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Elarras - Die eine und neun andere

Kapitel 4

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4. Von Recht, Anrecht und Unrecht
Er lässt mich weiterschlafen, bis die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen. „Morgen“, murmle ich, mir verschlafen die Augen reibend, als auch der erste Vogelgesang in der Luft ertönt. Legolas lächelt nur mild und steht auf. „Es hat aufgehört zu regnen“, erwidert er und weist nach draußen, woraufhin ich aufspringe und kurz nachdem ich unseren Unterschlupf verlassen habe, stehenbleibe, um tief durchzuatmen. „Ach, die Luft ist so gut jetzt.“ Ein strahlendes Lächeln erhellt meine Züge und verlangt dem Waldelb ebenfalls eines ab. „So leicht bist du zufriedenzustellen?“ „Hey, das ist schon voll anspruchsvoll“, erwidere ich neckend. „Immerhin kann man das Wetter nicht kaufen. Das ist halt so oder ist halt nicht so.“ Er sagt nichts dazu. Er lächelt nur mehr oder weniger zustimmend. Sein Blick schweift Richtung Süden. „Wenn wir Glück haben, dann können wir noch vor Mittag ankommen. Denkst du, du schaffst das? Geht es dir besser?“ Sofort bejahe ich und komme näher zu ihm, woraufhin wir uns auch gleich auf den Rückweg machen. Im Gegensatz zu gestern ist es heute gar nicht mal so heiß. Die Sonne scheint zwar noch nicht so lange, aber trotzdem glaub ich, gestern morgens war es wärmer. Warm genug, um barfuß zu laufen, ist es jedoch zum Glück schon. Denn ehrlich gesagt, ich will jetzt nicht unbedingt wieder meine noch nassen Schuhe anziehen müssen. Auf dem Weg halte ich Ausschau nach diesem Pferd, das Legolas und ich gestern getroffen haben. Mir scheint, als hätte ich es irgendwann schon einmal gesehen. Nur wann? Vermutlich in der Zeit, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Ein Wildpferd ist es, hat Legolas ja gestern gesagt. Ein schönes Wildpferd. Ich würde es gerne wiedersehen; immerhin hat es mir das Leben gerettet. Wie aber könnte ich mich bei diesem Tier bedanken? Mit etwas zu essen? Fressen Pferde nicht gerne Äpfel? Da hätten wir welche im Garten hinter unserem Haus. Ich glaub schon, dass Vater mir erlauben würde, einige von ihnen zu nehmen. Die Frage ist nur, wie könnte ich sie dem Pferd geben? Hm... vielleicht kommt es ja von selbst zu uns. Ja, das wäre schon total seltsam, aber nachdem dieser Rappe Legolas und mir den Weg gezeigt hat, würde es mich auch nicht wundern, wenn es plötzlich irgendwo in Grünfeld auftaucht. „Jenny, Jenny, Jenny. Du bist mit deinen Gedanken wohl wieder einmal ganz wo anders“, sagt der Elb auf einmal. Ich nicke grinsend. „Das Pferd von gestern. Ich will das sehen.“ „Du meinst den schwarzen Hengst? Ja, ich glaube, der hätte dir gefallen.“ Aus dem Augenwinkel sehe ich genau, wie sich ein Schmunzeln über seine Züge legt. Allem Anschein nach ist auch er heute gut aufgelegt. Oder zumindest besser als gestern. Ich muss ebenfalls lächeln, jedoch weil ich das Pferd ja schon einmal gesehen habe und ihm recht geben muss. Es hat mir gut gefallen. Nur würde ich es nicht für mich beanspruchen wollen. Sicherlich will es nicht von seiner Freiheit in der Wildnis lassen, was auch nicht gerade verwunderlich ist. „Machst du dir eigentlich häufig Gedanken um Vergangenes?“, fragt der Elb. Warum will er so etwas wissen? Gestern ist er eher weniger gesprächig gewesen, warum denn dann heute plötzlich und direkt so eine Frage? Ich nicke halbherzig. „Es kommt drauf an. Das meiste vergesse ich ganz schnell. So Sachen wie, dass ich gerade exakt diesen Satz gelesen habe oder genau das gegessen habe oder so. Aber die meisten Sachen, die andere betreffen, merke ich mir eigentlich ganz gut. Also... zum Beispiel, der einen geht es gerade nicht gut, weil sie Probleme mit ihren Eltern hat, der andere ist voll glücklich, weil er gerade ein langjähriges Ziel erreicht hat, der da hat vor irgendwann einmal die Welt zu umreisen und so weiter.“ „Also vergisst du Lappalien eher schnell?“ Erst stocke ich. Dieses eine Wort kommt mir nicht bekannt vor. Es klingt so hochtrabend und normalerweise redet niemand so mit mir. Aber im Kontext müsste Legolas wohl Belanglosigkeiten meinen, also erwidere ich: „Meistens ja.“ Der Waldelb nickt leicht. Nach einer Weile spricht er weiter. „Ich hab heute Nacht darüber nachgedacht. Über das, was du gestern gesagt hast.“ „Hast du heute Nacht nicht geschlafen?“ Er lacht leise und schüttelt seinen Kopf, als er meinen besorgten Blick bemerkt. „Wir Elben benötigen keinen Schlaf. Wir ruhen uns in unseren Gedanken aus.