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Achtung! Dies ist nur ein Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Andere Teile dieser Geschichte

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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 23

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23. Das Böse zerstört sich am Ende immer selbst
Die ganzen nächsten Nächte lang bleibt Legolas in eben diesen Gedanken versunken, sodass er seinerseits am heutigen Morgen müde ist. Der Morgen, an welchem die Gefährten aus Isengard zurückkehren sollten. Eruanne hat zum dritten Mal in Folge durchgeschlafen und wacht erst auf, als die Sonne über den Rand des Horizonts hinausschaut. Mit einem ermatteten Lächeln stützt der Elb seinen Kopf an ihrer Schulter ab, als sie die Augen aufschlägt. Nur ein zittriges Aufatmen entkommt ihr und sie streicht mit einer Hand durch sein Haar. „Du musst dich ausruhen, El“, flüstert sie kaum hörbar, wobei sie ihren Kopf in seine Richtung neigt. Darauf will er nicht wirklich antworten. Er murmelt nur ein unverständliches „Es geht schon“ und ist froh darüber wieder ihre Stimme zu hören. In den letzten drei Tagen ist er oft mit ihr hinausgegangen, was nicht zuletzt Éowyn gedankt werden muss. Sie besprach sich so lange mit den Wachen, dass diese schließlich einwilligten Eruanne in Begleitung von Porthos und Legolas hinauszulassen und niemand anderem zu erlauben ins Zimmer zu gehen als ihr selbst und Bernia. Porthos ist heute Morgen nicht hier, sondern bei Shadow. Um ihn haben sie sich in den letzten Tagen auch kümmern müssen, doch seine Wunde ist schon so gut wie verheilt, wenn es auch immer noch unklar ist, woher sie überhaupt stammte. Eruanne hingegen hat sich noch nicht vollkommen erholt. Ja, sie lächelt öfter und auch mit dieser Angst kann sie besser umgehen. Nur ist sie in letzter Zeit seltsam bedrückt, in Gedanken vertieft, ohne es zu merken. Und wenn sie es merkt, versucht sie sogleich wieder zu lächeln. Sie versucht damit auf andere Gedanken zu kommen, sie sagt das auch oft. Und Legolas kann nichts dagegen machen, außer es ihr gleichzutun. Er steht auf und geht zum Fenster. Es ist offen. Ganz wie in den letzten vier Tagen auch. Egal wie oft Éowyn und Bernia es auch schließen mögen, wenn es nicht Eruanne selbst ist, die es aufmacht, dann ist es Legolas – immerhin kennt er sie schon so gut, dass er weiß, wie sehr sie es hasst, bei geschlossenem Fenster in einem Raum sein zu müssen. Die Bettdecke raschelt, als sie aufsteht. „Gimli wird mich dafür schelten, dass ich nicht auf dich aufgepasst habe.“ Ihre Stimme nimmt einen mokierenden Unterton an, als sie das sagt. Er grinst nur und lehnt sich an das Fensterbrett, den Blick in ihre Richtung gewandt. „Glaub mir, er würde auch mich dafür schelten nicht auf dich achtgegeben zu haben“, erwidert er. „Der würde nie zufrieden sein, Jenny.“ Daraufhin gähnt sie mit vorgehaltener Hand, nickt aber beifällig und muss ebenfalls grinsen. Dann richtet sie ihr Bett her, zieht ihre gewohnten Sachen an und nimmt auch ihr Messer wieder an sich, bevor sie sich neben ihn stellt, um ebenfalls zum Fenster hinauszuschauen. „In Mordor braut sich etwas zusammen“, sagt er, als er seinen Blick nach draußen wendet. Sie nickt nur. „Aber sie werden es schaffen, El.“ Nach einer kurzen Pause sieht er skeptisch zu ihr hinüber. „Wie kannst du dir darin so sicher sein? Wir wissen nicht einmal, ob sie überhaupt noch am Leben sind.“ Sofort zuckt sie mit den Schultern und lächelt ihn wissend an. Auch er muss lächeln. „Du verschweigst mir was. Hast du etwa mit Eru darüber geredet und weißt deshalb schon, was kommen wird?“ Ihr Lächeln wird breiter, aber sie gibt keine eindeutige Antwort. „Dass ich mit ihm reden kann, heißt nicht gleich, dass er mir auf all meine Fragen eine Antwort geben muss. Aber es wird schon gut ausgehen.“ Wenn sie schon so spricht, dann verheimlicht sie doch wirklich etwas. Er legt den Kopf schief. „Traust du mir nicht mehr?“, fragt er, erhält als Erwiderung jedoch ein helles Lachen. „Doch, doch, nur...“ Jetzt wird ihr Blick traurig. Sie schaut von einer Seite zur anderen und seufzt leise. „Ich bin nun mal ein Träumer, El. Hab mir früher sehr oft Geschichten ausgedacht – manche mehr, manche weniger gelungen – hab auch oft gelesen und da ist mir eine Sache aufgefallen, die ich das Kindergeschichtenprinzip genannt habe. Vor allem bei Kindergeschichten kommt das vor, aber auch bei den meisten anderen und... laut diesem Prinzip geht am Ende eh immer alles gut aus.“ Ein Schmunzeln legt sich auf seine Lippen. „Es muss schön sein, so ein Träumer sein zu können. Nur leben wir in keiner Geschichte, Jenny. Hier geht nicht alles immer gut aus.“ Mit einer Erwiderung zögert sie merklich. Dennoch muss auch sie wieder grinsen und sieht zu ihm auf. „Woher willst du das wissen? Etwas gilt doch nur solange als bewiesen, bis es widerlegt werden kann. Warum sollten wir denn nicht in einer Geschichte leben?“ Ihre naive Denkweise amüsiert ihn. Wenn dem denn wirklich so sei, müsste es sich doch irgendwann einmal bemerkbar machen. Er nimmt sie in den Arm und streicht ihr durchs Haar. „Immerhin hast du Hoffnung. Das ist schon viel wert in einer Welt wie dieser hier.“ Sie lässt ein empörtes Räuspern hören, was ihn wieder lachen lässt. Hingegen schüttelt sie nur grinsend ihren Kopf. Kurze Zeit später sind sie bei Shadow und Porthos in den Stallungen. Gefrühstückt haben sie, wenn auch nicht sonderlich viel. Dafür aber reden sie viel, wie auch schon in den letzten Tagen – vor allem über Dinge, über die sie schon öfter geredet haben. Es ist nicht weiter verwunderlich, denn damit prüft Eruanne jeden Tag aufs Neue, ob es wirklich Legolas ist, der mit ihr redet. Er weiß, dass sie das nur aus ihrer Unsicherheit heraus tut, so gelassen sie nun auch scheinen mag. Gerade begutachtet sie Shadows Wunde, während sie über ihr früheres Leben reden. Der Elb sitzt neben ihr mit Porthos spielend und schaut immer mal wieder zu ihr und ihrem Pferd hinüber. Sie schmunzelt, als sich ihre Blicke treffen. So unbefangen sieht es aus, auch wenn ihre Worte merklich von Emotionen geladen sind. „Ist es denn nicht schon immer so gewesen?