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74. Hungerspiele: Prim in der Arena

Was wäre, wenn Katniss sich nicht freiwillig gemeldet hätte? Wenn Prim in die Arena gemusst hätte?

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    „Nein!“, ich schrecke aus dem Schlaf. Schweißgebadet liege ich da für einen Moment gleichzeitig wie gelähmt vor Schock und trotzdem bereit zur Flucht.
    Es war nur ein Traum, alles ist gut. Alles ist gut.
    Heute wird die Ernte sein und mein Name, Primrose Everdeen, ist das erste mal mit in der Kugel. Aber Katniss wurde auch nie gezogen. Es sind noch tausende andere Namen dabei, ich sollte keine so große Angst haben.
    Leise schlage ich die Decke zurück und gehe zu Mutters Bett, wo ich mich sicher fühle und alles vergessen kann.

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    Als ich wieder aufwache, ist Katniss nicht mehr da. Sie wird wohl im Wald sein und jagen, wie so oft. Es ist verboten und die Tiere sollten nicht sterben müssen, aber ich weiß, dass wir ohne es längst verhungert wären. Ich verstehe trotzdem nicht, wie sie unschuldige Lebewesen ohne mit der Wimper zu zucken töten kann.

    Bevor Katniss zurück ist, macht Mutter mich ausgehfertig. Ich trage Katniss' ersten Erntedress, einen Rock und eine hübsche Rüschenbluse. Obwohl Mutter ihn mit Nadeln festgesteckt hat, rutscht die Bluse immer wieder aus dem Rock. Für Katniss liegt ein zartblaues Kleid mit passenden Schuhen bereit. Irgendwann einmal möchte ich das auch tragen dürfen. In ein par Jahren bestimmt.

    "Du siehst schön aus", sage ich zu ihr, als sie zurück ist und sich umgezogen hat. Ihr Name steht schon auf 20 Losen. Sie hat sich immer für Tesserasteine eingetragen, damit wir etwas Öl und Getreide haben. Was, wenn sie heute gezogen wird? In die Arena muss und dann... Das darf nicht passieren.
    Katniss reißt mich aus meinen Gedanken: "Schwänzchen rein, kleine Ente!".
    Ich muss kichern und mache leise: "Quak."
    "Selber quak", sagt Katniss lachend. "Komm, lass uns etwas essen."
    Es gibt die Milch meiner Ziege und Brot aus dem Tesserastein-Getreide. Zum Abendessen soll es Fisch, Gemüse, Erdbeeren und Bäckerbrot geben. Ein richtiges Festessen, das einzig gute am ganzen Tag.

    Um ein Uhr gehen wir zum Platz. Von der Anwesenheitspflicht ist nur ausgenommen, wer so gut wie tot ist.
    Schweigend betreten die Bewohner des 12. Distrikts der Reihe nach den Platz. Die Zwölf- bis Achtzehnjährigen müssen in verschiedene Bereiche, die ältesten nach vorne und die jüngsten nach hinten. Ich habe es schon oft gesehen, aber dieses Jahr stehe ich das erste Mal nicht bei den Zuschauern ganz hinten.
    Vor dem Gerichtsgebäude ist ist eine Bühne aufgebaut. Auf ihr stehen drei Stühle, ein Podest und zwei Glaskugeln, gefüllt mit Losen. Die eine für die Jungen, die andere für die Mädchen. Ich konzentriere mich auf alle Details, um mich von meiner Angst abzulenken, die in mir hochkriecht.
    Als die Stadtuhr zwei schlägt, betritt der Bürgermeister das Podest und beginnt, die Geschichte Panems zu verlesen. Jedes Jahr erzählt er, wie unser Land aus den Trümmern Nordamerikas, wie es einst hieß, entstand. Er redet von dem Kapitol, welches einst von 13 Distrikten umgeben war. Doch dann kamen die dunklen Tage, der Aufstand gegen das Kapitol. Zwölf Distrikte wurden besiegt, der dreizehnte ausgelöscht. Als Erinnerung, dass sich das nie wieder wiederholen darf, gibt es bis heute die Hungerspiele.
    Aus jedem der Distrikte müssen ein Mädchen und ein Junge, die Tribute, in eine riesige Freilichtarena. Dort müssen sie sich bis zum Tod bekämpfen.
    Wir alle kennen die Geschichte und es tut paradoxerweise heute zum ersten Mal gut, die einschläfernde Rede zu hören. Es ist wie ein Stück vertraue Tradition, an die ich mich klammern kann, die mir ein bisschen Sicherheit gibt.

