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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 15

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15. Ob früher alles besser war, ist Ansichtssache
Die anderen sind schon lange vor mir wach. Wann genau ich eingeschlafen bin, weiß ich gar nicht mehr, aber... sicherlich habe ich da noch ein paar Stunden gelegen und nachgedacht. Dabei habe ich den Entschluss gefasst, dass mein früheres Leben in meiner Heimatwelt nicht in Allem dieses Leben hier zu beeinflussen hat. Es war eine schwere Entscheidung, aber ich bin glücklich, dass ich sie so gefällt habe. Ansonsten würde ich wohl nie mehr normal mit den Gefährten kommunizieren können. Oder jedenfalls nicht so wie zuvor. Wir bleibe für mehrere Tage hier, um uns von der Reise und der Trauer um Gandalf zu erholen. Es ist schön hier. Friedlich... abgasfrei und ohne Nachtfluglärm. Eigentlich ist es obszön von mir, so etwas zu vergleichen. Arda und meine Welt. Um diese Ruhe hier herum herrscht Krieg. Kein kleiner wohlgemerkt. Meine Eltern gehörten noch zu der Kriegsgeneration. Soweit ich weiß, musste mein Vater auch in den Wehrdienst, damals noch in Russland. Sie haben völlig anders gelebt als meine Geschwister und ich. Nur die drei ältesten von uns haben noch in dem kleinen Dorf dort im Osten Europas gelebt, wir vier jüngeren sind alle in Deutschland geboren. Wohlbehütet und beschützt. Vielleicht sogar zu beschützt. Von den vielen kleineren Kriegen, die immer noch außen herum herrschen mochten, haben wir nur selten etwas mitbekommen, weil sie so weit weg waren. Man kann sagen, zum Glück. Ja, aber zugleich denke ich mir auch, dass man sich keine Meinung über so etwas bilden sollte, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wie sonst wäre denn im ersten Weltkrieg diese überzogene Kriegsbegeisterung entstanden? Die Alten sind nicht an die Front gegangen. Es waren meist junge, unerfahrene Soldaten. Und mittlerweile... Ich schüttle meinen Kopf. Jetzt bin ich hier, in einer Geschichte, die sich jemand, der unsere beiden Weltkriege miterlebt hat, ausgedacht hat. Und diese Geschichte habe ich... umgestaltet. Ob das jetzt gelungen ist oder nicht ist wohl Ansichtssache. Dennoch, früher war das für mich nur ein weit entfernter Traum und ich war ein Träumer. Der gleiche Träumer bin ich jetzt noch, mit dem Unterschied, dass ich in meinem Traum lebe – man beachte den Unterschied; ich lebe nicht meinen Traum, ich lebe in meinem Traum; einfach aus Protest gegen all diejenigen, die immer sagen, man solle seinen Traum leben; dieser Satz ergibt bei genauerem Hinsehen inhaltlich ja noch nicht einmal Sinn. „Mich wundert es in der Tat, dass dein Kopf vom ganzen Nachdenken noch nicht raucht, gwen nín.“ Etwas unbeteiligt schaue ich zu El hinüber. Er steht dort schon länger, nicht weit von mir, aber ich habe ihn erst jetzt so richtig wahrgenommen. „Verzeihung, hast du etwas gesagt?“ Er schüttelt schmunzelnd den Kopf. „Eigentlich nicht, nein. Aber du sitzt hier schon den ganzen Nachmittag lang. Warum grenzt du dich so von uns ab?“ Es wundert mich nicht gerade wenig, was er sagt. Eigentlich distanziere ich mich nicht weniger von ihnen als zuvor. In seinem Blick liegt etwas Prüfendes, als würde er schon die Antwort aus mir herauslesen können, ohne dass ich ihm etwas sagen muss. Eine Erwiderung fällt mir schwer, denn ich habe nicht die geringste Ahnung, was er jetzt erwartet von mir zu hören. Nur zögerlich antworte ich also: „Darf ich mir nicht einmal die Zeit nehmen meine Gedanken zu ordnen?“ „Ist es... immer noch wegen Moria?“ Beinahe muss ich lachen, als er das sagt, doch ich reiße mich zusammen, da es ihm tatsächlich als Grund vor Augen stehen könnte. Den Kopf schüttle ich trotzdem. „Das ist es nicht. Das ist schon vorbei und hat auch keinen weiteren Einfluss... oder sollte zumindest keinen weiteren haben.“ „Aber?“ Er legt den Kopf schief. Jedes Mal wenn er das macht, fühle ich mich direkt zu einer Antwort aufgefordert. Hoffentlich kann man mir daher den Gedanken nicht verübeln, dass er das absichtlich macht. Wenn ich ihm vollkommen ehrlich antworten würde, dann müsste ich ihm von meiner Herkunft erzählen. Davon, dass ich aus einer anderen Welt komme. Wenn nicht sogar auch davon, dass ich nicht ganz unschuldig an dieser ganzen Geschichte bin. Bestenfalls glaubt er mir, denkt sich aber nichts Weiteres dazu. Oder er glaubt mir halt nicht. So wie Haldir eben. Oder aber er glaubt mir und... sieht mich dann in einem schlechten Licht. Denkbar sind auch weitere Szenarien, doch darauf will ich es eigentlich nicht ankommen lassen. „Irgendetwas ist da sicher noch“, spricht er weiter und setzt sich neben mich. Wärme steigt mir ins Gesicht, ich wende meinen Blick zu Boden und schüttle den Kopf. „Warum sollte ich denn darüber sprechen wollen?