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Black Island

Wieder mal eine Geschichte für einen Schreibwettbewerb!

    1
    Mein Kopf brummte. Erschöpft rappelte ich mich vom Boden der Bar auf. „Schon wach, Amanda?“, hörte ich eine neckende Stimme. Sie gehörte Bill, dem neunzehnjährigen Besitzer der Bar. Früher mal hatte ich wohl Liebe oder so für ihn empfunden, auch wenn ich ihm das nie gesagt hatte. Jetzt hatte ich allerdings ernstere Probleme, weshalb ich ihm das auch weiterhin nicht erzählen würde.
    Grimmig zog ich mich am Tresen hoch. „Wie viel hast du gestern eigentlich getrunken? Habe vergessen, die Gläser zu zählen“, begrüßte er mich. „Bestimmt mehr als du zählen kannst“, sagte ich gereizt und ließ mich auf einen Hocker fallen. Müde stützte ich meinen schmerzenden Kopf in meine Hände.
    Es stimmte schon, ich hatte gestern wohl ein bisschen zu tief ins Glas geschaut. Aber was sollte ich schon tun? Mein Vater war der einzige in unserer Familie gewesen, der einen gut bezahlten Job gehabt hatte – Er war Matrose in der königlichen Flotte gewesen. Vor fast zwei Monaten hatte man uns mitgeteilt, dass sein Schiff nie zurück gekehrt war, es hätte wohl niemand dort überlebt.
    Schmerz erfasste mich, als ich an ihn dachte. Schon immer hatte ich zu ihm das beste Verhältnis gehabt! Meine Mutter und meine beiden Großmütter – meine Großväter lebten schon lange nicht mehr - arbeiteten in einer Bäckerei, in der ich oft aushalf, doch sie verdienten schlecht, da es nicht viel Kundschaft gab. Die Leute in unserer Nähe kauften wohl eher Zutaten für Brot als ein schon fertiges Gebäck, um sich ihre Vorräte besser einteilen zu können. Und Linus, mein Zwanzigjähriger Bruder, arbeitete gar nicht mehr, seitdem er von der königlichen Flotte vor einem Monat zurückgekommen war. Das lag daran, dass er beim Angriff eines Seemonsters beide Beine und ein Auge verloren hatte.
    Seufzend warf ich meinen Kopf zurück. „Einen Rum, Bill!“, bestellte ich, um die traurigen Erinnerungen runterzuspülen, doch der Wirt schüttelte genervt den Kopf. „Amanda, du weißt schon, was du gestern im besoffenen Zustand getan hast, oder?“, wollte er wissen. „Keine Ahnung … Habe ich wen geküsst? Oder vielleicht war ich dicht genug, um deine schreckliche Suppe zu essen? Ich habe gar keine Erinnerungen an gestern“, gab ich zu. Seufzend schenkte Bill mir die goldgelbe Flüssigkeit ein. Ich hatte das Glas schon angesetzt, als er sagte: „Du hast dich als Matrosin einschreiben lassen.“
    Vor Schreck spuckte ich den Rum wieder aus. „Was!“, hustete ich. „Du hast gesagt, dass du deiner Familie so finanziell aus der Patsche helfen willst“, erklärte Bill. „Und du hast mich einfach machen lassen?“, fragte ich entsetzt. „Du hattest ein Messer in der Hand und hast gedroht, dass ich dich ja nicht aufhalten solle“, verteidigte sich der Wirt. „Oh, ihr Heiligen!“, murmelte ich, „Wie besoffen war ich gestern eigentlich?“
    Entschieden schob ich den Rum von mir weg. Auf Alkohol hatte ich plötzlich gar keine Lust mehr.
    „Du kannst dich noch austragen“, munterte Bill mich auf, doch ich schüttelte den Kopf. „Weißt du was?“, fragte ich, „Das ist eigentlich eine gute Idee! Ich will meiner Familie finanziell doch wirklich helfen! Und so werde ich das machen!“
    Erschrocken sah Bill mich an. Er kannte die Geschichten meines Bruders und meines Vaters und die aller anderen verkrüppelten oder verunglückten Seeleuten.
    „Mach das nicht!“, bat er, doch ich wusste, dass ich mich nicht davor drücken würde. „Bitte!“, fügte er hinzu, als er meinen entschlossenen Blick sah, „Wir sind doch schon Freunde, seit wir kleine Kinder sind! Du darfst nicht einfach in den sicheren Tod segeln!“ „Sei nicht so dramatisch!“, verlangte ich. Glaubte er etwa, ich traf diese Entscheidung leichtfertig? Das war unglaublich schwierig für mich! Aber ich hatte mir dieses Problem eingebrockt, jetzt kümmerte ich mich auch selbst drum!
    „Aber … ich … kann dich nicht … gehen lassen!“, stammelte er, „Ich… ich…“
    „Was?“, fragte ich, als er nicht weitersprach. „Nichts“, antwortete er mit ungewöhnlich hoher Stimme. Demonstrativ wandte er den Kopf von mir ab. Gereizt verließ ich die Bar. Bill tat so, als wäre es sicher, dass ich sterben würde! Das sollte er nicht! Ich hatte so schon genug Angst.