“ Etwas skeptisch sehe ich zu ihm hinüber, als er das so sagt. Macht Denken eigentlich nicht eher müde und ist anstrengend? Ich weiß ja nicht, wie er das sieht, aber wenn ich mir eine ganze Nacht lang über ein und die selbe Frage den Kopf zerbreche, bin ich am nächsten Morgen keinesfalls ausgeruhter. „Das ist eigenartig.“ Wiederum schüttelt er lächelnd den Kopf. „Nein. Nur nicht menschlich.“ „Und somit ist es... unmenschlich?“ Er grinst und fährt fort: „Das könnte man so sagen. Nein, jedenfalls bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass du eigentlich sogar einen gewissen Anspruch darauf hast, zu wissen, was damals genau passiert ist.“ Sofort werde ich hellhörig und schau zu ihm hinauf. Seine Miene ist dezent im Widerspruch mit dem, was er gesagt hat. Man sieht es ihm an, dass er nicht gerade gerne davon erzählen will, aber er spricht weiter. „Nun ja. Vor einigen Jahren, vielleicht sechs Jahre ist es her, als du noch ganz klein warst, da lebte hier im Dorf ein junges Mädchen, ungefähr in Adons Alter, ein Jahr nur jünger. Meriel hieß sie. Sie war ein hübsches Mädchen, aber auch sehr vernünftig. Still, genügsam wenn nicht sogar schon schüchtern. Sie sah dir ganz ähnlich, aber sie hatte einen anderen Charakter. Und dann war da Helendir. Er ist ein Abkömmling der Noldor und Sindar. Und ein Verräter, ein Lügner und Heuchler. Die Galadhrim aus Lórien, dem Ort woher er stammt, meinten, er habe einen kranken Geist, denn... er hat dort seine Familie umgebracht. Deshalb wurde er verbannt und streifte lange in Mittelerde umher, bis er sich Sauron angeschlossen hat... Du weißt doch wer Sauron ist?“ „Ja, ein Maia ist er, nicht wahr?“ „Ganz recht. Aber er dient Melkor und will alle freien Völker Mittelerdes am liebsten in seiner Hand sehen. Jedenfalls schloss Helendir sich ihm an und wurde immer stärker in den Gaben, die er hat. Die herausstechendste davon ist wohl seine Verwandlungskunst. Du wirst ihn nicht erkennen können, es sei denn, er gibt sich dir zu erkennen. Dieser Elb ist früher für einige Zeit hier gewesen. Er mischte sich unter die Elben meines Volkes, tarnte sich als einer von ihnen, mit schwarzem Haar und grauen Augen. So fand er Meriel. Früher dachten wir alle, es sei Zufall gewesen, doch mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Er suchte sie sicher schon länger. Sie trafen sich öfters. Anfangs war alles auch noch in Ordnung. Aber dann wurde Meriel misstrauisch. Sie fühlte sich unwohl und hatte es immer häufiger mit der Angst zu tun, wenn er da war. Die Grünfelder hielten das für Hirngespinste. Sie sagten, sie kennen uns Elben doch. Aber sie kannten nur uns Waldelben aus dem Norden. Helendir kannten sie nicht. Ich habe zwar nur Gerüchte von diesem Elb gehört, doch als Meriel erzählte, wie unwohl sie sich in seiner Nähe fühlt, wurde auch ich skeptisch und begleitete sie jedes Mal, wenn Helendir mit ihr war. Du kannst dir vorstellen, dass ihm das nicht gerade gefallen hat. Jedoch tat er auch nichts dagegen. Eines Tages konnte ich allerdings nicht mit Meriel gehen. Ich musste zurück in den Norden, in meine Heimat. Also musste Adon mich vertreten. Und... das war ein Fehler. Sie sind in den Wald gegangen. Es war ein heißer Tag und da ist es sicher, dass man irgendwann durstig wird. Das hat er sich zunutze gemacht, indem er Adon ein Gift in seine Feldflasche getan hat. Es tötete ihn nicht, aber es lähmte ihn für etwa eine Stunde. Adon sah, dass dieser Elb mit Meriel geredet hat. Erst ganz normal, wie davor auch, dann aber schien er verwirrt und wurde jähzornig. Er zückte ein Messer und erstach das arme Mädchen. Neun Mal stach er auf sie ein, bevor er sie und Adon dort liegenließ und verschwand... Gihvrem sagte dir, er habe das Mädchen vergewaltigt, nicht wahr?“ Ich nicke, immer noch sprachlos von dieser Geschichte. „Das stimmt nicht. Es wurde nur erzählt, weil Adon zunächst keinem sagen wollte, was vorgefallen ist. Er war noch zu traumatisiert davon. Deshalb dauerte es eine ganze Zeit, bis er seiner Familie und schlussendlich auch mir davon erzählte.“ „Deswegen hat er also fast geweint, als Gihvrem davon sprach?“ Legolas hält kurz inne und seufzt. „Nicht nur. Meriel... Sie war Adons und Keres' Schwester.“ Sofort setzt Schweigen ein. Selbst die Vögel scheinen für diesen Augenblick zu verstummen. Das ist ja schrecklich! Dieser Elb hat Adons Schwester vor seinen Augen umgebracht? Ich muss schwer schlucken und starre zu Boden. Mir war schon klar: Das Leben hier besteht aus töten und getötet werden. Aber so etwas würde ich nicht einmal meinem ärgsten Feind wünschen. Ist das vielleicht auch der Grund, warum Eronod und Kayen mich so herzlich aufgenommen haben? Legolas meinte ja, ich sähe ihrer Tochter ziemlich ähnlich. Wahrscheinlich ist Eronod deswegen nicht so begeistert, wenn der Waldelb in meiner Nähe ist, weil auch er... ja halt ein Elb ist. Eigentlich ist das unverschämt gemein von diesem Helendir gewesen, sich als ein Waldelb des Düsterwalds auszugeben. Das ganze Ansehen dieses Volkes leidet jetzt darunter, obwohl sie gar nichts dafür können. Da fällt mir ein... Was ist eigentlich danach passiert? „Wurde dieser Elb je wieder gesehen?