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7 Worte für ein Wunder - Heiligabend

Mein Beitrag zu Tordens Schreibwettbewerb im Monat Dezember.

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    Am Horizont ging langsam die Sonne unter und tauchte den Abendhimmel in ein goldenes Licht. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er das b
    Am Horizont ging langsam die Sonne unter und tauchte den Abendhimmel in ein goldenes Licht. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er das beeindruckende Farbenspiel beobachtete. Er schloss die Augen und genoss die letzten warmen Strahlen des Tages, die sein Gesicht beschienen.
    Ein Schatten fiel über ihn. Er blinzelte und erblickte zwei Beine, die in einer dicken Stoffhose steckten. Er wagte einen Blick nach oben und erkannte eine Frau, die vor ihm stand und kritisch auf ihn herabsah. Sie trug Handschuhe und einen braunen Mantel und war vollbepackt mit Einkaufstüten. Sie musterte ihn wie einen Gegenstand im Kaufhaus, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn kaufen sollte oder nicht. Ihr Blick wanderte von seinem schmutzigen Gesicht zu seiner ärmlichen Bekleidung, zu seinen zitterten, roten Händen bis zu der alten, zerrissenen Matratze, auf der er kauerte.
    "Was tust du hier, Junge?" Ihre Stimme klang seltsam hart, fast vorwurfsvoll.
    Er schwieg. Was war das für eine Frage? Sie konnte doch sehen, was er hier tat.
    Vor zwei Jahren war seine Mutter gestorben, kurz darauf hatte sein Vater sich das Leben genommen. Seitdem lebte er auf der Straße, hungerte, durstete, fror. Teilte sein weniges Essen mit anderen Obdachlosen. Durchwühlte Mülltonnen auf der Suche nach verwertbaren Resten. Suchte in Kleidercontainern nach Anziehsachen.
    Die Winter waren besonders hart.
    Die Frau seufzte. Sie stellte ihre Tüten auf dem Boden ab und suchte in ihrer Handtasche nach ihrem Portemonnaie. Schließlich zog sie ein Geldstück hervor und ließ es zu Boden fallen. Es schlug klirrend auf den Pflastersteinen auf, drehte sich ein bisschen und blieb zu seinen Füßen liegen. Er folgte der Münze mit den Augen, aber rührte sich nicht.
    "Nimm schon." Sie schob das Geld mit einem Fuß in seine Richtung. "Heute ist Heiligabend, da kannst du ein Geschenk annehmen." Er schaute sie nur verwirrt an. Die Frau seufzte wieder, bückte sich und legte die Münze in seinen Schoß. Sie öffnete den Mund als wolle sie noch etwas sagen, schüttelte dann aber nur den Kopf und griff nach ihren Tüten.
    "Frohe Weihnachten." Und weg war sie.
    Er sah ihr lange hinterher. Frohe Weihnachten? Was sollte das heißen? Wie konnte Weihnachten für ihn froh sein? Er würde nie gemütlich unter dem Tannenbaum sitzen und mit seiner Familie feiern können. Er würde nie in Geschäfte gehen und Berge voller Geschenke kaufen können. Weihnachten war für ihn ein Tag wie jeder andere.
    Langsam stand er auf. Seine Beine setzten sich automatisch in Bewegung. Es zog ihn in eine schmale Seitengasse. Links und rechts von ihm waren die Fenster hell erleuchtet. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und blickte in eins der Fenster hinein.
    Da stand ein grüner Baum, geschmückt mit Kugeln, Süßigkeiten und Strohsternen. Ein Kamin prasselte und warf tanzende Schatten an die Wand. In einer Ecke waren Pappkartons übereinander gestapelt. Was sich wohl darin befand? Er presste seine Nase an die Scheibe und versuchte jedes Detail des Raumes in sich aufzunehmen. Nur mit Mühe konnte er sich von dem Anblick trennen.
    Das nächste Fenster zog ihn ebenso in den Bann. Es war durch Kerzen und Lichterbögen hell erleuchtet. In der Mitte des Zimmers stand ein festlich gedeckter Tisch. Auf den Tellern lagen Gänsebraten, Klöße und Rotkohl. Er lächelte. Dasselbe Gericht hatte es auch bei ihm jedes Jahr zu Heiligabend gegeben.
    Ganz am Ende der Straße war ein Fenster leicht geöffnet. Der Duft von Zimt und Vanille strömte hinaus. Ein Kind lachte. Langsam ging er darauf zu und hielt den Atem an, als er hindurchblickte. Drinnen war eine Familie: Eine Mutter, ein Vater, ein Junge. Sie stachen Plätzchen aus einem Teig aus. Sterne, Herzen, Halbmonde. Gleichzeitig summten sie ein Weihnachtslied.
    Er schreckte auf, als eine Schneeflocke auf seine Nase fiel. Und noch eine und noch eine. Es schneite. Zum ersten Mal in diesem Jahr. In der Ferne schlug die Kirchturmuhr. Er zählte die Schläge mit.
    Einen letzten Blick warf er in das Fenster. Eine Träne lief über seine Wange, aber er lächelte.
    "Frohe Weihnachten", flüsterte er.

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