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Ratten und die wahre Liebe

Kapitel 4

    1
    Raven

    Ich kneife meine Augen zusammen, um den Mensch, der sich als Mädchen entpuppt, besser erkennen zu können. Es braucht nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ich sie von Kopf bis Fuß gemustert und für durchweg ungefährlich eingestuft habe. Dennoch bleibe ich, wo ich bin, bewege mich weder zu ihr noch weg von ihr, ich bewahre meine Distanz. Sie sieht aus wie alle Kinder, die hier auftauchen, verwöhnte Gören die dachten, die wären hart genug für die Straße und dann doch nach ein paar Tagen tot im Schlamm liegen, wenn sie es überhaupt so lang schaffen. Die meisten nicht. Ich hatte mal so eine Freundin, von der gleichen Sorte Kinder. Sie sah dem Mädchen, das mir jetzt gegenüber steht sogar recht ähnlich, sie hatte die gleichen, langen, braunen Haare und die gleichen braunen Augen. Und noch etwas haben sie gemeinsam. Sie sind beide nicht für die Straße gemacht, meine Freundin hatte genauso wie dieses Mädchen keine einzige Muskel am Leib und hatte nicht den wachsamen Blick, den ein Heimatloser hier braucht um Gefahr auszumachen, bevor sie kommt, man braucht einen so leichten Schlaf dass ein Schritt, der Meter von dir entfernt ist, dich aufweckt, man braucht eine so schnelle Reaktion, dass, sobald du aufgewacht bist, schon ein Messer in deiner Hand liegt. Meine Freundin hatte nichts davon, genauso wenig wie das Mädchen vor mir. Sie ist nach vier Tagen gestorben, sie hat sich lange gehalten. Ich habe all das, was es auf der Straße braucht, manchmal überraschen mich meine Reflexe sogar selbst, Reflexe, die so scharf sind, dass, ohne dass ich es selbst gemerkt habe, meine Flasche im Rucksack verschwunden ist, sie wurde ersetzt durch mein Messer dessen Klinge im Licht der untergehenden Sonne blitzt. Ich kann es kurz für die Kleine machen. Ritterlich. Aber bei Satan, meinem Herrn und Meister, ich bin nicht ritterlich, ich bin töricht. Sehr sogar. Denn wieder einmal regt sich da etwas ganz tief in mir, das ich gerne für tot erkläre, etwas, das nur Schaden anrichten wird. „Hi.“ Mich erschreckt, wie rau meine Stimme klingt, man hört mir deutlich an, wie selten ich sie gebrauche, man würde kaum erahnen, dass sie mir mein Brot bezahlt. Bezahlen sollte. „Sucht dich jemand?“ Es ist eine Frage, die zu den Straßen genauso gehört wie die Ratten, sie ist schon mindestens genauso alt, wenn nicht älter. Es ist die Frage danach, ob dein Gegenüber Hilfe braucht und, ob du in Schwierigkeiten kommst, wenn du deinem Gegenüber hilfst. Denn wenn das Mädchen vor mir gesucht wird, ob von Familie, Freunden oder den Cops, es bringt immer das Risiko mit sich, dass ich selbst gefunden wird, sollte ich ihr helfen, was immer unweigerlich Schwierigkeiten bedeutet. Nicht, weil die Polizei denken könnte, ich hätte das Mädchen, das tatsächlich aussieht, als wäre sie leicht zu entführen, mitgenommen, das wäre mein kleinstes Problem, das Problem ist, dass solche Fälle durch die Presse gehen. Und wenn es eine Sache gibt, die ich mir nicht erlauben kann, dann ist es Aufmerksamkeit erregen, die Aufmerksamkeit meiner Eltern und ihrer Leute. So geht es den meisten auf der Straße, sie rennen vor ihrem alten Leben davon und wollen sicherstellen, dass dieses sie nicht noch einmal findet. Denn auf der Straße findet dich keiner, keiner schaut dich an, die Menschen schauen nur an dir vor bei und durch dich durch, angewidert, mit einem Schauer, der ihnen über den Rücken läuft.

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