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Tränen - Meine besten Freunde

Manchmal scheint das Leben wie eine pure Enttäuschung. Kummer, Wut und das Gefühl, niemals gut genug zu sein, quälen einen. Nichts scheint im Leben mehr einen richtigen Sinn zu ergeben und Freude ist ein Fremdwort. Doch war die das immer? War das Leben schon immer so trostlos und wird es das auf alle Zeit bleiben?

(Dies ist eine Kurzgeschichte zum Thema „Enttäuschung“. Geschrieben wurde sie zum Anlass eines Schreibwettbewerbes.)

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    Die, durch das Fenster, gedämpften Stimmen drangen in meine Ohren und ließen sie aufhorchen, lenkten meinen Verstand von meinen Hausaufgaben ab. Meh
    Die, durch das Fenster, gedämpften Stimmen drangen in meine Ohren und ließen sie aufhorchen, lenkten meinen Verstand von meinen Hausaufgaben ab. Mehrfach hörte ich die Namen meiner Geschwister fallen, doch nur vereinzelte Satzfetzen drangen noch in mein Zimmer. Mit leerem Blick starrte ich auf das Papier, auf welchem sich die bedeutungslosen Worte aus Tinte zierten. Eine Gedichtsanalyse lag dort vor mir und schrie nur so nach Verwirrung. Ich konnte diese zusammenhanglosen Worte nicht verstehen, also interessierten sie mich auch nicht weiter. Umso mehr interessierten mich die Worte meiner Großeltern, welche dort auf der Terrasse hockten, sich mit Wein zuschütteten und sich über all diese Menschen, die ihnen begegneten, austauschten, so wie sie es jeden Tag taten.
    Genauso, wie die alten Menschen von ihren Nachbarn und der jungen Mutter aus dem Dorf tratschten und urteilten, tratschten und urteilten sie auch über uns - über meine Geschwister und mich.
    Ich lebte in einer großen Familie, mit meinen Eltern, Großeltern und 4 Geschwistern - meine beiden älteren Brüder, meine kleine Schwester und mein kleiner Bruder. Mich gab es da natürlich auch noch. Ich hob mich teilweise ziemlich von meinen Brüdern und meiner Schwester ab. Uns allen konnte man bestimmte Eigenschaften und Merkmale zuschreiben, welche augenblicklich mit uns assoziiert wurden. Mein ältester Bruder, zum Beispiel, war relativ erfolgreich. Er hatte gerade einen Arbeitsplatz bei einer großen und vor allem gut anerkannten Firma. Er verdiente gut und hatte durchaus etwas im Köpfchen. Außerdem war er schlank, sah gut aus. Manchmal konnte er sehr charmant sein, doch ebenso konnte ihm der Reiz des Charms vollkommen verfallen sein. Er hatte eine spitze Zunge und Arroganz kreuzte seinen Weg mindestens 3-4 mal am Tag. Henrik, wie er hieß, war der Erstgeborene, stets das „Sonntagskind" meiner Mutter. War er da, konnte ihm kaum jemand das Wasser reichen. So sah meine gesamte Familie das Besondere in ihm. Denn, da er schon ausgezogen war, kam er nur manchmal zu Besuch. Dann war er eben wie die gute Kleidung, die man damals extra zum Sonntag anzog. Die restlichen Kinder hingegen, welche immer zuhause waren, waren nur wie die alltägliche Kleidung - schlicht, einfach, nichts Besonderes, nur der Alltag eben. Man war ihre Anwesenheit gewohnt.
    Somit war Henrik also so ziemlich das liebste Kind meiner Mutter und der liebste Enkel meiner Großeltern.

    Und genau über diesen sprachen die alten Leute bei uns im Haus soeben. Ich hörte meinen Opa fragen:„Henrik kommt morgen wieder zu Besuch, nicht?" Seine Frau antwortete ihm, nachdem sie an ihrem edlen Wein genippt hatte:„Ja, morgen wollte er kommen. Ich finde es ja immer noch so toll, wie verantwortungsvoll er seine Arbeit macht. Er ist wirklich sehr fleißig!" Der Alte schwärmte:„Oh ja, und er ist so kommunikativ! Auch sehr gewählt spricht er. Es ist wirklich immer wieder toll, wenn er mal wieder zu Besuch kommt und uns von seinen Geschehnissen erzählt. Eine anspruchsvolle Arbeit macht er, wirklich kompliziert!" „Ja, reizvoll. Eine wirklich hoch angesehene Arbeit. Und gut verdienen tut er. So, wie es sich für einen Akademiker gehört. Deswegen sage ich ja auch immer, sollen sich unsere Enkel in der Schule anstrengen", murmelte meine Oma. Nachdenklich nickte der Rentner jetzt und murmelte anschließend:„Ja, das ist wichtig. Aber wir können uns ja glücklich schätzen, dass sie alle so problemlos durch die Schule kommen. Nur bei Maja mache ich mir einige Sorgen, dass sie wieder in Mathe durchfällt. Sie war ja echt ein Desaster, was das angeht."
    Plötzlich ganz aufmerksam horchte ich auf, als mein Name -Maja - Gesprächsthema wurde. Immer noch den alten Füller in der Hand, spitzte ich meine Ohren, um die Worte von der Terrasse genau verfolgen zu können. Mit meinen Hausaufgaben in Deutsch war ich dort immer noch nicht weitergekommen. Ich war zu abgelenkt durch dieses eintönige Gespräch meiner Großeltern, welches nun ein Gesicht annehmen wollte.

    „Aber Maja hat sich sehr verbessert. Sie ist nun eine wirklich gute Schülerin geworden", gab die Frau von sich. Doch ihr Mann warf ein:„Ja, aber das wäre nie ohne Lukas' Hilfe etwas geworden. Ohne ihn wäre Maja immer noch so schlecht! Aber man muss sagen, Lukas lernt wirklich immer sehr schön mit ihr! In dem Sinne kann Maja sich also wirklich glücklich schätzen, ihren großen Bruder zu haben."

    Lukas - Das war mein anderer großer Bruder. Auch er war schon mit der Schule fertig, arbeitete jedoch bei einer eher unbekannten Firma, welche für alte Leute wie meine Großeltern, nicht von Bedeutung war. Allerdings war er gut in Mathe und half mir, die ja laut ihrer eigenen Familie eine komplette Versagerin in diesem Fach war, oft beim Lernen. Der Zweitälteste war ein eher dicker, junger Mann, welcher zwar nicht hässlich war, aber durch seine Figur nicht ganz dem Schönheitsideal seiner Großeltern entsprach. Doch Lukas hatte definitiv noch einen anderen Ruf als seine Figur, welche bei Männern ja auch nicht so wichtig war: Er war ein unfassbar ruhiger und entspannter Mensch. Geduld war sein zweiter Vorname. Er ließ sich wirklich durch nichts aus der Ruhe bringen und schien eher wie der Fels in der Brandung. Das war etwas, das zum Beispiel meine Mutter sehr schätzte. Diese war nämlich das komplette Gegenteil. Sie fing bei jeder Kleinigkeit an, zu weinen und war immer gleich beleidigt, wenn man nur ein falsches Wort sagte. Gestresst war sie so gut wie immer uns sie benutzte gerne mal das ein oder andere Schimpfwort. Lukas hingegen war ausgeglichener als die Ausgeglichenheit selbst und im Normalfall war er auch sehr friedlich. Im Gegensatz zu Henrik war er auch tatsächlich sehr tüchtig. Denn, wenn man dem Ältesten etwas sagte, tat er das meist nicht. Er wartete immer nur darauf, dass es ein anderer tat, während Lukas einfach handelte und sich nicht beschwerte.

    Vollkommen gedankenverloren starrte ich an die kahle Wand, weiterhin den Worten des alten Ehepaars lauschend, zu neugierig, um das Gespräch über mich einfach auszublenden.
    Doch plötzlich öffnete sich die Tür und ich fuhr erschrocken zusammen, als Lukas' tiefe Stimme spöttisch ertönte:„Was machst du da? Ist an-die-Wand-starren das neue Hausaufgaben-machen?“ Immer noch erschrocken über sein plötzliches Auftauchen, aber gleichzeitig etwas verärgert über seine Bemerkung murrte ich:„Nein, ich hab nur bei Oma und Opa zuhören wollen. Ich war abgelenkt...“ Langsam nickend brummte der Zweitälteste:„Ah ja. Und was sagen sie?“ Verunsichert, aber dennoch mit fester Stimme murmelte ich:„Naja, alles Mögliche...“
    Ich wollte meinem Bruder nicht sagen, dass sie über mich und ebenso über ihn redeten. Mich machte es wütend, dass Lukas das Lob für meine gute Noten bekam. Sicher, er half mir stets und dafür war ich ihm auch dankbar, doch es loderte stets dieser Zorn in mir, dass es scheinbar vollkommen Lukas Verdienst war, dass ich gute Noten schrieb. Zumal ich ja in allen Fächern gute Noten schrieb und er mir nur in Mathe half. Doch das Lob blieb trotzdem an meinem Bruder hängen und nicht an mir. Daran wollte ich mich selbst nicht erinnern, also sagte ich einfach nicht wirklich weiter etwas dazu.
    Mit hochgezogener Augenbraue fragte ich nur in einem beinahe vorwurfsvollem Ton:„Was möchtest du hier noch? Mich nerven?“ Ruhig erwiderte der Ältere:„Nein, ich bin auch eigentlich gekommen, um dir zu sagen, dass du den Biomüll wegbringen sollst.“ Lustlos brummte ich:„Warum muss ich das machen und nicht du oder Marie?“ Unbeeindruckt erklärte mein Bruder:„Ich habe schon das Papier kleingerissen und Marie macht Hausaufgaben.“ Demotiviert warf ich den Kopf in den Nacken und beschwerte mich abermals:„Ich mache auch Hausaufgaben, falls du das noch nicht bemerkt hast und außerdem habe ich gestern schon die Spülmaschine ausgeräumt! Nur, weil Marie jünger ist, muss sie wieder nichts machen. Das ist ungerecht!“ Unmutig seufzte Lukas:„Mach es einfach, Maja. Es wird dich wohl nicht umbringen!“
    Mürrisch erhob ich mich und murmelte noch leise und eher zu mir selbst:„Ja und wenn doch, juckt es euch wahrscheinlich auch nicht!“ Dies hörte mein Bruder jedoch nicht, während ich in die Küche trottete, um den Biomüll herauszubringen.

