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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 9

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9. Wenn Unerwartetes geschieht
Es ist nicht das letzte Mal gewesen, dass Helendir von mir verlangt mit ihm zu schlafen. Aber es ist das letzte Mal, dass er vorsichtig und einfühlsam mit mir umgegangen ist. Und zwar im Generellen. Dass er die meiste Zeit des Tages gar nicht in seinem Zimmer ist, ist schon eine Erleichterung für mich. Ich muss hier bleiben, es sei denn er befiehlt mir ausdrücklich mitzukommen. Immer seltener sehen wir uns, denn bereits in den frühen Morgenstunden verlässt er das Zimmer, sodass ich ihn meistens nur am Abend zu Gesicht bekomme. Je nachdem, wie er dann gelaunt ist, darf ich ohne Qual einschlafen oder erleide Schmerzen ganz gleich welcher Art, woraufhin er am nächsten Morgen wieder fort ist. Heute wache ich vergleichsweise früh auf. Er sitzt noch am Schreibtisch und begutachtet meine Zeichnungen. Auch wenn ich befürchte von ihm bemerkt zu werden, beobachte ich ihn dabei und versuche den Ausdruck in seinem Gesicht zu identifizieren. Weder Kälte noch aufbrausende Hitze sind darin zu erkennen, wohl aber ein Stück von Wehmut, was mich recht erstaunt. Erinnern ihn die Bilder vielleicht an etwas? Seine Vergangenheit womöglich? Etwas, das ihm teuer war? Ich weiß es nicht. „Du bist wach“, höre ich ihn plötzlich flüstern und wende sofort meinen Blick ab. Daraufhin legt er die Bilder zur Seite, verschränkt seine Finger ineinander und stützt sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab, den Blick ernst an die Wand ihm gegenüber gerichtet. Eine Zeit lang starrt er so ins Leere, ohne etwas zu sagen. Ich bleibe nur im Bett liegen und höre meinen Puls durch die Adern pochen. Dann, nach einer beträchtlichen Weile, steht er seufzend auf, setzt sich zu mir aufs Bett und legt seine Hand auf meine Schulter. Als ich spüre wie kalt sie im Gegensatz zu meiner Haut ist, schaudert es mich schlagartig. Langsam streift er einige Haarsträhnen von meinem Gesicht weg, um es genauer sehen zu können, dann fährt er noch einmals mit seiner Hand über meine Schulter, hinauf zu meiner Wange. „Du kommst heute mit mir“, meint er nach einigem Schweigen und weist mir an mich aufzusetzen. Als ich vor ihm sitze, den Blick zu Boden geneigt, legt er seinen Arm um mich und zieht mich so nahe zu sich heran, dass ich halb auf seinem Schoß sitze. Warum sollte ich denn mit ihm gehen? Was ist der Grund dafür? Mag sein, dass es etwas mit den Bildern zu tun hat. Vielleicht will er mich auch wieder zu Sauron bringen. Aber sicher bin ich mir da in Keinem. Er sieht mich lange an und streicht mir dabei immer wieder durchs Haar, sodass mir nach einiger Zeit sehr unbehaglich zumute wird und ich mich immer mehr von ihm abzuwenden versuche. Doch das nimmt er mit einem Schmunzeln wahr. „Na komm,“, flüstert er mir zu, „zier dich nicht so.“ Nur mit großer Überwindung drehe ich meinen Kopf ihm zu und küsse ihn. Dies erwidert er verlangend und streift mir die Decke von meinem Körper, nicht ohne mich dabei auf mehr oder minder ungebührliche Weise anzufassen. Schließlich befiehlt er mir aufzustehen und erhebt sich ebenfalls. Er gibt mir ein neues Kleid, welches ich gleich darauf auch anzuziehen habe, dann nimmt er mich bei der Hand und führt mich aus dem Zimmer hinaus. Wenn ich ehrlich bin, so wäre ich lieber dageblieben. Ich hab Angst vor dem, was mich da draußen erwarten wird. Seien es auch „nur“ die Orks. Es sind natürlich nicht die einzigen Kreaturen, die hier in Mordor anzutreffen sind. Aber wie gesagt, einige von ihnen sind nicht gerade Freunde von mir. Den ganzen Tag über nimmt der Elb mich mit seinem Einfluss jedoch derart unter Schutz, dass die meisten Orks sich nicht einmal trauen mir einen giftigen Blick zuzuwerfen. Er geht mit mir zuerst zu einer Art Truppeninspizierung. Dort werden die niederen Soldaten von den Orkhäuptlingen begutachtet und eingeteilt. Es sind so viele Soldaten, dass ich schon von Anfang an den Überblick verliere und mich gezwungenermaßen an Helendirs Hand halten muss, um nicht verlorenzugehen. Als wir so an denen vorbeilaufen, bemerke ich sehr wohl, wie missgünstig einige Blicke zu meinem Bewacher schweifen, während andere wiederum voller Respekt sind. Die meisten Blicke, die mich treffen, sind hingegen eher spöttisch oder wollüstig. Nicht selten verstecke ich mich deswegen hinter meinem Herrn und laufe nur gesenkten Hauptes vorüber. Dies scheint ihm gar nicht unlieb zu sein, denn ein kaum merkliches Lächeln umspielt die ganze Zeit über seine Lippen. Mit einigen der Hauptmänner redet er auch. Doch nicht mit vielen. Kaum eine Stunde später sind wir schon wo anders. Er zeigt mir die Gefangenenlager. Dort leben die ganzen versklavten Menschen, die in den Bergwerken oder Schmieden ihre Arbeiten verrichten müssen, meistens durch Gefangennahmen bei einer Plünderung nach Mordor gelangt. Ich schlucke schwer, als wir an diesen bedauernswerten Geschöpfen vorbeigehen. Sie werden wie Tiere behandelt, so habe ich das Gefühl. Viele von ihnen sind zuvor auf grausame Art und Weise gefoltert worden. Vor allem die Stärkeren. Man hört ihr leises Klagen und Weinen schon von draußen. Kaum aber betritt Helendir eines der Lager, ist es totenstill. Die Sklaven, die sich zu dieser Tageszeit hier befinden, senken ihren Blick und treten furchtsam zurück. „Komm“, sagt er zu mir und streckt mir die Hand entgegen, denn ich stehe noch vor der Schwelle und getraue mich gar nicht hineinzugehen. Als er mich jedoch zu sich zieht, schauen einige der Menschen hoch und scheinen ihren Augen nicht trauen zu wollen. Ich muss beinahe weinen und versuche sie nicht anzusehen. Dennoch legt der Elb seine Hand an meine Taille und geht mit mir durch dieses Lager hindurch. Die Blicke der meisten Sklaven sind dabei auf mich gerichtet. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit und ich will einfach nur so schnell wie möglich raus hier. Falls jemand nun denkt: „Du herzloses Miststück! Zeig diesen Menschen doch wenigstens ein bisschen Mitgefühl!“ Denjenigen würde ich gerne selbst in dieser Situation sehen. Machen wir doch ein kleines Gedankenexperiment. Stellt euch vor, ihr wurdet entführt. Monatelang habt ihr nur wenig gegessen und getrunken. Eure Familie und eure Freunde sind tot, teilweise sogar durch eure eigene Hand umgekommen. Ihr habt zwei Jahre lang im Dunkeln gesessen, mit kaum jemandem reden können. Dann kommt euer Entführer, gibt euch alles Lebensnotwendige, wenn nicht sogar noch ein wenig mehr, vergewaltigt euch aber und das nicht nur einmal. Ihr seht keine andere Person mehr als ihn, habt verlernt mit anderen zu kommunizieren, könnt nicht weg von diesem Ort, könnt euch nicht einmal irgendwie auflehnen, da ihr Angst habt grausam misshandelt zu werden und kommt dann an einen Ort, an dem Menschen sind, denen es noch schlechter geht. Ihr würdet weder Kraft noch Mut dazu haben auch nur das Geringste für diese Menschen zu tun. Eher würdet ihr vor Scham im Boden versinken, da ihr wisst, dass es euch eigentlich besser geht und ihr trotzdem denkt wie ein verprügelter Hund zu leiden. Genau so fühle ich mich gerade. Ganz bewusst spüre ich die Wärme, an der Seite auf welche Helendir seine Hand gelegt hat und kämpfe hart damit, keine Tränen zu zeigen. Das will er doch nur. Er will mich weinen sehen. Wir laufen relativ langsam zur anderen Seite des Lagers, zur zweiten Tür. Je länger wir hier sind, desto übler wird mir. Die Blicke dieser Menschen durchbohren mich regelrecht, ohne dass ich sagen könnte, welche Emotionen sich in ihnen widerspiegeln. Falls sie überhaupt noch Emotionen zeigen können. Wir sind etwa im letzten Drittel des Gebäudes, da streckt einer der Menschen, ein älterer, der schon graue Haare hat, uns plötzlich seine Hand entgegen. „Wasser“, flüstert er heiser und sieht flehend zu uns hinauf. Helendir blickt ihn zornig an und zieht sein Messer, als dieser Mann versucht mich am Kleid festzuhalten. Sofort zucke ich zusammen und drehe mich abrupt zu dem Elb hin. Etwas zu sagen, getraue ich mich nicht. Meine Kehle ist vor Angst ausgetrocknet. Aber in meinem Blick liegt ein flehentliches Bitten und ich halte meinen Bewacher am Arm fest, damit er nicht zum Streich ausholt. Daraufhin wirft dieser mir einen verachtenden Seitenblick zu und steckt das Messer wieder ein. Den alten Mann tritt er zu Boden, vollkommen unberührt und kalt. Es bringt nichts dazwischenzugehen. Es würde ihn nur mehr reizen, so viel ist sicher. Dennoch tut es mir unheimlich leid um diesen Menschen. Und doch. Ich allein kann dagegen nichts unternehmen. Helendir zerrt mich wieder weiter, hinaus aus dem Lager, hin zu einem der Eisenbergwerke. Immer weniger kann ich mich zusammenreißen. Die Aufseher hier quälen diese Menschen regelrecht zu Tode; nicht nur mit der schweren Arbeit, auch mit Peitschenhieben und andauerndem Gebrüll. Die schwere Luft verklebt einem die Kehle und macht es beinahe unmöglich gescheit zu atmen und doch werden tausende von Menschen dazu gezwungen hier zu arbeiten. Ich schau mir das nicht lange an, denn meine Sicht verschwimmt nach wenigen Minuten und von da an sehe ich kaum etwas außer bunten Flecken, die vor meinen Augen auf und ab tanzen. Vermutlich muss ich zusammengebrochen sein, denn das erste, was ich wieder klar wahrnehme, ist das Zimmer, welches Helendir gehört. Er hat mich zurückgebracht und aufs Bett gelegt. Nun sitzt er hier direkt neben mir und streicht mir über den Rücken. Ich weine. Zwar nur leise, ohne größere Regungen zu zeigen, doch ich weine. Fort will ich von hier. Einfach nur fort. Zurück nach Grünfeld, zurück zu meiner Familie, meinen Freunden, meinem alten Leben. Es ändert zwar nichts an dem Leben dieser Menschen hier, doch wer weiß. Vielleicht könnte ich ihnen so mehr helfen als hier. Andererseits muss es aber einen Grund dafür geben, dass ich überhaupt hier bin. Warum kann es trotzdem nicht einfach einen großen Schlag geben und alles hier würde verschwinden? Alles Schlechte in dieser Welt. Ich verberge mein Gesicht im Kissen und merke wie ich zittern muss. Der Elb beugt sich zu mir hinunter und dreht meinen Kopf zu sich, sodass ich ihn gezwungenermaßen ansehen muss. Mir bleibt fast das Herz stehen, denn normalerweise würde er mich sofort schlagen, wenn ich ihm in die Augen schaue. Jetzt jedoch sieht er mich einfach nur an. Er sieht in meine Augen, als würde er darin etwas suchen. Etwas lang Verlorenes. In seinen Augen hingegen nimmt diese Eiseskälte ein klein wenig ab. „Du hast immer noch Angst vor mir?