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Moon & misery - Fortsetzung (abgeschlossen!)

Dies ist die Fortsetzung, in der die Geschichte Moon & Misery fortgesetzt wird. Wer hätte es gedacht.
Draco und Isa sind endlich wieder zusammen, aber wie lange wird ihr Glück halten und was wird sie als nächstes auseinander reißen? Findet es heraus...

    1
    Ohne anzuklopfen betrete ich Vaters Arbeitszimmer, wo er sich den ganzen Tag verkriecht, seit der Werwolf hier ist. „Weißt du zufällig, wo Greyback steckt?“, frage ich ohne Umschweife. Vater blickt stirnrunzelnd von seinem Buch auf. „Soweit ich weiß, ist er in der Bibliothek. Unserer Bibliothek“, fügt er finster hinzu. Mir fällt fast die Kinnlade herunter. Was macht der ungebildete Typ denn in der Bibliothek? „Frag nicht. Ich weiß es selbst auch nicht“, erklärt Vater, „Was willst du überhaupt von ihm?“, fragt er misstrauisch. „Gar nichts“, murmele ich, immer noch verwundert, und lasse Vater wieder allein.

    Das Licht in der Bibliothek ist dumpf. Die großen Kristallfenster sind zu großen Teilen mit schweren Vorhängen bedeckt, um die teuren Bücher vor dem schädlichen Sonnenlicht zu schützen. Mit kribbelnden Fingerspitzen schleiche ich zwischen den Regalen umher und halte Ausschau nach Greyback. Überrascht bleibe ich stehen. Auf einem Schreibtisch sind ein halbes dutzend Bücher lieblos aufeinander gestapelt, zwei oder drei liegen achtlos aufgeschlagen daneben. Niemand, der klar bei Verstand ist, würde derart hochwertige Bücher so behandeln. Ich erkenne auf einen Blick, dass diese Exemplare zu den exquisitesten Büchern über schwarze Magie gehören. Fast kann ich in meinem Kopf die vielen Galleonen klimpern hören, die wegen dieser Bücher den Besitzer gewechselt haben.
    „Suchst du mich?“
    Den Zauberstab in der Hand fahre ich herum. Greyback steht zwischen den Regalen und beäugt mich aus gelben Augen. Angewidert stelle ich fest, dass er eine Zigarette zwischen den Lippen hat. So eine, wie Muggel sie auch haben. „Das hier ist eine Bibliothek.“ Greyback grinst über meine Empörung. „Ich weiß.“ „Bücher… brennen“, erkläre ich lahm. Greybacks Grinsen wird noch breiter. Er klemmt sich das qualmende Ding zwischen die Finger und hält es so dicht an die Bücherrücken im Regal, dass mir fast schwindelig wird. „Ich weiß“, sagt er noch einmal genüsslich. Mit knirschenden Zähnen schlucke ich meinen Ärger herunter. „Ich wollte mit dir reden.“
    „Aha. Aber ich nicht mit dir. Also verschwinde, Kleiner, bevor ich deine geliebten Bücher anzünde.“
    Ich verschränke die Arme und versuche, entschlossen auszusehen. „Was willst du mit den Büchern da?“, will ich wissen, und deute mit dem Kinn in Richtung des Schreibtischs. Greyback nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette, ehe er, Rauch ausatmend, antwortet: „Verkaufen. Sehen teuer aus.“ Ich weiche vor dem stinkenden Qualm zurück und zwinge mich zu einem verächtlichen Lachen. „Oh bitte. Jedes Buch hier ist teuer. Aber die, die du hier rausgesucht hast…“
    Ich schnappe mir ein dickes Buch mit vergoldeten Seitenrändern und blättere ein wenig darin herum. Dann lasse ich es betont achtlos zu Boden fallen, als wäre es nicht eines der größten Schätze dieser Bibliothek. Der Aufschlag auf dem Boden fühlt sich an wie ein Schlag, doch ich mache gute Miene zum bösen Spiel. „Naja, was soll ich sagen. Nicht alles, was glänzt, ist Gold.“ Greybacks Miene wird von Wort zu Wort finsterer. „Was soll das heißen?“, knurrt er ungeduldig. „Das soll heißen“, erkläre ich gedehnt, „dass du keinerlei Gefühl für teure Sachen hast. Ich mache dir einen Vorschlag.“ Der Ausdruck des Werwolfs verzieht sich zu einem schiefen Grinsen. „Du willst mit mir handeln, Kleiner? Hast du denn keine Angst?“ Mit einem holprigen Gefühl im Magen sehe ich zu, wie Asche von der Zigarette zu Boden rieselt. Dann blicke ich wieder Greyback an. „Ich suche dir die zehn teuersten Bücher aus dieser Bibliothek heraus. Dafür beantwortest du mir ein paar Fragen. Ohne… ohne, dass irgendwelche Messer gezogen werden. Verstanden?“ Ich hebe das Kinn und warte auf eine Antwort. Greyback schlendert auf mich zu, während er weiter Rauch ausbläst. „Seit wann so mutig? Dass du mir Anweisungen gibst…“ Auf einmal dämmert es in seinem schmutzigen Gesicht. Greyback stößt ein lautes Lachen aus und verschluckt sich fast an seiner Zigarette, als er fragt: „Lass mich raten. Das Mädchen schickt dich.“ „Niemand schickt mich.“ Greyback verzieht höhnisch das Gesicht. „Natürlich. Du bist trotzdem wegen ihr hier.“ Ich öffne den Mund und schließe ihn wieder. Greyback schnippt weitere Asche von seiner Zigarette, betrachtet sie kurz, lässt sie dann auf die kaffeefarbenen Dielen fallen, und tritt sie aus. Ich verkneife mir eine missbilligende Bemerkung und warte darauf, dass er noch etwas sagt. „Gut“, brummt er schließlich, „Was tut man nicht alles für sein Gold.“ Erleichtert atme ich auf. „Also. Was willst du hören? Ich hab auch nicht den ganzen Tag Zeit.“ „Hast du von dem dunklen Lord die Anweisung, sie zu töten?“ Greyback lacht spöttisch. „Nein.“
    „Hast du vor, sie trotzdem umzubringen?“
    „Nein.“
    „Wirst du sie von jemand anderem umbringen lassen?“
    „Nein.“
    „Was hast du als nächstes mit ihr vor?“ Greybacks Augen werden zu schmalen Schlitzen. „Sie muss für dich ja so wertvoll sein wie deine verdammten Bücher, wenn du dich traust, mir solche Fragen zu stellen“, knurrt er bedrohlich. Aber ich fühle mich sicher. „Denk an dein Gold“, weise ich Greyback überheblich an. Der gibt ein seltsames Knurren von sich. „Du fühlst dich ein bisschen zu schlau, als es dir gut tut, Kleiner. Wieso willst du das überhaupt wissen?“ Ich beschließe, Greyback die Wahrheit zu sagen. „Isa hat mir gesagt, dass sie stirbt, wenn sie wieder in den Untergrund muss.“ Ungerührt schaut Greyback mich an. „Ich weiß. Deshalb werde ich sie auch nicht mehr dahin bringen. Dafür macht es mir viel zu viel Spaß, die kleine Puppe als mein verängstigtes Spielzeug zu haben.“ Zum dritten Mal an diesem Tag klappt mir der Mund auf, ohne dass ich ein Wort herausbringe. Vor Überraschung. Und Wut. „Aber“, stottere ich, „Aber was hast du dann vor?“ Greyback zuckt mit den Schultern. „Vermutlich schließe ich mich ’ner Gruppe Greifern an, die zur Zeit alle Wälder nach Schulschwänzern absuchen. Dabei verdient man mehr Gold, als irgendwo im Untergrund zu hocken. Das Mädchen wird mir helfen. Vielleicht finden wir ein paar alte Klassenkameraden von ihr. Und jetzt geh und hol mir meine Bücher“, befiehlt er. Wortlos wende ich mich ab und streife durch die Bibliothek. Eigentlich sind das gute Nachrichten. Wenigstens wird Isa nicht mehr kämpfen müssen.
    Statt der zehn teuersten Bücher suche ich die Bände heraus, die am teuersten aussehen. Greyback wird den Unterschied nicht bemerken. Beladen mit aufwendig bestickten Lederumschlägen, in Metall eingefasste und vergoldete Buchrücken mit silbernen Schnallen kehre ich zu dem Werwolf zurück, der sich eine zweite Zigarette angesteckt hat. Ohne ihn anzusehen stelle ich den Bücherstapel auf dem Schreibtisch ab und wende ihm den Rücken zu. Es wird Zeit, Isa die neu gewonnenen Informationen mitzuteilen.

    2

    „Zuerst die guten oder die schlechten Neuigkeiten?“, frage ich, die Tür hinter mir zu ziehend. Isa sitzt in meinem Sessel, den Blick aus dem Fenster gerichtet. Ohne sich um zu drehen fragt sie: „Was meinst du?“ „Ich habe mit Greyback gesprochen.“ Langsam wendet Isa sich mir zu. „Wie bitte?“ „Ich habe mit Greyback gesprochen“, wiederhole ich. Mit großen Augen starrt Isa mich an. „Was hast du…“ „Ich wollte von ihm wissen, was er mit dir vorhat. Also, zuerst die gute oder die schlechte Neuigkeit?“ Isa lässt mich nicht aus den Augen. „Die schlechte.“ Ich lasse mich ihr gegenüber auf meinem Bett nieder. „Gut. Das sind sowieso keine wirklichen Neuigkeiten. Leider hat er auch in nächster Zeit nicht vor, dich irgendwie in Ruhe zu lassen.“ Isa nickt. „Und die Gute?“ „Du wirst nicht in den Untergrund müssen.“ „Nein“, flüstert sie. „Doch“, erwidere ich. Der Schleier aus Unglück über Isas Gesicht scheint zu flattern. Mit leicht geöffneten Lippen schaut sie mich an. „Stattdessen“, fahre ich hastig fort, „Werdet ihr euch vermutlich Greifern anschließen und nach Schulschwänzern suchen. Greyback meinte, dabei verdient er mehr Gold als im Untergrund.“ Isa sieht so erleichtert aus, als wäre ihr nicht bloß ein Stein, sondern ein ganzer Berg vom Herzen gefallen.
    „Ich liebe es, wenn du gute Nachrichten überbringst“, meint sie und erhebt sich. Ich grinse sie an. „Geht mir genau so.“
    „Ich wünschte“, seufzt sie, „Ich… Wir hätten mehr Zeit. Ich würde dir so gerne erzählen, was bei mir passiert ist. Bis morgen früh schaffe ich das nie.“ „Wir werden Zeit haben. Irgendwann, wenn du wiederkommst. Denn das wirst du. Ich werde immer irgendwo auf dich warten“, verspreche ich. „Ich werde dich wieder vermissen“, erklärt Isa, wieder mit dieser seltsam glatten Stimme, „Aber das ist gut so. Ich möchte nicht wieder vergessen, wie es ist, dich zu lieben. Ich will nicht wieder vergessen, wie man fühlt. Ich habe schon einmal aufgegeben. Aber jetzt kommt alles zurück, langsam. Ich werde wieder anfangen, dafür zu kämpfen, dass Ich Ich bleibe.“ Mir fällt das Sonnenlicht auf, das durch das Fenster scheint. Auch Isas Worte klingen wie ein Versprechen. Mein Blick wandert in die Ferne. Draußen treffen das Eisblau der Luft und das Butterblumengelb der Sonne aufeinander. Obwohl ich allein bei dem Anblick bereits den Frosthauch auf der Haut spüre, kommt es mir hier drinnen plötzlich kälter vor als draußen. Kälter. Leiser. Stiller. Unbelebter.
    „Lass uns raus gehen“, beschließe ich. Isa folgt mir schweigend. Sie fällt bei meinem eilenden Gang keinen Schritt zurück. Sie protestiert nicht, als ich wortlos ihre Hand ergreife. Ihre Finger sind eiskalt.
    Tief atme ich die frostklirrende Lust ein, sobald ich den ersten Schritt nach draußen mache. Deutlich entspannter laufe ich, Isa neben mir, die breite Vortreppe und die ordentlichen Kieswege entlang. Immergrüne Tannen und Hecken zieren den Wegesrand.
    Stumm schlendern wir nebeneinander her. Ich schlage den Kragen meiner Jacke nach oben und blicke zu Isa, die nur einen dünnen Pullover trägt. „Ist dir kalt?“, frage ich. Sie zuckt mit den Schultern. Langsam hebt sie den Kopf und schaut sich mit wachsamem Blick um. Sie nickt. „Ja“, murmelt sie schließlich. Dann, als wäre sie überrascht, sagt sie: „Mir ist kalt.“ Sie löst sich von meiner Hand und macht ein paar Schritte. Plötzlich breitet sie die Arme aus und legt den Kopf zurück. Ich bleibe stehen. Eisiger Wind zerzaust ihre Haare und ihre zierliche Gestalt sieht aus, als könnte sie von einem Wimpernschlag weg geweht werden. Aber sie fliegt nicht davon.
    Ich klappe meinem Kragen wieder herunter und spüre, wie mir die Kälte in den Nacken kriecht. Mit verschränkten Armen beobachte ich Isa, wie sie die Kälte fühlt und genießt.
    Als sie sich wieder zu mir umdreht, ist ihr blasses Gesicht pfirsichfarben gerötet. „Es ist kalt“, stellt sie fest. Ihr Grinsen sorgt für ein warmes Gefühl in mir, obwohl sich die kalte Luft anfühlt wie eine zweite Haut. „Da könntest du Recht haben“, schmunzele ich.
    Isa begibt sich wieder an meine Seite. Obwohl sie still neben mir geht, merke ich, wie sie jede Einzelheit der Umgebung in sich aufsaugt. Ich kenne dieses Gefühl des Erwachens; wie Kälte einen wachrütteln kann. Mit den Augen tastet Isa die Eibenhecke links von uns ab, sie lauscht dem Knirschen des Kies unter unseren Schritten und atmet tief die frische Luft ein. Ich kann bloß daran denken, dass ich sie morgen nicht gehen sehen will.
    Ohne dass ich es gemerkt habe, spazieren wir genau auf das schmiedeeiserne Doppeltor zu, welches Malfoy Manor von der Außenwelt abschottet. Vor dem verschnörkelten Tor bleiben wir stehen. Isa richtet den Blick in die Ferne, er schlüpft zwischen Eisenstangen hindurch und flieht in die Ferne. Sehnsucht liegt in ihren kobaltblauen Augen. „Ich will morgen nicht gehen“, murmelt sie. „Ich will auch nicht, dass du gehst.“ Wir sehen uns an und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn ich nur könnte, würde ich für den Rest aller Zeit genau so wie wir sind hier stehen bleiben. Lieber friere ich für immer, als dass ich sie gehen lasse. „Komm her“, sage ich und ziehe Isa in meine Arme, „Nicht, dass du dich erkältest.“ Anders als gestern Abend erwidert Isa die Umarmung. Ich drücke ihr einen Kuss auf den Scheitel und schließe die Augen.
    Ein Räuspern.
    Mein Puls schnellt in die Höhe, beschützerisch stelle ich mich vor Isa und deute mit dem Zauberstab auf den Fremden, der auf der anderen Seite des Doppeltors steht. Was macht eine unbekannte Person hier? „Wer bist du?“, knurre ich, „Was willst du hier?“ Ich bin mehr als bereit, mich zu duellieren, doch der Andere macht nicht einmal Anstalten, den Zauberstab zu ziehen. Misstrauisch betrachte ich ihn. Der Mann ist vielleicht drei Jahre älter als ich und ist deutlich muskulöser. Trotz der Temperaturen trägt er nur ein T-Shirt. Mein Blick sucht das dunkle Mal, doch es ist nicht vorhanden. Doch was mich am meisten stört, ist das unverschämte Grinsen des jungen Mannes. Er strahlt, als wolle er der ganzen Welt zeigen, was für tolle Zähne er hat. Erst dann fällt mir auf, dass der ungebetene Besucher nicht mich ansieht.
    „Isa!“, stahlt er überschwänglich. Sie tritt hinter meinem Rücken hervor. Ich will sie an der Schulter zurückhalten, doch sie schüttelt meine Hand ab. „Sed?“, fragt sie überrascht. Ungläubig tritt sie näher und legt die Hände um das Eisen. „Ich hab mich schon gefragt, was aus dir geworden ist“, erklärt dieser Sed, „Gut zu sehen, dass du offensichtlich überlebt hast.“ „Offensichtlich“, stellt Isa fest. Sie klingt… erfreut. Stirnrunzelnd trete ich neben sie. Mein Unmut wächst. „Wer ist das, Isa?“ Sie wirft mir einen flüchtigen Blick zu. „Sed. Wir kennen uns aus dem Untergrund.“ „Er ist kein Todesser“, raune ich ihr zu. Mir kommt das verdächtig vor. „Ich bin nicht mal ein Werwolf“, schaltet sich Sed ein, „Wenn ihr mich jetzt reinlassen würdet?“ Isa nickt mir zu. Widerwillig lege ich meinen Zauberstab an das Schloss des Eisentores. Es schwingt lautlos auf.

    3
    Ich wende mich an Sed. „Du hast immer noch nicht gesagt, was du hier willst“, brumme ich unfreundlich. Endlich schenkt er auch mir Aufmerksamkeit. Seine hellen Augen gleiten mit einem prüfenden Blick an mir hoch und runter. Dann grinst Sed, als hätte er das gesehen, was er sehen will. „Du bist auch nicht schlecht“, erklärt er süffisant. Er stößt Isa leicht mit dem Ellbogen an. „Da hast du dir aber einen Süßen geangelt.“
    Isa und ich tauschen einen verdutzten Blick.
    „Um zu deiner Frage zu kommen“, fährt Sed fort, „Ich bin hier, weil ich Isa und Greyback begleiten werde.“
    Isas Miene hellt sich für meinen Geschmack zu sehr auf. „Wirklich?“, fragt sie.
    „Klar.“ Sed grinst weiter, während er einen Arm um Isa legt. Sie weicht nicht zurück. Diese Vertrautheit zwischen den Beiden gefällt mir ganz und gar nicht. „Gehen wir rein“, bestimme ich, „und dann möchte ich hören, wie ihr euch so gut angefreundet habt.“
    „Eine gute Idee“, meint Sed, „Aber vorher muss ich Isa ganz kurz entführen und unter vier Augen mit ihr sprechen. Ich hoffe, fünf Minuten ohne deinen hübschen Freund machen dir nichts aus, Isa?“ Er zwinkert mir zu. Ehe er sie mit sich zieht, halte ich Isa fest und flüstere ihr ins Ohr: „Ich vertraue dem Kerl nicht. Und das solltest du auch nicht tun.“ Doch Isa winkt bloß ab.
    Mit verschränkten Armen beobachte ich, wie sie sich Seite an Seite von mir entfernen.

    ~

    „Wie geht es dir?“, fragt Sed als allererstes.
    „Es ging mir schon schlechter“, antworte ich wahrheitsgemäß, „aber auch schon besser. Und… bei dir? Was ist passiert mit, du weißt schon…?“ Ich senke die Stimme.
    „Sie sind alle in Sicherheit“, beruhigt mich Sed, „Es hätte nicht besser laufen können. Dank dir. Wurdest du schwer verletzt?“
    Ich schlinge die Arme um meinen Körper und ziehe die Schultern hoch. „Die Vollmondnacht war nicht so schlimm“, murmele ich.
    „Aber?“, hakt Sed nach.
    Ich senke den Kopf, sodass meine langen Haare mein Gesicht verbergen. „Er hat mich zu den Werwolf-Kämpfen geschickt.“
    Sed bleibt ruckartig stehen. Plötzlich sieht er ungewohnt blass aus. „Das wollte ich nicht“, stammelt er, „Das ist meine Schuld. Bitte verzeih mir, Isa. Allein beim Zusehen von diesen Kämpfen bin ich… wie auch immer. Tut mir Leid. Wenigstens musst du nicht zurück, oder?“
    Ich nicke. „Ich bin froh, dass du uns begleitest“, flüstere ich, „Alleine mit Greyback oder irgendwelchen anderen Todessern wäre ich wahnsinnig geworden.“
    „Du musst nicht flüstern“, grinst Sed, „Greyback ist nicht hier, um dich zu belauschen.“
    Ich schaue zu Boden. „Weiß ich doch. Aber…“
    Sed legt einen Arm um mich. „Verstehe schon.“ Mit der freien Hand winkt er Draco zu, der uns mit verschränkten Armen aus der Ferne beobachtet. „Dein Freund ist echt zum Anbeißen“, meint Sed, „Ihr seid wirklich fest zusammen?“
    „Ähm“, mache ich, „Ja. Du findest wohl jeden süß, oder?“
    „Nicht jeden“, antwortet Sed gedehnt, „Aber ich kann jede… Person attraktiv finden. Wenn das deine Frage beantwortet.“
    „Ich habe doch gar nichts gefragt“, murmele ich beschämt. Sed lacht nur. „Woher“, fragt er, wie um das Thema zu wechseln, „Weißt du eigentlich schon, dass du nicht zurück in den Untergrund gehst? Greyback wollte eigentlich zusehen, wie deine Angst bis morgen früh immer weiter wächst.“
    Mein Blick wandert zu dem blassen Gesicht mit dem schwarzen Anzug. Ich spüre Hitze in meinem Gesicht, als ich antworte: „Draco hat mit ihm geredet. Irgendwie.“
    „So, so.“ Sed schmunzelt. „Dein heldenhafter Prinz also.“ „Er ist weder heldenhaft, noch ein Prinz“, widerspreche ich.
    „Ich weiß nicht“, überlegt Sed, „Bei dem Palast, in dem er wohnt…“
    „Das ist kein Palast, sondern ein Anwesen“, korrigiere ich.
    Sed zuckt mit den Schultern.
    Plötzlich fällt mir etwas ein. Ich werfe einen Blick über die Schulter, ehe ich flüsternd frage: „Hast du immer noch vor, Greyback… naja, zu töten?“
    Seds Miene verzieht sich. „Natürlich. Das ist mein Ziel. Ich würde so ziemlich alles und jeden dafür opfern, wenn du verstehst was ich meine.“
    Ich nicke. „Ich hoffe, du schaffst es.“
    Sed blickt mich an, als wolle er noch etwas hinzufügen, sagt aber bloß: „Wie auch immer. Wir sollten langsam zu Draco zurück gehen. Er sieht immer ungeduldiger aus, meinst du nicht?“

    4
    ~

    Als ich am Morgen aufwache, ist Isa nicht mehr bei mir. Ein ungutes Gefühl befällt mich und ich stürze zum Fenster. Gerade noch rechtzeitig erkenne ich drei Personen in der Ferne, die das Tor hinter sich lassen.
    Wieso hat sie sich nicht verabschiedet?
    Natürlich.
    Das macht es einfacher. Für uns beide.
    Isa lässt mich mit einem leeren Gefühl zurück. Die Erinnerung an unseren Streit gestern schmeckt bitter. Ein dummer Streit, den ich angefangen habe. Jetzt, wo Isa weg ist, komme ich mir kindisch vor. Wenn ich sie doch nur beschützen könnte… stattdessen mache ich ihr Vorwürfe und noch mehr Angst, als sie schon ertragen muss. Missgelaunt starre ich in den grauen Himmel. Ich will nicht weiter darüber nachdenken.
    An diesem Tag verlasse ich mein Zimmer nicht. Ich verspüre weder Appetit, noch den Drang, mich zu bewegen.
    Ich genieße meine Ruhe, bis es gegen Mittag an meiner Tür klopft. Ich gebe ein lustloses „Herein“, von mir. Meine Mutter betritt den Raum.
    „Ich möchte mit dir reden, Draco.“
    „Nur zu.“
    Mutter wirft mir einen missbilligenden Blick zu, lässt meine Unhöflichkeit ansonsten unkommentiert. „Dein Vater und ich haben beschlossen, dass du für eine Weile nach Hogwarts zurück kehren wirst.“ Erzürnt springe ich auf. „Wie bitte? Wieso? Ich kann doch nicht in die Schule gehen, während…“ Mein Blick wandert zum Fenster. „Ein wenig Normalität wird dir gut tun“, erklärt meine Mutter. Ihre Gefasstheit stachelt meinen Unmut bloß noch an. „Normalität“, spucke ich verächtlich aus, „Was ihr euch unter Normalität vorstellt-“ „Keine Diskussion“, unterbricht Mutter mich ruhig, aber bestimmt. „Aber… Es sind Ferien!“, protestiere ich hilflos. Ich stelle mir die zwölf Weihnachtsbäume in der großen Halle vor. Ob es die überhaupt noch gibt? Vermutlich nicht. „Diese Ferien kannst du mit deinen Freunden in Hogwarts verbringen.“ „Welche Freunde?“, frage ich höhnisch, „Ist dir klar, dass die meisten Leute Angst vor mir haben? Weil ich ein Todesser bin! Und das nur, weil meine Eltern mich in diese verdammte-“ „Es reicht“, sagt Mutter kalt. Mir wird klar, dass ich zu weit gegangen bin. „Du packst jetzt deine Sachen. Heute Abend reist du ab.“
    Kochend vor Wut blicke ich ihr hinterher. Was soll ich in Hogwarts? Meine Ausbildung kann ich vergessen, so wenig wie ich dieses Jahr dort war. Lustige Ideen haben meine Eltern. Zum Totlachen.

    ~

    Geblendet kneife ich die Augen zusammen. Dichter Schnee vernebelt die Sicht. Ich friere, trotz der Jacke, die ich mir von Draco… geliehen habe. „Wo sind wir?“, frage ich. Sed zuckt mit den Schultern. Greyback knurrt: „Das musst du nicht wissen. Es reicht, dass ich weiß, dass hier irgendwo Schüler gemeldet sind, die eigentlich in Hogwarts sein sollten.“ Er bleibt abrupt stehen und zieht irgendetwas aus seiner Manteltasche. Grinsend wirft er mir das lange Etwas zu. Überrascht fange ich – meinen Zauberstab auf. Fragend blicke ich Greyback an. „Wirst du brauchen“, erklärt er, „Ich denke, du wirst nicht noch ein zweites Mal versuchen, abzuhauen?“ Mit gesenktem Kopf verneine ich leise. Es ist ein komisches Gefühl, wieder im Besitz meines Zauberstabs zu sein. Ich weiß noch nicht, ob ich dem vertrauen soll. Auf jeden Fall werde ich vorsichtig sein.
    Nach einem gefühlt ewigen Lauf durch die Kälte stoßen wir auf eine kleine Holzhütte, an dessen Dach Eiszapfen hängen. Greyback bleibt stehen. „Da drin versteckt sich ‘ne Familie vor dem Ministerium. Dachten wohl, da sind die Kinder sicherer als in Hogwarts. Die Schüler sind elf und zwölf. Ihr nehmt die fest. Ich nehme mir die Eltern vor. So eine Verschwendung von reinem Blut…“
    Mit jedem Schritt, mit dem ich der Hütte näher komme, fängt mein Herz stärker an zu schlagen. Ich will das nicht tun. Aber ich habe keine Wahl.
    Ohne zu zögern tritt Greyback mit seinen schweren Stiefeln die zerbrechliche Holztür ein. Von drinnen dringen Schreie, Rufe. Ich umklammere meinen Zauberstab und konzentriere mich. Ich verschließe meine Ohren und Augen innerlich, blende alles aus und verschließe mein Herz. Kaltes Blut fließt durch meine Adern. Ich nehme bloß einzelne Bilder wahr. Ich marschiere hinter Greyback und Sed in die Hütte, den Zauberstab ausgestreckt. Ich bringe das jüngere Kind, ein schwarzhaariges Mädchen, nach draußen, gefolgt von Sed mit einem blonden Jungen. Aus der Hütte ist Flehen zu hören. Ich drücke dem Mädchen den Zauberstab an die Schläfe. Und warte. Mit verschlossenem Herzen. Dann ist es still. Sehr. Still. Sie weint.
    Plötzlich kommt Bewegung in Sed. Er stößt den Jungen von sich und deutet mit seinem Zauberstab auf die Hütte. Auch ich lasse das Mädchen los. „Lauft!“, bellt Sed, „Ihr findet hier bald einen Wald, dann immer bergab gehen. Dort liegt ein Dorf. LAUFT!“ Die Kinder lassen sich das nicht zwei Mal sagen und sind bald außer Sicht. „Was hast du vor?“, frage ich verwirrt. „Ich werde Greyback töten“, antwortet Sed mit kalter Entschlossenheit, „Heute. Jetzt.“ Fassungslos starre ich ihn an. „Aber… was? Wie willst du denn…“ „Eigentlich“, beginnt Sed, ohne mich an zu sehen, „Wollte ich die Hütte in Brand setzen, jetzt, wo er drin ist. Aber… ich will, dass er es weiß.“ Ich muss nicht fragen, was Sed meint. „Und was hast du jetzt vor?“ Ich habe Angst, Angst vor Greyback. Was ist, wenn Sed es versucht, aber nicht schafft? Hat er einen Plan? Sed packt mich am Arm. „Komm mit“, stößt er grob aus. Er zieht mich auf die andere Seite der Hütte. Beinahe direkt hinter der Hütte fällt der Boden steil nach unten ab. Ich kann nur vermuten, dass wir uns auf einem Berghang im tiefen Norden befinden.

    5
    Wahnsinn strahlt aus Seds zu hellen Augen, seine bronzefarbene Haut hat ein hässliches Rot angenommen. Auf einmal habe ich nicht nur Angst vor Greyback, sondern auch vor Sed. Voller Furcht lasse ich zu, dass der dunkelhaarige Schönling meinen Arm weiterhin umklammert.
    Ich bin wie erstarrt, als Greyback um die Ecke kommt; Sed jedoch nicht. „Expelliarmus“, schreit er. Greybacks Zauberstab fliegt auf Sed zu, und ich spüre, wie auch mein Stab meiner zittrigen Hand entgleitet. Was hat Sed vor? Greyback bleckt die gelben Zähne.
    „Was soll das, du Wurm?“, knurrt er, und kommt durch das Schneetreiben auf uns zu.
    „Stehen bleiben!“, zischt Sed. Ich verstehe nicht, was passiert, als Sed plötzlich einen Arm um meinen Hals legt, mich an sich presst und seinen Zauberstab in meine Wange bohrt. „Warum sagst du ihm nicht, was ich vorhabe?“, säuselt er in mein Ohr. Ich bekomme nur ein Piepsen heraus. „Ich weiß nicht, was du meinst.“
    Ich verstehe nicht, was hier vor sich geht. „Weißt du noch, als ich meinte, ich würde alles und jeden für meine Sache opfern? Du wirst Greyback von meinen Plänen erzählen, alles, was du weißt, die Kinder, mein besonderes Ziel, und ich lasse dich einen schnellen Tod sterben.“ Verzweifelt versuche ich, Seds Arm von meinem Hals zu bekommen. Doch er ist zu stark und ich bin zu angstvoll. „Ich verstehe das nicht“, gestehe ich mit zittriger Stimme, „Ich dachte, wir wären-“
    „Freunde?“ Sed lacht. „Ha, man sollte meinen, du würdest nicht mehr so schnell irgendwem vertrauen. Aber zu meinem Glück hast du dich leicht benutzen lassen. Los, erzähl es ihm endlich! Ich will, dass du es ihm sagst! Mein Ziel, und das mit den Kindern. MACH ENDLICH! Oder ich töte dich auf eine Weise, mit der du sicherlich nicht sterben willst.“
    „Du kannst mich doch nicht töten“, protestiere ich schwach.
    „Und ob ich kann“, erwidert Sed grinsend, „Du hast dich eben in mir getäuscht. Dachtest du, ich weihe einen echten Todesser in meinen Plan ein und lasse ihn am Leben, nachdem ich mein Ziel erreicht habe? Du könntest mich verraten. Also mach, oder muss ich es selbst tun?“
    Die Tränen auf meinem Gesicht brennen heiß in der kalten Luft. Wie kann Sed mir das nur antun? Durch den Tränenschleier kann ich nur verschwommen Greybacks tobendes Gesicht erkennen. Er ist wütend – aber er weiß auch, dass Sed gerade die Oberhand hat. Denn das hat er wirklich. Also beginne ich weinend zu erzählen: „Die Kinder. Welpen. Ich sollte dich ablenken, damit Sed sie in der Zeit raus schaffen konnte. Er wollte ihnen helfen. Und ich auch.“ Greyback stößt ein wütendes Knurren aus, doch ich rede immer weiter. „Sed will dich auch töten. Ich wollte ihn dabei unterstützen. Er sagt, seine Mutter war… ein Opfer von… dir und du bist sein… Deswegen will er dich umbringen. Und ich habe ihm meine Hilfe versprochen.“
    „Verdammte Schlampe!“, brüllt Greyback, „Wenn ich dich in die Finger kriege-“ Mit einem Wink seines Zauberstabs bringt Sed ihn zum Schweigen. Mit der Hand an meiner Kehle drückt er mich gegen die Hauswand und richtet seinen Zauberstab auf mich.
    Ich wappne mich für den Tod, doch er murmelt nur: „Petrificus Totalus.“ Gelähmt lehne ich an der Wand. Sed bringt sein Gesicht ganz dicht an meins. „Du sollst wenigstens noch sehen dürfen, wie ich deinen Peiniger umbringe“, raunt er, „Es war nett, dich gekannt zu haben, hübsches Mädchen.“ Dann wendet er sich wieder Greyback zu, der hinter Seds Rücken näher getreten ist. Die beiden Männer stehen sich fast direkt gegenüber. Sed breitet die Arme aus. „Dein Ende ist gekommen, Greyback. Ich bin dein Ende.“
    Doch Sed hat etwas vergessen.
    Ich wünschte, ich könnte meine Augen schließen.
    Oder schreien.
    Doch ich bin gezwungen, regungslos zusehen.
    Denn Sed hat vergessen, dass Greyback kein Mann der Worte ist. Noch ehe er den Zauberstabarm heben und auf Greyback richten kann, trifft die Faust des Werwolfs den Jungen mitten ins Gesicht. Blut spritzt auf den Schnee und mein Gesicht. Sed fliegt nach hinten, stolpert und – fällt. Den Abhang hinunter. Den Abhang des Berges. Außer Sicht. Die letzte Spur von ihm sind die kirschroten Blutspritzer auf dem blütenweißen Schnee.

    6
    Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe, zu schreien, doch so stehe ich da: Die Finger in mein Gesicht gekrallt, mit einem heiseren Schrei auf den Lippen. Ich weiß nicht, wann ich angefangen habe zu schreien. Doch ich weiß, was es bedeutet: Sed ist tot.
    Greyback tritt an mir vorbei, lehnt sich vorsichtig über die Kante, auf der Suche nach Sed. Offenbar sieht er, was er sehen wollte, denn er stößt ein zufriedenes Grunzen aus.
    Ich habe die Hände sinken lassen. Mit herabhängenden Armen bin ich erstarrt, zitternd, unfähig, mich zu rühren. Das kann nicht sein. Sed wollte Greyback töten. Er wollte mich töten. Und jetzt ist er tot.
    Durch den trüben Dunst meiner pochenden Gedanken bekomme ich mit, wie Greyback ein zweites Mal in der Hütte verschwindet. Doch es interessiert mich nicht. Er kommt wieder und ich weiß nicht, was er macht oder vorhat. Es interessiert mich auch nicht. Ich will nur, dass alles, was passiert ist, ungeschehen gemacht wird. Ich kann immer noch nicht begreifen, dass Sed mich umbringen wollte. Ich hätte auf Draco hören und ihm nicht vertrauen sollen. Aber es ist zu spät.
    Greybacks lautes Fluchen rüttelt mich wach.
    „Verdammte Scheiße“, knurrt er. Er hält seinen eigenen Zauberstab in der Hand, zerbrochen, und müht sich ab, ihn mit einem fremden Stab wieder zu reparieren. Doch die Magie wirkt nur lustlos und der Stab fällt sofort wieder auseinander. Unverständlich vor sich hin brummend und knurrend schiebt er die zerstörten Überreste in seine Tasche. Mir fällt ein, dass er sich vermutlich nicht die Mühe gemacht hat, auch meinen Zauberstab von Seds abgestürztem Körper herbei zu rufen. Als nächstes fällt mir ein, dass Greyback sehr, sehr, sehr wütend auf mich sein muss. Angst kriecht meine Kehle hoch, als er sich mir nähert. Den Zauberstab, den er sich von seinen Opfern in der Hüte genommen hat, trägt er immer noch.
    „Du lernst auch echt nichts, oder? Guck mich an!“ Ich presse mich mit dem Rücken an die harte Holzwand und hebe langsam den Kopf. Greyback tobt vor Wut. „Du wolltest mich also umbringen? Hab ich dir nicht beigebracht, dich nicht gegen mich zu wehren? Kleine Verräterin! Dafür wirst du bezahlen. Offenbar war es dir bis jetzt noch nicht genug!“ Sein Blick wandert von mir zu seinem neuen Zauberstab und wieder zurück. Dann steckt er den Stab weg.
    Der erste Schlag trifft mich in den Magen. Der zweite gegen die Schläfe. Ich stürze und finde mich im Schnee wieder. Die Arme schützend vor meinem Gesicht harre ich aus und lasse zu, dass Greyback seine Wut an mir auslässt, wohlwissend, dass der Schnee meine Schreie verschlucken wird.

