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Elarras - Die eine und neun andere

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1 Kapitel - 8.704 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 889 mal aufgerufen- Die Geschichte ist fertiggestellt

Kapitel 5

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5. Die Schattenseite des Älterwerdens
Ich höre Schritte. Der Waldelb muss das wohl sein, so wie es sich anhört, aber ich will nicht zu ihm aufblicken, dazu bin ich viel zu müde. Meine Augen sind nur halb geschlossen, wirklich sehen kann ich so jedoch nichts. Und doch merke ich, dass er sich neben mir zu Boden setzt. „Du bist schon wieder in deiner eigenen Welt, hab ich nicht recht?“ Ich nicke dezent ohne zu ihm zu sehen. „Muss wohl.“ Einige Augenblicke vergehen. Eigentlich wollte ich in meinem Büchlein weiterzeichnen, weil Streicher in den letzten Tagen wieder da war und mir so viele Geschichten erzählt hat, von denen meine Gedanken nun voll sind und sich irgendwie ausdrücken müssen. Aber das Training gestern hat mich mal wieder zerstört. Ich durfte gestern zum ersten Mal mit Holzwaffen üben. Was mich jedoch wahrscheinlich mehr gefordert hat, war das Kämpfen ohne Waffen. Ich muss grinsen. Deckung, antäuschen, Schlag, ausweichen, blocken, Kick, noch einmal. Mit dem Schläge austeilen komme ich schon ganz gut zurecht, aber das Abwehren und vor allen das Kicken krieg ich noch nicht ganz hin. Doch sonderlich schlimm ist das nicht, denn dieser Elb ist sehr geduldig – und damit meine ich wirklich sehr, sehr geduldig – mit mir. Ich versuche meine Augen zu öffnen, muss jedoch ziemlich damit kämpfen, da ich direkt in die grelle Herbstsonne blinzle. Dann werfe ich Legolas einen kurzen Seitenblick zu und frage nicht ohne Interesse: „Legolas, weißt du eigentlich, wann du geboren worden bist?“ Verwirrt von der Zusammenhanglosigkeit dieser Frage erwidert er: „Nun... ja. Aber wieso fragst du?“ Mit einer kapitulierenden Geste lehne ich mich an den Baumstamm zurück, verschränke meine Arme und brummle: „Naja, jeder, den ich kenne, weiß wie alt er ist und wann er geboren wurde. Nur ich nicht. Das ist ungerecht.“ Er schmunzelt, auch wenn es mir offensichtlich scheint, dass ihn solche Trivialitäten kaum kümmern. Ich muss zugeben, diese Frage ist aber auch seltsam. Also ist es nicht verwunderlich, dass er erst verwirrt gewesen ist. Warum ich es ausgerechnet jetzt fragen muss, weiß wohl niemand, aber gilt es als Entschuldigung, dass ich müde bin? Wohl eher nicht. Nach kurzem Überlegen wendet Legolas sich mehr zu mir und spricht wieder. „Ich könnte dir helfen herauszufinden, wann ungefähr du geboren wurdest, wenn es dein Gemüt erleichtert.“ Eine leichte Skepsis fliegt über mein Gesicht, doch ich nicke. Wir werden uns schnell einig, dass ich um die acht Jahre alt sein muss, auch wenn ich älter wirken mag. „Nur wie soll man den Monat herausfinden?“ Das ist eine Frage, auf die auch der Elb zuerst keine Antwort findet. Er mustert mich, wirft aber auch vergleichende Blicke zu meinen Brüdern. „Du bist Keres ähnlicher als Adon...“, meint er nach einiger Zeit. „Aber völlig gleichst du keinem der beiden.“ „Dann bin ich wohl nicht im Frühling und schon gar nicht im Winter zur Welt gekommen.“ Er nickt halb. „Wenn man nach deinem Temperament geht, nein.“ „Was soll das denn jetzt heißen?“ Nur ein Schmunzeln fliegt über seine Lippen; er sagt nichts dazu. Doch das stimmt ja auch. Im Gegensatz zu Adon und Keres bin ich ein ziemlich launischer Mensch. Und ich bin auch öfter krank als sie. Hat das was mit meinem Geburtsmonat zu tun? Womöglich schon. „Tragen wir mal zusammen“, spricht er weiter. „Du bist ehrlich, launisch, zielstrebig, versuchst zumindest anderen gegenüber unvoreingenommen zu sein und liebst es alleine zu sein.“ „Das alles weißt du von mir? Ich selbst wüsste das nicht einmal.“ Er grinst. „Ich lebe nun mal einige Jahrtausende länger als du, mein Kind. Da lernt man euch Menschen einzuschätzen.“ Das würde ich auch gerne können. Menschen einschätzen. „Aber was sagt das alles jetzt aus?“ Legolas überlegt kurz, meint dann jedoch mit Sicherheit: „Du bist im Monat Cermië zur Welt gekommen. Jedenfalls bist du denen, die in diesem Monat geboren sind, am ähnlichsten.“ „Cermië? Was für ein Monat soll das sein?“ Er stutzt. „Der siebte Monat im Jahr natürlich. Welcher Monat sollte es denn sonst sein?“ Auch wenn ich mir ganz sicher bin, dass der siebte Monat Juli heißt, so zucke ich nur mit den Schultern und rede mich mit meinem verlorengegangenen Gedächtnis heraus. Er grinst wieder und auch ich muss grinsen. Das heißt wohl, dieses Jahr hab ich meinen Geburtstag verpasst. Aber vollständig ist das Ganze ja noch nicht. „Und an welchem Tag?“ „Das... kann ich dir nicht sagen. Wäre es schlimm, wenn du dir diesen Tag einfach so aussuchen würdest?“ Ein Kopfschütteln ist ihm Antwort genug. Dennoch frage ich ihn gleich darauf, ob nicht er einfach irgendeine Zahl sagen könnte. Er lacht leise, erfüllt mir diese Bitte jedoch trotzdem und sagt ohne viel nachzudenken die Zahl Fünfzehn. „Bist du jetzt glücklicher?“ „Auf jeden Fall, danke.“ Er winkt ab. „Es ist doch nichts Großes.“ Für ihn vielleicht nicht. Für mich aber schon. Elben vergessen nach der Zeit meistens, wie alt sie überhaupt sind. Sie müssen es sich ja nicht merken. Oder würdest du dir merken, wie alt du bist, wenn du ewig leben würdest? Ich denke nicht. „Darf ich?“, fragt Legolas nach einigen Sekunden und weist auf das Büchlein in meinem Schoß hin. Ich schlucke. Bisher habe ich noch niemandem dieses Buch gegeben. Nicht einmal Streicher, der es mir geschenkt hat. Meine erste Intuition wäre also, den Kopf zu schütteln. Andererseits... Da stehen zwar schon sehr persönliche Sachen drinnen, wie in einem Tagebuch halt; Geschichten, die mir durch den Kopf schwirren, Bilder von Personen oder Dingen, von denen ich geträumt habe, manchmal auch die Träume selbst. Aber kann ich Legolas mittlerweile denn nicht vertrauen? „Ich werde nicht das ganze Buch durchschauen“, beschwichtigt er. „Nur das Bild, das du gerade gezeichnet hast, würde ich gerne sehen. Dürfte ich?