“, fragt er leise, scheinbar verwundert darüber, während er die herablaufenden Tränen von meinem Gesicht streift. Ich nicke nur schnell und will zur Seite wegschauen, doch er hält seine Hand dagegen und setzt wieder zum Reden an. Der Mund bleibt ihm allerdings offen stehen, als hätte er vergessen, was er sagen wollte. Gleich darauf verzieht er ihn zu einem Lächeln, woraufhin sein Blick an mir hinunter schweift. „Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Natürlich, mir gefällt es, dich in meiner Gewalt zu haben. Es gibt mir ein Gefühl der Macht. Aber... mir gefällt es nicht, dich leiden zu sehen.“ Das kann ich nicht ernst nehmen. Es hört sich irgendwie zu kitschig an. „Ob du es nun glaubst oder nicht“, fährt er fort. „Ich tue das alles nur... Ach, wem mach ich was vor? Du wirst es weder verstehen noch glauben können. Jedenfalls noch nicht jetzt.“ In diesem Moment kehrt wieder die Kälte in seinen Blick zurück. Er lächelt eisig und streicht mir über die Wange. Ich zucke nur mit den Schultern und schlage meinen Blick nieder. Es ist ja mittlerweile zur Gewohnheit geworden. Zumeist kaum zu ertragen, aber wehren darf ich mich nicht. In meinen Augen steht eine Absenz jeglichen Bewusstseins dessen, was sich um mich herum abspielt. Gut genug weiß ich, wie sehr Helendir das hasst. Doch kontrollieren konnte ich das noch nie so wirklich. Seine Augen funkeln bösartig auf, als er meine Abwesenheit bemerkt. Sogleich, als ich das wahrnehme, sehe ich erschrocken zu ihm und rücke ein Stück zurück. „Bitte“, sage ich leise, „schlagt mich nicht. Ich...“ Doch er nimmt meine Entschuldigung nicht an und schlägt mir ins Gesicht. Ein scharfer Schmerz durchzieht meine linke Wange und Tränen sammeln sich in meinen Augen. „Habe ich dir nicht oft genug gesagt, du sollst nicht so unaufmerksam sein?“, herrscht er mich an und schlägt mich noch einmals. „Es wird noch dein Tod sein!“ Mir entkommt ein Schluchzen. Zitternd kauere ich mich am Kopfende des Bettes zusammen und versuche die Tränen zu unterdrücken. Schon mache ich mich bereit dafür, weitere Schläge zu erhalten. Diese bleiben allerdings aus. Hingegen kommt er näher zu mir und... naja. Vergewaltigt mich eben. Etwa zwei Stunden später geht er aus dem Zimmer hinaus. Für gewöhnlich macht er das eigentlich nicht; er bleibt normalerweise immer über die Nacht hier. Interessieren tut es mich allerdings nicht wirklich. Ich warte noch ein paar Minuten, nachdem die Tür hinter ihm zugefallen ist, dann setze ich mich auf, schlinge die Decke um meinen zitternden Körper und verberge mein Gesicht in den Händen. Heiße Tränen laufen mir über die Wangen, doch ich wage es nicht auch nur einen Ton von mir zu geben. Ich kann nicht reden. Alles tut mir weh. Jeder einzelne Muskel in meinem Körper brennt, ist gleichzeitig aber erschöpft, sodass ich kaum gerade sitzen kann. Nur in meinen Gedanken schreie ich. Ich will fort, weg von hier! Egal wie! Einfach nur fort! Das ist doch kein Leben mehr. Das ist reines Dahinvegetieren und auf den erlösenden Tod warten. Ranak hatte recht. Lieber würde ich jetzt auf der Stelle sterben als noch einen Tag bei diesem Ungeheuer verbringen zu müssen. Ach, wäre das alles nur nie geschehen. Am liebsten würde ich einfach die Zeit zurückdrehen können und... Was dann? Was brächte es mir? Ich bin nur ein einfaches Menschenmädchen. Was hätte ich schon bewirken können? Das einzige, was ich von mir selbst aus hätte tun können, wäre früher zu fliehen. Aber wenn ich überhaupt der Grund bin, dass Helendir Grünfeld niedergebrannt hat, dann hätte er mich früher oder später eh gefunden; egal ob ich dort, im Düsterwald oder anderswo gewesen wäre. Ich lehne mich gegen die kalte steinerne Wand am Kopfende des Bettes und schließe meine Augen. Warum? Warum bin ich hier? Was will Sauron von mir? Warum tut Helendir mir so etwas an? Wenn ich das wüsste... dann wäre ich immer noch hier. Viel brächte es mir auch nicht. Und dennoch. Ich wüsste es gerne. Nach einer Zeit zwinge ich mich dazu aufzustehen und ans Fenster zu gehen, um ein wenig frische Luft einzulassen. Noch immer das gleiche eintönige Bild. Nur eine Sache hat sich verändert. Ich weiß jetzt wie es den kleinen vorbeilaufenden Punkten am Boden geht. Ob ich mit ihnen tauschen wollen würde... das weiß ich nicht. Wer weiß, was sie schon alles hinter sich haben. Leichter als mir wird es ihnen wohl kaum sein. Mich überkommt eine Hitzewelle, woraufhin ich mich an der Fensterbank abstützen muss, um nicht zu schwanken. Ich lasse die Decke fallen und lehne meinen Kopf an das kühle Gestein der Wand. Morgen wird der Tag nicht anders sein. Vielleicht ein wenig humaner, wenn der Elb mich denn im Zimmer lässt, wie für gewöhnlich. Doch wer kann mir schon sagen, was in seinem Kopf vor sich geht? Mühsam schleppe ich mich wieder zurück zum Bett und lasse mich fallen. Ich könnte es schlimmer haben. Immerhin kann ich in einem gescheiten Bett schlafen, bekomme genug zu essen und zu trinken, habe Kleidung, kann mich waschen, muss keine harte Arbeit verrichten... jedenfalls nicht so wie die anderen Menschen. Eigentlich sollte ich mich glücklich schätzen. Eigentlich habe ich gar kein Recht dazu Helendir als ein grausames Ungeheuer zu bezeichnen. Nein. Ein Recht dazu habe ich gewiss nicht. Nur kann ich meine Emotionen leider selten kontrollieren und verdränge Gedanken wie diese zumeist. Es ist still. In meinen Gedanken sowie um mich herum. Mein Kopf ist leer, ich weiß nicht mehr was ich glauben kann oder nicht, was moralisch richtig oder falsch ist, was mein Sinn zu leben ist. Wusste ich das je einmal dann habe ich es jetzt vergessen. Dass ich ein sehr wankelmütiger und launischer Mensch bin, ist kein Geheimnis. Das war ich schon immer. Und das spüre ich jeden Tag, wenn Helendir bei mir ist. Manchmal würde ich ihn am liebsten töten, doch wenige Sekunden später verfluche ich diesen Gedanken, denn ich habe kein Anrecht jemandem das Leben zu nehmen, da ich es demjenigen auch nicht geschenkt habe. Vielleicht weiß der Elb um meine Launenhaftigkeit – nicht vielleicht, sicher weiß er davon. Jedoch teilt er mir kaum seine Gedanken mit. Ich traue mich auch nicht ihn zu fragen, so kalt und abweisend wie er für gewöhnlich wirkt. Eine Zeit lang glaubte ich sogar, dieser Mann wäre nicht in der Lage überhaupt Gefühle zu haben, geschweige denn sie zu zeigen. Mittlerweile schwankt dieser Gedanke. Von außen mag er so scheinen, innerlich muss aber jedes Lebewesen doch irgendwelche Gefühle haben, wenn es nicht gerade ein Pantoffeltierchen ist. Also ist er entweder kein Lebewesen, hat irgendeinen psychischen Defekt oder kann einfach verdammt gut schauspielern. Wenn Helendir nämlich mal mit mir spricht, dann hart, kühl oder unheimlich gelassen. Er wirkt sehr stabil, beinahe unerschütterlich. Das täuscht allerdings, wie ich sehr bald merke. Es gibt Nächte, in denen steht er auf, sobald er meint, ich würde eingeschlafen sein. Dann setzt er auf die Bettkante, stützt seinen Kopf auf den Knien ab und – so absurd es auch klingen mag – hat einen Nervenzusammenbruch. Ich merke das jedes Mal, wenn ich vor Schmerzen überhaupt nicht einschlafen kann und nur so tue als würde ich schlafen. So ist es auch in dieser Nacht. Es ist kalt im Zimmer. Ein Zittern durchfährt mich, als Helendir sich über mich beugt, um zu sehen, ob ich noch wach bin. Er nimmt die Bettdecke und zieht sie ein Stück weiter über meine Schultern, damit ich nicht friere, dann setzt er sich leise auf und stützt seinen Kopf in den Händen ab. Sein Atem geht schwer und tief, aber er sitzt beinahe regungslos da. Vorsichtig öffne ich meine Augen und richte mich so lautlos wie möglich auf. Geschieht ihm recht, dass es ihm so schlecht geht, denkt die eine Seite in mir, doch diese Stimme in meinem Kopf widerspricht dem. Mitleid sollte ich mit ihm haben. Warum aber? Warum sollte ich jetzt noch Mitleid haben? Er hat mir alles genommen, was ich hatte. Meine Familie, meine Freunde, meine Heimat, meine Freiheit, meine Widerstandsfähigkeit, meine Freude am Leben und meine Unschuld. Warum sollte ich ihn nicht einfach umbringen? Meine Finger durchfährt ein feuriges Zucken. Oft genug habe ich gelernt, wie man jemanden ohne Waffen töten kann. Jetzt wäre ein perfekter Zeitpunkt. Er ist geschwächt; zwar bin ich das auch, aber genug Kraft, um ihm den Hals umzudrehen, hätte ich noch. Wieder aber mahnt diese Stimme mich: „Du sollst ihn nicht töten.“ Aber ich will! Mein ganzer Geist verlangt danach! Ich will diesen Mann einfach aus meinem Leben haben! Ohne das geringste Geräusch zu verursachen, komme ich näher an ihn heran. Langsam, um ihn nicht aufmerken zu lassen, hebe ich meine Hände. Die Stimme aber schreit jetzt, ich solle damit aufhören. Ich solle wieder damit aufhören aus Hass zu töten. Krampfhaft halte ich inne und versuche gegen diese Stimme anzukämpfen. Da blickt Helendir plötzlich hoch, nicht zu mir, sondern zum Fenster hinaus. Meine Augen weiten sich, als ich das sehe. Über seine Wangen laufen ganz deutlich Tränen. Sein Gesicht ist rot und sein Haaransatz nass vom Schweiß. Seine Augen haben eine Farbe angenommen, die ich so bei ihm noch nie gesehen habe. Ein sattes tiefes und angenehmes Dunkelgrün ist es. Und in diesen Augen sehe ich tiefes Leid, tiefer als ich es je irgendwo gesehen habe. Ich lasse meine Hände sinken. Von jetzt auf gleich reut es mich zutiefst, dass ich ihn umbringen wollte. Auch wenn er es tausendfach verdient hätte; all das hier muss doch einen Grund haben. Und garantiert nicht den, dass ich noch einmal zur Mörderin werde. Plötzlich dreht der Elb sich zu mir um. Sein Blick wird starr und kalt wie zuvor, als er mich anschaut. Ich senke nur meinen Kopf, bereit dazu geschlagen zu werden. Doch er schlägt mich nicht. Er sieht mich nur an, bis seine Augen sich wieder mit Tränen füllen und er sein Gesicht von mir abwenden muss. „Schlaf' weiter, Elarras“, spricht er leise zu mir. Ohne Hass, ohne die gewohnte Schärfe in seiner Stimme. Ich drehe mich um und lege mich wieder hin, ohne etwas zu erwidern. Aber etwas in mir hält mich wach. Auch wenn ich mir dieses plötzliche Mitleid nicht wirklich erklären kann, so habe ich es und aus der Angst vor ihm wird eine Angst um ihn. Am nächsten Morgen lächelt er mich wieder an, wie am vorigen Abend. Es ist als ob er einen ganz anderen Charakter hat. Er nimmt mich in seine Arme und streift vorsichtig mit seinem Finger über meine Haut, als ich aufwache. „Guten Morgen, meine Kleine“, haucht er mir ins Ohr und küsst mich an der Wange. Ich schaue nur weg von ihm. Gut wird dieser Morgen sicherlich nicht werden. „Du hast doch gestern Nacht sicher gut geschlafen, nicht wahr?“ „Nein“, antworte ich ihm ehrlich, „ich hatte Schmerzen.“ Helendir lacht nur leise und nimmt meine Hand in die seinige. „Da war ich dann wohl ein wenig voreilig. Aber das, was du da gesehen hast... Vergiss es einfach wieder. Gut?“ Noch einmal küsst er mich auf die Stirn, dann steht er auf und zieht sich sein Hemd an. Ich bleibe liegen und starre an die Wand mir gegenüber. Nachdem der Elb mich kurz angeschaut hat, sagt er noch: „Du solltest dir besser etwas anziehen. Nicht dass es den Orks nicht gefallen würde, dich so zu sehen, aber... du weißt, was ich meine.