    In der Küche hockten meine Mutter und meine kleine Schwester, Marie, am Tisch. Mama las Zeitung, während Marie, welche zu dem Zeitpunkt in der vierten Klasse war, während ich schon in der neunten, einige Matheaufgaben rechnete. Beide beachteten mich nicht eines Blickes, während ich schlecht gelaunt zum Mülleimer trottete, um diesen auszuleeren. Dann muckte sich meine Mutter auch endlich und belehrte mich:„Den Müllbeutel wirfst du in den Restmüll und...“ Weiter kam sie nicht, den ich fiel ihr etwas genervt ins Wort:„Jaja, weiß ich. Ich mache das schon seit bestimmt 10 Jahren, also brauchst du mir das nicht noch einmal erklären!“ Sofort wieder schnippisch fragte meine Mutter:„Ja, ich seh schon, du hast wieder ne Sau-Laune und jetzt bin ich wieder Schuld oder was?“ Seufzend brummte ich:„Nein, das habe ich doch gar nicht gesagt! Ich...“ Dann brach ich den Satz ab, da ich den vorwurfsvollen Blick meiner Mutter sah und gab nach.
    Still lief ich dann einfach nach draußen, brachte den Müll ordentlich an seinen Platz und philosophierte in der Zeit etwas vor mich hin.
    Mich störte es, dass meine Mutter so schnell beleidigt war und mir dann immer ein schlechtes Gewissen einredete. Dabei war sie es, die meiner Meinung nach ein schlechtes Gewissen haben sollte. Oft zog sie meine Geschwister mich vor, was die Verteilung der Arbeit im Haushalt anging und auch sonst sprach meine Mutter nicht wirklich selten so über mich als wäre ich nur eine Last auf ihren Schultern. Manchmal, wenn sie wirklich sehr gestresst und frustriert war, fing sie an zu weinen und schrie durchs ganze Haus:„Im nächsten Leben werde ich Single!“ Und solche Bemerkungen äußerte sie gerne mal.
    Tatsächlich glaube ich nicht, dass sie das wirklich ernst meint. Nein, ich weiß auch, dass sie so etwas nur aus ihren Gefühlen heraus sagt, aber treffen tut es einen natürlich trotzdem.

    In meinem Kopf sprach ich mir erneut vor, was meine Mutter zu mir sagte - Dass ich schon wieder eine Sau-Laune habe und ihr für alles die Schuld geben würde. Je öfter sich dieser Satz in meinem Kopf wiederholte, umso wütender machte er mich. Ganz im ernst, sie weiß ja noch nicht mal, warum ich so eine „Sau-Laune“ habe! Sie meint, es läge einfach daran, dass ich etwas tun muss, aber nein, es liegt daran, dass sie ungerecht ist! Sie bevorzugt meine Geschwister manchmal total und das merkt sie noch nicht einmal! Sie denkt, sie würde uns alle gleich behandeln und wüsste immer über uns alle bescheid, aber das tut sie überhaupt nicht und stattdessen gibt sie MIR die Schuld! Tief atmete ich einmal ein, um mich zu beruhigen. Ich wollte nicht wütend sein. Weder auf meine Geschwister, noch auf die Arbeit im Haushalt und ebenso wenig auf meine Mutter oder überhaupt mein ganzes Leben. Ich liebte meine Familie - mehr als alles andere auf der Welt. Ich wollte sie nicht dafür verurteilen, dass sie mich nicht immer gerecht behandelt hatten. Wer konnte denn schon immer gerecht sein und jeden vollkommen gleich behandeln? Ich wollte meine Familie für nichts in den Dreck kehren, für das sie möglicherweise gar keine Verantwortung trugen. Ich meine, für meine Gefühle hatten sie großteils schon die Verantwortung und ebenso für den Schmerz, den sie mir so oft bereitet hatten, doch dazu will ich später kommen.
    Vorerst möchte ich bei dem Fakt bleiben, dass ich meine Familie wirklich sehr liebte! Denn das tat ich wirklich, doch im Nachhinein frage ich mich, ob das vielleicht letzten Endes der wahre Grund für meinen Schmerz war...

    2
    Schweigend und gähnend füllte die Dunkelheit der Nacht die Erde. Die letzten Sterne funkelten noch an dem Himmel, doch verließen den Horizont schon wieder langsam, um weiterzuziehen. Stattdessen ging die Sonne so langsam auf und tauchte die Wolken in ein rosa Licht, sodass sie aussahen wie Zuckerwatte.
    Ich hingegen saß im Bus, schweigend, nahezu alleine und auf dem Weg zur Schule. Die Müdigkeit stand mir noch immer ins Gesicht geschrieben und es fiel mir schwer, meine ausdruckslos in die Gegend gaffenden Augen offenzuhalten.
    Quietschend hielt das öffentliche Verkehrsmittel an einer nahezu leeren Bushaltestelle. Ein Mädchen in etwa meinem Alter stieg ein und trottete, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, an mir vorbei und stolzierte geradewegs auf das blonde Mädchen, welches recht weit hinten im Bus saß, zu. Neben ihr ließ sich das Mädchen, welches ebenso wie die Blondine, meine Klassenkameradin war, nieder und fing sofort an, mit ihrer Freundin zu quasseln. Ich hingegen hockte gähnend auf meinem einsamen Platz vorne und starrte weiterhin in den Himmel, mich daran erinnernd, dass meine Mutter mir stets erzählte, die Engel backen Plätzchen, wenn der Himmel so rosa-orange war. Ein Lächeln huschte dabei über mein Gesicht, während es mich überhaupt nicht störte, dass meine Klassenkameradinnen sich nicht zu mir gesetzt hatten. Die beiden Mädels waren nie meine Freunde gewesen, also interessierten sie mich auch nicht. Ganz im Gegenteil, sie hatten mich stets ausgeschlossen, was mich ehrlich gesagt auch nicht weiter juckte, wodurch sie für mich nichts weiter waren, als zwei bedeutungslose Mädchen in meinem Alter.
    Und während die zwei weiterhin angeregt hinter mir plauderten, träumte ich vor mich hin, darauf wartend, dass sich die Busfahrt endlich dem Ende neigte und ich endlich in das Klassenzimmer gehen konnte, wo sich auch teilweise etwas freundlichere Menschen aufhielten.

    Nach gefühlten Ewigkeiten hielt der Bus knartschend an der Schule und ich stieg möglichst schnell aus, um mich zur Klasse zu begeben. Dazu musste ich jedoch die vollen Gänge der Schule durchqueren, in denen es nur so vor anderen Schülern wimmelte. Ehrlich gesagt, ich hasste es, die Flure entlangzugehen. Alle Menschen starrten einen an, warfen einem seltsame Blicke zu und gackerten ganz unbeschwert, während ich mich vollkommen alleine fühlte. Schließlich lief ich dort ja auch ohne Begleitung lang. Sie müssen denken, ich hätte keine Freunde... Ich hasse es, dass sie so starren. Können die nicht woanders hingeiern? Was ist denn an mir schon so interessant, dass man mich die ganze Zeit mit seinem durchbohrenden Blick verfolgen muss?
    Innerlich seufzte ich schwer, wollte mich jedoch schnell dieser Qual entziehen und ging etwas schneller, bis ich bei meinem Klassenraum angekommen war. Schnell hing ich nur meine Jacke auf und betrat den Raum anschließend.

    Buntes Treiben herrschte in dem großen Raum, welcher mich direkt an Langeweile und Kopfschmerzen erinnerte. Meine Mitschüler standen verteilt an den ganzen Tischen, sich miteinander unterhaltend und gleichzeitig lachend. Die zwei Mädchen aus dem Bus waren auch schon da, was mich stets wunderte, da sie doch eigentlich mit mir kamen. Und doch waren sie immer eher da als ich, so als könnten sie sich teleportieren oder so.
    Die zwei Zicken aus dem Bus standen bei einem weiteren blonden Mädchen meiner Klasse. Diese war bekannt als die beliebte, hübsche. Sie war so etwas wie das Zentrum unserer Klasse. So gut wie jeder mochte sie und wollte mit ihr befreundet sein. Allerdings konnte ich dies nie ganz nachvollziehen. Abgesehen von ihren äußerlichen Stärken des guten Aussehens und den vielen Anhängern hatte sie nämlich auch viele Tücken - Egoismus, die blöde Angewohnheit, jeden runterzumachen und ein hinterhältiges Wesen. Sagen wir's so: Sympathisch war sie nicht!
    Und dennoch hatte sie Freunde wie Unkraut. Ich allerdings war nicht mit ihr befreundet. Erstens mochte ich ihr Wesen nicht, zweitens mochte sie mich nicht und drittens war ich eh viel zu stolz dazu, mit einer solchen Zicke befreundet zu sein. Ich ignorierte die „drei Zicken“, wie ich sie insgeheim nannte, immer nur und scherte mich lieber um meinen eigenen Kram als ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

    Ruhig ging ich zu meinen Platz, von nicht wirklich jemandem gesehen und holte schon einmal meinen Kram heraus. Völlig darin vertieft merkte ich nicht, wie das rothaarige Mädchen auf mich zukam. Somit erschrak ich etwas, als ich sie so plötzlich vor mir sah, fing jedoch schnell an zu lächeln und begrüßte das freundliche Mädchen:„Hallo, Pauline. Na, wie geht's, wie steht's?“ Grinsend erwiderte meine so ziemlich beste Freundin:„Bei mir ist alles in Butter und bei dir?“ Schulterzuckend sprach ich:„Joa, so wie immer, ne?“ Langsam nickte meine Freundin daraufhin und unterhielt sich dann noch etwas mit mir.
    Auf einmal beendete sie mittendrin ihren Satz, während sie sprach und schaute zur Tür. Durch diese kam in genau dem Augenblick ein asiatisches Mädchen herein, welche direkt grinsend auf uns zukam. Gut gelaunt rief sie:„Moin, Leuteeee!“ Ungebremst stürmte Pauline direkt auf die Vietnamesin zu und laberte sie voll. Leise seufzte ich daraufhin, wissend, dass MEINE beste Freundin gerade zu IHRER besten Freundin abgehauen war. Schweigend stand ich einfach bon meinem Platz auf und gesellte mich zu den zweien dazu. Die Schwarzhaarige bemerkte mich und begrüßte mich schnell. Ich lächelte nur etwas hastig und nicht wirklich ehrlich:„Hi, Hanhh.“ Das wirklich eher klein geratene Mädchen lächelte schnell, wandte sich jedoch schnell wieder Pauline zu und redete wieder mit ihr. Ich hingegen stand eher teilnahmslos daneben und hoffte tatsächlich, dass der Lehrer reinkam und der Unterricht begann, damit sich die zwei Freundinnen nicht weiter unterhalten konnten und ich nicht so allein danebenstand. Ich meine, ich hatte nichts gegen Hanhh, durchaus nicht. Auch ich war gut mit ihr befreundet und verstand mich super mit der Vietnamesin. Das Problem war nur, dass sie sich eben noch einen Tacken besser mit MEINER besten Freundin, Pauline, verstand. Somit war ich für die Rothaarige dann auch nur wieder Luft. Andererseits störte es mich auch gar nicht wirklich. Ich war es nicht anders gewohnt. Ich bezeichnete Pauline als meine beste Freundin, doch ihre beste Freundin war Hanhh. So recht sah mich niemand als seine beste Freundin. Ich war immer die zweite Wahl. Doch ich kannte das bereits und es war nicht mehr so schlimm für mich...