    ~

    Mit auferzwungener Disziplin sitze ich an dem Schreibtisch im Schlafsaal der Schulsprecher und mühe mich mit einem Zaubertrank-Aufsatz ab. Missgelaunt setze ich den Federkiel so stark auf das Pergament, dass die Spitze der Feder abbricht. Ich will sie gerade reparieren, als es an der Tür klopft.
    Ich könnte mich nicht mehr wundern, als Blaise seinen Kopf zur Tür herein streckt. „Draco?“ „Was gibt es?“ Eigentlich will ich nicht so unfreundlich sein… aber meine Laune lässt es nicht anders zu. „Ich hab dich ewig nicht gesehen, Mann.“ „Ich war ja auch kaum hier“, brumme ich als Antwort. Blaise schließt vorsichtig die Tür hinter sich. Ich seufze. Mir ist klar, was das hier werden soll. „Hör zu“, stöhne ich und stehe auf, „Ich weiß nicht wer, aber ich weiß dass dich jemand geschickt hat. Du kannst also sofort wieder verschwinden. Ich habe nicht das Verlangen, irgendjemandes Gesellschaft zu teilen, besonders nicht so gezwungen. Du musst dich nicht mit mir herumschlagen, vielen Dank.“
    Mein einstiger Freund blickt mich aus seinen dunklen Augen an. „Willst du mich beleidigen, Draco?“, fragt er mit verschränkten Armen, „Als ob ich mich schicken lassen. Wenn ich etwas tun will, dann tue ich das auch, wenn nicht dann nicht. Also noch mal zum Mitschreiben: Niemand schickt mich. Ich bin wegen dir hier, Mann.“ Mit erhobenen Brauen erwidere ich seinen grimmigen Blick. „Und was genau willst du von mir?“ „Ich will, dass du aufhörst, dich zu verkriechen. Komm doch mal in den Gemeinschaftsraum, verdammt. Trink ein Butterbier mit uns. Hilf mir bei den Hausaufgaben.“ Ich setze mich wieder und wende den Blick ab. „Ich habe andere Dinge im Kopf.“ Blaise stöhnt. „Genau deswegen sollst du ja hier raus kommen! Es mag sein, dass du deine Freunde, dein Haus und überhaupt alles vernachlässigt hast, aber dir verzeiht man sowas.“ In seiner Stimme kann ich hören, wie er das dunkle Gesicht zu einem Grinsen verzieht. „Besonders unsere Mädels vergeben dir deine Abwesenheit garantiert.“ Verwirrt runzele ich die Stirn. Als ich nicht antworte, tritt Blaise näher. Mit verschwörerisch gesenkter Stimme fährt er fort: „Die freuen sich, wenn sie dein hübsches Gesicht mal wieder sehen. Und, Draco, niemand würde es dir übel nehmen, wenn du dir mal… wen anders suchst, weißt du? Obwohl du dieser anderen da versprochen bist, oder wie auch immer das war. Such dir ein gesundes Mädchen ohne Narben und hab ein bisschen Spaß, wenn du verstehst was ich meine.“
    Der Federkiel mit der abgebrochenen Spitze knackst in meiner geballten Faust ein zweites Mal. Ich zwinge meinen aufkochenden Zorn in mein Inneres zurück. Blaise kann es nicht wissen. Er kann ja nicht wissen, dass ich Isa nicht bloß ‚versprochen‘ bin. Trotzdem würde ich ihm jetzt gerne den Hals umdrehen.
    „Was ist denn mit dir los?“
    Ich starre auf meine geballte Faust. Blaise klingt so überrascht wie nur selten. „Ist was, man?“, fragt er noch einmal. Verkrampft suche ich nach den richtigen Worten. „Sie…“ „Sie?“ Ich blicke auf, als es in Blaise‘ dunklem Gesicht beginnt zu dämmern.
    „Alter“, sagt er gedehnt, „Jetzt sag nicht, dass du dich in die verschossen hast.“ Er klingt so entgeistert, dass ich den Blick wieder abwende. „Nein“, antworte ich sachlich, „Ich habe mich nicht in Isa verschossen, wie du es nennst.“ Vorsichtig tippe ich mit dem Zauberstab auf die Feder und beobachte, wie sie sich sanft wieder zusammenfügt. „Ich liebe sie.“
    Blaise gibt eine Art Stöhnen von sich. „Krass“, lautet sein geistreicher Kommentar. „Ich meine…“, fährt er fort und tritt näher, „Sowas hast du ja noch nie von dir gegeben. Wenn ich mich recht erinnere…“
    „Du erinnerst dich recht“, ahme ich ihn nach. Noch immer kann ich nicht den Blick heben. Diese Unterhaltung ist unangenehm. „Krass“, wiederholt Blaise, „Also… keine anderen Mädels für dich. Hab ich das richtig verstanden?“ Ich strecke mich und stehe auf. „Mehr oder weniger.“
    Auf einmal funkelt Tatendrang in Blaise‘ Augen. „Aber Butterbier trinken darfst du ja wohl noch, oder?“ Unterdrückt seufzend muss ich mir eingestehen, dass ich diese Schlacht verloren habe. Vielleicht hat Blaise recht, und mir tut ein bisschen Normalität gut.
    „Butterbier geht immer“, erwidere ich. Heute darf‘s vielleicht auch mal ein Feuerwhisky sein, füge ich in Gedanken hinzu, während ich Blaise auf den Gang folge.

    7
    Bei Merlins Bart.
    Mein Kopf schmerzt wie wahnsinnig. Genauso wie mein Nacken. Und mein Rücken.
    Ächzend setze ich mich auf – und kippe fast vorn über. Ich sitze bereits – mehr oder weniger – aufrecht in einem der flauschigen Sessel im Gemeinschaftsraum der Slytherins. Habe ich hier… geschlafen? Es sieht ganz so aus.
    Stöhnend knacke ich meinen Nacken und lasse den Blick durch den Raum wandern. Es muss noch früh sein, denn er ist fast verlassen. Ich entdecke Blaise, der lang ausgestreckt auf einem Sofa liegt. Offenbar hat er es mir gleich getan, und kurzerhand im Gemeinschaftsraum übernachtet.
    Ich wage erst gar nicht den Versuch, auf zu stehen, und bleibe sitzen. Angestrengt suche ich nach Bildern in meinem Kopf von der vergangenen Nacht. Ich habe den Geschmack von Butterbier in meinem Mund, und den von Feuerwhisky und Nesselwein und… Vermutlich hätte ich das nicht tun sollen. Aber irgendwie war es doch ganz lustig… gestern zumindest. Heute eher weniger.
    Mein Blick fällt auf einen dekorativen Schädel, der am Boden liegt. Er ist seltsam beschmiert und irgendetwas sagt mir, dass ihn ein paar Leute letzte Nacht mithilfe von Pansys Schminke verschönern wollten. Ob ich selbst dabei war, kann ich nicht sagen.
    In dämmrigen Halbschlaf verbringe ich noch einige Zeit in meinem Sessel.
    Als sich mein Kopf nicht mehr bei jedem Wimpernschlag dreht, stehe ich auf. Mit schleppendem Gang mache ich mich auf den Weg zum Schlafsaal der Schulsprecher und lasse den tief schlafenden Blaise zurück.
    Wenigstens hat der gestrige Abend seinen Zweck erfüllt: Ich habe jetzt andere Dinge im Kopf. Oder, um ehrlich zu sein, habe ich gerade ziemlich wenig im Kopf. Jetzt freue ich mich nur auf mein Bett, die warme Bettdecke und das kuschelige Kissen und Schlaf.
    Doch als ich die Tür zu dem Zimmer aufstoße, erwartet mich eine böse grinsende Überraschung. Verwirrt starre ich Alecto Carrow an. „Guten… Morgen“, bringe ich schließlich über meine schweren Lippen. Die Professorin betrachtet mich mit einem Blick, den ich nicht verstehe.
    „Guten Morgen.“

    Snape schlägt mit den Handflächen auf den Schreibtisch und ich zucke zusammen. Überall würde ich jetzt lieber sein, als in diesem Büro. Immerhin durfte ich mich setzen, bevor der selbsternannte Schulleiter seine Standpauke anfing.
    „Ich habe Sie nicht zum Schulsprecher ernannt“, zischt dieser eben, „Damit Sie irgendwelche merkwürdigen Siebtklässlerparties mitmachen und sich betrinken!“
    „Ich hab nich‘… Es war nicht meine Idee.“ Mir ist plötzlich bewusst, wie langsam die Worte sich in meinem Mund formen und wie schwer sie sich anhören. Bemüht setze ich mich gerader hin. „Professor Snape, ich-“
    „Ich will keine Ausreden hören, Mr Malfoy!“ Snape erhebt sich von seinem Platz. „Am liebsten würde ich Sie von der Schule werfen!“
    Erschrocken zucke ich zusammen. „Aber“, stammele ich, „Aber… was hab ich denn… Sie können nicht… Jeder Schüler macht doch mal…“ Jetzt rausgeworfen zu werden, wäre fatal. Ich kann mir das Gesicht meines Vaters nur zu gut vorstellen.
    „Sie sind Schulsprecher!“, donnert Snape, „Und Sie stehen in den Diensten des dunklen Lords! Da erwartet man mehr Verantwortung, haben Sie das verstanden?“ Seine lauten Worte dröhnen in meinem Kopf. „Ich habe die Anweisung des dunklen Lords, persönlich dafür zu sorgen, dass Sie vernünftig ausgebildet werden, aber das funktioniert nicht, wenn sie kaum in der Schule sind und wenn doch, so viel Unterricht verpassen!“ Snapes Umhang flattert wütend um ihn herum.
    „Unterricht verpassen?“, frage ich langsam.
    „Es ist zwei Uhr nachmittags!“
    Deshalb also war es im Gemeinschaftsraum so leer… nicht, weil es früh morgens, sondern weil bereits Unterricht war. „Oh“, bringe ich nur heraus.
    Snape will gerade fortfahren, da klopft es plötzlich an der Tür. Der andere Carrow, Amycus, streckt den Kopf zur Tür hinein.
    „Professor? Für Sie. Es soll wichtig sein.“
    Offensichtlich genervt nimmt Snape die Pergamentrolle entgegen. Ich beobachte, wie er sie ohne Umschweife entrollt und liest. Sein Gesichtsausdruck wird immer finsterer. Als er zu Ende gelesen hat, knallt er das Pergament mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Einen Moment starrt er vor sich hin, dann stößt er einen derben Fluch aus, den ich nie von ihm erwartet hätte. Schließlich fällt sein Blick wieder auf mich.
    „Sie bleiben da sitzen und rühren sich nicht vom Fleck“, befiehlt er, ehe er aus dem Büro rauscht.
    Einen Moment tue ich tatsächlich, was er sagt, und bleibe sitzen. Ich will mir nicht noch mehr Probleme einhandeln. Doch mein vernebeltes Gehirn sagt mir, dass diese Schriftrolle auf dem Schreibtisch wirklich interessant aussieht…
    Mit nervig ungeschickten Fingern streiche ich das Pergament glatt und beginne zu lesen. Mein Blick klebt an den Worten, obwohl sie gleichzeitig verwirrend und angsteinflößend sind.
    Wer… wurde tot gefunden? Seitdem nichts mehr gehört? Was ist los?
    Die Schrift verschwimmt vor meinen Augen, ungeduldig reibe ich mit der Hand darüber. Und lese von vorn. Ich lasse den Brief wieder auf den Schreibtisch fallen.
    „Verdammt“, rutscht es mir heraus, „Verdammt, verdammt, verdammt.“

    8
    ~

    Die Tür hängt schief in den Angeln und wird noch schiefer, nachdem Greyback und ich den Laden betreten haben. Unbehaglich blicke ich mich in dem staubigen Raum um. Ich war nicht mehr hier, seit… eigentlich war ich nur ein Mal hier.
    Ich kann mir denken, weshalb Greyback uns in diesen Laden bringt. Er braucht einen neuen Zauberstab, einen, der besser mit ihm arbeitet als der gestohlene. Und an Zauberstäben mangelt es im verlassenen Ollivanders nicht: Obwohl der Inhaber längst verschwunden ist, stapeln sich noch immer regalweise Zauberstäbe an den Wänden.
    Mit hängenden Schultern bleibe ich stehen und beobachte aus den Augenwinkeln, wie Greyback wahllos ein paar Schachteln aus den Regalen zieht. Je länger er beschäftigt ist, desto besser.
    Jede Faser in meinem Körper schmerzt. Ich betrachte etwas Schnee, der noch auf meinen Schuhspitzen hängt und langsam schmilzt. Das Apparieren hat meinen Körper noch weiter erschöpft, genau wie die eiskalte Nacht in der Hütte im Eis. In meinem Kopf drehen sich die selben Gedanken immer und immer wieder im Kreis, begleitet vom Pochen meiner verletzten Körperteile.
    Ich kann nicht mehr.
    Ich will nicht mehr.
    Ich kann nicht mehr.
    „Herkommen“, befiehlt Greyback. Ich setze einen Fuß vor den anderen, langsam, mechanisch, und bleibe vor ihm stehen. Er zwingt mich, den Kopf zu heben, und hält mir einen Zauberstab unter die Nase. Mit prüfendem Blick geht er zwei Schritte zurück, den Stab immer noch auf mein Gesicht gerichtet.
    Obwohl ich mir denken kann, was jetzt kommt, verspüre ich keine Angst. Nicht wirklich. Ich spanne den Körper an und wappne mich, für was auch immer kommen wird. Aber ich zittere nicht. Ich habe nicht das Gefühl, gleich weinen zu müssen. Ich hoffe nur, dass es nicht lange dauert.
    Ein Brennen zieht sich über meine Wange, als wäre ich an einem spitzen Dorn hängen geblieben. Ich rege mich nicht, anders als Greyback. Der stößt einen Fluch aus und wirft den Zauberstab achtlos beiseite.
    Die nächsten Stäbe, die er ausprobiert, funktionieren ähnlich. Ich kann mir nur vorstellen, wie mein Gesicht mittlerweile aussieht. Jedes Mal fühlt es sich etwas anders an. Kalt, heiß, brennend, stechend, prickelnd. Aber Greyback ist nie zufrieden.
    Ich weiß nicht, der wievielte Stab es ist, aber zum ersten Mal entfährt mir ein kleiner Schmerzenslaut. Ich hebe die Hand an mein Gesicht. Meine Finger glänzen rot. Langsam hebe ich den Blick und finde Greybacks triumphierendes Grinsen.
    Als wir den Laden wieder verlassen, erhasche ich in einem der verstaubten Fenster einen Blick auf mein Spiegelbild. Ich kann nicht anders – ich bleibe für einen Moment stehen.
    Mehr oder weniger tiefe Kratzer zieren mein Gesicht, ein besonders tiefer, aus dem ein wenig Blut läuft. Ein blaues Auge. Zerzauste Haare. Aufgeschlagene Lippen und Male an meiner Kehle.
    Hinter mir höre ich Greyback lachen, während ich mein Entsetzen zu verstecken suche.

    Der eisige Wind fährt mir unter die Kleidung. Ich ziehe Dracos Jacke fester um mich und bilde mir ein, seinen Duft wahrzunehmen. Nach Apfel und Pergament und Tee. Ein Seufzen entflieht meinen Lippen. Ich verscheuche die Gedanken und konzentriere mich nur auf meine Schritte, immer hinter Greyback her, der durch irgendwelche Seitenstraßen schreitet, wohin auch immer. Ich darf mir diese Sehnsucht nicht erlauben. Sie würde mich kaputt machen… nein. Das bin ich schon. Sehnsucht würde mich schwächen, schwächer machen, als ich es mir leisten kann.
    „Wir statten jetzt jemandem einen Besuch ab“, erklärt Greyback aus dem Nichts. „Jemand, dem ich eine Lektion erteilen muss. Sobald wir da sind, kriegst du deinen Zauberstab und-“
    „Meinen was?“, rutscht es mir heraus. Meinen… Zauberstab? Aber ich dachte, Greyback hätte den im Schnee gelassen, bei… Ich kann den Namen noch nicht einmal denken.
    Greyback knurrt. „Deinen Zauberstab. Ohne bist du ja doch zu nichts zu gebrauchen.“ Er verschnellert seine Schritte noch, sodass ich Mühe habe, mit meinen schmerzenden Beinen hinterher zu kommen.
    „Hast du… keine Angst, dass ich dann damit abhaue?“, frage ich nervös.
    Greyback dreht sich nicht zu mir um, aber ich höre sein bellendes Lachen. „Und wo würdest du dann hingehen?“
    Ich verfalle wieder in Schweigen. Er hat Recht. Er hat mich in der Hand. Wo sollte ich hin? Zu jemandem auf Voldemorts Seite, der mein Freund ist? Dann werde ich nur zu Greyback zurück geschleift.
    Zu jemandem von der anderen Seite? Die würden mich vermutlich töten, weil ich ein Todesser bin. Oder auch nur gefangen nehmen.
    Greyback hat recht. Ich kann zu niemandem. Ich habe niemanden. Ich bin alleine. Er hat recht. Noch einmal laufe ich nicht weg… Das habe ich bereits gelernt.
    Als Greyback fortfährt, höre ich den Sieg in seiner Stimme. Den Sieg über mich.
    „Was ich gerade sagen wollte… du wirst diese Person bewachen, während ich mich um seine Frau kümmere. Mal sehen, ob er dann mehr Lust hat, mit mir zusammen zu arbeiten.“ Er lacht laut auf, voller Vorfreude und Gier. Ich kann schon vor mir sehen, was in seiner Vorstellung vor sich geht, was er vorhat. Ich weiß nicht, was plötzlich in mich gefahren ist, aber ich bleibe wie angewurzelt stehen.
    Nein.
    Nein.
    Nein.
    Erst bemerkt Greyback nicht, dass ich stehen geblieben bin und marschiert weiter die Gasse entlang. Irgendwann dreht er sich um, Ungeduld im Gesicht. „Wo bleibst du?“, blafft er, während ich ihn erst nur anstarren kann. Dann formt sich etwas in mir und das Gefühl wird deutlicher. Es ist Unverständnis. Dieses Gefühl formt sich zu einem Wort, das unendlich lange braucht, um über meine Lippen zu kommen.
    „Warum?“

    9
    Trotz der Kerzen und dem schummrigen Licht ist mir immer noch kalt. Unruhig rutsche ich auf der unbequemen Bank hin und her. Gemeinsam mit Greyback sitze ich in einer winzigen Bar in der Nokturngasse und warten – auf wen, das weiß ich nicht. Jemand, der Greyback dabei helfen wird, der anderen Person die ich nicht kenne, eine Lektion zu erteilen. Was auch immer das heißen mag. Greyback hat seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und mir befohlen, den Kopf zu senken. Als ob ich das nicht schon von alleine die ganze Zeit tun würde. Dennoch… die Art, wie er das gesagt hat, wirft Fragen in mir auf.
    Mir graut schon davor, wenn wir das geplante Vorhaben umsetzen werden. Mein eigenes Leben ist längst ruiniert, vorbei, tot, aber weiter dabei mitwirken, andere Leben zu zerstören? Ich habe bereits mehr auf dem Gewissen, als mir lieb ist.
    Eine knapp bekleidete Bedienung stellt stark riechenden Alkohol vor Greyback ab, zusammen mit etwas Brot.
    Ich senke den Blick und starre auf meine ineinander verkrampften Hände, während ich den Duft des Brotes auszublenden versuche. Bei Merlin, habe ich Hunger… Aber ich habe Angst, es mir anmerken zu lassen. Mit Essen sah es in der letzten Zeit nie wirklich gut aus, aber die letzten Tage… Zuletzt etwas zu mir genommen habe ich im Malfoy Manor, und selbst da nicht besonders reichlich.
    Greyback gibt ein ungehaltenes Knurren von sich. „Du sollst auch nicht verhungern.“ Zögerlich blicke ich auf. Er wirft mir einen abschätzigen Blick zu, ehe er sich seinem Getränk zuwendet. Keine Ahnung, ob ich das richtig verstanden habe, aber ich nehme meinem Mut zusammen und nehme mir etwas von dem Brot.
    „Greyback.“
    Das alte Holz knarrt, als sich uns gegenüber eine Gestalt nieder lässt, die die Kapuze noch tiefer im Gesicht hängen hat als Greyback. Der sieht merkwürdig erleichtert aus und nickt der Person zu. Nach einem kurzen Blick durch den Pub enthüllt der Fremde sein Gesicht und offenbart kurze graue Haare und zerfurchte Haut. Er sieht… alt aus. Kein bisschen bedrohlich. Wäre da nicht dieses merkwürdige glänzen in seinen dunklen Augen. Als wüsste er etwas, das sonst niemand weiß, als… aber vielleicht bin ich auch bloß paranoid. Der Fremde erwidert meinen Blick und ertappt schaue ich weg.
    „Es ist also sicher?“, fragt Greyback gerade mit gesenkter Stimme. Mir ist nicht entgangen, dass er sich um irgendetwas zu sorgen scheint – was sehr untypisch ist. Aber was sollte ihm schon Sorgen machen?
    „Sonst wäre ich nicht hier“, erklärt der ältere Mann. Sein Blick wandert von Greyback wieder zu mir. Dann fragt er: „Wann ist es denn passiert?“
    Greyback fühlt sich sichtlich unbehaglich. „Gestern“, antwortet er knapp.
    „Gestern“, wiederholt der andere nachdenklich. „Aber er war doch kein-“
    „Nein“, unterbricht Greyback ihn, „Weder das eine noch das andere. Trotzdem hatte ich Anweisungen. Du kannst dir nicht vorstellen…“, er schüttelt den Kopf, „Ich will ja nicht untertauchen. Aber ein bisschen Abstand ist sicherer.“
    Ich habe keine Ahnung, worüber die beiden sich unterhalten, dennoch höre ich mit gespitzten Ohren zu. Es sieht fast so aus, als hätte Greyback Angst vor irgendetwas… oder irgendwem… aber wem? Voldemort? Weshalb sollte Greyback auf einmal Angst vor ihm haben?
    „Nun“, meint der Fremde, „Es geht mich ja nichts an. Ich war bloß neugierig. Aber kommen wir zum eigentlichen Geschäft: Ich erledige das, worum du mich gebeten hast. Aber dafür will ich, dass du bei Gelegenheit auch meine Organisation unterstützt. Du weißt, normalerweise mache ich sowas nicht. Das ist schmutzige Arbeit, Greyback. Und es ist schon schlimm genug. Ich halte nichts von deinen Methoden. Aber ich sehe auch, wie viel Macht du mittlerweile in der Branche hast, also… Sind wir im Geschäft?“

    10
    „Branche“, schnaubt Greyback abfällig. Er scheint etwas an Selbstbewusstsein zugenommen zu haben. „Geschäft… Wir leben in anderen Welten, Jones. Natürlich ist das schmutzig, aber was soll‘s? Du weißt doch aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist.“
    Der alte Mann lächelt leicht. „Ja, das weiß ich. Und aus eben diesem Grund zwinge ich nicht irgendwelchen Leuten mein Schicksal auf, nur weil es mir gerade so passt. Dieses Mal ist eine Ausnahme. Ich möchte mich nicht mit dir streiten, Greyback. Ich will, dass wir zusammen arbeiten, egal, wie gegensätzlich unsere Moralvorstellungen sind. Also, sind wir...“
    „Ja“, knurrt Greyback, „Wir sind im Geschäft, wenn du es so nennen willst.“
    Der Fremde nickt und will schon wieder aufstehen, da hält Greyback ihn zurück. „Warte noch“, meint er, „Die hat mich vorhin gefragt, warum wir das tun.“
    Ich zucke unmerklich zusammen. Stimmt, und auf diese Frage hatte Greyback keine Antworten für mich. Stattdessen sind wir hier gelandet.
    Wieder spüre ich den neugierigen Blick des fremden Mannes auf mir. Er räuspert sich und sagt: „Das würde ich mich auch fragen, wenn ich mir so deine Arbeit ansehe, Greyback. Es ist wirklich kompliziert, da das Gute und den Sinn herauszulesen.“ Der Mann, Jones, lehnt sich vor und mustert mich. „Ich weiß, wie… grausam es scheinen mag – aber wir kämpfen bloß für unsere Rechte. Der Mann, dessen Frau wir – oder in diesem Falle ich – entführen und zum Werwolf machen werden, spricht sich seit Jahren gegen Werwölfe aus. Er ist leider ein recht hohes Tier im Ministerium und er ist der Ansicht, Werwölfe sollten keinen Platz in der Gesellschaft haben. Dem stimmen viele zu und das heißt im Klartext für uns, dass wir kaum eine Chance auf einen guten Beruf oder eine Ausbildung haben. Die Gesellschaft ist voll von Vorurteilen Werwölfen gegenüber.“
    „Kein Wunder“, sage ich und bin im selben Moment noch von mir selbst überrascht. „Wenn Werwölfe herumlaufen und jeden beißen, der ihnen nicht passt – dann ist das nur verständlich.“
    Greyback sieht genauso überrascht von meinem frechen Ton aus wie ich mich fühle, doch in Jones‘ Gegenwart scheint er es nicht zu wagen, mich womöglich anzugreifen.
    „Nun“, erwidert Jones milde lächelnd, „Vielleicht hast du Recht. Aber wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Wenn der werte Herr aus dem Ministerium feststellt, dass er seine Frau auch als Werwolf noch schätzt und liebt, dann wird er das laut sagen. Viele werden sich von den Worten eines solch einflussreichen Mannes mitreißen lassen – gut für uns.“
    Langsam nicke ich. „Das verstehe ich.“ Meine Gedanken wandern zu Draco, der mich hoffentlich auch noch schätzt und liebt.

    „Vor wem verstecken wir uns überhaupt?“, frage ich, nachdem Jones verschwunden ist, „oder was?“
    Greyback blickt mich aus schmalen Augen an. „Warum denkst du, wir würden uns verstecken?“
    Um ihn nicht ansehen zu müssen, streiche ich meinen Pullover glatt und ritze dann mit meinen Fingernägeln Muster in das weiche Holz des Tisches. „Du hast Angst“, sage ich, „Aber ich weiß nicht warum.“
    Greyback knurrt leise. „Willst du noch ‘ne dicke Lippe, Kleine?“
    „Nein“, sage ich deutlich und schaue hoch, „Ich möchte eine Antwort.“

    ~

    Als Snape zurückkommt, bin ich auf meinem Stuhl halb eingeschlafen. Schwerfällig blinzelnd setze ich mich aufrecht hin.
    Snape, mit noch finsterer Miene als üblich, setzt sich auf die andere Seite des Schreibtisches mir gegenüber. Sein grimmiger Blick fällt auf die Pergamentrolle… und wandert dann zu mir. „Mir scheint es“, sagt er mit eisiger Stimme, „Mr Malfoy, als wollten Sie diese Schule umgehend verlassen. Leider wird mir das nicht gestattet. Nun, ignorieren wir-“
    „Ich hatte sie gewarnt.“ Die Worte quälen sich über meine schwere Zunge, bevor ich sie aufhalten kann. „Er ist tot, der Werwolf hat ihn umgebracht, ich hatte ihr gesagt dem nicht zu vertrauen, und jetzt ist er tot, wenn er tot ist, dann kann sie auch tot werden, oder?“
    „Genug!“, unterbricht der schwarzäugige Schulleiter meinen holprigen Redeschwall. „Genug. Sie scheinen die eigentliche Problematik nicht zu begreifen. Aus demselben Grund, weshalb ich Sie nicht von der Schule weisen darf, haben alle Todesser die Anweisung, keinen Anhänger oder potentiellen Unterstützer unseres dunklen Lords zu töten: Wir brauchen stärkere Reihen. Wir können Gefangene nehmen, den Imperius-Fluch und andere motivierende Methoden anwenden – doch zur Zeit soll niemand getötet werden. Niemand von uns, versteht sich.“ Eine zornige Falte bildet sich auf seiner Stirn. „Greyback hat diese Regel missachtet. Das kann der dunkle Lord nicht tolerieren. Der Werwolf wird gesucht. Aber wenden wir uns wieder Ihnen und Ihren – im Vergleich nichtigen – Regelverletzungen zu.“
    Ich stöhne auf und reibe mir die Augen. Diese Informationen überlasten meinen ohnehin pochenden Kopf.
    Snape nimmt Pergament, Feder und Tinte zur Hand. „Eine Notenabstufung in Ihren wichtigsten Wahlfächern scheint angebracht, denke ich“, sagt er, und beginnt zu schreiben.
    „Was?“, stoße ich überrascht und entsetzt gleichermaßen aus, „Aber… Können Sie mir nicht einfach Hauspunkte abziehen oder so?“
    Mein Schulleiter blickt nicht einmal auf. „Es gibt keine Häuser mehr, Mr Malfoy. Ich bleibe dabei.“ Er überfliegt seine Notizen und sagt: „Wenn Sie so weiter machen, werden Sie wohl kaum einen Abschluss schaffen, der Ihren Namen Ehre verschaffen würde. Ich erwarte mehr Disziplin.“ Geschäftig verstaut er das Pergament in einer Schublade. „Das wäre alles, Mr Malfoy. Sie sind entlassen.“

    11
    „Oh man“, sagt Blaise und klopft mir auf die Schulter, „Da entschuldige ich mich. Schließlich war es meine Schuld – ich habe dich überredet…“
    „Was soll‘s“, gähne ich und strecke mich ausgiebig, wobei ich noch etwas tiefer in dem schwarzen Polster des Sofas im Gemeinschaftsraum versinke. „Wenn meine Noten so schlecht sind, dass ich von der Schule fliege, ist wenigstens Snape glücklich. Leider ist es mir nicht gestattet, Sie von der Schule zu werfen, Mr Malfoy. Eine Notenabstufung scheint angebracht, Mr Malfoy. Das ist alles, Mr Malfoy.“ Missmutig starre ich in die prasselnden Flammen im Kamin und lausche dem vertrauten Hintergrundgemurmel der anderen Schüler im Gemeinschaftsraum.
    Blaise sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Was soll‘s? Das sieht dir aber gar nicht ähnlich. Hast du keine Angst, was dein Vater dazu sagen würde? Überhaupt – seit wann scherst du dich nicht um deine Noten? Das hört sich an, als stündest du echt auf der Kippe!“
    Ich erwidere Blaise‘ fragenden Blick mit einem Schulterzucken. „Was erwarten die denn von mir? Ich war die meiste Zeit des Jahres nicht mal hier! Soll ich mich hinsetzen und alles nacharbeiten?“
    „Ja!“, entgegnet Blaise einfach. „Genau das würde der Draco tun, den ich kenne; den wir alle kennen. Man, dein Ehrgeiz früher ging ja sogar mir auf den Zeiger! Du wolltest Klassenbester, Jahrgangsbester sein, die einzige Frage bei dir war, ob du lieber Bänker wirst oder ins Ministerium gehst.“
    „Wer auch immer das war“, murmele ich.
    Blaise lehnt sich vor und mustert mich aus dunklen Augen. „Das klingt so, als wäre dir das komplett egal, man.“
    „Das ist es.“ Ich weiche seinem Blick aus. „Wenn du willst, geh und such nach meinem Ehrgeiz, wenn dich das glücklich macht – ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Nimm Snape gleich mit, dann könnt ihr euch über meine Unverantwortlichkeit austauschen. Ich hoffe, unser werter Schulleiter verdurstet bei dieser Reise.“ Die Worte sprudeln regelrecht aus mir hervor. Es tut mir Leid, dass ich Blaise gegenüber so biestig bin – doch bereuen tue ich meine Worte nicht.
    „Vielleicht solltest du das Snape mal ins Gesicht sagen“, schlägt Blaise mit einem Grinsen vor.
    „Vielleicht sollte ich das.“
    Blaise Grinsen verwischt. „Draco, im Ernst… das klingt, als würdest es darauf anlegen, so schnell wie möglich rausgeworfen zu werden.“
    „Vielleicht tue ich das.“ Nun ist es an mir, über Blaise entgeistertes Gesicht zu grinsen. Dabei ist mir gar nicht danach. Es fühlt sich an, als hätte ich etwas Schweres im Magen.
    „Man, hörst du eigentlich, was du da redest?“ Blaise fuchtelt mit den Händen vor meinem Gesicht herum. „Wenn du dich nicht bald zusammenreißt, wirst du das verdammt noch einmal bereuen! Alter, mach es doch nicht noch schlimmer, als es ohnehin ist…“
    Mein Grinsen versteinert. Ein kaltes Gefühl macht sich in mir breit. „Ich…“ Ich schlucke. „Ich hab keine Lust mehr, tatenlos hier herumzusitzen, während-“ Ich wende mich ab.
    Ich spüre Blaise‘ bohrenden Blick im Nacken. „Während… was, Draco?“ Mein einst bester Freund schaut mich ernst an, als ich mich wieder ihm zuwende.
    Ein Teil von mir verlangt, dass er mich in Ruhe lässt, sodass ich mich wieder in mich selbst zurückziehen und stumm griesgrämig sein kann. Ein anderer Teil wünscht sich, ich würde ihm alles erzählen.
    „Er ist tot“, sage ich.
    Blaise unterbricht mich kein einziges Mal, während ich stockend erzähle, was in dem Brief stand:
    Aus drei Leuten sind zwei geworden. Man hat Sed vor kurzem tot im Schnee gefunden, mit gebrochener Nase und Genick. Alle Spuren deuten darauf hin, dass er von Greyback einen Hang hinuntergestoßen wurde. Von Isa wurden ebenfalls Spuren gefunden, in einer Hütte in direkter Nähe ein totes und ausgeraubtes Paar an halbblütigen Zauberern, von deren Kindern jedoch jede Spur fehlt. Wo Isa und Greyback jetzt sind, ist vollkommen unbekannt.
    „Snape“, füge ich leise hinzu, „hat mir gesagt, dass Greyback damit eine neue Regeln verletzt hat: Im Moment soll niemand von… von uns, von Leuten auf der Seite von… naja, getötet werden. Deshalb sucht man ihn jetzt, deshalb versteckt er sich. Und Isa ist alleine mit ihm.“
    Einen Augenblick ist es still. Dann fragt Blaise: „Mehr Informationen standen nicht in dem Brief?“
    Ich schüttele den Kopf.
    „Du kannst nichts daran ändern, Draco“, sagt er leise. „Was passiert ist, ist passiert. Aber du kannst die Zukunft beeinflussen. Niemandem ist geholfen, wenn du dich völlig gehen lässt.“ Mit entschlossener Miene steht er auf. „Lass uns in die Bibliothek gehen. Lass uns lernen. Du musst dich auf etwas anderes konzentrieren, damit du nicht vollkommen verrückt wirst.“ Auffordernd schaut er mich an. „Kommst du?“

    12
    Erschöpft reibe ich mir die Augen. „Ich habe keine Chance, das alles nachzuholen.“ Ergeben schlage ich das Buch zu. „Das schaffe ich nie.“
    Wir sind die Letzten in der Bibliothek – aus Angst, zu spät noch durch die Korridore zu wandern, sind die anderen bereits verfrüht schlafen gegangen.
    „Und ob du das schaffst“, sagt Blaise. Er beugt sich über den Tisch und öffnet mein Buch wieder. „In zehn Minuten machen wir auch Schluss, aber dieses Kapitel liest du jetzt noch.“
    Ich versuche, mich zu konzentrieren, das tue ich wirklich. Aber nach drei Stunden will und will es mir einfach nicht mehr gelingen. Ich blicke auf die Schrift aus schwarzer Tinte.
    Die Aufstände gingen bin 1546, bis sich auch die letzten Widerständler dem Wahnsinn ergeben mussten. Die traumatischen Ereignisse fügten den direkt Beteiligten schwere Schäden zu.
    Gegen meinen Willen wandern meine Gedanken zu Isa. Ihre Erlebnisse könnte man wohl auch als ‚traumatisch‘ bezeichnen. Sie hingegen wird sich wohl kaum dem Wahnsinn ergeben – obwohl…

    In den nächsten Tagen hänge ich mich so sehr in die Schularbeit, dass Blaise‘ Vorhersage sich bewahrheitet: Ich komme kaum noch dazu, mich auf irgendetwas anderes zu konzentrieren.
    Hogwarts ist so düster wie nie, doch zum ersten Mal seit einem geraumen Zeitraum fühle ich so etwas wie Glück.
    „Ich hatte schon total vergessen“, sage ich zu Blaise, während wir an einer komplizierten Hausaufgabe für Zaubertränke sitzen, „wie viel Spaß es mir bereitet, zu lernen.“
    „Spaß“, stöhnt Blaise und kratzt sich mit einer Feder am Kopf.
    Ich halte Inne und blicke ihn aufmerksam an. Zum ersten Mal fällt mir auf, was er da überhaupt für mich tut. Blaise musste nie lernen, um irgendwelche Prüfungen zu bestehen – gut, er war nie einer der Besten, doch seine Noten waren immer passabel… Trotzdem arbeitet er mit mir zusammen, nur damit ich überhaupt mal wieder hoch komme. „Danke“, sage ich. Mit der Feder deute ich auf die Bücher- und Pergamentstapel um uns herum, „Dafür, dass du das alles mit mir machst.“
    Auch Blaise blickt von seiner Arbeit auf. „Kein Ding. Im Gegenteil, vielleicht ist es sogar gut, dass ich mal aktiv was für meine Noten tue. Professor Flitwick meinte gestern zu mir, ich hätte mich deutlich verbessert. Vielleicht sollte also lieber ich dir danken, man.“
    Mit einem seichten Lächeln beuge ich mich wieder über das Papier.