“ Jetzt nicke ich und gebe ihm das Büchlein, auf der Seite aufgeschlagen, auf welcher das Bild ist. Ehrlich gesagt bin ich erleichtert, dass er das gesagt hat. Wer weiß, was für eine seltsame Situation zustande gekommen wäre, wenn ich Nein gesagt hätte. Er betrachtet das Bild für eine längere Zeit und wirft mir dabei immer wieder subtile Seitenblicke zu. Hingegen muss ich schmunzeln, als ich ihn so anschaue. Diesmal habe ich nicht wie sonst immer etwas gezeichnet, wovon ich hier draußen eine Vorlage habe, sondern meiner Fantasie freien Lauf gelassen. Was dabei entstanden ist, zeigt eine Person, die auf einer Klippe steht und den Sonnenaufgang beobachtet; vor ihr erstreckt sich eine weite Landschaft, durch die ein großer Fluss seinen Weg sucht und an deren Horizont sich ein Wald abhebt. Der Elb schüttelt schließlich seinen Kopf und gibt mir das Buch zurück. „Das, was du hier in fünf Stunden geleistet hast, könnte ich nicht einmal in fünf Jahrtausenden zustande bringen. Meine vollste Hochachtung, Jenny.“ Etwas verschämt bedanke ich mich und sehe selbst noch einmal über die Zeichnung drüber. Sie ist echt nicht schlecht geworden. Nur fehlt irgendetwas, um sie perfekt zu machen. Aber was? „Übrigens“, setzt Legolas wieder an, was mich aufhorchen lässt, „damit du dich darauf einstellen kannst, morgen üben wir nur ohne Waffen.“ Ich nicke. „Gut. Das muss ich eh lernen.“ „Und noch einmal,“, fährt er leicht grinsend fort, „du bist nicht zu klein dafür.“ „Ja, ja, ich hab nur nicht die richtige Größe“, ergänze ich und muss ebenfalls grinsen. Der Waldelb verwuschelt mir mein Haar, als ich das sage, kontert jedoch nicht, obwohl ich genau das eigentlich von ihm erwartet hätte. Es ist einer dieser Momente, in denen ich wie so oft merke, dass er gar nicht mal so berechenbar ist, wie ich anfangs dachte. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er schon so alt ist. Das ist auch paradox. Wüsste ich nicht, dass er ein Elb ist, würde ich sagen, dass er nicht älter als 26 sein kann; so jung wie er aussieht. Aber... er hat mir zwar nicht genau gesagt, wie alt er wirklich ist, nur dass er mindestens über zweitausend Jahre zählen muss, das weiß ich. Nach einigen Minuten muss er jedenfalls wieder zu meinen Brüdern gehen, denn Keres hat unfair gekämpft, will es aber nicht zugeben. Die häufigste Lösung in so welchen Dingen ist zumeist ein Duell zwischen ihm und Legolas, auf welches er sich einlassen kann oder halt zugibt, dass er unehrlich war. Normalerweise gibt er es dann rasch zu, um nicht die Demütigung zu erfahren, in weniger als fünf Minuten entwaffnet und besiegt zu sein. Ich schweife mit meinem Blick zu den dreien hinüber und beobachte neugierig die Diskussion, die damit ausfällt, dass Keres wie immer zugeben muss, dass er nicht gerecht war. Wie immer. Tja, das trifft es ganz gut. Doch nur solange, bis Legolas zu mir hinüber schaut und seine Meinung ein klein wenig verformt. „Vielleicht wäre es gar nicht einmal so schlecht, wenn ihr beginnen würdet auch unfair zu kämpfen. Nur für den Ernstfall“, höre ich ihn sagen und muss schmunzeln. Dieser Gedanke kommt nicht von irgendwo. Es war eines der ersten Dinge, über die wir beim nächtlichen Training diskutiert haben und inzwischen hat der Elb sich darin auch mit meiner Meinung angefreundet. Adon und Keres hingegen wirken recht verwirrt, wenn nicht sogar schockiert, nachdem er dies gesagt hat und glauben es wohl nicht so ganz. „Sicher. Das meinst du jetzt auch ernst, Legolas“, sagt Keres sarkastisch nickend, schüttelt im nächsten Augenblick aber gleich den Kopf. „Warum sollten wir?“, fragt der Ältere daraufhin. „Ich meine, beim Üben geht es doch nicht ums Gewinnen, das hast du uns immer wieder klar und deutlich gesagt.“ Zustimmend nickt der Elb, fügt jedoch sofort hinzu: „Beim Üben, ja. Sollte euch aber durch welche Umstände auch immer ein Ork angreifen, so wird er garantiert nicht zum Üben kämpfen und somit auch keineswegs fair sein. Versucht es einfach einmal. Ihr seid alt genug.“ Er kommt nicht zu mir zurück, sondern bleibt bei den beiden. Ist ja auch nicht verkehrt. Immerhin ist das Risiko, dass die zwei sich verletzen könnten durch die Aufhebung der Regeln um einiges angestiegen. Die erste Viertelstunde finde ich es auch ganz interessant und schaue ihnen gespannt zu. Nach einer Zeit wird es mir aber zu gewöhnlich und ich wende mich wiederum meinem Bild zu. Es ist hübsch, ja, das stimmt. Aber etwas... etwas fehlt. Da kommt mir plötzlich der Gedanke, was wäre denn, wenn diese Person auf dem Bild ein Elb wäre? Vielleicht sogar Legolas? Nach kurzem Überlegen radiere ich die Kapuze des Mantels weg, schau mir den Waldelb bei den Jungs etwas genauer an und beginne den Kopf der mit dem Rücken zu mir gewandten Gestalt so umzuzeichnen, dass es aussieht wie Legolas. Und es sieht ihm wirklich erstaunlich ähnlich. Beinahe schon zu ähnlich. Ein Lächeln überfliegt meine Lippen, als ich das Bild gegen die Sonne halte. Streicher hatte schon recht. Wenn ich dieses Bild mit einem von jemandem in meinem Alter vergleichen würde, dann würden wohl die wenigsten vermuten, dass wirklich ich das gezeichnet habe. Auch wenn es nur in Graustufen gezeichnet ist. Oder vielleicht gerade weil ich nur in Graustufen zeichne. Nachdenklich beiße ich mir auf die Unterlippe und schlage die nächste Seite auf. Sie ist noch leer. Sogleich blättere ich zurück, dann wieder vor und dann... reiße ich diese Seite aus dem Buch hinaus. Nicht dass ich das Bild nicht behalten wollen würde, aber wo der Elb es schon so schön fand, will ich es ihm auch schenken. Vorsichtig falte ich das Papier zusammen und lege es ganz vorne in den Umschlag des Büchleins hinein, bevor ich ein weiteres Bild beginne. Da stocke ich aber. Mir fällt nichts ein. Die Motivation fehlt mir. Die Kreativität auch. Was mir wohingegen einfällt, ist eine Melodie, die ich schon einmal irgendwo gehört haben muss und ein Liedtext dazu. Erst nur ganz leicht und unaufdringlich, dann immer lauter und eindeutiger. Zögerlich summe ich diese Melodie, als würde mich etwas dazu drängen. Das Summen wird nach kurzer Zeit von einem leisen Singen abgelöst, das immer ein wenig lauter wird und schließlich auch die Worte des Liedes enthält. Ich weiß nicht aus welchem tiefsten Eck in meinem Gehirn dieses Lied sich hervorgestohlen hat, aber es kommt