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    Es folgt die Liste der Gewinner. In den 73 Jahren waren es genau zwei. Nur einer lebt noch, Haymitch Abernathy. Er kommt auf die Bühne, schreit etwas unverständliches und lässt sich auf den dritten Stuhl fallen. Auf den anderen sitzen der Bürgermeister und Effie Trinket, die Betreuerin unseres Distrikts. Haymitch ist betrunken und versucht, Effie zu umarmen. Er ist jedes Jahr betrunken, wieder ein altbekanntes Detail.
    Der Bürgermeister versucht, die Aufmerksamkeit wieder auf die Ernte zu lenken und stellt Effie vor.
    Sie sagt, wie immer, gut gelaunt ihren Spruch: "Fröhliche Hungerspiele! Und möge das Glück stets mit euch sein!"
    "Ladies first!", sagt sie dann und geht mit spitzen Schritten zu der Glaskugel mit den Mädchennamen. Sie taucht ihre Hand in die Zattel und zieht einen hervor. Die Menge hält den Atem an. Ich habe Angst, davor dass es mein Name oder Katniss' ist. Was, wenn Katniss wirklich in die Arena muss?
    Effie Trinket geht zurück zum Podest. Es ist nicht Katniss.

    Es ist Primrose Everdeen.

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    Die Menge flüstert unglücklich, obwohl ich nah an den Angehörigen stehe, höre ich alles wie aus weiter Ferne.
    Ich kann nicht atmen, mir ist schwindelig.
    Doch irgendwie schaffe ich es, mit kleinen, steifen Schritten zur Bühne zu gehen. Ich sehe, wie Katniss mich erschrocken ansieht, ich weiß, dass sie etwas tun möchte, aber nicht weiß was.

    Ich stehe auf der Bühne, sehe alle achttausend Bewohner des Distrikts vor mir. Ich sehe Katniss. Ich sehe Mutter. Fast kommen mir die Tränen, doch glücklicherweise kommt Haymitch in diesem Moment nach vorne gewankt. Er will etwas sagen, doch dann fällt er von der Bühne. Die Kameras wenden sich von mir ab, und ich habe genug Zeit, um mir kurz die Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen.
    Ich bin wie in einer anderen Welt, ich bekomme alles um mich herum nur gedämpft mit.
    Ich bekomme kaum mit, wer der Jungentribut ist, ich weiß nur, dass ich ihn nicht kenne.

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    Dann werden wir ins Gerichtsgebäude geführt. Es ist ein prächtiger Raum, mit breiten Teppichen, einem Sofa und Stühlen, die mit Samt bezogen sind. Ich setzte mich auf das Sofa und streiche mit meiner Hand über den Stoff. Innerhalb der nächsten Stunde muss ich mich von meiner Familie, von dem Distrikt verabschieden.
    Als erstes kommen Katniss und Mutter. Ich klettere auf den Schoß von Katniss und umarme sie. Wieder muss ich weinen, doch diesmal kann ich die Tränen nicht zurückhalten. Ich kann mich noch von ihr und Mutter verabschieden, dann kommen die Friedenswächter.
    Als nächstes kommt der Bäcker. Jetzt weiß ich doch wieder, wer der Junge, Peeta Mellark, ist. Er ist sein Sohn. Der Bäcker gibt mir eine Schachtel mit Keksen. Wir schweigen, bis wieder die Friedenswächter kommen.
    Es kommen noch weitere Personen, aber mehr als Abschiedsgrüße gibt es nicht mehr.

