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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 19

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19. Nicht alles kann man erklären
Es vergehen wiederum einige Tage, in denen selten mehr als zwei Personen zugleich in meinem Zimmer sind. Von den Gefährten lässt Boromir mittlerweile keinen mehr zu mir, nicht einmal Gandalf oder Aragorn; und erst recht nicht Legolas. Wohl damit ich nicht auf dumme Gedanken komme; sprich, damit ich nicht mit ihnen nach Helms Klamm reite, wenn sie denn dorthin aufbrechen werden. Es ist ein trüber Morgen, als ich zum ersten Mal wirklich von ihm alleine gelassen werde. Nur Porthos ist noch da. Er hockt neben mir auf dem Bett, während ich mal wieder etwas zeichne. Es ist nicht irgendwas, das ich zeichne, nein, es ist eine Verkleidung, die ich mir zurechtlege, denn hierbleiben, das kommt für mich nicht infrage. Es klopft an der Tür. Ohne von meiner Zeichnung aufzublicken rufe ich: „Herein!“ Selbst wenn es wieder Boromir sein würde, so wäre es unklug diese Skizze zu verstecken; das könnte verdächtig wirken. Aber es sind nicht die Schritte meines Bruders, die sich in meine Richtung bewegen. Kurz sehe ich hoch, arbeite dann jedoch beruhigt weiter. „Guten Morgen, Éowyn“, begrüße ich sie nebenbei. Sie erwidert den Gruß und fragt nach meinem Befinden. Wenn ich mich nicht verzählt habe, ist sie bisher schon dreimal hier gewesen, zumeist wenn meine eigentliche Pflegerin, deren Name ich nun endlich ebenfalls weiß, verhindert ist oder wenn sie mich etwas fragen muss, aufgrund der Wunde und Éowyn hilft unsere Verständigkeitsprobleme zu überwinden, zumal sie fließend Westron sprechen kann. Nach einem nicht allzu langen Trivialitätenaustausch kommt es mir doch ein wenig seltsam vor, dass sie hier ist und nicht meine Pflegerin. „Geht es Bernia heute nicht so gut?“ Éowyn schüttelt nur den Kopf. „Ihr Töchterchen hat eine Grippe seit gestern. Sie musste bei ihr bleiben.“ Irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte etwas sagen. In irgendeiner Weise Mitleid zeigen, aber ich weiß nicht wie. Zum Glück spricht Éowyn schon wieder, bevor eine seltsame Pause entsteht. „Sie bräuchte aber auch nicht mehr zu euch kommen. Ist eure Wunde nicht schon längst verheilt?“ Ich zucke mit den Schultern. „Möglich. Aber selbst wenn...“ Unwillkürlich muss ich an Boromir denken. Selbst wenn die Verletzung schon vollkommen geheilt ist, wird er mich nicht ohne Aufsicht lassen wollen. Ohne den vorigen Satz zu ende zu führen, frage ich: „Geht es ihm eigentlich gut? Ich meine... ist mit seinem Kopf wieder alles in Ordnung?“ Éowyn schmunzelt und nickt. „Ihr macht euch mindestens genau so viele Sorgen um ihn, wie er um euch. Das sieht man euch an.“ Ein Anflug von Skepsis macht sich in meinem Blick breit. Kommt es ihr denn wirklich so vor? Ist es so einfach zu zeigen, dass man sich um jemanden sorgt? Es ist das zweite Mal, dass mir jemand sagt, ich würde mich wohl sehr um meinen Bruder sorgen. Nur war beim ersten Mal ein anderer gemeint. Schlussendlich nicke ich und werde ohne es zu wollen traurig. „Ich möchte nur nicht... dass es ihm schlecht geht.“ Daraufhin nickt sie. „Das verstehe ich.“ Sie schaut kurz nach, ob ich noch genügend Wasser zum Trinken hätte, dann schüttelt sie tadelnd den Kopf, da der Krug noch halbvoll ist und schenkt mir etwas Wasser in mein Glas ein. „Ihr trinkt viel zu wenig, Eruanne. Damit tut ihr euch keinen Gefallen.“ Auch diesen Satz habe ich nicht zum ersten Mal gehört, doch als sie mir das Glas reicht, stelle ich es nur auf dem Tisch neben meinem Bett ab. „Verzeiht mir, aber ich kann einfach nicht viel trinken. Es liegt in der Familie. Auch meine Mutter trank immer zu wenig.“ Bevor sie etwas darauf erwidert, zögert sie merklich. „Ihr sprecht in der Vergangenheit. Ist sie denn noch am Leben?“ Auf diese Frage bin ich keineswegs vorbereitet gewesen. Dennoch versuche ich mir das unsichere Zittern in meiner Stimme nicht anmerken zu lassen. „Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es.“ Darüber will ich nicht sprechen, sonst könnte es wieder zu Fragen kommen, welchen ich lieber aus dem Weg gehen möchte. Glücklicherweise geht auch sie nicht weiter darauf ein, denn sie geht schon wieder in Richtung Tür, doch bevor sie diese öffnet, dreht sie sich noch einmal um zu mir und fragt: „Seid ihr wirklich eurem Bruder gefolgt, um ihn zu retten, obwohl er es euch verboten hat?“ Ich nicke schnell und werfe ihr einen fragenden Blick zu. Sie lächelt etwas ungläubig, aber auch mit Respekt in den Augen. „Obwohl ihr selbst hättet sterben können?“ Ich seufze. „Ja. Und ich würde es wieder tun, wenn es denn nötig ist.“ Daraufhin kommt sie wieder näher und setzt sich neben mich. „Dazu werdet ihr wohl kaum die Gelegenheit bekommen. Eure Gefährten brechen morgen in aller Frühe bereits mit einigen Truppen nach Südwesten auf und euer Bruder wird euch sicherlich nicht hinauslassen, bevor ihr vollkommen genesen seid.“ „Dann soll er gefälligst mit mir hierbleiben“, erwidere ich etwas eingeschnappt. „Er tut nahezu so als wäre er unverwundbar, obwohl er genau weiß, dass das niemand von uns ist. Ich habe ihn nicht gerettet, damit er bei nächster Gelegenheit wieder stirbt!“ „Beruhigt euch. Es muss ja nicht sein, dass...“ Weiter spricht sie nicht. Die Worte sind ihr wohl entfallen, zumindest sieht sie bedrückt aus. „Ich wünschte, ich hätte euren Mut“, fährt sie schließlich fort. Mit einem leichten Grinsen schüttle ich den Kopf. „Das, was ich habe, ist kein Mut. Wenn es etwas ist, dann sture Eigensinnigkeit. Aber Mut, den habt ihr. Das weiß ich.“ Nun ist sie es die lächelnd den Kopf schüttelt. Dabei fällt ihr Blick auf meine Zeichnung. „Ihr zeichnet in letzter Zeit ziemlich viele Menschen. Was gedenkt ihr mit diesen Bildern zu tun?“ Eigentlich will ich darauf nicht so wirklich antworten. Unter Umständen könnte sie Boromir verraten, dass ich nicht hierbleiben werde. Andererseits denke ich nicht, dass sie der Charaktertyp ist, der mein Handeln nicht verstehen würde. Obwohl es mir Bedenken bereitet, gebe ich leise zur Antwort: „Ich werde ihnen wohl kaum als Eruanne folgen können.“ Bei diesen Worten macht sich Erstaunen in ihrem Gesicht breit. „Ihr wollt euch als Soldat verkleiden?“ Ohne von der Zeichnung aufzusehen nicke ich. „Das allerdings hatte ich vor. So oder so ähnlich jedenfalls. Ich hoffe doch, ihr werdet das niemandem sagen.“ Bei dem letzten Satz wende ich mir wieder in ihre Richtung. Sie nickt nur lächelnd. „Ihr könnt euch auf mich verlassen, Eruanne.“ Das hoffe ich doch. Zwar haben wir bisher höchstens viermal miteinander geredet, aber ihr zu misstrauen brächte mir nichts. Gerade in diesem Moment klopft es an der Tür. Ohne dass ich geantwortet habe, geht sie auf und zu meinem Erstaunen auch sehr schnell wieder zu. Ich lege das Zeichenzeug zur Seite und stehe vom Bett auf. „El“, sage ich leise, „was ist los?“ Er horcht kurz, ob sich jemand hinter der Tür befindet, dann fragt er Éowyn unsicher: „Weiß sie schon davon?“ Mein Blick schweift verwundert zu ihr hinüber. „Wovon?“ Sie schüttelt den Kopf und erklärt dann mit gedämpfter Stimme: „Euer Bruder hat sich mit meinem Bruder abgesprochen. Für die Zeit, in der sie in Helms Klamm sind, wird das Zimmer hier bewacht werden, damit ihr nicht hinaus könnt.“ Ich muss ungläubig auflachen. „Das kann doch nicht sein Ernst sein! Ihr nehmt mich auf den Arm, ihr beiden.“ Daraufhin seufzt Legolas und Éowyn schüttelt sofort wieder den Kopf. „Ich wünschte, es wäre so“, sagt er, ohne dass die Anspannung in seiner Stimme abgenommen hat. Doch das kann ich nicht wirklich ernst nehmen. Er würde es doch genauso wie Boromir befürworten, dass ich hier bleibe. Warum aber zittert er gerade so? Éowyn sieht kurz zwischen uns beiden hin und her, steht dann auf und geht zur Tür. „Ich lass euch beide wohl besser alleine“, sagt sie, bevor sie sich verabschiedet und hinausgeht. Gleich darauf muss El tief durchatmen. „Verzeih mir mein ungalantes Auftreten, aber...