    13
    ~

    „Noch mal“, sagt Greyback.
    Zügig hebe ich das Messer von Boden, begebe mich wieder in Position, und schleudere es erneut auf die Wand. Diesmal bleibt es mit einem dumpfen, zitternden Geräusch in dem Holz stecken. Ein kleines, triumphierendes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen.
    „Noch mal“, sagt Greyback.
    „Aber ich habe getroffen!“, protestiere ich überrascht, „Und dass ich je ohne Zauberstab kämpfen muss, ist so unwahr-“
    „Noch mal“, unterbricht er mich barsch, „Man weiß nie, wann es so weit ist. Ein Hinterhalt von Potters Seite und du bist erledigt, wenn du ohne Magie nichts drauf hast.“ Mit verschränkten Armen beobachtet er, wie ich meinen schmerzenden Arm reibe, seufze, und das Messer zum bestimmt fünfhundertsten Mal aufnehme. „Du überlegst zu lange“, meckert er.
    Ich lasse das zum Wurf erhobene Messer sinken. „Ich muss zielen, oder nicht?“
    „Nicht so lange. Dein Arm weiß, was er zu tun hat – auch wenn du es nicht tust. Kapiert?“
    „Kapiert“, murmele ich und wende mich wieder der Wand zu. Als ich zum Werfen ansetzen will, schießt ein stechender Schmerz durch mein Ohr. Ein Messer surrt an mir vorbei und bleibt bebend in der Wand stecken. Erschrocken berühre ich mein Ohr. Hellrotes Blut haftet an meinen Fingerspitzen. Wütend drehe ich mich zu Greyback um, der grinsend hinter mir steht. „Was-?“
    „Man sollte dem Feind nicht den Rücken zudrehen“, sagt er und lacht.
    Ich umklammere den Griff meines Messers. „Das hätte mich ernsthaft verletzen können!“
    Greyback zuckt mit den Schultern. „Dann hättest du was gelernt. Außerdem“, sagt er und bleckt die gelben Zähne, „warst du viel zu entspannt. Wenn man mit Messern um sich wirft, dann sollte man sich auch danach fühlen.“
    Zähneknirschend nehme ich eine seiner weiteren Lektionen hin und tue, was er sagt: Ohne nachzudenken schleudere ich das Messer nach vorne. Wut pulsiert durch meine Adern. Die Klinge fällt mit einem Klonk einen guten halben Meter neben Greyback auf den Boden, doch wir wissen beide, welches eigentliche Ziel sie verfehlt hat.
    Greyback lacht laut auf und macht mich nur noch zorniger.
    „Niedlich“, sagt er, „Das gefällt mir schon besser. Allerdings…“ Ohne mich aus den Augen zu lassen, hebt er das Messer auf und poliert es mit dem Ärmel. „Allerdings kann ich kaum hinnehmen, dass du mich umbringen wolltest, oder?“
    Ich starre auf seine schmutzigen Stiefel.
    „Ist es das?“, fragt er, „Wolltest du mich umbringen?“ Er grinst höhnisch und macht einen Schritt auf mich zu. „Ein kleines Mädchen wie du und jemanden einfach abstechen? Besonders jemanden, der so gut zu dir war und dir das Messerwerfen beibringt… Das ist verdammt undankbar, wirklich.“
    Mit einer Behändigkeit, die man einem Mann seiner Statur kaum zutraut, rauscht er auf mich zu und schwingt das Messer nach mir. Intuitiv ducke ich mich unter dem zischen Silber und springe zur Seite. Schwer atmend weiche ich zurück. Greyback lacht nicht mehr. Ich werfe einen sehnsüchtigen Blick zu meinem Zauberstab, der nutzlos auf der Fensterbank liegt.
    „Nur keine Angst“, sagt Greyback.
    Ich spüre die Wand im Rücken, während Greyback immer näher kommt. Mit der Messerspitze pickst er mir fast zärtlich in die Wange. „Denkst du“, raunt er, „Ich würde es nicht merken?“ Sein Blick wandert über mein Gesicht. „Ich sehe genau, dass du da nachgeholfen hast. Meinst du, ich gebe dir deinen Zauberstab zurück, damit du meine schönen Zeichnungen in deinem Gesicht verschwinden lassen kannst?“ Mit gespielter Enttäuschung schüttelt er den Kopf. „Das wäre doch langweilig, wenn du dein Gesicht behalten könntest, oder? Ich hasse hübsche Menschen“, seufzt er und legt die Klinge sanft auf meine Lippen.
    „Nicht“, sage ich atemlos, „Bitte nicht.“
    Mit gerunzelter Stirn lässt Greyback das Messer sinken. Mit forschendem Blick betrachtet er mich. Dann sagt er amüsiert: „Wie man nach all der Zeit noch so eitel sein kann wie du, ist mir ein Rätsel.“
    „Bitte“, keuche ich erneut, „Ich… Ich will nicht auch noch mein Gesicht verlieren.“
    „Na, wenn das so ist“, grinst Greyback, „Dann…“
    Ich schließe die Augen und warte auf den einsetzenden Schmerz… nach einigen Sekunden öffne ich sie zögerlich wieder. Greyback steht nicht mehr vor mir. Mit dem Rücken zu mir packt er ein paar Dinge in seinen Rucksack. „Ein anderes Mal“, sagt er. „Komm jetzt. Wir haben einiges zu erledigen.“
    Ich folge ich nach unten, aus dem Wirtshaus hinaus auf die Straße. Die frische Stadtluft hat kaum meine Haut berührt, als er schon meinen Arm packt und appariert.

    14
    Mit geschlossenen Augen lasse ich die Eindrücke auf mich wirken. Ich spüre kühle Schatten und die kalte Luft riecht nach Kiefernholz und Nadeln. Ein Windhauch lässt die Bäume knarren und hört sich merkwürdig vertraut an. Langsam öffne ich die Augen. Zuerst erkenne ich die Hütte nicht wieder – dann fällt es mir schlagartig ein. Erschrocken schnappe ich nach Luft und ziehe die Schultern hoch. Gänsehaut kriecht über meinen Rücken als ich mich an meine allererste Flucht erinnere, vor nicht allzu langer Zeit…
    „Willkommen zurück“, knurrt Greyback.
    Mir ist unwohl dabei, wieder hier zu sein. „Ich dachte“, sage ich halblaut, „man sucht uns. Ist es dann nicht dumm, hierher zurückzukommen?“
    Greyback lacht. „Das ist genau der Trick. Niemand hält mich für so blöd, dass ich jetzt hier hin komme. Keiner wird hier nach mir suchen.“
    Ich runzele die Stirn, erspare mir aber den Kommentar, dass vermutlich eine Menge Leute Greyback für so blöd halten. „Warum sind wir hier?“, frage ich stattdessen. Die Erinnerungen an diesen Ort lassen mich stärker frieren als der kalte Wind.
    Greyback stapft auf mich zu. Mit einem Grinsen fragt er: „Hast du Angst?“
    „Nein“, erwidere ich störrisch, ohne ihn anzusehen, und wiederhole meine Frage.
    „Bald ist wieder Vollmond“, sagt Greyback genüsslich. „Und…“ Aus schmalen Augen mustert er mich. „Es wird sich einiges verändern.“
    Ich versuche, nicht allzu beunruhigt auszusehen. Ist das nun gut oder schlecht?
    Greyback fährt fort. „Dass du bis hierhin überlebt hast zeigt, dass du mehr drauf hast, als ich anfangs dachte.“ Er zuckt mit den Schultern, als wäre es keine große Sache. „Daher wirst du jetzt von mir lernen. Kämpfen. Jagen. Töten. Ich gebe zu, am Anfang war es ganz lustig, mit dir zu spielen. Aber jetzt ist es langweilig. Vielleicht bist du doch zu gebrauchen.“
    Sprachlos starre ich ihm hinterher, als Greyback sich umdreht und mit schweren Schritten in seine Hütte stiefelt.
    Ich finde mich in meinem alten Zimmer wieder, in dem noch immer der fleckige Spiegel hängt. Neugierig mustere ich mich. Meine blonden Haare sind länger als je zuvor und haben mehr Knoten als Merlins Bart. Doch das stört mich nicht – je länger ich mein Spiegelbild ansehe, desto mehr Kampfgeist steigt in mir auf.
    Ich kann nichts an meiner Situation ändern. Aber ich kann das Beste daraus machen. Wenn Greyback mir tatsächlich etwas beibringen will, dann werde ich lernen. Ich habe so viel durchgemacht, doch jetzt wird sich etwas ändern, beschließe ich. Ich recke das Kinn und setze ein überhebliches Gesicht auf. Ein starkes Gesicht. Mit mutigen Augen.
    Es steht mir gut.

    Die Sonne geht oft auf und wieder unter, an jedem einziehenden Abend betrachte ich mich eingehend im Spiegel. Jedes Mal sehe ich anders aus.
    Greyback hatte Recht damit, dass er mir etwas beibringt: Ich werde schneller und stärker und wenn mich jetzt jemand angreifen würde, könnte ich mich verteidigen – mit oder ohne Magie.
    Als ich am Morgen nach Vollmond erwache, stiehlt sich ein triumphierendes Grinsen auf mein Gesicht. Es war ganz und gar nicht schrecklich; im Gegenteil. Mit geschlossenen Augen dämmere ich noch ein wenig in den Eindrücken und Erinnerungen. Meine Pfoten trommeln laut über den Boden, mit jedem Sprung werde ich schneller und schneller. Nichts und niemand kann mich aufhalten. Wirre Bilder des nächtlichen Waldes tanzen vor mir und ich spüre wieder die Hitze und die Aufregung in meinen Adern pulsieren.

    „Beeindruckend, gestern Nacht“, sagt Greyback höhnisch grinsend, „Zumindest für einen so kleinen Wolf wie dich.“
    „Stimmt“, entgegne ich ungerührt, und lasse eine kleine Flamme aus meinem Zauberstab kommen, um mir die Finger zu wärmen. „Für einen großen Wolf wie dich war es keine große Leistung, muss ich ehrlich sagen.“ Greyback knurrt amüsiert.
    „Würdest du gerne zurück?“
    Ich halte inne. „Was meinst du?“
    „In deine Schule.“
    Langsam lasse ich den Zauberstab sinken und betrachte die feinen Muster in seinem Holz. Schließlich blicke ich zu Greyback. „Was soll das heißen?“
    „Wenn du so weiter machst, brauchst du bald wieder anderes zum Lernen. Hab gehört, in der Schule lernt man. Vielleicht lasse ich dich irgendwann gehen, wenn du stark genug geworden bist.“
    Schockiert schaue ich ihn an. Eine kleine Hoffnungsflamme in meinem Inneren lodert auf und ich nehme mir vor, noch härter an mir zu arbeiten.

    15
    ~

    In der Vollmondnacht bekomme ich kein Auge zu. Zuerst versuche ich es mit Schlafen, doch meine Gedanken wandern immer wieder zu Isa – die jetzt irgendwo da draußen ist und als Wolf vermutlich Schreckliches durchmachen muss. Da ich die Augen einfach nicht zubekomme, tue ich das Beste, um mich abzulenken: Lernen.
    In der vergangenen Zeit habe ich mich so sehr in die Schularbeit hineingesteigert, dass selbst Snape zu seinem alten, bevorzugendem Verhalten mir gegenüber zurückgekehrt ist. In Zaubertränke war Professor Slughorn so begeistert von einem meiner Tränke, dass er mich von den Hausaufgaben freisprach, ähnlich wie Professor Flitwick und Professor McGonagall, die es ebenfalls nicht nötig fanden, mich noch mehr lernen zu lassen.
    Im Grunde tue ich nichts anderes mehr, als zu Lernen. Der Stoff füllt meinen Kopf dermaßen, dass ich alles andere vergesse: Isa, Voldemort, die Todesser und meine Eltern…

    Die Decke der großen Halle ist regenwolkenverhangen und düster, der Februar schickt nasse Vorboten.
    „Jetzt leg doch mal die verdammten Bücher weg, man“, beschwert sich Blaise knapp zwei Wochen nach der schlaflosesten meiner Nächte beim Mittagessen in der großen Halle. „Willst du nichts essen?“
    „Tue ich doch“, murmele ich und steche mit der Gabel in Richtung meiner Bratkartoffeln, ohne die Augen von den Seiten zu nehmen.
    Ein verhaltenes Gemurmel kriecht durch die große Halle; Irritiert blicke ich auf.
    Filch, der Hausmeister, hastet zwischen den Tischen hindurch auf die Lehrertafel zu. Er hinkt so schnell, dass er fast über seine eigenen Füße stolpert.
    Neugierig recke ich den Kopf, doch weil ich heute sehr weit hinten sitze, kann ich kaum etwas sehen.
    Ich höre Snapes schneidende Stimme, der Schulleiter ist aufgesprungen, ebenso Professor McGonagall, welche rasch auf die Tür nach draußen zugeht, immer schneller, bis sie fast rennt. Es sieht lächerlich aus. Auch Snape schreitet durch die Halle, deutlich langsamer jedoch. Augenblicklich stirbt das Geflüster unter den Schülern, als er mitten in der Halle stehen bleibt und mit grimmiger Gelassenheit auf den Ausgang zur Eingangshalle schaut.
    Blaise und ich tauschen einen Blick, dann zucke ich mit den Schultern. Das Buch über Verwandlung, angelehnt an eine Obstschale, zieht meinen Blick fast magisch auf sich. Was kann schon so wichtig sein, dass es mich vom Lernen abhalten würde? Ich überlege gerade, ob die Verwandlung eines Adlers in ein Fernglas so simpel ist, weil Adler exzellente Augen haben, da packt Blaise mich am Arm. „Draco“, zischt er scharf, „Das musst du dir ansehen!“
    Genervt schaue ich auf und recke den Hals um zu sehen, was Blaise so schockiert. Er scheint nicht der Einzige zu sein, der schneller begreift, als ich – nicht einmal Snapes überschattende Autorität kann das Gemurmel noch eindämmen. Mit gerunzelter Stirn bemerke ich, dass ein paar Schüler sich nun zu mir umdrehen und mich mit großen Augen ansehen.
    Ich spähe zwischen ein paar Viertklässlern hindurch und erblicke den Hinterkopf einer schmalen Gestalt, die, flankiert von McGonagall und Amycus Carrow, auf Snape zuschreitet. Nasse Haare fächern sich lang und glatt über den Rücken der Person. Ich erhasche einen Blick auf Snape: Der Schulleiter runzelt die Stirn so konzentriert, dass ich selbst von hier hinten die Falten zählen kann.
    „Draco“, wiederholt Blaise, der immer noch meinen Arm umklammert.
    Verärgert mache ich mich los. „Was ist denn?“
    Blaise starrt mit offenem Mund zu Snape und der Fremden und gibt keine Antwort.
    Die Person ist mittlerweile bei Snape angekommen, McGonagall umklammert ihre Hutkrempe und Snape wirft einen Blick über die Schulter. Dann packt er die Person am Arm und geht rasch mit ihr auf den Ausgang zu.
    Zum ersten Mal sehe ich das Gesicht der Gestalt und habe plötzlich das Gefühl, alle Luft wäre aus meinem Körper gewichen.
    Das vom Regen dunkle Haar reicht ihr mittlerweile bis zur Hüfte, doch es sind immer noch Isas hellblaue Augen, die aus ihrem leicht verdreckten Gesicht leuchten.

    16

    Die Tür zieht meinen Blick an, als wäre sie verhext. Eine gute halbe Stunde ist vergangen, seit Isa wie aus einer Kesselexplosion in der großen Halle erschienen ist und von einem ungewöhnlich perplexen Snape regelrecht abgeführt wurde. Seit dem sitze ich in meinem – unserem – Schlafraum und warte darauf, dass die verfluchte Tür sich öffnet.
    Ein Kreis aus strömenden Fragen bewegt sich durch meinen Kopf und sehnen sich Antworten herbei. Und ich… ich sehne mich nach Isa.
    Ich springe auf, als die Türklinke sich neigt.
    Begleitet vom Knarren der Tür betritt Isa das Zimmer. „Halt“, sagt sie, als ich einen Schritt auf sie zu mache. Mit angespannten Schultern beobachte ich, wie sie ihren Zauberstab aus der Tasche zieht… doch sie richtet ihn nur auf sich selbst und trocknet ihre nasse Jacke und die tropfenden Haare. „So.“ Ihr Blick trifft auf meinen und sie sagt mit erklärender Stimme: „Draußen regnet es.“
    Ich nicke. „Also…“, sage ich mit schwerer Stimme und komme mir dämlich vor. „Du bist wieder hier…?“
    „Das bin ich.“ Es ist still und ich meine, irgendwo weit weg Stimmen zu vernehmen. Ich wünschte, mir würde etwas einfallen, was ich sagen könnte, aber die Stille baut sich zwischen uns auf wie die Zeit.
    Ein Lächeln breitet sich auf Isas Gesicht auf und mit zwei Schritten überbrückt sie die Entfernung und schließt die Arme um mich. Merlin, ihr Lächeln…, denke ich, als ich mein Gesicht in ihre wieder hellblonden Haare schmiege. Sie fühlt sich anders an – ich habe nicht das Gefühl, sie könnte jeden Moment wie Würfelzucker zerbröseln oder vom nächsten Windstoß umgeworfen werden.
    Ich schiebe Isa auf Armeslänge von mir weg und mustere sie eingehend. Sie hat Schatten unter den Augen und einen verblassenden Bluterguss, aber ihre Augen lächeln gemeinsam mit ihren Lippen, von denen eine aufgesprungen ist. „Du-“
    „Du siehst müde aus“, sagt sie und streicht mein Haar zurück. Ihr Blick wandert durch den Raum und fällt auf den Schreibtisch, auf dem sich Pergamente und zerbrochene Federn stapeln, hinüber zu meinem Bett, auf dem Bücher und herausgerissene Seiten dösen. „Hast du viel gelernt?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schlendert sie zu ihrem Bett, das ich so lange habe leer stehen sehen, setzt sich darauf und beginnt, ihren Rucksack auszupacken. Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie einen dabei hat.
    Zurückhaltend setze ich mich neben sie. „Du-“
    „Snape hat mich auch gefragt, wie ich hier hin gekommen bin. So sprachlos habe ich den noch nie erlebt!“ Sie kichert. „Also – damit du nicht fragen musst: Ich bin appariert. Jaja, man kann nicht nach Hogwarts apparieren, aber nach Hogsmeade.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Den Rest des Weges bin ich gelaufen und wurde vor den Toren freundlicherweise von einem der Carrows eingesammelt. Mir ist klar, dass ich gesucht wurde, oder, um genau zu sein, Greyback wird gesucht. Natürlich weiß ich nicht, wo er ist. Aber ja, er hat mich gehen lassen. Es hat-“
    „Du hast dich verändert.“
    Isa sieht mich an. „Ja“, sagt sie, „Es hat sich einiges geändert.“ Sie zieht ein schmales Messer aus ihrem Rucksack und betrachtet es mit schief gelegtem Kopf. Schließlich schiebt sie es unter ihr Kopfkissen. „Alles verändert sich, immer. Aber im Moment bin ich einfach froh, hier zu sein.“ Ihre himmelblauen Augen schauen mich ernst an. „Bei dir zu sein.“
    „Okay“, sage ich, „Ich bin auch sehr froh.“

    17
    „Was willst du mir denn zeigen?“, fragt Isa, auf halbem Weg zu den Gewächshäusern.
    „Eigentlich weißt du schon davon“, sage ich mit geheimnisvoller Stimme, „Ich habe dir in einem Brief davon erzählt, weißt du nicht mehr?“
    „Wann war das?“, will Isa wissen und runzelt angestrengt die Stirn. Der kalte Wind zerzaust ihre Haare und sie stapft mit leicht verbissener Miene durch das hoch gewucherte Gras des Schlossgeländes, doch sie sieht genauso schön aus wie eh und je. „Also?“, fragt sie ungeduldig.
    „Ähm?“ Ich blinzele und wende den Blick von ihr ab. „Achja, also… das war… vor ein paar Monaten vielleicht? Nicht all zu lange her“, ergänze ich.
    „Monate können sehr lang sein“, sagt Isa mit Nachdruck.
    Ich öffne den Mund um zu erläutern, dass der Unterschied von dreißig- und einunddreißigtägigen Monaten kaum bedeutsam und selbst der Februar nur wenige Tage kürzer ist als die anderen Monate, da begreife ich, was sie überhaupt meint und schließe den Mund wieder. „Ja“, sage ich.
    Schweigend erreichen wir die Gewächshäuser, von denen eins mittlerweile vollständig in scheinbar weiße Watte gehüllt ist. „Oh“, macht Isa leise und blickt mit großen Augen auf das spinnennetzartige Gewebe.
    „Es hat sich ausgebreitet“, erkläre ich, während wir uns weiter nähern, „Am Anfang hat dieses Zeug sich nur innen ausgebreitet. Aber jetzt… Naja. Du siehst.“
    Isa nickt, plötzlich funkelt Aufregung in ihren Augen. „Ich habe ihn so vermisst“, haucht sie.
    Ich führe uns zu der Rückwand und öffne eines der Fenster mit meinem Zauberstab.
    Ohne Scheu beugt sich Isa vor und späht in das Dickicht. „Jumps?“, ruft sie leise. Einen Augenblick ist es still – bis Jumps, der kleine Drache, aus dem Gewirr geschossen kommt und regelrecht über Isa herfällt.
    Mit verschränkten Armen und unterdrücktem Lachen beobachte ich die zwei. Isas ganzes Gesicht strahlt und scheint von Innen heraus zu leuchten, und Jumps – nun, er hat sich nicht verändert. Begeistert schleckt er Isa durchs Gesicht und schmiegt sich an ihren Hals, schnuppert an ihrem Haar und flattert aufgeregt mit den Flügelchen.
    Aus dem Gewächshaus dringt ein zartes Geräusch. Jumps lauscht erstarrt und blickt zu Isa. „Na, geh schon!“, sagt sie halb lachend. Jumps keckert fröhlich, dreht eine Ehrenrunde über unsere Köpfe und verschwindet wieder in seinem Nest.
    Noch immer lachend dreht Isa sich zu mir um. Langsam weicht ihre Heiterkeit einem ernsten Ausdruck. Ihre von der Kälte rosa Wangen sehen zum Verlieben aus – würde ich Isa nicht sowieso schon lieben, würde ich spätestens jetzt damit anfangen.
    „Ich will alles wissen“, sagt sie, „Alles, was dir passiert ist, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Deswegen kann ich auch verstehen, wenn du alles wissen willst. Und ich… ich werde versuchen, alles zu erzählen.“ Entschlossen verengt sie die Augen. „Auch, wenn mir manches schwer fallen wird.“ Sie wendet sich ab und starrt in Richtung des schwarzen Sees.
    Ich mache einen vorsichtigen Schritt auf sie zu. „Du musst mir nichts erzählen“, sage ich mit sanfter Stimme.
    Isa atmet tief durch. „Doch“, sagt sie. „Das muss ich. Ich…“ Sie zögert und nestelt an ihren Jackenärmeln herum. „Ich kann das… alles… nicht für immer mit mir herumtragen, verstehst du? Es ist schwer, darüber zu sprechen, ja…“ Einen Augenblick verliert sich ihre Stimme im eisigen Wind, ehe sie fest fortfährt: „Aber es wird nur schwerer werden, mit jedem Tag, der vergeht. Es wird nicht besser werden, das tut es nie, also…“ Ihre blauen Augen funkeln auffordernd. „Lass uns einen Spaziergang machen.“
    „Das wird aber ein langer Spaziergang“, stelle ich fest.
    Isa legt den Kopf schräg. „Dreieinhalb Runden um den gesamten See, was meinst du?“
    Ich muss lachen. „Vielleicht nicht so lang… Komm.“
    Hand in Hand gehen wir auf die Ufer zu.

    18
    „Du hast ein ganz rotes Gesicht“, stellt Isa kichernd fest, als wir nach dem sehr kalten und sturmgepeitschtem Spaziergang in unseren Schlafsaal zurückkehren. „Aber da kann ich dir wohl keinen Vorwurf machen…“ Sie seufzt und blickt an sich hinunter auf ihre zerzausten Haare. „Ich sehe fürchterlich aus.“
    „Tust du nicht“, sage ich sofort. Umständlich lege ich Schal und Mantel ab und nehme Isas Jacke. „He“, sage ich überrascht, „Ist das eine von meinen?“
    Isa blinzelt unschuldig.
    Grinsend werfe ich die Jacke zu den anderen Sachen auf einen Stuhl.
    „Du hast nicht zufällig eine Bürste, oder?“
    Ich blicke mich um und denke, dass mein Kamm Isas lange Haare kaum überleben würde. „Moment“, sage ich, und beschwöre mit meinem Zauberstab eine robuste Bürste. Isa nickt anerkennend.
    Ich setze mich auf mein Bett und winke Isa zu mir, die sich mit dem Rücken zu mir vor mir niederlässt.
    Eine ganze Weile sprechen wir nicht, während ich behutsam ihre blonden Haare bürste, bis sie wieder fast glatt sind.
    Isa dreht sich zu mir um. „Danke“, sagt sie leise.
    „Gern geschehen“, erwidere ich ebenso leise.
    Sekunden vergehen, in denen ich sie nur anschaue – ihr einst so ebenmäßiges Gesicht wird durch die blassen Male und den ein oder anderen kleinen Kratzer kaum entstellt, im Gegenteil: Ich komme nicht umhin zu denken, dass sie irgendwie… verwegen aussieht. Ganz anders, als das brave Püppchen, das sie mal war. Ihre langen, dünnen Fingern verschränken sich mit meinen und plötzlich spüre ich Isas weiche Lippen auf den meinen, ich habe gar nicht bemerkt, dass sie sich zu mir geneigt hat, aber das ist egal… alles wird egal, in dem Moment, in dem ihre Haut meine berührt und ich ihren Herzschlag spüren kann. Sie duftet nach Wind und Wasser und Winter, ihre Fingerspitzen sind kalt doch der Rest von ihr ist so warm und mindestens so verlockend, wie ein gemütliches Bett nach einem anstrengenden Tag…
    „Das wird deine Frisur wieder zerstören“, murmele ich gegen ihren Kuss und ich fühle, wie sie grinst.
    Isas Hände legen sich in meinen Nacken und sie zieht mich noch dichter zu sich heran, was ich mehr als bereitwillig geschehen lasse. Etwas in mir scheint zu explodieren, als sie sich an den Knöpfen meines Hemdes zu schaffen macht, fahrig taste ich ihre Konturen ab, küsse sie am Hals und merke, wie sie sich immer mehr fallen lässt…
    „Oh, scheiße, man.“
    Wir fahren blitzartig auseinander, hastig streiche ich meine Haare glatt, während Isa ihr Oberteil zurechtrückt. Sie sieht wütend aus, ich bin einfach nur erschrocken, doch uns beiden scheint der gleiche Gedanke durch den Kopf zu gehen, den Isa sofort ausspricht. „Merlin, Blaise, was soll das denn?“, fragt sie und wirft sich das lange Haar über die Schulter, „Was willst du?“
    Blaise, der in den Raum geplatzt ist, grinst, verlegen und amüsiert zugleich. Ich könnte schwören, dass er mir zuzwinkert – doch dann wird seine Miene ungewöhnlich ernst. „Besser ich“, sagt er an Isa gerichtet, „als der… der dich eigentlich sehen will. Du, ähm, hast Besuch.“
    Isa erhebt sich. „Besuch?“ Argwöhnisch runzelt sie die Stirn.
    „Nun“, stammelt Blaise, „Snape hielt es für angebracht, naja, deinen Vater zu informieren, dass du wieder da… also…“ Er scheint unter Isas eisigem Blick zu schrumpfen, murmelt etwas von „wartet in Snapes Büro“, und schneit aus dem Raum.
    „Alles… okay?“
    Sie nickt eisern. „Ich gehe dann besser mal.“
    Noch bevor ich anbieten kann, sie zu begleiten, verlässt sie mit steifen Schritten unseren Schlafsaal.

    ~(Isa)

    „Wo warst du?“
    Ich sehe meinen Vater nicht an und starre stattdessen über seine Schulter hinweg.
    Snape erhebt sich von seinem Schreibtisch. „Ich würde meinen, ich habe Sie bereits hinreichend unterrichtet, was dies betrifft, Mr Greenskape“, sagt Snape mit einer leisen Warnung in der Stimme.
    „Ich will es von ihr hören“, zischt mein Vater, und ich spüre seinen zornfunkelnden Blick auf mir.
    „Ich verstehe, dass Sie nach ihr sehen wollten, aber ich muss Sie bitten-“
    „Der dunkle Lord war nicht glücklich“, unterbricht er Snape und holt zitternd Luft, „Du kannst dir nicht vorstellen, was… Ich sollte dich dafür bezahlen lassen-“
    „Ich kann mir einiges vorstellen“, sage ich ruhig und betrachte nun den Boden.
    „Was glaubst du, wer du bist? Du hast keine Ahnung!“, schnappt mein Vater und ballt die Hände zu Fäusten. Aber doch, ich habe Ahnung – und in meinem Kopf male ich mir aus, was der dunkle Lord mit ihm angestellt hat, nachdem seine einzige Tochter sich mit einem Werwolf versteckt und deutliche Befehle missachtet hat…
    „Die Zeiten, in denen du mir Angst machen konntest, sind vorbei“, antworte ich gelassen, „Ich habe Schlimmeres überstanden als dich.“
    „Wie kannst du es wagen! Habe ich dich zu solcher Unhöflichkeit erzogen?“
    Endlich schaue ich auf und erwidere den Blick meines Vaters. „Nein“, sage ich, „Das war ich selbst. Aber deine Erziehung ließ auch reichlich zu wünschen übrig-“
    Mit einer fahrigen Bewegung zieht er seinen Zauberstab und hält ihn mir unter die Nase. „Du bist nicht meine Tochter!“, zischt er.
    „Ich war deine Tochter“, sage ich und zücke nun ebenfalls meinen Zauberstab – doch im Gegensatz zu meinem Vater sind meine Hände ruhig. „Ich war immer die reiche, wohlerzogene Tochter des erhabenen Andrew van Greenskape, oh ja… Ich habe getan, was du wolltest. Irgendwann nicht mehr. Jetzt bin ich nicht mehr deine Tochter.“ Ich recke das Kinn. „Ich bin eine eigene Person. Und du -“, ich schnippe mit dem Zauberstab in seine Richtung und ein paar dunkelgrüne Funken springen hervor, „Du bist nicht mein Vater.“
    Snape steht mit angespannter sowie wachsamer Miene neben uns und beobachtet uns aufmerksam. Aus den Augenwinkeln nehme ich seinen zur Vorsicht mahnenden Blick wahr, doch es ist mir egal. Ich wende den Blick nicht von dem Mann ab, der direkt vor mir steht und mich mit seinem Zauberstab bedroht.
    Mit kalter Stimme fahre ich fort. „Ich habe lieber überhaupt keinen Vater“, sage ich leise, „als einen, der seine eigene Tochter foltern lässt und bedroht…“ Er will etwas sagen, aber ich schneide ihm das Wort ab. „Du hast mir nichts zu sagen. Du wirst mir nie wieder etwas zu sagen haben. Ich werde jetzt gehen und ich werde nicht zurück kommen. Du wirst mich nicht daran hindern. Behalte dein Gold. Behalte dein Anwesen. Sollte ich deinen Tod noch miterleben, dann vererbe all das nicht an mich… wo ich doch nicht deine Tochter bin.“
    Mein Vater lässt den Zauberstab sinken. „Nein“, sagt er, und ich nicke. „Wie gut, dass wir das geklärt haben.“ Rückwärts bewege ich mich zur Tür. Ich ziele mit der Zauberstabspitze auf sein Gesicht, bis ich aus dem Raum bin.
    Die Tür schließt sich mit einem lauten Klicken.
    Und ich drehe mich um und gehe.

    19
    Ein wenig zerstreut streune ich durch die ruhigen Korridore von Hogwarts. Über den Schlossgründen ergießt sich ein schwerer Regen und Wassertropfen, so groß wie Trauben, prasseln gegen die Fenster und Dächer.
    Noch vor wenigen Wochen hätte ich es nie und nimmer gewagt, so mit meinem Vater zu sprechen, und wenn es um mein Leben ginge. Jetzt… Ich blicke nach draußen in die dunklen Wolken, die sich am Himmel auftürmen, und horche in mich hinein. Bei dem Gedanken an meinen Vater, der nun nicht mehr mein Vater ist, fühle ich… nichts. Es ist mir egal. Er ist mir egal. Genauso erging es mir, nachdem ich aus dem Untergrund wiedergekommen war – ich habe nichts gefühlt. Ich wusste nicht mehr, wie man das macht, ich wusste nicht mehr, wer ich sein und was ich tun sollte…
    Eine winzige Lücke erscheint zwischen den Regenwolken und die Sonne schlägt tapfer ihre Strahlen hindurch. Ich drehe mich um und blicke durch ein gegenüberliegendes Fenster – Momente später schillert ein Regenbogen am Himmel.
    Jetzt bin ich schlauer. Ich habe dazugelernt. Mit einem verhuschten Lächeln auf den Lippen denke ich an Draco. Auch er war mir gleichgültig…
    Ich wende mich von dem Regenbogen ab und mache mich auf den Weg zu den Kerkern.
    Ich liebe ihn. Das weiß ich jetzt. Und er liebt mich. Das hoffe und glaube ich.
    Die Tür zu unserem Schlafsaal knarrt und Draco steht da mit einem besorgten Ausdruck.
    „Alles okay?“, fragt er sofort und runzelt die Stirn.
    „Ja“, sage ich und nicke, wie, um das zu unterstreichen. „Es ist alles gut…“ Ich grinse vorsichtig und gehe auf Draco zu. „Ich habe mich endlich getraut, ihm zu sagen, was ich ihm schon immer hätte sagen sollen.“
    Mein Freund streckt die Arme nach mir aus, in die ich mich zu gerne fallen lasse. „Ist dein Vater sehr wütend?“
    „Nein“, sage ich, und vergrabe das Gesicht an Dracos Hals. „Er ist nicht mein Vater - nicht mehr.“ Ich blicke zu ihm auf und grinse vor Stolz noch ein wenig breiter. „Aber das ist in Ordnung. Ich habe lieber gar keinen Vater, als so einen.“ Ich löse mich von Draco und strecke mich ausgiebig. „Das habe ich ihm auch gesagt.“
    Dracos Ausdruck schwankt zwischen Schockiertheit und amüsiertem Stolz.
    Ich setze mich an unseren Schreibtisch und blättere wahllos Notizen von Draco durch. Seine ordentliche Handschrift ist mir so vertraut. „Wie steht es mit dem Unterricht zur Zeit?“, frage ich neugierig.
    Draco setzt sich zu mir und zögert. „Also...“, beginnt er, „Er ist echt anspruchsvoll.“ Ich blicke auf und er fügt hastig hinzu: „Ich weiß, das ist nicht, was du meintest… Im Grunde ist es in Ordnung. Die ganzen Leute hier sind viel ernster als früher und sowas, aber bei Lehrern wie Flitwick oder Slughorn ist es eigentlich wie früher. Nur der Unterricht der beiden Carrows ist…“ Er seufzt und fährt sich durch die Haare, auf der Suche nach den richtigen Worten. „Es ist ein wenig… voreingenommen, wenn du verstehst, was ich meine. Parteiisch. Sie haben richtig Spaß daran, Erstklässler oder aufsässige Schüler zu bestrafen… bestrafen zu lassen. Das sind dann die dunklen Künste – das Fach, meine ich. Und in Muggelkunde, was jetzt für alle Pflicht ist, lernt man, was das für Abschaum ist, dass Muggelstämmige weniger Wert sind und Magie gestohlen haben… und so…“ Seine Stimme verliert sich und bei den Worten kriecht eine leichte Röte auf seine Wangen.
    Ich meine zu wissen, weshalb. „Also das, was du früher auch geglaubt hast“, stelle ich fest. Ich mache ihm keinen Vorwurf – manchmal erging es mir auch so.
    Draco schaut auf seine Schuhspitzen. „Nicht so“, murmelt er.
    „Ich weiß.“
    Schließlich blickt er wieder auf. „Sie lassen einen in Ruhe, wenn man möglichst unbeteiligt dasitzt und gelangweilt schaut“, sagt er und ich nicke.
    Ich lese eine komplizierte Mitschrift aus dem Verwandlungsunterricht durch und bemerke: „Du wirst mir helfen müssen, wenn ich was lernen will, solange ich hier bin. Das sieht schrecklich schwierig aus.“
    Draco grinst. „Ich gebe dir gern Nachhilfe.“ Er hält inne und hakt nach: „Was soll das heißen, solange du hier bist?“
    Unruhig erhebe ich mich wieder und schlendere durch den Raum. Ohne Draco anzusehen erkläre ich: „Ich werde nicht ewig hierbleiben dürfen. Ich kann mich schon glücklich schätzen, dass ich nicht bestraft werde… ich schätze, das liegt daran, dass ich unter Greyback stehe und nicht für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen werde. Aber sobald man ihn findet – und das wird man – muss ich wieder… weg.“ Ich habe fast Angst, Draco anzusehen – Angst vor seiner Reaktion.
    Doch er fragt nur mit ruhiger Stimme: „Wie lange, ungefähr?“
    Ich zucke mit den Schultern. „Ich würde ihm zutrauen, dass er sich bis… Ende März vielleicht? Verstecken kann. Nicht länger. Dafür ist er nicht gerissen genug, nicht ausdauernd genug…“ Nur um Draco nicht ansehen zu müssen, spiele ich mit meinem Zauberstab herum und lasse einen Federkiel in der Luft schweben. Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie Draco näher tritt, bis er direkt neben mir steht.
    „Wenn uns nur so wenig Zeit bleibt, dann… sollten wir diese Zeit nutzen“, sagt er leise und eindringlich.

    20
    Am nächsten Morgen stolpern wir atemlos in den ersten Unterricht: Verwandlung.
    „‘tschuldigung, wir sind zu spät“, keuche ich.
    Professor McGonagall späht mit verkniffener Miene über ihre quadratische Brille. „Das ist mir allerdings aufgefallen, Miss Greenskape, vielen Dank. Ihre Entschuldigung, wenn ich bitten darf?“
    „Wir…“, sage ich und tausche einen Blick mit Draco.
    „Verschlafen“, sagt er hastig.
    McGonagall runzelt mit schmalen Lippen die Stirn, sagt jedoch nichts weiter.
    Isa und Ich gehen an unsere Plätze, ich leihe ihr Federn und Pergament wir hängen uns mit einem Eifer in die Sache, dass Professor McGonagall uns zwei oder drei Mal ermahnen muss, uns nicht zu unterhalten, und gleichzeitig unsere Begeisterung lobt und unsere Verspätung schon wieder vergessen hat, als sie uns mit einem wohlwollenden Nicken aus der Stunde verabschiedet.
    „Es tut so gut, wieder hier zu sein“, sage ich strahlend zu Draco.
    „Sicher?“, fragt er mit spöttisch funkelnden Augen. „Gerade im Unterricht sahst du noch etwas… überfordert aus.“
    Gespielt beleidigt stoße ich ihn von mir weg, während wir uns auf den Weg zur nächsten Stunde machen. „Du kannst mir heute Nachmittag nach dem Unterricht die versproche Nachhilfe geben“, sage ich augenzwinkernd und Draco grinst. „Wir sollten uns beeilen, wenn wir nicht auch noch bei Flitwick zu spät kommen wollen“, sage ich und nehme mit schnellen Schritten ein paar Treppenstufen.
    Draco hastet hinterher. „Ganz so sehr müssen wir uns auch nicht beeilen, wir haben noch-“
    „Ich wusste es, ich wusste es!“
    Ein Mädchen mit einer dunklen, wasserfallartigen Haarpracht stürmt um die Ecke. Begeistert starrt sie mich an. „Man hat gesagt, du seist gestern gekommen, aber ich war im Krankenflügel – ich bin beim Eislaufen auf dem großen See eingebrochen, vor zwei Tagen – aber ich habe gehört, dass du wieder da bist und ich wusste, dass es kein Gerücht sein konnte, ich wusste es, du bist wieder da und du hast bestimmt nicht viel Zeit, weil du zum nächsten Unterricht musst – ich ja auch – aber ich wollte dich endlich sehen und endlich habe ich dich gefunden und endlich kann ich dir sagen, dass ich dich vermisst habe!“ Sie stößt einen kleinen Freundenschrei aus und fällt mir um den Hals.
    Mehr als verblüfft sage ich: „Jill?“
    Sie lässt mich los. „Jill Dungen höchstpersönlich“, strahlt sie.
    Ich öffne den Mund, schließe und öffne ihn erneut. „Ich habe dich auch vermisst“, bringe ich endlich hervor. Ich blicke ich die dunklen Augen meiner ältesten Freundin, die vor Aufregung glitzern und funkeln, und mein Herz beginnt zu schlagen. „Ich habe alles hier so vermisst“, sage ich leise und habe plötzlich feuchte Augen.
    „Wir müssen uns nach dem Unterricht richtig treffen!“, sagt Jill.
    „Vor der Bibliothek?“, schlage ich vor und es ist abgemacht. Mit einem seltenen Glücksgefühl im Bauch gehe ich in den Unterricht.
    Draco, der die ganze Zeit über nichts gesagt hat, folgt mir.