    Anschließend fahre ich das erste Mal in meinem Leben mit einem Auto. Am Bahnhof stehen viele Kameras, die uns filmen. Jetzt fällt mir auf, dass auch der Bäckersjunge geweint hat, was ich nicht erwartet hätte.

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    Der Zug in dem wir nun sind, ist ein Hochgeschwindigkeitszug. Wir werden wohl nicht einmal einen Tag lang fahren, bis wir ins Kapitol kommen.
    Der Zug ist noch luxuriöser als der Raum im Gerichtsgebäude. Hier habe ich ein eigenes Schlafabteil mit Ankleideraum und Bad mit warmen Wasser. Als erstes probiere ich die Dusche aus. Es ist, als würde man unter einem warmen Sommerregen stehen, nur heißer. Dann ziehe ich eine hellblaue Bluse und eine Hose an.
    Schließlich kommt Effie um mich zum Abendessen zu holen.
    Das Essen hat mehrere Gänge; eine dicke Möhrensuppe, grüner Salat, Lammkoteletts mit Kartoffelpüree, Käse und Obst, Schokoladenkuchen.

    Nach dem Essen schauen wir uns die Zusammenfassungen der Ernten in ganz Panem an. Mir fallen einige Personen besonders auf. Ein riesiger Junge aus Distrikt 2, ein Mädchen aus Distrikt 5, welches an einen Fuchs erinnert und ein Mädchen aus Distrikt 11. Sie ist auch 12 Jahre alt und ich bin mir sicher, dass sie Katniss an mich erinnert.

    Schließlich fährt der Zug in das Kapitol ein. Alles ist grell und bunt. Selbst die Menschen sehen künstlich aus. Als sie den Zug entdecken, zeigen sie aufgeregt in unsere Richtung. Peeta winkt der Menge zu, aber ich finde es zu abscheulich.

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    Haymitch hat gesagt, wir sollen alles was das Vorbereitungsteam macht über uns ergehen lassen.
    Jetzt sitze ich auf einem Tisch, während meine Haut geschrubbt, enthaart und eingecremt wird.
    Als sie fertig sind, komme ich mir vor, wie ein gerupfter Vogel.
    „Jetzt siehst du aus wie ein Mensch! Wenn Cinna erst mit dir fertig ist, wirst du absolut hinreißend aussehen, kleine!“, flötet Octavia. „Kommt, lasst uns Cinna holen!“
    Als die Tür sich wieder öffnet, kommt ein sehr normal aussehender Mann herein.
    „Hallo Primrose, ich bin Cinna, dein Stylist“, sagt er.
    „Hallo“, erwiedere ich, während er um mich herum geht.
    „Zieh dir doch etwas über und wir essen etwas.“
    Also ziehe ich den Morgenrock über und folge ihm in einen Salon. Er drückt auf einen Knopf und auf dem Tisch erscheint Essen. Hühnchen und Orangenstücke in Sahnesoße auf einem Bett aus perlweißem Getreide, kleine grüne Erbsen und Zwiebeln, Brötchen in Blütenform und zum Nachtisch Pudding.
    Ich habe inzwischen großen Hunger, also lange ich ordentlich zu.
    Als ich satt bin, kommt Cinna auf die Eröffnungsfeier zu sprechen. „Wie du weißt, ist es üblich, das besondere Merkmal des jeweiligen Distriktes mit der Kleidung widerzuspiegeln“, sagt er. Also werde ich als Bergarbeiter verkleidet werden.
    Als hätte Cinna meine Gedanken erraten, sagt er, dass sie die Kohle selbst und nicht ihre Förderung in den Mittelpunkt stellen wollen. Ich muss daran denken, dass die Tribute in einem Jahr nackt da standen, nur mit einem schwarzen Pulver bedeckt.
    „Und was machen wir mit der Kohle? Wir verbrennen sie“. Als er meinen Gesichtsausdruck sieht, fügt er hinzu: „Keine Angst, dir wird nichts passieren. Es ist kein echtes Feuer.“