“, beginnt er, doch ich unterbreche ihn vorsichtig mit einer abwinkenden Handbewegung. „Beruhig' dich erst mal. Dein Puls rast ja förmlich“, beschwichtige ich, setze mich aufs Bett und lege meine Hand auf die Seite zu meiner Linken, um ihm zu bedeuten, er solle sich setzen. Das tut er, doch als er weiterspricht, ist immer noch eine ziemliche Anspannung in seiner Stimme zu hören und seine Worte verwirren mich nur noch mehr. „Hat Boromir dich eigentlich gut behandelt?“ „Was?“, frage ich völlig unverständig. Er atmet noch einmals tief durch und ich sehe wie er wieder zu zittern beginnt. Warum hätte er mich nicht gut behandeln sollen? Wie kommt Legolas auf solche Gedanken? Er zittert immer noch, doch er spricht nicht weiter, also nehme ich das Glas Wasser, das auf dem Tisch steht, und reiche es ihm. Er leert es mit einem Zug, stellt es selbst zurück und fasst sich an den Kopf. „Nenn mich verrückt, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass mit deinem Bruder etwas nicht stimmt.“ Das wundert mich nicht. Echt nicht. Aber trotzdem ist es noch lange kein Grund zu denken, dass er nicht mehr anständig mit mir umgehen würde. Vorsichtig nehme ich seine Hand in die meine und sage: „Es ist alles in Ordnung zwischen uns beiden. Er war nur anfangs etwas sauer auf mich, El. Aber jetzt ist echt wieder alles gut. Er ist nicht mehr böse auf mich. Warum auch?“ Legolas sieht mich kritisch an und schüttelt den Kopf. „Ich weiß nicht. Aber mir will der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass er eigentlich“, nun senkt er seine Stimme beinah bis zu einem Flüstern, „Helendir ist.“ Ich lache kurz auf. „Der?“ Er nickt. „Warum ausgerechnet...“ „Merkst du denn nicht, wie er dich wegsperrt? Wann warst du denn das letzte Mal nicht in diesem Zimmer?“ In seinen Augen liegt eine besorgniserregende Angst, wie ich sie noch nie bei ihm gesehen habe. „El, du reagierst über“, versuche ich ihn zu beruhigen, aber er hört nicht auf zu zittern. Es ist mir zwar aufgefallen, dass Boromir in letzter Zeit ziemlich überfürsorglich ist, aber dass es gleich daran liegen mag, dass er Helendir ist, glaube ich einfach nicht. Porthos, der sich auf meine andere Seite gesetzt hat, sieht Legolas wohl genauso skeptisch an, wie ich es gerade tue. Im Gegensatz zu seiner Skepsis ist meine jedoch noch mit einem besorgten Gefühl erfüllt. Ich will nicht, dass er auch noch in diese paranoiden Angstzustände gerät, wie ich sie manchmal habe. „Weißt du“, beginne ich schließlich, „Boromir hat nun mal so einen stürmischen Charakter. Ich bin halt seine kleine Schwester und ganz ehrlich, was würdest du tun, wenn du eine kleine Schwester hättest, die du am Anfang noch für einen Fehler beschuldigst, später aber merkst, dass gerade dieser Fehler dir das Leben gerettet, ihres jedoch in Gefahr gebracht hat? Ich kann Boromir schon verstehen. Er will einfach nicht, dass mir noch mehr zustößt. Und wenn er tatsächlich Helendir wäre... dann hätte ich es zumindest an seiner Redensart erkannt.“ Es dauert bis dieser angstbesetzte Glanz aus seinen Augen weicht. Aber dann wird er allmählich ruhiger. „Aber müsste er als dein Bruder denn nicht am besten wissen, dass du erst recht in Gefahr gerätst, wenn du zu lange an einem Ort bleibst? Helendir würde dich viel schneller finden, wenn du hierbleibst.“ „Du willst also, dass ich mit euch gehe?“ Er seufzt leise. „Ja. Eigentlich, ja. Ich weiß, jeder richtige Kavalier müsste eine junge Frau davon abbringen in einen Kampf zu ziehen, wo sie womöglich sterben könnte. Aber ich kenne deine Fähigkeiten und ich weiß, dass du vor Vorwürfen verkümmern würdest, wenn du hier bleibst.“ „Oho! Da hab ich von Gandalf aber was ganz anderes gehört.“ Er schüttelt grinsend den Kopf. „Wenn ich eines von dir gelernt habe, dann wie man jemandem vorspielt eine andere Meinung zu haben.“ Auch ich muss grinsen und sehe ihn dezent vorwurfsvoll an, denn mit Absicht habe ich das früher nie vor ihm gemacht, ohne dass er wusste, dass es nur gespielt ist. Dann sieht er mich kurz an, schaut hinter sich auf die Zeichnung, die ich angefertigt habe und nimmt sie zur Hand. Er überfliegt sie für einige Sekunden und muss lächeln. Plötzlich meint er: „Ich werde dir dabei helfen.“ Verdutzt muss ich lachen, dann aber nicke ich halb. „Wenn du willst... Aber ich glaube, ich brauche dabei nicht so wirklich Hilfe.“ Ein unmissverständlich kritischer Blick trifft mich mit einem beinahe schon spöttischen Lächeln. „Sag das mal den Wachen, die Boromir vor deiner Tür aufstellen lassen will.“ Okay, das klingt jetzt wirklich verrückt. So übervorsichtig kenne ich ihn echt gar nicht. Andererseits soll es mir recht sein, dass El mir dabei hilft. Also stellen wir schnell eine Liste zusammen, was ich für diese Verkleidung benötigen würde; dann nach einer knappen Viertelstunde verschwindet er auch schon wieder, um die Sachen zu besorgen. Ich kann nur in meinem Zimmer sitzen bleiben und warten. Ein leises Jaulen entkommt Porthos und er sieht mich vorwurfsvoll an, als Legolas hinausgeht. Ich streiche ihm nur durchs Fell. „Du weißt genauso gut, dass ich nicht hierbleiben kann, Kleiner.“ Sein Blick wird traurig und er legt seine Schnauze auf meinen Schoß. Nur ganz leise höre ich sein Fiepen und Winseln, als würde er das bedauern, was mir ein mitleidiges Lächeln abverlangt. „Es würde auffallen, wenn du mitkommst. Die Jungs kennen dich mittlerweile doch schon.“ Kaum sage ich das, schaut er zur Seite und hört auf zu Wimmern. Es tut mir leid, ihn hierlassen zu müssen, aber es wäre einfach zu riskant. Nach einigen Minuten des Schweigens scheint er das auch zu akzeptieren, denn er richtet sich auf, springt vom Bett und legt sich darunter. Ein leises Lachen entkommt mir. Sogleich knie ich mich auf den Boden zu ihm hinunter und versuche ihn zu trösten, aber er beachtet meine Worte nicht, sondern tut so, als ob er schlafen würde. Kopfschüttelnd setze ich mich wieder aufs Bett und denke noch einmal über Legolas' Worte nach. Es macht für mich nicht wirklich Sinn, dass ausgerechnet Boromir dieser Elb sein soll. Natürlich, Helendir ist ein ungeschlagener Meister der Verwandlung und der Tarnung, aber Überfürsorglichkeit allein ist noch lange kein hinreichender Grund dafür, dass es wirklich so ist, wie El denkt. Ich schüttle noch einmals meinen Kopf. Nein, das ist schon ein ziemlich weit hergeholter Gedanke. Möglich, aber nicht wahrscheinlich könnte man sagen. Den ganzen Nachmittag über warte ich darauf, dass Legolas wieder kommt. Inzwischen haben sich die anderen Gefährten schon bei mir verabschiedet, weil sie morgen in aller Frühe aufbrechen wollen. Als Boromir sich verabschiedet, achte ich besonders auf seine Wortwahl, stelle jedoch nichts fest, was Helendir ähnlich wäre. Vielleicht hat meinen alten Freund tatsächlich ein wenig von meiner übertriebenen Angst ergriffen und treibt ihn nun zu solchen Gedanken. Er hat sich noch nicht von mir verabschiedet. Er ist noch gar nicht wiedergekommen, auch nicht, als die Sonne schon ihren Abstieg antritt. Mit einem Seufzen wende ich meinen Blick von der Tür und lasse mich aufs Bett fallen. Warum habe ich gedacht, Legolas würde das tatsächlich tun? Er ist schlau. Er könnte auch diese Zeichnung angesehen haben, um sich zu merken, wie ich wohl aussehen würde, wenn ich ihnen heimlich folgen werde und mich jetzt hier warten lassen, damit ich ihnen morgen früh nicht folgen kann, weil ich keine Tarnung habe. Dass mir das erst jetzt auffällt, ärgert mich zutiefst. So rasch werde ich es sicherlich nicht hinkriegen, die ganzen Sachen zu besorgen, die ich für eine neue Verkleidung bräuchte. „Porthos...“, sage ich leise, da klopft es plötzlich. Sofort springe ich auf und gehe zur Tür. Doch da merke ich, dass ich sie nicht öffnen kann. Sie ist von außen abgeschlossen. Also stimmt es. Ich soll mit aller Gewalt hierbehalten werden. Aber wer hat dann geklopft? Da höre ich es noch einmal, merke dabei jedoch rasch, dass das Klopfen gar nicht von der Tür kommt. „Vom Fenster?“, denke ich mir und mein Mund bleibt offen stehen. Mein Zimmer ist im zweiten Stock dieses Gebäudes, ohne einen Baum oder sonstiges davor. Ich drehe mich um und schlage vor Schreck meine Hände vor dem Mund zusammen, muss im gleichen Moment jedoch lachen. Flink husche ich zur anderen Seite des Raumes und öffne das Fenster. „Na endlich“, höre ich eine raue Zwergenstimme von unten leise meckern. „Der ist schwerer als man denkt.