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Achtung! Dies ist nur ein Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Andere Teile dieser Geschichte

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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 27

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27. Vorbereitungen und Abschiede
Erst als sein Körper mit einem dumpfen Aufprall zu Boden fällt, realisiere ich, was ich gerade getan habe und lasse das Messer fallen. Meine Finger durchzuckt es unruhig, als ich mich zu ihm hinunterbeuge und die Leere in seinen Augen wahrnehmen. So weit wollte ich nun wahrlich nicht gehen. Ich wollte ihn nicht umbringen, aber... hier liegt er nun, genauso wie Boromir auf dem Boden der Zelle gelegen hat, bevor Helendir ihm seine Gestalt gab. Mit aufgeschlitzter Kehle, glasigem Blick und Blut, das ihm aus dem Mund auf die hölzernen Dielen unter seinem noch warmen Körper tropft. Zwar sitzt mir der Schrecken tief in allen Knochen, aber nach einem langen Atemzug bin ich wieder halbwegs gefasst und stehe auf, um Verbandszeug zu holen und die Wunde zu reinigen. Er ist zwar tot, aber irgendwie muss ich ihn hinausschaffen, wenn ich nicht riskieren will, dass Sauron ihn hier aus Minas Tirith holen lässt. Mit einer Schale Wasser und einigen Tüchern komme ich zu ihm zurück. Etwas planlos betrachte ich seinen Leichnam und stelle die Sachen erst einmal neben seinem Körper ab. Wie um alles in der Welt soll ich ihn hier rausschaffen? Wenn überhaupt, dann muss es heute Nacht geschehen. Alles andere wäre zu riskant. Nur wie soll das gehen? Mein Blick schweift hinüber zum Messer, doch sofort schüttle ich wieder den Kopf. Es wäre zwar eine Möglichkeit – eine groteske Möglichkeit wohlgemerkt – ihn in Stücke zu schneiden und so die Stadt zu verlassen. Allerdings wird sein Fleisch so schneller verrotten und die Torwachen werden sicherlich kaum die Blutflecken unbeachtet lassen, die sich wohl oder übel auf den Beuteln sehen lassen würden, in denen ich ihn mitnehmen müsste. Ich ziehe die Leiche zur Wand hin, richte seinen Oberkörper auf und lege seine Beine so hin, dass er an die Wand gelehnt sitzen kann. Dann wasche ich ihm vorsichtig das Blut von Hals und Mund ab. Damit nicht noch mehr davon ausströmen kann, verbinde ich die Wunde so gut es geht. Langsam aber sicher wird seine Haut blasser. Seine leeren Augen liegen auf mir als würden sie jeden meiner Handgriffe genauestens beobachten, doch ich weiß, dass er tot ist. Eine weitere Möglichkeit ihn rauszuschaffen wäre vielleicht noch das Kanalsystem unter der Stadt. An der Westseite muss es zumindest einen Durchfluss geben, durch den wir hinausgelangen könnten. Nur... wäre es dann mit dem Pferd schwierig. Ich streife mir angespannt übers Gesicht. Das müsste ich dann ja auch noch heute Nacht besorgen. Ein tiefes Seufzen entkommt mir, als ich die bluttriefenden Tücher auswasche. Auch sein Oberteil ist durchtränkt von Blut. Zögerlich knie ich mich neben ihn zu Boden und knöpfe sein Hemd auf, jedoch traue ich mich nicht es ihm auszuziehen. Dieser Blick in seinen Augen schüchtert mich ein. Vielleicht... ist das Offensichtlichste auch das Beste in dieser Sache. Vielleicht sollte ich ihn einfach aufs Pferd setzen und so tun als würde er noch leben. Im Dunkeln wird es den Wachen ja wohl kaum auffallen können. Und eher würden sie jemanden aus der Stadt hinauslassen, als dass sie jemanden hineinlassen. Vorsichtig streife ich mit der Hand über seine Augen, um die Lider zu schließen. So fühle ich mich wenigstens nicht beobachtet, wenn ich ihm die verschmutzte Kleidung wechsle. Bevor ich ihm jedoch das Hemd ausziehe, fällt mir ein, dass es besser wäre ihm einfach ein anderes anzuziehen, anstatt dieses hier zu waschen und trocknen zu lassen. Irgendwo hier in der Nähe müsste doch auch Boromirs Zimmer sein. Da könnte ich mit Sicherheit etwas zum Wechseln für ihn finden. Also suche ich ihn nach seinem Zimmerschlüssel ab und stehe auf. Vorsichtshalber sollte ich mein Zimmer wieder abschließen, wenn ich hinausgehe, sonst könnte irgendjemand ja durch einen unglücklichen Zufall den leblosen Körper hier entdecken. Meine Hände zittern, als ich meinen Schlüssel von außen wieder ins Schloss stecke und ihn umdrehe. Es erstaunt mich selbst, dass mein Kopf noch halbwegs klar denken kann, gerade nachdem ich diesen Elb umgebracht habe. Die Abenddämmerung bricht durch einige Fenster in den Gang hinein und treibt mich zur Eile an. Nur wenige Türen weiter befindet sich Boromirs Zimmer. Eine dunkle Holztür grenzt es vom Gang ab und links neben dieser Tür spendet eine Wandlaterne warmes Licht. Ich lausche kurz, ob nicht irgendjemand in der Nähe sein könnte, schließe dann die Tür auf und husche rasch ins Zimmer. Sonderlich viele Erinnerungen habe ich an diesen Raum nun wirklich nicht. Er sieht auch nicht groß anders aus als mein eigenes Zimmer, aber eine drückende Stimmung geht von ihm aus, denn dieses Zimmer gehört einem Toten. Ein Schaudern durchfährt mich, doch ich ignoriere es und gehe direkt auf den hölzernen Schrank auf der anderen Zimmerseite zu. Als ich ihn öffne, bin ich erstaunt, denn für so ordentlich hätte ich meinen werten Bruder nicht gehalten. Sogar nach Farbe sortiert sind seine Kleider, doch das könnte wohl auch an den Bediensteten hier liegen. Mit Bedacht suche ich einige unauffälligere Kleidungsstücke heraus, die gut Helendirs Größe haben könnten – dabei achte ich besonders darauf, dass es auch welche sind, die nicht zu typisch für meinen Bruder sein würden, denn sonst könnten die Wachen mit Helendir sprechen wollen, in dem Glauben, er sei Boromir. Ganz wichtig ist auch ein Kapuzenmantel, denn seine Statur und sein Gesicht sollten besser nicht zu gut zu erkennen sein. Schon habe ich den Schrank geschlossen und die Sachen zur Tür gebracht, da fällt mir eine Karte auf, die auf dem alten Schreibtisch an der Fensterseite ausgebreitet liegt. Bruchtal ist dort markiert und einige