bauch zerkratzten.
    Ich wollte helfen, ich schwöre es. Aber ich rührte mich einfach nicht von der Stelle, denn es war, als wären meine Pfoten ohne Leben. Das war die Kätzin, die sich mit Tigerstern verbündet und so viel Unheil über den DonnerClan, meinen Clan, gebracht hatte.

    Dann spürte ich spitze Zähne in meinem Nacken und ehe ich realisierte, was da geschah, wurde ich so weit hochgehoben, dass nur noch meine Schwanzspitze das Blut berührte, wenn ich mich ganz lang machte. Es konnte durchaus von Vorteil sein, meine geringe Größe, doch jetzt hatte ich nur Angst.
    Es stand außer Frage, wer mir gerade ans Leben wollte - Knochen. Ich hörte, wie seine Krallen über den Boden kratzten, als er die Zähne noch fester zusammenkniff, fester, um mir richtig, richtig wehzutun.
    Wie Peitschenhiebe verunstalteten seine Klauen den Rücken der Katze, die da baumelte, unfähig sich zu wehren. Mir schossen Tränen in die Augen. Weit und breit war kein Krieger, kein Schüler, der mich retten konnte, da alle mit den Grausamkeiten der Streuner zu kämpfen hatten. Sandsturm wurde ein Ohr abgerissen. Am anderen Ende der Lichtung erkannte ich schwach Federpfote und Steinpfote, denen, ein altes Absperrband aus dem Müll um die Hälse gewickelt, langsam, aber immer mehr, der Sauerstoff abgedrückt wurde. Es war ein einziger blutiger Alptraum.

    Ich fuhr die Krallen an meinen Hinterpfoten aus. Jemand krachte von der Seite in Knochen hinein, doch der schwarz-weiße Kater schwankte nur ein paar Schritte und beförderte dann die fremde Katze, die wenigstens den Versuch unternommen hatte, mich zu befreien, ganz weit weg.
    Ohne zu zucken rammte ich ihm die Krallen von hinten in die Brust und zwar mit genauso viel Schwung, wie er den Krieger weggeschleudert hatte.
    Meine Pfoten trafen auf Fleisch, was mir etwas Berauschendes, Fantastisches verschaffte. Ich grub meine Klauen in sein Fleisch, lachte gehässig, als er von meinem Rücken abließ, mich ins Blut schleuderte.
    Es half dennoch nichts mehr. Blut strömte unablässig aus der gewaltigen Wunde, denn wenn man meine Hinterbeine betrachtete, war da nur Fell mit so viel Rot, dass man die schwarzen Haare nicht mehr sehen konnte.
    Er brach leblos zusammen. Freude gemischt mit Adrenalin durchströmte meine rachsüchtigen Adern.

    Erst jetzt bemerkte ich die Gruppe an WaldClan-Katzen, die verzweifelt gegen einen Kreis aus Streunern ankämpften. Silberfluss' Kinder lagen, ohne sich zu rühren, knapp daneben.
    Auch Feuerstern grub seine Zähne verbissen in den Pelz einer roten Kätzin, sodass er nichts von meinen brutalen Morden mitbekommen haben konnte. Mein Glück.
    Weil ich nicht sehen konnte, was innerhalb des Kreises los war, kletterte ich den ersten Ast des nächstbesten Baumes empor und grub meine Blut verspritzenden Krallen tief in die Rinde, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Geißel war da. Eiskalt, fast schon schlendernd, näherte er sich Aschenpfote. Unsere Blicke trafen sich. Das da war nicht Aschenpfote. Nicht nur. Aschenpfote und Aschenvogel starrten mir angsterfüllt entgegen, beide aus denselben Augen, im selben Körper mit derselben Bitte: Rette mich. Er wird mich umbringen.
    Panisch versuchte der graue Schüler des LibellenClans und auch DonnerClans aus dem Teufelsring auszubrechen, doch die Streuner schubsten ihn grob zurück, hinterließen Kratzer und Blut in seinem seidigen Fell.
    Geißel hatte mich noch nicht bemerkt, näherte sich Aschenpfote/vogel immer noch aufrecht und mit einem Selbstvertrauen, das klar machte, dass er wusste, was er zu tun hatte, um diesem Kind einen möglichst grausamen Tod zu übergeben.
    Kurz war da wieder dieses Gefühl, gemischt mit Anerkennung und auch Respekt vor Geißel - Freude, das Blut gleich fließen zu sehen.
    Nein. Ich durfte jetzt nicht nachgeben. Doch wie sollte ich nur durch den Kreis brechen, wenn es doch unmöglich war? Es gab da keine Lösung, ich brauchte unbedingt einen Blickwechsel.

    Eine Libelle flog an mir vorbei.

    Ich sah nach oben.

    #neueperspektive

    Ohne zu zögern kletterte ich die Äste empor, grub meine Krallen in die alte Rinde, ohne das Geschehen unten aus den Augen zu lassen. Geißel war fast bei ihm.
    Die Baumkrone war erreicht und weil ich so dumm war, glitt mein Blick erneut zu meinen Pfoten - und zwar direkt an ihnen vorbei in die Tiefe. Nicht nachdenken.
    Ich holte Anlauf, atmete, lebte tatsächlich noch, genoss dieses Gefühl kurz und landete dann auf den Ästen des Baumes, der sich direkt neben Aschenpfote und Geißel im Todesring befand.
    Der schwarze Kater mit den Augen aus Eis und der Bewegungsart, die nur Killer beherrschten, war nur noch Zentimeter von ihm entfernt.
    Keuchend und mit rasselndem Atem flitzte ich den Baum nach unten und als Geißel gerade mif seinen Hundekrallenpfoten auf Aschenpfote einhieben wollte - da landete eine kleine, schwarze Katze mit dunkelblauen Augen direkt auf seinen Mörder-Schultern. Er stolperte.
    Ich hatte erwartet, dass mir ein paar Sekunden Zeit geschenkt würden, bevor er mich für diese öffentliche Demütigung in Stücke riss. Ich hatte falsch gehofft.
    Mit einer einzige Rolle war ich auf einmal unter ihm und sein Gesicht meinem so nahe, dass da nur noch große, blaue Punkte waren. "Nein...", stöhnte ich. "Ich weiß, wer du bist.", flüsterte er in mein Ohr. "Ich habe dir versprochen, wir werden uns wiedersehen."
    Hastig kroch ich weiter nach hinten. Geißel lachte, weil das alles für ihn nur ein Spiel war, so wie vorhin für mich, als ich Knochen und den braunen Kater eiskalt zur Strecke gebracht hatte. Hinter mir versteckte sich Aschenpfote, zitternd und mit gesträubtem Fell. Schnell schob jch ihn noch weiter zurück, um ihn vor den Krallen dieses Massenmörders zu bewahren.
    Er lachte nicht mehr. "Teufel.", sagte er. "Halt sie fest." Die Clans schrien vor Entsetzen, wobei ich vor allem Feuerstern hörte, der sich immer verzweifelter gegen die Wand aus Feinden warf. "TÖTET SIE NICHT!", brüllte er. "NICHT!"
    Spitze Zähne packten mich zum zweiten Mal von hinten, doch als ich den Kopf drehte, um mich zu wehren, schleuderte Teufel meinen Hinterkopf gegen den Baumstamm, der direkt zwischen mir und Aschenpfote war, und ich konnte nichts weiter tun, als gegen die Übelkeit anzukämpfen und stöhnend den Kopf sinken zu lassen.
    Geißel kam stetig näher, bis er wieder direkt vor mir war.
    "Stirb, Katze."
    "Nein...bitte nicht..."
    Die Menge tobte beim Anblick seiner erhobenen Krallen nur noch lauter, nur ich war still, denn da war überall dieser dunkle Nebel außer bei den zwei hellblauen Augen.

    Seine Krallen durchtrennten sofort die Hauptschlagader.

    64
    "Wo....wo bin ich?" Wo vorher Schmerzen waren, fühlte sich auf einmal alles taub und leblos an. Gleisendes Licht umgab mich oder was auch immer von dieser verfluchten Katze noch übrig sein mochte.
    "Du bist im Frostwald, Wildherz.", sagte eine vertraute Stimme. Eine andere Art von innerer Blutung trat nun auf und zwar direkt an meinem Herzen. "Es ist schön, dich wiederzusehen, Meerschweinchenschimmer." Die schildpattfarbene Katze riss verwundert die Augen auf. "Ich glaube nicht, dass wir uns schon kennengelernt haben." "Hier noch nicht. Aber in einem anderen Leben." "Anderes Leben?" Nie hatte mir mein altes Dasein so sehr wie in diesem Augenblick gefehlt, denn alles, was von meinem vergangenen Leben noch da war, entsprach einem Haufen unsichtbarer Scherben, die nur ich sehen konnte. Und trotzdem war es gut so. Wie konnte sich etwas Richtiges nur so unheimlich falsch anfühlen?
    "Bitte, ich will nicht darüber reden.", erwiderte ich seltsam ruhig. Der Sturm in meinem Inneren erlosch zusammen mit all der Hoffnung, jemals wieder die Katzen, die mir am meisten bedeuteten, noch einmal sehen zu dürfen. Da war Stille, sonst nichts. Und nur vielleicht, vielleicht würde ich eines Tages wieder in der Lage sein, an diesem Platz meines Herzens wieder etwas zu fühlen. Konnten Seelen an Trauer sterben?
    Meerschweinchenschimmer nickte. "Für mich ist das in Ordnung. Es tut mir leid, wenn ich dich irgendwie verletzt haben sollte." "Ist schon gut."
    "Willst du denn gar nicht wissen, was passiert ist?", fragte sie. Ich seufzte. "Eigentlich nicht, nein. Aber ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, meinen Problemen entfliehen zu wollen. Sag es mir."
    "Du bist gestorben. Geißel, Anführer des BlutClans, hat dich vor den Augen aller Clans ermordet."
    Ich versuchte verzweifelt die Pfütze aus Blut zu ignorieren, in die dicke Tropfen von meiner Kehle platschten. "Das mit dem Tod ist kein Thema. Ehrlich. Aber werde ich jetzt für immer aus dem Hals bluten?" Früher hatte ich immer Angst vor dem Sterben gehabt, weil mir der Tod so viele meiner Freunde genommen hat. Jetzt konnte ich zwar nicht mehr bei ihnen sein, doch irgendetwas in mir war froh, es hinter sich zu haben. Seltsam.

    Dann kullerten mir dicke Tränen die Wangen hinunter, fielen in den weißen Schnee, wo Engel ihre Fußspuren hinterlassen hatten.
    Auch Meerschweinchenschimmer schien sehr traurig. "Komm her und lass dich trösten."
    Zitternd und mit einem nicht gerade ehrwürdigen Schluckauf ließ ich mich an ihre Brust fallen. Sie schnappte nach Luft und sprang wie nach einem Stromschlag nach hinten. "Wildherz!", keuchte sie. "Du...du bist es! Ich weiß es wieder! SternenClan, geht es dir gut?"
    "Ich bin gerade gestorben." "F*ck."
    "Meerschweinchenschimmer, wer ist das?" Blaustern trat gemeinsam mit Tüpfelblatt, Weißpelz und Gelbzahn aus den schneebedeckten Büschen. Dann weiteten sich auch ihre Augen. Die drei um sie schnappten nach Luft. "Sie ist es!" "Die Welt der Geschichten ist gerettet."
    "Wildherz, endlich sehen wir uns erneut." Mütterliche Wärme strahlte mir aus den blauen Augen entgegen. "Ich fürchte nur, dass du hier nicht lange genug verbleiben wirst, um gemeinsame Zeit mit den anderen Helden der Geschichten zu verbringen."
    "Andere Helden?" Ich riss die Augen weit auf, als ich endlich begriff. "Nicht nur Warrior Cats, lebt oder? Sie...die Bücher...sie leben ALLE!"
    "Ja, aber es tut mir sehr leid, dich wieder wegschicken zu müssen. Ich verspreche dir, wenn die Zeit gekommen ist, darfst du in dem Nest zwischen deinen Kindern und deinen Liebsten schlafen, doch noch ist es nicht so weit.", sagte Blaustern und setzte sich zu mir. Auch Gelbzahn, Weißpelz und Tüpfelblatt gesellten sich zu uns.
    Meine Gedanken rasten. "Heißt das...ich bin nicht tot?" "Doch und wie du das bist!", krächzte Gelbzahn.
    Weißpelz jaulte: "Katzen des SternenClans versammelt euch hier!" Dutzender, sternenbedeckter Pelze flossen wie Fische auf die Lichtung, bis der Schnee voll mit strahlenden Augen war. Sie flüsterten. "Sie ist endlich da!" "Alle sind gerettet." "Es werden harte Zeiten für sie." "Hoffnung. Alles was ich wollte." Der letzte Satz kam von Silberfluss. "Danke, dass du die Clans retten wirst."
    "Halt! Wenn ich tot bin, kann ich niemanden retten!" "Das stimmt." Blaustern lächelte. "Deshalb ist es auch unsere Pflicht, dich wieder fortzuschicken. Und ja, wenn der Tag da ist, wirst du sie alle wiedersehen, deine Kleinen, Habichtrose, deine Eltern, wen immer du willst. Der Himmel ist der Punkt, an dem alle Geschichten sowie die echte Welt zusammenfließen, Wildherz, und zwar der einzige, also vergiss das nicht." "Theoretisch...könnte ich hier Katniss' Schwester wiedersehen? Dumbledore treffen?" Neues Leben kehrte in meinen Geisterkörper zurück, der sich auf einmal immer lebendiger anfühlte. Tüpfelblatt nickte. "Ja. Du bist eine Heldin, Wildherz, doch du hast erst einen Teil deiner Prophezeiung erfüllt."

    Tränen der Hoffnung stiegen mir in die Augen. "Ich...ich habe nie geglaubt, dass alles gut wird.", flüsterte ich. "Ich danke euch so sehr." Bestimmt schüttelte Wieselpfote den Kopf. "Nein, wir danken dir. Alle Geschichten tun das."
    "Die Zeit zu reden ist vorbei.", unterbrach uns Blaustern ein letztes Mal, und fügte hinzu: "Es ist Zeit für dich, zurückzukehren, Wildherz. Und wir wollen dir eine Gabe schenken, eine Fähigkeit, die dir helfen wird, die Zukunft der Geschichten zu retten."
    Glück strahlte mir aus tausend Gesichtern entgegen und Hoffnung brach durch mein Herz, ließ das Blut in meinen Adern wieder rauschen.
    "Wildherz.", sagte Blaustern mit feierlich erhobenem Kopf. "Hiermit übergebe ich dir dein Leben zurück und die Gabe, deine Gestalt in jede beliebige Form und Art zu ändern, dazu."

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    Blut spuckend erwachte ich wieder in mitten des furchtbarsten Tumults, den je eine Katze erlebt hatte. Der Kampf zwischen Clans und Streunern war nämlich erneut ausgebrochen und zwar intensiver und gnadenloser als zuvor. Schüler, die mir kaum an die Schulter gingen, obwohl ich ja recht klein war, flogen durch die Luft wie Blätter im Wind. Die erfahrensten Krieger schrien vor Schmerz, als sich die natürlichen Waffen ihrer gewissenlosen Gegner in ihr Fleisch schlugen. Es war so blutig, nirgendwo war mehr Gras zu erkennen. "Wildherz!", schrie Feuerstern. Fassungslos stand er da, betrachtete meinen plötzlich wieder lebenden Körper. "Du...du warst tot..." Geißel lag zu seinen Pfoten und ich musste unerwartet schluchzen, als ich sah, was geschehen war. "Nein..."
    "Ich musste dich rächen. Das ist meine Pflicht als Anführer."
    "Es ist genauso deine Pflicht, durch richtiges Handeln anderen ein Vorbild zu sein, doch am meisten schockiert es mich, wie wenig es dir wohl ausmacht, jemandem die Kehle zu zerfetzen."
    "Du weißt, dass es nicht immer richtig und falsch gibt." Auf einmal wusste ich, dass auch hier kein Platz für mich war und dieser trostlose Gedanke traf mich mit voller Wucht. Natürlich war das hier eine tolle Geschichte, niemand konnte behaupten, dass die Erins ihr Leben nicht klasse erzählt hatten, aber es war nicht meine . Und das war nicht der mächtigste Autor dieser Welt in der Lage zu ändern.
    Endlich schien die Schlacht vorbei. Obwohl es so hart und brutal zugegangen war, trotz des Wissens, dass Gut immer gegen Böse gewinnen wird, war die Erleichterung, diesen Krieg nicht weiter fortsetzen zu müssen, überwältigend.
    Man hatte mir die Gabe des Gestaltwandels überlassen, damit ich mich alleine auf meinen Weg machen konnte, nicht um mich hier vor den Gefahren, die wahrscheinlich schon in naher Zukunft auf mich warteten, zu verstecken. Es war Zeit, loszulassen, und dieses Mal hatte ich genügend Hoffnung. Denn man hätte mir versprochen, dass alles gut werden würde.

    "Feuerstern, Ich muss gehen.", sagte ich laut genug, dass es die ganze Lichtung auch hören könnte. Sofort würde es still und niemand wollte ein Wort dieses Gesprächs verpassen. "Wohin?", fragte er mich. Ja, wohin? Ich wusste es doch selbst nicht. Also antwortete ich echt sinngemäß: "Weg." Lichtherz trennte sich schweren Herzens von ihrem Gefährten Wolkenschweif und machte ein paar unsichere Schritte in meine Richtung. "Für gewöhnlich sind die Kämpfe zwischen den Clans nicht so heftig wie heute.", versuchte sie mich umzustimmen. "Der Clan braucht dich jetzt mehr denn je." Einige meiner Clan-Gefährten pflichtete ihr lauthals bei, doch ich durfte nicht bei ihnen bleiben, selbst wenn ich es wollte, Denn da war eine Aufgabe, der nur ich mir stellen konnte und falls es niemand sonst tat, würde alles vernichtet werden, was ich mir aufgebaut hätte. Warum oder wann, das wusste ich auch nicht, aber der SternenClan log nicht. Verstorbene wurden immer richtig informiert und ich durfte das Ende der Geschichten nicht zulassen. Sie hatten mir ein Zuhause gegeben, als mich alle anderen alleine ließen.

    Andererseits hab es keine Entschuldigung dafür, seine Freunde im Stich zu lassen, niemals, das hätte man mich gelehrt. "Es tut mir so leid.", flüsterte ich in die Stille und diesmal antwortete nicht mal mehr Feuerstern oder Lichzherz. Es gab nichts mehr zu sagen. Auch wenn sie es nicht wussten, ich hatte dieser Geschichte alles gegeben, was ich nur hatte. Jetzt war es Zeit, den anderen zu helfen, welche auch immer das waren.
    Nur Bernsteinpfote wollte es wissen: "Wohin willst du gehen?" Vielleicht weil ich doch gerade ihr letzter Anker war? "Das...ich kann es dir nicht verraten." Ich hatte nicht den Schimmer einer Ahnung. "Dein Platz ist im DonnerClan, vergiss das nicht." Mehr war da nicht zu sagen. Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und glitt mit den Blicken der Clan im Rücken in die Schatten des Waldes.

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    Ob sie sich Sorgen machten, würde ich nie erfahren, denn keiner von ihnen traute sich, mir zu folgen. Wo sollte ich überhaupt hin? Weil es gerade so gut passte, fing es natürlich zu regnen an und zwar nicht nur ein bisschen Tröpfeln.
    Schon bald war mein Fell bis an die Haut durchnässt. Donner und Blitze durchzuckten den schwarzen Himmel, denn es musste schon lange Nacht sein, während ich immer weiter vor den Clans floh. Ich wollte nicht zurück in die Stadt. Also beschloss ich, dass es das Beste wäre, in die eine Richtung zu gehen, die meine Pfoten noch nie berührt hatte: Nicht die Stadt, nicht das Hunderudel, nicht der Wald von Zucket und ihren Anhängern.
    Ich würde nach Osten reisen, nach Osten in die Moore. Vielleicht war das Leben dort einsam, aber mein Instinkt trieb mich voran, nichg mein Verstand, welcher sich seit dem Blutrausch im Kampf zurückgezogen hatte.

    Noch konnte ich es nicht wissen, auf was ich mich da einließ. Die Landschaft bestand aus kleineren Wäldern und Heide wie bei den Hunden, aber hier waren es mehr Bäume als freie Fläche, weshalb man es schon fast als lichter Wald bezeichnen konnte. Alles Leben schien wie ausgestorben, während ich mich durch die Fluten und den Schlamm kämpfte. Es war so fürchterlich kalt. Was in dieser Welt hatte mich nur dazu veranlasst, die einzige Umgebung, die ich kannte, nur verlassen zu wollen? Wo sollte ich Schutz suchen, wenn man mich hier draußen angriff? Gab es hier überhaupt die Möglichkeit, etwas Essbares aufzutreiben? Eins stand fest: Selbst wenn ich rndlich einen geeigneten Schlafplatz fsnd, ich war zu aufgeregt und voller Adrenalin, als dass ich mich ausruhen könnte. Am besten ware es, ich nutzte jetzt diese Energie und schlief, wenn ich wirklich müde wurde.
    Wie ein Geist, eine unruhige Seele eilte ich durch die Finsternis, von niemandem gesehen, von niemandem bemerkt.
    Als es ungefähr Mitternacht sein musste, hatte ich das Territotium der Clans schon so weit hinter mir gelassen, dass ich nicht mehr in der Lage war, zurückzukommen, obwohl ich nun eigentlich wollte. Es donnerte ohrenbetäubend.

    DerSturm hatte immer noch nicht aufgehört und schien nur noch an Stärke dazuzugewinnen, was mir gar nicht gefiel. Es spielte keine Rolle mehr, ob ich echt müde war oder nicht, wenn ich nicht bald einen Unterschlupf fand, konnte es mir mühelos das Leben kosten. Und ich hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen. Was sie war, würde ich noch herausfinden, doch ganz sicher nicht tot.
    Meine Umgebung hatte sie trotz der weiten Entfernung nur sehr gering geändert.
    Jetzt durfte man tatsächlich von weiten Wiesen sprechen, bunt durchmischt von Moorgrbieten, Laubwäldern, Nadelwäldern und steinigen Hügellandschaften. Eigentlich wirkte es echt schön. Ob ich deshalb hierhergeführt worden war?
    Weil die Chancen, auf dem freien Feld etwas Sicheres zu finden, sehr schlecht standen, bahnten sich meine Pfoten schon nach kurzer Zeit ihren Weg durch Moos, nasse Erde und tief hängende Sträucher.
    Da war ein kleiner Berg im Wald, kaum mehr als ein Hügel, aber groß genug für eine Höhle, die vielleicht einem Kaninchen Unterschlupf gewähren konnte. Ich musste es versuchen. Am Ende meiner Kräfte biss ich so fest ich konnte die Zähne zusammen, kletterte auf den Stein und quetschte mich schniefend und keuchend in den Freiraum. Überrascht stellte ich fest, dass es sogar noch weiter ging. Es roch nach Wärme, Moos, trockenem Laub und etwas, das ich nicht richtig benennen konnte. Was machte man in so einer Situation? Zu meinem Glück behauptete ich, es nicht zu wissen und betrat die Höhle mit gutem Gewissen. Draußen donnerte der Regen gegen die Felsen.

    Tatsächlich war da eine größere Höhle: gut einen Mann war sie hoch, mit Wänden voller Moos, kleinen Einstülpungen in der Wand, Blättern auf der Erde. Seufzend ließ ich mich aus dem Tunnel fallen, glitt elegant und beinahe lautlos auf den Boden.
    Jemand kicherte hinter mir.
    Erschrocken fuhr ich zusammen und wirbelte atrmlos herum.
    Die Katze hatte große, bernsteinfarbene Augen mit blauen Sprenkeln und schwarzer Umrandung, was sie nir nlch unheimlicher aussehen ließ. "Hab keine Angst.", flüsterte sie und ich wurde etwas ruhiger.
    Ich fröstelte. "Bitte, ich wollte hier nicht eindringen. Aber drausen ist ein Gewitter und wenn ich wieder gehen muss, erfriere ich vielleicht."
    Keine Ahnung, was sollte ich von dieser Fremden in dem rot-weiß-schwarzen Fell nur halten? Ihr Pelz war richtig buschig und garantiert richtig weich wie ihr sehr langer Schweif auch. Sie...sie hatte so eine gewisse Aura, die dich den Atem anhalten ließ.
    "Warum sollte ich dich bleiben lassen?", fragte sie gsnz freundlich. "Was hast du mir zu bieten, Kindchen?"
    Vielleicht war Vogelstern nicht die einzige pädophile Katze in dieser Geschichte.

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    Auf einmal war es Angst, die sämtliche Kälte, Müdigkeit und abgrundtiefe Erschöpfung beiseite drängte. Ein Teil von mir wollte raus, nur noch fliehen. Der andere, welcher es genoss, Blut Spritzen zu sehen, dem nackten Schrecken ins Gesicht lachte, der blieb dennoch. Und weil sich vielleicht nir der Geist, nicht der materielle Körper in zwei teilen konnte, rührte ich mich nicht von der Stelle. Das Herz pumpte mir bis zum Hals.
    "Mein Name ist Wildherz.", stellte ich mich vor. "Und ich kann mich wehren, auch wenn ich fertig aussehe." "Uiiii, ich liebe die Werhaften. Dann ist das Ganze nicht so langweilig." Die Katze lächelte ein wenig. "Aber Spaß beiseite. Komm herein, du musst dich aufwärmen." Ich war eine Kriegen? Was hätte diese Streunerin an sich, dass sie mir schaden könnte? Sicher hätte sie viel mehr Angst vor mir als ich vor ihr und wollte es einfach nicht zugeben.
    "In Ordnung. Danke." Während ich in das hintere Ende der Höhle schlich, wo das Moos in den Wandeinstülpungen am grünsten war, spürte ich ihren feurigen Blick ununterbrochen in meinem Nacken. Diese Katze reizte mich. So etwas machte man nicht, wenn man sein Gegenüber für gleich stark hielt.
    "Nun", hauchte sie und folgte mir mit beendet Brust. "Wie lange willst du bleiben?"
    Die Grenze war überschritten, jetzt war sie nicht mehr aufdringlich, sondern beinahe bedrohlich. Verzweifelt versuchte ich, meine Atmung unter Kontrolle zu bekommen. "Keine Sorge. Ich werde dich nicht lange stören, weil ich auf einer Reise bin. Morgen in der früh will ich weiter, wenn das blöde Wetter endlich mal mitspielt." "Oh, dann hoffe ich doch auf Regen und Schnee." Inzwischen hätte ich mich für eine Mulde in der Höhe von einem Meter entscheiden können, aus der eindeutig das weichere Moos herausquoll.
    Ich ging nicht auf dieses seltsame Gerede ein. 'Du hast dich noch nicht vorgestellt.", erinnerte ich sie stattdessen. Ein bisschen lächelte sie wie ein Kind, den man gerade sein Lieblingsauto gestohlen hatte. Also: gar nicht.
    Sie säuselte: "Nicht doch, wie unhöflich. Nenn mich Bonny."
    Ich drehte mich kurz um, um das dichte Moos zurechtzuzupfen und spürte prompt ihren warmen Atem im Nacken. Am liebsten wäre mir jetzt eine Möglichkeit gewesen, weiter wegzurücken, doch die Mulde war nicht sehe tief. Bonny rückte nach ein wenig näher, bis ich ihr Herz dicht an meinem schlagen hörte. Sie hatten denselben Takt.
    "Ich bin auch ein Gestaltswandler.", flüsterte sie mir ins Ohr. Ihre Schnurrhaare kitzelte dabei meine Haut.
    Ich vermied Blickkontakt und drückte mich enger an die Felsen. "Woher weißt du es."

    "Es gibt drei Alternativen, Gestaltswandler zu erkennen, Süße:
    1. Ihre Herzen gaben denselben Schlag. Und zwar ausnahmslos ALLE."
    So kam noch näher, sodass ich mich inzwischen fast gar nicht mehr bewegen konnte. Warum hätte ich mich nur so leicht in die Falle locken lassen?

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    "2.", fuhr sie fort, immer noch gut gelaunt. "Gestaltswandler haben eine lila Aura."
    Ich riss die Augen auf. "Du kannst meine Aura sehen?" "Süße, ich kenne deine innersten Wünsche und Bedürfnisse, keine Angst von dir ist mir verborgen. Ich weiß, wie deine Zukunft aussieht, ich kann dir alles aus deiner Vergangenheit erzählen."
    "Und 3?", fragte ich. Bonny schnurrte. "Nur Gestaltswandler sind zäh genug, sich mitten in der Nacht durch Regen und Sturm zu quälen. Vielleicht war es unbewusst, aber du hast deine Körpertemperatur auf die eines Tieres reguliert, das an derartige Bedingungen gewöhnt ist. Mal ganz davon abgesehen, dass ich alles aus deiner Vergangenheit weiß, schon vergessen?"
    "Du...was bist du?" Da war blanker Wahnsinn, der Wunsch nach mehr in ihren hypnotischen Augen. Ich bereute es so sehr, diesen unheiligen Ort betreten zu haben, so sehr, dass ich Tränen in den Augen hatte. Ich zitterte trotz der Wärme, die von der Katze ausging. Bonny war viel größer als ich.
    Jetzt lachte sie leise, ließ mich dabei nicht aus den Augen. "Aber du hast noch nie, oder? Du wünscht dir gerade, dass du es könntest, aber du hast deine Form noch nie verändert."
    Ich flüsterte: "Nein." Selbst dieses Wort klang viel zu laut. Ob ich damit ihr zustimmte oder nur das Unvermeidbare vermeiden wollte, es war wahrscheinlich beides.
    "Pech für dich.", lächelte sie, während sich ihr Schweif verlängerte und sich um meinen Bauch wickelte, um mich am Flüchten zu hindern.

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    Bonny hatte eindeutig psychische Probleme. Ich ja allerdings auch. Vielleicht war es also mehr als eine gemeinsame Nacht, die uns verband, denn irgendwie wollte ich es. Zumindest wollte es dieselbe Seite, die auch Knochen ermordet hatte.
    Als ich am nächsten Tag aufwachte, lag sie immer noch lächelnd neben mir, was mich etwas irritierte. Außerdem waren da leichte Kratzeunden an ihrem Hals und an ihrem Bauch, was mich noch mehr wunderte. Wir waren letzte Nacht doch alleine gewesen, oder?
    "Bonny", säuselte ich und rückte wieder näher an sie heran. Sie hatte sich zurück verwandelt. "Hmm. " Sie seufzte genüsslich. "Kannst ruhig länger bleiben, Bloody." "Bloody?" Als sie lachte, betrachtete ich das verkrustete Blut an meiner Pfote. Ganz langsam tropfte es zu Boden. Ich fragte: "Wer hat dich verletzt? Du hast Kratzer." War ich etwa eifersüchtig? Auf meinen psychisch gestörten One-Night-Stand!
    Bonnys Schnurren klang nach Donnergrollen, was mir sehr gefiel.

    "Das warst du, Bloody. Hat verdammt Spaß gemacht." Ich rappelte mich auf, um uns etwas Essbares zu suchen, doch Bonny drückte mich grob wieder mit der Pfote nach unten. Ich mochte es nicht so sehr, wenn sie größer war als ich. Es machte mir ein wenig Angst. Pff, als ob irgendetwas noch das übertreffen konnte, was ich erlebt hatte. Am liebsten hätte ich ihr alles erzählt, ehrlich, von dem Kampf mit Geißel, meinen Kindern, die nicht mehr wussten, wo ihre Mutter war, vom Hunderudel, meinem früheren Leben, dem SternenClan und den Versprechungen, die er mir gegeben hatte. Wie viele davon wohl wahr waren? Zum ersten Mal zog ich es wirklich in Erwägung, den Wald der Finsternis dem Frostwald vorzuziehen. Es machte nun einmal Spaß zu töten, was konnte ich denn bitte dafür? Ich unterdrückte mit großer Mühe das Gefühl von aufsteigender Panik. Da war etwas und dieses Etwas war dabei, die Kontrolle über meine Seele zu übernehmen.
    "Ich sollte trotzdem jagen gehen.", widersprach ich ihr, versuchte mich hochzustemmen. Die gute Bonny lachte nur. Sie war der Teufel und ich fand das, ehrlich gesagt, nicht wirklich schlecht, kein bisschen. Nach allem, was sie mir angetan hatten, war es nun an mir, Spaß zu haben, nicht wahr? Sie miaute: "Nein. ICH gehe etwas holen. Es wäre doch viel lustiger, wenn du es auch endlich könntest! Ich gebe dir..." Sie schien kurz zu überlegen. Sollte ich wegrennen? Chance vertan. "...zwanzig Minuten? Falls du es nicht hinbekommst, deine Form in etwas anderes zu wandeln, denke ich mir eine Überraschung für dich aus. Und du bekommst kein Frühstück." NEIN. ALLES, NUR NICHT DAS. FRÜHSTÜCK IST WICHTIG! Ich wollte nicht wirklich erleben, was Bonny sich einfallen lassen konnte, um sich zu amüsieren, denn, so weit ich wusste, schreckten Dämonen nicht vor Opfern zurück, wenn es nötig war, um Fun zu haben.
    "Ab jetzt!", jaulte sie. Sie bohrte noch einmal ihre Krallen in meinen Nacken, mir stockte der Atem, dann verschwand sie aus der Höhle ins Freie. Nein, was immer das hier war, ich musste es sofort beenden, sonst war nicht nur Bonny verloren. Wie konnte irgendetwas auf der Erde die Psyche nur so kaputt machen?
    Vielleicht eine von den Überraschungen der Gestaltswandlerin?
    "Nein." Zitternd machte ich mich genauso auf die Pfoten. Jetzt war Schluss. Zwanzig Minuten mussten reichen, um die Höhle zu verlassen, dem Moor den Rücken zu kehren und so viel Strecke zwischen mich und diese kleine Hölle zu bringen, wie nur möglich.
    Die Höhle war verschlossen. Natürlich. Bonny war das reine Böse, doch bescheuert sicher nicht. Ich brauchte einen Plan und zwar now.