“ Legolas grinst kurz und reicht mir einen Leinensack, der so schwer ist, dass ich ihn kaum halten kann. „Du hast Gimli da mit reingezogen?“, frage ich vorwurfsvoll, lache aber zugleich leise auf. „Ich brauchte ein Gegengewicht beim Hochklettern. Anders kommt man nicht mehr in dein Zimmer“, gibt er als Erklärung, woraufhin Gimli sich von unten entrüstet räuspert. „Das hab ich gehört, Spitzohr“, zischt er, grinst dann aber ebenfalls. Als der Elb von der Fensterbank springt, lehne ich mich kurz hinaus, um die Seilkonstruktion zu betrachten, mit der er es hier hinauf geschafft hat. Tatsächlich haben die beiden es hinbekommen, das Seil an einer Verzierung am Dachgiebel zu befestigen, woraufhin Gimli das eine Seilende festhalten muss, damit El am anderen Ende hochklettern kann. Er nimmt mir den schweren Sack ab, stellt ihn zu Boden und öffnet ihn schließlich. „Ich hab mich bemüht, alles zu holen. Éowyn war mir dabei eine große Hilfe. Nur die Waffen musst du dir morgen leider selbst besorgen“, sagt er, während wir beide die Sachen auspacken. „Fehlt noch etwas anderes?“, fragt er, als alles draußen ist; ich schüttle grinsend meinen Kopf und bedanke mich. Daraufhin muss er lächeln und nickt. „Dann kann ich jetzt ja wieder gehen.“ Er wendet sich schon zum Fenster, da ruft Gimli uns gedämpft zu: „Da kommen Wachen! Zieht das Seil hoch!“ Sofort reagieren wir beide, holen das Seil ein, schließen rasch aber lautlos das Fenster und ducken uns, um nicht gesehen zu werden. Durch die Glasscheibe hindurch hören wir von draußen, was die Wachen zu Gimli sagen. Eine Stimme erkenne ich wieder. Es ist Éomer. „Was macht ihr hier draußen?“, fragt er unseren Zwergenfreund. Dieser erwidert ruhig: „Ach, es ist schönes Wetter. Ich dachte, solange die Sonne noch steht, kann man ja einen Spaziergang machen.“ „So? Einen Spaziergang? Mir war als hätte ich hier nicht nur eure Stimme gehört.“ „Ja, das ist richtig. Ihr erinnert euch an Eruanne? Nun, das dort oben ist ihr Zimmer. Sie war gerade am Fenster und wir haben uns unterhalten. Wisst ihr, ihr Bruder ist ein wenig vorsichtiger mit ihr, seit sie hier ist und deshalb erlaubt er nicht einmal ihren Freunden zu ihr zu kommen. Ein Unding, meiner Meinung nach.“ Ich muss grinsen, als er das so sagt und schaue unwillkürlich zu Legolas. Auch dieser grinst, hält aber seinen Finger an die Lippen, als Zeichen, dass wir weiter zuhören sollten. „Eruanne?“, fragt Éomer nach, dann folgt eine kleine Pause. Es ist ein ganz anderer Ton gewesen, der sich in seiner Stimme befand, als er meinen Namen gesagt hat. Ein Ton, der mir nicht wirklich gefällt. Nach dieser Pause spricht er weiter: „Ihr kennt sie also schon länger?“ „Nicht länger als wenige Monate, aber ja doch.“ „Und ihren Bruder Boromir kennt ihr auch?“ „Ja. Zumindest sagt man, dass das ihr Bruder ist. Ich hab dem nie so wirklich glauben können.“ Kaum haben diese Worte Gimlis Mund verlassen, schlage ich mir mit der flachen Hand gegen die Stirn und muss lautlos lachen. Legolas grinst weit, hört aber immer noch angestrengt zu. Wieder entsteht da eine Pause, bis Éomer fragt: „Warum ist sie denn nicht mehr am Fenster? Ich würde sie gerne noch einmal sehen.“ Da erwidert Gimli selbstsicher und rasch: „Sie war schon ziemlich müde, deshalb haben wir uns eigentlich bereits verabschiedet. Aber wenn ihr wollt, kann ich sie noch einmal rufen. Sie hat gute Ohren müsst ihr wissen.“ Anscheinend muss Éomer genickt haben, denn im nächsten Moment höre ich den Zwerg meinen Namen rufen. Allerdings höre ich dazu noch ein leises Gemurmel, auf welches Schritte folgen, die sich immer weiter entfernen. Mir wird ganz komisch dabei und ich sehe Legolas etwas hilflos an. Daraufhin sagt er leise: „Geh erst einmal geduckt bis zu deinem Bett, warte ein bisschen, mach vielleicht deine Haare noch etwas unordentlicher und komm erst dann wieder zum Fenster.“ Ich versuche ein Grinsen zu unterdrücken und schüttle meinen Kopf, tue jedoch trotzdem wie mir geheißen. Als ich das Fenster öffne, suche ich sofort nach Gimli, finde ihn aber nicht, was mir einen leichten Schrecken einjagt. Dort unten steht nur noch Éomer allein. „Guten Abend, schöne Maid“, begrüßt der Rohir mich galant und neigt leicht seinen Kopf. Ich nicke ihm zu und erwidere seine Begrüßung. „Euch auch einen guten Abend, Éomer... Warum ließt ihr hier nach mir rufen? Sind es nicht nur vier Treppen, die ihr zu überwinden hättet, um an meine Tür zu klopfen?“ Er lächelt dezent. „Zu solch später Stunde noch auf das Zimmer eines jungen Fräuleins wie euch zu gehen, wäre unflätig.“ „Sie zu solch später Stunde anderweitig aus dem Schlaf zu reißen etwa nicht?“ Er lacht, nickt dann aber anerkennend. „Natürlich. Verzeiht mir. Aber ich sorgte mich um euer Wohlbefinden.“ Es folgt eine längere Pause, bis ich kühl erwidere: „Mir geht es wieder gut. Danke der Nachfrage.“ „Das freut mich“, erwidert er lächelnd. Für einige Zeit mustert er mich von dort unten, sodass ich rot werde, denn es ist mir zutiefst unangenehm. Derweil bleibt mir nicht unbemerkt, dass Legolas mich die ganze Zeit über mit einem vielsagenden Grinsen beobachtet, was das Ganze nicht unbedingt einfacher für mich macht. Nach einiger Zeit spricht der Mann dort unten mit einem charmanten Lächeln weiter. „Ich dachte mir schon, dass ihr eine wahrhaftige Schönheit seid. Aber jetzt wo ich euch wiedersehe, muss ich mein Gedächtnis dafür schelten, dass es sich nicht solch eine atemberaubende Grazie wie euch behalten konnte.“ Ich werde noch roter im Gesicht und schaue beschämt zu Boden, in Zwiespalt darüber, ob ich nun geschmeichelt oder ärgerlich über sein Kokettieren sein sollte. Dennoch entscheide ich mich nach kurzem Überlegen für Letzteres und erwidere: „Es gibt durchaus schönere Frauen als mich, sicher auch hier in Rohan. Und mich verlangt es im Moment nicht gerade danach, mich von überschwänglichen Komplimenten eines wildfremden Mannes berieseln zu lassen.“ „Wir müssen uns ja nicht fremd bleiben. Ich würde eure weitere Gesellschaft freudig begrüßen.“ Mir entkommt ein müdes Auflachen und ich schüttle den Kopf. „Tut mir leid, doch das beruht wohl auf Einseitigkeit. Gute Nacht, mein Herr.“ Damit trete ich einen Schritt zurück, schließe das Fenster und sinke schließlich dahinter an die Wand. „Ich verstehe Menschen nicht, El. Ich verstehe sie einfach nicht“, flüstere ich leise und merke, wie Legolas lachen muss, sich aber gewaltig anstrengt ruhig zu bleiben. „Ja was lachst du? Ist doch so!“, sage ich und muss ebenfalls fast lachen. Daraufhin nimmt er mich in den Arm und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Ich bin stolz auf dich, gwen nín“, sagt er und steht leise auf. Ich lächle etwas verlegen, stehe jedoch ebenfalls wieder auf, darauf bedacht, nicht von Éomer bemerkt zu werden. „Steht er noch immer da?“, fragt Legolas, da er sich ja nicht ans Fenster wagen darf. Ich schüttle seufzend den Kopf. „Er nicht. Aber zwei Wachsoldaten sitzen da unten und es sieht leider nicht so aus, als würden die sich bald wegbewegen wollen.“ „Tja... dann... muss ich wohl fürs Erste hierbleiben.“ Ich nicke zustimmend. Wenn er jetzt wieder den gleichen Weg nehmen würde, wird er gesehen werden und durch die Tür kann er leider auch nicht. Er schaut respektvoll über die hübsche Sammlung an Gegenständen, die er mir gebracht hat und setzt sich wieder zu Boden. „Das alles soll dich also in einen jungen Rohir verwandeln?“ Ein Nicken folgt. Im selben Moment nimmt er einen kleinen Beutel hoch und grinst sehr skeptisch. „Mit Kamillentee?“ „Damit kann man seine Haare heller machen. So ziemlich alle Rohirrim sind blond, falls es dir noch nicht aufgefallen ist.“ Darauf sieht er mich bedauernd an. „Aber du hast doch so eine schöne Haarfarbe. Es wäre ein Frevel sie zu zerstören.“ „Das wäscht sich nach einigen Malen doch eh wieder aus.“ Trotzdem grinst er noch immer und durchstöbert die Sachen. „Und welche Funktion soll bitte das getrocknete Fleisch erfüllen?“ Ich deute auf Porthos. „Ich hoffe es reicht für die paar Tage“, murmle ich besorgt. Legolas nickt verständig und legt das Fleisch zu dem jungen Wolf unters Bett. Dieser sieht ihn recht skeptisch an, sodass seine hellen Augen neugierig aufblitzen. Aber als der Elb ihn anlächelt, akzeptiert Porthos ihn und zieht sein Futter für die nächsten Tage näher an sich heran. „Bei manchen Dingen hast du mir aber wirklich etwas abverlangt, Jenny-Anny“, meint Legolas, als er wieder aufsteht. „Beim Kamillentee etwa?