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    Das Kostüm ist kohlschwarz. Als die Tribute aus Distrikt 11 losgefahren sind, zündet Cinna unsere Umhänge an.
    Kurze Zeit habe ich wirklich Angst, dass ich verbrenne, aber ich spüre keine Hitze. Es funktioniert also.
    Als die Menschenmenge uns sieht, ist sie erst erschrocken, doch dann jubeln sie.
    Zum Glück kann ich all die Personen nicht gut erkennen, weil es schon dämmert. Ich schaue auf den Bildschirm. Wir sehen wirklich gut aus.

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    Das Trainingscenter ist in einem Turmartigen Gebäude. Hier werden wir, die Tribute, bis zu den Spielen wohnen. Für jeden Distrikt gibt es eine Etage. Es gibt einen Aufzug, man muss nur die Nummer des eigenen Distriktes drücken.
    Ich bin in Distrikt 12 zweimal mit dem Aufzug des Gerichtsgebäudes gefahren. Aber dieser hier ist kein knarrendes, langsamen Ding, dieser Aufzug hat Wände aus Glas, sodass man sehen kann, wie die Leute im Erdgeschoss immer kleiner und kleiner werden. Es ist ein so tolles Gefühl, dass ich nicht anderes kann, als zu fragen, ob ich noch einmal fahren darf. „Natürlich wirst du noch einmal fahren, aber nicht jetzt.“
    Jetzt geht es zu meinem Quartier. Eigentlich kann man es nicht Wohnung nennen, denn es ist größer als unser Haus.
    Auch hier ist alles voll automatisch. Ich kann auf Knopfdruck Essen und Kleidung bekommen, das Bedienfeld der Dusche hat mehr als hundert Auswahlmöglichkeiten für verschiedene Seifen, Shampoos, Temperaturen und so weiter. Ich muss meine Haare nicht kämmen, ein Gerät entwirft sie durch einen Luftstrom.
    Als erstes ziehe ich mir eine einfache Hose und Bluse an und bestelle Gänseleber und lockeres Brot.
    Schließlich kommt Effie und ruft mich zum Abendessen.
    Es gibt Pilzsuppe, bitteres Gemüse mit erbsengroßen Tomaten, haudünnes Roastbeef, Nudeln in einer grünen Soße und Käse mit blauen Weintrauben. Als Highlight gibt es eine Torte, die von einem Mädchen angezündet wird.

    Diese Nacht träume ich schlecht. Ich träume erst von Zuhause, von meiner Ziege und Butterblume und Mutter und Katniss. Dann sehe ich Bilder aus den anderen Hungerspielen, aber ich bin mit dabei. Dann gibt es eine Explosion und ich schrecke aus dem Schlaf.

    Ich dusche mich kurz ab und ziehe mir dann die bereitgelegten Kleider, eine schwarze Hose und eine langärmlige, burgunderrote Tunika an. Meine Haare flechte ich mir locker nach hinten.
    Dann gehe ich zum Frühstück. Eigentlich hat es nicht nicht angefangen, aber ich nehme mir einfach Pfannkuchen, Würstchen, Brötchen und ein braunes Getränk, ich glaube, Peeta hat es heiße Schokolade genannt.