    Ein paar ziemlich unschöne Kraftausdrücke murmelnd begab ich mich in die Mitte der Höhle, wo die Übersicht am besten war.

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    Ein verzweifelter Schrei entfuhr mir, wurde immer länger und schriller: "SternenClan, hilf mir!" Plötzlich wurde es vor meinen Augen dunkel und ich war weit weg an einem Ort voller Vertrauen und Zuflucht. Blaustern saß mir gegenüber. "Wildherz?", fragte sie. "Was suchst du hier? Du hast die Wege deiner Bestimmung längst verlassen." Die Angst packte mein Herz mit eisernen Krallen. "Vergib mir, Blaustern. Man hat mir schon so viel genommen, dass es längst nicht mehr in meiner Macht liegt, über Richtig und Schlecht zu urteilen. Ich will frei sein. Ich will alles zurück haben, was sie mir genommen haben. Egal, um welchen Preis." Kurz schwieg diese weise Katze, die doch auf alles eine Antwort kannte. Sie schien ernsthaft zu überlegen. "Und...was ist das genau?"
    Ich wusste es selbst nicht.
    "Nur zu. Denk weiter nach.", forderte sie mich mit einem Schulterzucken auf. "Ich will, dass du eine gute Entscheidung triffst." Ein Schluchzer entfuhr mir dennoch, trotz aller Bemühungen, stark zu bleiben, und ich wusste, ich brauchte den SternenClan, diese winzige Hoffnung, an die ich mich klammern konnte, mehr denn je. "Ich habe sie bereits getroffen, Blaustern. Und es war die falsche."
    Der Wind schien um zehn Grad weiter abzukühlen, obwohl es im Frostwald trotz des Schnees immer sehr angenehm war. Die Sonne schien immer, aber nie zu stark, nur so, dass du die zarten Strahlen an deinem Pelz entlangstreichen fühlen konntest. Es war sehr schön hier. Besser als in der Höhle, sogar mit Bonny in ihr.
    "Ich...ich weiß nicht. Blaustern, ich will bei ihr bleiben. Wahrscheinlich ist es nicht richtig und ich schade allen Geschichten damit, aber es ist das, was mein Herz will. Was es braucht. Du wolltest eine ehrliche Antwort." Blaustern nickte. "Genauso wie meine Frage." "Bist du wütend?"
    Da war kein Ärger, keine Spur von Missbilligung oder Angst um das Schicksal so vieler magischer Wesen. Es war...es war...war das Zufriedenheit?
    "Weißt du.", fuhr sie fort, doch nun schien sie ihre Worte sorgfältig zu wählen. "Es ist für niemanden gut, zu viel über seine Zukunft zu wissen, denn es sind unsere Entscheidungen, die das Schicksal beeinflussen, nicht anders herum."
    Ich war verwirrt. "Bonny...sie bedeutet mir nichts. Warum habe ich trotzdem das Gefühl, bleiben zu müssen?" Jetzt lachte sie leise, wobei das Fell an ihrer Kehle leicht zitterte, was ich aus irgendeinem Grund sympathisch fand. "Lass dir von einer alten Katze einen guten Rad geben." "Und der wäre?", fragte ich. Sie schnurrte belustigt: "Manchmal ist ein Gefühl klüger als tausend Prophezeiungen."

    Das Jetzt traf mich so heftig, so unerwartet, dass es mir erst einmal alle Luft aus den Lungen presste. Keuchend stand ich da mit bebenden Flanken, erneut gefangen in der steinernen Falle, die ich mir selbst gestellt hatte. Ich musste anfangen, Entscheidungen zu treffen ohne zu sehr darüber nachzudenken, aber war ee nicht gerade das, das mich hier nun festhielt?
    Mir lief die Zeit davon. Fast konnte ich sie spüren, glitschig und eklig, wie sie mir durch die Krallen rann, kein Halt, kein Erbarmen. Ich musste es gefälligst versuchen.
    Wie hatten es all die Magier in den Geschichten nur getan? Mir fiel trotz Kopfschmerzen beim besten Willen nicht ein, was sie so viel anderes machten als ich.
    Stein. Drache. Maus. Fliegender Esel, schossen mir die buntesten Wörter durch den Kopf, beinahe wie ein Tornao aus Hektik und unkontrollierter Fantasie. Ich brauchte mich.
    Pferd. Wolf. Raupe. Stuhl. Giraffe. Rose. Rose. Rose. Einhorn. Es tat sich nichts und es wäre gelogen zu behaupten, es hätte sich in den nächsten zwanzig Minuten in irgendeiner Art und Weise geändert. Ein letzter, verzweifelter Versuch. "Kein Panik.", hallten meine geflüsterten Gedanken an den Höhlenwänden zurück. Sie waren sehr, sehr laut. "Du packst das. Schon gegen Hunde und Mörder hast du gekämpft, dann wirst du es doch hinkriegen, deinen Körper zu einem verdammtem Moos werden zu lassen!"
    "Moos?", schnurrte sie mit einem unausgesprochenem Lächeln auf den Lippen. "Wie einfallslos. Dafür hast du eine Strafe verdient."
    Mein gesamter Körper prickelte und ich konnte nicht sagen, warum. Mit leicht zuckenden Schnurrhaaren drehte ich mich zu Bonny um, die dort am Ausgang lag und jede meiner Bewegungen mit feurigem Block verfolgte. "Komm mit.", flüsterte sie.
    Trotz all der Angst und des dringenden Wunsches, ihr als Löwe an die Kehle zu springen, nahm ich meinen verbliebenen Mut zusammen und sagte: "Und wenn nicht?" Sie schmunzelte. "Zwing mir nicht, dir weh zu tun. Dafür hab ich dein flauschiges Fell zu gerne."

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    Wir liefen durch den seichten Nieselregen, Bonny mit einem zufriedenem Schnurren, das ich irgendwo nicht ganz nachvollziehen konnte, ich mit einem Gefühl, als würden Ratten gerade meine Innereien zerfetzen. Autsch.
    Während wir uns mit angelegten Ohren und triefendem Pelz durch das Moor zu einem mir unbekannten Ziel kämpften, war da auf einmal diese Frage in meinem Kopf: Sollte ich versuchen, wegzurennen? Wenn ich nicht versagte, konnte ich mich vor Bonny schnell genug verstecken und dann abhauen, sobald sie weit genug entfernt war, doch das ging nicht.
    Es wunderte mich, wissen zu wollen, was sie vorhatte. Vielleicht war es jene Nacht oder ihre lila Auro, ihre sagenhaften Augen oder das leichte Zucken ihrer Pfoten, wenn ihr etwas nicht ganz passte. Ein besonders großes Regentropfen landete auf meiner Nase, sodass ich leicht zusammenzuckte und einen Blick in die Pfüze warf, die meine Pfoten durchnässte. Es war schon fast ein See, denn der Regen leckte bereits an meinem Bauchfell, was ein unangenehmes Kribbeln in meiner Magegend auslöste. Irgendwie machte es aber auch Spaß.
    Wenn ich floh, würde Bonny böse genug sein, mich zu verfolgen. Noch während mir diese Hoffnung, dieser kleine Traum inmitten eines Orkans aus Gefühlen, niemals ihrer Gier nach mehr stand halten könnte. Bonny konnte ihre Gestalt ändern, sooft sie wollte, während ich es nichtmal auf die Reihe kriegte, meinen eigenen Prinzipien treu zu bleiben. Denn Bonny hatte einen Vorteil: Sie hatte erst gar keine. Wie süß das Leben für jemanden sein musste, der keine Regeln kannte. Das emotionslose, durchnässte, schon beinahe fremde Gesicht starrte mir entgegen. Inmitten all des Graus schienen meine Augen richtig blau zu strahlen und ich konnte erahnen, was Bonny daran hinderte, mich ziehen zu lasse. Es gefiel mir, was ich da sah. Ich schämte mich auch nicht für diese Zufriedenheit.

    "Bloody.", flüsterte sie plötzlich ganz nahe an meinem Ohr. Ihr Schweif spielte ziemlich aufdringlich an meiner Kehle. "Wir können hier nicht einfach stehen bleiben. Sonst finden mich noch meine Freunde..." Ich stieß ihr Gesicht so grob weg, dass Bonny laut aufschrie und unter Wasser tauchte. Es tat sooooo gut.
    Ich machte ein echt verblüfftes Gesicht, als da plötzlich keine Luftblasen mehr waren. "Bonny?", fragte ich. Meine Stimme klang sehr leise und verschreckt, gar nicht mehr gereizt. Wo war sie? Hatte ich sie verletzt? War das überhaupt wichtig?
    Eigentlich war es mir egal, aber irgendwie auch nicht. Niemals würde ich so kalt wie sie sein können. Ich sagte lauter: "He, Bonny?"
    Weil immer noch alles bewegungslos war, ging ich zu der Stelle, wo sie untergetaucht war, doch da trieb kein lebloser, hübscher Körper oder Ähnliches.
    Auch wenn Bonny vermutlich Furchtbares miterlebt hatte, auch wenn sie eine Pyschopathin mit Augen wie Sterne war, so konnte ich sie doch nicht ertrinken lassen. Wer sollte mir sonst schon Gesellschaft leisten?
    Dann packte sie mich. Ähnlich wie der einer Anakonda wickelte sich ein geschuppter Reptilienschwanz um meine Hüfte, während ich noch entsetzt ins Wasser starrte. Zwei bernsteinfarbene Augen blinzelten zurück. Bonny lächelte. Ich mochte es nicht sonderlich, wenn sie glücklich war. Weshalb wohl?
    Und mit einem lauten Platsch durchdrang auch der restliche Körpet die Wasseröberfläche. Aus Reflex die Augen zukneifend trat ich gegen Beine und Pfoten, vielleicht auch eine Schulter, doch mit jedem Schlag, jedem Auflehnen gegen ein grausiges Schicksal, wie es Bonny einst durchlebt hatte, zog sich die Schlinge um meinen Bauch enger zu.
    Sichtlich zufrieden grinste mir Bonny mit dem Gesicht außerhalb des Wassers zu. "Wie geht es dir?", fragte sie mich, wobei ihre Stimme surreal zitterte. Es machte ihr so Spaß, mich leiden zj sehen, wie nichts anderes, obwohl ich ihr nie etwas angetan hatte. Ich war nicht ihr Feind. Hatte sie dad vergessen oder war es ihr einfach nur egal?
    Mir ging die Luft aus und ich spürte wie meine Bewegungen, mein Kampf, um wenige Bläschen Sauerstoff, schwächef wurde. Wenn Bonny jetzt nicht bald zur Vernunft kam, war das mein Untergang, haha. Wie fühlte es sich an, zu wissen, dass dein Leben davon abhing, einem Psyche die Freude am Foltern zu nehmen?
    Der Druck ließ nach. Vielleicht hatte Bonny auch an Kraft verloren? Spuckend und strampelnd durchbrach ich die Wasseroberfläche, immer noch mit Zuckungen am ganzen Körper. Der süße, süße Sauerstoff durchströmte wieder keine Lungen, doch nicht von Dauer.
    Sie zog mich erneut nach unten, lachend. Wie ein kleines Kind freute sie sich über meine Qualen und wenn man ausblendete, dass ich hier gerade ertrank und wir uns nicht in einem vom SternenClan verlassenem Moor befanden, wäre ihr Anblick sicher niedlich gewesen.
    Ich wollte wirklich noch weiter kämpfen, ich schwöre. Alles, was mir etwas bedeutete, beschwor ich mir vor Augen, ließ es meine Gedanken umkreisen, nur um meine Liebsten zu beschützen, denn sie hatten ein besseres Leben als ich verdient. Wenn ich es nicht haben konnte, dann sol, ten wenigstens sie es für mich genießen.
    "Ach, Bloody.", sagte Bonny, was sich unter Wasser sehr dumpf und weit, weit weg anhörte. "Wie soll ich dir nur beibringen, dass Bonny gerne spielt?" Meine Krallen blitzten wie Gewitter, als ich sie auafuhr, um erfolglos in die Wellen Richtung ihr Gesicht zu schlagen. Lange hielt ich es nicht mehr aus. Ich wusste, dass es sich nur noch um Sekunden handelte, dann wäre es vorbei. Für immer.

    72
    Es war einem Déjà-vu so verdammt ähnlich, ich hätte wohl heulen können, wenn ich nicht gewusst hätte, dass ich mir jetzt jeden Energieverbrauch sorgfältig einplanen musste. Die aufkommende Panik und das schreckliche Ziehen in meinen Lunge halfen dabei relativ wenig. Der Rand meines Sichtfelds färbte sich bedrohlich Schwarz. Wie viel mehr konnte eine Katze noch verlieren, wenn sie sogar die Angst vor dem Tod bereits losgeworden war? Lag es überhaupt an uns, das zu entscheiden? Wer waren wir überhaupt, dass wir es nur wagten? Wir beschimpften und kritisierten, hielten uns für die Besten, doch in Wahrheit gab es doch gar kein Gut oder Böse. Nur Schmerzen und Schmerzlinderung durch eben andere.
    In diesem Moment kam ich zu der Erkenntnis, dass ich nichts weiter als ein Ventil für Bonny war, genauso wie sie für mich. "Lass los.", formte ich diese so bedeutenden Worte mit den blauen Lippen und meinte diesmal nicht mich. Der SternenClan ließ mich hier bleiben, damit ich den Zorn verlor, nicht um einen Fehler zu machen. Es gab niemanden der als Retter für diese Art von Problem mehr geeignet war als Bonny. Ihr Gesichtsausdruck änderte sich. Sie war nicht mehr glücklich, sondern einen kurzen Augenblick sah ich den Schmerz...denselben Schmerz, den sie mich hatten leiden lassen, um ihn nicht selbst ertragen zu müssen. Ich wusste, dass es an uns lag, was wir aus diesen Qualen lernten.
    Und Bonny ließ los. Es schien, als ob sie es nicht wollte und doch tat sie es.
    Gierig nach Luft schnappend sog ich das Lebenselexier der Natur in mich auf. Da war nichts, nichts außer Sauerstoff, Erleichterung...und Schmerz. Guter Schmerz.
    Wo vorher reines Verlangen nach Vergeltung war, da saß nur noch eine nasse, verängstigte Kätzin. Sie war mehr als nur ein Monster und zum ersten Mal seit langer Zeit war sie ihrem wahren Ich wieder vor Augen getreten.
    Da war noch Rettung, Rettung für uns beide. Ich konnte nur frei sein, die Welt der Geschichten retten, falls ich bereit war, sie genauso wie mich aus dem Abgrund des Verlassenseins zu befreien.
    "Du hast das Richtige getan.", miaute ich, wobei meine Stimme noch sehr heiser war. Sie lächelte wieder. Nicht immer wenn man lächelte, war die Welt in Ordnung. "Komm jetzt endlich, Bloody. Ich werde dir Freunde vorstellen..." Wir zogen weiter.

    Als ich die Moore betrat, hatte ich gemeint, den schlimmsten und zugleich paradisischten Ort aller Zeiten gefunden zu haben. Das Wetter war aus Prinzip der Hölle schlecht, der Matsch und die Pfützen unbeschreibbar tief und überall. Und doch wirkte es so unwirklich, das Moor mit all seinen Landschaftsformen und den seltsamsten Wesen und Pflanzen. Farbenfrohe Blüten schienen hier regelrecht zu leuchten und ich hätte schwören kennen, bereits einen Kranich, zwei Salamander und einen bedrohlich großen Fisch gesehen zu haben.
    Erst als wir uns dem Rand des Moores näherten, wich die Fantasie aus ihrer natürlichen Umgebung und machte dunkelgrauem Nebel, Nieselregen, schlimmer Kälte und KNOCHEN Platz. Ja, hier lagen KNOCHEN. ÜBERALL.
    "Ach, Schätzchen.", schnurrte Bonny. "Stell dich nicht so an." Sie musste meinen Blick bemerkt haben, der sich zwischen Entsetzen und Ekel noch nicht so ganz entscheiden konnte.
    Dann blieb Bonny stehen und ihr IchbineinKillergutenTag-Lächeln wurde NOCH breiter. Ein eisiger Schauer glitt über meinen Rücken.
    "Grüß dich, Knöpfchen.", sagte sie betont munter.
    Eine gewaltige Mischung aus dunkelbrauner Kater, Hai, Tiger und Drache erhob sich vor uns aus dem Schlamm. Ich schrie.
    Plötzlich war Bonny sauer, richtig sauer, und peitschte mir mit dem Schweif, der sich kurz vor seinem Auftreffen zu Schlangenschuppen wandelte, so heftig ins Gesicht, dass ich rückwärts taumelte. Direkt in etwas ATMENDES hinein.
    Sollte ich mich umdrehen? Wenn ich es wagte, war mein Leben vorbei, denn ich würde einem so grässlichen Monster gegenüber stehen, dass ich entweder an Schock oder Herzversagen sterben musste. Ich beschloss, es trotzdem zu tun, weil es mir besser als gefressen werden vorkam.
    Langsam drehte ich den Kopf zur Seite. Bonny und das Haikaterungetüm lachten schallend. SCHOCK. SCHOCK. SCHOCK. Lieber gefressen werden. Schnell senkte ich den Blick auf meine Pfoten (zumindest halt das grüne Wasser, in dem ich sie irgerndwo hoffentlich noch ganz und weder verätzt noch ohne Zehen vermutete), um dem Anblick des halb verwesten, dunkel getigerten Katers zu gehen. Fleischige Wunden übersäten seinen ganzen Körper, aber Brust und Flanke am meisten, das Blut stank nach Tod. Aus größeren Wunden trat Eiter in einer solchen Masse, dass ich fürchtete, mit dem Zeug abgespritzt zu werden. Und diese Augen...sie erinnerten mich an die eines Dämons...direkt aus der Hölle. "Willkommen im Wald der Finsternis.", grüßte er mich nicht sonderlich freundlich. "Darf ich dich töten?"
    "Hahahaha!" Bonny lachte, als ob Dunkelstreif einen tollen Witz gerissen hätte. "Lass mal. Wo is'n Lolly?" Dunkelstreif antwortete kalt: "Vermutlich in seiner Höhle. Wenn du nicht gleich pulverisiert werden willst, sollten wir aber schon mal los."
    "P...pulveri...", stotterte ich unbeholfen wie eine junge Schülerin. Dunkelstreif korrigierte: "Pulverisiert."
    "Äh..ja...warum?"
    "Ach, Darkchen." Das Katermonster, der Zombie und die Herrscherin der Hölle lachten gackernd. "Nur wegen der giftigen Gase, die gleich das gesamte Gebiet zwischen hier, Grenzwald, und Hauptwald der lebenden Schatten, benebeln werden.", kicherte Bonny. "Wir können nicht mehr sterben.", fügte der zweite Gestaltwandler hinzu. Seine Augen leuchteten bei dem Gedanken meines tragischen Todes, indirekt ermordet von seiner besten Freundin. "Aber du." Die drei lachten, ehe sie in der Luft verschwanden.
    Auf einmal begann das Wasser unter meinen Pfoten zu brodeln. Es wurde warm, sehr warm, heiß. Jaulend rannte ich los.

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    Erst als ich die Steinmauer zum finstersten Teil des Waldes erklommen hatten, wagte ich es, mich hinzulegen. SternenClan, wie gut tat dieser kühle Stein nach den Kohlen unter meinen Pfoten. Zumindest wusste ich jetzt, weshalb dort überall Überreste lagen, beziehungsweise, dass ich mich diesem Ort nie ohne Bonny nähern wurde. Hey, ich hatte eine geile Idee! Wie wäre es mit: Überhaupt nicht mehr herkommen, ein ruhiges Leben führen und nachts schlafen können, ohne, dass das Gewicht von tausend magischen Welten und mehr auf deinen Schultern ruhte? Wäre natürlich zu langweilig gewesen.
    "Du lebst noch.", quackte der Frosch neben mir und ich wäre fast von der mit Efeu überwucherten Mauer gefallen. Der LILA Frosch grinste bösartig und entbößte dabei ziemlich lurchunähnliche Raubtierzähne. "Hehe. Angsthase." "Katze.", verbesserte ich ihn. Nach dem ersten Schock hoffte ich, dass Knöpfchen doch ein bisschen umgänglicher war als er aussah. Kichernd schüttelte er sich kräftig, dann stand ein schwarzer Kater mit rotem Hirschgeweih vor mir. "He, Püppchen, schau mal, was ich kann!"
    "Toll." Ich verdrehte die Augen. "Willst du jetzt eine Belohnung oder was? Ich bin auch Gestaltwandler." "Du wirkst aber gar nicht, wie von hier.", stellte Knöpfchen fest.
    "Wo sind Bonny und Zo...äh...Dunkelstreif?", fragte stattdessen. "Spazieren. Sie wuchen den Obermacker." Ich miaute: "Du nicht. Warum?" "Ich kann den Hauptwald der lebenden Schatten nicht ohne seine Erlaubnis betreten."
    Jetzt wurde es doch interessant. Ich spitzte neugierig die Ohren. "Tatsächlich?" "Bonny dürfte eigentlich auch nicht, aber dieser Teufel ist so mächtig, dass alle vor ihr Angst haben. Deshalb hindert sie auch niemand."
    "Bonny ist ein Gestaltwandler. Und ein Teufel. Was sind Teufel?"
    Kurz schien der schwarze Kater selbst zu überlegen. Seine Augen, die ständig von Lila nach Schwarz wechselten und zurück, machten mich ganz kirre. Dann antwortete er etwas langsamer: "Teufel sind Lebewesen, die zwischen Tod und Leben zerrissen worden sind. Es ist, wie wenn sich die Natur nicht sicher ist, ob diese Karze bereit tot sein sollte, oder ob sie noch lebt. Ich bin kein Teufel." Er warf mir einen ungeduldigen Blick zu, bevor ich nachfragen konnte. "Ich bin ein "gewöhnlicher" Gestaltwandler, so wie du."
    "Erzähl mir von Bonny!", forderte ich ihn noch ungeduldiger auf. Es war Zeit, ein paar ihrer unendlichen Geheimnisse zu lüften.
    Knöpchen begann, zu erzählen: "Vor sehr, sehr langer Zeit wurde sie in diesen komischen Clans mit ihrer Schwester geboren. Warum ich dir ihre Geschichte verrate? Na ja, wir Bösen sind nicht unbedingt die Loyalsten. Ihre Eltern aber haben sich immer nur für ihre Schwester interessiert, genauso wie ihre große Liebe. Bonny, äh, nein, damals hieß sie Abendflug, hat nämlich beobachtet, wie sie beiden sich getroffen haben."

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    "Was ist dann passiert?", fragte ich nach.
    "In einer Schlacht gegen den FlussClan opferte sie sich schließlich für ihre große Liebe und verriet somit ihren Clan, da sie dabei zwei Älteste und einen jungen Krieger tötete. Es war...spektakulär. Augrund dieses einen Momentes am Sonnenuntergang wird man sie für immer als die größte Kriegerin aller Zeiten anerkennen. Sie starb, doch der SternenClan sandte sie zurück, um sie ihre Prophezeiung zu Ende führen zu lassen. Es war damals ihre Bestimmung, den DonnerClan zu retten, indem sie ihre Schwester, die Katze, die ihr das Einzige genommen hatte, was sie wirklich jemals wollte, ermordete. Doch sie konnte nicht. Sie versuchte es nicht einmal, denn sie wusste, dass sie nicht als unsterbliches Monster weiterleben konnte."
    Knöpfchen schloss einen Augenblick die Augen, wie um in Erinnerung noch einmal jene Tage durchzugehen. "Der SternenClan.", miaute er. "Stellte sie vor die Wahl, ihre Aufgabe zu erfüllen oder endgültig zu sterben und in den Wald der Finsternis geschickt zu werden. Sie wählte den Tod. Sogar die Ältesten begleiteten sie heimlich an den Ort, an dem sie für immer gehen musste, denn sie wussten als Einzige, dass ihr Herz rein war. Abendflug wollte sterben, wirklich, und zwar als Heldin."
    Ein Stich von Angst ließ mein Herz kurz aussetzen. Nie hätte ich gedacht, dass Bonny mir so ähnlich war...oder war es doch nur Abendflug?
    "Es kam nie so weit. Menschen holten sie und töteten vor ihren Augen die drei weisesten Ältesten, die jemals in den Clans gelebt hatten: Amselpech, Glitzerfell und Narbenauge. Es wat in Planung, sie in Versuchslaboren für seltsame Medikamente testen zu lassen. Dort blieb sie dann lange fünf Jahre und bekam zwei Junge: eine rosa Kätzin namens Sparkle und ihr Bruder, ein blau getigerter Kater ohne Hinterbeine, der Theo hieß. Die Menschen dort gaben ihnen Halsbänder und verkauften sie für einen sehr hohen Preis an amerikanische Millionäre."
    Ich stellte mir vor, wie es sich angefühlt hatte, als ich wusste, dass ich alle meine Babys nie wieder sehen würde.
    "Daraufhin wurde sie von anderen abgekauft, die tollwütige Kater mit speziellen Eigenschaften auf sie losließen, um mehr Profit zu machen. Du musst verstehen: Sie war eine Wunderkatze! Junge Kätzchen mit buntem Fell, stell dir das vor, wie reich man damit werden könnte!
    Zehn Zentimeter lange Krallen, Fangzähne wie Tiger, blau-violettes, ein Meter langes Fell, Augen aus Rubinen, mit drei Schweifen und welche mit gelben Schuppen statt Fell waren täglich bei ihr.
    Sie bekam tatsächlich noch zahlreiche weitere Junge, mehr als es je eine Kätzin in den Clans getan hatte. Alle, ausnahmslos alle wurden ihr weggenommen und verkauft, es sei denn, sie hatten nichts außergewöhnliches an sich, dann gaben sie Abendflug einfach nichts mehr zu essen, bis sie gezwungen war, ihre eigenen Kinder zu verspeisen. Es war ein Skandal. Die Menschen fanden das natürlich lustig.
    Und irgendwann, ja, zwei, drei weitere Jahre später, gefangen in einer kleinen, weißen Box, damit sie sich nicht gegen die Kater wehren konnte, hörte sie schließlich auf, ihre Babys zu lieben. Einfach sterben ließ sie sie, gab keine Milch mehr, tötete, wenn es nicht schnell genug ging.
    Nun waren die Menschen sauer und warfen sie eines Tages den anderen Kätzinnen zum Fraß vor, ihren engsten Freundinnen, die ebenfalls in den Boxen hatten sitzen müssen, zu hilflos, um irgendetwas zu tun. Sie taten es genau wie bei den ungewollten Kätzchen: Am Ende will jeder selbst überleben."
    All der Schmerz, die Angst, das Wissen, das alles morgen noch einmal zu erleben, es lähmte mich. Wie hätte irgendeine Katze das nur ertragen können?
    Knöpfchen nickte. "Der SternenClan war natürlich fassungslos. Wie konnte es sein, dass sie solch ein Unglück nicht hatten verhindern können? Warum hatten sie diese schaurige Zukunft nicht vorhergesehen oder Abendflug, die den Namen Bonny von den Menschen erhalten hatte, beschützt? Es war einfach: Nicht einmal die Magie des SternenClans ist stark genug, dass sie den Menschen standhalten kann. Was sollten sie jetzt tun? Sie zu ihnen lassen, sie, die Mörderin? Sie in den Wald der Finsternis schicken? Was sollte passieren, wenn irgendeine tote Katze erfuhr, dass der SternenClan schwach war? Und so beschlossen sie, Bonny als Teufel im Moor leben zu lassen, allein, ohne je in der Lage zu sein, vom Versagen der Kriegerahnen zu erzählen."
    Auf einmal machte alles Sinn. "Weil der SternenClan sich schuldog gefühlt hat, gab ihr ihr die Fähigkeit, ihre Gestalt zu ändern.", sagte ich. Knöpfchen nickte erneut. "Und nun hat er mich hergeschickt, um seinen Fehler wieder gutzumachen?"
    Knöpfchen seufzte. "So ist es, auch wenn sie nicht verstehen, dass das, was sie getan haben, unverzeihbar ist."
    "Knöpfchen, ich habe noch eine letzte Frage." Der Kater mit den glühenden Augen hob den Kopf. "Woher weißt du das?"
    "Ich war zu diesem Zeitpunkt schon tot. Ich konnte sie als Geist besuchen."
    "?"
    "Mein früherer Name lautet Appledusk."

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    Im Hauptwald der lebenden Schatten war es wie erwartet sehr kalt. Und dunkel, aber das wusstet ihr ja noch nicht. Weil wir uns an der Efeumauer so beobachtet gefühlt hatten, wollte mich Knöpfchen nun zum "Obermacker" führen. Ob das wirklich eine so gute Idee war?
    "Bist du schon lange im Wald der Finsternis?", wollte ich irgendwann wissen. "Wieso lebst du eigentlich im Grenzwald und nicht hier?" "Der Grenzwald ist für diejenigen gedacht, bei denen sich der SternenClan nicht einig war, wohin sie sollten. Himmel oder Hölle? Wenn unklar, dann Grenzwald. Wie alle anderen Grenzner bin ich gegen die Gase immun, sie sollen uns vor den Lebenden schützen, damit sie uns nicht belästigen oder ärgern können. Das ist so etwas wie unser kleiner Trostpreis.", erklärte er mir. Irgendwie wünschte ich, dass er es in den Himmel geschafft hätte, trotz seiner fatalen Fehler. "Ich hätte dich zum SternenClan gelassen.", erwiderte ich also. Knöpfchen lächelte ein bisschen. An den schwachen Zuckungen konnte ich erkennen, dass er das schon sehr lange nicht mehr gemacht hatte.
    "Das ist echt nett von dir. Blaustern, Tüpfelblatt, Riesenstern und Rindengesicht sind auch dafür, aber sie haben sich nie durchgesetzt."
    Eine dunkle Krähe mit Kohlenaugen und Schwefel an den Schwanzfedern flatterte neben mir aus dem Gebüsch, sodass ich leicht zusammenzuckte.
    Ich suchte nach Knöpfchens Blick und ging erst dann weiter, als Blickkontakt schlussendlich hergestellt war. Seine lila Augen waren voller Schmerz und Reue.
    "Sie haben dich auch zum Gestaltwandler gemacht. War das auch ihre Art, sich zu entschuldigen?" Er nickte. "Ja, das war Tüpfelblatt. Ich bin dankbar dafür."
    Seine Stimmung änderte sich in eine nachdenklichere Richtung, das erkannte ich an seinem zuckenden Schweif. "Hmmm...du bist etwas besonderes, Wildherz. Es ist sehr lange her, dass ich wieder so freundlich war...und überhaupt es auch so meinte. Du machst die Katzen in deinem Umfeld besser und gerade das brauchen wir, wo die Menschen immer mehr zerstören und auseinanderreißen."
    "Wirklich?" Ein Gefühl der Wärme breitete sich in meinem Bauch aus, bis auch der letzte Rest Kälte verschwunden war.