“, fragt er das Gespräch fortführend. Sie nickt halb und wendet sich wiederum dem Rappen zu, der gehorsam einen Haufen Hafer aus ihrer Hand frisst. „Muss wohl. Die meisten Leute lernen einfach nichts dazu.“ „Eigentlich“, wirft er ein, „ist es doch schade. Ihr habt so ein großes gesammeltes Wissen in eurer Welt. So viele Bücher, von so vielen schlauen Menschen geschrieben. Aber niemanden interessieren sie. Woraus sollt ihr Menschen dort denn dann lernen?“ Sie lacht leise und schaut wieder zu ihm hin. „Schulen, El. Öffentliche Schulen. Da sollte man zumindest lernen, jedenfalls hatten wir eine Schulpflicht im Land. Aber das System dort ist hoffnungslos veraltet. Es ist immer noch auf eine Zeit vor der unsrigen ausgelegt, als die meisten Menschen in Fabriken gearbeitet haben und Dinge wie Selbstständigkeit nicht wichtig waren.“ „Davon hast du mir ja schon erzählt, aber warum hat niemand je etwas dagegen in eurem Land getan? So wie eure Regierung zustande kommt, muss sich doch das durchsetzen, was ihr als Volk wollt.“ Sie winkt ab und setzt sich neben ihn. „Schön wär's. Unsere Regierung damals hatte wohl am wenigsten im Sinn, dass es ihrem Volk gutgeht. Sondern eher, dass es ihnen gutgeht. Leute wie ich sind dort ja nicht einmal voll wahlberechtigt, auch wenn unsere Zukunft von den Entscheidungen der Politiker abhängt. Viele gehen auch überhaupt nicht wählen und deshalb sind es meistens immer die Alten, die die größte Stimmmacht haben, obwohl die geführte Politik sie nicht annähernd so lange betrifft, wie die Jugendlichen, die noch nicht wählen dürfen.“ „Und weil eher die Alten eure Regierung wählen, setzen diese Politiker auch mehr in ihrem Interesse durch?“ „Leider. Aber... versteh mich jetzt richtig, ich möchte nicht die ganzen Herrschaftsformen in Mittelerde revolutionieren, wenn ich dir erzähle, wie das so in meiner Welt vonstatten geht. Ich will dir jetzt nicht deinen Anspruch auf die spätere Herrschaft im Düsterwald abstreiten.“ Darauf muss er lachen. „Das dachte ich doch gar nicht. Aber ich finde eure Vorstellungen davon, wie ein Volk regiert werden sollte, eigentlich gar nicht mal so abwegig. Nur verstehe ich nicht, warum manche Entscheidungen, die dabei gefällt werden, so unfassbar dumm und egoistisch sein können.“ Nach einem von einem verlegenen Kichern begleiteten Seufzen, nickt sie und sagt gedankenverloren: „Tja. Wie Tolkien es schon in seinen Büchern zeigte – am Ende zerstört das Böse sich immer selbst.“ Legolas mustert sie lange, nachdem sie das gesagt hat. Gelesen hat sie viel, darin ist er sich sicher, obgleich es ein Paradoxon ist. Sie hat nämlich nicht wirklich Spaß am Lesen, sondern tut es nur, um sich mehr Wissen anzueignen, denn wissbegierig war sie schon immer. Er muss grinsen, als sie zu ihm schaut und fragt: „Hast du was gesagt?“ Ein einfaches Kopfschütteln ist ihr Antwort, dann dreht er sich mehr in ihre Richtung. „Was hat der eigentlich für Bücher geschrieben? Auch Abenteuerbücher über alte Zeiten, wie du sie gerne liest?“ Verwirrt blinzelt sie. „Wer? Warte, hab ich irgendwas gesagt, ohne es mitzubekommen?“ Jetzt muss er lachen, nickt aber zugleich. „Du hast gesagt, wie Tolkien es schon in seinen Büchern zeigte – am Ende zerstört das Böse sich immer selbst. Was hat dieser Tolkien für Bücher geschrieben?“ Sie lässt ein ungläubiges Lachen hören und schüttelt den Kopf. „Das hab ich laut gesagt? Oh weh. Nun...“ Sie stützt den Ellenbogen aufs überschlagene Knie und den Kopf auf die Hand. Dann fährt sie fort: „Er hat quasi den Grundpfeiler für ein neues Genre gelegt. Er hat die ersten High-Fantasy Romane geschrieben, aber ehrlich gesagt interessiert mich dieses Genre an sich nicht im Mindesten. Nur seine Bücher mag ich.“ „Warum? Und... was ist dieses High-Fantasy? Sind das Märchen?“ Ein feines Grinsen zieht sich über ihre Lippen, aber sie schüttelt unschlüssig den Kopf. „Zum Ersten, ich mochte seinen Schreibstil und die Geschichten, die seine Bücher erzählten. Vor allem aber auch die Aussagen in diesen Geschichten. Wenn ein Buch nur eine oberflächliche Moral erzählt oder einfach zur Unterhaltung dient, ohne dass man nach dem Lesen noch weiter darüber nachdenken kann, mag ich es nicht. Und zum Zweiten, so wirklich als Märchen kann man das jetzt nicht bezeichnen, aber es sind halt Bücher in denen es möglich ist, dass andere Lebensformen, die es bei uns eben nur in Märchen gibt, existieren. Oder eben auch ganz andere Welten.“ Er muss grinsen. So wie sie das erzählt hört es sich beinahe an, als würden sie gerade so eine Geschichte durchleben. Auch sie schmunzelt, aber mit einem Mal wirkt sie ganz unruhig und verlegen, gerade so als würde sie nicht gerne darüber reden. Nach kurzem Überlegen fragt Legolas schließlich: „Aber was gibt es denn bei euch für Märchen? Solche wie bei uns doch wohl kaum, oder liege ich da falsch?“ Ihr Schmunzeln wird breiter. „Im Prinzip geht es in den meisten Märchen bei uns eigentlich immer darum, dass da ein Mädchen, meistens sogar eine Prinzessin, ist und irgendwas stimmt bei der nicht, dann liegt da mal ein Fluch auf ihr oder sie ist irgendwo eingesperrt und dann kommt ein Prinz, rettet sie und am Ende heiraten die. Oder es geht um Tiere.“ „Sehr kreativ seid ihr da.“ Darauf winkt sie nur ab. „Es sind aber auch nur die bekanntesten Märchen. Sicher gibt es noch viele andere, die nur kaum jemand noch kennt.“ „Und welche davon mochtest du am meisten?“ Lange muss sie da nicht überlegen. „Tatsächlich drei Märchen, die nicht einmal aus meinem Heimatland stammen. zwei davon kommen weiter aus dem Norden und eines viel weiter aus dem Osten.“ „Erzähl. Worum geht es in diesen Märchen? Auch wieder um Prinzessinnen und Tiere?“ Ein Grinsen kann er sich bei dieser Bemerkung nicht verkneifen, sie hingegen verdreht nur die Augen. „Sehe ich so aus, als würde ich solche Märchen mögen?“ Legolas zeigt eine unschlüssige Geste. „Wer weiß? Ich für meinen Teil kann mir wohl denken, dass mindestens eines darunter auch von Tieren handelt. Oder von Prinzessinnen.“ Sie lacht leise und schüttelt den Kopf. „Gut, eines schon. Aber die zwei anderen nicht und ich kann dir schon einmal sagen, diese zwei sind auch ein wenig trauriger.“ „Nun, du hast eben die Mentalität deiner Vorfahren geerbt. Aber erzähl doch bitte. Wenigstens eines.