mir so bekannt vor. Es ist nicht das erste aber auch keinesfalls das letzte Lied, das mir auf diese Weise wieder ins Gedächtnis kommt. Vor allem in den Wintermonaten, in welchen Legolas das Training für mich aus Sicherheitsgründen ausfallen lässt, häufen sich diese Lieder. Viele von ihnen klingen in meinem Gedächtnis wider, als würden sie von anderen gesungen werden. Was diese Lieder aussagen, weiß ich jedoch selbst nach zwei Jahren nicht. Die Texte gefallen mir. Sie lassen mich unbeschwerter sein und dass ich mir ihrer Bedeutung nicht ganz bewusst bin, kümmert mich mittlerweile gar nicht mehr so sehr. Über was denkt man denn auch mit zehn Jahren nach? Ganz ehrlich, ich weiß es gar nicht. Ich meine, ich bin inzwischen zwar zehn, doch wenn ich mit den Mädchen aus dem Dorf rede – mit den Jungen darf ich nicht mehr reden; das hat Vater mir strikt verboten, es sei denn mit Adon und Keres –, dann erzählen sie so Sachen wie, dass sie eine neue Puppe oder ein neues Kleid bekommen haben und dass sie daheim ach so viel zu tun hätten und kaum mehr Zeit zum Spielen haben und und und. Mich kotzt das schon langsam an. Verzeihung, ich meine natürlich, bei dem Gedanken an solch theatralisches Geschwätz, habe ich das Gefühl, dass ich meinen Ventriculus rein aufgrund spärlich fundierter Bagatellen entleeren müsste. Natürlich muss auch ich inzwischen im Haushalt mithelfen, aber ich kann nicht glauben, dass es den anderen Mädchen so schwer von der Hand geht. Ab und zu wünschte ich mir auch, mehr Zeit zu haben, zum Malen vor allen Dingen; aber wenn meine Mutter mich ruft... Seit Legolas mir diese Geschichte von Meriel erzählt hat, versuche ich den Eltern so gut es denn geht keine Last zu sein. Ich kann mich gar nicht in der Art beklagen, wie die anderen Mädchen. Wenn ich darüber nachdenke, wie schlimm es meine Familie getroffen hat, vergeht mir das Klagen. Bei der Hausarbeit singe ich zuweilen diese Lieder; meist nur leise, damit mich keiner hört. Die Grünfelder würden wer weiß was denken, wenn sie mich solche Texte – oder noch schlimmer: in diesen anderen Sprachen – singen hören würden. Von denen weiß ich nun sogar die Namen. Deutsch war die erste. Die nächste Englisch. Zwei weitere Sprachen sind mir durch die Lieder wieder ins Gedächtnis gekommen und diese heißen Französisch und Russisch. In diesen Sprachen aber kenne ich keine kompletten Lieder. Eher in Deutsch und Englisch. Jedenfalls gibt dieses Singen mir immer wieder die Kraft, nach einem langen anstrengenden Tag doch noch nachts aus dem Fenster zu klettern und in den Wald abzuhauen. Es ist wohl Gewohnheitssache zu so einer Zeit noch wach bleiben zu können. Legolas ist ein Elb. Er schläft nicht. Er muss es auch nicht und das finde ich an manchen Tagen absolut beneidenswert. Heute allerdings nicht. Denn heute bin ich mindestens genauso wach wie er. Zuhause musste ich nicht viel machen; nur kochen, weil Kayen keine Zeit gehabt hat. Obwohl ich einige Zweifel gehegt habe, ob das überhaupt klappen würde, hat es sogar ganz gut geschmeckt. Und wie bei allem anderen auch hatte ich das Gefühl, ich hätte das gar nicht zum ersten Mal gemacht. Na, egal. Zurück zum Wesentlichen. Legolas schaut noch einmals schnell die Umgebung ab und hilft mir wieder vom Pferd herunter, wie immer. „Es ist still heute“, meint er erstaunt. „Na, was erwartest du auch? Wir haben Anfang Súlimë. Sehr viel Getier ist da nicht unterwegs.“ Er nickt lächelnd und geht dann mit mir zur Mühle. Drinnen will ich schon meinen Mantel ablegen, damit er mich beim Üben nicht stört, aber der Waldelb winkt ab. „Behalt' ihn ruhig an. Wir gehen gleich wieder hinaus. Da ist es kühl.“ Ich befolge seine Worte, bin jedoch leicht verwirrt. „Werden wir heute nicht trainieren?“, will ich wissen und suche den Raum mit meinem Blick nach den Holzwaffen ab. Legolas aber erwidert: „Jedenfalls kein Schwert- und kein Messerkampf. Auch keine Selbstverteidigung ohne Waffen oder Kampfsport, falls du fragst.“ Ich nicke skeptisch. Aber was machen wir dann? Er sagt nichts weiter, sondern winkt mich zu sich und geht hinaus. Was anderes, als ihm zu folgen, bleibt mir nicht übrig. Draußen zählt er Schritte ab und steckt Markierungen in Form von schmalen Holzpfählen in die Erde. Als er wieder zu mir kommt, lächelt er flüchtig und erklärt: „Du hast mich vor einigen Monaten doch einmal gefragt, ob ich dir denn auch das Bogenschießen beibringen würde. Erinnerst du dich?“ Ich nicke aufmerksam. Das üben wir jetzt also? Wenn ja, soll's mir recht sein. Und tatsächlich, er holt kurz darauf einen Bogen samt pfeilbefüllten Köcher hervor. Meine Augen leuchten auf, als er mir die Waffe reicht und mich anweist einen Pfeil einzuspannen. „Aber viel Zugkraft hat er noch nicht, oder?“, frage ich sicherheitshalber, denn ich würde mir selbst noch nicht zutrauen mit einer wirklich durchschlagenden Waffe zu trainieren. Legolas nickt halb, doch ich habe gesehen, dass er bei dem Wort Zugkraft gestockt hat. „Es reicht zum Üben. Aber gut. Leg den Pfeil an.“ „Geh' zuerst hinter mich.“ Er muss grinsen und gehorcht mir. „Gutes Mädchen“, neckt er mich leicht. Aber ich achte kaum darauf, nehme den Pfeil zwischen Mittel- und Zeigefinger meiner rechten Hand, halte den Bogen mit der linken Hand parallel zum Erdboden, leg den Pfeil an die Sehne, ziehe sie zurück und richte dabei den Bogen wieder senkrecht zum Boden. Bis zu meiner Wange ziehe ich das eingespannte Pfeilende, dann visiere ich den ersten der Pflöcke im Boden, aufgrund der geringen Zugkraft etwas über das Ziel hinaus, an und lasse los. Er trifft. Nicht ganz mittig, aber er trifft. Legolas wirft mir einen merkwürdigen Blick zu; eine Mischung aus Erstaunen, Skepsis und Unentschlossenheit, dann applaudiert er langsam und schüttelt seinen Kopf. „Nicht schlecht, Kleine. Nicht schlecht. Schade nur, wenn das jetzt ein Glückstreffer gewesen ist.