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Die andere Seite

Das Auge ist ein geteiltes Land. Offiziell herrscht Frieden zwischen Kriegern und Magiern, doch seit dem letzten großen Krieg sitzt der Hass tief. Um so Ungewöhnlicher ist die Freundschaft zwischen der Kriegerin Raja und dem Magier Ayel. Als sie - durch ihre Ausbildung voneinander getrennt - von einem drohenden Krueg erfahren, steht eins fest: Sie müssen den anderen warnen!

Eine Geschichte für den Schreibwettbewerb von Speedwagonist

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    ((bold))Ayel((ebold)) "Na endlich!", schalte es Ayel entgegen, als er die Tür zur Straße aufstieß. Unwillkürlich musste er lächeln, als
    Ayel

    "Na endlich!", schalte es Ayel entgegen, als er die Tür zur Straße aufstieß. Unwillkürlich musste er lächeln, als sich das großgewachsene Mädchen vor ihm aufbaute und die Arme vor dem durchtrainierten Körper verschränkte. Schnell warf Ayel einen Blick zur gerade aufgegangenen Sonne. "Ich bin überhaupt nicht zu spät, Raja!", verteidigte er sich gespielt entrüstet. Sie hielt in der Bewegung inne und folgte seinem Blick. "Oh, ja", brummte sie und setzte sich bereits in Bewegung. Ayel musste fast rennen, um mit ihren langen Beinen Schritt zu halten. "Bist du etwa aufgeregt? Wegen der Auswahl? Kann ich total verstehen.", neckte er seine große Freundin. "Willst du jetzt eine Antwort oder nicht?", der Junge hörte nur ein Knurren, aber Rajas verwirrtes Gesicht konnte er sich auch so vorstellen. "Warum müssen Magier immer so kryptisch reden?", "Warum sind Krieger immer so stark?", grinsend sah er zu ihr hoch. Ein schwarzer Zopf flog schwungvoll über Rajas Schulter, als sie ihr Tempo noch einmal beschleunigte. "Ist ja gut!", keuchte der kleinere, "Du hast gewonnen!". Zufrieden grinsend blieb Raja stehen.

    "Ach ne, Klinge schlägt Hirn, das müsst ihr sehen!", schalte es ihnen entgegen. "Lorkan", Ayels Mine verfinsterte sich schlagartig beim Anblick des muskulösen Jungen und seiner Freunde. Raja hob das Kinn. " 'Klinge' wird dich gleich schlagen!", impulsiv wie immer baute sie sich vor Lorkan auf. "Raja! Die sind zu dritt!", Ayel bis sich auf die Lippe, "Die kriegen ihre Abfuhr schon bei der Auswahl." Raja würde dieses Jahr ausgewählt werden - vollkommen klar. Er freute sich für sie, auch wenn er sie dann nicht mehr sehen würde.
    "Doppelt hält besser!", Raja knackte mit den Fingerknöcheln. "Was! Ein schlagfertige Krieger?", zwei Jungen und zwei Mädchen näherten sich von der anderen Seite des Platzes. Na super, Krieger gegen Magier und er und Raja standen mitten drin! Immerhin richtete sich Lorkans Aufmerksamkeit jetzt auf die Neuankömmlinge. Schnell zupfte Ayel an Rajas Ärmel. "Lass die das unter sich ausmachen! Bitte!", zischte er, während immer wüstere Beleidigungen über den Platz schallten. "Aber nur weil du es bist!", seufzend folgte Raja dem erleichterten Magier zum Rand des Platzes.

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    Raja


    Lorkan grinste sie an, "Gleich wirst du schon sehen, wo dein Platz ist!". Raja beachtet ihn gar nicht. Sie war vollkommen auf den bevorstehenden Kampf konzentriert. Der Kampfrichter hob den Arm und die Kontrahenten zogen ihre Waffen. Gelassen schob Raja ihren freien Arm auf den Rücken. Hier ging es schließlich darum, sein Können zu beweisen. Kurz folgte sie dem Blick des Kampfrichters zu den fünf Kriegern, die dieses Jahr für die Auswahl zuständig waren. Dann begann der Kampf und alles andere wurde unwichtig.
    Lorkan stürmte vor und schwang seinen Beidhänder. Immerhin hatte sie keine Zeit, die Augen zu verdrehen. Ein schneller Schritt brachte sie aus dem Gefahrenbereich und direkt neben ihn. Sein gigantisches Schwert sauste zu Boden und brachte ihn aus den Gleichgewicht. Ein leichter Schubs ihrer schmalen Klinge reichte aus und Lorkan landete ihm Sand. Ein kurzer Blick zu den Kampfrichtern zeigte ihr den fälligen Punkt.
    Konzentriert ging Raja wieder in die Ausgangsstellung, während Lorkan sich aufrappelte und ihr einen hasserfüllten Blick zuwarf.
    Die zweite Runde begann. Lorkan war nun vorsichtiger, das musste sie ihm lassen. Lauernd umkreisten sich die beiden Kontrahenten. Tänzelt schlich Raja um den Jungen herum. Sein großes Schwert machte ihn langsam. Und es war schwer.
    Eine gefühlte Ewigkeit umkreisten sie sich, dann täuschte Raja einen Schlag in Kopfhöhe an, Lorkan riss sein Schwert nach oben. Eine Vorwärtsrolle brachte die Kriegerin darunter hindurch, ihre Klinge streifte sein Bein, dann richtete sie sich auf der anderen Seite wieder auf. Der Kampfrichter markierte den zweiten Punkt.
    "Gebt ihr einen Dolch", überrascht hielt Raja inne und sah zu den fünf Kriegern. Gemurmel machte sich unter den anderen Schülern breit. "Nimm den in die freie Hand!", wieß einer der Krieger sie an, als man ihr einen Dolch reichte. Unsicher wog Raja ihn in der linken. Die dritte Runde begann.
    Die ungewohnte Waffe brachte sie immer wieder aus dem Tritt, zwei Punkte gingen an Lorkan. Ihr Arm schmerzte, als sie einen weiteren Schlag nur mühsam abwehren konnte. Moment! Nur ein Arm! Blitzschnell zuckte der Dolch vor und streifte Lorkans Hand. Endlich, der dritte Punkt! Erleichtert atmete Raja auf. Sie hatte gewonnen. Ein schneller Blick zu den fünf Kriegern zeigte ihr ein anerkennendes Nicken.

