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Sieben Worte für ein Wunder - Albträume

Mein Beitrag für Sieben Worte für ein Wunder, September 2019. || Mohn | Haar | Biest | Villa | manipulieren | zurückhalten | wahnsinnig ||

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    Sieben Worte für ein Wunder – Albträume

    Mohn | Haar | Biest | Villa | manipulieren | zurückhalten | wahnsinnig

    Now there's a ghost in the back of this room
    And I don't like it
    I fall asleep with my covers pulled up
    And try to fight it
    I gotta say it's hard to be brave
    When you're alone in the dark
    I told myself that I wouldn't be scared
    But I'm still having nightmares



    Elena wurde von einem schrillen Schrei geweckt, der ihr durch Mark und Bein ging. Sie schoss aus ihrem Bett hoch, stieß die Tür auf, die in den weitläufigen Flur führte und rannte in die ungefähre Richtung des Geräuschs, mit nur einem Gedanken, der in ihrem Kopf Platz hatte: Julie.

    Ihre kleine Schwester wurde seit ihrer Geburt von Albträumen geplagt, die ihr solche Angst machten, dass sie sie mitten in der Nacht aufweckten, sie gellend aufschreien ließen, ohne, dass sie auch nur die Chance hatte, es zurückzuhalten, sie verrückt machten. Früher waren sie nachts regelmäßig alle um Julies Bett herum versammelt gewesen, hatten sie in ihren Armen gehalten, ihr Geschichten erzählt, ihr versprochen, dass das, was sie sah, nicht der Realität entsprach. Aber Julie war älter geworden in den letzten Jahren, und die Albträume waren seltener geworden. Elena wusste nicht ganz, ob ihre Schwester einen Weg gefunden hatte, sie zu unterdrücken, oder ob sie immer noch schweißgebadet aufwachte, sich jedoch dazu zwang, niemandem etwas davon zu erzählen. Sie hoffte auf ersteres. Es tat ihr immer körperlich weh, Julie so leiden zu sehen.

    Sie hetzte durch die endlos scheinenden Gänge und Flure der Villa, bis sie keuchend vor Julies Tür stand. Sie scherte sich nicht um das Anklopfen, auf das sie sonst so viel Wert legte, sondern stürmte einfach in den Raum, warf einen Blick auf das zerwühlte Bett und setzte sich dann vorsichtig neben das so zerbrechlich scheinende neunjährige Mädchen, deren blasse Haut im Dunkeln weiß wie Schnee wirkte und der Tränen in Strömen über das Gesicht liefen. .

    „Hey“, sagte Elena sanft.

    Julie wandte ihr das Gesicht zu, ihre Augen waren rot umrandet, ein verzweifelter Ausdruck lag in ihnen. „Geh wieder ins Bett.“

    Ihre Schwester lächelte leicht, reagierte jedoch sonst nicht darauf. „Hast du geträumt?“

    Julie drehte sich wieder zur Seite, sah starr die Wand an, und gerade, als Elena daran zweifelte, dass sie noch eine Antwort bekommen würde, ertönte ein leises: „Ja.“

    Elena legte die Arme um die Schultern des Mädchens, ließ sie ihr Gesicht in ihrer Schultern vergraben. „Es tut mir so, so leid.“

    „Mach, dass es aufhört. Bitte.“

    „Ich kann nicht.“

    Ein trockenes Schluchzen quoll aus Julie, als sie sich abrupt von Elena löste. „Dann geh.“

    „Nein.“

    Sie saßen dort eine Weile lang, stumm, nebeneinander, beide ihren eigenen Gedanken nachhängend, beide voller Kummer, bis Julie schließlich sagte: „Ich sehe, wie sie sterben.“

    Elena runzelte die Stirn und sah ihre Schwester an. „Wie wer stirbt?“

    Julie sah die Wand an. „Unsere Eltern.“

    Ein kalter Schauer lief Elenas Rücken hinab. „Es sind nur Träume.“

    „Es fühlt sich so real an.“

    „Ist es aber nicht.“

    Julie seufzte. „Ich weiß.“

    Ohne noch etwas zu sagen, zog Elena sie wieder an sich. „Es passiert nicht, okay? Ich passe auf dich auf.“