“ Nach kurzem Überlegen erzählt sie auch tatsächlich. Das erste, das sie erzählt, ist die Geschichte von einem kleinen Mädchen, das ihn in gewisser Weise ziemlich an Eruanne selbst erinnert. Wenn auch nur in gewisser Weise. Als sie das Ende erzählt, muss er grinsen. „Das ist dann wohl dieses eine Märchen, das du magst, obwohl dort Tiere und Prinzessinnen vorkommen?“ „Sie war keine Prinzessin, Legolas. Nur um das klarzustellen.“ „Ja, aber am Ende hat sie doch einen Prinzen geheiratet, was sie schlussendlich zur Prinzessin macht. Da kannst du dich nicht herausreden.“ Sie gibt sich geschlagen und nickt. „Hast schon recht. Aber am meisten mochte ich in der Geschichte eigentlich den Vogel, der sie mitgenommen hat.“ Er muss lachen. Das sieht ihr ähnlich. Und doch gibt er zu, dieses Märchen hat etwas an sich, das auch ihm sympathisch ist. Sie erzählt weiter. Diesmal geht es nicht um ein kleines Mädchen, das aus einer Blume herausgekommen und nur so groß wie ein Daumen ist. Dieses Märchen mochte sie besonders, so traurig es am Ende auch sein mag. Die Geschichte eines Zinnsoldaten, der nur ein Bein hatte und sich in eine Tänzerin verliebte. Aber bei dem dritten Märchen wird sie besonders betrübt. Darin geht es um ein Mädchen aus Schnee, das von einem alten kinderlosen Ehepaar im Winter gebaut wurde und so ihre Tochter wurde. Im Sommer aber durfte sie nie hinaus, weil sie sonst schmelzen würde. „Das Märchen kenne ich noch von meinen Eltern“, meint sie nach einiger Zeit, als sie zu ende erzählt hat. „Es erinnert mich an sie.“ Er schweigt. Vermutlich meint sie es nicht nur im offensichtlichen Sinn, so wie er ihre Eltern nun durch ihre Worte kennt. Sie versucht zu lächeln, kann aber nicht verstecken, dass diese drei Erzählungen etwas in ihr rühren und lacht verlegen auf. „Wenn man mal so schaut, dann sind die meisten Märchen bei uns eigentlich auch mit der Zeit verharmlost worden. Auch das mit dem Zinnsoldat habe ich zuerst nur in der verharmlosten Version gekannt, aber ganz ehrlich, solche Geschichten verlieren an Schönheit wenn man ihnen die Tragik nimmt.“ Legolas schmunzelt nur. Es stimmt schon, was sie sagt. Was ihm aber an diesen Geschichten auffällt – vor allem da es ihre Lieblingsmärchen sind – ist, dass sie alle aufzeigen, wie ungerecht die Welt, in welcher sie leben, doch sein kann. Ob sie das auch so sieht, kann er nicht sagen. Aber womöglich ist es sogar so. Nur das erste Märchen, das zeigt auch, dass man die Hoffnung auf ein gutes Leben bewahren kann, weil es immer noch eintreffen könnte. Eruanne steht zeitgleich mit Porthos auf, als sich ein fernes Anrollen von Geräuschen vernehmen lässt. „Sie kommen zurück“, sagt sie mit einer spürbaren Begeisterung in der Stimme und zieht den Waldelb an der Hand hoch. Gleich darauf legt sich diese Begeisterung jedoch schlagartig und macht einem Zaudern Platz. Sofort begreift Legolas und spricht auf sie ein: „Er wird es schon verstehen, Jenny. Wenn du ihm nur die Wahrheit sagst. Und vergiss nicht, ich trage genauso viel Schuldanteil daran wie du. Wir haben beide nicht ganz zu ende gedacht.“ Daraufhin umarmt sie ihn unerwartet fest. „Gerade das macht mir Sorgen“, erwidert sie leise. „Ihr beide versteht euch so schon nicht sonderlich gut. Was wird dann erst sein, wenn er weiß, dass du mir dabei geholfen hast? Ich will nicht, dass ihr irgendwann noch im Streit auseinandergeht.“ Er versucht zu lächeln, als er ihre Umarmung genauso fest erwidert, doch ihre Sorgen sind leider zu berechtigt, als dass er wüsste, wie er sie verharmlosen könnte. „Vertraust du mir?“, fragt er nach einer kleinen Weile gedämpft. Sie nickt sofort. „Dann glaube mir, dass ich es nicht auf einen Streit ankommen lassen will. Du bist Boromirs Schwester. Er hat dich genauso lieb wie du ihn. Und ich möchte nicht, dass du meinetwegen unglücklich bist.“ Als er sie loslässt, atmet sie tief durch und nickt schließlich. „Danke“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht, dann beginnt Porthos schon zu bellen und drängt die beiden aus dem Stall hinaus. Schnell verabschiedet sich Eruanne noch von Shadow, bevor sie hinausgehen und schon auf den Straßen Jubelei bemerkbar wird. Das Lächeln auf ihrem Gesicht wird nur breiter, als sich das Tor öffnet und die Rohirrim mit den Gefährten und einer weiteren neuen Truppe, die zuvor nicht zu ihnen gehörte, eintreten. Allen voran König Théoden und Gandalf mit Pippin. Sie laufen weiter in ihre Richtung, aber zuletzt müssen sie sich dennoch einen eigenen Weg durch die Menschenmasse vor ihnen bahnen. Dabei zieht Eruanne Legolas mit, ohne ihn auch nur für eine Sekunde loszulassen. Schon von Weitem haben Merry und Pippin die beiden entdeckt und rufen ihnen zu, als sie von den Pferden ihrer Begleiter herunterspringen. Stürmisch, zugleich aber auch freudig begrüßen die zwei das Mädchen und den Elb, als sie zu ihnen gelangen. Nun muss auch Legolas lächeln, erleichtert die beiden gesund und munter wiederzusehen. Sofort fangen sie an von dem zu berichten, was dort in Isengard geschehen ist, wie es ihnen ergangen ist und merken dabei gar nicht, dass sie völlig durcheinanderreden, sodass man sie kaum verstehen kann. Sie müssen lachen. Eruanne umarmt die beiden ein zweites Mal und schüttelt den Kopf. „Immerhin geht es euch gut“, sagt sie. Merry winkt sofort ab. „So schlimm war es dort jetzt auch nicht.“ „Na. Das glaub ich, aber die Orks sind sicher nicht gerade sehr feinfühlig mit euch umgegangen.“ „Die längste Zeit waren wir ja bei Baumbart, Legolas“, wirft Pippin ein. „Der war ganz freundlich zu uns.“ Wieder muss Eruanne grinsen. „Und gewachsen seid ihr auch noch.“ „Ja, freilich. Das hat sicher am Wasser gelegen“, erwidert Merry sofort und nickt eifrig. „Aber ich bin immer noch größer als Pippin.“ Sie lacht. Es tut gut sie lachen zu hören. Trotzdem ist sich Legolas immer noch nicht sicher, ob diese Sorglosigkeit, die in ihrem Lachen liegt, vielleicht nicht doch gespielt ist. Das Gespräch zwischen den Vieren geht weiter, bis sie zu den restlichen Gefährten gelangen. Diese haben ihre Pferde bereits versorgt, als sie auf die vier treffen. Sofort verstummt Eruanne, als Boromir auf sie zu kommt. Er mustert sie kurz, schüttelt dann aber lachend den Kopf und umarmt sie fest.
