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Die Statistik vom Quiz

A million miles away – A Hogwarts-Story

30.13 % der User hatten die Auswertung: Hallo, du bist Naomi Spelling, hier die wichtigsten Fakten: - Muggel - Besuchst das Gymnasium - Zu Beginn der Geschichte noch gerade 17 Jahre alt - Wohnst mit deinen Eltern in einer grossen Wohnung - Hast eine beste Freundin, Anne - Dein Aussehen ist dir selbst überlassen! Aus einer anderen Welt… oder Der Junge mit den braunen Augen „Naomi, Kaffee!“, reisst mich eine Stimme aus meinen Gedanken. Ich klappe meinen Skizzenblock zu und lege ihn auf den Tisch neben mir. „Kommt!“, rufe ich zurück. Seufzend gehe ich zur Kaffeemaschine und lasse einen Latte Macchiato mit extra Zucker raus. Ich bringe ihn zurück in den Arbeitsraum und reiche ihn meiner Chefin. „Etwas schneller, beim nächsten Mal, wenn’s geht!“, motzt sie. Ich nicke artig und widme mich wieder meinem Skizzenbuch, bis mich sonst jemand wieder braucht. Da ich nichts verdiene in der Schule, arbeite ich nach dem Unterricht in einem Atelier. Ich arbeite sozusagen als „Mädchen für alles“. Der Job ist schrecklich, weil die Chefin dauergestresst ist und mich nicht ausstehen kann, dafür ist es gut bezahlt. Ausserdem will ich später gerne selbst Schneiderin werden, und obwohl ich hier so gut wie nie etwas mit Stoff zu tun haben darf, ausser ihn aus dem Lager zu holen, bin ich sehr froh, immer von diesem Beruf umgeben zu sein. „Wow, das ist ja der Hammer!“, unterbricht mich schon wieder jemand. Ich drehe mich um und sehe Anne, die mir über die Schulter blickt. Sie ist meine beste Freundin. Da sie hier schon als Schneiderin arbeitet, ist sie ein paar Jahre älter als ich. Manchmal, wenn die Chefin nicht anwesend ist, lässt sie mich eines ihrer Kleider nähen. Sie ist mindestens genauso verrückt nach Mode wie ich, was vielleicht daher kommt, dass sie ihre Kindheit in Frankreich verbracht hat und mit achtzehn dann abgehauen ist, weil ihre Eltern Schneiderin für keinen ehrbaren Beruf halten. Ich klappe meinen Block wieder zu. „Mag ja sein… Aber bis zu meinem Abschluss dauert es noch zwei Jahre, danach muss ich erst eine Ausbildung machen. Bis ich auch so arbeiten kann, dauert es noch mindestens fünf Jahre! Ausserdem muss ich dann auch noch eine Anstellung finden!“, seufze ich. „Meine Güte, Naomi, sei doch nicht so pessimistisch! Das wird schon! Du wirst bestimmt die beste Stelle von allen bekommen, so begabt, wie du bist! Dann tragen alle deine Kleider an der Fashion Week in Paris, New York und Mailand!“, ruft Anne und dreht sich mit ausgestreckten Armen einmal im Kreis. „Ja klar… Oh hey, ich muss los!“, sage ich mit einem Blick auf die Uhr. Die Chefin mag es nicht, wenn ich länger arbeite als sie es verlangt. Das klingt vielleicht doof, aber das würde bedeuten, dass sie mir mehr zahlen muss. Und dazu ist sie nicht bereit, denn ich bin sowieso „eine totale Geldverschwendung und für nichts zu gebrauchen“. Wieso sie mich aber noch nicht gefeuert hat, weiss ich auch nicht… „Okay, dann bis Morgen!“, sagt Anne und umarmt mich. „Mann Anne, du bist so vergesslich, ich fahre doch morgen nach London! Meine Mutter hat Tickets für diese Modenschau, weil ich ja in zwei Wochen 18 werde!“, erinnere ich meine Freundin. „Ach ja, stimmt… Ich beneide dich so darum! Aber ich gönne es dir, du musst mir nur alles erzählen, wenn du wieder da bist. Wann kommst du wieder, in einer Woche?“, will Anne wissen. „In zehn Tagen. Ich ruf dich an, wenn ich dort bin, in Ordnung?“ „Alles klar… Dann viel Spass!“ Ich umarme Anne noch einmal zum Abschied, nehme meine Jacke und verlasse das Atelier. „Hast du dein Handy? Nimm die Karte mit!“, sagt meine Mutter zum ungefähr siebzehnten Mal. „Ja, Mama! Ich will mich doch nur ein bisschen in der Umgebung umsehen! Ich war ja noch nie in London, das ist so ganz anders als unser Kuhdorf“, sage ich lächelnd. Natürlich verstehe ich, dass Mutti sich Sorgen macht in so einer grossen Stadt. Aber ich bin alt genug, um auf mich auf zu passen. „Sei bitte um sechs wieder da!“, bittet Mutti. Ich umarme sie und ziehe meine Jacke über. „Klar doch! Bis dann!“, sage ich noch, bevor ich das Hotelzimmer verlasse. Zehn Minuten später bin ich mitten in der Stadt. Ich bleibe einfach mitten in den Menschenmassen stehen und lasse alles auf mich wirken. Das ist alles neu für mich, ich war noch nie in so einer grossen Stadt. Ich bin seit meiner Geburt ein typisches Landei. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als plötzlich jemand mit voller Wucht gegen mich prallt. Für einen Moment bleibt mir die Luft weg. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, ob es am Zusammenprall liegt oder an den Augen, die mich geschockt anstarren. So braun… „Es tut mir leid! Bitte entschuldige!“, stammelt er. „Ach, kein Problem! War ja auch eine doofe Idee, so mittedrin einfach rumzustehen“, sage ich und werde rot. Mein Gegenüber scheint erleichtert. „Dann ist ja gut… Sorry, aber ich muss weiter, ich hab’s eilig… Tschau!“, verabschiedet sich meine kurze Bekanntschaft schon wieder. Bevor ich noch etwas sagen kann, ist er schon wieder an mir vorbei. Erst jetzt, als ich ihm nachschaue, fällt mir der Besen auf, den er ihn der Hand hat. Ich habe noch nie einen so komischen Besen gesehen. Und wieso läuft er damit durch London? Ich entscheide, diesen kleinen Zwischenfall nicht weiter zu thematisieren. Schliesslich habe ich nur noch knapp vier Stunden Zeit, mir London heute noch anzusehen. Deshalb mache ich mich auf den Weg. Als ich pünktlich um sechs wieder im Hotel bin, bin ich total fertig. Den ganzen Nachmittag bin ich in der ganzen Stadt herum gelaufen und habe mir alles angeschaut, was ich in der Zeit eben anschauen konnte. Ich habe unglaublich viel gesehen und doch habe ich das Gefühl, nichts gesehen zu haben. Es ist hier einfach so gegensätzlich zu meinem kleinen Dorf, wo ich aufgewachsen bin. Aber ich muss zugeben, ich habe mich gleich in London verliebt. Meine Mutter ist sehr erleichtert, dass ich mich nicht verlaufen habe. Naja, verlaufen hab ich mich schon manchmal, aber zum Hotel habe ich es dann doch zurück geschafft. Und obwohl ich todmüde bin, kann ich lange nicht einschlafen. Und der Grund dafür ist so dämlich, dass ich mich frage, ob mir die Stadtluft nicht doch schadet. Es gibt da nämlich diese braunen Augen, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Ich entscheide, dass ich morgen unbedingt Anne anrufen muss, die mich wieder zur Vernunft bringen kann. Schliesslich schlafe ich mit diesem Beschluss doch noch ein. „Und dann ist er einfach weggegangen…“, berichte ich am nächsten Abend am Telefon. Anne schweigt einen Moment, bevor sie etwas sagt. „Ja, klingt ja gut, Naomi, aber du redest jetzt seit vierzig Minuten von einem Typen, den du vierzig Sekunden lang gesehen hast! Wann kommst du endlich zum WIRKLICH wichtigen? Zur Mode?“ Ich seufze. Das ist typisch, wenn es um Mode geht, kann man Anne nicht mal mit Jungs von dem Thema abbringen. „Ja, die Modenschau war klasse! Aber das kann man grösstenteils als normaler Mensch gar nicht anziehen – abgesehen davon, dass man es sich nie im Leben leisten kann. Versprich mir eins, Anne, wenn wir unsere Kollektion entwerfen, machen wir nur Kleider, die man auch wirklich tragen kann!“, sage ich. Ich höre Annes helles Lachen an meinem Ohr. „Was denkst du denn! Und leisten muss man es sich auch können! Ach ja, du hast übrigens dein Skizzenbuch hier liegen gelassen. Sollen die Ärmel von dem kurzen T-Shirt mit den Rüschen wirklich weiss sein, oder bist du nur noch nicht fertig?“, will sie wissen. Mir fällt beinahe der Hörer aus der Hand. „Das soll so sein… Moment, sag jetzt nicht, du schaust dir das einfach an?“, rufe ich empört aus. „Nein, ich schaue es mir nicht „einfach“ an! Ich habe es nur gerettet, bevor die Putzfrau es entsorgen konnte. Ich behalte es bei mir, bis du wieder da bist, in Ordnung?“, fragt Anne. Ich bin erleichtert. Ich weiss nicht genau, was sie mit ihrem extrem betonten „einfach“ gemeint hat, aber eigentlich ist es ja egal. „Das ist gut… Ich bin, froh dass du es gefunden hast, danke! Hey, der hatte übrigens einen total merkwürdigen Besen dabei“, berichte ich beinahe aufgeregt. „Was? Wovon redest du bitte?“, will Anne verwirrt wissen. „Na, von dem Typen aus der Stadt!“, antworte ich. Anne seufzt laut. „Mann Naomi, was interessiert dich der Typ so? Du kennst ihn nicht mal, du weisst nichts von ihm!“ „Er hat sooo schöne braune Augen!“, schwärme ich. „Ja, das hast du jetzt schon sieben Mal erwähnt. SIEBEN, Naomi!“, stöhnt Anne. „Wieso weisst du das so genau?“, will ich wissen. Anne seufzt wieder. „Ich hab mitgezählt. Aber ehrlich, du hast dich doch wohl nicht irgendwie in den verknallt, oder?“, vergewissert sie sich. Ich schweige, weil ich ehrlich gesagt grade keine Ahnung habe. Ich weiss, wie dämlich blöd es ist, und so etwas ist mir auch noch nie passiert. Ich habe diesen Jungen nur für ein paar Augenblicke gesehen, aber in meinem Bauch ist etwas gewesen, das ich noch nie gefühlt habe. Es hat sich fast so angefühlt, wie damals, als ich vor knapp einem Jahr das erste und bisher einzige Mal richtig verliebt gewesen bin. So hat es sich angefühlt. Nur irgendwie … viel besser. „Naomi, bist du noch da?“, fragt Anne. Ich habe wohl ein bisschen lange nachgedacht. „Ja, sorry…“, sage ich schnell. Ich höre, wie Anne tief ausatmet. „Hör zu; mag sein, dass der Junge anziehend auf dich gewirkt hat, wenn er wirklich so gut aussieht, wie du mir erzählt hast – was ich bei deinem Männergeschmack im Übrigen bezweifle. Jedenfalls ist er weg. Du weisst weder seinen Namen, noch wo er wohnt, noch hast du seine Handynummer. Seien wir mal ehrlich, der könnte ALLES sein. Vielleicht ist er ein gesuchter Massenmörder!“ „Mann Anne, spinn doch jetzt nicht rum! Dann hätte er mich mit seinem komischen Besen gleich umgebracht!“, erwidere ich. „Dann ist er halt sonst irre! Ich meine, wer läuft denn bitte mitten am Tag mit einem Besen durch London?“, fragt Anne. „Was weiss ich? Ach, ist ja auch egal, ich werde ihn nie wieder sehen… Hör zu, ich wollte jetzt schlafen gehen. Morgen ist die nächste Modenschau, da will ich fit sein“, sage ich. „Stimmt, mit Augenringen kommst du bei diesen ganzen Mode-Scouts mit Sicherheit nicht gut an. Dann schlaf schön, und träum bitte nicht noch von dem Typen!“, warnt Anne mich. „Ich gebe mir Mühe. Bis bald!“, verabschiede ich mich. „Tschüss!“ Kurze Zeit später liege ich im Bett. Obwohl ich – gegen meinen Willen – immer noch an meine braunäugige Bekanntschaft denke, schlafe ich heute besser ein. Mittlerweile ist es mein letzter Tag in London. Gestern war die letzte Modenschau, die ich mit meiner Mutter besucht habe und jetzt bereite ich mich auf den Abschied vor. Ich hätte wirklich nie geglaubt, dass es mir hier so gefallen würde. Übrigens habe ich mich nicht an Annes Warnung halten können und so fast jede Nacht von dem Jungen mit den braunen Augen geträumt. Manchmal nur ziemlich wirr. Einmal habe ich geträumt, wir würden gemeinsam auf seinem seltsamen Besen fliegen. Fast wie Zauberei. Total verrückt… Zum letzten Mal lasse ich das Gefühl von London auf mich wirken. Gerade laufe ich durch den Hyde Park, als mir plötzlich etwas in den Blick fällt. Mehrere Meter schräg vor mir, mitten auf einem grossen Rasenstück, steht ein junger Mann. Das alleine wäre ja wirklich nichts aussergewöhnliches, aber auf seinem Arm trägt er einen braunen Vogel, der ganz nach einer Eule aussieht. Ich kann es von weitem nicht genau erkennen, deshalb mache ich ein paar Schritte auf ihn zu, ohne dass er mich bemerkt. Ich schaue verwundert zu, wie der Typ dem Vogel ein Papierstück um den Fuss bindet, ihn am Kopf krault und schliesslich fliegen lässt. Ich kneife die Augen zusammen. Das habe ich mir jetzt doch gerade eingebildet, oder? Als ich sie wieder öffne, kommt der Mann geradewegs auf mich zu. Instinktiv mache ich ein paar Schritte rückwärts. „Hey, warte, kennen wir uns nicht?“, ruft er mich nach. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Schon möglich…“, sage ich nur leise. Ich weiss, dass es stimmt. Ich weiss, dass wir uns schon getroffen haben. Denn solche Augen würde ich unter tausenden erkennen. „Letztens, mitten in der Stadt, nicht? Wir sind … nun ja, zusammen geprallt“, grinst er. Ich muss lachen. „Ja, meine Schulter erinnert sich…“, scherze ich und reibe sie automatisch. „Das tut mir Leid… Ich bin übrigens Oliver. Oliver Wood“, sagt er und reicht mir seine Hand. Ich schüttle sie. „Naomi Spelling. Sag mal, hattest du da vorhin eine Eule?“, will ich wissen. Oliver scheint etwas irritiert. „Ähm, ja… Ich … ich hab sie gefunden und dachte, sie wäre verletzt. Dann hab ich ihr, naja, etwas Starthilfe gegeben, das ist alles“, erklärt er. Ich belasse es einfach dabei. Es klingt ganz plausibel, und das mit dem Papier habe ich mir wohl wirklich nur eingebildet. „Bist du von hier?“, will ich wissen. „Nein, nicht wirklich… Ich wohne in der Nähe von einem ganz kleinen Ort, du wirst ihn nicht kennen…“, winkt Oliver ab. Ich werde neugierig und skeptisch zugleich. „Wie heisst er?“, frage ich weiter. Oliver zögert zuerst, bevor er antwortet. „Ottery St. Catchpole.“ Okay, das habe ich wirklich noch nie gehört. „Ach so… Dann kommst du vom Land? Wie ich?“, will ich wissen. „Ja genau. Ich bin nicht so der Stadtmensch. Ich bin beruflich hier. Was verschlägt dich hier her?“, erkundigt sich Oliver. Er deutet mit einer Hand auf eine Bank ein paar Meter weiter von uns. Wir gehen hin und setzen uns darauf. „Ich bin hier, weil ich mit meiner Mutter ein paar Modenschauen besucht habe. Vorgezogenes Geburtstagsgeschenk“, erkläre ich. Mir ist nicht entgangen, dass Oliver beim Wort „Modenschauen“ die Stirn gerunzelt hat. Aber er grinst schon wieder charmant. „Klingt sehr interessant!“ „Ist es auch… Du hast gesagt, du bist beruflich hier. Was arbeitest du?“, frage ich. Schon wieder zögert Oliver. Ich werde immer misstrauischer. Aber jedes Mal, wenn ich in seine braunen Augen sehe, bin ich all die Zweifel sofort wieder los. „Ich bin Sportler…“, antwortet Oliver schliesslich. Ich bin erstaunt. Natürlich ist mir aufgefallen, dass er durchtrainiert aussieht, aber dass er gleich Sportler ist? Naja, besonders erfolgreich kann er nicht sein, sonst hätte ich doch bestimmt schon von ihm gehört… „Ach wirklich? Was denn genau?“, will ich neugierig wissen. „Ähm… Ich spiele … Fussball?“, sagt Oliver und ich glaube, mich verhört zu haben. Das hat nämlich jetzt gerade viel eher wie eine Frage geklungen. Oliver grinst wieder selbstbewusster, als ich nichts einwende. „Ja, Fussball! Eigentlich sollte ich ja schon längst auf dem Weg zum Training sein. Sehen wir uns wieder?“, fragt er. Ich lächle glücklich. Er will mich also wieder sehen, obwohl ich ihn halb verhört habe. Irgendwie beruhigend. „Klar! Gibt mir deine Handynummer, dann können wir uns schreiben“, sage ich und suche in meiner Tasche nach meinem Handy. „Oh, tut mir leid, ich habe kein Handy…“, wirft Oliver ein. „Nicht? Oh… Na dann, Festnetznummer? Mailadresse?“, frage ich weiter. Oliver schüttelt bedauernd den Kopf. „Das Telefon ist kaputt und das … das andere hab ich auch nicht…“ Ich starre ihn an. Mittlerweile frage ich mich schon, was mit dem los ist. Heutzutage hat doch jeder Mensch einen Mailaccount, sogar meine Oma hat sich vor einem Jahr noch einen angeschafft. „Na dann… Wohl auch kein Facebook, hm?“, starte ich einen letzten Versuch. Oliver lächelt mich entschuldigend durch seine Stirnfransen hindurch an. „Ich weiss, das klingt komisch… Aber ich bin ohne Internet aufgewachsen, in unserem Dorf gibt es das nicht. Und ich komme ohne klar, also hab ich es nicht… Aber gib mir deine Adresse, ich schreibe dir!“, bietet er an. Ich seufze lächelnd und reisse eine Seite aus meinem neu gekauften Skizzenblock, worauf ich meine Adresse schreibe. Oliver steckt den Zettel in seine hintere Hosentasche und verabschiedet sich von mir. Wir gehen in entgegengesetzte Richtungen davon, und als ich mich nur zwei Sekunden später noch einmal umdrehe, ich Oliver schon nirgendwo mehr zu sehen. Das Erste, was ich mache, als ich zuhause ankomme, ist, mein Fahrrad zu nehmen und zu Anne zu fahren. Ich betrete ihre 2-Zimmer-Wohnung ohne zu Klingeln. Als ich ohne Vorankündigung in den abgetrennten Wohnungsteil stürme, der Annes Schlafzimmer darstellt, erleide ich beinahe einen Herzinfarkt. Anne kreischt so laut auf, schiebt mich sofort raus und zieht den Vorhang rasch hinter mir zu, dass ich gar nicht sehen konnte, was der Grund dafür ist. „Mann, spinnst du?