    Stolz blickte Raja sich um. Zusammen mit zwei Jungen war sie tatsächlich ausgewählt worden, um an der Akademie von Wraga unterrichtet zu werden - der besten Kriegerschuhle im ganzen Land. Ihr Pferd schnaubte nervös und riss sie so aus ihren Gedanken. Hinter ihnen näherte sich eine zweite Reitergruppe dem Stadttor der Hauptstadt Urlion - die Magier. Erfreut bemerkte Raja Ayels kleine Gestalt zwischen ihnen. Er hatte es also auch geschafft und würde nun in Ilfadra die Magierakademie besuchen.

    3
    Ayel

    Mit einem leisen Knistern sammelte sich die Energie in Ayels Hand. Zitternd streckte er sie der Zielscheibe entgegen. Dieses Mal musste es klappen! Für einen weiteren Versuch hatte er nicht genug Kraft. Ein weiß glühender Blitz zuckte aus seiner Handfläche und brannte ein Loch in die Mitte der Scheibe. Zeitgleich mit dem Donner sackte der Junge zusammen.

    "Drei Blitze und du bist ko?", Silvas lies sich neben Ayel auf die Bank fallen. "Versuch du das mal", zischte Ayel gereizt. Aggressive Zauber, und zu denen gehörte der Blitz definitiv, kosteten immens viel Energie und schlugen aufs Gemüt. Wortlos reichte ihm Silvas ein Glas Wasser. "Danke", Ayels Gedanken schweiften bereits ab. Wenn Raja und er zusammen trainiert hatten, hatte er stets nur defensive Magie gewirkt, das war viel weniger anstrengend. Warum nur mussten Magier und Kriger sich so hassen? Das Land, wegen seiner Form "Auge" genannt, war schließlich groß genug für beide. Zusammen wären sie viel stärker.
    "Hey, hörst du mir zu?", Silvas riß ihn aus seinen Gedanken, "Ich bin gleich dran zu lernen, wie man Krieger verkockelt". "Viel Glück", Ayel täuschte Begeisterung vor. Anders als die anderen stellte er sich nie Krieger hinter den Zielscheiben vor. Langsam trank er sein Wasser und beobachtete Silvas Versuche, Löcher in die Zielscheibe zu schlagen, war in Gedanken aber schon wieder ganz wo anders. Er hatte Raja jetzt seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen.

    Gerade gesellte sich der letzte aus ihrer Übungsgruppe zu den keuchenden jungen Magieren auf der Bank, als ein lauter Gong durch die Gänge der Akademie schalte. "Eine...Versammlung?...warum?", Kalliope war die erste, die sich noch immer schwer atmen von der Bank erhob. Auch die Lehrer machten ratlos Gesichter, geleiteten ihre abwechselnd diskutuerenden und schnaufenden Schüler aber in den Innenhof, der als Versammlungsort diente.
    Ayel stellte sich auf die Zegenspitzen, aber noch immer versperrt die Menge ihm die Sicht. "Was passiert?", zischte er Silvas zu, der neben ihm stand. "Da vorne sind alle wichtigen Leute versammelt, du Knirps", zischte der größere grinsend zurück. "Fiorell tritt vor", augenblicklich würde es mucksmäuschen still im überfüllten Innenhof.
    "Meine lieben jungen Magier, liebe Lehrer...", begann der Obere. "Meine lieben...", zischte Silvas grinsend in Ayels Richtung. "Danke, hören kann ich selbst", Ayel sah den Blick eines Lehrers und trat Silvas auf den Fuß. Der verzog das Gesicht und beide konzentrierten sich auf die Rede.

    "Ich kann es gar nicht glauben! Wir werden endlich Krieg gegen die Magier führen!", Ayels Trainingsgruppe hatte sich an einem Tisch in der Kantine versammelt und diskutierte das Gehörte. "Ich kann meinen Blitz wirklich ausprobieren und bei so vielen muss man nicht so gut zielen!", Damian grinste in die Runde und erhielt lautstarken Gelächter, er hatte nicht einmal die Zielscheibe getroffen. "Ihr nehmt das alle nicht ernst genug.", Ayel war der einzige, der nicht lachte, "Im Krieg sterben Menschen, wir könnten sterben!" Raja könnte sterben, fügte er in Gedanken hinzu. Einen Moment herrschte Stille "Stimmt, ich kann gar nicht glauben, dass die Krieger ihre Vorbereitungen so lange geheim halten konnten. Die sind doch sonst nicht do schlau!", scherzte Kalliope und schon war Ayels Kommentar vergessen und die Diskussion ging weiter.
    Die Krieger! Raja! Er musste sie vor dem Krieg warnen!

    4
    Raja

    "Hier schlagen wir unser Lager auf", schalte die Stimme von Thorn über die Lichtung, "Raja, Evin, ihr übernehmt die erste Wache." Zügig bauten die jungen Krieger ihr Lager auf.