“ Es ist mir schwer begreiflich, warum Legolas so mit mir redet. So freundschaftlich. Ist er nicht in höheren Kreisen aufgewachsen als ich? Er erwidert nichts auf meine rhetorische Frage, aber ich merke am Tonfall seiner Stimme, dass er mir nicht ganz glauben will, dass nichts sei. „Sind es die Erinnerungen? An deine Vergangenheit?“ Ich antworte nicht. Ich will nicht antworten. „Wie hast du mich eigentlich hier gefunden?“, frage ich, um eben seiner Frage aus dem Weg zu gehen, doch ich schaue nicht hoch. Zwar entsteht eine längere Pause, noch dann meint er nachgebend: „Dírhídh hat mich geschickt. Ich soll dir etwas von ihm geben.“ Nun sehe ich auf. Dírhídh also. Wir beide trafen uns rein zufällig und er hat mich zuerst auch gar nicht wiedererkannt. Doch die Freude war groß, als wir uns wiedersahen. Man spürte deutlich, dass er sich Vorwürfe gemacht hat. Er entschuldigte sich mehrmals dafür, mich Boromir und Faramir ausgehändigt zu haben, aber ich danke es ihm eher und bin nur froh, dass er noch am Leben ist. Seitdem treffen wir uns zwar nur gelegentlich, wenn wir jedoch aneinander vorüber laufen, lächeln wir uns wenigstens gegenseitig zu. Und... er ist auch mein Ansprechpartner wenn es um Zeichenmaterial geht, zumal mein Büchlein inzwischen leider voll ist. Legolas hält mir einiges an Papier und in Holz eingefasste Kohlestifte hin. „Zeichnest du immer noch?“ Ich nicke und nehme die Sachen dankend entgegen. „Hin und wieder“, kommt es mir gedankenverloren über die Lippen, als ich den Blätterstapel durchsuche und mein Blick auf einige beschriebene Papiere fällt. Auch El hat diese bemerkt, sagt aber vorerst nichts, sondern überfliegt nur die handgeschriebenen Zeilen, deren dunklen Buchstaben sich klein und geschwungen vom hellen Papier abheben. Es sind deutsche Zeilen dort zu lesen. Sätze, die ich geschrieben habe, noch bevor ich in meine Kindheit zurückversetzt wurde. Eine Zeitlang beobachte ich meinen alten Freund, wie er diese Worte zu entziffern versucht, aber so es nun einmal ist, ist er der deutschen Sprachen nicht mächtig. Ein Lächeln zeichnet sich nach einigen Sekunden auf seinen Lippen ab und ohne zu mir aufzuschauen sagt er: „Du kannst mir eigentlich nicht weismachen, dass du schon einmal in Lothlórien gewesen bist. Aber wenn mich nicht alles täuscht, ist das hier deine Handschrift. Jedenfalls nicht die eines Elbs.“ Ich muss schmunzeln. „Warum sollte ich von Dírhídh auch beschriebenes Papier bekommen, das ich gar nicht gebrauchen kann, weil ich die Sprache darauf nicht verstehe?“ „Was ist das für eine Sprache?“, will er nun wissen. Sein Blick nimmt wieder mich in Augenschein. Nebst Skepsis und Verwunderung meine ich darin auch eine leichte Neugier zu erkennen und lasse ihn mit der Antwort nicht lange warten. „Deutsch ist das.“ „So wie deine Lieder also.“ „So wie meine Lieder. Ja. Fein kannst du dich erinnern.“ „Nicht wahr?“ Er grinst provokatorisch, aber mir fällt keine mokierende Weiterführung ein. „Du bist mir manchmal zu selbstironisch, El.“ „Ah ja, das lernt man nun mal von Kindern wie dir.“ So langsam scheint es mir doch besser ich würde nichts weiter erwidern. Bisher haben unsere Gespräche noch nie sonderlich intelligente Formen angenommen, wenn sie denn schon so beginnen. Die Blätter rascheln, als ich den Stapel wieder halbwegs geordnet auf meinen Schoß lege. Die beschriebenen sind noch von vor sechzehn Jahren. Zuoberst liegt ein Gedicht. Kein sonderlich langes, aber es hat mich irgendwie beeindruckt, als ich es geschrieben habe. Zum zweiten Mal geschrieben, wohlgemerkt. Ich überfliege die Zeilen und schmunzle. Zu der Zeit muss es mir wohl nicht ganz so gut gegangen sein. Das ist das erste, was man reininterpretieren könnte. Und dann gibt’s noch zwanzig weitere Möglichkeiten. „Lies mal vor“, bittet El mich, nachdem auch er das Geschreibsel vor mir kritisch beäugt hat. Mir entkommt ein halbes Grinsen. „Du wirst es doch eh nicht verstehen. Du kannst kein Deutsch.“ Aber nein. Er bittet mich noch einmal. „Bitte. Ich will hören, wie diese Sprache sich gesprochen anhört.“ Auch wenn ich ein klein wenig Bedenken habe, lese ich die vier Strophen vor – natürlich mit Betonung, langsam und deutlich, ganz so ordentlich, wie es mir die ersten zwölf Lebensjahre in meiner Welt eingetrichtert worden ist.

Meinung ohne Wissen

Kommt und seht was hier geschah!
Schaut auch dort und in die Weite;
Staunet, schrecket, sagt dazu,
was euch kommt in Gedankesbreite!

Ich geh hin, ich schaue her;
Weiß nicht recht, was davon halten.
Einer sagt: „Ist's nicht egal?
Lasst dem Mensch doch sein freies Walten.“

Schreie der Empörung, lauscht!
„Seht ihr nicht? Der Mensch ermordet?“
„Selbstjustiz. Er griff ihn an.“
„Sagt Ihr, der wohl noch Leichen hortet!“

Ich hör zu, mich trifft ein Blick;
Täteraugen halb vergessen.