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    Die Trainingsräume sind im Untergeschoss des Gebäudes. Also darf ich 12 Stockwerke mit dem Aufzug fahren.
    Unten angekommen öffne sich die Türen und geben den Blick auf eine riesige Turnhalle mit verschiedenen Stationen frei - und auf die anderen Tribute.
    Fast alle sind größer als ich, nur das Mädchen aus Distrikt 11 ist ähnlich groß wie ich. Die Karrieros aus 1, 2 und 4, die ihr Leben lang trainiert werden um sich für die Spiele zu melden, sind fast doppelt so groß wie ich.
    Als wir anfangen dürfen zu trainieren, gehe ich zuerst zu der Station mit den giftigen und essbaren Pflanzen. Ich kann alle ohne Probleme zuordnen, also beschließe ich, zu einer anderen Station weiter zu gehen. Als ich mich umdrehe, steht vor mir das Mädchen aus 11 und schaut mich verlegen an.
    Ich gehe zu anderen Überlebenstrainings-Stationen und übe Feuermachen, Knotenbinden, sowie einiges mehr
    Ich sollte auch eine Waffe lernen, sagt Haymitch. Auf den Einwand, dass ich nichts und niemanden töten kann, hat er gesagt: „Töten oder getötet werden. So gehen die Spiele.“
    Also versuche ich mich an verschiedenen Waffen, doch keine liegt mir.

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    Schließlich werde ich aufgerufen. Als ich in die Halle komme, schenken mir die Spielemacher keine Aufmerksamkeit.
    Ich ordne alle 25 Pflanzen schnell und richtig zu, aber es hat niemand wirklich bemerkt. Also klettere ich auf den "Baum" und und tarne mich direkt vor den Spielemachern.
    Schließlich lallt einer, ich könne wieder gehen.

    Als ich mit den anderen am Tisch sitze, fragt Haymitch: „Und? Wie schlecht wart ihr heute?“
    „Ich weiß nicht, ob das eine Rolle spielt. Sie haben ein Trinklied gesungen und ich habe ein paar Gewichte durch die Gegend geworfen, bis sie mich wieder weggeschickt haben“, sagt Peeta. Ich fühle mich etwas besser, immerhin wurde nicht nur ich ignoriert.

    Nach dem Essen werden die Punktzahlen ausgestrahlt, wobei mir wieder das Mädchen aus 11 auffällt. Sie heißt Rue und hat eine 7 - ich habe eine 6, womit ich mehr als zufrieden bin. Ich hätte vielleicht eine 3 erwartet, sehr viel mehr nicht.
    Das erste Mal habe ich etwas Hoffnung, auch wenn eine 6 eine mittelmäßige Bewertung ist.
    In dieser Nacht träume ich wieder von Zuhause, aber es ist ein schöner Traum.

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    Ich wache auf, spüre die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Für einen Moment denke ich, ich wäre zu Hause. Aber ich bin im Kapitol.
    Nach einer Dusche gehe ich in den Speiseraum und nehme von dem Lammeintopf mit Backpflaumen.
    „Morgen sind die Interviews, oder?“, frage ich etwas dümmlich.
    „Ja“, erwidert Haymitch. „Du wirst als erstes mit Effie die Präsentation üben.“

    Also lerne ich, in Stöckelschuhen zu laufen. Klar, es ist für die Sponsoren, aber es wirkt etwas widersprüchlich, uns erst schön zu machen und uns dann mit Waffen in die Arena zu stecken.
    Wie auch immer, beim Mittagessen tun meine Knöchel weh.

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    Ich öffne meine Augen und schaue in den Spiegel. Ich habe ein prachtvolles, goldenes Kleid aus Satin an. Es ist mit tausenden winzigen Pailletten besetzt und glitzert bei jeder Bewegung. Glücklich drehe ich mich vor dem Spiegel.
    Meine Haare sind zu zwei französischen Zöpfen gelochten. So werde ich nachher beim Interview auftreten.


