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Eine magische Begegnung

Das ist eine Geschichte für Komis etwas anderen Schreibwettbewerb.

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    Wir hatten heute eine Englisch Probe geschrieben. Hatte ich für sie gelernt? Nein. Hatte ich trotzdem alles einigermaßen gut beantworten können? Ne
    Wir hatten heute eine Englisch Probe geschrieben. Hatte ich für sie gelernt?
    Nein.
    Hatte ich trotzdem alles einigermaßen gut beantworten können?
    Nein.
    Würde meine Mutter mir sachte auf die Schulter klopfen, mich trösten und mir sagen, dass es beim nächsten Mal bestimmt besser klappen würde?
    Nein.
    War es mir egal welche Note ich in Englisch hatte?
    Ja. Ich meine, was war schon eine für mich schwer erreichbare 3 in Englisch, wenn ich mühelos und mit Spaß eine glatte 1 in Sport und Kunst schaffte? Meine Mutter sagte immer, solche Fächer spielten für dein Zeugnis keine Rolle. »Mathe, Englisch, Latein und Deutsch sind die Hauptfächer, konzentrier dich auf die, wenn du nicht die Klasse wiederholen willst«. Ich hatte keine Lust mehr, frustriert und fast heulend rumlaufen zu müssen, wenn wir wieder eine Probe zurückbekommen hatten. Ich wollte kein Versager sein, dennoch fühlte ich mich so, zum Beispiel wenn ich meiner Mutter von meiner 2 im Deutschaufsatz oder einer 1 in Kunst erzählte und ihre einzige Reaktion ein kurzes Nicken oder ein wertloses »Gut« war. Bei schlechten Noten sah das schon anders aus. Sie schimpfte mit mir und warf mir vor nicht genug gelernt zu haben. Was eigentlich auch stimmte. Warum sollte ich auch für so etwas nutzloses wie Mathe lernen, wenn ich das faktorisieren von Scheiße nie wieder in meinem Leben brauchen würde?
    Ich saß nachdenklich in der Straßenbahn und schaute aus dem Fenster. Es schneite zum ersten Mal in diesem Winter und ich zog augenblicklich meinen Schal enger. »Nächste Haltestelle, Dom.«, ertönte diese nasale Straßenbahnstimme und ich stieg kurz darauf in die klierende Kälte aus. Heute war Dienstag, mein Lieblingsschultag, weil wir da weder Latein noch Mathe hatten, dafür eine Schulstunde Sport. Eine Schulstunde Sport, mal ehrlich, welcher Dulli hatte sich diesen Schwachsinn eigentlich ausgedacht? In 45 Minuten schaffte man kaum was, allein eine Viertelstunde hatten wir zum Umziehen und für die Anwesenheitsliste gebraucht. Mit von der Kälte trockenen Händen, öffnete ich die schwere Glastür der Bücherei und lief schnurstracks zur Kinder- & Jugendabteilung. Ich liebte es in die Bücherei zu gehen um mir neue Bücher zu besorgen. Für andere Teenies wäre es der größte Alptraum auch nur ein Buch in die Hand zu nehmen, ganz zu schweigen von Bibliotheksbesuchen. Ich stöberte eine ganze Weile durch die verstaubten Regale, bis ich einen eckigen Spiegel mit Holzrahmen entdeckte, der vergessen in der Ecke zu hingen schien. Ich lief auf ihn zu und betrachtete mich, mit meinem Büchereiausweis in der linken und den Büchern in der rechten Hand. Warum zu Teufel hing hier ein Spiegel? Damit man sein Make up noch schnell fresh machen konnte, bevor man sich Bücher auslieh, oder was? Ich wollte gerade wieder zurückgehen, als mich eine Hand von hinten packte und mich wieder umdrehen ließ. Mein Spiegelbild...
    Mein. Spiegelbild. bewegte. sich. Wie konnte sich mein Spiegelbild bewegen, wenn ich es nicht tat? Also, ich war ja kein Ass in Physik oder so, aber das war völlig unmöglich. Und als ob das nicht schon genug wäre, begann es jetzt auch noch zu reden. »Hey, chill, ich tu dir nichts. Ich bin du, nur in umgekehrt.«
    Ja, klar. Mein Spiegelbild blickte mich an, wie meine Englischlehrerin immer, wenn sie wieder mit ihrem nervtötendem »In English please« ankam.
    »Also, wenn deine Lieblingsfarbe schwarz wäre, was sie nicht ist, ich kenne dich schließlich, ist meine Lieblingsfarbe weiß. Do you understand?«, erklärte mir mein Spiegelbild, das mich offenbar für dumm hielt. Ich glaubte das alles nicht. Ich stand in der Bücherei vor einem hier sehr unpassenden Spiegel, und mein Spiegelbild redete mit mir und wollte mir weiß machen, es sei das genaue Gegenteil von mir. Das ganze war völlig unmöglich, aber irgendwas hielt mich davon ab, schneller abzuhauen, als sie »It´s a prank!«hätte rufen können. Wenn sie das genaue Gegenteil von mir war, konnte sie dann auch all die Dinge, die ich nicht konnte? Gute Noten in Mathe, geduldig sein, perfekt sein. Ich stellte mir vor wie sie sich als mich ausgeben könnte und allen die Stirn bot, indem sie Dinge tat, die von mir niemand erwartete. Mein Spiegelbild ich starrte mich hypnotisierend an. »Du hast die Lage verstanden, oder? Nimm meine Hand, Holly, und befrei mich aus den tiefen des Spiegels! Du wirst nie wieder Probleme haben, das verspreche ich dir. Keine schlechten Noten, kein Streit mit deinen Eltern. Alles wäre perfekt. Du wärst perfekt.« Meine Bücher fielen mit einem Stille durchbrechendem Ton aus meiner Hand, als ich sie ausstreckte und darauf die kühlen Fingerspitzen meines Spiegelbildes spürte. Ich war wie besessen davon sie zu befreien, doch plötzlich zog ich meine Hand wieder weg. Ich war überrascht von mir selber, was war nur los mit mir? Alles Schlechte hätte ein Ende und meine Probleme wären verpufft, wenn ich sie aus dem Spiegel zog. Sie würde in schwierigen Situationen für mich einspringen und mich perfekt machen. Ich zog scharf den Atem ein, als ich realisierte, was aus mir geworden war: Ein deprimierter, nach Ruhm und Perfektionismus rangender Mensch. Was war schon perfekt? Gab es das in dem Maße überhaupt? Ich fühlte mich stark als ich die Antwort begriff. Ja, das gab es, denn ich war schon perfekt, genau so wie ich jetzt war. Klar, ich hatte jede Menge Probleme, aber wenn ich eins gelernt hatte, dann, das Probleme nur dazu da waren um gelöst zu werden.

    Entschlossen lächelte ich mein Spiegelbild an. »Danke, aber ich brauche deine Hilfe nicht«, sagte ich, und zu meiner Überraschung lächelte sie zurück. »Ich weiß«, flüsterte sie, bevor sie samt dem Spiegel von einem Wimpernschlag auf dem anderen verschwand.

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