Schreck zurück, er sagt zu mir:
„Für mich war er ein Freund gewesen.“

Es ist für eine Weile still zwischen uns. Erst jetzt mache ich mir wirklich den Inhalt dieses Gedichtes klar und weiß gar nicht, wie ich auf solche Worte gekommen bin. Vermutlich habe ich mich damals mal wieder darüber aufgeregt, dass man vor allem in der Schule von uns verlangt, dass wir direkt zu allem eine Meinung haben und das muss ja nicht unbedingt immer die gleiche Meinung sein, aber gut argumentiert und was weiß ich nicht was. Ich muss gestehen, selbst am Ende des Gedichts könnte ich mir als lyrisches Ich keine eigene Meinung bilden. Es gibt zu viele Möglichkeiten inwiefern der „Mörder“ jetzt schuldig ist. Vielleicht trifft seinen Freund mehr Schuld als man denkt, nur weiß keiner etwas davon. Und sich eine Meinung zu bilden, ohne jegliches Hintergrundwissen zu haben, ist einfach... gefährlich. Ich würde nicht sagen dumm, aber gefährlich allemal. „Und das heißt?“ Diese Frage habe ich erwartet. Und mir war bange vor dieser Frage. Meine Mutter hat sich ernsthafte Sorgen um mich gemacht, als ich ihr dieses Gedicht vorgelesen habe; wie wird dann wohl Legolas dieses Gedicht sehen? Ich schaue zu Boden. „Versprichst du mir, dass du den Titel ernst nimmst, wenn ich es dir übersetze?“ Ganz kurz blinzelt er und schaut mich verständnislos an. „Ja?“, erwidert er zögerlich, was mir ein leises Lachen abverlangt. Er muss grinsen. „Ist es dir etwa peinlich?“, fragt er nach, doch ich schüttle den Kopf. „Nein, ich möchte nur nicht, dass du mich falsch verstehst. Aber... du kennst mich doch schon ein bisschen, oder?“ „Ich hoffe, gut genug, um dich halbwegs verstehen zu können. Also?“ Wenn auch ein wenig stockend, da manche der sprachlichen Mittel bei der Übersetzung verlorengehen, gebe ich die Zeilen also in Westron wider. Dann verlängert sich dieser Moment der Stille. Er weiß nun, was diese Worte bedeuten. Aber es dauert eine ganze Weile, bis er zum Reden ansetzt. „Wie alt bist du eigentlich?“ Diese Frage kommt unerwartet. Er sollte es doch eigentlich wissen, jedenfalls... Da kommt mir etwas. Ich mag vielleicht sechzehn Jahre alt sein, aber ich habe mindestens doppelt solange schon gelebt. El mustert mich wieder kritisch, sodass es mir beinahe drollig vorkommt, wie viel Misstrauen doch in seinem Blick liegt. Ich seufze kopfschüttelnd. „Ich könnte dir jetzt alles mögliche erzählen. Das heißt aber ja nicht, dass du mir Glauben schenken wirst.“ „Wenn du mir nur die Wahrheit erzählst“, beschwichtigt er, „werde ich dir wohl glauben. Du hast mich früher nie angelogen. Du wirst es auch jetzt nicht müssen.“ Momentan bildet sich ein Vakuum in meinen Gedanken. Allein, dass er recht hat, scheint mir als unumstrittene Tatsache; doch etwas anderes kann ich nicht denken. Mein Blick wird leer, als ich versuche zu antworten. Schlimmstenfalls werde ich ihn keinen Freund mehr nennen dürfen. Aber das bin ich ja gewohnt. Ich hab mir seit jeher damit schwergetan, jemanden als Freund zu sehen. Nur alles werde ich ihm nicht verraten. „Ich... komme aus einer anderen Welt. Einer fortschrittlicheren als euren – wenn man das so sagen kann... vielleicht nicht fortschrittlicher, aber auf jeden Fall moderner. Als ich hierher gekommen bin, war ich etwa genauso alt wie jetzt, vielleicht ein paar Jahre älter. Dieses Gedicht habe ich schon mal in meiner Welt geschrieben, aber als ich hier war, schrieb ich es noch einmal – einfach damit ich es nicht vergesse. Dann wurde ich... naja... in etwa verjüngt, ins Kindesalter zurückversetzt und hab so quasi eine zweite Kindheit hier gehabt, damit ich mich an die Lebensumstände und die fremde Sprache gewöhnen kann. So gesehen... Ich bin sechzehn.“ Legolas schaut mich wieder eine ganze Weile an, ohne dass ich wirklich sagen könnte, was er gerade denken mag. „Jetzt verstehe, warum du so erwachsen wirkst“, sagt er nach einiger Zeit und muss grinsen. „Aber... warum... Wie bist du nach Lothlórien gekommen? Wieso aus einer anderen Welt? Das versteh ich nicht. Hättest du nicht genauso gut an jedem anderen Ort... Verzeih mir. Ich wollte nicht aufdringlich sein.“ Ein Schmunzeln entkommt mir. Er ist nicht aufdringlich. Ich verstehe, dass das gerade etwas schwer verständlich ist, aber mich wundert's, dass Legolas das so selbstverständlich als die Wahrheit annimmt, ohne mich in geringster Weise der Lüge bezichtigen zu wollen. Haldir hat mir nicht glauben wollen. Aber ihm habe ich auch mehr erzählt, als El. Ich will nicht, dass Legolas mir auch nicht glaubt, wenn ich ihm noch sage, dass ich quasi einer der Gründe ihrer Existenz bin. Auf das Gedicht kommen wir nicht mehr zu sprechen. Eher erkläre ich ihm, wie genau ich hier nun hergekommen bin – jedenfalls soweit es mein eigenes Wissen zulässt. Auch dass Helendir darin keine unwichtige Rolle gespielt hat, lasse ich nicht außen vor. Aber jedes Mal, wenn das Gespräch auf ihn zusteuert, beginne ich öfters zu stocken und achte äußerst penibel auf meine Worte. Mit Helendir habe ich einen neuen Antagonisten in diese Welt gesetzt. Einen mit einer komplexeren Geschichte als an dieser Stelle Platz wäre, aber so kryptisch und verworren diese auch sein mag, so hat sie noch einige ungefüllte Stellen, von denen ich nichts weiß. Helendir ist der Charakter gewesen, der sich als erster von mir so weit distanziert hat, dass er ein Eigenleben entwickelte. Und obgleich ich von ihm am meisten wissen sollte, weiß ich mittlerweile fast gar nichts mehr über ihn. Er hat die Leitung dieser Geschichte übernommen, als er mich in diese Welt mitgenommen hat und er ist auch derjenige, der über das meiste Wissen in dieser Geschichte verfügt. Ich schaudere, als ich daran denke. Legolas erzähle ich das nur bruchstückweise. So, dass nicht herauskommt, wie ich in dem Ganzen jetzt drinstecke. Er glaubt mir. Und das will ich nicht verlieren.