    Stunden später legt Jill ein letztes Buch auf den Stapel vor uns, reibt sich die Hände und sagt zufrieden: „Das sollte genügen.“
    Hinter dem Bücherstapel stecken wir kichernd die Köpfe zusammen, gut abgeschirmt vor den strengen Blicken der Bibliothekarin Madame Pince und anderen, neugierigen Ohren.
    Mit funkelnden Augen schaue ich Jill an. „Erzähl schon. Was war hier so los, während ich nicht da war?“
    Sie schüttelt den Kopf und ihre langen, schwarzbraunen Haare fallen ihr ins Gesicht. „Du verpasst nichts. Es ist… Es ist eigentlich nicht mehr Hogwarts.“ Sie zögert. „Ein bisschen hast du ja auch mitbekommen… mit den Carrows… und so.“ Jill wirft sich die Haare über die Schulter und seufzt. Sie wirkt viel weniger fröhlich als sonst. Trotzdem lächelt sie fast sofort wieder und fügt hinzu: „Aber abgesehen davon muss ich sagen, dass der Unterricht immer interessanter wird. Anspruchsvoll, aber interessant...“
    „Du bist eine wahre Ravenclaw“, grinse ich.
    Jill grinst zurück. „Aber genug von mir…“ Ihre Miene wird ernster und sie beugt sich etwas näher zu mir. „Erzähl mir von dir. Wie… Wie ist es dir ergangen?“ Sie sieht mich an und ich weiß plötzlich, dass sie mich nicht drängen wird, zu erzählen. Sie fragt nicht aus unstillbarer Neugier oder weil ich so interessante Dinge erlebt habe. Jill fragt, weil sie wissen möchte, wie es mir geht und weil sie mir ein offenes Ohr anbieten möchte.
    „Es ist viel passiert“, sage ich nachdenklich und versuche es mit einem Lächeln, das schrecklich schief gerät.
    Jill sieht mich aufmunternd an.
    „Ich möchte es dir erzählen“, sage ich mit erschreckend wackliger Stimme, „Aber ich fürchte, dann würde ich anfangen zu heulen.“ Ich lache nervös.
    Jill steht auf, greift nach meiner Hand und zieht mich hinter ihr her.
    „Lass uns woanders hingehen. Irgendwohin, wo es nicht auffällt, wenn ich dir gleich einen ganzen Berg an Taschentüchern heraufbeschwören muss.“

    21
    Meine Freundin und ich lassen uns in einem Besenschrank nieder, der – nachdem Jill Peeves mit einem Besen verjagt hat – wie ausgestorben ist. Wir lassen uns auf umgedrehten Eimern nieder und eine Weile herrscht Schweigen. Ich betrachte eingehend eine Spinne, die munter an ihrem Netz arbeitet.
    Endlich bekomme ich den Mund auf und erzähle. Alles. Von dem Moment an, wo ich Hogwarts das letzte Mal verlassen musste, über die Todesserversammlungen und Greybacks Hütte im Wald, Dracos Brief und meine erste Flucht, wie ich die Französinnen kennengelernt habe, die nun tot sind, bis ich in den Untergrund gebracht wurde. Ich erzähle von den schrecklichen Zuständen dort unten, von den Welpen, Sed, und deren Flucht und die darauffolgenden Kämpfe, an denen ich teilnehmen musste, die mich vergessen ließen, wer ich bin. Ich erzähle, wie Greyback und ich dem Malfoy Manor über Weihnachten einen Besuch abgestattet haben und dass ich kaum noch eigene Emotionen vorzuweisen hatte, wie wir abgereist und Muggelstämmige gejagt haben und wie Sed mich und Greyback umbringen wollte und schließlich selbst gestorben ist. Und ich erzähle, wie ich zu mir zurück gefunden haben – wie Greyback und ich uns erst versteckt haben, wie sich die Situation zwischen uns plötzlich verändert und er mir tatsächlich Dinge beigebracht hat, bis ich so etwas wie ein neues Selbstbewusstsein entwickelt habe. Wie Greyback mich hat gehen lassen. Ich erzähle von meiner Angst, die mich immer noch nicht aus ihrem kalten Griff lässt und dass ich vermutlich bald zu Greyback zurück muss.
    Jill schweigt und sieht mich nur an. In ihrem Blick liegt mehr als bloß Mitleid oder Angst und Sorge. Schließlich sagt sie: „Wenn du wieder weg bist… Du kannst dich darauf verlassen, dass ich jeden Tag nach Jumps und seiner Freundin schauen werde.“ Sie lächelt. „Ich bin froh, dass du wieder da bist. Und auch, dass du dich mir anvertraut hast. Das weiß ich zu schätzen.“

    Als ich am frühen Abend, kurz vor dem Abendessen, den Kopf in Dracos und meinen Schlafsaal stecke, ist er leer. Stirnrunzelnd überlege ich, wo mein Freund noch sein könnte – bis es mir klar wird.
    Ich bin nervös, wie immer, und sage mir, wie immer, dass ich keinen Grund dafür habe.
    Niemand von denen kann dir etwas anhaben.
    Als ich schließlich vor dem versteckten Durchgang zum Slytherin-Gemeinschaftsraum stehe, fällt mir auf: Ich kenne das Passwort gar nicht. Doch ich brauche mich nicht zu sorgen. Zwei kleine Drittklässler kommen nur wenig später hinaus, die sich vermutlich sehr zeitig zum Abendessen aufmachen. Bei meinem Anblick gucken sie erschrocken, doch ich beachte sie nicht weiter und schlüpfe eilig an ihnen vorbei durch den offenen Eingang.
    Die Eindrücke, die über mich herfallen, sind so vertraut, dass mir das Herz wehtut und ich heftig blinzeln muss.
    Das grüne Licht und die riesigen Fensterfronten, die Einblick in den schwarzen See geben, das prasselnde Feuer, um das gemütliche, schwarze Sofas und Sessel stehen, auf denen sich Schüler tummeln, die allesamt grün-silber gestreifte Krawatten tragen und zu denen ich einst gehörte.
    Slytherin. Mein Haus.

    22
    Für einen warmen Augenblick fühlt es sich an, als käme ich nach Hause, als würde ich gleich meine Hausaufgaben mit Draco vergleichen, dann in den Mädchenschlafsaal gehen, wo ich mit meinem hübschen Freund angebe, und in einem Himmelbett schlafen, wo ich dem dumpfen Rauschen des Sees um uns herum lausche.
    „Passt auf“, kreischt eine viel zu hohe Stimme und reißt mich in die Realität, „Der Werwolf ist hier! Ich will von so einem ekelhaften Tier nicht gefressen werden, ihr etwa?“ Schrilles Lachen.
    Pansy Parkinsons Worte fühlen sich an wie vorbei zischende Messer. Gefasst drehe ich mich zu ihr um.
    „Kein Wolf würde dich auch nur ansehen wollen, sei er noch so hungrig“, sage ich höhnisch, „Du siehst alles andere als appetitlich aus.“
    Pansy hat es die Sprache verschlagen und ich durchsuche mit den Augen den Raum nach meinem blondhaarigen Freund. Jemand wie Pansy kann mir meine gute Stimmung nicht madig machen – ich möchte Draco unbedingt erzählen… Ja, was einfach? Ich habe Jill schon alles erzählt und nun fühle ich mich so glücklich… dass ich dieses Glück teilen muss.
    Ich finde Draco auf einem der Sofas direkt am knisternden Kamin neben dem dunkelhäutigen Jungen, den ich als Blaise Zabini wiedererkenne. Lächelnd gehe ich auf die beiden zu und setze mich zu ihnen – die mir folgenden Blicke ignorierend.
    „Hey“, sagt Blaise leichthin, sein Arm zuckt, als wollte er mir die Hand schütteln, doch er entscheidet sich für ein weniger förmliches Schulterklopfen. „Lange nicht gesehen, oder? Wie geht‘s so?“
    Ich bin dankbar für seine unverfängliche Art, die freundlich, herzlich, aber keinesfalls mitleidig oder falsch ist. Wir quatschen, und er schaut mich nicht an, als wüchse mir im nächsten Augenblick ein Pelz. Ich erzähle von meinem Treffen mit Jill, wir reden über das Wetter, sämtliche Lehrer und den Unterricht.
    „Ich bin ja noch nicht so lange wieder da und kann das vielleicht schlecht beurteilen“, sage ich, „Aber es kommt mir so vor, als wäre der Stoff echt schwierig.“
    Blaise nickt. „Puh. Wirklich. Ich kann mich nicht beschweren, schließlich bin ich nicht auf den Kopf gefallen und komme klar, aber hart ist es schon. Ich schätze mal, jeder muss sich verdammt abmühen. Naja – bis auf Draco hier.“ Er grinst. „Den muss man nur etwas motivieren, aber dann läuft es wie von allein, oder, man?“
    Draco, der die ganze Zeit nichts gesagt hat, gibt einen unbestimmten Laut von sich.
    „Sage ich doch“, sagt Blaise munter. Er sieht mich aufmunternd an. „Und du wirst das alles auch noch aufholen können. Naja, vielleicht nicht ganz, aber…“ Er grinst. „Draco hilft dir bestimmt mit dem Stoff, nicht?“
    Ich erwidere Blaise‘ Grinsen und antworte: „Klar. Es gibt keinen besseren Nachhilfelehrer als ihn.“
    „Tja“, kommt es plötzlich von Draco, „Wenn es denn überhaupt mal dazu kommen würde…“
    „Was meinst du?“ Irgendetwas in Dracos Stimme macht mich misstrauisch.
    „Ich weiß es nicht“, sagt er spitz, „Sag du‘s mir.“
    Blaise blickt verwirrt zwischen uns hin und her. Eine kleine Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen. „Was ist los, Draco?“, will nun auch er wissen.
    „Ach.“ Draco lehnt sich mit verschränkten Armen zurück, sein Gesicht ist beinahe ausdruckslos, bloß die grauen Augen blitzen zornig. „Ich weiß auch nicht“, wiederholt er. „Vielleicht, dass du“, er nickt in meine Richtung, „seit deiner Ankunft ungefähr… hm, zwei Blicke an mich verschwendet hast?“
    Ich schaue hilfesuchend zu Blaise, doch er sieht genauso ratlos aus, wie ich mich fühle.
    „Du hast dich also mit deiner tollen neuen Freundin getroffen, nicht wahr? Hast mit ihr geplaudert und alles erzählt, was dich bedrückt.“ Dracos Stimme wird mit jedem Wort finsterer und ist gleichzeitig voller Spott. „Dass wir beide nach dem Unterricht zusammen was machen solltest, ist dir da natürlich glatt entfallen.“
    Ich öffne den Mund, doch Draco redet weiter.
    „Blaise kannst du gleich auch noch dein Herz ausschütten, aber keine Sorge, ich lasse euch gerne allein, euch oder dich mit wem auch immer du lieber deine Zeit verbringst.“
    Es tut mehr weh als der Hohn von Pansy. „Ich wollte dich nicht zu kurz kommen lassen“, sage ich und in mir zieht sich etwas zusammen. „Ich… habe Jill so lange nicht gesehen, ich war einfach so… froh.“
    Draco zieht eine Augenbraue hoch. „Mich hast du auch lange nicht gesehen.“
    „Ich weiß“, sage ich hastig, „Aber wir… wir haben-“
    „Mehr Zeit? Ist es das was du sagen willst?“ In Dracos blassen Zügen tanzen Wut und Verletztheit. „Du vielleicht. Für dich ist es etwas Besonderes, dass man dich überhaupt wieder in dieses Schloss gelassen hat, für dich ist alles wertvoll und alle deine tollen kleinen Freunde musst du natürlich wiedersehen… Während ich auf dich gewartet habe und nur für dich, du bist die Einzige, mit der sich alles besonders anfühlt.“ Seine Stimme wird leiser, und obwohl die Gespräche und das Geplaudere um uns herum anhält, wird es in mir ganz still. „Scheinbar ist es für dich nicht so… Da frage ich mich, habe ich meine Zeit verschwendet, als ich auf dich gewartet, dir Briefe geschrieben und mich um dich gekümmert habe – obwohl du ein-“
    „Sag das nicht“, sagt Blaise heftig. „Sag das nicht, Draco…“
    „Doch“, sage ich und erhebe mich von dem Sofa. Draco tut es mir gleich. „Sag es. Egal ob ausgesprochen oder nicht, Gedanken sind Wahrheit.“ Das flaue Gefühl der Schuld hat sich aufgelöst und zu einem wütenden Ball verformt.
    Draco blickt mich kalt an. „Merkst du nicht, dass ich es versuche? Du bist so, so…“ Er verstummt für einen Herzschlag. „Und trotzdem war ich immer da und…“
    „Oh, ja“, sage ich nicht minder kalt. „Verzeih mir, dass ich dir noch nicht auf Knien dafür gedankt habe, dass du… Was? Achja. Briefe hat der tapfere junge Mann geschrieben. Er hat auch gewartet und sich ein bisschen gekümmert, nachdem ich völlig zerstört wiedergekehrt bin von all den Orten und Erlebnissen, die im Vergleich mit Warten und Briefchen schreiben natürlich nur Lappalien sind.“
    „Wenigstens ein Danke wäre nett gewesen. Aber nein, stattdessen gehst du zu Anderen, um mit ihnen zu sprechen… Ich habe mich wohl nicht als vertrauenswürdig erwiesen, hm?“
    Mit verschränkten Armen stehen wir uns gegenüber.
    „Ich habe in die Falschen Vertrauen gesetzt“, sage ich, die Stimme leise vor erstickender Wut. „Aber wenn es dich glücklich macht: Du hattest Recht. Sed hätte ich nicht vertrauen sollen. Er wollte mich umbringen. Und ich hatte Recht, vor Monaten, als ich gefühlt habe, dass ich dir nicht vertrauen kann.“
    Jegliche Farbe ist aus Dracos Gesicht gewichen. „Er… was?“
    „Er wollte mich ermorden. Sed.“ Ich recke das Kinn. „Es war nett, dich gekannt zu haben, hübsches Mädchen“, flüstere ich. „Das hat er zu mir gesagt, bevor er mich geschockt hat. Greyback wollte er zuerst ermorden. Er wollte, dass ich dabei zusehen kann, wie er stirbt. Nett von ihm, nicht wahr?“ Ich schüttele den Kopf. „Und dir habe ich vertraut. Ich habe doch tatsächlich geglaubt, dass du dich für mich freuen würdest, dass du glücklich bist, wenn ich es bin. Wie es aussieht, habe ich mich getäuscht, wieder einmal. Vielleicht hätte Sed mich erledigen sollen.“
    „Vielleicht hätte er das.“
    Diese Worte treffen mich wie ein Messer in die Brust; Es macht keinen Unterschied, der Schmerz ist der gleiche. Ich atme scharf ein. „So willst du mich also gehen lassen. Gut zu wissen.“ Fast höre ich mein Herz zerreißen, als ich mich von Dracos grauem Blick abwende. Und gehe.

    ~(Draco)

    Es ist viel zu laut im Gemeinschaftsraum. So viele reden, manche lachen sogar… Ich will, dass sie still sind. Ist das gerade wirklich passiert? Ich starre auf die Stelle, an der Sekunden zuvor noch Isa stand – mit verschränkten Armen und einem wütenden Blick.
    Haben wir uns wirklich gestritten?
    „Das… Das hättest du nicht sagen sollen, man“, sagt Blaise leise und bestätigt mir, dass es tatsächlich passiert ist. „Das war verdammt scheiße von dir…“
    „Vielleicht.“
    „Vielleicht?“ Blaise deutet auf den Ausgang des Gemeinschaftsraums, durch den Isa soeben verschwunden ist. „Geh ihr hinterher, verdammt! Ist dir eigentlich klar, was du eben gesagt hast? Du hast gesagt, dass sie hätte sterben sollen!“
    Ich schaue meinen besten Freund nicht an. „Das habe ich nicht so gemeint“, murmele ich.
    „Dann sag ihr das“, jammert Blaise fast schon flehentlich, „Oh man, dir ist echt nicht zu helfen, geh schon!“
    „Nein“, sage ich, lasse mich wieder auf das Sofa fallen und wünsche mir, ich könnte irgendwo zwischen den Kissen verschwinden. „Du hast sie doch gehört… egal ob gesagt oder unausgesprochen, wenn der Gedanke da ist-“
    „Der Gedanke war bei dir aber nur… nur… unernst da!“, beharrt Blaise. „Du wirst es bereuen, wenn du nicht-“
    „Gar nichts werde ich“, sage ich grollend, „Wenn du jetzt endlich die Klappe halten würdest, Blaise…!“
    Mein Freund verstummt tatsächlich, doch ich spüre seine vorwurfsvollen Blicke den ganzen Rest des Abends auf mir.

    Isa kommt nicht zurück.
    Sie taucht auch nicht in unserem gemeinsamen Schlafsaal auf und am nächsten Morgen ist ihr Bett immer noch so leer und kalt wie zuvor.
    Sie erscheint weder zum Frühstück, noch zum Unterricht und ich kann sie nirgends in den Gängen entdecken. Vermutlich – und, wie mein Gewissen tadelnd anerkennt: zurecht – geht sie mir aus dem Weg.
    Blaise hatte Recht: Ich bereue es, dass ich ihr nicht nachgelaufen bin. Ich bereue, was ich gesagt und wie ich mich verhalten habe.
    Gegen Nachmittag, in der letzten Unterrichtsstunde, Zaubertränke, bin ich so durch den Wind, dass ich meinen Trank vollkommen vermassele. Ich habe Kopfschmerzen und aus meinem Kessel qualmt ein trauriger, gelbgrauer Dampf, der eigentlich hellviolett sein sollte.
    „Mein lieber Junge“, sagt Professor Slughorn mitleidig, als er sich über mein Gebräu beugt, „Normalerweise würde ich ja fragen, woran‘s gelegen hat, nicht… Aber verständlich, vollkommen verständlich…“
    „Was meinen Sie?“, frage ich rasch.
    Slughorn verzieht überrascht das Gesicht. „Hat man es Ihnen nicht mitgeteilt?“
    „Was denn mitgeteilt?“ Ungeduldig runzele ich die Stirn.
    Der Zaubertranklehrer blickt äußerst bestürzt drein. „Aber… heute Vormittag – Sie wissen es wirklich noch nicht? Man hat doch ihre Schulsprecherkollegin draußen im Regen gefunden und in den Krankenflügel gebracht, krank, die Arme… bei dem Wetter draußen…“
    Ich höre ihm nicht länger zu, ich nehme mir nicht einmal die Zeit, meine Tasche mitzunehmen – ich bin schneller oben im Krankenflügel, als Slughorn in eine kandierte Ananas beißen kann.

    „Wie schlimm ist es? Was ist passiert?“, frage ich Madame Pomfrey außer Atem, die gerade dabei ist, dickbauchige Flaschen mit bunten Tränken in einen Schrank zu sortieren. Ungeduldig spähe ich zu dem Krankenbett, um das Vorhänge gezogen sind.
    Madame Pomfrey schürzt die Lippen. „Sie wurde heute Vormittag draußen gefunden, mitten im Regen und ohnmächtig. Sie hat hohes Fieber und ihr Körper ist lange Zeit einer hohen Belastung ausgesetzt gewesen, die sich nun entladen hat. Jedoch nichts, was ich nicht mit ein, zwei Tränken und ein paar Stunden Schlaf kurieren könnte.“
    „Warum tun Sie das dann nicht?“, frage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme verzweifelt klingt. Nervös verschränke ich die Hände hinter dem Rücken.
    Die Krankenschwester seufzt, schließt den Schrank und sieht mich stirnrunzelnd an. „Das würde ich… Wenn Miss Greenskape sich nicht so vehement wehren würde.“
    „Wehren?“, frage ich verdutzt, „Ich dachte, sie ist krank?“
    „Das ist sie. Sie ist nicht bei vollem Bewusstsein, das Fieber… Ich nehme nicht an, dass sie weiß, wo sie ist.“ Sie schüttelt traurig den Kopf. „Selbstverständlich könnte ich sie mit Magie dazu bringen, die Medizin zu nehmen, aber es gibt Regeln, an die ich mich halten muss. Wenn der Patient nicht in Todesgefahr schwebt und sich gegen die Behandlung wehrt…“ Madame Pomfrey seufzt, doch dann sieht sie mich plötzlich mit einem scharfen Blick an. „Aber warum versuchen Sie es nicht?“
    Ehe ich mich versehe, habe ich eine Flasche mit goldenem Inhalt in der Hand und stehe an Isas Krankenbett. Als ich sie so ansehe, versetzt das schlechte Gewissen einen schmerzhaften Stich. Das schlechte Gewissen… und die Liebe.
    Isas Augen sind halb geschlossen, ihre Haut wirkt geschwollen, verschwitzt und rot und ihre leicht geöffneten Lippen sind rissig. Sie murmelt vor sich hin und zittert am ganzen Leib. Als ich ihre Hand berühre, ist diese glühend heiß. Sie befindet sich in ihrer eigenen, fiebrigen Welt und ich weiß nicht, ob ich zu ihr durchdringen kann.
    Madame Pomfrey steht hinter mir. „Wenn ich versucht habe, ihr die Medizin zu geben, schien sie wütend, und als ich wenigstens ihr Gesicht nass abtupfen wollte, um sie etwas abzukühlen, hat sie plötzlich Angst bekommen und nach Luft geschnappt, als würde sie gleich ertrinken…“
    „Wasser“, murmele ich und erinnere mich an Isas Albtraum, als sie Weihnachten bei mir war, bei dem sie sich ähnlich aufgeführt hat.
    „Vielleicht erkennt sie Sie“, sagt Madame Pomfrey zu mir, „und lässt zu, dass Sie ihr helfen… Sie braucht diese Medizin und dann einen Schlaftrunk, damit ihr Körper zur Ruhe kommt… Versuchen Sie es.“

    Es ist bereits dunkel, als Isa die Augen aufschlägt. Mit bangem Blick beobachte ich sie.
    „Wo bin ich“, murmelt sie, und dann: „Ich habe Durst.“
    Schweigend helfe ich ihr, sich aufzusetzen, und reiche ihr einen Becher Wasser. Nachdem Isa mit großen Schlucken getrunken hat, atmet sie tief durch, blinzelt, reibt sich die Augen und sieht mich.
    „Du bist hier“, sagt sie, und sinkt in ihre Kissen zurück, wobei sie mich nicht aus den Augen lässt.
    Ich nicke. „Ich bin hier.“
    „Was ist passiert?“
    „Du warst krank“, antworte ich, „Richtig krank. Am Vormittag hat man dich draußen gefunden und in den Krankenflügel gebracht – also hierher. Du hattest Fieber und so. Aber Madame Pomfrey konnte dir nicht helfen, weil…“ Ich fülle Isas Wasserbecher auf, bevor ich fortfahre. „Du wolltest nicht. Ich glaube, du hattest irgendwelche Fieberträume und bist wütend geworden und… Aber als ich gekommen bin, hat Madame Pomfrey gesagt, dass ich es versuchen soll. Du hast es zugelassen. Ich habe dir die Medizin gegeben und etwas zum Schlafen und… jetzt ist es Abend.“
    Wortlos nimmt Isa noch einen Schluck Wasser, starrt auf ihre eigenen Hände und streicht die Bettdecke glatt. Schließlich sagt sie sehr leise: „Tut mir Leid. Ich habe mich schrecklich benommen dir gegenüber. Danke. Dass du dich so um mich gesorgt hast und auf mich gewartet hast. Das hätte nicht jeder getan. Niemand außer dir hat sich so sehr um mich gesorgt wie du und ich…“ Sie seufzt. „Ich habe alles kaputt gemacht.“
    Bestürzt sehe ich sie an. „Aber nein! Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Was ich gestern gesagt habe, war echt…“
    „Scheiße?“, hilft Isa mir und ich nicke.
    „Entschuldige“, sage ich und hasse mich dafür, dass dieses einfache Wort so schwer über meine Lippen kommt. „Verzeih mir. Das war dumm. Ich war dumm.“
    Isa streicht sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Nein“, sagt sie. „Wenn dir etwas nicht passt, dann musst du das sagen. Nur besser… direkt.“ Sie lächelt müde.
    „Das werde ich.“ Plötzlich fühle ich mich sehr erleichtert.

    Isa muss noch eine geschlagene Woche im Krankenflügel bleiben, denn Madame Pomfrey nach gibt es Dinge, die länger zum Heilen brauchen als eine blasse Grippe. Ich bringe ihr jeden Nachmittag einen Schwung beschriebener Pergamente, den sie mit einer Ambition durchliest, dass ich fast fürchte, sie würde mich bald überholen.
    Seltsamerweise hat Madame Pomfrey nichts dagegen, wenn Jill und ich Isa besuchen, sogar stundenlang bei ihr bleiben – doch sobald Snape vor der Tür steht, sagt sie, sie könne dem Schulleiter natürlich den Zutritt nicht verbieten, doch wenn das Wohl der Schülerin erwünscht sei, dann brauche sie Ruhe, ganz, ganz viel Ruhe…
    Ich habe der Krankenschwester in der Vergangenheit nie viel Beachtung geschenkt, doch mittlerweile kann sie sagen, dass sie echt in Ordnung ist.
    „Danke euch beiden“, sagt Isa am vorletzten Tag ihrer Ruhepause und blickt von mir zu Jill. Wir sitzen rechts und links an ihrem Bett, auf dem sie aufrecht sitzt, und erklären ihr Zauberkunst, während sich selten zeigendes Sonnenlicht auf unsere Notizen fällt. „Ich glaube, mit euch kann man Jahre nachholen und ihr könntet es mir in zwei Wochen erklären.“
    „Das liegt einzig und alleine an deiner Intelligenz“, sage ich augenzwinkernd und Jill lacht.
    Isa grinst. „Werd nicht frech, Malfoy! Was ich eigentlich sagen wollte…“ Sie streicht über die Blätter und schiebt sie zu einem ordentlichen Stapel zusammen. „Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch habe.“
    Jill und ich wechseln einen raschen Blick. Was kommt jetzt?
    „Hey, guckt nicht so ernst.“ Isa wirft sich die Haare über die Schultern und lacht. „Ich meine doch nur… Ich habe jetzt genug Zeit mit Schulkram verbracht, meint ihr nicht? Alles werde ich sowieso nicht aufholen und das Wichtigste habt ihr mir schon beigebracht. Ich will lieber mehr Zeit mit euch verbringen. Als meine Freunde, nicht als meine Lehrer. Ich bin froh, dass ich hier ein bisschen Pause machen kann, aber viel ist hier nicht los… also, was passiert da draußen?“ Ihre Augen glitzern vor Neugier, als sie das sagt.
    Jill beugt sich vor. „Soso“, sagt sie, „Du willst also lieber lästern, als zu lernen! Ich weiß ja nicht, ob ich das so unterstützen kann… Was meinst du, Draco?“
    Ich springe sofort mit ein und lege den Kopf schräg. „Hmmm“, mache ich, „Ich weiß ja nicht… Ich denke… wir sollten mit Zaubereigeschichte anfangen.“
    Isa wirft ihr Kissen nach mir.

    Milder Wind und wechselhaftes Wetter wirbeln den März über die Schlossgründe; so liegt eines Abends noch Schnee, während am nächsten Morgen Vögel durch milde Sonnenstrahlen zwitschern.
    „Dafür war ‘s Wert, Geschichte zu schwänzen“, seufzt Isa, legt den Kopf zurück und sonnt sich. Verstohlen mustere ich sie, während wir, um dem frischen Wind zu trotzen, dicht nebeneinander am Ufer des schwarzen Sees sitzen und die erste Frühlingsluft genießen. „Binns merkt es eh nicht, dass wir nicht da sind.“
    Ich nicke. „Außerdem fangen übermorgen die Osterferien an… Wen interessiert da noch der Unterricht.“
    Isa streckt sich und blickt zu mir. Aus ihren blauen Augen scheint der wolkenlose Himmel zu leuchten, und sie fährt mir durch mein Haar und legt die Fingerspitzen unter mein Kinn, um sich schließlich zu mir zu beugen und mich zu küssen. Es ist ein sanfter Kuss nur, der ebenso verheißungsvoll und voller Versprechen ist wie der Wind, der warme Luft zu uns weht. Ich lege eine Hand in ihren Nacken und ziehe Isa zu mir; Ihre Haarspitzen kitzeln meinen Handrücken. Ich habe mich immer noch nicht ganz an die schulterlange Frisur gewöhnt, die Jill ihr geschnitten hat, doch es sieht hübsch aus. Natürlich.
    Es fühlt sich an, als lägen in dem Kuss alle Versprechen und Vorstellungen, die Isa nicht laut aussprechen kann, weil sie nicht ehrlich wären. Unsere Berührung erzählt von einem Uns, dass jede Woche Geschichte schwänzt, um sich heimlich und fern von allen am Seeufer zu küssen; von einem Uns, dessen größte Sorge die Abschlussprüfungen sind; von einem Uns, wo keiner von uns beiden Narben und Male trägt.
    Es tut mir weh, sie wieder gehen zu lassen.
    „Vielleicht…“, sagt Isa hoffnungsvoll, „Können wir in den Ferien zu dir nach Hause.“
    „Was willst du denn da?“, frage ich überrascht und lasse meinen Blick über das Schlossgelände schweifen. „Hier ist es doch viel schöner. Vor allem ist hier kein… Du weißt schon…“
    Isa nickt nachdenklich. „Vielleicht hast du Recht, aber… hier sind so viele Menschen.“ Sie seufzt. „Die ganzen Lehrer und Schüler und…“ Ihr Blick verdüstert sich kaum merklich. „Ich wünschte, ich könnte allein mit dir sein“, sagt sie und legt ihren Kopf auf meine Schulter.
    Ich lege meinen Arm um sie. „Na gut, vielleicht hast du Recht.“
    „Vielleicht hast du Recht“, grinst Isa.
    „Vielleicht haben wir beiden Recht.“
    „Vielleicht.“
    „Vielleicht.“
    Isa schubst mich. „Du bist blöd“, sagt sie, und versucht nicht zu lachen.
    „Das ist aber kein gutes Benehmen“, sage ich gespielt ernst und mit erhobenem Zeigefinger.
    Isa stößt mir ihre Hände gegen die Schultern, heftiger diesmal, und ich lande rücklings im Gras. Über mir taucht zu erst der blaue Himmel auf, dann Isas Gesicht. Mit den Händen auf meiner Brust beugt sie sich über mich, bis nur noch wenige daumenbreit Abstand zwischen uns sind und flüstert: „Ich zeige dir gleich mein schlechtes Benehmen.“
    „Jetzt habe ich aber Angst“, grinse ich.
    „Halt die Klappe“, murmelt Isa und küsst mich.
    Jemand räuspert sich.
    Isa knurrt leise und ich kann es ihr nicht verübeln; Mir passt diese Störung ebenfalls ganz und gar nicht. Trotzdem lösen wir uns voneinander und sehen Blaise, der uns schief angrinst.
    „Was machst du denn hier?“, frage ich und fahre mir mit der Hand durch die Haare.
    Blaise grinst noch breiter. „Das könnte ich euch auch fragen.“
    „Halt die Klappe“, sagt Isa nun zu ihm, „Was willst du?“
    Mein Freund verschränkt die Arme. „Ich soll die Klappe halten und gleichzeitig sagen, was ich will? Das ist ein Widerspruch in sich, Madame.“
    „Komm schon, spuck ‘s aus.“ Stirnrunzelnd mustere ich Blaise. Müsste er nicht im Unterricht sein? Was tut er hier draußen bei uns?
    Er zuckt mit den Schultern. „Ist ja gut. Ich weiß es auch nicht.“ Er schaut Isa an. „Aber Snape hat mich geschickt. Er will dich in seinem Büro sehen.“
    Ich wechsle einen raschen Blick mit Isa. Was hat das zu bedeuten? Ich greife nach ihrer Hand, doch sie macht sich los und steht auf. Hastig tue ich es ihr nach, als sie, ohne sich umzudrehen, in Richtung Schloss geht. Ich wette, sie ahnt das Selbe wie ich.
    Nicht… flehe ich stumm, Nicht jetzt schon…
    Wir lassen Blaise einfach stehen, dessen Grinsen schon wieder verschwunden ist.
    „Warte doch“, sage ich und beeile mich, mit Isas zackigem Schritt mitzuhalten. „Vielleicht-“
    „Nichts vielleicht!“ Sie sieht mich nicht an und geht noch schneller.
    Entschlossen packe ich sie am Handgelenk, sie wirbelt zu mir herum und ich sehe, wie sich ihre Hand zur Faust ballt, doch sie tut mir nichts. „Beruhige dich“, sage ich, „Du weißt nicht, was er will und selbst wenn…“ Ich blicke sie fest an. „Ich bin hier. Ich bleibe bei dir. Ich warte auf dich. Immer. Verstehst du mich?“
    Ihre Augen sind weit aufgerissen und ich verstehe ihre Angst. „Was, wenn ich nicht wiederkomme?“, fragt sie.
    Ich nehme ihr Gesicht zwischen meine Hände. „Dann komme ich zu dir. Wir werden uns immer wieder finden. Vielleicht sehen wir uns viel schneller wieder, als wir denken. Nicht in Panik geraten. Ich komme erst mal mit dir und dann sehen wir weiter, in Ordnung?“
    Isa atmet tief durch und lässt zu, dass ich ihre Hand nehme. „In Ordnung. Lass uns gehen.“

    ~(Isa)

    Snape runzelt die Stirn, als wir gemeinsam sein Büro betreten.
    „Ich hatte nur Sie herbestellt, Miss Greenskape“, tadelt er uns.
    „Ich weiß-“
    „Das ist meine Schuld“, sagt Draco rasch, „Ich habe darauf bestanden, sie zu begleiten, Professor.“
    Der Schulleiter erhebt sich und sieht uns mit einer steilen Falte zwischen den Augenbrauen ernst an. Mein Herz pocht so schnell, dass ich Angst habe, es könnte stolpern. Oder stehenbleiben. Ich klammere mich an Dracos Hand und fühle mich wie ein kleines Kind. Ich spüre, wie er sanft mit dem Daumen über meinen Handrücken streicht und ich atme tief durch. Nur keine Panik.
    „Das tut jetzt nichts zur Sache“, sagt Snape, blickt kurz zu Draco und konzentriert sich anschließend wieder auf mich. „Ich habe eine Nachricht erhalten. Vor zwei Tagen hat man Greyback gefunden und mir nun mitgeteilt, dass er mittlerweile wieder imstande ist, zu… arbeiten.“ Pause. „Der dunkle Lord ist selbstverständlich sehr enttäuscht von ihm und er wird in neuen Aufgabenbereichen eingesetzt, bei denen er weniger Verantwortung trägt. Sie, Miss Greenskape, werden natürlich wieder in seinen Schatten treten und noch heute Abend zu Ihnen nach Hause reisen, wo Ihnen alles weitere erklärt werden wird.“
    Der Boden scheint sich unter mir zu drehen und die Wände verzerren sich, bis alles vor meinen Augen verschwimmt und mir ganz schwindelig wird. Es geht zurück. Die schöne Zeit ist vorbei. Atme ich noch? Bin ich noch auf den Beinen? Ich weiß es nicht. Ich fühle nur mein rasendes Herz und den schwankenden Boden unter mir.
    Doch plötzlich ist da noch etwas anderes.
    Draco drückt meine Hand und zieht mich aus dem Sog meiner Panik. Halte ich mich an ihm fest oder muss er mich halten? Ich zwinge mich, bewusst und ruhig zu atmen und die Welt um mich herum nimmt wieder feste Formen an.
    Plötzlich höre ich ihn sagen: „Ich gehe mit ihr.“
    Erschrocken reiße ich die Augen auf. Er weiß nicht, was er da sagt.
    Snape zieht spöttisch die Augenbrauen hoch. „Das ist wohl kaum möglich, Mr Malfoy.“
    „Ich bin volljährig.“
    Nicht, will ich sagen, es hat keinen Zweck… Doch der große egoistische Teil in mir hofft, will, dass Draco mit mir kommt, dass wir zusammen bis zum Ende der Welt gehen und Hand in Hand sterben.
    Doch Snape erstickt die verdammte Hoffnung im Keim. Seine Stimme ist drohend sanft und eine unausgesprochene Warnung liegt in seinen Worten, als er sagt: „Sie mögen volljährig sein, dennoch gibt es einige Personen die in der Hierarchie weit über Ihnen stehen. Sie werden Miss Greenskape nicht begleiten. Sie gehen über die Ferien zu ihren Eltern ins Malfoy Manor.“
    Ich bringe kein Wort über die Lippen. Ich spüre, wie Draco sich neben mir trotzig versteift, seine Hand hält die meine so fest, dass ich weiß: Er will mich wirklich nicht gehen lassen. Plötzlich überrollt mich die Erkenntnis, dass er mich liebt, wie eine Flutwelle und obwohl ich weiß, dass wir wieder getrennt werden, könnte ich weinen vor Glück.
    Egal, was ich durchmachen muss – es gibt eine Person, die mich aufrichtig liebt, was auch mit mir geschehen mag, er liebt mich, und ich liebe ihn… Und dafür bin ich unendlich dankbar. Nicht jeder hat das Glück, so eine Person zu haben.
    „Wer sagt das?“, fragt Draco und ich ahne, was ihm durch den Kopf geht: Er will mich nicht gehen lassen und er will nicht alleine in dieses große, düstere Anwesen mit all den unheimlichen Gestalten dort drin zurückkehren.
    „Ihre Mutter möchte Sie sehen.“ Snape klopft ungeduldig mit den Knöcheln auf den Schreibtisch.
    „Warum das?“, fragt Draco verdutzt.
    Snape sieht von Sekunde zu Sekunde genervter aus. „Ich nehme an, weil sie Ihre Mutter ist, Mr Malfoy. Sie werden pünktlich zum Ferienbeginn abreisen, Miss Greenskape hier hat es jedoch etwas eiliger, wenn ich also bitten darf...“ Er schaut zu mir und in seinen Augen liegt ein seltsamer Ausdruck. „Ich erwarte sie heute Abend um acht in meinem Büro. Verspäten Sie sich nicht.“

    Ich sitze auf meinem Bett und halte den Rucksack auf meinem Schoß fest umschlungen. In fünf Minuten muss ich mich aufmachen und ich brauche etwas, woran ich mich festhalten kann.
    Draco setzt sich neben mich. Seit einer Weile haben wir kein Wort über die Lippen gebracht. Es gibt keine Worte, die uns helfen könnten.
    „Ich habe etwas für dich“, sagt er schließlich und streckt mir seine Hand entgegen. „Komm.“
    Ich antworte nicht, lasse mich aber von ihm zu dem Wandspiegel ziehen. Der Anblick meiner kurzen Haare ist für mich noch ungewohnt und ich suche auf dem Glas nach Dracos Blick. Im Spiegel beobachte ich, wie er hinter mich tritt und mir sanft eine Kette um den Hals legt. „Ich hoffe, sie gefällt dir.“
    Ich trete näher an das spiegelnde Glas und betrachte das Geschenk. Die Kette ist dünn und silbern und trägt einen länglichen grünen Stein, der nadelspitz zuläuft und facettenreich funkelt, als Anhänger. Ich finde es wunderschön. „Danke“, sage ich leise. „Sie ist so schön… aber sie sieht so teuer aus.“
    Draco kommt mir noch näher und mustert ernst unser Spiegelbild. Ich spüre seinen warmen Körper direkt hinter mir. „Nicht ansatzweise so teuer, wie du mir teuer bist.“ Er neigt seinen Kopf herab und raunt mir ins Ohr: „Stich dich nicht daran. Die Spitze ist sehr… spitz.“ Er lacht traurig und ich merke, dass in diesen Worten noch etwas anderes steckt. Meine Gedanken driften ab und ich stelle mir vor, wie ich die schillernde Spitze des Steins durch die Haut eines mir wohlbekannten Feindes stoße. „Pass auf dich auf.“
    Ich drehe mich zu Draco um. „Du auch.“
    „Du musst zu mir zurück kommen.“
    „Bitte warte auf mich.“
    „Das werde ich.“
    Mein Herz fühlt sich schwer an, so schwer, als wollte es mich auf alle Ewigkeiten hier festhalten; als wollte es mich zwingen, bei ihm zu bleiben. Bei Draco. Zu gerne würde ich diesem verzweifelten Wunsch nachgeben… doch größere Mächte zwingen mich zum Gehen.
    „Du hast dich nicht von Jill und Blaise und den anderen verabschiedet.“ Es ist eine Feststellung, und ich bin froh, dass er nicht nach dem Warum fragt.
    „Grüß sie von mir.“ Das Sprechen fällt mir schwer. Halt mich fest, will ich schreien, lass mich nicht los, lass mich nicht gehen… Ich sehe Draco an, dass er nichts lieber tun würde, doch er tut es nicht. Er hält mich nicht fest und tut so, als würde er die Tränen in meinen Augen nicht sehen. Er will es mir nicht noch schwerer machen, denn er weiß genau, dass ich keine Wahl habe – dass wir keine Wahl haben.
    „Das mache ich“, antwortet er. „Bist du sicher, dass ich dich nicht begleiten soll? Wenigstens bis zu Snapes Büro?“
    Erst nicke ich, dann schüttele ich den Kopf.
    Draco nickt.
    Als er mich zur Tür unseres Schlafsaals bringt, glänzen stille Tränen auf seinem Gesicht, doch es hat gar nichts Peinliches oder Lächerliches an sich. Jedes Mal, wenn wir uns verabschieden, könnte es sein, dass es das letzte Mal ist, dass wir uns sehen, und das weiß er.
    Ich trete auf den Gang hinaus und Draco bleibt in der Tür stehen. „Ich liebe dich“, sagt er, leise, denn seine Worte sind einzig und allein für mich bestimmt.
    „Ich liebe dich“, flüstere ich und blicke als Letztes in seine grauen Augen, bevor die Tür sich zwischen uns schließt.