Notizen, die den Weg dahin betreffen, liegen daneben. Meine Augen schweifen aber in Richtung Südosten, nach Mordor. Von Minas Tirith aus wäre der direkteste Weg wohl über Minas Morgul, doch damit brächte ich Frodo und Sam wohl oder übel in Gefahr. Eine andere Option würde über die Quelle des Poros führen, sehr weit im Süden liegt das. Da ist das Schattengebirge nicht so hoch, aber ich weiß nicht, ob es für Pferde passierbar ist, denn Wege gibt es dort sicherlich nicht. Außerdem wäre ich da mindestens bis zu drei Tage lang unterwegs und Helendirs Leichnam könnte zu verwesen beginnen. Die Möglichkeit von anderen Soldaten Mordors oder fremdländischen Söldnern aufgehalten zu werden, denen Helendir kein Begriff ist, mal außer Acht gelassen. Zwar wäre das bei jedem Weg möglich – auch beim dritten, der durchs Morannon führt – aber beim zweiten wäre es noch am wahrscheinlichsten. Die Gefährten werden später auch zum Morannon kommen, um Sauron von Frodo und Sam abzulenken. Fragt sich nur wann. Für eine ganze Weile betrachte ich die Karte, bis ich mich für letzteren Weg entschließe. Es ist nun mal der sicherste, wenn ich die beiden Hobbits nicht in Gefahr bringen möchte und selbst möglichst schnell nach Mordor gelangen will, denn zu Pferd würde dieser Weg kaum mehr Zeit in Anspruch nehmen als der Weg über Minas Morgul zu Fuß. Ein Seufzen entweicht mir. Natürlich nur, wenn es ein Pferd wie Shadow wäre. Ich schnappe mir wieder Boromirs Sachen und presse sie eng an mich. Sie riechen tatsächlich noch nach ihm. Ich blinzle rasch und vergrabe mein Gesicht in den Kleidern. Ich hätte Helendir nicht so viele intelligente und zugleich sadistische Züge zuschreiben sollen. Vielleicht wäre Boris dann noch am Leben. Ich weiß, ich weiß, in der ursprünglichen Geschichte ist er auch gestorben. Sogar schon viel früher. Aber... da war ich kein Charakter in dieser Geschichte. Da war ich nicht seine kleine Schwester. Er wollte mich beschützen und ich wollte ihn beschützen. Mag es Ironie des Schicksals sein: Wir sind beide daran gescheitert. Aber vielleicht gelingt es mir wenigstens Helendirs Leben zu erleichtern. Wenn ich auch die anderen Gefährten nicht beschützen kann, wenn ich auch alle anderen, die mir nahestehen, die mir wichtig sind, die mir etwas wert sind, nicht beschützen kann, so werde ich doch wenigstens einer Person helfen können. Sei es auch nur darin, sein Leben um ein Minimum erträglicher zu machen. Was ist dort in Rohan eigentlich geschehen? Nun, Helendir tat mir etwas ins Wasser, das eine lähmende Wirkung hatte, die das Bewusstsein jedoch in keinster Weise beeinträchtigt... Sofort schüttle ich den Kopf und gehe zur Tür. Es ist nicht gut sich an so etwas zu erinnern. Es ist nicht gut mit einem bedrückten Gemüt in eine Schlacht zu ziehen... Gerade als ich die Tür hinter mir wieder zuschließe, fällt mir Legolas ein. In Rohan schon wollte ich ihm die Wahrheit sagen, aber ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht. Seinen Brief habe ich immer noch bei mir, doch gelesen habe ich ihn kein weiteres Mal. Sowie er nicht an mich denken sollte, soll ich wohl besser auch nicht mehr an ihn denken. Aber... er wird erwarten mich nach dem Krieg immer noch lebend zu sehen. Gänzlich wird er mich nicht vergessen und ich habe nun ja selbst gesehen, was es mit ihm anstellen kann. Es ist nur eine kleine Hoffnung, dass er mich wirklich vergessen wird, wenn ich denn erst tot bin. Doch bevor ich sterbe, muss ich ihm die Wahrheit sagen. Dass ich mich dazu entschieden habe Helendir zu helfen, dass Boromir tot ist und dass wir uns nie wieder sehen werden. Zurück in meinem Zimmer lege ich die Sachen erst einmal aufs Bett und zünde eine Kerze an, denn es ist mittlerweile schon beträchtlich dunkler geworden. Falls es überhaupt möglich ist, so ist Helendirs Haut noch blasser geworden. Wie helles Wachs sieht sie inzwischen aus. Der Verband um seinen Hals ist beinahe vollkommen rot. Dunkelrot. Aber weiter blutet die Wunde nicht mehr aus. Vorsichtig richte ich seinen Kopf wieder gerade, denn er hat sich durch sein eigenes Gewicht zur Seite geneigt, als ich weg gewesen bin. Sein Mund steht offen, aber ansonsten sieht er aus als würde er gerade einfach nur tief und fest schlafen. Wo wohl sein Geist gerade sein mag? Obwohl... ist es eigentlich der Geist, der nach dem Tod weiterlebt? Oder vielleicht doch eher die Seele? Ein Unterschied ist das schon. Ein großer Unterschied, denn der Geist ist nur für das rationale und die Seele für das emotionale Denken zuständig. Zu oft werden Geist und Seele vermischt und ja, auch ich vermische die zwei viel zu häufig, auch wenn Rationalität und Emotionalität nicht einmal wirklich ähnlich sind. Es sind keine Gegensätze, das auf keinen Fall. Aber oft denkt man, dass es so ist. Ich schüttle den Kopf und schließe ihm behutsam, wenn auch zitternd, den Mund. Wahrscheinlich bringt man das häufig durcheinander, weil es transzendent ist. Weil man nicht genau weiß, was es ist. Was es auch sei, das nun von ihm gewichen ist, Sauron kann es ihm wieder zurückgeben und – nach seinem Gutdünken – auch heilen. Kaum nehme ich den Verband von seinem Hals, färben sich meine Fingerspitzen rot. Man sollte die Verletzung besser desinfizieren, aber hier an Wein, Schnaps oder anderen Alkohol zu kommen, kann schwierig werden, wenn ich niemandem Grund zum Misstrauen geben will. Außerdem weiß ich nicht einmal, ob das überhaupt noch etwas bringen würde. Seine Zellen sterben sicherlich schon ab und sein Blut zirkuliert ja nicht einmal mehr. Verheilen wird die Wunde so nicht. Ich begutachte kurz mein Messer, das neben ihm auf dem Boden liegt und winke schließlich ab. Sauber genug müsste es gewesen sein, damit keine Geschwüre oder ähnliches die Verletzung befallen und wenn es überhaupt einen Grund geben würde, der eine Desinfektion rechtfertigt, dann müsste Helendir eine Krankheit gehabt haben, die sich durch sein Blut übertragen lässt. Nachdem ich ihm noch einmals den Hals sauber