“, keift sie mich an. Ich schaue verwundert aus der Wäsche. „Anne, ich habe noch nie angeklopft!“, verteidige ich mich. Sie umarmt mich versöhnend. „Ich weiss, aber da war auch noch nie dein Geburtstagsgeschenk drin… Was hast du gesehen?“, will sie wissen. Ich zucke die Schultern. „Gar nichts. Ich war viel zu beschäftigt, nicht taub zu werden wegen deinem Geschrei“, grinse ich. Anne schiebt mich ins Wohnzimmer, wo wir uns aufs Sofa setzen. „Tut mir leid. Aber es wäre eine Katastrophe epischen Ausmasses gewesen, wenn du es schon vor übermorgen gesehen hättest!“, beteuert sie. „Schon okay. Aber Anne, du glaubst nicht, was passiert ist!“, beginne ich. Dann erzähle ich ihr die ganze Geschichte. Angefangen bei meinen Träumen. Dann, dass ich Oliver tatsächlich wieder getroffen habe und auch von all den komischen Dingen, die er gesagt hat. Aber natürlich nicht, ohne auszulassen, wie gut er aussieht und wie unglaublich nett er ist. Als ich geendet habe, schaut Anne mich nickend an. „Aha…“, sagt sie nur. Dann legt sie mir plötzlich ihre Hände auf die Schultern und starrt mir in die Augen. „Naomi, der Typ ist der totale Spinner! Hallo, wer hat weder Mail noch Handy? Und nicht mal ein funktionierendes Telefon? Du tätest gut daran, ihn zu vergessen…“, rät sie mir. Ich seufze. „Ja, ich weiss, dass es merkwürdig ist. Aber es hat sich so richtig angefühlt. Er selbst war überhaupt nicht komisch, nur die Dinge, die er gesagt hat. Und egal, was du sagst, ich hab mich trotzdem in ihn verliebt…“, gebe ich zu. Ich gebe es nicht nur Anne gegenüber zu, ich gestehe es auch mir ein. Ich konnte Oliver von Anfang an nicht vergessen. Und jetzt, wo ich ihn auch noch kennen gelernt habe, kann ich es noch viel weniger. „Bist du dir sicher? Weil, Naomi, wenn du dir ganz sicher bist, dass du dich ernsthaft verliebt hast, und er möglicherweise auch, dann musst du ihn wieder sehen, egal wie verrückt er ist…“ Ich schaue Anne dankend an. Ich spüre genau, dass sie sich Sorgen um mich macht. Aber weil sie mich kennt weiss sie – vielleicht sogar besser als ich selbst – dass ich verliebt bin. Und sie würde nie von mir verlangen, das zu unterdrücken, das weiss ich ganz genau. „Ich verspreche dir, ich passe auf, dass er mich nicht mit seinem Besen erschlägt. Wenn er sich denn wieder meldet…“, seufze ich. Anne legt einen Arm um meine Schultern. „Das wird er! Es ist bestimmt schwierig, per Post Kontakt zu halten, aber wenn er es in Kauf nimmt, kannst du ihm doch nicht egal sein!“, beteuert sie. „Wenn du meinst… Wir werden sehen“, sage ich. „Du musst dich unbedingt sofort bei mir melden, wenn ER sich gemeldet hat“, verlangt Anne, steht auf und zieht mich hinter sich her zur Tür. „Aber jetzt musst du leider gehen, weil dein Geschenk noch überhaupt nicht fertig ist! Wir sehen uns übermorgen, Kleine!“ Ich kann gar nicht mehr protestieren, da stehe ich schon im Flur und Anne hat die Tür vor meiner Nase zugemacht. Zuerst bin ich noch ein bisschen perplex, doch dann gehe ich lächelnd die Treppen runter. Auf halbem Weg fällt mir ein, dass mein Skizzenblock immer noch bei Anne ist. Aber mir ist es zu doof, die ganzen Treppen wieder hinauf zu laufen (Anne wohnt im fünften Stock, der Fahrstuhl ist wahrscheinlich der erste, der je gebaut wurde, weswegen er schon kaputt ist, seit ich denken kann…). Ich fahre mit dem Rad nach Hause, dort packe ich meinen Koffer aus. Dabei denke ich wider Willen die ganze Zeit über an Oliver. Ich habe nun mal noch nie so einen gutaussehenden jungen Mann gesehen. Jedenfalls keinen, der sich auch tatsächlich hätte für mich interessieren können. Aber ich befürchte, dass ich nie wieder von ihm hören werde. Entweder meldet er sich nie wieder, oder aber wir sehen uns wieder und er ist doch total daneben. Ist nun mal kein Märchen hier… Morgen ist mein Geburtstag. Ich freue mich wie ein kleines Mädchen. Heute ist Samstag und ich wollte eigentlich ausschlafen. Aber ich wache auf, weil ich ein eigenartiges Pochen höre. Verwirrt stehe ich auf und sehe, dass es noch dunkel ist. Noch halb im Schlaf schlurfe ich zum Fenster, ziehe die Vorhänge zurück und schreie gleich auf. Auf meinem Fensterbrett steht eine grosse braune Eule. Scheinbar freudig klopft sie mit dem Schnabel gegen das Fenster. Sie ist also der Grund, weshalb ich aufgewacht bin. Da das Tier nicht wirklich aggressiv aussieht und scheinbar auch keine Tollwut hat, öffne ich vorsichtig das Fenster. Die Eule flattert herein und setzt sich auf mein Bett. Noch etwas verfremdet schaue ich sie mir etwas genauer an, da fällt mir auf, dass etwas um ihr Bein gebunden ist. Vorsichtig nähere ich mich der Eule und als sie sich nicht wehrt, binde ich das Papier von ihrem Bein los. Ich falte es auseinander und erkenne einen Brief. „Liebe Naomi, wenn du das hier liest, bedeutet das, dass Enya dich gefunden hat. Ich wäre froh, wenn du ihr etwas zu essen geben könntest, damit sie den Rückflug schafft, denn ich hoffe auf deine Antwort. Ich wollte dich eigentlich nur fragen, ob wir uns treffen können. Ich würde dich nämlich sehr gerne wieder sehen. Seit wir uns in London getroffen haben, gehst du mir jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Ich würde mich sehr über eine Zusage freuen. Wie sieht’s aus, hast du morgen um acht Uhr abends Zeit? Ich würde dich bei dir zuhause abholen, ich habe ja deine Adresse. Sag mir einfach Bescheid, ob du Zeit hast. In der Hoffnung, dich morgen wieder zu sehen, wünsche ich dir ein schönes Wochenende! Oliver Wood“ Ich drücke den Brief an meine Brust. Er hat tatsächlich geschrieben! Für einen Moment vergesse ich sogar, dass er den Brief per Eule geschickt hat. Soll ich mich mit ihm treffen? Ich denke an Annes Worte: „Seien wir mal ehrlich, der könnte ALLES sein. Vielleicht ist er ein gesuchter Massenmörder!“. Den Gedanken verwerfe ich sofort; man kann auch alles ein bisschen dramatisch sehen. Noch im Schlafanzug setze ich mich an den Schreibtisch und schreibe auf die Rückseite von Olivers Brief eine Zusage. Dann renne ich in die Küche und frage mich, was ich wohl einer Eule zu essen geben kann. Ich entscheide mich für ein Stück Brot, welches im Übrigen schon ein bisschen trocken ist. Zurück in meinem Zimmer binde ich der Eule den Brief wieder um, während sie am Brot knabbert. Dann trage ich sie zum offenen Fenster und helfe ihr, wieder zu starten. Noch bevor sie ausser Sichtweise ist, zücke ich mein Handy und rufe Anne an. „Er hat geschrieben!“, kreische ich ins Telefon, noch bevor sie etwas sagen kann. „Wow, Naomi, erschreck mich doch nicht so!“, mault Anne. „Tschuldigung… Aber hörst du? Er hat echt geschrieben!“ „Wer? Etwa dieser komische Oskar?“, fragt sie. Ich entscheide, ihr nichts von der Eule zu erzählen. Sie würde sich nur aufregen – ob unnötig oder nicht sei dahin gestellt. „Oliver, er heisst Oliver… Und wir treffen uns morgen um acht!“, kichere ich, aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Anne schweigt einen Augenblick. „Ähm, ich will dich nicht vor den Kopf stosse; aber hast du nicht was vergessen?“ „Was meinst du?“, will ich wissen. „Naomi, WIR sind morgen verabredet. Abgesehen davon ist es dein Geburtstag!“ Ich schlage mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Ach, Mist! Es tut mir echt leid, Anne, aber können wir uns etwas früher treffen? Ich hab Oliver schon zugesagt…“, bitte ich. Anne seufzt hörbar. „Kein Problem, ist schliesslich dein Geburtstag. Kommst du um drei?“ „Ja, vielen Dank, Anne!“, sage ich und lege dann auf. Danach renne ich zu meinem Kleiderschrank, wo ich kein passendes Kleid für den folgenden Tag finde und mich dann sofort auf den Weg ins nächste Shoppingzentrum mache. Am nächsten Tag atme ich zuerst tief durch, als ich bei Annes Wohnung angekommen bin. Nächstes Jahr wünsche ich mir von ihr zum Geburtstag, dass sie diesen dämlichen Fahrstuhl endlich mal reparieren lässt. Ich bin bestimmt nicht die einzige Besucherin, die sich darüber aufregt. Ich bin jetzt also achtzehn – volljährig. Ganz ehrlich? Davon habe ich noch nichts gemerkt… Vor allem dann nicht, als ich im Paket meiner Grossmutter genau die gleichen pinken Socken mit Kätzchen drauf gefunden habe wie all die letzten Jahre. Meine Eltern haben mir einfach überschwänglich gratuliert, das Geschenk war ja schon die Modenschau. Jetzt bin ich jedenfalls gespannt, was Anne für eine Überraschung hat. Sie hat noch nie ein so grosses Ding um etwas wie einen Geburtstag veranstaltet. Ich klingle und zupfe an meinem Kleid, welches ich gestern gekauft habe. Ich hoffe, es wird Oliver gefallen, aber ich habe es jetzt schon angezogen, weil Anne es ohne Zweifel lieben wird. Anne öffnet schwungvoll die Tür und umarmt mich stürmisch. „Oh mein Gott, Naomi, herzlichen Glückwunsch! Ich wünsch dir alles Gute!“ „Danke! Wenn ich ehrlich bin, fühle ich mich nicht anders als gestern…“, grinse ich. „Ach Liebling, das ändert sich nicht so schnell…“, seufzt Anne und mustert mich dann, „schönes Kleid! Aber das hättest du nicht kaufen müssen…“ Ich runzle die Stirn. „Nicht? Hast du mir etwa auch ein Kleid gekauft?“, kichere ich scherzhaft. Anne wiegt den Kopf hin und her, dann schiebt sie mich vor den Vorhang, der ihr Schlafgemach abtrennt. „Nicht ganz… Schliess die Augen, wenn ich bis Drei gezählt habe, darfst du dein Geschenk schauen, ja?“ Ich schliesse die Augen und nicke. Anne schiebt mich noch einen Schritt weiter und hält dann wahrscheinlich den Vorhang beiseite. „Eins … Zwei … Drei!“ Ich öffne die Augen und weiss im ersten Moment gar nicht, wo ich hinschauen soll. Annes Schlafzimmer ist vollgestellt mit Schaufensterpuppen. Die Kleider, die sie tragen, kommen mir merkwürdig bekannt vor. Als Anne mir meinen vergessenen Skizzenblock unter die Nase hält, beginnt es in meinem Kopf zu klingeln. Ich schaue vom Block zu Anne, dann wieder zurück und dann wieder zu ihr und beginne zu strahlen. „Du … hast all meine Entwürfe genäht?“, will ich fassungslos wissen. Anne zuckt die Schultern. „Könnte man so sagen… Hat ganz schön viel zu tun gegeben, du warst echt fleissig mit deinen Skizzen, muss schon sagen…“, grinst sie. Ich lasse meinen Block fallen und schlinge meine Arme um Anne. „Ach Gott, du bist die Beste! So ein tolles Geschenk hat mir noch nie jemand gemacht, das bedeutet mir echt viel…“ „Weisst du, für dich sollte es was ganz besonderes werden… Dann hast du deine Skizzen vergessen und mir kam die Idee“, erzählt Anne. Ich nähere mich inzwischen den Puppen und schaue mir die Kleider von Nahem an. Sie sind alle so, wie ich sie mir vorgestellt habe. „Wahnsinn… Ah, deshalb hast du damals am Telefon gefragt, ob das Rüschentop fertig ist!“, rufe ich aus. Anne nickt. „Natürlich, schliesslich wollte ich alles nach deinen Vorstellungen machen… Aber jetzt los: Probier sie an, wenn die nämlich jetzt alle nicht passen, wäre das echt scheisse blöd…“, drängt sie. Den restlichen Nachmittag verbringen wir damit, eine ganz allein von mir durchgezogene Modenschau zu inszenieren. Ich bin verblüfft, wie gut mir die Kleider passen und wie genau sie meinen Vorstellungen entsprechen. Am Ende entscheide ich mich dafür, für das Treffen mit Oliver – das ich natürlich den ganzen Nachmittag über nicht vergessen konnte – doch eines meiner Kleider anzuziehen. Es fühlt sich übrigens echt toll an, zu sagen „eines meiner Kleider“… Kurz vor acht Uhr mache ich mich auf den Weg zurück zur Wohnung, wo Oliver mich abholen will. Ich mache mich noch einmal kurz frisch und warte dann in der Küche. Als es endlich klingelt, springe ich regelrecht auf und sprinte zur Tür. Davor bleibe ich kurz stehen und atme tief durch, bevor ich die Tür öffne. Oliver strahlt mich mit seinem Grinsen regelrecht an. „Guten Abend, liebe Naomi! Hier, die sind für dich!“, begrüsst er mich und reicht mir einen Strauss Rosen. Ich nehme ihn entgegen. „Hallo Oliver! Vielen Dank, wie süss! Komm doch kurz rein, dann stelle ich die in eine Vase, bevor wir gehen“, sage ich. Oliver schliesst die Tür hinter sich und wartet im Flur, während ich die Blumen in der Küche in eine Vase stelle. Dann nehme ich meine Handtasche und gemeinsam verlassen wir die Wohnung. Unten auf der Strasse wartet ein Taxi. Oliver öffnet mir eine Tür uns wir steigen ein. Der Fahrer scheint schon zu wissen, wohin die Fahrt geht. „Wohin gehen wir denn?“, will ich wissen. Oliver grinst mich geheimnisvoll an. „Lass dich überraschen! Aber ich hoffe, du magst Picknick?“ Ich strahle. „Und wie!“ Einige Zeit später kommen wir bei einem Park an. Die Fahrt ist sehr schnell vorbei gegangen, aber als ich auf die Uhr schaue, bemerke ich, dass wir fast eine ganze Stunde lang unterwegs gewesen sind. Oliver bezahlt den Taxifahrer und führt mich dann zu einer kleinen Wiese, die von Bäumen umsäumt ist. In der Mitte liegen schon eine grosse Decke und ein Picknickkorb bereit. Wir setzen uns hin und Oliver beginnt, das Essen auszupacken. Ich schaue ihm lächelnd dabei zu und staune, was er alles mitgebracht hat. Die Hälfte davon habe ich noch nie gesehen. „Was ist das?“, frage ich und zeige auf ein Gebäck. „Das ist Kesselkuchen. Musst du probieren, ist echt lecker!“, rät mir Oliver und reicht mir ein Stück. Ich beisse ab und bin erstaunt, wie gut es schmeckt. In null Komma nichts habe ich das ganze Stück verschlungen. Lange sitzen wir einfach so da und geniessen das Essen. Nebst vielen bekannten Dingen wie zum Beispiel verschiedenen Früchten esse ich auch Dinge, die ich überhaupt nicht gekannt habe; Kürbispastete, Siruptorte und Felsenkekse, um nur ein paar davon zu nennen. Wir haben kaum Zeit, uns zu unterhalten. Schliesslich haben wir fast alles aufgegessen und sitzen einträchtig nebeneinander auf der Decke und reden über Gott und die Welt. „Wie lief eigentlich dein letztes Fussballspiel?“, will ich wissen. Oliver sieht mich verständnislos an. „Was?“ Ich runzle die Stirn und rufe meine Erinnerungen an unser erstes Gespräch noch einmal ab. „Hast du mir nicht gesagt, dass du Fussballspieler bist?“, frage ich nach. Oliver zögert kurz, doch dann lacht er. „Ach ja, natürlich! Es lief gut, wir haben eindeutig gewonnen!“ „Gratuliere! Du musst mir unbedingt sagen, wann das nächste ist, damit ich zuschauen kommen kann“, sage ich. Olivers Lächeln gefriert ein bisschen. „Ja, das werde ich dann…“, erwidert er etwas unsicher, „du hast übrigens ein sehr schönes Kleid an!“ Ich bin so verlegen, dass ich nicht mal den krassen Themenwechsel seinerseits bemerke. „Oh, vielen Dank… Das … das habe ich selbst entworfen…“, merke ich an. Oliver schaut mich erstaunt an. „Echt? Wow! Machst du das öfter?“, will er wissen. Ich nicke. „Ja, weisst du, ich arbeite als Mädchen für alles in einem Atelier. Ich möchte später unbedingt Schneiderin werden und meine eigene Kollektion heraus bringen…“, sage ich und werde ein bisschen rot dabei. Das hört sich irgendwie wie so ein Mädchentraum an… „Das klingt toll! Dann hast du das Kleid auch selbst genäht?“, fragt Oliver. Ich schüttle den Kopf. „Nein, das ist aber eine witzige Geschichte. Als ich damals in London war, habe ich mein Skizzenbuch liegen gelassen und meine beste Freundin Anne – sie ist Schneiderin – hat es gefunden. Dann hast sie mir, ohne dass ich es wusste, alle Kleider genäht und zum Geburtstag geschenkt“, erzähle ich. Oliver schweigt einen Moment. „Dann … war dein Geburtstag gerade erst kürzlich?“, will er wissen. Ich zögere. „Könnte man so sagen… Er ist heute…“, antworte ich. Oliver macht ein bestürztes Gesicht. „Oh nein! Ich wollte dich an deinem Geburtstag echt nicht entführen! Wieso hast du nichts gesagt?“ Ich spiele mit dem Saum meines Kleides. „Naja, als du mich eingeladen hast, habe ich mich so gefreut, dass ich meinen Geburtstag kurz vergessen habe…“, gebe ich zu. Oliver lacht. „Wow, das nenne ich mal ein Kompliment! Dann wünsche ich dir alles Gute!