“ Er nickt. „Erklär' du mal als jemand wie ich einer rohirrischen Magd, warum du einen ganzen Beutel Kamillentee haben willst. Ein Glück, dass Éowyn dabei gewesen ist.“ Ich muss lachen. „Da danke ich dir umso mehr dafür, dass du dieses Opfer auf dich genommen hast.“ Als ich das sage, lächelt er mich weit an; dann kommt er näher zu mir und fragt, ob er mir helfen solle, solange er hier nicht weg kann. Ich winke nur ab. „Klar kannst du helfen, wenn du willst.“ Das ist ihm Antwort genug. Also fangen wir an damit, mich in eine andere Person umzuwandeln. „Porthos“, spreche ich den kleinen Wolf an, woraufhin er sofort unter dem Bett hervorkommt und mich erwartungsvoll anschaut, „wo ist mein Dolch?“ Es ist eine seiner Lieblingsbeschäftigungen meine Sachen zu verstecken, wenn ich nicht hinschaue, so ist auch heute mein Dolch verschwunden. Aber nach einigen Sekunden des Überdenkens bringt er ihn mir wieder und legt ihn in meine Hand. „Was hast du damit vor?“, will Legolas wissen, wobei sein Blick auf meine Zeichnung fällt. „Die Haare kürzen“, antworte ich. Er scheint einerseits erleichtert, andererseits aber auch ein wenig bedauernd. Daher halte ich kurz inne und werfe ihm einen fragenden Blick zu. „Ich dachte schon, du würdest dir damit eine tatsächliche Narbe an der Wange zufügen wollen. Dein Hang zum Realismus ist mir darin ja sehr wohl bekannt.“ „Ach was?“ Ich grinse. „Aber warum dann dieses bedauernde Gesicht?“ Er zuckt mit den Schultern und nimmt mir das Messer aus der Hand. „Es ist einfach schade um dein schönes Haar. Aber wenn du unbedingt willst... Darf ich?“ Damit nimmt er meine Haare in die andere Hand, wartet aber noch auf meine Einwilligung. „Ich bitte darum.“ Also kürzt er sie mir mit einem gekonnten Schnitt von hüft- auf knapp schulterlang und nimmt den abgetrennten Büschel zur Hand. „Falls du es dir später doch noch anders überlegst, kannst du sie ja wieder anheften“, meint er scherzhaft, als ich mich zu ihm umdrehe. Ich verdrehe die Augen, muss aber grinsen, nehme die Haare und lege sie zur Seite. Später muss ich sie irgendwo entsorgen, um keine Spuren zu hinterlassen. Jetzt nehme ich den Beutel Kamillentee, bereite warmes Wasser vor und schmeiße den Tee hinein. Er bildet sichtbare Schlieren, als ich ihn so für mehrere Minuten ziehen lasse. Indes sortieren El und ich die anderen Dinge, die er mir gebracht hat. Darunter Holzkohle, verschiedene pulverisierte und flüssige Farben, auf meinen Wunsch sogar etwas Erde und eine Feldflasche voll Weizenbier. „Warum noch einmal das Bier?“, fragt er, als ich es zur Seite stelle und ich erwidere sofort: „Für den Geruch. Ich darf doch nicht nach einer Frau riechen.“ Da muss er lachen, nickt aber zustimmend. Als der Tee lange genug gezogen hat, gieße ich ihn über meine Haare und massiere ihn gründlich ein. Zwar muss es erst noch trocknen, aber bereits jetzt bemerkt man schon ein feine Veränderung in der Farbe. Ich schlage ein Tuch um meinen Kopf, um die Haare vom Gesicht fernzuhalten, dann geht es daran meine Haut zu verunreinigen. Bis über meinen Schultern verschmiere ich die Kohle und die dunkle Erde auf ihr; bei den Stellen, an denen ich nicht gut drankomme, darunter vor allem der Nacken, hilft Legolas mir wieder. Auch meine Hände bearbeite ich so. Dann decke ich den Schmutz mit ein wenig Farbe, die dunkler als meine eigentliche Hautfarbe ist, ab und zeichne eine schmale Narbe auf meine linke Wange. Das alles dauert zwar seine Zeit, doch durch Legolas' Hilfe brauchen wir vielleicht bis Mitternacht, dann ist meine Verkleidung fast fertig. Um in der Dunkelheit noch überhaupt etwas zu sehen, haben wir ein paar Kerzen angezündet, gleichzeitig aber die Vorhänge an den Fenstern zugezogen und den Spalt an der Tür verdeckt, damit man das Licht in meinem Zimmer nicht von außen sieht. Die Farben sind mittlerweile schon getrocknet, mein Haar ist um einiges blonder als zuvor und auch meine Augenbrauen haben wir mit der Holzkohle dichter erscheinen lassen. Jetzt darf ich mich bloß nicht mehr waschen, bis die Verkleidung ab darf, ansonsten wird es Probleme geben. Ich schaue in den Spiegel und muss leise auflachen. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich selbst für deinen kleinen Bruder halten, El.“ Auf diese Aussage hin dreht er mich zu sich um und betrachtet mich von oben bis unten. Ein Schmunzeln fliegt über sein Gesicht. „Beinahe. Ja. Nur würde der wohl kaum so ungepflegte Haare haben.“ Da muss ich wieder lachen. Es stimmt. Nach dem Waschen mit Kamillentee habe ich sie nicht mehr gekämmt, sodass sie wirklich sehr unordentlich aussehen, beinahe ein wenig lockig. Aber so verdecken sie wenigstens auch den roten Fleck. Wir packen alles, was wir nicht mehr brauchen, in den Leinensack zurück und schnüren ihn fest zu, um ihn später irgendwo vergraben oder verbrennen zu können. Die Schale, in der vorher der Tee drin war, spüle ich aus und stelle sie genau wieder dorthin, wo sie zuvor gestanden hat. Überhaupt machen wir alles so, wie es zuvor ausgesehen hat und um den Anschein zu erwecken, dass ich gar nicht fort bin, falls jemand in den Raum schauen sollte, legen wir unter meine Bettdecke einige Kissen und ziehen sie ein Stückchen über das Kopfkissen, damit es so aussieht, als läge dort jemand. Meine eigenen Waffen verstecken wir unter dem Bett, sodass man sie nicht sehen kann. Bei diesem ganzen lautlosen Treiben beobachtet Porthos uns mit großem Interesse und so wie es scheint, versteht er auch ganz genau, was seine Rolle bei dem Ganzen sein soll. Er legt sich wieder unters Bett und bleibt dort für den Rest der Nacht. Vermutlich ist er dann auch eingeschlafen. Die Wachen unten wollen jedoch nicht weg. Es sind vielleicht noch vier Stunden vor Morgengrauen und langsam beginne ich daran zu zweifeln, dass wir beide es hinausschaffen. Ein leises Seufzen entkommt mir, nachdem ich das Kerzenlicht gelöscht habe und wir die Abdeckung an der Tür entfernen sowie die Vorhänge wieder aufziehen. Mit einem sehnsüchtigen Blick schaue ich zum Fenster hinaus in den Himmel, wo sich einige Sterne blicken lassen, beinahe komplett verhüllt von der Wolkendecke, die sich darüber ausbreiten will. Langsam gehe ich hinüber zu der Fensterseite und knie mich zu Boden. „Vater hilf bitte“, kommt es mir in die Gedanken, als ich so hinausschaue. Dann schließe ich meine Augen, bete jedoch in Gedanken weiter, bis ich Legolas' Hand auf meiner Schulter spüre und die Augen öffne. Er kniet sich neben mich mit besorgtem Blick und legt seine Hand an meine Wange. „Was ist mit dir?“, will er wissen und ich weiß nichts zu antworten. Wie sollte ich ihm auch erklären, was Beten ist? Etwas verkniffen sehe ich zu Boden und überlege, wie es wohl am verständlichsten wäre. „Denkst du gerade nach?“, fragt er nach einigen langen Sekunden. Daraufhin nicke ich. „Worüber?“, fragt er schließlich und sieht mir in die Augen. Ich stocke wiederum, als er das fragt. Wie oft habe ich bisher versucht mit niemandem darüber zu reden, weil ich Angst habe, keiner würde es verstehen? Aber ist er nicht einer der wenigen, die wirklich verstehen könnten, was ich sagen will? Nur zögerlich erwidere ich: „Über meinen Glauben.“ Eine gewisse Skepsis legt sich auf seine Züge. Das hätte ich schon beinahe vermutet. Ich atme tief durch und nicke. „Ja. Mein Glauben“, wiederhole ich noch einmals, dann spüre ich ein dezentes Lächeln auf den Zügen des Elbs. Er stützt seinen Ellenbogen aufs Knie und den Kopf auf seine Hand; mit interessiertem Blick bittet er mich: „Erzähl. Warum? Warum machst du dir so viele Gedanken darum?“ Ich lache betrübt und schüttle meinen Kopf. „Du wirst es nicht verstehen.“ „Denkst du das?“ „Ich weiß es.“ Sein Lächeln wird breiter. „Dann erkläre es mir. Erklär mir, was dieser Glauben ist, von dem du sprichst.“ Wieso sollte ich? Noch nie konnte ich so etwas gut erklären, etwas, von dem ich selbst das ganze Ausmaß gar nicht fassen kann. Es würde ihn nur verwirren. Und das möchte ich nicht. Dennoch, sein Blick ist so gefüllt mit Neugier, dass es mir fast leidtut, ihm gar nichts zu sagen. Schweren Herzens beginne ich also damit.
