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Write your story – Heute war ein Tag, den ich hasste

Ich habe schon lange nicht mehr hier etwas hochgeladen. Und noch nie etwas, mit dem ich vollauf zufrieden bin.
Diese Geschichte ist mein Beitrag zu einem Schreibwettbewerb.

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»Heute war ein Tag, den ich hasste.« Juna ist eine Außenseiterin. Der namenlose Junge in ihrer Klasse ebenfalls. Sie werden gehasst und verachtet, ohne Rücksicht verspottet. Kein Lehrer greift ein, niemand hilft ihnen. Beide sind sie einsam. Doch erkennen sie bald wie ähnlich sie sich sind. Lässt sich Einsamkeit nicht am besten bewältigen, wenn man jemanden hat, mit dem man gemeinsam gehen kann? Vor allem, wenn diese Einsamkeit sich in Hass begründet, der einen umgibt? Gemeinsam lässt es sich durchstehen und bewältigen. Allein geht man daran zugrunde.

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    Heute war ein Tag, den ich hasste. Wir hatten Fächer bei Lehrern, die kein Können darin bewiesen und nicht wussten wie man Schüler bei der Stange hielt. Und in den letzten zwei Stunden – in Deutsch – sollten wir in Partnerarbeit Geschichten schreiben. Dass es auch Schüler in der Klasse gab, mit denen niemand etwas zu tun haben wollte, ging an unserem Lehrer völlig vorbei. So stand ich allein in Chaos und Lärm und fragte mich, ob ich mich jemals so schrecklich gefühlt hatte wie in diesem Moment, in dem alle Welt über mich zu lachen schien. Die Jungen und Mädchen meiner Klasse hatten schon ihre Partner gefunden. Alle, außer einem. Er war gehässig, meinten viele. Er war angsteinflößend, meinten andere. Er war seltsam, sagten alle. Und alle hassten ihn.
    Nur ich vielleicht nicht, dachte ich. Ich war überrascht über meinen eigenen Gedanken, denn nie zuvor war ich der Meinung gewesen, ich könnte einen der Internatsschüler nicht hassen. Jetzt musterte ich den einzigen, auf den ich keinen Hass hatte. Die Aufmerksamkeit von mir schien er erst nicht zu bemerken, doch dann drehte er sich um und begegnete mir mit einem undefinierbaren Blick.
    Er war wirklich seltsam.
    Dennoch ging ich nun rasch, aber unsicher auf ihn zu. Unruhig war mein Blick. Ich glaube, in diesem Moment war der Hass meiner Mitschüler auf mich wie Feuer geschürt worden und hatte alles in Brand gesteckt. Seitdem hatten sie nur noch Verachtung für mich.
    „Du bist sicher sehr einsam“, sagte ich leise und war verblüfft wie direkt ich zu ihm sprach. Ich enthüllte, was ich so lange in mir verborgen hatte. Mein Verständnis, mein Mitleid. Meine Freundschaft.
    Der Junge antwortete mir ebenso unverblümt, wenn auch noch deutlich leiser, sodass ich ihn kaum hören konnte. „Ja. Ich bin einsam.“
    Als wir so nebeneinander standen wurde uns die gesamte Aufmerksamkeit der Klasse zuteil. Sogar unser Deutschlehrer beobachtete uns mit unverhohlenem Entsetzen. Als wäre es verabscheuungswürdig, dass sich überhaupt ein menschliches Wesen mit diesem namenlosen Jungen abgab.
    Seitdem waren ich und der Junge Freunde. Verbündete gegen den Hass einer ganzen Welt. Gegen die Verachtung, die kein Mensch zu spüren bekommen sollte. Wir waren nur anders als sie. Aber hier war Anderssein ein Verbrechen. Etwas Unmenschliches. Zu gefährlich, als dass es sein durfte. Es zerstörte die Moralvorstellungen hunderter Menschen, die nichts für Personen wie uns übrig hatten. Wir waren hier nicht zuhause. Wir waren fehl am Platz, aber wir hatten beide niemals die Möglichkeit, zu gehen.