    "Warum kriege ich immer die erste Wache?", grummelnt lies sich Evin neben Raja am Lagerfeuer nieder. "Weil Thorn das sagt", sie hatte keine Lust auf Diskussionen, "und weil du dich immer darüber beschwerst." Verständnislos starrte Evin sie an, "Warum sollte er das dann tun?". Raja verdrehte nur die Augen. Sie vergaß immer wieder, wie viel sie durch die Freundschaft mit Ayel gelernt hatte. Traurig richtete sie den Blick zu den Sternen. Sie hatte den wortgewandten Magier jetzt seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen.
    "Wir könnten einen kleinen Übungskamof machen.", hoffnungsvoll sah Evin sie an. Konnte der sie nicht einfach mal in Ruhe lassen? "Wir sollen Wache halten, nicht kämpfen", knurrte sie ungehalten. "Du hast doch nur Angst zu verlieren! Aber meine Axt...", plauderte Evin munter weiter. Entnervt versuchte Raja ihn auszublenden und sich auf den nächtlichen Wald zu konzentrieren. Sie hatte inzwischen den Kampf mit zwei Waffen gemeistert. Natürlich könnte sie Evin einfach besiegen, aber das war nicht ihre Aufgabe. Die Kriegerin stieß einen leisen Seufzer aus. Wie hatte er überhaupt so weit kommen können? Immerhin wurden sie in Wraga ausgebildet und gehörten damit zu den Besten der Besten.
    Angestrengt beobachtete sie den Waldrand. Bewegte sich da nicht etwas? "Und wenn ich mit geschlossen Augen kämpfe?" Ohne weiter darüber nachzudenken rammte Raja Evin den Ellenbogen in die Rippen. Gerade noch rechtzeitig, um seinen Schrei zu unterdrücken, presste sie ihm die andere Hand auf den Mund. Deutlich hob sich die Silhouette eines Mannes vom Wald ab. "Hohl Thorn", zischte sie und ließ den perplexen Evin los. Leise schabend glitten ihre Schwerte aus den Scheiden. Sie war Klinge, nein Klingen, verbesserte sie gedanklich. Klingen und Hirn. Seufzend konzentrierte sie sich wieder auf den Schatten, bis sie Thorns Schritte hinter sich hörte. "Kommt raus!", tönte seine Stimme durch die Nacht. Es waren also mehrere? Raja schluckte und warf einen schnellen Blick zu Evin, der erstaunlich kleinlaut wirkte.
    Zwei Krieger in Lederrüstung schälten sich aus den Schatten. Einer trug einen Kampfstab, der andere einen Bogen. Überrascht senkte Thorn seinen Kriegshammer, "Teba, Bator! Was verschlägt euch denn hier her?". Grinsend begrüßten sich die drei Krieger.
    "Da hast du ja eine richtige Gefahr abgewendet", zischte Evin wieder etwas mutiger. "Wenigstens habe ich sie bemerkt", streitlustig funkelte Raja ihn an. "Ihr beide könnt schlafen gehen.", erstickte Thorn den aufkommenden Streit ohne die beiden jungen Krieger weiter zu beachten, "Und ich will wissen, was die Magier so anstellen!". Lachend nahmen die drei älteren Krieger das Lagerfeuer in Beschlag.

    "... könnten doch Kriegsvorbereitungen sein.", das Zelt, hinter dem Raja sich versteckte, versperrte ihr die Sicht, sodass sie nicht sagen konnte, welcher der beiden Späher, denn um solche handelte es sich bei den Neuankömmlingen, gesprochen hatte. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie Thorns Anweisung nicht gefolgt war, aber jetzt hockte sie hinter dem nächstgelegenen Zelt und belauscht die drei Krieger. "Natürlich handelt es sich um Kriegsvorbereitungen", das war eindeutig Thorn, "und wir müssen einschreiten, bevor wir überrollt werden!". Die Bierkrüge, die man sich zur Feier des Treffens geholt hatte, schlugen gegeneinander. "Endlich schmeißen wir dieses Pack aus dem Auge!", gröllte einer der Späher, "Es wird Krieg geben!". In ihrem Versteck fuhr Raja zusammen. Krieg? Gegen die Magier? Aber... Ayel! Sie musste ihn warnen!

    5
    Ayel

    Der Deckel seiner Truhe knarrte beim Öffnen viel zu laut. Wie erstarrt hielt Ayel in der Bewegung inne, doch alle schliefen ruhig weiter. Aufatmen packte er all seine Ersparnisse ein. Schnell überflogen er noch einmal die Notiz, in der er sein Vorhaben erklärte und schob sie dann unter sein Kissen. Raja würde ihn dafür umbringen, aber er konnte die anderen nicht im Ungewissen lassen.
    Auf Zehenspitzen schlich er aus dem Schlafsaal.

    "Halt! Was willst du?", knurrte ihn der Wachmann am Tor der Akademie an. Ayel setzte eine ängstliche Mine auf. "Ich ziehe doch bald in den Krieg und vielleicht komme ich nie wieder. Ich muss mich doch von ihr verabschieden. Bitte, nur eine letzte Nacht?", flehend sah er zu dem wachhabenden Magier hoch. Der verdrehte genervt die Augen. "Weißt du der wie viele du bist?", knurrte er und machte den Weg frei, "Sie wird sich sowieso einen anderen suchen, sobald du weg bist." Seine Erleichterung mühsam hinter einer bedrückten Mine verbergen, dankte Ayel der Wache und verschwand schnell hinaus in die Stadt.

    Die erste Hürde war genommen, jetzt musste er nur noch aus Ilfadra hinaus gelangen. Eine Illusion kam erst danach in Frage, die Wachen Ilfadras würden sie sofort bemerken. Aber warum sollte der gleiche Trick nicht zweimal funktionieren?
    Erneut setzte er eine verzweifelte Mine auf, als er sich dem Stadttor näherte. "Ich muss sie noch einmal sehen, bitte! Es ist doch...", weiter brauchte er seine Geschichte gar nicht vorzutragen. Mit genervtem Gesichtsausdruck wurde er durchgewinkt, "Aber beeil dich, meine Schicht ist nicht mehr so lang". "Vielen Dank!", schnell schlüpfte Ayel durchs kleine Tor und eilte in die Nacht hinaus.

    Das Licht seiner kleinen Laterne flackert, während er den Weg zum nächsten Dorf entlang eilte. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm nur noch die spärlichen Lichter der Stadt, würde er sie jemals wieder sehen? Was er vor hatte, dem Feind geheimste Pläne zu verraten, würde mit Sicherheit als Verrat eingestuft werden und damit würde man ihn überall suchen. Eine Illusion, um sein Aussehen zu verschleiern, würde dieses Problem zumindest verringern. Er durfte damit nur keinem potenten Magier über den Weg laufen. Insofern würde es einfacher werden, wenn er die Kriegerhälfte des Auges erreicht hatte. Und er sollte größer Städte meiden. Die nördliche Route über Anf erschien ihm da sinnvoll. Aber jetzt brauchte er erstmal ein Bett, wenn er den ganzen Tag eine Illusion aufrechterhalten wollte, musste er ausgeruht sein. Und dann würde er sich ein Pferd besorgen, sonst würde er Raja niemals rechtzeitig erreichen.