gewischt und neu verbunden habe, entledige ich ihn der Kleidungsstücke, die vom Blut verschmutzt sind, und ziehe ihm die neuen an. Die, die er zuvor trug, gehörten ebenfalls Boromir. Er hat sie gegen die seinigen getauscht, nachdem er ihn in Edoras umgebracht hat. Auch sein Horn mit dem silbernen Mundstück hat er ihm genommen und genau dieses halte ich nun in meinen Händen. Mir fließen Tränen aus den Augen, als ich es betrachte. Es war dieses Horn, das mich in Parth Galen zu ihm geführt hat. Doch was nutzt es jetzt, dass ich es gehört habe? Nur um wenige Tage konnte ich die Zeitspanne seines Lebens verlängern. Tot ist er einstweilen sowieso. Ob ich wollte oder nicht, ich konnte ihm nicht helfen. Bevor ich wieder in Trauer um ihn versinke, lege ich das Horn auf mein Bett zu der Kleidung und stehe auf. Das dreckige Wasser muss ich noch irgendwo entsorgen und... ich sollte eine Nachricht schreiben. Zumindest für Legolas und wenn ich schon dabei bin am besten auch für Faramir. Er wird wissen wollen wo Boromir begraben ist. El weiß das eigentlich schon; dort an dem wilden Apfelbaum, wo er und Porthos mich gefunden haben. Noch einmal betrachte ich Helendir, wie er dort so liegt, so ruhig und friedlich. Würde man nicht wissen, was er bisher alles getan hat, so könnte man in ihm immer noch den einstigen Helendir aus Lórien wiedererkennen. Einen ehrenhaften, scharfsinnigen und begabten Elb, der seinem Land treu ergeben ist. Mein Blick bleibt an seinen geschlossenen Augen hängen. Völlig friedfertig sieht er aber auch nicht aus. In seinen Zügen steht Leid geschrieben, tiefes Leid und große Schmerzen. Schön muss er wohl ausgesehen haben, bevor dieses Elend ihn überkam. Zwar sieht er auch jetzt noch schön aus, wie man es von Elben eben kennt, aber anders als bei den Elben, die ich bisher getroffen habe. Während bei denen erfahrenes Leid ihr Gesicht mit Weisheit und Würde zeichnet, manifestieren sich Helendirs Qualen und durchströmen seine ebenmäßigen Züge als würden sie ihn auch jetzt noch quälen. Mit getrübten Gedanken wende ich mich von ihm ab und zünde eine weitere Kerze auf meinem Tisch an. Dort setze ich mich hin und krame Legolas' Brief heraus, um ihn wenigstens noch ein zweites Mal zu lesen, bevor ich ihn verbrenne. Mir wird eng ums Herz, als ich wieder seine feine Handschrift sehe und im schummrigen Kerzenlicht lese ich die Zeilen auf dem hellen Papier.

Meine liebe Elarras,
Du weißt, dass ich kein großer Poet bin. Auch das Schreiben fällt mir nicht immer leicht, aber wenigstens diese Zeilen möchte ich Dir schreiben, bevor ich nicht mehr an Dich denken darf. Dein Vertrauen in mich ehrt mich zutiefst und auch Deine Bedenken, ich würde mich nicht genügend ausruhen und mir selbst zu viele Sorgen machen, rührt mich. Verlass Dich ruhig darauf, dass ich mich darum bemühe Deine Ratschläge einzuhalten. Nur möchte ich auch Dich etwas bitten. Ich möchte Dich bitten, ehrlich zu mir zu sein. Zu sagen, was Dich bedrückt. Du hast es nicht leicht zurzeit und ich möchte nicht, dass Du daran zugrunde gehst, sei es auch etwas hart ausgedrückt. Du warst für mich schon immer ein seltsamer, aber gleichzeitig auch ein äußerst wertvoller Mensch. Du bist mir wichtig, Jenny. Und ist es denn nicht auch ein wenig selbstsüchtig immer nur anderen etwas Gutes tun zu wollen? Wie soll man da die Möglichkeit haben, Dir etwas Gutes zu tun und Dir zu helfen? Verzeih, ich bin müde. Vielleicht macht dieser Satz auch gar keinen Sinn, nur hat Éowyn mich ab dem siebten Satz alleine weiterschreiben lassen. Wie dem auch sei, so wie ich auf mich aufpassen soll, so sollst du auch auf dich aufpassen. Ja, wann wir uns wiedersehen ist noch ungewiss, aber wann es auch sein wird, versprich mir bitte, dass ich eine lebende Jenny wiedersehe. Mögest du auch sonst was angestellt haben, versprich mir doch bitte, dass du am Leben sein wirst und wenn es dir schlecht gehen wird, dass ich dir helfen darf.

In tiefster Verbundenheit
Legolas


Ich lege den Brief weg und merke, wie sich ein Schmunzeln auf meinem Gesicht ausbreiten will, zugleich aber auch eine Mischung aus Traurigkeit, Verzweiflung und Aggressivität sich in mir aufstaut. Seine Art zu schreiben lässt mich schmunzeln. Ohne Éowyn hätte er sicherlich kein einziges Du groß geschrieben. Ich habe diese kleine Formalität vergessen, als ich ihm schrieb, aber vielleicht ist es ihm ja nicht aufgefallen. Das Schmunzeln weicht dieser merkwürdigen Mischung aus Gefühlen, die immer ärger ansteigt und mich schließlich weinen lässt. Leise kullern die Tränen nur hinunter und ich verberge das Gesicht in meinen auf dem Tisch liegenden Armen. Ich kann es ihm nicht versprechen. Ich wollte ihm dort schon die Wahrheit sagen. Aber... ich brachte es einfach nicht über mich. Es bringt nichts zu weinen. Das habe ich mir schon öfter gesagt, nur weine ich lieber lautlos, als dass mich meine Wut über mein Versagen dazu treibt irgendetwas kaputtzuschlagen und aus undefinierbaren Impulsen Wände anzuschreien. Eine Antwort. Eine Antwort hat er mir geschrieben. Gleichzeitig aber auch eine Bitte. Und diese Bitte werde ich ihm nicht erfüllen können. Ein tiefes, zittriges Seufzen entkommt mir. „Bitte verzeih mir, El“, flüstere ich und sehe langsam auf. „Aber ich kann dir dieses Versprechen nicht geben.“ Ich nehme den Stift aus meinem Büchlein und ein leeres Blatt Papier. Mit zitternden Händen und nur langsam trocknenden Tränen schreibe ich. Und schreibe. Und schreibe. Bis mir alles von der Seele ist. Bis ich im kleinsten Detail beschrieben habe, was sich dort in Edoras abgespielt hat, bis ich das alles aufgeschrieben habe, was ich ihm noch nicht über Helendir gesagt habe, bis ich keine Worte mehr finde, außer: „Vergib mir, bitte. Und vergiss, dass ich je existiert habe.