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„Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären könnte“, sagt sie unsicher. Ihr Blick hängt am Boden und eine gewisse Ausstrahlung legt sich um sie herum. Es wäre wohl das Beste, wenn er es dabei belassen würde. Sie kann es nicht erklären. Aber mittlerweile ist die Neugier zu groß geworden. Was sie mit diesem „Glauben“ meint, konnte er sich noch nie so wirklich vorstellen, zumal sie nicht erläutert hat, womit dieser zu tun hat. Dennoch fühlt sie sich gerade nicht ganz so wohl, wie sie vorgibt. Er versucht zu lächeln. „Du musst nicht sprechen, wenn du nicht willst. Fühl dich nicht gezwungen.“ Auch auf ihren Lippen erscheint ein Lächeln, gefolgt von einem Kopfschütteln. „Ich will dich nicht enttäuschen, El“, erwidert sie leise und schaut zu ihm auf. „Aber... bevor ich irgendetwas zu erklären versuche... versprichst du mir, dass du mich ernst nimmst?“ Für ihn ist diese Frage lächerlich. Inzwischen weiß er schon, wann er sie ernst nehmen sollte und wann sie im Scherz redet, jedoch nickt er trotzdem, damit sie es auch klar wahrnimmt. Im gleichen Moment wird sie ruhig. Völlig ruhig. Ein eigentümlicher Ausdruck liegt in ihren Augen, ein Ausdruck, den Legolas schon öfter gesehen hat. Entweder wird sie jetzt vollkommen nüchtern und vernunftgemäß zu reden versuchen und nicht sagen können, was sie eigentlich meint oder sie wird sehr emotional reden und sich am Ende dafür entschuldigen. Manchmal tut es ihm schon leid, dass sie immer versucht so akkurat wie möglich zu sein, ohne jemanden zu verletzen. „Du glaubst doch daran“, beginnt sie schließlich, „dass die Valar eure Welt hier erschaffen haben. Nicht wahr?“ Er nickt. „Und du glaubst auch, dass Eru die Valar geschaffen hat.“ Wieder nickt er, woraufhin sie lächelnd zu Boden schaut. „Ich weiß nicht, wie es in Mittelerde ist. Ob es nur diesen einen Glauben gibt und keinen anderen mehr. Aber in meiner Welt ist das nicht so. Bei uns gibt es viele verschiedene Glaubensrichtungen.“ „Meinst du damit, die Vorstellung vom Ursprung unserer Welt und wie sie enden wird?“, fragt er und wirft ihr einen prüfenden Blick zu. Sie stockt kurz, spricht dann jedoch zögernd weiter. „Ich meine damit Transzendenz, El. Ich weiß, dieser Begriff sagt dir nichts, aber... eigentlich ist damit nur das gemeint, was man nicht mit seinen Sinnen wahrnehmen kann. Alles Überirdische. Man kann es nicht mit seinen Sinnesorganen wahrnehmen, also glaubt man daran. Verstehst du?“ „Ich denke schon.“ Sicher ist er sich darin jedoch nicht. Es fällt ihr sichtlich schwer davon zu reden. Sie zögert schon wieder und das tut ihm leid. „Sag ruhig, was in deinen Gedanken ist“, versucht er es ihr zu erleichtern. „Wenn ich etwas nicht verstehe, werde ich schon nachfragen.“ Wieder huscht dieses verlegene Lächeln über ihr Gesicht, doch sie nickt. „Nun, ich bin in einer Familie aufgewachsen, die sehr stark vom christlichen Glauben geprägt ist. Laut diesem gibt es einen einzigen allmächtigen Gott und dieser hat die Welt alleine geschaffen... Nicht alle Religionen – also Glaubensrichtungen – in unserer Welt sagen das, aber doch einige. Nur was diese Richtung unterscheidet, in der ich aufgewachsen bin, ist...“ Sie stockt wieder und schluckt. „Ich... ich weiß nicht, ob du es verstehen wirst“, flüstert sie. Vorsichtig streift er ihr die Haarsträhnen aus dem Gesicht und nickt. „Ich werde es schon verstehen“, gibt er ebenso leise zur Antwort. Zu lächeln getraut er sich nicht. Nach einem Seufzen fährt sie fort. „Nun... in den anderen Religionen hast du Regeln, an die du dich halten musst, um ein guter Mensch zu werden. Und wenn du ein guter Mensch gewesen bist und stirbst, dann hast du es nach dem Tod gut. So in etwa. Und... in diesem Glauben ist es aber so, dass man als Mensch niemals aus eigener Kraft ein guter Mensch sein kann, weil man von Grund auf ein... nun ja... ein sündiger Mensch ist. Und das hindert ihn daran nach dem Tod in einer anderen Form weiterzuleben. Weil der Gott in diesem Glauben aber nicht will, dass die Menschen nach ihrem Tod verlorengehen oder – wie ich es gelernt habe – den ewigen Tod erleiden anstatt das ewige Leben zu bekommen... hat er seinen Sohn auf die Erde geschickt, damit er all das, was die Menschen je falsch gemacht haben, auf sich nimmt und an ihrer statt stirbt.“ „Warum? Ich meine... was würde es ändern, wenn er stirbt?“ „Weißt du, es hat noch nie ein Mensch vollkommen gelebt, ohne irgendetwas Schlechtes zu tun. Und die Strafe dafür wäre der Tod, weil dieser Gott ohne Fehler ist und nichts fehlerhaftes in seiner Nähe bestehen kann. Sein Sohn ist der einzige gewesen, der das geschafft hat. Er ist zum Mensch geworden und hat als einziger Mensch fehlerfrei gelebt. Damit war der Tod ihm gegenüber machtlos.“ „Und... das unterscheidet diesen Glauben von den anderen? Kann es demnach denn überhaupt möglich sein, dass ein Mensch es nach seinem Tod gut hat?“ Sie nickt. „Ja. Gerade weil er als Mensch gestorben ist. Das ist nämlich nicht alles. Er ist danach wieder zum Leben erwacht, weil er den Tod besiegt hat.“ Nun versteht er, warum es ihr so schwerfällt darüber zu reden. Ihre Worte sind verwirrend. Für sie mag das alles vielleicht vollkommen klar und einleuchtend sein. Sie ist damit aufgewachsen. Aber für ihn ist das doch ein wenig schwer verständlich. Und doch will er verstehen, was sie sagt. „Wie aber ist das möglich? Also... dass ihr Menschen dort...“ Sie seufzt. „Es ist möglich, indem man sich diesem einen Menschen anvertraut und erkennt, dass man selbst nie aus eigener Kraft schaffen kann, was er geschafft hat. Und das ist eben das, was diesen Glauben von den anderen unterscheidet. Bei allen anderen muss man selbst aus eigener Kraft versuchen gut zu sein, um dem Gott der jeweiligen Religion zu gefallen. Hier musst du erkennen, dass du als Mensch allein nichts kannst und wirst dann von diesem Gott so verändert, dass du ihm gefällst.“ Nun ist es Legolas, der zögert. Er versteht das Ganze immer noch nicht so wirklich. Es will ihm nicht einleuchten, dass jemand seinen eigenen Sohn töten lässt, damit ein anderer lebt. Dieses Prinzip macht für ihn keinen Sinn. Aber für sie schon. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass dies auch einen anderen Grund hat, als nur, dass sie so erzogen wurde. Wieder muss sie seufzen und schüttelt den Kopf. Ihre Augen glänzen, als wäre sie den Tränen nahe. „Ich wollte dich nicht verwirren, El“, sagt sie beschämt, aber er lächelt nur. „Ist schon gut“, beschwichtigt er. „Es scheint dir wirklich wichtig zu sein. Dafür musst du dich aber nicht schämen, Jenny.“ Zumindest schmunzelt sie, als er sie bei ihrem Namen nennt. „Aber sag selbst, das ist noch nicht alles. Oder liege ich da falsch?“ Sofort schüttelt sie den Kopf. „Noch lange nicht. Nur... ist es das, auf was dieser Glauben zumeist reduziert wird. Falsch ist es eigentlich nicht. Aber...“ Auf einmal klingt ihre Stimme heiser. Im gleichen Augenblick nimmt er sie in den Arm, denn sie weint beinahe. Sie ist nie so emotional, wenn sie nicht zu zweit sind. Legolas weiß, dass sie nach außen hin eigentlich immer ein sehr stabiles Bild abgibt. Dass sie jetzt so aufgewühlt ist, erstaunt ihn beinahe genau so sehr, wie es in ihm auch Mitleid rührt. Sie verstellt sich zu oft oder sie redet viel zu wenig über das, was sie bewegt. Anders kann er sich ihre gelegentlichen Gefühlsausbrüche nicht erklären. Erst nach einigen langen Sekunden spricht sie weiter. „Aber die meisten Menschen nehmen es so abwertend auf, dass es mir schon beinahe wehtut.“ „Wie meinst du das?