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Manchmal dauern ihre Gespräche Stunden an. Die Zeit vergeht schneller in ihrer Nähe, so scheint es ihm, aber sonderlich schlau wird er aus ihren Worten nur selten. Es hat ihn ehrlich gesagt nicht wirklich verwundert, dass sie aus einer anderen Welt kommt. Etwas in der Art hat er schon früher vermutet und nun hat sie es ausgesprochen. Sie redet wie früher, auch wenn er merkt, dass sie das ohne Absicht tut und wohl eher denkt noch unverständlicher als damals zu klingen. Damals hat er einfach nicht nachgefragt, was sie mit manchen Dingen meinte, weil er es für Hirngespinste ihrer kindlichen Fantasie hielt, aber nun... nun ist das anders. Mag es auch nach außen so scheinen, sie hat keinen anderen Charakter als früher. Sie hat nur mehr Wissen erlangt und fühlt sich dadurch sicherer. Tief im Innern sieht er in ihr aber noch immer das kleine Mädchen, das an einem Frühlingsmorgen fieberkrank im Bett gelegen hat und ihm nicht glauben wollte, dass es draußen warm ist. Er muss lächeln. Sie erzählt gerade von ihrer Familie. Ihrer richtigen Familie. „Eine Gruppe von Chaoten“, wie sie scherzhaft sagt. Eine große Familie ist es, aber so wie sie von ihr erzählt, scheint sie wirklich jeden Einzelnen von ihnen zu lieben. Jedenfalls ihre Eltern und die Geschwister mit ihren Familien. Kaum aber spricht er sie auf ihre weitere Verwandtschaft an hört diese Liebe auf. Und zwar so abrupt, dass es ihn zum Lachen bringt. Ihr Gesicht wird ernst und weist angestaute Verständnislosigkeit zu ihnen auf, als sie von den Geschwistern ihrer Mutter spricht. Anfangs macht sie selbst auch darüber harmlose Späße, doch mit der Zeit wird sie immer betrübter. Ihre eigene Mutter tut ihr leid. Wenn man etwas aus ihren Worten heraushören kann, dann das. Jedoch sprechen sie auch über anderes. Es sind Unterhaltungen, die zumeist mit Sätzen wie „So, wir starten jetzt philosophischen Diskurs“ beginnen. Und dann reden sie über etwas wie... dass man eigentlich nichts eindeutig beweisen kann und Wissen eigentlich kein Wissen ist, weil man damit nur den Glauben an etwas, das noch nicht widerlegt worden ist, bezeichnet. Ganz so wie früher eben. Die Tage hier vergehen. Und indessen sind die beiden selten getrennt zu sehen, auch wenn eine ganz bestimmte Person das nicht gerne sieht. Ein weiterer Gefährte schließt sich den zweien jedoch unerwarteterweise an. Unerwarteterweise, weil er sich beinahe noch schlechter mit Legolas versteht als Boromir. So ihre Gespräche damit auch gelegentlich von scharfen Wortwechseln durchzogen sind, ist Gimli immer häufiger bei ihnen. Doch mit der Zeit werden diese Streitgespräche immer harmloser und ja, man kann sogar sagen zwischen ihnen entwickelt sich eine Art Freundschaft. An diesem Abend verabschiedet Legolas sich vergleichsweise früh von Eruanne – es sind die Hobbits gewesen, die beschlossen haben, sie weiterhin noch bei diesem Namen zu nennen, da es ihnen sonst zu verwirrend geworden wäre. Es geht ihr nicht so gut, sie wollte sich heute früher schlafen legen. Einen Moment lang schaut der Elb ihr noch nach, muss aber sogleich schmunzeln, als Merry und Pippin sie auf dem Weg abfangen und mit ihr zu plaudern beginnen. Die beiden verstehen sich gut mit ihr – vielleicht weil ihnen gelegentlich ebenso viel Unsinn in den Kopf kommt wie ihr. Es mag noch gut zwei Stunden dauern bis die Sonne den Himmel bunt färbt. Ein für die Jahreszeit recht milder Wind zieht durch die Bäume, die trotz des herrschenden Winters noch ihre goldenen Blätter tragen. Sie werden bald weiterziehen müssen. Allzu lange dürfen sie nicht in Lórien verweilen, so gut es ihnen auch hier gefällt. Die Stimmen der drei jüngeren Gefährten dringen Legolas noch ins Ohr, als er den weiß gepflasterten Weg zu ihrem Lager entlanggeht. Sie lachen. Vor wenigen Wochen wäre das noch eine Unvorstellbarkeit sondergleichen gewesen, aber der Frieden, der noch in diesem Land liegt, heilte ihre Trauer schneller als erwartet. Weit ist er noch nicht gegangen, da ruft ihn jemand zurück und er dreht sich um. Einer der Galadhrim kommt auf ihn zu, dunkles Haar hat er, von schmaler Gestalt und Naivität zeichnet seine sonst ernsten Gesichtszüge. „Schön dich wiederzusehen“, begrüßt Legolas ihn, doch der andere erwidert das nur knapp. Besorgnis liegt in seinem Blick, als er zu reden beginnt. „Wir haben Nachricht aus Bruchtal erhalten. Helendir ist entkommen.“ Ein Zug der Verbitterung streift das Gesicht seines Zuhörers, als er das sagt. Er hoffte sich keine Sorgen mehr um Eruanne machen zu müssen, doch das wird nun kaum möglich sein. Mit einem leichten Nicken bedankt er sich und will weitergehen, da kommt ihm jedoch noch etwas in den Sinn. „Du wirst es ihr doch auch sagen, Dírhídh. Nicht wahr?“ Der Elb macht eine unschlüssige Geste. „Sie wird es nicht gerne hören. Aber ich denke, es wäre das einzig Richtige.