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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 20

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20. Ein unerwünschtes Wiedersehen
Mehr oder weniger missmutig ziehen die Soldaten ab, nach und nach auch die Schaulustigen. Aragorn hingegen kommt in unsere Richtung und betrachtet Shadow kurz, bevor er mich anspricht. „Du kannst dich glücklich schätzen, dass er dir wohlgesonnen ist. Er ist ein außergewöhnliches Tier.“ Mir entkommt ein leichtes Nicken, doch ich schaue den Waldläufer nicht wirklich an. Vorsichtig streife ich dem Rappen über seinen samtigen Hals. Er lässt es gefügig zu. Ganz ruhig bleibt er. Nicht so wie zuvor. Als ich das so tue, sieht Aragorn kurz zu mir und lächelt. „Yven heißt du also? Der Bogenschütze?“ Auch ich muss lächeln und nicke sogleich. Doch nach einem kurzen Moment werde ich betrübt. „Ja. Ich kann Bogenschießen. Aber ich darf noch nicht meine eigenen Waffen haben, weil ich zu jung bin.“ „Vielleicht“, erwidert der Waldläufer darauf, „ist das auch gut so.“ Er deutet mit dem Kopf in Richtung einer Tränke. „Er wird durstig sein. Lass ihn trinken“, meint er, woraufhin ich Shadow dort hinführe. In der Tat hat er Durst. Großen Durst sogar, denn er trinkt ziemlich lange. Ich setze mich nicht weit von ihm entfernt auf einen Strohballen und schaue ihm zu, Aragorn setzt sich mir gegenüber und raucht Pfeife. Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass wir uns hier treffen. Und doch ist es mir ganz lieb. In einer Stunde geht die Sonne auf. Dann werden sie losreiten. Ein wenig unschlüssig sehe ich auf. „Werdet ihr heute auch fortgehen?“, frage ich leise. Er nickt. Dann herrscht für eine gewisse Zeit Schweigen. Beinahe scheint es mir schon, als würde er ins Leere schauen. Kaum mehr anwesend. Jedoch nur, bis er ebenfalls aufsieht und die Andeutung eines Lächelns über sein Gesicht fliegt. „Du würdest auch gerne gehen, nicht wahr?“ Gemäß meiner Rolle nicke ich hastig und erhalte ein trübseliges Lächeln als Erwiderung. „Es wäre besser wenn du bleibst“, sagt er kurz darauf. Ich stehe halb auf und erwidere mit Nachdruck: „Aber ich kann kämpfen! Ich könnte euch helfen!“ „Daran zweifle ich nicht.“ Wieder ist sein Blick irgendwie abwesend. Doch als Yven sollte ich ihn wohl besser nicht darauf ansprechen. Das tut er allerdings bald schon von selbst. Wenn auch nur indirekt. „Aber ich glaube nicht, dass du wirklich weißt, was Krieg ist. Du weißt nicht, was es bedeutet, jemand geliebtes zu verlieren. Und das würde ich dir auch gerne ersparen.“ Damit steht er bedächtig auf, klopft Shadow noch einmal auf den Rücken und sieht zu mir hinunter. „Es wäre besser für dich, Yven.“ Ich schaue ihn ein wenig traurig an und schüttle mit dem Kopf. „Warum geht ihr dann? Habt ihr denn niemanden, der euch liebt oder den ihr liebt?“ Er zögert, nickt dann jedoch langsam, merklich berührt von dieser Frage. Ich denke auch zu wissen, wen er meint. Aber dazu schweige ich, denn ein Rohir wird das nicht unbedingt wissen. Schon gar nicht so ein junger Spund wie ich. Aragorn spricht nach einem kaum merklichen Seufzen weiter. „Ja, ich habe eine Verlobte. Und es würde mich sehr betrüben, wenn ich sie nicht mehr wiedersehen könnte. Ihr würde es genauso gehen, das weiß ich. Aber ich weiß auch, dass ich die Pflicht habe, Mittelerde zu verteidigen. Du hast diese Pflicht nicht. Du hast eine Familie, die auf dich wartet.“ Da unterbreche ich ihn kurz mit einem Kopfschütteln. Mein Blick wird noch trauriger. Ich schaue zu Boden und merke, dass er innehält. Nur einen kleinen Moment später kniet er sich zu mir hinunter und legt mitleidig seine Hand auf meine Schulter. „Du hast keine Familie?“ Ich schüttle den Kopf, ohne ihn anzusehen. Dennoch merke ich, dass diese Aussage etwas in ihn bewegt. „Ich bin ein Straßenkind“, ergänze ich leise, muss jedoch aufpassen nicht zu mädchenhaft zu klingen. Zwar dauert es, bis der Waldläufer zu einer endgültigen Entscheidung kommt, doch als er diese getroffen zu haben scheint, steht er wieder auf und bittet mich ihm zu folgen. Wir gehen zu einer der Waffenkammern. Auf dem Weg habe ich zwar gelegentlich Mühe mit ihm schrittzuhalten, doch so weit es geht, bemühe ich mich den Gang eines jungen Burschen halbwegs gut zu imitieren. Die anderen Soldaten, die sich ebenfalls auf den Weg nach Helms Klamm begeben, suchen sich ihre Waffen hier zusammen. Es fällt also nicht ganz so sehr auf, dass Aragorn und ich hier durchspazieren. Keiner hält uns auf und schon bald legt er mir ein kurzes Schwert und einen Bogen mit Köcher in die Arme. Ich strahle übers ganze Gesicht, als ich die Waffen an mich nehme und lege sie auch sofort an. Er lächelt nur mild, als er meine übermäßige Freude bemerkt. „Führe sie aber mit Bedacht, Junge“, rät er mir noch ernst, woraufhin ich mindestens genauso ernst nicke, ein weiteres Lächeln aber nicht verbergen kann. Kaum sieht der Waldläufer dies, muss auch er wieder schmunzeln. Dann ergänzt er jedoch: „Wenn du wirklich mit uns gehen willst, brauchst du auch ein Reittier.“ Ich stocke. Wäre ich im Moment Eruanne, so wäre es kein Problem, wenn ich Shadow nehmen würde. Aber da ich es nicht bin und Boromir das Pferd wohl oder übel kennt... Ich zögere merklich, woraufhin Aragorn nur wieder schmunzelt und meint: „Du musst nicht verlegen darüber sein, dass du den jungen Rappen haben möchtest. Er ist ein gutes Tier. Und ich denke, er wird nichts dagegen haben, wenn du auf ihm reitest.