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Mein ganzer Stolz

Meine Geschichte für Kiis Schreibwettbwerb. Für mich ist das eine Form von Liebe, wenn andere Leute das nicht so sehen, dann ist meine Geschichte vermutlich fehl am Platz.

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    Dieser eine Weg, ich wollte ihn gehen. Wollte mit ihm enden, heute weiß ich, dass es falsch war. Aber damals wusste ich noch nicht, was heute falsch
    Dieser eine Weg, ich wollte ihn gehen. Wollte mit ihm enden, heute weiß ich, dass es falsch war. Aber damals wusste ich noch nicht, was heute falsch ist.

    Meine Füße bewegten sich langsam und träge über den schlammigen Boden, der herbstliche Nieselregen malte sanfte Pfützen, die an einigen Stellen zu keinen Seen und winzigen Flüssen wurden, langsam in die Landschaft.

    Ich zitterte am ganzen Körper. Denn ich bin der einzige Mensch, der meinen Plan kennt, der auch weiß, dass es ihm vielleicht leid tun könnte, den Liebsten wehzutun.

    Und doch bin ich es müde geworden, ich möchte nicht mehr diese widerliche innere Leere, diesen Selbsthass, erzeugt von anderen Menschen, spüren. Ich wäre so gerne frei, frei von allen Dingen.

    Heute gehe ich zu dem Ort, an dem ich alleine nicht seien kann. Nicht seien möchte.

    Der Regen wird stärker, nimmt mir kurz die Sicht, die Sicht auf ihn. Auf dieses kleine pelzige Etwas, er läuft ohne Leine, soll er laufen und wenigstens frei sein. Ich kann mich nicht von meinen Ketten befreien, warum soll ich dem Hund nicht seine, die ich ihm umgemacht habe, nehmen?

    Hier wird es niemanden stören, denn hier ist niemand. Ich bin alleine. Allein mit ihm, diesem Tier, dessen Gefühle und Handeln mir schwer verständlich ist und mit mir, einer Person, die mir fremd geworden ist, weil ich sie nie wirklich gekannt habe.

    Ich laufe den schmalen Weg entlang, habe große Mühe dabei, nicht auszurutschen, Meter vor mir, sehe ich den Hund davon hüpfen. Es sieht ulkig aus, wie seine riesigen Ohren dabei durch die Luft fliegen, wie diese braunen Hundeaugen mich im einen Moment hasserfüllt anstarren können, um im nächsten diesen diesem traurigen Hunger nach Liebe darzustellen. Im Gegenteil zu mir kann er seine Gefühle nicht verstecken. Ich glaube, er mag mich nicht. Zumindest mag ich ihn nicht, heute nicht. Gestern schon. Plötzlich ist er verschwunden, sehe, wie er sich langsam durch eine Absperrung hindurch schlägt, es verschlägt ihn tiefer in den Wald, so wie es mich heute zum Wasser zieht.

    Er ist verschwunden, ich sehe ihn nicht mehr. Wenn er weg ist, dann wird man ihn finden, und doch. Ich kann es nicht, kann ihn nicht allein lassen. Er ist anstrengend und ich brauche diese Anstrengung. Er ist mein Beschützer, ohne ihn würdest du mich nicht draußen sehen. Ich schreie laut, lege die wenige Kraft, die ich habe, ihn meine Stimme.

    Sie bricht. Er hört. Er hört, was er sonst nie tut. Er hört wirklich. Ich gehe sturr meinen Weg, einsam und dich zugleich vereint. Mit dem Hund. Die Bäume sind bunt, der Himmel grau wie Stahl. Es ist eiskalt. Ich friere trotzdem nicht, es würde noch viel kälter werden.

    Gleich bin ich an meinem Ziel, sehe mich um, Baumkronen, gesunde Bäume, Alte, Junge, Schwache.

    Ich hebe vorsichtig meinen Kopf, doch dann verfalle ich zurück in die alte, immer auf den Boden blickende Haltung.

    Ich weiß nicht, ob es richtig ist, weiß auch nicht, ob ich es kann. Aber ich weiß auch nicht, ob ich noch weiter kann.

    Jeder Schritt schmerzt, meine Beine fühlen sich an, als hätte jemand Blei hinein gekippt, die Knie zugleich weiß wie Federn, die Gelenke wie wabbliges Gummie, dieses ständige Gefühl der Übelkeit, mein ständiger Begleiter, hat sich in jeden Teil meines Körpers ausgebreitet und in jeden Teil meines Lebens.

    Meine Schritte beschleunigen sich, langsam und quälend, möchte ich nicht länger voranschreiten.

    Ich bin so nah, ich in diesem Ort, der mir so unglaubliche Angst macht, näher, als ich es alleine jemals war.

    Ich mag ihn und hasse ihn zugleich, diesen kleinen Sandstrand an diesem riesigen Fluss.

    Ich schaffe es, meine Schritte lenken mich, die Gedanken in meinem Kopf rennen hin und her. Ich gebe auf, ihnen folgen zu wollen, denn ich scheitere mit der Sekunde mehr, in der ich es versuche.

    Hund rennt vor, stolpert den Hang hinunter zum Fluss. Ich humple langsam hinterher. Ein Blick auf das Wasser verrät mir, dass es deutlich angestiegen ist. Viel höher als sonst.

