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Am Ende wird alles gut

Dies ist mein Beitrag zu VikTaks Schreibwettbewerb mit einem vorgegebenen Genre (hier Liebe) und einigen vorgegebenen Wörten.

Nach dem plötzlichen Tod ihres geliebten Vaters, dem König von Mellitien, ist Prinzessin Isla extrem traumatisiert. Zudem jetzt auch noch sie das Amt der Königin annehmen muss und in die großen Fußstapfen ihres beliebten und weisen Vaters treten muss. Ihr einziger Lichtblick ist die baldige Hochzeit mit ihrem Verlobten, Prinz Rowan. Doch nichts kommt so, wie es kommen soll…

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    Der mit rotem Samt bedeckte kalte, graue Kirchenboden ist ein gutes Beispiel für den heutigen Tag. Islas wusste mit Gewissheit, dass die Leute, die ihr zujubelten, ihre fröhlichen Gesichter bloß aufgesetzt hatten. Sie schrieen zwar ihren Namen, wedelten mit bunten Tüchern durch die Luft und neigten ehrfurchtsvoll die Köpfe, wenn sie an ihnen vorbeiging, doch alle hatten sie nur einen Gedanken im Kopf: Warum sie? Warum jetzt schon? Sie ist doch viel zu jung, viel zu unerfahren. Wenn es doch nur ein paar Jahre später gewesen wäre…
    Isla schritt mir hocherhobenen Kopf an ihnen vorüber, vergaß aber nicht, hin und wieder ein Lächeln in die Runde zu werfen. Sie musste diesen Gerüchte, diesen Klischees trotzen und allen zeigen, dass sie eine würdige Nachfolgerin ihres Vaters, König Elliot, werden würde. Ihn übertreffen würde sie auf keinen Fall können, das war klar. Wahrscheinlich nicht mal an sein Level herankommen.
    Dreißig Jahre lang war ihr Vater König gewesen. Vor zwanzig Jahren hatte er ihre Mutter kennengelernt, sie hatten geheiratet und kurz darauf war sie auf die Welt gekommen. Zwei Jahre später Islas jetzt achtzehnjährige Schwester Prinzessin Evie.
    Ihre Mutter war bei der Geburt gestorben und so musste der König seine beiden kleinen Töchter alleine aufziehen. Das war ihm mehr als ausgezeichnet gelungen, denn nebenbei hatte er sich auch noch um die Regierung des ganzen Reiches kümmern müssen.
    Isla wusste, dass sie immer die ernste und vernünftige Tochter gewesen war, während Evie ein kleiner Wildfang war. Den ganzen Tag über lachte sie und hatte eine fröhliche Miene aufgesetzt.
    Doch dieses Verhalten hatte Isla schon seit zwei Monaten nicht mehr bei Evie beobachten können. Zwar lächelte sie nach wie vor viel, doch lachen hatte sie sie schon lange nicht mehr gehört.
    Das Schlimmste war, dass Isla Evie sogar verstehen konnte. Sie selber hatte seit zwei Monaten nicht mehr gelacht, sich nicht einmal mehr freuen können. Die prachtvoll verzierte Kirche war ein Hohn, ihr wunderschönes festliches Kleid schien sie förmlich auszulachen.
    Islas dachte an ihren Vater. Der Mann, den das ganze Volk verehrt und geliebt hatte und der für sie einfach nur ihr Papa gewesen war. Er hätte einen Witz aus der Situation gemacht, von solchen gekünstelt festlichen Veranstaltungen hatte er nie viel gehalten.
    Isla war nie klar gewesen, welche Verantwortung er für das Reich gehabt hatte. Erst jetzt, da die Verantwortung in wenigen Minuten auf ihren Schultern liegen würde, drang es langsam in ihr Gedächtnis ein. Eigentlich hatte sie sich ihr ganzes Leben auf diesen Tag gefreut, wo sie endlich Königin von Mellitien werden würde, eine machtvolle, starke, aber auch gütige und weise Königin, die ihr Lan voranbringen würde.
    Doch jetzt spürte sie nichts mehr als pure Angst und Verzweifelung. Das Klatschen und Jubeln der Menge nahm sie nur verschwommen und wie in Zeitlupe wahr. Nur nach zwei Gesichtern suchte sie das Publikum ab. Ihrer Schwester und Fürst Rowan.