“, frage ich Legolas kleinlaut. Dieser schüttelt langsam den Kopf. „Keiner weiß, wohin er geflohen ist oder was aus ihm geworden ist. Vielleicht ist er auch schon tot. Jedenfalls ist das zu hoffen.“ Mich schaudert's. Wenn dieser Mann noch leben sollte, würde er dann nicht vielleicht noch einmal so etwas tun? Es muss doch einen Grund gehabt haben, dass er gerade Meriel umgebracht hat. Es wäre auch möglich, dass er sie erst gar nicht töten wollte, sie sich dann aber gestritten haben oder so etwas und dann... Nun denn. Es ist vergangen und sollte wohl auch besser in der Vergangenheit bleiben. Nichtsdestotrotz habe ich ein wenig Angst davor, dass dieser Helendir noch leben könnte. Wie sehr beneide ich gerade meine beiden Brüder darum, dass Legolas ihnen das Kämpfen beibringt. Sie könnten sich wenigstens wehren oder anderen helfen, wenn noch einmal so etwas geschehen sollte. Ich darf das ja nicht lernen, weil es unsittlich für ein Menschenmädchen ist. Vor allem für die Tochter des Dorfherren schickt es sich ganz und gar nicht. Hätte Meriel sich jedoch wehren können... wäre sie dann nicht viel eher am Leben geblieben? Wenigstens vielleicht? „Legolas, konnte Meriel eigentlich kämpfen?“, frage ich nach und erhalte sogleich einen erstaunten Blick von ihm. „Nein. Es wäre unanständig für sie gewesen, so etwas zu erlernen.“ Wusste ich es doch. Hätte Legolas ihr nicht wenigstens ein bisschen Selbstverteidigung beibringen können? Zumindest heimlich? Er wusste doch davon, dass sie sich bei Helendir nicht wohlfühlt. Moment. Ist er damit nicht rein theoretisch mitschuldig an ihrem Tod? Jetzt stelle ich mir schon ethische Fragen. Das liegt wohl am Hunger. Aber ernsthaft jetzt. Ist es denn richtig, angesichts einer sichtbaren Bedrohung, traditionelle Prinzipien über die Wahrung eines Lebens zu stellen? So gefragt, nein. Wäre zumindest meine Antwort. Aber was zählen schon meine Gedanken in so einer Gesellschaft? Und warum werfe ich gerade mit solchen Begriffen um mich? Mädel, du bist acht Jahre alt! Woher kennst du solche Ausdrücke? Ist ja auch egal. Mir will jedenfalls der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass Helendir irgendwann wieder zurückkehren könnte. Das macht mir irgendwie Angst. Ja gut, ich weiß wie Hebel funktionieren und weiß auch, dass man jemanden für kurze Zeit kampfunfähig machen kann, wenn man ihm in die Leber schlägt – woher ich das weiß, keine Ahnung, jedenfalls nicht von Legolas, Streicher oder meinen Brüdern –, aber viel ist das nicht. Dezent frustriert über dieses ungerechte Rollenbild Grünfelds kicke ich einen Stein vor mir weg. Der Waldelb schaut etwas skeptisch zu mir hinüber, als er meinen Gemütswandel bemerkt. Dann aber scheint er zu verstehen, warum ich das vorher gefragt habe. „Es wäre besser gewesen, wenn sie es gekonnt hätte. Denkst du das nicht gerade?“ Ich nicke und kicke noch einen Stein fort. Nach einer kurzen Pause spricht er weiter: „Ich gebe dir recht. Vollkommen. Aber du kennst die Grünfelder. Sie sind stur und sehr traditionsverbunden. Ich hätte ihr gerne beigebracht, wie sie sich zumindest verteidigen könnte. Aber leider hatte auch sie diese grünfeldsche Denkweise inne. Sie wollte es nicht lernen, um ihrer Familie keine Schande zu bereiten. Du verstehst doch sicher, dass ich sie nicht zwingen konnte.“ Ich nicke verlegen. Wo er recht hat, hat er nun mal recht. Wer weiß, was dann für ein Konflikt losgetreten gewesen wäre? „Aber...“, beginne ich zögernd, „würdet ihr eigentlich... mir das Kämpfen beibringen können?“ Er stockt kurz und mustert mich kritisch, dann lächelt er leicht und nickt. „Wenn du es denn lernen willst... Doch denk an deine Familie, Jenny.“ „Sie müssen es ja nicht erfahren.“ Er grinst und schüttelt den Kopf. „Wie soll das gehen? Keres ist nahezu jeden Tag und zu fast jeder Stunde bei dir.“ „Tagsüber, ja. Aber nicht in der Nacht. Wir könnten uns nachts treffen. Mein Zimmer schließe ich ja mittlerweile eh immer ab und einen Zweitschlüssel hat keiner daheim. Den habe ich versteckt, falls ich ihn brauche. Und damit die Treppe nicht knarzt, kann ich ja durchs Fenster gehen.“ Jetzt muss Legolas lachen. „Das hast du doch sicherlich schon länger geplant.