“ Mein Herz fühlt sich leichter an, als ich fertig mit dem Brief bin und ihn einstecke. Seinen Brief, den möchte ich nicht mehr bei mir haben. Ich könnte ihn nicht mit nach Mordor nehmen. Für einen langen Augenblick betrachte ich ihn noch einmal, die Schrift, die Worte, dann nehme ich das Blatt Papier vorsichtig in die Hand und halte es an die brennende Kerzenflamme, sodass es Feuer fängt. Für eine ganze Weile halte ich es zwischen meinen Fingerspitzen und beobachte wie sich das Feuer durchs feine Papier frisst, bis nur noch ein kleines Stück übrig ist. Das lasse ich auf den steinernen Boden fallen, damit es weiterbrennen kann, bis das Feuer von selbst erlischt. Legolas ist fort. Und wir werden uns nie wiedersehen. Ich werde auch meine Waffen hierlassen. Hier, in diesem Zimmer. Zu groß wäre das Risiko, dass sie mich wieder an ihn erinnern. Auch den Dolch werde ich lassen, aber dafür werde ich mir eine andere Waffe suchen müssen. Wenigstens ein Messer, um auf dem Weg nach Mordor nicht gänzlich wehrlos zu sein. Immer noch hängt mein Blick an dem verbrannten Stück Papier auf dem Boden, da spüre ich einen sanften Druck auf meiner Schulter und stehe mit einer prompten Umdrehung auf. Sofort stoße ich denjenigen hinter mir gegen die nächste Wand und presse ihn dagegen. „Wie seid ihr hier hineingekommen?“, zische ich ihn an, lasse ihn aber sofort wieder los, als ich sein Gesicht wiedererkenne. „Du hast die Tür nicht abgeschlossen und wo wir schon mal dabei sind, du bist doch wahnsinnig“, flüstert er, als er sich die Schläfen reibt und seinen Kopf schüttelt. Ich werfe ihm nur einen skeptischen Blick zu und stecke meinen Stift wieder in den Umschlag des Büchleins ein. „Hast du gelauscht?“, frage ich, woraufhin er zögerlich den Kopf schüttelt. „Nicht direkt“, antwortet er und geht sofort zur anderen Bettseite, wo er auf Helendir zeigt, während ich rasch die Kerze auspuste. „Aber ich kenne dich, ob du willst oder nicht und beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, warum du dein Zimmer abschließt, auf Boromirs Zimmer gehst und dort Sachen von ihm nimmst, um sie wieder auf dein Zimmer zu bringen.“ Er geht einen Schritt zurück und stolpert gegen die Schale mit dem blutigen Wasser, das nun auf den Boden schwappt. Sofort weicht er einige Schritte nach hinten und starrt auf die dunkle Lache die unendlich langsam versucht ins Holz zu sickern. „Was ist hier geschehen, Anny?“, fragt er mit hörbar zurückgehaltener Aufregung. „Wer ist das und was tut er in deinem Zimmer?“ Ich stehe auf, ohne meine Miene zu verziehen und wische das Wasser vom Boden so gut es geht. Es wundert mich nicht wenig, dass er hier ist, aber mir soll's recht sein. Alles werde ich ihm nicht erklären können. Er weiß ja schon einiges, doch es fällt mir trotzdem nicht wirklich leicht zu antworten und ein tiefes Seufzen entfährt mir. „Um das alles zusammenzufassen: Das ist Helendir, derjenige, der wollte, dass du mich tötest, er hat eine gespaltene Persönlichkeit und die Aufgabe mich zu Sauron zu bringen – deshalb wollte er lieber, dass ich sterbe, weil er selbst es nicht schafft, mich in Sicherheit zu bringen –, Sauron hat ihm dann versprochen von dieser mentalen Störung befreit zu werden – unmöglich, wenn du mich fragst, aber was weiß ich schon? –, dafür muss Helendir mich aber zu ihm bringen und ich muss bei halbwegs gesundem Verstand einwilligen ihm zu dienen, ansonsten kann er nichts mit mir anfangen, mittlerweile bin ich damit einverstanden, aber nur wenn er Helendir auch wirklich hilft und... deswegen muss ich jetzt nach Mordor, Helendir war leider im falschen Moment etwas aufdringlich, deswegen habe ich ihn umgebracht, aber das ist nicht weiter schlimm, weil Sauron ihn wieder zum Leben erwecken kann, nur muss ich ihn jetzt mit nach Mordor nehmen und das wird sich wohl als nicht so einfach erweisen und wenn ich ihn hierlasse, wird Minas Tirith ein noch verlockenderes Angriffsziel, deswegen brauche ich deine Hilfe.“ Das ist ein sehr langer Satz gewesen. Aber er fasst tatsächlich ganz gut diese ganze Geschichte zusammen, auch wenn ich jetzt erst einmal nach Luft schnappen muss. Nethos schaut mich nur kopfschüttelnd an. Es will mir nicht einleuchten, warum er gerade hier oben ist, aber es wird immer dunkler und ich muss mich wirklich beeilen, wenn ich noch vor Morgengrauen aus der Stadt raus will. „Wenn ich dir helfe“, wirft er ein, „würde ich dann nicht auch Sauron helfen?“ „Sieh es wie du willst, aber im Prinzip hilfst du damit auch einem Elb von Leiden loszukommen, die er schon seit hunderten von Jahren mit sich trägt. Und mir hilfst du gleichzeitig wieder gutzumachen, was ich an ihm verbrochen habe.“ Den letzten Satz wird er wohl kaum verstehen, denn von der Geschichte weiß er nichts und niemand in ganz Mittelerde wird je etwas davon wissen, außer Helendir, Haldir, Galadriel und Celeborn. Kein anderer weiß davon, wenn sie es nicht weitergesagt haben. Selbst Legolas wird es nicht wissen, denn in dem Brief steht kein Wort davon und wenn ich es ihm nicht persönlich sagen kann, dann ist es besser, wenn er es überhaupt nicht weiß. Ich stehe mit der Schüssel und den Tüchern in der Hand auf und gebe sie Nethos. „Und falls es dir schon entfallen ist, du wolltest mich umbringen.“ Es ist gemein ihn so zum Helfen zu bewegen. Aber in der jetzigen Lage schert es mich nicht, ob ich ihn mit vernünftigen Argumenten dazu bringen kann oder manipulative Maßnahmen wie das Reziprozitätsgesetz anwenden muss. Er nickt stumm, kann seine Augen aber immer noch nicht von dem Toten abwenden. „Hast du es dir wirklich gut überlegt?“, fragt er zögerlich, als ich die verschmutzten Sachen und das Horn nehme und die Tür ansteuere. Ich schaue zu ihm zurück und nicke. „Verbrenn die Tücher am besten. Und... wenn du mir nur dabei helfen willst, dann sei es. Geh dann wieder, aber sag bitte niemandem etwas davon.