    Tatsächlich kam der Lehrer schon recht schnell und der Unterricht begann. Dabei versuchte ich dann, gut aufzupassen. Ich wollte gute Noten haben und dafür musste ich alles mitbekommen. Ich meine, ich war kein Streber, aber ich gehörte definitiv zu den besseren Schülern. Das war auch nicht immer so. Früher hatte ich mich kaum in der Schule angestrengt. Ich lernte nicht wirklich und passte auch nicht auf. Ich machte mir nicht wirklich viel aus Noten. Dennoch muss man sagen, war ich nie tatsächlich eine schlechte Schülerin. Nur in Mathe hatte ich eine Zeit lang schlechte Noten. Und damit entwickelte sich dann auch mein Ehrgeiz. Dazu werde ich jedoch später mehr sagen... Wichtig ist erstmal nur zu wissen, dass ich mich derbe in der Schule gebessert habe und nun wirklich viel darauf setzte, gute Noten zu haben. Warum genau, werde ich noch erklären.

    Laut und klirrend ertönte die nervige Schulklingel, allerdings zum Glück zum Ende der Schule. Erleichtert seufzend stand ich von dem alten Holzstuhl auf, welcher von mir schon richtig warmgesessen war. Und doch ließ ich ihn jetzt wieder kalt, um wie Tag ein, Tag aus zurück nach Hause zu fahren. Es war Freitag und somit zum Glück Wochenende. Ich sah, wie Pauline und Hanhh beisammen standen und sich unterhielten. Schnell eilte ich zu ihnen hinüber und fragte:„Hey. Wollen wir eigentlich dieses Wochenende etwas zusammen machen? Wir könnten bei uns übernachten.“ Die Rothaarige drehte sich entschuldigend zu mir und murmelte:„Tut mir leid, wir sind schon zusammen auf einer Feier mit Hanhhs Freund... Ich würde ja sagen, du kannst mitkommen, aber das geht schlecht. Ich kann ja nicht einfach für Hanhhs Freund Leute einladen...“ Auch die Vietnamesin schaute mich bedauernd an, doch ich ließ mir meine Enttäuschung nicht anmerken. Ich setzte nur ein Lächeln auf und winkte schnell ab:„Ach, schon in Ordnung. Dann machen wir nächstes Wochenende was. Oder wann immer ihr Zeit habt...“
    Somit verschwand ich dann auch schon direkt wieder, ohne eine Antwort abzuwarten und rief noch schnell:„Ich muss jetzt zum Bus, wir sehen uns dann!“

    Still wie immer hockte ich im Bus, auf der Fahrt zurück nach Hause. Neben mir in dem vollen Bus hockte ein junger Mann, welchen ich nicht kannte. Er schaute nur auf sein Handy, dem Chatverlauf zu urteilen mit seiner Freundin chattend. Kurz schaute ich nur auf das helle Display, welches von roten Herzen wie belagert war. Der junge Mann selbst lächelte glücklich. Dabei huschte auch mir ein schnelles Lächeln übers Gesicht. Ich mochte den Gedanken, dass sich zwei Menschen so sehr liebten und glücklich miteinander waren. Ich selbst hatte noch nie eine Beziehung, doch ich stellte es mir stets schön vor, in einer zu leben. Ich kannte von Hanhh, welche ja einen Freund hatte, dass es sehr glücklich sein musste. Und das war es, was ich mir für mein Leben wünschte - glücklich sein. Und ich stellte mir vor, dass ich diesen Zustand durch meine Familie erreichen konnte. Dadurch dass ich sie liebte und ebenso dachte ich, könne ich glücklich mit meinen Freunden sein. Aber dennoch quälte mich der Gedanke des Glücklich-Seins manchmal. Denn oft fühlte ich mich irgendwie gar nicht wirklich glücklich. Eher fühlte ich mich ausgeschlossen und wie das letzte Glied einer Reihe. Immerhin wurde ich oft von meinen Freunden für andere versetzt. Ich meine, ich kannte das schon und es war für mich kein Gefühl der Trauer mehr, wenn meine Freunde lieber etwas mit ihren anderen Freunden machten als mit mir. Ich wusste, dass ich auch so noch irgendwie glücklich sein konnte. Ich hatte ja Freunde und auch Familie hatte ich. Also hatte ich doch alles, was ich brauchte, oder nicht?

    Das leise Ticken der Uhr untermalte die gähnende Stille in der Küche. Nur noch das leise Vibrieren der Mikrowelle, welche gerade dafür sorgte, dass mein Essen, das schon seit einer Stunde auf dem Tisch gestanden hatte, wieder eine warme Temperatur erlangte, sorgte für einen Klang. Dann ertönte das schrille Piepsen der Maschine und ich öffnete sie, um mein nun warmes Mahl herauszunehmen und mich damit an den langen, aber leerstehenden Tisch zu setzen. Das gelbliche Licht der alten Glühbirnen unter der knarrenden Holzdecke deckten den ebenso hölzernen Tisch in ein trübes Licht und ließen es im sonst eher dunklen Raum irgendwie traurig und einsam wirken. Ruhig schaufelte ich mir das dampfende Essen in den Mund, während ich verträumt auf die leeren Plätze um mich herum schaute. Ich aß stets alleine, da ich immer erst später zuhause war als der Rest. Ich war die einzige von meinen Geschwistern, die es auf das eher weit entfernte Gymnasium geschafft hatte und kam daher immer erst eine Stunde später nach Hause als meine Geschwister. Meine Familie aß dann immer schon direkt zu Mittag, während ich dieses Mal dann eben erst eine Stunde später alleine nachholte. Manch einer würde sagen, es sei blöd, alleine zu essen. Nun... das fand ich zu Anfang auch. Niemand fragte einen, wie es in der Schule war, niemand unterhielt sich mit dir. Naja, es war schon irgendwie einsam, aber damit hatte ich mich schon lange damit abgefunden und mittlerweile war es einfach die Normalität für mich. So konnte ich immerhin in Ruhe essen und musste nicht so viel reden, dass mein Essen wieder kalt wurde.

    Lustlos schluckte ich den letzten Bissen herunter, bevor ich vom leeren Küchentisch aufstand und mein dreckiges Geschirr auf die Spüle brachte. Schnell schnappte ich mir dann wieder meinen Rucksack und stapfte durch das Wohnzimmer, um zu meinem eigenen Zimmer zu gelangen. Dort saß mein Opa auf dem schwarzen Ledersessel und las Zeitung. Als er mich erblickte, sah er auf und fragte, ohne mich zu begrüßen:„Habt ihr ne Arbeit geschrieben oder zurückbekommen?“ Monoton erwiderte ich:„Ja, wir haben die Englisch-Arbeit zurückbekommen, welche wir letzte Woche geschrieben haben.“ „Und?“ „Eine 2+“
    „Schön. Und was hat die Teresa?“ Augenrollend murmelte ich:„Was wohl? Eine 1 natürlich...“ Teresa war eine meiner Freundinnen. Sie war eine totale Streberin und schrieb wirklich IMMER Einsen. Dabei hatte sie weder eine Vorstellung, welchen Beruf sie einmal ausüben wollte, noch interessierten sich ihre Eltern sonderlich für ihre Noten. Teresa war einfach komplett ehrgeizig.
    Langsam nickte mein Opa und murmelte:„Wundert mich nicht. Naja, aber eine 2+ ist ja auch nicht so schlecht...“ Leise seufzte ich. Ja, als ob eine 2+ so schrecklich wäre... Natürlich geht es wieder nur darum, dass Teresa besser ist als ich...
    Ohne ein weiteres Wort begab ich mich in mein Zimmer, schmiss schnell meinen Kram dort hin und ging dann hoch, wo all meine Geschwister ihre Zimmer hatten und auch unsere Küche und Wohnzimmer waren. Aßen taten wir nämlich immer bei unseren Großeltern, welche direkt unter uns wohnten. Mein Zimmer war dabei als einziges noch auf der unteren Ebene. Erschöpft trampelte ich die Stufen hinauf, bis ich in unserem Wohnzimmer stand. Dort hockten meine jüngeren Geschwister wie Gehirnamputierte vor dem Fernseher und bemerkten meine Ankunft vorerst überhaupt nicht. Erst, als ich durch ein Räuspern auf mich aufmerksam machte, bemerkten sie mich. Meine Schwester Marie grinste mich an:„Wir haben heute die Deutsch-Arbeit wiederbekommen, für die du mir beim Lernen geholfen hast.“ Lächelnd hakte ich nach:„Ja und? Was hast du bekommen?“ Stolz erzählte meine hübsche Schwester, welche einige Jahre jünger war als ich:„Eine 2-! Opa hat mir dafür sogar 5€ gegeben!“ Schwach lächelte ich daraufhin und lobte sie:„Das ist doch wirklich gut, super!“ Insgeheim war ich in dem Moment zwar etwas sauer, weil Marie für ihre Note Geld bekommen hatte, obwohl meine sogar noch besser war und ich nicht. Doch eigentlich fand ich das nicht soo schlimm. Wo wäre ich, würde ich für jede gute Note Geld bekommen? Dann wäre ich vermutlich schon Millionärin. Immerhin schrieb ich seit fast 2 Jahren oder so gut wie nur noch Einsen und Zweien. Da konnte ich es meine Schwester nicht übelnehmen, dass sie für ihre Leistungen bezahlt wurde. Schließlich war sie sonst ja auch nicht gerade so ne Bombe in der Schule. Und doch war es schon irgendwie belastend, denn bei meiner Schwester wurde sich so gut wie nie über die Noten beschwert. Ich hingegen musste mir damals anhören, ich sei dumm und brauche Nachhilfe. Naja, aber ich redete mir ein, dass man mit den Älteren immer noch strenger war und dann aber später einsah, dass sie auch so ihren Weg schafften und es nichts brachte, die Kinder dafür zu beleidigen. Zumindest schien das mein Opa eingesehen zu haben. Der war es nämlich stets gewesen, der sich über meine Noten aufregte, meine Eltern selbst waren da eigentlich recht entspannt.