    Evies hellblonder Haarschopf war kaum zu übersehen. Sie trug ein silbernes Diadem darin und ein hellblaues Kleid, dass farblich zu ihren Augen passte. Wie immer war sie sehr hübsch, fiel Isla auf. Sie machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf, doch Evie schaute nicht in ihre Richtung sondern nach vorne, zum Altar. Um ihren Augenkontakt zu gewinnen wagte Isla sogar, ein wenig zu winken, doch es kam immer noch keine Reaktion.
    Isla gab es auf und musste zugeben, dass sie schon etwas verletzt war. Früher hatten ihre Schwester und sie sich sehr nahegestanden, doch inzwischen war etwas zwischen ihnen anders geworden. Sie wusste nicht, was es war, doch irgendwas war definitiv da, dass einen Keil zwischen sie getrieben hatte. Wahrscheinlich der Tod ihres Vaters.
    Doch Fürst Rawon konnte sie wohl kaum übersehen.
    Auf Islas Gesicht ging die Sonne auf, als sie ihrem Verlobten in die braunen Augen blickte. Er schaute sie direkt an, lächelte und warf ihr eine Kusshand zu.
    Isla lächelte zurück und ihr wurde ganz warm von innen. Vor ungefähr einem halben Jahr hatte sie Rawon kennengelernt, aber sie hatten ihre Beziehung erst spät öffentlich gemacht. Kurz danach hatten sie sich verlobt und Isla war so glücklich gewesen wie schon lange nicht mehr. Als dann König Elliot gestorben war, hatte sie einen schweren Absturz aus dieser unwirklich schönen Zeit erlitten, doch inzwischen ging es wieder. Rawon hatte sich nach dem Tod ihres Vaters viel um Evie gekümmert, wofür Isla ihm unendlich dankbar war. Evie war mit den Nerven und psychisch komplett am Ende gewesen und Isla hätte sich unmöglich noch genügend Zeit für sie nehmen können, wo sie doch selber so geschockt gewesen war.
    Inzwischen ging es Evie zum Glück besser und so hatten Rawon und Isla viel Zeit, sich um die bevorstehende Hochzeit zu kümmern. Zwei Wochen waren es noch hin. Eigentlich hätte es schon viel früher sein sollen, doch immer war Rawon irgendetwas dazwischen gekommen. Mal kränkelte er, mal war das Wetter zu kalt. „Ich will den perfekten Tag“, war sein Lieblingsspruch. Isla konnte ihm da nur zustimmen. Wenn ein Tag endlich mal perfekt sein sollte, dann war es ihre Hochzeit.
    Isla schritt weiter auf dem Samtteppich in Richtung Altar. Dort würde ihr in kurzer Zeit die Krone und somit die Macht des Landes aufgesetzt werden.
    „Viel Glück!“ Sie hörte ein leises Flüstern und reckte leicht den Kopf. In einer Kirchbank ganz vorne saß Aiden und lächelte sie freundlich an. Isla schaute besorgt und ängstlich zurück. Aiden, der nah am Gang saß, beugte sich zu ihr und wisperte: „Denk dran, am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“
    Das zauberte ihr ein leichtes Lächeln aufs Gesicht und ihr Herz machte einen freudigen Hüpfer. Genau diesen Spruch hatte er immer gebracht, wenn er sie heulend und allein wegen dem
    Tod ihres Vaters im Hof aufgefunden hatte.
    Aiden kannte sie schon etwas länger als Rawon, etwa vor einem halben Jahr war er an den Hof gekommen, um hier Arbeit zu finden. Er war der zweite Sohn eines bekannten Richters, doch sein älterer Bruder hatte die Kanzlei übernommen, deswegen stand Aiden nun mit ein wenig Geld in der Tasche, sonst aber leeren Händen hier.
    Sie hatten sich bald angefreundet, Isla war bei ihren Treffen sogar immer etwas nervös gewesen und ein paar Schmetterlinge hatten in ihrem Bauch schon geflattert. Jedes Mal, wenn Aidens hübsches Gesicht sich zu einem Lächeln verzogen hatte, war sie sogar ein kleines bisschen errötet, doch diese leichten Gefühle verschwanden sofort, sobald sie Rowan kennenlernte.
