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Ratten und die wahre Liebe

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    Raven

    Viele bemitleiden mich um mein Schicksal, wenn ich die Straße hinunterlaufe bekomme ich traurige Blicke zugeworfen, wenn ich am Straßenrand hocke, schütteln die Alten mitfühlend ihre Köpfe. Heuchler. Pseudo- traurig sein, ja, das können sie alle, aber wenn es darum geht, einen einzigen Dollar in meine verbeulte Mütze zu werfen, nein, so viel Mitleid hat man dann doch nicht mit dem Mädchen, dass so dünn ist, dass sie aussieht, als könnte sie ein Windhauch davonwehen. Ich selbst, Raven, bin noch nie darauf gekommen, mich zu bemitleiden, mich über ihr Leben zu beklagen. Dort, wo ich herkomme, ist es schlimmer, so viel schlimmer, dagegen ist ein bisschen Kälte wenn ich im Winter auf dem Bordstein schlafe ein Kinderspiel. Ein Kinderspiel, das ich schweigend ertrage. Ich habe mich daran gewöhnt, nur zweimal die Woche etwas zu essen, habe mich daran gewöhnt, dass das Wasser, das ich aus den seltenen Pfützen trinke stets nach Dreck schmeckt, habe mich daran gewöhnt, dass mindestens alle drei Tage jemand versucht meine wenigen Habseligkeiten zu stehlen. Dabei habe ich ja wirklich nicht viel, das man stehlen kann. Ich habe einen zerrissenen Schlafsack, ich habe eine Mütze, ich habe einen Mantel, eine Hose, Schuhe, einen Pullover, eine Decke, einen Rucksack in dem drei Pennies an das einzige Erinnerungsstück an meine Eltern, das ich mit mir rumtrage, klimpern. ich habe einen Becher, eine Gabel, ein sehr scharfes Messer, eine leere Dose mit blauer Sprühfarbe, ein Feuerzeug, eine Flasche Wodka und drei Gramm Ott, das wahrscheinlich nicht mal echt ist. Und ich habe eine Gitarre, wenn man diese überhaupt noch so nennen kann, es ist ein altes Ding aus Holz, dessen Lack abblättert und dem eine Saite fehlt, die restlichen sind völlig verstimmt. So ziehe ich durch die Stadt, seit Monaten schon, vielleicht auch Jahren, mit der Gitarre über die Schulter geschnallt, den Schlafsack und das restliche Zeug in den Rucksack gequetscht und meine mittlerweile halbleere Flasche in der Hand. Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier draußen lebe, nur, dass ich mit zwölf weggelaufen bin. Jetzt bin ich..Ich muss es an den Fingern abzählen, ich weiß es nicht mehr im Kopf. Jetzt bin ich 16. Vier Jahre. Seit vier Jahren immer das gleiche, immer die gleiche Routine von Konzerten, bei denen ich ein paar Dollar bekomme, immer der gleiche Supermarkt, bei dem ich immer das gleiche kaufe und immer das gleiche Gefühl von Hunger, unmenschlichem Hunger. Ich kenne mich hier aus, in New York, ich kenne mich aus wie kein zweiter, ich weiß genau, wo man schlafen kann, ich weiß genau, wo man abgestochen wird und wo man vielleicht etwas zu Essen stehlen kann. Ich muss nicht einmal mehr auf den Weg achten, ich weiß genau, wo ich bin. Wenn ich jetzt die Hand ausstrecke, berühre ich mein erstes Graffito, ein blaues F*ck, auf das ich damals mächtig stolz war. Und wenn ich mich jetzt nach links umwende, dann...Dann ist da ein Mensch. Ein Mensch, der an der Hauswand lehnt und aussieht, als würde er sich in den nächsten paar Minuten an einer Laterne aufhängen. Jemand anderen hätte der Anblick des kleinen Menschen wohl mit Mitleid erfüllt, aber ich habe schon vor langer Zeit vergessen, wie Mitleid funktioniert, ich sehe nur, wie es die anderen vortäuschen, die anderen, mit ihren schicken Wohnungen und ihren Jobs, mit denen sie viel Geld machen. Mich erfüllt es nicht mit Mitleid, sondern mit Verwirrung, hier sollte kein Mensch sein, der einzige Mensch, der hier gelebt hatte, war der alte Kayne und ich hatte gehört, dass der vor ein paar Tagen abgekratzt war und dieser Platz frei ist. Das hätte mein Platz sein sollen. Er steht mir zu.

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