“ In meinem Gesicht macht sich wieder ein breites Lächeln erkennbar und ich bedanke mich mehrmals. Und doch... machen sich ganz leise Zweifel in mir breit. Hat Aragorn mich etwa erkannt? Ist es denn nicht ein bisschen arg leicht gewesen, ihn davon zu überzeugen, dass ich kämpfen kann? Oder hat jemand anderes ihm etwas verraten? Nun, immerhin hab ich nun meine Ausrüstung und ein Pferd. Sofort gehe ich – nein, eher renne ich – zurück zu den Stallungen. Shadow schnaubt freudig, als er mich wiedersieht, aber als ich direkt vor ihm stehe, wird er leicht misstrauisch und beschnuppert mich mit einem kritischen Blick. Ich verdrehe nur die Augen und spreche leise auf Sindarin zu ihm, dass ich es sei, wobei wir uns in die Augen schauen. Dann erst scheint er mich wieder zu akzeptieren und stellt sich ausrittbereit vor mich hin. „Woher kannst du denn die elbische Sprache?“, fragt mich plötzlich jemand von der anderen Seite der Stallungen, was mir sogleich das Blut in den Adern gefrieren lässt. Nur langsam drehe ich mich um, bin aber sofort erleichtert, als ich dort das schelmisch grinsende Gesicht von Legolas erkenne. „Du... ach, ich sag besser nichts“, flüstere ich gespielt eingeschnappt und gehe an Shadows Seite ohne El eines weiteren Blickes zu würdigen. Er lacht nur leise und schüttelt seinen Kopf. „Gib auf dich Acht, Yven. Ich kann nicht immer für dich da sein“, sagt er mit sarkastischer Stimme, wobei er den Namen Yven ziemlich auffallend betont. Nachdem ich auf mein Pferd gestiegen bin und meinem alten Freund noch ein letztes Grinsen zuwerfe, bevor wir uns völlig fremd werden, erwidere ich rasch: „Hochmut kommt vor dem Fall, Herr Grünblatt.“ Dann reite ich mit Shadow hinaus. Die Sonne geht gerade im Osten auf und taucht die Straßen Edoras' in ein güldenes Licht, als die gesammelten Truppen den schützenden Grenzwall hinter sich lassen. Ich mache mir Sorgen um Porthos. Immerhin weiß ich nicht, wann und ob wir überhaupt zurückkehren werden und ob das Fleisch ihm reichen wird. Wenn nur Boromir mit seiner Fürsorge nicht so übertreiben würde. Mir wären einige Probleme erspart geblieben. So es denn geht, versuche ich weitest möglichen Abstand zu ihm zu halten, ohne die Gefährten dabei aus den Augen zu verlieren. Mit Shadow als einzigem Rappen unter den Pferden ist es nicht ganz so leicht unauffällig zu bleiben – so unauffällig meine eigene Verkleidung auch sein mag. Keiner von den anderen Rohirrim besitzt ein schwarzes Pferd. Alle von ihnen mussten sie Sauron abgeben. Somit ist Shadow im Moment etwas ganz besonderes. Aber auch Gandalfs Pferd, das einen recht ähnlichen Namen wie mein Hengst hat, ist hier etwas Besonderes. Es ist eines der Mearas. Eine sehr alte und edle Rasse mit unglaublich hoher Geschwindigkeitsgrenze. Ein schönes, ein ausgezeichnetes Tier ist es. Keine Frage. Aber wenn ich die Wahl zwischen ihm und meinen Anglo-Araber hätte, würde ich auf jeden Fall Shadow wählen. Trotz seines für gewöhnlich sehr ausgeprägten Temperaments, gliedert er sich gehorsam unter den anderen Reittieren ein und fällt nur noch durch seine Farbe auf. Es dauert. Sekunden werden zu Minuten, Minuten zu Stunden und Stunden zu Tagen. Zwei Tage sind wir auf dem Weg. Zwei Tage und Nächte, die nur von sehr wenigen Pausen durchbrochen werden und in denen nachts bloß kein Feuer entzündet werden soll. Diese Tage gehen sehr langsam und schwerfällig vorbei, wenn es auch nur wenige sind. Während des Reitens kommen mir wieder Gedanken in den Kopf. Von Sorgen bis hin zu Spekulationen, warum gewisse Dinge genau so geschehen sein könnten. Ich denke an den letzten Abend. Wenn Legolas nicht dagewesen wäre... wie hätte ich dann wohl zu Éomer gesprochen? Diese Frage schleicht sich in meine Gedanken, da ich mich vor den meisten Leuten immer anders verhalte, sobald wir nicht nur zu zweit sind. Und ich weiß bis heute nicht, wieso ich das tue. Irgendwo tut es mir leid, so unwirsch mit ihm geredet zu haben. Nur weiß ich nicht, ob ich mich bei ihm dafür entschuldigen sollte oder ob mir das als Schwäche angerechnet wird, wenn ich es tue. Meine Gedanken wandern in die Leere ab. Ich halte unwillkürlich meine Hand an den Nacken und erinnere mich daran, dass ich meine Halskette jetzt gar nicht trage. Ich hatte sie ehrlich gesagt schon wieder vergessen, aber Legolas hat sie bemerkt, als er mir gestern bei der Verkleidung geholfen hat. Ein Glück, denn ansonsten hätte auch sie mich schneller verraten können als mir lieb ist. Wir ließen sie nicht in meinem Zimmer, weil das sonst Aufschluss darüber geben könnte, dass ich sie nicht trage. Er hat sie mitgenommen, aber er weiß nicht, dass Helendir sie mir gegeben hat. Wenn er das wüsste, würde er sie wohl zerstören lassen, auch wenn ich sie ursprünglich gar nicht von ihm, sondern von meiner Mutter geschenkt bekommen habe. Nicht als Erbstück oder ähnliches. Sondern einfach, weil sie wusste, dass ich mir solch eine Halskette schon länger gewünscht habe. Helendir hat gar keine Ahnung gehabt, dass dieses Schmuckstück mich mehr an Mittelerde erinnert als an meine Heimat. Woher auch? Ich sagte das nie jemandem, aber diese Kette erinnerte mich jedes Mal wenn ich sie trug daran, dass meine Welt nicht die einzige sein muss, die existiert. Haben wir in dem Zimmer eigentlich noch etwas zurückgelassen, das Aufschluss auf mein jetziges Aussehen geben könnte? Meine frühere Kleidung haben wir mit den Waffen versteckt. Porthos wird niemanden an sie heranlassen. Die Farbe, die Skizze von der Verkleidung und das abgeschnittene Haar hat Legolas verbrannt soweit ich weiß... Es macht mich immer noch stutzig, dass er sich so schnell dazu bereiterklärt hat, mir bei der Verkleidung zu helfen. Dass er mich nicht davon abbringen wollte, sondern mich sogar unterstützt hat. Ich verstehe selbst meinen Bruder im Moment mehr als ihn. Er will nicht, dass mir etwas geschieht. Er will mich im Prinzip vor meiner eigenen Sturheit schützen. Gefährlich ist es allemal, sich auf so eine Schlacht einzulassen und darin kann ich Boromir eigentlich sehr wohl verstehen. Warum aber sollte Legolas mich unbedingt mitnehmen wollen? Ich meine, weiß er nicht am allerbesten über meine gelegentliche Unbesonnenheit Bescheid? Mir wird