“ „Gut“, erwidert Legolas. Dann verabschieden die beiden sich voneinander und gehen getrennte Wege. Nein, sie wird es sicher nicht gerne hören. Aber so etwas in der Art hat sie sicher schon vermutet, also wird es nicht überraschend sein. Am Brunnen vor ihrem Lager trifft er Boromir. Er sitzt dort, in Gedanken versunken, so wie schon oft, seit sie hier sind. Eigentlich erschien er niemandem je als besonders gedankenverloren, doch das hat sich geändert, seitdem sie mit Galadriel und Celeborn gesprochen haben. Als Legolas näher kommt, bemerkt Boromir seinen Schatten und sieht auf. Seine grauen Augen sind leer, wenn man von dem schneidenden Funken Misstrauen, der in ihnen steckt, absieht. Es ist diese Veränderung, von der er Eruanne berichtet hat. Dieses stetig wachsende Misstrauen, das sich Tag für Tag mehr mit einer unklaren Hoffnungslosigkeit vermischt. Dennoch, in gewisser Weise bemitleidet er Boromir. Auch wenn er nicht sagen kann warum. „In drei Tagen ziehen wir weiter“, spricht der Gondorer gedankenverloren. Legolas nickt. „Wir müssen weiter. Hier ist nicht das Ende unserer Reise.“ Auch Boromir nickt, aber in seinem Blick lässt sich Betrübnis sehen. „Und doch wird sie für mich eher zu ende gehen als für euch“, murmelt er beinahe nicht hörbar. Ein Anflug von Unverständnis legt sich über die Züge des Elbs, doch er hält es nicht für nötig weiter nachzufragen. Boromir geht zurück nach Minas Tirith; das hatte er schon vor, seit sie von Bruchtal aufgebrochen sind. Es ist nichts Überraschendes, aber der Ton, mit dem er diesen letzten Satz ausgesprochen hat, flößt diesen Worten eine böse Vorahnung ein. „Aragorn wird mit dir nach Minas Tirith gehen, sagte er doch“, erwidert er gleichgültig. „Du wirst also wenigstens Begleitung haben.“ Nur ein Kopfschütteln entkommt ihm. „Wenn es stimmt, was die hohe Frau gesagt hat, dann weiß ich nicht, ob ich überhaupt bis zur Stadt gelange. Und ich weiß nicht, ob ich es ertragen könnte Gondor schwach zu sehen.“ Die Leere seines Blickes füllt sich nun endgültig mit Schwermut. Doch zugleich erweitert sich die Verständnislosigkeit in Legolas' Zügen. Er hat eine zu große Meinung über sein eigenes Volk, nicht so wie manch andere Menschen. Gerade das mag Menschen und Elben trennen – dieses Misstrauen und diese Überheblichkeit. „Jedes Volk ist zu seiner Zeit stark oder schwach“, versucht er die letzte Aussage seines Gegenübers zu verharmlosen. „Es wird sicherlich eine Zeit kommen, in der Gondor wieder stark sein wird.“ Ein geringschätziges Auflachen entkommt Boromir bei diesen Worten und er schüttelt den Kopf mit einem Schmunzeln. „Meine Schwester hat wohl großen Einfluss auf dich. Sie hätte Ähnliches gesagt.“ Er stockt bevor er mit größerer Sicherheit weiterspricht. „Aber sie ist naiv. Noch ein Kind.“ Auch wenn Legolas das nicht ganz so sieht, widerspricht er Boromir nicht. Er schweigt nur. Sein Gesprächspartner sieht zu ihm auf, als er nichts sagt und fragt schließlich: „Würdest du das Gleiche sagen, wenn du wüsstest, dass dein eigenes Volk zugrunde geht?“ Es ist keine einfache Frage, doch Legolas beantwortet sie mit einer Festigkeit, dass man meinen könnte, die Antwort läge klar auf der Hand. „Wir Elben wissen schon lange, dass wir eines Tages nicht mehr in Mittelerde wandeln werden und alles den Menschen überlassen müssen. Auch unsere Völker gehen langsam zugrunde. Unsere Zeit ist bald schon vorüber und ja, auch ich wünschte manchmal, es wäre nicht so. Aber es liegt nicht in unserer Hand mit dem Schicksal zu verhandeln.“
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Eigentlich sollte ich schon längst wieder bei den Gefährten sein. Hatte ich nicht sogar vor heute früher schlafen zu gehen? Na, jedenfalls habe ich das Legolas und Gimli gesagt. Jetzt aber sitze ich hier draußen bei den Wachen. Dírhídh hat mir erlaubt mitzukommen. Auch wenn es in der Stadt sicherer für mich wäre. Wir sind nicht weit von der Stelle entfernt, an der Haldir und seine Brüder uns aufgegabelt haben, also schon relativ weit von Caras Galadhon. Vor Sonnenaufgang werde ich nicht zu unserem Lager zurückkehren können, denn alleine sollte ich keinesfalls gehen. Dírhídh hat seinen Posten eingenommen, während ich mir nah bei ihm ebenfalls eine gedeckte Stelle gesucht habe, die einen guten Überblick auf den Waldweg bietet. Mittlerweile ist es wieder ruhiger hier. Die Orks sind abgezogen und werden so schnell nicht mehr in die Nähe Lothlóriens kommen, aber Wachen braucht es hier für alle Fälle trotzdem. Ich gähne mit vorgehaltener Hand, nur müde bin ich nicht. Mein Blick trifft den Elb neben mir. Er schaut kurz hinüber und lächelt. „Du kannst dich auch schlafen legen, wenn du willst“, spricht er leise, wobei er sich wieder dem Weg zuwendet. Ich schüttle den Kopf. „Werd eh nicht einschlafen können.