    6
    Raja

    Der Deckel seiner Truhe knarrte beim Öffnen viel zu laut. Wie erstarrt hielt Ayel in der Bewegung inne, doch alle schliefen ruhig weiter. Aufatmen packte er all seine Ersparnisse ein. Schnell überflogen er noch einmal die Notiz, in der er sein Vorhaben erklärte und schob sie dann unter sein Kissen. Raja würde ihn dafür umbringen, aber er konnte die anderen nicht im Ungewissen lassen.
    Auf Zehenspitzen schlich er aus dem Schlafsaal.

    "Halt! Was willst du?", knurrte ihn der Wachmann am Tor der Akademie an. Ayel setzte eine ängstliche Mine auf. "Ich ziehe doch bald in den Krieg und vielleicht komme ich nie wieder. Ich muss mich doch von ihr verabschieden. Bitte, nur eine letzte Nacht?", flehend sah er zu dem wachhabenden Magier hoch. Der verdrehte genervt die Augen. "Weißt du der wie viele du bist?", knurrte er und machte den Weg frei, "Sie wird sich sowieso einen anderen suchen, sobald du weg bist." Seine Erleichterung mühsam hinter einer bedrückten Mine verbergen, dankte Ayel der Wache und verschwand schnell hinaus in die Stadt.

    Die erste Hürde war genommen, jetzt musste er nur noch aus Ilfadra hinaus gelangen. Eine Illusion kam erst danach in Frage, die Wachen Ilfadras würden sie sofort bemerken. Aber warum sollte der gleiche Trick nicht zweimal funktionieren?
    Erneut setzte er eine verzweifelte Mine auf, als er sich dem Stadttor näherte. "Ich muss sie noch einmal sehen, bitte! Es ist doch...", weiter brauchte er seine Geschichte gar nicht vorzutragen. Mit genervtem Gesichtsausdruck wurde er durchgewinkt, "Aber beeil dich, meine Schicht ist nicht mehr so lang". "Vielen Dank!", schnell schlüpfte Ayel durchs kleine Tor und eilte in die Nacht hinaus.

    Das Licht seiner kleinen Laterne flackert, während er den Weg zum nächsten Dorf entlang eilte. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihm nur noch die spärlichen Lichter der Stadt, würde er sie jemals wieder sehen? Was er vor hatte, dem Feind geheimste Pläne zu verraten, würde mit Sicherheit als Verrat eingestuft werden und damit würde man ihn überall suchen. Eine Illusion, um sein Aussehen zu verschleiern, würde dieses Problem zumindest verringern. Er durfte damit nur keinem potenten Magier über den Weg laufen. Insofern würde es einfacher werden, wenn er die Kriegerhälfte des Auges erreicht hatte. Und er sollte größer Städte meiden. Die nördliche Route über Anf erschien ihm da sinnvoll. Aber jetzt brauchte er erstmal ein Bett, wenn er den ganzen Tag eine Illusion aufrechterhalten wollte, musste er ausgeruht sein. Und dann würde er sich ein Pferd besorgen, sonst würde er Raja niemals rechtzeitig erreichen.

    7
    Ayel

    "Na, Großer", zärtlich tätschelte Ayel dem Wallach, den er sich am ersten Tag seiner Reise gekauft hatte, den Hals, "Heute müssten wir Anf erreichen." Wie immer interessierte das Pferd sich mehr für seinen Apfel als seine Worte, was Ayel ihm nicht verübeln konnte. Zufrieden kauend ließ sich das Tier satteln. Kurzes beiderseitiges Schweigen folgte, während dessen Ayel wie jeden Morgen eine Illusion auf sich legte. Er erschien einige Jahre älter, mit kantigen Gesichtszüge und schwarzen Haaren. Bis jetzt hatte es gereicht, als würde es das auch heute tun.

    Die Straße wand sich durch ein bewaldetes Tal, weit konnte es nicht mehr sein. Wenn ihn sein Gedächtnis nicht täuschte - und das tat es äußerst selten -, lag Anf hinter dem Ausläufer des Großen Gebirges, den er gerade durchquerte. Sicherheitshalber trieb er sein Pferd schonmal an, als Bote durfte er schließlich nicht trödeln.

    Die Sonne begann gerade unterzugehen und tauchte Anf in einen blutroten Schein. Manch einer hätte das für ein schlechtes Omen gehalten, doch Ayel glaubte nicht an so einen Blödsinn. Außerdem war der Magier, der ihm als Angehöriger der Stadtwache den Weg versperrte, viel wichtiger. "Halt! Was willst du?", knurrte er ihn auch schon an. Zum Glück hatte er noch gewusst, dass dieses Jahr die Magier in Anf das Sagen hatten. Der Friedensvertrag nach dem großen Krieg legte fest, dass die Krieger und Magier in Anf und Jasin abwechselnd für je ein Jahr an der Macht waren. "Ich brauche ein Zimmer für die Nacht und eine Box für mein Pferd", gab er möglichst herrisch zurück, hoffentlich funktionierte das. "Und was will ein einsamer Magier so weit ihm Norden?", misstrauisch musterte der Wachmagier in. Ayel setzte eine genervte Mine auf, "Ich bin auf der Durchreise, um die nördlichen Siedlungen unserer Landsleute über die momentane Situation zu informieren." "Ganz alleine?", knurrte die Wache irritiert trat aber etwas bei Seite. "Ist es denn schon so schlimm? Das muss ich dann natürlich...", Ayel machte ein erschrockenes Gesicht. "Das nächste Magierhaus ist am Brunnen links", die Wache beeilte sich ihm Platz zu machen.

    Als er den Wallach versorgte erlaubte Ayel sich ein Grinsen. Das war doch gar nicht so schwierig gewesen. Nur kam als nächstes die Hälfte der Krieger. Seufzend krauelte er den Braunen noch ein bisschen. Mal sehen, wir lange er ihn noch behalten konnte. Auf jeden Fall sollte er sich einige Vorräte besorgen. Ab jetzt würde er nicht mehr in jedem Ort willkommen sein. Sicherheitshalber veränderte er die Illusion so weit, dass er nicht mehr als der angebliche Bote zu erkennen war, und verließ den Stall.