    2
    Schnell lief ich nachhause, um die wenigen Dinge, die ich mitnehmen wollte, zusammenzusammeln. Okay, eigentlich handelte es sich dabei sowieso nur um einen Gegenstand: eine schlichte Kette, ein Geschenk von Bill. Sie bestand aus einer kleinen, von ihm selbst geschnitzten Taube aus Holz, die an einem braunen Bindfaden befestigt war. Schnell schrieb ich eine Nachricht, in der ich erklärte, wo ich sein würde, weil ich es bestimmt nicht ertragen könnte, irgendwem aus meiner Familie in die Augen zu sehen, doch ich hatte zu spät realisiert, dass ich beobachtet wurde.
    „Amanda“, hörte ich Linus sagen, „Was tust du?“ Erst jetzt sah ich, dass er am Tisch hinter mir saß und Münzen zählte. Enttäuscht nuschelte er: „Fünfzig. Fünfzig Agrien. Wenn das so weitergeht, werde ich mir nie zwei Prothesen leisten können.“
    Ich seufzte. Es gab hier unzählige verschiedene Währungen. Agrien waren eine davon. Und fünfzig Agrien waren ungefähr das, was man für einen Laib Brot ausgeben musste. „Ist das alles, was ihr heute verdient habt?“, fragte ich traurig. Linus schüttelte den Kopf. „Das ist alles, was wir in den letzten drei Tagen verdient haben“, erklärte er. Verzweifelt stützte er seinen Kopf in seine Hände. „Ich HASSE es, nutzlos zu sein!“, rief er, „Ich sollte da draußen sein! Ich sollte das Geld verdienen, das unser Vater nicht mehr verdienen kann!“
    Enttäuscht ließ er seine Hände sinken, woraufhin er die Sicht auf seine rechte, völlig vernarbte Gesichtshälfte freigab. „Keine Sorge, alles wird wieder gut!“, versprach ich, „Ich werde genug Geld für dutzende Prothesen verdienen!“ „Wie willst du das machen?“, fragte er und lehnte seinen Kopf gegen die Mauer. „Ich gehe zur Flotte“, erklärte ich. „Was!“, rief mein älterer Bruder entsetzt, „NEIN!“ „Doch“, antwortete ich und umarmte ihn zum Abschied. Er war kaum mehr als ein Haufen Knochen. Die Kleidung, die einst seine starken Muskeln betont hatte, war ihm jetzt viel zu groß, was ihn noch kleiner und blasser aussehen ließ, als er es ohnehin schon geworden war. Klar, wir alle waren ein wenig zu dünn, weil wir uns nicht mehr wirklich was leisten konnten, aber Linus aß noch weniger als wir. Fast so, als würde er glauben, er verdiente es nicht, weil er nichts beitragen konnte, uns über Wasser zu halten, was natürlich nicht stimmte. „Du kannst nicht gehen!“, sagte Linus bestimmte und umklammerte mein Handgelenk, doch es war erschreckend leicht, sich aus seinem sonst so harten Griff zu befreien. „Ich werde zurückkommen“, erklärte ich, „Ich verspreche es.“
    „Menschen versprechen viel“, meinte er düster. Traurig starrte er auf den Ring an seiner rechten Hand.
    Noch etwas trauriger sah ich zur Seite. Ich kannte diesen Ring. Das war der Verlobungsring von meinem Bruder und seiner ehemaligen Verlobten Klara gewesen. Aber sobald Linus seine Gesundheit, Reichtum und sein gutes Aussehen verloren hatte, wollte sie nichts mehr von ihm wissen. Anstatt für ihn da zu sein, als er es gerade noch mit dem Leben nachhause geschafft hatte, hatte sie ihren Ring zu ihm zurückbringen lassen. Sie hatte es nicht mal für nötig gehalten, ihm selbst zu sagen, dass es zwischen ihnen aus war.
    „Klara war dumm. Du hast jemand Besseren verdient. Jemand viel besseren“, sagte ich entschieden. „Ich weiß. Aber … ich habe sie geliebt. Und ich habe ihr vertraut. Und jetzt … hasse ich niemanden mehr als sie“, antwortete er.
    Erschöpft sah er zu mir hoch. „Du darfst wirklich nicht gehen“, bettelte er. „Ich muss“, erklärte ich. Ein Lächeln umspielte meine Lippen. Wenn ich es wirklich zurückschaffte, wären alle unsere Probleme gelöst!