mulmig zumute, je länger ich darüber nachdenke und nach und nach keimt ein obszöner Gedanke in mir auf, der sich allerdings erst viel später vollkommen entfaltet. Lange Stunden später sind wir an der Hornburg. Ein imposantes Gemäuer ist es, hinter ihm erstrecken sich die Weißen Berge. Noch bevor wir angekommen sind, trennt Gandalf sich von unserer kleinen Truppe, um Verstärkung zu holen. Tausend weitere Soldaten sollten später noch unter Théodens Führung aus Edoras nachrücken; unsere Truppe ist hingegen nur um die fünfzig Mann stark. Sehr darauf bedacht mir meine eigene Person nicht anmerken zu lassen, steige ich vom Pferd und bringe Shadow in die Stallungen, wie die anderen es auch mit ihren Pferden tun. In der Festung selbst sind bereits hunderte andere Menschen; Dorfbewohner aus den umliegenden geplünderten Gebieten. Wir können von Glück reden, dass die Orks schon wieder abgezogen sind. Dennoch steht fest: Sie werden wiederkommen. Während ich mir meinen Weg vorbei an unzähligen fremden Gesichtern zu den Gefährten suche, fallen mir einige misstrauischen Mienen wieder auf. Ich senke nicht, wie ich es sonst tun würde, meinen Blick, sondern begutachte alle neuen Gesichter mit einer unverkennbaren Neugierde. Wie ein junger neuer Soldat eben, der noch keinerlei Erfahrung besitzt, die älteren jedoch aus vollem Herzen bewundert. Bis ganz hin zu den Gefährten will ich allerdings nicht gehen; zumindest nicht zu allen. Zu Aragorn eventuell, da er Yvens einzige Bezugsperson hier darstellt, aber vor allem Boromir will ich aus dem Wege gehen. Durch mehr Glück als Verstand bekomme ich einen Posten zugewiesen, nachdem ich mich bei einem der Hauptmänner als ein hervorragender Bogenschütze bewiesen habe. An der Mauerbrüstung nahe am inneren Tor beziehe ich daher Stellung. Über die Brüstung hinwegsehen kann ich so nicht; dafür bin ich zu klein und vermutlich ist meine geringe Größe sowie meine scheinbare Unerfahrenheit auch der Grund dafür, dass ich nicht an die äußere Mauer geschickt worden bin. So stehe ich denn hier; es wird langsam dunkel. Auch die anderen Soldaten positionieren sich mit der Zeit. Sonderlich viel wird es für mich nicht zu tun geben, solange die äußere Mauer nicht überwunden wird. Dumpf erinnere ich mich daran, wie es im Film und im Buch beschrieben wurde. Ziemlich unterschiedlich könnte man sagen, aber eine Sache geschah bei beiden. Der Damm wird gesprengt werden. Und so wie es aussieht, werden dort eher weniger Soldaten positioniert. Eine gewisse Anspannung macht sich in mir breit. Es ist eine Schwachstelle. Der Klammbach hat dort seinen Durchfluss, was eine verwundbare Stelle für den gesamten Damm bedeutet. Lieber würde ich dort stehen, als dass ich hier darauf warten muss, dass die Orks sich erst von dort aus ihren Weg bahnen. Doch ich muss mich fügen. Was sollte ich auch sagen? „Ja hallo, die Orks werden den Damm da hinten sprengen.“ Würde ich das so sagen, dann kann ich mich nicht nur auf kritische Blicke sondern auch auf ein scharfes Verhör gefasst machen. Des Wartens schon müde geworden setze ich mich zu Boden und spiele zur Ablenkung von dem, was uns noch bevorsteht, an der Bogensehne. Am Himmel türmen sich dichte graue Wolkenmassen auf; nach Regen sieht's aus. Das macht mir insoweit Sorgen, dass meine Verkleidung dadurch wohl oder übel abgewaschen werden könnte. Mit einer dezenten Angst in den Augen, schaue ich also hinauf und bete lautlos in Gedanken. Ich habe nicht nur Angst davor erkannt zu werden, sondern zum ersten Mal in dieser Geschichte eine tatsächliche Angst um mein Leben. Woher das auf einmal kommen mag, weiß ich nicht. Aber dieses seltsame Gefühl, dass ich im Moment niemandem außer meinem Gott trauen könne, will mich nicht verlassen. Beinahe schmerzt es mich schon sogar in Legolas einen potentiellen Gegner sehen zu müssen. Was er in Edoras gesagt hat, dass Boromir Helendir sein könnte, das kann auf jeden Einzelnen hier zutreffen. Auf die Soldaten, selbst auf Aragorn, Éomer, Gimli – auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass der Elb sich zu stolz ist, um die Gestalt eines Zwergs anzunehmen – oder eben auch auf Legolas. Genau in diesem Augenblick sticht es mir durchs Herz. Das soll ich glauben? Ich will das nicht glauben müssen! Sprechen aber nicht etwa schon einige Indizien dafür? Ich schlucke schwer und sehe in die Ferne. Ach, hätte ich Helendir doch nur nicht verlassen. Zwar würde ich dann immer noch unter seiner Gewalt und seinen Begierden leiden, aber wenigstens müsste ich dann nicht mit der Angst spielen, in jedem Moment von ihm entdeckt werden zu können. „Bist du Yven?“, fragt eine Stimme wie aus dem Nichts. Sogleich springe ich auf und nehme Haltung an. „Ja Herr, das bin ich“, gebe ich Antwort und sehe in ein weiteres junges Gesicht, in welchem ein breites Schmunzeln geschrieben steht. Der Bursche zählt vielleicht um die zwanzig Jahre, sein Gesicht ist braungebrannt, die Augen hell und das Haar strohblond. Von recht hagerer Gestalt ist er, aber irgendwas an ihm kommt mir vertraut vor. „Dann bist du also auch der Wunderknabe, der einen Apfel mit Pfeil und Bogen auf zweihundert Schritt in der Mitte trifft?“ Ich nicke stolzen Gemüts und sehe zu ihm auf. „Jawohl! Könnt ihr denn das Gleiche von euch behaupten?“, frage ich, erhalte darauf jedoch ein gleichmütiges Lachen. Eine Antwort gibt er mir nicht. Etwas anderes erfahre ich nur. „Nenn mich Jaron, Kleiner.