    Mit seiner unglaublichen Ausstrahlung hatte er sie sofort umgehauen. Nicht nur, dass er ein Fürst war und unfassbar gut aussah, er war auch noch freundlich und zuvorkommend, aber auch nicht aufdringlich und angenehm zurückhaltend.
    Er war an den Hof gekommen, weil er gehört hatte, dass die Prinzessin nun im heiratsfähigen Alter war. Für Isla war er mehr als perfekt. Als er ihr schließlich einen Antrag gemacht hatte, hatte sie gerne Ja gesagt.
    Über Aiden hatte sie gar nicht mehr nachgedacht. Inzwischen war er eher ein beschützerischer Freund, immer an ihrer Seite und fast selbstverständlich.
    Wirklich romantische Gefühle hatte es zwischen ihnen nie richtig gegeben. Abgesehen von einem Mal.
    Isla konnte sich noch genau daran erinnern. Es war der Abend gewesen, als Rowans und ihre Beziehung offiziell gemacht wurde. Zur Feier des Tages es gab einen Ball, alle feierten und tanzten ausgelassen. Irgendwann hatten alle die Tanzpartner gewechselt, Rowan tanzte mit Evie und Isla war irgendwie an Aiden geraten.
    Nach einer Weile zog er sie raus in den Schlossgarten, Isla war nicht ganz wohl bei der Sache. Ausgerechnet am Abend, den sie eigentlich ganz alleine mit Rowan verbringen sollte. Wenn er sie hier draußen zusammen erwischen würde, würde er das wohl nicht so toll finden.
    Aber Aiden suchte nur das Gespräch mit ihr. Zusammen setzten sie sich in einen Gartenpavillion. Das dämmrige Licht des Sonnenuntergangs tauchte alles in einen Retro Ton.
    In seinen Augen stand pure Sorge.
    „Du kennst ihn nicht“, waren seine Worte, die Isla ganz tief hinten in ihrem Gedächtnis abgespeichert hatte.
    „Was hat er…“ Er beendete den Satz nicht, nahm aber vorsichtig ihre Hand.
    „Was meinst du? Was hat er?“, harkte Isla nach. Er seufzte.
    „Was hat er, was ich nicht habe. Es ist nur eine Frage. Ich kenne ihn schon lange. So perfekt er auch am Anfang scheint, so sehr ist er auch ein Herzensbrecher. Nur dass das alle zu spät bemerken“ Er spuckte die Worte fast aus.
    Isla sah ihn ernsthaft ins Gesicht.
    „Das glaube ich nicht“
    Aiden schüttelte mit einer gewissen Verzweiflung den Kopf.
    „So lange, bis du es am eigenen Leib erfahren musst“
    „Jetzt mach mal kein Drama, bist du etwa eifersüchtig?“
    „Ich will nur das Beste für dich“, meinte er entschlossen, „Kann man da eifersüchtig sein?“
    Isla berührte ihn leicht an der Wange. „In gewisser Weise schon“
    Er lächelte zum ersten Mal. „Pass einfach auf dich auf, okay?“
    „Ich schaff das, du musst dir keine Sorgen um mich machen“
    Sie ließ seine Hand los und trat langsam aus dem Gartenpavillon. Grillen zirpten und der leichte Sommerwind strich ihre langen, goldbraunen Haare wie ein sanftes Tuch.
    „Prinzessin!“, hörte sie seine Stimme hinter sich rufen. Sie drehte sich um. Er war ihr bis auf ein paar Schritte gefolgt.
    „Du hast meine Frage noch gar nicht beantwortet. Was hat er, was ich nicht habe?“
    Darüber musste Isla einen Moment lang nachdenken.
    „Nichts“, meinte sie nach einer Weile. „Wenn ich das jetzt so durchdenke, dann finde ich ehrlich gesagt nichts, dass
    „Nichts?“, wiederholte Aiden und seine grünen Augen bekamen einen tieftraurigen Ausdruck.
    „Nichts. Aber manchmal entscheidet eben leider das Herz und nicht der Verstand“
    Aiden trat ganz nah an sie heran, legte ihr seine Hand an die Wange und schloss die Augen.
    „Ja. Manchmal entscheidet einfach das Herz“, murmelte er.