“, sagt er und beugt sich vor, um mich kurz zu umarmen. Als er wieder zurück weicht, schaut er mich für einen Moment an, beugt sich dann wieder vor und gibt mir einen kurzen Kuss. „Entschuldige, ich … ich konnte nicht wiederstehen…“, gesteht er und wird rot. Ich lächle und lege eine Hand an seine Wange. „Du musst dich nicht entschuldigen…“, entgegne ich und lege meine Lippen auf seine. Er legt seine Hände auf meine Taille und zieht mich näher zu sich. Nach einer Weile lösen wir uns voneinander und ich lehne mich an seine Schulter. „Normalerweise geht das nicht so schnell, aber du hast mich total verzaubert…“, seufzt Oliver. „Geht mir genau so…“, stimme ich zu. Oliver regt sich und steht dann auf. „Warte kurz hier, ich muss was erledigen…“, sagt er und schon ist er hinter den Bäumen verschwunden. Ich will gerade aufstehen, um ich zu folgen, da gibt es einen lauten Knall und am Himmel erscheint das schönste Feuerwerk, das ich jemals gesehen habe. Ich sinke zurück und starre gebannt nach oben. Kurz darauf ist Oliver wieder da, kniet sich hinter mich und legt seine Arme um mich. „Wie hast du das so schnell angemacht?“, will ich wissen. „Tja, das würdest du wohl gerne wissen, was?“, lacht er. Ich stimme mit ein. Wir betrachten gemeinsam das wunderschöne Feuerwerk und obwohl es ziemlich lange dauert, ist es dann doch viel zu schnell vorbei. Es geht schon gegen Mitternacht zu, als Oliver sich plötzlich in die Stille hinein räuspert. Ich drehe mich zu ihm um und er rückt ein bisschen von mir ab. „Naomi, ich mag dich echt unglaublich gern, deshalb muss ich ehrlich mit dir sein und dir etwas erzählen. Ich kann dich nicht länger anlügen…“ Mein Lächeln schwindet und fast unmerklich weiche ich ein bisschen zurück; das klingt nicht sonderlich gut. „Bist du … ein gesuchter Massenmörder?“, frage ich leise und Oliver starrt mich geschockt an. „Was? Sehe ich so aus?“, will er wissen. Ich schüttle schnell den Kopf. „Nein, natürlich nicht! Tut mir leid…“ „Schon gut. Du musst mir nur versprechen, das, was ich dir jetzt sage, niemandem zu erzählen. Schaffst du das, Naomi?“, fragt er. Nach kurzem Zögern nicke ich. Oliver atmet einmal tief durch und nimmt dann meine Hand. „Ich bin ein Zauberer, Naomi…“ Einen Moment ist es ganz still, dann beginne ich schallend zu lachen. „Du bist süss!“, kichere ich und küsse ihn auf die Wange. Oliver sieht verunsichert aus. „Das … das war kein Witz. Ihr Muggel wisst das nicht, aber unter euch gibt es viele Hexen und Zauberer, das erkennt ihr nur nicht, weil wir uns ganz gut verstecken können…“, wiederholt er. Ich höre auf zu lachen und ziehe meine Hand zurück. Wenn er auf der Geschichte beharrt, würde mir das ziemlich Angst machen. „Das … finde ich irgendwie doch nicht so witzig… Und was ist ein Muggel?“, frage ich. „Nichtzauberer. So wie du! Wir zeigen uns nicht einfach so, aber da ich mich ernsthaft in die verliebt habe, Naomi, muss und darf ich dir das sagen“, erklärt Oliver. Ich stehe hastig auf und drücke meine Handtasche an mich. „Du machst mir Angst!“, wispere ich. Oliver steht ebenfalls auf und greift nach meinem Arm, aber ich stolpere ein paar Schritte zurück. Er sieht sehr betroffen auf. „Ich weiss, das klingt nicht glaubwürdig und wahrscheinlich denkst du, dass ich gestört bin, oder…“, versucht er sich zu verteidigen, aber ich falle ihm ins Wort. „Oh ja, und wie gestört du bist! Ich kann nicht glauben, dass ich mich in dich verlieben konnte! Du bist doch krank!“, rufe ich. „Bitte, Naomi! Lass es mich dir beweisen! Sag, ist dir kalt?“, fragt er. Mir bleibt der Mund offen stehen. „Was fällt dir ein, jetzt auf sowas zu kommen?“, will ich mit zitternder Stimme wissen. Oliver greift ich die Innentasche seiner Jacke und zieht einen seltsamen Stab heraus. Ich weiche noch etwas weiter zurück, um eine möglichst grosse Distanz zwischen uns zu bringen. „Bitte, schau nur kurz her, dann lasse ich dich gehen, wenn du nicht bleiben willst!“, bittet Oliver. Ich bleibe unsicher stehen und schaue ihn auffordernd an. Er wirkt jetzt nicht unbedingt so, als würde er mich mit dem Ding erstechen wollen. „Incendio“, murmelt Oliver und aus dem Stab schiesst eine Flamme. Vor uns auf dem Boden bildet sich ein Lagerfeuer. Meine Augen müssen so gross wie Suppenteller sein. Oliver lässt den Stab sinken und schaut mich gespannt an. Es würde vieles erklären. Es würde den Brief per Eule erklären. Es würde wahrscheinlich erklären, wieso Oliver weder Internet, noch Telefon, geschweige denn Handy hat. Wozu braucht man das, wenn man zaubern kann? Es würde auch bedeuten, dass er gar kein Fussballspieler ist und deshalb so merkwürdig reagiert hat. Wahrscheinlich sind auch diese ganzen unbekannten Essenssachen aus seiner Welt. Es ergibt alles solchen Sinn, nur bin ich nicht so erzogen worden, dass ich es einem jungen Typen glauben würde, wenn der mir sagt, dass er zaubern kann. Verwirrt lasse ich mich ins Gras sinken und starre dort vor mich hin. Oliver tritt neben mich und geht in die Knie. „Ich kann verstehen, wenn du Angst hast und verwirrt bist. Ich kann dir auch nichts anderes sagen, als dass du mir glauben musst. Mehr kann ich nicht tun…“, flüstert er. „Kannst … kannst du mir mehr zeigen?“, will ich wissen und schaue zu dem Lagerfeuer, das noch immer vor sich hin brennt. Oliver nickt, zückt wieder seinen Zauberstab und richtet ihn auf einen Stein, der vor uns im Gras liegt. „Geminio“, sagt er und binnen Sekundenbruchteilen befindet sich eine exakte Kopie des Steines daneben. Ich schaue Oliver zugleich schockiert, aber irgendwie auch fasziniert an. „Orchideus“, sagt er und aus dem Zauberstab schiesst ein wunderschöner Blumenstrauss. Er reicht ihn mir und ich nehme ihn zögernd an. Oliver seufzt. „Ich kann dir wirklich nur sagen, dass ich dich nicht weiter anlügen werde… Und dass ich dir keinen Mist erzähle. Ich wünsche, ich würde es und alles wäre ganz normal, aber das ist es nun mal nicht…“ Ich nicke langsam. „Ich glaube … ich glaube dir…“, murmle ich schliesslich. Auch wenn es unlogisch ist; meinen eigenen Augen konnte ich bisher immer trauen. Und das tue ich auch jetzt. Auch, wenn ich es nicht wirklich verstehen kann. Oliver atmet tief durch und umarmt mich dann. Ich vergrabe mich in seinen starken Armen. Ich fühle mich bei ihm geborgen. „Wie schön… Du darfst mich alles fragen, was du willst, versprochen!“ „Gut, lass uns beginnen, ich will ALLES wissen!“, sage ich und lache ein bisschen. Wir setzen uns zurück auf die Decke und Oliver hält meine Hände in seinen. „Dann los; ich bin bereit!“ Ich denke nur ganz kurz nach. „Ich nehme an, du bist kein Fussballspieler?“, beginne ich. Oliver lacht. „Nicht wirklich. Ich weiss nicht mal, was Fussball ist. Ich weiss nur, dass ich es mal gehört habe… Aber ich habe nicht gelogen, ich bin Sportler, ich spiele Quidditch, das ist eine Zauberersportart“, antwortet er. „Erzähl mir davon!“, bitte ich und Oliver erläutert mir die Regeln von diesem komischen Sport, der auf fliegenden Besen gespielt wird. Nach und nach erfahre ich sehr viel über Olivers Welt; er erzählt mir alles über Quidditch, Hogwarts und den gefährlichen Zauberer, der vor zwei Jahren besiegt wurde. Ich habe mit mir selbst ausgemacht, einfach alles zu glauben und meinen Verstand wenigstens ein Stück weit auszuschalten. Das, was Oliver mir erzählt, ist einfach so faszinierend, dass ich ihm gar nicht böse sein kann. Ich lausche seinen Geschichten bis tief in die Nacht. Als ich zum ersten Mal gähne, schaue ich auf die Uhr und stelle fest, dass es schon nach zwei Uhr morgens ist. „Oliver, ich könnte noch bis zum Morgengrauen hier bei dir sein und dir zuhören, aber ich glaube, ich muss nach Hause…“, seufze ich. „Schade… Aber wir haben noch alle Zeit der Welt! Wenn … du mich denn wieder sehen willst?“, fügt Oliver hinzu. Ich lache, küsse seine Wange und drücke ihn an mich. „Ach Olli, ich wäre doch dumm, wenn nicht…“, erwidere ich, „soll ich ein Taxi rufen? Du hast ja kein Handy…“ „Wenn du Lust hast, kann ich dich auf eine andere Weise nach Hause bringen, würde schneller gehen…“, bietet Oliver an und schmunzelt. Ich schaue ihn fragend an, er verschwindet kurz hinter einem Baum und kommt mit seinem komischen Besen in der Hand zurück. „Du … du verlangst von mir, dass ich auf so ein Ding steige und durch die Luft fliege?“, will ich verblüfft wissen. Oliver zuckt die Schultern. „Wenn du willst… Ist ganz ungefährlich und du kannst mir vertrauen; Fliegen ist mein Beruf, weisst du noch?“ Ich hänge mir meine Handtasche um und gehe zögernd näher. „Können wir eine Notlandung machen, falls ich plötzlich Panik kriegen sollte?“, frage ich. „Na klar, du musst nur Stopp schreien, dann werden wir sofort landen, okay?“, sagt Oliver und lässt den Besen in Startposition über dem Boden schweben. Ich steige darauf und Oliver setzt sich hinter mich. Er hält den Besenstiel vor mir fest und ganz langsam spüre ich, wie sich meine Füsse vom Boden abheben. Ich keuche auf. „Hast du Angst?“, flüstert Oliver in mein Ohr. Ich schüttle den Kopf und schaue zum Boden, der sich immer weiter von uns entfernt. „Nein, ich vertraue dir!“, flüstere ich zurück und wir beginnen, etwas schneller zu fliegen. Der Flug ist viel zu schnell vorbei und wir halten zu bald vor dem Fenster meines Zimmers an. Zum Glück lasse ich es immer einen kleinen Spalt breit offen, weil es das Zimmer unter dem Dach ist und es sonst unausstehlich heiss wird. „Na dann… Ich danke dir für dein Vertrauen und dass du mich nicht gleich hast stehen lassen!“, sagt Oliver. Ich küsse seine Stirn. „Danke, dass du mich davon überzeugt hast, zu bleiben…“, erwidere ich. Oliver hält mich fest, während ich durch das Fenster klettere. Ich beuge mich vor und küsse ihn noch einmal. „Gibt es eine Möglichkeit, es meinen Eltern und meiner besten Freundin zu erzählen?“, frage ich. Oliver lächelt und seine braunen Augen leuchten im Dunkeln. „Warte noch ein paar Wochen. Wenn wir sicher sind, dass es ernst ist und nicht nur eine vorübergehende Romanze, können wir es ihnen schonend beibringen…“ „Das macht Sinn…“, stimme ich zu. Wir verabschieden uns und ich schaue Oliver zu, wie er blitzschnell auf seinem Besen in der Nacht verschwindet. Mit den Tagen, Wochen und Monaten lerne ich so viel über Olivers Welt kennen, wie er mir erzählen kann. Jeden Tag lerne ich wieder etwas dazu und bin jedes Mal aufs Neue fasziniert. An der Echtheit dieser ganzen Geschichte zweifle ich schon längst nicht mehr. Mittlerweile sind wir seit etwas über einem Jahr zusammen. Ich bin inzwischen mit dem Gymnasium fertig und habe meine Ausbildung zur Schneiderin in einem Londoner Atelier angefangen. Vor zwei Monaten haben wir mit meinen Eltern geredet und ihnen die ganze Wahrheit erzählt. Obwohl Oliver ihnen mit allerlei Zaubern beweisen wollte, dass es stimmt, haben sie uns nicht geglaubt. Sie sagten, dass sie so eine Spinnerei nicht unterstützen würden und haben mich kurzerhand raus geworfen. Natürlich konnte ich sofort und ohne Probleme bei Oliver einziehen, aber ich habe mehrere Wochen gebraucht, um darüber hinweg zu kommen, von meinen Eltern verstossen worden zu sein. Ich war oft kurz davor, zu ihnen zu gehen, aber habe mich dann immer dazu entschieden, bei Oliver zu bleiben. Inzwischen weiss ich, dass er die Liebe meines Lebens ist und dass meine Eltern das nicht werden ändern können. Heute sind Oliver und ich bei Anne zu Gast. Ich wollte es ihr eigentlich erzählen, nachdem ich es meinen Eltern erzählt hatte, aber ihre Reaktion hat mich bis jetzt zögern lassen. „Und?“, fragt Anne, nachdem sie uns Tee eingeschenkt und sich zu uns an den Küchentisch gesetzt hat, „Wann ist denn nun die Hochzeit? Oder wann kommt das Kind?“ Oliver und ich starren einander an. „Was meinst du?“, wende ich mich fragend an Anne. Die zuckt die Schultern. „Naja, ihr meintet, ihr müsst mit mir reden. Also wollt ihr entweder heiraten oder du bist schwanger… Ist doch das Naheliegendste…“ „Nein, weder noch… Es klingt jetzt vielleicht ziemlich schräg, aber du kannst glauben, was wir dir jetzt sagen!“, bereitet Oliver sie vor. Anne schaut uns auffordernd an. Ich hole tief Luft. „Oliver ist ein Zauberer…“ Anne schaut uns kurz beide an, dann bricht sie in schallendes Gelächter aus. Ich denke natürlich, dass sie uns das nicht glaubt; immerhin habe ich am Anfang genauso reagiert. Aber dann zieht Anne einen Zauberstab aus ihrem Stiefel und legt ihn schmunzelnd vor uns auf den Tisch. Ich schaue sie mit grossen Augen an. „Ich habe mich ja gefragt, wann ihr mir das endlich sagen wollt…“, kichert sie. Ich schaue Oliver an, der genau so geschockt aussieht, wie ich mich fühle. „Du … bist eine Hexe? Und hast mir all die Jahre nichts gesagt?“, frage ich empört. „Tut mir leid, aber normalen Freundinnen darf man das nicht einfach so sagen… Das hat er hier ja jetzt für mich übernommen, ich hab nur darauf gewartet, dass ihr es mir sagt, damit ich euch das gleiche beichten kann“, sagt Anne. Oliver beginnt zu grinsen. „Siehst du, Liebling? Es gibt mehr von uns, als man denkt…“ Ich nicke. „Aber Anne; dann hast du gewusst, dass Oliver ein Zauberer ist?“, will ich wissen. Anne steckt ihren Zauberstab wieder ein. „Zu hundert Prozent natürlich nicht, aber ich war schon stutzig, als du mit damals am Telefon von einem Typen mit Besen und ohne Telefon erzählt hast…“, antwortet sie. „Dann frage ich mich jetzt auch nicht mehr, wie du in nicht mal zwei Wochen meine ganzen Kleider nähen konntest…“, stelle ich fest. Anne lacht. „Kurze Frage:“, meldet sich Oliver zu Wort, „du warst nicht in Hogwarts, oder? Denn du müsstest ungefähr in meinem Alter sein, schätze ich…“ Anne schüttelt den Kopf. „Nein. Ich weiss nicht, ob Naomi dir erzählt hat, dass ich in Frankreich aufgewachsen bin. Ich war an der Beauxbatons-Akademie. Aber ich wollte immer Schneiderin werden – Muggelschneiderin. Meinen Eltern hat das gar nicht gepasst, also bin ich nach der Schule nach England abgehauen und habe eine ganz normale Ausbildung begonnen…“, erzählt sie und sieht dann mich an. „Du bist also nicht die einzige, deren Eltern ein Problem mit den Entscheidungen ihrer Tochter haben.“ Ich seufze, aber lächle dabei. „Ich habe noch die Hoffnung, dass sie sich eines Tages einkriegen werden. Aber ich habe ja jetzt euch, und zum Leben und Glücklich sein reicht das voll und ganz aus!“ Ich nehme je eine Hand von Oliver und Anne in meine. „Ohne euch zwei will ich nicht mehr leben… Auch, wenn ich mich wie eine Aussenseiterin fühlen werde, jetzt da ich weiss, dass mein Freund UND meine beste Freundin zaubern können und ich nicht…“ Daraufhin lachen wir alle drei gemeinsam. ~~~ ~~~ ~~~ „Mama, Mama, schau mal, was ich kann!“, höre ich meinen dreijährigen Sohn rufen und drehe mich um. Er kommt in die Küche gerannt und lässt sein liebstes Kuscheltief vor sich in der Luft schweben. Ich lasse überrascht mein Küchentuch fallen. „Oh Aljoscha, das ist toll! Das kannst du gleich Papa zeigen, wenn er dann heim kommt, ja?“, rate ich ihm. Er nickt und läuft wieder in den Flur. Ich schaue ihm lächelnd nach. Das ist das erste Mal, dass er magische Fähigkeiten zeigt. Oder jedenfalls das erste Mal, dass er sie bewusst steuert. Ich habe von Anfang an das Gefühl gehabt, dass er so sein wird wie Oliver. Oder spätestens dann, als seine Augen genau das gleiche Braun angenommen haben, wie die seines Vaters. Zuerst habe ich mir darüber ein bisschen Sorgen gemacht, aber mit der Zeit habe ich mich damit abgefunden. Spätestens seit unserer Hochzeit vor fast fünf Jahren bin ich voll und ganz in die Zaubererwelt integriert. Aber ich habe auch noch Kontakt zur Muggelwelt, da ich regelmässig mit Anne zu den Fashion Weeks in Paris, New York und Mailand reise, wo unsere gemeinsame Kollektion gezeigt wird. Wie wir es vor Jahren geplant haben, sind es Kleider, die auch von normalen Menschen (und Zauberern) bezahlt und getragen werden können. Ein Stück meiner „alten Welt“ bringen mir auch immer meine Eltern, die meiner Einladung zur Hochzeit tatsächlich gefolgt sind und sich mit mir versöhnt haben. Ich habe mich unglaublich darüber gefreut, dass mein Vater mich doch noch zum Altar geführt hat, denn ich habe meine Eltern doch mehr vermisst, also ich zugeben wollte. Ich fühle mich jedoch in Olivers Welt, die jetzt auch meine ist, völlig zuhause und habe es an keinem Tag meines Lebens bereut, ihn damals im Park nicht stehen gelassen zu haben… (Ich würde mich sehr über Feedback freuen; egal, ob positiv oder negativ!)