“ Auf diese Worte hin, nehme ich sofort einen zweiten Pfeil, ziele und schieße auf das nächste Ziel. Weiter von der Mitte entfernt als der erste, aber immer noch getroffen. Der dritte Pfeil trifft den weitesten Pflock ganz am Rand, doch er trifft. Ich muss weit grinsen und sehe den Elb überlegen an. Dieser schaut ungläubig zu den Zielen und geht schließlich zu ihnen hin, um sich zu vergewissern, dass ich sie tatsächlich getroffen habe. Ich selbst kann es mir auch nicht erklären. Es ist kein Talent. Ich habe es schon einmal gelernt. Doch von wem? Und vor allem warum? Okay, ein ganz kleines bisschen Talent könnte es auch sein, aber das Offensichtlichste daran ist, dass ich es schon gekonnt habe. Ich lasse den Bogen sinken und sehe zu Legolas, der mir wieder diesen seltsamen Blick zuwirft, schließlich aber lächelt und die Pfeile aus den Holzpflöcken herauszieht. „Wenn das so ist,“, meint er beim Zurückgehen, „können wir heute auch früher Schluss machen. Ich dachte, du hättest noch nie einen Bogen in der Hand gehalten und einen mit einer größeren Stärke habe ich nicht dabei.“ „Wenn es dir lieber ist, bitte.“ „Oder möchtest du unbedingt noch trainieren?“ Unschlüssig wiege ich meinen Kopf hin und her. Trainieren nicht unbedingt, aber... etwas anderes lernen. Orientierung. Das will ich lernen. „Würdest du mir vielleicht beibringen, wie man sich an den Sternen orientieren kann? An der Sonne kann ich es schon. Aber nachts scheint sie nicht. Was soll ich machen, wenn ich mich irgendwann einmal nachts im Wald verirre oder so?“ Ein erfreutes Lächeln fliegt über seine Züge und er nickt zustimmend. Eigentlich wollte ich ihn schon früher fragen, ob er mir auch solche Sachen beibringen könnte. Es interessiert mich einfach. Vor allem wenn Streicher zu Besuch kommt und mir von seinen Reisen erzählt, vor allem dann würde ich so etwas unglaublich gerne können. Nützlich ist es allemal. Es sei denn, man verbringt sein ganzes Leben in Grünfeld und kümmert sich nicht um das Leben da draußen. Legolas scheint es wohl genauso zu sehen. Er meint, er sei froh, dass ich ihn das gefragt habe und würde es mir sehr gerne beibringen, was er letztendlich auch tut. Wir gehen etwas tiefer in den Wald, damit ich es unter realen Bedingungen lerne, aber nur Lernen ist heute auch nicht. Wir reden viel miteinander. Mehr als sonst, obgleich wir beim Training für gewöhnlich ebenfalls über alles Mögliche reden. Beinahe kommt es mir so vor, als würde ich mit Legolas mittlerweile zehnmal offener reden können als mit meinen beiden Brüdern. Gut möglich, dass es daran liegt, dass Adon und Keres unserem Vater jetzt mehr auf dem Feld helfen müssen, während ich im Haushalt beschäftigt bin. An manchen Tagen sehen wir uns wirklich nur zum Essen und vielleicht abends noch, wenn sie mir Gute Nacht sagen. Zeit zum Reden haben wir kaum. Daher genieße ich es jedes Mal, wenn ich mit Legolas reden kann. Wir sitzen auf dem Ast einer hochgewachsenen Eiche. Die Sterne kann man von hier sehr gut sehen; besser als vom Boden aus. Einiges hat er mir schon über sie erzählt. Nicht nur wie man sich an ihnen orientiert, sondern auch ihre Geschichte, wie sie von Varda in den Himmel gesetzt worden sind, damals als die Elben auf diese Welt gekommen sind. Es klingt zu unglaublich um wahr zu sein. Jedoch höre ich ihm sehr gerne zu. Irgendwann kommen wir zu einem Punkt, an dem Schweigen herrscht. Durchaus kein unangenehmes Schweigen, aber immer noch ein Schweigen, das wiederum von ihm gebrochen wird. „Mir ist bei dir etwas aufgefallen“, sagt er plötzlich und sieht zu mir hinüber. „Ganz am Anfang konntest du dich manchmal gar nicht aufs Kämpfen konzentrieren. Ich dachte zuerst, es wäre die Aufregung und ganz normal, aber... du warst nicht im Geringsten aufgeregt. Du warst vollkommen ruhig.“ Ich zucke mit den Schultern und nicke. „Das ist ein kleines Problem bei mir. In einfachen Dingen kann ich schreckhaft wie ein Reh sein, aber in Extremsituationen schaltet sich mein Gehirn meistens ab... und manchmal schaltet es sich auch einfach so ab.“ Legolas grinst, sieht mich aber fragend an. Wie ich es genauer erklären könnte, weiß ich nicht. Ich könnte zwei Erinnerungen zur Hilfe nehmen, die ich wiedererlangt habe, aber sie sind mir selbst nicht ganz verständlich. Nach einem leisen Seufzen beginne ich dennoch zu erklären. „Weißt du, manchmal ist es halt so, dass ich Sachen sehe, sie aber nicht wahrnehme.“ „Wie meinst du das?“ Seine Irritierung ist nicht verwunderlich. Aber wie sollte ich es besser erklären? „Naja, also ich sehe alles, jede Farbe, jedes Detail, aber ich sehe das alles wie durch einen Nebel hindurch, als ob ich gar nichts fokussieren könnte. Sobald ich mich aber wieder bewusst darauf konzentriere alles zu sehen, sehe ich auch alles wieder vollkommen klar. Und das ist nicht nur mit meinen Augen so. Das ist irgendwie mit all meinen Sinnen so. Entweder sie sind völlig weg oder ungewöhnlich stark ausgeprägt. Und dann denkt sich mein Gehirn einfach, ach die sieht das grad' eh nicht scharf, das kann sie ruhig vergessen. Und plopp, ich weiß nicht mehr was gerade passiert ist. Einmal, da kann ich mich noch dran erinnern, hatte ich einen Unfall mit meinen Geschwistern. Ich habe gar nichts mitbekommen und dachte alles wäre okay, bis dann irgendwelche fremde Menschen gekommen sind, uns da rausgeholt haben – Ärzte waren das – und die ganze Zeit gesagt haben, dass ich einen Schock hätte. Aber ich wusste noch nicht einmal, dass wir gerade hätten sterben können. Oder als ich mit meinem anderen Bruder aus der Kurve geflogen bin und wir fast in ein Haus gefahren sind. Er ist dabei verständlicherweise unruhig geworden, aber ich hab erst als wir zum Stehen gekommen sind gemerkt: Ups, wir hätten uns gerade sehr arg wehtun können. Aber mein Gehirn... tja, das sagt Nö.“ Wahrscheinlich hat Legolas das noch immer nicht ganz nachvollziehen können, aber er nickt verständig als verstünde er es, weshalb ich ein Auflachen unterdrücken muss. Das merkt er und fragt sofort: „Warum lachst du?“ Ich schüttle den Kopf mit der Erwiderung: „Du musst nicht so tun als würdest du mich verstehen, Legolas. Ich bin es schon gewohnt, nicht verstanden zu werden.“ Auch er muss leise lachen, winkt jedoch ab und sagt: „Aber ich würde dich gerne verstehen. Du bist ein seltsamer Mensch. Und gerade das mag ich an dir.“ Ich lächle, sage aber nichts Weiteres dazu. Nach einigen Minuten, in denen wir nichts Besseres zu tun haben als schweigend dazusitzen, steht er auf und meint: „Du musst aber bald auch schon nach Hause.