“ Sie zittert leicht, als sie erwidert: „Nun, stell dir vor, da ist jemand. Ein vollkommener Mensch. Jemand der perfekt ist. Und du wurdest zu einem grausamen Tod verurteilt. Aber dieser Jemand liebt dich so sehr, dass er deinen Platz einnimmt und an deiner Stelle stirbt, obwohl er nicht die geringste Schuld trägt. Allein schon das: Jemand liebt dich so sehr, dass er den Tod erleidet, den du eigentlich verdient hättest. Das... das ist... Ich weiß nicht. Es berührt mich so tief... aber so viele erkennen das einfach nicht. Sie sehen das viel zu abstrakt.“ „Vielleicht glauben sie einfach nicht daran.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das wäre ja kein Problem für mich. Sie haben einen eigenen Kopf und sind für sich selbst verantwortlich. Aber ich habe das in meiner eigenen Gemeinde gespürt. Habe ich dir nicht einmal davon erzählt, wie das mit meiner Familie zusammenhängt? So die Größe und das alles, dass wir alle um zehntausend Ecken dort irgendwie miteinander verwandt sind, weil meine Großmutter zwölf Kinder hat, die auch alle keine Ahnung wie viele Kinder haben und so weiter?“ Ein feines Lächeln kann er sich dabei nicht verkneifen. Ja, sie ist in einer sehr großen Familie aufgewachsen und hat auch davon erzählt, wie ihre Gemeinde entstanden ist. Damals noch im Osten, als die Anhänger ihres Glaubens verfolgt worden sind. „Und? Was haben sie damit zu tun?“ Ein leichtes Zittern durchfährt sie, als sie antwortet. „Es gibt einmal im Jahr einen Tag, an dem an den Tod dieses Menschen gedacht wird. Da versammelt man sich in der Gemeinde, hört zu, was die Prediger dort sagen, hört Vorträge und so weiter. Wir waren dort über zweihundert Menschen. Mindestens fünfzig davon haben etwas vorgetragen. Aber ich habe nur bei fünf Leuten gesehen, dass sie wirklich mitgefühlt haben, was damals an diesem Tag passiert ist. Und diese fünf sind nicht einmal wirklich mit uns verwandt gewesen. Ich... ich konnte nicht dort sitzen bleiben. Ich konnte nicht mehr diese versteinerten Gesichter von denjenigen anschauen, die mich dazu anhielten diese Gemeinde nicht zu verlassen. Aber... ich bin die Jüngste in meiner Familie. Meine Eltern liebten mich über alle Maßen und ich weiß, dass es meiner Mutter das Herz gebrochen hat, als ich ihr sagte, dass ich es in unserer Gemeinde nicht mehr aushalte. Dass ich diese Scheinheiligkeit nicht mehr ertrage. Nur zwei von meinen Geschwistern sind noch in einer Gemeinde der gleichen Bruderschaft geblieben, zwei sind in eine ganz andere gegangen und drei haben sich vollkommen davon abgewandt. Irgendwann ließen meine Eltern mich dann auch, aber sie behandelten mich dann so, als würde ich überhaupt nicht mehr an Gott glauben, obwohl das genaue Gegenteil der Fall gewesen ist und es tat mir immer weh, sie so denken zu sehen. So starrsinnig und... erzkonservativ. Ich habe in dieser Gemeinde nie gelernt mit anderen Menschen umzugehen. Mir wurde immer gesagt, sie seien schlecht und böse und als Christ soll man nichts mit dieser ach so bösen Welt zu tun haben. Ich hatte immer Angst davor mit ihnen zu reden. Wir wurden alle isoliert, ohne dass das jemand gemerkt hat. Bis meine Geschwister angefangen haben zu rebellieren. Seitdem sind wir eh immer der schlechte Teil der Familie gewesen und ich wollte das nicht noch verschärfen, aber... El. Verzeih bitte. Ich wollte nicht...“ Sie hat geweint, als sie das erzählte. Nicht viel, aber genug, dass ein Teil der Farbe in ihrem Gesicht mit den Tränen hinabgeflossen ist und neben ihrem Hemd auch das seinige getroffen haben. Er streicht ihr nur durchs Haar und schüttelt den Kopf. „Schon gut, schon gut“, beschwichtigt er und hält mit der anderen Hand zwei letzte Tränen auf. „Du bist jetzt hier, Kleine. Das alles, das liegt in der Vergangenheit und... Glaub mir, du hast genug Verstand, um dir selbst zu beantworten, was von dem Allen wahr und echt ist... und was davon dich nur niederdrücken würde.“ Sie atmet tief durch und schließt die Augen, um sich zu sammeln. Dann nickt sie und schaut ihn mit einem leichten Lächeln im Gesicht an. „Danke“, flüstert sie. Daraufhin versucht er ebenfalls zu lächeln, blinzelt zugleich aber rasch und lacht verlegen. „Ich kann dich nicht weinen sehen, Jenny. Du bist mir viel zu schade dafür.“ Daraufhin wird ihr Lächeln breiter. Wie aufgesetzt sieht es aus, aber so gut aufgesetzt, dass man gar meinen könnte, sie hätte überhaupt nicht geweint. Sie lacht und ihre Stimme klingt fröhlich und zufrieden wie eh und je. „Ist es so besser?“, fragt sie, dann legt sie den Kopf schief. Zwar würde Legolas ihr gerne verbieten sich so zu verstellen, aber das kann er leider nicht. Auch wenn er genau weiß, dass sie sich selbst damit zugrunde richtet, es allen recht machen zu wollen. Nur bringt er es nicht übers Herz ihr gegenüber hart zu sein. Er lächelt nur und nickt, wenn auch mit Widerwillen. Dann steht er auf und holt wieder die Farbe, die sie für ihr Gesicht verwendet haben, hervor und kniet sich vor ihr auf den Boden. „Du willst doch nicht jetzt schon auffliegen“, sagt er mit mokierendem Unterton in der Stimme und verlangt ihr ein Grinsen ab. „Ist es nicht ein bisschen dunkel?“, fragt sie, als er die hellen Stellen wieder mit dem dunkleren Farbton abdeckt. Mag sein, dass sie im Dunkeln nicht ganz so gut sehen kann, wie wenn es hell ist. Aber ein von einem Lächeln begleitetes „Nein“ akzeptiert sie ziemlich schnell. Er kann im Dunkeln noch recht gut sehen und das reicht allemal, um ihre Verkleidung wieder herzurichten. Dabei fällt ihm nach langer Zeit etwas auf. „Deine Augen. Sie sind heller geworden“, sagt er und schaut sie für eine ganze Weile skeptisch an. Tatsächlich sind sie früher dunkler gewesen, nur in Laegrîdh waren sie zuletzt so hell, zumal sie beinahe jeden Tag in der Sonne gewesen ist. Ein schönes helles Braun mit einem Hauch grüner Farbe, so hat er sie immer in Erinnerung gehabt und so sind sie auch jetzt. Auf einmal hört er ein Schnipsen und blinzelt rasch. „Hm?“, fragt er nach, als sie leise lacht und den Kopf schüttelt. „Du verlierst dich bald noch öfter in Gedanken als ich, El“, neckt sie ihn. Ohne es zu merken, wird er rot und schaut zu Boden. „Verzeih mir. Aber hast du denn wirklich die ganzen vier Jahre lang nicht mehr das Sonnenlicht sehen können?“ Das wollte er eigentlich nicht fragen. Er wollte sie nicht an Helendir erinnern, nicht an den Tod ihrer Familie und das Alles. Aber er will auch nicht zugeben, dass er sich für einen Moment in ihren Augen verloren hat. Sie nickt etwas betrübt. „Aber... im Großen und Ganzen... ist er gar nicht so schlecht zu mir gewesen. Ich hatte Nahrung, Kleidung... eigentlich alles, was man zum Leben braucht.“ Auch wenn sie versucht zu lächeln, verrät ein Schaudern, dass sie ihm etwas verschweigt. Sie sieht ihn nicht an, als sie das sagt und doch weiß Legolas ganz genau, dass noch etwas gewesen ist, dass sie keinesfalls sagen will. Er nickt jedoch nur. „Immerhin. Dennoch frage ich mich...“ Er zögert, bevor er seine Frage ausspricht. „Wie hat er es geschafft dich so einzuschüchtern? Man musste dich ja förmlich dazu überreden, vor Helendir zu fliehen.“ Sogleich wendet sie ihren Blick wieder zu ihm und atmet tief durch. „El, ich werde ehrlich sein, aber bitte versprich mir, dass du das niemandem sagst. Unter keinen Umständen“, erwidert sie so bestimmt und fest, als hätte sie noch nie in ihrem Leben geweint. Sie wird diesmal also nüchtern und strukturiert antworten. Das hört man aus ihrer Stimme klar heraus. Er nickt. Daraufhin wendet sie ihren Blick wieder ab und erwidert leise: „Ich habe Angst vor ihm. Nicht nur, weil ich weiß, dass er mich immer wieder finden kann, sondern auch, weil ich weiß, dass er nicht davor zurückscheut mir wehzutun... Ja, er gab mir dort alles, was man zum Leben braucht, aber im Gegenzug dafür musste ich bei ihm bleiben, mich von ihm schlagen lassen und... leider auch zulassen, dass er sich an mir vergeht. Er ist nun mal stärker als ich. Selbst wenn ich mich gewehrt hätte, hätte ich das nicht lange aushalten können. Und ich hatte Angst, dass wenn ich fliehen würde und er mich trotzdem finden wird... dass er mir dann Schlimmeres antun könnte als er schon getan hat.