    Als täte er das normalste der Welt, schlenderte Ayel zwischen den wenigen Marktstand herum. Eigentlich war es das ja auch - ganz normal. Nur war Anf wirklich etwas anderes als Ilfadra. Immerhin hatte er eine Tasche und etwas haltbare Nahrung kaufen können. Er wusste auch nicht so genau, was ihn noch hier hielt, wahrscheinlich hatte er einfach nur keine Lust auf die ständigen Debatten in den Magierhäusern. Ein Kriegerhaus wäre ihm viel lieber gewesen, aber ohne Raja konnte er sich da nicht blicken lassen. Also stand er nun hier und sah den Bauern beim Packen ihrer Ware zu.
    Wütende Stimmen rissen ihn aus seinen Gedanken. Der junge Magier drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um ein kleines verdrecktes Mädchen mit einem Laib Brot an sich vorbeirennen zu sehen. "Haltet den Dieb!", brüllte der aufgebrachten Bauer, der hinter ihr her lief. Einen kurzen Moment zögerte Ayel, dann stolperte er scheinbar und riss eine Kiste Äpfel um, die sich auf dem Platz verteilten und den wütenden Bauern zum Stolpern brachten.
    Als sich beide wieder aufrappelten, war das Mädchen längst verschwunden.

    "Du wirst Morgen den Spähtrupp begleiten! Komm mit!", als wäre damit alles gesagt drehte der Hauptmann der Wachgruppe sich um und bedeutete Ayel, ihm zu folgen. Wütend blickte dieser den Bauern, der in angeschwärzt hatte, an. Ebenso wütend starrte der Bauer zurück. Ergeben wandte Ayel sich ab und folgte den Wachen. Immerhin hatte das Mädchen jetzt etwas zu Essen.

    8
    Raja

    Wie jeden Morgen seit Birkenbruch weckte Raja der Gesang der Vögel. Stönend wälzt sie sich herum, was nur dazu führte, dass sich eine Wurzel in ihren Rücken drückte.
    Während sie sich aufrappelte und ihre neuen blauen Flecken begutachtet, wünschte sie sich - wie jeden Morgen - die alte Strohmatte aus Birkenbruch, dem kleinen Dorf am Rand des Wrals, zurück.
    Sie marschierte nun schon tagelang durch das hügelige Vorgebierge und schlief unter freiem Himmel. Wege miet sie genauso wie Siedlungen. Wahrscheinlich suchte man sie mittlerweile schon in der ganzen westlichen Hälfte des Auges.
    Raja klopfte einige Blätter von ihrer Kleidung und kramte die letzten Reste des Proviants, den sie in Birkenbruch gekauft hatte, aus dem Rucksack. Wenn sie sich richtig erinnerte, müsste sie Anf gegen Abend erreichen. Eigentlich hatte sie die Festungsstadt umgehen wollen, aber angesichts ihrer knappen Vorräte geriet dieser Plan ins Wanken.
    Immerhin hatte ihr Mantel eine Kapuze, die ihr Gesicht zumindest halbwegs verdecken würde.
    Doch eine Sache musste noch erledigt werden, bevor sie die Ausläufer des Dunkelwalds hinter sich ließ und Richtung Anf marschierte. Im Grunde waren es nur Haare, trotzdem hatte sie diesen Augenblick so lange wie möglich hinaus gezögert. Seufzend packte sie den Griff eines ihrer Schwerter, zog es mit einer fließenden Bewegung heraus und säbelte ihren langen geflochtenen Zopf ab. Ging doch!

    Wieder und wieder tastete ihre Hand an ihrem Hinterkopf herum. Genervt beschloß Raja, die Kapuze einfach jetzt schon aufzusetzen. Sie würde sowieso gleich die Straße erreichen und ab da musste sie sie eh tragen. Blieb nur zu hoffen, dass ihr Status als Kriegerin ausreichte, unangenehme Fragen abzuwehren.

    Die Straße war menschenleer. Warum auch nicht? Anfs einziger Zweck war das Bewachen des Passes, über den immer wieder Wildlinge in das Auge eindringen wollten. Ansonsten war die Festungsstadt halb vergessen. Niemand interessierte sich für den Norden. Dumm nur, dass sie dadurch um so mehr auffiel.
    Nach einem ersten Blick auf die dicken Stadtmauern überlegte Raja kurz, die Stadt doch zu umgehen, aber dafür war es bereits zu spät. Wenn sie die Straße jetzt verlassen würde, würde das nur unerwünschte Aufmerksamkeit erregen.
    Raja atmete tief durch und näherte sich dem Stadttor, als würde sie hier hin gehören. "Halt, was willst du?", natürlich stellte sich ihr eine Wache in den Weg - ein Magier. Fast hätte sie vergessen, dass dieses Jahr die Magier die Wache von Anf stellten. Das machte die Sache leichter - zumindest, wenn sie davon ausging, dass nur Krieger nach ihr suchten. "Ich brauche ein Quartier für die Nacht", Ayel hatte immer gesagt  sie könne nicht lügen. Also blieb Raja lieber nah an der Wahrheit. "Ziehen die Krieger jetzt schon allein herum?", dieser unverschämte Wachmann grinste sie an. Zum wiederholten Mal war Raja für die Disziplin, die sie in Wraga gelernt hatte, dankbar. "Wo finde ich ein Kriegerhaus?", ihre Stimme klang ganz ruhig, gut so. Der Magier musterte sie noch einmal  zuckte dann mit den Achseln und deutete durch das Tor, "Dritte Straße links, ist leicht am Gebrüll zu erkennen."