    3
    Am Hafen fand ich bald heraus, auf welchem Schiff ich Matrosin sein würde: Es hieß „Wellengang“ und war sicher eines der älteren Schiffe der Flotte. Bald schon hatte ich mich zwischen den übrigen Matrosen eingereiht, die bald Mitglieder desselben Schiffes sein würden. Es waren nicht viele andere Neue dabei, aber da alle ja auf diese vielen Schiffe aufgeteilt wurden, verwunderte mich das nicht. Langsam stießen auch welche dazu, die schon länger hier arbeiten mussten. Sicher waren wir so um die sechzig Menschen!
    Eine Frau mit einem edlen, roten Mantel, der mit goldenen Fäden bestickt war, stellte sich in die Mitte von uns. Unter ihrem braunen Hut, der mit einer riesigen roten Feder geschmückt war, schauten ihre schwarzen Locken hervor, die sogar noch dunkler waren als ihre auch schwarzen, frisch polierten Stiefel. Ihre Haut war sehr dunkel, was ihre hellbraunen Augen sehr schön aussehen ließ. Direkt unter ihrem rechten Augen hatte sie ein kleines Muttermal. Sie sah also überhaupt nicht so aus, als gehörte sie hierher, mitten unter diese hart aussehenden Seeleute, doch sobald sie begann, zu sprechen, wusste ich, dass sie hier wohl doch die war, die das Sagen hatte: „So, ihr seid also der neue Zuwachs? Ihr seid für einen Haifisch gerade mal ein Snack. Was glaubt ihr, könnt ihr hier schon ausrichten? Wenn ihr also nur wegen Ruhm oder so da seid, dann könnt ihr gleich wieder kehrtmachen.“
    Ein nervöses Tuscheln ging durch die Menge, doch es flaute ab, als die Frau wieder zu sprechen begann: „Mein Name ist Captain Elisa Bird. Es ist mein Job, euch alle wieder lebend und am besten gesund nachhause zu bekommen. Ehrlich gesagt, dass wird nicht funktionieren. Die, die es lebend zurückschaffen, werden nach unserer Mission mit fünfundachtzig Goldstücken bezahlt. Das mag nach viel klingen, aber ich verspreche euch, dass unsere Mission gefährlich wird.“
    Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Es haben sich also alle entschieden, trotzdem mitzukommen? Umso besser!“ Captain Bird sah alle ernst an, bevor sie weitersprach: „Die Mission der „Wellengang“, also unsere Mission, ist es, zu einer von uns vor kurzem entdeckte Insel zu segeln und diese zu erkunden. Wir haben sie erst vor kurzem gefunden und das hier ist alles ziemlich geheim, weil das letzte Schiff, das sich dieser Insel genähert hat, aus unbekannten Gründen gesunken ist. Wir haben eine Flaschenpost von einem Matrosen namens Sean Taylor erhalten, der Folgendes geschrieben hat …“ Aus ihrer Manteltasche zog sie ein Stück Pergament, um es vorzulesen. Nervös schluckte ich. Sie hatten eine Flaschenpost von meinem Vater?
    Captain Bird räusperte sich und las: „Der Sand hier ist schwarz, genauso wie das Gras, die Bäume, die Berge. Sogar der Himmel ist grau. Kein Zeichen von Leben. Morgen werden wir die Insel betreten und sie nicht nur wie bisher von Bord aus zu beobachten. Noch haben wir kein Zeichen von Leben entdeckt.“
    Erneut begann die Menge zu flüstern, doch alle waren wieder still, als Captain Bird die Matrosen alphabetisch geordnet an Bord gehen ließ, indem sie eine irrsinnig lange Liste vorließ, auf welcher Namen in winzig kleinen Buchstaben standen. Bei „Taylor Amanda“ stutzte sie kurz.
    „Tochter von Sean Taylor?“, frage sie mich. Ich nickte. „Also auch die Schwester von Linus Taylor?“, bohrte sie nach. Wieder nickte ich. „Mutig, dass du dich bei der Familiengeschichte noch an Bord traust“, meinte sie anerkennend, „Aber bitte sei so gut und folge nicht dem Vorbild deiner Verwandtschaft und bleibe zumindest eine Weile lang ganz.“ „Ich werde mich bemühen“, antwortete ich und ging an Bord, wo mir zwei Paar braune Kleidung ohne Schuhe überreicht wurden. Ich wusste, dass es nicht auf jedem Schiff eine Uniform gab und auch, dass sie nicht überall gleich aussah, also konnte ich mich wohl glücklich schätzen.
    Uns wurde gezeigt, wo wir schlafen sollten: Im Heck der Wellengang gab es einen relativ großen Raum, dessen Boden mit Matratzen ausgestattet war. Darüber hingen Hängematten, damit es auch ja genug Schlafplätze gab. „Frauen schlafen links und Männer rechts!“, bestimmte Captain Bird. Ich erkannte, dass in der Mitte des Raumes ein Holzbalken war, der die beiden Seiten trennte.
    Ich suchte mir einen Platz in der Mitte. Da ich befürchtete, dass es in den Hängematten ziemlich schaukeln würde, suchte ich mir eine der Matratzen aus, doch leider realisierte ich zu spät, dass es dort unten furchtbar eng war, weil wohl die meisten die Mitte für den besten Platz hielten, aber so schlimm konnte das auch nicht sein.
    Der Job war nicht schwierig zu verstehen. Man sagte uns, wir Matrosen hätten Segel zu setzen, zu rudern, zu putzen, mussten Anker lichten, Knoten binden, die Segel gegebenenfalls flicken, An –und Ablegen und unbedingt auf die Befehle des Captains hören.
    Keine Stunde legten wir ab. Ich sah zurück zum Hafen.
    Plötzlich erkannte ich eine etwas entfernte Figur am Steg. Das war Bill! Was wollte der denn hier?
    „Amanda!“, schrie er, „Amanda, komm gesund zurück! ICH LIEBE DICH!“
    Ich stutze. Bill liebte mich? Ich hätte nie gedacht, dass er so für mich empfand!
    „Bill“, flüsterte ich, wissend, dass er das nicht hören konnte, „Ich liebe dich auch.“