    Dann nahm er ihren Kopf in beide Hände, strich ihre gewellten hellbraunen Haare hinter die Ohren und küsste sie ganz leicht und sanft.
    Isla konnte sich ganz genau an das Gefühl erinnern. Seine warmen Lippen auf ihren, seine geschlossenen Augen, dessen Wimpern sie streiften.
    Es war nur ein kurzer, Kuss gewesen, aber die Zeit hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Viel zu schnell war sie vorübergegangen, viel zu schnell hatte Aiden ihr Gesicht losgelassen.
    Zum Abschied guckte er ihr in die Augen und sagte mit einer Traurigkeit, die Islas Herz zerriss: „Ich wünschte dein Herz würde die richtig Entscheidung treffen“
    Damit ging er über den Rasen davon zurück in den Ballsaal. Er schaute sich kein einziges Mal um.
    Isla brauchte eine kleine Weile, um sich von den Geschehnissen zu erholen. Sie setzte sich in den Gartenpavillon und starrte auf die Wiese hinaus, dort, wo Aidens Gestalt immer kleiner wurde und schließlich im Haus verschwand. Sie berührte ihre Lippen um festzustellen, dass nicht alles nur ein merkwürdiger Traum war.
    Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Hoffentlich hatte Rowan nichts mitbekommen, denn das würde wahrscheinlich ihre direkte Trennung bedeuten. Warum hatte Aiden das überhaupt getan? Ihr war nie in den Sinn gekommen, dass er sie vielleicht ebefalls mochte oder sogar heimlich in sie verliebt war. Allein schon die Vorstellung war absurd! Sie selber hatte ja sogar eine Zeit lang leicht für ihn geschwärmt, aber sie hatte nie das Gefühl gehabt, dass er mehr an ihr finden würde. Hoffentlich begannen sie jetzt nicht, eine komische Hassliebe Beziehung zu führen…
    Aber trotz all dem musste Isla sich eingestehen, dass der Kuss sie nicht komplett kalt gelassen hatte. Ganz tief im Inneren war ihr warm geworden.
    „Isla!“, hörte sie auf einmal eine Stimme, „Was machst du denn alleine hier in der Dunkelheit und Kälte!“
    Es war Rowan, der über den Rasen auf sie zulief, den Pavillon betrat und sich neben sie setzte.
    Schnell wischte Isla sich über die Lippen und strich ihr Kleid glatt, um jede Spur des Kusses zu vernichten.
    „Nichts“, meinte sie mit ruhiger Stimme, „Ich genieße nur den Abend“
    Lügen war schon immer ein Talent von ihr gewesen.
    Rowan legte den Arm um sie und küsste sie leidenschaftlich. „Dann lass uns den Abend zusammen genießen“, flüsterte er ihr ins Ohr.
    Gemeinsam saßen sie bis spät in die Nacht im Pavillon und sahen in die Sterne.
    So nah wie an diesem Abend war ihr Aiden nie wieder gekommen. Zwar verstand er sich mit Rowan nicht besonders gut, aber das hatte er auch noch nie getan. Seine Beziehung zu ihr war nicht weiter herzlich sondern recht distanziert. Immer war er irgendwo in ihrer Nähe, doch es fühlte sich eher wie das Verhältnis zu einem unpersönlichen Bodyguard an und nicht wie eine nette Freundschaft.
    Trotzdem hatte sich Aiden nach dem Tod meines Vaters so rührend um Isla gekümmert, dass sie ihm dafür auf ewig dankbar sein würde. Zusammen hatten sie stundenlang im Schlossgarten gesessen, sie hatte unter Schluchzern versucht, ihm schöne Erinnerungen von ihrem Vater zu erzählen während er ihr zugehört, ab und zu ein Wort eingeworfen und verständnisvoll genickt hatte.
    Für Isla war das eine riesige Hilfe gewesen.
    Rowan hatte damals kaum Zeit für sie gehabt, weil er die meiste Zeit mit Evie verbracht hatte. Isla hatte nicht viel von den Beiden mitbekommen, aber irgendwie hatte ihr Freund Wunder bewirkt, denn ihre Schwester hatte sie unglaublich gut von dem Tod ihres Vaters erholt, wenn sie auch lange nicht die fröhliche Evie von früher war.