“ „Nee, ich schleiche mich nur manchmal nachts raus, um die Sterne besser sehen zu können.“ Und das meine ich ernst. Noch immer muss der Elb lächeln, aber er stimmt mir zu. „Die Frage ist nur, wo könnten wir üben? Wenigstens am Anfang brauchst du Licht, denn im Dunkeln kannst du wohl nicht ganz so gut sehen.“ „Gute Frage. Das könnte ich jetzt auch nicht direkt beantworten. Obwohl... Kennt ihr die alte Mühle am Waldrand?“ „Die, die früher einmal den Cefaeds gehörte? Die ist doch ein ganzes Stück von Laegrîdh entfernt.“ „Eben. Wenn da Licht brennen würde, sähe es niemand.“ „Nun gut. Aber ich werde dich nicht alleine bis dorthin gehen lassen können. Das wäre zu weit weg. Lass uns am Feldrand deiner Familie treffen und dann zusammen dorthin gehen.“ „Abgemacht. Ab wann?“ „Ab heute in einer Woche? Wäre das in Ordnung?“ Sogleich nicke ich eifrig und kann meine Freude darüber nicht verbergen. Ich werde endlich das Kämpfen beigebracht bekommen! Und das sogar von Legolas persönlich. Über Weiteres zu reden, lassen wir jetzt aber. Grünfeld kommt schon in Sicht. Aus der Ferne sehe ich bereits das Haus meiner Familie und muss weit grinsen. „Wir haben es geschafft, Legolas! Wir sind wieder da!“, rufe ich freudig aus und umarme ihn glücklich, was mein Rücken mir nicht gerade dankt. „Aua“, sage ich leise, als mir das bewusst wird. Der Waldelb lacht nur leise auf und verwuschelt mir das Haar. „Ich sagte dir doch, du sollst nicht allzu stürmische Bewegungen machen.“ Wir gehen weiter. Die Sonne steht noch im Osten, zwischen ihrem Zenit und dem Horizont, aber das ganze Dorf muss wohl schon auf den Beinen sein. Als wir auf die Hauptstraße kommen, spüre ich sofort die Blicke der Dorfbewohner auf uns liegen; zweigeteilt in ihrer Meinung. Die einen erleichtert, andere voller Argwohn. Woran das liegen mag, ist nicht schwer zu erraten und Legolas distanziert sich sogleich mehr von mir, was allerdings nicht sonderlich viel bringt. Die Blicke bleiben. Wir laufen weiter in die Richtung des Hauses der Marthannars, ohne die Verurteilungen der anderen wirklich zu beachten. Das ist aber nicht gerade leicht, wo wir beinahe das ganze Dorf durchqueren müssen; das Haus liegt am südlichen Rand und wir kommen von Norden. Auf dem Marktplatz in der Dorfmitte zieht jemand mich plötzlich zur Seite und hält mich fest. Ich erschrecke mich nicht nur, sondern muss aus Affekt scharf die Luft einziehen, weil derjenige mich unsanft am Rücken erwischt hat und es schrecklich brennt. „Was soll das?“, frage ich wütend, als ich Gihvrem in dem jungen Mann erkenne und funkle ihn böse an. „Du hast mir wehgetan!“ Er murmelt eine Entschuldigung und lässt meinen Arm los. „Geht es dir noch gut, Jenny?“, fragt er mich besorgt und wirft Legolas, welcher in einiger Entfernung stehengeblieben ist und wartet, einen argwöhnischen Blick zu. „Du darfst dich doch nicht alleine mit diesem Elb blicken lassen. Generell, du solltest nicht bei ihm sein.“ „Entschuldige, aber er hat mir vielleicht das Leben gerettet!“, erwidere ich noch immer gereizt. Naja, zumindest so ähnlich. Gihvrem verdreht verachtend seine Augen und sagt: „Das macht er doch nur, um dein Vertrauen zu gewinnen. Pass auf, eines Tages wird es dir genauso gehen wie dem armen Mädchen...“ „Du meinst Meriel?“ Er stutzt und starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Sag nicht, er hat dir davon erzählt.“ Doch ich nicke ernst, woraufhin er mich wieder an den Schultern packt und verbissen versucht auf mich einzureden. „Glaub nicht, was er dir gesagt hat! Lügen hat er dir erzählt! Nur Lügen, Jenny! Er ist doch auch einer von diesen Elben! Glaub ihm nicht!“ „Gihvrem, es reicht!“, schreie ich ihn wütend an und reiße mich von ihm los, auch wenn es mir wieder wehtut. Was ist nur los mit diesem Jungen? Anfangs war er mir ja ganz sympathisch, aber immer wenn es um Elben geht, rastet er vollkommen aus. „Du reagierst völlig über. Er wird mir schon nichts antun.“ „Ach ja?“, erwidert er leicht spottend, während ich langsam rückwärts gehe. Wiederum übermäßig besorgt geht er mir rasch nach und nimmt meine Hand. „Warum sagst du so etwas? Hat er dich bedroht? Oder hat er dir irgendwas versprochen? Jenny, antworte mir!“ Aber ich reiße meine Hand ohne Antwort aus seiner und laufe schutzsuchend hinüber an Legolas' Seite. Dieser legt seinen Arm um meine Schultern, als er die Angst in meinen Augen sieht und geht mit mir weiter, nachdem er den Grünfelder kurz begrüßt hat. Gihvrem bleibt stehen und starrt uns nur hinterher. Ich sehe auf halbem Weg zurück und bedaure plötzlich, dass ich ihm gegenüber so hart war. Andererseits war ich gerade so erbost über ihn, dass mir beinahe die Hand ausgerutscht wäre und er sich die nächsten Tage mit einer Gehirnerschütterung zu plagen hätte. Trotzdem, wenn man schon die ganze Zeit eingeredet bekommt, dass Elben ach so böse sind, denkt man natürlich irgendwann nicht mehr darüber nach und ist dann der Meinung, es sei genau so offensichtlich, wie dass der Himmel blau ist. Er kann eigentlich nichts dafür. Auch wenn es dumm ist. „Darf ich dich wieder loslassen?