    Apropos meine Eltern, zu denen ging ich nun. Sie saßen in der Küche und tranken Kaffee. Etwas murrend begrüßte ich sie:„Hi, bin wieder von der Schule da.“ Statt einer vernünftigen Antwort bekam ich jedoch nur ein leises „Mh“ und schon schlürften beide wieder an der stinkenden, braunen Brühe. Ich hingegen setzte mich an den Tisch und fragte leise:„Und wie war die Arbeit?“ Sofort brummte meine Mutter:„Schon wieder richtig kacke. Nie werde ich für meine Arbeit gelobt! Und die Bezahlung ist auch scheiße. Heute musste ich zwei Stunden einfach da rumhocken!“ Mitleidig lächelte ich nur kurz, antwortete jedoch nicht konkret. Dann fragte mein Vater auch endlich halbherzig:„Und wie war die Schule?“ Stumpf erzählte ich:„Eigentlich wie immer. Hab ne 2+ in Englisch.“ Daraufhin horchte meine Mutter auf und meinte:„Gut. Aber hast du schon gehört, was Marie hat?“ Augenrollend murrte ich:„Ja, eine 2- in Deutsch.“ Grinsend schaute mich meine Mutter jetzt an und fragte enthusiastisch:„Ist das nicht geil? Sonst kommt Marie meistens mit einer 3- oder so in Deutsch nach Hause.“ Demotiviert nickte ich nur und murmelte monoton und beinahe etwas ironisch klingend:„Ja, super gut. Aber wir wollen ja nicht vergessen, dass ich ihr geholfen habe!“ Stolz schwafelte meine Mutter nur:„Ja, schon. Aber geschrieben hat Marie die Arbeit dennoch selbst!“ Etwas enttäuscht, dass ich nicht ein solches Lob bekam, nickte ich nur langsam und mit Blick auf die Tischplatte. Leise murmelte ich, während ich mich erhob:„Ja, sehr schön. Ich gehe dann mal Hausaufgaben machen...“
    Somit verschwand ich dann auch schon wieder in meinem Zimmer und schloss die Tür hinter mir. Seufzend ließ ich mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen und schaute zur kahlen Decke. War ja mal wieder klar, dass für mich kein Lob übrigbleibt! Marie ist mal wieder supergut und ich bin egal. Ach, was rede ich? Wahrscheinlich bilde ich mir das doch auch nur ein. Soll ich doch glücklich sein, dass meine Schwester Erfolg hat. Ich sollte nicht so eifersüchtig sein...

    Gähnend holte ich nun meine Schulsachen heraus, um die Hausaufgaben zu beginnen. Gerade hatte ich die Bücher auf dem Tisch, hörte ich von der Terrasse das Öffnen einer Tür. Kurz darauf ertönte die Stimme meines Opas:„Maja ist gerade von der Schule wieder da. Sie hat eine 2+ in Englisch geschrieben. Das ist doch schön, oder?“ Darauf erklang die Stimme meiner Oma:„Ja, das ist wirklich erfreulich. Und Marie hat auch so eine schöne Note!“ Zustimmend brummte mein Großvater kurz, bevor seine Frau weiterredete:„Maja ist wirklich eine gute Schülerin, das kann man nicht anders sagen. Mit den Noten könnte sie Ärztin werden!“ Ich hörte den alten Mann schwärmen:„Ja, Maja wird bestimmt mal was ganz Großes, was ganz Großes!“ Ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit, als ich das hörte. Allerdings schwand es schon bald wieder, als mein Opa hinzufügte:„Früher dachte ich immer, sie würde noch richtig absacken, aber das hat sich ja zum Glück wiederlegt. Ich meine, wo wäre sie wohl gelandet, wenn sie sich jetzt nicht mal anstrengen würde? Ihre Intelligenz ist ihre Stärke!“

    Ich weiß, viele hätten sich wahrscheinlich über dieses Lob gefreut. Doch ich konnte es nicht, denn ich sah es nicht als solches. Was ich in diesen Worten sah, war nur wieder eine Gegenüberstellung - „Intelligenz ist ihre Stärke, wo sie schon nicht mit ihrem Aussehen punkten kann!“
    Ich kenne meine Großeltern, ihr nicht. Und so weiß ich auch, dass es immer drei Kriterien gibt, nach denen bei ihnen Menschen bewertet werden: Geschlecht, Aussehen und Erfolg. Bist du männlich, bist du gleich in ihrer Achtung gestiegen. Siehst du gut aus, auch und bist du dann noch erfolgreich, bist du Krösus.
    Bist du aber eine Frau, sieht die Verteilung der Bewertungskriterien noch einmal ganz anders aus. In den Augen meiner Großeltern, vor allem in denen meines Opas, sind Frauen weniger wert als Männer. Sicher, mein Großvater kommt aus den alten Zeiten, wo Frauen noch eine andere Rolle trugen. Sie mussten kochen und den Haushalt schmeißen sowie sich um die Kinder kümmern. Dafür ist aber natürlich erstmal ein Mann erforderlich. Den allerdings bekommst du nur, wenn du hübsch bist! Intelligenz ist zwar ein netter Nebenfaktor bei einer Frau, aber wichtig ist er nicht. Alles, was für eine Frau bedeutsam ist, ist das Aussehen und dieses wird durch die Figur ausgesagt - so mein Opa. Tatsächlich konnte das Gesicht einer Frau für meinen Opa aussehen wie das eines Pferdes, solange sein Weib nur schlank war.
    Sein wir ehrlich... das war ich nie. Ich war nie wirklich schlank, sondern immer etwas moppelig. Ich war in meinen Augen auch nicht hässlich, doch für meinen Opa war ich es gerade dadurch sehr wohl. Als Kind durfte ich mir dafür dann auch immer Bemerkungen von meinen Großeltern anhören. „Maja, du bist zu dick, du musst abnehmen!“ „Hör auf, so viel zu essen! Du darfst nur noch eine Kartoffel zum Mittag essen!“ Sowas und vieles mehr waren die Worte, die sie für mich übrig hatten.
    Das war dann übrigens auch der Grund, warum ich mich in der Schule anstrengte. Ich wollte etwas in den Augen meiner Großeltern sein. Ich wollte, dass sie auch mich ansehen konnten und sagen konnten, dass sie stolz auf mich waren und ich etwas wert war. Durch mein Äußerliches konnte ich es nicht erreichen, also wurde mein Köpfchen zu meiner Stärke. Und seitdem haben auch die Bemerkungen etwas abgenommen - zum Glück...
    Naja, somit wäre jetzt ja auch geklärt, warum ich so gut in der Schule bin...

    3
    Schnell schrieb ich die letzten Wörter mit meinem kratzigen Füller, bevor ich die Hausaufgaben beendete. Danach lehnte ich mich zufrieden zurück und starrte müde an die Decke. Ich hörte noch die leisen Stimmen meiner Großeltern von der Terrasse, hörte jedoch nicht weiter ihren Worten zu. Stattdessen starrte ich an die Decke, wie so oft schon und dachte nach. Ich dachte über all das nach, was das Leben mit sich brachte und mir fiel auf, dass es irgendwie eine gewisse Eintönigkeit bot. Morgens stand man auf, ging zur Schule, langweilte sich dort für mehrere Stunden, fuhr zurück nach Hause, machte Hausaufgaben, lernte und ging dann eigentlich nur noch ins Bett. Es war immer alles gleich. Die selbe Stille in der Küche, wenn ich alleine das kalte Essen aß und das selbe Murmeln meiner Großeltern, was von draußen in meine Ohren drang. Die selben eintönigen Gespräche, die selben Leute, die selben Abläufe. Alles wiederholte sich. An der Stelle fragte ich mich tatsächlich: Bringt das Leben überhaupt etwas Anderes mit sich? Es ist doch immer das selbe... Tag ein, Tag aus... Wofür stehe ich überhaupt noch auf? Ich kenne die Abläufe doch...