    Über all das dachte Isla in genau diesem Moment nach, als sie mit ernstem Gesicht an den Reihen der Menschen vorbeischritt, nur ab und an einem bekannten Gesicht ein hilfloses gezwungenes Lächeln zuwarf.
    „Am Ende wird alles gut“, murmelte sie leise und wie zu sich selbst, „Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“
    Dieser Spruch beruhigte sie auf wundersame Weise. Doch selbst er konnte sie nicht davon abhalten, die Sekunden zu zählen, die ihr noch blieben bis das Land in ihren Händen lag. Eigentlich war sie noch lange nicht bereit, Königin zu werden. Sie hatte gehofft, sich gut darauf vorbereiten zu können. In zehn Jahren vielleicht, fünfzehn oder gar zwanzig. Damit gerechnet, das ihr Vater jetzt so plötzlich starb, hatte niemand.

    Sie erklomm die Stufen zum Altar, das Jubeln der Menge wurde lauter. Es klang wie Spott in ihren Ohren und sie wäre am liebsten davongelaufen, den Gang durch die Reihen, aus dem Kirchtor hinaus, auf die Straße und frische Luft atmen.
    Oben wartete schon der Bischof mit dem Zepter, dem Reichsapfel und der mit Diamanten besetzte Krone, weich auf ein rotes Samtkissen gebettet.
    Vor dem Altar stand ein prunkvoller Stuhl, auf den sie sich setzen sollte. Das war mehr als schwierig bei den ganzen Schichten ihres Kleides, aber gerade dafür hatte sie schon lange geübt. Auch standen ihr zwei Hofdamen zur Seite, die die unterschiedlichen Schichten glatt strichen und richteten und dafür sorgten, dass ihre lange Schleppe ordentlich über die Rückenlehne fiel.
    Es gab keine lange Rede, dafür hatte Isla gesorgt. So lange wie eine Heldin auf diesem Thron zu sitzen und den Jubel der Leute zu ertragen, hätte sie wirklich nicht ausgehalten. Denn sie sah sich nicht als Heldin an. Sie war einfach nur eine gebrochene junge Frau, die nicht mal in der Lage war, sich richtig um ihre Schwester zu kümmern.
    Islas Lächeln wurde immer steifer und sie schwitzte in dem pompösen Kleid. Sie betete, dass die ganze Krönungszeremie schnell vorbei ging und sie sich endlich mit Rowan irgendwo zurückziehen und ihm das Herz ausschütten konnte.
    Leider gab es aber doch eine Rede in der vor allem vor allem der verstorbene König himmelhoch gepriesen wurde. Isla gab sich alle Mühe, entspannt und froh zu wirken, damit niemand ihren Stress mitbekam. Wobei sie eine kleine Träne, die ihr die Wange hinunterrann, jedoch nicht verdrücken konnte.
    Leider bekam das Volk sie mit und seufzte gerührt auf. Isla schüttelte energisch den Kopf und setzte abermals ein strahlendes Lächeln auf.
    Endlich wandte sich der Bischof ihr zu und gab ihr in einem feierlichen Schweigen das Zepter und den Reichsapfel in die Hand. Dann nahm er die Krone von dem Kissen, setzte sie ihr auf und huldigte sie.
    Isla hatte gedacht, dass sie sich wie ein ganz anderer Mensch fühlen würde, nachdem ihr die Krone aufgesetzt worden war. Doch alles was sie spürte war ein leichtes Gewicht auf ihrem Kopf.
    „Lebe die Königin!“, schrie das Volk, stand auf, klatschte und jubelte.
    Isla lächelte verkrampft und suchte die Menge nach den Gesichtern der Menschen ab, die sie liebte.
    Evie konnte sie nirgendwo entdecken. „Wo ist meine Schwester?“, murmelte sie deswegen einer Hofdame an ihrer Seite zu.
    „Ich weiß nicht, Majestät, aber ich glaube sie ist hinausgegangen. Vielleicht war ihr nicht gut?“
    Oder vielleicht hatte auch sie das ganze Gerede von einer tollen Zukunft und unserem Vater nicht mehr ausgehalten, dachte Isla und ließ ihren Blick weiter schweifen. Rowan war auch nicht da, wahrscheinlich kümmerte er sich um Evie.