28.35 % der User hatten die Auswertung: Hallo, du bist Monika Miller, hier das Wichtigste über dich in Kurzform: - Zu Beginn der Geschichte 16 Jahre alt - Muggelstämmig - Gryffindor - Einen Jahrgang über Fred und George - Befreundet mit Hermine, Ginny und Percy - Dein Aussehen ist dir überlassen ;-) Nur nicht aufgeben! „Hey Mona, Lust auf eine kleine Runde Zauberschach?“, fragt Percy. Ich habe gar nicht bemerkt, wie er hinter mich getreten ist. Ich schaue von meinem Buch hoch. „Klar, wieso auch nicht? Ich verliere zwar eh gegen dich, aber das werde ich schon verkraften…“, stimme ich zu und stehe auf. „Wir werden sehen, du bist besser geworden… Was liest du da eigentlich?“, will Percy wissen. Ich halte ihm mein Buch vor die Nase. „Sturmhöhe!“, antworte ich, und nach seinem verwirrten Blick füge ich noch hinzu: „Muggelroman.“ „Ach so! Ist es zu empfehlen?“, fragt Percy, während wir uns an einen Tisch setzen. „Geht so. Mir persönlich ist einfach die Hauptfigur nicht sympathisch. Aber sonst ist es ziemlich gut…“, erkläre ich. „Gibst du mir einen Tipp, falls ich auch mal das Bedürfnis verspüre, ein Muggelbuch zu lesen?“, will Percy wissen. Ich nicke erfreut. „Klar, jederzeit! Muggelbücher sind klasse. Sie sind das einzige, was mich manchmal davon abhält, meine alte Welt ganz zu vergessen…“, seufze ich. Percy runzelt die Stirn. „Verstehe… Würdest du denn manchmal lieber gar keine Hexe sein wollen?“, will er wissen. „Machst du Witze? Natürlich! Ich vermisse nur manchmal meine Familie…“, sage ich. „Tut mir leid…“, bemerkt Percy und schaut mich mitleidig an. „Das muss es dir nicht! Ich bin ja nicht allein hier. Und jetzt stell das Brett auf!“, fordere ich. Percy und ich spielen solange Zauberschach, bis ausser uns niemand mehr im Gemeinschaftsraum sitzt. „Bei Merlin! Ich habe ganz die Zeit vergessen!“, bemerkt Percy und räumt eilig sein Spiel zusammen. „Ja wirklich, das sollte einem Schülersprecher unter keinen Umständen passieren, Percy!“, sage ich gespielt ernst. „Ja, aber einer Vertrauensschülerin auch nicht!“, wirft er ein. Er macht Spass, aber ich kann in seinen Augen ganz genau sehen, dass ihm unwohl ist bei der ganzen Sache. „Gute Nacht, Mona!“, wünscht Percy mir noch, bevor er zu seinem Schlafsaal eilt. „Nacht“, sage ich ihm noch hinterher, obwohl ich sicher bin, dass er es nicht mehr gehört hat. Ich nehme mir vor, nicht so gestresst zu sein, falls ich nächstes Jahr Schülersprecherin sein sollte. Mit diesem Beschluss gehe ich ebenfalls schlafen. „Mona! Mona, ich habe den Job!“, ruft Percy mir eine Woche später mitten im Schulflur entgegen. Das ist irgendwie untypisch für ihn. Ich begreife zuerst auch gar nicht, wieso er so aufgeregt ist. So habe ich ihn noch nie gesehen. Percy ist eigentlich immer ruhig und besonnen. „Welcher Job?“, frage ich nach. Percy starrt mich an, als hätte ich ihn gefragt, was ein Werwolf sei. „DER Job! Der im Ministerium!“, erklärt er freudig. „Ehrlich? Toll, ich gratuliere dir!“, sage ich erfreut und umarme ihn. Als ich mich nur eine Sekunde später wieder von ihm löse, starrt er mich an. „Ähm, danke Mona, bis dann…“, stammelt er noch, dann ist er in den Schülermassen verschwunden. Von da an hat alles begonnen, sich zu verändern. Zuerst nur ganz schleichend, dann immer eindeutiger. Percy redet nur noch von seinem ach so tollen Job – wenn er denn überhaupt noch mit mir redet. Denn er unterhält sich nur noch mit Lehrern oder mit einigen ausgewählten Schülern, die sich „auf seinem Niveau“ befinden. Ich bin nur noch die kleine Sechstklässlerin, was weiss ich denn schon? Anfangs versuche ich noch, Percy darauf anzusprechen. Aber mittlerweile habe ich es aufgegeben. Ich konzentriere mich jetzt darauf, zu lernen. Ich habe es mir angewöhnt, mit Hermine zu lernen, obwohl die drei Jahre jünger ist. Wir tun das nicht wirklich, um einander gegenseitig zu helfen, sondern einfach, um Gesellschaft zu haben. Wenn wir nicht in der Bibliothek sind, bin ich immer öfter bei den Zwillingen. Sie sind so total anders als Percy. Ich weiss auch nicht, wieso ich mich gut mit ihnen verstehe. Sie sind laut und kindisch (wenn auch sehr schlau); ich hingegen bin ruhig, viel eher wie Percy. Was nicht bedeuten soll, dass ich keinen Spass verstehe. Den Humor von den Zwillingen finde ich grosse Klasse. Das erste Mal, das ich Percy wieder richtig gegenüber stehe, ist im Sommer vor meinem letzten Jahr. Die Zwillinge haben mich zur Quidditch-Weltmeisterschaft eingeladen. Ich gehe eigentlich nur mit, weil ich auf ein paar nette Bekanntschaften aus aller Welt hoffe. Ausserdem kommt Hermine auch mit. Ich stehe also am Tag der Weltmeisterschaft ganz früh morgens mit meinem Gepäck vor dem Fuchsbau. Hermine umarmt mich herzlich, als sich die Haustür endlich öffnet und alle in die Dämmerung heraus treten. Ich schüttle den anderen höflich die Hand. Zum Schluss kommt Percy aus dem Haus. Er trägt viel zu spiessige Kleidung für einen solch sportlichen Anlass. „Guten Morgen, Monika. Schön, dich mal wieder zu sehen“, sagt er kühl. Ich starre ihn enttäuscht an. Er ist also nicht wieder normal geworden. Er hat wieder aufgehört, mich Mona zu nennen. Dabei nennen mich nur die Menschen Monika, die mich wirklich erst gerade kennen gelernt haben. Schweigend machen wir uns auf den Weg zum Portschlüssel, alle sind noch viel zu müde, um sich zu unterhalten. Aber sobald wir auf dem Gelände der Weltmeisterschaft sind, ändert sich das schlagartig. Alle sind total aufgeregt, als wir unsere Zelte beziehen; die sind ja auch der Hammer! Das Spiel später ist super-spannend! Obwohl ich nicht so der totale Quidditch-Fanatiker bin, ist es doch sehr interessant. Mich hat es nur vorhin aufgeregt, wie sich Percy in der Gegenwart von Mr. Crouch, Mr. Bagman und den ganzen anderen Ministeriumstypen da verhalten hat. Er vergöttert sie ja regelrecht und merkt dabei nicht mal, dass sie ihn in keiner Weise respektieren. Dabei hat er gerade erst vor wenigen Wochen im Ministerium begonnen! In meinen Augen macht er sich nur zum Affen. Ausserdem interessiert sich nicht mal die Hälfte der Leute, denen er es erzählt hat, für seinen komischen Bericht über Kessel. Jedenfalls befinden wir uns gerade in unserem Zelt und feiern den Sieg von Irland, als draussen Tumult zu hören ist. Arthur weist uns an, weg zu laufen und uns zu verstecken. Ich sollte bei Fred, George und Ginny bleiben, aber im Getümmel der ganzen Leute verliere ich sie aus den Augen. Ich renne panisch mit dem Zauberstab in der Hand herum und habe keine Ahnung, wo ich hin soll. Ich drehe mich im Kreis, um die Orientierung zwischen all dem Chaos wieder zu finden, da werde ich grob am Arm gepackt und mitgerissen. Ich will protestieren, da merke ich, dass es Percy ist, der mich hinter sich her zieht. Ohne ein Wort bleibt er kurz stehen und dann fühle ich mich, als würde ich durch einen Schlauch gezogen werden. Als wir wieder sicher gelandet sind, muss ich mich kurz an Percy festklammern, weil mir durch das Apparieren ziemlich schwindelig geworden ist. Als ich mich wieder etwas gefangen habe, siehe ich, dass wir vor dem Fuchsbau stehen. Erleichtert atme ich aus. „Danke, Percy! Was ist denn passiert?“, will ich wissen. Percy steckt sich seinen Zauberstab in den Umhang und sieht ziemlich – auf gut Deutsch – angepisst aus. „Kann man sich eigentlich nie auf dich verlassen? Du hättest bei Ginny und den Zwillingen bleiben sollen! Weiss Gott, was passiert wäre, wenn ich dich nicht zufällig gefunden hätte!“, beginnt er zu schimpfen. Empört schaue ich ihn an. Aus den Augenwinkeln kann ich erkennen, dass Arthur gerade mit den Zwillingen und Ginny eintrifft und sofort wieder disappariert. „Traust du mir eigentlich überhaupt nichts zu?“, will ich wissen. „Na anscheinend ist auf dich kein Verlass mehr, wie man gerade eben bemerkt hat!“, schnaubt Percy und macht sich auf den Weg ins Haus. Ich folge ihm wütend. „Sag mal, Percy, was ist los mit dir? Letztes Jahr und die Jahre davor haben wir uns so gut verstanden. Was ist passiert?“, frage ich. Percy dreht sich um und schaut mich überheblich an. „Ich bin erwachsen geworden! Und du tätest gut daran, es auch in Betracht zu ziehen…“ Ich starre Percy nach, bis er schon längst im Haus verschwunden ist. Die Tränen zurück haltend gehe ich ebenfalls in den Fuchsbau und steige die Treppen hoch in Ginnys Zimmer, wo ich gemeinsam mit ihr und Hermine einquartiert worden bin. Ich weiss nicht, wie lange ich einfach auf der Matratze gesessen bin und aus dem Fenster gestarrt habe. Es muss mitten in der Nacht sein, denn draussen ist es längst dunkel, als Hermine das Zimmer betritt. „Wo ist Ginny?“, will sie wissen, während sie ihre Jacke auszieht. Ich zucke teilnahmslos die Schultern. „Weiss ich nicht.“ Hermine schaut mich skeptisch an und kniet sich vor mich hin. „Alles in Ordnung, Moni?“, fragt sie. Ich wende ihr meinen Blick zu. „Klar, was sollte nicht in Ordnung sein? Bin nur ein bisschen verwirrt und geschockt von dem, was bei der Weltmeisterschaft passiert ist…“ Ich drehe meinen Kopf wieder zum Fenster. „Bist du sicher? Deine Augen sehen rot aus – hast du geweint?“, hakt Hermine weiter nach. Ich schweige, dann seufze ich und sehe Hermine in die Augen. „Hast du bemerkt, wie sich Percy verändert hat? Der Job im Ministerium tut ihm nicht gut…“ Hermine nickt langsam. „Ich weiss. Er benimmt sich unmöglich. Er hat … Moment mal; magst du ihn, Moni?“, will Hermine plötzlich wissen. „Natürlich mag ich ihn, du weisst genau, dass wir gut befreundet gewesen sind!“, erwidere ich. „Ja, ich weiss, aber das meine ich nicht. Ich meine, bist du verliebt in ihn?“ Kann sein, dass ich – in Hermines Augen – ein bisschen zu schnell geantwortet habe: „Was? Nein! Wie kommst du denn darauf? Schwachsinn…“ Hermine schmunzelt. „Ah ja… Aber es ist echt schade, dass er sich vom Ministerium so einlullen lässt; vor allem, weil er ja gerade erst dort begonnen hat…“ „Ja, das macht mir auch Sorgen. Und ich finde es so unlogisch; Percy ist so intelligent, wieso merkt er denn nicht, was mit ihm für ein falsches Spiel gespielt wird?“, seufze ich. „Du solltest mal mit ihm reden. Ich glaube, du bist die Einzige, auf die er vielleicht hören könnte!“, riet Hermine. Ich hob verzweifelt die Arme. „Das bezweifle ich… Er hört nicht mal auf seine Familie. Vor allem nicht auf seinen Vater, der arbeitet doch auch dort!“ „Ich glaube einfach, dass sie gar nicht all zu sehr versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen, weil sie ihn nicht verlieren wollen!“ „Auf diesem Weg verlieren sie ihn genau so…“, murmle ich, mehr zu mit selbst als zu Hermine. Aber wahrscheinlich hat sie nicht ganz Unrecht; wahrscheinlich sollte ich wirklich mal mit ihm reden. Diesen Sommer habe ich es nicht mehr geschafft, mit Percy zu reden. Ich war fast volle zwei Wochen im Fuchsbau, aber trotzdem habe ich es nie zu Stande gebracht. Denn wenn er sich nicht in seinem Zimmer verschanzt hat, habe ich ihn nur während den Mahlzeiten gesehen. Und ganz ehrlich; wenn die ganze Familie Weasley dabei ist, will ich mit ihm nicht reden. Ich kehre also erstmal nach Hause zurück und sehne den ersten September herbei. In Hogwarts werde ich wenigstens abgelenkt werden. Immerhin ist es mein Abschlussjahr und meine UTZ’s sind fällig. Ich werde zweifellos viel lernen müssen. Aber auch das ist mir recht, ich will mir nicht den ganzen Tag über den Kopf darüber zerbrechen, wie ich Percy von seinem Trip herunterholen könnte. Ich sollte mir nichts vormachen; seine Familie schafft das nicht, also wieso sollte es mir gelingen? Und plötzlich macht es SCHWUPPS! und ich stehe mit bestandenem Schulabschluss auf der Strasse. Mir ist alles viel zu schnell gegangen und zuerst habe ich gar keine Ahnung, was ich jetzt eigentlich tun will. Für mich stand nur fest, unter keinen Umständen ins Ministerium zu wollen. Ich habe begonnen, in Eeylops Eulenkaufhaus zu arbeiten, weil ich Tiere schon immer mochte, Eulen und ihren Zweck ganz besonders. Es mag armselig wirken, einfach in so einem kleinen Geschäft für Vögel für einen relativ geringen Lohn zu arbeiten, aber für mich reicht es. Schliesslich sollte man das machen, was einen glücklich macht, richtig? Percy habe ich seit einem Jahr nicht mehr gesehen und hoffe, ihm über den Weg zu laufen, wenn ich die Weasleys besuche. In Hogwarts sind Sommerferien, weshalb ich diese Zeit für einen Besuch auswähle. An einem schönen Sommermorgen stehe ich mit einem kleinen Rucksack – ich werde schliesslich nicht allzu lange hier bleiben – vor der Tür des Fuchsbaus. Als Molly die Tür öffnet umarmt sie mich, als wäre ich gerade eben aus dem Krieg zurückgekehrt. „Mona, meine Liebe, wie schön, dass du da bist! Komm doch rein. Wie geht es dir?“, fragt sie und zieht mich mit sich ins Wohnzimmer. „Danke Molly, mir geht es sehr gut, wie steht’s mit euch?“, werfe ich die Frage zurück. „Ach, nichts zu klagen. Willst du ein Stück Kürbiskuchen?“ „Nein, danke, ich habe gerade…“, will ich abwehren, aber bevor ich meinen Satz zu Ende sagen kann, halte ich schon einen Teller mit einem grossen Stück in den Händen. „Mom, warum musst du immer alle mästen? Vielleicht mag Moni…“ „…ja gar keinen Kuchen. Vielleicht ist sie dagegen allergisch und bekommt in sieben Sekunden einen Anfall!“ Noch bevor Fred und George die Treppe unten sind, erkenne ich sie auf Anhieb. Niemand sonst beendet so charmant gegenseitig die Sätze. „Das wüsste ich doch! Ich meine es doch nur gut…“, seufzt Molly und verschwindet in der Küche, während die Zwillinge mich begrüssen. „Na, wie läuft’s im Berufsleben? Immer noch nicht genug davon…“ „…Vogelscheisse auf zu wischen?“ Ich schüttle lächelnd den Kopf. „Nein, hab ich nicht. Alles gut.“ „Du bist aber nicht hier…“ „…um diesen langweiligen Spiesser Percy zu besuchen, oder? Der kommt nämlich…“ „…gar nicht mehr aus seinem Zimmer raus, wenn er nicht im Ministerium ist. Oder erzählt allen… „… Die es wissen wollen oder nicht!...“ „…dass er der jüngste Assistent von irgendwem ist. So genau wissen wir beiden das auch nicht…“ Mir wird ganz schwindelig, wenn ich die ganze Zeit zwischen Fred und George hin- und herschauen muss. Ihre Gesprächsweise kann auch anstrengend sein. „Eigentlich habe ich schon gehofft, ihn wieder mal zu sehen. Aber so, wie ihr über ihn sprecht, muss ich mir das vielleicht doch noch mal überlegen…“, seufze ich. Es klingt nicht so, als ob Percy ein bisschen zur Vernunft gekommen wäre – ganz im Gegenteil. Mittlerweile habe ich es wahrscheinlich aufgegeben, ihn bekehren zu wollen. Dabei habe ich mir mal geschworen, bei nichts einfach aufzugeben. „Gute Entscheidung!“, sagen die Zwillinge aus einem Mund und ich muss lachen. Drei Tage später sitze ich auf meiner Matratze in Ginnys Zimmer, wo auch Hermine zurzeit einquartiert worden ist. Fred und George haben nicht übertrieben, als sie gesagt haben, dass Percy sein Zimmer nicht verlässt. Ich habe ihn immer noch nicht gesehen. Ich habe meine Meinung doch wieder geändert; ich werde ihn nicht so einfach aufgeben. So schwer kann das doch gar nicht sein… Ich habe mir vorgenommen, wenigstens einmal noch mit ihm zu reden, weil ich es ja vor einem Jahr nicht mehr geschafft habe. „Na, Moni, wie sieht’s eigentlich mit Männern so aus?“ Ich zucke zusammen, als Ginny mich anspricht. Ich war wirklich sehr in Gedanken versunken. „Wie sollte es denn aussehen?“, will ich wissen. „Naja, du gehst jetzt nicht mehr zur Schule, hast eine eigene Wohnung und bist frei und unabhängig. Solltest du nicht massenhaft Dates haben?“ Ich seufze und höre, wie Hermine hinter ihrem Buch das gleiche tut. Diese jedoch eher belustigt als genervt, wie ich es bin. „Wieso denn? Ich kann doch meine Freizeit auch alleine verbringen!“ „Das ist doch langweilig…“, schmollt Ginny. Hermine lässt ihr Buch sinken. „Ganz einfach, Ginny. Moni hat wahrscheinlich erst dann ein Date, wenn sie ihren Favoriten umgestimmt hat…“, bemerkt sie. Ginny Augen leuchten auf. „Dann gibt es einen Favoriten? Wieso weiss ich nichts davon?“ Ich werfe Hermine einen verzweifelten Blick zu. „Es ist nichts, Ginny, ehrlich, ich…“, will ich erklären, aber Ginny fällt mir ins Wort. Das scheint in der Familie zu liegen. „Ach Schwachsinn, du gibst es nur nicht zu! Kenne ich ihn? – Hermine, sag du doch was!“ „Ich sage nichts, wenn sie das nicht will. Aber Moni, ich habe es dir schon vor einem Jahr gesagt: Rede endlich mal mit ihm! Er wird es nicht von alleine merken, schon gar nicht in seinem momentanen Zustand. Ich habe aber das Gefühl, dass du die Einzige bist, auf die er hören würde…“ „Na danke, Hermine, offensichtlicher kann man es ja nicht formulieren…“, stöhne ich mit einem Blick auf Ginny. Und genau wie ich vermutet habe, fährt sie hoch. „Oh mein Gott, ihr redet von Percy, nicht? Iiih, Moni, wie kannst du dich in den verlieben?“, ruft sie aus. Hermine klappt empört ihr Buch zu. „Also hör mal, Ginny, Percy ist immer noch dein Bruder!“ „Ja, ein total durchgeknallter, verzogener Bengel ist er! Es vergeht nicht ein Tag, an dem er nicht mit Mom und Dad streitet. In welcher Hinsicht ist er noch liebenswert?“ „Spinnst du jetzt? Seine Meinung ist momentan ein bisschen eigen, deshalb ist er noch lange nicht Voldemort persönlich. So verhältst du dich nämlich gerade!“, schimpft Hermine. „Hört auf! Beide! Ich will nichts mehr hören! Ich bin nicht in Percy verliebt, diese Ansicht war von Hermine schon letzten Sommer falsch! Ihr habt beide gar keine Ahnung. Ich werde jetzt gehen, schönen Sommer noch!“, schimpfe ich aufgebracht, greife nach meiner Tasche und stürme aus dem Zimmer. Ich will mir diesen Schwachsinn doch nicht mehr anhören müssen! Natürlich mag ich Percy, er war mal so etwas wie mein bester Freund. Das heisst aber nicht gleich, dass ich ihn liebe. Wo leben wir denn, dass man mit Jungs nicht mehr einfach nur befreundet sein kann? Gerade, als ich das Haus verlasse, pralle ich gegen jemanden. Ich hebe den Blick und erkenne Percy. Er schaut mich genau so überrascht an, wie ich ihn. Zuerst fällt uns beiden nicht auf, dass er mich um die Taille festhält, weil ich sonst das Gleichgewicht verloren hätte. Percy lässt mich aber sofort los und räuspert sich. „Monika, was für eine erfreuliche Überraschung! Wie geht’s dir?“, fragt er höflich und reicht mir seine Hand. „Danke, Percy, mir geht es gut. Wie sieht’s bei dir aus?“, will ich wissen, erfreut, dass er mich nicht ignoriert. „Viel zu tun, sehr viel zu tun. Aber man fügt sich, nicht wahr?“ Percy lacht. Ich habe ihn schon so lange nicht mehr lachen gehört… „Ja, das stimmt…“ „Willst du denn schon wieder abreisen?“, will er mit einem Blick auf meine Tasche wissen. Etwas irritiert nicke ich. Er hat also die ganze Zeit bemerkt, dass ich da bin? „Ja, ich habe noch andere Pläne…“, antworte ich. „Schade. Wir könnten uns mal auf ein Butterbier treffen, wenn du Lust hast. Oder auf ein Eis?“ schlägt Percy vor und mir verschlägt es glatt die Sprache. Da redet er fast zwei Jahre lang nicht mit mir und jetzt will er sich mit mir treffen, als ob nie etwas gewesen wäre? „Ähm, gerne! Wann hast du denn Zeit?“, will ich wissen. „Ich schicke dir eine Eule, okay? Aber jetzt muss ich weiter arbeiten. Hat mich sehr gefreut, Monika!“, sagt er und schüttelt mir wieder die Hand. Ich schaue ihm hinterher, wie er im Haus verschwindet. Wieso erzählen alle, er wäre so unausstehlich? Jetzt gerade hat er sich doch nett verhalten. Er will sich auch wieder mit mir treffen. Vielleicht war meine Entscheidung, doch nicht aufzugeben, doch richtig… Percy hat tatsächlich Wort gehalten und eine Woche später treffe ich mich mit ihm im Drei Besen. Als ich ankomme, ist er bereits da; er begrüsst mich mit einem förmlichen Händeschütteln. Wir bestellen uns ein Butterbier und beginnen ein Gespräch. Alles geht gut und wir unterhalten uns nett, solange ich mich bemühe, das Ministerium aussen vor zu lassen. Ich gebe zu, ich hätte gerne von ihm gehört, was so abgeht. Schliesslich kann das Ministerium den Wiederaufstieg von Voldemort nicht mehr leugnen, seit dem, was Ende des letzten Schuljahres dort vorgefallen ist Aber ich will unser schönes Treffen nicht zerstören, deshalb hoffe ich, dass auch Percy seinerseits das Thema nicht anschneiden wird. Aber natürlich musste das ja früher oder später passieren, so versessen, wie er auf seinen Job ist. „Und, was arbeitest du jetzt eigentlich? Machst du eine Ausbildung?