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34. Hungerspiele: meine Geschichte

Das hier ist die Geschichte von Debora Key, einem Mädchen aus Panem.

"Ich komme selten nach Hause, denn eigentlich lebe ich in einem Trainingsinternat von Distrikt 2. Meine Eltern sehe ich nur einmal im Jahr, bei der Ernte."

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    Vollkommen erschöpft komme ich Zuhause an. Ich komme selten nach Hause, denn eigentlich lebe ich in einem Trainingsinternat von Distrikt 2. Meine Eltern sehe ich nur einmal im Jahr, bei der Ernte. Genaugenommen sehe ich sie schon einen Tag vorher. Wie heute.
    „Da bist du ja endlich, Debora!“, blafft mein Vater mich an. „Geh ins Bett, dass du mir morgen nicht verschläfst!“
    Als ob ich verschlafen würde! Trotzdem gehe ich gehorsam in das Bad, um mir die Zähne zu putzen. Meinem Vater sollte man besser nicht provozieren, das endet sonst böse. Vielleicht ist das auch der Grund, warum meine Mutter nie eingreift, aber ich kann nicht ganz glauben, dass ihr etwas an mir liegt.

    Als mein Vater mich weckt, ist es noch dunkel, aber durch die fast sieben Jahre Training bin ich es gewohnt, früh aufzustehen.
    Also ziehe ich mich um und gehe raus, um zu laufen. Mein Atem bildet kleine Wölkchen in der Luft und nach einem knappen Kilometer brennt meine Lunge von der Kälte. Es ist schwierig, doch ich muss weiter laufen. Ansonsten bekomme ich kein Frühstück. Welches ich aber brauche, weil ich seit mehr als 18 Stunden nichts gegessen habe und mich körperlich stark anstrengen musste.

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    Ich betrachte mich in dem großen Wandspiegel, eigentlich sehe ich ganz gut aus. Mein bordeauxrotes Kleid bildet einen schönen Kontrast zu meinen grünen Augen. Die braunen Haare habe ich kunstvoll hochgesteckt und mit einer perlenbestzten Spange fixiert.
    „Los jetzt!“, herrscht Vater mich an. Dabei dauert es noch fast eine halbe Stunde, bis die Ernte beginnt.
    Also schlendere ich zum Platz und gehe nach der Registrierung zu den 13-jährigen.
    Auf die Blicke, die mir neidisch zugeworfen werden, achte ich genauso wenig, wie auf die langweilige Rede. Erst als die Frau zu einer Glaskugel trippelt, werde ich aufmerksam. Als sie nach Freiwilligen fragt, schnellt meine Hand in die Luft und ich rufe: „Ich melde mich freiwillig!“
    Sie nimmt wirklich mich, also gehe ich aufrecht zur Bühne. „Wie ist denn dein Name?“, fragt sie mich mit ihrer komischen Stimme.
    Ich antworte ihr knapp: „Debora Key.“
    Dann stehe ich da und warte, dass sie einen Jungen zieht, damit ein anderer sich melden kann. Ich kenne meinen Mittribut vom Sehen her, er ist vier Klassen über mir.

    „Was hast du dir nur dabei gedacht?“, schreit meine Mutter.
    „Ich dachte, ihr wolltet immer, dass ich mich melde!“, entgegne ich ihr ohne zu zögern.
    Dann schwafelt Vater noch etwas davon rum, dass ich zu jung wäre und noch länger hätte trainieren sollen und mich erst mit 17 hätte melden sollen, und, und, und.
    Als die Zeit um ist, bin ich wirklich froh, sie los zu sein.

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    Der Zug mit dem wir fahren, ist schnell, groß und luxoriös, wie man ihn eben erwarten würde. Es gibt ein gutes Essen, zuerst eine klare Suppe und dann Fasan in Sahnesoße, ein goldgelbes Getreide und etwas Gemüse. Zum Nachtisch wird uns ein Obstsalat mit verschiedenen Früchten aufgetischt. Einige, wie Mangos, Orangen und Weintrauben, kenne ich, aber dann sind da noch grüne mit vielen kleinen Kernen, deren Namen ich mir nicht merken kann. Iwi oder so war es, glaube ich.
    Nach dem Essen reden wir noch mit unseren Mentoren. Mir ist langweilig, also nehme ich mir zwei saubere Messer und werfe sie mit einem Schwung. Sie bleiben nur eine Haaresbreite von einem Bild entfernt stecken, eins links, eins rechts. Der Mentor nickt kurz, geht aber nicht weiter darauf ein.
    Nach dem "Gespräch" bleibt uns noch eine Dreiviertelstunde, in dieser wollen Garrett, wie mein Distriktpartner heißt, und ich uns die Ernten anschauen.

    Schließlich fährt der Zug ins Kapitol ein. Es ist so wundervoll. Alles strahlt in bunten Farben, die Autos, die Häuser, ja, sogar die Menschen!
    Ich grinse in die jubelnde Menge und mache mich so groß, wie ich es mit meinen 167cm schaffe.