“ Wieder fliegt ein leichtes Lächeln über seine Lippen, doch er erwidert nichts. Es ist so still hier. Stiller als in der Stadt, beinahe schon unheimlich still. Über den Baumkronen glitzern schon lange die Sterne in ihrer Pracht. Der Mond lässt fahles Licht auf die weißen Stämme der Mallornbäume fallen, sodass sie wie mit einem bläulichen Schimmer durchtränkt werden. Ich lehne mich mit der Schulter gegen einen solchen Stamm und schaue in den Himmel. Drei Tage, dann ziehen wir weiter. Dann ist's vorbei mit der Ruhe. Ein Seufzen entkommt mir. Wie war es im Original? Die acht bekamen neue Ausrüstung, fuhren den Anduin hinab, Orks folgten ihnen an den Ufern, Gollum im Wasser, an den Raurosfällen trennten sie sich, Boromir... war tot... Ein Schauer legt sich über meine Haut. Damals fand ich das nicht sonderlich traurig. So funktionieren Geschichten nun mal. Soweit ich weiß, habe ich nicht ein einziges gutes Buch gelesen, in dem nicht mindestens einer gestorben ist. Aber jetzt ist Boromir nicht nur ein Buch- oder Filmcharakter. Jetzt ist er mein Bruder. Ein leises Rascheln schreckt mich aus meinen Gedanken. „Ein Sperling“, beschwichtigt Dírhídh sogleich, als ich meinen Kopf abrupt in die Richtung wende, aus der dieses Geräusch gekommen ist. „Aber Sperlinge sind doch nicht nachtaktiv.“ Er zuckt mit den Schultern und schaut wieder zu mir hinüber. „Menschen auch nicht.“ Ich muss grinsen, doch im gleichen Moment zittere ich. Seine Augen füllen sich mit Unruhe, nur komme ich ihm mit dem Reden zuvor. „Und wenn es nun ein Igel war?“ Nur ein leichtes Kopfschütteln ist die Antwort, dann dreht er sich wieder um. „Wenn du unbedingt wissen willst, was es gewesen ist, dann schau doch nach“, sagt er ruhig. Das mache ich jedoch nicht. Was es auch gewesen sein mag, größer als ein Igel kann es nicht gewesen sein. Meine Augen fallen zu. Der Boden unter mir ist so weich, ausgelegt mit Moos und goldenen Blättern. Ich lasse meine Hand über das Moos fahren. Es sondert so einen eigenartigen Geruch ab, so wie halt nur Moos riechen kann. Beinahe fühle ich mich wieder in die Nächte zurückversetzt, in denen Legolas mir so viel beigebracht hat. Auch da haben wir nicht selten Igel, Waldmäuse oder andere Waldbewohner, die sich zu der Tageszeit herumtreiben, zu Gesicht bekommen. Sogar ein Rotfuchs hat sich einmal blicken lassen. Es war Sommer. Im Wald war es stickig und warm, obgleich es schon spät gewesen ist und die Sonne lange untergegangen war. El blieb auf einmal stehen und lauschte. Jedes Mal wenn er das tat, machte ich es ihm nach, wie ich ihm auch so oft alles nachahmte. Er sah zu mir hinunter und deutete dann mit dem Kopf in eine Richtung, aus der er kurz zuvor ein kaum hörbares Rascheln wahrgenommen hat. Langsamer und leiser als zuvor gingen wir in diese Richtung, bis er mir wieder andeutete stehenzubleiben. Kaum zehn Meter von uns entfernt blitzten zwei Punkte aus der Dunkelheit. Noch einmal sah er zu mir und lächelte. Er wusste genau, dass ich eine kleine Schwäche für Waldtiere habe. Die Umrisse eines Tieres zeichneten sich dunkelblau vom Schwarz des Waldes ab. Nahezu geräuschlos huschte der Fuchs über den moosbewachsenen Boden, ich wagte es kaum zu atmen, um ihn nicht zu verscheuchen. Es sah so elegant aus, wie dieses Tier im Unterholz umherschlich, auf der Suche nach seiner Beute. So souverän und anmutig. Es raschelt wieder, woraufhin ich sofort wieder die Augen öffne. Diesmal kann es kein Igel gewesen sein. Dírhídh schenkt dem Geräusch keine weitere Beachtung und wirft mir nur einen amüsierten Blick zu, als ich mich erhebe und langsam auf das Dickicht zugehe, aus welchem das Rascheln gekommen ist. Es ist vielleicht einen Steinwurf weit entfernt, aber doch weit genug weg, dass man von unserem Platz aus nicht erkennen kann, was sich darin verbirgt. Als ich näher komme, schimmert ein silbriger Glanz durch das Blattwerk des Gestrüpps, da raschelt es wieder. Und noch einmal. Das dort ist garantiert größer als ein Igel. Auf einmal tönt ein gedämpftes Fiepen von dort heraus und lässt mich auf der Stelle erstarren. Schon wieder bewegt sich das Gesträuch, aber das Tier kommt nicht davon los. Ich schüttle den Kopf und komme so nah heran, dass ich das arme Geschöpf darin erkennen kann. Ein junger Wolf ist es. Nicht ganz ausgewachsen, aber auch kein Welpe mehr. Sein Hals hat sich unglücklich zwischen den Ästen verfangen und ist an einigen Stellen aufgrund seiner Befreiungsversuche bis zum Blut aufgekratzt. Ich bewege vorsichtig die oberen Äste zur Seite, da beginnt der Wolf zu knurren; also halte ich inne. Seine blitzenden blauen Augen mustern mich misstrauisch, doch zugleich liegt so eine Hilflosigkeit in seinem Blick, dass es mich schmerzt ihn so zu sehen. Rasch schaue ich zu Dírhídh zurück, aber er überblickt immer noch die Straße und wird wohl kaum seinen Posten verlassen können. Also liegt es an mir ihn hier herauszubekommen. Ganz langsam und vorsichtig halte ich meine Hand vor ihn. Er schnuppert zweifelnd und fasst befürchte ich schon er würde gleich zuschnappen, aber dann lässt er sich von mir den Rücken streicheln. Behutsam rede ich auf ihn ein, damit er ruhiger wird; es wirkt. Einfach so werde ich ihn jedoch nicht befreien können. Dazu hat ihn das Gestrüpp schon zu dicht eingewickelt. So langsam wie möglich, hole ich also mein Messer hervor. In seinen Augen blitzt es kurz verängstigt auf und er winselt, aber sobald ich ihm wieder zurede, beruhigt er sich. Stück für Stück arbeite ich mich mit dem Messer voran, bis er sich losmachen kann. Doch er läuft nicht gleich fort. Im Gegenteil. Als er von den Ranken befreit ist, setzt er sich vor mich und beäugt mich äußerst kritisch. Ich lächle leicht und deute ihm an, er könne jetzt gehen, aber er rührt sich nicht vom Fleck, bis ich selbst aufstehe und zurück zu Dírhídh gehe. „Ein Sperling war es nicht“, flüstere ich ihm zu, bevor ich mich an meinen Platz zurücksetze. Nun erst schaut auch er zurück und muss erstaunt schmunzeln. „Ich glaube, du hast einen neuen Freund gefunden.