    Nur Aiden saß in einer der vorderen Reihen und lächelte ihr mitfühlend zu.

    Als die Veranstaltung endlich zu Ende war, durfte sich Isla in ihre Gemächer zurückziehen. Sie entschied sich, erst einmal ein Bad zu nehmen.
    Als sie sich wieder frisch fühlte hüllte sie sich in einen flauschigen Bademantel und machte sich auf den Weg in Rowans Gemach. So gerne wollte sie sich jetzt von ihrem Seelenverwandten umarmen lassen, einfach nur die Augen zu schließen, mit ihm zusammen sein, sich verbunden zu fühlen und kurz die Rolle der pflichtbewussten Königin fallen zu lassen.
    Vor seiner Schlafzimmertür hielt die junge Königin jedoch an, da von drinnen gedämpfte Stimme zu ihr klangen. Isla erkannte ihren Freund und ihre Schwester.
    So sehr sie Rowans psychologische Fähigkeiten, die er immer wieder an ihrer Schwester bewies, befürwortete, jetzt wollte sie mit ihrem Freund alleine sein.
    „Was tun wir denn jetzt?“, hörte Isla Evies weinerliche Stimme.
    „Ich weiß es auch nicht“ Rowans Stimme war leise und rau.
    „Zwei Wochen“ Ihre Schwester klang verzweifelt und Mitleid erfüllte sie. Auch wenn sie nicht wusste, worum es hier ging.
    „Mir fällt irgendetwas ein. Das verspreche ich dir“
    „Aber… Aber“ Evie begann leise zu weinen, doch das nahm Isla durch die Tür nur gedämpft war. Sie hatte den dringenden Drang, die Tür zu öffnen und sie in den Arm zu nehmen, doch irgendetwas hielt sie davon ab.
    „Wein doch nicht“ Das Schluchzen ihrer Schwester wurde leiser, so als würde sie von Rowan in den Arm genommen werden.
    Irgendwie beschlich Isla ein merkwürdiges Gefühl. Eifersucht war zwischen ihr, ihrem Freund und ihrer Schwester nie ein Ding gewesen, doch wenn Evie von Rowan in den Arm genommen wurde und er sie mit so einer Wärme in der Stimme tröstete…
    Sie konnte sich nicht davon abhalten, durch das Schlüsselloch zu gucken, obwohl sie sich dabei mehr als nur widerwärtig vorkam.
    Isla konnte die beiden Menschen, die sie eigentlich mehr als alles Andere liebte, nur von hinten sehen. Aber sie standen nah zusammen, das war klar.
    Wieder ertönte Evies Stimme. Ihr Weinen war wieder etwas lauter geworden, auch wenn Isla nicht klar war, warum ihre Schwester so aufgelöst war.
    „Das ist alles zu viel für mich, ich weiß wirklich nicht, ob ich das schaffe. Eigentlich liebe ich sie ja über alles, sie ist ja meine große Schwester…“
    Isla erstarrte. Die redeten von ihr! Sie legte ihr Ohr an die Tür, um noch mehr zu verstehen.
    „Alles wird gut. Sie wird es überleben“ Rowans Stimme war so sanft und zart wie ein frisches Blatt im Frühling.
    „Aber ich vielleicht nicht“ Evie redete so leise, dass Isla sie kaum noch verstehen konnte. Aber sie verstand ohnehin wenig, vor allem vom Inhalt. Was sollte sie überleben aber ihre Schwester vielleicht nicht?
    Die Antwort war leicht: Weil sie so wütend auf sie sein würde, dass sie sie wahrscheinlich umbringen würde.
    Wieder begann sie zu lauschen. Gerade noch rechtzeitig legte sie ihr Ohr an die Tür, als ihr Freund voller Inbrunst sagte: „Dir tut niemand etwas an. Dafür sorge ich“
    Islas Zweifel regte sich. Ihr gegenüber hatte er nie so etwas gesagt, nie mit solcher Kraft und solchem Elan.
    Im Zimmer wurde es wieder still und die junge Königin entschied sich dafür, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, um im Zimmer mal nach dem Rechten zu schauen.
    Sie nahm all ihren Mut zusammen, drückte die Klinke hinunter und betrat mit leisen Schritten Rowans Gemach.