“ Ich tu es ihm gleich und folge ihm nah am Stamm hinunter. An der Wurzel angekommen, will er schon weiterlaufen, doch ich halte inne, denn unter einer vertrockneten Moosfläche hat etwas aufgeblitzt. „Warte“, kommt es automatisch aus mir heraus und ich gehe zu dieser Stelle hinüber. Auch wenn Legolas das nicht ganz nachvollziehen kann, bleibt er stehen. Rasch entferne ich das trockene Geflecht, bis dieses schimmernde Etwas zum Vorschein kommt, woraufhin auch das Interesse meines Begleiters geweckt zu werden scheint. Er kommt ein paar Schritte näher, als ich nicht minder erstaunt als er selbst einen Dolch aus dem Dreck hervorziehe. Es war wohl die schmale Klinge, die so geblitzt hat, denn sie ist aus einem kristallinen, weiß strahlenden Material. Der Griff ist von schwarzem Leder umhüllt, durchzogen von gediegenen Silberfäden und im Kreuzstück ist ein Smaragd eingearbeitet worden. Verwundert darüber, so eine Waffe hier im Wald gefunden zu haben, schaue ich zu dem Elb hinauf und reiche sie ihm zögerlich. „Deine wird’s wohl kaum sein. Die liegt schon länger hier.“ Legolas nimmt das Messer und begutachtet es kritisch. Dann sieht er kurz auf und erwidert: „Nein, so eine Waffe kenne ich nicht. Aber wenn sie schon einige Jahre hier liegt, könnte es auch genauso gut deine sein.“ Damit gibt er mir den Dolch zurück. Ich stutze, nehme ihn aber aus Höflichkeit entgegen. „Warum...“, bringe ich es nur über die Lippen, doch der Waldelb antwortet schon: „Hier haben Aragorn und deine Brüder dich gefunden. Genau hier, an dieser Stelle.“ Er deutet in meine Richtung. „Auch wenn ich es nicht verstehen könnte, dass ein Mädchen von sieben Jahren bereits ein Messer mit sich führt, so könnte es ja sein, dass du einst tatsächlich diese Waffe besessen hast. Jedenfalls habe ich kein ungutes Gefühl dabei.“ Wiederum stutze ich, muss im gleichen Moment aber ungläubig auflachen und schüttle meinen Kopf. „Was soll das denn jetzt heißen?“ Ein Grinsen überfliegt seine Züge. „Das soll heißen, dass du meiner Meinung nach genug Verantwortungsbewusstsein erlangt hast, um diese Waffe zu führen.“ Unwillkürlich fliegt ein weites Lächeln über meine Lippen und bedanke mich bei Legolas. Er nickt mir seinerseits lächelnd zu, schaut jedoch noch einmal zurück und fragt schließlich: „Willst du uns hier hinausführen? Oder bist du dir noch unsicher?“ Auch wenn der letzte Satz sarkastisch gemeint war, hat er mich provoziert, also nehme ich diesen Vorschlag an, obwohl ich mir wirklich noch nicht ganz so sicher bin. Aber falls ich was falsch mache, ist der Elb ja noch da. Teils an den Sternen, die gerade noch so durch das dichte Astwerk der Bäume schimmern, teils an markanten Wegweisern orientierend finde ich also zur Mühle zurück. Mehr oder weniger mit seiner Hilfe. Gänzlich kann ich die Sterne noch nicht auseinanderhalten, aber dafür, dass ich mich bisher noch nie am Nachthimmel orientiert habe, schaffe ich es doch ganz leidlich. Das Pferd hat sich ausgeruht und genug gegrast, sodass wir direkt wieder nach Grünfeld aufbrechen können. Als wir so dahinreiten – nicht allzu schnell, denn wir haben immer noch genug Zeit –, tippe ich Legolas kurz auf die Schulter. Er dreht seinen Kopf zu mir um, sieht mich aber nicht direkt an. „Wenn du mir schon so etwas beibringst,“, sage ich leise, „würdest du mir dann vielleicht auch Sindarin beibringen?“ Er lächelt und legt den Kopf schief. „Wenn du es lernen willst, gerne.“ Ich lächle gleichsam und lehne mich an seinen Rücken. „Ist da jemand müde?“, fragt er daraufhin grinsend. Ein Nicken gefolgt von einem leichten Gähnen sind ihm Antwort genug. Er lächelt. „Ich will nicht nach Hause, Legolas.“ „Na. Hast du es da etwa so schlecht?“ Sofort verneine ich. „Aber... es ist jeden Tag das Gleiche dort. Und wenn ich älter werde, dann wird es wohl nur noch schlimmer. Stell dir vor, ich würde irgendwann mal heiraten und Hausfrau werden.“ Er lacht. „Das ist schwer vorstellbar, bei deiner Mentalität...“ Auch ich muss lächeln, erwidere aber vorerst nichts. „Wie würde ich eigentlich heißen, wenn mein Name elbisch wäre?“, frage ich so plötzlich wie mir diese Frage auch in den Sinn gekommen ist. Legolas überlegt kurz, schüttelt dann aber den Kopf. „Ich weiß es nicht. Aber... wir könnten uns einen Namen für dich ausdenken.“ Ich muss lachen. „Genauso wie mein Geburtstag?“ Er nickt seinerseits schmunzelnd. „Es müsste nur etwas sein, das zu dir passt. Was liebst du denn?“ Ich atme tief durch, nicht gerade wenig gefordert mit dieser Frage, doch meine Antwort ist: „Sterne. Ich liebe das Sternenlicht.“ Daraufhin zeichnet sich die Andeutung eines Lächelns in Legolas' Zügen wider. Er nickt. „Und was ist deine hervorstechendste Eigenschaft?“ „Ich bin schreckhaft wie ein Reh.“ Nun lacht er, nickt aber trotzdem. „Wie du meinst. Nehmen wir die Worte, Stern und Reh. In Ordnung?“ Ein lautes Ja ist ihm Antwort. Wieder überlegt er kurz, bis er schließlich sagt: „Elarras. Das ist dein Name.“ „Klingt gar nicht mal so schlecht. Und wie heißen die beiden Wörter in Sindarin? Also Stern und Reh?“ „Elen und aras“, erwidert er. Das sind schöne Wörter. Ich mag sie. Und diesen Namen mag ich auch. Legolas und ich wechseln nur noch ein paar Worte, dann reden wir nicht mehr. Müde bin ich mittlerweile geworden; vor allem bei dem Gedanken, dass ich morgen wieder bei der Hausarbeit helfen muss. Der Elb bringt mich bis zum Feldrand, wo ich ihn zum Abschied kurz umarme bevor ich von seinem Pferd abspringe. Er reitet wie immer erst wieder zurück, wenn er sieht, dass ich das Fenster in meinem Zimmer zugemacht habe. Dort oben angekommen hole ich den Dolch hervor und säubere ihn geschwind, sodass er wieder glänzt wie zuvor. Noch immer glaube ich nicht, dass diese Waffe einmal mir gehört hat. Es würde einfach keinen Sinn machen. Sie zu gebrauchen, traue ich mich aber nicht, auch wenn Legolas mir genug Verantwortungsbewusstsein zutrauen würde. So lange, bis ich zumindest so gut mit Messern umgehen kann, dass ich niemanden aus Versehen verletze, lasse ich dieses Messer also versteckt in der hintersten Ecke meines Zimmers liegen. Das heißt, bis wiederum zwei Jahre vergangen sind. Inzwischen stehen der Elb und ich schon so gut miteinander, dass wir uns Spitznamen gegeben haben. Neben dem Namen Elarras habe