    Müde stand ich dann von meinem Stuhl auf, nicht weiter nachdenken wollend. Ich dachte schon viel zu oft nach und wollte nicht auch noch mein ganzes Leben wegen so banalen Sachen hinterfragen.
    Ich entschloss mich dazu, zu meinen Geschwistern zu gehen. Zumindest zu den beiden kleineren. Henrik war immerhin noch nicht da und Lukas war noch auf der Arbeit. Lustlos kraxelte ich erneut die langen Stufen hoch, bis ich im Wohnzimmer angekommen war. Dort saß jedoch niemand, also schlenderte ich in Maries Zimmer. Kurz klopfte ich vorher an, betrat das Zimmer jedoch direkt. Auf dem Boden sah ich meine jüngere Schwester dann hocken, wie sie gerade etwas malte. Belustigt lächelte ich sie an und fragte:„Na, was machst du da?“ Sofort verdeckte das Mädchen den Zettel und motzte mich an:„Ich male, siehst du doch! Und jetzt geh raus!“ Neugierig wie ich war, ging ich jedoch nicht wieder heraus, sondern fragte, was sie denn male. Nachdem ich darauf jedoch keine Antwort bekam, ging ich einfach auf das hübsche Mädchen zu und entwendete ihr das Bild. Darauf waren zwei Menschen abgeblidet - ein Junge und ein Mädchen. Darüber war ein Herz gemalt und der Name „Jonas“ stand darauf.
    Belustigt zog ich meine Schwester auf:„Uhhh, Jonas? Ist das nicht der Junge aus deiner Klasse?“ Wütend riss Marie mir den Zettel wieder aus der Hand und fauchte:„Geh raus, Maja!“ Zwar noch leicht lächelnd, seufzte ich und sprach etwas genervt:„Ist ja gut, ich gehe schon...“

    Seufzend lief ich wieder in das Wohnzimmer, nachdem meine Anwesenheit bei Marie ja nicht gewünscht war. Durch das Wohnzimmer, lief ich auf die Küche zu. Dort erblickte ich meinen kleinen Bruder, wie er sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben wollte. Skeptisch fragte ich den Jungen laut:„Machst du dir schon wieder eine Pizza? Du isst fast jeden Abend eine, iss doch mal was Anderes!“ Davon wollte der Junge aber gar nichts wissen und haute mir nur mit seiner Faust auf den Arm und schrie mich an:„Ich möchte aber eine Pizza!“ Sofort schimpfte ich:„Gestern hast du die auch nicht aufgegessen! Und hauen brauchst du mich dafür auch nicht! Nein, jetzt bekommst du die Pizza ganz sicher nicht mehr! Los, her damit! Du kannst auch ne Scheibe Brot essen oder einen Apfel!“ Das jedoch machte den Jungen noch wütender und er fing an, zu brüllen und zu schreien, als ich die Pizza zurück in die Tiefkühlung bringen wollte. Wild schlug er um sich und traf dabei unter anderem direkt auf mein Auge, sodass ich es zusammenkneifen musste und meinen Bruder ankeifte, er solle aufhören, sich so anzustellen.
    Der Lärm zog natürlich sofort meinen Vater an, welcher gestresst schrie:„Was ist da los? Könnt ihr euch nicht einmal vertragen?“ Augenblicklich verteidigte ich mich und versuchte gleichzeitig die Situation zu erklären:„Lennart will sich schon wieder eine Pizza machen, obwohl er die gestern gar nicht aufgegessen hat und dann hat er mich einfach geschlagen, also wollte ich ihm die Pizza wegnehmen.“ Mit grimmigem Blick kam unser Vater auf uns zu und murrte:„Lass den Jungen doch! Die Pizza geht ja wohl weg und die Erziehung überlässt du immer noch mir!“ Fassungslos erwiderte ich brummend:„Was für eine Erziehung? Du bist total inkonsequent! Lennart kann mich doch nicht einfach schlagen! Nur, damit du deine Ruhe hast, erlaubst du ihm alles! Immer bekommt er seinen Willen, egal wie daneben er sich benimmt! Das ist total ungerecht!“ Wütend konterte mein Vater:„Lennart macht sich total! Überleg doch mal, wie schwierig er früher war! Da kann man ihm doch mal etwas erlauben und außerdem brauchst du nicht so egoistisch zu sein!“ Entrüstet brüllte ich:„Ich bin hier egoistisch? Lennart würde mir nicht mal EIN Stück seiner beschissenen Pizza abgeben, obwohl er sie sowieso nicht aufisst und außerdem benimmt er sich immer noch wie der letzte Penner! Vielleicht mag er sich gebessert haben, aber er kann sich dennoch nicht benehmen! Das ist kein Grund, ihm jetzt alles zu erlauben!“ Darauf erwiderte mein Vater nur:„Maja, geh auf dein Zimmer!“ Zornig fragte ich:„Ach, und bei mir bist du jetzt „konsequent“ und schließt mich in mein Zimmer? Das ist vollkommen ungerecht!“

    Damit verließ ich die Küche, ging jedoch nicht in mein Zimmer, sondern aus dem Haus. Ich schnappte mir die Hundeleine und ging wütend mit unserem Hund auf einen Spaziergang. Ich wollte einfach weg aus diesem Haus. Ich wusste, dass ich recht hatte, was das mit der Pizza und so weiter anging, doch mein Vater ließ nicht mit sich reden. Das tat er nie. Er wollte einfach seine Ruhe haben und die bekam er, indem er Lennart alles erlaubte. Dabei scherte es ihn kein Stück, ob es inkonsequent, ungerecht oder einfach nur dumm war. Lennart war immer schon total schwierig gewesen und dennoch war er der liebste Sohn meines Vaters. Er meinte, ihn bevorzugen zu müssen, weil ich stets versuchte, Gerechtigkeit walten zu lassen. Da kam es dann eben bei vor, dass ich etwas barsch zu meinem kleinen Bruder war und ihn nicht gut leiden konnte. Aber das konnte ich sowieso nicht. Spätestens seit dann mochte ich den 8-jährigen nicht mehr, als er sich so daneben benahm und dann seinen Willen erlangte und ich vernachlässigt wurde. Und doch war ich auch daran gewöhnt. Es war keine Überraschung mehr für mich, dass mein Vater den ungezogenen Sohn lieber mochte als seine älteste Tochter. In mich s ah mein Vater das egoistische, ungerechte Mädchen, das immer nur schlecht gelaunt war.
    An der Stelle jedoch muss ich jedes Mal auf's Neue daran denken, wie blind mein Vater doch war. Warum war ich denn wohl immer so schlecht gelaunt? - Ganz einfach: Weil ich immer versetzt wurde, von ihm als auch dem ganzen Rest der Welt.

    Und nun lief ich traurig durch den Wald, mit unserem Hund an der Leine, mich darüber aufregend, wie ungerecht die Welt doch war. Wütend schaute ich auf den Boden, hätte weinen können, konnte es aber nicht. Ich war das schon so gewöhnt, dass es mich nicht mehr zum Weinen brachte. Es war für mich einfach nur noch Normalität. Ich konnte nicht die erste Wahl sein und das würde ich auch niemals sein. Ich war auch nie die erste Wahl gewesen. Alles, was ich war, war die unbeliebte Tochter im Haus. Ich meine, wer sah mich denn schon als das „beste“ Kind unter all meinen Geschwistern? Meine Großeltern sahen in mir das dicke, hässliche Mädchen, mein Vater sah nur den Egoismus und Neid in mir. Auch für meine Mutter war ich nicht die erste Wahl. Für sie war es Henrik - der Älteste. Auch für meine Geschwister war ich nie die erste Wahl. Henrik hatte Lukas und andersherum. Das selbe galt für Marie und Lennart. Ich war eben das Mittelkind. Das Kind, welches ausgeschlossen war aus den familiären Freundschaften. Immerhin war ich 5 Jahre von meinem älteren Bruder sowie meiner jüngeren Schwester entfernt. Sie jedoch hatten dann nur ein oder zwei Jahre Unterschied zwischen dem Nächsten in der Reihe. Ich stand also alleine da. Nicht nur bei meinen Geschwistern, sondern auch sonst überall.
    Im Nachhinein denke ich, war es das, was mich so zur Weißglut trieb - dass ich nie die erste Wahl gewesen war. Bei meinen Freunden nicht und ebenso nicht bei meiner Familie.
    Und auf einmal kam mir etwas in den Sinn. Ich dachte stets, mit meiner Familie und Freunden an meiner Seite, könnte ich glücklich sein. Aber reicht mir das? Ich meine, ich bin für sie nicht so wichtig, wie sie für mich... Ich kann nicht ohne sie leben, aber sie wahrscheinlich schon ohne mich. Kann ich wirklich glücklich sein, wenn ich weiß, dass mich sowieso niemand braucht? Ein verbittertes, gequältes Lächeln fand seinen Platz auf meinem Gesicht, doch weinen tat ich trotz aller Trauer nicht. Ich spürte Trauer, doch ich konnte sie nicht zum Ausdruck bringen. Ich konnte nicht weinen und plötzlich wurde mir klar, dass ich es nicht konnte, weil ich mit diesem Gefühl aufgewachsen war. Ich hatte nie etwas Anderes gespürt. Ich hatte nie etwas verloren. Wie sollte ich also über das weinen, was ich anders nicht kannte?
    Auf einmal fiel mir ein, wie oft ich früher geweint hatte. Damals traf es mich noch, wenn man mich als fett beleidigte und, wenn mich jemand anmotzte. Als Kind war es schlimm für mich, weil ich natürlich bemerkte, dass ich anders behandelt wurde als meine Geschwister. Aber jetzt wusste ich, dass es immer so war und es sich nicht ändern würde.

    Ich erinnerte mich auf einmal an eine andere Zeit. Ich erinnerte mich daran, wie es war, bevor Marie geboren war. Damals war ich noch das jüngste Kind und das einzige Mädchen gewesen. Meine Familie hatte kein anderes kleines Mädchen gehabt, sie hatten mich mit niemandem vergleichen können.
    Doch, als Marie dann zur Welt gekommen war, hatten sie auf einmal noch ein Mädchen. Ich war nichts Besonderes mehr gewesen und sie hatten so etwas wie eine bessere Version bekommen. Wofür sollte man dann also die alte noch so sehr lieben?
    Im Nachhinein denke ich, diese Zeit, als Marie zur Welt kam, war der Anfang der Zeit, in der ich zum Opfer der Familie wurde. Ab da fingen meine Großeltern an, mein Aussehen und meine Persönlichkeit zu kritisieren. Ich war nicht mehr das Nesthäkchen meiner Mutter gewesen und mein Vater bekam kurz darauf Lennart, welchen er zu beschützen müssen dachte. Er dachte wohl, dass Lennart derjenige sein würde, welcher ausgeschlossen wurde. Doch, was ihm wohl nicht auffiel, war, dass er durch sein Handeln ein anderes Kind ausschloss - mich.
    Damit meine ich nicht, dass meine Familie mich nicht liebte, sondern, dass sie mich einfach nur am wenigsten liebte. Sicher, es gibt immer ein Kind, das am wenigsten geliebt wird. Bei uns war es ich und das wurde mir in genau dem Moment aktiv klar. Aber ebenso war mir klar, dass ich es eigentlich schon immer wusste. Aber jetzt dachte ich wirklich aktiv darüber nach.
    Es zerbrach mir innerlich das Herz und ich erinnerte mich an mein altes Ich. Das Ich, das noch weinte und darüber nachdachte, wie es wohl war, einfach weg zu sein. Das Ich, das einfach nicht mehr da sein wollte, weil es die Worte seiner Familie nicht mehr ertrug. Doch das alte Ich dachte auch nicht weiter. Es dachte nur über die Worte nach. „Du bist zu dick, Maja. Du musst abnehmen. Du bist doch so ein hübsches Mädchen, aber du bist einfach zu dick! Du darfst nur noch eine Kartoffel essen! Deine Schwester ist schlank, warum kannst du es nicht auch sein? Du bist dümmer, als die Polizei erlaubt! Ich habe hier ein Medikament für dich, das verhindert, dass du Appetit verspürst. Du bist hässlich, nimm ab! Du bist das Opferkind der Familie!“ - Alles Worte, die ich mir anhören musste. Worte, die das 11-jährige Ich zum Weinen brachten und ihr für einen Moment den Wunsch gaben, einfach aufzugeben. Es waren Worte, die auch das Mädchen bildeten, was ich heute war - Das Mädchen, das darüber einfach nicht mehr weinen konnte, obwohl sie es sich insgeheim wünschte. Worte der Enttäuschung, die mir die Freude am Leben verboten...