    Der Anblick, der sich ihr drinnen bot, waren all ihre Alpträume auf einem Haufen.
    Ihre Schwester und Rowan standen dort, ein Stück weit von ihr entfernt mit dem Rücken und küssten sich. Ihre Augen hatten sie geschlossen, Isla hatten sie noch nicht bemerkt.
    Ein paar Sekunden lang stand sie einfach nur völlig fassungslos da, dann, mit einem Mal, packte sie gleißende Wut. Ein Gefühl wie dieses hatte sie vorher noch nie erlebt.
    Die Beiden bemerkten sie genau in dem Moment, als Isla zu einem Schlag ausholte und Rowan an der Nase traf.
    Blut spritzte auf und der junge Mann, von dem sie eigentlich geglaubt hatte, dass er ihr treuer Verlobter war, taumelte rückwärts.
    Evie schrie auf.
    Sie achtete nicht auf sie und gab Rowan von hinten einen Tritt, sodass er nach vorne überfiel.
    Dann wandte sie sich Evie zu und blickte in das hübsche, traurige Gesicht, dass sie eigentlich so sehr geliebt hatte.
    „Bitte“ Ihre Schwester verschränkte ihre Arme schützend vor den Kopf und machte sich ganz klein.
    „Lass sie!“, Rowans heisere, schmerzverzerrte Stimme tönte vom Boden. „Es ist alles meine Schuld, ich flehe dich an, bitte lass sie“
    Isla antwortete ihm nicht, denn sein Kommentar hatte die Wut in ihr noch mehr entfacht.
    „Das könnte dir so passen“, zischte sie so böse, dass sie sich selber erschreckte.
    Dann trat sie ihrer Schwester mit aller Gewalt in die Magengrube.
    Evie sackte sie auf den Boden, schnappte nach Luft und wimmerte vor Schmerz.
    „Das alles“, rief Isla voller Zorn, „ist alles nichts, NICHTS, im Vergleich dazu wie ICH mich jetzt fühle, du…“ Sie stieß so schlimme Beleidigungen aus, von denen sie nicht mal wusste ob sie überhaupt noch als solche galten und nicht schon als Morddrohungen.
    Dann nahm sie eine Vase von einem der Tische und begann diese hemmungslos am Schulterblatt der auf dem Boden kauernden Evie zu zerschmettern. Ein improvisiertes Foltergerät, dass verblüffend gut funktionierte. Die Scherben der Vase bohrten sich tief in Evies Fleisch und mit einem ekligen Knacken hörte Isla, wie das Schultergelenk ihrer Schwester brach. Diese kreischte und schrie vor Schmerz, doch dass stachelte die junge Königin nur noch mehr an.
    Rowan machte Anstalten, sich aufzurichten, während er Isla anschrie, sie solle Evie endlich in Ruhe lassen.
    Auf irgendeine Wise gefiel seine Verzweiflung Isla und sie stieß ein wahnsinniges Lachen aus, während sie mit einem kräftigen Hieb das letzte Stück der Vase zerschmetterte. Sie begann fast, Angst vor sich selber zu haben, denn so einen Wutanfall hatte sie noch nie gehabt. Aber sie hatte auch noch nie an so heftigen Liebeskummer gelitten.
    Sie ragte über ihrer Schwester auf, gab ihr einen letzten Tritt und ließ sie und Rowan erbamungslos liegen, aber nur um ein Paar Zimmer weiter in einen Lagerraum für alte Waffen zu eilen und sich das noch am meistens funktionsfähige Schwert zu holen. Auf dem Rückweg prallte sie mit etwas Weichem zusammen. In ihrer rasenden Stimmung hätte sie sich am liebsten auf den jenigen, der sie aufhielt, gestürzt, doch sie hielt inne, als sie Aiden erkannte.
    „Majestät? Was tut ihr denn mit dem Schwert?“, fragte er sie verwirrt.
    Isla wurde klar, dass sie einen merkwürdigen Blick bot, wie sie nur in einen Bademantel gehüllt mit einem Schwert in der Hand durchs Schloss rannte.
    „Lass mich durch“, zischte sie und drängelte ihn zur Seite. „Und nenn mich nicht Majestät“
    Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und rannte weiter in das Zimmer, in dem Rowan und Evie immer noch vor Schmerz stöhnend lagen.