“ Ich werfe ihm einen kurzen Blick zu und richte mich auf. So wie es aussieht, will er mich also wieder mitnehmen. Das gefällt mir gerade nicht so gut; vor allem nach dem, was ich gestern gesehen habe, aber was habe ich schon zu sagen? Also ziehe ich ein neues Kleid an, mache schnell das Bett, wasche Hände und Gesicht und richte so rasch wie möglich mein Haar. Helendir sieht mich zufrieden an und wirft mir ein kokettes Lächeln zu. Hingegen lächle ich nur kurz aus Anstand und schaue zu Boden; ich darf ihm ja nicht in die Augen sehen. Einen Grund zu finden, warum ich das alles tagein tagaus über mich ergehen lasse, könnte schwierig werden. Rational erklärbar ist es nicht. Und ich wundere mich auch selbst manchmal, warum ich mich ihm nicht widersetze. Aber sollte ich ihn denn unnötig reizen, wenn er mich den Großteil des Tages über eigentlich ganz gut behandelt? Trotzdem sehne ich mich manchmal nach der Zelle zurück, wo noch immer meine Bilder an den Wänden haften. Ich weiß nicht warum, jedoch hat der Elb angeordnet sie auf keinen Fall von dort zu entfernen. Alles, was er tut, muss einen bestimmten Grund haben und all diese Gründe zusammen sind auch die Antwort darauf, warum ich überhaupt hier bin. Wie lange nur soll es noch dauern, bis es mir gesagt wird? Wie lange noch? Mittlerweile naht der Herbst. Über den Vorfall hat Helendir nie wieder ein Wort verloren. Doch ich werde mir immer gewisser, dass er an einer psychischen Krankheit leidet, ähnlich einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Sagen, dass ich dies vermute, tu ich ihm allerdings nicht. Zu viel Angst habe ich vor seiner Reaktion. Das Meiste sage ich ihm nicht. Auch wenn ich Schmerzen habe, sage ich es ihm nicht mehr, sondern fresse es still in mich hinein, sodass er sich überhaupt nicht mehr darum kümmern könnte, selbst nicht wenn er es wollen würde. Bloß nichts anmerken lassen, um ihn nicht noch mehr zu belasten, das ist mein einziger Gedanke. Dieser Gedanke aber tut mir nicht gerade gut. Ich werde schwächer. Von Tag zu Tag. Meine Atmung will des öfteren versagen und mir wird oft schwarz vor Augen. Mein Herz pumpt kräftig, doch da meine Lungen nicht mehr so gut mitarbeiten wollen, habe ich sehr oft zu wenig Sauerstoff im Blut, sodass mein Kreislauf diesem Umstand erliegt. Dennoch will ich nicht, dass der Elb sich deswegen ernstlich um mich kümmert. Alles Verheimlichen ist jedoch vergebens, denn er merkt das spätestens, als er eines Abends ins Zimmer kommt und mich bewusstlos auf dem Boden liegend vorfindet. Zwar wache ich schnell wieder auf, doch selbst wenn ich wollen würde, könnte ich ihm nicht sagen, was mit mir los ist. Meine Zunge erlahmt und die Stimmbänder senden stechende Schmerzen aus, sobald ich meinen Mund auch nur zu öffnen versuche. Helendir kann mir nicht helfen, da bin ich mir sicher. Trotzdem versucht er mich immer wieder zum Reden zu bringen, sei es auch durch Schläge. Von Erfolg ist das freilich nicht gekrönt. Ich weigere mich regelrecht, mir von ihm helfen zu lassen und das begreift er schließlich ebenfalls nach einigen Tagen. Da er mich also nicht zum Reden bringen kann, bringt er mich zu Sauron. Als ich dort wieder vor ihm stehe, den Blick aus Erschöpfung zu Boden gesenkt, mustert er mich scharf. Nach wenigen Sekunden kocht eine Wut in ihm hoch, die sich durch einen Ausbruch an feurigen Flammen deutlich zu erkennen gibt. „Warum hast du das zugelassen? Stärker sollte sie werden! Nicht schwächer!“, brüllt er Helendir an und schleudert ihn mit einer unfassbaren Wucht gegen die Wand. Er stöhnt vor Schmerz auf und sinkt zu Boden. Wie ein wildes Tier tigert Sauron nun hin und her, gequält von einem Gedanken, den ich nicht kenne. Mir will wieder schwarz vor Augen werden und ich schwanke, als er mich wütend anblickt und zu reden beginnt: „Was nützt es mir, dass du Schönes erschaffen kannst, aber nicht stark genug bist auch Dunklen Mächten standzuhalten? Jahrelang suchte ich nach jemandem wie dir und nun, da ich dich gefunden habe, stirbst du mir in den Armen eines Handlangers weg!“ Als mein Kreislauf wieder kollabieren will, springt Helendir auf und stützt mich. „Sie kann wieder stärker werden, o Herr. Doch nicht hier in Mordor“, sagt er und neigt sein Gesicht zur Erde nieder. Sauron wirft ihm einen durchdringenden Blick zu. „Warum sollte ich dir Glauben schenken? Du liebst sie doch nicht etwa?“, fragt er scharf nach, woraufhin der Elb sofort erwidert: „Würde ich das tun, so hätte ich ihr schon längst zur Flucht verholfen. Nein, sie ist nichts weiter als eines von vielen Mädchen für mich. Aber ich kenne sie und ich weiß, dass sie sehr viel Einfluss von ihrer Umgebung aufnimmt. Hier ist sie eingeengt. Solange sie das ist, wird sie immer schwächer werden. Lasst sie mich für eine kurze Zeit fortbringen. Vielleicht für ein paar Monate und sie wird wieder voller Kraft sein. Mehr noch. Sie wird...“ Doch Sauron unterbricht ihn mit einem Handzeichen. Die Skepsis, die in seinen Zügen stehen muss, ist im ganzen Raum zu spüren, aber der Idee Helendirs ist er wohl gar nicht so abgeneigt. „Es müsste aber ein Ort sein, an dem man niemanden aus Mordor erwarten würde. Du wirst eine andere Gestalt annehmen müssen. Und wage es ja nicht mich zu hintergehen.“ Auf dem Gesicht dieses Elbs zeichnet sich ein wissendes Grinsen ab. „Ich kenne einen Ort, wo man niemanden aus Mordor erwarten würde. Bruchtal.“ „Bruchtal?“, fragt Sauron verwundert, nickt dann jedoch langsam. „Ja“, sagt er mit einer Gefälligkeit in der Stimme, dass mir mulmig zumute wird. „Ja, Bruchtal. Im Hause Elronds wird man am allerwenigsten einen Handlanger Mordors erwarten. Doch wie willst du dort hin finden? Nur Eingeweihte wissen den Weg.“ „Herr, bei allem Respekt, ich lebte früher in Lothlórien. Ich weiß, wie man nach Bruchtal kommt.“ Da fängt Sauron an zu lachen. „Das stimmt. Es war also doch eine gute Idee, jemanden wie dich in meine Dienste aufzunehmen. Also gut, geh mit ihr nach Bruchtal, damit sie ihre Kraft wiedererlangt. Doch wehe dir, wenn du sie nicht binnen fünf Monaten zurückbringst.“ „Fünf Monate? Aber es würde Jahre dauern, bis...“ „Fünf Monate“, fällt Sauron ihm ins Wort, „und kein Tag mehr.“ Mit einer tiefen Verbeugung zieht Helendir sich mit mir zurück. Die Treppen trägt er mich hinunter, da mein Puls noch schwächer geworden ist. Ich nehme nur flüchtig wahr, wie er in den nächsten Stunden alles für die Reise vorbereitet und schließlich des Nachts mit mir in den Armen hinaus aus Mordor reitet. Es könnte einem seltsam vorkommen, dass er mich explizit darauf hingewiesen hat, mein eigenes Messer mitzunehmen. Mir selbst erscheint es höchst eigenartig, zumal er mir diese Waffe nie abnehmen wollte und ich eigentlich eine Gefahr für ihn werden könnte. Wie früher sitzt diese filigrane Waffe nun in meinem Ärmel und benötigt nur einen kurzen Ruck meinerseits, um gefährlich zu werden. Aber auch wenn ich auf dieser Reise die mehrfache Möglichkeit haben könnte, Helendir damit zu bedrohen oder gar zu töten, hält mich immer noch diese Stimme zurück und meine Schwachheit lässt mich vollkommen von dem Gedanken zurückweichen. Den Weg versuche ich mir trotz Allem noch irgendwie zu merken. Karten habe ich seither ja genug betrachtet. Kaum sind wir am Morannon vorbei, gelangen wir zum ehemaligen Schlachtfeld von Dagorlad. Da überkommt Helendir, der mich vor sich aufs Pferd gesetzt hat, eine seltsame Veränderung. Seine Haut leuchtet plötzlich auf, die Narbe in seinem Gesicht verblasst, ist jedoch immer noch ein klein wenig zu sehen, wenn man genau hinschaut. Elbische Reisekleidung hat er sich schon in Mordor angelegt. Sie ist von einem hellen Grauton, ganz ähnlich dem, wie Legolas sich gekleidet hat, wenn man von der Farbe absieht. Das Gesicht des Elbs verändert sich auch. Es ist nicht mehr so schmal, die Stirn wird tiefer, seine Augen haben einen dezent weiteren Abstand und ändern ihre Farbe von diesem stechenden Grün in ein Gemisch aus hellem Grau und Blau. Auch sein silbernes Haar ändert seine Farbe in einen beinahe schon braunen Blondton. Ich erschrecke mich zuerst, als ich ihn so sehe, denn beinahe hätte ich ihn für jemand völlig anderen gehalten. Doch er grinst mich leicht an, wie es ihm eigen ist und flüstert mir ins Ohr: „Von jetzt an heiße ich für dich Beriolon. Und du, du wirst von nun an Eruanne heißen.“ Ich nicke nur, was sollte ich dazu schon sagen? Wir reiten am westlichen Rand des Düsterwaldes weiter, nur mit gelegentlichen Pausen, um selbst etwas zu essen oder zu trinken oder das Pferd grasen und trinken zu lassen; Tag und Nacht reiten wir. Helendir braucht keinen Schlaf, ich aber nicke des öfteren in seinen Armen ein. Aufgehalten werden wir nie; nicht von Orks, die uns treffen, noch von irgendeinem anderen. Auch nicht, als wir auf die Alte Waldstraße kommen. Es sind nicht mehr viele Meilen ab hier; nur noch den Hohen Pass müssen wir überqueren, dann liegt das Schwerste hinter uns. Schneebedeckt ist er, die Luft hier oben ist schneidend kalt, obgleich es erst Narquelië ist. Und oft muss das schwarze Reittier des Elbs gefährliche Stellen, wie Abgründe und Kluften überwinden, so schwer es ihm auch fallen mag. Helendir treibt ihn stetig durch den tiefen Schnee voran, gelegentlich wird er sogar ärgerlich auf das Tier, aber wir kommen dennoch nach einigen Stunden hinüber. Sobald wir auf der anderen Seite sind, reiten wir langsamer. Drei Tage und zwei Nächte sind wir geritten und es ist Nacht, als wir zur Bruinen kommen, die vor dem versteckten Tal liegt. Ich bekomme nur im Halbschlaf mit, dass Helendir sein Pferd an der Furt zügelt und absteigt. „Wir sind bald da. Halte durch“, sagt er leise und streicht mir durchs Haar. Selbst diese leichte Berührung von ihm tut mir weh, sodass wieder ein wenig meiner Kraft von mir weicht und ich tief durchatmen muss. Er beugt sich zum Fluss runter und hält seine Hand ins Wasser. Nichts geschieht, woraufhin er zufrieden lächelt und wieder aufs Pferd steigt. Wie wir in das Tal geritten sind, weiß ich nicht mehr, denn ich bin eingeschlafen, sodann wir die flache Furt überquert haben. Erst am nächsten Tag wache ich auf. Es ist warm hier, kein Vergleich zu der Kälte, in der wir die letzten Tage geritten sind. Nach so langer Zeit werde ich zum ersten Mal wieder von den milden Sonnenstrahlen geweckt, die durch das Fenster zu meiner Linken scheinen. Ein unbeschwertes Lächeln macht sich auf meinen Zügen breit und ich atme tief auf, als ich merke, dass ich in einem eigenen Bett liege und Helendir nicht in diesem Zimmer zu sein scheint. Zögerlich öffne ich meine Augen und blicke umher. Würde ich nicht spüren wie schwach ich bin, so dächte ich, all das, was ich in Mordor erlebt habe, wäre bloß ein Traum gewesen – ein Albtraum wohlgemerkt. Aber die Mattigkeit, sie stößt mich wieder mit dem Kopf auf die Tatsache, dass es nicht so gewesen ist. Mit einem Seufzen fasse ich mir an die schmerzende Stirn und streife mir den Schlaf aus den Augen. Es ist so schön ruhig hier. Kein Lärm von Schmieden oder Bergwerken, kein Orkgeschrei, auch nicht das Geschrei anderer Kreaturen, einfach nur morgendliche Stille. Gemischt mit einem subtilen Windesrauschen, leisem Vogelgezwitscher und dem sanften Plätschern von Wasser. Wie sehr habe ich diese Geräusche vermisst. Auf dem Weg hierher habe ich sie kaum wahrgenommen, betäubt durch diese Kraftlosigkeit. Hier aber höre ich sie. Vorsichtig stehe ich auf und gehe an eines der vielen Fenster, von denen aus man hinaus in einen Garten schauen kann. Es erstaunt mich dort Blumen blühen zu sehen, obwohl es bereits Herbst ist und die meisten eigentlich verwelkt sein müssten. Hübsch sieht es hier aus. Ganz anders als in Mordor. Mir geht ein Dankeschön über die Lippen, als ich in den blauen Himmel blicke. Kaum Wolken verdecken ihn. So einen Himmel habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Plötzlich horche ich auf. Da ist etwas im Wind. Leise, aber wunderschön. Gesang ist es. Glockenheller, fröhlicher Gesang. Oh, wie lange habe ich so etwas nicht mehr vernommen. Tränen rollen meine Wangen hinab. Diese Freude in diesem Gesang, sie rührt etwas in mir. Am liebsten würde ich mitsingen. Im gleichen Augenblick höre ich eine Stimme von unten, die mich freundlich begrüßt. Erst muss ich suchen, woher diese Stimme gekommen ist, doch ich erkenne gleich darauf zwei Elben dort unten. Etwas zaghaft grüße ich zurück und bemerke, dass die beiden lachen müssen. „Ihr seid wohl nicht von hier?