“, fragt Legolas leise, nachdem wir einige Schritte gegangen sind. Ich bejahe und rücke ein Stück von seiner Seite; es würde nur noch mehr Argwohn in den Dorfbewohnern erzeugen. „Verzeiht mir bitte“, brummle ich verlegen und sehe zu Boden. Der Elb hingegen antwortet nur: „Ist schon gut.“ Nicht mehr, nicht weniger. Aber es beruhigt mich, dass er mir das nicht übelnimmt. Wir reden sicherheitshalber nicht mehr, bis wir zum Haus kommen. Dort sehen uns Adon und Keres schon von Weitem. Sie rennen zu uns hin, beide mit großer Erleichterung Gesicht, anders als die Grünfelder, die wir bisher gesehen haben. Eine Träne läuft meine Wange hinunter, als ich Keres sehe. Es stimmt. Man sieht auch heute noch ganz deutlich die Schrammen an seinen Armen und an seiner Stirn, aber er strahlt über sein ganzes Gesicht. Ihm geht es zum Glück gut und das zeigt auch, dass Legolas mich nicht angelogen hat. Ganz ehrlich, warum sollte er auch? Keres umarmt mich stürmisch, als die Zwei bei uns angelangt sind und haut mir erst einmal voll auf den wunden Rücken. „Keres“, quetsche ich unter zusammengepressten Zähnen hervor. „Ich freu' mich ja auch, aber du tust mir gerade verdammt weh.“ „Oh, 'tschuldige“, sagt er erschrocken und lässt mich sofort wieder los, dann aber strahlt er wieder und sieht kopfschüttelnd an mir hinunter. „Du siehst ja schlimm aus“, meint er, was mir ein Grinsen entlockt. „Ja, ja und verdreckt bin ich auch noch.“ Der Ältere nimmt mich ebenfalls in seine Arme, jedoch vorsichtiger als Keres, um mir nicht auch noch wehzutun. In seinen Augen stehen Freudentränen, was mich ehrlich gesagt ziemlich verwundert. Ich meine, so lange bin ich noch gar nicht ihre Schwester, aber Adon scheint sich jetzt schon vollkommen als mein großer Bruder zu sehen. „Ich hatte so Angst um dich, Anny“, sagt er leise und gibt mir einen leichten Kuss auf die Wange. Ich verwuschle ihm sein strohiges Haar und muss grinsen. „Ich hab dich auch lieb, Großer.“ Da merke ich, wie mein Magen knurrt und schau noch einmal zu ihm und Keres auf. „Aber ich würd' auch gern was essen“, gebe ich kleinlaut zu, woraufhin die beiden lachen. Sie fordern mich auf, mit ins Haus zu kommen und laufen schon los, doch ich dreh mich zum Waldelb um. Wir können ihn doch nicht einfach so hier draußen stehenlassen. Immerhin hat er mich nach Hause gebracht und sich um mich gekümmert. Das Training für meine Brüder müsste heute wegen Keres wohl ausfallen, also hält ihn eigentlich nichts mehr hierzubleiben, aber... ich will nicht, dass er geht. Warum auch immer. So absurd es klingen mag, doch beinahe beschleicht mich das Gefühl, dass einige Grünfelder heute beschlossen haben, ihn noch mehr als sonst zu hassen, als sie uns beide gesehen haben und ich bin schuld daran. Diese verfluchte Sturheit der Menschen hier! Von Weltoffenheit sind wir in diesem Dorf wohl noch meilenweit entfernt. Aber was will man machen? „Kommt ihr mit?“, frage ich Legolas, der sich bereits schon zum Gehen umgewandt hat, kleinlaut und schaue bittend zu ihm hinauf. Es wäre sicher interessant zu erfahren, was jetzt in seinem Kopf vonstatten geht, aber leider kann ich keine Gedanken lesen. Legolas zögert kurz, was mich ein klein wenig nervös macht. Wenn er Nein sagt, werde ich ihn so lange zu überreden versuchen, bis er Ja sagt. Das ist mein erster Gedanke. Aber nein, man muss anderen ja ihren freien Willen lassen. Glücklicherweise nickt er jedoch, weshalb ich lächelnd aufatme und ihn mit zum Haus ziehe. Er grinst nur kopfschüttelnd, kaum bemerkt er wie erleichtert ich darüber bin, doch das beachte ich nicht. Lange bleibt er allenfalls nicht bei uns, denn bereits nach dem Mittagessen muss er wirklich gehen. Daher bin ich auch recht traurig, als wir uns verabschieden. Wie das genau gekommen ist, kann ich nicht sagen, aber heute habe ich angefangen diesem Elb gegenüber eine gewisse Zuneigung zu empfinden. Vermutlich weil er bisher der einzige gewesen ist, der ganz ehrlich mit mir redet und mir auch etwas zutraut. Anders könnte ich mir das nicht erklären, wo ich ihm anfangs sogar eher abgeneigt gegenüber gestanden habe. Jetzt muss ich allerdings wieder eine ganze Woche warten, bis wir uns wiedersehen. Eine Woche ist lang, wenn