    „Miss Nye?“

    Elena sah von dem Buch auf, das sie gerade gelesen hatte. Zunächst war sie etwas verärgert, weil es gerade wirklich spannend gewesen war und sie es hasste, unterbrochen zu werden, nichtsdestotrotz warf sie ihrer Haushälterin ein freundliches Lächeln zu, welches eine leicht besorgte Note hatte, aufgrund des Gesichtsausdruckes, dem sie entgegenblickte. Es war eine Mischung aus bekümmert und ängstlich und das machte Elena nervös.

    „Geht es Ihnen gut?“, erkundigte sie sich.

    Die Haushälterin fuhr sich fahrig durch die Haare. „Würden Sie einmal bitte mitkommen, Miss Nye?“

    Elena runzelte die Stirn, klappte jedoch ihr Buch zu und stand auf.

    Sie folgte der älteren Dame durch allerlei Flure bis zur Haustür, in der zwei in schwarz gekleidete Männer standen, welche einen mitleidigen Blick aufgesetzt hatten. Einer der beiden trat nun auf Elena zu. „Sind Sie die älteste Tochter von Amelie und Lucas Nye?“

    Ihre Verwirrung wurde immer größer. „Die bin ich.“

    Der Mann nickte betrübt. „Wir müssen mit Ihnen sprechen und ich denke, es wäre am besten, wenn Ihre Schwester nicht dabei wäre.“

    Elena warf einen Blick zu Julie, die heftig den Kopf schüttelte und mit den Lippen die Worte „Schließ mich nicht aus“ formte.

    „Ich denke, es ist in Ordnung, wenn sie möchte, kann sie mithören.“

    Julie warf ihr ein dankbares Lächeln zu.

    „Ihre Entscheidung“, sagte der andere Mann, teils zu Elena, teils zu seinem Kollegen. „Ihre Eltern waren die vergangenen vier Tage nicht da, richtig?“

    Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus, machte sie wachsam. Auf einmal bemerkte sie viele kleine Dinge, die ihr vorher nicht aufgefallen waren: Mohnkrümel auf dem Boden, Staubflusen auf den Schränken. Sie bekam Angst. „Ja, mein Vater war aus geschäftlichen Gründen unterwegs und meine Mutter begleitet ihn manchmal, wieso?“

    Der Blick des linken Mannes wurde noch eine Spur mitleidiger. „Es tut uns wirklich leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Eltern auf dieser Reise verunglückt sind.“



    Julie hatte den Raum verlassen, sobald sie die Nachricht gehört hatte, während Elena aufgrund von wenigen Details und umso mehr Formalitäten noch bei den beiden Männern geblieben war, jetzt jedoch waren diese gegangen und sie stand erneut vor Julies Zimmertür, unsicher, ob sie eintreten sollte, eintreten durfte, unsicher, ob es normal war, dass sie nichts, nichts, nichts spürte, unsicher, ob sie ihrer Schwester jetzt entgegentreten konnte.

    Aber irgendwie war sie es ihr schuldig.

    Zaghaftes Klopfen an der Tür. Vorsichtiges Hineingehen, als keine Antwort ertönte.

    Es war beinahe genau dasselbe Bild wie das letzte Mal, dass Julie im Schlaf schrie und Elena zu ihr kam, versuchte, sie zu beruhigen, nur dass der Raum nun durch die Sonne hell erleuchtet war. Julie saß auf ihrem Bett, den Blick an die Wand, Tränen über ihr Gesicht strömend. Das schwarze Haar ein starker Kontrast zur weißen Haut. Die wunderschönen braunen Augen voller Verzweiflung.