    Wenn mir schon Glück verwehrt war, dann war es nämlich das, das ich anderen geben wollte.
    Auf einmal hatte ich großes Mileid mit Knöpfchen, denn er hatte dieses Leben nach dem Tod genauso wenig wie Bonny verdient. "Ich verspreche dir, dass ich dich in den Himmel hole.", sagte ich feierlich. "Du solltest nichts versprechen, was du nicht halten wirst.", entgegnete Knöpfchen trocken, während er sich unter einen Ast hinwegduckte. Sein Geweih verhing sich dabei fast im Holz, sodass er es schrumpfen ließ, bis nur noch zwei lilablassblaue Stümmel auf seiner Stirn saßen. Irgendwo mochte ich ihn in dieser Form am liebsten.
    "Du lebst.", schnurrte es über mir. "Nein.", flüsterte ich, aber weniger aus dem Grund, dass ich diese Aussage verneinte, als dass ich sie einfach nicht wahr haben wollte. Sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so über eine Kätzin dachte, die gezwungen worden war, ihre Babys zu essen. Falsch. Teufel, nicht Katze.
    Aber sie war nicht alleine. Dunkelstreif hatte sich, so wie es aussah, wieder in den widerlichen Ecken dieses düsteren Waldes verkrochen und nun stand da ein weißer, langhaariger Kater mit bedrohlich funkelnden, kleinen gelben Augen. Wenn er in "meinen" Clans gelebt hatte, dann wohl im RobbenClan, was ich vermutete, da sein Pelz stark nach Fisch und Algen duftete. Seine Schultern hatten eindeutig die Statur eines Schwimmers, alle vier Beine und der Hals- wie Brustbereich strotzten vor Muskeln. Nur ein einziger brauner Fleck neben seinen rechten Auge zierte den unbesiegbaren Körper einer Katze namens....Lolly?

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    In den nächsten vier Monden verbrachte ich sehr viel Zeit, mit meinen neuen Freunden. Und irgendwann wurde es dennoch offensichtlich: Ich erwartete Junge.
    Es würde mein zweiter Wurf sein und ich bekam große Angst, denn wie sollte irgendeine Katze in einem Moor, das buchstäblich an der Hölle grenzte, Junge großziehen? Wie sollte ich ihnen beibringen, dass ich mich frewillig mit Dämonen und einem Teufel abgab (die dummerweise auch ihre Mutter war), während sie vermutlich auch noch daran Gefallen finden würden, andere zu foltern und zu jagen?
    Das war es nämlich hauptsächlich, was wir taten.
    Am liebsten suchten Knöpfchen und ich uns ein oder mehrere geeignete Opfer aus, die wir dann entweder durch die Moore oder den Grenzwald hetzten, bis Bonny dazukam. Dunkelstreif hatte ich schon ewig nicht mehr gesehen, dafür waren aber oft Habichtfrost, Ahornschatten, Knochen und Sol dabei, die den Hauptwald meist für ein paar Stunden verlassen durften. Lolly war auch kaum zu sehen, denn der weiße Kater, ein Cousin von Weißpelz, war dafür zuständig, die Zukunft für den Wald der Finsternis vorherzusehen. Dafür besaß er extra einen roten Ball aus Dornenzweigen, in den er seine Ballen graben musste, sodass genug Blut floss, denn nur wenn genug Flüssigkeit da war, konnte sich eine Lache auf dem Boden bilden, wo die Zukunft erschien.
    Manchmal töteten sich Bonny und Ahornschatten, doch oft waren sie zu sehr beschäftigt, andere zu quälen.
    Ahornschatten war natürlich sehr glücklich, mich hier zu sehen.
    "Schaut mal.", hatte sie einmal gesagt. "Ich wusste es von Anfang an, zu wem sie gehört. Hoch leben die Schatten!" "Hoch leben die Schatten!"
    Dass der SternenClan keinen Kontakt mehr zu mir suchte, das war aber das mit Abstand schlimmste. Es machte auch nicht mehr so viel Spaß, Blut zu vergießen wie früher, denn ich hatte bereits all den Zorn losgelassen, der sich in meiner Seele angestaut hatte. Irgendwann, so zwei Wochen vor der Geburt, hörte ich ganz mit dem Verletzen von anderen auf. Was sollte ich tun? Was hatte ich nur getan? Die letzten zwei Wochen vor der Geburt waren die reuevollsten und grausamsten, die ich jemals erlebt hatte.
    Ich erinnerte mich an jedes einzelne meiner Opfer, aber vor allem an das blanke Entsetzen, wenn sie sich unter meinen Pfoten vor Angst und Schmerzen wandten.

    Mein Name ist Mini und ich bin in die Moore geflohen, weil die Jungen von meinem Frauchen immer so grob zu mir sind. Dann haben sie sich auch noch einen Welpen angeschafft, der mir endgültig zu viel war.
    Zum Glück habe ich schnell Jagen und Verstecken gelernt, was wichtig in der Natur ist, wenn du klein bist und so auffällig weißes Fell mit hellbraunen Tupfen wie ich hast. Meine Mutter sagt immer, ich sähe meinem Vater, der angeblich aus dem RobbenClan stammt, sehr ähnlich.
    Seit dem ich als zwei Monde altes Kätzchen von einem großen, dunkelbraun getigerten Kater im Dunkeln erschreckt wurde, fürchte ich mich vor der Nacht und allen Schatten. Abends passe ich immer besonders gut darauf auf, dass niemand mein Versteck findet, weil ich ja noch alleine bin und es alleine sehr gefährlich ist. Mein Plan ist, dass ich den BärenClan finde, denn ich habe auch braune Augen und meine Mutter hat dort früher gelebt, bevor sie alt wurde und man sie nicht mehr versorgen konnte. Frauchen nennt sie immer Cassy, aber in Wirklichkeit heißt sie Tigerflucht.
    Es ist meine letzte Nacht im Moor, dann breche ich in den Süden auf; vielleicht kann mir dort jemand helfen.
    Leider haben sie mich noch im Schlaf getötet.


    Mini, Sandy, Moosfell, Taubenjunges, Tabby, Tom, Marry, Alice, Finkensprung, Dachsherz, Anny, Luca, ....es waren sehr viele.
    Eines Nachts wachte ich auf, von heftigen Krämpfen wachgerüttelt. Bonny schlief ganz eng neben mir und hatte ihren großen Kopf auf meinen Rücken gelegt. In der Dunkelheit schimmerten wir beide leicht lila, fast gar nicht zu erkennen.
    Dann brüllte ich wie am Spieß.

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    Mit bebenden Flanken ließ ich mich in dem Nest nieder, das Bonny in einer der Nebenhöhlen in der Schnelle hergerichtet hatte. Es war aus Dornen und ich schrie noch lauter. Bonny selbstverständlich nicht, das tat sie nämlich nie, sie lachte nur wie so ein dummes Huhn. Allerdings so ein sehr gefährliches, welches Habichte jagte und in Fuchsfell schlief, nicht anders herum.
    In dieser Höhle lebte auch Lynx, eine Streunerin, die in den Mooren ein Versteck, vor einem Kater gesucht hatte, der sie immer verfolgte und in die Enge trieb, sobald sie sich in der nächsten Stadt, also nicht in meiner, entdeckte. Die Moore waren schon sehr weit von meinem alten Leben weg und mit jeder Wehe spürte ich die letzten Taue zu allem, was ich früher war, reißen.
    Es war der Anfang von etwas Neuen, aber was das genau war, das konnte wohl nicht mal der SternenClan wissen.
    Ich fragte Bonny, weshalb sie das täte; vielleicht wollte ich einfach nur "Ich liebe dich" hören, so wie einem verängstigten Kind ein Schlaflied gesungen wurde, wenn es nicht einschlafen konnte. Vielleicht war ich doch ein bisschen verliebt, mein Herz gratis verschenkt an ein Wesen, das offiziell vom Himmel als Teufel bezeichnet wurde. Sie würde für mich trotzdem immer Bonny bleiben, nicht Abendflug, nicht Mörderin, nicht Teufel. Sie war Bonny, nur Bonny.
    Sie sagte, sie müsse bei diesem Lärm nicht schlafen, das würde Lynx schon und verließ die Höhle, um zu ihrer eigenen zurückzulaufen, die kaum zwei Füchse entfernt lag. Draußen trommelte Regen gegen die Steine, versengte alles in seinen strömenden, tödlichen Fluten, so wie damals in der Nacht, die Meerschweinchenschimmer das Leben kostete. Auch da hatte es Junge mit schwerem Erbe gegeben.
    Lynx lag in der Ecke mir gegenüber und betrachtete mich ungerührt. Weil ich zu schwach war, konnte ich das blutige Nest aus Stacheln nicht mehr verlassen, doch die nächsten Krämpfe lenkten mich sowieso durch noch mehr Schmerzen ab.
    Schließlich seufzte Lynx leise und trottete zu mir, um mich auf deutlich weicheres, weniger gefährliches Moos abzulegen. Ich schnaufte erleichtert, endlich wieder richtig atmen zu dürfen.
    Dann fiel mir auf, dass auch Lynx sich sehr steif und mit unkontrollierten Zuckungen bewegte.
    Sie war schwanger.
    "Lynx, danke. Ist alles gut?" Wehen packten mich mit eiseren Krallen, sodass mir kurz schwarz vor Augen und Pfoten wurde.
    Es donnerte draußen, so laut und verherrend, dass die Steinwände aus jahrhunderterlangen Entstehung zu zittern schienen.
    Lynx sagte: "Ich bekomme auch gerade Junge. Es ist mein zehnter Wurf, deshalb bin ich es gewohnt."
    Zehn? So jung sah Lynx, die dunkle Tigerkatze mit den eisblauen Augen doch gar nicht aus. "Wie alt bist du?", fragte ich deshalb sicherheitshalber noch einmal nach. "Vier Jahre.", erwiderte sie. "Immer derselbe Typ, nur hat es mir jetzt langsam gereicht."
    "Denkst du oft an deine Kinder?"
    "Jeden Tag die ganze Zeit. Weißt du, sie sind mein Ein und Alles, aber ich kann sie nicht vor ihrem Vater beschützen und muss mich selbst verstecken. Es nützt ihnen nichts, mich eines Tages tot sehen zu müssen und ich werde es auch nicht zulassen, wenn es sich vermeiden lässt."
    "Du solltest dich auch hinlegen.", erwiderte ich. Mir waren ihre zitternden Beine und das Ausdehnen ihres Bauches aufgefallen, zum Glück lenkte es mich ein bisschen von dieser tragischen Geburt ab.
    Lynx schüttelte sacht den Kopf, um sich nicht mehr zu bewegen als nötig, denn ihr Körper würde noch jede Energiemenge brauchen, um das hier zu überstehen. Sie sah sehr dünn und sehnig aus, doch auf eine gewisse Weise auch richtig schön. Vielleicht waren es diese gewandten Bewegungen, die zu einer Katze gehörten, die das Leben auf der Straße und nicht im Wald führte.
    "Es gibt nicht genug Moos." Tatsächlich war die Höhle ansonsten kahl, was mir sofort ein schlechtes Gewissen machte.

    Lynx schrie, wobei sich ihre Taille beunruhigend dehnte. Gleich war es so weit. Wie von der Wespe gestochen (ich wurde schon sehr, sehr oft) sprang ich auf, kippte um, stand wieder und zog Lynx zu mir wieder ins Moos. Wir beide stöhnten erleichtet, als uns die Wärme und die Pflanze wieder umhüllten.
    Lynx bekam ihr Baby zuerst, deshalb half ich ihr auch, weil sie noch so fertig war. Am liebsten hätte ich ihr etwas zum Beißen, zum Trinken und zum Fressen auch angeboten, aber im Moment konnte ich noch nicht mal ohne Beschwerden atmen. Ich war hilflos, wie ein kleines Kind, und leistete trotzdem welche dem kleinen schwarzen Kater mit dem weisen Bauch gegenüber. Seine Augen waren bernsteinfarben, anders als die seiner Mutter und sie waren gleich nach der Geburt offen, was wohl sehr merkwürdig war.
    Danach war ich die Nächste.
    Ich presste und schrie und schrie. Tränen der Freude, der Stärke einer Frau und Katze zugleich, sammelten sich, um mir die glühenden Wangen hinunterzulaufen.
    Es war eine weiße Kätzin mit einem grünen und einem dunkelblauen Auge. An ihrem Schweif zogen sich leichte silberne Ringe, wie bei einer Schlange.
    Ein brauner Kater mit cremefarbenen Pfoten folgte, bei Lyny gab es noch zwei weitere schwarze Kätzinnen mit ihren Augen, die strahlten wie Sterne.

    Keuchend und ohne irgendeine Kraft, außer der Liebe einer werdenden Mutter, lagen wir Pelz an Pelz. Ich würde dieseTigerin niemals vergessen, denn so etwas schweißte mehr zusamnen, als zu jagen oder nur Patroullie zu gehen.
    Wurzeljunges, der zu Ehren eines weisen Fuchses diesen Namen erhalten hatte, bekam wohl dieselben Augen wie Bonny, aber in diesem Moment störte mich das wenig, denn da war etwas Besonderes. Diese Jungen...sie leuchteten lila.

    Ich wusste, was das bedeutete. Gestaltwandler wurden nicht vom SternenClan gemacht, das hieß...es war alles Erbe! Bonny war schon zu dem Zeitpunkt so gewesen, als sie geboren wurde, hatte deshalb diese außergewöhnlichen Kinder zur Welt gebracht, nicht wegen der Experimente! Noch herrschten die Menschen nicht über die Natur und das hieß ja wohl, dass der SternenClan immer noch die meiste Macht besaß!

    Irgendwo in der Geschichte der Clans musste folgliche eine Linie existieren, die diese Fähigkeit besaß, aber ich hatte keine Ahnung von Abendflugs weiteren Stammbaum. Aber von Ahornschatten, ja sie konnte ich fragen! Das bedeutete ja...es gab INNERHALB DER CLANS GESTALTWANDLER!

    Doch im Moment gab es entscheidend wichtigere Dinge, denn Lynx war nicht gestorben und es galt zusammen mit ihr vier junge Katzen zu versorgen. Die Weiße würde ich Natternjunges nennen, Lynx ihre drei Nox, Chelsey und Carla.

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    Nach dieser Nacht sah ich Lynx nicht wieder, obwohl ich sehr gerne gewusst hätte, was aus ihr und ihren Babys geworden war, denn ich zog wieder zu Bonny.
    Bonny war wirkloch sehr erstaunt, als sie mich am nächsten Morgen wieder mit zwei Jungen in der Höhle stehen sah, wahrscheinlich hatte sie erwartet, dass ich bei der Geburt verbluten würde. Jedes Mal auf's neue eine tolle Erfahrung, wie verweichlicht die "Guten" anscheinend waren.
    Ab jetzt werde ich niemanden mehr töten, schwor ich mir, als ich das Nest in der hinteren Kammer für die Jungen größer machte. Plötzlich stand Bonny hinter mir, ich erkannte sie an ihrem Duft, der an Asche und Rauch erinnerte. "Lass uns bitte alleine.", bat ich sie, doch die Kätzin ging gar nicht darauf ein.
    "Ach, Bloody." Wurzeljunges quieckte empört, als sich ihre blutige Kralle in seinen zarten Bauch bohrte. "Autsch. Was für Weicheier. Kommt nach seiner Mutter. Also, der anderen." Scheppernd lachte sie und wedelte die Kleinen mit dem Schweif weiter nach hinten. "Platz da für mich."
    "Stopp, Bonny!"
    Es war gefährlich ihr zu widersprechen, trotzdem tat ich es für Natternjunges und Wurzeljunges.
    Tödliches Feuer war in den bernsteinfarbenen Augen entfacht.
    "Ach, du traust dich etwa zu widersprechen, Schätzchen?" Ohne dass ich irgendwie Zeit gehabt hätte zu reagieren, scheuerte sie mir eine und drückte mich mit loderndem Blick an die Wand.
    Natternjunges miaute leise, weil sie Angst um ihren Bruder und ihre Mutter hatte.
    Wurzeljunges dagegen saß einfach nur da und starrte uns beide aus großen unschuldigen Augen an, fast als würde er das alles nur im Fernsehen beobachten. Stolz kam mir in den Sinn, als mir klar wurde, dass meine Kinder ein echtes Leben haben würden und nicht diesen Fake, den so viele Teenager und Kinder erleiden mussten.
    "Schau gefälligst MICH an, BLOODY!" Erneut rammte sie mir die Krallen ins Gesicht, dieses Mal wäre es im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gegangen, wenn ich mich nicht noch gerade rechtzeitig geduckt hätte, sodass sie nur meine Wange leicht streifte.
    Hass und bedrohliche Energie strahlten in Wellen von Bonny aus und ich hatte fast schon Angst, dass sie Wurzeljunges und Natternjunges damit infizieren könnte. Jetzt lächelte sie wieder das Lächeln des Teufels, nur diesmal in der Gegenwart meiner eigenen Kinder, nein, UNSERER Kinder. Die Situation begann mich einzuschüchtern und ich musste schnell etwas unternehmen, falls ich verhindern wollte, dass die Kleinen schon am ersten Tag ihres Lebens Blut fließen sehen mussten.
    Bonny flüsterte: "Du hast keine Chance gegen mich. Das weißt du..." Sie kam beunruhigend näher, was ich aber kaum zur Kenntnis nahm, weil mich ihre glühenden Bernsteinaugen weiterhin so in Anspruch nahmen. Doch die Zeit des Schwachseins und des Frustabbauens war vorbei, hätte es nie geben dürfen. Irgendwo in mir wusste ich, dass ich mir diese letzten Monate voller Schwäche nie verzeihen würde. Nun veränderte sich Bonnys Katzenkörper, bis eine ausgewachsene Anakonda mit rot leuchtenden Schlitzen als Augen, die fast noch angsteinflößender waren, vor mir stand, äh, lag. Sie lachte ihr heiseres Lachen, das so oft schon Tod nach sich gezogen hatte. Es war Zeit, dies zu ändern, genauso wie ihre Gestalt.

    "Ob du es willst oder nicht; ob du es dir eingestehst oder eben nicht." Ihr Atem roch nach purer Verzweiflung und ich meinte, all die vergangen Seelen schreien zu hören, denen wir das und noch schlimmeres angetan hatten. Der SternenClan hätte das niemals zulassen dürfen. Erschrockene Denkpause. Denn das galt für sie genauso wie für mich.
    "Du wirst immer irgendwo meine Sklavin bleiben...gib es doch endlich zu, ...das was du tust ist ja lächerlich..."
    Immer öfter schweifte ihr Blick zwischen meinen Jungen und mir hin und her. Das gefiel mir nicht.
    "...und es gibt rein gar nichts, was du dagegen machen kannst, BLOODY!"
    Sie schnellte vor wie der Blitz, sodass ich dummerweise wie zu Stein erstarrte. Ein Fehler, diese Art von Fehler, die du dir nie mehr verzeihen wirst, einfach weil du es von der Zeit nicht mehr schaffst, zumindest dachte ich das damals, als sich ihr beschuppter Schwanz um mein Bein wickelte und mich so zu Boden streckte.
    Kurz schloss ich die Augen, doch als ich sie wieder öffnete, saß dort Wurzeljunges vor mir. "Mama..." Sein erstes Wort, das von Bonny unterbrochen wurde, denn sie lachte brüllend.
    Je mehr ich versuchte, mich zu befreien, desto mehr verhedderte ich mich, je mehr und deutlicher ich alles tat, nur um nicht in Panik zu verfallen, desto mehr gelang mir das glänzende Gegenteil.
    Schließlich war ich gefangen wie ein kleiner Hund, nur dass ich aus dem Welpenschutz wohl doch längst entlassen war.
    Bewegungsunfähig starrten wir uns einen kurzen Moment lang an. Es sagte alles: Das Blut, das zu zweit vergossen wurde, all diese furchterregenden Schreie, die Nacht, in der ich sie das erste Mal traf, ...es war vorbei. Ich musste sie töten oder wenigstens den Teil, der seine Kinder gefressen hatte. Vielleicht versuchte ich es auch nur.
    Bonny wollte zum tödlichen, endgültigen Biss ansetzen, Auge in Auge das rote Reptiel mit der schwarzen Katze. Rot gegen Blau, Blau gegen Rot, doch Wurzeljunge tat etwas mutigeres, als ich es je zustande gebracht hatte. Er war leise, er war ganz ruhig, er zog es durch.
    So fest es seine winzigen Zähnchen es ihm ermöglichten, verbiss er eben diese in die Schuppen, den hinteren Teil der gigantischen Würgeschlange. Bonny lachte nur. Mal wieder.
    Zuerst dachte ich, da war noch ein Teil Fairness, selbst in diesem Moor voller Knochen, und Bonny würde diesen grauenhaften Fehler einer Katze, die noch nicht mal ihre ersten vierundzwanzig Stunden erlebt hatte, übersehen. Dem war nicht so.
    Grausam zischend packte sie den Kleinen am Schweif, niemals wieder würde ich diesen Ausdruck in seinen Augen vergessen, warf ihn mit voller Wucht gegen den Felsen.
    Dieser Anblick des leblosen Körpers löste etwas in mir aus, etwas das tiefer ging, als Fleisch oder Krallen.
    Ich veränderte meine Gestalt. Mir wuchsen große, silberne Pranken, jede mit Messern besetzt, mein Fell wurde heller und besaß nun mehr Zotteln. Ich wuchs und wuchs und wuchs und dann...dann stand ich da. Als Wölfin, die alles tun würde, was nötig war, um ihre Babys zu beschützen.

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    Wie auch zu erwarten war, ließ sich die zischende, nun nicht mehr lächelnde Bonny kaum davon beeindrucken.
    Das, was jetzt von ihr aus ertönte, schien nur eine Mischung aus heiserem Quietschen und Keuchen zu sein, doch immerhin nichts, was sonderlich gefährlich klang.
    Bonny öffnete ihr breites Maul, um die grün triefenden Giftzähne zu präsentieren, die da eingewachsen waren wie die Krallen in meinen Zehen.
    Sie zischte bedrohlich und ich musste mich zusammenreißen, um nicht den Blick abzuwenden, als sie erneut den Kopf mit den roten Schlitzen in die Luft hob. Das Doppelte von meiner WOLFSkörpergröße hatte sie jetzt erreicht, kaum vergleichbar mit der irgendeines anderen frei lebenden Wesens. Außer Loch Ness vielleicht. Wahrscheinlich gab es doch noch Gründe, weshalb die Dinosaurier ausgestorben waren.
    Bonny sagte: "Interessant, interessant. Siehst du, wie viel mehr Macht Kampf als Frieden besitzt. Es wäre dir nie gelungen, deine Fähigkeiten zu nutzen, wäre es nicht zu dieser unglücklochen Begebenheit gekommen."
    Ich schnaubte, wobei ich mich sonderbar laut anhörte, da meine Spürnase ja viel größer war. "Die Macht des Gestaltwandelns ist nur nötig, da es eben Krieg auf dieser Welt gibt. Wozu sollte die Evolution sonst solche Waffen schaffen?"
    "Ich weiß nicht..." Ihr Rubinblock glitt durch die Höhle, fast als wäre sie an diesem Ort noch nie gewesen, zu mir, was mir einen Schauer durch das silberne Fell jagte, über zu Natternjunges und Wurzeljunges.
    Zum Glück war der braune Kater wieder aufgestanden, aber seine Schulter schien seltsam verrenkt und eine seiner Hinterpfoten stand etwas zur Seite ab. Zumindest hatte er keine Schmerzen, so wie er den Kampf mit aufmerksamen Augen und dem Schweif um seine zittrige Schwester gelegt beobachtete.
    Dann schnellte Bonny vor.
    Als Katze hätte ich wohl kaum so schnell reagieren können, doch im Körper eines kampferprobten Bergwolfes sah das gleich ganz anders aus.
    Wendig wie der Steinbock schoss ich zur Seite, ließ die vor Frust schreiende Bonny an mir vorbeisegeln und stieß dann genause heftig mit den wirbelnden Hinterbeinen zu.
    Vielleicht war das bei einer Riesenschlange nicht die beste Verteidgungstaktig, doch besser als nichts war es allemal, denn meine Feindin flog zum dritten Mal durch die Luft und prallte mit einem hörbaren "Ufff!" an der Steinwand auf.
    Wurzeljunges miaute ziemlich undeutlich: "Geh, Schlange! Lass uns!"
    Erbost richtete sich Bonny wieder auf, ihr Schwanz rasselte vor Wut und dem überwältigen Wunsch, dem kleinen Kater jedes Stück Leben vor den Augen seiner eigenen zweiten Mutter herauszupressen.
    Ich wusste genau in dem Moment, was sie vorhatte.

    "Vergiss es." In einem Gewirr aus Krallen und Schuppen gingen wir zu Boden, die eine nicht mehr von der anderen zu unterscheiden.
    Ich musste sehr aufpassen, weil Bonny immer wieder bemüht versuchte, ihren Schlangenkörper um meinen Hals oder Bauch zu wickeln, doch ich landete bei Weitem mehr Treffer.
    Auf einmal wich sie zurück und die Steine knirschten, als ich ebenfalls überrascht zurücksprang. "Was hast du vor?", knurrte ich ihr ziemlich unbeherrscht entgegen. Zum Glück schien Bonny keines Wegs beleidigt, sonder ließ nur kurz ihre schmale, gespaltene Zunge hervorschnellen. "Nichts..."
    Natternjunges wimmerte, doch davon ließ sich die Schlange nicht beeindrucken, sondern kroch beunruhigend schnell auf die zwei kleinen Katzen zu. "Nein." Mit einem Satz, für den ich als Katze fünf hätte springen müssen, landete ich auf dem gigantischen, sich windenden Wurm und grub meine messergleichen Zähne in die grün-braunen Schuppen, bis das Blut spritzte.

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    Bonny kreischte und veränderte sich wieder zurück, so sehr hatte ihr mein Angriff zugesetzt. "Du...ich gebe dir einen Tag, diese Höhle zu verlassen. Ich werde wiederkommen. Sollte ich dich irgendwann jemals in meinem Moor noch antreffen, es wird dein letzter Tag gewesen sein. Versprochen.", knurrte sie, blanker Zorn und auch Angst ins Gesicht geschrieben. Wenn man näher hinsah, erkannte man den gewaltigen Riss zwischen Schulter und Hals, den meine Zähne hinterlassen hatten. Der einzige Grund, der Bonny dazu bewegte, sich zurückzuziehen trotz ihrer Würde und ihres Revieranspruches, war der, dass sie sonst endgültig sterben musste.
    Und wie verschwand im Höhlenausgang, wo ich noch sehr lange, nachdem sie längst gegangen war, ihre glügenden Augen und den leicht hin und her schwingenden Schweif sah. "Wurzeljunges." Der Kater hob bei seinem Namen mit gerecktem Kinn den Kopf. "Ich danke dir dafür, dass du mir das Leben gerettet hast. Es gibt die alte Legende, das Jungen, die gleich nach ihrer Geburt die Augen auf haben, zu Grosem bestimmt sind." Ich wusste ja selbst nicht, woher diese Information kam. "Das war mir schon vorher klar. Wir müssen aber verschwinden, wenn wir kein Risiko eingehen wollen. Natternjunges, Wurzeljunges, könnte ihr euch in etwas Kleineres verwandeln?"
    Es kam mir ziemlich verrückt vor, mit Neugeborenen so ernst zu reden, doch die Zeiten änderten sich nun einmal. Die beiden nickten gleichzeitig, dann waren da nur noch zwei silberne Armreife, die mir perfekt an die rechte Vorderpfote passten. Sie waren intelligent und das war gut so, denn sie würden jeden Vorteil brauchen, den sie kriegen konnten, wenn sie ihre Feinde, die ja eigentlich meine eigenen waren, überstehen sollten.

    Ich rannte nach draußen, immer weiter weg von der Höhle, bis mich meine Beine nicht mehr trugen und ich verdreckt und bis auf die Knochen durchnässt, in den Matsch fiel. Eiskalter Regen saugte sich in mein Fell, doch ich war einfach nur froh, Abstand zwischen mich und den Teufel gebracht zu haben. Wohin nur?
    Als Wolf besaß man zwar um einiges mehr Ausdauer als gewöhnliche Katze, aber was sollte mir das bringen, wenn ich kein gutes Versteck wusste? Jede normale denkende Person wäre wohl zu den Clans - und zwar denen, die nicht aus verrotetem Fleisch und Geistern bestehen - zurückgekehrt. Für mich stand diese Option nicht mehr zur Auswahl. Der SternenClan hatte mich zum Wald der Finsternis geschickt, weil ich hier eine Mission zu erfüllen hatte, die das Schicksal der Fantasie beeinflusste. Es stand gar nicht zur Debatte, vor dieser wichtigen Aufgabe davonzurennen.
    Doch sollte ich für diese Angelegenheit wirklich das Leben meiner Kinder auf's Spiel setzen?
    Ich spürte wie die Kraft der Erschöpfung Platz machte und dass ich nicht mehr lange Zeit haben würde, bis mein Körper zu schwach war, um diese Barriere aufrechtzuerhalten. Es war an der Zeit, den Hauptwald der lebenden Schatten aufzusuchen, egal was uns das kostete.
    Denn wenn die Geschichten diesen Krieg gegen wen auch immer verloren, dann würden diejenigen, die nur durch Einsetzen von Magie Teil davon geworden waren, genauso dafür bezahlen wie die originalen Wesen.
    Es war jetzt ungefähr Mittag und ich hatte irgendwo noch die leise Hoffnung, dass mittags in der Hölle nicht allzu viel los war. Worauf warteten wir überhaupt noch? Ich seufzte. Los ging's.

    Den Grenzwald zu überqueren lief zwar deutlicher problemlos als das letzte Mal, aber mit zwei lebenden Armreifen war auch das nicht ganz beruhigend. Zum Glück verdeckte sie mein Wolfsfell ein wenig.
    Ich begegnete weder Knöpfchen, noch Dunkelstreif, Bonny oder Lolly, was seltsam war, weil sie sonst auch immer hier auf Jagd nach Lebenden gingen.
    Schon bald entdeckte ich die Mauer mit Efeu und seufzte vor Erleichterung. Immerhin war der erste Teil meiner Bestimmung erfüllt. Doch was erwartete mich im echten Wald der Finsternis, dem Ort der Verdammnis, wo nur die schlimmsten und gefährlichsten aller Katze Zutritt bekamen? Es war so etwas wie der Oskar der Bösen.
    Ob es so einmal im Jahr eine Preisverleihung gab mit den Kategorien "Gefürchtetster Killer", "meiste Narben", "blutigstes Fell" oder "bester Voldemort-Anhänger"?
    Erst als ich die Mauer erreicht hatte, wagte ich es wieder meine normale Gestalt anzunehmen. Meine Muskeln und mein Kopf schmerzten ein wenig, aber das war am Anfang wahrscheinlich nichts außergewöhnliches bei Tieren mit dieser Gabe.
    Die beiden Armreifen passten sich automatisch an, sodass sie mir nicht von meinen winzigen Pfoten gleiten konnten und ich ließ den Blick zwischen den toten, in Nebel getauchten Bäumen hin und herschweiften. Mein Leben bei den Clans war noch nie weiter entfernt als in diesem Augenblick.
    Waren da Schatten? Ich knurrte, genervt von meiner eigenen Dummheit. Schon damals in der Schule der Menschen war ich recht mittelmäßig gewesen, doch das hatte sich durch das Clan-Leben auch nicht viel geändert. Der Hauptwald der lebenden Schatten, ob es da wohl Schattengestalten gab?
    Plötzlich erschienen dunkle Umrisse, die Silhuette einer vertrauten Gestalt, die geradewegs durch den Nebel auf mich zukam. Und vor allem auf meine Jungen.
    "Halt!", rief ich so autoritär ich es konnte, doch ohne Erfolg.
    Dann tauchte Knöpfchen auf, die Augen ganz rund und dunkel. Es hatte den Körper eines braunen Tigerkaters angenommen und sein Schweif war blutig und zerfetzt. War das ein Knochen an seiner Flanke?
    "Wildherz, ich habe dich lange nicht mehr gesehen."
    Knöpfchen sprang zu mir auf die Mauer und betrachtete mich prüfend aus seinen kleinen schwarzen Löchern. "Es ist gefährlich für dich, hierzusein. Geh wieder."
    Nichts lieber hätte ich getan, das schwörte ich bei den Augen von Wurzeljunges.
    "Das funktioniert nicht. Ich habe eine Mission zu erfüllen.", sagte ich. Es klang irgendwie nicht echt, aber das war mir gerade auch egal. Knöpfchens Blick schweifte zum Grenzwald, wo sich gerade ein paar struppige Streuner einen blutrünstigen Kampf lieferten.
    "Versteckst du dich vor Bonny? Warst'e nicht mal schwanger?"
    Ich miaute: "Ja und ja. Ich werde dir aber nicht verraten, wo meine Junge sind, das werde ich niemandem. Weist du vielleicht, was ich überhaupt hier soll?"
    Er lachte schallend, wobei seine Ohren ein bisschen zuckten. "Ganz ehrlich, ich wusste noch nicht einmal, dass du noch kommen wirst. Nornalerweise sind Bonnys Sklaven bis dahin tot. Hat mich sowieso schon gewundert, dass die dich so lange am Leben lässt."
    Ich knurrte. "Ich wette, wenn sie mich findet, wird sie ihre Babys zurückfordern."
    Sein Blick wurde ernst wie der eines Vaters, den ich doch so dringend gebraucht hätte. "Dann müssen wir dich vom Grenzwald wegbringen. Folge mir und sei blos unauffällig."
    Seufzend nahm ich noch meine letzte Kraft zusammen (seufzend von der körperlichen Anstrengung, denn Knöpfchen selbst wat ich unendlich dankbar) und sprang dem braunen Kater hinterher.