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Mir wird es schwer ihn anzuschauen, auch wenn ich weiß, dass ich ihm sagen muss, was los ist. „Du kannst es wohl nicht lassen“, meint er und verwuschelt mir das Haar. Nur ein betretenes Grinsen entweicht mir. Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß doch, dass du nur das Beste für mich willst, aber...“ „Hat Legolas dir das in den Kopf gesetzt?“, unterbricht er mich rasch und wirft mir einen skeptischen Blick zu. Überrascht hebe ich den Kopf. Wieso kommt er ausgerechnet direkt auf Legolas? Soweit er mir erzählt hat, weiß Boromir doch gar nicht davon, dass er mir geholfen hat. „Was?“, frage ich nach. Er lächelt etwas bitter. „Dass du uns folgst und dann wieder zurückkehrst, bevor wir eintreffen. Dein Aussehen verrät so einiges, Kleines. Einiges, das mir nicht gerade gefallen will.“ Ich schlucke schwer und senke wieder meinen Blick. „Legolas hat mir nichts in den Kopf gesetzt. Es war meine Idee. Er hat mir nur bei der Umsetzung geholfen, also lass ihn da bitte raus. Außerdem“, als ich zu ihm aufschaue, ist eine merkliche Anspannung in seinen Zügen zu sehen, „bin ich euch nur gefolgt, weil ich hier auf keinen Fall in Sicherheit gewesen wäre.“ Schon will er zum Widersprechen ansetzen, da trete ich einen Schritt näher und hebe schnell meine Hand als Zeichen dafür, dass er mich zuerst ausreden lassen soll. „Da sind zwar Wachen vor meiner Tür. Aber erstens sind sie nicht sonderlich kompetent und zweitens wären sie gegen Helendir machtlos gewesen. Nur...“ Ein tiefes Seufzen entfährt mir und ich ziehe verlegen einen Mundwinkel hoch. „Es tut mir leid. Schlussendlich hat es nichts gebracht, dass ich euch gefolgt bin. Helendir hat uns eingeholt und mich wieder hierher gebracht.“ „Wo ist er jetzt?“, will Boromir wissen. Die Anspannung in seinem Blick wird stärker, als er das fragt, doch kaum erwidere ich, dass er gefangengenommen wurde, mildert sie wieder ab. Dass er sich für Legolas ausgegeben hat, will ich meinem Bruder nicht sagen. Es ist nur ein unbedeutendes Detail, das ihm meine damals sehr instabile Fassung aufzeigen würde und für ihn wieder ein Grund zur Überfürsorglichkeit werden könnte. Also lasse ich es besser außen vor. Sein Blick schweift kurz zu El hinüber. Er hat nur die ersten Worte unserer Unterhaltung mitgehört, dann hat Gimli seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. „Hat Shadow ihn hierher geführt?“, fragt Boromir mich leise, ohne seinen kritischen Blick von ihm abzuwenden. Ich nicke sofort. „Wäre er ihm nicht gefolgt, dann würde es mir wohl weniger gut gehen als jetzt.“ „Hat sich denn nicht Éowyn in den letzten Tagen um dich gekümmert? Ist es nicht eher ihr Verdienst?“ Ich muss grinsen. „Natürlich. Aber im Gegensatz zu ihr kennt Legolas mich schon seit fast neun Jahren. Der weiß schon ein bisschen besser mit mir umzugehen als sie.“ Nun schüttelt Boromir den Kopf und sieht mich wieder schmunzelnd an. „Ich weiß immer noch nicht, was du an Elben so findest. Sind Menschen denn nicht schlussendlich die besseren? Sieh doch allein diesen Helendir an. Leuchtet es dir nicht langsam ein, dass du durch ihn nur Probleme bekommst?“ Zum wiederholten Mal zucke ich mit den Schultern. „Wer hätte schon das Recht so etwas zu generalisieren? Zwar haben wir alle den gleichen Ursprung, aber im Grunde sind wir alle doch irgendwo verschieden und jeder ist für sein eigenes Handeln verantwortlich. Warum also denkst du, wenn du von Menschen sprichst, nicht an die Räuber, Mörder, Verräter und Lügner, die es auch unter ihnen gibt? Und wenn du von Elben sprichst, machst du alles an Helendir fest? Was ist mit den Galadhrim aus Lórien? Haben sie uns nicht geholfen?“ Boromir antwortet mir nicht, denn bevor er zu einer Erwiderung kommt, wird er von Éomer angesprochen. Es soll mir recht sein. Den Rest des Tages verbringe ich bei Legolas, Gimli und den beiden Hobbits. Wir reden und scherzen viel, aber ich spiele mal wieder nur, ohne es wirklich zu merken. Nur Porthos lässt mich ab und zu aus den Gedanken aufschrecken, bevor die vier bemerken, wie ich wegdämmere. Ich kann dankbar dafür sein, dass dieser junge Wolf mich nicht aus den Augen lässt. Obwohl ich mit den vier Gefährten rede, fühle ich mich irgendwie einsam; beinahe als würden die vier gar nicht da sein und ich einfach in einem leeren Raum dahinexistieren, mit Porthos an meiner Seite. So fühle ich mich schon seit Helendir gefangengenommen wurde. Leer. Und in einem ewigen Dahindämmern eingesperrt. Wüsste Legolas davon, so würde er selbst nicht wirklich unbeschwert sein können. Er ist mit Sicherheit übermüdet von den langen Nächten, in denen er auf mich achtgegeben hat. Gänzlich unbemerkt ist ihm mein Zustand wohl nicht geblieben, aber... wie intensiv das mittlerweile geworden ist, weiß er eben nicht. Es wäre mir lieber, wenn er nicht mehr an mich denkt, sondern selbst wenigstens für eine Nacht ruhig schlafen kann, denn in den Gedanken, die er hat, wird er sich nicht ausruhen können. Auch wenn Elben es nicht nötig haben zu schlafen, auch wenn es normalerweise für sie ausreicht, ihren Gedanken nachzugehen, so erschöpft es El eher, als dass er davon ausgeruhter wird. Nicht, dass er nicht schlafen könnte, er will es einfach nicht. Aber es tut mir leid um ihn. Am Abend sitze ich mit Porthos in meinem Zimmer und schaue aus dem Fenster. Éowyn ist auch hier. Sie hat mir ein neues Kleid gebracht, weil heute Abend aufgrund der Rückkehr der Truppen aus Edoras eine kleine Feier stattfinden wird. Ich schaue die schmale Seitenstraße vor dem Fenster hinauf und hinab. Mit den Gefährten und den Rohirrim sind auch einige Dúnedain und mit ihnen Elladan und Elrohir hierher gekommen. Warum, das weiß ich nur so halb. Zu lange ist es her, dass ich die Bücher gelesen habe, aber würde es strikt danach gehen, so wären Gandalf und Pippin bereits Richtung Minas Tirith geritten und Aragorn, Legolas und Gimli hätten sich mit den Dúnedain zu den Pfaden der Toten begeben. Ganz leise muss ich seufzen. Helendir existierte in diesen Geschichten nicht einmal. „Du siehst müde aus“, reißt Éowyn mich aus den Gedanken. Sofort grinse ich und stehe auf. „Nun, es wird ja auch schon dunkel draußen. Sollten wir nicht langsam hinausgehen?“ Sie nickt nur und muss schmunzeln. „Ein wenig Ablenkung wird dir wohl guttun, aber wenn du arg zu erschöpft bist, musst du auch nicht unbedingt mitkommen.“ Ich winke nur ab, da klopft es an die Tür und Porthos merkt auf. Da Éowyn näher bei ihr steht, öffnet sie diese auch schnell. Mein Bruder begrüßt uns beide freundlich und kann ein Schmunzeln nicht verbergen. „Warum brauchen kleine Schwestern eigentlich immer so lange?“, neckt er mich, woraufhin ich sofort eine abwinkende Geste mache. „Wir wollten gerade gehen, Boris“, erwidere ich sogleich mit der Andeutung eines Nickens. „Dafür brauchen wir aber keinerlei Eskorte.