    4
    Sobald die Segel gesetzt waren, war für uns Matrosen heute nicht mehr allzu viel zu tun. Da der Wind nämlich direkt von hinten blies, mussten wir nur selten halsen. Wir waren ungefähr zu dreißigst, weil die andere Hälfte der Matrosen in der Nacht arbeiten sollte und jetzt schlief. Ich sah mich um. Die neuen Matrosen waren alle aufgeregt, sprachen von Reichtum, Ruhm und Abenteuern, während die, die schon länger dabei waren, von Dingen erzählten, die sie bereits auf hoher See erlebt hatten. Ich sprach nicht mit, denn meine Gedanken wanderten immer wieder zu Bill.
    „Angst vor der Reise?“, fragte mich plötzlich ein mittelalter Seemann, der wohl gemerkt hatte, dass ich die ganze Zeit über still war. „Nein“, antwortete ich kopfschüttelnd. „Ich heiße Jakob, du? Wie kommt es, dass du hier arbeitest?“, wollte er wissen. „Amanda. Gute Bezahlung“, erklärte ich schulterzuckend. „Das sagen einige“, meinte er, „Aber wie viele von ihnen bekommen diese Bezahlung dann? Wie viele sterben davor? Ich kenne keine Familie, die wenigstens das Geld ihres Verstorbenen erhalten hätten.“ Ich verschränkte meine Arme. „Wer sagt denn, dass ich sterbe?“, fragte ich etwas schärfer, als ich gewollt hatte. „Das meine ich nicht“, erklärte der Seemann, „Ich wollte nur sagen, dass man, wenn man so jung ist, nicht so viel für Geld riskieren sollte.“ „Ich habe keine Wahl“, antwortete ich, woraufhin Jakob den Kopf schüttelte und saget: „Man hat immer eine Wahl.“
    Genervt verdrehte ich die Augen. „Warum sagen Sie mir das?“, wollte ich von ihm wissen. „Meine Kinder denken – oder in Marks Fall dachten - genau gleich wie du. Ich wollte dich einfach warnen, dass man sich hier eher nicht aufhalten sollte“, erklärte er mir. „Ist ihr Sohn – äh, Mark - etwa auf dem Meer gestorben?“, fragte ich, als ich das hörte. „Ja, leider“, antwortete er, „Doch meine Tochter hat das nicht zurückschrecken lassen. Ich habe mir gesagt, ich werde aber bestimmt immer weiterhin mit ihr auf hohe See gehen, um sie schützen zu können! Und jetzt? Jetzt ist sie Captain der Wellengang.“ „Captain Bird ist ihre Tochter?“, hackte ich nach. Er nickte als Antwort.
    „Vater!“, hörte ich plötzlich einen irgendwie streng klingenden Ruf, „Schüchtere doch nicht immer die Neuen mit dieser alten Geschichte ein!“ „Es ist keine Geschichte, Elisa. Es ist eine wahre Begebenheit“, widersprach er, woraufhin sie nur genervt zur Seite sah.

    5
    Ich befand mich jetzt schon seit über einer Woche auf der „Wellengang“, aber es kam mir so vor, als hätte ich schon immer dort gelebt. Ich musste nicht mehr nachdenken, wenn ich etwas tat, da inzwischen jeder Handgriff saß. Außerdem hatte ich schon einige Menschen hier kennengelernt. Aber ich hatte auch Angst. Ich wollte es nämlich unbedingt zurückschaffen! Ich wollte Bill sagen, dass ich ihn auch liebte.
    Inzwischen konnten wir die schwarze Insel sehen. Tatsächlich konnte man schon von unserer Entfernung aus sagen, dass alles dort pechschwarz sein musste. Morgen früh würden wir an Land gehen.

    Ein plötzlicher Ruck ließ mich wieder auffahren! Die meisten anderen Matrosen sahen sich auch verwirrt um, also hatte ich ihn mir nicht eingebildet. Ich stand auf, um aus einem Bullauge zu sehen, doch außer dem Wasser, das pechschwarz aussah, weil es ja Nacht war, konnte ich nichts sehen.
    „Es ist Mitternacht“, verkündete ein Matrose, der eine Uhr um sein Handgelenk hatte, „Geisterstunde.“ „Unsinn“, antwortete ein anderer, „Wir sind auf einem Schiff, da schaukelt es schon manchmal.“
    „Siehst du was?“, wollte eine Matrosin neben mir wissen, doch ich konnte nicht mehr antworten, da die „Wellengang“ erneut erzitterte und alle, die standen – inklusive mir – zu Boden fielen. Alle, die beim ersten Ruck nicht aufgewacht waren, waren spätestens jetzt wach.
    „Irgendetwas stimmt nicht“, murmelte die mittelalte Frau neben mir.
    Gerade als ich anbieten wollte, nach oben zu gehen und nachzusehen, wurde das Schiff so fest gerammt, dass alle auf die eine Seite des Bootes geschleudert wurden.
    Sofort wussten wir, dass jetzt irgendetwas gewaltig schief lief. So schnell wir konnten, eilten wir an Deck, wo wir von peitschendem Regen begrüßt wurden.
    Ich entdeckte schnell Captain Bird, die über das nasse Deck rannte und Befehle brüllte, um den Regen zu übertönen. „Taylor!“, rief sie, als sie mich entdeckte, „Ist noch jemand unter Deck?“ „Nein, Captain, ich glaube nicht!“, antwortete ich, woraufhin sie erklärte: „Irgendetwas ist unter dem Schiff. Irgendetwas, das versucht, uns zum Kentern zu bringen! Bist du dir echt sicher, dass alle da sind?“ „Ich geh lieber noch mal nachschauen“, verkündete ich und beeilte mich, wieder nach unten zu kommen.