“ Schnell bin ich wieder in Boromirs Zimmer und lege die Sachen und das Horn auf sein Bett. Es wird zwar deutlich genug sein, um den anderen zu verstehen zu geben, dass er tot ist, jedoch steche ich mein Messer etwa an der Stelle in die Karte auf dem Tisch, wo ich Boromir begraben habe, bevor ich das Zimmer verlasse. Faramir wird das schon verstehen. Das Messer spricht deutlicher als jeder Brief, den ich ihm schreiben könnte und ich möchte nicht das Risiko eingehen, dass so ein Brief noch in die falschen Hände gerät. Die Frage ist jetzt nur, wie soll Legolas den Brief erhalten? Als ich zurückkomme, ist Nethos nicht mehr da. Die Schüssel mit den Tüchern hat er mitgenommen. Wenigstens dabei hat er mir geholfen. Dann muss ich jetzt wohl diesen Elb hinausschaffen und zumindest meinen Mantel anziehen. Er ist schwarz und warm genug, um mir die Winterkälte vom Leib zu halten, also benötige ich nicht unbedingt weitere dunkle Kleidung, um unbemerkt reisen zu können und auch keine neue wärmere Kleidung, denn ich habe noch die Sachen an, die mir Arwen damals in Bruchtal gebracht hat und selbst ohne Mantel würden die mich ausreichend warmhalten. Ich streife mir mit der Hand übers Gesicht und schüttle den Kopf. Es erscheint mir fast schon schlimmer nach Mordor zu müssen, ohne dass Helendir am Leben ist. Aber ich muss. Also gehe ich zu ihm, stütze ihn hoch, lasse ihn dann aber sofort aufs Bett zurücksinken. Er ist zu schwer für mich allein. Trotzdem muss er hinausgeschafft werden, koste es was es wolle. Mein Blick schweift zum Fenster, doch das wäre wahnsinnig. Der Höhenunterschied von der siebten zur sechsten Ebene ist viel zu groß, als dass ich ihn auf die untere Ebene hinunterlassen könnte. Weiter müsste ich ihn ja nicht tragen, denn auf jener Ebene befinden sich auch die Pferdestallungen, nur... muss ich wohl einen anderen Weg suchen. An den Wachen müssten wir auch noch vorbeikommen und wenn ich noch länger warte, setzt bei ihm schon die Leichenstarre ein. Sein Kiefer fällt wieder nach unten und hält sich nicht mehr von selbst oben. Das ist nicht wirklich hilfreich. Rasch suche ich das Zimmer nach einem Seilstrick oder ähnlichem ab, als mich leise tapsige Schritte aufmerken lassen. Kurz darauf spüre ich wie etwas meine Schienbeine berührt, dann ertönt ein leises Kläffen. Porthos. Mit einem erleichterten Lächeln knie ich mich zu ihm hinunter und schließe ihn in die Arme. Er schleckt mir über die Wangen, sodass ich trotz allem leise lachen muss. Mensch, wie konnte ich diesen Wolf nur vergessen... Er muss aber in der Stadt bleiben. Mordor ist kein Ort für ihn. Vorsichtig kraule ich ihn am Hals und richte seinen Kopf so, dass er mir in die Augen schaut. „Hör zu“, flüstere ich mit ernstem Ton. „Wir werden heute Nacht fortgehen, Helendir und ich. Du und Shadow, ihr müsst hierbleiben. Faramir wird wissen wie er sich um Shadow zu kümmern hat und wenn du magst... dann folge ihm ruhig. Aber bevor du ihm folgst“, ich schaue mich wieder im Zimmer um, finde aber nicht das, was ich suche und lege schließlich meine Halskette ab, „wärst du so lieb und würdest Legolas eine Nachricht überbringen, wenn er hierherkommt?“ Porthos sieht mich schief an, legt dann aber erwartungsvoll seine Vorderpfoten in meinen Schoß und wartet, bis ich den Brief aus meinem Büchlein nehme, ihn zusammenrolle und auf zwei Seiten der Rolle ein kleines Loch hineinsteche, durch das gerade so die feine Kette passt. Dann lege ich das Kettchen um seinen Hals und schließe den Verschluss. Nochmals schaue ich ihn bittend an. „Würdest du das für mich tun?“ Er jault gedämpft und schmiegt sich wieder an mich. Nur ein Seufzen entkommt mir. Wenn ich denn die Möglichkeit hätte, dann würde ich all das, was ich geschrieben habe, zumindest alles was Helendir betrifft, einfach ungeschehen machen. Ich will Porthos nicht hierlassen müssen. Auch Shadow nicht. Aber genauso wenig will ich, dass sie meinetwegen in Gefahr geraten. Und auch wenn Porthos nur ein Wolf ist, möchte ich mir doch wenigstens einbilden, dass er das versteht. Ein trübseliges Lächeln erscheint auf meinen Lippen, als ich aufstehe und ihn ein letztes Mal am Kopf kraule, dann muss ich mich wieder um Helendir kümmern. Es wird verdammt schwer sein, ihn lebendig aussehen zu lassen. Selbst für einen Betrunkenen würde er zu lebensunfähig wirken. Seine Hände werden schon langsam rot vom abgesetzten Blut und der Kiefer wird erst nicht mehr hinunterfallen, wenn er selbst starr wird. Vielleicht sollte ich es noch offensichtlicher machen. Keine der Wachen wird auf die Schnelle nachprüfen können, woran er gestorben ist, wenn sie die Schnittwunde nicht sehen, also könnte ich auch behaupten, er wäre ein Seuchenopfer und müsse daher außerhalb der Stadt verbrannt werden, damit sich keine Krankheit in Minas Tirith ausbreitet. Warum eigentlich nicht? Warum habe ich nicht zuerst daran gedacht? Dann muss ich ihn aber zumindest irgendwie einpacken. Wo also kriege ich Stoffsäcke her, die groß genug für ihn sind? Ein hartes Klopfen schreckt mich aus den Gedanken. Bevor ich zur Tür gehe, rolle ich den Leichnam zu der Seite, die von der Tür aus nicht gesehen werden kann, hinunter und schaue nervös zu ihm hin. „Eruanne“, höre ich es von draußen, „öffne auf der Stelle die Tür!“ Das ist Gandalfs Stimme und er scheint nicht gerade gut aufgelegt zu sein. Wenn ich nicht noch verdächtiger wirken will, sollte ich die Tür besser schnell aufmachen, doch meine Hände zittern, als ich den Schlüssel ins Schloss stecke. Kaum schaffe ich es, sie endlich zu öffnen, tritt Gandalf ein und zieht Nethos hinter sich her. „Kennst du diesen Burschen?“, fragt er nach und wirft mir einen durchdringenden Blick zu. Ich möchte lügen, aber meine Zunge wird schwer, als ich die Beschämung in Nethos' Gesicht sehe, sodass ich nur ein seufzendes Nicken zustande bringe. Früher oder später würde der Istari eh erfahren, was hier geschehen ist, warum also sollte ich noch versuchen es vor ihm zu vertuschen? Gandalf lässt den verlegenen Jungen neben mir stehen und geht einige Schritte im Zimmer umher. Seine Augen blitzen unter den buschigen Brauen hervor, als er den toten Elb neben meinem Bett vorfindet. Kopfschüttelnd setzt er sich und denkt nach, während ich Nethos fragende Blicke zuwerfe. Dieser schaut nur zu Boden und erwidert leise: „Er hat mich auf dem Weg erwischt.