“ Ein leises Auflachen entkommt ihm sowie ein Kopfschütteln, aber Éowyn und ich haben eigentlich nichts dagegen, dass er uns auf den Weg begleitet. Ich merke gar nicht, was um uns herum geschieht. Wir reden. Ja, aber über was? Porthos muss wohl in meinem Zimmer geblieben sein, denn diese Leere, die ich um mich herum sehe, wirkt noch einmal kärglicher. Während wir weitergehen, fällt mein Blick auf das Kleid, das ich nun anhabe. Es ist nicht zu lang, aber auch keineswegs zu kurz. Die Farbe ist schön, ein etwas helleres Bordeauxrot, der Stoff fühlt sich ziemlich angenehm an. Rot. Wenn man etwas Rotes anhat, dann fühlt man sich selbstsicherer. Ob es bei diesem Rotton auch so ist, weiß ich nicht. Ich weiß nicht wie ich mich fühle. Auf meinem Gesicht liegt ein Lächeln, als wir in das Gasthaus eintreten, in dem die Feier stattfindet. Flüchtig bekomme ich mit, wer alles da ist, bleibe aber vorerst bei Boromir. Der ganze Raum ist gefüllt mit Gelächter und Musik. Nicht so halbleer wie damals, als ich mit Helendir hier gewesen bin. So gut es geht, passe ich mich an das ganze Treiben hier an. Es sind so viele Leute hier und doch fühle ich mich einsam. Ich will nicht hier sein, aber es würde auffallen, wenn ich jetzt einfach gehe. Mag sein, dass ich von außen betrachtet fröhlich wirke. Ich lache ja auch. Jedoch fühlt sich das alles so an, als wäre gar nicht ich das, was die anderen um mich herum in mir sehen. Nach einer Weile höre ich, dass jemand mich beim Namen ruft. Wieder und immer wieder. Ich schaue mich um, merke aber schnell, dass dieses Rufen nicht von hier kommt. Es wird heiser und brüchig, bis es in ein leises Röcheln übergeht. Das Lächeln in meinem Gesicht verschwindet langsam. Diese Stimme, die da ruft, das ist Helendirs Stimme. Schnell schüttle ich den Kopf und versuche das zu vergessen, doch es will nicht gehen. Da spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und zucke zusammen. „Hübsch siehst du aus, Elarras“, höre ich Legolas und drehe mich zu ihm um. Ein verlegenes Grinsen schleicht sich über meine Züge und ich bedanke mich bei ihm. Auch er muss lächeln. „Aber etwas fehlt noch“, sagt er und legt etwas in meine Hand. „Meine Halskette“, entfährt es mir sofort erstaunt, als ich auf meine Handfläche hinunterschaue. „Du hattest sie immer noch?“ Er nickt leicht. „Verzeih, es ist mir auch erst vor Kurzem wieder eingefallen. Soll ich dir helfen sie anzulegen?“ Bevor ich weiß, was ich erwidern sollte, nicke ich schon lächelnd. Kaum liegt die Kette wieder um meinem Hals, muss ich zu ihm zurückschauen und nehme ebenfalls ein leichtes Lächeln in seinen Zügen wahr. Beinahe will es mir scheinen, als würde dieses kaum merkliche Lächeln, diese Zufriedenheit, die es ausstrahlt, ein wenig von der Leere in mir wegnehmen. „Da seid ihr beiden also“, höre ich Gimlis Stimme aus dem lauten Getümmel heraus und wende meinen Blick zu ihm. Mit einem Mal zittere ich, verberge es aber schnell und muss lachen, als der Zwerg mich darauf anspricht. Nur vertreibt das nicht die Kälte, die sich langsam in mir ausbreitet. Lange dauert es nicht, bis er Legolas zu einem Trinkspiel überredet hat, das wohl nicht ganz so unwahrscheinlich eh gut für El ausgehen wird. Ich bleibe bei ihnen, bei Boromir will ich nicht mehr sein, sonst wird diese Leere wieder zu schnell Besitz von mir ergreifen. Während die beiden mit ihrem Spiel beschäftigt sind, komme ich ins Gespräch mit Éomer. „Ihr verzeiht mir doch hoffentlich, dass ich bei unserer letzten Begegnung so aufdringlich war, Eruanne“, spricht er mich an. Das hatte ich nicht erwartet, aber ich nicke dennoch sofort mit einem Schmunzeln im Gesicht. „Es gibt sicher aufdringlichere Leute“, erwidere ich, woraufhin auch er lächelt und nickt. „Womöglich. Aber dass es in Rohan heute Abend ein liebreizenderes Fräulein als euch gibt, bezweifle ich. Ihr seht wirklich wunderschön aus.“ Zwar werde ich ein wenig verlegen, als er das sagt, aber zugleich stellt sich mir auch die Frage, ob das nicht ein wenig arg oberflächlich ist, was er bisher zu mir gesagt hat. Dennoch bedanke ich mich, zögere jedoch eine ganze Weile, bevor ich weiterspreche. „Sagt, stimmt es, dass mein Bruder euch dazu anstiftet mich von anderen fernzuhalten?“ „Wie meint ihr das?“ „Nun, die Wachen vor der Tür, unser erstes Gespräch kurz nachdem ich mit Gimli geredet habe und jetzt auch. Hat das nicht vielleicht doch einen anderen Grund, als dass ich – wie ihr sagt – wunderschön bin?“ Kurz blitzt ein eigentümlicher Ausdruck von Verdruss in seinen Augen auf, aber er lässt ein halbes Nicken vernehmen und setzt sich neben mich. Ich schaue ihn nicht an, als er weiterredet. Mein Augenmerk hat sich auf meine beiden ungleichen Freunde gerichtet, doch zuhören tue ich ihm trotzdem noch. „Es stimmt nur zum Teil“, erwidert er gelassen. „Dass euer Bruder mich darum gebeten hat, euch mehr Schutz zukommen zu lassen als euren Gefährten, ist wahr. Aber falls ihr denkt, ich würde nur euer Äußeres bewundern, so täuscht ihr euch. Euer Mut hat nicht minder Bewunderung verdient.“ Mit einem gewissen Erstaunen sehe ich zu ihm hinüber. Was weiß er schon von meinem Mut? So viele Ängste, wie sie mich in letzter Zeit plagen, überwiegen diesen scheinbaren Mut in mir dermaßen, dass man gar nicht behaupten könne, ich hätte überhaupt welchen. „Ihr nennt mich mutig und kennt mich nicht einmal recht. Wieso, wenn ich fragen darf, bin ich denn in euren Augen mutig?“ Ein leichtes Lächeln macht sich auf seinen Zügen breit. „Éowyn hat mir davon erzählt, dass ihr uns nach Helms Klamm gefolgt seid. Und euer Bruder erzählte mir davon, wie ihr es geschafft habt diesen Elb zu überlisten, der sich bei uns in Gefangenschaft befindet. Auch davon, dass ihr ihm das Leben gerettet habt.“ Sogleich schaue ich zu Boden. Helendirs Stimme hallt noch einmals in meinem Kopf wider. Schwach und rau, aber keineswegs so, als würde er auch nur einen Gedanken daran verschwenden mit dem Rufen aufzuhören. Ein Seufzen entkommt mir. „Mut ist es nicht gewesen. Eher Angst. Treibt sie nicht einen zu den unmöglichsten Dingen?“ „Vermutlich“, erwidert Éomer mit einem leichten Nicken. „Aber genauso ist es auch Mut, den man braucht, um diesen Ängsten gegenüberzutreten. Wenn ihr nichts getan hättet, wenn ihr einfach nur in Lothlórien geblieben wäret... dann würde euer Bruder nicht mehr leben. Vielleicht wären auch mehr unserer Soldaten in Helms Klamm ums Leben gekommen oder aber ihr würdet immer noch von diesem Elb verfolgt werden.“ Ich nicke langsam. Eigentlich hat er damit schon irgendwo recht. Aber... für mich ist das immer noch kein Mut, sondern bloß eine natürliche Schutzreaktion, die aus menschlichen Trieben hervorgeht. „Warum“, frage ich nach einiger Zeit, „wurde er eigentlich gefangengenommen? Was hat er denn hier in Edoras verbrochen?