ich nun auch gefühlt tausend andere, die je nach Situation und Laune angemessen erscheinen. Jenny-Anny und Schney sind zwei von ihnen. Bei ihm hab ich's mir leichter gemacht. Ich nenne ihn ziemlich oft einfach nur El. Vielleicht gibt es kreativere Namen. Sicher. Aber... nee. Diesen Namen findet sowohl er als auch ich ganz in Ordnung. Doch zu etwas Anderem. Es ist Sommer. Keres, der mittlerweile siebzehn ist, aber noch immer den Geist eines Zehnjährigen zu besitzen scheint, sitzt mit Adon und mir auf dem Dach unseres Hauses, wo wir den Sonnenuntergang betrachten. Heute mussten wir nicht viel helfen, weil ich Geburtstag habe und wir drei damit allesamt von den meisten Pflichten freigestellt wurden. Es tut gut, endlich mal wieder nur zu dritt sein zu können. Den ganzen Tag haben wir schon miteinander verbracht; sogar eine Wanderung haben wir unternommen, was vor allem Keres gefreut hat. Nun sind wir alle mehr oder weniger kaputt von diesem Tag und sehen Richtung Westen, dorthin, wo hinter dem Düsterwald die Sonne untergeht. „Krass, wie schnell die Zeit vergeht“, kommt es plötzlich aus mir heraus. Keres murmelt ein Ja und nickt. „Wenn man bedenkt, als du hierher gekommen bist, hatte ich noch keinen Bart.“ Adon grinst und schlägt ihm auf die Schulter. „Hast du immer noch nicht, Brüderlein.“ „Doch wohl, schau“, sagt er aufschneiderisch und reckt sein Kinn vor, auf welchem ein ganz kleiner Anschein von Bartstoppeln zu erkennen ist. Ich muss grinsen. „Ja, ja, pass' auf dass du nicht über deinen Vollbart stolperst, alter Mann.“ „Ach ja, macht euch nur lustig. Darf ich mich nicht ein klein wenig männlich fühlen?“ Adon sieht kurz zu mir hinüber und muss ebenfalls grinsen. „Manchmal denke ich, sogar Jenny ist männlicher als du. Immerhin meckert sie nicht so viel.“ „Zu viel der Ehre, Adon. Aber lassen wir Keres doch auch noch ein bisschen Ehrgefühl.“ Keres verdreht seine Augen. „Kinder“, meint er verachtend, woraufhin wir ein Auflachen zurückhalten müssen. Adon hat schon einen Bart. Und der steht ihm nebenbei gesagt sogar ganz gut. Aber damals, als ich hergekommen bin, hatte er auch noch keinen, obwohl er schon achtzehn war. Irgendwie finde ich es komisch, dass die zwei so viel älter sind als ich und trotzdem meine Brüder sind. Wenn auch nicht meine leiblichen. Ich schaue Keres von der Seite an. Die Sonne glänzt in seinem rabenschwarzen Haar, sodass er beinahe wie eine Fantasiegestalt aussieht. Zu gerne hätte ich jetzt mein Büchlein, um dieses Bild abzuzeichnen, aber es liegt in meinem Zimmer. Auf dem Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch? Hab ich es offen liegengelassen? Hoffentlich nicht. Ja, ich weiß, dass wäre nicht schlimm, die Welt geht nicht davon unter, aber ich will nicht, dass jemand ungefragt meine Gedanken liest. „Warum siehst du mich so an?“, fragt der Jüngere plötzlich und stützt den Arm auf sein Knie ab. Ich grinse leicht, denn jetzt lässt die Sonne seine Gesichtszüge etwas femininer wirken. „Du siehst aus wie ein Mädchen, Kerrie.“ Er verdreht seine Augen und grinst. „Muss das sein? Ich meine, ich sag zu dir ja auch nicht, dass du wie ein Junge aussiehst.“ „Mich würd's nicht stören. Aber ehrlich, wenn du ein Mädchen geworden wärst, dann wärst du voll hübsch.“ „Und so nicht?“ Ich werfe Adon ein schelmisches Grinsen zu, muss dann aber den Kopf schütteln und Keres umarmen. „Ich hab dich lieb, Großer“, sage ich leise, woraufhin er mich ebenfalls in den Arm nimmt und mein Haar unordentlich macht. „Was ist eigentlich mit Legolas?“, will Adon wie aus dem Nichts wissen und wirft mir einen forschenden Blick zu. Ich blinzle verwirrt, als hätte ich seine Frage nicht verstanden. Hab ich auch nicht wirklich. „Was soll denn mit ihm sein?“, frage ich zurück und lege den Kopf schief. Nun mischt auch Keres sich in das Gespräch ein. „Er wirkt die letzten Wochen so angespannt. Vor allem wenn du da bist. Beinahe als würde er etwas verheimlichen wollen.“ Ich muss kurz lachen. Der erste Gedanke war mir, dass vielleicht das Gleiche passieren würde, wie bei Helendir. Dass er mich umbringen würde. Aber das macht keinen Sinn. Gerade damit mir so etwas nicht passiert, hat er mir ja das Kämpfen beigebracht, worin ich meinen Brüdern inzwischen nicht im Geringsten nachstehe; ja, wenn nicht sogar überlegen bin. „Was soll er denn verheimlichen? Er ist doch unser Freund.“ Die beiden jungen Männer sehen sich kurz an, dann fährt Adon fort: „Sicher. Aber er macht sich Sorgen. Um dich. Dabei kennt ihr euch doch gar nicht so gut. Oder verschweigt ihr uns etwas?“ Ich zucke mit den Schultern, schüttle aber gleichzeitig meinen Kopf. „Wüsste da jetzt nichts.“ In diesem Moment fällt mir das mit dem Kämpfen ein und ich bin etwas verärgert über meine Lüge, sag jedoch nichts Weiteres. Adon winkt daraufhin ab. „Vielleicht ist es ja auch etwas anderes.“ Ja, vielleicht. Das denke ich auch. Aber trotzdem werde ich Legolas heute Nacht wohl noch danach fragen, denn so kenne ich es ebenfalls nicht von ihm. Sonderlich besorgt habe ich ihn bisher nie wahrgenommen, doch eventuell liegt das ja an meiner nicht vorhandenen Empathie. Beim Abendessen sitzen wir heute zum ersten Mal seit Langem wieder alle beieinander. Vater an der Stirnseite, Mutter rechts neben ihm, rechts von ihr Keres, ihm gegenüber ich und rechts neben mir Adon. Entgegen unserer Gewohnheit sprechen wir heute alle miteinander viel mehr und sitzen selbst noch nach dem Essen eine ganze Weile lang am Tisch um zu reden. Dabei kommen so manche alten Geschichten von Keres und mir wieder zum Vorschein, die nicht selten Gelächter nach sich ziehen. Aber auch ernstere Themen werden angesprochen; zumeist sind das jedoch nur gute Nachrichten. Die Ernte wird dieses Jahr reichlich ausfallen, was nach der Dürre im letzten Jahr wirklich als Güte des Schicksals bezeichnet werden kann. Vom östlichen Waldrand werden dieses Jahr vielleicht sogar noch einige Menschen in unser Dorf ziehen und das langjährige Verbot nicht mehr über die Dorfgrenze hinauszugehen wird für Keres und mich ab heute auch aufgehoben. Mir macht das nicht viel, aber mein werter Bruder ist doch erleichtert endlich für erwachsen genug erklärt worden zu sein, dass er das Dorf verlassen darf. Ich schaue zum Fenster hinaus, als es dunkler im Zimmer wird. Die Eltern und meine Brüder reden noch munter weiter, ich aber werde dezent unruhig. Heute wollten El und ich uns noch treffen. Doch wenn es so spät wird... Wird er auf mich warten? Verraten will ich nämlich keineswegs, dass wir üben, auch wenn ich meiner Familie eigentlich vertrauen könnte. Was Vater dazu sagen würde, das ist nicht schwer zu erraten. Also will ich es nicht drauf ankommen lassen. „Hast du dir das eigentlich schon überlegt?