“, fragt er. Ich schüttle den Kopf. „Nein, ich arbeite bei Eeylops, das macht mir grosse Freude!“, antworte ich. Ich sehe, wie Percys Lächeln etwas gefriert. „Hast … du dort irgendwelche Karrierechancen?“, will er wissen. „Ähm, nein, nicht wirklich.. . Aber darum geht es mir nicht. Für mich reicht der Job voll und ganz aus!“ „Noch nie daran gedacht, einen Job im Ministerium anzunehmen? Man verdient sehr gut und es gibt auch eine Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe, falls du dich für Tiere interessierst! Oder auch das Amt für Drachenforschung und Drachenzähmung. Oder das Werwolfs-Unterstützungsamt. Oder…“, zählt Percy eifrig auf, aber ich unterbreche ihn vorsichtig. „Ähm, Percy; vielen Dank, aber ich habe gerade keinen Bedarf an einem neuen Job.“ „Ich wollte nur helfen… Ich hätte für dich auch ein gutes Wort beim Zaubereiminister eingelegt, aber wenn du nicht willst…“, sagt er. Ich lächle dankend. „Will ich nicht, danke für das Angebot. Ich glaube, ich käme im Ministerium nicht klar…“ „Was willst du damit sagen?“, fragt Percy misstrauisch. „Najaaa…“, beginne ich unsicher. Wahrscheinlich hätte ich diesen letzten Satz weglassen sollen. „Sag jetzt nicht, dass du auch so eine bist, die die Handlungen des Ministeriums anzweifelt oder gar als schlecht ansieht!“, ruft Percy aus. Ich hebe hilflos die Hände. „Das habe ich doch gar nicht gesagt! Percy, reg dich bitte nicht auf! Ich wollte nur sagen, dass ich momentan mit meinem Job und meinem restlichen Leben vollkommen zufrieden bin. Das ist alles, wirklich!“, versichere ich ihm. Er seufzt. „Wenn das so ist… Lass uns das Thema wechseln“, schlägt er vor. Ich atme erleichtert aus. Aber obwohl wir das Thema „Zaubereiministerium“ weiträumig umschiffen, bleibt die Stimmung angespannt und hat eher den Anschein an ein Geschäftsessen als an etwas, das ich vorsichtig für ein Date gehalten habe. So bin ich heilfroh, als wir endlich bezahlen und uns verabschieden. Das Treffen war zwar kein kompletter Reinfall, aber wirklich Spass gemacht hat es mir auch nicht. Wahrscheinlich wird Percy nie wieder so sein, wie ich ihn früher gemocht habe… Es sind zwei weitere Jahre vergangen. Von Percy habe ich nie wieder etwas gehört. Ich habe ihm nach unserem Treffen noch ein paar Mal geschrieben, aber er hat nie geantwortet. Ich habe schliesslich aufgegeben und begonnen, nicht mehr so viele Gedanken an ihn zu verschwenden – Menschen ändern sich, und so findet und verliert man Freunde. Und Percy war einst einer der besten Freunde, die ich hatte… Meine Stelle bei Eeylops habe ich bis heute nicht aufgegeben und es macht mir Spass wie am ersten Tag. Dort habe ich auch meinen Freund kennen gelernt. Er heisst Ian und ist ins Eulenkaufhaus gekommen, um Futter für seine Schleiereule zu kaufen. Er hat mir von Anfang an gefallen, und ich ihm wohl auch, denn eine Woche später ist er wieder bei uns im Geschäft aufgetaucht und hat mich um ein Date gebeten. Einige Dates später sind wir dann zusammen gekommen. Ich bin sehr glücklich, aber seit Beginn der Beziehung habe ich das Gefühl, als ob etwas fehlen würde, als ob etwas nicht ganz richtig wäre. Da ich jedoch habe nie herausfinden konnte, was es ist, habe ich es bis jetzt einfach erfolgreich ignoriert. Es ist ein schöner Tag im Sommer, als eine Eule vom Fuchsbau bei mir eintrifft; es ist eine Einladung zu Bills Hochzeit. Das erstaunt mich sehr, da ich Bill eigentlich gar nicht kenne… Aber ich freue mich sehr und mache mich gleich auf den Weg nach London, um mir ein Kleid zu kaufen. Vorher schicke ich die Eule mit einer Zusage zurück und frage nebenbei noch, ob ich wohl Ian mitbringen kann. Schon wenige Tage später appariere ich mit Ian an meiner Seite zum Haus der Weasleys. Das Festzelt ist extrem gross und es sind viele Gäste anwesend. Während der Trauung schaue ich mich unbewusst ständig nach Percy um, aber ich finde ihn nicht. Ich frage mich, ob es wohl so weit gekommen ist, dass er nicht mal mehr zur Hochzeit seines Bruders kommt. Oder vielleicht wurde er nicht eingeladen. Jedenfalls habe ich einmal etwas von einem grossen Streit gehört, der wohl zwischen ihm und seinen Eltern stattgefunden hatte. Das Fest ist fröhlich und ausgelassen. Das Essen ist ausgezeichnet und ich habe mir richtig den Bauch vollgeschlagen. Das hält mich aber nicht davon ab, jetzt mit Ian zu tanzen, nachdem die Tische und Stühle einer grossen Tanzfläche gewichen sind. Gerade, als die Feier wohl auf dem Höhepunkt ist, platzt ein Patronus herein: „DAS MINISTERIUM IST GEFALLEN! DER SCRIMGEOUR IST TOT! … SIE KOMMEN!“ Ein paar Sekunden ist alles still, dann bricht Panik aus. Alle rennen durcheinander, suchen ihre Liebsten und disapparieren. Ich schaue mich panisch nach Ian um, in der aufgeregten Menge wurden wir auseinander gedrängt. Verzweifelt taumle ich zwischen den ganzen Leuten umher, habe nicht mal meinen Zauberstab griffbereit, als ich plötzlich am Arm gepackt werde. Sofort spüre ich das vertraute, aber unangenehme Gefühl des Apparierens und erst, als wir wieder sicheren Boden unter den Füssen haben, erkenne ich Percy. Ich starre ihn an wie einen Geist. Er hingegen lässt mich los und schaut mich mit einer Mischung aus Wut und Besorgnis an. „Was ist passiert? Wo ist Ian? Ist er in Sicherheit?“, frage ich verzweifelt. Percy dreht nur kurz den Kopf in Richtung eines Hauses, vor dem wir stehen, da kommt Ian auch schon auf mich zu gestürmt. Ich lasse mich heftig von ihm umarmen. „Moni, Merlin sei Dank, dir geht’s gut! Es tut mir leid, aber Molly ist sofort mit mir appariert! Ich wollte zurück, um dich zu holen, aber sie hat mich nicht gelassen!“, sprudelt es aus ihm heraus. Ich schaue ihn an. „Mir geht’s gut, alles in Ordnung. Ich glaube, dieses Retter-Gen ist bei den Weasleys zu tief verankert“, scherze ich. Dann stelle ich mich auf die Zehenspitzen und flüstere Ian zu: „Lässt du mich kurz mit Percy allein, bitte? Ich muss mit ihm sprechen…“ Ian nickt verständnisvoll – ich habe ihm natürlich von Percy erzählt. Vielleicht nicht bis ins Detail, aber jedenfalls, dass wir mal befreundet gewesen sind und wie er sich verändert hat. Er küsst mich kurz auf die Stirn und geht dann zurück ins Haus. Percy steht immer noch etwas unschlüssig neben mir. Ich wende mich ihm zu und seufze. „Danke, dass du mich hierher gebracht hast. Wo sind wir hier?“, will ich wissen. „Wir sind bei Tante Muriel. Arthur, Molly und die Kinder können hier wohnen, solange es im Fuchsbau nicht sicher ist…“, erklärt Percy. Ich schlucke betroffen. Arthur, Molly und die Kinder? Er zählt sich also nicht mehr zur Familie? „Und du bleibst nicht hier?“, frage ich vorsichtig. Percy schnaubt verächtlich. „Natürlich nicht. Ich habe dich nur hierher gebracht, weil ich mitbekommen habe, dass dein Freund hier ist. Ich muss auf der Stelle ins Ministerium!“ Ich erschrecke und greife nach seinem Arm. „Hast du sie nicht mehr alle? Percy, das Ministerium ist gefallen, dort ist jetzt alles voller Todesser! Sogar der Minister ist tot! Was willst du dort?“ Percy schüttelt meinen Arm ab und weicht einen Schritt zurück. „Ich muss dort nach dem Rechten sehen. Ich persönlich glaube ja nicht, dass das alles stimmt. Genau so, wie es eine grosse Lüge war, was Harry Potter und Dumbledore erzählt haben…“ Mir bleibt der Mund offen stehen. „Professor Dumbledore ist tot, Percy, ermordet von Severus Snape! Wie kannst du dem Ministerium noch vertrauen?“, rufe ich entsetzt aus. Percy lacht trocken auf. „Ach, der alte Zauberer ist wohl eher an Altersschwäche gestorben… Und ausserdem ist das Ministerium inzwischen wohl die einzige Institution, der man noch Vertrauen schenken kann“, behauptet er und will sich an mir vorbei aus dem Staub machen. „Bitte, Percy, denk doch mal nach! Sie bestreiten total die Wahrheit und manipulieren deinen Verstand!“, sage ich verzweifelt und stelle mich ihm in den Weg. „Du hast keine Ahnung. Mr. Scrimgeour ist eine höchstkompetente Führungsperson und man kann sich voll und ganz auf sein Urteil verlassen“, sagt er genervt. „Percy, du bist so intelligent! Du musst doch merken, dass das Ministerium ein falsches Spiel gespielt hat. Oder?“, frage ich vorsichtig. Ich glaube, ganz kurz eine Regung in seinen Augen erkennen zu können, bevor er sich räuspert. „Was geht dich das überhaupt an, du bist viel jünger und hast keine Ahnung!“ „Ja, gerade mal ein Jahr! Ausserdem sind wir Freunde, Percy! Ich will nicht, dass die dich noch komplett verkorksen!“, sage ich, meine Stimme nun deutlich angehoben. „Du hängst mit den unreifen Kindsköpfen von Zwillingen ab, du kannst nicht WIRKLICH mit mir befreundet sein, Monika…“, sagt Percy abschätzig. „Lass doch Fred und George da raus! Und ich will nun mal nicht, dass dir irgendetwas passiert!“, wiederhole ich. „Aber WARUM, um Himmels willen?“ „Weil ich mich in dich verliebt hab, du Idiot!“, schreie ich, drehe mich um und renne. Renne, einfach irgendwo hin, Hauptsache weg. Ich habe das nicht gewollt. Ich bin mir meinen Gefühlen bis vor wenigen Momenten doch noch nicht mal sicher gewesen, obwohl Hermine es schon vor so langer Zeit erkannt hat. Ich habe die Vorstellung von Percy als meinen besten Freund von damals, als er noch so nett war, einfach nicht verloren. In diese Vorstellung habe ich mich schon längst verliebt, auch dann, als er sich längst so verändert hatte. Ich habe mir eingeredet, dass es nur eine Phase ist und er früher oder später aufwachen würde. Er hat sich erst mit dem Job im Ministerium so verändert und tut es auch immer noch weiter… Ich weiss auch nicht, wie lange ich gerannt bin. Ich weiss nur, dass ich keine Ahnung habe, wo ich mich befinde. Ich könnte einfach apparieren, zurück zu Ian und mich in seine Arme flüchten. Aber der kann mir jetzt auch nicht helfen. Ausserdem fehlt mir die Kraft zum Apparieren. Ich schaue mich um und finde mich an einem Waldrand wieder. Ich gehe langsam zum nächsten Baum und lasse mich daran herunter sinken. Das Kleid, das ich von der Hochzeit immer noch trage, ist total zerfetzt und schmutzig. Aber das kümmert mich nicht. Ich ziehe die Knie an die Brust, umschlinge sie mit den Armen und lege den Kopf darauf. Und dann lasse ich die Tränen laufen. „Moni! Wo steckst du? Moni!“, höre ich irgendwann von Weitem eine Stimme. Es ist schon dunkel und wahrscheinlich bin ich kurz eingenickt. Ich hebe den Kopf und erkenne Umrisse einer Person. Dass es Ian ist, merke ich, als er auf mich zu gerannt kommt. Er kniet sich vor mich hin und umschliesst mein Gesicht mit seinen Händen. „Mein Gott, Moni, da bist du ja! Ich habe dich ewig gesucht! Was ist bloss in dich gefahren?“, fragt er, man hört die Erleichterung in seiner Stimme. „Ich … ich hab‘ mich mit Percy gestritten. Ich musste weg, es tut mir leid! Ich konnte nicht mehr…“, flüstere ich. Ian lässt die Hände sinken, eine Weile ist es still. „Du liebst ihn…“, stellt Ian dann plötzlich fest. Ich schaue ihn an und bin erstaunt, dass er nicht wütend ist und sogar ein bisschen lächelt. Also nicke ich bloss und spüre wieder heisse Tränen meine Wangen hinunter laufen. Ian beugt sich zu mir vor und hebt mich hoch. Sekunden später stehen wir in unserer Wohnung. Also, eigentlich ist es meine Wohnung und Ian ist vor ein paar Monaten eingezogen. Ich ziehe mich im Bad um, während Ian Tee macht. Dann setze ich mich aufs Sofa, er deckt mich fürsorglich zu und setzt sich dann neben mich. „Seit wann weisst du es?“, frage ich leise. Ian seufzt und stellt seine Tasse auf den Tisch. „Nun ja, ich habe schon seit Monaten bemerkt, dass dir irgendetwas fehlt. Aber ich habe nie daran gedacht, dass Percy der Grund dafür sein könnte. Obwohl du so viel von ihm erzählt hast. Ich schätze, das habe ich einfach die ganze Zeit über verdrängt… Ich hatte aber auch immer das Gefühl, dass du das genau so merkst wie ich, aber selbst den Grund dafür auch nicht kennst, richtig?“ Ich schaue Ian erstaunt an. „Hast du Psychologie studiert, oder so?“, will ich wissen. Ian lacht. „Das muss man nicht, um zu merken, wie du ihn ansiehst…“, seufzt er. „Wie … schaue ich ihn denn an?“, frage ich vorsichtig. „So, wie du mich nie angesehen hast…“, sagt Ian und das erste Mal seit er mich am Waldrand gefunden hat, sehe ich Traurigkeit in seinen Augen. „Ian, ich …“, ich breche ab und schlucke. „Es tut mir so leid! Wirklich, ich liebe dich, nur…“ Ian winkt ab und versucht sich an einem Lächeln. „Moni, ist schon okay. Das glaube ich dir ja, aber ihn liebst du nun mal mehr… Ich merke doch, dass ich dich nicht vollständig glücklich machen kann und das kann ich nicht zulassen. Das klingt jetzt vielleicht abgedroschen, aber wenn du glücklich bist, dann bin ich es auch!“ „Ian… Du bist der beste Mensch, den ich kenne. Du hast eine ganz tolle Frau verdient, die dich über alles liebt – viel mehr, als ich es tue. Ich hoffe, du findest sie bald!“, sage ich und meine es auch wirklich so. „Das wird sich schon irgendwann geben… Ich hoffe nur, dass Percy zur Besinnung kommt. Denn wenn er das nicht tut und dich allein lässt, werde ich ihm gehörig den Zauberstab verbiegen!“, droht Ian. Ich lache ein bisschen. Dann beuge ich mich vor und umarme ihn. „Danke für alles! Wenn du irgendwann Hilfe brauchst, melde dich!“, sage ich. Ian nickt dankbar. „Du auch… Aber ich hoffe, du verstehst es, wenn ich jetzt gehe?“, will er wissen. Ich nicke. „Ja. Du hast jemanden, wo du hin kannst?“, frage ich nach. „Ja, meinen Bruder… Wenn ich jetzt abreise, komme ich morgen bei ihm an, wenn es hell ist…“, antwortet Ian. Das freut mich. Ich hätte es mir nicht verzeihen können, wenn er irgendwo unter einer Brücke hätte schlafen müssen. Ian steht auf und packt ein paar der wichtigsten Dinge in seinen Rucksack. „Ich … werde meine Sachen ein anderes Mal holen…“, sagt er. Ich nicke betreten. Ian kommt näher uns umarmt mich noch ein letztes Mal. „Danke!“, wispere ich, dann ist er auch schon verschwunden. Ich wickle die Decke enger um mich und bin bald eingeschlafen. Fast ein Jahr lang habe ich versucht, mit Percy Kontakt aufzunehmen. Da aber nicht mal seine Familie wirklich weiss, wo er ist und was er treibt, hat sich die Suche als sehr schwierig gestaltet. Ab und zu habe ich mich mit Ian getroffen. Er scheint einigermassen darüber hinweg gekommen zu sein, dass ich nicht mit ihm zusammen sein kann, solange Percy in meinem Leben ist. Vor einer Woche hat er mir erzählt, dass er eine sehr nette junge Hexe kenne gelernt hat. Ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass sie die Frau ist, die ihn glücklicher machen kann, als ich es konnte. Ich bin gerade dabei, Geschirr zu spülen, als mich die Meldung erreicht, dass in Hogwarts die Schlacht ausgebrochen ist. Ich lasse den Teller, den ich in den Händen halte, fallen und mache mich auf der Stelle auf den Weg zur meiner ehemaligen Schule. Als ich dort eintreffe, ist die Schlacht schon in vollem Gange. Kaum betrete ich den ersten Flur, muss ich schon einem Schockzauber eines Todessers ausweichen. Ich duelliere mich mit ihm, bis ich es schliesslich schaffe, ihn zu entwaffnen. Dann renne ich los. Ich kämpfe mich durch die Gänge, bis ich schliesslich keine Luft mehr kriege. Für einen Moment erlaube ich es mir, mich an eine Wand zu lehnen und tief Luft zu holen. Es ist kein Feind in Sicht, aber dann höre ich ein ohrenbetäubendes Rumpeln. Es muss ganz nah sein. Ich stosse mich von der Wand ab und biege um die Ecke. Der Flur dort ist voller Staub, sodass ich Mühe habe, etwas zu erkennen. Nach einiger Zeit wird die Sicht etwas besser und ich kann erkennen, dass ein Stück der Decke eingekracht ist. Aber noch mehr erschreckt es mich, neben dem Trümmerhaufen Percy zu sehen. Er starrt regungslos darauf und ich komme langsam näher. Ein paar Meter vorher bleibe ich wie angewurzelt stehen und schlage beide Hände vor den Mund. Unter den Trümmern erkenne ich einen roten Haarschopf. Ich kann aber noch nicht sagen, zu wem der gehört. Ich schluchze auf, in dem Moment hebt Percy ruckartig den Kopf und starrt mich an. Ich starre zurück. Dann weiss ich plötzlich selbst nicht, was ich tue, als ich auf ihn zu renne und ihn dann fest an mich drücke. Ich bin von mir selbst erstaunt, aber noch viel erstaunter bin ich, als Percy seine Arme ebenfalls fest um mich schlingt und seinen Kopf in meinen Haaren vergräbt. Wir stehen lange so da, schweigend, beide schluchzend und völlig am Ende – am Ende von der Schlacht, von (wie sich etwas später heraus gestellt hat) Freds Tod und auch davon, was zwischen uns alles passiert ist die letzten Jahre. Als wir uns endlich voneinander lösen können, bergen wir immer noch schweigend Freds Leiche und bringen sie in die Grosse Halle, wo er aufgebahrt wird. Dann kämpfen wir weiter. Wir kämpfen, aber stets Seite an Seite, damit wir uns nicht wieder aus den Augen verlieren, denn das haben wir schon viel zu oft zugelassen. Als die Schlacht schliesslich vorbei ist, können wir es wohl beide gar nicht glauben, dass das alles jetzt endlich ein Ende hat. Wir gehen gemeinsam in die Grosse Halle, um bei der Siegesfeier dabei zu sein. Wir setzen uns an einen ziemlich zerstörten Tisch, aber als ich die gesamte Familie Weasley versammelt sehe, nehme ich Percys Hand und ziehe ihn zu ihnen hin. Sie alle sind sehr erstaunt, Percy zu sehen und gerade, als er den Mund öffnen will, um sich zu entschuldigen, schliesst Molly ihn weinend in ihre Arme, um ihn beinahe zu erwürgen. Ich stehe lächelnd etwas abseits daneben und denke, dass jetzt wahrscheinlich endlich alles gut werden wird. Nachdem Percy seine ganze Familie umarmt hat und allen gesagt hat, wie leid ihm das alles tut, kommt er auf mich zu. Völlig unerwartet küsst er mich. Der Kuss ist voller Schuld und Liebe. Und obwohl wir beide völlig erschöpft, verschwitzt und überall verwundet sind, hätte ich mir keinen schöneren Zeitpunkt wünschen können. Wir haben viel geredet. Viel mehr, als normale Paare das tun würden. Aber wir sind uns so lange aus dem Weg gegangen und es haben sich so viel ungesagte Dinge angestaut. Mittlerweile hat mich Percy jedoch davon überzeugt, dass er bereut, was er getan hat. Er war einfach viel zu besessen von der Idee, eine echte Karriere auf der Überholspur im Ministerium erreichen zu können. Nach der Schlacht ist er zwar dorthin zurück gekehrt, jedoch mit der Absicht, es von nun an gelassener angehen zu lassen. Er findet sich auch damit ab, dass ich weiterhin im Eulenkaufhaus arbeite. Alles in allem verstehen wir uns schliesslich wieder so gut, wie wir es vor so vielen Jahren in Hogwarts getan haben. Eigentlich sogar noch besser. Es hat lange gedauert, aber an unseren ganzen Differenzen sind wir schlussendlich nur gewachsen. Jetzt bin ich froh, dass ich niemals aufgegeben habe, das Gute in Percy zu suchen. Es hat viele Momente gegeben, in denen ich ihn einfach habe vergessen wollen, aber nun hat es sich doch ausgezahlt. Percy sagt mir oft, dass er ohne mich vielleicht nicht mehr zu retten gewesen wäre. Ich glaube das zwar nicht wirklich, aber trotzdem ist es schön zu hören. Wir haben beide Fehler gemacht und aus ihnen gelernt. Dass wir schlussendlich doch zusammen gefunden haben, zeigt nur, dass Liebe die grössten Schwierigkeiten aus der Welt schaffen kann. Und ich denke, das ist genau das Motto, nach dem wir fortan leben – es ist das, was einer von uns sagt, wenn wir uns mal wieder streiten; es ist unser Eheversprechen bei unserer Hochzeit; und es ist das erste, was wir unseren Kindern beibringen. Denn wenn es bei uns geklappt hat, wird es bei allen übrigen Menschen auch klappen, da bin ich mir sicher! (Ich würde mich sehr über Feedback freuen; ganz egal, ob positiv oder negativ!)