    „Ist hier noch wer?“, rief ich. Es war so stockfinster, dass ich meine eigene Hand vor Augen nicht erkennen konnte. Oben, da waren die Sterne, die wenigstens ein bisschen Licht lieferten. Doch hier? Hier könnten theoretisch dutzende Menschen liegen, die ich einfach nicht bemerken konnte!
    Angst erfasste mich. Erst jetzt wurde mir klar, in was für einer lebensbedrohlichen Situation ich mich befand. „Hallo?“, fragte ich noch einmal, doch ich erhielt keine Antwort. Es konnte niemand mehr hier sein, da niemand bei dieser Schaukelei noch schlafen konnte. Ich beschloss, so schnell wie möglich wieder nach oben zu klettern, doch ich blieb wieder stehen, als ich ein lautes Krachen hörte. „Ist da wer?“, fragte ich in die Dunkelheit und ging langsam auf die Stelle zu, aus der der Lärm kam. Keine Antwort. Warum sollte jemand so fest gegen das Holz schlagen, mir aber keine Antwort geben? Oder hatten wir vielleicht jemanden an Bord, der stumm war? Das wäre mir bis jetzt gar nicht aufgefallen!
    Ich blieb stehen, um wieder zu horchen. Wenn ich es mir recht überlegte, dann musste der Lärm direkt … unter mir sein! Wie konnte das sein?
    Plötzlich brach direkt neben mir eine riesige, grün-leuchtende, schleimige Schlange aus dem Boden. Ich schrie. Was war das?
    So schnell ich konnte, rannte ich auf den Ausgang zu, doch ich musste verdammt aufpassen, wo ich hintrat, denn immer wieder brach die Schlange erneut durch den Boden und verschwand dann wieder. In Sekundenschnelle war das Schiff so tief mit Wasser gefüllt, dass es meine nackten Knöchel benetzte.
    „Hilfe!“, schrie ich, in der Hoffnung, jemand da oben könnte mich hören, doch ich wusste, dass das unmöglich war. Trotzdem schrie ich weiter, denn ich hatte nicht nur Angst – Ich hatte Panik! Ich war mir ziemlich sicher, dass ich jetzt sterben würde! Ich hatte keinen Ausweg aus dieser Situation mehr, denn das Tier hatte ein riesiges Loch direkt vor die Stiegen gebrochen, über die ich laufen musste, um hochzukommen. Unmöglich konnte ich bei dieser Wackelei darüber springen, ohne im Wasser zu landen! Tränen sammelten sich in meinen Augen. Wieso war ich nur gegangen, anstatt jetzt mit Bill zusammen zu sein?
    Trotzdem wollte ich es versuchen! Ich konnte nicht einfach so aufgeben! Bestimmt nicht.
    „Hey, du!“, hörte ich plötzlich eine Stimme. Sie gehörte dem Matrosen, der die Uhr besaß. Er kniete am oberen Ende der Stiege und hielt mir seine Hand entgegen, „Komm!“
    Erleichtert, dass ich nicht mehr ganz alleine war, rannte ich auf ihn zu. „Beeil dich, das Schiff sinkt!“, schrie er.
    Plötzlich ruckelte es erneut. Die Schlange sprang aus dem Loch vor der Stiege, verbiss sich im Arm des Matrosen und riss ihn hinunter in die Tiefe! Es ging so schnell, dass er nicht mal Zeit gehabt hatte, zu schreien! Außer mit seinen Augen natürlich, denn die hatten so verängstigt und hilflos ausgesehen wie die eines Kindes!
    Geschockt sah ich hinterher. Ich wollte nicht aufgeben. Auf keinen Fall wollte ich jetzt sterben! Aber ich konnte mich nicht bewegen. Keine Chance. Erschöpft fiel ich auf meine Knie. Das Wasser reichte auf diese Art inzwischen schon über meine Ellenbogen. Tränen liefen aus meinen Augen.
    „Taylor!“, hörte ich einen Ruf, der irgendwie weit entfernt zu sein schien, „Taylor, raus da!“ Ich blieb in meiner Kauerhaltung. Ich konnte nicht, so sehr ich auch wollte! Langsam sah ich auf. Diese Bewegung allein kostete mir schon unglaublich viel Mühe! Dort, wo vorher noch der Matrose gekauert war, stand Captain Bird.
    Ich weiß nicht, woher ich die Energie genommen hatte, zu schreien: „Gehen Sie da weg, Captain!“ Doch irgendwie musste ich es wohl geschafft haben. Captain Bird hörte mir allerdings überhaupt nicht zu. Stattdessen sprang sie in hohem Bogen über das Loch und rannte auf mich zu. „Sie sind geschockt, Taylor!“, schrie sie mich an, „Aber das ist kein Grund, aufzugeben! Kommen Sie!“
    Sie packte mein Handgelenk und zerrte mich hoch und rannte mit mir in Richtung Ausgang. Dort türmte sich die grüne Schlange allerdings erneut auf! Ich schrie und kniff die Augen zusammen, als sie auf uns zustürzte! Jetzt würden wir beide sterben! Captain Bird und ich! Und ich war daran schuld, weil ich es nicht fertig gebracht hatte, aufzustehen und zu fliehen!

    Immer hatte ich mir den Tod schmerzhaft vorgestellt. Doch jetzt spürte ich gar nichts.
    „Kommen Sie, Taylor!“, hörte ich Captain Bird neben mir sagen. Langsam öffnete ich meine Augen.
    Ich war gar nicht tot. Ich stand hinter Captain Bird, die ihren Säbel, den sie zur Sicherheit immer mit sich rumschleppte, in die Höhe hielt. Allerdings war von diesem Säbel nicht allzu viel zu sehen, da der größte Teil davon im Hals der Schlange steckte.
    „Wir sind nicht tot“, war alles, was ich raus brachte, bevor alles um mich herum schwarz wurde. „Taylor!“, hörte ich den weit entfernten Ruf meines Captains, bevor ich zu Boden krachte und mein Bewusstsein verlor.