    "Die Toten riechen Angst, du musst also cool bleiben, egal, was passiert. Denk daran, wir sind Gestaltwandler, haben also gute Chancen, falls es zum Kampf kommt.", erklärze er mir, während wir uns unter gefallenen Baumstämmen und Dornensträuchern hinwegduckten. "Das geht klar.", meinte ich nur. "Aber Bonny wird mich finden, wenn ich hier bleibe. Also muss ich unbedingt wissen, was ich tun soll!" Knöpfchen warf mir einen mitleidigen Blick zu und rannte währenddessen gegen eine tote Tanne. Hier war wirklich so überhaupt kein Leben, voll uncool hier.
    Wider Willen musste ich grinsen.

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    Knöpfchens zaghaftes Lächeln verschwand. Das war sehr schade, weil er es eben so selten zeigte und es den Wald ein bisschen heller zu nachen schien. Man fühlte sich nicht ....so verloren. Wäre ich nicht so in Gedanken gewesen, ich hätte eventuell auch den Grund für seinen Schock mitbekommen. "Guten Tah, ihr Süßen.", fauchte uns eine vertraute, gefürchtete Stimme entgegen.
    Bonnys bernsteinfarbene Augen glühten uns aus einem Busch entgegen, und zum Glück waren die Zweige so tiefhängend, dass ihr restlicher buschiger Körper nicht zu sehen war.
    Unauffällig und mit wachsamen Blick schob sich Knöpfchen zwischen uns, wobei sowohl ihr als auch mir auffiel, dass seine Pranken wuchsen und die Krallen sich spitzten.
    Würde Knöpfchen mich verraten, sobald Bonny ihn aufforderte, zu verschwinden oder ihr sogar zu helfen?
    Weil ich aber doch meinen Jungen eine gute Mutter sein musste, fragte ich: "Vor fünf Stunden habe ich deine Höhle verlassen, Bonny. Ich schulde dir nichts mehr." Sie lachte ein sehr heiseres und tiefes Lachen, das ich so nicht von ihr kannte.
    "Du dumme, dumme Bloody...glaubst du wirklich, ich lasse zu, dass du meine Junge stiehlst?" Bei diesen Worten loderte eine kleine Stichflamme entlang ihrer im Dunkeln verborgenen Wirbelsäule auf.
    Knöpfchen und ich wollte gleichzeitig etwas erwidern, irgendetwas versuchen, um diesem Blutbad zu entgehen, doch die Katze schnitt uns das Wort ab. "Schon so lange war ich einsam. Weist du denn überhaupt, wie sich so etwas anfühlen kann?" Ja, nichts wusste ich besser. "Sie haben mich meine KINDER fressen lassen. Mein FLEISCH UND BLUT. WIE FÜHLT SICH DAS AN?" Meine Stimme versagte, sodass nur noch ein klägliches Quiecken nach außen drang. "So etwas ist nicht in Worte zu fassen."
    Bonny nickte langsam, das sahen wir beide an ihren hüpfenden Augen. "Ich darf nicht zulassen, dass das einzige geht, das mich wieder etwas fühlen hat lassen."
    "Du...du hasst uns nicht?" Wie in Zeitlupe ließ ich die Szenen heute Morgen an meinem Herzen vorbeiziehen und suchte nach Liebe. Diese Kätzi hatte Monate alleine in einer stickigen Höhle verbracht, bis ihr eines ihrer Opfer anfing, etwas zu bedeuten.
    Sie hasste weder Natternjunges, Wurzeljunges noch mich. Es war nur ihre Art, ihre Junge großzuziehen. Auch wenn ich ihr damit das Herz ein drittes Mal brach, entweder würde sie daran zerbrechen, sobald sie ihnen wirklich etwas tat, oder ich würde dafür sorgen. So viel Blut würde fließen, sollten wir zusammen bleiben. So viel Blut...

    So etwas wie Angst machte sich in ihr breit, denn von ihrem Zittern begannen die vertrockneten Blätter des Busches leise zu rascheln.
    "Du gehst nicht, Wildherz, genauso wenig wie meine Jungen. Du kannst mich nicht aufhalten, Knöpfchen. Ihr gehört mir und das hat ausnahmsweise auch mein Gefühl und nicht mein Kopf gesagt."
    Die Situation lies sich nicht verbessern: Egal, wofür ich mich entschied, das Blut musste fliesen, nur lag es jetzt in meinen Pfoten, die Menge zu bestimmen.
    Auf einmal wusste ich, wie der SternenClan nun Bonny durch mich erlösen wollte. Ein letztes Mal mussten meine Krallen auf diesem unheiligen Boden eine Seele fortschicken.
    Knöpfchen räusperte sich, um Bonnys Aufmerksamkeit und meine auf sich zu lenken.
    "Sei nicht blöd, Bonny. Du liebst niemanden. Das kannst du gar nicht. Und wenn, das Biest in dir wird eines Tages siegen und sie zu einem Haufen Knochen verarbeiten, wie die anderen Verlorenen auch. Wenn du sie in echt liebst, lass sie mich wegbringen. Ich werde dir nicht sagen, wohin sie sind."
    "Nein!" Fauchend sprang sie auf, betrat die Lichtung, so weit man davon reden durfte, und entblößte zahllose Schrammen, Fleischwunden und Aufschürfungen. "Ich will nicht mehr ohne euch...leben. Ihr seid meins. Es hat dir doch Spaß gemacht, nicht, Bloody? Ich gebe dir alles. Du wirst nirgends glücklicher sein. Vergiss es. Komm, wir töten diesen dummen Kater."
    Dummheit tat weh. "Mal ganz davon abgesehen, dass Knöpfchen bereits tot ist.", konterte ich mit zusammengekniffenen Augen. "Ich töte Freunde aus Prinzip nicht. Und ich werde gehen. Du kannst und darfst mich nicht festhalten."
    Ich dachte, sie würde weiterreden oder zumindest endlich angreifen, doch sie erstarrte nur. Ihr Blick war auf die goldenen Armreifen gefallen. Sie flüsterte: "Ich weiß, wo meine Jungen sind." Diesen einen Augenblick der Ablenkung, mehr brauchte Knöüfchen gar nicht und der Terror des Grenzwaldes fiel mit weit aufgerissenen Augen und mit zerschlitzter Kehle zu Boden.

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    Wie es nun weitergehen sollte? Selbst als unser größtes Problem sich vor meinen Augen den endgültigen Abgründen des Todes zuwandte, ich wusste es nicht. Doch eine Sache hatte mir Blaustern gemacht: in einer Welt, in der so viel durch Hass vernichtet wurde, war es töricht, sie durch reine Nächstenliebe retten zu wollen. Dafür benötigte man Instinkte und diese besaß ich besser als jede andere Katze. Farnwolke meine Mutter hatten mir die Fähigkeit, mein Äußeres nach Belieben zu verändern, geschenkt. Mehr Instinkt ging ja wohl nicht.
    Knöpfchen sagte ohne den Blick von seiner toten Komplizin zu wenden: "Lass sie liegen. Am besten ist es, wenn wir dich hier im Wald verstecken, bis du weißt, was zu tun ist." Trotz dieses gewaltigen Opfers, das er mir gerade entgegengebracht hatte, rutschte es mir heraus: "Ich dachte, du hältst dich selbst für böse." Endlich löste er den Blick, doch dieser Ausdruck von verzweifeltem Mut, den er mir zuwarf, war noch viel intensiver. Es hatte sich etwas IN ihm geändert, mehr als ich je in der Lage war, zu tun. "Vielleicht ist noch nicht alles in mir schlecht."

    Er brachte mich zu seinem zweiten Nest, denn das erste befand sich im Grenzwald, sehr weit weg von diesem Ort. Eine einzige Mauer trennte zwischen Hölle und Erde, überlegte ich mir, während wir dort antrafen. Kein Wunder, dass die sterbliche Welt so viel mehr Schlechtes als Gutes bereit hielt.
    "Hier.", miaute Knöpfchen. Seine Schnurrhaare zitterten leicht und es war nicht schwer, herauszufinden, dass der letzte Besucher, der sich hier her gewagt hatte, nun nicht mehr unter uns weilte. Es sei denn, er war "böse", dann hatte er eben für alle Zeiten Pech, mit seinem Mörder Bau an Bau zu wohnen.
    Unauffällig warf ich einen Blick in die Umgebung, ob sich irgendwo ein schreckgeweitetes Augenpaar verbarg oder zumindest sich zu verstecken versuchte.
    Das Nest war sehr klein und wurde durch ein paar vor sich hinmodernde Wurzeln eines toten Baumes geschützt. Eigentlich hätte ich gerne gewusst, was das für ein Baum war, doch der war bereits so kaputt, zerfetzt, ermordet, dass das noch nicht mal ausgebildete Botaniker hätten ermitteln können.
    Auf jeden Fall war er nicht sonderlich groß, wurde aber gut durch die umstegenden anderen Bäume überdeckt, die diesen Zwerg von Pflänzchen bei Weitem überragten.

    "Du willst in den SternenClan, nicht wahr?", fragte ich ihn. "Das ist das doch, weshalb du mir hilfst." Ein bitteres Lachen stieg in seiner Kehle hoch, das er mit einem traurigen Schnauben zu verdrängen versuchte. "Wildherz.", fing er an. "Ich werde nie in den SternenClan kommen und das mit Grund. Es ist auch gar nicht schlimm. Das hier ist meine Natur, genauso wie sie von den Erins erschaffen wurde, warum sollte es mich ärgern? So etwas machen nur Katzen, die in ihrer Rolle nicht sie selbst sind.
    Trotzdem werde ich nicht verblassen und wenn du nur einen Funken Verstand hast, weißt du das. Die Leser werden mich nämlich nicht vergessen. Sie malen mich, machen diese coolen Videos, um sie in ihren kleinen Kasten hochzuladen. Das Internet vergisst nicht. Ich werde nicht verblassen, so lange es irgendwelche Hobbylosen gibt, die ihre Freizeit mit unnötigen Google-Suchergebnissen verbringen. Und ja, traurig, es sind viele.
    Aber ich will hier bleiben mit dem Wissen, dass es ok ist, wie ich bin. Du machst mir keine Vorwürfe. Für dich bin ich, was ich bin, kein Mörder, kein Verbrecher, kein Fremdgeher. Ich bin Knöpfchen. Auch wenn die Erins beschlossen haben, meine dunklen Seiten besonders hervorzuheben, es gibt keine bösen Katzen, die nicht auch gute aufweisen. Das ist der Lauf der Natur. Und solange ich daran denke, dass ich mehr bin als nur ein treuloser FlussClan-Kater, solange ist es in Ordnung. Ich bin ich."
    Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mir wirklich sagen würde, was er dachte. Ehrlich gesagt, ich hatte nicht einmal gedacht, dass er die Wahrheit sagen würde.
    Knöpfchen nickte in Richtung des Baus, blieb unschlüssig stehen. "Ich muss gehen. Auch die Bösen haben Termine." Er lächelte verschmitzt und ich wünschte ihn in Gedanken viel Spaß bei seinem Geisterdate, den er auch sicher haben würde. Dafür sorgte der schon.
    Das Nestmaterial war etwas staubig und trocken, doch meine Muskulatur so erschöpft, dass es mir kein bisschen was ausmachte.
    Auch Wurzeljunges und Natternjunges verwandelten sich beide unversehrt zurück, bis die Krähe auf dem gegenüber liegenden Ast nur noch eine Kätzin mit ihren beiden Jungen erblickte.
    Die Krähe seufzte, so weit es ihr dieser lästige Schnabel möglich machte. Habichtrose hatte mich nicht vergessen. Wenn sie noch Zeit gehabt hätte, sie hätte mir von ihrer Gabe als Vogel durch die Welten der Toten zu wandeln, erzählt.

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    Es war mitten in der Nacht, als ich mit knurrendem Magen wieder aufwachte. Na toll. Erstens: Hier in der ganzen Dunkelheit war es schwer zu unterscheiden, wann Tag und Nacht war. Zweitens: Ich hatte vergessen, etwas zu essen, genauso wie meine Jungen. Dankbar registrierte ich die Taube, die ein ganz Freundlicher mir wohl vor den Bau gelegt hatte. Wurzeljunges gähnte und streckte sich, sah mich dann mit vollmondgroßen Augen an. "Mama.'
    "Mein Schätzchen." Schnurrend rieb ich mein Kinn an seinem Köpfchen. "Es ist sehr spät. Schlaf lieber wieder."
    Auch Natternjunges wirkte gestresst. "Wir haben aber Angst." "Wollt ihr etwas trinken? Habt ihr Hunger? Sicher könnt ihr dann besser einschlafen."
    In Gedanken verschob ich das Taubenessen auf später, denn die Kinder hatten Priorität. "Na, kommt her, ihr."
    Für so kleine Zwerge waren die schon erstaunlich stark und mit guten Zähnen bewaffnet. Es war trotzdem sehr schön, ihre Körper so nahe an meinem zu spüren. Vielleicht würden sie nicht immer in Sicherheit oeben, doch für den Moment war es so, unbestritten, und ich wollte diesen Frieden so gut es ging genießen.
    Erst als die beiden satt genug waren, nahm ich mir den Vogel, aß ihn langsam und genussvoll. Ich hatte noch nie Taube gegessen. Es schmeckte sehr lecker und zart.
    Kurz überlegte ich, den Kleinen auch etwas abzugeben, aber ich wollte ihre empfindlichen Mägen noch nicht überfordern.
    "Mama.", murmelte Wurzeljunges müde und mit schläfrigem Blick. "Du passt auf, ja? Sonst kann ich nicht schlafen." "Ich auch nicht!", stimmte ihm seine Schwester zu.

    "Eher sterbe ich, als euch hier irgendwem freiwillig zu überlassen." "Und wenn du gezwungen wirst?", miaute Natternjunges mit angstverzerrtem Blick. "Dann ist die Katze, die das versucht hat, tot." Seufzend schmiegte sich meine jüngste schneeweiße Tochter an mich. Ihr leicht getigerter Schweif zitterte ein wenig dabei.

    Obwohl ich dachte, dass wir nun endlich unsere verdiente Ruhe hatten, wachte ich noch ein zweites Mal in dieser Nacht auf. Uuerst dachte ich, Natternjunges oder Wurzeljunges mit seinen hübschen bernsteinfarbenen Augen hätte mich geweckt, doch die beiden schliefen friedlich und mit entspannten Gesichtern. Wer traute es sich, nachts eine gerade gewordene Mutter zu wecken, wenn die Gefahr, ihre Junge ebenfalls wach zu kriegen und deshalb ein paar Krallenhiebe zu riskieren, auch noch bestand? Na gut, ich wusste selbst wie dumm sich das anhörte.
    Was traute ICH mich, überhaupt hier zu sein?
    Überrascht stellte ich fest, dass es wohl diese weiße Mais gewesen war, die mich mir zu Pfoten sitzend mit strahlend blauen Augen anstarrte.
    "Nova!", flüsterte ich. Ein Stück meines alten Lebens war heute Nacht zurückgekehrt und die Erinnerung an all das, was ich verloren hatte, überwältigte mein taubes Herz. Ich vermisste mein Leben so sehr, es war alles, was mir jemals etwas bedeutet hatte.
    Mein Blick fiel auf die beiden Kleinen. Ich fragte mich, ob es nun an der Zeit war, diese Hölle hinter mir zu lassen und ein neues Leben zu beginnen.
    "Nova.", sagte ich erneut. Ihre winzige Gestalt erinnerte mich an Vertrautheit und Wärme. "Enzianpfote. Soll ich gehen?" Doch sie antwortete nicht, piepste nur ganz leise und verschwand dann im Moos. "Nein. Nein, bitte!" Trotz meiner aufkommenden Panik, war die kleine Maus schnell in dem Gewirr aus toten Fasern und Fliegen verschwunden. SternenClan, was das eklig.
    Ich warf einen letzten Blick auf die Jungen. Hier würde ihnen nichts passieren, oder? Sicher kam bald Knöpfchen zurück und wenn et nicht noch toter sein wollte, würde er sie mit seinem Leben verteidigen.
    Vielleicht war es falsch, jemanden in die Hände eines Mörders zu geben.
    Vielleicht war es gemein, jemanden, der gerade nicht einmal anwesend war, für meine Babys verantwortlich zu machen.
    Aber vielleicht hatte ich auch nur Hoffnung, endlich wieder ein richtiges Zuhause zu finden.
    Home is where your heart is. In hell.

    Irgendwie war mir selbst nicht so richtig klar, was ich da tat, denn, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich meine eigenen zwei Kinder, die zufällig von ihrer Psycho-Zweitmutter gejagt wurden, nicht nachts alleine im wahrsten Sinne des Wortes in der Hölle alleine gelassen. Nun ja. Was soll ich sagen? Es war spät, mein Gehirn müde, mein Körper bis an das ultimative Ende erschöpft und Nova, ein letztes Tau zu Glück und Hoffnung hatte ein beeindruckendes Tempo drauf.
    Wie so ein kleiner weißer Blitz schlüpfte sie durch Moos, Wurzeln, morsche Baumstämme, Felsbrocken, Kieselsteine in der Größe von Fuchspranken und verdorrte Farne himdurch. Ich glaube, sie floh, nur wusste ich nicht, vor was. Vor sich selbst? Vor mir?

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    Und dann...sie war einfach weg. "Nova!" Es war wirklich dumm, im Wald der Finsternis so auf sich aufmerksam zu machen, aber mein Gehirn funktionierte noch nicht. "Hier! Ich bin hier!", rief ich noch hinterher, um sie zu mir zurückzulocken, doch sie kam nicht. Nova war weg, mitsamt aller Hoffnung, jemals wieder etwas Schönes zu erleben.
    Bis ich eine Bewegung im Schatten bemerkte. Ich war bis in die tiefste Seele der Hölle gelangt, dort, wo nur Massenmörder und die schlimmsten Verurteilten ihre Kreise zogen. War das das Klimpern einer Eisenkette?
    Angestrengt versuchte ich, mehr in der Finsternis zu erkennen, doch die fremde Katze musste den Kopf abgewandt haben, da ich ihre Augen nicht sah. Vielleicht hatte sie auch gar keine mehr, wer wusste das schon?
    "Hi." SternenClan, wie dumm war ich. Die Bewegung, das Klimpern, die Katze erstarrte sofort. Am besten wäre ich jetzt zurück zu meinen Jungen gelaufen und weit, weit weggerannt, aber diese Zeit war schon längst vorbei.
    In diesem Teil des Hauptwaldes der lebenden Schatten schien alles so seltsam dunkelrot zu leuchten. War das das Blut, das diese Bestien ihren Opfern entnommen hatten, war es hier, um sie für immer daran zu erinnern, wer sie waren?
    "Ich tue dir nichts." Jetzt lachte die Gestalt sehr rau und ich hörte, wie sie sich gelassen hinlegte. Die Kette klimperte dabei nur ein bisschen. "Ich würde mir an deiner Stelle eher Gedanken darüber machen, was ICH dir antun könnte.", miaute er, eindeutig ein Kater. Braunstern? Habichtfrost? Dunkelstreif?...Tigerstern?
    Und weil es gerade so lustig war, antwortete ich: "Ich habe keine Angst vor dir."
    "So, so? Da wärst du aber die Erste. Ich rieche Milch. Schätzchen, nicht gerade ein schöner Ort, seine Jungen großzuziehen."
    "Zeig dich. Ich will sehen, wer du bist, bevor ich mit dir über meine Kinder spreche."
    Doch die dunkle Gestalt dachte gar nicht daran, stattdessen sah ich nur ein kurzes Aufblitzen von Zähnen. Ob er sie bleckte oder war das ein bösartiges Grinsen?
    Wenn ich schon nichts zu verlieren hatte, dann wollte ich nicht die letzten Tage meines Lebens eingesperrt in einem Bau verbringen. Wurzeljunges und Natternjunges ging es gut, es sprach nichts dagegen, also streckte ich mich und legte auch mich hier hin.
    Der Kater war überrascht. "Du bleibst also. Was ist mit deinen Kindern?" "Du bist angekettet, vermutlich werden sie folglich nicht gerade gegessen." "Kätzchen, Kätzchen, Kätzchen." Klang er jetzt etwas angespannter als vorher? "Geh lieber zu ihnen zurück, denn wenn sie sterben und wissen, dass ihre eigene Mutter die Schuld trägt, wird ihnen das das Herz brechen."
    Ich verdrehte genervt die Augen. Meine Kleinen waren gut versteckt und irgendwas sagte mir, man passte auf sie auf.
    "Für gewöhnlich lasse ich mir keine Tipps von Mördern geben."
    Er lachte wieder, dieses Mal konnte ich die Ketten wieder rascheln hören. Was tat ich hier überhaupt? Weshalb hatte mich Nova an diesen Ort gebracht? Auf einmal machte ich mir schreckliche Sorgen um meine Junge, denn was war, wenn er recht hatte? Ich musste schnell los und nach ihnen sehen.
    "Wohin gehst du?", fragte mich die Silhuette, als ich aufsprang und losrennen wollte.
    Kurz überlegte ich, ihn anzulügen, damit er nicht auf die Idee kam, mir zu folgen, aber irgendwie fand ich es respektlos, so etwas mit einem angeketteten Verbrecher abzuziehen, der sowieso nirgendwo hin konnte und in den Abgründen der Hölle festsaß. Er war immer noch eine lebende Katze. Na gut, nicht wirklich. Trotzdem wollte ich einfach nicht.
    "Du hast recht, ich sollte meine Junge nicht so lange alleine lassen"
    Ein bisschen tat es weh, ihn hier zurückzulassen, da er eigentlich echt freundlich war, weder blutrünstig noch durchgedreht. Er wirkte gefasst.
    "Warte!" Ich drehte mich noch einmal um, diesmal hörte ich Krallen, die sich unruhig in die Erde gruben, spürze seinen Atem, der sich in der Furcht beschleunigte. "Geh noch nicht. Ich will weiter mit dir reden. Sonst bin ich so einsam."
    "Kannst du mich überhaupt sehen?", fragte ich.
    Er antwortete: "Das ist nicht lustig. Nein. Meine Augen sind zugebunden, damit ich niemals wieder jemanden töten kann und weil ich ein paar Feinde hier habe." "Du siehst mich also nicht? Ich dich auch nicht, weil du im Schatten bist. Kannst du nicht besser ins Licht kommen?" Er seufzte. Ein Ruck, dann fiel er zu Boden. "Es geht nicht, weil die Kette zu kurz ist. Ich bin an diesen Baum gefesselt."
    "Ich wünschte, ich könnte sie abmachen." Seltsamerweise meinte ich das auch absolut ernst. Ich wollte ihm wirklich helfen.
    Ich fragte: "Kommst du eigentlich überhaupt mal ins Licht oder bist du immer im Schatten wegen diesem Scheiß?"
    Der Kater grinste, ich sah wieder kurz seine Zähne, dann streckte er die Pfoten und rückte etwas näher an mich heran. "Ich mag es, wenn du ehrlich bist, das sind nämlich nicht viele. Und ja, manchmal, wenn der Blutmond besonders stark scheint." "Was ist ein Blutmond?" "Im Hauptwald der lebenden Schatten leuchtet der Mond, und ja, hier gibt es keine Sonne, nur Mond, weshalb auch immer, nicht normal, sondern eben wegen diesem roten Nebel in den Baumkronen rot. Wenn jemand etwas besonders Schlimmes oder Gutes getan hat, leuchtet er stärker."
    Ich spürte, wie Natternjunges aufwachte und auch ihre Angst, als sich ihre Mutter nicht mehr an ihrer Seite befand. Gleich würde sie Wurzeljunges wecken.
    "Jetzt muss ich wirklich gehen.", miaute ich, doch der Kater rief mir noch hinterher: "Komm wieder, ja? Auch wenn wir uns nicht sehen, ich rede gerne mit dir!" Lächelnd eilte ich meinen Jungen entgegen.

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    "Mamaaa!" Erst nachdem ich Natternjunges dicht an mich gedrückt und ihr ungefähr tausendmal "Scht, scht!" ins Fell geflüstert hatte, begann sich meine Tochter zu beruhigen. Dabei zuckte ihr dunkelblaues Auge ein wenig, wie wenn ein Elektrozaun unter Strom stand.
    Ihr Bruder dagegen, Wurzeljunges, schien es weniger zu stören, dass ich weg gewesen war, als mein Geruch, so wie er die kleine rosa Nase rümpfte. Eigentlich war das echt süß und ich wollte mich nicht putzen, weil wir drei gerade so schön lagen, doch irgendwann musste ich ja nachfragen. "Was ist denn, mein Lieber?" "Du riechst nach Blut." Erstaunt riss ich die Augen auf, mein Nackenfell prickelte unbehaglich. "Das kann nicht sein." Auch Natternjunges sog jetzt mit geschlossenen Augen meinen Duft ein. "Doch." Vielleicht war es wirklich keine gute Idee gewesen, durch die Hölle mehr oder weniger auf der Suche nach einem Schwerverbrecher zu rennen.
    "Das ist nichts.", beruhigte ich die beiden und hörte zu, wie sich ihre kleinen Herzen wieder beruhigten. Ich wünschte mir so sehr, ich hätte ihnen eine normale Kindheit bieten können, aber das was das einzige, das ich nicht konnte.
    Natternjunges miaute: "Wirst du uns wieder alleine lassen? Bitte, bitte, bitte, geh nicht wieder weg! Ich hatte so Angst."
    "Vermutlich schon, Natternjunges. Bald werdet ihr wieder hungrig sein und dann brauche ich genug Kraft, um euch Milch geben zu können." "Wir könnten auch Fleisch essen!", schlug Wurzeljunges vor. Es tat mir in der Seele weh, wie mein Sohn bereit war, seine Zeit als unschuldiges Junges wegzuwerfen, um seine Schwester besser schützen zu können.
    "Das solltet ihr nicht.", widersprach ich trotzdem.
    "Und du solltest dich nicht von deinen Jungen entfernen.", ertönte eine Stimme neben uns. Wir drehten die Köpfe und sahen Knöpfchen, der in respektvollem Abstand einen großen Hasen zu uns legte. "Entschuldigung, ich hätte kommen sollen, als ihr geschlafen habt."
    Wurzeljunges und Natternjunges begafften die Frischbeute so gierig, dass ich schließlich einwilligte, sie doch ein wenig probieren zu lassen, immerhin hatte ich selbst nicht wirklich Hunger und jede verschwendete Beute war zu viel. "Esst ein bisschen, aber bloß nicht zu viel, ja? Sonst schlaft ihr später nicht mehr gut. Knöpfchen, kann ich kurz alleine mit dir sprechen?" Etwas unwohl schien ihm schon zu sein, doch er nickte mit zuckenden Ohren. "Okay. Geht klar."
    Wir gingen zu ein paar Büschen etwas abseits, wo weder die Jungen lauschen noch andere sich unbemerkt anschleichen konnten. Es war ein schönes Gefühl, wenn man sich zur Ausnahme wieder entspannen durfte, sich nicht zu verstecken oder zu kämpfen hatte. "Bonny wird mir nicht fehlen.", ließ ich ihn also an meinen Gedanken teilhaben. "Na ja. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich nun über sie denken soll, weil ich doch sehr viel Zeit mit ihr verbracht habe, eine Freundin aber war sie nicht. Bisschen ungewohnt gerade alles."
    Ich schüttelte leicht den Kopf, wobei meine Schultern unruhig hin und herwippten. "Es geht nicht einmal darum, Knöpfchen. Gerade eben, als Wurzeljunges und Natternjunges noch geschlafen haben, habe ich...jemand Vertrauten gesehen. Irgendwie bin ich dann etwas weiter weggegangen als beabsichtigt und dann war da dieser eine Kater. Man hat ihn nicht richtig sehen können, weil er im Schatten angekettet war. Sagst du mir etwas über ihn?"
    Knöpfchens Augen verengten sich zu Schlitzen. Zornig peitschte er mit dem Schweif, doch seine zitternden Beine verrieten die Angst. "Geh da nie wieder hin, hörst du?", fauchte er erbost. "Wer immer das auch war, Katzen mit Kette sind generell an mehr als ZEHN Morden schuld! Bleib einfach hier, ja? Pass auf, die nächsten Tage schaue ich, falls jetzt wegen dem Typen irgendwer aufkreuzt, sonst seid ihr alle drei binnen Sekunden tot. Du hast ihn nie getroffen, kapiert? Jede Katze dieses Waldes will dich entweder töten oder versklaven, wenn du das immer noch nicht gecheckt hast, deine Junge wollen vielleicht auch leben. Hab sie jetzt nicht gefragt, nehm mal aber stark an. Wie dumm kann man sein?"
    Er benahm sich, als ob ich die nächste Apokalypse durch diesen Kontakt herbeiführte. In Wirklichkeit interessierte mich das aber gar nicht, denn meine Gedanken flogen durcheinander wie ein aufgescheuchter Schwarm Vögel.
    Der Kater war ein Mörder, jemand der für seine eigene Seele mehr als zehn weitere bezahlt hatte, und wenn ich Pech hatte, dann war unser Todesurteil bereits unterschrieben, trotz Ketten, trotz Blindheit dieses Mörders.
    Was hatte ich nur getan?

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    Warum war die Welt nur so grausam zu mir? Was hatte ich getan, ansehen zu müssen, wie jeder, der mir etwas bedeutete, entglitt - Habi, Fuchsjunges, Flussjunges, Finkenjunges, Seerosenjunges, Sonnenruß, Schimmerjunges, Gewitterjunges, Meerschweinchenschimmer, ...irgendwie auch Bonny. Vielleicht hatte ich sie nie geliebt, doch Abendflug, die Katze, die sich ihrem Schicksal beugte, um ihrer Bestimmung nachzukommen, ihr Leben verschenkte, damit es für die anderen eine Zukunft gab, die hatte es doch verdient, leben zu dürfen, oder nicht? Wer konnte schon sicher sagen, wieviel Abendflug schon Bonny, wieviel Bonny noch Abendflug war. Keine Katze hatte ein solches Schicksal verdient und schuld daran waren nur diejenigen, die andere für ihre eigenen Kosten bezahlen ließen.
    Tatsächlich war Knöpfchen die nächsten Tage fast ununterbrochen in unserer Nähe, was mir schon ziemlich auf den Geist ging. Ich musste diesen Kater einfach wiedersehen, weshalb wusste ich auch nicht, aber was hatte Blaustern mir geraten?

    Manchmal ist ein einziges Gefühl besser als tausend Prophezeiungen.

    Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass ich nie über meine Vergangenheit hinwegkommen würde, denn die Geschichte, meine eigene, hatte Narben hinterlassen. Narben, Schmerzen, als Meerschweinchenschimmer im Sturm verblutete, die Erkenntnis, dass Pilzkralle Selbstmord begangen, mich für immer alleine zurückgelassen hatte, als Laubrache mich zu meinem ersten Wurf gezwungen hatte, das Gefühl, während Laubrache und sein Bruder immer wieder auf moch einhieben. Ich hatte so unendlich viel verloren, mehr als ich überhaupt jemals besitzen würde. Es war zu spät. Niemand auf dieser Welt war in der Lage, diese Narben rückgängig zu machen, doch da war noch dieser eine Gedanke - für die anderen war es nicht zu spät. Ich konnte meine Junge retten, die nicht einmal wussten, wo ihre Mutter war, den LibellenClan, meine erste richtige Heimat, beschützen.
    Und Wurzeljunges und Natternjunges die Mutter sein, die sie verdient hatten.
    Verlust überwältigte mich fast, zog mich zurück zu den Bildern, die ich so oft zu verdrängen versuchte.

    Auch wenn Knöpfchen beinahe rund um die Uhr in meiner Nähe war - meine Einsamkeit glich der Zeit, als ich vier unendliche Monate nach Pilzkralles Suizid durch das TigerClan-Territorium gewandelt war, wie ein Geist fühlte ich mich.
    Es war besser gewesen, bei diesem Kater. Ich schämte mich so sehr dafür, doch ich war tatsächlich bereit, die Sicherheit meines zweiten Wurfes zu riskieren, um ihn wiederzusehen. Wie weit ging man, um wieder glücklich sein zu dürfen? War es von mir falsch, wieder Glück fühlen zu wollen?
    Trotz Knöpfchens Misstrauen, seiner ständigen Angst um meine Kinder wusste ich es längst - es kam niemand. Der Schattenkater hatte mich nicht verraten, sondern ich ihn.
    ICH hatte ihm versprochen, zurückzukehren, zumindest irgendwie. Manche Versprechen benötigten keine ausgesprochenen Worte. Lustig, nicht wahr?