    Das "Gebrüll" war nicht einmal stark übertrieben. Genervt saß Raja in einer Ecke und Löffeln ihre Suppe. Das war der Nachteil an Kriegerhäusern. Aber ohne Ayel konnte sie sich in einem Magierhaus nicht blicken lassen. Immerhin ließ man sie hier in Ruhe. "Ey du!". Man hatte sie in Ruhe gelassen. Mechanisch tauchte der Löffel in die Suppe. Einfach nicht beachten. "Kannst du damit auch umgehen, oder hast du die nur zum Brotschneiden?", sie roch die Fahne noch bevor sie den Kopf hob. "Ey, das is ne Frau!", gröllte der Mann, der gerade noch auf ihre Schwerter gedeutet hatte. "Nachts ist es gefährlich dort draußen. Ich könnte dich nach Hause bringen.", bot einer seiner Kumpanen sofort an. "Danke, nein.", Raja wandte sich wieder ihrer Suppe zu. "Komm schon, ganz allein im Dunkeln?". Gegrölle folgte und endete abrupt, als Rajas Finger sich schraubstockartig um das Handgelenk der Hand, die nach ihrer Kapuze hatte greifen wollen, schlossen. "Nein!", zischte sie und stieß den Mann von sich. Völlig überrumpelt stürzte er in seinen Kumpanen und riss ihm das Bier aus der Hand. In einem Schwall ergoß es sich über den Mantel seines Nebenmannes.
    Im Nuh war eine Schlägerei im Gange. Männer! Wehmütig starrte Raja auf ihre Suppe, stand dann aber auf und schlängelt sich an der Wand entlang in Richtung Ausgang.
    Mit einem lauten Knall flog die Tür auf und sofort wurde es mucksmäuschen still. Eine gerüstete Frau stand im Eingang, gefolgt von mehrere Männern. "Was ist hier los?", verlangte sie in scheidenden Ton zu wissen. Totenstille. Nur ein Krug viel scheppernd zu Boden. "Wollt ihr, dass die Magier auf euch aufmerksam werden?", zischte die Frau im Eingang. Unter ihrem stechenden Blick sahen die Männer zu Boden - oder zu Raja. Erschrocken zuckte sie zusammen. "Ah ja, da haben wir ja eine freiwillige für den Spähtrupp. Morgen früh bei Sonnenaufgang am westlichen Stadttor." Die Frau nickte ihr zu und machte auf dem Absatz kehrt. "Komm mit!", knurrte sie noch. Ergeben folgte Raja den Wachen.

    9
    Ayel

    Er war nicht der einzige, den man zur Strafe in den Spähtrupp gesteckt hatte, offenbar war das hier eine übliche Strafe für Unruhestifter. Insgesamt waren sie fünf, jeweils bewacht von zwei der Soldatenmagier Anfs. Trübsinnig stapfte Ayel hinter den anderen durch das Unterholz. Diese dämliche Aktion würde ihn einen ganzen Tag kosten! Es sei denn, er könnte sich irgendwie davon stehlen, dann müsste er nur den Braunen zurücklassen. Aufmerksam sah er sich um, vielleicht ergab sich ja eine Möglichkeit. "Versuch es gar nicht erst!", brummte der ältere Magier neben ihm und machte Ayels aufkeimender Hoffnung je ein Ende, "Schon mal Wildlinge gesehen, Kleiner?" Stumm schüttelte Ayel den Kopf. Wenn es nach ihm ginge, könnte das auch gerne so bleiben. Wildingen waren eine ganze Ecke größer als normale Menschen, deutlich stärker und hatten harte graue Haut. "Du hast es bis hier her geschafft, also kannst du dich vermutlich wehren. Am besten kriegt man sie mit Elektrizität.", die Andeutung eines Lächelns erschien auf dem Gesicht des Älteren. "Danke", Ayels Lächeln gelang nicht wirklich, "Ich bin übrigens Raj". "Lorin", war die knappen Antwort.

    Leicht keuchend landete einer der Magier, der über ihnen schwebend vorausgeschaut hatte, zwischen ihnen. "5 Wildlinge vor uns!", fast zeitgleich ertönte ein wildes Brüllen aus den Bäumen vor ihnen. "Du, du, du", der Anführer ihrer kleinen Gruppe, Marik, deutet auf drei Magier, "Ihr erledigt sie. Du schaust ob weitere in der Nähe sind. Und der Rest konzentriert sich auf die Verteidigung, spart Energie!". Im Nuh formierten sich die Magier, Ayel fand sich neben Lorin wieder. "Ich brauche ein Schild. Du kennst den Blitz, oder? Wenn die Energie meine Hand verlässt, lässt du ihn kurz fallen, lässt den Blitz durch, und machst ihn neu. Verstanden?", Ayel konnte nur Nicken. Sein erster richtiger Kampf!
    Dann waren die Wildlinge auch schon heran.

    In echt wirkten sie noch größer als auf den Bildern, die er gesehen hatte. Fasziniert und entsetzt zugleich starrte Ayel auf die fünf Wildlingsleichen. Den Blick nach links, zu den menschlichen Leichen, vermiet er. Auch so schon war ihm ziemlich übel. "Lass es raus!", Lorin legte ihm eine Hand auf die Schulter, "Hast dich wacker geschlagen.". Ayel konnte nur nicken, beherrschte sich aber.
    Zumindest bis von oben ein Schrei ertönte und der Kundschafter hart neben ihm aufschlug, ein Pfeil in Bein hatte die Konzentration unterbrochen. Leicht zitternd erbrach Ayel sich auf den Waldboden. "Da kommen noch mehr - viel mehr", röchelnd spuckte der angeschossene Mann Blut und lag still. Der Aufprall war zu viel gewesen. "Rückzug! Wir suchen uns einen Ort, den wir verteidigen können!", kommandirte Marik sofort, "Stützt die Erschöpfen und beeilt euch!". Schnell sah Ayel zu Lorin. "Geht schon, Kleiner.", brummte der und eilte dem Rest der Gruppe hinterher, "Sag mal, was ist mit deinem Haaren passiert?". Erschrocken stellte Ayel fest, dass er im Kampf die Illusion ganz vergessen hatte. "Ich... ähm... haben wir nicht gerade andere Probleme?", versuchte er sich herauszureden und kämpfte sich weiter durchs Unterholz. Lorin folgte ihm, wenn auch misstrauisch. Für eine weitere Illusion war es jetzt zu spät. Ayel konnte nur hoffen, dass er während dieses Chaos irgendwie abhauen konnte.