    „Sie machen sich lustig über dich“, warf Nautilus, wie ich meinen Freund seit geraumer Zeit nannte, leise ein.
    „Das haben sie schon vorher gemacht“, entgegnete ich resigniert.
    „Aber jetzt ist ihr Spott härter. Sie machen sich lustig über dich, weil du bei mir bist.“
    „Sie können mir gestohlen bleiben. Ihr Spott trifft mich nicht. Ich weiß, dass ich nicht dazugehöre, Nautilus. Aber dich verhöhnen sie und die Lehrer lassen es zu. Dich verletzen sie und niemand hilft dir. Dich verletzen sie nur, weil du anders als sie bist.“
    Er sah mir in die Augen und entgegnete mir im Brustton der Überzeugung: „Du hilfst mir.“
    „Wirklich? Ich mache doch alles nur noch schlimmer.“
    „Nennst du mich ‚Namenlos‘? Nein, du hast mir einen eigenen Namen gegeben. Nautilus. Verspottest du mich? Nein, du bist doch selbst Ziel des Spottes. Ignorierst du mich? Nein, wir sind Freunde.“
    „, Ihr Spott ist jetzt härter‘, hast du vorhin gesagt. Nur wegen mir ist ihr Hass auf dich gewachsen. Ich sollte nicht bei dir sein ... Wäre ich als eine von ihnen zu dir gegangen, hätte ich dir vielleicht helfen können. Doch ich bin als Außenseiterin zu dir gekommen. So sind wir nur zwei Außenseiter, die sich in einem kläglichen Versuch, gegen die anderen anzukommen, verbündet haben. Das hilft weder dir, noch mir. Ich sollte dich einfach in Ruhe lassen, damit du dich losgelöst von einer Außenseiterin selbst behaupten kannst. Du schaffst das doch ...“ Ich wandte meinen gequälten Blick von ihm ab und setzte mich an die Wand gelehnt auf den kalten Boden.
    Er zitterte. Das sah ich an seinen Händen, die das Buch mit dem blutroten Leineneinband umklammerten. „Ich schaffe das nicht, Juna. Du machst es nur schlimmer, wenn du mich jetzt alleine lässt. Wir sind Freunde. Wir sind Verbündete, hast du gesagt. Ja, das sind wir. Verbündete sollten sich nicht im Stich lassen. Wir dürfen unsere Kriege nicht allein ausfechten. Du machst es nicht schlimmer, du machst alles erträglicher, Juna. Hör auf, dir solche törichten Gedanken zu machen!“ Es klang wie Tadel. Als wäre ich ein kleines Kind, dass nicht den Anweisungen seiner Eltern gefolgt war. Ich fühlte mich beschämt und todunglücklich. Ich hatte ihn in den Gedanken versetzt, ihn im Stich lassen zu wollen.
    Es tat schrecklich weh.
    „Nein“, wollte ich sagen, aber das Sprechen versagte mir. Auch wäre es falsch gewesen. Ich konnte meine Worte nicht mehr zurücknehmen. Ich musste seinen Tadel ertragen, denn ich trug die Schuld für meine Worte. Aber sein Zorn auf mich tat weh. Ich hatte noch nie solchen Schmerz gespürt, nicht einmal, als ich dem Hass der anderen noch allein ausgesetzt gewesen war.
    Eine Entschuldigung konnte ich nicht hervorbringen. Kein einziges Wort der Linderung, kein Wort der Beschwichtigung kam über meine Lippen. Ich konnte das nicht. Das alles war zu viel für mich.
    Du hast versagt, Juna. Geh einfach und mach deine Worte wahr. Nautilus kann dir jetzt nicht mehr verzeihen. Der Gedanke kam plötzlich und schmerzte nur noch mehr. Nein, das konnte ich auch nicht machen. Nautilus musste mir verzeihen. Er tat es doch immer. Und seine Gründe waren vernünftig gewesen. Ich war es doch, die falsch gedacht hatte. Ich musste eine Entschuldigung aufbringen. Aber noch immer war ich nicht fähig, auch nur irgendetwas zu sagen, gleich welcher Art.
    Ich wagte nicht, Nautilus ins Gesicht zu sehen. Ich wagte nicht, mich auch nur zu regen. Wie ein Beutetier, das sich vor der Schlange tot stellte. Sollte er doch einfach fortgehen und mir die Entscheidung abnehmen. Sollte er mich doch verfluchen und einen eigenen Hass auf mich nähren.
    Aber nein, solche Gedanken schmerzten viel zu sehr. So etwas würde ich niemals wollen.
    „Juna ... Ich wollte dir nicht wehtun. Meine Worte waren unbedacht. Es tut mir leid.“ Nautilus streckte mir seine Hand entgegen. Ich sah sein Gesicht nicht, aber in seiner Stimme schwang Betroffenheit mit. Ich wollte nicht, dass er sich jetzt schuldig fühlte. Und ich wollte seine Hand nicht nehmen. Ich stand allein auf, ohne ihn anzusehen, und ignorierte seine ausgestreckte Hand.
    „Ich sollte mich doch entschuldigen“, sagte ich tonlos. Ich versuchte, meine Gefühle zurückzuhalten.
    „Dann tue es jetzt.“ Er wirkte plötzlich wieder entschlossen und gefasst und sah mir in die Augen. Es war unangenehm, aber ich leistete seiner Aufforderung Folge. „Es tut mir leid ...“
    Dass er mich daraufhin umarmte und nicht losließ, überrumpelte mich. Ich fühlte mich schlecht, aber er vertrieb das Gefühl.
    „Danke, Nautilus“, flüsterte ich leise.
    „Schon gut. Wir überstehen das gemeinsam.“ Er lächelte. Ich hatte ihn so selten lächeln sehen.
    „Bis zum Ende?“, fragte ich vorsichtig und löste mich aus deiner Umarmung.
    „Bis zum Ende. Wenn du deine Meinung nicht noch einmal änderst.“ Er seufzte. „Wir sollten reingehen. Es wird spät.“
    „Reingehen? Ich gehe da nie wieder rein!“ Es war unnützer Protest. Ich konnte hier nicht weg. Es brachte nichts, aber ich war wütend wegen all dem mit dem verfluchten Internat. Wütend wegen meinen Eltern, wütend wegen meinen Mitschülern. Hier war ich nicht glücklich.
    Jetzt sah Nautilus wieder traurig aus. Ein zweites Seufzen. „Wir stehen das schon durch, Juna. Natürlich, wenn du willst, können wir mit den Verantwortlichen reden, aber ich weiß nicht, ob das was bringen wird. Gehen wir rein.“
    „Ist gut, ich weiß ...“ Ich folgte ihm zum Hintereingang des Internatsgebäudes und versuchte mich an einem Lächeln.
    „Gute Miene zum bösen Spiel“, kommentierte Nautilus grimmig und schritt weiter aus. „Wir stehen das durch, Juna.“ Anfangs hatte er mich nie bei meinem Namen genannt, weil er selbst keinen hatte. Seit ich ihn Nautilus nenne, sind Namen wichtig für ihn geworden. Denn alle tragen sie eine Bedeutung. Doch das war nicht das, woran ich in diesem Moment dachte. Ich erinnerte mich an die schönen Momente, die ich mit Nautilus erlebt hatte. Ich war froh, nicht allein zu sein, und hoffte, es auch nie mehr sein zu müssen.

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