    Es war bereits dunkel, so weit ich es beurteilen konnte, Knöpchen, Natternjunges und Wurzeljunges schliefen dich aneinander gedrängt im Bau. Der braune Kater hatte sich ein flauschiges Fell mit dunklen Knopfaugen verwandelt, faat schon, als wollte er den Verrat einer Mutter an ihre Kinder wieder wettmachen. SternenClan, erlöse mich - nein, warte. Das konnte nur noch der Schattenkater.

    "Du bist wieder da." Ich lächelte zaghaft, fast schon schüchtern. "Ich habe dich vermisst." "Daran ist nichts falsch, solange es deinen Jungen gut geht. Sind sie sicher?" Da war jemand, dem das Leben meiner Babys genauso am Herzen lag wie mir, obwohl er sie noch nie getroffen hatte, einfach weil ich ihre Mutter war.
    Ich legte mich zu ihm, wir beide blind für das Aussehen des anderen. Ehrlich gesagt, selbst wenn ich die Wahl gehabt hätte, ihn mir ansehen zu können, es war mir zu unfair, da er das ja auch nicht durfte.
    Außerdem - war Schönheit nicht bedeutungslos?

    "Wer ist ihr Vater?", fragte er mich und ich konnte seine Aufmerksamkeit spüren, obwohl ich wusste, dass er mich durch die Augenbinde nicht sah. Er wollte wissen, wer ihr Vater war. Ja, was sollte ich sagen? Es gab keinen. "Der Teufel." Er seufzte schwer. "Du meinst sie." "Was hat sie dir getan?" "Blödes Pack. Ich hatte endlich mal zwei Monde meine Ruhe, dann kommt diese Bestie und zerfetzt dir den Rücken, von hinten." Ich schnappte nach Luft. "Aber...das ist unfair! Wie sollst du Bonny denn sehen?"
    Der Kater schniefte, anscheinend war ihm kalt und ich war nicht in der Lage, näher zu kommen, wenn ich mein Leben nicht riskieren wollte.
    Er schniefte erneut.
    "Was machst du da?", flüsterte er. Seine Stimme war rau, garantiert war er es nicht gewohnt, nach so langer Zeit mit anderen zu reden. Ich ließ mich davon nicht beeindrucken.
    "Dir ist kalt und ich weiß, dass du mich nicht töten willst." Also gab ich mir einen Ruck und presste meine Flanke an eine andere, so kalt wie Eis. Am liebsten wäre ich zurückgewichen, doch das war nur im ersten Moment so, denn seine Kälte machte mich wieder lebendig.
    Obwohl ich jetzt so nahe an ihm dran war, konnte ich immer noch nichts erkennen, kein einziges Haar, keine Kralle, kein Schweif.
    Machte ich bereits meinen nächsten Fehler?
    Vermutlich, doch die Kälte war zu schön, um sie loszulassen.
    Und irgendetwas sagte mir, dass wir uns gegenseitig wieder lebendig machten.

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    Auf jeden Fall ging das eine Weile weiter so. Manchmal, wenn es spät in der Nacht und meine Gedanken schwarz waren, da hatte ich schreckliche Gewissensbisse, weil meine Treue doch für meine Jungen bestimmt war und ich sie einem Fremden darbot. Obwohl - das war der Schattenkater längst nicht mehr. Auch wenn er mir seinen Namen nicht verraten wollte (wer wollte sich auch als Biest outen?), erzählte er mir sehr oft von seinem Leben, wie er Jagen gelernt hatte, was ihn am Wald am meisten vermisste. Sachen wie seine Kindheit, die Eltern, seinen Tod und Kennzeichen seiner Geschichte ließ er aus.
    Ich aber war selbst kaum besser. Jede Nacht, die wir uns im Schatten trafen, gab ich ihm mehr von meiner Seele preis, so wie in dieser.

    "Du solltest einfach hier bleiben.", schlug er irgendwann vor, seine Krallen kratzten an der Erde vor Ungeduld. "Warum versteckst du dich? Wenn du mir wirklich vertraust, kann ich deine Familie für dich beschützen." "Famlie.", flüsterte ich. "Was für ein großes Wort, aber ich glaube, dass es das Gefühl für meine Kinder gut beschreibt." Der Kater schnaubte. "Natürlich! Sie sind dein Fleisch und Blut, Kätzchen. Niemand sollte dir wichtiger sein als dein eigenes Fleisch und Blut." "Sprichst von deiner eigenen Vergangenheit?" Sofort erstarrte er, das Eis erhob sich erneut. Wenn er Angst hatte, wurde seine Flanke immer ganz kalt. "Kein Kommentar." Ich miaute: "Du weißt, dass ich früher ein Mensch war, aber ich hatte nie wirklich das Gefühl Familie...obwohl, das stimmt nicht. Nur war es erst da, als es kein Zurück mehr gab."
    "Das tut mir leid.", sagte er und meinte es auch als einziger so. Er war der einzige, der diesen Schmerz verstehen konnte, weshalb wusste ich nicht.
    "Das muss es dir nicht. Schmerzen werden zu Narben und die verheilen mit der Zeit."
    Trotz der Augenbinde spürte ich seinen Blick so intensiv auf meinen Augen, dass ich kurz meinte, seine Beute zu sein.
    "Narben verschwinden nicht, auch wenn sie irgendwann nicht mehr schmerzen.", erinnerte er mich an die grausame Wahrheit. "Sie machen dich zu dem, was du bist, doch nie zu dem, was du warst. Willst du nicht dein altes Leben wieder zurückhaben?"
    Ich hielt den Atem an. "Ist das ein ernst gemeintes Angebot?" Er nickte, trotz der Finsternis wusste ich das.

    Ich hätte ja sagen sollen. Ich tat es nicht.
    Plötzlich schien die Welt für einen Moment heller. "Stell dir vor.", keuchte er, so strahlend, dass ich ihn fast hätte sehen können. "Du könntest noch einmal anfangen, dein Schicksal ändern, UNSER Schicksal! Wenn...wenn du mich davon abhältst ein Mörder zu werden, dann sind wir frei, für immer, und zusammen. Es...es wäre ein Neustart, nur dass wir dann uns beide haben und...und..." "Stopp. Bitte hör auf." Sein vermummter Kopf fuhr zu mir herum und die Begeisterung starb eines langsamen Todes. "Das werde ich nicht tun.", sagte ich. "Niemand sollte über das Schicksal herrschen. Alles, was geschieht, hat einen Sinn. So etwas steht mir nicht zu, und dir auch nicht."
    Sein Schmerz war so überwältigend, dass es MIR den Atem raubte. "Ich dachte...du willst mich befreien...", flüsterte er in die nun entstandene Stille. "Ich...DANN GEH!" Seine Stimme machte der eines Löwen Konkurrenz, so wild und unendlich wütend. "LASS MICH DOCH IM SCHATTEN VERROTEN, DENN ICH BIN JA NICHTS WERT!" Verzweifelt versuchte ich ihn zu beruhigen: "Das stimmt nicht und wenn du mir nicht glaubst, dann sage ich es dir ins Gesicht." Mit den Pfoten nahm ich die Stelle, die hoffentlich sein Gesicht war, und schaute direkt in die Mitte, wo ich seine Augen spürte, die mir bis auf's Herz sahen. Er hatte die Verräterin in mir gesehen.
    "Du bist die wertvollste Person, seitdem ich die Clans verlassen habe. Du bist mein Herz, meine Seele und meine Zukunft." Mit Schrecken stellte ich fest, dass es nichts als die Wahrheit war, die ich ihm hier mitteilte, kein Trost, kein leeres Versprechen, um diese Finsternis in seinem Herzen weiter zu überstehen. "Ich wünsche mir, dass du glücklich bist, aber alles hat seinen Grund...auch wenn wir ihn beide jetzt noch nicht verstehen." Ich spürte seine Angst, seine Trauer, doch trotzdem sprach er es laut aus: "Geh weg."
    Tränen sammelten sich in meinen Augen und ich stand auf. Vielleicht wollte ich nicht, dass er meine Schwäche sah, doch da machte ich mir nur etwas vor - ich wollte nicht, dass er meine neue Verletzung erkannte, die diesmal er war. "Warte.", sagte er dann auf einmal, doch ich wollte einfach nur weg. "Bleib. Ich muss mit dir reden, kein Versteckspielen mehr. Du sagst mir, wer du bist und ich dir, wer ich."
    Aber ich schaffte es einfach nicht, mich wieder umzudrehen.
    "Wenn du kein Mörder wärst, hättest du mich nie getroffen..."
    Vielleicht wollte ich noch mehr sagen, doch etwas unterbrach mich. Jemand.
    Ein schauriges Heulen erschütterte die Lichtung, die Schatten, uns beide, bis auf's Mark. Es stellte sich als Lachen heraus.

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    "Wir sind nicht alleine.", sagte der Kater. Und ich WEIß, ihr habt jetzt alle diese Horrorfilmstimme dabei gehört, als ihr das gelesen habt. Lasst mich euch noch etwas Unheimlicheres erzählen: Er sagte es GELASSEN, als ob es keine Rolle spielen täte, dass jemand unser Leben bedrohte. Okay, er war tot, aber...wusste er überhaupt, dass ich noch lebte? Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich ihm nie so wirklich die Wahrheit gesagt. Eine Katze tigerte auf uns durch langen toten Farn hindurch und ihre Pfoten zerbröselten dabei die trockenen, braunen Pflanzenreste, was sich unheimlicher anhörte als ihr Lachen, das nun verstummt war. Denn so konnten wir nicht sagen, was sie genau vorhatte.

    Es war...Moorkralle. Ihm folgten Hetzschweif (ich wunderte mich, dass ich mich noch an ihren Namen erinnern konnte, denn ihr Überfall auf mich, als Tigerpfote, Enzianpfote und Steinpfote den LibellenClan endgültig zum BärenClan verlassen hatten, war doch eine Weile her) und eine schwarze Kätzin mit unruhigen gelben Augen. Sie hatte komische unregelmäßige Zuckungen am ganzen Körper, was glücklicherweise von ihrer fehlenden Schnauze ablenkte. Wow, ich hatte von hässlichen Schweinsnasen gehört, doch das war dann doch etwas viel...sehr...brutal? Vielleicht war das im Hauptwald der lebenden Schatten gerade in? Komischerweise kam ich mir jetzt so richtig out vor.

    Die kleine Hoffnung, Hetzschweif, die helle Kätzin, die mich damals festgehalten hatte, würde mich nicht wieder erkennen schrumpfte bedenklich, als sie begeistert die Augen aufriss (Was daran schlecht war? Du willst nicht, dass sich eine Schurkin über deinen Anblick freut, vertrau mir. Obwohl, ich bin eine Verräterin an meiner eigenen Familie, also eher nicht). "Wildherz....die erste Geliebte meines Vaters!", schnurrte sie zur Begrüßung. "Schau mal, Moorkralle, das ist die Süße von der ich dir mal erzählt habe. Die von den blauen Fliegen du weißt schon." Es rutschte mir heraus: "LibellenClan." Hetzschweif nickte enthusiastisch. "Bingo! Und..."
    Der Kater unterbrach sie schnell und strafte sich selbst Lügen, wo er doch gerade noch behauptet hatte, mit den Lügen aufhören zu wollen: "Hetzschweif, Moorkralle. Dämmerblatt, lange nicht mehr gesehen." Die schwarze Kätzin schenkte ihm so etwas wie ein schüchternes Lächeln, was ich mit einem unmittelbaren Fauchen guthieß.

    Was immer da zwischen den beiden war, es gefiel mir noch weniger als Moorkralles grinsende Visage, die eine böse Fleischwunde an der Innenseite seiner Wange entblößte. "Hallo, Wildherz..." Auf einmal schnappte der Schattenkater nach Luft, denn ihm war etwas klar geworden, etwas, das die Situation hier mehr änderte, als es irgendwem von uns anderen bewusst war.
    "Du heißt Wildherz.", sagte er. Seine Stimme klang schwer und von Tränen erstickt, es hörte sich nach jemanden an, der einen Fehler gemacht hatte.

    Einen Fehler, wenn ich von dem gewusst hätte, ich hätte die Pfoten in die Hand genommen und wäre niemals wieder an diesen elenden Ort zurückgekehrt. Was, wenn ich es früher erfahren hätte? Ich sollte es nie erfahren, denn Hetzschweif lachte. "Diese Ironie! DIESE IRONIE! Perfect match!" Ihr etwas längeres Fell fiel ihr während dieses Lachflashs in die grauen Sturmaugen. Sie...erinnerten mich an jemanden. Ich schluckte, versuchte es zumindest, doch erstickte dann fast an meiner eigenen Dummheit. Es war ihr Vater. ER war ihr Vater.
    Was eine logische Frage gewesen wäre: Wovon redet sie? Oder: Könnt ihr jetzt endlich verschwinden, damit ich noch ein bisschen Frieden vor meinen abendlochen Depressionen habe? Dieser Kater ist nämlich der einzige, der mir das Gefühl geben kann, glücklich zu sein.
    Ich dagegen fragte: "Kannst du mir von Sonnenruß erzählen?"
    Hetzschweif kicherte so hysterisch, dass sowohl die Gefahr, sie würde einfach ein zweites Mal tot umfallen, als auch die Wahrscheinlichkeit, das eben das gleich auf mich zutreffen konnte, bestand.

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    "Sonnenruß...", flüterte Hetzschweif immer noch halb manisch. Diese Katze war schlimmer als jeder Killer, denn sie strömte in Wellen Unberechenbarkeit aus. Hatte sie schon damals so wie jetzt ausgesehen? "Mein Vater war eigentlich ganz cool.", hörte ich sie seltsam nornal sagen, während ich ihren kleinen, gewundenen Körper mit dem mittellangen schneeweißen Fell und dem Schweif, der eher dem eines Shire Horse glich, näher zur Kenntnis nahm. Schön war sie nicht wirklich, da waren viele grobe Narben, die schon von Weitem auch herausstachen, doch hässloch traf es ebenfalls nicht. Ein bisschen war sie wie so eine Piratin, unnahbar, in ihrer eigenen Welt gefangen und ohne Halt, irgendetwas zu tun, das sie gerade tun wollte.
    "Wer ist das?", mischte sich der Kater ein. Er klang nicht eifersüchtig, auch nicht misstrauisch, er wollte es einfach wissen. Wissen war gefährlich, wenn es in die falschen Pfoten gelangte und in der Schwärze der Hölle konnte man nicht wirklich unterscheiden, welche wo dazugehörten.
    "Mein Dad.", seufzte Hetzschweif träumerisch. "Richtig, richtig cooler Dad. An Mamas Namen kann ich mich nicht mehr erinnern, aber Mama ist sowieso egal. Die war nie stark, auch wenn sie es sein musste. Ich denke, sie ist daran zerbrochen. Oder an mir?" Nachdenkloch wischte sie mit ihrem vom Schlamm und Disteln verschmutzten Schweif über die Erde.
    Am besten ließ ich sie nicht zu lange nachdenken, denn Moorkralle und die andere, ich hatte ihren blöden Namen vergessen, ach, Dämmerblatt, wurden unruhig. Sie wollten endlich angreifen, ihren verdienten Spaß haben, aber ihr Respekt und ihre Furcht vor ihrer Gefährtin hielten sie zurück. Das lag hier alles ganz schön nah bei einander.
    "Du wolltest mir von deinem Vater erzählen.", erinnerte ich sie erneut. Hauptsache ich lenkte sie davon ab, uns zu töten. "Cool. Sehr cool. Sonnenruß war Zweiter Anführer wie seine Mentorin, bevor sie bei der Alten Reise gestorben ist. Niemand wusste genau, wieso. Sehr, sehr harte Zeiten."
    Weshalb erzählte sie mir das? Natürlich hatte ich nach ihm gefragt, natürlich wollte ich wissen, wie es meiner ersten Liebe ergangen ist, ob sie lebte, aber...was hatte sie für Gründe, ehrlich zu mir zu sein?
    "Er hat dich immer vermisst, wirklich, immer. Nachts konnte er nie richtig schlafen, tags war er meist nur ein Schatten seinerselbst. Eigentlich habeb sie ihm nir diesen Posten übergeben, weil er viele Freunde hatte und sich niemand sonst getraut hätte." Ich konnte ihn beinahe vor mir sehen, Sonnenruß, wie er betete, ich möge doch noch in Sicherheit sein, seinem verzweifelten Wunsch, alles würde wieder gut werden.
    "Mama war trotzdem immer sehr nett zu ihm. Sie haben irgendwie zueinander gefunden, nachdem du ihn vertrieben hast, erinnerst du dich?" Ja, ja und es war nicht gut gewesen, aber richtig und entscheidend über unser Schicksal.
    "Geliebt haben sie sich aber nie. Meine zwei anderen Schwestern auch nicht, weil die so viel Aufmerksamkeit gebraucht haben, im Gegensatz zu mir. Ich war nämlich schon immer leicht abzulenken gewesen, ich war durchaus in der Lage, mich selbst zu beschäftigen. Manche durftenbauch sagen, ich war einen Tick naiv."
    Moorkralle fauchte, denn seine Geduld konnte seine Krallen nicht mehr unter Kontrolle halten. Was war, wenn sie angriffen?
    Ich würde bei dem Versuch sterben, den Kater zu schützen, doch gab es keine andere Lösung?
    "Na ja, auf jeden Fall hab ich ihn dann getötet. Ihn, Mama, und meine zwei Schwestern." Ich glaubte, mir blieb die Luft weg. "Wie bitte?" "Die haben mich irgendwie genervt."

    Achso, stimmt ja, warum dann auch nicht? Also, schon verständlich diese Aktion. Nicht creepy oder so. Psychopathisch. Ne, ne...WTF? "Aha...warum sagst du mir das?", fragte ich sie, wobei mir selbst unklar blieb, woher ich diesen Mut/diese Lebensmüdigkeit hernahm. (Hier einen herzlichen Dank an Laubrache, meinen besten Freund. Vielleicht sehen wir uns ja auch bald wieder, fände das echt toll, denn...nun ja...das würde heißen, dass du im Wald der Finsternis gelandet bist.)
    Hetzschweif: "Weil du mir jetzt im Gegenzug auch etwas verraten musst." Was wollte sie von mir, das sie nicht bereits hatte? Dämmerblatt kicherte leise im Hintergrund ohne die Augen von der unsichtbaren Gestalt des Katers zu nehmen. Aber ich wollte ehrlich sein, Dummheit tut weh, Naivität noch mehr, ihr das geben, was sie nicht erhalten hatte. "Frag!", forderte ich sie buchstäblich dazu auf, mein Leben zu zerstören.
    Ihre Augen wurden zu den Schlitzen gleich einer Schlange, ihre Haltung geduckt, neugierig, misstrauisch und aufmerksam auf einmal, ihre Stimme zu reinem Gift: "Wie fühlt es sich an, gemeinsam Zeit mit seinem Mörder zu verbringen?"
    Moorkralle und Dämmerblatt lachten hämisch, ja, die konnten sich gar nicht mehr einkriegen.
    Mein Blick glitt zum Schattenkater, denn ich hatte die Frage nicht verstanden. Was meinte sie damit? Warum fühlte sich mein Herz gerade an, als würde es in tausend Teile brechen und in einen ewigen Abgrund der Einsamkeit und des Verlassenseins gerissen werden? ...Was hatte mir Hetzschweif gerade angetan?
    "Was meint sie damit?", fragte ich ihn, doch er antwortete nicht. Sein ganzer Körper bebte, bebte so heftig, dass es ihm nur schwer möglich war, Luft zu holen. "Das...das..."
    Hetzschweif kicherte noch ein bisschen vor sich hin, bis sie sich wieder einigermaßen abgeregt hatte. "Ach, Kätzchen, das spielt doch sowieso keine Rolle mehr..." Alles schien dunkler zu werden, als ob selbst der rote Nebel sich vor Angst verzogen hätte. Es war nicht gut, wenn das Böse etwas noch Gefährlicherem wich und diese Sache nannte ich Horror. Horror, ja, das beschrieb dieses Gefühl, zu fallen, zu vergessen zu leben, ziemlich gut. Ich betete dafür, dass nie jemand so etwas außer mir wieder fühlen musste.

    Es war kurz still, dann fing Moorkralle, diese bösartige Bestie, wieder zu lachen an. Ich hätte damit gerechnet, dass Hetzschweif etwas schreien würde, etwas, das mir den letzten Funken Hoffnung endgültig zerriss, damit es niemals wieder jemanden in diesem Wald geben würde, der so etwas empfand. Diesen Part übernahm Dämmerblatt für mich. Die ruhige, schüchterne Dämmerblatt brüllte so laut, dass ihre heisere Stimme von allen Seiten zurückgeworfen wurde, wie ein Echo des Grauens: "Grüß den SternenClan von uns, du Engel!"
    Die drei kauerten sich nieder, begeistert angesichts der Tatsache, dass es sich nur noch um Sekunden handelte, bis ihr Blutdurst gestillt sein würde. Fleisch, Knochen, mein Leben...all das würde diesen Wald niemals wieder verlassen.
    "STOPP!" Erstaunt rissen wir die Köpfe empor und ich war kurz sauer, dass es jemand wagte, meinen Tod zu stören.
    Bis ich sah, wer dieser Jemand war, denn von allen Personen, die ich in meinem Leben getroffen hatte, er war einer der wenigen, der diese Erlaubnis sehr wohl besaß - Knöpfchen.
    In der Gestalt eines unscheinbaren Waschbären mit Fell schwarz wie Pech (oder der Hauptwald der lebenden Schatten) saß er am anderen Ende der "Lichtung", nur seine Körperhaltung verriet mir seine wahre Identität. Vielleicht hätte ich glücklich sein sollen, dass es noch eine Katze gab, die zu mir hielt, jemanden, der mich noch nicht gehen lassen konnte, doch ich war einfach nur wütend, dass er nicht bei meinen Jungen war.
    Auch Dämmerblatt, Hetzschweif und Moorkralle benahmen sich gereizt, wenn auch wahrscheinlich aus einem offensichtlicheren Grund.
    "Was traust du dich, uns beim Essen zu stören?", fauchte Hetzschweif erbost. "Hast du wohl Lust, noch einmal zu sterben, was, du Bärchen?" Moorkralle zischte: "Verzieh dich, wenn wir dir nicht zeigen sollen, was wir mit Wildherz gemacht hätten!"
    Knöpfchen schien unbeeindruckt, doch ich wusste es besser. Wenn man sich konzentrierte, war seine Angst nicht zu übersehen, er schien beinahe in ihr unterzugehen.
    "Wo sind meine Kinder?", verlangte ich auf der Stelle zu wissen.
    Knöpfchen jammerte: "Warum müssen Kätzinnen immer nur so kompliziert sein? Ich meine, ICH WILL DIR GERADE DAS LEBEN RETTEN, DAMIT SIE MORGEN NOCH EINE MUTTER HABEN!"
    "Also, Vater morgen auf jeden Fall nicht mehr.", meinte Dämmerblatt wieder flüsternd, weshalb man sie fast nicht mehr verstand.
    Der Schattenkater legte die Ohren an, das spürte ich. "Vater?", sagte er.
    Die drei Toten wandten sich knurrend dem bluffenden Knöpfchen zu, wobei ich hoffte, dass er nicht gleich die Nerven verlor. Lauf, schrie ich innerlich. Geh und beschütze das letzte, das es sich zu beschützen lohnt. Mein Blick glitt unerwünschterweise zum Kater und ich wusste, dass er mich gerade auch angestarrt hatte. Na ja, zumindest den jungen Teil davon, fügte ich in Gedanken hinzu.
    Als nächstes ging alles ganz schnell: Hetzschweif wagte einen Frontalangriff auf Knöpfchen, während ihre Gefährten von links und rechts auf den Waschbären, der immer größer und größer wurde, bis da ein ausgewachsener Rottweiler war, zupreschten. Schreiend machten die beiden kehrt, doch ich wollte Rache dafür, was sie fast getan hätten.
    Mein Fell wurde zu Federn, meine Vorderpfoten zu den mächtigen Schwingen eines Steinadlers, meine Hinterbeine zu Klauen, mit denen ich zuerst Dämmerblatt den Rücken und darauf Moorkralle die Flanke aufschlitzte. Ich hatte nie wieder töten wollen. Ich hatte versagt. Selbst die Tatsache, dass sich beide wieder neubilden würden, weil sie ja bereits tot waren, machte die Last der Schuld nicht leichter.
    Währenddessen packte der gigantische Riesenhund eine vor Wut wahnsinnige weiße Kätzin, dich sich hin und herwarf, als ob sie den Verstand verloren hätte. Hatte.
    Trotzdem gelang es ihr, sich zu befreien, wollte mich angreifen, um ihre verstorbenen "Freunde" zu rächen, die sie wahrscheinlich selbst schon unzählige Male niedergemetzelt hatte. Was war das hier eine Welt von Hölle? Doch Knöpfchen war schneller, wie immer, wenn es wichtig war: zwar gelang es ihm nicht, Hetzschweif mit seinem Haifischgebiss erneut festzuhalten, doch ein gezielter Schlag in ihre Seite schleuderte die gedrungene Kätzin mehrere Meter ins Gebüsch, von wo aus sie hasserfüllt heulend das Weite suchte.

    90
    Doch der Alptraum war immer noch nocht zu Ende, denn die Endgegner waren lebendig... "Du?" Knöpfchen tobte vor Wut, konnte sich aber so weit zusammenreißen, dass er seinen Körper in den eines harmlosen, weißen Hauskätzchens verwandelte, vielleicht auch nicht die dümmste Idee nach Hetzschweifs Aktion, um dem Kater zu zeigen, wo die Grenzen waren. "Ich habe dir gesagt, du sollst nie wieder hierherkommen.", knurrte er. "Ich beschütze deine eigenen Kinder, aber du bringst sie in Gefahr." Ich wollte weiter zum Kater zurückweichen, änderte währenddessen meine Gestalt wieder zurück, bis ich Knöpfchen nur noch bis an die Schulter ging. Mir war gar nicht aufgefallen, wie klein mein echter Körper doch war.
    Noch immer spürte ich seinen Blick und ich redete hier sicher nicht von Knöpfchen. Er sagte nichts. Hätte ich es gewusst, ich hätte es wohl auch nicht getan.
    Doch Knöpfchen schien jeder Schritt, mit dem ich mich dem Schattenkater näherte, nur noch schlimmer in Fahrt zu bringen, denn Besitzergreifen lag nun einmal in seiner Natur. Er brüllte: "NEIN!" Schnell wie ein Falke hechtete er zwischen uns und baute sich zu seiner vollen Größe auf, wobei ich das erste Mal in meinem Leben wahre Furcht spürte. Das hier war nicht mehr aufzuhalten. Es machte mir Angst. Und wo waren nur meine Kinder?
    "Ist er ihr Vater?", fragte der Kater unbeeindruckt von dem schnaufenden Knöpfchen, der wilde Blicke zwischen uns hin und herwarf. Wer war hier der Feind?
    Ich spürte ihre Trauer wie meine eigene - Knöpfchen, der daran war, sein einziges Stück Eigentum zu verlieren, aber noch furchterregender: Der Kater, der glaubte, ich hatte ihn angelogen. "Es war Bonny, ich schwöre bei meinem Leben." "Dann ist dir dein Leben wohl nicht allzu viel wert. Es tut mir leid, weil das verständlich ist, nachdem man dir das alles angetan hat. Trotzdem...ich lass dich nicht gehen."
    "Und ob du das wirst!", tobte Knöpfchen. Immer wieder machte er drohende Bewegungen in die Richtung des Dämons. Man hatte mir erzählt, man brauchte mehr als 10 Morde in seinem Dasein, um angekettet zu werden, nur war ich anscheinend einer davon.
    Aber es spielte keine Rolle. Sein Fehler war das Blut, das er so zahlreich und ohne Halt vergossen hatte, ...und ich? Ich war doch selbst kein Stückchen besser. Es hatte seinen Grund, dass der SternenClan mich hier hin und nicht auf eine Schäfchenweide im friedlichen Irland geführt hatte. Man nannte es Schadensverringerung.

    Ich sagte: "Knöpfchen, du hast kein Recht dazu. Du kannst nichts für dich beansprichen, das dir nicht gehört!" Da war ein Kampf in seinen Augen, ein Kampf zwischen dem, was er sein wollte, konnte, wenn er gewann. Doch sein Gegner war stärker - denn das war er selbst, unaufhaltsam und unveränderlich. Und er hatte mir das auch gesagt.
    "Dann...was muss ich tun, damit du mir gehörst?", wollte er allen Ernstes wissen. Das hier ging zu weit, zu weit, zu weit! Niemand konnte es mehr stoppen, nicht einmal wir alle zusammen, denn im Herzen waren wir doch alle schwach, schwach wie Hetzschweif oder Bonny - wir konnten es nur besser verstecken. Es siegte doch immer der, mit dem besten Pokerface, oder etwa nicht?

    Weil ich nicht geantwortet hatte, entschied er es selbst: "Falls...wenn du ihn weiter siehst...ich werde dich zu deiner eigenen Sicherheit töten. Versprochen." "Warum?" "Das, was er dir antun wird, ist schlimmer als ein weiterer Mord meinerseits."
    Wie gelähmt stand ich da und alles zog mich zu diesem Kater hin, der da hinter diesem Monstrum saß und mich wollte, ohne mir je in die Augen gesehen zu haben. Was war ich, die genau das von ihm verlangte?
    Aber Knöpfchen war noch nicht fertig: "Trotzdem weißt du, dass ich das nie könnte, nicht wahr, Wildherz?" Der Kater aus den Schatten zuckte zusammen. "Das heißt, jemand weiteres muss noch heute Nacht sterben. Und ich verspreche dir ebenso, dass es niemand sein wird, den du liebst, und zwar in echt."
    Er drehte sich zum unsichtbaren Kater, das Gesicht zu einer erstarrten Maske aus Entschlossenheit und blindem Zorn. Von uns allen hier, derjenige mit der Augenbinde und den Fesseln war noch der freiste, denn er sah mehr als wir beide, geblendet von Wut und Angst.
    Knöpfchen wollte ihn töten, zumindest hatte er es fest vorgehabt und er hatte nicht damit rechnen können. Nur war dieser "er" nicht der Schattenkater, sondern eben der Angreifer, nein, er nannte sich selbst Verteidiger.
    "Tu das nicht.", warnte ihn der Kater noch, denn er war weitsichtiger als wir, Knöpfchen, der knurrend einen Satz auf ihn zumachte, ich, die mit ausgefahrenen Krallen hinterhersprang.
    Aber er hatte es immer noch gewusst: Mit einem geduckten Satz nach hinten brachte er sich außer Reichweite, während Knöpfchen ihn unbeholfen taumelnd verfehlte, aber noch lange nicht aufgegeben hatte.
    Vielleocht hätte ich vorsichtiger sein müssen, dann wäre alles anders gewesen, aber er setzte erneut zum Angriff an, ich warf mich schützend übef den Angeketteten und spürte dann nur noch wie das Blut seiner, Knöpfchens Kehle, an meinen Krallen hinunter rann. Ich hatte Knöpfchen ermordet.
    "Es tut mir leid.", flüsterte der andere. Trotzdem brach ich unter Tränen und mit bebenden Schultern zusammen.

    91
    Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Für einfach ALLES war ich zu schwach und der Schattenkater blieb die ganze Zeit an meiner Seite, bis da einfach keine Tränen mehr waren, um meine Trauer, meine Reue, zu zeigen. Denn nichts würde ihn wieder zurückbringen, außer die Magie, nein, das Gesetz des Hauptwaldes der lebenden Schatten, das besagte, dass Tote nicht einfach so noch einmal sterben konnten. Dann gäbe es hier ja gar keine mehr.
    Der Kater stand irgendwann auf und verscharrte Knöpfchen mit Erde, während ich angestrengt versuchte, Genaueres an ihm zu erkennen. Allerdings erfolglos.
    Keine Kontur, keine Farbe, kein Lichtreflex, kein Leben, keine Ahnung, wer er war, aber er schuldete mir eine Antwort.
    Er war fertig. Sicher war er jetzt ganz verdreckt und als er wieder zu mir kam, begann ich erst einmal sorgfältig sein Fell sauber zu machen. Es fühlte sich rau und starr an, doch das lag nur daran, dass das schon lange niemand mehr getan hatte, dann wurde es weicher und glatter. Er hatte schönes Fell, sicher war es das, auch wenb ich nichts erkennen konnte.
    "Mama?" Eine kleine Kreunatter sah mit großen Augen ungläubig zu mir auf und ich wusste nicht, was zu sagen. Ich hatte meine eigenen Jungen vergessen, nicht einmal eine Mutter war ich, denn das ging gegen alle Naturgesetze. "Mama." Seufuend nahm ich das hübsche Reptiel zwischen meine Beine, drückte es so fest ich nur konnte. "Natternjunges...eine Natter sieht anders aus. Wo warst du? Wo ist dein Bruder?" Sie antwortete: "Wurzeljunges liegt dort." Eine dunkelrote Wurzel verwandelte sich, nicht weiter als eine Bärenlänge entfernt und auch mein Sohn war wieder zurückgekehrt. "Wurzeljunges, komm her!" Schon lagen mir beide in den Pfoten, blind für die Sünde ihrer Mutter. Das hatten sie nicht verdient.