“ Nach kurzem Zögern antwortet Éomer mir auch, aber ich merke, dass er es nicht gerne tut. „Er... hat in der kurzen Zeit, in der er hier gewesen ist, drei Menschen ums Leben gebracht. Fragt nicht warum. So ich es gehört habe, soll er dazu fähig sein seine Gestalt zu ändern, aber bei diesen drei Morden tat er es nicht. Er entwischte immer und erst, als er sich selbst stellte, konnten die Wachen seiner habhaft werden. Es ist mir aber selbst ein Rätsel, warum er das tat.“ Mein Blick schweift zu Boden. Mir ist das auch ein Rätsel. Ich werde nicht schlau aus Helendir, selbst wenn er versucht sich und sein Handeln zu erklären. Intuitiv schüttle ich den Kopf. Ich habe ihn selbst geschrieben. Warum kenne ich ihn dann nicht? Warum kommt er mir vor wie ein Fremder? „Und...“, ergänzt Éomer nach einigen langen Momenten, „er wollte noch einmal mit euch reden, bevor er...“ Den letzten Satz spricht er nicht zu ende. Er deutet nur mit seiner Hand am Hals ein unmissverständliches Zeichen an, das mich hart schlucken lässt. „Ihr wollt ihn hinrichten?“ Darauf nickt er betont langsam. Wieder höre ich diese Rufe und schaue unwillkürlich zu Legolas und Gimli hinüber. Gimli taumelt schon vom Alkohol, wohingegen El nicht das geringste Anzeichen von Trunkenheit spürt. Was ist, wenn Helendir mich wieder austrickst? Wenn er wieder irgendetwas tut, solang ich bei ihm bin – irgendetwas, das mich wieder in seine Gewalt bringt? Wenn er mich ausnutzt? „Ihr müsst nicht zu ihm, wenn ihr nicht wollt“, spricht der Rohir mich vorsichtig an. Ich lächle nur dezent. „Ob ich will oder nicht. Wenn es sein letzter Wunsch ist, muss er wohl erfüllt werden.“ Auch auf seinen Lippen zeichnet sich ein feines Lächeln ab, aber zugleich schüttelt er den Kopf. „Und dann sagt ihr, dass ihr nicht mutig seid?“ Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern könnte. Eigentlich wird das wohl kaum sein letzter Wunsch sein können. Vermutlich hat er genau das beabsichtigt. Dass ich mit ihm rede. Würde er sterben, so würde Sauron ihn wieder ins Leben zurückholen. Er muss den Tod nicht fürchten. Nur wüsste ich nicht, was er mir noch zu sagen hätte. „Ich... sollte mich nicht mit solchen Gedanken belasten“, sage ich leise und setze wieder ein Lächeln auf, als ich zu ihm aufschaue. Éomer nickt nur, ebenfalls lächelnd. „Da habt ihr recht. Zumindest heute Abend solltet ihr es nicht tun. Doch noch eine Frage, Eruanne. Dürfte ich euch zum Tanz auffordern?“ Mit einem kurzen Auflachen bejahe ich, woraufhin er mir seine Hand reicht. Während wir tanzen, schweifen meine Gedanken aber ab. Ich erinnere mich zurück an Laegrîdh. Dort hab ich das Tanzen gelernt. Adon hat es mir damals beigebracht. Seit das Dorf niedergebrannt wurde, habe ich nicht mehr getanzt. Ich hatte nie einen Grund dazu. Zwar macht mich die Erinnerung an ihn traurig, doch das lasse ich mir nicht anmerken und lasse mich von Éomer führen. Wie lange wir zusammen tanzen weiß ich nicht, meine Gedanken machen es mir unmöglich das Zeitgefühl zu behalten, denn sie sind bei Helendir. Weiß ich denn nicht eigentlich ganz genau, worauf er hinaus will? Er will mich dazu bringen mit ihm zurück nach Mordor zu gehen, bevor diese fünf Monate abgelaufen sind. Dann würde er wieder eine einheitliche Persönlichkeit haben, sofern man Sauron denn Glauben schenken darf. Aber allein schon, dass Boromir sich so um mich sorgt, macht das beinahe unmöglich. Und... eigentlich will ich es auch Legolas nicht zumuten, dass sich unsere Wege wieder auf so eine Art und Weise trennen. Ihm könnte ich es vielleicht noch erträglich machen, er würde meine Gedankengänge nachvollziehen können. Boromir jedoch könnte das nicht. Und ich weiß doch, dass auch er eigentlich nur das Beste für mich will. Wenigstens ein letztes Mal mit Helendir reden möchte ich. Vielleicht begreift er dann endlich... dass seine Lage an Aussichtslosigkeit kaum noch zu übertreffen ist. Lange dauert es nicht, bis diese kühle Leere wieder in mir zu wachsen anfängt. Mir wird es schwer das Lächeln aufrecht zu erhalten. Bevor es noch gänzlich abbricht, frage ich Éomer, ob ich kurz rausgehen dürfte, um frische Luft zu schnappen. Er bejaht und fragt seinerseits, ob er mich begleiten solle, doch darauf winke ich nur lächelnd ab. Ohne viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen suche ich mir also einen Weg hinaus aus dem Gasthaus und gehe sofort ein ganzes Stück weiter hinter das Gasthaus, so weit, dass man zwar noch gedämpft das Gelächter und die Musik in der Dunkelheit hören kann, aber doch weit genug, um nicht direkt entdeckt zu werden, falls jemand ebenfalls hinausgeht. Im Osten sammeln sich dichte Wolken am Himmel, sie verdecken das Sternenlicht. Nur von Westen aus strahlen sie noch, nicht mehr ganz so hell wie früher, aber sie sind dennoch zu sehen. Die Fenster der Häuser um mich herum sind schon dunkel und ohne Straßenbeleuchtung wirkt es als wäre ich von schwarzen Wänden umgeben. Ich setze mich auf eine Bank hinter dem Holzschuppen eines der Häuser und höre abrupt auf dieses Lächeln andauernd auf meinem Gesicht halten zu müssen. Wie von selbst schließen sich dabei meine Augen und ich lehne mich mit dem Rücken gegen die hinter mir aufgestapelten Holzscheite. Es gab einen Abend in meiner Welt, an dem ich ähnlich gehandelt habe. An dem ich von einer Art Feier weggegangen und einfach ins angrenzende Feld gelaufen bin. Noch sehr gut erinnere ich mich an diesen Abend; der Abend, an dem ich beschlossen habe nicht mehr in unsere Gemeinde zu gehen. Es war Heiligabend. Um neunzehn Uhr begann der Gottesdienst und meine Eltern sind mit meiner Großmutter und mir natürlich dorthin gefahren. Es ist kein gewöhnliches Kirchengebäude gewesen, wie man es von den Standardchristen so kennt, wo er stattfand, sondern ein altes Fabrikgebäude, das mithilfe von den Mitgliedern bei uns umgebaut wurde, in einem Industriegebiet mitten im Nirgendwo. Die Sonne ist noch gar nicht untergegangen und der Winter war mild, in dem Saal war es aber drückend stickig und ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass ich hier nicht hergehöre. Ich hatte das marineblaue Kleid aus Kaschmir an, das meine Schwester mir erst vor Kurzem geschenkt hat. Seitdem war es neben meiner Silberkette und meinem ersten Bogen mein wertvollster Besitz – emotional, wie auch preislich gesehen. Es war gut für den Winter. Der Stoff war weich, anschmiegsam und hielt warm, auch wenn das Kleid mir nur bis zu den Knien ging. Die Ärmel waren lang und der Hals nicht zu offen. Schwarze Stiefel hatte ich dazu an, die eine stoffartige Oberfläche aufwiesen und unten am Schaft mit einem feinen aus Leder geflochtenen Band verziert waren. Die Haare hatte