“ Mit diesen Worten setzt er sich, den Rücken zur Wand gelehnt, an die Stelle, wo ich zuvor gesessen habe. Immer noch werde ich das Gefühl nicht los, ihn irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Er besitzt einen ähnlichen Bogen, wie ich ihn habe. An der Seite trägt er ein etwas längeres Schwert. Mein aufmerksames Mustern beachtet er kaum, was mir lieb ist. Sonst würde er wohl jene Ratlosigkeit in meinen Zügen erblicken, die gerade meinen ganzen Geist erfüllt. Nach einer Zeit frage ich ihn, warum er denn hier sei. Der Abglanz von weit entfernten Fackeln fällt in sein Gesicht, als er den Kopf zu mir dreht. Mir deucht ein weiteres Schmunzeln über seinen Lippen fliegen gesehen zu haben und ich setze mich neben ihn; natürlich mit einem gewissen Sicherheitsabstand. „Du bist zum ersten Mal im Gefecht, nicht wahr? Ein bisschen muss doch jemand auf dich Acht geben.“ „Warum schicken sie dann keinen älteren? Verzeih mir, aber erfahren siehst du nicht gerade aus.“ Er lacht, nickt dann jedoch zustimmend. „Vermutlich meinten sie, du würdest einem jüngeren Soldaten eher vertrauen.“ Auch auf meinem Mund zeichnet sich ein feines Lächeln ab. Als Yven könnte ich mir das vorstellen. Aber als Eruanne wäre mir jemand mit mehr Erfahrung um einiges lieber. Nun, ich hab ja nicht zum ersten Mal gekämpft, also wird es schon gehen. Ein lauter Ruf aus weiterer Ferne weist uns an, Stellung zu beziehen. Es beginnt. Die feindlichen Truppen marschieren auf. Und noch haben wir keine Verstärkung aus Edoras erhalten. Jaron steht flink auf und wirft mir einen kurzen Blick zu. „Hast du Angst?“, fragt er. Ich schüttle meinen Kopf. „Wäre ich sonst hier? Wohl kaum“, erwidere ich, was wieder auf Jarons gewöhnliche Weise kommentiert wird. Er grinst. An den Schießscharten näher am zweiten Tor beziehen wir also unsere Posten und warten. Ein feines Grummeln ist aus der Ferne zu vernehmen. Jedenfalls denke ich so. Mein Magen ist es offensichtlich nicht, wenn ich es auch eher wünschte, als einen Wolkenbruch, der sich wohl oder übel nähert. Daruntergemischt ist ein gleichmäßiges Stapfen zu hören, ebenfalls noch recht leise, konstant jedoch immer lauter werdend. Man könnte meinen Schlachthörner zu hören. Ein kalter Ostwind streift meine Wangen und treibt die Wolken noch dichter zusammen. Bald wird es regnen. Was mach ich denn dann? Jaron wird mich wohl kaum aus den Augen lassen wollen. Allerdings... ist er ja nicht sonderlich erfahren... und im Verschwinden war ich bisher immer noch ein recht begabtes Kind. Doch solange es nicht nötig ist, bleibe ich hier. Die Orks, Uruks – oder um dem gehobenen Sprachgebrauch gerecht zu werden: Uruk-hai – und die von Saruman aufgestachelten Dunländer stehen bereits vor dem ersten Verteidigungswall. Nur wenige Minuten später brüllen sie zum Angriff, dass man es durch das ganze Gemäuer hört. Noch immer bete ich lautlos und langsam steigt mir immer mehr Mut auf. Mit einem Grinsen im Gesicht begutachtet Jaron mich kopfschüttelnd. „Was tust du?“, fragt er. „Hast du jetzt etwa doch Angst?“ Ich schaue nur ebenfalls verschmitzt grinsend zu ihm hinüber, zücke den Bogen und fasse kurzzeitig einen neuen Entschluss. Rasch und geschickt springe ich die Treppenstufen hinunter, um über eine weitere Treppe zum Damm zu gelangen. Obwohl mir der junge Soldat laut hinterherruft, ich solle sofort zurückkommen, renne ich weiter. Ich habe größeres Potential, als an zweiter Stelle auf den Tod anderer zu warten. Von den anderen Soldaten nicht beachtet, schaffe ich es tatsächlich zum kaum besetzten Damm. Vielleicht ein Dutzend Soldaten sind hier, der Rest tummelt sich an der Torseite. Das Gefecht an den äußeren Mauern hat bereits begonnen. Nicht lange und die Lage hat sich dort bereits so verschärft, dass noch dieses Dutzend hier hinzugezogen wird. Den Befehlen nicht gehorchend bleibe ich hier und laufe die niedrigeren Schießscharten ab, um den Überblick behalten zu können. An einer guten Stelle halte ich und spanne die Bogensehne. In dem Augenblick fällt es mir ein. Der Bursche erinnert mich an Adon. Ich zögere, als mir das klar wird. Es kann nicht Adon selbst sein. Auf keinen Fall! Aber warum sieht er ihm so verdammt ähnlich? Bevor ich darüber ausführlich nachsinnen kann, sehe ich, dass sich aus dem Schatten eine kleine Truppe löst und stracks in meine Richtung kommt. So scharf wie Elbenaugen sind meine nun nicht, doch ich sehe selbst von hier aus, dass diese dort nicht nur Waffen bei sich tragen. Am Tor stellen sie Leitern auf und versuchen die Mauern zu stürmen. Warum nur denkt denn keiner daran, den Damm zu verteidigen? Gut, er ist sechs Meter hoch, aber ist ja nicht so, als könnten die Orks auch sechs Meter hohe Leitern dabeihaben – wenn es auch recht surreal wäre. Andererseits, warum sollte man zu so einer Zeit auch an Sprengstoff denken? Fein säuberlich schieße ich einen nach dem anderen ab – egal ob sie auseinanderlaufen oder schneller werden. Einen guten Bogen hat Aragorn mir gegeben und das will genutzt sein. Da höre ich wieder ein Donnergrollen; mit ihm folgt der erste Regentropfen, gefolgt von tausenden weiteren, die hart auf die Erde niederprasseln. Man sollte meinen, bei derartigem Platzregen kann niemand je ein Feuer entzünden, somit sei der Sprengstoff ungefährlich. Sollte man meinen. Ja. Aber nicht wenn er aus Isengard kommt. Eine neue Truppe löst sich von dem Haupttross; diesmal größer, mit stärkeren Rüstungen. Sie marschieren wieder auf die gleiche Stelle zu, nehmen den Sprengstoff von den Gefallenen und sprinten schon förmlich zum Damm. Auch hier versuche ich mein Bestes zu geben, werde diesmal allerdings beschossen, auch wenn sie mich nicht sehen. Auf gut Glück schwirren ihre Pfeile über die Mauerbrüstung, in der Hoffnung irgendwas zu treffen. Mich aber treffen sie nicht und ich arbeite munter weiter. Immer mehr Orks ziehen von der Hauptgruppe ab in meine Richtung. Einige Fackeln brennen trotz des stürmenden Regenwetters unter ihnen und es wird mir immer schwerer, sie in Schach zu halten. Zudem spüre ich immer deutlicher wie die Farbe an meinem Gesicht herunterläuft. Verärgert kämpfe ich weiter, schon nahe daran um Verstärkung zu rufen, aber meine Kehle gibt keinen Laut von sich. Da tönt es an mein Ohr: „Yven! Weg von dort!