41.52 % der User hatten die Auswertung: Hey, du bist Sophie Morgan, hier das wichtigste: - Zu Beginn der Geschichte 18 Jahre alt - Muggelstämmig - Warst in Ravenclaw, momentan Ausbildung zur Heilerin im St. Mungos - Ein Jahr jünger als Harry und co. - Befreundet mit Janina (fiktiv) - Wie immer ist beim Aussehen deiner Phantasie keine Grenzen gesetzt ;-) Liebe ohne Wenn und Aber… „Ah, Mister Weasley, lange nicht gesehen!“, begrüsse ich Charlie schmunzelnd, als ich das Zimmer betrete. Diesmal hat er einen Verband um den linken Oberarm. „Hallo! Ja, muss mindestens eine Woche her gewesen sein“, grinst er sarkastisch. „Was war es diesmal?“, will ich wissen und entferne den Verband vorsichtig, um ihn zu wechseln. „Ach, ein junger walisischer Grünling. Nicht der Rede wert…“, winkt er ab. „Nur eine weitere Narbe, die dich bei den Frauen umso begehrenswerter sein lässt, was?“, lache ich. Ich kenne Charlie Weasley seit dem Tag, als ich hier im St. Mungo vor gut einem Jahr meine Ausbildung zur Heilerin begonnen habe; er war der erste Patient, bei dem ich zuschauen durfte. Seitdem sehe ich ihn mindestens einmal pro Monat in einem unserer Krankenbetten liegen – jedes Mal mit einer weiteren Brandnarbe. „Funktioniert es denn, Sophie?“, will er frech wissen. Ebenso wie er ständig neue Verletzungen hat, versucht er mich auch immer wieder aufs Neue anzubaggern. Aber ich bin noch nie darauf eingegangen. „Wenn ich auf Narben stehen würde, hätte ich mit so gut wie jedem hier etwas am Laufen“, entgegne ich. Ich zurre den frischen Verband fest und entsorge den alten. Währenddessen fummelt Charlie an dem Verband herum. „Du machst das besser als alle anderen hier…“, bemerkt er, als ich schon wieder bei der Tür bin. „Danke, du lieferst mir ja auch genug Arbeit, um zu üben. Aber jetzt muss ich gehen, du bist nicht der einzige, der Hilfe braucht. Wenn was ist, kannst du rufen, ansonsten wird dich wohl bald jemand entlassen…“ Charlie grinst mich noch einmal an, dann finde ich mich auf dem Flur wieder. Ich atme tief aus. Charlie ist echt nett, aber seine dominante Art geht mir manchmal ein bisschen auf die Nerven. „Sophie, Alice hat nach dir gefragt!“, höre ich die Stimme meiner Arbeitskollegin und zugleich bester Freundin Janina hinter mir. Ich drehe mich zu ihr um. „Wie geht es ihr?“, frage ich und binde mir meine Schürze neu. „Wie jeden Tag. Sie hat die ganze Zeit ein Foto von ihrem Sohn in den Händen gehabt. Ich denke, irgendwie merkt sie, dass er sie heute wie jeden Dienstag besuchen kommt…“ „Das ist mir schon lange aufgefallen. Ich geh dann mal! Charlie ist übrigens mal wieder hier“, informiere ich Janina noch und deute mit dem Kopf auf die Tür neben mir. „Hat er dich wieder angegraben?“, will Janina wissen. Ich seufze. „Es wird jedes Mal schlimmer!“ Janina lacht nur, während ich mich auf den Weg zu meinen Lieblingspatienten mache. Alice Longbottom winkt mir gleich erfreut wie immer zu, als ich ihr Zimmer betrete. Frank lächelt mir nur nervös zu. Ich gehe zu den beiden hin. „Guten Tag, zusammen! Wie geht es euch denn heute?“, will ich wissen. Alice nickt begeistert, um mir zu zeigen, dass es ihr gut geht. Sie streckt mir ihre geschlossene Faust entgegen. Ich trete an ihr Bett und schaue mir an, was sie in der Hand versteckt hält. Alice zeigt mir ein buntes Papierstück, das aussieht wie ein Teil einer Verpackung; was es erfahrungsgemäss auch ist. „Willst du das deinem Sohn geben?“, frage ich lächelnd. Alice nickt aufgeregt. Ich setze mich zu ihr auf ihr Bett und nehme ihre Hand. „Er wird sich sicher sehr freuen. Du weisst, dass er euch heute wieder besuchen kommt, nicht wahr, Alice?“, frage ich sanft. Wieder nickt Alice erfreut. Das ist sowieso wie meistens ihre Art zu kommunizieren – nicken oder Kopf schütteln. Wie auf ein Stichwort geht in dem Moment die Tür auf, und die besagte Person betritt den Raum; wie immer ein bisschen unsicher und vorsichtig. Ich stehe vom Bett auf. „Hallo Mr. Longbottom!“, begrüsse ich ihn. Er lächelt mir zu. „Hallo. Haben Sie eine Vase für die hier?“, fragt er und streckt mir einen kleinen Blumenstrauss entgegen. Ich nehme in. „Natürlich, ich werde gleich eine besorgen“, verspreche ich ihm und verlasse das Zimmer. Bevor ich die Tür hinter mir schliesse, schaue ich noch einmal kurz zurück und sehe, wie er ans Bett seiner Mutter tritt. Ich kenne Neville noch von früher, wir sind zusammen nach Hogwarts gegangen. Wir haben nie etwas zusammen zu tun gehabt, weil ich eine Klasse unter ihm war, aber spätestens seit der grossen Schlacht vor zwei Jahren ist er fast jedem bekannt. Seine Eltern habe ich in der ersten Woche meiner Ausbildung kennen gelernt und Alice hat mich gleich in ihr Herz geschlossen. Mit Neville habe ich immer noch nicht viel mehr zu tun, obwohl ich ihn so gut wie jede Woche – immer am Dienstag – sehe. Mir hat er nur immer leid getan, wegen seinen Eltern. Er weiss wohl auch immer noch nicht ganz, wie er sich ihnen gegenüber verhalten soll. Ausserhalb des Krankenzimmers ist er selbstbewusst, wie er es in der Schulzeit nie gewesen ist, manchmal flirtet er sogar mit einer Krankenschwester; aber sobald er im Zimmer mit seinen Eltern ist, wird er unsicher und schüchtern. Ich betrete unseren Aufenthaltsraum und suche im Schrank eine passende Vase für die gelben Rosen, die Neville mir in die Arme gedrückt hat. „Oh, von wem hast du die denn bekommen?“, fragt Janina von hinten, als ich gerade den Wasserhahn aufgedreht habe. „Die sind nicht für mich, die hat Neville für seine Mutter mitgebracht“, erkläre ich. Janina verschränkt die Arme. „Ach so ist das… Vielleicht ist es ja auch ein Zeichen!“ „Was sollte das denn für ein Zeichen sein?“, will ich wissen, drehe den Wasserhahn wieder zu und stelle die Rosen in die Vase. „Na, eigentlich hätte er die Rosen lieber dir geschenkt, aber er hat sich nicht getraut, weil ich euch ja immerhin kaum kennt, und deshalb hat er dir nur diese hier zum Einstellen gegeben“, erläutert Janina ihre Theorie. „Das ergibt keinen Sinn. Ausserdem, wieso sollte gerade Neville mir Blumen schenken wollen?“ Janina verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf. „Sag mir jetzt nicht, dir ist noch nie aufgefallen, wie der dich ansieht?“ „Janina, komm auf den Punkt! Wie soll er mich schon ansehen?“, frage ich, mittlerweile genervt von Janinas Spielchen. „Wie er dich ansieht? Mit so viel Ekel im Gesicht, als wärst du der hässlichste Gnom der Welt, natürlich! - Mann, er sieht dich an, als würde er dich am liebsten an sich ketten und nie mehr losbinden, nicht mal um aufs Klo zu gehen…“ Ich verziehe das Gesicht. „Ja klar… Neville ist nett und höflich… Aber wenn du sehen willst, wie jemand aussieht, der etwas von mir will, dann begibt dich ins Zimmer Nummer 156, dort findest du Charlie…“, biete ich an. „Stimmt, wieso gehst du nie mit ihm essen?“, will Janina wissen. Ich dränge mich an ihr vorbei auf den Flur, aber sie folgt mir. „Wieso sollte ich mit ihm essen gehen? Er flirtet seit einem Jahr mit mir, wenn ich interessiert wäre, wäre ich schon längstens mit ihm ausgegangen“, erwidere ich. „Aber er sieht schon unglaublich gut aus, oder?“, hakt Janina nach. „Schon möglich. Aber ich will keinen Freund, der den grössten Matcho spielt, sondern einen, der nett und höflich ist!“, stelle ich klar. „Also doch Neville!“, ruft Janina aus. Ich bleibe stehen. „Mann Janina, hast du nicht irgendwelche Spritzen zu geben oder Knochen zu heilen? Lass mich in Ruhe mit dem Thema!“, schimpfe ich und lasse Janina stehen. Ich kenne sie jedoch gut genug, um zu wissen, dass sie nur lächelnd die Schultern zuckt. Als ich das Zimmer der Longbottoms betrete, zeigt Frank Neville gerade eine seiner Socken. Neville lächelt und tut so, als ob es nichts Spannenderes auf der Welt geben würde als die blau-grün gestreifte Socke seines Vaters. Ich lächle unwillkürlich und nähere mich leise, um die Vase auf den Nachttisch zwischen den beiden Betten zu stellen. „Es gibt keine Neuigkeiten, nehme ich an?“, fragt Neville plötzlich und ich erschrecke beim Klang seiner Stimme beinahe. Ich habe ihn hier drin kaum jemals etwas anderes als „Hallo“ und „auf Wiedersehen“ sagen hören. Ich gehe etwas auf ihn zu und seufze. „Tut mir leid, nicht wirklich. Aber Ihre Mutter scheint zu wissen, wann Sie kommen. Sie ist Dienstag immer ganz aufgeregt“, erzähle ich. Neville lächelt leicht und schaut zu seiner Mutter. „Redet sie über mich?“, will er wissen. Ich zucke mit den Schultern. „Sie reden eigentlich beide nie. Sie verständigen sich meistens mit den Händen oder mit Kopfbewegungen. Aber wenn Alice mir das Bild von Ihnen zeigt und das, was sie Ihnen schenken will, weiss ich genau, dass sie von Ihnen reden will“, erkläre ich. „Sie scheinen sie gut zu kennen…“, bemerkt Neville. Ich senke den Kopf. Eine Weile ist es still, dann räuspert sich Neville. „Hey, ähm… Wir sehen uns jetzt seit einem Jahr regelmässig und werden das auch weiterhin, sofern Sie ihre Stelle nicht wechseln… Wollen wir nicht vielleicht zum Duzen übergehen?“ Ich schaue Neville erstaunt an und strecke ihm dann die Hand hin. „Sehr gerne! Ich bin Sophie!“, sage ich. Neville ergreift meine Hand und schüttelt sie. „Neville, freut mich! – Bist du eigentlich auch in Hogwarts zur Schule gegangen? Ich kann mich irgendwie gerade nicht erinnern…“, gesteht er. „Ja, ich glaube, ich war ein Jahr unter dir, in Ravenclaw…“, antworte ich. „Wow, dann musst du ja echt intelligent sein!“, bemerkt Neville. Ich werde unweigerlich rot. „Naja, vielleicht schon… Aber das ist auch nicht alles. Mich hat deine Rede damals bei der Schlacht tief beeindruckt!“ Diesmal ist es an Neville, rot zu werden. „Ich … ich hab in dem Moment einfach nur ausgesprochen, was ich gedacht habe… Danke!“ Eine Weile lange herrscht Stille, dann räuspert sich Neville. „Ja, ich sollte dann mal los… Wir sehen uns nächsten Dienstag.“ „Ja, ich … ich hab auch noch Patienten… Schöne Woche, Neville, auf Wiedersehen!“ „Tschüss, Sophie!“ Neville verabschiedet sich von seinen Eltern, nachdem seine Mutter ihm die zusammengeknüllte Verpackung geschenkt hat. Er hat sie vorsichtig in der Tasche seines Umhangs verstaut und das Zimmer verlassen. Ich stehe noch eine kleine Weile unschlüssig herum und verlasse das Zimmer dann ebenfalls. Das war jetzt irgendwie seltsam. Verwundert lege ich eine Hand auf meinen Bauch, der sich merkwürdig anfühlt. Wann habe ich denn heute zum letzten Mal etwas gegessen? Ich komme zum Schluss, dass der Mittag erst kaum zwei Stunden her ist und ich wohl kaum schon wieder Bauchknurren habe. Verwirrt gehe ich zum Schwesterntresen, wo natürlich Janina schon auf mich wartet. „Hey, was hast du denn?“, fragt sie mich auch sofort. „Nichts, was sollte ich denn haben?“, erwidere ich. „Du bist in Gedanken… Hat das was mit Neville zu tun? Der ist kurz vor dir hier vorbei gekommen“, bemerkt Janina. „Wir duzen uns jetzt…“, erkläre ich nur. „Na, das wird aber auch mal langsam Zeit! Und wann ist das Date?“, will sie wissen. „Was denn für ein Date? Mann Janina, wenn du nicht bald aufhörst mit dem Thema, werde ich dich einfach ignorieren!“, drohe ich. „Irgendwas muss ich ja tun! Du bist jetzt achtzehn und hattest noch nie eine ernsthafte Beziehung! Meinst du nicht, das wäre mal an der Zeit?“, fragt sie. „Das wird sich schon geben! Ich hab im Moment genug anderes zu tun – meine Ausbildung abzuschliessen, zum Beispiel!“ Damit mache ich mich auf den Weg zu meinem nächsten Patienten. Die nächsten drei Wochen verlaufen ereignislos. Es ist wie immer, auch Charlie Weasley ist in der Zwischenzeit mal wieder da; er ist gestern mit einer Verletzung durch eine Drachenklaue eingeliefert worden – mal keine Verbrennung. Die letzten drei Dienstage habe ich mich immer öfter mit Neville unterhalten, wenn er seine Eltern besucht hat. Er ist wirklich nett, wir verstehen uns echt gut. Und jedes Mal, wenn er gegangen ist, habe ich wieder dieses Gefühl ihm Bauch. Ich weiss nicht, was es ist, aber ich habe eine Vermutung. Ich könnte Janina davon erzählen, aber die würde nur irgendetwas sagen wie „ich hab’s dir doch gesagt!“ und diesen Triumph will ich ihr ganz bestimmt nicht gönnen – vor allem denke ich nicht, dass es Neville genau so geht. Schliesslich bin ich nur die Heilerin seiner Eltern und unsere Beziehung ist höchstens platonisch. Heute ist wieder Dienstag und als ich das Zimmer der Longbottoms betrete, ist Neville schon da – und mit ihm das Gefühl in meinem Bauch. „Hallo Sophie! Wie geht es dir?“, begrüsst er mich und schüttelt meine Hand. „Hey, mir geht’s gut, danke. Wie sieht’s bei dir aus?“, will ich wissen. „Gut, gut… Ihnen geht es so wie immer, hm?“, meint er mit einem Nicken in Richtung Alice und Frank. Es ist eher eine Feststellung als eine Frage. Ich nicke. „Ja, es geht ihnen nicht sonderlich besser, aber dafür auch nicht schlechter. Wir können nur hoffen. Es sind nur schon so viele Jahre…“, seufze ich. „Ich weiss… Manchmal habe ich die Hoffnung aufgegeben, aber manchmal… Danke, dass du dich um sie kümmerst, Sophie! Ich weiss, dass sie bei dir in guten Händen sind…“ Neville schaut mich an und in dem Moment weiss ich, dass ich mich verliebt habe. Und ich muss etwas tun, am besten jetzt, in diesem Moment. „Was … was tust du heute Abend, Neville?“, frage ich. Er schaut mich angesichts dieses Themenwechsels überrascht an, dann lächelt er. „Ich treffe mich mit Luna. Wir haben uns schon so lange nicht mehr gesehen, ich vermisse sie schrecklich!“, antwortet er. Mein Herz setzt einmal aus. Wie konnte ich so doof sein? Ich hätte es doch wissen sollen… Luna war schliesslich in meiner Klasse und ich weiss genau, dass sie und Neville viel Zeit zusammen verbracht haben. Und besonders nach der Schlacht haben sie so vertraut ausgesehen – natürlich sind sie ein Paar. Innerlich würde ich mich am liebsten schlagen und anschreien gleichzeitig. „Schön! Grüss sie bitte von mir, ja?“, bringe ich schliesslich hervor und bin erleichtert und überrascht, wie normal es klingt. „Werde ich machen“, verspricht Neville. Ich stehe auf. „Ich muss jetzt gehen, ich hab viel zu tun… Bis nächstes Mal!“ „In Ordnung… Bis dann!“ Ich hoffe, dass es nicht aussieht, als würde ich aus dem Zimmer flüchten – was ich ja eigentlich tue. Geistesabwesend gehe ich den Flur entlang. „Sophie!“ Ich zucke zusammen. Janina kommt mir entgegen. „Charlies Verband muss gewechselt werden. Ich würde es ja tun, aber da wartet ein Schüler mit Furunkeln auf mich…“, seufzt sie. „Ja … ja, ich kümmere mich drum…“, sage ich nur. Janina scheint überrascht. „Was denn? Gar kein genervtes Seufzen?“ „Muss wohl ein guter Tag sein…“, erwidere ich nur und mache mich auf den Weg zu Charlie. „Wie fühlst du dich?“, frage ich, als ich das Zimmer betrete. Ich versuche, nicht zu zeigen, dass es mir dreckig geht. „Super, jetzt da du da bist!“, erwidert Charlie gleich mit einem übermässigen Grinsen, als hätte ihm nicht ein Drache beinahe den ganzen Körper in zwei saubere Hälften geteilt. „Freut mich… Würdest du dann bitte deine Decke entfernen?“, bitte ich. „Noch so gerne!“ Ich trete mit dem neuen Verband an Charlies Bett und beginne, den alten Verband zu entfernen. Als ich die Verletzung – die Schramme verläuft von der linken Schulter aus schräg direkt über Charlies Brust – frei gelegt habe, muss ich doch zugeben, dass sein Körper nicht zu verachten ist. Ich wasche mit einem Schwamm darüber, bestreiche sie dick mit einer stinkenden Salbe und verbinde das Ganze anschliessend wieder. „Weisst du, wann ich hier wieder raus kann?“, will Charlie wissen. „Es verheilt sehr schnell und gut – in zwei Tagen, denke ich…“ „Gut, gehst du in zwei Tagen abends mit mir essen?“, fällt Charlie direkt mit der Tür ins Haus. Ich öffne schon den Mund, um zu verneinen, da zögere ich. Wieso eigentlich nicht? Er sieht gut aus, ist charmant und wenn ich ihn erst mal mit meiner Zusage befriedigt habe bestimmt auch nicht mehr so nervig. Ausserdem ist er wohl die bessere Wahl als dieser Torfkopf Neville. Der nimmt ja lieber diese durchgeknallte Luna als mich. „Du willst also kaum aus dem Krankenhaus schon wieder ausgehen?“, will ich wissen. „Ist das etwa eine Zusage?“, fragt Charlie beinahe ungläubig zurück. Ich nicke nur, entsorge den alten Verband und verlasse das Zimmer. Ich höre nur noch, wie Charlie mir nachruft: „Um acht Uhr hole ich dich ab!