“ Just in diesem Moment winkt Gandalf mich zu sich und deutet hinüber zu dem Leichnam. „Warst du es oder er selbst?“ Auch wenn es mir unangenehm zu sagen ist, antworte ich wahrheitsgetreu. „Du weißt, was du damit angestellt hast, nicht wahr?“ Zögerlich nicke ich. „Ich werde ihn aber aus Minas Tirith hinausschaffen, wenn du mich nur lässt, Gandalf.“ „Aus Minas Tirith ist nicht genug. Wenn Sauron auf der Suche nach dir ist, wird er rasch darauf schließen, dass du dich hier aufhältst.“ „Deswegen werde ich ihn auch nach Mordor bringen.“ Er hebt den Blick und sieht mich eine Zeitlang prüfend an, schüttelt dann aber den Kopf. „Es ist zu riskant, Eruanne. Solange wir nicht wissen, warum er überhaupt auf der Suche nach dir ist, solltest du dich besser nicht in seine Nähe wagen.“ „Wieso nicht wissen?“, werfe ich sofort ein. „Ich weiß, warum er mich sucht. Er will wieder dazu fähig sein Schönes zu erschaffen und nachdem er daran gescheitert ist Helendir diese Fähigkeit zu nehmen, ist seine Wahl auf mich gefallen, nur muss ich ihm darin freiwillig dienen. Habe ich ihm gegenüber nicht alle Verhandlungsmacht der Welt damit?“ „Nur solange bis er dich foltern lässt.“ „Das wird er nicht wagen. Er weiß, wer auf meiner Seite steht und dass ich eher sterben würde, als mich ohne triftigen Grund auf das Böse einzulassen.“ „Wenn dein Glaube nur so stark wie deine Worte wäre...“ „Und selbst wenn er es nicht ist! Ich bin es Helendir schuldig, dass ich ihn zurückbringe. Sauron hat ihm versprochen diese mentale Störung wegzunehmen, wenn er mich zurück nach Mordor bringt. Zwar bezweifle ich, dass er das kann, aber einen Versuch ist es wert und nicht nur das. Solange Sauron mit Helendir und mir beschäftigt ist, kann er nicht auf Frodo und Sam achten.“ „Sag seinen Namen nicht so laut! Dennoch, ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Es würde dein Tod sein.“ „Das Opfer werde ich wohl bringen müssen. Aber zumindest hätte ich damit dann meine Schuld gegenüber Helendir beglichen.“ Gandalf schweigt für eine Weile und schaut wieder zu dem Toten hinüber. Die Sekunden, die währenddessen an uns hinüberschleichen, scheinen mir endlos. Wenn ich ihn denn wirklich hinausschaffen soll, dann besser so bald wie nur irgend möglich. Jedoch kann ich Gandalfs Bedenken auch irgendwo verstehen. „Ich weiß, Frodo und Sam müssten so schnell wie möglich zum Schicksalsberg gelangen, wenn es ihm wirklich gelingt wieder Schönes zu erschaffen, aber... wenn Galadriel dir erzählt hat, warum ich wirklich hier bin, dann müsstest du eigentlich verstehen, warum ich Helendir nicht im Stich lassen kann.“ Ein subtiles Nicken lässt sich bei ihm sehen, doch an seiner Stimme erkennt man, dass er sich immer noch nicht wirklich mit diesem Gedanken anfreunden will. Nethos starrt nur die ganze Zeit zwischen uns hin und her, nicht wirklich wissend, ob er was zu dieser Sache sagen sollte und wenn ja, was er denn sagen sollte. „Ich werde dir helfen ihn aus der Stadt zu bringen“, meint der Istari schließlich. „Aber weiter werde ich dich nicht begleiten können. Nicht zuletzt, da Boromir nun offensichtlich tot ist.“ Nethos hat ihm also doch so einiges erzählt. Jedoch muss ich gestehen, dass die Erleichterung über Gandalfs Worte gerade größer ist. „Könntest du ihn alleine tragen, wenn es nötig wäre?“, fragt er. Da muss ich betreten den Kopf schütteln. Zugleich wirft Nethos aber ein: „Man könnte ihn ausbluten lassen. Dann wäre er wohl um einiges leichter, nicht?“ Etwas unsicher schaut er zuerst zu mir, dann zu Gandalf. Dieser geht zu Helendir hin, nimmt ihm den Verband vom Hals und begutachtet die Schnittstelle. Dann legt er den Verband wieder an, geht zur Tür und sagt im Hinausgehen noch: „Kümmert ihr beiden euch darum. Ich werde derweil alles andere regeln.“ So geschieht es auch. Nethos führt Porthos und mich zu einem Lagerraum, wo wir einige kräftige Seile herbekommen, gehen zurück ins Zimmer, binden zuerst Helendirs Arme fest an seinen Oberkörper und befestigen ein zweites Seil schließlich so, dass wir ihn gut kopfüber von der Decke hängen lassen können. Allerdings müssen wir ihn dazu aus dem Raum hinaustragen, zumal sich in meinem Zimmer weder ein Haken noch ein sichtbarer Stützbalken für die Decke befindet. Porthos folgt uns auf dem Fuße und ist uns sogar eine recht große Hilfe dabei, ungesehen an manchen Wachen vorbeizukommen, während wir zur nächsten Speisekammer schleichen. Dort angekommen verriegelt Nethos sofort die Tür hinter uns, bevor wir den Leichnam weiter in den hinteren Teil des Raumes tragen und dort behutsam zu Boden lassen. „Wir brauchen einen Eimer oder eine Schüssel oder so“, sagt er zu mir, während er sich daran macht einige große Fleischstücke, die von einem massiven Holzbalken an der Decke zum Trocknen herunterhängen, von ihren Haken zu nehmen und auf einen Tisch zu legen. Die Haken werden nicht stabil genug sein ein so großes Gewicht wie diesen Elb zu tragen, aber der Balken ist es allemal. Ich nicke Nethos zu und suche den Raum ab. Neben zahlreichen getrockneten und eingelegten Lebensmitteln, Kartoffeln, Mehl, Öl und Alkohol finde ich einige leere Behältnisse und bringe sie zu ihm. Keines davon wird mehr als zweieinhalb Liter fassen können, aber wenn wir sie abwechselnd unter ihn stellen, wird das schon genügen. Als das ganze Fleisch weg vom Balken ist, wirft Nethos das lose Ende des Seils, dessen anderes Ende um Helendirs Beine geschlungen und befestigt ist, über den Tragebalken und zieht an. Ich richte den Leichnam so, dass Nethos ihn gut hochziehen kann und drücke ihn ebenfalls hoch. Das Blut fließt langsam in seinen Kopf hinab und durchtränkt den Verband am Hals. Mühsam stemme ich ihn an seinen Schultern nach oben, während Nethos das Seil weiter unten befestigt, um es nicht mehr ziehen zu müssen. Da fließt das Blut auch schon durch den Verband hindurch und tropft mir aufs Haupt. Bevor ich Nethos bitten kann, ein Gefäß