“, fragt einer der beiden. Es kommt mir seltsam vor, mit ihnen zu reden. Die einzigen, mit denen ich in den letzten vier Jahren gesprochen habe, waren Helendir und Gremgosh und auch dann nicht viel. Von jemandem völlig fremden angesprochen zu werden, macht mich ein wenig unsicher. „Nein“, erwidere ich. „Ich bin hier nur vorübergehend.“ „Verstehe. Warum aber kommt ihr nicht hinaus? Es ist schönes Wetter heute.“ Ein Lächeln fliegt über meine Züge. „Ich weiß nicht, ob ich das darf. Mein Begleiter wird es vielleicht nicht gutheißen.“ Da muss der andere Elb kurz auflachen. „Was sollte er daran denn aussetzen? Die Sonne wird euch schon nicht schaden.“ Doch ich winke ab. „Sicher. Aber ich denke nicht, dass er damit einverstanden wäre. Tut mir leid.“ Die Tür geht gerade auf und Helendir tritt ein. Daher verabschiede ich mich noch hastig, bevor ich das Fenster schließe. Tatsache, mein Aufpasser sieht jetzt ganz anders aus als davor. Und kalt schaut er mich auch nicht mehr an. Es ist diese dezent arrogante Seite, die von ihm Besitz ergriffen hat. Er lächelt und kommt näher zu mir. „Und?“, spricht er. „Wie fühlst du dich hier? Besser als zuvor?“ Ich nicke scheu und sehe zu Boden, da hebt er rasch mein Kinn. „Na, na. So kannst du dich jetzt aber nicht mehr vor mir verhalten. Hab ruhig ein wenig mehr Selbstwertgefühl, mein Mädchen.“ „Ist gut... Beriolon.“ Seine reine Anwesenheit versetzt mich schon in dieses Unsicherheitsgefühl. Wie soll das nur funktionieren? Schauspielern müsste ich, um selbstbewusster zu sein und das solange wir hier sind. Zwar könnte ich das schon hinkriegen, aber ob dieser Aufenthalt dann den gewünschten Effekt hätte... naja. Darüber ließe sich streiten. Helendir lächelt mir mit einem gewissen Ausdruck des Mitleids zu und gibt mir einen Kuss. „Außerdem wirst du mich für diese Zeit hier nicht als deinen Herrn anreden. Verstanden?“ Ich nicke wieder, schaue ihm dieses Mal jedoch direkt in die Augen, was er mit einem halbherzigen Grinsen bewertet. „Dann, bitte. Du bist heute frei bis zum Abend.“ Meine Augen weiten sich, als er das sagt. Meint er das im Ernst? Ich darf gehen wohin ich will? Ich verbeuge mich dankend vor ihm, woraufhin er mir zunickt und hinausgeht. „Denk dran, nur bis zum Abend“, mahnt er noch einmals, bevor er die Tür schließt. Das ist mir mehr als genug Zeit. Ich spreche wieder ein leises Dankeschön aus und ziehe mir schnell meine Sachen an. Sie wurden gewaschen und sind nun viel angenehmer zu tragen und sauberer als zuvor. Wie früher nehme ich die äußeren Strähnen meines Haares zusammen und flechte am Hinterkopf eine Strähne hinunter, damit sie mir nicht andauernd ins Gesicht fallen. Kaum gehe ich aus meinem Zimmer hinaus, die Treppen hinunter, legt sich ein weites Lächeln auf meine Züge und ich muss tief durchatmen. Was für eine reine Luft. Kein Staub verklebt mir hier die Kehle, keine Kohle setzt sich in der Luftröhre ab. Vor mir erstreckt sich ein weites grasbewachsenes Tal, bestanden mit Eichen und Buchen, umgeben von immens hohen Talhängen, auf welchen sich Kiefern ausmachen lassen. Das mehrstöckige Haus liegt auf einer Lichtung am östlichen Ufer des Flusses, wo sich mehrere Terrassen mit Sitzbänken befinden, der Garten, den ich von meinem Fenster aus gesehen habe, liegt auf der Südseite. Auch ein Wasserfall bahnt sich seinen Weg unterhalb des eindrucksvollen Gebäudes zum Fluss. Für einen Moment wird es still in mir. Ein tiefer Frieden überkommt mich bei dem Anblick dieses Bildes, gleichzeitig aber auch das Bedauern darüber, dass ich wohl nicht sehr lange hier bleiben werde. Ich erschaudere bei dem Gedanken, bald wieder zurück nach Mordor zu müssen. Aber wenn es so sein muss... Darüber sollte ich mir lieber keine Sorgen machen. Jetzt bin ich fort von dort. Und ich bin unendlich dankbar dafür. Gedankenverloren setze ich mich an das Flussufer und schaue in die Ferne. Die Sonnenstrahlen, welche meine blasse Haut treffen, sind nicht sonderlich warm, doch ich genieße das Gefühl von dem natürlichen Licht beschienen zu werden und schließe meine Augen. Leise beginne ich ein Lied zu summen. Dieses Lied habe ich bereits in Deutsch, Russisch und Englisch gehört, aber eine englische Version hat mir dabei besonders gut gefallen. Wenn ich mich nicht irre, so heißt dieses Lied Nearer my God to thee. Auch in meiner Gefangenschaft habe ich es einige Male gesungen, bis Helendir es mir verboten hat. Ich durfte in seiner Gegenwart keine Lieder mehr singen. Vielleicht war es das, was mich derart zur Hartherzigkeit getrieben hat. Leise singe ich vor mich hin, bis ich die Augen öffne und bemerke, dass jemand ganz in der Nähe von mir am Geländer steht und ebenfalls in die Ferne blickt. Auch dieser kommt mir irgendwie bekannt vor. Es ist ein Elb, mit schwarzem Haar, etwas älter sieht er schon aus, auch wenn Elben nie wirklich alt aussehen. Sagen wir, er strahlt eine gewisse Weisheit aus, die nur Ältere besitzen. Als ich aufhöre zu singen, blinzelt er einige Male und schaut dann lächelnd zu mir hinüber. „Verzeiht mir, ich wollte euch nicht stören, Eruanne“, sagt er. Ich schüttle nur ebenfalls lächelnd den Kopf, erstaunt darüber, dass er mich bei diesem Namen nennt und auch noch so höflich anspricht. „Alles gut. Das habt ihr nicht“, beschwichtige ich nur und winke ab. Daraufhin nickt er. „Ich habe gehört, ihr habt vor einiger Zeit eure Familie verloren. Das tut mir sehr leid für euch.“ Kurz kommt die Erinnerung wieder hoch, als er das sagt, aber ich nicke nur betrübt und schaue zu Boden. Helendir wird das wohl erzählt haben. Zu welchem Zweck? Wollte er nicht so wenig wie möglich über uns preisgeben? „Schon länger her. Aber ich komm mittlerweile gut damit zurecht, danke.“ Wieder nickt er und sieht Richtung Westen. Nach einer kleinen Weile fragt er: „Seither kümmert sich wohl Beriolon um euch, nicht wahr?“ „Das stimmt. Er macht es auch nicht schlecht, aber... naja. Ersetzen kann er meine Familie nicht.“ „Natürlich nicht. Doch ihr kennt ihn bereits eine längere Zeit, nicht?“ „Nun... wenn man vier Jahre als lang bezeichnen würde, dann ja. Warum fragt ihr aber?“ Der Mann antwortet erst nach einer kurzen Pause. „Ihr habt eine Krankheit, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Daher auch eure Schwachheit. Vier Tage lang habt ihr geschlafen, ohne dass ihr stärker wurdet. Und nun sitzt ihr hier, beinahe als wäre nichts geschehen.“ Erstaunt sehe ich zu ihm auf. „Vier Tage?“ Er bejaht. Meine Güte, so lange habe ich noch nie geschlafen. Kein Wunder, dass Helendir etwas über mich erzählen musste. „Euer Begleiter sagte mir außerdem, ihr hättet traumatische Erlebnisse gehabt und seid deswegen so kraftlos.“ „Könnte stimmen“, erwidere ich. „Das mit den Erlebnissen auf jeden Fall, aber diese Schwachheit... ich glaube das hat weniger... geistige Ursachen. Eher körperliche. Wisst ihr, ich habe lange Zeit die Sonne nicht gesehen.“ Im gleichen Moment halte ich inne. Er wird nicht wissen, dass man durch Sonnenlicht ein Vitamin erlangt, das für den stabilen Knochenbau benötigt wird. Außerdem könnte er jetzt auch nachfragen, warum ich denn nicht die Sonne gesehen habe und dann müsste ich irgendwas erfinden, wenn ich Helendir nicht verärgern will. Aber er nickt nur verständnisvoll lächelnd und fragt nicht weiter nach. Hingegen will er etwas anderes wissen. „Woher wollt ihr wissen, dass das der Grund ist? Kennt ihr euch in der Heilkunde aus?“ Ich lache leise. „Nein, nicht wirklich. Aber ich wage zu behaupten, dass ich in einigen Naturwissenschaften ein hübsches Wissen angehäuft hab.“ „Wie kommt das? Waren eure Eltern Gelehrte?“ „Oh nein, sie waren einfache Bauern. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, woher ich manche Dinge weiß. Manchmal kenne ich auch Wörter, die es hier gar nicht gibt.“ Sein Blick ist ein wenig skeptisch geworden. „Wörter, die es nicht gibt?“ „Ja. Zum Beispiel... Desoxyribonukleinsäure.“ Er zieht kritisch eine Augenbraue empor, als würde er mir nicht glauben, dass dieses Wort existiert. „Es ist tatsächlich ein Wort“, beteuere ich, wobei mir unwillkürlich ein verlegenes Grinsen übers Gesicht schleicht. Er lächelt leicht, wenn auch mit sichtbarer Verwunderung in den Zügen. „Was bedeutet denn solch ein umständliches Wort?“ „Nun... darauf befinden sich die Erbinformationen eines Lebewesens. Es ist zwar in seinem ganzen Körper vorhanden, aber mit dem bloßen Auge kann man es nicht sehen.“ Die Skepsis ist zu einem gewissen Ausdruck des Erstaunens geworden. Ich fühle mich gerade ein wenig fehl am Platz, denn eigentlich müsste dieser Elb ja mehr als ich wissen. Nur solche Dinge, die mit Chemie, teilweise auch mit Biologie oder Physik zu tun haben, die scheinen selbst Elben zumeist nicht zu wissen. „Tut mir leid“, sage ich betreten. „Ich wollte euch nicht verwirren.“ Aber er schmunzelt nur leicht und winkt ab. „Es ist mir zwar neu, dass so ein junges Menschenkind mehr als ich zu wissen scheint, aber das Leben ist voller Überraschungen.“ Da muss ich ihm allerdings zustimmen. Irgendwie ist dieser Elb mir sympathisch. Er erinnert mich ein ganz klein wenig an Eronod, nur mag er um einiges weiser sein als mein Ziehvater es gewesen ist. „Wie heißt ihr eigentlich?