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    Meine Stylisten sind ganz begeistert von mir, erstens, weil ich schon fast "normal" aussehe, wie sie sagen, und zweitens, weil ich alles über mich ergehen lasse, was sie machen. Sie reißen mir die letzten Haare von den Armen und Beinen, baden mich mit einem stinkenden Schaum und schrubben an meiner Haut, bis diese ganz rosa ist. Ich beachte sie gar nicht, denke nur über die Spiele nach. Ich male mir aus, wie ich gewinne und endlich von meinen Eltern akzeptiert werde. Dass sie ein einziges Mal in meinem Leben stolz auf mich sind.
    „Und?“
    Ich werde abrupt aus meinen Gedanken gerissen. „Möchtest du etwas essen?“, fragt mein Stylist noch einmal. Ich schaue nachdenklich, damit ich nur unentschlossen und nicht abwesend wirke und erwidere zögernd: „Eine Kleinigkeit vielleicht.“

    Das Kostüm, in welches er mich steckt, ist nicht gerade kreativ, aber immerhin besser, als die meisten anderen. Es ist ein cremefarbenes, eng anliegendes Kleid mit senkrechten Falten. Knapp über meinen Füßen wird der Stoff mit Drähten nach außen gehalten, sodass eine runde Fläche entsteht. Dadurch, dass auch der Kragen wie ein Teller um meinen Hals liegt, kann ich nicht nach unten schauen. Meine Stylisten müssen viele Spiegel um mich halten, damit ich mich von allen Seiten betrachten kann.
    Ich sehe aus wie eine Säule.
    Dann werde ich zu den Streitwagen geleitet. Unserer wird von zwei Schimmeln gezogen.
    Bevor wir raus fahren, werfe ich noch kurz einen Blick auf die anderen Tribute. Die aus 1 sind in weiße, mit Strasssteinen besetzte, Tuniken gekleidet. Dagegen sehen wir schlecht aus.
    Der Wagen vor uns setzt sich in Bewegung, kurze Zeit später traben auch unsere Schimmel los. Ich lächle selbstbewusst und werfe gelegentlich unbeeindruckte Blicke in die Menge.

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    Als wir wieder in das Gebäude fahren, kommen uns gleich die Stylisten entgegen und schwärmen davon, wie toll wir waren. Als ob ich das nicht wüsste!

    Weil es schon relativ spät ist, sollen wir direkt schlafen gehen.
    Ich kann aber nicht schlafen, also gehe ich zum Dach. Hier oben ist es sehr schön, man hat eine gute Aussicht über das Kapitol, welches auch bei Nacht wunderschön ist. Von den Blumen in einem kleinen Garten weht ein milder Duft zu mir und ein Windspiel klingt leise vor sich hin.
    Ich weiß nicht warum, aber ich muss plötzlich an meine Vergangenheit denken. An meine Kindheit, Heimat, Schule, Eltern. Ich musste hart trainieren, möglichst viele Waffen lernen. Schnell sein, stark sein, ausdauernd sein. Ich habe mich gefügt und immer brav getan, was ich sollte. Ich war in meiner Klasse die Zweitbeste im Messerwerfen, doch dies reichte meinen Eltern nicht. Nie reichte ihnen etwas, immer fanden sie einen Grund, weshalb ich bestraft werden konnte.
    Doch das ganze hat jetzt ein Ende. Egal ob ich gewinne oder nicht, sie können mich nicht weiter trainieren lassen, bis meine Lunge platzt und dann noch weiter, mich ohne Essen ins Bett schicken, schlagen, demütigen, oder irgendwie anders bestrafen. Entweder werde ich reich und unabhängig leben oder gar nicht.

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    Der Trainingsraum ist ziemlich groß, aber wie sonst hätte man alle Stationen unterbringen sollen? Neben verschiedensten Waffenständen gibt es Überlebensstrategien, Knotenbinden und Tarnung zu lernen, Parcours und sogar ein Schwimmbecken. Ich gehe natürlich zu den Messern und werfe ein paar in die Ziele. Weil mir das zu langweilig ist, will ich gerade weitergehen, als ein Trainer mit ein paar Stoffteilen, die wohl Vögel darstellen sollen ankommt. Sie sehen lächerlich aus, aber noch lächerlicher wirkt es, wenn ich jetzt nicht mitmache. Also werfe ich brav auf die Teile und treffe jedes Mal, obwohl der Mann sie wie wild durch die Gegend schleudert. Als alle erstochen am Boden liegen, bin ich zufrieden. Wenn das meine Gegner wären - nein, lieber mein Vater...
    Der Junge aus Distrikt 4 reißt mich aus meinen düsteren Gedanken, als er mich fragt, ob wir Verbündete sein wollen. Klar, die Tribute aus 1, 2 und 4 sind fast immer verbündet.

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