    23
    Ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht.
    Mein werter Schulleiter erklärt mir in seinem Büro das weitere Verfahren: „Sie werden per Flohpulver zu sich nach Hause reisen, die Verbindung zwischen den Kaminen wird extra für Sie hergestellt.“
    Unruhig trete ich von einem Fuß auf dem anderen bei dem Gedanken an Zuhause, und ich frage mich, ob mein Vater dort sein wird. Bei dieser Vorstellung fühle ich mich noch entmutigter als ohnehin schon. Ob Snape mich wohl auffängt, wenn ich hier und jetzt schlicht umkippe und bewusstlos werde vor Angst?
    „Dort wird ihr Vater auf sie warten, gemeinsam mit Greyback und die erläutern Ihnen alles Weitere“, beantwortet Snape meine unausgesprochene Frage und er hält mir eine kleine Schale mit Flohpulver entgegen.
    Mit zitternder Hand greife ich mir etwas und trete an den Kamin; Der Moment, in dem ich Hogwarts verlasse, in dem die schöne Zeit endet, rauscht unaufhaltsam näher. Ich laufe in mein eigenes Verderben und habe nicht einmal eine andere Wahl, als es zu tun.
    Grüne Flammen leuchten dunkel aus der Feuerstelle auf und einen Atemzug, bevor ich verschwinde, sagt Snape: „Geben Sie auf sich Acht.“
    Ich will etwas erwidern, doch das Büro wirbelt davon und ich weiß ohnehin nicht, ob ich jetzt fähig wäre, zu sprechen.
    Im nächsten Moment stolpere ich aus einem nur zu vertrauten Kamin in ein großes Wohnzimmer, dass trotz seiner staubigen Pracht verlassen wirkt. Zuhause, denke ich und mir wird schlecht.
    Eine Erinnerung, die gefühlte Jahre entfernt ist, taucht plötzlich in meinem Kopf auf: Draco, wie er mir gezwungenermaßen einen Heiratsantrag macht, weil unsere Väter und der dunkle Lord sich arrangiert haben, uns wie Schachfiguren in ihrem Spiel herumzuschubsen. Dort, genau hier war es… Gedankenversunken schlendere ich zu einem langen Sofa. Hier saß ich… dort kniete er… der Ring… meine überstürzte Flucht…
    Plötzlich fühlt es sich an, als wäre mein Körper in Eiswasser getaucht. Es ist alles meine Schuld, ganz allein meine Schuld. Es hätte nie so weit kommen müssen. Verdammt! In dem Moment könnte ich heulen. Wäre ich nicht weggelaufen, wäre ich – und auch Draco – nie zu den Weasleys gelangt, wir hätten nicht unter Umständen, die wir kaum erklären konnten, zurückkehren müssen – Ich wäre nie zum Werwolf geworden, hätte den Untergrund nicht kennenlernen müssen – hätte, hätte, hätte. Wenn ich nur diese eine Entscheidung anders getroffen hätte. Wie konnte ich so dumm sein? Ich hätte ahnen sollen, dass so eine Flucht weitreichendere Folgen haben würde. Ich hätte die Zähne zusammenbeißen und „Ja“ sagen sollen, wie ich es immer beigebracht bekommen habe. Dann wäre ich jetzt mit Draco verheiratet, kein Werwolf und nicht ansatzweise so zerstört, außen wie innen, wie ich es jetzt bin. Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen.
    Aber… Damals hasste ich Draco. Und er hasste mich. Aus tiefstem Herzen. Wenn man uns gezwungen hätte, zu heiraten und am besten noch ein paar Nachwuchs-Reinblüter in die Welt zu setzen… Hätten wir dann zu unserer Liebe zurückgefunden? Oder hätten wir uns unserem Abscheu verschrieben und wären uns nie wieder nahe gekommen? Ich weiß es nicht und ich werde es nie wissen. Ich hasse es – aber passiert ist passiert. Die Entscheidungen, die ich getroffen habe, kann ich nicht rückgängig machen. Und jetzt muss ich zusehen, wie mit mit den Konsequenzen leben und überleben kann…
    „Da bist du endlich!“
    Nur langsam sehe ich auf, zu dem Mann mit den breiten Schultern und dem harten Gesicht, in dem ängstliche Augen liegen. Mein Vater, dessen Tochter ich nicht mehr bin.
    „Ich bin pünktlich“, sage ich fest, straffe die Schultern und blicke quer durch den Raum zu meinem Vater.
    Er knurrt irgendetwas Unverständliches. Die Luft ist fast zu dick zum Atmen und unser letztes Gespräch baut sich wie eine Mauer aus gesagten Worten zwischen uns auf. Ich rühre mich nicht von der Stelle, weiß nicht, was ich tun soll.
    „Wäre es nach mir gegangen, hätte ich dich nie wieder hierherkommen lassen.“ Er spukt mir die Worte entgegen und ich würde lügen, wenn ich sagen würde, sie täten mir nicht weh. Was ist passiert?, frage ich mich traurig. Das Verhältnis zwischen uns war nie herzlich, aber… Entschlossen schüttele ich das Bedauern ab; Er kann mir egal sein. Soll er mich doch so verabscheuen, mir ist es gleich…
    Die Wut nimmt mich bei der Hand und ich sage: „Es geht aber nicht nach dir, Andrew. Tja, ich schätze, du hast niemandem was zu sagen.“ Ich blicke umher, sehe die dicke Staubschicht auf den Möbeln, die Schatten unter den Augen meines Vaters und spüre die Stille dieses Hauses und begreife, dass mein Vater einsam ist. Meine Mutter ist tot, ich bin nicht mehr seine Tochter, er ist ein Todesser und… hat niemanden. Niemanden außer sich selbst, seine Wut und den Frust und die ewige Angst vor dem Dunklen Lord. Eigentlich sollte er mir leidtun, aber dieses Gefühl bleibt aus. Er sollte es besser wissen. Er sollte dafür sorgen, dass es mir besser ergeht als ihm, er hätte sich um mich sorgen können, dann hätte er etwas Gutes zu tun gehabt – aber nein. Stattdessen setzt er alles daran, in seiner Misere zu versinken und es mir noch schwerer zu machen.
    Mein Vater kommt langsam auf mich zu. „So sprichst du nicht mit deinem Vater!“
    „Ich dachte, das hätten wir geklärt.“ Spöttisch hebe ich eine Augenbraue, wie ich es mir von Draco abgeschaut habe, und weigere mich, zurückzuweichen. Ich setze noch einen drauf: „Niemand würde deine Tochter sein wollen, Andrew.“ Ganz bewusst benutze ich seinen Namen und nenne ihn nicht laut meinen Vater. Der erneut aufkeimende Zorn auf ihn beflügelt mich nur noch weiter. „Du bist lächerlich. Versteckst dich hier vor der Welt und legst dich mit einem kleinen Mädchen an, hm? Ja, das kannst du-“ Er reißt seinen Arm nach oben und ich weiche seinem Schlag aus; er ist langsam geworden. „Eben hast du dich noch meinen Vater genannt, jetzt willst du mich schlagen?“ Ich lache laut auf und mein Vater sieht mich mit großen Augen an. Ich tänzele ein wenig um ihn herum und finde plötzlich grimmiges Gefallen an der Sache. „Ich habe es dir bereits ein Mal gesagt, und wenn nötig, wiederhole ich es so lange, bis du es verstehst: Die Zeiten, in denen du mir Angst machen konntest, sind vorbei!“
    „So ist‘s recht“, kommt ein belustigtes Knurren aus Richtung Tür. „Hast tatsächlich was bei mir gelernt, wie‘s aussieht…“
    Ich spähe an meinem Vater, der nur noch wenige Schritte von mir entfernt steht, vorbei.
    Greyback sieht übel aus. Übler als sonst. Er verzieht das Gesicht, so weit es geht, zu einem schiefen Grinsen und sein schattiger Blick huscht zwischen meinem Vater und mir hin und her. Es ist offensichtlich, dass Voldemort nicht glücklich darüber war, was der er getan hat.
    „Greyback“, grollt mein Vater und dreht sich nach ihm um. „Ich habe dich noch nicht erwartet…“
    Der Werwolf zuckt mit den Schultern und schlendert auf uns zu. „Natürlich nicht.“ Sein linkes Bein schleift ein wenig hinter ihm her. „Du warst noch nie der Hellste, oder doch?“, sagt er zu meinem Vater. Dann blickt er zu mir.
    Ich weiß nicht, wohin ich schauen soll. Ich balle die Hände zu Fäusten und entspanne sie wieder. Hör auf zu zittern, verdammt, denke ich mir. Leise hole ich Luft und hebe den Blick.
    Greyback taxiert mich mit seinen gelblichen Augen noch immer. „Dein Papi ist aber ganz schön sauer auf dich, heh?“
    Ich streiche mir die Haare hinter die Ohren und blicke mit erhobenem Kinn stumpf an meinem Vater vorbei zu Greyback. „Ich weiß nicht, von wem du redest.“ Der andere Werwolf lacht und mein Vater, nur wenige Schritt neben mir, gibt ein undeutliches Grummeln von sich. Ich verschränke die Arme und ignoriere ihn. „Wann und wohin brechen wir auf?“, frage ich, mit einem wie ich hoffe geschäftsmäßigem Ton, und gehe langsam zur Tür. Meine Knie zittern.
    „In zwei Tagen.“
    Ich bleibe stehen. „Wie bitte?“ Meine Stimme klingt höher als gewöhnlich.
    „Wir müssen noch auf eine Person warten“, sagt Greyback und bleckt dabei unwillkürlich die Zähne. „Dann brechen wir von hier zu dritt auf und treffen uns später mit zwei weiteren Todessern…“ Schon wieder huscht ein wütender Schatten über sein zerfurchtes Gesicht.
    Ich wippe auf den Füßen vor und zurück. „Kenne ich die?“
    Greyback zuckt erst mit den Schultern, dann grinst er. „Oh, ja.“ Pause. „Zwei von ihnen auf jeden Fall. Erinnerst du dich noch an Jackson und Jazymyn?“
    „Ja“, sage ich und schlucke. Natürlich erinnere ich mich an die beiden Verrückten noch. Jackson, der wie eine Katze lieber mit seinem Opfer spielt, und Jazymyn, deren Ausstrahlung einen frieren lässt.
    „Der letzte ist Scabior.“
    Ich überlege kurz. „Keine Ahnung“, sage ich schließlich. „Der Name kommt mir bekannt vor, bestimmt habe ich ihn schon mal gesehen. Oder auch nicht.“
    „Übermorgen kommt Jackson. Jazymyn und Scabior kommen später“, sagt Greyback.
    „Aber…“ Ich beiße mir auf die Lippe.
    Greyback legt den Kopf schräg und ich kann nicht beurteilen, ob er genervt oder belustigt dreinblickt. „Aber?“
    Ich werde mich wie ein Kleinkind anhören… doch ich spreche aus, was ich denke – denn ich kenne Greyback. Er wird sich nicht mit keiner Antwort zufrieden geben. „Warum musste ich heute schon kommen? Die zwei Tage hätte ich noch in Hogwarts bleiben können.“ Ich denke an Draco; Wir hätten noch zwei ganze Tage haben können…
    „Es gab Anweisungen“, meldet sich mein Vater wieder zu Wort. Ich drehe mich nicht zu ihm um. „Es war viel einfacher, dich jetzt da raus zu holen, als an dem Tag, an dem sowieso alle aufbrechen wollen.“ Er räuspert sich und ich höre, wie er näher tritt. „Aber seit wann ist es dir gestattet, solche Fragen zu stellen? Tu einfach, was man dir sagt und…“
    Ich höre ihm nicht weiter zu, sondern lasse ihn stehen, gehe an Greyback vorbei ohne mich umzudrehen und suche mein altes Zimmer auf, um mich dort zu verkriechen.
    Das werden zwei lange Tage, eingesperrt in meinem alten Zuhause, zusammen mit meinem Vater und Greyback.
    (Was sagt ihr zur Entwicklung der Geschichte? >x<)

    24
    Es ist noch genau wie früher. Trotzdem ist alles anders.
    Eine dicke Staubschicht hüllt mein Zimmer in Grau; Es sieht nicht so aus, als wäre jemand hier gewesen, seit ich… selbst nicht mehr hier war.
    Mein Bett ist ungemacht, Feder und Pergament liegen auf meinem Schreibtisch und als ich meinen Kleiderschrank öffne, ist nichts darin ordentlich gefaltet und gestapelt.
    Ja, dieses Zimmer hat eindeutig der Person gehört, die ich mal war.
    Ich verlasse es nur, wenn ich Hunger bekomme. Ansonsten sitze ich wie in einem köchelnden Kessel, springe auf und setze mich wieder, möchte lernen, um mich abzulenken, um im nächsten Moment meinen Rucksack aus- und wieder einzuräumen. Ich habe Angst. Ich bin wütend. Ich bin traurig. Ich packe meine Tasche sieben Mal neu, weil mir immer etwas Wichtigeres zum Mitnehmen einfällt. Dieses Mal weiß ich, dass ich gehen muss – dieses Mal werde ich vorbereitet sein.
    Ich nehme wärmere Kleidung mit, tausche Feder, Pergament und Tinte gegen ein Bild von Jumps und mein Messer und packe sogar etwas zu Essen ein – wer weiß. Immer wieder lege ich mir die Hand auf meine Brust um zu fühlen, ob Dracos Kette noch da ist. Jedes Mal, wenn ich sie berühre, durchläuft mich ein warmer Schauder. Ich vermisse ihn jetzt schon.

    Am Aufbruchstag ist es noch dunkel, als ich aufwache, ohne dass ich geweckt wurde. Mein Herz hämmert und ich setze mich kerzengerade auf, schüttele den Kopf und versuche, die Traumbilder zu verscheuchen. Ich greife nach der Kette, die ich auch im Bett nicht ablege, und atme ruhiger. Es war nur ein Traum, sagt Dracos Stimme in meinem Kopf und ich murmele: „Es war nur ein Traum.“
    Ich stehe mühsam auf. Mein Körper fühlt sich schwerer an als üblich, ich kann kaum aufstehen, aber noch weniger kann ich liegen bleiben.
    Ich mache kein Licht, stattdessen tappe ich auf bloßen Füßen durch die Dunkelheit in meinem Zimmer. Das Licht ist aus, doch es kommt mir vor, als hätte die Finsternis meine klare Wahrnehmung angeschaltet: Ich spüre den kalten Boden unter meinen nackten Sohlen, höre den Wind draußen um das Haus schleichen, und bin mir plötzlich meines eigenen Körpers schrecklich bewusst.
    Ich ziehe mich an, mache mein Bett, verschließe den Schrank und rücke die Sachen auf meinem Tisch ein letztes Mal zurecht. Dann setze ich meinen Rucksack auf, der plötzlich viel schwerer ist als gestern, und verlasse mein Zimmer. Die Tür schließt sich mit einem unheilvoll endgültigen Klicken.
    Erstes Morgenlicht legt sich über das Sofa im Wohnzimmer, auf dem ich mich niederlasse, um zu warten. Genau hier saß ich, als Draco mir den Antrag gemacht hat. Der Stoff fühlt sich unheimlich vertraut an… wie aus einem anderen Leben.
    Die Szene spielt sich immer wieder und wieder und wieder in meinem Kopf ab. Hätte ich nur Ja gesagt… Alles wäre anders, da bin ich mir sicher. Aber es ist nicht so gekommen. Ich reibe mir die Augen. Ich muss hier bleiben, in der Realität, ich darf mich nicht in irgendwelchen Tagträumen verrennen.
    Ich höre die Tür aufgehen und springe auf.
    „Hier steckst du.“ Greyback lehnt sich gegen die Wand und beobachtet mich. „Ich habe dich in deinem Zimmer gesucht… hätte nicht gedacht, dass du schon wach bist.“
    Dass er in meinem Zimmer war, erfüllt mich mit Ekel. „Ich bin früh aufgewacht“, sage ich mit unbewegtem Gesicht.
    „Los“, knurrt er. Der Werwolf scheint keine gute Laune zu haben. „Wir machen uns aus dem Staub, bevor dein Papi wach wird. Das wird dir wahrscheinlich auch in den Kram passen.“
    Ich stehe rasch auf und folge ihm nach draußen. In Gedanken verabschiede ich mich von dem Ort, der viele Jahre mein Zuhause war und es fühlt sich an, als würde ich einen Teil von mir verabschieden. Unwillkürlich taste ich nach Dracos Kette, und der Ärmel meines linken Armes verrutscht ein wenig.
    Greyback stößt ein so bedrohliches Grollen aus, dass ich vor Schreck einen Satz zur Seite mache. Mit pochendem Herzen klammere ich meine Finger um den grünen Stein, als könnte ich mich daran festhalten.
    Er stiert meinen Arm an, wobei er düster vor sich hinmurmelt. Ich folge seinem Blick – und schiebe meinen Ärmel eilig wieder über das dunkle Mal, voller Unbehagen. Was hat er? Er hat das Mal doch sicher schon hunderte Mal gesehen, mindestens an seinem eigenen Arm… oder nicht? Plötzlich kommt mir ein merkwürdiger Gedanke: Der dunkle Lord verachtet Halbblüter aller Art – auch Werwölfe? Ich habe mein Mal bekommen, bevor ich gebissen wurde…
    Unsere Blicke treffen sich und Greyback verzieht verächtlich das Gesicht. „Ganz richtig“, sagt er leise, als hätte er meine Gedanken gehört, „Ein Werwolf ist in der Regel nicht wert, dass er das dunkle Mal tragen darf, es wird mir bloß gestattet, einen Todesesserumhang zu tragen und für unseren Lord zu arbeiten…“ Seine Stimme ist gefährlich leise und ich weiche vor ihm zurück. Langsam verstehe ich. Greyback fährt fort, spricht nun mehr zu sich selbst: „Er wird mir nie wieder so große Aufgaben anvertrauen… jedem anderen hätte er verziehen, aber mir… weder ganz Mensch, noch ganz Todesser…“ Sein Blick findet zurück in den Moment. „Du solltest dich glücklich schätzen, dass du das Mal tragen darfst, Kleine. Dann hast du wenigstens einen Ort, wo du hingehörst.“
    Ich widerspreche nicht und mit diesen Worten dreht Greyback sich um. Ich bin nicht glücklich über mein Mal, lieber würde ich, wie der andere Werwolf, nirgends hingehören… ich brauche keinen Ort, keine Gemeinschaft. Ich brauche nur eine Person. Ich verstecke die Halskette unter meinem Kragen und folge Greyback nach draußen.

    Sobald wir das Grundstück hinter uns lassen, tritt Jackson zwischen ein paar Bäumen hervor. Ich muss mich zwingen, bei seinem schrecklich bekannten Anblick nicht stehen zu bleiben.
    Er kommt mit weiten, federnden Schritten auf uns zu und seine eisblauen, durchdringenden Augen jagen mir genau so viel Angst ein wie beim Allerersten Mal. „Aber Hallo“, sagt er und sieht mich durchdringend an. „Lange ist‘s her, hm? Hat Greyback dich wohl wieder eingefangen?“ Er lacht und nickt Greyback zu.
    Ich antworte nicht.
    „Haben wir schon weitere Informationen?“, fragt der andere Werwolf.
    Jackson nickt. „Es geht um das Tabu.“
    Greyback gibt ein verstehendes „Ahh“, von sich.
    Ich hingegen verstehe eher… nichts. Ich nehme meinen Mut zusammen: „Was habe ich verpasst?“ Fast zucke ich zusammen, als Greyback und Jackson mich gleichzeitig ansehen. Sie tun dir nichts, sage ich mich und taste wieder nach der Kette. Meine zitternden Finger beruhigen sich ein wenig.
    „Unser dunkler Lord hatte eine glänzende Idee, womit wir verdammte Verräter und Blutsverräter finden können.“ Jacksons Stimme sprudelt beinahe über vor Begeisterung, während mir bloß Übles schwant. „Wenn Abschaum den Namen unseres Lords beim Wort nennt, werden wir sie finden. Schon Mal was vom Phönixorden gehört?“
    Ich nicke langsam. „War das nicht eine Organisation, die vom Dumbledore gegründet wurde?“
    Er verzieht abfällig das Gesicht. „Allerdings. Dieser verdammte selbsternannte Orden war bekannt dafür, den heiligen Namen unseres Herrn respektlos zu benutzen… Eine geniale Idee, oder nicht?“
    Mir wird allmählich schlecht, aber ich lasse mir nichts anmerken. „Das heißt… Wenn jetzt jemand seinen Namen benutzt – dann finden wir diese Person? Aber wie funktioniert das?“
    Jackson deutet auf seinen linken Unterarm. „Damit. Wenn jemand, der die große Ehre hat, das dunkle Mal tragen zu dürfen, einen Zauber spricht, gewissermaßen aktiviert, dann verspürt derjenige eine Art… Ziehen. Er kann apparieren und der Zauber des Mals wird ihn zu dem Verräter führen, der am nächsten die Respektlosigkeit begeht, den Namen unseres Lords laut auszusprechen.“ Er zeigt ein teuflisches Grinsen. „Der Name hat also ein sogenanntes Tabu – zusätzlich sind, sobald er gesagt wird, alle Schutzzauber um den oder die Verräter herum aufgehoben. Zusätzlich kennen wir einige Gebiete, in denen bereits öfter Schulschwänzer geschnappt wurden, die wir durchsuchen. Man weiß ja nie.“
    Ich kann keinen der beiden Männer ansehen, stattdessen starre ich in den Wald hinaus. „Das klingt sehr effektiv“, murmele ich nur.
    „Das ist es auch. Nicht wahr, Greyback?“
    Der macht einen drohenden Schritt auf Jackson zu. „Willst du dich wirklich mit mir anlegen?“ Immerhin verstehe ich, weshalb er so wütend ist – er hat nicht die ‚Ehre‘ ein Mal zu haben.
    „Nein.“ Jackson grinst unverschämt und fährt sich durch die Haare. „Ich will mich nur über dich lustig machen, Hund. Der dunkle Lord war nicht erfreut über deine Fehler… mittlerweile weiß jeder hier, dass du kein dunkles Mal hast. Und den Zauber des Mals kennen auch nur wenige…“ Stolz reckt er das Kinn.
    „Mach nur deine Späße“, knurrt Greyback, „Aber wir werden ja sehen, wer-“
    „Achja?“ Der Todesser legt die Stirn in Falten, doch das Grinsen bleibt. „Bist du so scharf darauf, dass unser Herr dich wieder bestrafen lässt?“ Er lacht dreckig. „Ich kann mir vorstellen, dass ein Hund wie du das richtig gut findet…“
    Unwillkürlich weiche ich vor den streitenden Männern zurück. Greyback sieht aus, als ginge er jeden Moment auf Jackson los; und der… hat seinen Spaß. Plötzlich wendet er sich von dem Werwolf ab und winkt mich wieder näher.
    Mit wackligen Knien folge ich seiner Aufforderung. Jackson streckt je einen Arm nach mir und Greyback aus und erklärt: „Wir sollten jetzt apparieren. Scabior und Jazymyn sind schon… vorgegangen. Ich weiß, wo sie auf uns warten, also – los.“
    Ich schließe die Augen vor der Dunkelheit des Apparierens und bete, dass es nicht allzu schlimm werden wird.

    25
    ~(Draco)

    Snape gestattet mir, per Flohpulver nach Hause zu reisen und ich bin froh, dass ich mich nicht länger mit den anderen Schülern abgeben muss.
    Zuhause wartet Mutter bereits auf mich. Kurz zögere ich, doch dann gebe ich mir einen Ruck und umarme sie.
    „Guten Tag Mutter“, sage ich höflich, obwohl ich alles andere als gut gelaunt bin.
    Sie nimmt mein Gesicht zwischen ihre schmalen Hände und sieht mich an. „Ich bin so froh, dass du hier bist.“
    „Nur für zwei Wochen“, stelle ich klar. Ich will zurück nach Hogwarts.
    Mutter nickt. „Natürlich, Draco… bringst du eben deine Sachen in dein Zimmer und kommst dann wieder, damit wir zusammen Tee trinken?“
    Ich rücke meine Tasche gerade und zwinge mich zu einem Lächeln. „Ich bin gleich wieder bei dir.“

    Wir machen es uns in einem kleineren Zimmer gemütlich, wo keine Todesser zufällig herumstolpern. Ich bin erleichtert über die Ruhe und Mutter sieht so glücklich aus, dass ich hier bin, dass mir das Lächeln wieder etwas einfacher fällt.
    „Erzähl, wie war es in der Schule?“
    Ich muss mich räuspern. Ich weiß nicht, ob mir diese aufgesetzte Normalität zuwider oder willkommen ist. „Gut.“
    Mutter blickt mich skeptisch an. „Gut?“
    Ich nicke, dann zucke ich mit den Schultern. „Ich habe mich angestrengt. Blaise – du weißt schon, Blaise Zabini – hat mir beim Lernen geholfen, nachdem ich… so viel verpasst hatte. Es hat eine Weile gedauert und er musste mich überhaupt erst dazu überreden, mich etwas anzustrengen. Aber ich glaube, ich habe ganz gut aufgeholt. Ich hoffe es wenigstens.“
    „Ich bin stolz auf dich.“
    Um sie nicht anzusehen, rühre ich meinen schwarzen Tee um. Der Löffel klimpert gegen das Porzellan. „Danke.“
    Mutter legt ihre Hand auf meine. „Ich liebe dich, mein Sohn. Pass nur gut auf dich auf, versprich mir das.“
    Unbehaglich blicke ich auf. „Versprochen.“ Ihre Sorge hüllt mich in Wärme. „Ich habe dich auch lieb, Mutter. Es ist gut, dich wiederzusehen.“

    ~(Isa)

    Früher mochte ich Wälder, sie waren immer ruhig und zugleich voller raschelndem Leben. Jetzt jedoch fühle ich mich alles andere als wohl, wohin ich auch blicke umgeben uns Bäume und ich fühle mich in die Tage meiner Flucht versetzt, die in einer Katastrophe endete.
    Scabior ist, entgegen meiner Erwartung, kein Todesser, sondern ein Ministeriumsarbeiter. Er hat eine Liste von möglichen Schulschwänzern und Leuten, die sich bekanntermaßen vor Voldemort verstecken, und wartet neben einem umgestürzten Baum, dessen Wurzeln sich wie verzweifelte Arme Richtung Himmel strecken.
    „Jazymyn ist dahinten“, sagt er und deutet mit seinem Daumen über die Schulter. Mir entgeht nicht, dass er Greyback mit einem nervösen Blick bedenkt. „Ihr werdet‘s nicht glauben, aber ihr habt echt was verpasst. Wir haben zwei Leute… naja, nur einen, der andere ist ein Kobold.“
    Greyback runzelt die Stirn und ein gieriger Ausdruck tritt in seine Augen. „Kobold, sagst du? Vielleicht weiß der, wo wir Gold herbekommen.“
    Jackson öffnet den Mund, schließt ihn aber wieder, um sich zu räuspern. „Nun… Zwei andere, wieder ein Kobold, ein Mensch, wollten nicht kooperieren… Jazymyn kümmert sich gerade darum.“
    Jackson tritt vor und nickt Scabior zu. „Gut.“ Er überlegt einen Moment. „Aber… was machen zwei Menschen gemeinsam mit zwei Kobolden hier? Oder waren die getrennt unterwegs?“
    Der Ministeriumsmitarbeiter schüttelt den Kopf. „Nee, nee. Die gehörten schon zusammen, aber ich weiß auch nicht. Der eine war ein Muggelstämmiger, der andere ist ein Schulschwänzer, aber die Kobolde...“ Er zuckt mit den Schultern.
    „Vielleicht sind die abgehauen, weil die Zauberer mittlerweile auch Gringotts übernommen haben – und Kobolde sind nun mal stolze und eigenwillige Wesen.“
    Alle drehen sich zu mir um.
    Habe ich gerade wirklich laut meine Meinung gesagt? Ich weiche den Blicken der drei Männer aus und zucke mit den Schultern. „Was war nun mit den beiden Gefangenen?“, frage ich rasch, um die Aufmerksamkeit von meiner Person abzulenken.
    „Die“, sagt eine neue Stimme, „sind hier.“
    Erneut blicken sich alle um, als Jazymyn mit kühler Miene hinter dem umgestürzten Baum auf uns zukommt. Mit vorgehaltenem Zauberstab scheucht sie zwei Gestalten vor sich her: Der Kobold schaut so finster drei, dass er bedrohlich aussehen würde – wäre er nicht an den Jungen gefesselt, der neben ihm her stolpert.
    Erschrocken atme ich ein uns wende unauffällig mein Gesicht ab.
    Ich kenne diesen Jungen. Er war in meinem Jahrgang auf Hogwarts, wenn auch in Gryffindor: Dean Thomas.
    „Wen haben wir denn da?“, fragt Greyback.
    Jazymyn zuckt die Schultern. „Haben noch nicht so viel gesagt. Aber der Junge heißt Dean Thomas und wenn du mich fragst, gehört der noch auf Hogwarts. Scabior, die Liste!“
    Ich starre auf meine Füße und bete, dass Dean mich nicht erkennt.
    „Schulschwänzer, stimmt‘s, Junge?“, schaltet Scabior sich ein. „Du bist also abgehauen.“
    Der junge Gryffindor antwortet nicht. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie Greyback vor schnellt und ihm einen Schlag in den Magen verpasst. Ich zucke zusammen und umklammere den Anhänger von Dracos Kette. Ich darf mir nichts anmerken lassen. Ich muss das gut finden.
    „In welchem Haus warst du denn?“, flötet Greyback mit dieser eklig süßen Stimme, die er sich für seine Opfer aufhebt.
    Dean hustet.
    „Wie bitte? Ich hab dich nicht verstanden.“
    „Slytherin.“
    Ein weiterer Schlag ist zu vernehmen.
    Einen Augenblick ist es still, bis Jazymyn mit einem Rascheln ihres Umhangs auf mich zukommt. „Was sagst du denn dazu?“
    Langsam hebe ich den Blick. Deans Augen sind weit aufgerissen, aber ich kann nicht sagen, ob er mich erkennt oder bloß die Angst aus ihm spricht. „Ich kenne ihn“, sage ich monoton, „Also, was heißt schon kennen… Er ist ein Gryffindor meines Jahrgangs.“
    Jackson lacht laut auf. „So ist das also. Dachtest, wir lassen dich laufen, heh? Falsch! Wir sind doch nicht dumm!“
    „Was habt ihr jetzt mit mir vor?“, fragt der Gryffindor mit tapfer zitternder Stimme.
    Scabior zuckt gelangweilt mit den Schultern. „Wir sorgen dafür, dass du zurück in die Schule kommst.“ Er bedenkt den Jüngeren mit einem scharfen Blick. „Nachdem dein Blutstatus im Ministerium überprüft wird.“
    „Und dann kassieren wir das Gold dafür, dass wir dich geschnappt haben“, mischt Greyback sich ein und bleckt gierig die Zähne.
    Jackson rollt mit den Augen. „Gold, Gold, Gold… Du mit deinem Gold.“ Er grinst. „Versuch, den Spaß an der Sache selbst zu finden… Es gibt doch nichts Schöneres, als die Angst in den Augen des Abschaums zu sehen. Sag Mal, Greyback… können Hund Angst eigentlich riechen? Du solltest doch bestens darüber Bescheid wissen.“
    Der Werwolf sieht als, als ginge er Jackson jeden Moment an die Kehle, und ich bin froh, als Scabior die beiden Männer unterbricht. „Benehmt euch wie erwachsene Männer!“
    Auch Jazymyn schiebt sich zwischen Jackson und Greyback. „Wir haben schon die“, sie deutet auf Dean Thomas und den Kobold, der die ganze Zeit über nichts gesagt hat, „hier gefunden, wer weiß – vielleicht verstecken sich hier noch mehr.“
    „Lasst uns die Gegend durchsuchen“, verkündet Scabior, „Am besten teilen wir uns ein bisschen auf… Jeder geht in eine andere Richtung, aber nicht zu weit auseinander.“
    Jazymyn und Jackson nicken zustimmend, die eine desinteressiert und der andere voller Eifer.
    Nur Greyback hat Einwände: „Nicht jeder.“ Wut pulsiert unter seiner Haut, als er auf mich zugeht. „Die da ist schon Mal abgehauen. Das passiert nicht noch einmal.“ Er schiebt sich an mir vorbei und stößt mich dabei grob mit der Schulter an. „Mitkommen.“
    Ich beeile mich, ihm zu folgen, und reibe mir die schmerzende Seite. Er ist wütend auf Jackson und braucht jemanden, an dem er das auslassen kann. Eine plötzliche Müdigkeit schwappt über mich, am liebsten würde ich mich an Ort und Stelle auf den kalten Boden legen und schlafen. Aber noch viel lieber will ich zu Draco zurück. Ich fühle mich so zermürbt, jetzt schon.
    Greyback bleibt so abrupt stehen, dass ich in ihn hinein laufe. Augenblicklich wirbelt er zu mir herum und packt mich fest in den Haaren. Tränen schießen bei den ziehenden Schmerz in meine Augen – Ich bin sicher, er hat das mit Absicht gemacht. „Pass gefälligst auf, wo du hinläufst“, schnappt er mit glitzernden Augen und stößt mich fest von sich. Ich lande auf der harten Erde und schramme mir die Hand an einem spitzen Stein auf bei dem Versuch, den Sturz abzufangen. Ich nehme mir einen Moment, um die Augen zu schließen und tief durchzuatmen, dann rappele ich mich mit zusammengebissenen Zähnen auf.
    Ich werde mich nicht unterkriegen lassen.