rüberzureichen, schiebt Porthos mit der Schnauze eine große Schale unter seinen Kopf. Als das Seil befestigt ist, lasse ich Helendir los und nehme den durchbluteten Verband von seinem Hals. Ein breites Rinnsal an dunklem Blut fließt durch die Schnittstelle, über Gesicht und Haar, hinein in die Schale, die nach kaum einer Minute randvoll ist. Ich halte eine weitere Schale unter das rote Bächlein und schiebe die andere zur Seite, sodass ich die zweite abstellen kann. Die dritte Schale wird gerade einmal halbvoll und etwas Blut ist noch in seinem Kopf zurückgeblieben, aber ansonsten könnten es gute fünf-sechs Liter sein, die im entwichen sind. Und das in kaum mehr als fünf Minuten. Nur noch vereinzelte Tropfen träufeln über seinen nunmehr blutüberströmten Haarschopf, der einmal silberblond gewesen ist, und lassen kleine Kreise auf der Oberfläche des gesammelten Blutes entstehen. Nur kurz überlege ich, dann winke ich Nethos zu mir her. „Hast du ein Messer dabei?“, frage ich leise. Er schüttelt halb den Kopf, nickt halb und holt schließlich ein kurzes Schwert, das etwa einen halben Meter lang sein dürfte, unter seinem Mantel hervor. „Was hast du damit vor?“, fragt er, als ich es nehme und mich neben die halbvolle Schüssel hinknie. „Er ist noch nicht vollkommen blutleer“, erwidere ich nur, nehme zuerst sein Haar in die Hand und schneide es so weit wie möglich ab, damit es sich nicht noch mehr mit dem Blut vollsaugt. Dann öffne ich einige weitere kleinere Äderchen an seiner Kopfhaut, durch die wieder ein wenig von der dunklen Flüssigkeit hinabtropft. „Wärst du so lieb und holst Tücher, Wasser und eine Schale mit Wein oder Essig? Bitte?“, frage ich Nethos und schaue zu ihm auf. Eine leichte Fassungslosigkeit macht sich in seinen Zügen breit, als ich ihn so ruhig ansehe, aber er nickt langsam und macht sich wieder auf den Weg. Es dauert ein wenig, bis er wieder zurückkommt. Die Schale ist nun voller und es kommt kaum noch etwas aus den geöffneten Adern heraus, sodass ich mich daran machen kann, das Blut von seinem Gesicht fortzuwischen. Als Nethos die Schale mit Wein neben mir abstellt, bedanke ich mich kurz, tauche eines der Tücher in den Alkohol und reinige damit dann das Schwert, um es wenigstens halbwegs zu desinfizieren. Während Nethos das Blut entsorgt, säubere und desinfiziere ich Helendirs Haut und wasche ihm das restliche Blut aus den Haaren. Ganz sauber werden sie nicht, aber doch weitestgehend und das ist schon gut genug. Als Nethos zurückkommt, um auch das dreckige Wasser hinauszubringen, grummelt mein Magen. Ein wenig skeptisch schaut er mich an, fragt dann aber: „Wann hast du zuletzt gegessen?“ Daraufhin winke ich ab und reiche ihm das Kurzschwert wieder. „Heute Mittag. Wir müssen ihn wieder in mein Zimmer schaffen. Gandalf wartet sicher schon.“ Doch Nethos schüttelt den Kopf, stellt den Holzeimer mit dem Wasser zur Seite und bedeutet mir ihm zu folgen. „Proviant wirst du auch noch brauchen. Den können wir gleich hier holen.“ Damit hat er allerdings recht. Mit einem unterdrückten Seufzen stehe ich also auf und gehe ihm nach. Er drückt mir ein Stück Brot und geräuchertes Fleisch in die Hand und bittet mich es zu essen. Nur zögernd folge ich dieser Anweisung, während er zwei kleinere Leinenbeutel holt und darin Getrocknetes für meinen Weg einpackt. Als er die Beutel geschlossen hat und neben mir ablegt, sieht er mich mit einem nachdenklichen Ausdruck im Gesicht an. „Fehlt noch etwas?“, fragt er schließlich. Ich schlucke das letzte Stückchen Brot hinunter und gehe mit einem Nicken an ihm vorbei zu einem Wasserbottich. Sofort begreift er und holt zwei Wasserschläuche her. Die füllen wir schnell auf und legen sie neben die Proviantbeutel, dann will ich ihm wieder das Schwert zurückgeben, doch er lehnt ab. „Hast du überhaupt Waffen, um dich zu verteidigen, falls irgendwas passiert?“ „Das ist nicht nötig“, wehre ich ab, Nethos aber schüttelt den Kopf, woraufhin ich noch einmals betone: „Nein, wirklich. Das braucht es nicht.“ „Braucht es nicht, braucht es nicht, wenn es nach dir ginge, würdest du ohne jegliche Vorbereitung in jedes noch so weite orkverseuchte Land reiten. Wo ist denn das Messer, dass deine Brüder dir schenkten?“ Für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm sagen sollte, dass ich bei nächster Gelegenheit einen Ork überfallen könnte, um ihm Rüstung und Waffen zu nehmen, was vielleicht gar nicht einmal so dumm wäre, aber ich erwidere nur: „Es ist das offensichtlichste Zeichen dafür, dass Boromir tot ist. Ich will nicht noch mehr Ungewissheit anrichten als nötig. Und ich kann mich auch gut ohne Waffen verteidigen.“ Mit einem bitteren Schmunzeln schiebt er meine Hand, die noch immer sein Schwert hält, zurück. „Es ist nur mein altes Kurzschwert“, sagt er. „Du kennst es bereits und ich glaube, du kannst es mittlerweile ein wenig besser führen als früher. Nimm wenigstens das mit. Tu mir den Gefallen.“ Ich zögere zwar, nehme dann aber doch die Waffe an mich und stecke sie in die Halterung, in der sich sonst eigentlich immer mein Degen befindet. „Danke“, sage ich leise. Er schaut zu mir hinüber und nickt mit einem verhaltenen Lächeln. „Das ist ja wohl das Mindeste. Aber... was machen wir mit diesem Wolf?“ Daraufhin zucke ich mit den Schultern. Er zieht einen Mundwinkel nach oben und wirft Porthos einen prüfenden Blick zu. „Was hat er da eigentlich am Hals?“ „Eine Nachricht, die er einem bestimmten Freund geben wird.“ „Der da wäre?“ Eigentlich möchte ich nicht daran erinnert werden, aber Nethos könnte mir gut dabei helfen, dass Legolas die Nachricht auch wirklich bekommt und dass Porthos die nächsten Tage hier überlebt. Also antworte ich: „Ein Elb aus dem Waldlandreich im Nordosten. Von Hohem Wuchs, blond, blauäugig, wirkt vielleicht ein bisschen arrogant auf dem ersten Blick, hat aber eigentlich ein Herz aus Gold. Legolas Grünblatt heißt er, falls du's genau wissen möchtest. Er wird in ein paar Tagen mit einigen Waldläufern, einem Zwerg und einigen Rohirrim hier eintreffen.