    "Du frierst.", sagte er zu Wurzeljunges, doch dieser hielt seinem Blick durch die Augenbinde stand. "Du bist ein Mörder.", antwortete er und lehnte sich an meine Brust. "Du darfst Mama und Natternjunges nicht weh tun." Er versprach: "Das werde ich nicht. Niemals."

    Es vergingen weitere zwei Monde, ohne dass ich Knöpfchen oder Bonny oder Hetzschweif je wieder gesehen hätte. Wir lebten jetzt auf einer toten Tanne in der Nähe von seinen Ketten, aber trotzdem suchte ich weniger und weniger seine Nähe. Er war nicht ehrlich. Wenn ich ihm vertraute, konnte ich nicht darauf zählen, dass er mich nicht verraten würde.
    Bis es eines Abends wieder so weit war. "Bleibt hier und seid leise.", flüsterte ich Natternjunges und Wurzeljunges im Schutz der Schatten, in der Bedrohung der Finsternis zu. "Verwandelt euch in etwas unauffälliges." Mein Sohn wurde zum Kiesel, seine Schwester zu einem Stück Laub, das leblos und ohne Regung auf Wurzeljunges verweilte. Ich musste gehen. Weitere Lügen ertragen und doch irgendwie glücklich sein. Wie konnte man nur glücklich sein, wenn Lügen bitter schmeckten?
    "Es ist sehr ruhig heute Nacht, nicht wahr?", flüsterte er mir zu. Man konnte leichte Lichtreflexe in seinem Fell erahnen und weil der Blutmond heute etwas heller schien, tippte ich darauf, dass Bonny mit ihren Meuchelmorden Spaß gehabt hatte. Wer wusste das schon, vielleicht zerriss sie gerade Lolly in zwei Häften und morgen dann mich?
    Ich nickte. "Ja, das stimmt." "Wildherz." Er stockte kurz, wie immer wenn er den Mut fand, meinen Namen zu nutzen. "Rede mit mir." "Ich soll dir die Wahrheit sagen, damit ich mir Lügen anhören darf.", erwiderte ich.
    Warum war ich glücklich und traurig zugleich? Es war nicht mehr fair. Ich hatte ihn spielen lassen, doch er wollte nicht kämpfen, um diesen Funken zu bewahren. Bis heute.

    Verzweiflung, ich spürte dieses Entsetzen in seiner Brust, das seine Seele vergiftete, alles in ihm lähmte. "Ich will das nicht.", flüsterte er. Ich fragte: "Was?" Irgendwo heulte ein Wolf und ich fragte mich insgeheim, was dieser Ort noch für Horror bereit hielt. Eins stand fest: Falls ich meine Aufgabe hier nicht fand, die, die ich erfüllen musste, um die Welt der Geschichten zu retten, dann würde ich ihn noch morgen Nacht mit meinen Jungen verlassen. Obwohl...waren sie nicht längst Schüler? Wer würde sie nur unterrichten?
    "Dich verlieren." "Dann kämpfe!" "Gegen WAS? Ich habe MEIN GANZES LEBEN gekämpft, jeden Tag auf's Neue, was erwartest du von mir?" Ich überlegte und dachte daran, was mich stark gemacht hatte, als alles andere mich niederzog, dieser Kater, weshalb auch immer.
    Er wartete gar nicht erst auf meine Antwort. Trotz Augenbinde rang er mich nieder, ich versuchte tatsächlich noch wieder aufzustehen, erfolglos, und sein Atem roch nach Eis, als er sich zu mir herunterbeugte. Ich brauchte dieses Eis, um das Feuer in mir zu zähmen. Er brachte mein Feuer, um sein Eis zu schmelzen.
    "Sag es mir..." Jetzt musste ich lächeln. WARUM BRACHTE ER MICH JETZT ZUM LÄCHELN? WIESO WAREN DA SO VIELE GEFÜHLE? "Nein!", kicherte ich. Im Moment war ich nur eine junge Kätzin nichts weiter, eine Kätzin, die einen Kater gefunden hatte, der sie glücklich machte. Aber er log...
    "Sag es mir!" Er klang ungeduldig und zum ersten Mal kam mir in den Sinn, dass er es ernst meinte. Trotzdem - so leicht machte ich es ihm aus Prinzip nicht. Ich streckte meinen Kopf zu seinem Ohr und sein Herzschlag beschleunigte sich, weil er es wirklich wissen wollte. "Niemals...", flüsterte ich. Er lachte. "Dann muss ich dich aber zwingen." Gegen meinen Willen lächelte ich noch breiter, WAS WAR NUR LOS? "Versuch's doch." "Ok." "Was ok?" "Mach die Augen zu." "Äh, nein." Er seufzte. "Tu es einfach." Hey, so einfach ging das nicht! So easy ist es dann doch nicht, mich flachzulegen! "Aber warum?", wollte ich wissen. In seiner Nähe war irgendwie alles etwas langsamer, intensiver. Ich hätte gerne in seine Augen gesehen. "Gehst du jetzt von mir runter." "Nein." Und...er setzte sich einfach auf mich drauf. "Hey!", machte ich meiner Empörung Luft, die aber gar nicht echt, sondern nur Einbildung war. In Wirklichkeit mochte ich es nämlich, wenn er mir nahe war, auch wenn ich ihn nicht sehen konnte.
    Er sagte: "Weil ich weiß, was du willst. Und ich gebe zu, dass ich Angst habe, wie du reagierst, sehr große Angst. Ich würde lieber mein Leben verlieren als dich." "Was wirst du tun?", fragte ich ihn. Er grinste. "Du vertraust mir nicht." "Wenn du mir sagst, was du willst, dann mache ich auch wahrscheinlich die Augen zu!"
    Seine Vorderpfote lag direkt auf meinem Herzen, sodass er es sicher rasen spürte. Es war mir egal.
    "Deal?", sagte er. Kurz dachte ich nach, dann beschloss ich, das Risiko einzugehen. "Deal."
    "Du willst die Wahrheit wissen und das bedeutet, meinen Namen zu kennen. Ich habe lange darüber nachgedacht, weil ich so furchtbare Angst habe, dass ich dich danach nie wieder sehe, verstehst du? Es...es wird ETWAS ändern. Nur kann ich nicht sagen, was das sein soll, ja?" Ich musterte ihn prüfend, denn irgendwie wusste ich, dass er mir gerade nicht in die Augen, sondern ins Herz sah. "Weiter?" "Der Blutmond scheint am Hellsten, wenn etwas Schlimmes oder besonders Gutes passiert, erinnerst du dich?" "Natürlich, das hast du mir bei unserer ersten Begegnung erzählt." Er stockte wieder kurz, weil er wusste, das das so nicht ganz richtig war. Trotzdem fuhr er fort: "Also werde ich etwas besonders Gutes tun." Wie..." "MACH SOFORT DIE AUGEN ZU."
    Vielleicht tat ich es, weil ich so überrascht war, aber ich glaubte eher dass ich spürte, das ich es wollte.
    Kurz spürte ich seinen Atem an meinem Mund, sein Herz an meinem Herz und ich wollte, dass es für immer so blieb, doch er ließ es nicht dabei.
    Er küsste mich.
    Na gut, JETZT durfte es so bleiben. Wie konnten Katzen einander überhaupt küssen? Eigentlich spielte es aber keine Rolle, sondern, dass jeder, der so etwas nicht fühlen durfte, mein Mitleid hatte.
    Und als ich die Augen öffnete, schien der Blutmond tatsächlich heller als je zuvor - alle Schatten waren verdrängt und seine Ketten, seine Augenbinde, alles was ihn festgehalten hatte, war einfach weg. Ich sah ihm in die Augen. Es war Geißel.

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    "Wow..." Ich hätte es wissen müssen, erkennen sollen, an dem, wie er mich damals angesehen hatte, aber jetzt wusste ich nicht einmal mehr, wie ich reagieren konnte. "Darf ich gehen?" Ich versuchte, mich wieder hochzustemmen, aber Geißel drückte mich erneut runter. "Wenn ich dich jetzt gehen lasse, kommst du nicht zurück." Er klang heiser, wobei es verzweifelt fast schon besser traf. Und ich wusste nicht, was zu fühlen. Zwei Seiten rissen an mir, teilten meine Seele in Stücke: Reue, aber vor allem - und das war für mich am schlimmsten - Trauer. Ich sagte: "Du kannst mich nicht festhalten." "Doch, das tue ich gerade. Aber du weißt nur EINEN Teil der Wahrheit - ich habe es verdient, dass du den zweiten genauso kennst!" Auf einmal wurde ich seltsam kraftlos, denn er würde mich so und so nicht wegrennen lassen. Ich hatte ihn befreit, jetzt war es an mir, die Konsequenzen hinzunehmen.
    "Wieso sollst du das verdient haben?" Und mit jeder Sekunde, die ich an Willensstärke verlor, wurde er stärker. "Ich habe deine Fesseln gelöst." "Du hast da was verwechselt..." Seine Augen wurden wieder liebevoll, als ob er etwas gesehen hätte, das ihm neue Hoffnung machte. "Davon rede ich nicht und das weißt du. Als du damals gestorben bist...es war das erste Mal in meinem Leben, dass mir klar wurde, was Töten bedeutet. Dass ich dir etwas genommen habe und nie wieder in der Lage sein werde, es dir zurückzugeben - dein Leben. Und nicht nur das. Mit deinem Tod habe ich nicht nur dir geschadet, nein, auch deinem Clan und deiner Familie und deinen Freunden." "Ich habe keine Freunde...", flüsterte ich und der Gedanke, dass ich sie alle verloren hatte, war kaum zu ertragen.
    Geißel war da nicht überzeugt. "Hör auf und sag mir, wieso du noch lebst." "Ich dachte, du willst mir etwas erklären?" "Glaubst du nicht, dass ich die Wahrheit genauso verdient habe wie du?", fragte er mich mit bebendem Herzen. Da waren Schmerzen, Schmerzen, die ihn genauso zerrissen wie mich. "Lass mich gehen!" "Nein!"
    Sag es ihm, Wildherz, du wolltest Wahrheit... Nein. Bitte nicht. Nein. *kichert* Warum denn? Bitte, Veilchenmond...geh.
    "Der SternenClan mir mein Leben zurückgegeben, im Gegenzug dafür, dass ich die Geschichten rette...durch ihn habe ich herausgefunden, dass ich eine Gestaltswandlerin bin. Weißt du...meine Jungen, meine jetzigen und meine verlorenen, Habi, Meerschweinchen, Rauchvogel, Blaustern, Nova, Knöpfchen, Blauglanz und so viele andere sind der Grund, weshalb ich hier immer noch bin und zwar lebendig. Du...du bist der Grund, weshalb ich das GERNE bin...weshalb ich mich tatsächlich wieder freue, morgens aufzustehen, noch nicht ermordet, meine Kinder lebendig. Der SternenClan hat mir versprochen, dass es besser werden wird und mich direkt zu dir geschickt...in die Hölle. Tut mir leid." Jetzt lächelte er fast. "Nicht schlimm." "Lässt du mich jetzt los?" "Hmmm, nein. Wirst du morgen wieder kommen?", wollte er wissen. Es überraschte mich, ...aber ich wollte es wirklich.
    Geißel war ein Mörder. Geißel war MEIN Mörder. Aber...er hatte sich verändert. ICH hatte ihn verändert.
    "Nein."
    "Dann lass ich dich nicht los." Ich lächelte. "Tja, dann bleib ich einfach."

    "Schau mal, die beiden da...", flüsterte Dunkelstreif Habichtfrost zu, die beide nur wenige Meter von ihnen entfernt im Gestrüpp saßen. "Sie werden bald eingeschlafen sein...und Bonny wird uns belohnen, wenn wir sie ihr holen?" Ohne den Blick von der schwarzen Kätzin abzuwenden, flüsterte der braun getigerte Kater: "Sie ist eine Gestaltswandlerin, Dunkelstreif, sie wird sich wehren, sobald wir uns nur nähern...naiv und dumm ist nicht das gleiche, Mäusehirn." Doch Dunkelstreif bekam nur noch bessere Laune. "Bonny ist so mächtig...nichts für ungut, aber sie macht deinem Vater Konkurrenz. Katzen der Hölle, wenn wir ihr Wildherz bringen, DANN KENNEN DIE LEBENDEN CLANS UNSERE NAMEN NOCH IN HUNDERT JAHREN." "Hast du nicht zugehört?", fauchte Habichtfrost. "Die wird zu einem Bären und frisst dich noch lebendig." Dunkelstreif lachte und sogar im Schlaf stellte sich mir das Nackenfell auf. "Sie hat Kinder..."


    "Gib ihr das, dann spürt sie nichts mehr." "Sei leise! Wenn du jemanden weckst, dann..." Ich wachte auf und noch bevor ich schreien konnte, wurde mir, meine Augen weit aufgerissen vor Panik, ein seltsam riechendes Kräuterbündel auf den Mund gepresst. "Einatmen, Kätzchen, einatmen...", redete ein dunkelgrau getigerter Kater auf mich ein und ich versuchte, nach hinten auszuweichen. Bloß nicht atmen! "Wo willst du denn hin?", flüsterte Habichtfrost, Sohn eines Mörders mit dem sich nicht einmal Geißel messen konnte. Seine Zähne bohrten sich in meinen Hals, ich wagte es nicht, mich zu bewegen, sonst hätte er mir das Genick gebrochen. "Atme, mach schon..." Geißel neben mir rührte sich ein wenig, aber ich war zu weit weg, um ihn zu berühren und wenn ich etwas sagte, dann musste ich den Mund aufmachen, was ich wegen der Kräuter gerade nicht allzu gut konnte.
    Mir ging die Luft aus. Dunkelstreif knurrte ungeduldig: "Verdammt, wem hilfst du damit, wenn du jetzt stirbst?" Nein, nein, nein, bloß nicht atmen! Ich wurde schwächer, fühlte wie der Boden unter meinen Pfoten nachzugeben drohte. Stöhnend sank ich zurück auf die Erde. "Du hast es ja nicht anders gewollt..." Natternjunges winselte und ich wusste, dass sie sie hatten, auch wenn ich sie so nicht sah. "Nein...", flüsterte ich, bevor mir bewusst wurde, was für einen Fehler ich gemacht hatte, doch die Betäubung setzte bereits ein.
    Es roch ein wenig nach Lavendel, ein bisschen süßlich, sorgte dafür, dass auf einmal alles viel langsamer war. Verzweifelt versuchte ich, wieder aufzustehen, doch meine Beine knickten unter mir weg und Habichtfrost rollte mich auf die Seite. Das letzte, was ich sah, waren Natternjunges' und Wurzeljunges' angstverzerrte Gesichter, das letzte Gefühl einfach nur...Panik.

    Blinzelnd schlug ich meine Augen auf. Wo war ich? Alles wirkte sehr fremd, auch wenn es sicher noch im Hauptwald der lebenden Schatten war. Mein Herz schlug beunruhigend langsam und ich merkte, dass ich mich noch immer nicht richtig bewegen konnte. Außerdem trug ich einen Strick um den Hals, eng genug, dass er mir problemlos die Luft abschnürren würde, sollte ich mich wehren...
    "Ich glaube, ich habe gerade ein Déjà-Vu...", flüsterte ein beunruhigend bekannter Jemand hinter meinen Rücken, doch ich konnte mich nicht umdrehen. Panisch huschten meine Augen hin und her. Ich wollte eigentlich fragen, wer da war, was sie wollten; es kam nur ein erbärmliches Wimmern heraus. Jemand hatte mir das Bein verdreht, das fühlte ich jetzt, wo die Betäubung langsam nachließ, nur nicht langsam genug.
    Laubrache glitt ein mein Sichtfeld, beugte sich zu mir herunter, um mit seiner krallenbesetzten Pfote mein Kinn anzuheben. "Na, sag mal...man sieht sich wieder." Ich keuchte.
    "Pfoten weg!", donnerte es wieder aus der Richtung in die ich nicht sehen konnte und Laubrache ging etwas auf Abstand. "Schon gut.", sagte er etwas beleidigt. "Sie gehört euch, Dunkelstreif. Warte nur, bis Bonny sie sieht." Dunkelstreif setzte sich zu Laubrache, beobachtete meine hoffnungslosen Bemühungen, mich auch aufzusetzen, nur lächelnd. "Wenn sie Gnade hat, ist Wildherz bis zum Morgengrauen tot.", meinte er.
    Laubrache lachte. "Du weißt, dass sie das nicht tun wird. Wir brauchen sie, um herauszufinden, was der SternenClan vor hat, nicht, um Rache zu üben. Gut, das natürlich auch, aber die Informationen sind im Moment wichtiger." "Nicht, wenn es nach Bonny geht..." Habichtfrost gesellte sich als Dritter dazu und gab mir einen kräftigen Schubs, als ich es schon fast geschafft hätte, aufzustehen. "Ups."
    "Habichtfrost, Dunkelstreif, Laubrache! Es geht los!" Eine untersetzte, hellbraune Kätzin mit hypnotisch braunen Augen hetzte durch das Gestrüpp auf uns zu, nicht ohne bei meinem Anblick begeistert zu quietschen. "Das gibt es doch nicht! Ihr habt sie echt gefunden?" Habichtfrost antwortete: "Natürlich. Dein Vater wird sehr wütend sein, wenn er erfährt, dass du es NICHT geschafft hast." Die kleine Kätzin legte gereizt die Ohren an. "Nadelsprung ist im SternenClan, Laubrache, nicht hier." Seine Aufmerksamkeit wandte sich wieder mir zu, was die Situation auch nicht großartig verbesserte. "Vielleicht weiß sie ja etwas über ihn und du kannst sie dazu...überreden, dass sie es dir erzählt?" Ein bösartiges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht und zwar eins, das seinesgleichen suchte. "Gerne."
    "Keine Zeit." SternenClan, ich war noch nie so froh gewesen, über eine Unterbrechung wie jetzt. Während die Kleine schon beunruhigend nahe gekommen war, waren Habichtfrost und Dunkelstreif aufgesprungen, Laubrache schon wieder verschwunden. "Wir müssen gehen.", sagte Habichtfrost. "Sonst bist du nicht die einzige, die stirbt." Toll, mir wäre es lieber, GAR KEINER musste sterben.

    93
    "Nimm es.", zischte die grau gescheckte, dürre Kätzin mir zu, kleine bunte Kapseln und Tabletten in der Pfote haltend. Sie hatten mich in ein Gefängnis aus Bambus auf einem Felsvorsprung gebracht, von wo aus ich die rote Lichtung, deren Farbe sich auf dem Sand- und Steinboden widerspiegelte, auch mit immer noch eingeschränkter Bewegungsfreiheit gut überblicken konnte. Der Strick und ich waren in der dunkelsten Ecke an den Bambus gebunden, sodass ich nicht ausweichen würde, wenn sie zurückkamen.
    "Das sind Drogen.", stellte ich entsetzt fest. Die magere Kättin nickte so heftig, ich fürchtete einen Moment, der Knochen würde brechen und ihr Kopf mit einer Spur aus Blut über den Stein zu meinen Pfoten kullern. Wenn ich Pech hatte, wäre das noch das Geringste, das Bonny mir antat.
    Sie miaute eindringlich: "Nimm, nimm, nimm! Nimm sie oder du wirst verrückt. So wie ich. Oder Vanessa." Sie kicherte albern, aber weit nicht so, wie wenn man es von kleinen Mädchen gewohnt war, wenn sie zum ersten Mal der anderen gestanden hatte, dass sie sich verguckt hatte. Ich hätte so ein albernes Mädchen sein dürfen, das Glück verschwendet durch egoistisches Wunschdenken. Hätte Rauchvogel mich so weit gebracht, hätte ich mich gewehrt? Es war traurig, dass ich mehr und mehr ihre blau-violetten Augen aus dem Gedächtnis verlor. Ich brauchte sie.
    "Ja, ja, ja, so nennen die Deppen sie. DROGEN. Schluck die und du wirst nicht mehr klar denken, wenn sie beginnen. Ja, ja, ja, Vanessa lügt nicht, ich auch nicht, iss die einfach." "Wer ist Vanessa?", fragte ich wenig begeistert nach, allerdings ohne das Zeug aus den Augen zu lassen. "Hihihi! Dort!" Die Kätzin deutete auf die andere Seite unseres kleinen Käfigs, wo...nichts war. "Äh, ja...toll..."
    Aber da war noch ein grauer Kater mit schwarzen Flecken auf dem Rücken neben mir, der mir, und ich war ja schon klein, gerade einmal bis zu den Schultern ging. Natürlich meldete er sich auch zu Wort, denn der war weit weniger verrückt, nur gerade so verrückt, dass er sich das in meiner angespannten Gegenwart traute. "Nimm sie einfach." Mein Herzschlag verschnellerte sich bei dem Gedanken, was sie einem antun musste, damit man wollte, dass das Denken aufhörte.
    "Wenn sie Gnade mit dir hat, bist du bis zum Morgengrauen tot.", fügte er noch hinzu und ich war kurz davor, durchzudrehen. Aber dann würde ich auch verrückt werden. Nein, nein, nein, meine Kinder brauchten mich, ohne mich waren sie für sie wertlos, würden kaltblütig ermordet werden.
    "Entschuldige, wer bist du?" Mal sehen, ob er noch genug Verstand hatte, um mir seinen Namen zu nennen. "Taubenschreck.", antwortete er. "Taubenschreck und das ist Grausprenkel, meine Cousine. Vanessa war ihre Halbschwester." "Du hast,, war" gesagt." Taubenschreck knurrte bei der Erinnerung an das letzte Bild seiner Verwandten: "Ich habe sie getötet, weil das kein lebenswertes Dasein mehr war. Sie haben ihr die Vorderbeine und den Schweif abgehackt, mit den eigenen Krallen, dann ihr die Augen ausgekratzt und sie solange hungern lassen, bis sie nur noch Blut gespuckt hat."
    Ich hatte mich doch gefragt, welcher Horror hier wohl noch lauerte. BAMM. Das nächste Blutbad würde nämlich mein eigenes sein, keine Ahnung, was sie tun würden, aber was hatte Vanessa getan? Ich fragte das Taubenschreck.
    Dieser zuckte nur zusammen, so unvermutet, dass ich mir kurz beim Zurückweichen am Strick die Luft abdrückte.
    "Vanessa hat Laubrache ein Eichhörnchen gestohlen, weil sie sonst verhungert wäre." Ich werde sterben. Nein, das wird sie nicht zulassen, foltern wird sie mich, foltern, bis ich um den Tod bettle. Aber sie wird mir diesen Gefallen nicht tun, oh nein, leiden wird sie mich lassen, mich angreifen, hungern, dursten wissen, bis sie meine Schmerzen irgendwann langweilen oder ich diesen armen Kater anflehe, es zu beenden.
    "Hör zu.", miaute ich mit vor Tränen erstickter Stimme. "Bitte..."

    Ein großer bulliger, schwarzer Kater mit nur einem weißen Auge und eine muskulöse goldbraune Kätzin näherten sich uns, mindestens zehn Katzen ihnen folgend. "Sie holen dich.", klärte mich Taubenschreck unnötigerweise über diese furchteinflößende Situation auf, seine Cousine, die weinte nur bei dem Anblick der Dämonen der Hölle. "Nein, nein, nein!", schrie sie. "Cousin, schwarze Katze, lasst sie nicht rein!"
    Schmunzelnd sprangen die beiden Wächter auf unseren Felsen hinauf, die Menge, bestehend aus Gelächter und Anfeuerungsrufen sowie ziemlich beängstigenden Morddrohungen und Schlimmeres, tobte unter uns.
    "Tötet sie gleich! Ich will BLUT sehen!" "Der SternenClan hat endgültig verloren." "Was verheimlichst du uns, Mäuschen, hm? Schicken die Sternchen schon kleine Mädchen her, um uns auszuspionieren?" "BLUT! TOD!" "Ihr rechtes Ohr gehört mir." "Sei leise, sonst bist du die nächste!" "Hat hier irgendwer meine Ratte gesehen?"
    Mit roher Gewalt trat der Kater die Tür aus Bambus ein. Instinktiv zuckte ich zusammen, machte mich so klein, wie ich nur konnte, wich so weit zurück, bis sich die Stängel in meine Knochen bohrten und der Strick an meiner Luftröhre zerrte.
    Er ließ den Blick über uns alle gleiten, die Kätzin wartete draußen, doch natürlich blieb er an der weinenden Grausprenkel hängen. "Ich tue dir einen Gefallen.", sagte er mit tiefer Stimme, die mein Herz vor Angst rasen ließ. Seine gewaltigen Pranken näherten sich der grauen Kätzin, welche wie ich, nur schreiend, Zuflucht in der Ecke gesucht hatte, aber es brachte ihr nichts mehr. "Nein!", wimmerte sie. "Bitte...bitte!" Auch Taubenschreck hielt sich die Augen mit den Pfoten zu, wurde grob von dem Kater beiseite gestoßen. "Tu's nicht!", schrie sie. "NEIN!" Um das Folgende nicht mitansehen zu müssen, wandte ich schnell den Blick ab, jedoch war ich nicht intelligent genug, so wie Taubenschreck, um mir auch die Ohren zuzuhalten.
    Das Jaulen, das Geräusch, als ihre Wirbelsäule entzwei brach, ich werde es in meinem Leben und nach meinem Tod nie mehr vergessen.
    Er drehte sich mir zu und ich hoffte, er ließ mich am Leben, wenn ich brav war und freiwillig mit kam. Also blieb ich still, wenn auch unkontrolliert zitternd, während er sich zu mir setzte und ganz langsam den Strick vom Bambus löste. "Braves Kätzchen.", murmelte er die ganze Zeit währenddessen. "Du weißt schon, wie es hier läuft."
    Wimmernd wartete ich auf mein Schicksal, ein Schicksal, das ich meinem schlimmsten Feind nicht gewünscht hätte und das trotzdem daran war, mehr als nur eine billige Realität zu werden.
    Taubenschreck wartete, ebenfalls zuckend, dann -es ging so schnell, weder die Meute draußen, noch die Wächter oder Grausprenkel (die sowieso nicht) bekamen es mit - leckte er über eine der Tabletten drüber und presste sie mir in das Brustfell, wo sie dann kleben blieb, verdeckt vom Fell. Sein Blick sagte alles. Nimm sie. Nimm sie oder verliere den Verstand. Ich werde sie nehmen, beschloss ich tatsächlich, aber erst, wenn die Folter nicht mehr auszuhalten war.
    "Rette meine Kinder.", sagte ich. "RETTE SIE! RETTE WURZELJUNGES UND NATTERNJUNGES!" Der Kater schnaubte nur gereizt. "Ruhe." Ohne sich weiter um das Seil zu kümmern, packte er mich am Kopf und donnerte mich zweimal gegen das Holz, sodass der Käfig beinahe umgefallen wäre.
    Dann schaffte er es endlich, der Knoten des Stricks am Bambus war gelöst und er zog mich, ich, immer noch taumelnd und mit dröhnendem Kopf (und auch noch würgend wegen des engen Seils), auf den Felsvorsprung zu der anderen, die mich nur mitleidig belächelte.

    94
    "Tötet sie und alle, die dem SternenClan folgen!" "Unser Blut muss gerächt werden!" "Die Schatten werden sich erneut erheben!" Sie wussten nicht, sie konnten sich nicht sehen, dass das schon längst geschehen war. Diese Katzen hier, die mich schubsten und anschrien, nur mühsam von den Wächtern zurückgehalten wurden, von dem Kater, der mich rücksichtslos durch den Staub zerrte, hatten mehr Leid als jede SternenClan-Katze erfahren. Sie hatten genauso viel Glück verdient wie Meerschweinchenschimmer oder Blauglanz, weil ich so gerne an diese kluge Kätzin dachte, und doch bekriegten sich "Gut" und "Böse". Es hatte durchaus seinen Sinn, wie ich diese beiden Wörter mit Satzzeichen ausschmückte.
    Ich spürte Taubenschrecks angsterfüllten Blick auf mir und seine Gedanken, die uns in dieser Menge nur ganz alleine umkreisten. Es tut mir so leid, dass ich dir deinen letzten Wunsch nicht erfülle. Bitte, vergib mir. Taubenschreck, die einzige Person, der ich niemals vergeben werde, bin ich.

    Weil ich nicht schon erwürgt werden wollte, bevor ich ihr überhaupt unter die Augen trat, tat ich mein Bestes, mich und diese wirre Mischung aus Schwindel und panischer Angst auf den Pfoten zu halten. Sie schrien und schrien und schrien, die Katzen traten mich, wenn ich nicht schnell genug den Kopf einzog, wurde ich gebissen. "Mach schneller.", knurrte der Kater, mein Führer, und ich hätte mich beinahe übergeben, als wir auch noch an Tempo zulegten. "Bitte.", würgte ich mit dem viel zu engen Strick um den Hals. "Tötet sie nicht." Eine Ansammlung von vier gut gezielten Krallen traf meine Flanke, ließen eine Spur aus Blut zurück, die ich wegen der Kräuter und dem Schock allerdings kaum zur Kenntnis nahm.
    "Goliath.", schimpfte die braune Kätzin. "Mach, dass sie gehen. Wenn Bonny sie sieht, darf nur ein ausgewählter Kreis dabei sein."
    Ohne Vorwarnung, vielleicht so ein knappes Nicken, machte Goliath einen Satz, der die Meute auseinander stoben und mich erneut husten ließ. Mein Körper wurde am Strick hinterhergezogen wie eine tote Maus.
    "VERSCHWINDET, IHR GEIER! SONST SEID IHR ES MORGEN!" Hecktisches Gekreische löste die Drohungen ab und nur Momente später lag die Lichtung so verlassen da, ein Reh hätte jetzt aus dem Gebüsch spazieren können.
    SternenClan, wenn du mich wirklich jemals schützen wolltest, dann tu es jetzt oder nie wieder.
    "Komm schon. Bonny wartet ungern."
    Verzweifelt warf ich einen letzten Blick über die Schulter, direkt in das tiefe Mitleid zweier Katzen, denen dasselbe Schicksal wie mir bevorstand und sie wussten es. "Leb wohl.", formte Taubenschreck mit dem Mund, die andere war allerdings davor noch nicht da gewesen. Neben Grausprenkels Leiche saß sie, die Augen vanillegelb schimmernd im Licht des Blutmonds, ihr Fell ein Glanz aus den verschiedensten Schattierungen von Silber. Nicht einmal Federschweif oder ihre Mutter wären an diese atemberaubende Schönheit herangekommen.
    Der SternenClan ist mit dir, Wildherz, und wenn ich dir eins versprechen kann, dann, dass sich das nicht ändern wird.
    Und da ließ ich sie zurück, Veilchenmond, die unsichtbare Stimme in meinem Kopf jetzt mit Körper und ich wusste trotzdem, dass ihre Geister bei mir waren, wenn auch auf andere Art.

    Sie schleppten mich in die Schatten des Waldes zurück, dort, wo nichts mehr war außer Einsamkeit und Vergessen. Vielleicht tat es ja trotzdem gut zu vergessen? Wenn ich mir Mühe gab, dann konnte es doch nicht so schwer sein, seiner Vergangenheit zu entkommen, oder? Zumindest dachte ich das, bis sie mich wieder mit der Wucht eines zielgerichteten Pfeils von Katniss in die Realität riss. Nur noch wenige Minuten, dann würde ich mir wünschen, tot zu sein, hatten sie mir gesagt. Dass das ein unerfüllbarer Wunsch war, hatte ich hören müssen. Es war vorbei.
    Der Wald hier sah eigentlich gar nicht so anders aus, wie die Teile die ich bereits kannte.
    Und als wir die Lichtung verließen, da war meine einzige Sorge nur noch auf den Beinen zu bleiben, bis ich gefoltert wurde. Der Gedanke, dass es sich nicht verhindern ließ, war schon fast tröstend, ging aber trotzdem eher in Richtung LASST MICH LEBEN.