    Eine Ewigkeit passiert… gar nichts.
    Ich fühle mich dumm, wie ich in einem Wald herumstapfe, mit ein paar blutrünstigen, kaltblütigen und verrückten Menschen an meiner Seite. Aber kann ich etwas daran ändern?
    Ich bin froh, als die gesamte Gruppe sich wieder versammelt, als es auf die Dämmerung zugeht - denn das heißt, dass ich mit Greyback wenigstens nicht mehr ganz alleine bin.
    „Wir sollten einen anderen Ort aussuchen“, bestimmt Scabior nach unserer erfolglosen Suche. „Ich würde vorschlagen…“
    Jackson schnappt nach Luft und mein Blick huscht zu ihm. Er hält sich den Unterarm – den linken – und sieht uns mit gierig leuchtenden Augen an. „Haltet euch fest“, flüstert er, „Schnell!“
    Ich begreife sofort: Der Zauber des dunklen Mals meldet sich. Ich halte mich an seiner Schulter fest und wappne mich für die unangenehme Enge des Apparierens.

    26
    Jackson legt einen Finger auf die Lippen und winkt mich hinter sich her. Ich folge ihm mit gezücktem Zauberstab zur Hinterseite des Zeltes, die anderen drei bleiben vor dem Eingang stehen.
    „Kommt mir erhobenen Händen da raus“, höre ich Greyback sagen, „Wir wissen, dass ihr dadrin seid! Ein halbes Dutzend Zauberstäbe ist auf euch gerichtet, und es ist uns egal, wen wir verfluchen!“
    Gänsehaut breitet sich auf meinem Körper aus. Ich bin erleichtert, dass ich hier hinten stehen darf, und nicht direkt vor dem Eingang, wo ich – wem auch immer – meinen Zauberstab unter die Nase halten muss.
    Ein Handgemenge ist zu vernehmen, Schreie –
    „Lasst sie los!“
    Das Geräusch eines Schlags, weitere Schreie. „Lasst ihn in Ruhe!“
    Alles in mir erstarrt. Ich höre mein Blut in den Ohren rauschen und mein Herz hämmern. Ich kenne diese Stimmen. Alle beide.
    „Bleib noch ‘ne Weile hier hinten“, raunt Jackson mir zu, „Vielleicht verstecken sich da drin noch mehr, die gleich versuchen, durch ‘nen Hinterausgang zu kommen. Ich geh mal da vorne nachsehen.“
    Ich nicke eisern, unendlich erleichtert. Mein Kopf dreht sich, ich bekomme mit, wie Greyback und die anderen die neuen Gefangenen ausfragen, doch ich brauche nicht hinhören. Ich muss mir nicht die Namen anhören, die die drei sich mehr schlecht als recht ausdenken.
    Ich weiß, dass das dort Hermine, Ron Weasly und Harry Potter sind.

    „Mädchen!“
    Mit mechanischen Schritten gehe ich zu den anderen.
    Die mittlerweile fünf Gefangenen sind mit den Händen aneinander gefesselt und sehen aus wie ein grotesker Stern. Ich konzentriere mich ganz auf meine Schritte, das Rascheln der Blätter unter meinen Füßen, immer einen Fuß vor den anderen setzen…
    Greyback packt mich am Nacken und zieht mich dicht zu sich heran. „Sieh dir unsere neuen Gefangenen an, Mädchen… Du hast schon den Gryffindor-Jungen erkannt, und wir haben da so eine Vermutung, was diese drei hier angeht…“ Er lässt los und ich stolpere von ihm weg. Langsam wende ich mich den Gefesselten zu.
    Mein Blick fällt als aller erstes auf Hermine. Hermine Granger, das Mädchen, das vor einer langen Zeit zu meinen besten Freunden gehörte, sieht mich schwer atmend an. Ihre Augen sind weit aufgerissen und die braunen Haare buschig wie immer. Mein Blick gleitet über den Rotschopf – den mochte ich noch nie – zu Potter. Bei seinem Anblick zucke ich zurück – sein Gesicht ist geschwollen und rot, es sieht verbrannt und entzündet aus.
    „Was ist mit dem da passiert?“, frage ich widerstrebend.
    Scabior zuckt mit den Schultern. „‘n Stich, behauptet er.“
    Ich schaue wieder zu Hermine. Sie sieht mir direkt in die Augen, voller Angst, aber auch… Wut? Verwirrung? Es fühlt sich an, als bräche ein kleines Haus in meinem Inneren zusammen.
    Was soll ich jetzt tun?
    „Also?“, knurrt Greyback hinter mir.
    Ich drehe mich nicht um, sondern zucke bloß mit den Schultern.
    „Wir glauben“, sagt Jackson gedehnt und voller Häme, „dass das da Weasley, Granger und… Potter sind. Was sagst du dazu?“
    Ich schlucke. „Weiß nicht.“ Hermines braune Augen bohren sich in meine. „Ich… wäre das nicht ein großer Zufall, wenn wir hier Potter finden würden?“, frage ich und bete, dass meine Stimme sich nicht so zittrig anhört, wie ich mich gerade fühle. „Überhaupt… wie kommt ihr da drauf?“
    „Sieh sie dir genau an“, befiehlt Jazymyn, „Klar, das Gesicht von dem einen da ist übel zugerichtet, aber wenn man genau hinsieht, hat er da sowas wie ‘ne Narbe-“
    „Und im Zelt haben wir eine Brille gefunden“, ergänzt Jackson.
    Ich spüre, wie Greyback dicht hinter mich tritt. „Das Mädchen…“ Er leckt sich die Lippen. „Sie passt auf die Beschreibung von dem Schlammblut Granger… Schade, dass solche hübschen Dinger so dreckiges Blut haben.“
    „Und der da“, sagte Scabior und zeigt mit dem Finger auf Ronald Weasley, „der hat rote Haare, genau wie so ein Freund von Potter.“
    In meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen. Nein. Das darf nicht passieren… Ich grabe die Fingernägel in meine Handflächen, bis es weh tut. Ich darf nicht den Kopf verlieren. Nicht jetzt. „Es gibt doch Hunderte Weasleys, und die haben alle rote Haare. Nur verständlich, wenn jemand von denen abhaut, diese Blutsverräter…“ Meine Stimme klingt ruhig und ich atme tief durch, bevor ich weiterspreche. „Wenn das hier Potter ist… das wäre…“ Ich schüttele den Kopf. „Der größte Triumph überhaupt. Aber… wir sollten komplett sicher sein.“ Ich drehe mich zu den Todessern um und blicke ihnen der Reihe nach fest in die Augen. „Und ich bin mir nicht sicher.“
    Die anderen wirken verunsichert, sogar Greyback.
    Zeit, überlege ich fieberhaft, wir brauchen Zeit… Unwillkürlich schließen sich meine Finger um die Kette, die Draco mir geschenkt hat. Der Anhänger gibt mir Mut und Ruhe und… Plötzlich habe ich eine Idee. Es gibt jemanden – mehrere jemande – die große Angst vor Voldemort haben und ihn erst rufen würden, wenn sie ganz sicher wären… „Wir könnten die erst Mal ins Malfoy Manor bringen“, schlage ich entschlossen vor.
    Greyback verengt die Augen. „Wieso das? Vermisst du den kleinen Blondschopf schon wieder? Wir sind nicht hier, um Urlaub zu machen!“
    Ich verschränke die Hände hinter meinem Rücken. „Nein.“ Fest erwidere ich den gelben, stechenden Blick von Greyback, obwohl ich innerlich zittere wie ein Aal. „Aber Draco kennt Potter besser als ich. Wenn er es ist, wird er ihn erkennen.“ Und wenn ich mich nicht täusche, wird Draco Potter nicht sofort verraten. Ich habe seine Unterstützung, vielleicht auch die von Narzissa. Niemand der Malfoys wird das Risiko eingehen, den dunklen Lord umgehend zu rufen. Nein, es wird etwas dauern und dann… dann sehen wir weiter. „Außerdem ist das Haus der Malfoys eine Art Stützpunkt. Es ist nur logisch, wenn wir zuerst dort hin gehen.“
    Greyback atmet schwer und es ist still, bis Jazymyn sich einen Ruck gibt und zu den Gefangenen geht. „Wir apparieren.“
    Zuerst zögerlich, dann folgsam folgen die drei Männer ihr, sogar Greyback hat keine Einwände und mir fällt ein Stein vom Herzen.
    Wir disapparieren als ein einzelnes, großes Menschenbündel und ich bete in die Dunkelheit hinein, dass diese Geschichte gut ausgehen wird.

    ~(Draco)

    Ein Schrillen durchdringt die ruhige Atmosphäre, in der meine Eltern und ich zu Abend essen. Wie schon am Mittag haben wir uns in einen weniger benutzten Raum zurückgezogen, doch nun springen Mutter und Vater auf und tauschen erschrockene Blicke. Langsam stehe ich auf.
    „Was ist das?“, frage ich.
    Meine Mutter klammert ihre Hände an die Stuhllehne. „Jemand ist vor dem Tor.“
    „Du bleibst hier, Draco“, befiehlt mein Vater und die beiden eilen durch die Tür.
    Ich verharre einen Augenblick an Ort und Stelle, taste nach dem Zauberstab in meiner Tasche und warte, bis meine Eltern außer Hörweite sein sollten – dann folge ich ihnen.
    Ich finde meinen Vater im Salon. „Du solltest doch warten“, zischt er und seufzt ergeben, als ich bloß mit sturem Schweigen antworte. „Deine Mutter holt die Besucher gerade von draußen ab, es könnte einen Moment dauern.“
    Wir lassen uns in den Lehnstühlen im Salon nieder und teilen unser Schweigen. Wer sollte jetzt hierher kommen? Warum? Es sind vermutlich nur ein paar Todesesser, die vergessen haben, sich anzumelden, versuche ich mich zu beruhigen. Aber was wenn nicht? Wenn irgendetwas passiert ist?
    Mutter erscheint in der Tür. Ihre kühle Miene verrät nichts, aber in ihren dunklen Augen liegt Angst. Vater springt auf. „Was gibt es? Was ist los?“
    „Die sagen, sie haben Potter.“
    Es kommt mir vor, als würde ich an meinem Stuhl festfrieren, ich kann mich nicht bewegen. Potter?
    Einige Menschen marschieren in den Salon, auf den ersten Blick bin ich verwirrt, dann erkenne ich blitzartig Greyback, zwei weitere Todesser und einen Ministeriumsmitarbeiter, der Voldemort schon den ein oder anderen Dienst erwiesen hat. Sie führen ein merkwürdig zusammengefesseltes Menschenknäuel, aber für die Gefangenen habe ich keinen Blick übrig, denn in dem Moment erkenne ich die Person, die nun hinter Greyback hervor tritt.
    Ich springe endlich auf, aber Vater hält mich zurück.
    Isas Miene ist verschlossen und sie blickt irgendwo ins Nichts.
    Scabior, der aus dem Ministerium, tritt vor. „Wir glauben, wir haben Potter und ihre Freunde gefunden!“, verkündet er.
    Nun sehe ich mir die Gefesselten doch noch an – und wende den Blick sofort wieder ab, als hätte ich mich verbrannt. Mein Herz hämmert in meiner Brust. Ich muss kein zweites Mal hinsehen – das sind sie.
    Ich kenne sie alle – da ist dieser Junge aus Gryffindor, und natürlich Potter und seine beiden Freunde Weasley und Granger. Verdutzt erkenne ich einen Kobold in ihren Reihen, aber darüber kann ich später nachdenken. Wie konnte das passieren?
    Greyback schiebt seine Gefangenen weiter ins Licht. „Wir wollten ganz sicher gehen, bevor wir – bevor wir den dunklen Lord rufen. Dieses dumme Ding war alles andere als hilfreich.“ Schneller als ich blinzeln kann, gibt Greyback Isa einen harten Stoß in den Rücken und sie stürzt hart zu Boden. Ich zucke zusammen, wütend versuche ich, die Hand meines Vater abzuschütteln, während Isa sich gerade langsam erneut aufrichtet, doch er lässt mich nicht los. „Hoffen wir“, fährt Greyback mit schnarrender Stimme fort und sieht direkt zu mir, „dass du wenigstens Potter erkennen kannst…“
    „Geh“, flüstert mein Vater und bleibt dicht hinter mir, als wir uns den Gefangenen nähern. Ich kann seinen heißen, hektischen Atem in meinem Nacken spüren und ich stelle mir vor, was in seinem Kopf vor sich geht: Wenn wir Potter ausliefern, wird der dunkle Lord uns gnädiger gestimmt sein als… sonst wem.
    Aber welchen Preis hätte das?
    „Nun?“, fragt Vater und lässt mich endlich los. Seine Stimme zittert.
    Langsam blicke ich zu Potter. „Was ist mit diesem Gesicht passiert?“, frage ich. Das ist Potter, keine Frage – aber es sieht aus, als hätte ihm jemand einen üblen Brandzauber verpasst.
    „Jah, jah“, macht der andere Todesser, „Ein Stich oder so, aber ist doch egal, ist er das, ist er das nicht, verdammt!“
    „Ich… weiß es nicht.“ Ich stammele weiter herum, auch, als ich nach den anderen beiden gefragt werde – Granger und Weasley.
    „Das sind sie doch“, sagt mein Vater aufgeregt und mit fiebrigem Blick, „Das Mädchen da, das Schlammblut, und der Junge – das ist Arthur Weasleys Sohn, ich weiß es! Nicht, Draco? Sie sind es doch, meinst du nicht?“
    Ich weiche von ihm weg. „Vielleicht. Kann sein. Ja… ich weiß nicht. Das wäre ein so großer Zufall…“
    „Das habe ich auch gesagt.“ Isa steht plötzlich bei mir. Sie berührt mich nicht, aber ich kann ihren Körper dicht neben meinem spüren. Ich bin unendlich dankbar, dass sie jetzt bei mir ist. „Der mit den schwarzen Haaren – klar könnte das Potter sein, aber so verunstaltet können wir uns nicht sicher sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Rotschopf ein Weasley ist, aber die vermehren sich doch wie die Ratten. Was die da angeht…“ Isa legt so viel Verachtung in ihre Stimme und balanciert so konzentriert auf der schmalen Linie zwischen scheinbarem Hass und den Möglichkeiten, uns Zeit zu verschaffen, dass ich sie nur bewundern kann. „Es gibt dutzende Schlammblüter“, fährt sie nun fort, „die abgehauen sind und jeder von ihnen sieht vermutlich gleich durchschnittlich und zerzaust aus.“
    Scabior mustert sie mit verschränkten Armen. „Schön“, sagt er bissig, „und was sollen wir deiner erhabenen Meinung nach tun, bitte?“
    „Wir…“
    „Das ist doch leicht“, helfe ich Isa und erwidere Scabiors Blick nicht minder überheblich. „Wir sperren die ganze Truppe einfach in die Kerker und warten, bis diese komische Schwellung oder so weggeht. Oder – Mutter, gibt es einen Zauber, wie man das schneller weg bekommt?“
    Meine Mutter sieht mich einen langen Moment an. „Nein“, sagt sie schließlich und ich atme leise auf. Sie spielt mit. „Nicht, dass ich wüsste. Wir haben wohl keine andere Wahl, als ein wenig zu warten.“ Sie schüttelt den Kopf. „Wir müssen ganz sicher gehen, bevor wir unseren Herrn rufen. Wir dürfen ihn nicht enttäuschen.“
    Das leuchtet jedem in diesem Raum ein – niemand will das Risiko eingehen, von unserem Lord bestraft zu werden, sollte ein Fehler vorliegen.
    Nach einer kurzen Stille befiehlt Greyback: „Also gut. Bringt den Abschaum in eure verdammten Kerker.“

    27
    „Was ist hier los? Zissy?“
    Ich brauche nicht zur Tür zu sehen, um diese Stimme zu erkennen, und ich brauche nicht zu Isa zu schauen, um zu merken, dass sie ebenso erschrocken ist wie ich.
    Bellatrix Lestrange schreitet in den Raum, der für eine Sekunde den Atmen anzuhalten scheint. Ihre weiten Augen sind noch größer als sonst und ihr dunkler Blick huscht langsam zwischen den Leuten im Raum hin und er, hinter ihr ein kleiner, pummeliger Mann. Angewidert erkenne ich Wurmschwanz.
    Schließlich platzt Greyback hervor: „Wir haben Potter! Wir haben Potter und seine Freunde gefangen!“
    Ich ziehe Isa am Arm sanft zur Seite, damit wir nicht zwischen den Fronten landen.
    Bellatrix bewegt sich auf die Gefangenen zu, schleichend, wie eine drohende Raubkatze.
    Unter schweren Augenlidern fixiert sie Granger. „Aber das ist doch dieses Schlammblutmädchen“, sagt sie leise.
    „Ja, ja das ist diese Granger!“, stimmt mein Vater aufgeregt zu, „und das neben ihr ist Potter!“
    Die dunkelhaarige Todesserin wendet sich der nächsten Person zu. Bleibt einen Moment stehen. Konzentriert. „Der Dunkle Lord muss sofort gerufen werden!“
    Oh nein.
    Sie entblößt ihr dunkles Mal und ich mache mich auf das Schlimmste gefasst-
    „Ich wollte ihn gerade rufen, Bellatrix.“ Für einen Moment atme ich auf, als mein Vater dazwischen geht. „Das ist mein Haus, und es unterliegt meiner Autorität-“
    „Deiner Autorität“, kreischt Bellatrix und ich zucke zusammen. „Du hast deine Autorität verloren, als du deinen Zauberstab verloren hast!“
    „Du hast damit nichts zu tun, du hast Potter nicht gefangen!“
    „Bitte um Verzeihung, Mr Malfoy“, sagt Greyback mit einem Donnergrollen in der Kehle, „aber wir haben Potter gefangen, und wir wollen auch das Gold!“
    Bellatrix stößt ein wildes, viel zu hohes Lachen aus. „Behalt dein Gold, Aasfresser, was interessiert mich das, ich strebe nur nach der Ehre und-“ Plötzlich erstarrt sie. „Was ist das?“
    Der Todesser, bei dessen Anblick mir der Name Jackson in den Sinn kommt, antwortet knapp: „Schwert.“
    „Gib es mir!“
    Jackson widerspricht, doch Bellatrix lässt sich nicht lange bitten und feuert einen Schockzauber auf ihn an.
    Scabior und die anderen schreien wütend auf, doch meine verrückte Tante schockt sie alle nacheinander – bis auf Greyback, den sie in die Knie zwingt und ihm den Zauberstab abnimmt.
    Ich bin verdammt froh, dass ich Isa schon vorher beiseite gezogen habe. Wer weiß, was Bellatrix vorhat…
    Sie nimmt das Schwert an sich und hält es Greyback vor. „Woher habt ihr das?“
    „Wie kannst du es wagen?“, knurrt der Werwolf, „Lass mich los, Frau.“
    „Woher habt ihr das Schwert?“
    „Wir haben‘s in dem Zelt von Potter gefunden, verdammt, und jetzt lass mich!“
    Tatsächlich erlöst sie ihn von dem Zauber und wirft ihm seinen Zauberstab zu. „Die Gefangenen müssen in den Keller. Alle… bis auf das Schlammblutmädchen.“
    Unter heftigsten Protesten Seiten Weasleys werden die drei Jungen und der Kobold abgeführt und mit weniger Leuten wirkt der Raum gleich viel größer und die Menschen beachtlich kleiner.
    Mit einem kurzen, silbernen Messer und ihrem Zauberstab bewaffnet macht sich Bellatrix an der Granger zu schaffen. „Woher habt ihr das Schwert?“
    Unauffällig nehme ich Isas Hand; Sie ist eiskalt und klammert sich an der meinen fest. Wie verlorene Schachfiguren stehen wir, meine Eltern, Wurmschwanz und Greyback um Bellatrix und Granger herum. Die anderen Greifer liegen noch immer geschockt am Boden.
    Granger schüttelt verbissen den Kopf und schreit im nächsten Moment auf, als die scharfe Klinge des Messers durch ihr Gesicht fährt.“
    „Ich frage dich noch einmal: Woher habt ihr es!“
    Isa zuckt zusammen und auch ich kann nicht hinsehen.
    „Wir… wir haben es gefunden – BITTE – wir haben es gefunden!“
    Ein weiterer Schrei.
    Bevor ich sie aufhalten kann, löst Isa sich von meiner Hand und geht mit energischen Schritten auf die beiden anderen Frauen zu. Leise stöhne ich auf – sie hat echt die dümmsten Ideen von allen… Dennoch könnte ich sie für ihren Mut küssen.
    „Das reicht“, sagt Isa und Bellatrix wirbelt zu ihr herum, das Messer glänzt vor Blut.
    „Achja?“ Sie atmet hektisch. „Und das bestimmst jetzt du, oder wie? Ich frage mich“, fährt sie fort und fuchtelt mit ihrem Zauberstab, „warum du das dreckige kleine Schlammblut in Schutz nehmen willst!“
    „Ich nehme das dreckige kleine Schlammblut nicht in Schutz“, faucht Isa überheblich. Sie weicht kein Stück zurück. „Aber ich bin wenigstens klug genug zu erkennen, wann jemand die Wahrheit sagt. Du weißt selbst, wie stark deine Magie ist, Bellatrix. Warum sollte die noch lügen? Und – wenn jemand lügt, dann denkt er sich etwas Besseres aus, als gefunden.“
    Bellatrix starrt sie mit leicht geöffneten Lippen an.
    „Ich will nur keine Zeit verschwenden“, fügt Isa hinzu, marschiert an der erstarrten Todesserin vorbei und stellt sich mit verschränkten Armen neben die am Boden liegende Granger. „Wo habt ihr das Schwert gefunden?“
    Schweigen. Dann: „Ich… In einem Wald… es war in einem See oder Teich oder… ich weiß nicht“, schluchzt das verletzte Mädchen.
    Isa runzelt die Stirn. „Was wisst ihr darüber?“
    „Nicht – nicht viel, es…“
    Blitzartig beugt Isa sich über Granger, zückt ihren Zauberstab und versetzt ihr mit der Spitze einen Stoß zwischen die Rippen. „Raus mit der Sprache“, knurrt sie so dunkel, dass sie mich an Greyback erinnert.
    „Es… es ist eine Fälschung.“
    „Eine Fälschung wovon?“
    Hermine weint. „Vom Schw- Schwert von Gryffindor. Ich weiß, wie es aussieht, ich habe es erkannt, a- aber es kann nicht das richtige sein – warum… warum würde es in einem Wald herumliegen? Außerdem erkenne ich koboldgearbeitete Sachen und… und das, das hier ist das nicht, es hat nicht die Eigenschaften wie, wie ein koboldge-“
    „Schon gut“, unterbricht Isa sie grob und richtet sich wieder auf. „Eine Fälschung“, überlegt sie laut, „und nicht koboldgearbeitet, sagst du?“
    Granger nickt.
    Isa dreht sich ruckartig zu mir um. „Hol den Kobold“, sagt sie und blickt mich durchdringend an, „Der wird uns sagen können, ob dieses Schwert echt oder nur eine Fälschung ist.“
    Irgendetwas will sie mir sagen, das spüre ich. Langsam entferne ich mit von den drei so unterschiedlichen Hexen und mache mich auf den Weg zu den Kellern. Was ist, wenn das Schwert doch keine Fälschung ist? Wenn der Kobold herausfindet, dass es echt ist? Ich weiß nicht, was das bedeuten würde, aber bislang sieht es so aus, als sei es besser für Granger und die anderen, wenn es tatsächlich eine Fälschung ist…
    Mitten auf der steilen Kellertreppe bleibe ich stehen. Natürlich.
    „Stellt euch in einer Reihe an die Wand und keine dummen Sachen!“ Mit vorgehaltenem Zauberstab und ohne einen meiner alten Schulkameraden anzusehen, schnappe ich mir den Kobold. Ich bin froh über die Dunkelheit hier unten – mein Gesicht fühlt sich ungewöhnlich warm an. Das - das alles hier – ist so verdammt falsch und kaum etwas war mir je so unangenehm, als Potter und den anderen in dieser Situation gegenüberstehen zu müssen.
    Kaum habe ich die Kerkertür wieder verschlossen, beuge ich mich zu dem Kobold herab und raune so leise es nur geht: „Sag, dass das Schwert eine Fälschung ist! Bellatrix wird dir wehtun, aber wenn du sagst, es ist das echte Schwert, wird sie dir noch viel mehr antun! Es ist besser für dich, wenn du sie glauben lässt, dass es eine Fälschung ist.“
    Ich kann nicht erkennen, ob der Kobold mich verstanden hat, ob er einverstanden ist, aber es gibt keinen Ausweg. Bevor ich in den Salon zurückkehre, verschließe ich meinen Geist vor meiner Tante und sperre mein vor Angst wild schlagendes Herz ganz nach hinten, hinter ein verschlossenes Gesicht, das rein von jeder Emotion ist.
    Im Salon stelle ich mich hinter Isa und lege die Hände auf ihre Schultern, als könnte ich sie beschützen. Ich spüre, wie sie sich ganz sachte an mich lehnt und bin dankbar für die Nähe. Nie hätten wir gedacht, dass wir uns so schnell wiedersehen würden – doch jetzt haben wir nicht die Gelegenheit, auch nur ein privates Wort miteinander zu wechseln.
    Der Kobold betastet unterdessen das Schwert. Mit fachkundiger Miene fährt er mit den Fingern über die Klinge und blickt endlich auf. „Es ist eine Fälschung“, schnarrt er, „Nichts als eine billige Kopie.“ Bellatrix‘ Zauberstab schneidet durch die Luft und Blut rinnt über das lange Gesicht des Kobolds. Er zuckt nicht mit der Wimper. „Eine Fälschung“, wiederholt er und legt das Schwert vorsichtig auf den Boden.
    Plötzlich ertönt ein dumpfer Knall von unten.
    „Was war das?“, fragt mein Vater alarmiert. „Wurmschwanz, geh nachsehen.“
    Der kleine Zauberer huscht durch die Tür.
    Bellatrix blickt ihm nach, dann wendet sie sich wieder dem Kobold zu. „Du bist dir ganz sicher, dass es nicht das Echte ist?“
    Er nickt und Bellatrix lacht erleichtert.
    „Gut“, ruft sie mit glühenden Augen, „Dann rufen wir jetzt den dunklen Lord!“ Mit einem entschlossen Ruck reißt sie ihren Ärmel nach oben und legt ihren Zeigefinger auf das dunkle Mal.
    Meine Finger klammern sich fester an Isas Schultern, sobald das kurze Brennen des Rufes eines anderen Todessers nach Voldemort durch meinen eigenen Arm fährt, als müsste ich mich plötzlich an ihr festhalten – dabei bin ich es doch, die sie beschützen will, und nicht andersrum.
    „Greyback“, sagt Bellatrix, „Ich glaube, wir sind fertig. Du kannst das Schlammblut haben.“
    Eine winzige Sekunde ist es still – Chaos bricht aus. Alles geht zu schnell. Plötzlich ist da der Rotschopf, der „Nein“, brüllt, und Potter und Flüche und Blitze zucken durch die Luft.
    Ich bin wie erstarrt, bis Isa ihren Zauberstab zückt und losstürmt, um mitzukämpfen. Ich tue es ihr gleich. Zorn wallt in mir auf, als ich sehe, wie mein Vater von einem der Zauber – ich weiß nicht, wessen – geschockt wird.
    Erneut schrillt Bellatrix‘ Stimme durch den Raum. „Aufhören, oder sie stirbt!“
    Potter und Weasley fahren herum. Die Todesesserin hält Granger, die ohnmächtig scheint, aufrecht, und drückt ihr ihr kurzes, silbernes Messer an den Hals.
    Es dauert nicht lange, bis die beiden Gryffindors ihre Zauberstäbe fallen lassen. Isa sammelt sie auf und wir tauschen einen Blick: Das darf so nicht enden.
    Aus Richtung der hohen Decke ertönt ein Quietschen und Knirschen, bei dem ich Gänsehaut bekomme, doch bevor ich die Quelle des Geräuschs lokalisiert habe, kracht mit einem Mal der gewaltige Kronleuchter von der Decke und saust genau auf Bellatrix zu. Die lässt Granger fallen und wirft sich mit einem Schrei zur Seite, ich packe Isa am Arm und ziehe sie hinter mich – gerade noch rechtzeitig.
    Glitzernde Kristallscherben wirbeln durch die Luft und ich krümme mich vor Schmerz, als einige davon mich im Gesicht treffen und Blut hervordringt.
    „Geht es dir gut?“, fragt Isa atemlos, es sind die ersten richtigen Worte, die sie heute an mich richtet. „Du hättest nicht-“
    Doch dafür bleibt keine Zeit, denn plötzlich ist Potter bei uns und reißt Isa die Zauberstäbe aus den Händen. Einen kurzen Moment lang bleibt er stehen und sieht sie an, dann ist er schon wieder weg, richtet alle drei Zauberstäbe auf Greyback und schreit „Stupor!“
    Isa ist etwas rot im Gesicht und sieht mich fast entschuldigend an – ich ahne, wieso. Sie hat nicht ansatzweise um die Zauberstäbe gekämpft, sondern sie sich ohne zu zögern abnehmen lassen. Ich nicke ihr zu, damit sie weiß, dass ich ihr das nicht übel nehme – im Gegenteil. Wenn Potter es hier raus schafft, dann… ist es auf jeden Fall besser, als wenn nicht.
    Mit einem Mal fällt mein Blick auf eine kleine Gestalt am anderen Ende des Raums. „Dobby?“
    Auch meine Mutter entdeckt unseren ehemaligen Hauselfen. „Du warst das? Du hast den Kronleuchter herabstürzen lassen?“
    Der kleine Elf deutet mit zitternder Hand auf uns. „Sie dürfen Harry Potter nicht wehtun!“
    „Töte ihn, Zissy!“, kreischt die entwaffnete Bellatrix, doch Dobby schnipst mit den Fingern und der Zauberstab meiner Mutter wirbelt ihr aus der Hand.
    „Dreckiger kleiner Affe!“ Meine Tante tobt vor Zorn. „Wie kannst du es wagen… deinen Herren zu trotzen!“
    „Dobby hat keinen Herren! Dobby ist ein freier Elf und Dobby ist gekommen, um Harry Potter und seine Freunde zu retten!“
    Potter und die anderen – niemand hatte mehr auf sie geachtet. Plötzlich war er bei dem Elfen, zusammen mit dem Kobold, warf dem Weasley einen Zauberstab zu und mithilfe des Elfen apparierten sie alle zusammen.
    „Nein“, brüllt Bellatrix und schleudert mit einem letzten Versuch ihr Messer auf die Gruppe zu. Das Silber blitzt ein letztes Mal auf, dann verschwindet es und dort, wo eben noch die meistgesuchten Personen des Landes standen, ist nur noch Luft.

    28
    Isa lässt es sich nicht nehmen, die Schnitte in meinem Gesicht zu versorgen. Einen Moment spüre ich Erleichterung – doch dann fällt mein Blick auf meine Tante, die immer noch wutentbrannt herumschreit und Potter und seine Komplizen verflucht.
    „Nein“, flüstere ich so leise, dass nur Isa mich hören kann. „Sie hat ihn bereits gerufen. Er wird uns alle umbringen.“
    „Dich wird er nicht umbringen“, erwidert sie nicht minder leise, „du hattest kaum etwas hiermit zu tun.“ Ihre Hände zittern und sie lässt von meinem Gesicht ab.
    „Danke“, murmele ich und sehe sie an. Eine dunkle Ahnung steigt ihn mir auf und ich packe Isa am Handgelenk. „Aber du. Da warst bei den Greifern. Du hattest eine ganze Menge damit zu tun.“
    Sie macht sich von mir los und lässt mich stehen, um Greyback von seinem Schockzauber zu erlösen. Wie vom Blitz getroffen sehe ich ihr hinterher.
    Der dunkle Lord wird jeden hier im Raum bestrafen. Fragt sich nur, an wem von den Greifern, den Hauptverantwortlichen, er seine Wut am stärksten auslassen wird. Dennoch macht niemand Anstalten, schnellstmöglich von hier zu verschwinden – weder Isa oder ich, noch die Greifer und Greyback oder Bellatrix und meine Eltern. Wir alle wissen, wie aussichtslos dieses Unterfangen wäre und bedrückende Stille senkt sich wie ein dunkles Tuch über uns.
    Allmählich dämmert mir – vermutlich auch allen anderen – was hier geschehen ist, was wir angerichtet haben: Wir hatten Potter - wir haben ihn wieder entkommen lassen. Und er wird es erfahren.
    „Wo ist eigentlich Wurmschanz abgeblieben?“, fragt mein Vater in die Stille.
    In diesem Moment geht jedem von uns der selbe Gedanke durch den Kopf: Er sollte nach den Gefangenen sehen, und daraufhin sind sie ausgebrochen. Womöglich kann ihm jegliche Schuld zugeschrieben werden.
    „Draco, geh nachsehen“, bestimmt meine Mutter und sieht mich streng an, als ich protestieren will.
    Malfoy Manor ist groß, wenn ich von hier in die Keller gehe und erst nach dem erbärmlichen Zauberer suchen muss, dauert das sicher einige Minuten… Minuten, in denen der dunkle Lord höchstwahrscheinlich ankommen und… mit seiner Strafpredigt anfangen wird.
    Isa, die wieder zu mir gekommen ist, stupst leicht in meinen Rücken. Sie sagt, ich soll gehen. Und, dass es schon okay ist, wenn ich sie jetzt zurück lasse. Ich fühle mich schrecklich dabei, aber ich höre auf die beiden Frauen, die ich am meisten auf dieser Welt liebe, und gehe.

