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Geköpfte Tannen

Beitrag zu tordens Schreibwettbewerb:

https://www.testedich.de/quiz44/quiz/1502190192/Sieben-Worte-fuer-ein-Wunder-Ein-Schreibwettbewerb

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    ... legte sie das Feuerzeug nieder, um sich wieder umzuwenden. Die Schatten tanzten längst vor ihrem Fenster. Wie immer hatte sie vergessen, sie zu v
    ... legte sie das Feuerzeug nieder, um sich wieder umzuwenden. Die Schatten tanzten längst vor ihrem Fenster. Wie immer hatte sie vergessen, sie zu verscheuchen. Als könnten sie zurück bringen, was sie verschluckt hatten, so, wie sie ihren Mut verschluckten, wenn der Zug die Tür ihres Zimmers zu stieß. Heute hatte sie sie mit Absicht geschlossen. Reine Absicht. Das musste sie sich immer wieder sagen. Denn der Schnee fiel aus der Nachtschwärze, Flocke für Flocke. Jede Ornament eines gefallenen Königreiches. "Nicht deines, nicht deines. Augen auf, jetzt.", flüsterte sie. Die Worte klangen merkwürdig erprobt, wenn sie sie Aussprach. Vorgelesen aus der Improvisation ihrer Gedanken.

    Das Fensterbrett war kühl, als sie sich darauf niederließ. Flockenstaub durchtränkte ihre Jeans und ließ den Stoff nass an ihrer Haut kleben, bis es sich anfühlte, als wäre er gefroren. Das wäre nicht passiert, wenn sie nicht gezögert hätte. Doch das tat sie noch immer, denn dort unten gab es keine Fußspuren. Da sollte man sich fragen, ob es überhaupt möglich wäre, die ersten zu setzen. Das wäre auch nicht wirklich ein setzen, viel mehr ein fallen. Stumpf und schwer, hinab und hinein. Wie würde es dem König gefallen, wenn sie mit diesen Schuhen durch sein armes Reich marschierte, als würde es nichts ausmachen, dass es sich vorne in den losen Sohlen sammelte? Ihre Socken würden nass werden, so viel war sicher. Und Socken blieben nass, mindestens bis zum nächsten Morgen. Sie hatte ja keinen Feueratem, um sie zu trocken. Es könnte sogar sein, dass sie ein wenig kratzten, zwischen den Zehen. Als sie das dachte, da legte sich das Zögern und sie streifte erst den rechten Schuh ab und dann den linken, mit dem es immer etwas länger dauerte, weil ein Knoten im Schnürsenkel war. Die Socken ließen sich zupfen wie Federn. Sie warf sie über die Schulter, wie wenn man gegen das Pech spuckt und war überrascht, als sie scheinbar viel zu schnell und viel zu laut auf dem Boden aufschlugen. Manchmal vergaß sie einfach, wie viel ein Ding wiegen konnte.

    Einmal war sie in eine Stadt gekommen, die sehr groß gewesen war. Auch sehr hoch und tief, wie ein Kessel. Das waren mehr Türme als Häuser und sie hatte sich gefragt, ob Vögel noch höher fliegen könnten. Und wenn nicht, ob sie sich dann genauso verirrt fühlten, wie sie. Weil man die Fenster kaum unterscheiden konnte von der Wirklichkeit. Viele böse Spiegel, denn der Himmel war so grau wie ein Sonntag. Im Winter. Da hätte auch Schnee liegen sollen, denn in der Nacht hatte es überall geschneit und die Wolken ließen keine Turmkessel aus, nur weil sie Turmkessel waren. Aber da war überhaupt nichts weiß. Und als sie näher darüber nachgedacht hatte, schien es ihr auch ganz logisch zu sein, wenn man den Ruß lieber dorthin kehrte, wo es ohnehin schon grau war. Ihre Mutter hatte gesagt, das wäre der Qualm gewesen, der aus dem Industriegebiet kam. Aber das lag ja auf der Erde und Schnee fiel vom Himmel. Deswegen musste das ein Irrtum sein.

    Barfuß fiel sie hinunter. Die Kälte kitzelte zart an ihren Fußsohlen, dann zwickte sie ein wenig. Und als sie ein paar Schritte ging und sich dorthin umsah, bemerkte sie, dass sie die weiße Decke durchsichtig geschmolzen hatte. Da waren ihre Zehen und Fersen, als würde sie dort noch stehen wie eben, nur in Unsichtbar. Es schimmerte ein wenig silbrig, aber darunter sah man das Laub der Kastanie, die vor ihrem Fenster stand. So, wie es dort schon gelegen haben musste, bevor das Königreich fiel. Und sie hatte es nicht einmal bemerkt. Tränen schossen ihr in die Augen, wenn sie daran dachte, wie ignorant sie die weichen Kastanien gesammelt hatte, ja, sogar die stacheligen Schalen dazu, damit sie ein Bett hatten, in das sie sie Abends legen konnte. Und diese Blätter, die hatte sie nicht gesehen, dabei lagen sie direkt unterhalb des Fensterbrettes. Die Spur, die sie geschmolzen hatte gefror oben über und wurde wieder weniger grau. Brüchig durchsichtig, wie ein Elfenflügel. Ein Friedensangebot. "Du hast sie übersehen, aber nun hast du sie aufgetaut und der Frost hat sie laminiert, damit du sie nicht noch einmal so schnell vergisst." Da wurde alles leichter.

    In der Rinde eines Baumes fand sie eine Motte mit Schattenbraunen Flügeln, die sogar ein wenig löchrig waren. Das war mehr, als nur Schlaf. Sie war gestorben. Das waren Wörter, die passten dorthin. Zu der Rinde, zu den Bäumen, dem Wald. Der Motte, die nicht wirklich schlief. Schattenheimat. Hierher hatten sie sie also gelockt. Von Unter-der-Rinde sprachen sie, wenn sie Nachts die Augen einer Puppe klappern ließen. Eine Fremde unter Schatten, die sie schon am Morgen wieder liebte. Gut, dass sie das nun wusste. Es war ihr sehr wichtig sich zu bemühen, wenn sie etwas nicht verstand, denn das machte ihr Angst. Aber Schatten können nicht böse sein, wenn sie gleichzeitig nach Baumharz riechen. Deswegen gab sie der Motte einen Kuss, hörte zu und blieb so lange bei ihr, bis sie wieder still geworden war. Danach beeilte sie sich, denn all das hatte sie sehr wach gemacht. Wach war sie immer, bevor ihr die Augen zu fielen.

    Als sie zurück zu dem Fenster kam, war sie eine andere geworden, denn sie hatte sich zurück geholt, was ihr genommen worden war. Und die gefrorene Fußspur hatte der Schnee so fein bedeckt, dass sie bis auf die Ränder undruchsichtig geworden war. Nicht, dass das schlimm gewesen wäre, denn sie erinnerte sich genau. Und sie hinterließ eine neue, als sie sich hinauf auf den Fenstersims zog. In ihrem Zimmer war es kalt geworden und die Socken lagen noch immer so da, als würden sie die Tapete um ihre Kringel beneiden. Das Feuerzeug stand neben der Topfpflanze, die leise erzitterte, als sie vorüber kletterte. Aber sie griff nicht danach. Was ist schon eine Feuersprungfacette gegen einen Winterschattentanz?


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