    Sie brachten mich in einen verlassenen Bau, vielleicht der von einem gestorbenen Dachs, der seltsam viel Platz in seinem Inneren aufwies. Mehrere Gänge führten vom Eingang hin tiefer in die Erde, rote Fackeln mit dem gleichen Licht, das ich jetzt schon Blutmonde lang ertragen hatte müssen, beleuchteten die Gänge gerade so, dass du es sahst, wenn sie dir die Knochen zertrümmerten. Ein bisschen war es wie bei Bonnys Höhle, weil die Decke auch sehr hoch war, allerdings nur so ungefähr wie zwei Dalmatiner über einander. Trotzdem sehr geräumig.
    Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich angefangen hatte, zu weinen. Vermutlich war das eine ganz normale Reaktion auf die Möglichkeit, dass es bald ein Ende haben musste und meine letzte Karte verspielt war. Der Strick hatte mir den Hals wund gescheuert, wo kein Fell dazwischen gewesen war, wenn ich schluckte, dann musste ich husten, weil Goliath und Honigherz bei Weitem nicht vorhatten, den Griff zu lockern.

    Ich schluchzte. "Sei leise.", wurde ich von Honigherz angefahren, aber Goliath betrachtete mich nur mitleidig. "Lass.", sagte er. "Das sind ihre letzten Minuten mit Verstand. Lass sie weinen." Also ließ ich alles raus: Der Schmerz, er war so überwältigend und doch würde ich Geißel, Habi, Meerschweinchen, Blauglanz, Pilzkralle, Moospfote, Sonnenruß, Wurzeljunges, Natternjunges und Knöpfchen nie wieder sehen. Ich hatte versagt. Meerschweinchen hatte mir ihr Wort gegeben, sie würde mich in den SternenClan schicken lassen, wenn ich meine Aufgabe erfüllte, sie fand und endlich löste. Ich hatte ihre einzige Bedingung nicht erfüllen können.
    Draußen huschte ein Schatten vorbei, das sah ich daran, dass das Licht kurz dunkler wurde, wenn auch nur für einen mickrigen Moment.
    Ich musste es genießen, jeden Augenblick ohne Schmerzen in mich einsaugen, damit ich mich daran erinnerte, wenn es vorbei war. "Honigherz. Goliath. Ihr seid schon da." Ein groß gewachsener schlanker schwarzer Kater mit weißem Bauch und weißen Ohren eilte uns aus dem Gang in der Mitte entgegen, eine schwarze Kätzin, die ungefähr so groß wie ich war, folgte ihm, nur ihre Augen schimmerten bernsteinfarben.
    "Krähenfetz und Goldpfote. Ist die Herrin da?" "Selbstverständlich." Im Gegensatz zu meinen Wächtern lächelte Krähenfetz, als er mich entdeckte. "Hallo. Du bist sicher Wildherz. Bonny freut sich schon wahnsinnig auf dich!" Auch Goldpfote schenkte mir ein warmes Lächeln und schnippte mir freundlich über das Ohr. "Goliath, kannst du bitte den Strick lösen? Ich denke nicht, dass wir den noch brauchen werden." Krähenfetz war freundlich, aber warum?
    Ich erstarrte beim Anblick von Krähenfetz' Krallen - das waren nämlich weder die einer Katze noch die eines Hundes, das waren kleine Messer, die er sich, dem vielen Blut nach, wohl selbst reinoperiert hatte. "Nein.", flüsterte/schluchzte ich. "Fass mich nicht an."
    "Warum so unhöflich?" Leise vor sich hin summend, es war irgendwie die Melodie von Control (Halsey), durchtrennte er das Seil so mühelos, es hätte sich auch um den Kopf eines Spechts handeln können. Oder den einer Katze. Auf einmal erklang eine Stimme, eine Stimme, die mich in Alpträumen verfolgte, in meiner Vergangenheit beinahe mein Leben beendet hatte und nun wieder bitterer Realität wich: "Ihr Süßen, ist Bloody schon da?" "NEIN!" Ich schrie und wollte nach draußen fliehen, doch Goldpfote war mit einem Satz auf meinem Rücken und biss mir ins Ohr. Natürlich fiel ich hin, kullerte in den Dreck, der das ganze auch nicht viel besser machte und winselte, um die tote Schülerin bloß nicht weiter zu provozieren. Wisst ihr, was aber genauso klar war? Sie hörte NICHT auf. Stattdessen nahm sie auch noch ihre Krallen zu Hilfe, so spitze Werkzeuge, Freddy wäre garantiert stolz gewesen auf so viel Einsatzbereitschaft.
    "Nehmt sie weg, nehmt sie weg!", schrie ich, wagte es trotzdem nicht, mich zu rühren. Krähenfetz lachte nur gut gelaunt, fast als hätte die Schülerin nur einen blöden Witz über schwarze Katzen gerissen. "Du solltest loslassen, sonst findet Bonny ihr Geschenk nicht mehr so schön." DAS war der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich ab jetzt nichts weiter mehr als ein Gegenstand war und es sie nicht kümmerte, ihr Spielzeug aus purer Freude auseinanderzunehmen.
    Mein Ohr blutete stark, trotzdem schaffte ich es, wankend auf die Beine zu kommen, nachdem Goldpfote mich entlassen und ein bisschen Platz gemacht hatte. Ihre Augen funkelten immer noch vom Blutrausch, so musste ich auch ausgesehen haben, als wir die weiße Kätzin entzweigerissen hatten. Sie hätte ein schönes Leben haben können. Bonny und ich hatten es ihr genommen aus reiner Albernheit.
    Krähenfetz und Goldpfote verabschiedeten Honigherz und Goliath, dann schenkten sie wieder mir ihre unheimliche, mehr als nur bedrohliche Aufmerksamkeit. "Wie wäre es, wenn wir sie nicht länger warten lassen?", schlug er vor, als hätte er gerade eben gefragt, ob sich ein Sonntagsspaziergang lohnen täte. Goldpfote nickte nur. Weshalb redete sie nicht? Bis jetzt waren mir die Toten alle wider Erwarten recht gesprächig vorgekommen, warum diese junge Kätzin nicht? Sie sah mir bestimmt ähnlich, nur nicht so unter Schock. Hoffentlich hatten sie die Tablette nicht bemerkt, die gut verborgen unter meinem Brustfell auf ihre Einnahme wartete, welche ich nicht mehr ausschließen konnte.
    Beide postierten sich an meine Seite, glitten beruhigend mit dem Schweif meinen Rücken auf und ab. Es fühlte sich an wie damals, als Sonnenruß mich von Vogelstern weggebracht hatte und ich mich zum ersten Mal wirklich sicher fühlen durfte. Das war ein Neuanfang gewesen. Vielleicht war das ja auch einer. Vielleicht ließ sie mich leben.

    Wir folgten dem mittleren Gang, natürlich, denn so würden sie draußen meine Schreie am besten hören können. Da, ganz am Ende am Gang, das war doch eine weitere Kammer, oder? "Ich...ich will das nicht.", wimmerte ich und fühlte mich hilflos. Nur Krähenfetz und Goldpfote drängten mich sanft nach vorne, mein Blut glitzerte an ihren Zähnen und hinterließ wegen ihrer Krallen eine gut sichtbare Spur auf der Erde. SternenClan, bist du immer noch bei mir? Wirst du mich beschützen? Idiotin, wir lassen dich doch jetzt nicht draufgehen, wo du doch so viel Arbeit warst! Noch nie in meinem ganzen bescheuerten Leben war ich so froh über Veilchenmonds scharfe Zunge gewesen, nicht so wie jetzt, wo ich vermutlich meiner härtesten Prüfung gegenüber stand.
    Die Kammer war fast erreicht, ich konnte nicht hineinsehen, weil sie links vom Tunnel war. Ich blieb stehen. "Scht. Geh." Krähenfetz' Stimme hatte etwas Hypnotisierendes, das es mir schwer machte, klar zu denken. In Helden des Olymp von Rick Riordan gab es ja Charmesprech, die Fähigkeit, anderen seinen Willen aufzuzwingen, ohne, dass sie etwas davon merkten. Ich konnte nicht ausschließen, was dieser Kater alles zu tun vermochte und was nicht. Eigentlich musste ich vorsichtig sein, aber er klang wirklich sehr überzeugend.
    Was tat ich also? Ich betrat die Kammer.

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    Eigentlich sah dieser Bau doch gar nicht so bedrohlich aus, dachte ich mir, als die Grenze überschritten war. "Es wird alles gut.", sagte mir Krähenfetz und ich glaubte ihm.
    "Bloody...so lange ist's her, Mäuschen...", hauchte sie total begeistert über ihr wiedergefundenes Spielzeug. Und als ich sie da sah, ganz hinten in der Ecke auf einer Ansammlung von Knochen und toten Tieren und beunruhigenden Waffen, da sammelten sich Tränen in meinen Augen. "Bitte lass mich leben.", flehte ich sie an, doch Bonny lachte nur. "Ach, Bloody, komm her, da hinten erkenne ich dich doch gar nicht. Sag, hast du Fortschritte gemacht? Ich habe es mir wirklich für dich gewünscht." Mit jeder Sekunde wurde ich angespannter und defintiv misstrauischer. "Welche Fortschritte?" "Deine Gestaltswandel-Fähigkeiten natürlich, du dumme Katze. Ich muss zugeben..." Sie machte eine kurze Pause, in der sie mich gründlich betrachtete wie eine neue Waffe, bei der sie sich entscheiden musste, ob sie sie nahm oder nicht. Waren das dort Messer? "...du hast mich beeindruckt. Dein erstes Mal und gleich ein Wolf. Respekt. Wie lange hast du durchgehalten, bis zur Grenze?" Ich nickte stumm. Warum war ich noch nicht drauf gekommen? Wenn es mir nur gelang, schnell genug irgendetwas möglichst Gefährliches oder Schnelles zu werden, dann konnte ich sofort fliehen, Bonny und diesen Alptraum ein für alle Mal hinter mich lassen.
    Bonny schmunzelte. "Es macht schon fast keinen Spaß, wenn du immer so vorhersehbar bist. Naives Kätzchen, manchmal frage ich mich, wie das sein kann, dass du noch lebst." "Also, genau genommen bin ich bereits tot." Hab ich nicht erwähnt, dass du bitte näher kommen sollst?" Goldpfote schlug mit ihrer Pfote nach mir, sodass ich instinktiv in Bonnys Richtung sprang. Aber die Kammer war groß, genauso hoch wie der Eingang des Baus und hier drinnen hätten garantiert drei Autos Platz. Also packte mich die ungewöhnlich starke Schülerin unbekümmert am Fell und zerrte mich nach vorne, wo das rote Licht etwas besser war, direkt zu Bonnys Todeshügel, der vielleicht meine Höhe hatte.
    Auf einmal wurde sie nachdenklich (Das war nicht gut. Wenn Bonny überlegte, dann hatte das in den meisten Fällen etwas mit Mord, Totschlag, Vergewaltigung oder Geiselnahme zu tun). "Hmmm, lass uns ein Spiel spielen. Und du wirst mitmachen, das darf ich dir versprechen und zwar aus demselben Grund, das du nicht einmal daran DENKEN wirst, deine Gestalt zu ändern, um zu entkommen."
    Irgendwie wurde ich mutiger, jetzt, wo doch schon alles verloren war und das letzte, das ich noch besaß, meine Ehre, das würde ich mit allen Mitteln verteidigen. Vielleicht waren das nicht viele. Vielleicht drehte ich auch schon ein bisschen durch. Aber ich beschloss, als Kämpferin zu sterben, was Bonny anscheinend durchaus gefiel, denn sie bleckte die Zähne, es sah schon fast wie ein Lächeln aus. Sie säuselte: "Goldpfote, Krähenfetz, gesellt euch doch zu uns. Ich denke, Bloody will etwas fragen." Natürlich gehorchten sie, warfen einander begeisterte Blicke zu, fast als hätte sie vorgeschlagen, in einen Freizeitpark zu fahren. Sie setzen sich wirklich zu uns, Goldpfote rechts von mir, Krähenfetz links, Bonny, die diesen Triumpf tatsächlich mehr genoss, als sofort Blut zu vergießen, vielleicht dreißig Zentimeter über mir.
    Ich fragte, genauso wie sie es vorhergesehen hatte: "Wie willst du mich daran hindern? Es gibt nichts, das du mir entgegensetzen kannst, wenn ich gehen..." "Deine Kinder." "M...meine Kinder?" Bonny lachte. "Ja, also, eigentlich unsere Kinder." Mir stellte sich das Fell vor Entsetzen auf, bei dem Gedanken, was sie ihnen schon alles hatte antun können. Ich keuchte. "Du wirst deine eigenen Kinder nicht töten." Goldpfote und Krähenfetz grinsten nur, ihre Herrscherin aber legte den Kopf nachdenklich in den Nacken, als müsste sie sich an längst vergangene Zeiten erinnern. "Eigentlich habe ich sie gefressen." Ich glaub, mir blieb das Herz stehen.
    "Du hast WAS!" "Tu nicht so als ob. Knöpfchen hat dir alles über mich erzählt, mehr als ich eigentlich selbst weiß. Das macht dich gefährlich für mich, fast schon gefährlicher als ich es für den SternenClan bin oder UNSERE Junge." Hoffnung keimte wieder in meiner Brust auf, denn ich wusste, was sie getan hatte, beziehungsweise eben nicht. "Du redest von deiner Zeit bei den Menschen.", seufzte ich erleichtert. "Du hast damals deine eigenen Kinder essen müssen, weil du sonst verhungert wärst. Du hast weder Wurzeljunges noch Natternjunges getötet."
    Etwas ratlos zuckte sie mit den Schultern, was mich irgendwie noch mehr auf die Palme brachte.
    "Bonny.", versuchte ich, ihr ins Gewissen zu reden. "Lass die Kleinen da raus, du weißt doch, dass es sinnlos ist. Die beiden habe doch keine Ahnung, die wissen nicht einmal, dass es einen SternenClan gibt, was, wenn ich darüber nachdenke, sehr traurig ist. Außerdem sind sie mächtig. Es wäre ein Verlust genauso für dich wie auch den restlichen Wald der Finsternis. Wenn es sein muss, müssen sie sterben, aber ich werde dir nicht erzählen, weshalb sie mich hergeschickt haben." Wenn es sein musste, würde ich ihr auch verraten, was Laubrache mir angetan hatte, wer Vogelsterns Vater war, wieso ich mich in der Hölle befand, dem gegnerischen Revier. Aber ich musste bluffen, so und nicht anders lief das hier - sie nannten es das Spiel mit dem Feuer.
    "Na ja." Bonny belächelte mich mitleidig, während die Katzen neben mir schon ganz hibbelig wurden bei ihren Gedanken, dass noch mehr für sie drin war, als nur ein billiges zerfetztes Ohr. "Lassen wir das, wo wir doch beide wissen, dass es nicht stimmt. Also, verrate es mir: Weshalb schickt der SternenClan dich an einen Ort, der geschaffen wurde, um uns von EUCH zu trennen?" Am besten ich blieb bei der Wahrheit solange es ging, dann konnte ich noch ein bisschen Unversehrtheit auskosten. "Weil ich hier eine Aufgabe erfüllen muss, aber, das schwöre ich bei meinem LEBEN, ich habe sie selbst noch nicht herausgefunden. Bitte, du MUSST mir glauben! Wer würde hier schon freiwillig bleiben, wenn er nicht mehr muss?"
    "Hmm, weißt du was?" Bonny war so glücklich, so unheimlich froh darüber, dass sie es tatsächlich nicht tat, ich hatte noch nie jemanden so zufrieden gesehen. "Ich glaube dir nicht."

    "Bonny, Bonny! Lass uns sie töten ja? Sie wird immer lügen, wir wissen doch, dass für SternenClan-Katzen Loyalität über Leben geht, das könnten wir doch beschleunigen, bevor wir noch ihr Märchen glauben." Innerlich wäre ich am liebsten ganz weit weggerannt, denn Goldpfote, die stille Goldpfote, die es bis jetzt noch nicht einmal fertig gebracht hatte, Hallo zu sagen, sah mich an wie ein gebratenes Hähnchen. Besonders mein Ohr schien sie zu interessieren, wo sich nun Schorf gebildet hatte, der da nicht mehr lange bleiben würde.
    Auch Krähenfetz schaute mich anders an, als hätte er diese Seite bis jetzt nur mühsam unterdrücken können. "Es ist nicht fair, Bonny.", zischte er. "Sie blutet und wir dürfen trotzdem nicht angreifen. Das ist wie..." "...wenn man einem Hund den Knochen zeigt und ihn wieder wegzieht!", beschwerte sich die schwarze Katze.
    Bonny seufzte, es tat ihr sichtlich leid, ihre treuen Bluthunde so hinhalten zu müssen. "Noch nicht, meine Süßen, kontrolliert es noch ein bisschen länger. Aber erst einmal: Bindet sie an. Bei dem, was wir hier so an Schmerzen bieten, ist es nicht ungewöhnlich, den Verstand zu verlieren und auch wenn ich die Kleinen gerne euch übergeben würde, an Bloody habe ich nicht ein paar Fragen, die sie mir beantworten wird."

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    Mit vor Panik zitterndem Herzen brachte mich Krähenfetz zur gegenüberliegenden Wand, wo mehrere Seile hingen, die wohl nicht der Dekoration dienten. "Lass mich gehen.", flüsterte ich. Krähenfetz zuckte nur mit den Schultern. "Die Tür steht offen. Beziehungsweise...wir haben hier gar keine. Die Frage ist nur: Bist du bereit, deinen Preis zu zahlen?" Natürlich war ich das nicht und der schwarz-weiße Kater, er ähnelte mit seinen langen, schmalen Ohren ein bisschen einer Fledermaus, lächelte nur. "Halt bitte still." Bonny blieb selbstverständlich auf ihrem Todeshügel, wo sie jede Kleinigkeit perfekt überwachen konnte, denn mein Blut war ihr Spaß. "Goldpfote, mach schon." Wie das Licht die Motten zog meine Verletzung sie an, keiner von beiden war mehr in der Lage sich zu konzentrieren, so sehr fixierten sie mein Ohr. Goldpfote wimmerte: "Bonny, bitte!" "Meine Lieben, ihr kommt schon noch zum Zug." Krähenfetz schnaubte, ohne mich aus den Augen zu lassen und Goldpfote nahm die Seile, band erst meine Vorder- und dann meine Hinterpfoten zusammen. Die Seile waren sehr fest, deshalb schnitt es mir bei jeder Bewegung nur noch tiefer ins Fleisch. Kurz überlegte ich tatsächlich, einfach den Atem anzuhalten, damit ich die Schmerzen nicht mehr fühlte.
    Doch Bonny war bei Weitem noch nicht fertig, sondern war doch gerade erst dabei, anzufangen. Mit einem eleganten Satz landete sie auf dem Boden, packte noch beim Springen einen Dolch mit den Zähnen, auf dem mit goldenen Buchstaben stand: Töte, lächle, lebe., setzte sich in die Mitte der Kammer mir gegenüber. Auf einmal wirkte es hier sehr schutzlos, weil da nichts war, wo ich mich verstecken konnte, ich würde hier sterben, wenn sie es so wollten und es gab für sie keinen Grund, es nicht zu tun.
    Ihre Augen funkelten hart wie Stein. "Bringt sie mir."
    Mit Tränen, die auf die Erde trafen wie vereinzelte Tautropfen, versuchte ich aufzustehen, da ich nicht als Feigling sterben wollte. Wenn ich in dieser Kammer mein Ende fand, dann wollte ich trotzdem mit hoch erhobenem Kopf gehen. Die Droge klebte mir an der Brust, mir war sehr kalt. Ob ich es jetzt wagen sollte? Goldpfote wusste dies zu verhindern. "BITTE, BONNY! Das dauert ja noch ewig!" Ich schaffte es immer noch nicht, mich aufzusetzen und jeder Versuch war tausendfach anstrengender als du es dir vorstellen konntest. Bonny seufzte, sichtlich genervt von dem "fehlenden" Benehmen ihrer zwei Angänger, die doch nichts weiter wollten, als mich schreien zu hören.
    Ich bemühte mich, an Geißel zu denken und die Nacht, als Lynx und ich uns das Nest geteilt hatten, um uns gegenseitig zu helfen, als die Jungen kamen. Vermutlich ging es ihr jetzt besser. Ob sie ahnte, dass ich es aber nicht geschafft hatte? Ich durchlebte noch einmal den Augenblick, mein erstes Treffen mit Habi und danach, später, mit Meerschweinchen. Der gemeinsame Moment auf dem Stein mit Sonnenruß, wie Fuchsjunges mich Mama genannt hatte und ich wusste, dass das nicht richtig war, weil ihre Mutter gar nicht mehr lebte. Ich hatte es trotzdem genossen, für Meerschweinchen und all die Kätzinnen, die ihre eigenen Kinder niemals mehr treffen durften. Es war immer der Tod, der uns von dem trennte, nach dem wir uns sehnten, und es war Vertrauen, Loyalität und Liebe, die die einzigen Brücken in dieser Trostlosigkeit schlugen.
    Goldpfote packte das Tau, das meine Vorderpfoten aneinanderband und lächelte bösartig. Der SternenClan hat uns so viel genommen und nun hat er jemanden geschickt, um für Gerechtigkeit zu sorgen, nicht wahr? Du willst doch Gerechtigkeit, oder? Dann wirst du das verstehen. Mir bieb fast das Herz stehen, als sie so heftig am Seil riss, dass es mich über den Boden zog. Natürlich tat es weh. Es tat SEHR weh. Jaulend versuchte ich, mich dagegen zu stemmen, aber sowohl meine Muskeln als auch mein Kopf waren zu schwach dafür. Es gab nichts mehr zu kämpfen. Ich musste mich für meine Jungen opfern, sonst hatte ich es nicht verdient, am Leben zu sein.
    Wimmernd wurde ich erst wieder losgelassen, als ich die Augen öffnete, die ich in dieser Flut an Eshatnochgar nichtangefangenundichspürmeinePfotentrotzdemnichtmehr wohl zusammengekniffen hatte.
    "Dreht sie auf den Rücken.", hallte Bonnys Stimme, die ich zum ersten Mal todernst hörte, von der Kammer der Hölle zurück. Krähenfetz und Goldpfote nahmen mich und ehe ich wirklich Zeit hatte, zu protestieren, mich irgendwie zu wehren, lag mein Bauch vollkommend schutzlos da. Bonny nahm ihren Dolch. "Tu es nicht.", flüsterte ich, zu mehr fehlte mir einfach die Kraft. "Das Töten muss aufhören, sonst werden die Clans sterben, bevor die Menschen sie töten." Bonny schnaubte nur wenig beeindruckt. "Was hätte ich schon davon? Es ist ganz einfach: Du sagst mir die Wahrheit, egal, was ich wissen will, wenn du lügst, oder wenn ich auch nur denke, dass du lügst, werde ich KREATIV. Erzähl mir, BLOODY, wer hat dich hergeschickt?"
    "Das geht doch locker", fügte Krähenfetz hinzu, der meinen Blick mit schmalen, grünen Augen festhielt. "Wir wissen die Antwort schon. Mal sehen, ob du es verstanden hast." Ich schluckte. Sie werden mich so und so foltern und vielleicht auch töten, dann mussten sie nicht auch noch Informationen erhalten, die eine ganze Welt vernichten konnten. "Niemals.", flüsterte ich. Goldpfote stöhnte gereizt. "Komm schon, dumme Katze, was soll das?" Es kostete mehr Mut als ich jemals gedacht hätte, ich würde aufbringen, und trotzdem erwiderte ich: "Ich werde es nicht schaffen, egal was ich sage oder mache. Ich sage es euch aus Prinzip nicht."
    "Tja." Bonny legte den Kopf schief und beugte sich über mich, fast als wolle sie meinen Bauch begutachten, um zu entscheiden, wo sie am besten zustach. Sie säuselte: "Dann muss ich dir eben aus Prinzip weh tun."
    Was danach kam, ich wollte es gar nicht in Worte fassen, aber es nicht auszusprechen, hätte genauso wenig an diesen Schmerzen geändert, die mich schreien ließen, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hörte. Bonny griff den Dolch fester, dann ritzte sie ein großes V in meine Haut, dort, direkt über meinem Herzen, das schlug und schlug und noch nicht sterben wollte. Das Schreien wurde zu Weinen und Bonny betrachtete ihr Werk sichtlich zufrieden. Goldpfote strahlte förmlich. "Du hast sehr schönes Blut, Wildherz, du solltest stolz sein."

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    Was ich rausbrachte war allerdings kaum mehr als ein verlorenes Schluchzen, das noch einmal alles durchlebte, was mir das Schicksal genommen hatte. Ich war so alleine. Aber das schlimmste war immer noch - ich würde es für immer bleiben. Liebe und Hoffnung, das waren doch alles nur Illusionen um nicht die Realität ertragen zu müssen, was gab es denn auf dieser Welt, dass es sich lohnte sie zu retten? Der SternenClan hatte mich im Stich gelassen, zum was weiß ich schon wie vielten Mal und mein Vertrauen war bis auf seine Grundfesten erschüttert. Vielleicht waren es aber auch nur diese zerreißenden Fluten an Schmerz, dich mich nicht mehr klar denken ließen. Bitte, ich flehe euch an. So viel habe ich für euch geopfert und jetzt wollt ihr mich sterben lassen? Ich habe euch vertraut und ihr habt mich an den Wald der Finsternis verraten. Mein letzter Entschluss stand: Ich werde es besser machen als diese unsichtbare Ansammlung an Toten. Gelbzahn hat gesagt, dass der Tod eine dumme Katze auch nicht klüger macht, aber ich wusste, was es tat: nämlich das Leben. Ich werde NICHT als Verräterin umkommen.
    "Nächste Frage." Bonny legte den Dolch beiseite, im Licht der roten Fackeln an den Wänden konnte ich mein eigenes Blut darin sehen, und ich stöhnte. Mein Blut war nicht einmal richtig rot, sondern eine glühende Mischung aus Hellrot, Lavendellila und Blau. Wenigstens war mein Blut hübsch.
    Goldpfote miaute: "Wir sollten sie fragen, ob noch andere hierhergeschickt worden sind." Theoretisch hätte ich jetzt irgendwelche Namen sagen können, egal, wen ich nannte, Bonny wäre zufrieden, weil sie jemanden bestrafen durfte, ob verdient oder nicht. Vielleicht Taubenschreck oder...Knöpfchen, Knöpfchen mochte sie sowieso nicht. Wen kannte ich noch? Lolly, dann wäre es hier ein besserer Ort, Dunkelstreif ging auch, aber...dann wäre ich nicht besser als sie gewesen. Schwach wiegte ich den Kopf hin und her, da jede ruckartige Bewegung mir gefühlt die Brust entzwei riss. "Ich weiß es n...nicht." Auf einmal stutzte Bonny und zwar nicht wegen meiner Weigerung, sondern wegen einer winzigen Tablette, die durch das Blut deutlich hervorstach. Dann lächelte sie, wenn auch nur ganz leicht. "Taubenschreck hat dir das gegeben, nicht wahr? Oder war es seine Schwester...wie hieß sie noch gleich...Graufleck?" Mein ganzer Körper zitterte unkontrolliert, was es mir schwer machte, einen vernünftigen Satz zu bilden. "Ihr Name ist Grausprenkel und sie ist seine Cousine, nicht seine Schwester. Außerdem hat Goliath sie bereits ermordet." Bonny legte den Kopf schief und sah mich aus großen, aufmerksamen Augen an. "Tatsächlich? Nun...dann lasst Taubenschreck töten." "Muss ich gehen?", fragte Krähenfetz widerwillig. "Dann verpasse ich den größten Spaß." Bonny erwiderte: "Du tust gefälligst, was ich dir befehle und mein Befehl lautet: Nachher. Ich werde hier kein Risiko eingehen." Bonny war wütend, selbst wenn sie lächelte, diese negative Energie umgab sie fast noch öfter, als das Blut von Unschuldigen. Und sie war fest entschlossen, ihre verborgene Unbeherrschtheit an mir auszulassen.
    "Weil ich gerade so gute Laune habe", fuhr sie sie fort. Ja, weil sie ich so schön schreien kann. "ändere ich die Frage extra für dich um: Soll Taubenschreck ertränkt oder erschossen werden?" Wer bitte war so dumm gewesen, dem Teufel eine SCHUSSWAFFE zu überlassen! Aber jetzt war ich auch wütend und zwar so RICHTIG. Der SternenClan hatte mich verraten, nicht Taubenschreck. "Gar nicht.", knurrte ich. "Ihr lasst ihn leben, weil er unschuldig ist." "Süße.", schnurrte Bonny und Krähenfetz und Goldpfote warfen sich nur genervte Blicke zu. "Wenn es eine Rolle spielen würde, ob jemand schuldig ist oder nicht, dann wärst du nicht hier."
    Ihre Augen ruhten auf dem Fleck, wo die Tablette blutgetränkt lag, direkt unter dem großen, lilablauroten V. "Haltet sie fest."
    Auf Befehl hin legte sich Krähenfetz über meine Brust und meine gefesselten Vorderpfoten, so, dass das V und die Stelle darunter noch offen waren, Goldpfote drückte meinen Bauch nach unten.
    Ein paar Katzen draußen vor dem Bau, vielleicht gehörten sie zu Bonny oder sie waren zufällig dort, schracken auf und rannten verstreut in alle Richtungen davon, als sie das schmerzgetränkte Jaulen aus dem Mittelgang vernahmen. "Lass uns nie wieder da hingehen.", flüsterte Igelstern, eine vergangene Anführerin aus dem RabenClan, dem Serienmörder Spicy zu. Sie hatten Bonnys Folter schon oft gehört, aber dieses Mal war es wohl am schlimmsten.

    Goldpfote schnurrte nur freundlich, während weiteres Blut die Erde und Bonnys Fell durchnässte. Ehrlich gesagt, war es ihr lieber, solange ich mich wehrte, dann durfte sie vielleicht auch einmal.
    Das E brannte wie Feuer, das versuchte, meine Gedanken zu vergiften und ich flüsterte: "Ich bin keine Verräterin." Bonny lachte schadenfroh. "NATÜRLICH bist du das. Erinnerst du dich an Knochen oder die kleine, weiße Katze? Was ist mit Terror? Er wäre nicht tot, hättest du Wurzel nicht geholfen. Wem hast du noch alles das Leben gekostet...dem anderen Kater aus dem BlutClan, Pilzkralle, Mohnpfote, die ganzen Morde während deiner Zeit mit mir habe ich gar nicht erwähnt ..." "Meinst du, ich werde das jemals vergessen?", flüsterte ich, weil ich keine Kraft mehr übrig hatte. "Denkst du, ich hätte es nicht verhindert, wenn ich gewusst hätte, dass Pilzkralle springen will?" Krähenfetz schnaubte, verärgert, dass ich mich tatsächlich noch traute, überhaupt IRGENDWAS zu sagen. "Fakt ist, dass du es nicht getan hast."
    Bonny sagte: "Frage Nummer Drei. Obwohl...genau genommen hast du meine Frage, ob es hier noch andere gibt, auch nicht beantwortet." Ich beließ es einfach dabei, versuchte gar nicht, sie daran zu erinnern, dass sie mich hatte verschonen wollen, weil sie das eben jetzt nicht mehr wollte, einen Dolch in den Pfoten hatte, ich Stricke und defintiv keine Kraft dafür.
    Es war ein großes R, unter dem V und dem E, mein Blickfeld wurde immer verschwommener und alles war seltsam weit weg. Wenn ich Glück hatte, SternenClan, bitte, wenn ich ohnmächtig wurde, wären die Schmerzen vorbei. Ich hatte schon zu viel Blut verloren. Lange konnte es nicht mehr dauern, aber die Angst, dass ich dann nie wieder aufwachen würde, ließ mich trotz allem bei Bewusstsein bleiben. Bonnys ganze Brust, ihre Pfoten und ihr Mund, mit dem sie den Dolch gehalten hatte, waren voller Blut.