    4
    Müde von dem ganzen Laufen stapfte ich zum Zwinger, brachte den gut gelaunten Hund hinein und trottete müde und niedergeschlagen zur Haustür. Lustlos öffnete ich sie, mit trockenem Blick auf den Boden. Er war dreckig und auf dem Teppich war Sand verteilt. Seufzend setzte ich meinen schmerzenden Fuß auf dem Teppich ab und schlenderte müde in mein Zimmer. Es war kalt und dunkel darin. Die Luft war frisch, da das Fenster die ganze Zeit offen gewesen war. Ich hatte ebenfalls mehrere Stunden draußen, in der Kälte verbracht, sodass meine Finger kalt waren und leicht zitterten. Meine Beine zitterten ebenso, weil ich eine wirklich lange Strecke gelaufen waren und mein Kopf schmerzte vom ganzen Nachdenken.
    Draußen war es bereits dunkel und es roch nach einer kühlen Nacht. Müde plumbste ich auf mein Bett und starrte an die Decke. Mein Blick verriet Ausdruckslosigkiet und vollkommene Leere. Eine wahre Emotion jedoch schien augenscheinlich nicht dahinterzustecken. Auch ich konnte die Emotion hinter diesem Blick nicht deuten. Ich wusste nicht, ob ich wütend, traurig, enttäuscht oder vielleicht einfach nur müde war. Ich wollte es auch gar nicht so genau wissen. Ich starrte nur an die Decke, über nichts nachdenken wollend und redete mir ein, dass es einfach nur ein schlechter Tag für mich gewesen war. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ich traurig war. Ich sagte mir selbst, dieses Denken sei vielleicht auch einfach nur ein Produkt der Zeit. Vielleicht waren all diese Gefühle auch nur Einbildung, eine Nebenwirkung der Pubertät oder so...

    Mehrere Minuten lag ich nun schon einfach dort, während ich die weiße Decke anstarrte und einfach an nichts dachte, als sich plötzlich die Tür öffnete. Herein trat ein junger Mann. Ein Mann, der eine erste Wahl darstellte - Henrik. Er schaute mich etwas verwirrt an und fragte stumpf:„Wo gaffst du denn hin? Oder schläfst du mit offenen Augen?“ Mit brummigem Blick schaute ich meinen ältesten Bruder an und murrte:„Nein, zufälligerweise nicht. Ich habe nur über etwas nachgedacht... Was willst du jetzt von mir?“ „Nichts. Ich habe dich nur noch nicht gesehen. Willst du denn gar nicht wissen, ob ich gut übergekommen bin?“ Kalt antwortete ich:„Nein, ich brauche es nicht fragen, weil ich es sehe.“ Leicht grinste mein Bruder jetzt und meinte:„Tja dann... Papa meinte, du würdest hier deine Zeit aussitzen und schmollen?“ Verärgert murrte ich:„Ich schmolle nicht! Ich liege einfach nur in meinem Bett und warte auf die Nacht, damit ich endlich pennen kann!“ Kopschüttelnd brummte der gutaussehende Bruder:„Tja, dann will ich dich mal nicht weiter stören, du beleidigte Leberwurst.“
    Damit verließ er mein Zimmer dann und ich schaute weiterhin an die Decke. Er bemerkt noch nicht einmal, dass ich mich schlecht fühle... Aber es interessiert ihn ja auch nicht. Es interessieren sich ja sowieso herzlich wenig Leute für mich. Aber ich will mich ja auch nicht beschweren. Das ist das Leben und das hat Höhen und Tiefen. Meines ist zwar schon seit Ewigkeiten eine Tiefe, aber naja... Das ist doch auch nur alles Einbildung...

    Der nächste Tag brach an und die Sonne stand bereits hoch über dem Horizont, während ich noch schlief. Allerdings warf das Licht helle Streifen in mein Zimmer und ließ mich aufwachen. Müde öffnete ich dann meine Augen und schaute schlaftrunken auf die Uhr - 11:21 Uhr. Demotiviert stand ich wankend auf und gähnte lang. Ich hatte kaum schlafen können, obwohl ich extrem müde gewesen war. Dennoch hatte ich nicht einschlafen können und hatte nun gerade mal 6 Stunden geschlafen. Eigentlich ärgerte ich mich darüber, da ich es fast schon als Zeitverschwendung sah, dass ich so lange geschlafen hatte. Wankend trottete ich nun also in die Küche, wo meine Eltern mit Lukas und Henrik saßen. Alle vier starrten mich an, als ich den Raum betrat und meine Mutter neckte mich:„Ah, Dornröschen ist auch endlich wach!“ Darauf antwortete ich nicht, sondern schlenderte einfach nur zu dem Geschirrschrank um mir eine Schüssel für Müsli herauszuholen. Allerdings schimpfte mein Vater direkt:„, Du brauchst jetzt nichts mehr frühstücken, wir haben gleich schon Mittag!“ Sauer stellte ich die Schüssel also wieder zurück und ging erneut in mein Zimmer, da mir die Kraft dazu fehlte, mich mit meiner Familie zu unterhalten und mir anhören zu müssen, dass ich zu lange schlafe und nichts essen soll.
    In meinem Zimmer angekommen zückte ich mein Handy und schrieb kurzerhand eine weitere Freundin und gleichzeitig Nachbarin, Frieda, an. Hi. Heute Lust, etwas zu machen?
    Schon nach einigen Minuten kam die Antwort. Hi. Ja, klar. Wollen wir uns bei mir treffen? Wir können ja auch übernachten, wenn du darfst. Schnell schrieb ich, dass das eine gute Idee sei und schlörte mich erneut die Treppen hoch, um meine Eltern zu fragen, ob ich bei Frieda übernachten dürfe.
    Meine Mutter zuckte mit den Schultern:„Ja, soll mir egal sein.“ Ein schnelles „Danke“ brummte ich noch vor mich hin, bevor ich wieder in mein Zimmer verschwand, um Frieda zu antworten. Meine Nachbarin antwortete nur noch mit einem Daumen hoch, woraufhin ich dann erstmal unter die Dusche sprang.

    Sobald ich aus dieser heraus war, gab es dann Mittagessen. Das war dann auch das einzige Mahl in der ganzen Woche, welches ich mit meiner ganzen Familie zu mir nahm. Normalerweise freute ich mich immer darauf, aber heute irgendwie überhaupt nicht. Dieses Mal war es für mich eine Qual. Lennart benahm sich wieder total daneben, alle redeten durcheinander und ich saß einfach nur teilnahmslos da, während ich lustlos in meinem Essen stocherte. Ich bekam nur zwischendurch ein Gespräch zwischen meinem Opa und Henrik mit, in welchem es darum ging, wie toll es doch sei, was mein ältester Bruder machte. Insgeheim schickte ich in dem Moment ein kleines Gebet in den Himmel, dass das Essen einfach schnell enden würde und ich einfach wieder in mein Zimmer konnte.

    Endlich war das gemeinsame Mittagessen beendet und ich konnte endlich wieder in mein kaltes, einsames Zimmer abhauen. Dort saß ich meine Zeit ab, bis es soweit war, dass ich zu Frieda konnte.
    Als ich dann lange genug dort gesessen hatte, ohne etwas zu machen, packte ich meine Sachen und ging los. Ich musste nicht weit laufen, da Frieda nur etwa 200 m von mir entfernt wohnte.
    Als ich dann endlich dort angekommen war, klingelte ich und wartete darauf, dass mir aufgemacht wurde. Das wurde es auch schon nach einiger Zeit und zwar von einem relativ großem Mädchen mit dunklen Haaren, welche ihr ungefähr bis zur Brust reichten und sie hatte dunkle Augen, welche jedoch stets freundlich in die Gegend blickten - Das war Frieda. Sie begrüßte mich lächelnd und ließ mich direkt herein. Gemeinsam gingen wir in ihr Zimmer, in welchem auch ihre jüngere Schwester, Ronja, hockte. Sie war nur zwei Jahre jünger als wir, also verstanden wir uns ganz gut mit ihr. Sie grinste mich an und freute sich:„Moin, moin, meine Leute!“ Ich lächelte zurück, auch, wenn mir nicht nach Lächeln war und ich begrüßte das jüngste Mädchen:„Hi. Na, was geht?“ Gut gelaunt erwiderte das Kind:„Ach, alles wie immer. Bei dir so?“ Schnell nuschelte ich nur:„Ja, alles gut...“