“ Mehr möchte ich nicht sagen. Er fragt auch nicht weiter nach, sondern erwidert nur: „Dein Wolf wird schon nicht verhungern, darum kümmer ich mich.“ Ein weiteres Dankeschön will mir über die Lippen, aber mehr als ein Nicken bringe ich nicht zustande. Wir müssen hier auch schon langsam raus, also deute ich mit dem Kopf zu Helendir hinüber, gehe zu der Seite, an der das eine Seilende befestigt ist, und löse den Knoten, den Nethos dort gebunden hat. Er selbst schiebt zuerst den Wassereimer beiseite und stützt dann den leblosen Körper so wie ich es zuvor getan habe, damit er nicht zu abrupt zu Boden fällt. Langsam lassen wir ihn hinunter; er ist tatsächlich ein wenig leichter geworden, aber trotzdem immer noch zu schwer, als dass ich ihn ganz alleine tragen könnte. So gut es geht, packen wir den Leichnam in einige grobe Leinensäcke ein und schnüren sie fest zu. „Nimm den Proviant“, spricht Nethos dann zu mir und hebt den Elb über seine Schulter. Zwar kann er ihn auch nur gerade so noch tragen, aber immerhin kann er das, also tue ich wie mir geheißen, gehe zur Tür und entriegle sie. „Was ist mit dem Eimer und dem Fleisch?“, flüstere ich ihm zu, als er bereits an mir vorüber nach draußen geht. „Es wäre zu auffällig wenn wir alles hier so lassen.“ Nethos stockt kurz, meint dann aber: „Darum kümmer ich mich später. Wir müssen jetzt weiter.“ Hoffentlich vergisst er das nicht. Doch die Zeit ist in der Tat gerade knapp, Gandalf wartet sicher schon, die Frage ist nur, wo? Zur Sicherheit schlagen wir zuerst den Weg auf mein Zimmer ein, treffen den Istari aber auf dem Gang davor, woraufhin er uns sofort anweist ihm zu folgen. Wir beeilen uns an den Wachen vorbeizukommen, ohne ein Wort zu sprechen. Das wird Gandalf wohl geregelt haben, wie auch immer er es angestellt haben mag. Eine Ebene weiter unten vor den Stallungen wartet ein schwarzes Pferd, das jedoch nicht Shadow ist, auf uns. Daneben steht nicht nur zu meinem sondern auch zu Nethos' Erstaunen Fildis und hält es am Halfter fest. Zwar setzt ihr Bruder zum Reden an, doch Gandalf unterbricht ihn rasch mit der Begründung, dass Eile geraten sei, wenn ich noch vor Morgengrauen hinter den Grenzen des Pelennor sein will. Fildis beruhigt das Pferd, solange Nethos und ich den Toten hochhieven und festbinden. Eigentlich hätten wir es uns auch einfacher machen können. Hat Helendir nicht schon früher einmal versucht, sich das Leben durch Verbrennen zu nehmen? Auch da hat Sauron ihn wieder zusammenstückeln können. Wenn ich ihn verbrannt und seine Asche einfach mitgenommen hätte, dann würde das alles viel unkomplizierter sein. Aber dann könnte es auch sein, dass mir die Orks nicht glauben würden, falls sie mich auf dem Weg aufhalten werden. Mein Kopf schwirrt schon davon. Ich will einfach nur raus hier. Der Mond ist nicht zu sehen. Auch die Sterne dringen nicht durch die dichte Wolkendecke und alles um uns herum versinkt in dem pechschwarzen Mantel der Nacht. Fildis hat das Pferd gesattelt und gezäumt, in den Reittaschen befinden sich mehrere Tücher zum Verbinden von Wunden, ein Seil und eine warme Wolldecke, doch so wie es aussieht, werde ich die Decke nicht brauchen. Der Mantel ist mir warm genug und wenn ich die ganze Zeit über in Bewegung bleibe, kann mir die Kälte kaum etwas anhaben. Ich bedanke mich bei ihr und zum wiederholten Male auch bei Nethos und Gandalf, nachdem ich die beiden Wasserschläuche und Proviantbeutel ebenfalls in den Taschen verstaut habe. In den Augen meines alten Freundes stehen Sorgen und Zweifel. Verwunderlich ist es ja nicht, das Risiko, dass irgendetwas schiefläuft, besteht nun mal und ist dazu noch recht groß. Aber... sei es auch nur meine eigene Überzeugung, dass ich Helendir etwas schulde, wenn ich dadurch ein reines Gewissen habe – sei es auch nur für wenige Minuten vor meinem Tod – und wenn die anderen dadurch weniger Probleme haben werden, dann ist es die Mühe wert gewesen. Ein knappes Lächeln fliegt über meine Lippen, als wir uns voneinander verabschieden. Bis zu dem äußersten Tor begleitet Gandalf mich mit Schattenfell, doch von da an muss ich alleine weiter. Porthos bleibt bei den beiden Geschwistern sitzen und schaut uns bedrückt hinterher, bis wir Richtung Stadttor einlenken und schneller reiten. Ich will nur noch fort von hier und das alles endlich hinter mich bringen. Flehenden Blickes schaue ich gen Himmel. Ich habe Angst davor, dass irgendetwas schiefläuft, dass die Wachen misstrauisch werden, dass Porthos nicht gehorcht, dass Helendir verrottet, bevor ich überhaupt die Grenzen des dunklen Landes überschritten habe. Angst vor dem Versagen. Kaum ist das erste Tor in Sichtweite schlägt mir das Herz bis zum Hals, aber entgegen meiner Erwartungen werden wir komplett unbehelligt durchgelassen. Auch bei den nächsten Toren fragt keiner nach, warum wir einen eingepackten Körper mit uns führen, also dauert es nicht lange, bis wir die Mauern hinter uns lassen. Bevor der Istari allerdings zurückgeht, hält er mich noch kurz zurück. „Merke dir“, mahnt er mit eindringlichem Ton, „der leichteste Weg ist nicht immer der beste.“ Ein Schmunzeln erscheint auf meinen Lippen und ich nicke. Mir muss er das nicht sagen. Dann kehrt er um und ich lenke meinen Weg erst einmal nach Südosten, bis die Stadtwache mich nicht mehr sehen kann. Es ist genauso neblig, wie am Morgen und das Pferd unter mir verschwindet beinahe in der Dunkelheit. Gehorsam ist es zum Glück. Wäre es störrisch, dann wüsste ich nicht, ob ich es wirklich sicher bis nach Mordor schaffen könnte. Nach einer guten Viertelstunde lasse ich es in einen scharfen Galopp fallen und lenke weiter Richtung Norden, Richtung Osgiliath. Zurückschauen möchte ich nicht. Die Stadt wird eh im schwarz-silbernen Nebel der Nacht versinken und kaum mehr zu erkennen sein. Und vermutlich tue ich besser daran alles, was jetzt hinter mir liegt, zu vergessen.

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