    „Primrose Everdeen“
    Es ist soweit. Ich versuche, mir mein Lampenfieber nicht anmerken zu lassen, aber es klappt nicht.
    Verkrampft gehe ich zu Caesar. Zum Glück kann ich mich wieder setzen, denn meine Beine halten mich nicht mehr lange aufrecht.
    „Primrose aus Distrikt 12“, sagt er und schüttelt meine Hand. „Das Kapitol muss dich sicher sehr beeindrucken, oder?“
    Ich will etwas sagen, aber es kommt kein Ton aus meinem Mund. Ich nicke und presse schließlich ein abgehacktes: „Ja, sehr sogar“, hervor.
    „Ja, ich kann glauben, dass man, wenn man das erste Mal im Kapitol ist, sprachlos ist. Magst du uns sagen, was deine größte Stärke ist?“
    Ich versuche das Publikum auszublenden und mich nur auf meine Antwort zu konzentrieren: „Ich kenne mich gut mit Heilpflanzen aus. Wenn meine Mutter verletzte oder kranke Leute behandelt hat, war ich oft dabei und habe geholfen.“
    „War es das, was du bei dem Einzeltraining gezeigt hast? Eine 6 ist für eine zwölfjährige ja schon eine gute Bewertung!“
    „Auch, als erstes habe ich alle Pflanzen richtig zu geordnet. Danach bin ich aber noch auf den Plastikbaum geklettert und habe mich getarnt.“
    „Kannst du uns noch etwas aus deinem Distrikt oder von deiner Familie erzählen?“
    „Ja, gerne“, sage ich, obwohl ich es nicht gerne mache. Aber da muss ich jetzt durch. „Wir, also Katniss, meine Mutter, ich und meine beiden Tiere, wohnen in einem kleinen Haus am Saum. Das Quartier in dem die Tribute hier wohnen ist deutlich größer.“ Bei dem Gedanken an unser kleines Haus werde ich traurig.
    „Du hast von deinen beiden Tieren erzählt, was sind das denn für Tiere?“
    „Einmal mein Kater, er heißt Butterblume und dann noch meine Ziege. Die Ziege habe ich von Katniss. Als sie sie mir geschenkt hat, war sie verletzt, aber sie ist wieder gesund geworden.“
    „Das ist natürlich sehr schön. Es tut mir leid, dass ich dich unterbrechen muss, aber leider ist die Zeit jetzt um.
    Danke für das Gespräch!“, sagt er und gibt mir abermals die Hand.

    14
    Ich gehe zurück zu meinem Stuhl. Das Interview von Peeta rauscht an mir vorbei, ohne dass ich wirklich zuhöre.
    Nachdem die Hymne verklungen ist, gehen wir Tribute wieder ins Trainingscenter. Zum Abendessen gibt es eine leckere Cremesuppe, aber ich kann sie nicht genießen. Ich muss durchgehend an den bevorstehenden Tag denken.
    Morgen müssen wir in die Arena.
    Vielleicht bin ich morgen um diese Uhrzeit schon tot.

    15
    Ich muss vor Sonnenaufgang aufstehen, obwohl ich kaum geschlafen habe.
    Cinna begleitet mich auf das Dach, wo uns ein Hovercraft abholt. Als ich die Leiter hochsteigen will, bleibe ich an ihr kleben. Sie wird wieder hochgefahren und zieht mich mit hoch. Dann kommt eine Frau mit einer großen Spritze in der Hand auf mich zu.
    „Das ist nur dein Aufspürer. Je besser du still hälst, desto effektiver kann ich ihn platzieren“, sagt sie.
    Ich kann mich sowieso nicht bewegen, denn die Leiter hält mich immer noch fest. Trotzdem spüre ich den stechenden Schmerz, als sie mir die Nadel in dem Arm sticht.
    Dann lässt mich die Leiter endlich frei und Cinna wird hoch geholt.
    Während wir fliegen gibt es Essen und obwohl ich keinen Appetit habe, versuche ich, möglichst viel zu essen.

    Nach ungefähr einer halben Stunde werden die Fenster abgedunkelt. Wir kommen der Arena wohl näher.
    Immerhin kann ich nicht mehr sehen, wie weit der Boden weg ist. Ich Frage mich, wie Vögel das aushalten. Wahrscheinlich weil sie selber kontrollieren, wie und wohin sie fliegen.