    "Dort drüben!", Marik deutete auf einen Felsen, der an drei Seiten steil ansteigend aus dem Wald heraus ragte. Sofort änderte die Gruppe die Richtung und hielt darauf zu. Das entfernte Gebrüll der Wildlinge schallte hinter ihnen durch den Wald.

    Sie brachen aus dem Unterholz auf der östlichen Seite des Hangs hervor und standen auf einer grasbewachsenen Fläche - doch sie waren nicht allein. Auf der anderen Seite rannten zwölf Krieger auf die Wiese. Wie erstarrt blieben alle stehen. Einen Moment lang war nur das Brüllen der Wildlinge zu hören. Dann begannen die Magier mit ihren Zaubersprüchen. Die Krieger auf der anderen Seite zogen ihre Waffen. Entsetzt stand Ayel daneben. Zusammen hätten sie vielleicht sogar eine Chance gegen die Wildlinge, aber was taten alle? Sie erledigten sich ganz ohne Wildlinge!
    "Stop!", schrieb er und trat vor auf die freie Fläche.

    10
    Raja

    Man hatte ihr keine Gelegenheit gegeben zu entkommen. Also stand sie jetzt neben zwei breitschultrigen Kriegern auf dem Platz vorm westlichen Tor und bewunderte ihr Gesicht auf einem Aushang. Immerhin ließ man ihr die Kapuze. "Als nächstes sind wir dran", knurrte einer der Riesen. Da offiziell die Magier das Militär der Stadt stellten, war ihr Trupp heimlich unterwegs und würde sich erst außer Sichtweite der Stadt vormieren. In kleinen Gruppen passierten sie die Wache am Tor.

    "Da ist ja unsere Unruhestifterin aus dem Springende Stier!", die Frau vom letzten Abend, diesmal in Lederrüstung, nickte ihrer Gruppe zu. "Ich habe...", wollte Raja sich verteidigen, "nichts gemacht? Das haben sie alle.", die Frau seufzte, "Du bist nicht von hier, aber gleiches Recht für alle.", brummte sie, "Bei uns ist diese Strafe für Unruhestifter üblich. Und jetzt Marsch!"
    15 waren sie, die sich jetzt aufmachten, den Pass nördlich von Anf auszukundschaften. Diese wichtige Aufgabe wollte schließlich niemand alleine den Magiern überlassen.
    Vielleicht war es gar nicht so schlecht hier zu sein, überlegte Raja. Wenn sie die Gruppe verlassen könnte, bevor sie nach Anf zurückkehrten, erspart sie sich die Geschichte beim Verlassen der Stadt.
    "Wo kommst du her und was machst du hier?", die Frau, offenbar die Anführerin des Trupps, erschien neben ihr. "Ich bin aus Wraga, so ne Art Botin", murmelte sie. Das war nichtmal gelogen und somit halbwegs unverfänglich. "Das ist ein weiter Weg", die Frau ließ nicht locker, "und du bist noch jung.". "Ist das hier eine Strafe oder ein Verhör?", das fehlte ihr gerade noch, dass diese Frau sie enttarnt! "Schon gut, ich dachte nur wie Frauen sollten zusammen halten. Ich bin Anisa.", beschwichtigend hob sie die Hände. "Aya", es war der einzige Name, der ihr auf die Schnelle einfiel.

    "Wildlinge vorraus!", dem Ruf folgte fast augenblicklich ein langezogenes Brüllen, erschrocken riß Raja die Augen auf, "Was ist das?" "Das, Schätzchen, sind Wildlinge. Mach dich bereit zu kämpfen!", Anisa neben ihr zog Breitschwert und Schild und stürmte vorwärts. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt zu verschwinden, schoß es Rajs durch den Kopf, dann rannte sie auch schon mit gezogenen Waffen der Kriegerin hinterher.

    Wildlinge waren groß, grau und hatte eine feste Haut, aber bluten taten sie ganz normal. Das hatte Raja jetzt gelernt. Fünf der Kreaturen lagen erschlagen auf der Lichtung. Und drei der insgesamt fünf "Freiwilligen". Schockiert starrte Raja sie an. "So jung?", Anisa reichte ihr einen Wasserschlauch, "Ist selten, dass die Freiwilligen so gut kämpfen wie du. Wer bist du wirklich?". Raja seufzte, "Ich... eine..." "Es kommen noch mehr!", aufgeregt kehrten die drei Männer, die die Gegend abgesucht hatten, zurück, "Fünfzig ungefähr!". Entsetzt sahen sich die zwölf an. "Rückzug! Wir suchen uns einen Ort, wo wir uns verteidigen können. Bis nach Anf schaffen wir es nicht!", ordnete Anisa an.

    Sie hasteten durch den Wald, das entfernte Gebrüll der Wildlinge auf den Fersen. "Dort vorne zu dem Felsen!", Anisa wies auf einen großen Felsen, der auf der einen Seite senkrecht anstieg, auf der anderen aber sanft abfiel, "Dort können sie uns nur von einer Seite angreifen!" Sofort änderte der Spähtrupp die Richtung.

    Sie brachen aus den Bäumen im Westen hervor auf den grasbewachsenen Hang - doch sie waren nicht die einzigen! Auf der anderen Seite des Felses brachen zwölf Magier aus dem Unterholz hervor. Wie erstarrt blieben alle 24 stehen. Einen Moment lang hörte man nur das Brüllen der Wildlinge, dann wurden sirrend Waffen gezogen. Zeitgleich begannen die Magier vor sich hin zu murmeln. Entsetzt starrte Raja auf die Szene vor sich. Sie waren gerade dabei den Wildlingen die Arbeit ab zu nehmen.
    "Stopp!", ihre Stimme schalte über die Lichtung während sie vortrat. Auf der Seite der Magier tat es ihr eine kleine Gestalt gleich. "Ayel?", entgeistert rannte sie auf ihn zu.