    6
    Als ich wieder aufwachte, brauchte ich einen Moment, um mich an die Ereignisse von gestern erinnern zu können. Erschöpft öffnete ich meine Augen und rappelte mich auf. Ich brauchte nicht lange, um zu verstehen, wo ich war: Ich befand mich auf der schwarzen Insel. Wie war ich da hingekommen?
    „Taylor, Glückwunsch, sie haben den Biss der Seeschlange überlebt!“, hörte ich plötzlich Captain Bird sagen, welche sich zu mir kniete. „Biss der Seeschlange?“, wiederholte ich verwirrt.
    Erst jetzt spürte ich den Schmerz, der durch meinen rechten Fuß schoss. „Gestern muss die Seeschlange Sie dort erwischt haben. Das Gift lähmt, deshalb konnten Sie sich nicht mehr bewegen“, erklärte sie mir. Das erklärte, warum ich mich gestern nicht mehr selbst hatte retten können. „Was ist passiert, nachdem ich mein Bewusstsein verloren habe?“, wollte ich wissen.
    Traurig sah Captain Bird mich an. „Die Überlebenden sind mit den Rettungsbooten auf die schwarze Insel gerudert“, erzählte sie, „Ich bin noch einmal zurück auf das Schiff gerudert und habe geschaut, ob nicht irgendwer … doch noch lebte. Aber da war niemand, auf den diese Hoffnung zutraf.“ „Wie viele sind wir noch?“, fragte ich. Ich traute mich kaum, diese Frage auszusprechen.
    Schmerzerfüllt sah Captain Bird mich an. „Fünfunddreißig“, antwortete sie tonlos.
    Geschockt sah ich sie an. Alle anderen waren … tot?
    „Was tun wir jetzt?“, fragte ich sie nach einer Minute, in der wir still nebeneinander gesessen waren. „Warten“, antwortete Captain Bird, „Irgendwann wird ein anderes Schiff vorbeikommen, spätestens wenn man eines schickt, um nach uns zu suchen.“ „Wann ungefähr?“, wollte ich wissen. „Ein paar Tage oder Wochen wird es schon dauern“, meinte Captain Bird und stand auf.
    „Wir müssen die Insel erkunden, um an Frischwasser und Nahrung zu kommen!“, verkündete sie laut, „Alle, die stark genug sind, sich dieser lebenswichtigen Aufgabe zu widmen, meldet euch!“
    Die meisten hoben nach kurzem Zögern ihre Hände. Ich würde ihnen am liebsten helfen, doch ich wusste, dass ich wahrscheinlich nicht mal stehen konnte.
    Verzweifelt sah ich der Gruppe von zwölf Menschen, geführt von Captain Bird nach, die losging, um die Insel zu erkunden, nach. Weitere dreizehn Matrosen schliefen, um morgen in der Früh weiterzusuchen, der Rest war jetzt wach, um auf mögliche Gefahren aufzupassen.

    „Amanda“, hörte ich Jakob auf einmal sagen, „Verstehst du mich jetzt?“ „Es ist zu spät“, antwortete ich ihm, „Jetzt sind wir alle schon hier.“ „Aber wir können es auch alle wieder zurückschaffen“, meinte der mittelalte Mann. „Hoffentlich“, fügte ich hinzu.
    „Wir können es auf jeden Fall versuchen“, mischte sich ein weiterer Matrose ein. Er hatte dunkelbraune Haut, Augen in derselben Farbe und kurze, schwarze Haare. Ich wusste, dass er achtzehn Jahre alt war und dass sein Name Luis war, aber das war auch schon alles, was ich über ihn wusste.
    „Du solltest dich lieber im Schatten aufhalten“, wandte er sich dann an mich. Erst jetzt merkte ich, dass die Sonne höher stand und dass sich somit natürlich auch der Schatten bewegt hatte. Sein Blick fiel auf meinen Fuß, weshalb er mich einfach aufhob und unter eine der schwarzen Palmen setzte.
    „Warum ist hier alles nur so dunkel?“, überlegte ich laut. Der Bericht meines Vaters traf völlig auf diesen Ort zu. Sogar die Luft schien irgendwie dunkel zu sein. „Vielleicht ist es das Werk einer magischen Kreatur“, überlegte Luis. Er warf mir einen Blick zu und fragte: „Amanda, richtig?“ Ich nickte. „Und du bist Luis“, sagte ich. „Stimmt“, antwortete er. Und so saßen wir zusammen unter dem Baum, geschockt darüber, wie das ausgegangen war. „Wenn das vorbei ist, betrete ich nie wieder ein Boot“, meinte er irgendwann. „Ich auch nicht“, stimmte ich zu. Dann schwiegen wir wieder, bis Captain Birds Truppe wieder da war. „Wir haben weder Nahrung noch Süßwasser gefunden“, erzählte sie, „Das heißt, dass wir Salzwasser abkochen müssen, um es in Süßwasser umwandeln zu können.“
    Natürlich wussten wir alle, wie das funktionierte: Man erhitzte einen Behälter voller Salzwasser und fingt den Wasserdampf mit einem anderen auf – Dieses Wasser konnte man dann trinken. Leider dauerte das ewig, vor allem, wenn man genug Wasser für so viele Menschen abkochen wollte, doch Captain Bird teilte uns gleich ein, wann wer mit wem zusammen arbeiten sollte. Es durfte keiner alleine arbeiten, damit man nicht versehentlich einschlief oder so, denn dann würde zu viel mögliches Trinkwasser verloren gehen.
    Ich und Luis machten den Anfang.
    Wir schöpften Wasser mit einem breiten Stück Holz, hielten dieses über ein schnell gemachtes Lagerfeuer, fingen den Dampf mit einem weiteren Stück Holz dieser Art auf und ließen die wertvollen Wassertropfen dann vorsichtig in eine leere Rumflasche gleiten, die angespült worden war.
    Als sie endlich voll war, beschlossen wir, das Wasser denen zu geben, die es am meisten brauchten, also den Verletzten.
    „Trink auch etwas!“, meinte Luis, „Du bist wegen dieser Seeschlange ja auch verletzt.“ Ich winkte müde ab, doch auch Captain Bird sagte, dass ich etwas davon trinken solle, weshalb ich es schlussendlich auch tat. Ich merkte, wie sehr ich es brauchte!
    In der Früh beeilten wir uns, rechtzeitig aufzustehen, um an den Tau zu kommen, da dieser auch nichts anderes war als Wasser.