ich wie ich es heute auch immer mache mit zwei geflochtenen Strähnen zurückgebunden, über ihnen war ein schwarzes beinahe durchsichtiges Tuch, nach für junge Mädchen in unserer Gemeinde üblicher Manier gefaltet, mit zwei schwarzen Haarnadeln kurz über den Ohren festgesteckt und über dem Kleid trug ich den braunen Stoffmantel, den auch genau die gleiche Schwester von mir mir vor Jahren überlassen hat. Kalt war mir also nicht, als ich hinausging. Die Sonne war aber schon nicht mehr hinter den gegenüberliegenden Fabriklagergebäuden zu sehen und doch ging ich weiter, ohne auch nur einem einzigen zu sagen wohin. Ich wusste es selbst nicht einmal. Tagsüber saß ich immer, wenn ich vor gewissen Predigten gewisser Prediger zu flüchten versuchte, an dem erhöhten Blumenbeet bei der Einfahrt. Das Gestrüpp, das dort zur Straßenseite hinausgeht verdeckte einen dort immer so wundervoll, sodass man sich gut hinter ihm auf dem Holzrand des Beet hinsetzen konnte ohne entdeckt zu werden. Dafür war es aber doch etwas zu kalt an diesem Tag und ich wollte weiter weg, als nur kurz vor das Kirchengelände. Ich lief die von künstlichem orangegelben Licht durchflutete Straße hinab Richtung Osten, Richtung Erdbeerfelder. In der Nacht sah diese Straße direkt trostlos aus. So dunkel und verlassen, wie in einer alten Kriminalserie. Bald kam ich auf den Feldweg und bog nach rechts ab. Links von mir lag ein Spargelfeld brach und wartete auf den nächsten Sommer, rechts von mir grenzte ein Maschendrahtzaun das Gelände einer Firma für Campingutensilien ab. Gelegentlich ließ ich meinen Blick dort hinüber schweifen, weil der Wind drei Fahnen auf drei hohen Masten dort immer wieder flattern und an die metallenen Tragstangen stoßen ließ. Die Hände steckte ich in meine Manteltaschen und ging stur gerade weiter, bis das Firmengelände aufhörte und eine hügelige Weide auf der rechten Seite zum Vorschein kam. Kaum erblickte ich diese Weide, blieb ich stehen. Hier war ich einmal im Sommer mit meiner besten Freundin – die einzige, die ich wirklich so nennen konnte. Wir waren vielleicht um die neun Jahre alt und ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht mehr, was wir überhaupt vorhatten, aber etwas Sinnvolles wird es nicht gewesen sein. Mag sein, dass es damals genau am gleichen Tag gewesen ist, an dem wir den Spargel vom gegenüberliegenden Feld geklaut hatten. Zögerlich überblickte ich die sanft ansteigenden Hügel vor mir. Der Baum, auf den sie sich damals geflüchtet hat, als die Esel, die hier immer grasten, zu uns gekommen sind, steht immer noch da. Ich bin unten stehen geblieben, ganz ruhig, denn ich habe schon damals gewusst, dass Tiere es merken, wenn man Angst vor ihnen hat und eigentlich sind Esel nicht einmal die gefährlichsten Tiere, die es gibt, wenn man so recht bedenkt. Im Grunde genommen, hab ich mich einfach nur nicht getraut auf den Baum zu klettern, zumal ich damals noch Höhenangst hatte. Dahingehend erschienen die Esel mir nun mal deutlich als das geringere Übel, aber meine Freundin hat gemeint, dass das total mutig von mir gewesen wäre. Ich schüttelte den Kopf und wollte eigentlich auch schon wieder zurückgehen, denn weiter bin ich bisher nie von dem Gebäude fortgegangen. Aber irgendetwas sträubte sich in mir. Ich wurde mit einem Mal ganz unglücklich und merkte, wie sich Tränen in meinen Augen sammelten, denn dort draußen fühlte ich mich Gott um einiges näher als im Gemeindesaal. Kurzentschlossen stieg ich also die vorderen Hügel hinauf und wanderte einige weitere auf und ab, bis ich an einer Art Plateau hielt und meinen Blick nach Westen wand. Es war doch gut, dass ich nicht zurückgegangen bin, denn vor mir sah ich einen Sonnenuntergang, wie ich ihn bisher noch nie gesehen habe. Die Sonne selbst war schon unter dem Horizont verschwunden, aber ein ganzer Streifen des Himmels war darüber in goldene Farbe getaucht, von dem dunklen Nachthimmel mit einer geraden Wolkenlinie abgegrenzt. Diese letzten goldenen Strahlen erhellten meine Züge und ließen es für einen Moment ganz ruhig in mir werden. Dann begann ich mit Gott zu reden. So wie ich es für mich gewohnt war, nicht so wie es in unserer Gemeinde als richtig angesehen wird. Ich stand einfach nur da, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick auf den glänzenden Goldstreifen im Westen gerichtet, ohne mich umzudrehen. Es hätte mich eh niemand gehört; wer würde denn auch an Heiligabend um acht Uhr abends hinaus auf eine Weide im Industriegebiet gehen? Ich redete lange und fühlte wie mein Herz mit jedem Wort leichter wurde, bis die Sonne unterging. Dann erkannte ich rote Lichter vor dem letzten schwachen Glimmer des goldenen Bandes. Und immer wieder blitzen weiße Lichter weiter darunter auf. Die Autobahn verlief dort, wie mir wieder einfiel. Gerade als mir das klarwurde, musste ich wieder weinen. Nur ein Gedanke ergriff von mir Besitz. Der Gedanke, dass ich von dort weg wollte. Nicht nur von dieser Gemeinde, sondern auch von dieser Welt. Immer wieder fragte ich den Blick Richtung Himmel gewandt, warum wir Menschen eigentlich nur so viel zerstören? So viel, das wunderbar und perfekt geschaffen wurde? Bereits damals hatte ich diesen Grundgedanken fest in meinem Kopf, dass die Welt ohne uns besser dran wäre. Nur wir sind dafür verantwortlich, dass so viel Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre gelangt, dass die Welt durch Plastik verschmutzt wird und wir besitzen noch die Dreistigkeit es als Fortschritt zu bezeichnen. Eine ganze Zeit lang stand ich da und redete, bis mir geantwortet wurde und ich erkannte, dass es einige Dinge gibt, die nicht einmal vom Menschen zerstört werden konnten. Ich spürte mit einem Mal ganz deutlich, dass dieser Gott, an den ich glaube, mich versteht und mich liebt. Nicht in der Weise, wie Menschen es denken würden. Nicht vorübergehend, sondern für immer, selbst wenn ich nicht glauben würde, dass es so ist. Die Sterne im Himmel bestärkten dieses Gefühl mit ihrem Glanz und ja, ich musste tatsächlich vor Freude weinen. Als die Sonne schon lange untergegangen war, zögerte ich mit dem Zurückgehen. Zwar wusste ich, dass meine Mutter sich unglaublich Sorgen machen würde, aber ich wollte einfach nicht weg von diesem Platz. Ich wollte nicht wieder zu Menschen, die nur heuchlerisch vorgaben genau diesem Gott zu dienen. Weg wollte ich. Weg von dieser Welt. Nur noch ein einziges Mal eine Welt sehen, die sich noch nicht in einem menschengemachten Zerstörungsprozess befindet. Und gerade da erfüllte mich diese Zuversicht, dass es nicht mehr lange dauert, dann werde ich diese Welt verlassen dürfen. Selbst jetzt weiß ich noch, wie weit lächelnd ich zurückkam. Selten hatte ich so einen Frieden im Herzen und damit ließ sich sogar die letzte halbe Stunde in der Kirche