“, fragt Adon mich plötzlich von der Seite. Ich schaue ihn so lange an, bis er grinsen muss und den Kontext noch einmals wiederholt. „Ob du irgendwann einmal heiraten willst.“ Ein Stutzen gefolgt von einem sehr skeptischen Grinsen kommt als Antwort. „Ich bin gerade mal zwölf Jahre alt. Was verlangst du von mir?“ „Seht ihr?“ Er hebt seine Hand und deutet zuerst auf Vater dann auf Mutter. „Sie ist doch noch viel zu jung für so etwas.“ Vater rollt mit den Augen. „Jetzt noch. Ja. Aber sie wird älter werden.“ „Was soll das heißen?“, frage ich kleinlaut, denn dieses Gerede lässt es mir gerade zutiefst unangenehm zumute werden. Am liebsten würde ich einfach vom Stuhl hinunterrutschen und im Holzboden versinken, aber das ziemt sich nicht in meinem Alter. Ich muss ja jetzt schon lernen meine Haltung zu wahren. Ein wenig mitleidig ist der Blick, der mich von Mutters Seite aus trifft, als sie sagt: „Jenny, du bist bald schon erwachsen. Es wird irgendwann die Zeit kommen, in der...“ „Halten wir uns kurz“, unterbricht Vater sie. „Gihvrem hat mich gefragt, ob er dich heiraten dürfte, sobald du alt genug bist.“ „Was?“, ruft Keres ungläubig lachend aus. „Wir reden aber schon vom gleichen Gihvrem, oder? Der Schreiner Gihvrem, der...“ „Es gibt nur einen mit diesem Namen in unserem Dorf, Keres“, ergänzt Adon ernst und nickt. Nur ein kurzer Moment vergeht, dann sind alle Blicke fragend auf mich gerichtet. Äußerlich mag ich ruhig erscheinen. Ich schaue nur gedankenverloren vor mir nieder, die Arme vor meinem Oberkörper verschränkt, wie man es von mir kennt. Aber eigentlich würde ich gerade sehr gerne einfach aufstehen, mein Messer aus dem Schrank herauskramen und es Gihvrem zwischen die Rippen stoßen. Ein Problem wäre damit zumindest gelöst, nur würden dann zwanzig neue auftauchen, also beherrsche ich mich lieber. Was erwarten sie denn jetzt von mir? Soll ich sagen, das mache mir überhaupt nichts aus, ich würde ihn gerne heiraten? Dann müsste ich lügen. Aber dann hätte ich wenigstens die Erwartungen meiner Eltern erfüllt. Oder soll ich mich weigern? Adon und Keres wären auf meiner Seite. Das weiß ich. Aber wie die Eltern darauf reagieren würden... Als ich unwillentlich seufze, muss Mutter schmunzeln. „Ich versteh' dich, mein Kind. Du willst nicht.“ Und ob ich nicht will. Da hat sie recht. Sogleich wirft aber Vater ein: „Aber es wäre eine gute Partie für dich. Und ist er denn bisher nicht immer freundlich zu dir gewesen?“ „Habt ihr beide euch etwa nicht aus Liebe geheiratet?“, kontere ich. Vater wirft mir einen sehr strengen Blick zu, woraufhin ich mich sogleich entschuldige und zu Boden schaue. „Aber sie hat recht, Eronod. Die Jungen auch. Erstens ist sie noch viel zu jung und zweitens kannst du deine eigene Tochter doch nicht dazu zwingen, jemanden zu heiraten, den sie nicht liebt.“ Dankbar über Mutters Einstehen für mich, bringe ich ein leichtes Lächeln zustande, sehe aber nicht auf. Ich will fort von hier. Ich will dieses Gespräch nicht weiterführen. Und doch setzt Vater erneut an, wird von Adon unterbrochen, Keres wirft ein Kommentar ein, Mutter versucht zu deeskalieren, da stehe ich auf, schiebe ohne auf die anderen zu achten meinen Stuhl an den Tisch heran, bedanke mich leise für das Abendessen und schleiche mich die Stufen zu meinem Zimmer hinauf. Die vier sind derart in ihre Diskussion vertieft, dass sie das gar nicht mitbekommen. Es ist der erste Streit, den ich je bei meiner Familie erlebt habe und das Objekt des Streits bin ich. Als ich die Tür hinter mir zuziehe, zittere ich. So etwas bin ich nicht gewohnt. So etwas macht mir Angst. Aber was soll ich dagegen machen? In Gedanken vertieft drehe ich den Schlüssel im Schloss herum, ziehe dunklere Sachen an, verstecke meinen Dolch im Ärmel und richte rasch mein Haar. Auf einmal klopft etwas an meine Fensterscheibe und lässt mich herumfahren. Da ist nichts. Aber im nächsten Moment klopft es wieder. Und wieder. Schnell gehe ich hin und öffne das Fenster. Unten steht Legolas und grinst mich vorwurfsvoll an. „Du bist spät“, flüstert er. Ich verdrehe nur die Augen, erwidere aber zugleich: „Und du schlägst mir ja fast noch das Fenster ein.“ Geschickter als vor ein paar Jahren klettere ich den Haselnussbaum hinab, auch wenn noch keiner im Haus schläft. Ich brauche Ablenkung. Will nicht mehr daran denken. Der Elb schaut mich lange an bevor wir losgehen und scheint auf irgendeine Äußerung vonseiten meiner Wenigkeit zu warten. Als ich jedoch nur loslaufe und nichts sagen will, schüttelt er schmunzelnd seinen Kopf und fragt leise: „Was schlägt dir denn so aufs Gemüt, Kleines? Ich hab dich noch nie so zerstreut gesehen.“ „Zerstreut? Kann sein. Ich hab grad' nur erfahren, dass Gihvrem mich heiraten will.“ Legolas lacht leise, als ich das sage, legt dann aber seine Hand auf meine Schulter und beschwichtigt: „So weit kommt's noch.“ Wir gehen zu seinem Pferd, welches geduldig auf uns beide wartet. Bevor wir aber losreiten, bittet Legolas mich noch kurz zu warten und hebt etwas vom Boden neben dem Pferd auf. Es ist in eine unauffällige Decke eingewickelt und gar nicht mal so breit. Er reicht mir diesen Gegenstand mit einem lächelnden Nicken. „Alles Gute, Elarras.“ Unwillkürlich muss ich grinsen; er hat es also nicht vergessen. „Aber...“, sage ich leise, ohne wirklich zu wissen, was ich jetzt tun soll, „sollte das nicht besser bis nach dem Training warten?“ Er zieht die Schultern hoch und legt den Kopf schief. „Das dachte ich auch. Aber so niedergeschlagen wie du bist, kannst du ein wenig Aufmunterung gut vertragen.“ „Muss ich Angst haben?