“ Ich achte nicht darauf. Es ist Jarons Stimme und bald spüre ich auch wie er mich wegzerren will, aber ich wehre mich nur dagegen und will weiter gegen unsere Gegner ankämpfen. Da zerspringt die Mauer unter uns in seine Einzelbestandteile und fliegt unter einer ohrenbetäubenden Explosion auseinander. Jaron und ich fallen mit den Trümmern hinunter. Erst diese Explosion hat den Rohirrim zu verstehen gegeben, dass es hier auch Verteidigung braucht und schon strömen wieder mehrere Soldaten zu uns hinzu. Man kann sagen, dass wir Glück im Unglück haben, denn von Nordosten her kommt im gleichen Augenblick die lang ersehnte Verstärkung aus Edoras. In meinen Ohren pfeift es durchdringend, als ich wieder aufstehe und trotz einiger böse brennenden Schürfwunden mein Schwert ergreife. Hektisch schaue ich mich nach Jaron um. Er ist doch auch gefallen oder täusche ich mich? Da packt eine Hand meinen Arm und zieht mich unsanft fort. Erst nach einigen Sekunden realisiere ich, dass es eben jener junge Soldat ist, der mich vom offenen Feld wegzuzerren versucht. Sofort löse ich mich aus seinem Griff, erbost über seine Feigheit. Er schaut mich nur ernst an und ruft: „Lass das bleiben! Hier ist kein Platz für dich!“ Im nächsten Moment halte ich ihm die Klinge an die Kehle und funkle ihn zornig an. „Sagt gerade der Richtige, mellôn“, erwidere ich und stoße ihn dann von mir weg, mich wieder dem Kampf widmend. Als er mich so anschrie, entblößte sich die lange Narbe in seinem Gesicht und verriet ihn. Ob ich jetzt von Angst oder Wut erfüllt sein sollte, kann ich nicht sagen. Aber es ist wohl eine Mischung aus beidem, die mich weiter zum Kämpfen antreibt. Hinter mir lasse ich eine Spur toter Körper zurück. Wenn ich auch sonst niemanden töten möchte, so sehe ich es gerade als meine Pflicht, die Angreifer zurückzutreiben und ihre Zahl möglichst klein zu halten. Mir steigen Tränen der Verzweiflung in die Augen. Ich hätte nicht an Helendir denken sollen. Dass er die Unverfrorenheit besitzt, sich auch noch in eine Gestalt ähnlich der meines toten Bruders zu hüllen, lässt es mir eng ums Herz werden. Er beobachtet mich schon, seit wir nach Edoras geritten sind; Boromir und ich. Vermutlich war er zuerst einer der Reiter, wer er dann alles gewesen sein mag, könnte ich nicht direkt sagen und nun war er Jaron? Wenn er doch nur die Geschichte nicht kennen würde! So werde ich ihn nie los! Aber jetzt muss ich kämpfen. Helendir kann warten. Die Orks vor mir gerade nicht, also schwinge ich erneut mein Schwert, lasse es auch endgültig mit meiner Verstellung als Yven sein und schlage mich durch, wobei mir ein ganz bestimmter Satz aus einem ganz bestimmten Roman in den Sinn kommt. „Die Front macht uns zu Tieren.“ So oder so ähnlich beschrieb Remarque die Frontkämpfe des ersten Weltkrieges und mittlerweile verstehe ich um einiges besser, wie er das meinte. Wenn wir hier auch nicht dem Sperrfeuer schwerer Artilleriegeschütze oder Gasangriffen ausgesetzt sind, so reicht auch das tosende Schlachtgebrüll um uns herum, um bedenkenlos jeden zu töten, der sich uns in den Weg stellt. Wie lange ich es in diesem Stil wohl durchhalten werde, weiß ich nicht, aber mir ist das egal. Hauptsache Helendir findet mich in dem Getümmel nicht so einfach und ich erleichtere meinen Verbündeten die Arbeit. Stunden geht es so weiter; mal nehme ich das Schwert, mal den Bogen, dann nehme ich auch mal eine Waffe vom Boden auf und schleudere sie mit voller Wucht in einen Feind. Folglich erschlaffen bald meine Arme, meine Beine werden müde, jedoch will ich nicht aufhören. Ich kann nicht! Die Morgenröte bricht an. Mit ihr keimt neue Hoffnung auf. Gandalf bringt eine tausend Mann starke Armee; die Truppe von Erkenbrand. Aber mehr als ein erschöpftes Lächeln zeigt sich nicht in mir, denn obgleich es Tag wird, flüchten diese Orks nicht vor dem Licht. Sie bleiben und kämpfen weiter, nicht wie es für sie gewöhnlich wäre. Geschwind trenne ich dem nächsten Ork mit einer 360 Grad Drehung um mich selbst den Kopf von den Schultern und stoße dem Nächsten sein eigenes Messer in den Bauch. Selbst die Verstärkung wird wohl nicht ausreichen, wenn unsere Feinde nicht des Tags fliehen wollen. Wir sind 2.500 gegen 10.000. Gut, mittlerweile vielleicht 1.900 gegen 7.000. Trotzdem. Das ist nicht gerade leicht zu bewältigen. Trotz der gewaltigen Anstrengungen kämpfe ich mich weiter voran, bis vor das Tor zu den Gefährten gelange ich sogar. Die meisten Soldaten flüchten schon ins Innere der Festung, so finde auch ich meinen Weg hinein. Dort lehne ich mich müde gegen die steinerne Wand und ruhe kurz aus. Aus dem Augenwinkel schaue ich zu, wie einige die Türen verbarrikadieren, andere satteln schon die Pferde, bereit zum Aufbruch. Aber ich weiß gerade nicht, was zu tun ist. Helendir habe ich aus den Augen verloren. Er könnte nun jeder sein. Ausnahmslos jeder. Und davor ist mir bange. Schweißperlen rollen mir von der Stirn, vermengt mit Schmutz und Blut. „Ich will nach Hause“, flüstere ich in Gedanken, zwinge mich dann aber dazu, Shadow ebenfalls aus dem Stall zu holen und zu satteln. Ein letztes Mal werden wir hinausreiten. Ob es eine Verzweiflungstat ist oder etwas anderes, weiß ich nicht, aber ich fände es nicht einmal verwunderlich, wenn wir das nicht überleben werden. Trotzdem bete ich innerlich, dass doch alles gutgehen würde. Der Schädel dröhnt mir, als der tiefe durchdringende Klang des Horns in der Festung ertönt und die Tore wieder geöffnet werden. Unter lautem Schlachtgebrüll preschen wir hinaus, mittendrein in die Orkmeute vor den Toren. Wie im Halbschlaf bekomme ich das alles mit. Als ich wieder das Schwert zur Hand nehme, verblasst der Lärm um mich herum; nur den schweren Herzschlag und meinen Atem kann ich noch hören. Shadow unter mir schnaubt entschlossen, seine dunklen Augen glühen, als würde er im gleichen Moment dem Tod ohne jegliche Furcht ins Angesicht blicken. Streich um Streich werden die Feinde, die uns zu nahe kommen, einen Kopf kürzer oder überrannt. In der Tat ist dies ein unerwarteter Angriff für sie gewesen und für einen Moment scheint sich das Blatt zu wenden. Wenn es auch ein gewaltiger Kraftakt ist, so schaffen wir es die Angreifer immer weiter zurückzudrängen, bis sie von selbst den Entschluss zur Flucht fassen. Weit kommen sie jedoch nicht, denn wie aus dem Nichts ist über Nacht ein Wald auf der Ebene gewachsen und sobald sie dort hineingelangen, hört man nichts mehr von ihnen, außer qualvolles Todesgeschrei. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Diese Schreie. Sie erinnern mich an Mordor. An die tausenden Sklaven, die dort tagtäglich ihr Leben lassen, ohne eine Möglichkeit dem zu entkommen. Und an Laegrîdh. Ich blinzle schnell, um möglicherweise aufkommende Tränen zu vermeiden. Was soll's? Helfen kann ich ihnen nicht mehr. Hinter mir ertönt ein Jubelgeschrei. Die Schlacht ist gewonnen. Freuen kann ich mich jedoch nicht so wirklich, denn der Krieg geht weiter. Shadows impertinentes Wiehern bringt mich wieder in die Realität zurück. Die Arme schmerzen mir. Einige Schnittverletzungen, Schürfwunden und Prellungen grinsen mich hämisch an und beginnen augenblicklich Schmerzsignale an mein Gehirn weiterzuleiten. Mit einem kraftlosen Seufzen weise ich Shadow zur Umkehr. Da mein Blick nun am Boden hängt, realisiere ich jetzt endlich auch, was für ein Gemetzel das hier gewesen sein muss. Das Gras ist rot vom Blut; nicht nur vom Orkblut. Auch zahlreiche Menschen haben hier ihr Leben lassen müssen. Es ist grausam. Wer weiß, was diese Männer alles verloren haben? Vielleicht haben sie Frau und Kinder. Eine Familie, die sich um sie sorgt oder um die sie sich zu sorgen haben. Wenn ich die Orks auch weniger bemitleide, so bedauere ich doch, dass sie unter solchen Umständen leben müssen. Könnte es denn nicht sein, dass wenigstens einer von denen, die nun hier verstümmelt und zerfleischt liegen, noch ein klein wenig Gutes, ein klein wenig Verstand in sich trug? Waren Orks denn früher nicht auch einmal Elben? Natürlich muss das nicht zwingend so sein, aber eins sag ich euch. Wenn ich hier unter den Toten Gremgosh finden würde, so würd' ich keinesfalls zulassen, dass dieser mit allen anderen Kadavern zusammengepfercht und verbrannt wird. Bisher ist er einer der wenigen Orks gewesen, von denen ich sagen konnte, dass er nicht ganz verdorben ist und eventuell ist er nicht der einzige, der so ist, wie er ist. Nur sind das hier keine Orks aus Mordor, sondern aus Isengard. Ein Glück könnte ich es fast nennen, denn damit ist Gremgosh wohl kaum unter ihnen. Die Sonne blendet mich, als ich wieder hochschaue, weshalb ich schützend meinen Arm hebe. Mit der Zeit treibt der umkehrende Westwind die Wolken wieder beiseite. Der Regen hat schon längst aufgehört, die Luft ist klarer, schmeckt aber immer noch nach Eisen. Langsamen Schrittes kehren Shadow und ich zur Hornburg zurück, ungeachtet der verwirrten Blicke, die uns treffen. Im Stall spring ich von ihm hinab und schaue nach, ob er sich denn auch irgendwo verletzt hat. Bis auf einige Kratzer sieht es jedoch nicht so aus, was mich zumindest etwas beruhigt. „Hast du gut gemacht“, flüstere ich ihm zu und klopfe vorsichtig auf seinen Hals. Er schüttelt seine Mähne und wiehert leise; dann schaut er mich mit einem Blick an, als wollte er mir Vorwürfe machen. Ich weiß schon worauf er hinaus will und verdrehe meine Augen. „Ja, es geht mir gut, Großer. Sind doch nur ein paar Schürfungen.“ Nochmals schnaubt er vorwurfsvoll, aber ich grinse nur. „Du hättest dich genauso gut weigern können.“ Da ist er still für einige Sekunden, deutet dann jedoch mit dem Kopf hinter sich. Das hatte ich beinahe vergessen. Shadow hasst es mit Sattel und Zaumzeug geritten zu werden. Nur als Yven sähe das ein wenig zu gekonnt aus, wenn ich ihn nicht so reiten würde. Mit einer schnellen Entschuldigung entledige ich das brave Tier, das mir daraufhin dankend zuschnaubt und schließlich kehrtmacht, um etwas zu trinken und zu essen. Warum sollte ich ihn hindern? Er hat seine Sache gut gemacht und wegen seines ausgeprägten Eigenwillens wäre es auch nicht ratsam ihn von seinem Vorhaben abzubringen; sei es auch nur trinken zu gehen. Ich schau mir mein Spiegelbild in der Tränke an und verwische die verlaufene Farbe halbwegs so, dass man ihr nicht ansehen kann, ob das jetzt einfach nur Schmutz auf sonnengebräunter Haut oder tatsächlich Farbpartikel sind. Es werden viele Verwundete noch draußen sein. Die Bewohner der geplünderten Siedlungen kommen nach und nach aus ihrem Versteck und helfen den neu eingetroffenen Soldaten dabei Verwundete in die Festung zu bringen, brauchbare Waffen einzusammeln und die Leichen zusammenzupferchen. Leichtverletzte Pferde werden hier versorgt, die mit schwerwiegenderen Wunden werden auf dem Feld umgebracht, damit sie sich nicht weiter quälen. Man hört ihr furchtbares Schreien durch die Mauern hallen, sodass ich erschaudere. Es ist unerträglicher, als wenn es Menschen gewesen wären, so entsetzlich hört sich ihr Geschrei an. Ein Glück, dass Shadow nichts dergleichen widerfahren muss. Ich schaue hinter mich und entspanne schließlich den Bogen, um die Sehne nicht zu überlasten. Hoffentlich geht es den Gefährten gut. Wenn auch nur einem von ihnen etwas passiert ist... Ein Seufzen geht mir über die Lippen und mein Kopf schüttelt sich von selbst. Dann wäre ich wohl einer der wenigen Menschen, die jemanden durch eine Geschichte umgebracht haben. In Shadows Nähe suche ich mir eine Ecke, um dort in Ruhe meine Waffen zu säubern, ohne Angst haben zu müssen, dass ich entdeckt werden könnte. Draußen werden die meisten genug zu tun haben. Eine sonderlich große Hilfe werde ich ihnen nicht