“ Kaum wende ich meinen Kopf zur Seite, sehe ich den jungen Wolf erwartungsvoll zu mir aufschauend sitzen und mit seinem Schweif wedeln. „Er mag dich“, ergänzt der Elb, bevor ich meine Verwunderung loswerde und den Kopf schütteln kann. „Eigenartig. Wölfe sind doch sonst so scheu.“ „Eben. Das habt ihr wohl gemeinsam.“ Wieder muss ich grinsen. Ganz unrecht hat Dírhídh da nicht. Aber dieser Wolf... Er läuft zu mir und setzt sich an meine Seite. Da bemerke ich wieder die feinen Wunden am Hals und spreche Dírhídh darauf an. „Die werden schon von selbst verheilen. Das hat die Natur schon eingerichtet“, erwidert er darauf, nachdem er sie kurz begutachtet hat. Er wird recht damit haben. Aber ich mache mir dennoch ein wenig Sorgen. „Können wir ihn morgen mitnehmen?“, frage ich nach einigem Zögern. Man kann sich vorstellen, dass er solch eine Frage nicht gerade erwartet hat. Allein sein Gesichtsausdruck sagt es schon. „Ich denke nicht, dass das die beste Idee wäre. Er ist ein wildlebendes Tier.“ Mein Blick wandert zu dem Wolf hinunter. Als hätte er verstanden, was der Elb gesagt hat, legt er sich auf meinen Schoß und schaut mit großen Augen zu mir hoch. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. „Er scheint das wohl anders zu sehen.“ Jetzt kommt Dírhídh noch einmal näher und begutachtet das junge Tier eingehend. Mit einem nachgiebigen Seufzen nickt er schließlich. „Auf deine Verantwortung. Es ist der gleiche, der hier vor sechzehn Jahren herumgestreunt ist. Deswegen hat er dich wohl wiedererkannt.“ „Klar. Veräppeln kann ich mich selbst“, erwidere ich und werfe ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, doch er steht nur auf und sagt: „Glaub es meinetwegen nicht. Aber dieser Wolf wird nicht älter werden.“ „Hat er etwa elbische Gene?“ Die Andeutung eines Grinsens zieht sich über sein Gesicht. Er weiß, dass ich das nicht ernst meine. Und doch zweifle ich ein wenig an seiner Aussage. Andererseits muss dieser Wolf an sich ja schon etwas Besonderes sein. Normalerweise sind diese Tiere in Mittelerde böse und hinterhältig. Wenn ich da allein an die Warge denke, die nahe des Düsterwalds ihr Unwesen treiben. Aber dieser hier... der ist ganz zutraulich und friedlich. Meine Hand zittert leicht, als ich über sein weiches Fell streife. Er schließt die Augen und lässt es geduldig zu. Schönes Fell hat er. Es ist von hellem Grau mit einem silbrigen Glanz und seine Augen erinnern mich an die von Legolas... Hoffentlich machen sie sich keine Sorgen um mich. Merry und Pippin wissen, dass ich bei Dírhídh bin, aber vielleicht haben sie ja gedacht, ich würde zurückkehren, sobald er zur Wache geht. Mein Kopf wird schwer. Es ist schon so spät und lange dauert es nicht, bis sich meine Gedanken wieder nach Grünfeld verlieren. Zu Adon, Keres, Eronod, Kayen... Ich werde traurig, als ich an sie denke. Erinnerungen stehen mir vor Augen. Schöne, glückliche Erinnerungen. Noch bevor Keres und ich dieses Verbot auferlegt bekommen haben, nicht über die Dorfgrenze gehen zu dürfen, waren wir auch gelegentlich am Düsterwald. Nicht im Wald selbst, sondern am Waldrand – sonst hätten wir da wohl nie mehr wieder hinausgefunden. Tagsüber huschten dort Eichhörnchen über die Stämme der Laubbäume und über die Felder flogen immer mal wieder Falken und Bussarde auf ihrer Jagd nach Kleintieren. Und daheim hat uns einmal ein Waschbär besucht. Keres' grandiose Idee ihn ins Haus zu locken hat ihm eine Woche Hausarbeit beschert. Waschbären sind possierliche Tierchen, aber nicht weit unter ihren unschuldigen dunklen Augen sind sie doch kleine Halunken, die alles klauen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Er kam öfters, der Waschbär. Und irgendwann gaben wir ihm den Namen Timo. Gauner-Timo. Er kam meistens abends in unser Dorf getrottet und hat an unserer Tür gekratzt, wenn nicht zu unserem Pech ein Fenster offen war. Sonst wäre er von selbst ins Haus eingebrochen und hätte die Vorräte geplündert. Keres war wirklich ein tierlieber Junge. Er gab Timo immer heimlich etwas, wenn die Eltern es nicht sahen. Bevor er nichts bekommen hat, ist er auch nicht verschwunden und wartete manchmal sogar bis zum nächsten Morgen, selbst wenn die Eltern versuchten ihn zu verscheuchen. Ein Schmunzeln legt sich über meine Züge. Zugleich kommen mir aber auch die Tränen. Es war so schön damals. Unter meiner linken Hand regt der Wolf sich plötzlich. Er setzt sich auf und schleckt mir die Tränen vom Gesicht, woraufhin ich auflachen muss und die Augen öffne. „Danke. Ist schon gut“, spreche ich zu ihm, während ich mir mit dem Ärmel übers Gesicht wische. Der Wolf neigt den Kopf zur Seite und stupst mich mit seiner Schnauze an. Mir entkommt nur ein mildes Lächeln mit einem Nicken, dann lehne ich mich wieder an den Baumstamm und merke gar nicht, wie schnell ich in einen Traum versinke.