“, will ich jetzt endlich wissen. Immerhin kennt er theoretisch auch meinen Namen. „Mein Name ist Elrond“, antwortet er, woraufhin mich wieder das Gefühl beschleicht, ich hätte diesen Namen schon einmal irgendwo gehört. Dann ist jedoch auf einmal eine Glocke zu hören. „Kommt, es gibt bereits Mittagessen“, sagt er und nickt mir leicht zu. Als wir in den Esssaal eintreten, wird mir sofort klar, dass Helendir und ich keinesfalls die einzigen Gäste sind. Mit den Personen, die generell hier wohnen, sind in diesem Raum gerade wohl mindestens um die zwanzig Leute zu zählen. Helendir begrüßt Elrond höflich, als er mich bei ihm abfängt. Sie wechseln kurz einige Worte miteinander, bevor wir uns zu Tisch setzen. Abgesehen von Helendir sitzt einer der beiden Elben neben mir, die heute mit mir geredet haben, als ich am Fenster stand. Er stellt sich mir als Elrohir vor. Der andere ist sein Zwillingsbruder Elladan, welcher auch jetzt neben ihm sitzt. Und wie ich mir irgendwie schon denken konnte, sind das die beiden Söhne von Elrond sowie die älteren Brüder von Arwen Undómiel. Noch immer ist es mir sehr ungewohnt, mit anderen reden zu können, aber Elrohir respektiert das auch und redet nicht unmäßig oft mit mir. Eine Sache spricht er jedenfalls schon ziemlich früh an und zwar, warum ich denn die ganze Zeit über lächle, seit ich den Raum betreten habe. Etwas verlegen muss ich zugeben: „Ich freue mich einfach hier zu sein. Ich meine, ich hab lange nicht so viele Leute gesehen und... das ist Essen! Richtiges Essen!“ Er muss lachen. „Ihr tut ja so, als hättet ihr noch nie Nahrung gesehen.“ „Nicht direkt, aber... wenn man vier Jahre lang allein ist und nichts Vernünftiges zu essen findet, dann freut man sich halt.“ „So schlecht habe ich auch nicht für dich gesorgt“, wirft Helendir ein und muss grinsen. Ich lege meine Hand auf seinen Arm und erwidere sofort: „Natürlich nicht. Aber oft warst du ja leider nicht für mich da.“ Daraufhin nickt er zustimmend. Elrohir muss noch die ganze Zeit über darüber schmunzeln, dass ich so begeistert von dem Essen bin. Doch im Moment macht es mir nichts. Ich bin einfach nur froh, mich nach vier Jahren endlich mal wieder richtig satt essen zu können. Den kleinen emotionalen Wortwechsel haben auch einige andere mitbekommen, die mich jetzt dezent amüsiert anblicken, denn ich habe meine Begeisterung mit einigen raschen Handgesten unterstützt, sodass ich wohl wie ein kleines Kind ausgesehen haben muss, dass sich über ein Geschenk freut. Einige Personen, die mir dabei auffallen, sind gerade so groß wie achtjährige Kinder, lockenköpfig und passen irgendwie nicht so ganz in das Bild, denn die Männer neben ihnen sehen eher wie erfahrene Krieger aus. Hobbits, schießt es mir durch den Kopf. Diese drei Kerlchen müssen Hobbits sein. Nach dem Mittagessen, als Helendir mich wieder alleinlässt, kommen zwei von ihnen auf mich zu und reden mit mir. „Na, ihr habt wohl eine sehr gefühlsgeladene Art zu reden, wertes Fräulein“, meint der größere von ihnen und verneigt sich leicht. Ich senke verlegen lachend meinen Kopf und nicke. „Manchmal. Tut mir leid, wenn es euch gestört hat.“ Der kleinere winkt ab. „Ach wo. Das macht euch irgendwie sympathisch. Wie heißt ihr denn?“ „Eruanne nennt man mich. Und ihr?“ Darauf antwortet wieder der andere. „Ich bin Meriadoc Brandybock und das hier ist Peregrin Tuk. Ihr könnt uns aber auch Merry und Pippin nennen. Seid ihr schon länger hier?“ Wir gehen ein Stückchen, während wir reden. Eigentlich dachte ich zuerst, es würde mir schwerfallen, mit anderen zu reden, aber diese beiden Hobbits, mit ihnen kann ich reden, auch ohne zu viel preisgeben zu wollen. „Vier Tage sind wir schon hier. Mein Gefährte und ich. Aber wie lange wir bleiben, das hat er mir nicht gesagt.“ Er stupst Pippin energisch an. „Siehst du? Hatte ich doch recht.“ Pippin mault ein bisschen, gibt es aber zu. Nur was gibt er zu? „Was meint ihr?“, frage ich nach. „Ach“, winkt Merry ab, „er meinte nur, ihr wärt eine Hiesige. Aber das stimmt wohl nicht.“ Ich muss grinsen. „So? Was meint ihr dann, wo komme ich her?“ Das ist jetzt interessant. Wenn Peregrin schon davor gemeint hat, ich müsse aus diesem Tal stammen, wird Merry dann als nächstes auch einen elbischen Ort vorschlagen? Wenn ja, kann ich mich bei ihnen dafür bedanken für eine Elbin gehalten zu werden. „Kommt ihr vielleicht aus dem Düsterwald?“, fragt er und ich staune. Zum Ersten, ich sollte mich bedanken, zum Zweiten jedoch ist seine Vermutung gar nicht mal schlecht. „Da liegt ihr nicht mal ganz so falsch. In der Nähe des Waldes, da hab ich früher gewohnt. Aber falls ihr noch denkt, ich sei eine Waldelbin, muss ich euch leider enttäuschen.“ „Wie? Ihr seid keine Elbin?“, fragt er erstaunt und ich schüttle lachend den Kopf. „Sehe ich etwa so aus?“ Pippin wiegt seinen Kopf von einer Seite zur anderen. „Ihr habt schönes langes Haar, helle Haut wenn auch ein bisschen sehr blass, eine angenehme Stimme und ihr seht ziemlich hübsch aus.“ Das macht mich verlegen. Ich werde rot im Gesicht und schüttle meinen Kopf. „Danke, aber... ich bin nur ein einfacher Mensch. Außerdem sind Elben doch groß und haben spitze Ohren.“ „Ausnahmen gibt es immer.“ Die zwei sind nicht zu verbessern. Wir reden lange miteinander. So lange, wie ich in den letzten Jahren noch nie mit jemandem geredet habe. Sie erzählen mir viel über ihre Heimat, das Auenland, wie und warum sie überhaupt hierher gekommen sind. Dabei erwähnen sie einen Namen, der mich stutzen lässt. Aragorn war bei ihnen. Er hat sie nach Bruchtal geführt. Eigentlich sind sie vier Hobbits, doch einer von ihnen wurde schwer verletzt und musste somit schneller hierher, damit die Wunde rechtzeitig versorgt werden konnte. Frodo Beutlin ist sein Name. Der vierte im Bunde ist Samwise Gamdschie. Zwar hat auch er am Tisch gesessen, nun ist er aber wieder bei Frodo, weil er sich Sorgen um ihn macht, da es ihm wirklich nicht gut zu gehen scheint. Mehr oder weniger ohne die Zustimmung der beiden anderen sind Merry und Pippin mit ihnen mitgekommen, wie sie erzählen. Schon mehrere Wochen sind seit Beginn ihrer Reise vergangen und bereits zwei Tage sind sie hier. Oder waren es drei Tage? Wenn einer der beiden mal etwas Falsches sagt, unterbricht ihn der andere sofort mit einer Berichtigung. Das macht es manchmal schwer ihnen zu folgen, zumal sie oft auch erst darüber diskutieren, was davon jetzt wahr ist. Ich lächle nur darüber. Redselig sind sie. Das darf ich guten Gewissens behaupten, denn so viel wie sie erzählen, muss ich mir nicht einmal Gedanken darüber machen, dass ich irgendwas erwidern müsste. Dafür schweifen meine Gedanken jedoch öfters zu Aragorn. Wie viele Jahre ist es schon her, dass wir uns sahen? Vier wahrscheinlich. Vielleicht sogar schon fünf. Er wird sich gar nicht mehr an mich erinnern können. Jedenfalls hoffe ich das. Ansonsten müsste ich aufpassen, dass Helendir das nicht mitbekommt. Andere durch alte Bekanntschaften in Gefahr zu bringen, habe ich nämlich nicht vor. Erst beim Abendessen treffe ich wieder auf diesen Elb. Noch immer kann ich mich nicht ganz an sein neues Aussehen gewöhnen, doch so es denn geht, versuche ich das mit einem Lächeln zu überspielen. Wie auch zuvor sitze ich wieder zwischen ihm und Elrohir. Die Sorge, dass ich Aragorn treffen könnte, wächst nur, als ich ihn an der gegenüberliegenden Seite des Tisches erblicke. Dennoch versuche ich diese Besorgnis zu verdrängen und verhalte mich ganz unauffällig; jedenfalls so unauffällig wie es authentisch wirkt. Die Worte, die aus meinem Mund kommen, entsprechen in keinster Weise denen, die sich in meinen Gedanken breitmachen. Äußerlich mag ich gutgelaunt und gesellig scheinen, innerlich aber würde ich mich am liebsten irgendwo verstecken, um bloß keine Probleme verursachen zu können. Der Waldläufer beachtet mich kaum; nicht mehr als die anderen Anwesenden. Es sollte mich beruhigen, jedoch sagt mir irgendwas, dass Helendir trotzdem über unsere frühere Bekanntschaft Bescheid weiß. Nach einigen Minuten fällt es mir schwer zu sprechen. Die Gedanken kommen mir in die Quere und lassen mich stottern, woraufhin ich mich bemühe jedem Anlass zu reden aus dem Weg zu gehen. Elrohir merkt das. Er wirft mir einen subtilen Seitenblick zu, nachdem ich den letzten Satz so abrupt abgebrochen habe und zu husten begann, um mein Stottern zu verbergen. „Trinkt etwas“, sagt er und reicht mir mein Glas, welches ich dankend annehme. Doch als ich es in der Hand halte, muss ich zittern. Rasch ziehe ich meine zweite Hand hinzu, um das zu vertuschen, dann trinke ich einige Schlucke und stelle das Glas mit einem tiefen Durchatmen zurück. Der Elb sieht mich ein wenig besorgt an. „Geht es euch besser?“, fragt er. Ich nicke schnell mit einem erleichterten Lächeln. „Ja. Ich hab mich wohl verschluckt.“ Auch er schmunzelt leicht, was hingegen zu meinem Lächeln wohl ernstgemeint ist. Wir wechseln kaum ein weiteres Wort. Hingegen durchbohrt mich immer wieder ein prüfender Blick von Helendir. Obgleich ich mir das unbeschwerte Lächeln nicht nehme lasse, wird mir immer unwohler zumute und ich bin froh, als wir den Saal verlassen. „Wann soll ich eigentlich zurückkommen?“, frage ich Helendir kurz bevor wir uns trennen. Er mustert mich kritisch, lässt aber dennoch ein wissendes Lächeln um seine Lippen spielen und erwidert: „Ich schätze, wenn die Sonne untergeht. Reicht dir das, um dich wieder zu sammeln?“ Der letzte Satz lässt es mir mulmig werden. Er hat meine Spielerei also bemerkt. Trotzdem nicke ich, dann wendet er sich ab von mir. Bevor jemand mich in ein Gespräch verwickeln kann, wende auch ich mich zum Gehen und laufe zum Ufer der Bruinen hinunter. Die goldenen Strahlen der Sonne glitzern auf den Wellen, die sich sanft kräuselnd vom Wasserspiegel abheben. Es ist ein ruhiger Fluss, ganz im Gegensatz zum Celduin. Trotz dessen, dass er nicht sonderlich tief ist, fließt das Wasser ruhig und gar nicht mal so schnell. Ich setze mich ans Ufer und schaue zu wie einige Blätter auf der Wasseroberfläche dahingetragen werden und in der Ferne verschwinden. Weiter rechts von mir, höher gelegen als dieser Platz, greift eine Brücke von diesseits zum Gegenufer über und wirft einen sanften Schatten auf den Fluss. Dahinter geht ein Weg in baumbestandene Gebiete. Von dort her müssen wir gekommen sein. Ich seufze. Und dort hindurch werden wir auch wieder zurückreiten. Kann Helendir denn nicht auch in Mordor so sein wie hier? Mir würde es so um einiges leichter fallen, dieses Leben dort zu ertragen. Aber wer weiß. Vielleicht ist es gerade nur so eine Phase und irgendwann wird er mich auch hier wieder schlagen oder... Mich schaudert's. Es wäre besser das alles erst einmal zu vergessen. Ja, besser wäre es. Aber versuch einmal so etwas zu vergessen. Ich stütze meinen Kopf in die Hände. Wenn ich doch wenigstens mit jemandem darüber reden könnte... Moment. Ich kann mit jemandem darüber reden. Nur antwortet diese Stimme mir nicht immer und ich weiß nicht einmal wie ich sie nennen sollte. Ist das eigentlich normal? Also, dass ich diese Stimme höre und mit irgendjemandem rede, den ich nicht sehe? „Ja, für dich ist das immer normal gewesen“, antwortet sie plötzlich. Ich zucke zusammen. Für die anderen aber nicht, oder was? „Es gibt durchaus andere, die auch so mit mir geredet haben wie du. Deine Mutter zum Beispiel.