sein können, also bleibe ich hier. Während ich das Orkblut von der Klinge wische, schweifen meine Gedanken ab nach Mordor. Wie weit werden Frodo und Sam schon sein? Haben sie bereits Gollum getroffen? Haben sich irgendwelche anderen Schwierigkeiten ergeben, von denen nicht einmal in meiner Welt geschrieben wurde? Sie müssen vielleicht nicht unbedingt an Schlachten teilnehmen. Aber tauschen wollen würde ich mit den beiden auch nicht gerne. Das Gelände, durch das sie müssen, könnte unwegsamer nicht sein und die Last des Rings erleichtert es ihnen auch nicht gerade. Die Gefährten hier werden jetzt nach Isengard reiten. Günstiger wird es für mich nicht werden wieder zurück nach Edoras zu reiten, ohne dass Boromir mitbekommt, dass ich hier gewesen bin. Es wird mir einige Tage Vorsprung bereiten, doch in die Stadt werde ich nicht gelangen können, wenn ich denn alleine reite. Die Wachen dort werden niemanden durchlassen, der nicht ihre Sprache spricht. Außerdem werden sie mich an Boromir verraten, sobald die fünf auch zurückkehren. Natürlich könnte ich auch einfach hier warten, bis die Gefährten mit den Soldaten zurückkommen; dann wird es aber einige Tage länger dauern, bis wir dort ankommen, es wäre viel wahrscheinlicher, dass jemand meine Abwesenheit bemerkt, bevor ich wieder in meinem Zimmer bin und Porthos wird höchstwahrscheinlich kaum mehr etwas zu essen haben. Ich werfe Shadow einen sorgenvollen Blick zu und stecke das Schwert ein. „Was meinst du, Großer?“, frage ich im Flüsterton. „Setzen wir aufs Risiko, nicht reingelassen zu werden oder lieber auf das Risiko eine Strafpredigt von Boromir anhören zu müssen und Porthos verhungern zu lassen?“ Er hebt seinen Kopf und schnaubt kräftig. Ein müdes Grinsen schleicht über meine Lippen. „Danke für diese eindeutige Antwort. Aber nein wirklich, was sollten wir tun?“ Er schüttelt den Kopf, als würde er sagen wollen, dass beides keine gute Idee ist, doch auch das bringt uns kein Stückchen weiter. Ich seufze und stehe auf. Meine Beine wollen mich kaum halten, so müde sind sie. Dennoch schleppe ich mich vorwärts und spähe in den langen Gang der Stallungen hinein. Die Soldaten hier sind zu beschäftigt, um mir Aufmerksamkeit zu schenken. Sie werden es nicht bemerken, wenn wir jetzt verschwinden, aber Shadow... Seine Wunden sind nur fein und ungefährlich, jedoch muss ich mich trotzdem zuerst um sie kümmern, ehe wir aufbrechen können. Wieder drehe ich mich um zu ihm, da wird mir für einen Moment schwarz vor Augen und ich höre Schritte hinter mir. „Das ist keine gute Idee“, sagt jemand hinter mir und tritt näher an mich heran. „Ihr werdet nicht eingelassen werden, das weißt du. Und du bist geschwächt. Wenn ihr auf dem Weg angegriffen werdet, wirst du dich kaum verteidigen können.“ Nach einem tiefen Durchatmen drehe ich mich um und ziehe meinen Gegenüber zur Seite. Er ist immer noch in die Gestalt des jungen Soldaten gehüllt, aber seine Narbe zeigt sich mir nur noch deutlicher in ihrem silbrigen Schimmern. Shadow weicht ihm missmutig aus, als er näher kommt, doch Helendir beachtet ihn nicht. Er sieht mich betrübt an und wartet darauf, dass ich irgendetwas sage. Worte fallen mir aber schwerlich ein. Er hat recht mit dem, was er da gesagt hat. Es ist keine gute Idee. Aber was sollte ich sonst tun? Ist es eine bessere Idee mich von ihm gefangennehmen und wieder nach Mordor bringen zu lassen? „Was wirst du nun tun?“, frage ich nach, ohne ihn aus den Augen zu verlieren. „Sobald deine andere Seite wieder zum Vorschein kommt, wird sie eh alles vernichten, was du versucht hast aufzubauen.“ Er nickt nur und seufzt. „Das stimmt zwar. Aber lass mich doch wenigstens für die Zeit, in der ich bei klarem Verstand bin, versuchen das wiederherzurichten, was ich an dir verbrochen habe.“ Als er das sagt, stocke ich. In seinen Augen liegt keine Hinterlist, er könnte das tatsächlich ernst meinen. Aber wie sollte er mir denn die vier Jahre meines Lebens, die er mir gestohlen hat, meine Familie und meine Unschuld zurückzahlen können? Er streicht mir durchs Haar und sieht mich so durchdringend an, dass mir wieder kalt wird. „Du führst doch etwas im Schilde“, erwidere ich mit gedämpfter Stimme und wende mein Gesicht von ihm ab. „Sagtest du nicht selbst, bei dir sei alle Hoffnung vergebens?“ „Wohl sagte ich das. Aber ohne mich wirst du es nicht bis nach Edoras schaffen. Denkst du etwa, ich sei dir zum Spaß nach Helms Klamm gefolgt? Ich hätte genauso gut dort auf dich warten können, um dich in meine Gewalt zu bringen.“ „Warum hast du das dann nicht getan? Ist es nicht dein einziges Ziel gewesen? Mich entweder zu töten oder zurück nach Mordor zu bringen, damit Sauron mich tötet, um sich meiner – wie ihr es nennt – Kraft aneignen zu können?“ „Ich werde es dir erzählen, aber nicht hier. Erst auf dem Weg und nur wenn du versprichst, mir zuzuhören.“ „Das letzte Mal, als ich dir ein Versprechen gab, musste ich mich von dir vergewaltigen lassen.“ „Und doch hältst du mich nicht für gänzlich verdorben.“ Ich seufze kopfschüttelnd, stoße ihn zurück und gehe zu Shadow hinüber. „Wie gedenkst du nach Edoras zu kommen?“, frage ich schließlich, ohne mich umzudrehen. Er erwidert nur knapp: „Wir treffen uns hinter den Toren der Festung.“ Dann geht er. Kaum ist er weg schnaubt Shadow genervt und stupst mich energisch an. „Ich weiß. Er könnte uns gefährlich werden. Aber haben wir denn eine andere Wahl?