Ich erkenne kaum noch was von dem einstmals blühenden Dorf. Die Häuser liegen alle in Schutt und Asche, irgendwoher steigt Rauch auf und das Gras unter meinen Füßen ist komplett verkohlt. Um nicht direkt aus diesem Traum aufzuwachen, versuche ich ruhig zu bleiben solange es geht. Nach einiger Zeit bemerke ich Leben. Unter einem zusammengekrachten Haus rührt sich etwas. „Legolas“, denke ich mir und laufe sofort zu den Trümmern hin. Tatsächlich erkenne ich ihn wieder. Zwar ist er komplett zerschunden, sein Gesicht ist beinahe schwarz vom Ruß und Schmutz und seine grüne Kleidung hat sich vom Blut braun verfärbt, aber er atmet. Das jedoch nur in sehr flachen Zügen als würde er im Sterben liegen. Die Hälfte von ihm liegt unter schweren Holzbalken des Hauses begraben, was verhindert, dass er aufstehen kann. Einer dieser Balken muss ihn am Kopf getroffen haben, denn er ist bewusstlos. Ich gehe zu ihm und will den Schutt von ihm hinwegheben, doch als ich das Holz anfasse, gleiten meine Hände hindurch, als wären es Hologramme. Im gleichen Moment stöhnt der Waldelb auf und fasst sich mit der freien Hand an den Kopf. Er atmet schneller und tiefer, muss als Konsequenz aber schwer husten und verzerrt vor Schmerzen sein Gesicht. Ich schlucke schwer, als ich ihn so anschaue. Es tut mir weh ihn leiden zu sehen, helfen kann ich aber nicht. Mit Mühe und Not befreit er sich aus den Trümmern, bemerkt dabei aber schnell, dass seine rechte Schulter ausgekugelt ist und ein Holzpflock ihm eine tiefe Fleischwunde in das linke Bein gerammt hat. Dennoch schafft er es irgendwie und kämpft sich verbissen hinaus. Als er schwer atmend auf die zerstörte Hauptstraße hinauskommt, strauchelt er und fällt zur Seite. Mühsam versucht er sich aufzusetzen, was ihm nur leidlich gelingt, also legt er sich flach auf den Rücken und bemüht sich ruhiger zu werden. Immer wieder hustet und keucht er, die Schmerzen lassen ihn aufstöhnen. Dann blickt er starr gen Himmel und hält inne. Aus seinen Augen spricht eine plötzliche Angst, die ihn wieder dazu treibt, aufzustehen. Mehr schlecht als recht bewegt er sich vorwärts, die Sicht verschleiert, der Gang schleppend und unsicher. Dann ruft er: „Adon! Keres! Jenny!“ Keine Antwort folgt. Er versucht schneller zu laufen und ruft noch einmals, diesmal lauter. „Adon! Keres! Jenny! Eronod! Kayen!“ Keine Antwort. Ihm steigen Tränen in die Augen, doch er ruft weiter. Wieder und wieder ruft er die Namen, aber nie folgt eine Antwort. Und als er auf Eronods Feld einen Haufen toter Menschen findet, unter ihnen die zwei älteren Mathannars, hört er auf zu rufen und fällt kraftlos zu Boden. Er zittert, als er die entstellten Gesichter der beiden sieht. Die lautlos herablaufenden Tränen vermischen sich mit dem Dreck auf seinem Gesicht und fallen als schwarze Tropfen zu Boden. Ungläubig schüttelt er den Kopf und überblickt den Scheiterhaufen vor ihm. Da fällt ihm nach einigem Betrachten auf, dass nur wenige, vor allem ältere Menschen hier ums Leben gekommen sein müssen. Er sucht nach den beiden Jungen und mir, jedoch ohne Erfolg. Das beruhigt ihn aber keineswegs. Nein, er reißt sich zusammen und schleppt sich weiter vorwärts, um uns zu finden. Weit kommt er aber nicht, denn die Schmerzen nehmen wieder Überhand und lassen ihn zu Boden fallen, ohne dass er sich darauf erheben kann. Kraftlos flüstert er noch einmal unsere Namen. „Adon... Keres... Jenny...“ Dann tritt er weg. Stunden später kommen von Süden her drei Reiter. Es sind Elben aus Lothlórien. Ich erkenne sie vom Aussehen wieder – und einer von ihnen ist Dírhídh. Als sie in das zerstörte Dorf kommen, zügeln sie ihre Pferde und halten Ausschau nach Überlebenden. Als einer von ihnen Legolas entdeckt, ruft er den anderen einige Worte zu, woraufhin sie sogleich zu ihm gehen. Zwar ist er noch besinnungslos, also können die drei auch nicht fragen, was passiert ist. Doch so es in ihrer Macht steht, verarzten sie seine Wunden. Nachdem er aufgewacht ist, kugelt einer von ihnen ihm auch die ausgerenkte Schulter wieder ein. Es dauert nicht lange, da steht er schon auf und macht sich noch einmals auf die Suche nach uns. Die drei Galadhrim scheinen ihn nicht ganz zu verstehen, denn er gibt ihnen keine Erklärung und kann sich kaum auf den Beinen halten, sie hindern ihn jedoch auch nicht daran. Als Legolas zu dem Keller kommt, in dem die meisten sich versteckt haben, findet er meine Waffen im abgebrannten Gras und nimmt sie vorsichtig vom Boden auf. Seine Hände zittern dabei und er kämpft wieder mit den Tränen. Die blinzelt er jedoch schnell weg und sucht weiter, bis er die massenhaften Spuren Richtung Südosten findet. Dann erlischt jeglicher Glanz in seinen Augen, die Waffen fallen ihm aus der Hand und er sinkt auf die Knie. Langsam den Kopf schüttelnd wiederholt er immer wieder in heiserem Flüstern: „Sie werden das nicht überleben.“ Dann murmelt er einige Abschiedsworte in Sindarin und erhebt sich langsam. Die drei anderen stehen etwas abseits und senken ihre Blicke. Ich weiß nicht was sie denken mögen, aber eine mitfühlende Betrübnis geht von ihnen aus. Das Bild wechselt. Es ist spät in der Nacht. Legolas befindet sich in einem Zimmer. Seinem Zimmer wahrscheinlich. Er sieht aus dem Fenster hinauf in den sternenklaren Nachthimmel und lehnt seinen Kopf an den Fensterrahmen. Sein Blick ist leer, seine Züge erkaltet und starr, so wie es manchmal bei Helendir ist. Nach einer Weile schließt er seine Augen und seufzt. In seiner Hand hält er ein Stück Papier. Es ist die Zeichnung, die ich ihm einmal geschenkt habe.

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