“ „Was?“, kommt es mir über die Lippen und ich starre vor mich nieder. „Du kanntest meine Mutter?“ Mir ist als würde ich ein Seufzen hören. „Ich kenne jeden einzelnen, von euch. Ich habe euch alle erschaffen. Und früher wusstest du das auch einmal.“ Wie aus Affekt schaue ich hinauf in den Himmel, nicht ohne dass mein Blick kritisch wird. „Wer bist du?“, frage ich nach, erhalte aber keine Antwort. Die Stimme verstummt. Kaum merklich schüttle ich meinen Kopf und schaue wieder vor mich nieder. Vor Jahren einmal hat Aragorn mir von den Valar und Eru Ilùvatar erzählt. Eru soll die Elben und Menschen erschaffen haben und die Valar alles andere. Diese Stimme kann aber unmöglich Eru sein. Warum sollte es? Andererseits würde sie mit ihrer Behauptung lügen, wenn sie sagt, dass sie uns alle erschaffen hat. Ich schüttle noch einmals meinen Kopf. Noch nie hat diese Stimme mich belogen. Noch einmal frage ich fast lautlos: „Wer bist du?“ Keine Antwort. Jedenfalls keine Worte. Von Stromaufwärts kommt ein leichter Wind und fährt mir durchs Haar, das Zwitschern der Vögel legt sich in mein Ohr zusammen mit dem beruhigenden Plätschern der Wellen und auf einmal bin ich vollkommen ruhig. Nur ein einziges Wort breitet sich wie Licht in meinen Gedanken aus, woraufhin ich nur leise dieses eine Wort ausspreche. „Gott“, kommt es mir über die Lippen. Auf einmal verstehe ich den Zusammenhang zwischen dieser Stimme und diesem Jemand. Es ist kaum ein Unterschied dazwischen. Beides... Ein Geräusch schreckt mich aus den Gedanken. Von der jenseitigen Seite des Flusses ertönen Hufschläge. Sie werden langsamer je näher sie zur Brücke kommen. Ohne Hast erhebe ich mich und schaue hinüber, als ein Reiter sich aus dem Wald löst und seinen Schatten zu meiner Seite der Brücke wirft. Die andere Seite ist ins goldrote Licht der Abendsonne getaucht. Es müsste mich nicht interessieren, wer hier ein- und ausgeht. Tut es eigentlich auch nicht. In diesem Fall aber erweckt dieser Ankömmling eine gewisse Vertrautheit. Als ich den Weg wieder hinaufgehe, verschwindet jedoch der letzte Sonnenstrahl schon hinter den Bergen. Dass sie im Herbst bereits so schnell untergeht, hätte ich nicht erwartet. Verständlicherweise erschrickt es mich also, da ich noch nicht in meinem Zimmer bin. Helendir wartet sicher schon auf mich, also beachte ich den neuen Gast nicht weiter und suche den schnellsten Weg zurück ins Zimmer. Ein wenig außer Atem komme ich bei der Tür an und öffne sie. Nachdem ich sie geschwind wieder geschlossen habe, beeile ich mich Hände und Gesicht zu waschen und mein Haar zu richten, damit Helendir nicht noch Verdacht schöpft, dass ich eben erst gekommen bin. Schlussendlich setze ich mich ans Fenster und schaue hinaus. In der Ferne lassen sich schon die ersten Sterne ausmachen. Es wird wieder still in mir. Wann habe ich das letzte Mal Sterne gesehen? Unwillentlich sammeln sich Tränen in meinen Augen. Grünfeld. Das war das letzte Mal. Die Erinnerung blitzt flüchtig wieder auf, sodass ich sofort mein Gesicht verziehen muss und die Augen krampfhaft schließe. „Sterne. Ich liebe das Sternenlicht“, tönt es in meinem Gedächtnis wider sowie ein leicht vorwurfsvolles „Elarras...“. Ich versuche die Erinnerungen abzuschütteln. Meine Hände zittern vor Anstrengung. „Ich will nicht, dass du in Laegrîdh bleibst“, höre ich wieder Legolas' Stimme, woraufhin sich mein Hals zusammenzieht. Mit einem weiteren heftigen Kopfschütteln versuche ich diese Erinnerung loszuwerden und balle meine Hände zu Fäusten, sodass sie rot anlaufen. Plötzlich spüre ich eine Hand an meiner Wange und sehe auf. Helendir steht vor mir. Er wischt vorsichtig die Tränen von meinem Gesicht und spricht leise auf mich ein. „Warum quälst du dich denn wieder so?“, fragt er, als ich einigermaßen ruhiger geworden bin und setzt sich neben mich. Ich wende mein Gesicht ab und schweige. Es ist lange still zwischen uns. Während er mich so mustert, ohne weiter nachzufragen, stelle ich mir vor, was wohl geschehen würde, wenn man morgen hier einen Toten finden wird. Er lacht auf einmal leise auf und schüttelt seinen Kopf. „Du kannst mich nicht täuschen, Eruanne. Ich habe sehr wohl bemerkt, dass etwas auf dir lastet, das du nicht vergessen kannst. Andere magst du mit deiner Schauspielerei trügen, aber...“ „Ach, halt doch einfach mal den Mund“, unterbreche ich ihn unwirsch, ohne meinen Blick vom Fenster abzuwenden. Im gleichen Moment wird es totenstill. Was habe ich gerade getan? Er war doch eigentlich nur freundlich bisher. Helendir dreht meinen Kopf zu sich und sieht mich ernst an. „Ich sagte, du sollst mich nicht als deinen Herrn anreden“, sagt er mit deutlicher Betonung jeden Wortes. „Das heißt jedoch nicht, dass du anmaßend werden darfst.“ Ich nicke stockend und entschuldige mich rasch, den Blick zu Boden wendend. „Verzeih. Es ist wohl gerade mit mir durchgegangen.“ „Was?“, fragt er ruhigeren Tones nach. „Was ist mit dir durchgegangen? Die Erinnerungen?“ Mein Schweigen deutet er als Bejahung. „Welche genau? Grünfeld? Deine Brüder? Mordor? Legolas?“ Da ich meinen Blick abzuwenden versucht habe und meine Augenlider bei der Erwähnung des Waldelbs leicht flackerten, hört er mit der Aufzählung auf und zieht seine Augenbrauen empor. „Geht dir sein Tod wirklich so nahe?“ „Hör auf. Bitte.“ Er schmunzelt aber nur und streift mir durchs Haar. „Du musst doch zugeben, er hatte es verdient. Wäre er klüger gewesen, dann hätte er Laegrîdh sich selbst überlassen und wäre am Leben geblieben.“ Mir wird seltsam zumute, als Helendir das so herablassend sagt. „Es hat nichts mit Intelligenz zu tun“, erwidere ich leicht verärgert über seine Arroganz. „Im Gegensatz zu dir hatte er wenigstens Mitgefühl.“ „Mitgefühl?“ Er lacht leise. „Nein, meine Liebe. Es war kein Mitgefühl, was ihn dort bleiben ließ. Es war sein eigener Stolz. Oder was meinst du, warum er ausgerechnet deine Brüder und dich nicht in diesem jämmerlichen Dorf lassen wollte? Ihr wart seine Schüler. Alle anderen waren ihm egal, denn von ihnen konnte man nicht sagen, dass sie etwas von ihm gelernt haben.“ „Woher willst du das wissen?“, herrsche ich ihn an, noch verärgerter als zuvor. Er bleibt hingegen ganz ruhig und grinst nur überlegen. „Ich bitte dich. Warum regst du dich wegen eines toten Geschöpfes auf? Deine Rage wird ihn auch nicht ins Leben zurückholen.“ Am liebsten würde ich ihm ins Gesicht schlagen, so wie er mich gerade ansieht. Zu allem Übel hat er aber nun mal recht. Er ist tot. Und er wird nicht wieder lebendig. Ich zwinge mich ruhiger zu werden und senke meinen Blick, um weitere Tränen zu vermeiden. „Wie ist er eigentlich gestorben?“, frage ich nach, dieses Mal jedoch ohne ein Anzeichen von Wut in der Stimme. Helendir streift mir noch eine Haarsträhne hinters Ohr und legt seine Hand auf meine Schulter, bevor er antwortet. „Durch eine Blutvergiftung. Er ließ sie nicht rechtzeitig behandeln und starb noch bevor er die Grenzen seiner Heimat erreichte.“ „Er starb nicht im Kampf?“ Helendir schüttelt den Kopf. „Versteckt hat er sich, der Feigling. Gleich nachdem du dich alleine durchgeschlagen hast.“ Sofort schüttle ich den Kopf. „Das glaube ich nicht. Er hätte sich niemals versteckt.“ „So viel Mut wie du ihm zuschreibst hat er auch nicht. Glaub mir, er hat sich in einem besseren Licht dargestellt als er es würdig gewesen wäre.“ „Ach, also genauso wie du?“ Helendir wirft mir einen fragenden Blick zu. „Du bist nicht allwissend, ein lügnerischer, elender Betrüger bist du. Weiter nichts.“ „Behalte deine Zunge im Zaum, mein Mädchen. Besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt solltest du um mich Bescheid wissen.“ „Was sollte ich wissen? Dass du nicht davor zögerst ein wehrloses Mädchen für niedere Zwecke zu missbrauchen? Dich nicht scheust andere in den Dreck zu ziehen und Lügen über sie zu verbreiten? Sollte ich das wissen?“ Sofort spüre ich eine Klinge an meinem Hals und stocke. In seinen Augen blitzt es erzürnt auf und seine Gestalt wechselt wieder zu der des Elbs, vor dem ich mich fürchte. „Ich wollte dir zumindest ein wenig Freiheit geben“, sagt er leicht bedrohlich, „so wie du dich aber verhältst, wirst du wohl oder übel darauf verzichten müssen. Deine Worte sind nicht mehr die eines besonnenen Mädchens. Du weißt genau, dass Legolas tot ist und dass du die Schuld daran trägst. Du weißt auch, was ich dir antun könnte, wenn du weiterhin so frech zu mir bist. Und du hast mir ein Versprechen gegeben. Halte dich besser daran.“ Ich muss schwer schlucken, nicke dann aber, woraufhin er die Klinge seines Messers wieder zurücknimmt, in seine andere Gestalt zurückfällt und lächelt. „Nun denn. Gute Nacht, Eruanne“, sagt er, erhebt sich und wendet sich ab von mir. Sogleich stehe ich auf und nehme mein Messer zur Hand, da dreht er sich um, schlägt mir die Waffe fort und stößt mich unsanft gegen die Wand, wo er mich festhält. „Zwing mich nicht, dir wehzutun“, flüstert er mit beißendem Ton und funkelt mich zornig an. Da ich jedoch keine Anstalten mache, mich zu wehren, entspannt sich sein Gesichtsausdruck wieder schlagartig, woraufhin er mich lange und innig küsst. Ich schaue weg von ihm, als er mich loslässt. Auch als die Tür ins Schloss fällt, hebe ich nicht meinen Blick. Nie wieder. Mir kommen die Tränen. Nie wieder werde ich mich gegen ihn auflehnen. Ich reibe mir die schmerzenden Handgelenke, die er mir gegen die harte Wand gedrückt hat. Was ist nur in mich gefahren? Warum habe ich mich ihm auf einmal derart widersetzt? Warum hätte ich ihn beinahe umgebracht? Ich erschaudere, als ich in den Spiegel schaue und mein verweintes Gesicht sehe, das durch das Dunkel des Zimmers schimmert. Bin das überhaupt noch ich? Auch wenn es kaum etwas bringt, wasche ich mein Gesicht noch einmals mit dem kühlen Wasser aus dem Krug auf dem Tisch, bevor ich mich meiner Kleidung entledige und mich ins Bett lege. „Ich habe Angst, Vater“, flüstere ich leise, in der Gewissheit, dass die Stimme mich nicht dafür schelten wird. Ich habe Gott früher wohl immer Vater genannt. Wieder wollen mir die Tränen kommen, doch ein tiefer Friede überkommt mich zugleich.

„Fürchte dich nicht länger, sieh, Ich bin bei dir!
Das ist meine Leuchte auf dem Wege hier.
Durch die Wolken funkelt der Verheißung Licht:
Siehe, Ich bin bei dir, und Ich verlasse dich nicht!

Nein, niemals allein! Nein, niemals allein!
So hat der Herr mir verheißen. Niemals lässt Er mich allein.
Nein, niemals allein! Nein, niemals allein!