“ Ich habe erst viel später kapiert, dass diese Entscheidung die dümmste meines ganzen Lebens gewesen ist und dass ich nur so gehandelt habe, weil ich in diesem Moment viel zu verletzt gewesen bin… Viel zu schnell ist es Donnerstagabend. Ich freue mich, habe aber nicht das Gefühl, dass irgendetwas passieren könnte. Als ich Janina von dem Date erzählt habe, ist sie fast ausgeflippt und hat mich sofort dazu genötigt, ein Kleid zu kaufen. Charlie holt mich wie gesagt um Punkt acht Uhr vor einer Haustür ab. Wir gehen zusammen in ein schickes Restaurant und unterhalten uns nett. Ich hatte Recht – Charlie ist viel weniger nervig, wenn er bekommt, was er will. Nach dem Essen gehen wir noch in eine Bar, wo wir das Ein oder Andere trinken. Ich bin das gar nicht gewohnt und deshalb nach dem zweiten Glas schon ein bisschen angetrunken. „Soll ich dich nach Hause bringen, Sophie?“, fragt Charlie fürsorglich angesichts meines Zustandes. „Ich bin noch nicht stockbesoffen!“, widerspreche ich. Was schliesslich auch stimmt. „Ich weiss, aber trotzdem… Es ist schon halb Zwei…“ „Gut, dann bring mich nach Hause!“, lenke ich ein. Charlie bringt mich bis vor die Haustür, dann stehen wir unschlüssig herum. „Also… Es war ein sehr schöner Abend! Vielleicht wiederholen wir es mal?“, fragt Charlie. Ich nicke. „Ja, da hast du Recht… Wir sehen uns und diesmal vielleicht mal ausserhalb eines Krankenzimmers…“, scherze ich. Charlie lacht. „Vielleicht habe ich das ja alles immer extra gemacht, um bei dir sein zu können?“ Ich starre ihn an und plötzlich geht alles sehr schnell. Ich schlinge Charlie meine Arme um den Nacken und presse meine Lippen auf seine. Er legt seine grossen Hände auf meine Hüfte und drückt mich gegen die Haustür. Ich löse mich ungefähr zwei Sekunden von ihm, die reichen müssen, um die Tür zu öffnen. Rückwärts torkeln wir in die Wohnung und als ich ihn in mein Schlafzimmer gelockt habe, bin ich die Hälfte meiner Kleider schon los. Charlie drückt mich aufs Bett und ich schlinge meine Beine um seine Hüfte. Für einen kurzen Moment wird mir schwindelig. Als ich am nächsten Morgen aufwache, spüre ich als erstes meine mörderischen Kopfschmerzen. Ich öffne langsam die Augen, aber aufgrund des blendenden Lichts schliesse ich sie gleich wieder. Als ich sie wieder öffne – langsamer dieses Mal – funktioniert es besser. Ich schaue an die vertraut dunkelgrüne Decke über mir; gut, zu Hause bin ich schon mal. Ich strecke mich ausgiebig, da stösst meine Hand auf etwas Warmes zu meiner Rechten. Erschrocken ziehe ich sie zurück und drehe langsam den Kopf. Neben mir liegt Charlie Weasley, er liegt auf der Seite und schläft. Panik kriecht in mir hoch. Ich hebe langsam die Decke und als ich mich darunter komplett nackt sehe, hätte ich am liebsten laut geschrien. In meinem Kopf kreisen Unmengen an Gedanken, aber eine Frage überschattet alle anderen ganz deutlich: Was ist hier letzte Nacht passiert? Langsam werfe ich die Decke zurück, stehe auf und renne dann ins Badezimmer. Dort ziehe ich erst meinen Bademantel an und spritze mir Wasser ins Gesicht. Ich starre mein Spiegelbild an. Je klarer mein Kopf wird, desto mehr Details von letzter Nacht fallen mir ein: Charlie und ich in der Bar – trinken… Charlie und ich in meinem Flur – küssen… Charlie und ich in meinem Bett – Was bin ich für eine Schlampe? Unter all diesen Empfindungen fehlt eine ganze deutlich; sollte ich nicht so etwas ähnliches im Bauch spüren, wie ich es immer spürte, wenn ich in Nevilles warme Augen blickte? Nicht wenigstens ansatzweise? Ich lasse meine Klamotten per Schwebezauber zu mir kommen und ziehe mich an. Ich schreibe eine Nachricht, die Charlie hoffentlich sehen würde, wenn er aufgewacht sein würde. NOTFALL IM ST. MUNGOS, SORRY! Was natürlich völliger Quatsch ist, eigentlich habe ich heute auch frei – genau wie Janina, vor deren Wohnung ich drei Sekunden später stehe. Ich klingle Sturm und es dauert eine Weile, bis sie öffnet. „Spinnst du? Weisst du, wie spät es ist?“ „Nein, keinen Dunst! Ich bin so ein naives Flittchen!“, schluchze ich. Janina verliert ihren harten Ton sofort, knallt die Tür hinter mir zu und nimmt mich in die Arme. Sie scheint zu merken, dass ich gerade nicht reden kann und schweigt deshalb einfach nur. Nach einer knappen Viertelstunde habe ich mich beruhigt und wir sitzen gemeinsam auf Janinas Sofa, wo wir Tee trinken. „Ich schätze, das Date ist nicht so gut gelaufen, was?“, fragt sie schliesslich. Ich lache trocken. „Doch. Zu gut!“ „Erzähl es mir!“, bittet Janina. Ich seufze. „Das Date war nicht schlecht, wir waren fein essen und danach in einer Bar. Du kennst mich, nach dem zweiten Drink war ich schon etwas angeheitert. Deshalb hat Charlie mich nach Hause gebracht. Ich weiss nicht, wie ich es so weit kommen lassen konnte, aber als ich vorhin aufgewacht bin, lag er noch neben mir im Bett – wir waren nackt…“ Janina starrt mich an. „Ist das dein Ernst? Du hast mit ihm geschlafen?“, fragt sie schliesslich. „Ja…“, gebe ich zu und bekämpfe die neu aufsteigenden Tränen. „Wieso genau ist es so schlimm?“, will Janina wissen. „Ganz einfach: Erstens bin ich nicht so. Ich bin nicht der Typ, der am ersten Abend mit jemandem in die Kiste hüpft. Und zweitens sind da jetzt keine Schmetterling. Nicht ein einziger. Nicht einmal eine Babyraupe…“ Janina legt einen Arm um mich. „Dann vergiss ihn. So hat es keinen Sinn. Wenn er sich meldet, sag ihm die Wahrheit – wenn nicht, hat es sich von selbst erledigt…“, rät sie. Ich lehne mich gegen ihre Schulter. „Danke. Ich fühle mich so schmutzig… Kann ich bei dir bleiben heute? Ich will sicher gehen, dass ich ihm in meiner Wohnung nicht noch einmal über den Weg laufen werde, weil er denkt, dass ich wegen einem Notfall im St. Mungos bin…“ „Natürlich, Süsse! Du kannst so lange bleiben, wie du willst. Du kannst auch meine Dusche benutzen, wenn du dich dadurch besser fühlst…“, bietet sie an. Irgendwie bin ich froh, dass Charlie sich nicht mehr gemeldet hat. So muss ich ihm nicht erklären, dass ich ihn, den Drachenbändiger, nicht will, weil ich in Neville Longbottom verliebt bin. Obwohl ich meine Gespräche mit eben demjenigen so knapp wie möglich halte, bringe ich die Schmetterlinge doch nicht weg. Etwas Gutes gibt es; Charlie war seit unserem Date vor über zwei Monaten nie mehr bei uns im Krankenhaus. So muss ich ihn wenigstens nicht sehen und ich vergesse den Vorfall immer mehr. Bis ich plötzlich unsanft wieder daran erinnert werde. Etwas, das mich Charlie wohl nie wieder vergessen lassen wird… Wie in Trance oder in Schockzustand wandere ich durchs St. Mungos und kümmere mich um Patienten. Es ist wieder Dienstag – ich will Neville nicht sehen. Und doch zwingt mich irgendetwas in meinem Innersten, ihm wenigstens kurz „Hallo“ zu sagen. Ich komme diesmal sogar zeitgleich mit ihm vor der Tür des Zimmers seiner Eltern an. Wir schütteln uns die Hände. Ich sehe in seine Augen, die ich so liebe, und wir wird plötzlich ganz heiss. „Hallo Sophie! Na, wie geht’s dir?“, fragt er, freundlich wie immer. „Hey. Danke. Gut“, bringe ich heraus. Wieso ist mir denn plötzlich so schlecht? Ich gehe mit ins Zimmer und beobachte Neville, wie er seine Eltern begrüsst. Seine Mutter schenkt ihm ein verdorrtes Blatt, das von einer Rose auf ihrem Nachttisch abgefallen ist. Neville wechselt ein paar Worte mit mir, aber ich kann mich gar nicht richtig darauf konzentrieren, weil die Übelkeit immer schlimmer wird. Schliesslich kann ich nur noch mit einem gepressten „Entschuldigt mich!“ aus dem Zimmer zu den Toilettenräumen rennen. Als ich wenig später schwitzend und total bleich am Waschbecken stehe, betritt plötzlich Neville schüchtern den Raum. Er kommt zu mir und legt eine Hand auf meinen Arm. „Was ist mit dir? Geht’s dir nicht gut? Du siehst nicht sehr gesund aus…“, bemerkt er besorgt. Ein Blick in seine Augen genügt und bei mir brechen alle Dämme durch. Ich vergesse, dass wir uns kaum kennen. Ich vergesse, dass er wahrscheinlich glücklich ist mit Luna. Und eigentlich vergesse ich in dem Moment fast alles, ausser einer Sache: „Ich … ich bin schwanger!“, schluchze ich aufgelöst und drücke mich an Nevilles Brust. Er legt seine Arme um mich. Einen Moment ist es still. Neville zieht mich sanft zur Wand und setzt sich mit mir im Arm hin. „Aber … ist das denn nichts Schönes?“, will er wissen. Ich höre auf zu schluchzen und schaue ihn an. „Nein … doch … ich weiss es nicht!“ „Was sagt denn dein Freund dazu?“, fragt Neville. Ich zögere. „Ich … ich habe keinen Freund…“, gebe ich schliesslich zu. Neville scheint einigermassen geschockt zu sein. „Nicht? Woher kommt das Baby dann?“ „Natürlich von einem Mann, der ist nur nicht mein Freund… Er war es nie und wird es auch nie sein!“ „Dann war es ein One-Night-Stand?“, fragt Neville nach. Ich nicke. „Bitte, denke ich nicht zu schlecht von mir. Ich war betrunken, aber ich wollte es ja… Ich habe nur jetzt keine Ahnung mehr, was mich dazu gebracht hat…“ „Manchmal tun wir Dinge, die wir nicht verstehen…“, bemerkt Neville. Eine Weile ist es wieder still, bis er sich räuspert. „Weiss er es denn?“ „Nein… Und ich kann mir vorstellen, dass er nicht sehr begeistert sein wird… Deshalb hab ich ja auch solche Angst!“, gestehe ich. „Irgendwann musst du es ihm sagen… Vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Vielleicht freut er sich ja doch, ihr könntet euch noch verlieben und dann glücklich sein…“, überlegte Neville laut. Als ob es so einfach wäre… „Ich will aber nicht nach Rumänien ziehen…“, flüstere ich. Ich weiss nicht, wieso ich das gesagt habe. Es gibt so viel relevantere Tatsachen als die, dass Charlie in Rumänien lebt. „Rumänien? Moment mal … Redest du von Charlie, Sophie? Charlie Weasley?“ Ich nicke und wische mir mit meiner Schürze über das Gesicht. „Wieso überrascht dich das so? Ich habe dir doch schon erzählt, wie er ständig mit mir flirten will… Jetzt habe ich nur einmal zu einem Date zugesagt und jetzt das!“ „Ich … ich weiss, das ist jetzt vielleicht unpassend, aber ich hab ihn gerade vorhin im Wartsaal gesehen…“, sagt Neville zögernd. Ich setze mich kerzengerade hin. „Was? Ist das dein Ernst? Bist du dir sicher?“, frage ich nach. Neville nickt und steht langsam auf. „Ja, ziemlich sicher“, bestätigt er. Mir wird wieder schlecht. „Ich sollte es ihm sagen… Wo er schon hier ist… Aber ich hab so Angst!“, sage ich leise und stehe auch auf. „Würde es helfen, wenn ich mitkommen würde?“, bietet Neville plötzlich an. Ich schaue ihn an und sehe, dass er ein bisschen rot geworden ist. „Wieso tust du das für mich?“, will ich stattdessen wissen. Neville zuckt die Schultern. „Ich mag dich, Sophie. Und du hast schon so viel für mich und meine Eltern getan, da ist es doch nur selbstverständlich, wenn ich dir auch mal zur Seite stehe…“, antwortet er. „Ja, vielen Dank. Aber das muss ich alleine schaffen. Geh ruhig jetzt wieder zu deinen Eltern oder nach Hause, was immer du willst… Du hast schon genug für mich getan“, sage ich lächelnd. „Bist du sicher?“, versichert Neville sich. Ich umarme ihn, ganz kurz nur. „Sicher. Wir sehen uns Dienstag.“ Wir verlassen die Toilettenräume. „Gut. Bis dann! Und viel Glück!“, wünscht er mir noch. Ich hoffe, dass ich nicht allzu grässlich aussehe und gehe zum Schwesterntresen, wo ich wie erhofft Janina treffe. „Stimmt es, dass Charlie hier ist?“, frage ich vorsichtig. Janina kommt zu mir und umarmt mich. „Ja. Willst du es ihm sagen?“, will sie wissen. Ich nicke. „Ja, ist besser so… Ich werde es gleich hinter mich bringen“, sage ich. Janina drückt meine Hand. „Soll ich mitkommen?“, bietet sie an, wie Neville vorhin. „Ich muss das alleine schaffen, aber danke.“ Janina sagt mir, in welchem Zimmer ich Charlie finde und ich mache mich auf den Weg dorthin. Bevor ich das Zimmer betrete, atme ich tief durch und streiche meine Schürze glatt. Als ich die Tür öffne und kurz darauf in Charlies Gesicht blicke, fehlt das übliche Grinsen. „Sophie“, sagt er nur. Ich nicke ihm zu und bleibe am Fussende seines Bettes stehen. „Charlie…“ „Der Verband wurde gerade eben schon gewechselt…“, sagt er. „Ja, ich muss auch nur mit dir reden… Sorry, dass ich einfach weg war…“, entschuldige ich mich. Einfach nur, um etwas gesagt zu haben. „War ja ein Notfall… Aber wieso hast du dich nicht mehr gemeldet?“ „Du hast dich doch auch nicht mehr gemeldet…“ „Stimmt…“, gibt Charlie zu. Eine Weile lang ist es still, dann bringe ich es hinter mich. „Charlie, ich bin schwanger…“ Einige Augenblicke ist es tödlich still. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. „Von mir?“, lautet dann Charlies geistreiche Frage. „Wieso sollte ich dir das sonst sagen?“, frage ich. Charlie fährt sich mit der Hand durch die Haare. „Das … das geht nicht! Ich bin noch nicht bereit, Vater zu werden!“, sagt er schliesslich verzweifelt. „Das habe ich mir schon gedacht. Ich zwinge dich zu nichts. Leb wohl, Charlie…“, sage ich nur nüchtern und verlasse das Zimmer. Mir ist egal, was er jetzt von mir denkt. Ich habe einfach nicht die Kraft, ihm noch länger in die Augen zu sehen. Ich will ihn auch gar nie mehr sehen. Ich betrete den Flur und erhasche noch kurz einen Blick auf Janinas besorgtes Gesicht, bevor alles um mich herum schwarz wird. Zwei Monate später habe ich mich mit dem Gedanken angefreundet. Mit jedem weiteren Tag freue ich mich ein bisschen mehr. Und ich vergesse auch mit jedem Tag ein bisschen mehr, dass mein Kind ohne Vater aufwachsen wird. Ich denke, ich werde eine gute Mutter sein können, wenn ich das mit der Arbeit erst einmal geregelt haben werde. Gerade bin ich in London und mache mich auf den Weg zum Krankenhaus. Ich habe dort eine Vorsorgeuntersuchung und es fühlt sich seltsam an, als Patientin dorthin zu gehen, wo ich normalerweise selbst arbeite. Diese Woche habe ich Ferien. Für gewöhnlich appariere ich, aber ich habe das Gefühl, dass mein Baby das nicht sonderlich mag, deshalb gehe ich immer öfters zu Fuss. Unterwegs kommt mir plötzlich ein bekanntes Gesicht entgegen. „Neville!“, begrüsse ich ihn. Er strahlt, als er mich sieht. „Hallo Sophie! Hey, wie geht’s dir?“, fragt er. Ich nicke. „Gut, danke…“ In den letzten Wochen haben wir uns zwar meistens kurz gesehen, aber nie wirklich miteinander gesprochen – ich habe ihn vermisst… „Hast du Ferien? Du warst heute gar nicht da…“, bemerkt er. Ach ja, Dienstag… „Ja, diese Woche… Aber ich muss zur Vorsorgeuntersuchung…“, erkläre ich. „Oh, schön!“ Eine Weile ist es still, dann bricht Neville unsicher die unangenehme Stille: „Ich … ich könnte dich begleiten?“ Ich schaue ihn erstaunt an. Wieso sollte er das wollen? „Oh, das… Danke für das Angebot, aber… Hätte da Luna nicht etwas dagegen?“, frage ich unsicher. „Wieso Luna?“, will Neville stirnrunzelnd wissen. Ich zucke die Schultern. „Naja, an ihrer Stelle würde ich mich wohl fragen, was los ist, wenn mein Freund eine andere Frau zu einer Schwangerschaftsuntersuchung begleiten würde…“ „Was? Wieso sollte sie denken… Oh, du glaubst, dass…“, dann beginnt Neville so schallend zu lachen, wie ich es bei ihm noch nie gesehen habe. Ich schaue ihn nur perplex an. „Sophie, Luna ist nicht meine Freundin!“ Jetzt starre ich wohl noch mehr. „Ni – nicht?“, hake ich nach und versuche, nicht allzu erleichtert zu klingen. „Nicht im Geringsten! Sie hat vor einiger Zeit Rolf Scamander kennen gelernt; es scheint ganz gut zu laufen zwischen den beiden…“ Mit einem Mal komme ich mir so lächerlich vor. Neville hingegen scheint es nicht zu stören. „Also… Soll ich jetzt mitkommen?“, wiederholt er seine Frage. Ich kann nur schüchtern nicken. Neville grinst und wir gehen gemeinsam zum Krankenhaus, von wo er eigentlich gerade erst gekommen ist. „Hallo Sophie, wie geht’s voran?“, fragt mich Dr. Lewis, als er den Behandlungsraum betritt. „Gut, danke. Kann es sein, dass Babys es nicht mögen, zu apparieren?“, will ich gleich wissen. Ich höre, wie Neville neben mir leise lacht. „Seien wir mal ehrlich; wie vielen Zauberern ist es schon wirklich wohl dabei?“, entgegnet Dr. Lewis. Ich kenne ihn kaum, wir arbeiten beide in sehr unterschiedlichen medizinischen Bereichen. „Dann wollen wir mal…“ Er richtete seinen Zauberstab auf meinen Bauch, der schon eine kleine Wölbung aufweist. Neben uns in der Luft materialisiert sich ein hologrammähnliches Bild, das das Abbild eines kleinen Wesens zeigt. Ich spüre nur nebenbei, wie Neville meine Hand nimmt und sie drückt. Ich bin so fasziniert davon, was in meinem Bauch heranwächst, dass ich alles andere herum vergesse. Ich höre erst wieder zu, als das Bild wieder verschwunden ist. „Es entwickelt sich alles ganz prächtig. In spätestens drei Monaten sollten Sie allerdings versuchen, beruflich etwas kürzer zu treten“, rät Dr. Lewis. Ich nicke. Dann wendet er sich an Neville. „Und Sie passen mir gut auf Ihre Frau und Ihr Kind auf!“ Ich werde rot und will gerade dieses Missverständnis aufklären, doch Neville kommt mir zuvor. „Natürlich, das werde ich, Doktor!