    7
    Plötzlich hörte ich einen Hilfeschrei! Ich sah mich um und erkannte, dass ich mich unter Wasser befand! Wie war ich da hingekommen? Erneut hörte ich einen Schrei! Die Stimme gehörte ganz klar dem Mann, der vor meinen Augen von der Seeschlange in den Tod gerissen wurde! „Wo sind Sie?“, schrie ich. „Hier!“, antwortete er. Ich wirbelte herum – und sah ihn. Er bewegte sich nicht, fast so, als wäre er gerade erstarrt. Nur seine Augen sahen mich noch immer so an, wie sie mich schon mal angesehen hatten. Verängstigt. Hilflos. Plötzlich sah ich etwas, das sich in diesen Augen spiegelte. Etwas Großes, Langes, Grünes… Ich schrie, als die Seeschlange auf mich zusprang. Sie rief irgendetwas. Etwas, das immer deutlicher wurde.
    „Amanda!“
    Die Seeschlange rief meinen Namen!
    „Amanda, wach auf!“, rief die Seeschlange, die plötzlich Luis‘ Stimme hatte.
    Langsam öffnete ich meine Augen. „Du hast nur geträumt“, schoss es mir durch den Kopf. „Ist alles okay?“, fragte Luis. Ich nickte langsam und sagte mit einer brüchigen Stimme, die doch eigentlich fest klingen sollte: „Alles gut…“ „Das glaube ich dir nicht“, antwortete Luis kopfschüttelnd. „Ist auch nicht wahr“, gab ich zu, bevor mir Tränen aus den Augen rollten. „Hey“, flüsterte Luis, „Ist schon gut, es ist vorbei.“
    So, als würde ich ihn schon ewig kennen, schlang ich meinen Arm um ihn. Er zog mich näher zu sich. Während ich langsam meine Tränen trocknete, strich er mir beruhigend eine Strähne hinters Ohr.
    „Tut mir leid“, entschuldigte ich mich, doch er sagte: „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen müsstest.“ Ich sah in seine Augen. Ich wusste nicht, woran es lag, aber ich vertraute ihm sofort, vielleicht weil er so freundlich und geduldig war, vielleicht weil wir uns zusammen in einer lebensbedrohlichen Situation befanden. Er war der Anker, der mich festhielt, bevor ich hier von Hoffnungslosigkeit weggespült werden konnte.

    8
    Wir befanden uns schon einige Tage auf der Insel. Wir hatten zwar nicht wirklich genug Wasser, doch es reichte zum Überleben. Ein größeres Problem war, dass wir schon länger nichts mehr gegessen hatten. Unsere Mission, die Insel zu erkunden, hatten wir nicht vergessen, bei der Suche nach Nahrung passierte das immerhin automatisch.
    „Kannst du deinen Fuß eigentlich schon wieder aufsetzen?“, riss Luis mich aus meinen Gedanken. Gestern war er den ganzen Tag auf der Suche nach etwas gewesen, dass uns am Leben halten konnte, doch er und seine Truppe waren weiterhin erfolglos gewesen. Wenigstens gab es hier keine Gefahren, gegen die wir uns verteidigen müssten, denn wenn es welche gäbe, wären wir sicher im Nachteil, so geschwächt wie wir inzwischen waren.
    „Noch nicht wirklich. Aber ich versuche es“, gab ich zu. Ich fühlte mich furchtbar nutzlos, da ich noch auf keiner einzigen Erkundung dabei gewesen war. „Du bist nicht nutzlos!“, widersprach Luis ernst. „Woher weißt du …?“, begann ich, doch er erklärte schon: „Du siehst die ganze Zeit über so unglaublich traurig aus, vor allem, wenn Captain Bird die nennt, die erkunden gehen müssen.“ Ich sah zur Seite.
    „Mein bester Freund hat gesagt, ich soll nicht zur königlichen Flotte gehen. Mein Bruder hat gesagt, ich soll nicht gehen. Meine Mutter und meine Großmütter hätten dasselbe gesagt, wenn ich vor meiner Abreise noch mit ihnen gesprochen hätte und Jakob hat mich auf dem Schiff davor gewarnt, hier zu sein. Ich habe auf keinen von ihnen gehört. Und jetzt? Jetzt bin ich hier“, erzählte ich Luis. Leise fügte ich hinzu: „Entschuldigung, das kam jetzt irgendwie aus dem Nichts.“ „Alles okay“, antwortete er.
    Sanft griff er nach meinen Händen. „Versuch mal, aufzustehen“, bat er. Ich tat, wie mir geheißen, berührte mit meinem rechten Fuß allerdings noch immer kaum den Boden. Vorsichtig ging Luis einige Schritte nach hinten. Zuerst humpelte ich ihm nur hinterher, doch schließlich stellte ich meinen Fuß vorsichtig auf den Boden. Kurz durchzuckte mich Schmerz, doch ich ging weiter. Dann ließ ich Luis‘ Hände los und ging schließlich Schritt für Schritt auf ihn zu. Tatsächlich klappte es schon viel besser als gestern noch!
    Ich lächelte ihn an, er lächelte zurück. Irgendwie keimte gerade Hoffnung in mir auf, dass wir es vielleicht doch zurück schaffen konnten!