So hat der Herr mir verheißen. Niemals lässt Er mich allein...“

So hallt es mir im Kopf wider. Als ich meinen Blick hebe und doch wieder hinaus in den Sternenhimmel schaue, muss ich lächeln. Nein, niemals allein. Er lässt mich niemals allein. Er beschützt mich. Aber nur, wenn ich ihn darum bitte. Nur wenn ich ihm vertraue. Und das habe ich so lange nicht gekonnt, einfach weil ich nicht gewusst habe, mit wem ich da überhaupt rede. Am nächsten Morgen bin ich still. Vollkommen still und gefasst. Helendir redet nicht viel mit mir, auch wenn er die meiste Zeit des Tages bei mir ist, damit ich keine Dummheiten begehe. Ich vertreibe mir diese Zeit mit Lesen und Zeichnen. Auch er liest oder sieht mir beim Zeichnen zu. Von den anderen Gästen sehe ich kaum jemanden; den ganzen Vormittag über nicht. Frodo geht es soweit besser – er saß heute Morgen am Frühstückstisch, neben Samwise oder Sam, wie er mir angeboten hat ihn zu nennen. Zum ersten Mal habe ich heute mit den beiden gesprochen. Im Gegensatz zu Merry und Pippin sind sie wohl sicher vernünftiger – vor allem Frodo – aber sie reden genauso gerne, wie man schnell merkt. Natürlich sind auch Merry und Pippin wieder mit von der Partie gewesen. Jetzt sind sie aber wie vom Erdboden verschluckt, wie auch die meisten anderen. Ich schaue von meiner Zeichnung auf und lege mir die Hand auf den schmerzenden Nacken. Sie ist kühl, wie immer. Manchmal ist es mir zum Vorteil, dass meine Hände immer kalt sind, so wie jetzt. Vorsichtig drehe ich meinen Kopf zu den Seiten, um die Verrenkung loszuwerden, dann zeichne ich weiter. „Ihr sitzt schon seit zwei Stunden an diesem Bild“, höre ich jemanden hinter mir. „Wird es euch nicht zu anstrengend?“ Mit einem Kopfschütteln erwidere ich: „Zeichnen und Malen ist reine Geduldssache. Wenn man sich dafür Zeit nimmt, wird es auch gut.“ Der Elb setzt sich neben mich, woraufhin ich doch meinen Blick hebe und zu ihm hinüberschaue. Ein feines Lächeln zieht sich über seine Lippen, als er die Anstrengung in meinen Augen sieht. „Verzeiht mir, wenn ich falsch liege, aber ihr seid Elladan – oder irre ich mich?“, frage ich leicht verunsichert. Er nickt. „Ihr seid gut im Raten, Eruanne. Oder war das etwa nicht geraten?“ Mit einer abwinkenden Handbewegung widme ich mich wieder dem Blatt Papier vor mir. „Ich bin nie sonderlich gut darin gewesen, Zwillinge auseinanderzuhalten.“ Als ich das sage, schmunzelt Helendir, blickt aber nicht von seinem Buch auf. „Du könntest jedwede Person an der Stimme unterscheiden“, meint er. „Selbst bei Säuglingen erkennst du Unterschiede.“ Ich verdrehe nur meine Augen und lächle leicht. Auch Elladan muss ein wenig schmunzeln. „Dann habt ihr wohl öfter mit Zwillingen zu tun?“, fragt er. Nicht ich antworte, sondern Helendir. „Zwei ihrer Nichten konnte früher auch niemand auseinanderhalten. Die Eltern und die Geschwister von ihnen konnten das gerade noch am Aussehen, Eruanne nur an der Stimme.“ „Ist das wahr?“ Ich schaue kurz auf und erwidere: „Das müsst ihr wohl Beriolon fragen. Er kennt mich besser, als ich mich selbst.“ Darauf antwortet Elladan mit einem Lächeln, dann ist es still für eine Weile. Das warme Tageslicht taucht dieses eh schon helle Zimmer in einen hellbeigen Ton und lässt einige Sonnenstrahlen auf dem Boden Fangen spielen. Noch ein paar Schattierungen füge ich der Zeichnung hinzu, dann halte ich sie vor mich und betrachte sie prüfend. „Es ist hübsch“, sagt mein Nachbar, was mir wieder ein dezentes Lächeln abverlangt. Ich bedanke mich, sehe im gleichen Moment aber einen kleinen Fehler, der ausgebessert gehört und zeichne sofort den einen Schatten etwas breiter. Dann halte ich es wieder vor mich und mustere es. „Sucht ihr immer nach Fehlern in euren Zeichnungen?“ Bei der Frage stutze ich leicht. „Ist das ungewöhnlich? Wenn man etwas verbessern kann, dann sollte man das doch auch tun, oder etwa nicht?“ „Nun...“, beginnt Elladan, „man sollte sich aber auch nicht allzu viele Gedanken machen, sonst wird man mit dem Ergebnis nie zufrieden sein können.“ Ich nicke. „Da werdet ihr wohl recht haben.“ Trotzdem verbessere ich noch ein zwei Kleinigkeiten, bevor ich das Blatt zur Seite lege und noch einmal unauffällig versuche die Verspannung in meinem Nacken zu lösen. Dabei fällt mein Blick auf Helendir. Was für ein Buch er ließt, weiß ich nicht, aber er scheint ganz schön vertieft darin zu sein, denn ich muss ihn zweimal fragen, ob ich das Fenster öffnen darf, um ein bisschen frische Luft ins Zimmer zu lassen. Als er endlich aufsieht, schaut er nur kurz nach draußen und senkt seinen Blick sogleich wieder. „Warum gehst du nicht ein wenig spazieren? Du überarbeitest dich ja sonst noch mit deiner Zeichnerei“, sagt er. Ich zucke nur mit den Schultern. „So gut kenne ich mich hier doch nicht aus. Was wenn ich mich verlaufe?“ „Du und dich verlaufen? Erzähl das einem anderen.“ Gleichgültig über seine sarkastische Erwiderung räume ich die Stifte zur Seite und falte das Blatt Papier zusammen, um es in mein Büchlein zu legen. „Wenn es euch nichts ausmacht, könnte ich euch begleiten. Dann würdet ihr euch auch sicher nicht verlaufen“, spricht Elladan mich an. Leicht überrascht lächle ich, schaue aber noch einmal zu Helendir. Er erwidert nichts, also wird er wohl kein Problem darin sehen. Mit einem raschen Nicken bejahe ich und nehme mein Büchlein mit, bevor wir aus dem Zimmer gehen. Der Elb wirft einen fragenden Blick auf eben jene Ansammlung von Zeichnungen und Schriften, sagt jedoch nichts dazu. „Verzeiht mir, wenn das ein wenig unwirsch erscheint, aber warum lasst ihr euch eigentlich derart von eurem Begleiter entmündigen?“, fragt er, nachdem wir einige Schritte gegangen sind. Ich lache leise auf und schüttle meinen Kopf. „Wie meint ihr? Kommt es euch etwa so vor?“ „Euch etwa nicht? Ihr seid doch mindestens erwachsen genug, um selbst entscheiden zu können, wonach euch gerade der Sinn steht.“ Ich nicke halb. Wenn er nur wüsste... „Ich bin es ihm schuldig, wisst ihr? Nachdem ich meine Familie verloren hatte, gab es keinen, der sich um mich kümmerte, außer Beriolon. Es ist mir lieber, Problemen mit ihm aus dem Weg zu gehen. Warum sollte ich auch den Streit suchen? Solange es mir nicht schadet, kann ich mich doch nach seinem Willen richten.“ Elladans Gesichtsausdruck kann ich im Moment kaum beschreiben. Eine verwirrte Mischung aus Verständnis, Unverständnis und Skepsis kommt dem wohl am nächsten, wie er mich gerade ansieht. Doch dieser Ausdruck verschwindet nach einigen Sekunden sofort wieder. „Es tut mir leid für euch. Seid ihr denn schon lange eine Waise?“ Ich zucke nur mit den Schultern. „Vier, vielleicht fünf Jahre mag es her sein. Aber es kommt mir bedeutend länger vor.“ Wir reden noch während des ganzen Spazierganges. Gelegentlich schweigen wir zwar auch, aber sonderlich oft kommt das nicht vor. Er zeigt mir beinahe ganz Bruchtal und seine Umgebung, so weit wie es sicher ist. Einstweilen hat sich uns sein Bruder angeschlossen. Es ist mir nicht unlieb mit den beiden zu sprechen. Gelegentlich müssen wir auch über das lachen, wovon wir uns so erzählen. Das konnte ich bisher nur bei den Hobbits. Unbeschwert lachen. Zu schnell vergeht die Zeit mit ihnen, denn am Nachmittag müssen sie aus Bruchtal hinaus in den Norden. Ich begleite die beiden bis zum Talausgang, wo wir uns schlussendlich verabschieden müssen. Wann sie wiederkommen, wissen sie selbst nicht, was mich nicht wenig betrübt. Ich könnte bis dahin bereits wieder vergessen haben, wie man sich überhaupt mit anderen Personen unterhält. Elladan hat schon recht gehabt. Ich lasse mich tatsächlich ziemlich stark von Helendir bevormunden. Doch in der Tat, warum sollte ich den Streit suchen? Er sagt nichts zu dem recht langen Spaziergang, den ich heute mit den beiden unternommen habe. Am Essenstisch fehlen heute Abend einige. Der Platz zu meiner Linken ist leer. Daher rede ich auch kaum. Ich mustere eher die Gesichter der anderen Anwesenden und erkenne recht bald, wie gemischt diese Gesellschaft hier doch ist. Neben den Hobbits und Elben sitzen einige Menschen und sogar Zwerge an diesem Tisch. Einer der Elben fällt mir merkwürdig auf. Er hebt seinen Blick kaum, verhält sich vollkommen unscheinbar, so unauffällig, dass es gerade auffällt und wirkt irgendwie fahl – blasser als für Elben üblich. Rein äußerlich betrachtet könnte man ihn beinahe mit Legolas verwechseln. Aber... zum Einen ist dieser tot und zum Anderen würde er selbstbewusster auftreten. Auch der Neuankömmling zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Er ist groß, seine Kleidung zeugt von edler Herkunft sowie kämpferischem Gemüt und er strahlt eine gewisse Selbstsicherheit, ja beinahe schon Selbstherrlichkeit aus. Ich wüsste gerne, warum sich mein Augenmerk gerade auf ihn so konzentriert, denn es ist eher intuitiv, dass ich immer wieder mal zu ihm schaue. Nur wenige Tage später, als ich mich einmal wieder mit den vier Hobbits unterhalte – ohne Helendir, was nicht gerade häufig vorkommt –, lerne ich ihn sogar recht unerwartet persönlich kennen. Wir sitzen auf der Westseite des Hauses, nicht weit vom Fluss, als er zu uns kommt. Schon von Weitem bemerke ich ihn, während meine Gesprächspartner in einer nicht wenig hitzigen Diskussion vertieft sind. „Wer ist das?“, wende ich mich an Frodo, der momentan der schweigsamste unter den vier Hobbits ist. Er richtet seinen Blick in die Richtung, aus welcher dieser Mann kommt und zögert. „Viel kann ich euch nicht sagen, Eruanne“, meint er. „Aber soweit ich weiß, kommt er aus Gondor und trägt den Namen Boromir.“ „Boromir?“, wiederhole ich automatisch. Frodo sieht mich daraufhin etwas verwundert an. „Es klingt, als würdet ihr ihn bereits kennen“, sagt er, doch ich schüttle unschlüssig den Kopf. „Wenn, dann müsste das schon lange her sein.“ Nach wenigen Sekunden sind seine Schritte auf dem Kiesweg zu hören. Feste, sichere Schritte, wie auch sein Aussehen vermuten lässt. Er begrüßt uns mit einem souveränen Lächeln, woraufhin die Hobbits zwar kurz mit dem Reden aufhören, um ihn ebenfalls zu begrüßen, gleich darauf aber lebhaft weiterdiskutieren. Frodo hört ihnen mit halbem Ohr zu und ich kann nur leicht den Kopf schütteln. „Man könnte meinen, ihr redet nicht gerne“, spricht Boromir mich nach einer Weile an. Ich schaue zu ihm hoch, erwidere aber erst nach kurzem Überdenken: „Warum sollte ich auch meinen Atem verschwenden, wenn es andere gibt, die es lieber tun?“ Er lacht leise und verschränkt seine Arme. „Verzeiht mir, aber ich kann es einfach nicht befürworten, jemanden wie euch einfach nur schweigend zwischen so vielen Leuten dasitzen zu sehen. Ist es euch nicht langweilig?“ Ich grinse. „Nein. Ich muss nicht wie ein kleines Kind rund um die Uhr bespaßt werden. Solche Zeiten liegen hinter mir.“ Diesen Konter hat er wohl nicht erwartet; er stutzt, doch sein Lächeln nimmt an Breite nicht ab. „Ich hätte nicht erwartet, dass ihr so eine Ansicht vertretet, zumal ihr mir als ein recht geselliges Fräulein beschrieben wurdet.“ „Wer euch derartige Beschreibungen meiner Wenigkeit geschildert hat, kennt mich wohl nicht gut genug, als dass er meinen Charakter realitätsgetreu darlegen könne.“ „Und wortgewandt seid ihr auch noch“, erwidert er. Ich wende meinen Blick zu Frodo, welcher mich nur unschlüssig angrinst. „So er es sagt, muss es wohl stimmen“, ergänzt er, als ich etwas hilflos lächle. „Muss es?“ Wiederum wende ich mich Boromir zu. „Sagt, sind alle Menschen aus Gondor wie ihr?“ Er lacht auf und erwidert: „Wenn ihr dies im guten Sinne meint, so kann ich nur bejahen.“ „Gut ist ein eher relativer Begriff. Das müsstet ihr schon genauer definieren.“ Doch er schüttelt nur den Kopf. „Das letzte Mal, dass ich mit jemandem so geredet habe, wie mit euch, ist wohl neun Jahre her.“ Ein feines Lächeln legt sich bei dieser Erwiderung über meine Lippen. „Ihr werdet doch wohl nicht eingerostet sein.“ Das bestbeschreibendste Wort für seinen Gesichtsausdruck wird wohl eine leicht verärgerte Nachgiebigkeit sein; er schmunzelt. „Ihr beide hättet euch sicher gut verstanden“, erwidert er kopfschüttelnd und wendet sich gleich darauf zum Gehen. Als er sich umdreht, blitzt ein Funken Traurigkeit in seinen Augen auf. War ich vielleicht doch etwas zu sarkastisch? Verlegen senke ich meinen Blick; unschlüssig, ob ich mich entschuldigen solle oder nicht, aber gleich nachdem ich zu Frodo geschaut habe, dessen Blick ein leichtes Unverständnis zum Ausdruck bringt, stehe ich auf und gehe dem Gondorer einige Schritte nach. „Wartet“, bitte ich ihn und laufe schneller. Er bleibt stehen und sieht erstaunt zu mir, als ich vor ihm halte. „Ich wollte euch mit meinen Worten nicht kränken, Boromir. Verzeiht mir bitte, wenn ich euch zu rüde war.