    Als das Hovercraft landet, lässt es Cinna und mich durch eine Röhre in den Untergrund. Ich dachte, fliegen wäre schlimm, aber während wir in den Startraum gehen, fühle ich mich noch schlimmer. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich schon direkt unter der Arena bin.
    Die Kleidung für die Tribute besteht dieses Jahr aus einer gelbbraunen Hose, einer hellgrünen Bluse, einer dünnen, langen Kapuzenjacke und einem braunen Gürtel. Die Stiefel sind aus weichem Leder und haben ein Gummiprofil.
    Eigentlich ist die Kleidung sehr bequem.

    Bevor die Spiele beginnen trinke ich noch etwas, denn in der Arena ist Wasser kostbar.

    16
    Langsam fährt die Metallplatte hoch. Dann drückt die Metallscheibe mich aus dem Glaszylinder ins Freie.
    60!
    Von dem Sonnenlicht geblendet kneife ich die Augen zusammen. "Wegrennen, Wasser finden, überleben."
    Ich schaue mich um.
    36!
    40 Meter vor mir ist das Füllhorn. Dahinter scheint nichts zu sein, wahrscheinlich ein Abhang. Rechts ist ein See.
    21!
    Ich drehe mich vorsichtig um und sehe einen Kieferwald.
    Dort sollte ich hinlaufen.
    Ich schaue wieder zum Füllhorn. Es ist so verlockend, zu all den Vorräten zu laufen. Allerdings ist die Vorstellung nicht mehr so schön, wenn man weiß, dass man tot sein wird bevor man ankommt.
    3!
    2!
    1!
    Dann ertönt der Gong.
    Ich laufe in Richtung des Horns, aber nur wenige Schritte. Ich schnappe mir eine Plane und renne dann in die entgegengesetzte Richtung.

    17
    Leider bin ich nicht sehr gut im Dauerlauf, deshalb muss ich relativ bald langsamer werden.
    Ich mache kurz Halt, um die Plane ordentlich zu falten und in meinen Gürtel zu stecken. Dann wandere ich weiter.
    Zum Glück geht es etwas bergab, dann ist es leichter zu laufen. Und außerdem fließt Wasser bergab, das heißt, ich könnte leichter auf eine Quelle stoßen.

    Doch die Sonne sinkt wieder und ich habe noch keinen Tropfen gefunden.
    Der Wald besteht inzwischen nicht nur aus Kiefern, hier und da sind auch Laubbäume.
    Ich finde einen Baum mit vielen Ästen, über die ganze Höhe verteilt. Daneben ist eine große Buche.
    Vorsichtig klettere ich den Baum hoch. Zum Glück bin ich sehr leicht, denn die Äste sind dünn.
    Von der Krone aus kann ich einfach in die Buche. Ihre Äste sind dicker. Ich pflücke einige möglichst junge Blätter und esse sie.
    Weil es inzwischen schon fast dunkel ist, beschließen ich, hier zu bleiben. Ich wickle mich in die Plane und sichere mich mit dem Gürtel im Baum. Ich bin so dünn, dass er locker um mich und den Ast passt.
    Nacheinander erscheinen am Himmel 11 Gesichter.

    18
    Ich schlafe nicht sehr lange, vielleicht ein paar Stunden. Dann ertönt ein Kanonenschuss, der mich aus dem Schlaf reißt. Weil es schon anfängt zu dämmern und ich meinen verfrorenen Körper bewegen muss, stehe ich vorsichtig auf. Das heißt, ich klettere vorsichtig den Baum runter.
    Gerade als ich los will, fällt mir etwas ein. Möglichst leise ziehe ich mich wieder in die Krone und pflücke so viele Blätter wie ich in meiner Jacke verstauen kann.
    Dann laufe ich los, weiter bergab. Irgendwo muss ja Wasser zu finden sein.
    Doch ich finde kein Wasser. Inzwischen steht die Sonne schon hoch am Himmel und es ist erschreckend warm geworden. Ich versuche mich zu erinnern, wie man Wasser findet.
    Schließlich fällt mir etwas aus dem Training ein. Ich habe alles was ich brauche, ich muss nur noch einen geeigneten Baum finden, was in dem Wald gar nicht so schwer ist.
    Schnell habe ich einen gefunden und bin hochgeklettert. Dann nehme ich die Plane und befestige sie mit meinem Gürtel an einem Ast, sodass einige Blätter gut verpackt sind. Während ich warte, esse ich einen Teil der Buchenblätter.