“ Sofort wiehert der Rappe, wirft den Kopf hoch und tänzelt mit seinen Hufen. Ich verdrehe nur die Augen. Kein Weg ist ohne Risiko, aber in diesem Fall gebe ich Shadow recht. Wir würden es auch ohne Helendirs Hilfe schaffen. Sei es auch schwerer, immerhin wird er mich dann nicht mehr so schnell hinters Licht führen können. „Lass uns aber noch bis zur Nacht warten“, bitte ich den Hengst, der daraufhin zwar widerstrebend den Kopf zur Seite legt, nach einem eindringlichen Blick jedoch nachgebend schnaubt. Wir werden Proviant für den Weg brauchen. Irgendwo könnte ich bestimmt fündig werden, aber wenn ich weiterhin als Yven rumlaufen will, muss ich meine Verkleidung zuerst richten. Nochmals schaue ich auf meine Spiegelung im Trinkwasser und schüttle kurz darauf den Kopf. Da ist kaum mehr was zu retten. Meine blasse Haut schimmert immer noch an vielen Stellen durch die Verkleidung hindurch und die Haut um meine Wunden herum würde eh verraten, dass dies nicht meine natürliche Hautfarbe ist. Rasch wasche ich die Farbe von meiner Haut und trockne sie provisorisch. Die Waffen verstecke ich im Heu, genauso auch den Lederharnisch über meinem Hemd und alles andere, was nicht zu meiner Kleidung zählt. Soll man doch sehen, dass ich keiner der Soldaten bin. Als Yven wird mich so eh niemand ansprechen. Bevor ich aus den Stallungen hinausgehe, versorge ich Shadows Verletzungen so gut es eben geht und wasche auch meine Wunden aus. Dann mache ich mich auf die Suche nach Wegzehrung. Je weiter der Tag voranschreitet, desto ruhiger wird es in der Festung. Die Gefährten und einige Rohirrim sind schon früh nach Isengard geritten, aber viele Rohirrim sind noch hier und warten auf ihre Rückkehr. Die Bewohner des umliegenden Gebietes helfen ihnen dabei die größten Schäden an der Burg zu mindern und auch den Verletzten wird geholfen. Keiner spricht mich an, als ich an ihnen vorüberlaufe. Es ist für mich also ein Leichtes Proviant zu beschaffen, zugleich aber mache ich mir Gedanken über Helendir. Er wird misstrauisch werden, wenn wir nicht bald zu ihm kommen und dann wird er mich suchen. Eigentlich nicht schlecht. Wenn er mich hier sucht, wird er nicht darauf achten können, wer die Festung verlässt und wir können hinaus. Ich überspringe einige Stufen als ich wieder in den Stall zurückkomme, um Shadow zu satteln. Er hasst es, das weiß ich, aber es wäre nun mal zu auffällig, ihn ohne Sattel und Zaumzeug zu reiten, also lässt er es zu, wenn auch unter Protest. „Wenn wir erst wieder in Edoras sind, wirst du das nie mehr über dich ergehen lassen müssen, versprochen“, flüstere ich ihm zu, als ich seinen Missmut bemerke. Er schaut mich nur kurz an und schüttelt seine Mähne. Meine Sachen verstaue ich in den Satteltaschen an seiner Seite, dann verabschiede ich mich für kurze Zeit und beeile mich in die Nähe des Tores zu kommen. An den beschäftigten Leuten schlängle ich mich vorbei auf den äußeren Mauerring, der von der Belagerung der Orks um einiges mehr einstecken musste als der innere Ring. Hier oben liegen immer noch ein paar Leichen herum, doch ich schenke ihnen keine Beachtung und schleiche mich unbemerkt bis an den äußersten zum Tor gelegenen Rand. Durch einen Riss im Mauerwerk hindurch kann ich ihn tatsächlich dort sehen, mit einem eigenen Reittier. Nicht als Jaron, doch immer noch in einer anderen Gestalt als seiner wahren, für mich immer noch erkennbar an seiner Narbe. Ich warte dort so lange, bis ihn die Geduld verlässt und er seinen Platz räumt. Und das dauert gar nicht so lange, denn bereits zwei Stunden nach Mittag macht er sich auf und geht in die Richtung des Stalls. Sofort sprinte ich die Mauer entlang herunter, ebenfalls in Richtung der Stallungen, springe über manche Treppenstufen hinweg und komme außer Atem bei Shadow an. „Los“, spreche ich ihn an und schwinge mich auf seinen Rücken, woraufhin er in einem schnellen Trab den Stall verlässt und wir zum Tor gelangen. Es steht offen, damit es die Aufräumarbeiten nicht behindert, was uns nur zum Vorteil gedient. Als wir vor den Mauern angelangt sind, schaue ich ein letztes Mal zurück, bevor ich Shadow zum Galoppieren animiere. Er prescht los und lässt die Festung nach kurzer Zeit schon weit hinter uns. Immer wieder drehe ich mich um, um mich zu vergewissern, dass uns niemand folgt. Das ganze Feld hinter uns ist jedoch leer. Ohne die ganzen Rohirrim kommen wir bedeutend schneller voran. Den Weg, den wir noch vor Kurzem genommen haben, um zur Festung zu reiten, schaffen wir in weniger als sechs Stunden. Mit ihnen ritten wir dafür zwei Tage, weil ihre Pferde nicht auf Dauer eine solch hohe Geschwindigkeit beibehalten können wie das meinige. Nach zwei Stunden legen wir eine Rast ein. Shadow grast, während ich etwas von dem Proviant zu mir nehme und die Gegend überschaue. Die Sonne steht schon weit im Westen, doch es dauert noch einige Stunden, bis es dunkel wird. Trotzdem fallen mir unwillentlich die Augen zu, als ich mich zu Boden setze. Die letzten Tage haben meine Schlafgewohnheiten nur noch ärger durcheinandergebracht. Wann habe ich das letzte Mal denn eine ganze Nacht durchschlafen können? In Lothlórien wahrscheinlich. Ansonsten hatte ich immer Angst vor Helendir oder musste mit den anderen mitziehen. Nur, warum eigentlich noch Angst vor ihm haben? Wenn er mich immer noch töten wollen würde, dann hätte er es schon längst getan. Gelegenheit dazu hat er oft genug gehabt. Ich blinzle müde und schaue zum Himmel hinauf. Vier Stunden noch. Vier Stunden müssen wir reiten, dann sind wir in Edoras. Aber Helendir hat recht. Wie sollen wir da reinkommen? Mein Kopf will schwer werden, da lassen sich Hufschläge ausmachen. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und horche angestrengt nach. Sie kommen nicht von Südwesten, sondern aus der entgegengesetzten Richtung. Und sie sind mindestens genauso langsam wie leise. Aber ich bin müde. Selbst wenn ich mich jetzt noch aufmachen würde, um ein halbwegs sicheres Versteck zu suchen, werden wir bemerkt werden. Zu schade nur, dass ich meinen Elbenmantel in Edoras gelassen habe. Andernfalls wäre er mir aber auch nicht viel von Nutzen, wenn unser ungebetener Besucher denn derjenige ist, von dem ich denke, dass er es ist.

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