    Der Hund bleibt misstrauisch. Setzt sich vor das Wasser und wartet. Ich setze mich auf einen Stein, schaue auf den überspülten Stand und warte.


    Tränen laufen meine Wangen hinab, Angst vor mir selbst lässt mich gefangen, ich bin gefangen, in meinen Gedanken und in dieser Situation.

    Ich fauche den Hund an, er soll verschwinden. Er bleibt.

    Das Wasser ist grau, fast schon schwarz wirkt es. Die Störung ist stark, heute ist ein guter Tag. Ich kann nicht schwimmen. Die Störung ist mein Tod. Das Wasser. Ich habe so viel Angst vor ihm. Ich stelle mir vor, wie mein Kopf eintaucht, wie ich langsam in die Tiefe gezogen werde, mich nicht wehrend, von der Strömung wegreißen lasse, Tränen fallen auf den feuchten Boden, Gefühle springen hin und her.

    Nie wieder wird mir jemand sagen, wie schlecht er mich findet. Allen, denen ich wichtig bin, werde ich wehtun.

    Das Wasser, plötzlich spiegelglatt, wird nun von dem Hund als Badespaß genutzt, er zieht Treibholz heraus. Wie konnte ich nur so dumm sein, ihn mitzunehmen? Er wird gleich alleine sein.


    Ende.


    Die Vorstellung, an den Schmerz, den ich hinterlassen werde, ist schrecklich. Doch ist mein einziges Ziel, von dieser Strömung erfasst zu werden. Eins mit ihr zu werden.

    Ich mache einen Schritt auf das Wasser zu. Der Hund bellt laut.

    Meine Augen kleben an dem Wasser, es ist so unglaublich tief, blanke Panik rasst durch meine Adern, mein Gesicht ist warm geworden von den Tränen.

    Schluss.

    Meine Fußspitze ist im Wasser, wird umspült von kalten Wogen, ich drehe mich noch einmal um.

    Wo ist dieser verdammte Hund?

    Weg. Weg. Weg.
    Vor einer Minute noch im Wasser, nun verschwunden. Ein Specht hämmert, hämmert immer lauter.

    Ich höre den Hund bellen, in meinem Kopf kleine Kinder rufen, renne schnell, um ihn zu fangen. Er ist schneller als ich. Auf einmal erhasche ich ihn, doch nicht ihn habe ich gefangen. Nur sein Halsband halte ich in der blassen Hund.

    Verdammter Hund, komm zurück!
    Wo bist du jetzt!

    Schmerz sticht in meinen Rippen.
    Ich ignoriere ihn, ignoriere den Schmerz meinen Beinen. Schiebe alles in meinem Kopf beiseite. Er darf nicht weg sein.

    Geräusche, ein aus dem Dickicht herausspringendes Fellwesen knurrt mich an, reißt an der Leine in meiner zittrigen Hand.

    Langsam verstehe ich.

    Heute führe nicht ich ihn an der Leine, sondern er mich. Ich halte die Leine, er gibt die Richtung vor, die Richtung heißt: Weg. Weit weg von ihr. Ein Tritt von mir in seine Rippen lässt ihn stolpern. Ich schreie. Ich will ihm nicht wehtun, nein. Aber ich muss es, damit er mich gehen lässt.

    Er jault nur kurz, nur um im nächsten Moment wieder die Leine zwischen die Zähne zu nehmen. Diesmal stärker, bestimmter.

    Warum? Lass mich endlich? Du kannst mich nicht aufhalten.

    Ein heftiger Schlag von mir sorgt dafür, dass er die Kontrolle über mich verliert. Er heult gequält auf, ich hasse mich dafür.

    Verschwinde endlich! Ich kann dich jetzt nicht mehr gebrauchen.

    Sitz, Sitzt, Sitzt, meine Stimme bricht erneut, während ich diesen Befehl wiederhole wie einen Reim, jedesmal mit mehr Wut und Angst in der Stimme, sein schlanker Körper kommt zur Ruhe, sich hinsetzend, starrt er mich an.

    Diese Augen.
    Enttäuschung.
    Eine Bitte.

    Erneut springt er an mir hoch, um dann aufzugeben. So wie ich.

    Davon rennend und mich verlassend. Ohne Leine und ohne Halsband.

    Vorsicht hebe ich es in die Luft, sein Geruch hängt daran.

    Jetzt ist er weg.

    Schuld.
    Schmerz.
    Einsamkeit.
    Reue.

    Meine Beine tragen mich, ich weiß nicht, was mich steuert, aber ich weiß, dass ich die Kontrolle zurück möchte.

    Wo ist er jetzt?

    Verzweifelt bleibe ich stehen, er ist weg. Gegangen, weil ich es wollte.

    Weil mir nichts Besseres mehr einfällt, wedele ich wie eine Verrückte einen riesigen Stock, rufe seinen Namen in die beginnende Dämmerung.

    Er kommt.

    Versucht, den Stock zu bekommen.
    Ich lege ihm das Halsband an, klicke die Leine ein, streiche ihm behutsam über das weiche, noch nasse Fell.

    Gucke in seine Augen.

    Er hat mein Leben gerettet. Dieser kleine Hund, den ich nicht wertzuschätzen wusste.







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