    ~(Isa)

    Ich blicke Draco nach und bin unendlich erleichtert, dass ihm wenigstens ein Teil des aufkommenden Sturms erspart bleiben wird.
    Trotzdem fühle ich mich seltsam alleine und fehl am Platz, wie ich alleine fast mitten im Raum stehe. Langsam bewege ich mich hinüber zu Greyback, der die langen gelben Fingernägel in die Rückenlehne eines sehr edel aussehenden Sessels gegraben hat, und stelle mich mit gesenktem Kopf neben ihn. Das fühlt sich deutlich mehr nach meinem Platz an.
    Ich höre mein heftig pochendes Herz und die Schläge erinnern mich an das Ticken einer Uhr, dass mir bewusst macht, dass jeden Moment Voldemort auftauchen wird.
    „Was ist passiert? Bella?“
    Die Angst klammert sich in meinem Nacken fest wie eine giftige Spinne. Langsam schaue nach oben.
    Der Dunkle Lord ist hier. Hier. Nur wenige Schritte entfernt. Wie macht er das bloß immer? Auftauchen, wann und wo er will ganz ohne das verräterische Knallen des Apparierens. Einmal mehr wird mir grausam bewusst, dass er Magie und Mächte beherrscht, die uns normalsterblichen Hexen und Zauberern vollkommen fremd und übermächtig ist…
    Voldemort schreitet durch die Scherben des Kronleuchters auf Bellatrix Lestrange zu, die sich vor ihm auf die Knie wirft. „Herr! Es war- Es war ein Unfall!“
    „Ich befahl euch, mich nur zu rufen, wenn ihr Potter habt.“
    „Wir hatten ihn! Er war hier, Herr!“
    Voldemort erstarrt mitten in der Bewegung, seinen Zauberstab zu heben, und durchbohrt Bellatrix mit seinen roten Augen. „Potter war hier“, wiederholt er leise, dann mit lauterer Stimme: „Potter war hier, und ihr habt ihn entkommen lassen?“ Er sieht nur zu seiner ergebensten Dienerin vor seinen Füßen, doch sprechen tut er zu uns allen.
    Bellatrix heult auf, vor Wut oder Angst. „Alles hat so lange gedauert und plötzlich – plötzlich waren die hier und da war dieser Elf-“
    „Schweig“, donnert Voldemort. Ihn interessieren keine Einzelheiten, ihn interessiert nur, dass es passiert ist. „Bella… Du weißt, du genießt mein höchstes Vertrauen.“
    Sie krallt ihre Finger in die dunklen Locken und sieht bebend zu ihrem Herrn auf. „Ich danke euch“, flüstert sie, „danke, mein Lord…“
    „Aber dieses Vertrauen hast du gebrochen. Bedeutet dir mein Vertrauen nichts mehr, Bellatrix? Dass du so leichtfertig damit umgehst?“, fragt der Dunkle Lord kalt.
    Die Todesserin zuckt, als hätte er sie geschlagen. „Leichtfertig, mein Herr? Ich, Ich wollte euch nie… nie enttäuschen oder-“
    „Aber dennoch hast du es getan.“ Voldemort hebt den Zauberstab ohne jegliche Regung im Gesicht. „Bist du bereit, deine Strafe zu tragen?“
    Bellatrix schiebt die Hände übers Gesicht und gräbt die Fingernägel in ihre Wangen. Schwer atmend und zitternd kniet sie vor Voldemort und senkt schließlich ergeben den Kopf. „Das tue ich, mein Lord.“
    Voldemorts Zauberstab zerschneidet die Luft und die Frau vor ihm kreischt durchdringend auf. Sie fällt zur Seite und schlägt mit dem Kopf auf den Boden. Ihre eigenen Hände packen ihren dunklen Haarschopf und reißen Mal nach rechts, Mal nach links und sie windet sich auf dem kalten Fußboden als läge sie auf einer Feuerstelle.
    Endlich senkt Voldemort seinen Zauberstab und Bellatrix‘ Schreien geht über in ein Schluchzen. Ohne ihr weiter Beachtung zu schenken, wendet sich der Dunkle Lord von ihr ab. Sein kalter, zorniger Blick wandert durch den Raum… und bleibt an Greyback hängen.
    Er zwingt den Werwolf, vorzutreten. „Du hattest das Kommando über den Greifertrupp, Hund. Was hast du zu sagen?“
    Greybacks Blick huscht angstvoll hin und her; vor der hohen, schmalen Gestalt Voldemorts sieht sogar er klein und schwach aus – trotz der breiten Schultern. „Es ist richtig“, sagt er heiser und taxiert den Boden, „Es war Potter.“
    Voldemorts Hand zuckt minimal und Blut spritzt von dem Gesicht des Werwolfs. „Das weiß ich bereits“, sagt Voldemort kalt, „Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen? Du warst einer der Hauptverantwortlichen.“
    Greyback betastet sein Gesicht. „Ich weiß nicht“, sagt er heiser.
    Erneut richtet Voldemort seinen Zauberstab gegen den anderen Mann und der klappt zusammen wie nach einem Schlag in den Magen. Schwer poltert er zu Boden, der Dunkle Lord bewegt seinen Stab mit einer fließenden Bewegung und Greyback schießt über den Boden und kracht gegen die Wand. Er krümmt sich vor Schmerz und ringt nach Luft. Einige Sekunden ist nur sein schleppendes Atmen zu hören, bis Greyback sich unter größten Anstrengungen halbwegs aufrichtet und mit flackernden gelben Augen umherblickt.
    „Sie“, krächzt er plötzlich und deutet mit der Pranke vage auf… mich. „Es ist ihre Schuld! Sie war zu unfähig, Potter und seine Freunde zu erkennen, nur deswegen hat sich alles verzögert und nur sie hat mit ihrer Dummheit dafür gesorgt, dass wir Zeit verloren haben und die Gefangenen Zeit bekommen haben zu fliehen!“
    Voldemort beobachtet uns mit ausdruckslosem Gesicht und rollt seinen Zauberstab zwischen den Handflächen. „Sprich weiter.“
    Greyback schnappt erleichtert nach Luft und fährt fort. „Potter und seine Freunde haben wir in einem Wald gefunden, die hatten den – das Tabu benutzt. Ich hatte schnell die Idee, dass das Potter sein könnte – und den Blutsverräter Weasley und dieses Schlammblut-Mädchen auch – und wir wollten Euch so schnell es geht zu uns rufen! Natürlich wollten wir auch erst sichergehen, wir, wir wollten Euch nicht enttäuschen! Aber die war sich nicht sicher, also mussten wir erst hier her und den Malfoy-Jungen befragen und der war sich auch nicht sicher und dann wollten wir noch die Gefangenen selber befragen und so… Und das alles hat so lange gedauert, dass die entkommen konnten! Und das ist nur ihre Schuld!“ Noch immer deutet er mit zitternder Hand auf mich.
    Voldemort faltet die Hände und schließt die roten Augen für einen Moment. Fast sieht es aus, als würde er beten. Langsam wendet er sich von Greyback ab und mir zu. Als er mich ansieht, fühlt es sich an, als würde mein Magen sich verknoten.
    „Tritt vor, Mädchen“, befiehlt der Dunkle Lord und mit zitternden Knien folge ich der Anweisung. „Ist es wahr, was der Werwolf erzählt?“
    Mechanisch nicke ich, und als Voldemort sich nicht regt, sondern mich bloß weiter ansieht, sage ich: „Es ist wahr.“ Ich bekomme bloß ein Flüstern heraus. Ich balle die Hände zu Fäusten, als könnte das meine zitternden Hände verbergen.
    Der Moment der Stille dehnt sich und ich wünsche mir nur ein schnelles Ende, ich wünsche mir, dass es schnell vorbeigehen mag…
    „Das enttäuscht mich sehr“, sagt Voldemort mit ruhiger, ja, fast bedauernder Stimme, und richtet die Spitze seines Zauberstabs sorgsam auf meine Brust.
    Im nächsten Moment spüre ich, wie ich in die Luft gerissen werde, nur um wieder gen Boden zu sausen. Ich schreie auf vor Schmerz, als ich aufschlage und die Scherben des Kronleuchters sich in meine Haut bohren. Doch vorbei ist es noch lange nicht.
    Ich kneife fest die Augen zusammen und höre, wie der Schwarze Lord „Crucio“ murmelt. Augenblicklich schießt ein Schmerz durch meinen Körper, schlimmer als alle Scherben zusammen. Ich winde mich und bemerke die vielen Glassplitter nicht mehr, denn die Qual scheint jetzt von innen zu kommen, als wäre sie ein Teil von mir. Ich höre Schreie und weiß nicht, ob es die meinen sind, der Schmerz will kein Ende nehmen und jagt kochendes Blut durch meine Adern. Ich will nur noch verschwinden und presse die Hände auf die Ohren, ich will nichts mehr sehen und hören, ich will verschwinden…
    Urplötzlich verschwindet der Schmerz und ich fühle mich, als hätte ich einen schweren Rucksack abgelegt. Ich schnappe nach Luft und stelle erschrocken fest, dass ich weine, noch immer tut mir alles weh…
    Aber meine Schluchzer sind nicht das Einzige, was ich wahrnehme. Ich versuche die Augen zu öffnen und für einen Moment sehe ich den Boden voll glitzerndem Glas und höre, wie jemand lacht… Schwärze schwappt auf mich zu, ich sehe grünes Licht aufblitzen, dann versinke ich in Dunkelheit.

    29
    ~(Draco)

    Es ist noch nicht ganz hell, als ich wach werde. Isa regt sich neben mir und sofort bin ich hellwach. Ihre Silhouette zeichnet sich im Dämmerlicht ab, sie setzt sich auf und stöhnt leise.
    „Wo bin ich?“, murmelt sie verschlafen.
    „Bei mir“, antworte ich sofort.
    Isa sinkt zurück in die Kissen meines Bettes. „Dann ist ja gut“, nuschelt sie. Kurz ist sie still, dann öffnet sie die Augen erneut und fragt: „Was?“ Sie richtet sich wieder auf und blickt sich angestrengt um.
    Ich lache erschöpft.
    „Was ist passiert? Sind wir in deinem Zimmer?“ Sie klingt etwas verwirrt, was ich ihr nicht wirklich übel nehmen kann.
    „Komm her“, sage ich lege mich auf die Seite. „Dann erzähle ich es dir.“
    Isa legt sich langsam wieder hin und kuschelt sich am mich.
    Ich ziehe die Decke wieder über uns und lege einen Arm um sie. „Keine Angst“, murmele ich, „es ist vorbei. Hast du noch im Kopf, was gestern passiert ist?“
    Isa nickt. „Klar. Aber nur bis…“ Sie überlegt. „Keine Ahnung.“
    „Bis du ohnmächtig geworden bist“, ergänze ich und schweige einen Moment. „Wurmschwanz und Jackson sind tot.“
    Meine Freundin versteift sich. „Wie das?“
    Beruhigend streiche ich ihr über den Arm. „Ich habe Wurmschwanz tot auf der Treppe zu den Kellern gefunden. Er…“ Ich schlucke. „Er hat sich selbst erwürgt, mit dieser silbernen Hand, die er hatte, weißt du noch?“
    „Ja.“
    „Als ich zu euch zurück in den Salon gekommen bin, da…“ Einen Moment starre ich in die Dunkelheit. „Er war schon nicht mehr da. Du lagst mitten in den Scherben und warst ohnmächtig.“ Ich lache nervös. „Du hast mich ganz schön erschreckt. Ich dachte, du wärst… naja. Du warst am Ende nur ohnmächtig, aber… Jackson war tot. Mutter hat mir erzählt, was passiert ist. Der… Dunkle Lord war gerade dabei dich“, ich stocke, „zu bestrafen, und Jackson hat wohl darüber gelacht und dann hat die Wut des Dunklen Lords sich an ihm ausgelassen.“
    Isa schweigt und ich gebe ihr den Moment der Ruhe, um das zu verarbeiten. Ich lausche ihrem Atem und bin einfach nur froh, dass ihr Herz noch schlägt. „Was ist dann passiert?“
    „Der Dunkle Lord ist kurz darauf verschwunden und ich habe mich natürlich um dich gekümmert, Mutter hat auch geholfen, dich wieder zusammenzuflicken. Ich habe jetzt übrigens ihren Zauberstab, und sie hat sich den eines irgendwann verstorbenen Verwandten besorgt… Zu unserem Glück, dass du deinen noch in der Tasche hattest – sonst wärst du jetzt auch noch zauberstablos. Du warst ganz schön… Übel zugerichtet. Ich wollte dich nicht alleine lassen, genau wie ich nicht alleine sein wollte, und dann habe ich dich hierher gebracht. Ich hoffe, das ist dir recht?“
    Isa schmiegt sich dichter an mich und tastet nach meiner Hand. „Mehr als recht“, murmelt sie, „Danke, dass du mich versorgt hast.“
    „Das ist doch selbstverständlich.“ Sanft drücke ich ihre Hand und sage: „Wir sollten noch etwas schlafen. Ich glaube, die Ruhe können wir gebrauchen.“
    Ich spüre, wie Isa nickt und schließe zufrieden die Augen.

    Am nächsten Tag ist das Anwesen so gut wie ausgestorben, als Isa und ich uns gemeinsam nach draußen begeben. Hand in Hand spazieren wir über die Kieswege und Wiesen um Malfoy Manor herum, wobei wir kaum ein Wort wechseln.
    Das Wetter wird stürmischer und wir suchen bei einer Baumgruppe Schutz vor dem Wind.
    Isa lehnt sich mit dem Rücken gegen einen Stamm und atmet die laue Luft mit geschlossenen Augen tief ein. „Es riecht nach April, findest du nicht?“, fragt sie plötzlich verträumt.
    Belustigt schnuppere ich ebenfalls. „Also, ich merke nichts. Aber der Frühling liegt auf jeden Fall in der Luft.“
    Isa linst mit einem geöffneten Auge zu mir. „Es ist Frühling, Draco.“
    „Ich weiß“, sage ich grinsend.
    „Was hat deine Mutter dir gestern noch so erzählt? Also, was passiert ist?“
    Überrascht von dem Themenwechsel zucke ich mit den Schultern. „Nur das Wesentliche, denke ich. Wieso?“
    Isa wendet den Blick von mir ab und runzelt die Stirn. „Weißt du, was Greyback gestern getan hat?“
    „Was denn?“ Ich lege den Kopf schräg und mustere Isa aufmerksam.
    „Er hat mir die Schuld zugeschoben.“ Mit starrem Blick schaut Isa ins Nichts und atmet tief ein. „Der Dunkle Lord hat ihn bestraft, weil er zu den Hauptverantwortlichen gehörte, und dann hat er alle Schuld mir zugeschrieben. Hat gesagt, ich hätte das ganze Geschehen aufgehalten, indem ich zu dumm war, um Potter sofort zu erkennen. Nur dadurch hätten die Gefangenen die Zeit bekommen, die sie brauchten, um abzuhauen.“ Isa stößt sich von dem Baumstamm ab und verschränkt die Arme. „Erst dadurch wurde die Aufmerksamkeit des Dunklen Lords überhaupt auf mich gelenkt und nur deswegen hat er angefangen, mich zu foltern.“ Sie beißt sich auf die Unterlippe und starrt verbissen nach unten.
    Erschrocken sehe ich sie an, doch der Schreck verfliegt und die Wut nimmt Überhand. „Was für ein Feigling“, grolle ich. Und dann: „Oh nein, nicht weinen.“ Zorn und Liebe tanzen gleichermaßen in mir, als ich Isa in den Arm nehme und meine Arme fest um ihren angespannten Körper lege.
    Sie legt ihr Gesicht an meine Schulter und murmelt undeutlich: „Ich hasse ihn.“
    „Ich auch.“ Beruhigend streiche ich ihr über den Rücken.
    So stehen wir eine ganze Weile zwischen den windgepeitschten Bäumen und halten einander fest.
    Irgendwann löst Isa sich von mir, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und lächelt mich schwach an. „Ich war trotzdem froh, dass du nicht da warst. Sonst wäre es noch schlimmer gewesen… So konnte ich wenigstens daran denken, dass du das vielleicht nicht durchmachen musst.“
    Ich kann sie nur ansehen und denke: Sie ist die wunderschönste Person auf dieser Welt. Ich habe sie gar nicht verdient.
    „Bei Merlin“, sage ich leise, „Du hast keine Ahnung, wie sehr ich dich liebe, Isa.“
    Sie lacht leise. „Ich hoffe, du ahnst, wie sehr ich dich liebe.“
    „Das tue ich.“ Du zeigst es mir immer wieder, füge ich in Gedanken hinzu. Auf einmal wird mir bewusst, dass ich etwas tun muss, um ihr zu zeigen, wie viel sie mir bedeutet. Nicht, weil ich das Gefühl habe, ihr etwas schuldig zu sein – sondern weil ich will, dass sie es weiß. Weil ich von mir aus etwas für sie tun will, tun muss. Sie ist das größte Geschenk, das ich habe… Ich sollte es nicht für selbstverständlich halten.
    „Hier steckst du!“
    Isa und ich drehen uns erschrocken um. Breitbeinig und mit verschränkten Armen steht Greyback uns gegenüber, mit einem Gesicht so finster wie das schwärzeste Gewitter. Seine gelben Augen haften auf Isa, als wäre ich unsichtbar – vielleicht bin ich das für den dummen Hund auch.
    „Beeil dich“, knurrt der Werwolf, „Ich breche auf.“
    Isa rührt sich nicht von der Stelle.
    „Wird‘s bald, oder was?“
    Ich halte Isa an der Hand fest, ich will nicht, dass sie wieder gehen muss. Moment…
    „Ist das ein Befehl?“, frage ich mutig.
    Ganz langsam wendet Greyback sich mir zu und mir wird schrecklich bewusst, dass er mindestens doppelt so breit und schwer ist wie ich. Ein ekliges Grinsen entblößt seine gelben Zähne und er sagt genüsslich: „Oh ja, Kleiner, das ist ein Befehl.“
    Ich umklammere Isas Hand etwas fester und setze meine allseits geliebte überhebliche Maske auf. „Ich rede nicht von deinen Befehlen, Greyback. Aber noch einmal zum Mitschreiben für die weniger Intelligenten unter uns: Ist das ein Befehl, der von… oben kommt? Hat der Dunkle Lord veranlasst, dass Isa wieder mit dir gehen soll?“
    Der große Werwolf starrt mich an und baut sich bedrohlich auf. „Nein, ist es nicht. Aber wer sollte mich daran hindern? Du?“ Er spuckt das Wort verächtlich aus.
    Ich recke das Kinn. „Allerdings.“
    Greyback lacht bellend. „Mach dich nicht lächerlich, Malfoy! Vollmond steht kurz bevor, du kannst mir nicht erzählen, dass du die da dann hier haben willst! Dir gefällt sie doch eh nur solange, wie sie noch ein hübsches Gesicht hat!“
    Zornig lasse ich Isas Hand los und zücke meinen Zauberstab. „Was, wenn es mir egal ist? Wenn ich sie liebe – egal was ist? Nein…“, sage ich leise und lasse Greyback nicht aus den Augen, „davon verstehst du natürlich nichts… Aber für mich ist das ein guter Grund, sich lächerlich zu machen. Solange unser Lord nichts anderes befiehlt und Isa nichts anderes will, bleibt sie bei mir.“
    Auch Greyback zieht nun seinen Zauberstab, doch ich bin viel zu schnell für ihn. „Expelliarmus!“, rufe ich, fange seinen Zauberstab auf und schleudere ihn dann so weit ich kann weg zwischen die Bäume. „Such das Stöckchen, Hund“, knurre ich, „Du wirst sie mir nicht noch mal wegnehmen!“
    Greyback sieht aus, als würde er am liebsten jeden Moment auf mich losgehen – doch ich nehme wieder Isas Hand und lasse den anderen Werwolf kaltblütig stehen. Ich drehe mich nicht um und er regt sich nicht.
    Wieder auf einem der Wege angekommen, wende ich mich zu Isa und öffne den Mund, ohne zu wissen, was ich sagen soll – doch ich muss gar nichts sagen. Isa fällt mir um den Hals und klammert sich an mir fest, und als ich, überrascht von mir selbst, Isa und Greyback, auflache, stimmt sie mit ein.

    Die knapp zwei Ferienwochen die uns noch bleiben, verfliegen viel zu schnell und ohne besondere Vorkommnisse.
    Sogar die Vollmondnacht verläuft ruhig – obwohl es für mich etwas befremdlich ist, dass eine Wölfin sich in meinem Zimmer aufhält und auf dem Teppich zusammenrollt.
    Isa und ich bleiben in der Zeit meistens unter uns und gesellen uns nur ab und zu beim Essen zu meinen Eltern, die meiste Zeit jedoch verbringen wir in meinem Zimmer, in der gut bestückten Bibliothek Malfoy Manors und draußen, wo es tatsächlich immer mehr nach April aussieht.
    An dem Morgen, wo es für uns zurück nach Hogwarts geht, steckt Isa mich mit ihrer Hibbeligkeit an und macht mich ganz nervös.
    „Was hast du denn?“, frage ich amüsiert und packe ein letztes, fast vergessenes Tintenfass in meine Tasche.
    Isa zuckt mit den Schultern. „Ich freue mich einfach so, wieder nach Hogwarts zu kommen. Du etwa nicht?“
    „Doch, schon.“ Ich grinse sie an. „Aber ein bisschen Alleinsein mit dir war auch nicht schlecht.“
    „Nicht schlecht?“ Isa wippt auf den Fußballen vor und zurück. „Du bist auch nicht schlecht.“
    „Vielen Dank für die Bewertung, Madame.“
    Sie streckt mir die Zunge raus und ich lache.
    Das ist meine Isa.

    Wir verabschieden uns von meinen Eltern und reisen per Flohpulver zurück nach Hogwarts.
    „Hat schon was“, sage ich zu Isa, nachdem wir Snape begrüßt haben und nun auf dem Weg zu unserem Schlafsaal sind, „wenn man solche Extrabehandlungen bekommt. Stell dir nur vor, wir müssten sechs Stunden Zugfahrt hinter uns bringen, um hierher zu kommen und dementsprechend früher aufstehen…“
    Isa stimmt mir gut gelaunt zu; Keiner von uns beiden erwähnt auch nur mit einer Silbe, warum wir diese Privilegien genießen dürfen. Tief in mir hätte ich jedoch lieber eine Welt, in der wir Zug fahren müssen, als eine Welt mit Voldemort. Doch das können wir uns nicht aussuchen, also finden wir die schönen Sachen in der Welt, die unserer Realität entspricht.
    In unserem Schlafsaal wirft Isa ihren Rucksack auf ihr Bett, setzt sich darauf und sieht mir dabei zu, wie ich meine Sachen auspacke und ordentlich auf den Schreibtisch stelle oder in den Schrank einräume.
    Nach einer Weile halte ich inne und frage: „Was ist?“
    „Du bist so ordentlich“, sagt Isa und verzieht das Gesicht.
    Ich lege ein sorgsam gefaltetes Hemd in den Schrank, streiche es glatt und wende mich ihr zu. „In zwei Tagen wirst du dir wünschen, du hättest es genauso gemacht.“
    Sie zuckt mit den Schultern. „Ich habe sowieso nicht so viel Kram wie du.“
    Als ich fertig bin, schlage ich vor: „Gehen wir in den Gemeinschaftsraum? Die anderen müssten mittlerweile auch da sein.“
    Tatsächlich sind die anderen Schüler bereits angekommen und wir werden überschwänglich von Blaise begrüßt.
    „Hey, Isa! Ist ja cool, dass du auch hier bist“, sagt mein Freund und grinst freundlich.
    Isa lächelt ihn an. „Ja, das ist es. Wie waren deine Ferien?“
    „Geht so. Hab gelernt und so…“ Er schüttelt den Kopf. „Schon traurig, dass man die freie Zeit der Ferien zum Lernen braucht, oder?“
    Ich räuspere mich. „Auch schön, dich zu sehen, Blaise.“
    Er wendet sich mir zu. „Sorry, man. Aber an deine Anwesenheit habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Dass Isa hier ist, ist halt etwas aufregender, weißt du?“ Auf meinen finsteren Blick setzt er schnell hinzu: „Dich zu sehen ist natürlich auch nicht schlecht.“
    „Nicht schlecht“, wiederholt Isa kichernd und ich verdrehe die Augen.
    „Und was habt ihr in den Ferien gemacht?“, fragt Blaise.
    Isa und ich tauschen einen schnellen Blick.
    „Jedenfalls nicht gelernt“, sagt Isa.
    „Ferien“, sage ich achselzuckend.
    Blaise rollt mit den Augen. „Ich hasse Menschen, die so intelligent sind, dass sie nicht lernen müssen. Ihr werdet mir doch helfen, oder?“
    „Klar“, sagt Isa und sieht mich an. „Helfen kann Draco in letzter Zeit besonders gut.“
    „Übertreib nicht“, sage ich, muss jedoch lachen.
    „Tue ich nicht“, sagt Isa und nimmt meine Hand, „Mir jedenfalls hast du sehr geholfen.“

    30
    Die nächsten Wochen verbringen wir die meiste freie Zeit in der Bibliothek. Wir – Isa, Blaise, Isas Freundin Jill, und ich.
    Gemeinsam lernen wir oder tun wenigstens so, um hinter vorgehaltener Hand plaudern und über die Carrows herziehen zu können.
    Manchmal, wenn wir in dieser Gruppe zusammensitzen, kann ich fast vergessen, was in den Ferien bei mir Zuhause geschehen ist, oder all die anderen Schrecken die ich – und Isa – in den letzten Jahren durchmachen mussten. Fast. Die Erinnerungen rücken in den Hintergrund und verblassen in meinem Hinterkopf… bis ich wieder einen Erstklässler sehe, der auf Befehl der Carrows gefoltert und verletzt wurde; bis ich bemerke, dass Isas Blick in die Ferne rückt und sie seltsam zerstreut und abwesend schreckhaft wird oder wann immer mir die gedrückte Stimmung auffällt, die wie ein rauchiger Nebel durch ganz Hogwarts weht.
    Es ist wie ein hübsch bestickter Vorhang, der ab und zu flattert und dahinter verborgene, hässliche Wahrheiten erkennbar werden.
    Während draußen der Mai herbei schleicht, ist im Schloss nichts von aufkommender Wärme zu spüren.
    Im Gegenteil: Je länger wir hier sind, desto kühler scheint es zu werden und selbst Blaise, der immer ein Grinsen auf Lager hat, und Jill, die sonst mit der Nase in den Wolken steckt und gut gelaunt dem Wind hinterherjagt, sind bedrückt und lächeln nicht halb so viel wie früher.
    „Hast du manchmal auch das Gefühl, das hier ist gar nicht mehr Hogwarts?“, fragt Isa eines Tages Anfang Mai.
    Wir sitzen am Schreibtisch in unserem Schlafsaal und ich helfe Isa bei den komplizierten Verwandlungshausaufgaben.
    „Ich weiß genau, was du meinst“, sage ich, streiche ein Wort in ihrem Aufsatz durch und ersetze es durch ein neues.
    Plötzlich flackert ein brennendes Ziehen in meinem linken Unterarm auf und ich zucke zusammen.
    „Was war das?“, fragt Isa und starrt ihren Arm an. Sie hat es also auch gespürt, das kann nur eins heißen… „Das Dunkle Mal“, stellt sie leicht verwirrt fest, „Aber es war kein Ruf, oder?“
    Ich schüttele den Kopf. „Das ist anders. Jetzt…“ Nachdenklich reibe ich mir den Arm. „Es kam mir eher so vor, wie wenn ein anderer Todesser das Mal berührt, um – um ihn zu rufen.“
    Isa springt auf. „Aber…“ Mit großen Augen sieht sie mich an. „Das würde heißen… Wir haben doch den Befehl, ihn nur zu rufen, wenn… wenn wir Potter haben. Und wenn wir es so deutlich gespürt haben…“ Sie ist leichenblass und in ihren Augen liegt ein Schock, den ich noch nicht ganz begreife.
    „Dann…?“ Schließlich verstehe auch ich. „Es… Es hat sich angefühlt, als sei es hier ganz in der Nähe, oder?“
    Isa nickt langsam.
    „Aber das ist unmöglich. Er kann nicht hier sein. Das wäre Selbstmord.. Es sei denn…“ Ich sehe Isa an und in ihrem Gesicht dämmert der selbe Gedanke wie bei mir.
    „Es sei denn, Potter hat eine Möglichkeit gefunden, den Dunklen Lord zu besiegen – und will, dass er hier nach ihm sucht. Merlin. Hogwarts würde in einer Schlacht versinken.“
    „Das sind doch nur Spekulationen“, versuche ich sie zu beruhigen, „Wir wissen doch gar nicht…“
    Die Tür geht auf und Blaise, leicht außer Atem, steckt den Kopf zur Tür herein. „Alle Schüler sollen sich in der Großen Halle versammeln“, verkündet er, und ist schon wieder weg.
    Isa sieht mich ernst an. „Auf geht‘s“, sagt sie leise.

    Die Große Halle ist brechend voll und trotzdem still wie ein Grab.
    Mit gesenkten Köpfen reihen Isa und ich uns in die schweigenden Schüler ein und warten eine Weile
    Snape steht am Kopf der großen Halle und beginnt nach Eintreffen aller Schüler zu sprechen. Seine ruhige, kalte Stimme dringt durch den Raum. „Harry Potter ist gesichtet worden“, beginnt er und raschelndes Flüstern breitet sich aus. „Ruhe“, gebietet Snape und schreitet mit strenger Miene zwischen den Schülern hindurch. „Hier in Hogwarts. Sollte jemand, ob Lehrer oder Schüler, ihn gesehen haben, teile er die sofort mit.“ Stille. „Sobald ich herausfinde, wer den Unerwünschten Nummer eins verbergen wollte – und das werde ich -, dann werde ich denjenigen hart bestrafen müssen.“
    „Wie können Sie es wagen!“
    Köpfe schnellen herum und in den hinteren Reihen bricht Unruhe aus.
    Ein junger Mann mit schwarzen Haaren und ernstem Gesicht tritt zwischen den Raihen hervor und sieh Snape voll Zorn an. Harry Potter. Er ist tatsächlich hier.
    Isa schnappt nach Luft und vereinzelt werden teils erschrockene, teils begeisterte Rufe laut. Ich hingegen kann nur auf meinen alten Feind starren. Was tut er hier? Der Schlauste war er wirklich noch nie…
    „Wie können Sie es wagen!“, wiederholt Potter anklagend und deutet auf Snape, „Wie können Sie es wagen, dort zu stehen wo er stand! Erzählen Sie, was passiert ist, in dieser Nacht – erzählen Sie, wie Sie Albus Dumbledore getötet haben!“
    Ich bin wie erstarrt. Potter weiß es?
    Snape zückt seinen Zauberstab, doch bevor er ihn überhaupt gegen Potter erheben kann, rauscht Professor McGonagall dazwischen und feuert einen Zauber auf ihn ab, den der Schulleiter mühelos abwehrt.
    Während alle anderen vor den mächtigen Erwachsenen zurückweichen, handele ich, packe Isa am Arm und ziehe sie in Richtung Eingangshalle.
    „Was soll das“, flüstert sie und blickt über die Schulter. „Ich will wissen, wie es ausgeht!“
    So unauffällig wie möglich schlängeln wir uns durch die Schüler und schlüpfen ungeachtet aus der Großen Halle.
    „Sollte McGonagall diesen Kampf für sich entscheiden, sind sicher alle Slytherins dran. Lass uns – Lass uns nach draußen gehen.“
    Isa bleibt ruckartig stehen. „Du willst abhauen?“
    Resigniert seufze ich und halte ebenfalls an. Mit leiser, eindringlicher Stimme rede ich auf sie ein. „Nein, selbstverständlich will ich nicht abhauen. Aber wir beide sind keine gewöhnlichen Schüler, niemand steht so sehr zwischen den Fronten wie wir! Aufgrund unseres Alters werden wir kaum als Todesser akzeptiert, aber wir sind Slytherins und definitiv keine normalen Schüler – wenn also Snape da drinnen gewinnen sollte: Gut. Wenn nicht, dann haben wir ein Problem, wenn wir nicht schnell hier raus kommen!“
    Isa starrt mich ein paar Herzschläge unverwandt an. Schließlich nickt sie, und erleichtert ziehe ich sie durch die Eingangshalle und das große Schlossportal nach draußen.
    Die Nacht empfängt uns mit kühler Luft und funkelnden Sternen über unseren Köpfen.
    Einen Augenblick verharren wir vor dem schönen Anblick, dann sage ich leise: „Hier entlang.“ Hand in Hand gehen wir nach links, während wir uns dich an den Mauern des Schlosses halten, und lassen uns irgendwann auf einem großen, nur schemenhaft zu erkennendem Stein nieder.
    „Wie gut, dass du nachgedacht hast“, sagt Isa in die Stille.
    Leichter Wind kommt auf, ich lege meinen Arm um sie und ziehe sie ganz dicht an mich. „Einer von uns muss das ja tut.“
    Sie lacht leise und unglücklich. „Was denkst du, was passieren wird?“ Isa atmet tief durch und legt ihren Kopf auf meine Schulter.
    Ich blicke starr nach vorn in den Abgrund aus nächtlicher Schwärze. Es kommt mir so still vor hier draußen – wie die Ruhe vor dem Sturm. „Potter ist hier und Du-weißt-schon-wer wird es auch bald sein. Wenn er, wovon wir ausgehen können, weiß, dass er hier ist. Und dann…“ Meine Stimme verweht und ich muss mich räuspern. „Ich würde sagen, die Todesser werden das Schloss angreifen.“ Bei dieser Vorstellung läuft es mir kalt den Rücken herunter.
    Isa kuschelt sich noch dichter an mich. „Draco?“
    „Ja?“
    „Ich habe Angst davor.“
    „Ich auch.“
    Ein paar weitere Minuten der Stille folgen. Ich bin auf der Suche nach irgendwelchen Worten, die das Schweigen durchbrechen können, doch bevor mir etwas einfällt, dringt plötzlich eine eiskalte Stimme durch die Nacht, die von keinem bestimmten Ort, doch von überall zu kommen scheint: „Ich weiß, dass ihr euch bereit macht zum Kampf. Es ist zwecklos, ihr könnte mich nicht aufhalten. Ich will euch nicht töten. Ich hege Achtung vor den Lehrern der Hogwarts-Schule und vor reinem Blut…“
    Isa klammert sich an meinem Arm fest und ich gebe mein Bestes, ihr Halt zu geben.
    „Gebt mir Harry Potter, und niemandem wird etwas geschehen, die Schule wird unversehrt bleiben. Gebt mir Harry Potter, und ihr werdet belohnt. Ihr habt Zeit bis Mitternacht.“
    „Das war‘s dann wohl“, sagt Isa leise.
    Erschrocken sehe ich sie an – oder versuche zumindest, sie in der Dunkelheit ausfindig zu machen. „Was meinst du?“
    „Er wird gewinnen, oder?“
    Darauf habe ich keine Antwort. Ich weiß nur eins: „Ich werde ihm nicht dabei helfen. Potter zu besiegen, meine ich.“
    „Nein.“ Ich spüre, wie Isa leicht den Kopf schüttelt. „Ich auch nicht? Hast du eine Ahnung, wie lange es noch bis Mitternacht ist?“
    „Etwas mehr als eine Stunde, glaube ich.“ Ich versinke in nachdenklichem Schweigen. Die Nacht mit all den Ereignissen, die uns noch bevorstehen, dehnt sich in meiner Vorstellung wie ein schwarzer Abgrund vor uns aus, jederzeit bereit, alles und jeden zu verschlingen. „Meinst du“, frage ich, „Die sind schon alle da draußen? Die Todesser, meine ich.“
    Isa steht auf und ich tue es ihr gleich. „Ja. Sie sind schon da und warten.“
    Ich versuche, die Dunkelheit mit meinen Augen zu durchdringen – doch es ist hoffnungslos.
    „Du denkst an deine Eltern, oder?“
    Langsam nicke ich. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Sie sind da… irgendwo… und ich bin hier und… keine Ahnung.“
    „Lass uns zu ihnen gehen.“
    „Was?“
    Isa entzündet ihren Zauberstab und hüllt uns in warmes Licht. „Wir müssen ihnen nicht helfen… ihm…“, sagt sie so leise, dass ich sie kaum höre, „Aber wir können zu ihnen gehen. Vielleicht wird das sowieso von uns erwartet.“
    „Meinst du das ernst?“, frage ich verwirrt.
    Isa winkt ungeduldig mit der Hand und setzt sich in Bewegung, in die düstere Richtung des Durchgangs in der Mauer um Hogwarts herum. „Kommst du, oder soll ich alleine gehen?“
    Eilig folge ich ihr. „Kommen wir überhaupt hier raus? Hogwarts‘ Sicherheitsstandards sind so hoch-“
    „Niemand kommt herein, aber das heißt nicht, dass man nicht heraus kann – zumindest noch, also beeil dich!“
    Das Gelände von Hogwarts kam mir noch nie so gruselig vor, höchstens in der ersten Klasse, als ich im Verbotenen Wald war. Auch jetzt scheinen überall Schatten zu sein, in denen finstere Gestalten lauern könnten, jederzeit bereit, sich auf uns zu stürzen…
    Ich schüttele den Kopf und hefte meinen Blick fest auf Isa, die mir immer einen schnellen Schritt voraus ist und ganz genau zu wissen scheint, in welche Richtung es geht.
    „Gleich sind wir beim Tor.“ Aus irgendeinem Grund flüstert sie und ich frage mich, ob sie einfach genau so viel Angst hat wie ich.
    „Woher weißt du das eigentlich so genau?“, halte ich das Gespräch am laufen. Ich brauche ihre Stimme bei mir.
    „Es hat so seine Vorteile, ein Werwolf zu sein.“ Allein an ihrer Stimme höre ich Isas verschmitztes Lächeln. „Mein Orientierungssinn ist größer als Blaise‘ Ego.“
    Ich lache leise und verschnellere meinen Schritt. Seite an Seite marschieren wir durch die Dunkelheit, bis Isa auf einmal stehen bleibt.
    „Da ist es.“
    Tatsächlich tut sich vor uns die hohe Mauer, die rund um Hogwarts verläuft auf, und auch das gewaltige Tor. „Bist du sicher, dass wir hier raus kommen?“
    „Nein.“ Isa tritt verhalten auf das Tor zu. Die überragenden Eisenstäbe sehen ziemlich verschlossen aus und ich kann ihr Zögern verstehen. „Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden“, stellt Isa schließlich fest. Zaghaft legt sie ihre Hand gegen das Tor und drückt.
    Einen Herzschlag lang passiert gar nichts, und ich überlege, was wir nun stattdessen tun sollen – da öffnet sich das Tor lautlos einen Spaltbreit.
    „Schnell“, wispert Isa und ich schlüpfe nach ihr nach draußen.
    Hinter uns gleitet das Tor wieder zu und bleibt vollkommen unberührt zurück.
    „Es wurde auch Zeit.“
    Schützend stelle ich mich vor Isa, als eine blasse Gestalt aus den Bäumen tritt, doch sie drängelt sich einfach an mir vorbei. „Jazymyn?“
    Jetzt erkenne ich die blonde Frau mit dem glatten Gesicht auch: Sie war unter den Greifern, Isa scheint sie jedoch besser zu kennen.
    „Folgt mir“, befiehlt die Todesserin, dreht sich um und marschiert zielstrebig in den Wald.
    „Siehst du“, flüstert Isa und verschränkt ihre Hand mit meiner, „Ich hatte recht. Es wurde wirklich von uns erwartet, dass wir uns zu ihnen gesellen.“
    Ich nicke nur, obwohl Isa das in der Dunkelheit gar nicht sehen kann, und lasse sie nicht für eine Sekunde los.