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    "Ich muss zugeben, mir geht langsam die Geduld aus.", meinte Bonny, als ob sie eben vorgeschlagen hätte, sich einen zweiten Hamster zu kaufen. Ich konnte einfach nicht den Blick vom Dolch abwenden, denn, irgendetwas sagte mir, wenn ich es tat, würde ich sie nur weiter provozieren. Also nickte Krähenfetz an meiner Stelle langsam. Goldpfote belächelte mich recht wenig mitleidig.
    "Bloody, ich gebe dir noch eine letzte Chance. Weil ich so nett bin. Willst du das hier wirklich? Sie haben dich verraten, Bloody, alles nur leere Versprechungen, damit du ihnen einen Vorteil gibst, den sie jetzt am Ende so und so verlieren. Du könntest etwas haben, das ich mir schon immer gewüscht habe, verstehst du, Herzchen? Es ist doch so UNGLAUBLICH einfach! Sag mir, was du hier suchst, sag es mir und ich mache dich zu einer von uns." Ganz langsam strich sie mir mit dem Dolch über die Kehle, aber ich wusste, sie wollte mich noch nicht töten. Ich hatte Informationen, welche sie brauchte, um das haben zu dürfen, dass sie sich doch wünschte - es war Rache. Erneut schniefte ich: "N...nein. Ich b...bin keine Verräterin." "Ok." Bonny ließ den Dolch knapp neben meiner Schulter fallen und fing an, nachdenklich um uns im Kreis zu laufen. Obwohl es sicher interessanter gewesen wäre und auch eindeutig vernünftiger, Bonnys Bewegungen zu folgen, waren Goldpfotes und Krähenfetz' Augen immer noch auf mich gerichtet. "Hm..", überlegte die schwarz-rot-weiße Kätzin laut. "Es wäre sowieso lustiger, wenn du dabei zusiehst, wie Natternjunges und Wurzeljunges sterben." Sie lächelte ihr breitestes Lächeln, das sämtliche Zähne entblößte und doch nur einem Zweck diente: Sie demonstrierte ihre Macht, weil ihr genau klar war, dass ich wehrlos war. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte, wer plante schon sie aufzuhalten? Nicht einmal die Clans hatten eine Chance, sollte Bonny beschließen, sie auszulöschen. Eine leise Ahnung beschlich mich, eine Idee, was meine Aufgabe sein könnte, zusammen mit dem Gefühl noch angreifbarer geworden zu sein als jemals zuvor. Ich keuchte: "Bitte nicht. Es wird dir nichts bringen, Bonny." "Ach, Bloody!" Hämisch lächelnd blieb sie bei meinem Kopf stehen und beugte sich so weit über mich, bis sich unsere Nasen beinahe berührten.
    In ihren Augen sah ich eine geschlagene Katze, mager, verletzt und mit starkem Blutverlust. Meine Augen schienen in der Finsternis und dem dämmrigen Licht ungewöhnlich hell hinter halb geschlossenen Lidern. Magisches Blut floss mir aus dem leicht geöffneten Mund und ich dachte an Veilchenmonds Versprechen, das letzte, das sie mir gegenüber brechen sollte. Trotzdem hörte ich ihre Stimme, als wäre sie direkt neben mir. Warum denkst du, die Sterne sind erloschen, nur weil die Sonne aufgeht? Reiß dich zusammen. Du hast gefälligst noch zu leben oder willst du etwa nach all dem aufgeben? Ja. Und Veilchenmond: Es spielt keine Rolle, ob die Sterne noch da sind oder nicht, da die Sonne mich töten wird, bevor ich sie wiedersehe. Ihr habt mich verraten; das einzige mit dem ich euch weh tun kann, ist es euch trotzdem nicht im Stich zu lassen, weil ihr mich dann zu euch holen müsst. Jeden Tag werdet ihr mich sehen, mit den Narben, halb verblutet im Schnee ohne etwas zu fühlen. Ich hoffe, es zerreißt euch bei diesem Anblick. Wildherz...es wird nicht dazu kommen. Aber wenn du es wissen willst - DIESER Anblick genügt mir, um zu wissen, was für einen Fehler wir getan haben. Und ich kann nicht einmal etwas anderes tun, außer dich um Vergebung zu bitte.
    Ich kann euch nicht verzeihen. Es tut mir leid.
    Bonny zischte: "Ich möchte wissen, was deine Aufgabe ist, Bloody, weshalb sie dich mir ausgesetzt haben." Ich konnte meine Kinder nicht sterben lassen, egal, was das für mich oder irgendwen anderes bedeutete. SternenClan, MIR tut es leid.
    Aber jetzt wusste ich es. Veilchenmond hatte mir endlich verraten, aus welchem Grund ich noch lebte, wieso ich hier war und gefoltert wurde. "Du.", sagte ich, so leise, dass ich es beinahe selbst nicht verstanden hätte. "DU bist meine Aufgabe." Bonny knurrte unzufrieden. "Du lügst nicht." "Nein."
    Dann seufzte sie und richtete sich wieder zu ihrer vollen Größe auf. "Na gut.", schnaubte sie recht miesgelaunt. "Ich halte, was ich sage, zumindest meinem eigenen Fleisch und Blut gegenüber. Die beiden werden nicht sterben, aber...es wäre nicht richtig, das Wort jetzt nicht mehr zu vollenden. Nicht wahr?" Goldpfote nickte eifrig und es sah so aus, als ob Krähenfetz sabbern würde, als Bonny den Dolch wieder aufhob. "Du hast den SternenClan verraten, Bloody.", miaute sie. "Nimm es mir nicht übel, aber du BIST eine Verräterin." Statt einer Katze saß da nun eine Füchsin mit eisblauen Augen, die sich nicht einmal die Mühe machte, sich zu mir umzudrehen. Einfach auf stand sie, sie stand auf, ging quer durch die Kammer und sprang wieder auf ihren Todeshügel, von wo heraus sie einen Knochen fischte an dem noch ein wenig Fleisch hing.
    "Goldpfote, hol bitte Kleekralle. Ihr habt es euch jetzt verdient."
    Wenn Goldpfote los ließ, dann...gar nichts. Ich war gefesselt. Gar nirgedwo werde ich hingehen.
    Und Goldpfote kam zurück und zwar in Begleitung von einer dunkelgrauen Kätzin mit Fell, das ihr fünf Zentimeter lang mit wilden Locken vom ganzen Körper abstand. Nicht einnal ihre Augen konnte ich hinter dieser Mähne ausmachen.
    "Kleekralle, Goldpfote, Krähenfetz, ich will sehen, wenn sie stirbt. Kommt wieder her und nehmt sie mit." Inzwischen tat ich einfach gar nichts mehr, als Kleekralle und Goldpfote ganz entspannt meine Fesseln packte und mich wieder vor den Todeshügeln zerrten, von wo aus Bonny mit hungrigen Augen auf mich hinuntersah. Trotzdem hielt ich ihren Blick stand, der meine eigene Erbärmlichkeit so sehr widerspiegelte.
    "Auf den Rücken.", fauchte Krähenfetz mich an. Im Moment lag ich auf der Seite, was ein recht schönes Gefühl war, weil ich dann nicht so schlimm Angriffsfläche darbot. Natürlich war es genau das, das sie doch benötigten, also nahm Goldpfote den Dolch mit den Zähnen und ritzte mir das linke Ohr, das bisher noch Unbeschädigte, damit auf. Regenbogenähnliches Blut lief mir über die Stirn. Bestimmt hatte ich Fieber, da alles so verschwommen und überhitzt war. Mit einem traurigen Lächeln musste ich daran denken, was für ein Glück ich doch hatte, denn, wenn ich heute tot war, musste ich doch morgen keine Grippe mehr ertragen, oder? Konnte man im SternenClan krank werden? Obwohl...falsche Welt nach dem Tod. Es machte mich fertig, zu wissen, dieselbe Hölle mit Bonny teilen zu müssen, sobald es endlich vorbei war. Sie konnte mich theoretisch immer wieder jagen, sooft es ihr nur Spaß machte.
    Ich drehte den Bauch nach oben, ohne zu blinzeln starrte ich Bonny direkt ins Gesicht. Es wird dich auch nicht glücklicher machen. Wie viele Katzen müssen sterben, bis du das begreifst? Nur noch eine.Veilchenmonds Auskunft war zwar ein sehr schwacher Trost, aber besser als nichts. Ich schloss die Augen. Was sollten meine letzten Worte sein? Noch nie hatte ich mir darüber so richtig Gedanken gemacht und jetzt..ich sagte einfach, was ich im Moment dachte: "Vergib mir, Geißel." Ich war niemals wieder zu ihm zurückgekehrt und das, obwohl ich es ihm doch versprochen hatte.

    99
    Ich lag da, vollkommen bewegungslos, dem leisen verhaltenen Lachen der Schatten um mich herum lauschend. Meine Augen waren fast geschlossen, glühten in stiller Verzweiflung, dass es endlich aufhörte, sie dem Leiden ein Ende setzten, wenigstens um es dem SternenClan so richtig reinzuwürgen. Was konnte demütigender sein, als ein zurückgeschickter Soldat? Aber noch hörte ich es tropfen Tropf...tropf, spürte mein durchnässtes Rückenfell, an dem mein eigenes Blut klebte. Überall war es, rann von den großen senkrechten Buchstaben, alle rotblaulila wie ein erloschener Regenbogen, nur um dann mein Fell noch bunter zu machen als es schon davor gewesen war. Die einzige, die nicht lachte, war Bonny, obwohl ich es von ihr doch so sehr erwartet hatte - warum tat sie es nicht? Konnte es sein, dass sie Respekt empfand, Respekt für eine gefallene Kriegerin, gestorben, um ihre Loyalität zu beweisen? Tropf...tropf machte es, wenn die grelle Flüssigkeit von dem Dolch glitt, den Krähenfetz so stolz erhoben hielt. Auch Goldpfote sah sehr glücklich aus, denn sie konnte sehen, was da auf meinem Bauch, meiner empfindlichsten Gegend, geschrieben stand -

    VERRÄTERIN

    Ich war eine Verräterin und vielleicht hatte ich das deshalb auch verdient. Ich winselte, der klägliche Laut hallte von den Wänden zurück und alle sahen zu Bonny, die immer noch keine Miene verzogen hatte. Dann räusperte sie sich: "Du lebst noch. Sollen wir es beenden?" Der SternenClan durfte mich nicht mehr aufnehmen, wenn es vorbei war, denn ich hatte sie verraten wie sie mich. Eigentlich wollte ich noch gar nicht tot sein. Ich hatte mir immer gewünscht, dass es wieder wie im LibellenClan werden könnte, als es noch in Ordnung war so wie es war, oder zumindest so ähnlich wie im DonnerClan. Zwar hatte ich nie so richtig dazugehört, aber weder gab es dort Totschlag noch Hetzjagd oder Dolche. Meine Jungen hätten sicher aufwachsen können.
    "Versprich mir, dass du Natternjunges und Wurzeljunges gehen lässt.", röchelte ich entkräftet. Unerträglicher Schmerz hielt meinen Körper umklammert, deshalb war es nicht mehr nötig, dass ich Fesseln trug. Trotzdem ließ Bonny sie mir nicht abnehmen, denn dann hätte sie der Barmherzigkeit in ihr nachgegeben.
    "Ich mache keine Versprechungen, Bloody, erst recht nicht, wenn ich nicht vorhabe, sie einzuhalten. Außerdem hast du mir nicht geantwortet." Statt einem Fuchs war sie nun eine schlanke Drachin mit weißen vom Blut befleckten Schuppen und kristallklaren grünen Augen.
    Eine einzige Träne fand ihren Weg über mein Fell, landete mit einem kaum hörbaren Aufkommen in ihresgleichen auf dem Boden. Entweder waren es Tränen oder Blut oder beides, nur Frieden gab es hier nicht.
    Ich lächelte leicht, ein sehr, sehr trauriges Verziehen der Mundwinkel, weil ich nun einmal nicht mit bekümmerter Miene sterben wollte. Ich flüsterte: "Es gibt nichts mehr, dass du mir nehmen kannst." Die anderen warteten immer noch, hofften darauf, dass sie es waren, die es zu Ende bringen durften. Bonny ließ ihren Blick sorgsam und nachdenklich über jeden einzelnen von ihnen kreisen, nur mir sah sie mir nicht mehr ins Gesicht. "Was denn?", fragte sie einfach so aus reiner Langeweile. "Noch lebst du. Was beschwerst du dich?" Ich lachte bitter. "Das hier ist kein Leben mehr, Bonny. Ich bin ein Schatten meiner selbst, siehst du das denn nicht? Du hast mir alles genommen. Meinen Gefährten, meine Kinder, meine Hoffnung, eine neue Chance, meinen Mut, meine Stärke, mein Blut. Meinen Willen. Es gibt hier nichts mehr, für das es sich lohnt zu kämpfen."
    Auf einmal richteten sich alle Augen Richtung Ausgang der Kammer, nur meine nicht, ich stöhnte nur, weil ich wusste, mit jeder Sekunde wurde ich schwächer, war einen Schritt näher am Schluss dran.
    Eine vertraut zickige Stimme ertönte: "Na los, Bonny." Alles schwieg. "Gib ihr ihren Willen zurück." Ganz langsam, GEFÄHRLICH langsam, verengten sich ihre tödlichen Augen zu Schlitzen. Ihre Flügel raschelten angriffslustig, während sie sich vorbeugte, um unsere Besucherin besser zu sehen. "Entweder willst du Krieg oder Tod, Kätzchen. Verrätst du es mir?" Die Kätzin schnaubte ohne den Blick abzuwenden und das wusste ich, obwohl ich sie nicht sehen konnte. "So heiße ich nicht.", miaute sie diesmal sanfter. "Mein Name ist Veilchenmond. Ich bin gekommen, um unser Versprechen zu halten."

    Wenn ich gekonnt hätte, am liebsten würde ich ihr in die Augen sehen, um zu wissen, ob sie da die Wahrheit sagte, ob sie es endlich beenden wollte. Bonny sagte: "Sag mir, Katze, willst wirklich Krieg zwischen Wald der Finsternis und SternenClan beschwören um eine Katze, die noch nie in ihrem Leben etwas geleistet hat? Wer ist sie schon, dass ihr um sie kämpfen wollt? SternenClan-Katze, ja, du, du mit den gelben Augen und dem grau gesprenkelten Fell, verlass unser Revier oder sie ist nicht die einzige, die sterben wird." Doch Veilchenmond blieb unbeeindruckt. Ich wünschte wirklich, ich könnte sie sehen, nach Bonnys ärgerlichen Grimasse musste ihre Gelassenheit Leben wert sein. "An dem, was du gesagt hast, war gerade so viel falsch, selten habe ich so viel Lüge in einem einzigen Satz gehört. Erstens: Der SternenClan wird und kann nicht um sie kämpfen. Dass der Himmel eine Armee aus Engeln schickt, soweit kommt es noch, dass sich niemand fähiges mehr findet, der kämpfen will. Im Gegensatz zu euch, hat der SternenClan Katzen, die leben UND sogar zu ihnen stehen.
    Zweitens: Wildherz ist dazu bestimmt, mehr zu leisten als es jeder deiner Krieger in den Reihen der Hölle tun wird. Sie ist ihre mächtigste Waffe, sonst hätten sie sie nie hierhergeschickt." Veilchenmond machte eine kurze Pause, um Luft zu holen. "Denkst du allen Ernstes, irgendjemand von uns würde sie herbringen, wenn wir uns nicht absolut sicher sind, dass sie stark genug sein wird? Und außerdem, BONNY, ich komme nicht vom SternenClan. Ich bin eine Abspaltung von Wildherz' Seele, ein Funke, der abgebrochen ist, nachdem sie Enzianpfote, Tigerpfote und Steinpfote ermordet aufgefunden hat. Es ist Zeit, zu gehen, Teufel."
    Noch während Veilchenmond verblasste, tauchten gleich mehere unscharfe Gestalten am Eingang der Kammer auf, alle bereit für einen Kampf, der über so viel mehr als nur mich entschied und ja, DAS konnte ich wieder sehen, denn irgendwie hatte ich es dennoch geschafft, mich auf die Seite zu rollen, starrte den Katzen, die man im Dämmerlicht nicht richtig erkannte, entgegen. Der SternenClan hatte sein Versprechen gehalten.

    Bonnys Blick verfinsterte sich noch mehr, falls das überhaupt möglich war, eisblaue Flammen zischten an ihrem Rücken und ihren Flügeln empor. "Tötet sie alle."
    Jaulend stürzten sie nach vorne, Goldpfote, Krähenfetz, Kleekralle und selbstverständlich auch Bonny, die sich noch im Sprung in einen Otter mit haigleichen Zähnen verwandelte. Ob ich zu diesem Zeitpunkt Angst hatte? Hausaufgabe für dich: Lege dich gefesselt einer Gruppe Kämpfender gegenüber, deine Seite wird vermutlich verlieren, lass dir am besten davor noch ein Messer reinrammen, damit es authentischer wird, dann chill und tu so, als ob nichts wäre.
    Mit einem Schreck stellte ich fest, dass ich die dunkle Kätzin ganz vorne bereits kannte, ebenso ihre zwei Kinder, nein, sie waren bereits Schüler, die sich Seite an Seite auf eine überforderte Kleekralle stürzten, ihr böse Schrammen an der Stirn und der Flanke zufügten, die so noch lange an dieses Duell erinnern würden. Ich hätte kämpfen sollen, nicht sie. Ich hatte versagt UND war eine Verräterin. Nein, das bist du nicht. Hör auf damit, Veilchenmond, sonst kann ich nicht einmal dir mehr trauen. Eine zierliche sandfarbene Kätzin mit weißen Pfoten und einem dunkelbraunen Herz auf der Brust packte Goldpfote, doch die kümmerte sich gar nicht darum, trat mit allem, das sie hatte, nach Beinen, Kopf, Brust und Hals. Sehr schnell rollten beide über die blutbefleckte Erde wie zwei tollwütige Wiesel, zu verbissen, um den anderen endlich gewinnen zu lassen, denn für sie ging es um die Ehre. Die Sandfarbene war eine echt gute und vor allem wendige Kämpferin, eine ebenbürtige Gegnerin für einen Dämonen.
    Wenn verraten heißt, seine Liebsten zu schützen, zwischen den Toten und den Lebenden abzuwägen und sich für das Leben zu entscheiden, wenn Verrat Totschlag bedeuten würde, es gäbe diese Welt nicht mehr. Du warst nicht nur loyal, das nennen wir auch weise. Ein winziger Kater rannte hinzu, ihm folgten Goliath und Honigherz, doch er war zu wütend, um einem von beiden nachzugeben. Taubenschreck. Verbittet schlug er zu, für das, das sie ihm hatten nehmen wollen - Hoffnung. Es war vorbei. Zusammen konnten wir ein neues Leben finden.
    Aber das waren noch nicht alle: die kleine, weiße Kätzin, ja genau die, die ich zusammen mit Bonny getötet hatte, Knöpfchen, ein etwas molliger hellbrauner Kater mit sehr spitzen Ohren und großen braunen Augen, drei Schülerinnen, garantiert nicht älter als zehn Monde, eine schöne Füchsin, Lichtherz, Sol, ja, DER Sol, die hellbraune Kätzin, die ich getroffen hatte, als ich von der Betäubung aufgewacht war, und ein junger, weißer Kater mit bernsteinfarbenen Augen folgten ihnen. Sie alle waren blutbefleckt, sahen abgekämpft und mager aus, doch sie waren hier, um mich zu retten.
    Natürlich würden die Dämonen verlieren, anders ging es gar nicht bei der zahlreichen Überlegenheit unserer Truppe. Und deshalb griff sie zu einem letzten Trick aus ihrer Kiste der besten Erpressungsversuche.
    Weil sie so verbittert känpften, bekam es niemand mit, wie sie ganz entspannt zum Dolch schlenderte, sich sogar noch einmal die Pfote putzte, als sie im Spiegelbild bemerkte, wie blutig sie schon war, ihre Gestalt zurück zur Katze änderte und den Dolch ganz ruhig an meine Kehle hielt. Wenn ich noch irgendwie Kraft gehabt hätte, ich hätte vor Verzweiflung geschrien.
    "Hört auf, zu kämpfen. Oder das, wegen dem ihr hier seid, stirbt trotzdem."
    Erschrocken fuhren beide Parteien auseinander, meine Gruppe wich zum Ausgang der Kammer zurück mit wachsam gebückter Haltung und gesträubtem Fell, das von leichteren Verletzungen und Kratzern gezeichnet war. Bonny lächelte zufrieden. "Es war dumm von euch, es überhaupt zu versuchen.", miaute sie glücklich. "Jetzt werdet ihr nämlich alle sterben." "Ihr seid nur zu viert.", setzte die Sandfarbene entgegen. "Daraus wird nicht's, du freundliche Massenmörderin." "Hmm...es ist schon ziemlich interessant, dass ihr alle euer Leben für jemanden riskiert, der euch nicht viel zurückgeben kann. Aber wie weit geht diese Loyalität? Wenn ich sage, ich lasse euch einzeln hinrichten und wenn jemand eingreift, töte ich sie, würdet ihr es immer noch tun?" Flackernder Zweifel machte sich zwischen den Gefährten breit, denn mit so einer Situation hatte keiner gerechnet, nur einer, der schon. Beinahe hätte ich es selbst nicht gesehen, das kurze Aufblitzen von schwarzem Fell, als sich ein Kater, leise an uns heranschleichend, hinter seinen Gefährten verborgen, seinen Weg zu uns suchte.
    Bonny grinste wissend. "Noch könnt ihr gehen, auch wenn ich denke, ihr werdet nicht weit kommen." In diesem Moment drängten sich drei kleine Kätzchen an meiner Truppe vorbei, Natternjunges, Wurzeljunges und eine Weiße mit roten Flecken und sehr schönen, lila Augen. "Du darfst das nicht!", fauchte Natternjunges. Ihre Freunde knurrten zustimmend. Bonny lachte. "Und wer..." Sie fiel tot um, noch bevor sie zu Ende reden konnte.

    100
    Geißel wirkte so glücklich, sich endlich rächen zu können, nachdem sie mich geholt hatten, es war Zeit, dass jemand Bonny zur Rechenschaft zog und es war deutlich, dass er diese Aufgabe für sich beanspruchte. "Das war dein letzter Fehler.", miaute er so emotionslos wie sie ihn in den Büchern immer dargestellt hatten. "Sie gehört mir." Ich unterbrach ihn: "Auch wenn wir darüber später noch reden werden, will ich...dass wir einfach nur verschwinden." Geißel war gereizt, dass er mich nicht als seinen Besitz beanspruchen konnte wie bei seinen Krallen oder seinen Morden, aber er nickte entschlossen, wobei Kleekralle, Goldpfote und Krähenfetz ängstlich an die Wand zurückwichen. "Ich verspreche dir, ich bringe dich von diesem Ort weg." "Das werden wir alle tun.", pflichtete ihm der junge, weiße Kater bei. Weshalb waren sie hier? Niemand stellte sich gegen Bonny, es sei denn, er hatte ein Ziel, nur was brachte es irgendjemanden von ihnen, mir zu helfen? Ich war nichts weiter als ein weiteres Opfer, verschleppt in eine Kammer ohne Widerkehr.
    "Ich weiß, dass du uns nicht vertrauen solltest und ehrlich gesagt, trauen wir weder ihm" Lynx deutete mit dem Kopf zu Geißel, der die Ohren anlegte und sich langsam das Blut von der Pfote wischte, mit der er Bonny das Rückenmarck durchtrennt hatte. "Noch dir, aber wir werden kämpfen müssen, um den Wald der Finsternis hinter uns zu lassen und zwar alle gemeinsam. Wir halten uns gegenseitig den Rücken frei. Los!" Auf Signal sprangen die Katzen aus der Kammer, nur ich nicht, weil ich noch zu schwach war, besser gesagt, gerade verblutete, doch vor allem...wegen ihr. Der SternenClan wollte nicht, dass jemand Bonny tötete, denn das dunktionierte nicht, wenn sie weder tot war noch lebte. Sie hatten mir das alles angetan, damit jemand sie erlöste und ich durfte diese Kammer nicht eher verlassen, bis ich meine Pflicht getan hatte, als Kriegerin, nicht als Katze. Eine Katze durfte sich jede Kreatur meiner Art nennen, Soldat, nur wer sich Loyalität und Mut verdiente.
    Schläfrig öffnete Bonny die Augen, während die Wunde an ihrem Nacken wieder heilte, nichts weiter zurückließ, als zwei unter dem Fell kaum erkennbare, Narben.
    "Bonny.", sagte ich. Sprich weiter. Aus hasserfüllten Augen starrte sie zu mir hoch, so viel Leiden und Angst, erneut alles zu verlieren. Man half niemandem mit Furcht, der bereits Panik verspürte. Es musste einen besseren Weg geben und ich glaube, ich hatte ihn endlich gefunden. Wie eine weiche Decke, in der ich die Sorgen, das Denken verlor, strich Veilchenmonds Fell über meines und ich wusste, die graue Kätzin war da, neben mir, obwohl ich sie nicht sehen konnte. Tu es.
    "Es ist vorbei, Bonny.", sagte ich, die Katzen am Ende der Kammer kratzten vor Ungeduld an der Erde. "Sie wird uns alle töten.", miaute irgendwer im Hintergrund. "Wir müssen gehen." "Und zwar jetzt." "Wer ist sie, dass wir ihr überhaupt vertrauen?"
    Bonny verzog ihr Gesicht zu einem erbärmlichen, steifen Grinsen. "Das haben sie alle gesagt; was bist du, dass du dein Versprechen halten willst?" Einige Sekunden verstrichen, ich spürte die Angst von allen Seiten, Bonnys, die ihrer Gefährten, die meiner neuen Kameraden, die geballte Angst der Dämonen, genauso wie meine eigene. Es musste aufhören. Mach schon. Wir haben hier NICHT den ganzen Tag Zeit! Ich hasse dich, weißt du das? Sogar dich hätte ich für fähig gehalten, zwischen wissen und interessieren zu unterscheiden. Veilchenmond war back.
    Und dann sagte ich es, ließ diese Augen, die so viele Schmerzen verursacht hatten, sich jede Nacht in die Alpräume ihrer Opfer stahlen, nicht aus meinen eigenen: "Ich vergebe dir. Du bist frei." "Frei...", flüsterte sie und zum ersten Mal war ihr Lächeln echt, als ihr Körper zu der Asche zerfiel, wie er es schon so lange hätte tun sollen. Sie sollte weder in den Himmel kommen noch in die Hölle, jetzt war sie eins mit der Natur.
    "Los jetzt!", schimpfte die Sandfarbene. "Und ihr drei Verbrecher, ihr bleibt wo ihr seid!" Doch keiner von ihnen reagierte, wie Gespenster starrten sie die Asche zu meinen geheilten Pfoten, falsch, ihre Herrscherin an. "Sie ist weg.", flüsterte Krähenfetz. Wurzeljunges miaute: "Wir dann auch!"
    Das hast du gut gemacht. Wärme durchströmte mein Blut, ließ es wieder fließen, schloss alle Verletzungen, bis ich es wusste: Nur die Narben würden mich an die Kammer erinnern. Sie haben Angst, Wildherz. Sie haben Angst, dass du ihnen nicht vergeben kannst. Was soll ich ihnen sagen? Auf einmal ertönten Schreie von draußen und wir, die Lebenden, warfen einander entsetzte Blicke zu.
    Knöpfchen schrie: "Weg!"
    Zum ersten Mal seit langem war ich Teil von einem Clan, den kein Blut sondern Loyalität verband, und ich wusste, wir waren stärker als der LibellenClan oder der DonnerClan, als wir den Bau in unschlagbarem Tempo verließen, sodass die meisten Dämonen uns nur verwirrt hinterherglotzen durften. Veilchenmond, sag ihnen, dass ich weiter machen werde.

    Die Gruppe Katzen preschte durch Gestrüpp, Wald und Wiese (oder wie man vertrocknete Grasebenen sonst nennen mochte), keiner stellte sich mehr uns entgegen außer dem Wind (was schon ziemloch blöd war) aber jeder Sprung machte uns nur stärker. Zum Glück hatten sich Natternjunges und ihr Bruder in schwarze Geparden verwandelt, sodass sie sich abwechselten, wer Blutjunges trug, diese mysteriöse Katze, die alles beobachtete, aber kein Wort sagte. Wir verließen den Hauptwald der lebenden Schatten und ich spürte dieses berauschende Gefühl von Freiheit bis in meine Zehenspitzen, während wir uns ein letztes Mal auf der Efeu-Grenzmauer zu den Schatten umdrehten.
    Sie waren wütend auf uns, denn wir hatten sie selbst nach ihrem Tod gekränkt, nun wollten sie Blut - und vor allem Rache.
    Eine schwarze Kätzin, Dämmerblatt, wagte einen Sprung nach oben, der ihr allerdings misslang, weil die Sandfarbene ihr ungehalten die Krallen entgegenschmettern musste. Danach tat das keiner mehr.

    Geißel sah mir in die Augen. "Der SternenClan hat ihnen versprochen, dass du sie beschützen und führen wirst, Wildherz. Ist das wahr?" Eine Welle von Gefühlen überflurtete mein gebrochenes Herz, das die Nacht, in der er mich geküsst hatte, sogar noch mehr zurücksehnte als mein früheres Leben, doch da waren noch andere Mischungen, die mir das Denken erschwerten, wie Zweifel oder Misstrauen. "Ich weiß es nicht." Mein Blick glitt über all die Katzen, die mit mir entlang auf dieser Mauer standen, jede so unheimlich davon überzeugt, dass es besser werden musste, dass wir es schaffen werden. Aber ich konnte es nicht versprechen, da mich meine Narben daran erinnern werden, was ich bin, jeden Tag meines Lebens auch auch nach meinem Tod. "Lass es uns versuchen.", sagte die Verräterin.

    Fortsetzung:
    https://www.testedich.de/quiz55/quiz/1528478256/Wildherz-Im-Bann-von-Donner-und-Blitz

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1514984050
Wildherz oder warum schwarze Katzen Unglück br...
Wildherz oder warum schwarze Katzen Unglück br...
Seit Charly beschlossen hat, ein neues Leben bei den sechs Clans als Wildsturm zu beginnen, geht alles drüber und drunter. Ihr Anführer ist ein Pädophiler, alle Kätzinnen leben in Angst und Schrecken, Monster suchen sie jede Nacht heim und bringen en...
https://www.testedich.de/quiz52/quiz/1514984050/Wildherz-oder-warum-schwarze-Katzen-Unglueck-bringen
https://www.testedich.de/quiz52/picture/pic_1514984050_1.jpg
2018-01-03
406A
Warrior Cats

Kommentare (199)

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Feuerpfote/Firefly ( von: Feuerpfote/Firefly )
vor 18 Tagen
Wow 👍🏻 Mega Story 🔝
Gallop (66039)
vor 65 Tagen
Danke für's Feedback :)
Funkenfell! ( von: Funkenfell!)
vor 68 Tagen
Also ich habs Mal überflogen und du hast echt Mal Talent ^^ - und natürlich auch das Zeug zum Autor :)
Federblüte (45714)
vor 68 Tagen
Oki, schreu mich schon ^-^
Gallop ( von: Gallop)
vor 69 Tagen
Morgen schick ich dann den Link
Gallop ( von: Gallop)
vor 70 Tagen
Danke für eure Unterstützung wollte ich nur mal sagen :) Außerdem: habe gerade eine super Idee für Blutjunges!
Federblüte (45714)
vor 70 Tagen
@Gallop ja bitte😍
Gallop ( von: Gallop)
vor 71 Tagen
Vermutlich gibt es auch noch einen dritten Teil😊😅
Federblüte (01471)
vor 71 Tagen
Blutjunges! YASSS (eissss) @Gallop in Kapi 100?😏
Gallop ( von: Gallop)
vor 72 Tagen
So JETZT ist es bald so weit 😁
Federblüte (01471)
vor 79 Tagen
@Gallop richtig^-^ mir ist das auch aufgefallen. Und cool das sie dir gefällt c:
Gallop ( von: Gallop)
vor 79 Tagen
Ich habe deinen Kommentar mit Blutjunges schon gelesen, aber irgendwie ist er wieder weg und meine Antwort (dass das eine gute Idee ist 😊) auch. Weiß mit roten Flecken und lila Augen Oder?
Federblüte (01471)
vor 80 Tagen
Wenn ich Wildherz wäre würde ich einfach meinen Kopf bewegen, damit mich der strik köpft c: :3
Federblüte (98235)
vor 81 Tagen
@Gallop wann darf ich den Namen aussuchen? ;))))))))))) i'm so happpyyyyyyyyyyyyyyyyy
Federblüte (98235)
vor 82 Tagen
JAAAAAA ICH HATTE ES RICHTIG OMG JAAAA
Gallop ( von: Gallop)
vor 85 Tagen
Das weiß sie noch nicht aber sie glaubt dass der SternenClan dafür verantwortlich ist ;)
Federblüte (22659)
vor 85 Tagen
Warum ist Wildherz nochmal im Wald der Finsternis? Das ist schon so lange her xD
Federblüte (22659)
vor 85 Tagen
Böses Wild! Armer Köpfchen!! Er war mein 2 lieblingschara :c
Drachenhauch & Co ( von: FlyingPanda)
vor 85 Tagen
Ja, solltest du!!
Gallop ( von: Gallop)
vor 85 Tagen
Ist nicht schlimm 😂 Langsam sollte ich auflösen, oder?...