    11
    Ayel

    "Raja?", perplex starrte Ayel die große Kriegerin an, die da auf ihn zugerannt kam. Ihre Kapuze rutschte ihr vom Kopf und Ayel löste sich aus seiner Erstarrung. "Raja! Was machst du denn hier?", erleichtert rannte er ebenfalls los. In der Mitte der Grasflächen trafen sie sich und fielen einander in die Arme. Einen Moment herrschte Totenstile in den Reihen der Krieger und Magier. Sogar die Wildlinge schwiegen einen Moment. Dann setzte aufgeregtes Gemurmel ein, dass allmählich immer kampflustiger wurde. "Die Krieger planen einen Krieg gegen die Magier", zischte Raja und ließ Ayel los. "Was eine Überraschung, die Magier auch.", Ayel staunte. Eigentlich hätte er sich das ja denken können, "Wenn wir uns hier zusammen tun, können wir vielleicht die Wildlinge besiegen." Raja zögerte kurz, ein Krieger spannte seinen Bogen, dann nickte sie. "Wartet!", Ayel versuchte seine Stimme fest klingen zu lassen. Ein Knurren auf Seiten der Krieger war die Antwort. Einige Magier begannen wieder sich zu konzentrieren. "Verdammt, er hat einen Plan uns hier alle lebend raus zu holen!", Raja zog ihre Schwerter, drehte sich aber kampfbereit in Richtung der Krieger. Ayel tat es ihr schnell nach und erschuf ein Schutzschild zwischen sich und den Magiern. Rücken an Rücken standen sie da. Erneut kehrte Totenstille ein, Wildlinge brüllten - schon deutlich näher.
    Eine Frau in Lederrüstung trat schließlich aus der Reihe der Krieger nach vorne. Marik tat es ihr schnell nach. "Wie soll das gehen?", ihre Stimme war schneiden, ihr Blick forschend auf Raja gerichtet. Marik blickte Ayel an, "Raj, mach keine Dummheiten. Die sind gefährlich!" "Du hast dich Raj genannt?", Raja klang belustigt. "Aya, was ist hier los? Was hast du mit denen zu schaffen?", jetzt musste Ayel grinsen, aber nur kurz. Das hier würde hart werden.
    "Wildlinge sind hinter uns her, ich nehme an hinter euch auch. Alleine können sie weder Krieger noch Magier besiegen. Aber zusammen wären wir stark genug." Ungläubiges Murmeln setzte ein. "Sie können euch während der Schlacht heilen!", beschwor Raja die Krieger. "Ihr braucht keine aggressive Magie einzusetzten", versuchte Ayel es seinerseits bei den Magiern. Misstrauisch geboten Marik und die Frau ihren Leuten noch zu warten. "Und hinterher könnt ihr euch immer noch gegenseitig die Köpfe einschlagen.", Raja grinste. Ayel konnte nur stöhnen. Aber bei den Kriegern schien es Wirkung zu zeigen. "Also gut, was sollen wir tun?", die Frau sah abwartend zu Raja. Ayel sah Marik an, der wiederstrebend nickte.
    Er löste den Schutzzauber auf und Raja senkte ihre Schwerter. "Je ein Magier und ein Krieger tun sich zusammen. Der Krieger greift an, der Magier beschützt ihn.", Ayel sah Raja an, "Das ist es eigentlich schon." Raja nickte kurz, "wir haben zwei Fernkämpfer, die brauchen weniger Schutz." Marik nickte knapp, "Wir haben noch zwei Magier, die bereits vom ersten Angriff erschöpft sind." Der dritte war unter den Toten. "Dann rauf auf den Felsen!", knurrte die Frau, "Schlimmer als jetzt kann es eh nicht werden."

    12
    Raja

    Dumpf dröhnen schlug der letzte Wildling auf dem Boden auf. Erschöpft taumelte Raja zurück, "Das war's!". Ayel sackte neben ihr auf die Knie. "Wir können es immer noch! Klinge und Hirn", murmelte er erschöpft, aber glücklich.

    "Alles okay bei euch?", ein Magier - es musste Lorin sein - trat neben sie. Benommen nickte Raja. "Wir bleiben die Nacht hier. Bring den Zwerg nach oben.", der ältere Mann schwankte beim Aufstehen, doch ein Krieger war sofort zur Stelle, um ihn zu stützen. Raja grinste erschöpft und hob Ayel kurzerhand hoch. "Hey", protestierte der schwach, doch sie ignorierte es einfach.
    Zu viert machten sie sich auf den Weg den Hügel hinauf. Nicht alle von ihnen hatten es geschafft.
    Eine Magierin kniete zitternd über der Leiche eines Kriegers. Stumm legte ein Krieger einen Arm um die schluchzende Frau.
    Ein Stöhnen machte sie auf einen Krieger aufmerksam, der hektisch versuchte die Blutung eines am Boden liegenden Magiers zu stillen. Schwach deutete Lorin in die Richtung, "Ich...". Der Krieger, einer der Bodenschützen, sah unschlüssig zu Raja. "Er ist so schwach!", Sorge schwang in seiner Stimme mit. Raja musterte Lorin kurz, "Er schafft das. Ich gebe oben Bescheid, dass man euch dann holt." Langsam nickend führte der Krieger Lorin zu dem verletzten Magier. Schwer atmen setzte Raja ihren Weg fort. Ayel in ihren Armen war mittlerweile eingedöst.

    "Geht es euch gut?", Anisa sah auf, der Anführer des Magiertrupps, Marik, lehnte schlafend an ihrer Schulter. Vorsichtig legte Raja Ayel ins Gras, "Wir sind unverletzt. Dort drüben werden sie Hilfe brauchen, um die Magier hier her zu schaffen." Anisa nickte, auch sie wirkte erschöpft. "Kannst du hier oben aufpassen, du weißt am besten, was sie brauchen? Ich gehe mit den unverletzt Kriegern die Überlebenden hohlen und die Leichen verbrennen."

    Raja starrte in die Flammen des Lagerfeuers, das sie entzündet hatte. Ayel lehnte an ihrer Schulter, war aber wieder wach. "Sie helfen sich alle gegenseitig", murmelte sie beeindruckt. "Gemeinsam zu kämpfen und zu überleben verbindet.", Ayel sah zu ihr hinauf, "Was wird jetzt wohl passieren?". Raja sah in das erschöpft Gesicht ihres Freundes, "Keine Ahnung, aber eins weiß ich:
    Gemeinsam schaffen wir alles."

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