aushalten. Aber... zuhause erfuhr ich durch meinen Vater, dass zwei von den Mädels aus meiner Jugendgruppe, die auch irgendwie Großnichten oder so von mir waren, schlecht über mich geredet hatten, als ich wieder in den Saal gekommen bin. So etwas interessiert mich eigentlich nicht im Geringsten, wenn es andere Leute gewesen wären. Normalerweise denke ich mir bei solchen Dingen immer nur, dass es zwar traurig ist, wenn man herablassend über andere Personen redet, aber sollen sie ruhig. Meinetwegen auch über mich. Ich bin ja nicht diejenige, die dafür Rechenschaft ablegen muss. Nur das Problem bei diesen beiden Mädchen war, dass sie noch ein halbes Jahr zuvor auf einer Jugendfreizeit so geweint haben, als ich ihnen sagte, dass ich bald nicht mehr in der Gemeinde sein werde. Sie haben mich auch dafür bemitleidet, dass die meisten meiner Geschwister nicht mehr in dieser Gemeinde geblieben sind, dass zwei von meinen Brüdern mit dem Rauchen und Trinken angefangen haben und was weiß ich nicht was, obwohl sie nicht einmal einen Bruchteil der Hintergründe kannten. Schon bei dieser Freizeit hat es mich maßlos abgestoßen. Ich fand es abscheulich von ihnen, dass sie Dinge behaupteten, wie dass man zum Beispiel ungläubig ist, wenn man als Frau Schmuck trägt oder einfach auch nur Hosen, was sie mit banalen Begründungen, die sie von ihren Eltern übernommen haben, untermauerten und sobald man nach einem Warum fragte, war man schlecht und aufmüpfig. Meine Schwester trug Schmuck und auch Hosen, sie verließ unsere Gemeinde und es mochte Schicksal gewesen sein, dass ich an jenem Winterabend ihre Sachen getragen habe. Ich habe selten einen aufrichtigeren Menschen getroffen, der es mehr verdient hätte eine gläubige Christin genannt zu werden als meine Schwester. Sie ist der einzige Grund gewesen, warum ich überhaupt wieder anfangen konnte zu glauben, nachdem ich es durch diese Gemeinde fast verlernt hatte. Ich durfte diese beiden Mädchen nicht hassen, ich konnte es auch nicht. Aber mir kam ein ganz bestimmter Satz in den Sinn. Nämlich, warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Es hat mich lange Zeit und viele Tränen gekostet, bis ich meine Eltern davon überzeugte, dass ich nicht in dieser Gemeinde bleiben konnte. Eine Gemeinde, die Ideale bis aufs Äußerste ohne Begründungen verbreiten, gar aufzwängen will und ihnen selbst nicht treu bleibt. Und nun sitze ich hier. Hier in Rohan, ebenfalls unter einem vielleicht nicht ganz so sternenklaren Himmel, fernab von Menschen, die ich nicht verstehe, auf der Suche nach Antworten. Seufzend lege ich meinen Kopf in die Hände und atme tief und langsam. Wie sagte ich zu Legolas hießen meine Geschwister? Hallon, Berion, Aerdis, Eruohenant, Meldis, Eruvaeron und Eruannant. Nach dem Alter absteigend geordnet. Eruavaeron und Eruannant waren Zwillinge. Nie hab ich welche gesehen, die sich mehr unterschieden als die beiden. Wie Tag und Nacht sind die. Meldis war gerade diese eine Schwester, die mich wieder das Glauben gelehrt hat und hätte sie es nicht getan, so wäre ich heute wohl gar nicht hier. Ich seufze. Von unserer gesamten Verwandtschaft, von unserer ganzen Gemeinde war unser Teil der Familie schon immer schlecht. Wir waren die einzige, die es wagten nach Gründen zu fragen, tatsächlich auch die einzigen, die nicht direkt nach der zehnten Klasse eine Ausbildung machten. Zumindest studierten Hallon und Eruohenant Jura, Eruvaeron studierte Biologie, Eruannant Wirtschaftspsychologie und ich... Zu der Zeit war ich mir noch nicht einmal sicher, was ich nach dem Abitur machen wollen würde. Erst ein halbes Jahr später wusste ich, dass ich Psychologie studieren wollte. Aus dem einfachen Grund, weil ich Menschen liebend gerne verstehen würde. Dieses Verstehenwollen machte auch mich in den Augen meiner Verwandten zu einem seltsamen Geschöpf. Sie kannten wohl nicht den Vers „Im Glauben seid wie Kinder, aber im Verstehen seid vollkommen“, obgleich die meisten von ihnen bereits die halbe Bibel auswendig gelernt haben. Doch es hilft nichts etwas auswendig zu lernen, wenn man den Sinn dahinter nicht begreift. Noch einmal atme ich tief durch. Ich wollte weg. Jetzt bin ich hier. Und eigentlich ist das auch gut so. „Stör ich?“, höre ich eine Stimme aus dem Dunkeln und sehe abrupt auf. Im blassen Sternenlicht erkenne ich die Umrisse von Legolas und setze wieder ein müdes Lächeln auf. „Nein, du störst nicht. Ich brauchte nur ein bisschen frische Luft.“ Er nickt stumm und meint im Näherkommen: „Du warst so lange nicht mehr da und bist so plötzlich verschwunden. Ist wirklich alles in Ordnung?“ Als er nahe bei mir steht, erkenne ich auch endlich seine Gesichtszüge. Zur Sicherheit schaue ich noch einmals genauer hin, um eventuell doch eine lange Narbe in seinem Gesicht schimmern zu sehen, aber da ist nichts. Ich stehe mit einem Schmunzeln auf und umarme ihn. „Ja“, sage ich leise. „Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur schon müde.“ Daraufhin nickt er und begleitet mich zurück zu meinem Zimmer. An der Tür bleibe ich stehen mit ihm. Die beiden Wachen sind nicht da, sie sind unten im Gasthaus. Irgendwie tut es mir leid darum, dass ich vor Legolas lügen muss. Nur will ich ihm nicht noch mehr Sorgen bereiten als ich ihm eh schon gemacht hab. „Du solltest auch mal wieder eine Nacht durchschlafen“, sage ich leise aber mit ernstem Blick. Er schmunzelt nur und schüttelt den Kopf. „Wenn es dir nur dadurch besser geht, würde ich mein Leben lang nie wieder schlafen.“ Ich habe Mühe mein Lächeln zu halten, denn dadurch geht es mir nicht wirklich besser. Natürlich fühlte ich mich in den letzten Tagen bedeutend sicherer, als er da gewesen ist, aber wenn er, wenn seine Gesundheit schon darunter leidet, dann kann es mir dadurch einfach nicht besser gehen. Noch einmal umarme ich ihn, fester als davor, er tut es mir gleich. „Es wird mir aber nicht besser gehen, wenn ich mich um deine Gesundheit sorgen muss. Bitte, tu mir den Gefallen. Ruh dich wenigstens für eine Nacht wirklich aus.“ Daraufhin nickt er nach kurzem Zögern und lässt mich zur Hälfte los. „Wer hat dich eigentlich das Tanzen gelehrt?“, fragt er leise. Ich schmunzle ein wenig und neige den Kopf zur Seite. „Hier war es Adon. In meiner Welt war es Eruvaeron. Warum fragst du?“ Ein feines Lächeln überfliegt seine Lippen und er schüttelt den Kopf, als er mich schließlich ganz loslässt. „Es sah nur so gekonnt aus wie du heute Abend mit Éomer getanzt hast. Das hätte ich ehrlich gesagt nicht von dir erwartet.“ Ich nicke gedankenverloren. „Es ist sicher nicht das einzige, was du nicht von mir erwartet hättest“, erwidere ich. Er lächelt und nickt. Dann wünschen wir uns gegenseitig eine gute Nacht und unsere Wege trennen sich.

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