    Der Tag verging recht schnell und wir hatten eigentlich relativ viel Spaß. Die zwei konnten mich gut ablenken. Doch der Abend rückte näher und wir alle wurden etwas ruhiger. Damit kamen auch all die Gedanken wieder und ich schaute ausdruckslos in die Dunkelheit, während wir alle schon auf unseren Matratzen lagen. Ronja erzählte gerade von ihrem Lehrer, welchen sie nicht leiden konnte, doch ich hörte gar nicht wirklich zu. Als die Jüngere ihre Erzählung beendete, fragte sie mich:„Schon eingeschlafen? Du sprichst so wenig.“ Verträumt schüttelte ich nur den Kopf, nicht realisierend, dass das Mädchen es in der Dunkelheit nicht sehen konnte und fragte plötzlich:„Werdet ihr oft miteinander verglichen?“ Etwas verwirrt murmelte Frieda:„Ja. Wieso? Wurdest du mit deinen Geschwistern verglichen?“ Belustigt schnaubte ich spöttisch:„Ja, das werde ich immer.“ Neugierig fragte Ronja:„Und in wiefern? Was sagen sie denn so?“ Leise fing ich an:„Naja, sie sagen Unterschiedliches. Alles, was ich von jedem höre, ist, dass meine Geschwister besser sind als ich. Wisst ihr, jeder hat irgendwie sein Image in der Familie. Meines ist, dass ich zu dick bin...“
    Vollkommen in der Müdigkeit versunken erzählte ich den zweien davon, was meine Familie immer zu mir gesagt hatte und wie sehr mich das eigentlich verletzte.
    Das war seltsam für mich, weil ich eigentlich nie meine Gedanken und Gefühle preisgab. Doch ich wusste, dass ich dies alles erzählte, weil ich hoffte, sie können mich verstehen und würden mich eventuell auch trösten. Es war Jahre her, dass mich jemand in den Arm genommen hatte und ich erhoffte mir, dass ich dieses Mal vielleicht wieder eine Umarmung bekommen konnte, so wie ich sie das letzte Mal als kleines Mädchen von der alten Nachbars-Oma bekommen hatte, nachdem ich mich auf den Pinsel gelegt hatte.
    Doch ich wurde enttäuscht... Ronja fing nur an zu lachen:„Jo, was erzählst du uns denn deine ganze Lebensgeschichte?“ Vollkommen dadurch verunsichert zuckte ich mit den Schultern und murmelte:„Ich weiß nicht. Es ist einfach das, was passiert ist. Daran musste ich gerade denken...“ Auch Frieda schenkte mir kein Mitleid, sondern sprach einfach nur stumpf:„Ja, Menschen sind schon doof. Ist einfach so. Dann würde ich denen manchmal am liebsten ins Gesicht hauen und das war's.“
    Ich dachte immer, ich würde einfach nicht zulassen, dass mir jemand hilft, weil ich ihnen nicht erzähle, wie ich mich fühle, aber jetzt weiß ich, dass man mir auch gar nicht helfen will. Ich bin ihnen egal...

    5
    Tage vergingen seitdem und ich fühlte mich nicht besser. Ich hatte die ganze Zeit das selbe Gefühl von Müdigkeit und Trauer, doch es blieb weiterhin so bestehen, dass ich einfach nicht weinen konnte. Es war ein schreckliches Gefühl, doch auch das wurde zur Normalität und ich scherte mich nicht weiter drum. Ich verdrängte dass alles einfach, indem ich weiterhin lächelte und mit niemandem darüber sprach. Ich traf mich nicht einmal mehr gerne mit meinen Freunden. Alles, was mir jetzt noch Freude bereitete, war, mit dem Hund Kilometer weit spazieren zu gehen und den Rest der Welt auszublenden.
    So langsam kam ich auch meinem Geburtstag näher. Normalerweise freute ich mich immer darauf und irgendwie tat ich es auch jetzt, aber andererseits hatte ich Angst davor, wieder ein Jahr älter zu werden. Ich hatte Angst, dass dieser Tag nicht glücklich für mich sein würde, sondern mir auch nur Kummer bereiten würde. Ich hatte Angst, erneut enttäuscht zu werden. Aber doch versuchte ich, mich darauf freuen zu können und ich laberte Tage vorher all meine Freunde und meine Familie damit zu. Ich denke, ich wirkte überglücklich und nervig, was ich im Nachhinein lustig finde, weil dies eigentlich nur Verzweiflung und unausgesprochener Kummer waren.

    Gerade war ich in der Schule, ein Tag vor meinem Geburtstag und laberte Pauline und Hanhh damit zu, wie sehr ich mich schon auf meinen Geburtstag freue. Hanhh lächelte mich an:„Ich weiß ja eigentlich, wie alt du wirst, aber dein enthusiastisches Verhalten lässt mich gerade bezweifeln, ob du nicht vielleicht doch erst 5 wirst.“ Wie immer setzte ich ein Lächeln auf und meinte:„Wäre doch auch cool. Und außerdem, was ist so schlimm daran, sich zu freuen? Ist es etwa mittlerweile verboten?“ Pauline schüttelte den Kopf und meinte:„Nein, natürlich nicht. Wir finden es nur lustig, wie glücklich du bist.“
    Wenn ihr wüsstet... In dem Moment klingelte es plötzlich zum Schulschluss und ich rannte los, zum Bus, meinen Freunden noch hinterherrufend:„Wir sehen uns morgen!“

    Die Busfahrt war wie immer schweigsam und ich sah erneut den Mann im Bus, der vor Tagen mit seiner Freundin geschrieben hatte. Dieses Mal lächelte er jedoch nicht. Er schaute sehr bedrückt und an seinem Blick konnte ich sehen, dass er trauerte. Er hatte sein Handy fest in seiner Hand umschlossen, als sei es sein Schatz und, als er es anmachte, sah ich, dass er einen neuen Hintergrund hatte. Das letzte Mal war es ein Bild von seiner Freundin und ihm, beide grinsend. Dieses Mal war es nur ein schwarzer Hintergrund. Der Mann ging auf seine Gallerie und öffnete ein Bild seiner Freundin. Als er dieses sah, rollte ihm eine Träne die Wange herunter und er machte das Handy wieder aus.
    In genau dem Moment musste ich in den nächsten Bus umsteigen, doch bevor ich das Verkehrsmittel verließ, tippte ich den Mann an, lächelte mitfühlend und murmelte, ohne, dass ich ihn kannte:„Es wird wieder besser werden, glaub mir. Am Ende wird sich alles wieder richten. Ich hoffe mit dir...“ Verdutzt schaute mich der Mann an, während ich direkt ausstieg und ihn dann auch nicht mehr sah. Ich stieg nur in den nächsten Bus ein und fuhr nach Hause.

    Dort angekommen aß ich schnell und rannte dann nach oben. Meine Mutter saß dort und ich trällerte vor mich hin:„Ich habe morgen Geburtstaaggg!“ Daraufhin schüttelte meine Mutter nur gestresst den Kopf und murrte:„Maja, ich weiß das. Du brauchst mich nicht die ganze Zeit damit zutexten!“ Ich gab nur ein schnelles „OK“ von mir und verschwand weiterhin lächelnd in mein Zimmer. Doch, sobald ich dort angekommen war, schwand dieses Lächeln. Was nützt es denn überhaupt so zu tun, als sei ich glücklich? Versuche ich ernsthaft, mir selbst einzureden, dass ich es bin? Wenn es wirklich so ist, habe ich mich geschnitten. Ich bin nicht glücklich...

    Nebel lag auf den Feldern des Morgens und ließ die Welt geheimnisvoll wirken. Die dichten Schwaden verschlungen alles, sodass man nichts Anderes mehr sehen konnte. Die graue Masse brachte jedoch auch eine gewisse Stille mit sich. Es war eine Stille, die einsam und verloren klang. Und dennoch schien sie nicht leer. Sie hatte ein Gesicht - Die Klänge der Natur verliehen der Stille ein Gesicht. Es war ein vertrautes Gesicht, das jedoch gleichzeitig so fremd und unbehaglich schien. Und dennoch mochte ich es.
    Ich lag jedoch noch in meinem Bett, früh morgens und schlief noch. Plötzlich ging das Licht in meinem kleinen, zugestellten Zimmer an und blendete mich. Ich hörte die Stimme meines Vaters:„Maja, steh auf! Du musst zur Schule!“ Müde schlug ich meine Augen auf, mit dem Wunsch, einfach wieder in den tiefen Schlaf zu verfallen, doch plötzlich erinnerte ich mich an etwas: Heute war mein Geburtstag!
    Sofort sprang ich auf, während mein Vater schon wieder weitergegangen war, um Marie und Lennart zu wecken. Schnell zog ich mich in der Zeit an, erwartend, dass in der Küche alle warteten, um mir zu gratulieren. So rannte ich aufgeregt hoch, in der Hoffnung und dem Glauben, dass dieser Tag endlich wieder ein fröhlicher sein würde. Ein Tag, an dem ich mich freute, da zu sein und ich mich einmal wie die erste Wahl fühlen konnte - denn das war alles, was ich je wollte.
    Vorfreudig ging ich um die Ecke, in die Küche und erblickte meine Mutter an der Spüle. Sie hatte den Rücken zu mir gewandt, also dachte ich, hätte sie mich nur noch nicht gesehen. Laut und gut gelaunt begrüßte ich sie:„Guten Morgen, Mama!“ Als Antwort bekam ich jedoch nur ein müdes „Morgen“ und nicht einmal einen Blick ins Gesicht. Das eigene Lächeln schwand mir dabei etwas aus dem Gesicht, doch dadurch wollte ich mir den Tag noch nicht versauen lassen. Statt weiter nur rumzustehen, entschloss ich mich also dazu, zu Marie zu gehen. Zu ihr hatte ich die beste Bindung in der Familie und auch sie hatte ich schon vorher mit meinem Geburtstag zugetextet. Marie erinnert sich bestimmt an meinen Geburtstag!
    Zwar nicht mehr so freudig wie anfangs, aber immer noch recht gut gelaunt, schlenderte ich in Maries Zimmer, öffnete die Tür und erblickte meine hübsche Schwester direkt vor ihrem Kleiderschrank. Ich grinste sie an:„Moin, Marieee!“ Etwas überrascht wegen meiner guten Laune schaute mich meine Schwester an, lächelte dann auch und erwiderte nur:„Hi, Maja. Gehst du bitte raus? Ich will mich jetzt anziehen.“ Enttäuscht nickte ich nur und verließ das Zimmer wieder, um mich zurück in die Küche zu begeben. Und sie hat sich doch nicht daran erinnert. Naja, was soll's?

    Zurück in der Küche packte ich schnell ein Butterbrot ein, schmiss mir meinen Rucksack über den Rücken und sagte meiner Familie „Tschüss“. Nicht einer von ihnen hatte sich an meinen Geburtstag erinnert. Meine Mutter rief:„Viel Spaß in der Schule!“ Leise bedankte ich mich und fügte etwas provokant hinzu:„Vielleicht erinnert sich da ja jemand an meinen Geburtstag...“ Mit diesen Worten verließ ich das Haus und wusste, dass meine Mutter diese Worte auch vernommen hatte, da ich ihren geschockten Blick sah. Ich konnte sehen, dass es ihr leid tat, dass sich niemand an meinen Geburtstag erinnert hatte.
    Ich wollte jedoch auch nicht noch eine Minute länger bleiben, damit man mir noch schnell gratulieren konnte, sondern ging einfach strikt zur Bushaltestelle, ohne noch einmal zurückzuschauen.