    Sie hielt den Griff des Schwerts fest und stellte sich mit vor Wut geröteten Wangen über den Beiden auf.
    Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie ohne irgendwelchen Widerstand zum Beispiel in das Bein ihrer Schwester schlagen könnte, aber das Schwert wollte und wollte sich einfach nicht sinken.
    Als sie schließlich doch Evies Wimmern ausblendete und in sich gekehrt nur noch mit ihrem Schmerz und ihrer Wut allein war, schaffte sie es, mit dem Schwert zwar nicht auf ihre Schwester aber auf Rowan einzustechen. Sie traf ihn nur oberflächlich und am Arm, aber genug, dass ihr ehemaliger Verlobter aufkreischte und Blut herausströmte.
    Als sie der Meinung war, dass es für dieses Mal genug war, wandte sie sich Evie zu. Sie hob das Schwert, sammelte all ihren Zorn und wollte das Schwert schon sinken, als eine Hand ihren Arm fest griff und eine ihr sehr bekannte Stimme sagte: „Was auch immer du tust, verletze nicht deine eigene Schwester. Ich verspreche dir, du wirst das nachher bereuen“
    Aiden hatte hinter ihr entweder geräuschlos den Raum betreten oder sie hatte ihn in ihrem Rausch einfach nicht bemerkt.
    Islas Perplexität ließ sie innehalten. Sie drehte sich zu Aiden um, sah ihm in die Augen und ihre fürchterliche Wut verrauchte. An ihre Stelle trat jedoch eine unendliche Traurigkeit.
    „Was sagst du da?“, fragte sie mit ruhiger Stimme, nachdem sie ein paarmal geschluckt hatte.
    Aiden deutete auf Evie, die sich unter Stöhnen aufrichtete und ihre ältere Schwester mit großen, ängstlichen Augen anstarrte.
    „Auch wenn du sie jetzt am liebsten umbringen würdest ist sie immer noch deine Schwester. Und da ihr eine Familie seid, wirst du ihr irgendwann verzeihen, auch wenn du das jetzt vielleicht nicht unbedingt erwartest“
    Isla schloss die Augen und sah Evie an. Der Arm ihrer jüngeren Schwester stand in einem merkwürdigen Winkel ab, ihre Schulter war dick, rot und blutverkrustet.
    Was hatte sie getan? Was auch immer Evie getan hatte hatte ihr definitiv nicht das Recht gegeben, sie zu zuzurichten.
    Mit Tränen in den Augen und einer unglaublich tiefen Traurigkeit sagte sie zu den Beiden: „Ich will euch NIE WIEDER sehen. Ich werde euch nicht öffentlich auspeitschen lassen oder sonst irgendetwas, aber ihr seid ab jetzt verbannt. Ihr habt fünf Tage Zeit, mein Land zu verlassen“
    Sie konnte die Beiden nicht ansehen sondern legte das Schwert, dass sie immer noch in der Hand hielt, ab und rannte aus dem Zimmer zurück in ihre eigenen Gemächer. Weit kam sie nicht, denn sie wurde von Schluchzern durchgeschüttelt und brach schließlich einfach auf dem Flur zusammen.
    Dort lag sie und weinte hemmungslos aus so vielen Gründen, dass sie sie kaum Zählen konnte. Tränen strömten ihr auf den Bademantel, ihr Kopf pochte und ihre Augen brannten.
    Aidens Hand auf ihrer Schulter bemerkte sie erst gar nicht.
    „Am Ende wird alles gut, weißt du nicht mehr?“, wisperte er ihr ins Ohr und automatisch wurde ihr Schluchzen weniger. „Es werden Tage, Wochen, Monate und vielleicht sogar Monate vergehen, aber wenn es noch nicht gut ist, ist es eben noch nicht das Ende. Irgendwann wirst du wieder lachen können wie vorher und vielleicht ja doch noch deine große Liebe finden“ Bei diesen Worten zitterte seine Stimme leicht.
    Ohne auf noch mehr Worte von ihm zu warten, schmiss sich Isla ihm an den Hals und ihre Tränen durchnässten sein Hemd. Ihre große Liebe würde sie bestimmt noch finden, wenn sie sie nicht sogar schon gefunden hatte.

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