    „Julie?“

    Sie drehte den Kopf zu Elena, die Tränen liefen weiter. „Es ist genau das, was ich geträumt habe, verstehst du, El?“

    Elena setzte sich neben ihre Schwester. „Dein Traum war nicht real, Julie. Egal, was passiert ist, das hängt nicht zusammen, okay?“

    Demonstrativ wendete sie ihren Kopf wieder zur Wand. „Ich dachte mir, dass du es nicht verstehst, aber du hast mir immer gesagt ‚mach dir keinen Kopf, Julie, das passiert nicht, das ist nur ein Traum‘. Aber es ist passiert. Sie sind über eine Straße gegangen und ein Auto ist direkt in sie reingefahren, oder? Das Auto war viel zu schnell, sie hatten keine Schuld, aber sie sind trotzdem gestorben, und der Fahrer lebt noch, sag mir ob das stimmt, El!“

    Elenas Gesicht war im Laufe von Julies Behauptungen immer weißer geworden. Ihre Hände umklammerten einander, auch ihre Knöchel liefen weiß an, sie hatte das Gefühl, ihr würde der Boden unter den Füßen weggezogen werden. „Julie-“

    „Stimmt es!“

    Sie seufzte. „Ja. Aber deine Träume und das-“

    Julie lachte trocken, viel zu ernst für ein Kind. „Sag mir nicht, dass das nicht zusammenhängt, wir wissen beide, dass das kein Zufall sein kann. Ich habe jahrelang davon geträumt, es wird eins zu eins wahr, das kann doch nicht normal sein!“

    Elena spürte, wie alle Kraft sie verließ. „Nein. Kann es nicht.“

    Ihre Schwester verbarg den Kopf in den Händen. „Da ist irgendwas in mir und es macht mich wahnsinnig, El. Das ist nicht normal, das muss irgendeinen Grund haben, da ist irgendein Biest in mir, mach dass es aufhört-“ Tränen tropften auf den Boden.

    Erneut saßen sie dort, eine unerträgliche, geladene, grauenvolle Stille zwischen ihnen und Elena fühlte nichts, nichts, nichts-

    „Vielleicht hören sie ja jetzt auf, jetzt, wo passiert ist, wovor sie dich war-“

    Sie biss sich auf die Lippe, aber das Unheil war bereits angerichtet. Julies Kopf fuhr in die Höhe, ihre Augen waren geweitet. „Eine Warnung. Oh mein Gott, El, es war eine Warnung und ich habe es einfach ignoriert, ich hätte es nutzen müssen, ich hätte-“

    „Hättest du nicht!“, fuhr Elena ihr harsch dazwischen. „Du konntest nichts tun, okay? Es war keine Warnung. Irgendwoher wusste dein Unterbewusstsein, dass es passiert, ja, vielleicht, aber du hättest es niemals ausnutzen können. Mach dir keine Vorwürfe.“

    Erneut ließ Julie ihren Kopf in ihre Hände sinken und ein herzzerreißendes Schluchzen drang aus ihr hervor.

    „Es ist nur dieses Gefühl, als wäre da etwas in mir, etwas, das die Kontrolle über mich hat, etwas, das mich jederzeit manipulieren könnte, etwas, das mich voll und ganz beherrscht.“



    Elena wurde von einem schrillen Schrei geweckt, der ihr durch Mark und Bein ging.

    Es war nicht vorbei. Es würde nie vorbei sein. Es war ein dummer Gedanke von ihr gewesen, dass Julie jetzt erlöst sein könnte.

    Sie stand auf, lief zur Tür, stieß sie auf, stürmte den Flur hinab, jeder Schritt hallte tausendfach wieder. Als sie an Julies Tür ankam, erwartete diese sie bereits, tränenüberströmend warf sie ihre Arme um ihre große Schwester, schluchzte in ihre Schulter, klammerte sich an ihr fest, brachte nur einen Satz heraus.

    „Nicht du auch noch …“

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    Zum Schreibwettbewerb: https://www.testedich.de/quiz44/quiz/1475077173/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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