    Ich musste gerade mal eine Minute lang nur an der Bushaltestelle stehen, bis der Bus schon kam. Ich stieg ein, setzte mich hin und starrte wieder aus dem Fenster. In der Zeit dachte ich über das nach, was ich zu meiner Familie gesagt hatte, als ich ging. Ich möchte, dass sie wissen, dass sie es vergessen haben und das möchte ich ihnen auch richtig unter die Nase reiben! Ich habe keine Lust, dass sie sich jetzt einmal kurz bei mir entschuldigen und dann ist alles gut. Ich will, dass sie den ganzen Vormittag darüber nachdenken können und sie sich dann richtig schuldig fühlen. Ich möchte nicht immer die sein, die vergessen wird und, bei der es dann niemanden interessiert. Sie sollen sich die ganze Zeit, bis ich wieder da bin, daran erinnern, dass sie mich vergessen haben. Dann werden sie vielleicht auch mitbekommen, dass ich die letzte Wahl für sie bin. Denn sonst hätten sie mich ja auch nie vergessen. Vielleicht werden sie endlich einsehen, dass sie meine Geschwister lieber haben als mich und das soll ihnen leid tun!

    Der Bus hielt und ich stieg schweigend aus, aber immer noch aufgeregt. Pauline und Hanhh erinnern sich bestimmt an meinen Geburtstag. Schnell ging ich durch die vollen Flure, geradewegs auf unsere Klasse zu. Ich betrat den Raum und sah meine beiden Freunde bereits beisammen stehen. Schnellen Schrittes ging ich auf sie zu und grinste sie an:„Moin moin.“ Gleichzeitig drehten sich beide zu mir um und sahen mich an. Ich sah, dass Hanhh Tränen in den Augen hatte und Pauline zischte mir ärgerlich zu:„Nicht jetzt, Maja!“ Verdutzt taumelte ich einen Schritt zurück. Warum weinte Hanhh und warum machte mich Pauline so blöd an?
    Verunsichert ging ich einige Schritte von den beiden zurück und drehte mich zu Teresa, der Einser-Schülerin. Leise fragte ich sie, warum Hanhh weine, woraufhin sie mir schnell erzählte:„Ihr Freund hat sich gestern von ihr getrennt. Naja, er hat sie betrogen und sie hat's gesehen. Dann hat sie sich eigentlich von ihm getrennt, aber naja. Sie kommt eben nicht darüber hinweg, weißt du?“ Langsam nickte ich verstehend und ging leise zu meinem Platz, während mein Blick auf der weinenden Vietnamesin lag, welche gerade von meiner besten Freundin getröstet wurde. Ich weiß, das klingt egoistisch und fies, aber ehrlich gesagt geschieht es ihr fast schon recht... Jetzt weiß sie, wie es ist, die zweite Wahl oder schlechter zu sein. Vielleicht merkt sie jetzt, wie es mir geht. Aber wahrscheinlich auch nicht. Die Menschen merken doch eh alle nichts. Menschen sind egoistisch. Das sind sie alle. Da bin auch ich nicht besser. Vielleicht hatte mein Vater also ja auch recht damit, wenn er sagte, ich sei egoistisch und ungerecht...

    Der Unterricht begann und alle bemitleideten Hanhh. Dass ich Geburtstag hatte, fiel natürlich auch wieder komplett unter den Tisch. Aber ehrlich gesagt, war es mir jetzt auch egal. Was ist denn schon so besonders daran, wenn jemand einem alles Gute zum Geburtstag wünscht? Es sind doch auch alles nur leere Worte. Worte, die nur aus Höflichkeit gesagt werden, aber gar keine tiefere Bedeutung haben. Ganz im Ernst: Wer würde sich denn schon wirklich über diesen heutigen Tag freuen, abgesehen von mir? Wen würde es denn schon kümmern, wenn ich einfach nicht da wäre? Ich bin doch eh nicht die erste Wahl. Wen würde ich da schon interessieren? Ich wusste nicht genau, ob ich in diesem Moment eher Trauer oder Hass verspürte, aber mittlerweile denke ich sogar, dass es eher Hass war. Hass auf die Menschheit und Hass auf mich selbst. Hass, weil ich mich unbedeutsam fühlte und mir niemand das Gefühl geben wollte, etwas Besonderes zu sein.
    Andererseits bildete sich dabei nur noch eine größere Gleichgültigkeit. Warum hatte es mich überhaupt gewundert, dass mir niemand gratulierte?

    Die Schule endete und die ganze Zeit über hatte mir nicht eine Person gratuliert. Es hatte nicht mal einer wirklich mit mir geredet. Ich schien wie Luft. Pauline und Hanhh waren gefühlt alle fünf Minuten zum Bad gelaufen, um dort ne Runde zu heulen, beziehungsweise zu trösten und ich bin aus diesem Ganzen vollkommen ausgeschlossen geworden. Ich hatte nur teilnahmslos in einer Ecke des Schulhofs gestanden und gehofft, dass sich jemand finden würde, mit dem ich mich unterhalten konnte. Doch auch dies war vollkommen unverhofft.
    So saß ich nun erneut im Bus, meine Zeit absitzend, bis ich endlich zuhause war. Immerhin würde man mir gleich gratulieren, weil sie jetzt ja wissen, dass sie meinen Geburtstag vergessen haben. Aber wenn ich Pech habe, haben sie es noch ein zweites Mal vergessen. Ach, was soll's schon? Es ist wie es ist. Daran lässt sich nichts ändern.

    Ich kam zuhause an und ging direkt demotiviert in das Haus. Auf dem Küchentisch stand wie jeden Tag das einsame Essen, was mittlerweile schon wieder ganz kalt war und ein Teller. Träge schaufelte ich mir zwei Löffel des Mittagessens auf den Teller und schob diesen wiederum in die Mikrowelle. Einige Minuten wärmte ich meine Mahlzeit auf und aß sie dann wie gewohnt alleine. Als ich fertig war, brachte ich meinen Kram weg und ging durch das Wohnzimmer meiner Großeltern. Zu meiner Verwunderung saß mein Opa diesmal nicht in seinem schwarzen Ledersessel, Zeitung lesend. Seufzend schritt ich nur zu meinem Zimmer, warf meinen Rucksack ab und legte mich direkt in mein Bett, starrte die Decke an. Sollte es das wirklich sein? Dieser ewige Kreislauf, ohne Abzweigungen? Sollte so wirklich das Leben sein? So trostlos und einsam?
    Ich fühlte mich schlecht und ich realisierte, dass es sich nicht nach leben anfühlte. Eher fühlte es sich an wie eine endlose Leere. Ich mochte diese Leere nicht und entschloss mich dazu, etwas zu tun. Also stand ich auf und ging nach oben, in die Küche. Dort sollten sich meine Eltern befinden und, wenn ich Glück hatte, gratulierten sie mir zum Geburtstag.
    Langsam stapfte ich die Treppen hoch, bis ich im Wohnzimmer stand. Dann waren es nur noch wenige Schritte bis in die Küche. Als ich diese betrat, sah ich niemanden. Es war niemand dort. Verwirrt machte ich kehrt und ging in Maries Zimmer. Auch dort war niemand. Das selbe in Lennarts Zimmer. Überrascht, dass niemand da war, ging ich nun auf die Terrasse. Als ich diese betrat, wirkte plötzlich wieder alles wie immer. Meine Oma saß dort, in den Himmel starrend und mit einem Buch in der Hand. Ich lächelte die alte Frau an:„Hallo, Oma...“ Sofort schaute die Alte mich an und fing ebenfalls an, zu lächeln. Sie begrüßte mich:„Hallo, Maja. Alles Gute zum Geburtstag!“ Dankbar lächelte ich und murmelte:„Danke. Immerhin eine Person, die sich daran erinnert...“ Daraufhin lächelte meine Großmutter nur und sprach dann:„Magst du einmal nach hinten zu dem Pflaumenbaum gehen und mir einige Pflaumen pflücken? Ich komme dort nicht mehr so gut hin, wollte aber gerne einen Kuchen für dich backen.“ Schwach lächelte ich, irgendwie vollkommene Liebe zu dieser Frau spürend und nickte:„Ja, mache ich. Danke, Oma.“
    Damit lief ich dann los, auf den Pflaumenbaum zu. Meine Oma war ja wirklich nicht immer nett zu mir. Sie hat mir früher viel Kummer bereitet. Aber dennoch habe ich sie lieb. Sie hat sich immerhin noch an meinen Geburtstag erinnert...

    Ich ging gerade um die Ecke, um zu dem Pflaumenbaum zu gehen, als ich plötzlich meine gesamte Familie, abgesehen eben von meiner Oma, dort stehen sah. Sie sahen so aus als würden sie bereits auf mich warten und meine beiden jüngeren Geschwister trugen jeweils ein Geschenk in den Händen. Eine Überraschung! Überrascht schaute ich meine Familie an und plötzlich fingen alle an, zu singen. Sie sangen für mich und das fühlte sich gut an. Ich war ihnen wohl wichtig und auf einmal wurde mir etwas bewusst. Warum muss ich schon unbedingt die erste Wahl sein, wenn ich immerhin geliebt werde? Manchmal ist die Welt ungerecht, aber das macht sie nicht gleich hässlich. Das Leben ist immer noch schön. Sicher, ich hätte es lieber, würde ich die erste Wahl sein, bei immerhin einer Person, aber wo ist letztendlich der Sinn dahinter? Ich werde dennoch von meiner Familie geliebt. Das sollte ich niemals vergessen. Ja, wahrscheinlich werde ich morgen schon wieder genau so denken wie gestern. Aber jetzt denke ich richtig. Und ich möchte dieses Denken wenigstens heute beibehalten...
    Plötzlich rann mir eine Träne über die Wange. Es war die Träne, auf die ich lange gewartet hatte. Die Träne, die den Kummer endlich herausließ und es fühlte sich gut an, zu weinen.
    Enttäuschung, Kummer, Wut und all die schlechten Sachen sind ein Teil des Lebens, aber man sollte nie die guten Sachen des Lebens vergessen.

    Du wirst geliebt, vergiss das nie!

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