man wirklich etwas erwartet. Und doch geht sie gar nicht einmal so langsam um. Keres fühlt sich derart schuldig an diesem Unfall am Fluss, dass er sich jeden Tag irgendetwas Neues überlegt, um „wieder meine Gunst zu erlangen“, wie er es ja so schön poetisch ausgedrückt hat. Beinahe jeden Tag schenkt er mir irgendwas, vom Blumenstrauß bis hin zu einem Armband. Zwar versuche ich es ihm immer wieder auszureden, dass er viel Schuld daran trüge, wie er behauptet, denn ich habe mindestens genau soviel Anteil an diesem Missgeschick, aber da zeigt sich einmal mehr die Sturheit der Grünfelder. Keres hört nicht auf mich. Leider dürfen wir beide nun nicht mehr aus dem Dorf hinaus, seit ich wieder zurückgekommen bin. Nur als Sicherheitsmaßnahme versteht sich, damit so etwas bloß kein zweites Mal passiert. Das gibt mir ein miserables Gefühl, weil ich weiß, wie gerne Keres weite Wanderungen unternimmt; vor allem bis zum Rand des Düsterwaldes oder wenigstens bis zum Celduin. Jetzt bin ich schuld daran, dass wir beide nur noch bis zur Dorfgrenze gehen dürfen. Würden wir weiter hinaus, so können wir uns auf Hausarrest gefasst machen. Obwohl ich mich daran schuldig fühle, vertuscht Keres es auch hier und nimmt die alleinige Schuld auf sich. Damit schiebt es sich immer hin und her dieses „Nein, ich bin schuld daran, du kannst nichts dafür“. Gut, es ist schon offensichtlich, dass mein werter Bruder den größeren Schuldanteil trägt. Doch wenn man genau hinsieht, dann habe ich eigentlich fahrlässig gehandelt. Ich wusste, dass das nicht gutgehen kann, hab ihn jedoch nicht davon abgehalten es zu tun. Für alle die das nicht verstehen wollen, ein extremeres Beispiel. Nehmen wir einmal an, er würde von einem Hausdach in einen Haufen Stroh springen wollen – was nebenbei bemerkt schon einmal passiert ist, zum Glück aber ohne größeren Schaden. Er denkt, es ist nicht so tief und er würde weich landen, aber ich weiß, dass das Dach zu weit entfernt vom Boden ist und er sich dabei das Genick oder noch mehr brechen könnte, weil der Strohhaufen zudem nicht gerade hoch ist. Klar ist er in erster Linie schuld daran, wenn er sich etwas bricht, andererseits könnte ich aufgrund... fahrlässiger Beihilfe zum Mord, nein zur... Tötung... Verletzung... was auch immer angeklagt werden... Stimmt das? Keine Ahnung. Hört sich jedenfalls irgendwie professionell an. Vielleicht sollte ich ja Richter werden... nee. Besser nicht, sonst werfe ich mit Begriffen um mich, die selbst ich nicht verstehe und labere irgendeinen Stuss, der keinen Sinn ergibt. Wo waren wir? Ach ja, Keres hat sogar einen Apfelbaum für mich personalisiert. Echt jetzt; mir gehört ein eigener kleiner Apfelbaum an unserem Feld und der trägt bereits Äpfel. Das hat mich zuallererst wieder auf das Pferd gebracht, das mich damals vor der Unterkühlung gerettet hat. Leider habe ich es bis jetzt noch nicht wiedergesehen. Wie sollte ich auch? Es wäre nicht gerade plausibel, wenn dieses Tier so mir-nichts-dir-nichts auftauchen würde und an unsere Haustür klopft. Ein lustiges Bild womöglich, aber... nein. Das wäre unrealistisch. Und doch wünschte ich, dass ich es irgendwann einmal wieder treffe. Die Woche ist inzwischen endlich vorüber und Legolas ist wieder da, um mit den Jungs zu üben. Natürlich schaue ich den dreien draußen wieder zu; heute jedoch die ganze Zeit über mit einem dezenten Grinsen im Gesicht. Auch wenn der Elb nicht so viel mit mir redet, freue ich mich auf den Abend, mache mir aber dennoch Gedanken. Wenn ich es genau betrachte, werd' ich dann eigentlich schon drei Dinge tun, die mir verboten wurden. Zuerst gehe ich über Grünfelds Grenze hinaus, dann bin ich auch noch in der Gesellschaft eines Elbs und zu guter Letzt wird mir auch noch das Kämpfen beigebracht, obgleich ich ein Mädchen bin. Kriminell, kriminell. Trotzdem bin ich lieber kriminell, als dass ich mich im Ernstfall nicht verteidigen könnte. Und so wird es auch schon Abend. Legolas hat sich bereits vor einigen Stunden von uns verabschiedet, meinen Eltern und Brüdern habe ich Gute Nacht gesagt und warte eigentlich nur noch darauf, dass es dunkel genug wird, um aus meinem Zimmer zu verschwinden. Ein wenig Herzklopfen bereitet das Ganze mir schon. Immerhin habe ich mir nie vorgenommen so weit von zuhause ohne einen meiner Brüder wegzugehen, dazu noch nachts. Was wenn mich jemand dabei erwischt und es den Eltern sagt? Womöglich könnte ich Hausarrest bekommen. Wenn es nichts weiter wäre, okay. Aber wenn derjenige mich fragt, wohin ich denn wollte? Soll ich etwa lügen? Ich hoffe einfach, dass es erst gar nicht so weit kommt. Also schau ich noch einmal nach, ob