    „Du stehst ja wieder!“, meinte Jakob anerkennend, als er mich zufällig sah. „Stimmt“, lächelte ich, „Danke für die Warnungen. Ich habe sie nicht genug wertgeschätzt.“ „Nicht schlimm. Du wusstest es ja nicht besser“, winkte er ab. „Ich dachte, ich hätte keine andere Wahl, weil wir finanziell einfach gerade total Probleme haben“, stimmte ich zu. „Und du, Luis? Warum bist du hier?“, wollte Jakob wissen. „Ich musste“, erklärte er, „Es ist bei uns einfach Tradition, um seinen achtzehnten Geburtstag herum einmal dort zu arbeiten.“ „Also hättest du auch ein gutes Leben ohne die Bezahlung hier?“, fragte ich. „Ja“, antwortete er. „Wow“, war alles, was mir dazu einfiel. Wieso gab es Familien, die sich auf etwas so waghalsiges einließen? Für … Tradition?
    „Was macht ihr eigentlich, wenn ihr wieder zuhause seid?“, wollte Jakob wissen. „Ich werde wohl in der Schneiderei meiner Eltern arbeiten“, antwortete Luis. „Du kannst nähen?“, antwortete ich überrascht. Luis zuckte sanft lächelnd die Schultern. „Ein wenig“, antwortete er, „Und du, Amanda?“ „Ich kann kaum nähen“, antwortete ich. „Ich meinte, was du machen wirst“, erklärte er. „Ach so“, antwortete ich verlegen, „Ich … Ich… Ich weiß es nicht. Wir brauchen Geld. Aber ein zweites Mal schaffe ich es bestimmt nicht auf so ein Boot. Irgendetwas wird mir schon einfallen.“ „Viel Glück dabei“, wünschte Jakob mir und ging in Richtung der Stelle, wo man Wasser kochte, um die, die gerade dran waren, mal abzulösen. „Amanda“, sagte Luis, „Egal, was du tust, du gehst bestimmt nicht mehr auf ein Schiff, oder?“ Fast klang es so, als würde er flehen. „Nur, wenn ich gar keine andere Wahl habe“, sagte ich. „Du wirst immer eine Wahl haben!“, versprach er. „Hast du den Spruch von Jakob geklaut?“, wollte ich wissen. „Natürlich nicht!“, antwortete er. Irgendwie sah er jetzt total ernst aus, als er sagte: „Ich meinte, dass du immer …“
    Weiter kam er nicht, da jemand plötzlich rief: „Da ist ein Schiff!“
    Alle Köpfe flogen in die Richtung, in die die Matrosin, die gerufen hatte, zeigte. Mit lautem Gebrüll machten wir sie auf uns aufmerksam. Tatsächlich steuerte es auf uns zu. Erleichtert sah ich es an. „Bald sind wir wieder zuhause!“, jubelte ich. Luis lachte und ich fiel mit ein. „Endlich!“, seufzte er, als es vor uns Anker warf.
    „Eins noch, Amanda“, sagte er. Nervös sah er zur Seite, bevor er fortfuhr: „Magst du mit mir zusammen sein?“
    „Was?“, fragte ich, als ich das hörte. Mehr konnte ich nicht sagen, da Captain Bird alle der Reihe nach an Bord gehen ließ und Luis deshalb einfach einen Schubs Richtung Boot gab, weil er sie wohl wegen unserem Gespräch überhört hatte. Kurz danach wurde auch ich aufgerufen, an Bord zu gehen.
    „Amanda!“, hörte ich jemanden rufen. Doch ich merkte, dass diese Stimme nicht Luis gehörte. Sie gehörte Bill!
    „Bill!“, rief ich, als ich ihn entdeckte, „Was machst du hier?“ „Oh, Amanda!“, rief er und umarmte mich stürmisch, „Ich habe durch Zufall erfahren, dass vermutet wurde, dass die „Wellengang“ gesunken ist. Und ich wusste, dass du dort drauf warst. Als ich also herausgefunden habe, dass man ein Rettungsteam gründet, habe ich mich sofort einschreiben lassen!“
    „Oh, Bill!“, war alles, was ich vor Glück rausbrachte, doch der war noch nicht fertig: „Amanda, willst du mit mir zusammen sein?“
    Erschrocken starrte ich meine Jugendliebe an. Endlich fragte er mich! Doch … wollte ich das jetzt noch? Oder liebte ich Luis?
    Ich hatte keine Zeit, um eine Antwort zu geben, weil irgendein Seemann von dem Schiff, das gekommen war, um uns zu retten, mich zu den anderen Überlebenden der „Wellengang“ schob, wo wir erst mal was zum Essen bekamen.

    9
    Den Rest der Fahr über verbrachte ich fast nur mit Schlafen, weshalb ich, als wir am Hafen angekommen waren, keinem der beiden eine Antwort gegeben hatte. Dort wurde uns allen erst mal ein Beutel Gold in die Hand gedrückt und so schwer, wie der war, musste auch ungefähr das Richtige – fünfundachtzig Goldstücke – drin sein.
    „Amanda!“, hörte ich dann zwei Jungs gleichzeitig rufen. Verwirrt sahen sie einander an, doch ich wusste, für welchen Jungen ich mich jetzt entscheiden würde. Diese Reise hatte mein Leben verändert. Und zwar auch im positiven Sinn. Nie wieder würde ich es wieder für selbstverständlich halten, zu leben! Und deshalb war für mich auch klar, wer jetzt Vorrang hatte.
    „Tut mir leid“, sagte ich zu beiden, „Aber ich kann diese Frage jetzt nicht beantworten. Jetzt noch nicht. Ich weiß nicht, wen von euch beiden ich liebe. Ich glaube, ich brauche jetzt einfach schnell eine Pause.“
    Mit diesen Worten verschwand ich. Ich rannte so schnell ich konnte nachhause.

    „Amanda!“, rief dort sofort eine mir vertraute Stimme. „Linus!“, rief ich und fiel meinem Bruder um den Hals. Er saß wieder an dem Tisch, an der er auch schon gesessen war, als ich gegangen war. „Du lebst!“, jubelte er. „Und ich habe etwas für dich!“, sagte ich und gab ihm den Sack.
    Er schlug die Hände vor seinem Gesicht zusammen. „Amanda“, flüsterte er, „danke.“ Ich lachte. Er lachte mit. Und für einen Moment war meine Welt wieder perfekt.

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