    Am Nachmittag halte ich es nicht mehr aus und muss die Plane abnehmen. Es ist nicht viel Wasser, aber wenigstens etwas. Ich befestige die Plane an einem anderen Ast. Ich werde heute hier bleiben.

    19
    Als die Dämmerung herein bricht, werden die Toten gezeigt. Das heißt, sie würden gezeigt werden, aber heute ist niemand gestorben.
    Morgen früh werde ich aufbrechen, am besten bevor die Hymne gespielt wird.

    Die Nacht ist kälter als die letzte, da bin ich mir sicher. Und dadurch, dass die Plane noch am Baum hängt, bin ich noch weniger geschützt.
    Trotzdem bekomme ich einige Stunden Schlaf.

    Ich muss mich wohl gedreht haben, denn auf einmal hänge ich bäuchlings am Ast. Ich versuche, ihn zu greifen und mich hoch zu ziehen, aber es klappt nicht. Dann drehe ich mich um, sodass ich mit dem Rücken nach unten im Gürtel hänge. Wenn ich jetzt falle, kann ich mich nicht abfangen.
    Aber ich schaffe es, mich hochzuziehen.
    Da ich nun sowieso hellwach bin, nehme ich meine Plane um mich gleich auf den Weg zu machen. Über Nacht hat sich etwas mehr Wasser angesammelt, aber es reicht längst nicht, um meinen Durst zu stillen.
    Ich brauche nicht lange, um mich zu orientieren. Trotzdem weiß ich nicht, wo ich hin gehen soll. Was ist, wenn es außer dem See keine Wasserquelle gibt?
    Ich schaue mich um, in der wagen Hoffnung, etwas zu entdecken. Und wirklich, wie ein Wunder, sehe ich einen Beerenstrauch. Ich stolpere auf ihn zu, aber gerade als ich einige Früchte pflücken will, sehe ich, dass es keine Blaubeeren sind, wie ich zuerst dachte. Weil ich glaube, dass die Beeren giftig sein könnten, lasse ich sie lieber, wo sie sind und laufe weiter. Naja, ich versuche weiter zu laufen, aber mir wird schwindelig und ich falle hin. Als ich wieder aufstehen will, wird es plötzlich ganz dunkel um mich und meine Beine geben wieder nach.

    20
    Als ich die Augen wieder öffne, stehen die Bäume zur Seite ab. In meinem Zustand brauche ich einige Zeit, bis ich merke, dass ich auf der Seite liege und nicht die Welt.
    Dieses Mal bin ich vorsichtiger, und setze mich langsam auf. Ich halte mich an einem jungen Baum fest und ziehe mich langsam hoch, als hinter mir etwas knackt. »Das war's dann wohl«, denke ich mir. Ich muss an Distrikt 12 denken, Mutter, Katniss, Butterblume und natürlich meine Ziege. Ich spüre den Drang zu weinen, aber es kommen einfach keine Tränen. Ich lasse mich auf meine Knie sinken und vergraben mein Gesicht in den Händen.
    Es knackt noch einmal, dann höre ich vorsichtige Schritte. Wer auch immer es ist, kommt nur zögerlich näher. Ich drehe meinen Kopf so weit, dass ich die Person sehen kann. Es ist ein Mädchen in meinem Alter, Rue. Ich glaube nicht, dass sie mich umbringen wird, aber wenn ich nicht bald Wasser bekomme, sterbe ich trotzdem.

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