“ „Ihr wart keinesfalls rüde, Eruanne. Doch ich muss gestehen, dass ihr mich an jemanden erinnert. Gerade mit eurer Wortwahl und eurem Verhalten... Sagt, kanntet ihr einmal ein Mädchen namens Anoria?“ Sofort stutze ich. Anoria. Das ist doch der Name, bei dem Sauron mich noch genannt hat, aber... Eine Antwort bleibt aus. „Wie würdet ihr dieses Mädchen denn beschreiben?“, frage ich nach. Boromir atmet tief durch. Es muss ihm wohl schwerfallen von ihr zu reden, doch er setzt an: „Sie war sieben, als ich sie zum letzten Mal sah. Vielleicht erinnere ich mich also nicht ganz richtig an sie.“ „Nun... versucht es. Ein Name allein bringt mir nicht sonderlich viel.“ Er nickt zustimmend und überlegt einen Moment lang. „Ihr Haar war hellbraun. Manchmal sogar etwas rötlich. Sie war sehr blass und klein... und hatte an der linken Wange und auf der linken Seite des Halses ein Muttermal – ganz wie ihr. Ihre Augen waren hellbraun und... Ich weiß nicht wie ich sie besser beschreiben könnte, als dass sie euch über alle Maßen ähnelt. Nur jünger war sie selbstverständlich... und ihre Augenbrauen waren um einiges heller.“ Ich muss lachen. „Es klingt ja ganz so, als würdet ihr eine Zwillingsschwester von mir beschreiben. In welcher Beziehung standet ihr denn zu ihr?“ Boromir stutzt leicht bei meiner Erwiderung, antwortet gleich darauf aber, wenn auch nur schwerfällig: „Sie war meine Schwester. Nun... eigentlich nur eine Adoptivschwester... aber... sie war mir mehr wert als...“ Kaum sieht er die Verblüffung sowie die aufsteigenden Tränen in meinen Augen, hält er inne. Ich hege einen gar nicht mal so abwegigen Verdacht, der mich wohl an den Emotionen gepackt hat. Aber Gewissheit habe ich darin noch keinesfalls, daher frage ich ihn: „Was ist mit ihr geschehen?“ Er blinzelt einige Male schnell hintereinander und atmet tief durch, bevor er eine Antwort gibt. „Sie ist mit einem Freund ausgerissen und Richtung Osten geritten. Beide waren noch sehr jung und leichtsinnig... Er kam ohne sie zurück... Sie... sie wurden von Wölfen angegriffen und... er konnte ihr nicht helfen... Entschuldigt mich bitte.“ Damit will er sich abwenden und gehen. Doch ich halte ihn fest und umarme ihn. Zuerst versteht er das nicht ganz. Auch nicht, warum mir urplötzlich Tränen über die Wangen rollen. Dennoch lässt er es zu und nimmt mich ebenfalls in den Arm. Nicht nur er, auch die Hobbits schauen mich verwirrt an, was ihnen nicht gerade zu verdenken ist. Vollkommen gewiss muss es eigentlich ja nicht sein, jedoch bin ich mir relativ – was heißt hier relativ – absolut sicher, dass er mich damit meint. Es sind einfach zu viele Parallelen, als dass es nicht wahr sein könnte. Auf einmal merke ich, wie seine Umarmung an Stärke zunimmt, bis er mich schließlich beinahe so fest umarmt, dass ich kaum noch Luft bekomme. „Anny“, flüstert er leise und ich nicke sofort. Beschreiben kann ich dieses Gefühl nicht. Zwei Brüder habe ich verloren, einen anderen aber wiedergefunden. Wenn das keine Ironie des Schicksals ist... Plötzlich durchfährt mich ein schrecklicher Gedanke und ich trete sofort zurück. Boromir wirft mir einen mehr als konsternierten Blick zu und fragt, was denn los sei. Ich antworte nicht. Mein Blick hängt am Boden. Wenn Helendir das erfährt, wird er ihn dann nicht auch töten? Oder mich wieder dazu treiben, es zu tun? Ich fahre mir mit den Händen übers Gesicht und versuche klarer zu denken. Das darf unter keinen Umständen passieren. Nein, ich will nicht noch jemanden verlieren. „Anoria, was ist mit dir?“, fragt mein Bruder mich erneut, woraufhin ich meinen Blick zwar hebe, aber immer noch keinen Ton hervorbringe. „Ja, das würde uns jetzt auch interessieren“, wirft Merry ein. Diese brennende zugleich jedoch auch besorgte Neugierde in den Augen der fünf treibt meinen Puls in die Höhe. Ich kann es ihnen nicht sagen. Ich darf es nicht sagen. Sonst bringe ich sie in Gefahr. Das einzige, was über meine Lippen geht, ist: „Ja, Boromir. Ich bin Anoria. Aber bitte nenn' mich nicht so und... vergesst bitte alles, was hier gerade passiert ist.“ Der letzte Satz ist an alle gerichtet. Pippin schüttelt nur kichernd den Kopf. „Was ist denn los mit euch? So kennen wir euch ja gar nicht“, meint er. Ich werfe ihm nur einen eindringlich bittenden Blick zu, bevor ich mich abwende und die Fünf in ihrer Verwirrung zurücklasse. Gesenkten Hauptes gehe ich fort von ihnen und schaue erst wieder hoch, als ich mir sicher bin aus ihrem Blickfeld entschwunden zu sein. Keiner von ihnen ist mir gefolgt. Es ist auch besser so; ich will ihnen nämlich nichts sagen, was ich später bereuen könnte. Die Tränen sind noch nicht versiegt, immer wieder wische ich mir mit dem Handrücken übers Gesicht, ohne dass es sonderlich viel bringt. Schon wieder bin ich weggelaufen. Genauso wie in Grünfeld. Es ist zum Auswachsen! Hab ich denn in all den Jahren nichts dazugelernt? Von Traurigkeit hinüber zu Wut und dann doch wieder in Verzweiflung stürzen sich gerade meine Gefühle und ich weiß nicht, wie ich das kontrollieren könnte. Rasch schaue ich mich um, ob mich jemand sehen kann. Keiner ist da, also renne ich. Ich laufe in mein Zimmer und schließe die Tür zwar ganz vorsichtig und leise, aber sogleich als sie zu ist, reiße ich meine Hand von der Klinke, stürze zum Fenster und sinke dahinter zu Boden. Meine Arme zittern vor Anspannung und meine Hände sind zu Fäusten geballt. Ich höre auf die Tränen wegzuwischen, es hat doch eh keinen Sinn. „Ich will fort hier“, flüstere ich mit mürber Stimme und starre ins Nichts. Dann schlage ich die Hände vor dem Gesicht zusammen und muss kopfschüttelnd schluchzen. „Ich will einfach nur fort hier“, wiederhole ich ein wenig lauter. Wie oft muss ich wohl noch einen Nervenzusammenbruch erleiden, bis ich endlich erkenne, dass es eh nichts gibt, was ich damit bewirken könnte? Ich bin gefangen. Ich kann nichts tun. Und es gibt keinen, der mir helfen könnte. „Schau aus dem Fenster.“ Ich schüttle den Kopf. Warum sollte ich dieser Stimme noch gehorchen? Sie hat mich bisher nur auf etwas vertröstet, was eh nie eintreten wird. Warum also sollte ich ihr vertrauen? Nochmals sagt sie: „Schau aus dem Fenster.“ „Nein“, erwidere ich sogleich und wende meinen Blick zu Boden. Es ist erst eine ganze Weile still, bis sie zum dritten Mal sagt, ich solle aus dem Fenster schauen. Immer noch angespannt hebe ich meinen Kopf langsam und überlege. Was wären die Vorteile, was wären die Nachteile, wenn ich dieser Stimme weiterhin gehorche? Da befiehlt sie mir zum vierten Mal, diesmal mit einer Eindringlichkeit, dass ich erschaudere: „Schau aus dem Fenster.“ Ich stocke. Bisher habe ich immer Frieden bei dieser Stimme gefunden. Auch wenn es mir schwer war. Zögerlich drehe ich mich um und riskiere einen Blick in den Garten. Die Sonne taucht ihn in ein goldenes Licht, es ist warm draußen. Trotzdem sehe ich dort nur eine einzige Person. Es ist dieser Elb, der mir so seltsam aufgefallen ist. Er sitzt dort unten, wahrscheinlich tief in Gedanken versunken, als wäre er vollkommen abgeschottet von der Welt. Beinahe schon ein wenig betrübt sieht er aus. „Du bist nicht die einzige, die Kummer leidet, Jenny“, spricht die Stimme mir zu. Schon will ich erwidern, dass es wohl kaum genau die gleichen Probleme sind, die ihn beschäftigen, als zwei andere Personen in den Garten kommen. Der Elb steht sofort auf und geht. Ohne die beiden weiter zu beachten. Auch sie beachten ihn nicht, sondern führen ihr Gespräch lebhaft weiter. Ich schlucke. Er geht also ebenfalls allen anderen aus dem Weg, wenn es sich denn vermeiden lässt. Aber warum? Ihm wird wohl kaum genau das Gleiche widerfahren sein wie mir. „Merkst du diese Stille? Diese Stille in dir?“ Ich merke auf. Es stimmt. Ich weine nicht mehr und das Zittern hat gleichfalls aufgehört. „Verzeih mir“, kommt es aus mir heraus. Ich hätte nicht zweifeln sollen. Es gibt bestimmt noch Leute auf dieser Welt, die es schlimmer trifft als mich. Auch wenn es schwer vorstellbar ist, aber irgendetwas sagt mir, dass es so ist. Vollkommen ruhig stehe ich für einen Moment so da, bis ich mich dazu entschließe, erst einmal mein Gesicht zu waschen, bevor ich eine Lösung für dieses Problem mit Boromir ausbaldowere. Mit dem Rücken zur Wand setze ich mich schließlich aufs Bett. Beteiligt an diesem Konflikt sind also Boromir, Helendir und ich... nehmen wir die Hobbits sicherheitshalber auch noch mit dazu. Wenn Helendir was von unserer heutigen Konversation erfährt, ist das Leben der fünf in Gefahr. Wenn einer der fünf erfährt, was tatsächlich mit mir los ist, wird Helendir es viel eher mitbekommen und wieder ist ihr Leben in Gefahr. Also weder ein Wort zu Helendir noch zu den anderen. Mit ihm muss ich früher oder später eh wieder mitgehen, also sollte ich Boromir wohl oder übel darauf vorbereiten, dass unser Wiedertreffen keinerlei weiteren Auswirkungen hat, als dass wir voneinander wissen, dass der jeweils andere noch am Leben ist. Aber gerade das wird er wohl nicht verstehen. Also... muss ich ihn wohl oder übel anlügen. Was jedoch soll diese Lüge beinhalten? Es wäre gemein, ihm Hoffnung zu machen, dass wir uns wiedersehen werden. Andererseits wird er nicht Ruhe geben zu erfahren, was mit mir geschehen ist, wenn ich ihm direkt sagen würde, dass wir uns wieder aus den Augen verlieren werden. Mit entkommt ein leises Stöhnen. Warum ist das alles so unnötig verkompliziert? Es klopft. Ohne viel zu überlegen stehe ich auf und öffne die Tür. Helendir, beziehungsweise Beriolon steht dahinter. Er lächelt, als ich zu ihm hochschaue und ein kleiner Funken von Vorwurf in meinem Blick aufblitzt. „Ich dachte, ich dürfte heute alleine sein.“ Er erwidert nichts darauf, sondern lacht nur abfällig und tritt in mein Zimmer ein. „Mach die Tür zu“, sagt er. Ich gehorche zwar mit mehr oder weniger großem Widerwillen und lehne mich dann gegen die Tür; er sucht mein Zimmer mit seinem Blick ab, als würde er etwas darin vermuten, was nicht hineingehört. „Wo warst du heute eigentlich?“, fragt er dabei, ohne zu mir zu schauen, woraufhin ich nur die Schultern zucke. „Wo sollte ich schon gewesen sein? Ein wenig hier, ein wenig dort... Nirgendwo besonderes.“ Er dreht sich zu mir um. „Und... du hast auch niemand besonderes getroffen, hab ich nicht recht?“ Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden schüttle ich den Kopf. Langsam kommt er näher und mustert mich streng. Ernst nehmen kann ich ihn beim besten Willen kaum in dieser Gestalt. Er wirkt zwar nicht lächerlich oder so, aber nun ja, in gewisser Weise harmloser. Trotzdem sollte ich es wohl besser nicht darauf ankommen lassen. „Wo ist eigentlich dein Messer?“, will er wissen und lässt ein feines unschuldiges Lächeln über seine Lippen fliegen. Ich nehme es aus meinem rechten Ärmel und reiche es ihm. Sein Lächeln wird breiter. „Ich sehe, wir verstehen uns.“ „Wenn du meinst... Aber warum willst du mein Messer haben?“ Er winkt ab und steckt es ein. „Das ist ohne Belang. Ich soll dich zu Herrn Elrond schicken. Er würde gerne einmal mit dir reden.“ Ein noch einmaliger strenger Blick durchbohrt mich, der keiner weiteren Worte bedarf. „Ich werd' nichts verlauten lassen, was unsere Tarnung auffliegen lässt. Das kann ich dir getrost versprechen“, sage ich, was er mit einem Nicken kommentiert. Dann gehe ich so rasch wie möglich hinaus und schließe die Tür. Für einen Moment bleibe ich hinter ihr stehen, meine Hände sind immer noch an ihrer hölzernen Oberfläche. Ich zögere. Warum sollte ich denn zu Elrond gehen? Wenn er mich etwas über Beriolon fragen wird, werde ich ihm wohl oder übel kaum etwas antworten können, ohne irgendetwas unglücklicherweise preiszugeben, was besser geheim bleiben sollte. Andererseits wäre es ausgesprochen unhöflich, nicht hinzugehen, wenn er schon explizit nach mir hat rufen lassen. Mir wird’s schwer ums Herz, als ich mich von der Tür löse. Ich muss gehen. Aber ich werde kein Wort über Helendir verlauten lassen.

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