“ Ihm entkommt ein leises Lachen, aber er schüttelt den Kopf, woraufhin ich zögerlich die Decke abwickle. Der Mund bleibt mir vor Staunen offen stehen, als mir eine leuchtend weiße Klinge entgegenstrahlt. Auch ein Bogen von feinem dunklen Holz und ein Rückenköcher voll weiß befiederter Pfeile liegen anbei, verpackt in einer weiteren Decke und lassen wiederum ein Lächeln in meinem Gesicht aufleuchten. „Legolas...“, sage ich leise ungläubigen Blickes, kann aber nicht weitersprechen. Er grinst nur dezent und nickt wiederum. Dann kommt er ein paar Schritte näher, nimmt die Sachen und hilft sie mir anzulegen. „Und ich bestehe darauf, dass du diese Waffen von nun an dein Eigen nennst“, ergänzt er, nachdem ich Köcher samt Bogen auf meinem Rücken trage und den Degen, der gewisse Ähnlichkeiten mit meinem Dolch hat, an meiner linken Seite. Für einen Moment starre ich diesen Waldelb einfach nur an, komme aber nicht umhin, ihn fest zu umarmen und mich zu bedanken. Er erwidert diese Umarmung. Als er mich loslässt, betrachtet er mich noch einmals von oben bis unten, wobei er leicht den Kopf schüttelt. „Zwölf Jahre alt bist du schon“, spricht er. Ich erwidere mit einem Schulterzucken: „Und noch immer kein Stückchen gewachsen.“ Wir müssen lachen. Doch zugleich schüttelt El wieder seinen Kopf, was in diesem Moment nur so viel bedeutet wie: Ich hör' schon damit auf, dich umzustimmen. „Und nun?“, frage ich. Zwar zögert er kurz, sagt dann aber: „Vielleicht solltest du dich jetzt erst einmal an deine neuen Waffen gewöhnen.“ Damit weist er mich an, den Degen zu nehmen, nimmt seinerseits sein weißes Elbenmesser, das höchstens die Hälfte der Länge meines Degens entspricht, aber in der Hand dieses Waldelben umso gefährlicher ist, zur Hand und hält seine Klinge gegen meine. Ich gehe darauf ein, sodass wir uns im nächsten Moment in einem Zweikampf befinden, welcher sogar fast lautlos vonstatten geht. Muss es ja auch, so nahe wie wir uns noch am Dorf befinden. Keiner ist darauf aus, den Anderen zu verletzen; nur entwaffnen und besiegen – das ist das Ziel. Er kämpft anders mit mir als mit meinen Brüdern. Keinesfalls harmloser; nein, wenn nicht sogar ein wenig hinterlistiger. Aber Legolas hat mit mir ja auch drei- bis viermal in der Woche geübt. Mindestens dreimal so schnell wie die beiden Jungs hab ich das also gelernt. Und bisher schlage ich mich gar nicht mal so schlecht. Es dauert, bis Legolas in eine für ihn günstige Position kommt und mir den Degen aus der Hand schlägt. Eigentlich hätte er jetzt gewonnen, doch damit will ich mich nicht zufriedengeben. Ich kicke ihm die Waffe ebenfalls aus seiner Hand, woraufhin unser Kampf nun waffenlos weitergeht. Kaum wird das klar, muss der Elb beifällig grinsen und begibt sich in Angriffsposition. Bereits bei seinem nächsten Angriff macht sich bemerkbar, dass er mich im Ausweichen und Kontern sehr gut unterrichtet hat. Jeder Andere hätte bei dem Griff und Wurf über die Schulter sein Gleichgewicht verlieren müssen, aber nicht dieser Waldelb. Es ist schon dezent gemein, dass ich so klein bin; da hat er um einiges weniger Angriffsfläche als ich. Und doch lässt keiner von uns beiden nach, bis der Kampf entschieden ist. Diesmal endgültig, denn aus Versehen treffe ich Legolas derart hart und unvorbereitet in die Leber, dass er erst einmal stockt und schließlich vor Schmerz ächzen muss. Erschrocken schlage ich die Hände vor meinem Mund zusammen, lasse die Waffe fallen und renne zu ihm hin. Er keucht schweratmend, als ich zu ihm komme und seine Schultern aufrichte, aber ein Lächeln fliegt über seine Lippen – wenn auch ein schmerzverzerrtes. „Es tut mir leid, El“, beteure ich angstbesetzt. Hingegen winkt Legolas ab und meint mit gepresster Stimme, es würde schon wieder gehen. Ich glaube das jedoch nicht so ganz. Mag sein, dass ich immer noch unter Schock stehe, weil ich das gar nicht erwartet hätte. Zwar hat er mir schon einmal gesagt, dass die Leber ein guter Knockout-Punkt ist, aber dieser Schlag kam rein intuitiv, ohne dass ich es wirklich wollte. Nach einigen Minuten geht es ihm besser und er kann wieder aufrecht stehen, auch wenn die Seite ihm immer noch ziemlich wehtut. Als er die Tränen in meinem Gesicht sieht, muss er lachen und wischt sie mit seinem Handrücken weg. „Du hast alles völlig richtig gemacht. Weine doch nicht deswegen. Du hast mich besiegt“, sagt er beschwichtigend. Ich hingegen werde rot im Gesicht und schaue zu Boden. Aber wie besiegt? Beinahe k.o. geschlagen hab ich ihn. Ein Glück, dass ich nicht noch aus Affekt in seine Luftröhre gestochen habe. Mir ist es einfach unangenehm, dass ich ihm so zugesetzt habe, doch er lächelt schon wieder und scheint es mir wirklich nicht böse zu nehmen. Er hebt meinen Degen vom Boden auf und gibt ihn mir zurück. Mit dem Kämpfen reicht es für heute erst einmal. Die Nacht ist aber noch gar nicht so weit vorangeschritten und so früh möchte ich nun auch wieder nicht nach Hause, also laufen wir noch ein bisschen weiter Richtung Westen, während wir uns über dies und jenes unterhalten. Dabei lerne ich auch ein wenig Sindarin von ihm; wie jedes Mal wenn wir uns treffen. Theoretisch kann ich es schon fließend sprechen und verstehen, aber es ist wie in Westron; es gibt noch einige Wörter, die ich nicht kenne. Erst kurz vor der Morgenröte bringt er mich heim. Es fällt mir schwer mich zu verabschieden, denn ich habe Angst, dass es in den nächsten Tagen wieder Streit in meiner Familie gibt. Ich hasse Streit und versuche ihm so oft wie nur möglich aus dem Weg zu gehen. Diese Traurigkeit darüber will ich mir zwar nicht anmerken lassen, doch Legolas merkt, dass irgendwas mit mir nicht stimmen kann und fragt nach. Ein bisschen traurig sehe ich zu ihm auf und frag': „Könnten wir so etwas nicht öfter machen?“ Er grinst. „Das ist mittlerweile schon deine Standardfrage, hab ich recht?“ Mit einem lächelnden Nicken muss ich ihm recht geben, doch ehrlich gesagt, habe ich das auch gefragt, um meinem Gesichtsausdruck einen anderen Grund zuzuschreiben. Seine Antwort ist uneindeutig. Es ist ein Vielleicht. Ich nicke nur mit dem Versuch eines Lächelns, umarme ihn noch einmal und verabschiede mich von ihm. Auch er verabschiedet sich mit einem aufmunternden Lächeln und winkt mir zu, kurz bevor ich im Geäst des Baumes vor meinem Fenster verschwinde.

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