meine Zimmertür gut verschlossen ist und zieh mich um. Vorwiegend dunkle Kleidung nehme ich; damit man meine Schritte nicht so arg hört, trage ich meine Schuhe erst einmal in den Händen, zumindest so lange, bis ich aus dem Dorf raus bin. Meine Haare binde ich rasch in einen provisorischen Dutt zusammen und dann geht es auch schon los. So geräuschlos wie möglich öffne ich das Fenster über meinem Bett, stelle die Schuhe hinaus und lausche. Nichts Ungewöhnliches. Die Grillen zirpen, der Wind rauscht durch die Blätter der Obstbäume und der Eiche vor unserem Haus, unter meinem Zimmer schnarchen die Eltern, alles ruht in der nächtlichen Stille. Noch einmal atme ich tief durch. Ich schaff das schon. Auch wenn ich mich dabei nicht ganz so gut fühle. Flink setze ich mich auf die Fensterbank und husche hinaus. Ein Glück, dass direkt vor meinem Fenster ein Haselnussbaum wächst. Schon öfters hat dieser mir dabei geholfen, vom oberen Stockwerk hinunter zu gelangen, ohne dass ich die alte Holztreppe benutzen muss. So auch heute. Obwohl ich das nicht zum ersten Mal mache, habe ich irgendwie Angst. Angst entdeckt und zur Rede gestellt zu werden. Sonst habe ich das ja nur gemacht, um die Sterne besser sehen zu können, da der Baum – so gerne ich ihn auch habe – mir seit dem Sommer immer die Sicht versperrt. Jetzt ist jemand anderes involviert und das macht mich nervös. Nichtsdestoweniger schaffe ich es, wenn auch eher leidlich, ohne allzu viele Geräusche vom Baum hinunter, halte am Boden jedoch noch einmals inne, um verdächtige Geräusche wahrnehmen zu können. Immer noch ist alles ruhig. Das ist gut. Meine Schuhe halte ich immer noch fest in der Hand, schau kurz die Straße entlang und renne dann am Feldrand entlang weiter Richtung Osten. Nach einer Zeit höre ich ein melodisches Pfeifen, woraufhin ich abrupt stehenbleibe und mich umschaue. Noch einmal ertönt es und das Schnauben eines Pferdes, dann erkenne ich Legolas mit seinem Pferd am Feldrand und muss lächeln. „Ein schöner Abend heute, nicht wahr?“, fragt er grinsend und erhebt sich vom Boden. „Abend ist gut“, erwidere ich, als ich näher komme und endlich meine Schuhe anziehe. „Wir haben schon kurz vor Mitternacht.“ Kaum sag ich das, muss ich gähnen, halte aber schnell meine Hand vor den Mund. Legolas schmunzelt. „Du gewöhnst dich schon noch daran. Lass uns noch ein Stück weit laufen, bevor wir losreiten. Das hört man nicht so sehr.“ Ich nicke nur. Es wird schon richtig sein. Erst nachdem die Grundrisse der Häuser mit dem Dunkel der Nacht verschmelzen, steigt der Elb auf sein Pferd und hilft mir hinauf. Ein edles Tier ist es, das merke ich selbst als Laie in Sachen Pferden. Es galoppiert beinahe lautlos über die Wiesen, die zwischen Grünfeld und dem Düsterwald liegen und schnell ist es. Nicht mehr als vier Minuten später erreichen wir die alte Mühle, ein schon recht betagtes Gemäuer, umgeben von einer weiten Fläche, die früher einmal als guter Nährboden für Weizen und Gerste gedient hat, mittlerweile aber nur noch Brachland ist. Streicher erzählte mir, dass die Mühle kurz nach diesem Vorfall, den er mir damals nicht erklären wollte, aufgegeben wurde, da sie zu nahe am Düsterwald läge. Damals sind oft arbeitsuchende Waldelben hierher gekommen und haben dem Müller Bran Cefaed ausgeholfen. Dieser, auch wegen des Vorfalls stark misstrauisch geworden, hat die Mühle und das umliegende Grundstück schließlich verlassen und eine andere auf östlicher Seite Grünfelds errichten lassen. Keres und ich haben sie eines Tages hier „neuentdeckt“ und sind seither auch öfters hierher gekommen, nur wird das leider nicht mehr so sein. Jedenfalls werde ich nicht mehr mit meinem Bruder hier sein können. Legolas hilft mir vom Pferd runter, nachdem er selbst abgestiegen ist. Es ist ein wenig unpraktisch, dass ich um fast vier Köpfe kleiner als er und somit auch gar nicht mal sonderlich groß für mein Alter bin. Vielleicht wird es mir deshalb ein wenig schwerer als meinen Brüdern fallen das Kämpfen zu lernen. Oder auch nicht? Ich seufze dezent verzweifelt, was der Elb sofort bemerkt. Er beugt sich zu mir hinunter und legt leicht lächelnd seine Hand auf meine Schulter. „Was ist denn, Kleine?“ Ich grinse sarkastisch und sehe ihn an. „Gerade das ist. Ich bin klein. So ein Schwert ist doch sicher zu groß für mich.“ Auf diese Aussage muss er lachen. Ich finde das aber gar nicht mal so witzig und verschränke meine Arme vor der Brust. „Ich mein' ja nur... ihr kennt meine Perspektive... Verzeihung, meine Blickrichtung, mein Sichtfeld nicht. Ihr seid ja viel größer. Wie...