“ Weiter spricht sie nicht. Obgleich sie währenddessen immer wieder gestockt hat, so erzählte sie das vollkommen kalt und ungerührt, als wäre es ihr mittlerweile egal. Hingegen schaut Legolas sie entgeistert an. „Er hat... sich an dir vergangen?“, fragt er zögernd. Sie nickt nur, dann steht sie auf und schaut aus dem Fenster. „Die Wachen sind noch immer da“, murmelt sie und seufzt. Man kann förmlich spüren, dass sie nicht weiter über ihre Gefangenschaft reden will; noch mehr, dass sie kein Mitleid für das, was Helendir ihr angetan hat, empfangen will. In diesem Moment weiß der Waldelb gar nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Alles hätte er erwartet. Zwar auch das, aber es versetzt ihm einen Stich ins Herz zu wissen, dass seine Elarras so etwas durchleben musste. Weitererzählen wird er das auf keinen Fall. Auch wenn es nicht so gewirkt haben mag, so weiß er, dass es Eruanne ein großes Maß an Überwindung gekostet haben muss, es ihm zu sagen. Außerdem hat sie darin gewissermaßen recht. Es würde nichts an der Tatsache des Geschehens ändern, wenn sie darüber reden würden. Nach einer Weile des Stillschweigens schaut sie wieder zu ihm hinüber und lächelt dezent. „Ich wollte dich schon immer mal was fragen, El“, sagt sie schließlich und lehnt sich mit verschränkten Armen an das Fensterbrett. Zwar kommt das recht unerwartet für ihn, doch er erwidert mit einem ähnlichen Lächeln: „Frag ruhig.“ Kaum sagt er das, setzt sie sich wieder zu Boden und neigt den Kopf zur Seite. „Hattest du eigentlich je Sehnsucht nach dem Meer?“ Bei dieser Frage stutzt er. Warum sie das fragt, kann er sich nicht vorstellen. Jedoch kommt es ihm beinahe so vor, als wüsste sie etwas, dass er nicht weiß. Nach einigem Überlegen antwortet er: „Ich hab das Meer noch nie gesehen. Wie kann ich da Sehnsucht danach haben?“ Sie schmunzelt und nickt. „Das versteh ich. Aber hast du nie darüber nachgedacht irgendwann einmal in den Westen zu gehen? So wie die meisten Elben?“ Er zögert mit seiner Antwort. Gedacht hat er sicherlich schon daran, wenn auch nur sehr selten. Und vor allem nicht in den letzten Monaten. Aber in den vier Jahren davor hat er in der Tat öfter denn je darüber nachgedacht. Nur ob er das Eruanne wissen lassen will, ist eine andere Frage. „Wenn ich nicht hier schon sterbe, dann werde ich irgendwann sicherlich gehen“, erwidert er und schaut zu ihr hinüber. Zugleich kommt ihm in die Gedanken, dass das aber noch Zeit haben kann und er lächelt kaum merklich. Sie nickt verständig und stützt ihr Kinn auf die Hand. „Echt, ich bewundere euch Elben. Dass ihr das Leben so lange aushaltet... Das verdient schon Respekt.“ Legolas lacht nur. „Mir sagte einmal ein weiser Mensch, dass man viel optimistischer durchs Leben gehen kann, wenn man sich denkt Was hätte heute denn alles Schlechtes passieren können, ist aber nicht passiert? anstatt Was ist heute denn alles Schlechtes passiert? Ich finde diese Einstellung gar nicht mal so dumm.“ Nun muss auch sie lachen. „So weise kann dieser Mensch auch wieder nicht gewesen sein. Alle Weisheit der Welt nützt einem nichts, wenn man nicht weiß, wie man mit ihr umzugehen hat.“ „Wirst du müde?“ Etwas skeptisch zieht sie die Augenbrauen hoch. „Warum? Findest du das schon philosophisch?“ Wieder muss er lachen und schüttelt den Kopf, was sie mit einem breiten Grinsen kommentiert. Dann wird er jedoch ernster. „Wenn du morgen mit uns kommst, Jenny, dann pass bitte auf dich auf“, sagt er und nimmt ihre Hand in die seine. Ihr Blick verändert sich nicht, aber in seinem ist ein Funken Besorgnis zu lesen. Er kennt ihre stürmische Art. Wenn sie auch sonst so gefasst ist wie selten jemand anderes, so hat er Angst, sie könnte sich selbst in Schwierigkeiten bringen und wie in Laegrîdh anfangen sich ohne Überlegung durchzuschlagen. Ihr Grinsen mildert ab, als sie diese Sorge wahrnimmt und sie nickt. „Du auch. Aber... wenn doch etwas passiert...“ Nun sieht sie betrübt zu Boden und zögert ein wenig, bevor sie wieder ihren Blick hebt, „...darf ich dann deinen Bogen haben?“ Das Lachen muss er sich ebenso wie sie verkneifen, so unerwartet kam ihm das gerade. Jedoch kontert er kurz darauf: „Du dürftest dann sogar meinen Platz als Waldelbenprinz einnehmen. Obwohl, dann müsstest du zuerst überleben.“ „Ich glaub, ich wär' ein besserer Prinz als du.“ „Ach? Keine Prinzessin? So jungenhaft bist du ohne deine Verkleidung doch nun auch wieder nicht.“ „Ich dachte, ich soll deinen Platz einnehmen, aber bitte, wenn du dich selbst lieber als Prinzessin siehst...“ Ihr überlegenes Grinsen hat eine derart ansteckende Wirkung, dass ihm kein Konter einfällt. Er schüttelt nur lachend den Kopf. „Gut, ich geb' nach. Wenn ich sterbe, darfst du ruhig meine Waffen behalten“, erwidert er schließlich gelassen. Bisher ist es nicht oft geschehen, dass er ihren scherzhaften Bemerkungen nichts entgegensetzen konnte oder wollte. Sie sieht kritisch zu ihm hinüber und rückt näher. „Das meinst du doch hoffentlich nicht im Ernst“, sagt sie leise und legt ihre Hand auf seine Schulter. Er legt den Kopf schief. „Lieber würde ich sie in deinen Händen wissen als bei irgendwem anders“, erwidert er mit einem Schmunzeln, woraufhin sie sofort den Kopf schüttelt. „El...“, sie senkt ihren Blick und seufzt. „Ich will nicht, dass du stirbst. Wirklich nicht. Verzeih, dass ich so unangemessen gesprochen habe... Ich meinte das nicht so...“ Er unterbricht sie behutsam. „Ich weiß das doch, Kleine.“ Ein mitfühlendes Lächeln zeichnet sich auf seinen Zügen ab, als er bemerkt, wie ihr Blick von Sekunde zu Sekunde beklommener wird und er nimmt sie in die Arme. „Es ist aber besser, wenn man mit einem frohen Gemüt in eine Schlacht zieht als mit einem bedrückten. Glaub mir, ich nehme dir nichts mehr übel, seit wir uns gegenseitig fast umgebracht haben“, ergänzt er leise. Dann spürt er, wie sie lächelt. „Ach, davor hast du mir aber was übelgenommen?“ Auch er muss grinsen, schüttelt aber den Kopf. „Dir doch nicht.“ „Da war Sarkasmus in deiner Stimme, meldir.“ „Was dir auch nicht alles auffällt. Du hast wohl einen guten Lehrer gehabt.“ „Jetzt bloß nicht hochmütig werden, mein Lieber.“ Sie reden noch lange. Nicht über das, was ihnen dort in Helms Klamm bevorstehen wird, auch nicht über Vergangenes, denn das würde zu schnell zu Nostalgie führen. Nur geht die Sonne bald auf und bis dahin müssen sie aus diesem Zimmer hinaus und Porthos, der die ganze Nacht durchgeschlafen hat, hier alleine lassen. Nach Südwesten wird ihr Weg sie führen. Einen anderen haben Frodo und Sam eingeschlagen. Vielleicht ist deren Weg nicht unbedingt gefährlicher, aber es kümmert Legolas doch, dass diese Gemeinschaft im Moment derart zersplittert ist. Die beiden sind auf der östlichen Seite des Anduins, Merry und Pippin verschanzen sich in Isengard und sie, die restlichen sechs – und damit der größere Teil der Gemeinschaft –, sie sind hier in Edoras, auf dem Weg in einen Kampf, obwohl sie eigentlich ganz wo anders sein müssten. Auch wenn es ihm Kopfzerbrechen bereitet, will er nichts darüber sagen. Sonst würde er sich in seinen eigenen Worten widersprechen.