“ Ich schaue Neville erstaunt an. Wahrscheinlich wollte er Dr. Lewis nur die Unannehmlichkeit ersparen. Ich setze mich von der Liege auf und verabschiede mich von ihm. Als Neville und ich das Krankenhaus verlassen, hält er immer noch meine Hand. Er bringt mich noch nach Hause und geht dann – seine Aussage nach der Untersuchung hat er nicht noch einmal erwähnt… Es ist einige Zeit vergangen, mittlerweile bin ich im achten Monat. Die Schwangerschaft wird von Tag zu Tag anstrengender, auch wenn ich mich sehr auf das Kind freue. Charlie hat sich nie wieder bei mir gemeldet. Und darüber bin ich froh. Ich bin nicht sauer auf ihn – jedenfalls nicht mehr. Aber trotzdem bin ich damit zufrieden, dass er keinen Kontakt mehr haben will zu mir; ich bin inzwischen der Ansicht, dass ich das Kind lieber alleine aufziehen will als mit Charlie zusammen. Ich muss auch zugeben, dass ich mich öfters mit Neville getroffen habe, seit er mich damals zur Vorsorgeuntersuchung begleitet hatte. Ich erinnere mich, dass ich bei seinem Anblick schon ein komisches Gefühl gehabt habe, noch bevor ich gewusst habe, dass ich schwanger bin. Dieses Gefühl hat sich bis heute nicht geändert. Ganz im Gegenteil – es ist stärker geworden und ich bin mir sicher, dass es nicht mein Kind ist, das um sich tritt. Es ist noch nicht lange her, dass ich mir selber eingestanden habe, dass ich mich verliebt habe – so richtig, bedingungslos mit Haut und Haar. Als ich das Janina erzählt habe, hat sie nur einen Mundwinkel nach oben gezogen und gesagt: „Ich hab’s dir doch schon immer gesagt, dass es soweit kommen wird!“ Natürlich habe ich es abgestritten und gesagt, dass es ganz plötzlich gekommen ist und ich es vorher nie bemerkt habe (sie hat es mir nicht geglaubt…). Seither will sie mich jeden einzelnen Tag davon überzeugen, es ihm zu sagen. Aber das kann ich nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich auch auf die Art und Weise mag, wie ich es tue. Janina hingegen ist sich dessen sicher. Ich jedoch kann es auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Am Ende denkt er vielleicht noch, dass ich das nur tue, damit das Kind einen Vater hat, der auch mal zahlen kann (was Janina für völligen Quatsch hält). Jedenfalls bin ich jetzt auf dem Weg zu Florean Fortescues Eissalon, wo ich mich mit Neville verabredet habe. Als ich ankomme, ist er noch nicht da. Das ist eigentlich ziemlich untypisch, da er normalerweise immer pünktlich ist. Ich habe jedoch solchen Hunger, dass ich mir schon mal ein Eis bestelle. Als sich Neville mit ungefähr zehn Minuten Verspätung zu mir an den Tisch setzt, schaut er mich mit einem gleichzeitig belustigten und entschuldigenden Lächeln an. „Tut mir leid, ich hatte etwas sehr wichtiges zu erledigen, erzähle ich dir gleich. Schön, dass du schon mal begonnen hast. Aber bitte sag mir, dass das die Schwangerschaftshormone sind, die dich solches Zeug essen lassen?“, will er mit einem Blick auf meine sechs Eiskugeln wissen. Ich lache. „Ich denke mal schon… Hey, ich esse für zwei, schon vergessen? Aber egal… Und? Was ist jetzt so wichtiges passiert?“, lenke ich von meinem unbefriedigenden Appetit ab. Neville beginnt zu strahlen. „Ich habe eine Eule von Professor McGonagall bekommen; sie hat mir eine Stelle als Lehrer für Kräuterkunde angeboten! In zwei Wochen habe ich ein Gespräch mit ihr…“, berichtet er. Ich lasse meinen Löffel fallen, beuge mich vor und umarme ihn. „Oh Neville, das sind ja tolle Neuigkeiten! Ich freue mich wirklich für dich!“ Wir lösen uns voneinander und Neville schaut mich seltsam an. Und dann, bevor ich richtig reagieren kann, küsst er mich. Ich halte perplex die Luft an, weiche aber nicht zurück. Der Kuss ist etwas unsicher, aber unendlich sanft und gefühlvoll. Als Neville schliesslich zurück weicht, lasse ich mich auf den Stuhl zurück fallen. Ich starre ihn an und weiss nicht, was ich fühlen soll. Neville wird rot und kratzt sich im Nacken. „Das … tut mir leid…“, murmelt er. Ich schiebe meinen Eisbecher von mir weg; der Appetit ist mir vergangen. „Schon okay…“, entgegne ich zuerst. Dann runzle ich die Stirn, lege ein paar Galleonen neben mein Eis und stehe auf. „Nein, eigentlich … ist es nicht okay!“, sage ich mit zitternder Stimme. Ich drehe mich um und eile davon. Es dauert nicht lange, bis Neville ebenfalls aufsteht und mir folgt. Schon nach wenigen Sekunden hat er mich in einer Seitengasse eingeholt. Er hält mich am Arm fest und dreht mich zu sich um. Ich schaue ihm nicht ins Gesicht. „Hey, Sophie, es tut mir leid! Ich hätte das nicht tun sollen, bitte entschuldige! Und bitte, lass uns reden und stoss mich nicht gleich von dir weg, wie du es mit Charlie getan hast!“, bittet er fast schon verzweifelt. Ich schluchze auf und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Ich lehne mich an eine Hausmauer und Neville steht unschlüssig vor mir. „Sophie, verzeih mir bitte! Oder sag wenigstens was!“, fleht er. Ich lasse mich nur an der Wand entlang in die Hocke gleiten. Ich bemerke, wie Neville vor mir das gleiche tut, um mit mir auf derselben Höhe zu sein. „Na gut, wenn du nichts sagen willst, tue ich das eben – Ja, Sophie, ich habe mich in dich verliebt. Sogar sehr und das auch schon, als ich das erste Mal richtig mit dir geredet hatte. Du hast mir so leid getan, als das mit Charlie passiert ist, aber du warst immer so stark. Ich denke Tag und Nacht nur an dich und in den letzten Wochen hatte ich ab und zu eine ganz kleine Hoffnung, dass du vielleicht etwas ähnliches fühlen könntest. Aber anscheinend habe ich mich getäuscht… Bitte verzeih mir das, ich werde nie wieder etwas derartiges unternehmen. Aber bitte, lass uns Freunde bleiben! Ich bin lieber so mit dir zusammen als gar nicht!" Ich habe aufgehört zu schluchzen und hebe vorsichtig meinen Blick. Neville hat ein verdächtiges Glitzern in den Augen und schaut mich flehend an. Ich wische mir mit der Hand über die Augen und kann nicht anders, als ein bisschen zu lächeln, während die Tränen einfach weiter laufen. „Neville, ich…“, ich breche ab. Neville nimmt meine Hand. „Du musst dich nicht rechtfertigen. Für seine Gefühle kann man nichts!“, beruhigt er mich. „Nein, das ist es nicht. Es ist nur … Neville, ich habe … also, mir geht es nicht anders…“, bringe ich schliesslich heraus. Neville schaut mich verwirrt an. „Nicht? Aber … hast du denn Angst? Ich kann es verstehen, nach allem, was mit Charlie passiert ist. Aber dir sei versichert, Sophie, ich werde dich niemals im Stich lassen!“, versichert er mir. „Das weiss ich! Aber ich kann das nicht verantworten…“ „Was kannst du nicht verantworten?“, will Neville wissen. „Naja, ich bekomme ein Kind! Ein Kind, das nicht deines ist. Ich will dir nicht zumuten, dass du dich verantwortlich dafür fühlen musst, denn das wäre falsch!“ Neville schaut mich perplex an, dann beugt er sich vor und zieht mich in eine innige Umarmung. „Ach Liebste, mach dir doch nicht solche Gedanken!“ „Aber ich will nicht, dass du denkst, ich würde dich nur als Vaterersatz wollen, weil ich nicht so viel Geld habe!“, sage ich und beginne wieder zu schluchzen. „Mein Gott, auf diese Idee wäre ich nicht im Traum gekommen! Nur weil du schwanger bist und bald Mutter wirst sollst du dich also nicht verlieben dürfen? Das ist Blödsinn, Sophie!“, er drückt mich von sich weg und zwingt mich, ihn anzusehen. „Ich habe mich damals in dich verliebt, da spielt es mir doch jetzt keine Rolle, ob du ein Kind haben wirst oder nicht. Ausser deinem Bauchumfang hat sich rein gar nichts geändert, oder? Ich weiss nicht, wie ich es dir noch deutlicher machen soll. Ich kann nur hoffen, dass du mich inzwischen genug kennst, um mir zu glauben!“ Ich schaue Neville gerührt in die Augen. Ich weiss genau, dass er Recht hat. Ich muss auch zugeben, dass Janina die ganze Zeit Recht gehabt hat. Wie könnte ein Mann wie Neville mich jemals schlecht behandeln? Wie konnte ich das nur jemals denken? „Neville…“, flüstere ich und ziehe ihn zu mir her. Der Kuss ist leidenschaftlich und so, als ob wir beide seit ewigen Zeiten darauf gewartet hätten. Zwei Wochen später zieht Neville bei mir ein. Uns ist beiden klar, wie früh das ist. Aber es ist auch noch nicht definitiv, sondern nur vorübergehend. Er will einfach so oft wie möglich bei mir sein, weil die Geburt unmittelbar bevor steht. Die will er nicht verpassen, obwohl es nicht mal sein Kind ist. Und dafür liebe ich ihn nur noch mehr. „Wann ist dein Gespräch mit Professor McGonagall?“, will ich wissen, als wir uns nach der letzten Kiste aufs Sofa gesetzt haben. Neville schaut auf seine Uhr. „In drei Stunden. Uns bleibt also noch Zeit, uns in London eine Wiege auszusuchen“, sagt er. Ich strahle. Das ist das einzige, was mir für das perfekte Kinderzimmer noch fehlt. Und mir ist auch nicht entgangen, dass Neville „uns“ gesagt hat… „Oh ja, die Idee ist toll! Gehen wir!“, sage ich eifrig und stehe vom Sofa auf. Dabei durchzuckt mich ein stechender Schmerz. Ich keuche auf und lege eine Hand auf meinen Bauch. „Oh mein Gott, alles klar?“, fragt Neville erschrocken und fährt hoch. Ich richte mich auf und lächle. „Ja, schon vorbei, nicht der Rede wert“, beruhige ich ihn. Ich nehme meine Tasche von der Kommode und gemeinsam machen wir uns auf de Weg nach London. Als wir durch die Strassen Londons spazieren, fällt mir auf, wie nervös Neville ist. Bestimmt macht er sich Sorgen wegen dem Gespräch mit Professor McGonagall. Ich weiss, dass er den Job unbedingt haben will, aber anders als er habe ich dabei auch keine grossen Bedenken. Ich versuche zu verdrängen, dass sich ein Schmerz in meinem Bauch entwickelt hat, seit ich vom Sofa aufgestanden bin. Aber es ist nicht so schlimm – jedenfalls rede ich mir das ein – und lasse mir nichts anmerken. „Wo ist denn jetzt dieser Laden? Wir waren doch schon mal da…“, grübelt Neville und schaut sich um. „Was weiss ich? Wir stehen einander in punkto Orientierungssinn wahrscheinlich in nichts nach…“, seufze ich. Neville lacht. „Da hast du wohl Recht! Keine Sorge, den finden wir schon…“ Nach ungefähr zehn Minuten haben wir dann den Laden gefunden, in dem wir uns nach einer Wiege umsehen wollen; es ist der gleiche, in dem wir auch schon den Wickeltisch, den Wagen und viele Babykleider gekauft haben. „Ah, schau, da vorne ist er ja!“, ruft Neville erfreut und steuert darauf zu, aber ich bin abrupt stehen geblieben. „Neville…“, sage ich ängstlich und schaue an mir runter. Um meine Füsse bildet sich eine grosse Pfütze. Neville dreht sich zu mir um und erstarrt. „Bei Merlins Bart! Ist das…“, beginnt er und kommt näher. Ich nicke panisch. „…die Fruchtblase, ja…“, flüstere ich. Zu mehr bin ich nicht fähig. Auch Neville sieht restlos überfordert aus. Dann schliesst er kurz die Augen und atmet tief durch. Ich habe Angst, dass er ohnmächtig wird. „Okay, dann los, ab ins Krankenhaus!“, sagt er und nimmt bestimmt meine Hand. Ich lege meine zweite Hand darüber und schaue ihn an. „Aber Neville, dein Jobangebot… Das Gespräch ist schon bald!“, werfe ich ein. Er schüttelt nur den Kopf. „Das kann warten – es MUSS warten. Du bekommst jetzt zuallererst dein Kind, dann werde ich mich darum kümmern, ja? Los, komm…“, beruhigt er mich. Ich wehre mich nicht mehr dagegen. Neville küsst mich kurz auf die Stirn und appariert dann mit mir ins St. Mungos. Es dauert nicht lange, bis ich ins Geburtenzimmer gebracht werde. Ich glaube, mein Kind hat es ganz schön eilig. Die Schmerzen nehmen von Minute zu Minute zu und die Wehen folgen in immer kleineren Abständen. Neville sitzt die ganze Zeit über an meiner Seite und hält meine Hand. Ab und zu reicht er mir etwas Wasser oder streicht mir die Haare aus meiner verschwitzten Stirn. Ich bekomme fast gar nicht mehr mit, wie Dr. Lewis mir sagt, dass ich mit Pressen beginnen kann. Ich habe das Gefühl, das niemals durchstehen zu können. Ich schaue Neville an und flüstere: „Neville, mein Kind hat noch keine Wiege! Wir müssen ihm eine kaufen! Wo soll es sonst schlafen, wenn wir nach Hause kommen?“ Neville lächelt mich sanft an. „Natürlich, Liebste, ich werde mich darum kümmern! Unser Kind wird die schönste Wiege der Welt bekommen!“, verspricht er mir. Dieses Mal habe ich nicht bemerkt, dass er „unser Kind“ gesagt hat. Mein Sohn kommt morgens um 01:26 zur Welt. Er ist das schönste Geschöpf, das ich in meinem Leben je gesehen habe. Das Erste, was ich sage, als ich ihn sehe, ist: „Gott sei Dank, seine Haare sind nicht rot!“ Darauf musste Neville herzlich lachen und küsst mich auf die Stirn, bevor ich meinen Sohn endlich in die Arme nehmen kann. Ich schaue ihn zärtlich an und streiche ihm über den Kopf. „Ich nenne ihn Frank … Frankie…“, wispere ich. Neville runzelt die Stirn. „Frank?“, fragt er nach. Ich schaue ihn lächelnd und mit Tränen in den Augen an. „Ja, Frank. Nach deinem Vater, der ein unheimlich starker Mann ist, der einen noch viel stärkeren Sohn in die Welt gesetzt hat…“ Ich sehe, wie Neville Tränen in die Augen schiessen. „Aber das musst du nicht…“, wendet er halbherzig ein. „Will ich aber!“, bekräftige ich, „hier!“ Damit lege ich Frank in Nevilles Arme. Der verkrampft sich zuerst, doch als er merkt, dass er Frank nicht gleich zerquetscht, entspannt er sich. Ich schaue die beiden zärtlich an und war noch nie glücklicher in meinem Leben. Drei Monate sind vergangen. Neville wohnt immer noch bei mir und ich habe auch nicht das Gefühl, dass er jemals wieder ausziehen wird. Direkt nach der Geburt, sobald ich wieder einen Stift in der Hand halten konnte, habe ich einen Brief an Professor McGonagall geschickt und ihr erzählt was passiert ist und wieso Neville nicht zum Gespräch erschienen ist. Ich habe sie gebeten, ihm einen neuen Termin zu geben. Sie hat am nächsten Tag schon geantwortet und vollstes Verständnis für die Situation gezeigt. Neville konnte eine Woche später nach Hogwarts, um mit ihr zu reden. Jetzt ist er schon seit Wochen total aufgeregt und versteckt sich hinter allen möglichen Lehrmitteln, um sich auf seinen neuen Job vorzubereiten. Ich habe auch vor, meine Ausbildung wieder aufzunehmen. Janina jammert mir schon lange die Ohren voll, dass es ohne mich schrecklich langweilig wäre in dem Krankenhaus. Ausserdem würden Alice und Frank mich vermissen. Heute war ich bei meinem Chef, um darüber zu reden, wie es weitergehen soll; wann genau ich beginnen soll, wie oft ich arbeiten werde und so weiter… Gerade komme ich nach Hause. Schon im Flur höre ich Frank glucksen (richtig lachen kann er noch nicht). Ich hänge meinen Mantel in die Garderobe, ziehe meine Schuhe aus und schleiche mich zum Wohnzimmer. Ich lehne mich an den Türrahmen und schaue Neville dabei zu, wie er mit Frank spielt. Sie sind so in ihr Spiel vertieft, dass sie mich noch nicht bemerkt haben. Von ihrem Anblick bin ich so gerührt, dass mir die Tränen kommen; ich kann einen kleinen Schluchzer nicht unterdrücken. Neville fährt erschrocken herum. „Mein Gott, was ist passiert, wieso weinst du? Du wurdest doch nicht gefeuert, oder so?“, will er wissen. Er nimmt Frank auf den Arm und eilt zu mir her. „Nein, nein!“, beruhige ich ihn und nehme seine Hand. „Es ist nur … euch so zu sehen, ist so wunderschön! Es ist, also ob du…“ Neville schaut von mir zu Frank und wieder zurück. „Als ob ich sein Vater wäre?“, beendet er meinen Satz. Ich nicke. „Ja… Genau so fühlt es sich einfach an…“, gebe ich zu. Neville lässt meine Hand los und legt seine Hand an meine Wange. „Ach Sophie, ich fühle mich doch seit der Geburt, als wäre ich sein Vater!“ „Ich habe immer noch das Gefühl, das nicht von dir verlangen zu können. Es ist so eine grosse Verantwortung“, seufze ich. „Ja; genau so, als ob wir in ein paar Jahren sowieso Kinder zusammen bekommen hätten“, wendet Neville ein. Ich schaue Frank an. „Aber du bist nun mal NICHT Frankies Vater!“ Neville zuckt die Schultern. „Naja, nicht biologisch jedenfalls…“ Ich muss grinsen und schaue ihn ernst an. „Du meinst das echt ernst, oder?“ Neville nickt eifrig. „Absolut! Und wenn es weiterhin so ernst bleibt mit uns, wie es momentan scheint, werde ich genau so ein Teil von Frankies Leben sein wie du – und dazu bin ich bereit!“ Ich streiche mit der einen Hand über Franks Kopf und mit der anderen fahre ich durch Nevilles Haare. „Ich liebe dich!“, ist das einzige, was mir dazu noch einfällt. Neville küsst erst meinen Scheitel, dann Franks. „Ich liebe euch auch!“ In dem Moment fühlt es sich für mich zum ersten Mal so an, als ob das wirklich funktionieren könnte; also ob ich mit Neville und Frankie wirklich eine perfekte kleine Familie bilden könnte. Und dann wird mir klar, dass es in einer Familie nicht allein darum geht, wessen Blut in wessen Adern fliesst, sondern einzig und allein um eines: Liebe! (Ich würde mich sehr über Feedback freuen; spielt keine Rolle, ob positiv oder negativ!)