“ „Ach, Jenny“, unterbricht er mich sanft und streift eine Haarsträhne aus meinem Gesicht. „Darüber mach dir mal keine Sorgen. Ich werde dir doch nicht gleich beibringen, wie du dich mit einem zweischneidigen Schwert durch ein Heer von tausend Orks kämpfen könntest. Wir fangen einfach an.“ Ich zucke erst nur mit den Schultern, stimme dann aber nickend zu. „Okay. Wenn ihr es sagt...“ „Hör auf mich so höflich anzureden. Das ist das Erste.“ Etwas verwirrt stocke ich. Das... ist irgendwie komisch. Immerhin ist er doch mindestens zweitausend Jahre älter als ich, also eine Autoritätsperson. Und dann soll ich ihn wie meine Brüder anreden? Also... ihn quasi duzen? „Machen Adon und Keres das denn auch?“, will ich wissen und er nickt. „Es war auch das erste, was ich ihnen beibringen musste.“ „Aber wozu? Ich bin gerne distanziert zu anderen.“ Wieder muss er lächeln, doch er antwortet ruhig: „Wem würdest du eher vertrauen? Jemandem, dem du immer mit Höflichkeitsfloskeln und Etiketten begegnen musst oder jemandem, der mit dir auf einer Stufe steht?“ „Ehrlich gesagt dem Ersteren. Der scheint mehr Erfahrung zu haben als der Andere.“ Noch ein Lächeln, gefolgt von einem verständnisvollen Nicken fliegt über seine Lippen. „Du musst es auch nicht machen. Tu was dir beliebt.“ Ich nicke, habe nebenbei aber den Entschluss gefasst ihn trotzdem zu duzen, einfach nur weil er das auch schon die ganze Zeit macht. Dann beginnen wir mit dem Training. Und zwar mit dem, was ich bei meinen Brüdern vermisst habe: Beinarbeit. Noch benutzen wir keine Waffen; Legolas bringt mir nur bei, wie ich in welcher Situation stehen und laufen sollte; Ausfallschritte, Angriffs- und Parierschritte. Aber wir werden heute nicht fertig damit, denn er meint, bevor ich eine Waffe in der Hand halten dürfe, solle ich diese Schritte perfekt können. Das macht mir eigentlich auch gar nichts aus. Es erinnert mich an etwas, eine schon lang verblasste Erinnerung. Früher habe ich schon einmal Fechten gelernt und auch da war die Beinarbeit das Wichtigste. Wo und wann das war, weiß ich nicht, geschweige denn warum ich das gelernt habe. Jedoch hab ich das Gefühl, dass es damals ein wenig strenger war als jetzt, wo dieser Elb mir das beibringt. Er ist erstaunlicherweise sehr geduldig mit mir und sagt mir nicht nur, was ich tun soll; er macht diese Bewegungen direkt auch selbst mit und stellt mich notfalls sogar korrekt hin, wenn ich etwas komplett falsch mache. Zu strikt wird es nicht, vor allem nicht, da wir beide uns jetzt duzen. Es hatte wohl doch einen guten Grund gehabt, dass er mir das am Anfang gesagt hat. Und ja, ich fasse tatsächlich immer mehr Vertrauen in ihn. Nach etwa vier Stunden Training hören wir auf. Ich muss nach Hause, wenn mein Fehlen nicht schon am ersten Abend entdeckt werden soll. Bis zum Rand des Dorfes begleitet Legolas mich. Bevor wir uns allerdings trennen müssen, machen wir aus, dass wir uns ab heute jeden zweiten Tag treffen. Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wie heute. Den Baum komme ich heute nicht so leicht hoch wie sonst immer, denn das Training hat mir trotz seiner eigentlichen Einfachheit Mühe bereitet, was meine Muskeln nicht so gerne wahrnehmen. Kurzum, ich bin erschöpft. Müde. Kaputt. Aber glücklich. Und ich freue mich auf übermorgen. Das Fenster steht angelehnt offen und die Tür ist immer noch verschlossen, als ich vom Fensterbrett hüpfe und meine Schuhe neben das Bett stelle. Wieder muss ich gähnen. Das Bett sieht gerade so gemütlich aus. Nur muss ich meine Sachen noch ausziehen, bevor ich schlafen gehe und das will mir nicht gerade schnell von der Hand gehen. Kaum aber habe ich es geschafft und mich ins Bett gelegt, schlafe ich direkt ein. Die nächsten Tage verlaufen ähnlich. Nur reden wir mit der Zeit immer öfter miteinander, was zumeist Diskussionen von... sagen wir interessanter Art entstehen lässt. Es ist erstaunlich, über was für ein Gedankengut dieser Elb doch verfügt. Mit meinen Brüdern könnte ich nie solche Gespräche führen, sei es auch nur, weil die beiden nicht ganz so offen gegenüber Sichtweisen sind, die nicht der grünfeldschen entsprechen und wir drei deshalb ich sag mal „philosophische“ oder ethische Themen – wie jetzt eben diese Diskussion, ob es sinnvoll ist, dass Mädchen nicht kämpfen lernen sollen – eher unberührt lassen. Mit Aragorn könnte ich zwar ähnlich sprechen, aber... irgendwie doch nicht genauso wie mit Legolas. Woran das liegt, kann ich nicht sagen, doch dass es daher kommen könnte, dass Legolas öfter hier ist als der Waldläufer und ich ihn deshalb immer besser kennenlerne, wäre zumindest eine halbwegs plausible Theorie.

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