    31
    Die Todesser brauchen nicht lange, um die vielen Schutzzauber zu durchbrechen; die ursprünglichen sowie die neuen, die erst vor kurzer Zeit für dieses besondere Event erstellt wurden. Nicht, dass die Zauber nicht stark gewesen wären – es liegt schier an der unübersichtlichen Menge, den unfassbar vielen Gesichtern, verborgen hinter Masken und Kapuzen, und den hunderten, vielleicht sogar tausenden von Zauberstäben, die sich gen Hogwarts richten.
    Zuhause, im Malfoy Manor, habe ich nie wirklich einen Blick dafür bekommen, wie viele Todesser es eigentlich gibt… Zu viele. Ich wische den gefährlichen Gedanken weg und konzentriere mich auf das Wesentliche.
    Beleuchtet vom Licht vieler entzündeter Zauberstäbe stehen Isa und ich dicht aneinandergedrängt bei meiner Mutter. Wenigstens sie scheint gefasst. Abgesehen davon, dass ihre großen dunklen Augen auffällig oft hin und her huschen, sieht sie sehr ruhig aus. Isa sieht mit starrem Blick und verschlossenem Gesicht zum Himmel, ihre Hand fühlt sich kalt an.
    Ich selbst hingegen… Meine Knie fühlen sich an, als knickten sie jeden Moment ein und am liebsten hätte ich mich an Isa gekuschelt und verlangt, dass sie mich festhält, bis das alles vorbei ist.
    Um uns herum herrscht ein emsiges Summen an Stimmen, so viele und so unterschiedlich, dass das eine Wort in das nächste übergeht und sich in ein unverständliches Wirrwarr verwandelt. Die Luft kommt mir vor wie ein Zaubertrank, dem zu viele giftige Zutaten beigemischt wurde.
    „Draco.“ Auf einmal steht Vater bei uns und seine starke Hand umklammert meine Arm. Es macht mich krank, ihn so zu sehen… Die zitternden Finger und das Zucken bei jedem kleinen Geräusch, er scheint mit den Nerven völlig am Ende zu sein. Seine grauen Augen springen hin und her. „Gleich gehen alle los“, sagt er leise und sein unsteter Blick bleibt kurz bei mir hängen. „Draco“, wiederholt er, „der Dunkle Lord hat eine Aufgabe für dich, für dich und die Jungen von Crabbe und Goyle.“
    Erstaunt sehe ich ihn an. Was für eine Aufgabe? Und mit Crabbe und Goyle hatte ich schon seit Ewigkeiten nichts zu tun. Ich will gerade nachhaken, da schiebt sich ein breiter Schatten über uns.
    „Mitkommen“, sagt die entsetzlich schnarrende und gehässige Stimme Fenrir Greybacks. Seine Hand schießt vor und reißt Isa von meiner Seite und er sieht mich schadenfroh an. „Jaah, Malfoy. Das ist ein Befehl von oben.“
    Ich will protestieren – das kann er nicht machen, er kann Isa und mich jetzt nicht trennen, das darf er nicht…
    Auch Isa wehrt sich. Sie schlägt dem größeren Werwolf fest auf den Arm, doch er lacht nur und schleift sie hinter sich her.
    Abschied. Darf ich mich noch nicht einmal verabschieden? Erschrocken und verwirrt starre ich auf das Menschengewimmel, in dem Isa verschwunden ist, und plötzlich kriecht Panik meine Wirbelsäule hoch. Was, wenn ich sie nun nie mehr sehe?
    Plötzlich fliegt Isa auf mich zu – Ja, so kommt es mir vor. Sie duckt sich durch die Menschen und drängelt sich zu mir, sichtlich außer Atem und fliegt in meine Arme.
    Ihre Lippen treffen auf meine, ich lege meine Hände an ihre Taille und ziehe sie dicht zu mir, wobei ich mir der vielen Menschen und der nahenden Gefahr nur zu gut bewusst bin… Vielleicht halte ich sie genau deswegen so fest.
    „Pass auf dich auf“, flüstert Isa und ich spüre ihren Atem auf meiner Haut.
    „Komm zu mir zurück“, erwidere ich, „Ich werde auf dich warten.“
    Für mehr bleibt keine Zeit: Greyback ist wieder da. Wütend und diesmal endgültig packt er Isa im Nacken und schleppt sie davon.
    Wie betäubt wende ich mich wieder meinen Eltern zu. Ich hatte nicht vor, mich in dieser Nacht von Isa zu trennen… Ein und die selbe Frage hämmert durch meinen Kopf: Was, wenn ich sie nie wieder sehe? Was, wenn sie… stirbt? Oder ich? Was, wenn ich sie nie lebend wiedersehe, sie nie wieder küssen und im Arm halten werde?
    „Draco? Hörst du mir zu?“
    Ich blinzele und erkenne meinen Vater, der mich mit abgehetztem Ausdruck ansieht. Hat er mit mir gesprochen? „Entschuldige“, sage ich dumpf, „Was hast du gesagt?“
    Mutter legt ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Der Dunkle Lord hat eine Aufgabe für dich. Unser Herr hat eine Vermutung, wo Potter hingehen wird…“
    Mit großen Augen sehe ich sie an und will weiter fragen, doch Mutter hebt die Hand und ich lasse sie ausreden.
    „Seiner Ansicht nach wird Potter versuchen, in den Raum der Wünsche zu gelangen. Dort, wo alles versteckt ist. Da dir dieser Ort so vertraut ist, sollst du mithilfe von Crabbe und Goyle dort warten, bis Potter kommt, und ihn gefangen nehmen. Die beiden werden vor dem Raum auf dich warten. Euch erwartet eine große Belohnung, solltet ihr dem Dunklen Lord behilflich sein können.“
    Ich blicke sie an und sehe sie doch nicht. „In Ordnung“, sage ich tonlos. Wenn das keine spaßige Nacht wird.

    ~(Isa)

    „Ich kann alleine laufen“, fauche ich und versuche vergeblich, mich aus Greybacks schmerzhaftem Griff zu befreien.
    Er packt noch fester zu und ich spüre, wie sich seine langen Fingernägel in meinen Nacken bohren. „Damit du wieder zu deinem kleinen Malfoy laufen kannst? Sicher nicht.“ Grob schiebt er sich durch die dichte Menschenmenge, die sich langsam ebenfalls in Bewegung setzt, und schleift mich wie ein ungehorsames Kind hinter sich her.
    „Ich musste mich verabschieden“, verteidige ich mich und Draco.
    „Jaja“, knurrt Greyback, „das könnt ihr auch später noch. Oder…“ Ein diabolisches Lachen dringt aus seiner Kehle. „Vielleicht auch nicht. Ich an deiner Stelle wäre mir nicht sicher, ob der das hier heil übersteht… Die Malfoys waren noch nie die größten und tapfersten Kämpfer, wenn du mich fragst.“
    Mein Hals schnürt sich zu und plötzlich brennen meine Augen. Er hat recht. Wenn Draco etwas geschieht, dann… Ich presse die Kiefer zusammen und blinzele heftig. Ich werde nicht zulassen, dass Greyback mitbekommt, was für eine unkontrollierbare Angst in mir aufwallt.
    Das ist der Preis der Liebe.
    Plötzlich brechen wir aus der Masse aus und ich bin auf einmal nicht mehr von unzähligen vermummten Gestalten umringt, sondern von kühler Nachtluft. Die breite Menge an Todessern zieht geschlossen an uns vorbei.
    Greyback bleibt so ruckartig stehen und lässt mich los, dass ich unsanft auf den Knien lande. Sein zorniges Lachen lässt mich die Fäuste ballen und langsam stehe ich auf.
    „Was machen wir hier?“, frage ich durch zusammengebissene Zähne und wische meine erdigen Hände an der Hose ab.
    Er verschränkt die muskelbepackten Arme und blickt finster zu den Todessern, die mit ihren hell entzündeten Zauberstäben in der Dunkelheit wie eine Armee Leuchtfische aussehen. „Die Schutzzauber sind weg“, erklärt Grayback lapidar, „Und die da marschieren jetzt alle vorne rein.“ Mit seiner Pranke deutet er auf den Strom. „Aber wir beide… werden erst ein wenig Verwirrung stiften gehen. Und damit im besten Fall einen kleinen Vorteil für unsere Seite raus hauen.“ Mit diesen Worten setzt er sich wieder in Bewegung – jedoch nicht ich Richtung des Lichts, sondern tiefer in die Dunkelheit.
    Ich stolpere ihm hinter her. Als ich mit Draco unterwegs war, habe ich mich etwas überlegen gefühlt… weil meine Sicht im Dunkeln besser ist und ich ein weiter entwickeltes Gespür für Richtungen und Orte habe. Neben Greyback jedoch komme ich mir wieder schwach und unfähig vor. „Und wie genau machen wir das?“, frage ich und versuche, nicht über irgendwelches vom Schatten verschlucktes Gestrüpp zu stolpern.
    „Die werden draußen überall Wachen haben. Die rechen nicht mit zwei einzelnen Personen, die einfach über die Mauer steigen, aber genau das werden wir tun. Auf ein Zeichen hin werden wir eine der Wachen angreifen, sodass die Aufmerksamkeit kurz in unsere Richtung geht – in dem Moment wird unsere Seite den Hauptdurchgang stürmen.“
    „Klingt, als sollten wir drauf gehen“, stelle ich fest.
    Greyback lacht. „So skrupellos sind diese Weicheier von Potter-Freunden doch nicht. Wenn doch… Ich werde dich als Schutzschild benutzen.“
    Seine Schadenfreude klingelt in meinen Ohren und mir wird schlecht. Ich bezweifele keine Sekunde, dass er das wirklich tun würde.

    32
    Hogwarts‘ Schlossmauer schält sich aus der Dunkelheit und als es mir mühelos gelingt, eine Strickleiter heraufzubeschwören, die uns den Weg hinüber ermöglicht, wird mir bewusst, wie verwundet die Schule bereits ist.
    Auf der anderen Seite angekommen legt Greyback an Tempo zu und meine Füße trommeln im selben Rhythmus wie mein Herz über den Waldboden. Es gelingt mir, meine Angst auszublenden, sobald Hogwarts in der Nacht auftaucht. Tatsächlich ist es ein Leichtes für uns, bis in den ersten Hof zu gelangen. Keine Menschenseele ist zu sehen, doch ich bin sicher, dass überall Hexen und Zauberer des Phönixorden lauern, bereit zur Verteidigung.
    Wir bleiben am Rande in den Schatten, die besser wirken als jeder Tarnumhang. Links liegt die Eingangspforte, die ins Schloss hineinführt, rechts versteckt sich irgendwo in der Dunkelheit die Brücke, über die der Rest der Todesser kommen wird.
    Greyback starrt gebannt in die Luft, als sähe er dort etwas, das meine Augen nicht erfassen können. Doch nur wenige Minuten später wirbelt ein dunkelgrüner Funkenschauer über den Himmel, so dunkel und nur für einen Augenblick, dass ich ihn nicht gesehen hätte, hätte ich nicht so konzentriert in diese Richtung geschaut.
    „Jetzt“, knurrt Greyback und feuert einen Fluch wahllos in die Mitte des Hofes. Der Boden glüht auf und Rufe werden laut. Hastig zücke ich auch meinen Zauberstab, gerade rechtzeitig, um einen Lichtblitz abblocken zu können, der geradewegs auf mich zu fliegt.
    Zwei fremde Personen stürzen in unsere Richtung und rufen nach weiteren Leuten – da bricht hinter ihnen ein Tumult los. Unzählige Todesser fließen auf den Hof und auf das Schlossportal zu – der Strom reißt nicht ab. Binnen weniger Sekunden ist der ganze Platz voller Leute, Todesser und andere, Rufe und Schreie schlagen auf meinen Kopf und die Lichtblitze blenden mich.
    Eine Schülerin in meinem Alter rennt an mir vorbei, sie trägt einen Gryffindorumhang und kommt mir vage bekannt vor.
    Greyback neben mir stößt ein gieriges Grollen aus und stürzt sich mit glühenden Augen auf das Mädchen.
    Schneller als ich denken kann, richte ich meinen Zauberstab auf die Szene und mein Schutzschild schiebt sich zwischen die beiden ungleichen Menschen. Greyback schleudert es mit einem Ruck rückwärts und das Mädchen stößt einen schrillen Schrei aus und rennt davon. Schockiert blicke ich auf meine Hand, die den Zauberstab hält. Ich würde es jederzeit wieder machen – aber jetzt weiß Greyback, dass ich nicht auf der Seite der Todesser stehe.
    Mir bleibt keine Zeit mehr, darüber zu philosophieren, denn im nächsten Moment prallt ein wutentbrannter Greyback gegen mich; Seine Hand schießt vor, er drängt mich gegen die Wand der Außenfassade von Hogwarts, ich spüre die harten Steine in meinem Rücken und seine Hand schließt sich um meine Kehle und lässt nicht los, sondern wird enger und enger…
    Bunte Lichtblitze flimmern durch die Luft und Greybacks gelbe Augen scheinen ihre ganz eigenen Blitze gegen mich zu schießen. Mein Kopf beginnt zu pochen und dunkle Tücher scheinen vor meinen Augen zu tanzen, während meine Beine unter mir wegsacken. Doch die Pranke um meinen Hals drückt mich so fest gegen die Wand, dass ich keinen Fingerbreit nach unten sinke. Ich öffne den Mund, doch weder bekomme ich Luft, noch kann ich einen Mucks von mir geben. Stattdessen flutet Angst meinen Körper und die Angst wird zu Panik… doch ich habe nicht die Kraft, auch nur einen Muskel zu rühren.
    Er wird mich töten. Diesmal wird er es zu Ende bringen. Ich weiß es.
    Eine schwarze, dickflüssige Flüssigkeit füllt mich von innen und drückt von außen auf meine Augäpfel, bis ich nur noch schwarze Sterne sehe…
    Verzweifelt taste ich mit der Hand durch die schwarze Masse der Atemlosigkeit nach oben. Vergeblich und viel zu schwach finde ich Greybacks Hand, die immer noch meinen Hals umklammert und rutsche wieder ab, bis meine Finger an irgendetwas hängenbleiben.
    Der kühle Stein an der Kette fühlt sich vertraut an und ich klammere mich daran wie ein Ertrinkender.
    Draco.
    Mit einem letzten Aufbegehren reiße ich an der Kette und stoße die nadelgleiche Spitze in Richtung der breiten Gestalt von Greyback.
    Flammen füllen meine Lungen, als ich plötzlich wieder atmen kann – er hat losgelassen. Hustend und würgend stolpere ich zur Seite und lande schmerzhaft auf dem Boden. Mit aufgeschlagenen Knien schleppe ich mich halb krabbelnd über den Boden, alles dreht sich und ich würde am liebsten erbrechen. Ohne zurückzublicken stolpere ich davon, immer weiter und auch noch auf Händen und Knien, bis ich von neuem in Dunkelheit versinke.

    Es ist still. Es ist viel zu still. Warum? Und warum tut mir alles weh? Wo bin ich überhaupt? Wieso bin ich noch am Leben?
    Langsam öffne ich die Augen. Es ist immer noch duster, aber rote Farbe klettert im Osten den Himmel empor und es ist… leise. Vollkommen. Nur langsam nimmt meine Umgebung Gestalt an. Ich liege zwischen den Steintrümmern eines Hofes von Hogwarts, ganz offensichtlich kämpft niemand mehr. Wie ein Dorn bohrt sich die Erinnerung von Greybacks Versuch, mich zu töten in mein Bewusstsein und ich fasse mir vorsichtig an den Hals. Er tut von außen wie innen schrecklich weh und ich habe riesigen Durst. Ich bin… weg von Greyback… nachdem ich mich mit Dracos Kette verteidigt hatte… und dann… war alles schwarz.
    Habe ich tatsächlich die ganze Schlacht ohnmächtig hier herumgelegen? Das kann wirklich nur mir passieren. Ich lache bitter – und stöhne im nächsten Moment vor Schmerz auf. Langsam setze ich mich auf.
    Was wohl passiert ist, während ich bewusstlos war?
    „Iris-Isabelle!“ Die Stimme klingt fast hysterisch. „Da bist du!“ Narzissa Malfoy beugt sich zu mir herunter. Ihr Blick bleibt an meinem Hals hängen und ihre Augen werden rund. „Was-“
    „Schon okay“, winke ich ab, obwohl sich meine Stimme eher wie das Krächzen eines Raben anhört, und will aufstehen. Als ich gleich wieder strauchele, hilft mir Dracos Mutter auf.
    Ihre schmale Hand liegt auf meinem Rücken. „Hast du ihn gesehen?“
    Ich muss nicht fragen, wen sie meint. „Nein.“ Ich blicke mich um; Über all liegen Trümmer und nur vereinzelt sind Menschen zu sehen, die scheinbar nach Verletzten suchen. „Ich habe… gar nichts gesehen. Was ist passiert… Wo sind alle?“
    Auch Narzissas Blick wandert ruhelos umher. „Der Dunkle Lord hat uns zurückgerufen. Er gibt Harry Potter eine Stunde, er soll zu ihm kommen, ansonsten greift er wieder an. Zu viele sind gestorben.“
    Die Worte brauchen einen Moment, bis sie in meinem Kopf ankommen. „Du weißt also auch nicht, wo Draco steckt? Aber es wurde aufgehört zu kämpfen?“
    Die blonde Frau nickt.
    Gedankenverloren reibe ich mir den Hals und zucke zusammen. Er muss voller blauer Flecken sein. „Wo sind die Todesser jetzt?“, frage ich bewusst leise.
    „Im Verbotenen Wald.“
    „Vielleicht ist Draco mittlerweile auch dort.“ Ich zögere, aber so muss es einfach sein. Ihm ist nichts geschehen. Ich verbiete es ihm. „Vielleicht glaubt er, dass wir auch da sind.“
    Wieder nickt Narzissa, aber ich ahne, dass ihr Ähnliches durch den Kopf geht wie mir: Das ist ziemlich viel Vielleicht. Doch statt sich dem Zweifel hinzugeben, fragt sie bloß: „Kannst du gehen?“
    Ich nicke, aber dann überlege ich es mir anders. „Geh ohne mich. Ich muss auch noch jemanden finden.“
    „Bist du sicher?“
    Ich nicke, und Narzissa lässt mich allein.
    Bevor ich selbst losgehe, hebe ich die Kette mit dem grünen Stein vom Boden und stecke die gerissene Kette in meine Hosentasche. Erst langsam, als meine Beine sicherer werden immer schneller, mache ich mich auf den Weg. Auch die Innenräume von Hogwarts sehen schrecklich verwüstet aus. Wie ein Schlachtfeld… Was es vermutlich auch ist.

    33
    Verhaltene Stimmen wabern aus der Großen Halle und zielstrebig gehe ich darauf zu, wobei ich niemanden ansehe. Ich suche nur zwei ganz bestimmte Personen, der Rest darf mir gestohlen bleiben.
    An der Schwelle zur Großen Halle bleibe ich stehen. Mein Herz setzt aus.
    Dort liegen Leichen. Nebeneinander und ordentlich aufgereiht liegen die Opfer der Schlacht auf dem Boden, umringt von den Lebenden. Ich überwinde mich und betrete den großen Raum, der erschreckend bedrückend wirkt. Ich gehe schneller und schneller und kann mich nicht entscheiden, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, dass ich noch keine der beiden Menschen entdeckt habe.
    Ganz hinten in der Großen Halle finde ich schließlich wenigstens einen – oder eine.
    Der dunkle Wasserfall aus Haaren fällt ihr zerzauster über den Rücken als üblich, aber wenigstens ist Jill keine von denen, die tot am Boden liegen. Stattdessen kniet sie bei den Verwundeten und scheint ein junges Mädchen mit einem blutigen Arm gerade zu versorgen.
    Als ich meine Freundin entdecke, stoße ich einen leisen Schrei aus und fange fast an zu rennen. Jill bemerkt mich, steht rasch auf und wir fallen uns um den Hals – ich vergrabe das Gesicht in ihrem Haar und atme tief durch. Als wir uns lösen sieht Jill mich mit funkelnden Augen an. „Du lebst! Aber – was ist mit deinem Hals passiert?“
    Ich kann nicht anders, als sie anzulächeln. „Ich lebe. Du lebst. Das andere ist doch egal.“
    Jill erwidert mein Lächeln, wenn auch müde, und drückt meine Hand.
    Ich blicke über die Schulter, kann aber noch immer keinen Toten entdecken, der ansatzweise so blond ist wie mein Freund. Also frage ich Jill: „Hast du Draco gesehen?“
    Sie zieht die Augenbrauen zusammen. „Nein, tut mir Leid, Isa. Aber…“ Sie macht eine ausladende Handbewegung zu den Verletzten und dann zu den Leichen. „Er ist nicht hier“, sagt sie leise. „Ihm geht es gut.“
    Angestrengt versuche ich aus ihren dunklen Augen zu lesen, ob sie mich bloß beruhigen will, oder ob sie das tatsächlich so meint. „Was soll ich jetzt tun?“, frage ich schließlich.
    Jill streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. An ihren Fingerspitzen klebt getrocknetes Blut. „Du kannst weiter nach ihm suchen. Oder du bleibst hier und hilfst mir mit den Verletzten.“
    Ich muss ihn finden, will ich schreien, aber dann fällt mein Blick auf das Mädchen mit dem verletzten Arm. Sie ist bestimmt nicht älter als vierzehn und wenn sich nicht bald jemand um die Wunde kümmert, wird dort eine Narbe bleiben. „Ich helfe dir.“

    Mittlerweile klebt auch an meinen Fingern Blut von den schier unzähligen Verletzten, aber dank Jill, ein paar anderen und mir werden es immer weniger.
    Auf einmal kommt Bewegung in die Menschen in der Großen Halle. Die, die dichter am Durchgang zur Eingangshalle stehen, springen auf eilen nach draußen und immer mehr folgen.
    „Was ist los?“, frage ich stirnrunzelnd.
    Jill stellt sich neben mich und beobachtet das Geschehen mit schmalen Augen. „Keine Ahnung. Die Stunde… ist gerade erst vorbei. Aber… ich höre keinen Kampf, du etwa?“
    Ich schüttele den Kopf.
    Der Ausdruck großen Schreckens tritt auf Jills Gesicht. „Harry Potter ist tot“, flüstert sie.
    Erschrocken sehe ich sie an. „Wie bitte?“
    „Das ist die einzige Erklärung. Ich wette, draußen marschieren gerade wieder die Todesser auf – und wenn sie nicht angreifen und kämpfen, kann das nur bedeuten, dass es dazu keinen Grund mehr gibt. Komm!“ Sie greift nach meiner Hand und gemeinsam laufen wir den anderen hinterher nach draußen. Vor dem Schlossportal haben sich bereits eine Menge Leute versammelt, und auf der anderen Seite des Hofes warten die Todesser. Mein Blick schweift über die vielen Personen und bleibt an Rubeus Hagrid, dem Wildhüter, hängen. Der riesige Mann trägt etwas, jemanden…
    „Oh nein!“ Jill schlägt die Hand vor den Mund und jegliche Farbe weicht aus ihrem Gesicht.
    Er ist tot.
    „Harry Potter ist tot!“
    Schreie werden laut, doch Voldemort lässt sie augenblicklich verstummen.
    „Harry Potter ist tot“, wiederholt er und die Todesser brechen in Gelächter aus. „Es ist zu Ende. Der Zeitpunkt, sich mir anzuschließen, ist gekommen. Schließt euch mir an, und euch wird kein Leid mehr geschehen.“
    Die Stille ist ohrenbetäubend. Bis sie von der dünnen, brüchigen Stimme eines Mannes zerrissen wird: „Draco.“
    Augenblicklich ist es vorbei mit meiner inneren Betäubung. Draco? Wer hat das gesagt?
    „Draco, komm zu uns.“ Es ist Lucius Malfoy. Er steht in der vordersten Reihe bei den Todessern, den Arm halb erhoben.
    Nun ist auch Narzissas leise Stimme zu vernehmen. „Komm, Draco.“
    Er lebt? Draco ist hier irgendwo?
    Eine Gestalt löst sich aus der Menschenmenge auf der Seite, auf der auch ich stehe. Dracos platinblondes Haar leuchtet regelrecht zwischen all dem Staub und Verderben, als er langsam auf seine Eltern zugeht.
    Einen Moment kann ich ihn nur anstarren. Geht er, weil er will, oder weil er nicht will, dass seinen Eltern seinetwegen etwas passiert, wenn er sich weigert? Ich kenne die Antwort. Ich will nicht zulassen, dass er das tut, ich kann es nicht zulassen.
    Ich muss eine Entscheidung treffen.

    34
    Ich glaube, diese Entscheidung habe ich bereits vor Monaten getroffen, und nach dem ersten Mal immer und immer wieder auf andere Art und Weise.
    Und wenn wir dabei draufgehen: Weder Ich noch Draco werden sich noch einmal unfreiwillig dem dunklen Lord anschließen.
    Ich lasse Jills Hand los und stoße auf meinem Weg durch die Menge Menschen zur Seite, doch es ist mir egal. Ich stürze fast, so eilig habe ich es. Ich renne die Vortreppe hinunter und über die kurze freie Fläche, die Draco bereits überquert hat. Heftiger als geplant rausche ich gegen ihn und strauchele – doch er fängt mich auf. Erschrockene graue Augen starren in meine. „Isa?“
    „Draco!“ Ich lache atemlos, doch höre sofort wieder auf. Wenn wir Pech haben, sind wir in drei Sekunden tot. „Tu das nicht!“ Meine Stimme ist schrill und heiser. Trotz meiner noch immer schmerzenden Kehle rede ich hektisch weiter. „Du willst das doch gar nicht wirklich. Geh nicht. Geh da nicht hin. Bleib bei mir, komm zurück, bitte geh nicht! Du hast eine Wahl! Bitte, Draco!“
    Er sieht mich an und ich verschränke meine Finger mit seinen. Langsam nickt er. „Isa.“ Er flüstert meinen Namen. „Lass uns zurück gehen.“
    Erleichtert schnappe ich nach Luft, aber noch ist es nicht geschafft: Alle Augen ruhen auf uns, besonders die des Dunklen Lords. Ich rechne jede Sekunde mit einem grünen Lichtblitz, der unser beider Leben auslöscht – doch bevor es dazu kommt, schallt eine weitere Stimme über den Platz.
    „Jungen, hilflosen Menschen Angst einjagen – Jah, das können Sie!“ In diesem Moment könnte ich Professor McGonagalls Umhangsaum küssen. Sie ermöglicht es uns, zurück zu kommen, indem sie die Aufmerksamkeit auf sich lenkt.
    Ich renne blind los und ziehe Draco hinter mir her, doch bald ist er es, der mich leitet, bis die Menge uns verschluckt.
    „Meine Güte!“, sagt Professor Slughorn gedämpft, der plötzlich vor uns steht. „Sie beide sind todesmutig! Das sind Slytherinschüler, auf die ich stolz bin! Gehen sie rein, schnell – sonst leben sie nicht mehr lange!“ Im Schutz der vielen Menschen geleitet er uns ins Innere von Hogwarts.
    Draco und ich verziehen uns ins Treppenhaus und lassen uns auf den Stufen nieder. Zitternd atme ich durch und lege meinen Kopf an Dracos Brust. Sein Hemd riecht versengt und irgendwie nach Rauch. „Du lebst“, murmele ich.
    Draco presst mich an sich. Auch sein Körper bebt. „Noch. Ich habe so ein Gefühl, dass es noch nicht vorbei ist. Isa…“ Er schiebt mich auf Armeslänge von sich weg und sieht mich ernst an. „Danke. Dass du mich vor mir selbst beschützt hast.“
    Ich nicke schwach. „Das war verdammt nett von den beiden Professoren, uns zu beschützen, nicht? Sie wollten bestimmt ein Zeichen setzen.“
    „Oder sie wollten uns wirklich helfen.“
    „Kann sein.“ Ich lehne mich wieder an ihn.
    Draco streicht durch mein Haar. „Was ist eigentlich mit deinem Hals passiert?“, murmelt er. „Das sieht übel aus.“
    „Das war Greyback.“ Ich schlinge die Arme um ihn. „Er… wollte mich umbringen. Er hat versucht, mich zu erwürgen.“
    Dracos Körper spannt sich merklich an. „Er hat was? Wie… Wie hast du es geschafft, ihn abzuschütteln?“
    Ich lächele müde. „Eigentlich hast du mich gerettet. Ich habe es geschafft, die Kette von dir von meinem Hals zu reißen und habe mit der Steinspitze nach ihm gestochen. Und dann hat er mich losgelassen.“
    „Du hast was?“
    Verwirrt sehe ich in Dracos Gesicht. „Ihn mit dem Stein gepiekst.“ Ich zucke mit den Schultern.
    „Oh“, macht Draco.
    „Was ist denn los?“
    Draco räuspert sich. „Wenn du ihn wirklich getroffen hast…“ Leichte Röte kriecht in sein Gesicht. „Jedenfalls… Der Stein war verflucht. Ich… ich dachte mir, dass du mal in eine Situation kommst, wo du dich verteidigen musst. Und der Fluch ist ziemlich… ähm. Tödlich.“
    Erschrocken sehe ich ihn an. „Der war – was? Heißt das, ich habe Greyback… umgebracht? Warum hast du mir nichts davon gesagt.“
    Verlegen weicht Draco meinem Blick aus. „Ich wollte, dass du nicht zögerst, ihn zu benutzen. Es konnte eigentlich nichts schief gehen, weil ich außerdem einen Zauber auf den Anhänger gelegt habe: Er hätte nie einer Person etwas getan, die du nicht ernsthaft verletzten wolltest. Ich… Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich froh, dass du ihn benutzt hast.“
    Ich starre dumpf nach vorn. Greyback. Tot. „Ich…“ Das ist ein merkwürdiges Gefühl, aber die Vorstellung, dass der Werwolf mir oder Draco oder sonst wem nie wieder etwas antun wird, missfällt mir nicht. „Ich bin auch froh.“
    Draco legt einen Arm um mich und ich streiche mit den Fingern sanft über seine Brust.
    Plötzlich dringen laute Geräusche zu uns.
    „Was ist da los?“, fragt Draco und springt auf. Ich tue es ihm gleich und er greift nach meiner Hand.
    Gemeinsam rennen wir in die Große Halle – wo ein Kampf tobt. Draco ist mindestens so verwirrt wie ich. Denn es ist kein großer Kampf, an dem alle beteiligt sind – es ist nur ein Kampf. In der Mitte der großen Halle.
    „Ist das…“, sagt Draco lahm.
    „Harry Potter?“, frage ich verdutzt.
    Der Gryffindor und Voldemort höchstpersönlich umkreisen sich wie zwei Raubtiere im Zentrum der großen Halle, beobachtet von Schülern und Lehrern und anderen – doch Todesser sind weit und breit nicht zu sehen.
    „Er ist es!“, jubele ich leise.
    „Versuch, es zu bereuen, Tom“, sagt Potter mit provozierend ruhiger Stimme. Voldemort sieht aus, als würde er jeden Moment explodieren vor Wut.
    „Wovon redet er?“, fragt Draco leise und ich zucke mit den Schultern.
    Es dauert nicht lange, bis der Dunkle Lord tatsächlich explodiert – oder wenigstens sein Zauberstab.
    Ich zucke zusammen, als grünes Licht gleißend den Raum erhellt, doch dabei bleibt es nicht: Aus Potters Zauberstab schießt ein roter Lichtblitz und die beiden Zauber treffen in der Luft zusammen.
    Die gesamte Große Halle scheint die Luft anzuhalten und auch ich verfolge gebannt, wie der rote Strahl den roten langsam aber stetig aufzufressen scheint, weiter und weiter auf Voldemort zuknistert… und schließlich auf seinen Körper trifft.
    Wie in Zeitlupe wirbelt sein Zauberstab in die Luft, und der Dunkle Lord selbst scheint für einen Moment wie erstarrt, bis er langsam nach hinten kippt und endgültig auf den Boden schlägt.
    Einen Wimpernschlag ist es so leise, dass man Staub wirbeln hören könnte.
    Dann brechen Schreie aus, doch es sind keine, die von Angst erzählen – es sind Jubelrufe.
    „Er ist tot“, brüllt irgendjemand enthusiastisch.
    Draco schlingt vor Freude die Arme um meine Taille, hebt mich hoch und wirbelt mich im Kreis herum. Lachend halte ich mich mit einer Hand an ihm fest und wische mir mit der anderen Tränen der Erleichterung aus dem Gesicht.
    Es ist vorbei.
    Plötzlich sehe ich meine Zukunft gleißend hell vor mir – vor mir und Draco. Endlich müssen wir keine Angst mehr haben. Endlich bin ich Greyback los und Voldemort ist tot.
    Endlich dürfen wir uns lieben, ohne dass irgendjemand dazwischen redet.

    35
    Epilog - Glück

    Epilog
    Es war ein stürmischer Tag Anfang Juli, doch der Wind konnte die Sonnenstrahlen, die die Blumenwiese, die Gäste und das große weiße Zelt fluteten, nicht vertreiben.
    „Du siehst so schön aus“, flüsterte Jill gerührt und strahlte mich mit feuchten Augen an.
    Hermine streckte die Finger nach meinen Haaren aus und richtete eine verrutschte Locke, auch sie musste heftig blinzeln.
    Jill griff nach ihrem Arm. „Nun lass es doch gut sein“, kicherte sie, „Es gibt nichts mehr zu verbessern, nichts, wo du noch herumzuppeln kannst.“
    „Du hast recht“, gab sie leicht beschämt zu, „Du siehst perfekt aus, Isa. Ich bin nur so nervös!“ Ein leises Quieken entschlüpfte ihren Lippen, das sonst ganz und gar nicht nach Hermines Art war.
    Jill schmunzelte. „Wir gehen dann mal, oder?“
    „Du kommst ganz sicher allein zurecht?“ Eine besorgte Falte erschien zwischen Hermines Augenbrauen. „Wenn nicht-“
    „Ich komme klar“, sagte ich hastig, wenn auch amüsiert. „Geht schon. Ich brauche noch einen Moment.“
    Jill nickte mir zu und Hermine ließ es sich nicht nehmen, ein letztes Mal den Stoff meines Kleides glatt zu streichen, dann verließen sie das Zelt.
    Ich atmete tief durch und wandte mich dem großen Spiegel an der Zeltwand zu.
    Das lange, ausladende Kleid strahlte in einem kokosweißen Ton, durchsetzt mit Pastellfarben und über und über mit glitzernden Steinen besetzt. Wenn ich mich leicht bewegte, schlich der schwere und zugleich fließend leichte Stoff um meine Beine und der Glitzer blitzte und strahlte, als wäre er lebendig.
    Ich hatte volles Vertrauen in Mrs Malfoy gesetzt und sie hatte mich in keiner Hinsicht enttäuscht: Sie hatte das Kleid ausgesucht und darauf bestanden, dass ich es weder bezahlte, noch, dass ich überhaupt den Preis erfuhr. Vermutlich war es besser so.
    Der Traum aus Stoff war ganz und gar würdig für eine Malfoy – so hatte sie es selbst formuliert. Ich lächelte bei dem Gedanken, dass Dracos Mutter in nur wenigen Minuten nicht mehr die einzige Mrs Malfoy sein würde.
    Ich schlüpfte in meine hohen Schuhe. Es hatte Wochen der Übung gefordert, bis ich darin so laufen konnte, dass Jill sich nicht kringelig lachte über meine wackligen Schritte.
    Sowie ich in den Spiegel blickte, war ich dankbar für Lunas künstlerisches Talent. Dank ihr ging mein Gesicht neben dem überwältigendem Kleid nicht unter – im Gegenteil. Grün und Silber zierte meine Augenlider, sie hatte meine Wangenknochen betont und mein Lächeln war hellrot wie eine Rose.
    Die Schminke und das Kleid machten mich hübsch – doch am schönsten machten mich das glückserfüllte Leuchten in meinen saphierfarbenen Augen und mein Lächeln. Denn der Ausdruck auf meinen Zügen erzählte nicht mehr nur von meiner Angst und dem, was ich alles verloren hatte. Er erzählte von Glück, von meinen Freunden, langen und süßen Nächten und von meiner Liebe.
    Ich nickte meinem Spiegelbild zu und setzte mich in Bewegung. Am Zeltausgang wäre ich fast gestolpert – doch ich konnte mich im letzten Augenblick abfangen. Mein Herz begann zu hüpfen. Ich machte die Schultern gerade und setzte sanft einen Schritt vor den anderen um nicht erneut zu straucheln, als die Sonne auf mein Gesicht fiel und ich das weiße Zelt hinter mir ließ.
    Mr Malfoy hatte angeboten, mich zu führen, wo mein eigener Vater in der Schlacht in Hogwarts gefallen war. Dankend hatte ich abgelehnt. Ich wollte alleine gehen. Denn das konnte ich.
    Ich schickte einen Gedanken an meine Eltern gen Himmel. Beide waren nicht mehr hier, aber ich behielt sie bei mir. Ganz egal, was vorgefallen war.
    Das lange Hochzeitskleid schleifte leise über die Wiese, während ich zwischen den Stuhlreihen hindurch auf den aufgebauten Altar zuschritt. Die Ersten drehte sich nach mir um, raunten leise und zauberten mir damit ein stolzes Lächeln auf die Lippen.
    Dies war eine ganz andere Art von Magie; eine, die man nicht lernen kann.
    Es waren nicht besonders viele Gäste anwesend, aber es waren alle, die mir wichtig waren. Selbstverständlich waren Hermine und Jill hier, auch Luna und sogar Ginny und Molly Weasley. Außerdem Dracos Eltern, gemeinsam mit ein paar Freunden oder Bekannten, sowie Blaise und manch andere ehemalige Schulkameraden.
    Ein fremder Zauberer in einem marineblauen Anzug, der als Priester diente, wartete am Altar. Ich kannte ihn nicht und wenn ich ehrlich war, interessierte ich mich auch nicht für ihn. Meine Aufmerksamkeit galt nur dem anderen Mann, der dort stand.
    Draco Malfoy trug einen dunkelgrünen Anzug, der ihm unfassbar gut stand.
    Bei seinem Anblick hatte ich das Gefühl, ich würde gleich umkippen, doch ich lief weiter. Der Weg kam mir viel zu lang vor.
    Als Draco mich erblickte, breitete sich ein Strahlen auf seinem Gesicht aus, das die Sonne neidisch machte.
    Mit zitternden Knien blieb ich vor ihm stehen und er ergriff meine Hände.
    Der Mann in Blau begann zu sprechen, von Liebe und einem einzigartigem Tag voller Glück, während ich nur in Dracos graue Augen blickte. Der Zauberer, der uns traute, verstand nichts von Liebe, davon war ich überzeugt. Jeder Tag, den ich mit Draco verbrachte, war einzigartig – nicht bloß dieser.
    „Wollen Sie, Draco Lucius Malfoy, Iris-Isabelle van Greenskape zu ihrer rechtmäßigen Ehefrau nehmen?“
    Dracos Augen blitzen, während er sich bemühte, sein Grinsen zu unterdrücken. „Ja, ich will.“
    „Und wollen Sie, Iris-Isabelle van Greenskape, Draco Lucius Malfoy zu ihrem rechtmäßigen Ehemann nehmen?“
    „Ja, ich will.“ Ich spürte die Sonne auf der Haut, doch Dracos Hände fühlten sich wärmer an. Schöner. Besser.
    „Dann dürfen sich Braut und Bräutigam nun küssen.“
    Applaus brandete auf und ich hörte Jill vergnügt jubeln, aber das versank im Hintergrund, alles versank im Nichts, sobald ich Draco küsste.
    Seine Hände lagen auf meiner Hüfte und ich schlang die Arme um seinen Hals und vergrub meine Hände in seinem Haar. Seine warmen Lippen trafen auf meine und ich erwiderte den Kuss so stürmisch, dass ich sicher war, dass einige darüber lachten, aber es war mir egal.
    Es war nicht unser erster Kuss, aber es würde auch nicht unser letzter sein und das war, was zählte.

    Ende.

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