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Etwa eine Stunde später, ziehen die beiden Wachsoldaten ab. Ein Stallbursche kommt aufgeregt zu ihnen und versucht ihnen irgendwas zu erklären, woraufhin sie ziemlich besorgt zu sein scheinen und mit ihm fortgehen. Ich stupse Legolas sogleich an und deute mit dem Kopf hinaus. Sofort steht er auf. Den Leinensack binden wir an das eine Seilende, dann öffnen wir das Fenster, warten eine kurze Zeit und lauschen, ob nicht vielleicht doch noch jemand kommt. Da dies allerdings nicht der Fall ist, befestigen wir das Seil wieder am Giebel, dann weist der Waldelb mich an, hinunterzuklettern, während er das andere Seilende hier oben festhält. Das zweite Ende mit dem schweren Sack werfen wir schon runter, sodass das Seil recht gut gespannt ist und es mir leichter wird, mit den Füßen an der Wand abgestützt, abzusteigen. Unten angekommen halte ich das schwere Ende zusätzlich fest, woraufhin auch El seinen Weg hinab findet. „Wir müssen die Sachen verstecken“, flüstere ich ihm zu, als wir das Seil loslösen. „Du musst tiefer sprechen“, erwidert er grinsend, nimmt dann aber dennoch den Sack und übergibt das Seil mir. „Geh zum Stall und leg es dort irgendwo zur Seite. Ich kümmere mich schon um den Rest.“ Das kommentiere ich nur mit einem kurzen Lächeln, gehorche ihm jedoch, woraufhin unsere Wege sich trennen. Bei den Stallungen macht sich mir ein kleines Problem bemerkbar. Die Wachen, die vor meinem Fenster standen, sind hier. Und nicht einfach so, sondern tatsächlich wegen eines sehr... ich sag mal speziellen Grundes. „Was ist hier los?“, frage ich einen Umstehenden. Er scheint genauso aufgeregt, wie alle anderen, dreht sich aber zu mir um und mustert mich ruhig. Hoffentlich merkt er es nicht, aber mein Herz klopft mir gerade bis zum Hals. Die Antwort fällt recht knapp aus. „Ein Pferd macht Probleme“, meint er und dreht sich wieder ab von mir. „Ein Pferd?“ Er nickt, geht aber nicht weiter darauf ein. Da höre ich ein mir sehr bekanntes Wiehern aus dem Stall und schrecke unwillkürlich zusammen. Ich erinnere mich. Shadow ist hier. Natürlich fällt er als einziges schwarzes Pferd in ganz Rohan auf. Alle anderen Rappen mussten die Rohirrim an Sauron abtreten. Als kurz darauf ein schmerzerfülltes Aufschreien ertönt, lasse ich das Seil fallen und breche durch die Menschenmenge hindurch. Zwar versuchen einige mich zurückzuhalten, ob mit Worten oder mit ihren Händen, doch ich komme durch und laufe sofort zu dem schwarzen Hengst, der gerade ziemlich nervös und aggressiv um sich schnappt. Drei Wachen hat er schon schwer verletzt, den vierten schnaubt er gerade böse an. Bevor er ihm jedoch etwas antun kann, hebe ich abwehrend meine Hände und rufe ihm mit sicherem Ton zu: „Lass das, bitte!“ Er scheint meine Stimme erkannt zu haben, trotz dessen, dass ich sie verstellt habe, aber in einer Paniksituation würde wohl auch fast jeder Junge so klingen wie ein Mädchen. Suchend wirft er den Kopf umher, bis er mein Gesicht sieht. Zuerst schreckt er ein bisschen zurück und schüttelt seinen Kopf, doch ich strecke ihm meine Hand langsam entgegen und sehe bittend zu ihm auf. Ganz langsam beruhigt er sich. Es dauert, bis er mich wirklich erkennt, denn das einzige wirklich erkennbare Merkmal sind meine Augen und meine Stimme, doch spätestens, als ich so leise, dass nur er es hören kann, die Melodie eines meiner Lieder summe, akzeptiert er mich und wird still. Die Wachsoldaten sehen mich vollkommen perplex an. Mir wird bange, denn sie könnten ja herausfinden, wer ich bin. Auch wenn die Verkleidung gar nicht einmal so schlecht ist. Dass Shadow durch sie irgendwie verletzt wird, will ich trotzdem nicht riskieren. „Wer bist du?“, fragt einer der Soldaten nun und kommt näher zu mir. Mich meiner Rolle fügend antworte ich also: „Yven heiße ich.“ Gleich darauf fragt ein anderer, ob ich dieses Pferd denn kennen würde, worauf ich erwidere: „Ja. Aber warum ist er so unruhig? Habt ihr ihm etwas zuleide getan?“ Sofort heben die vier abwehrend ihre Hände und schütteln die Köpfe. Shadow scheint das nicht so zu sehen. Er schnaubt heftig, beinahe schon erzürnt, doch ich streiche ihm beruhigend über den Hals und rede auf ihn ein. „Für einen Jungen hast du erstaunlich mädchenhafte Züge“, meint plötzlich einer und mustert mich mit forschendem Blick. Ich rolle nur mit den Augen, obwohl ich mir dessen wohl bewusst bin und es mir Sorgen bereitet. Dennoch erwidere ich ziemlich selbstsicher: „Das hat man mir schon öfter gesagt. Aber kann ich denn etwas dafür, dass ich nicht mit dem Körper eines musterhaften Kriegers geboren bin?“ Damit sehe ich den Rohir, der mir gegenüber steht, auch direkt an. Er ist zwei Köpfe größer als ich, hat etwa die gleiche Haarfarbe, die ich nun habe, dunkle Augen und breite Schultern. Bei genauerem Hinsehen bemerke ich außerdem, dass seine Nase ein bisschen schief ist, als hätte er sich gerade mit jemandem geprügelt und sich dieses Riechorgan dabei gebrochen. In seinen Augen zuckt etwas, als ich das sage, aber er muss daraufhin lachen. „Natürlich nicht. Aber gut, lassen wir das. Dieser Rappe ist gemeingefährlich und ich würde nicht gerne sehen, wie ein unschuldiges Kind von ihm verletzt wird.“ Ein durchdringender Blick trifft mich nun. Trotz dessen gehe ich nicht fort von Shadow. „Was wollt ihr von ihm?“, frage ich vorwurfsvoll und gehe noch näher an seine Seite. Der Mann lächelt nur unverständig. „Siehst du denn nicht, was für ein prachtvolles Tier er ist? Er würde ein hervorragender Leithengst sein.“ „Und wenn er das nicht will?“ „Was hat ein Gaul schon zu wollen?“ Am liebsten würde ich diesem Mann ins Gesicht schlagen. Shadow ist mehr als nur irgendein Pferd! Ein Ignorant ist dieser Kerl. Bevor ich aber Antwort gebe, kommt mir ein unverhoffter Glücksfall zur Hilfe. „Lasst den Jungen in Frieden“, höre ich Aragorns Stimme und sehe auf, damit kämpfend ein Lächeln zu unterdrücken. Er kommt zu uns und sieht die vier Soldaten streng an. „Seid froh, dass er euch überhaupt geholfen hat, ihn zu beruhigen. Ansonsten wäre es wohl kaum bei so leichten Wunden, wie ihr sie habt, geblieben.“

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