x
Springe zu den Kommentaren

Nacht der Vampire

Claire Winters lebt in einem stinklangweiligen, furchtbaren Waisenhaus. Als sie wegen,, Beleidigung und Widerspruch einer Autoritätsperson'' alias Mrs August, der schrecklichen Betreuerin, ein halbes Jahr lang Zimmerarrest aufgebrummt bekommt, will sie von dort weglaufen. Doch dann kommt alles anders...

1
Claire Es war Nacht und der Mond stand hoch am Himmel. In Umhänge gehüllte Gestalten saßen im Kreis um ein Lagerfeuer herum auf einer Lichtung im W
Claire


Es war Nacht und der Mond stand hoch am Himmel. In Umhänge gehüllte Gestalten saßen im Kreis um ein Lagerfeuer herum auf einer Lichtung im Wald.
Sie versteckte sich hastig hinter einem Baum, damit die Gestalten sie nicht sahen. Zögernd lugte Claire hinter dem Baum hervor. Vermutlich waren die Gestalten, die dort saßen, alle ungefähr in ihrem Alter, das war aber im schwachen Schein des Feuers nur schwer zu definieren.
,, Wir müssen das Mädchen noch morgen Nacht entführen‘‘, sprach einer von ihnen und erhob sich.,, Sonst werden es die Vampire-‘‘ Vampire!,,-aus dem Mortem-Clan machen. Wer weiß, was sie ihr erzählen werden, wenn sie es schaffen…‘‘
Ein anderer hob die Hand und fragte:,, Warum können wir nicht einfach Barrieren um sie herum errichten? Wäre das nicht sicherer?‘‘
,, Nein. Irgendwann wird die Barriere nachlassen und dann werden sie bereit sein. Besser, wir bringen das Mädchen hierher, wo wir es rund um die Uhr beschützen können. Morgen am Sonnenuntergang treffen wir uns wieder hier. Alle. Keiner darf fehlen. Bis dann und passt auf, nicht in die Sonne zu treten.‘‘
Nicht in die Sonne zu treten? Was war denn das für ein Abschiedsgruß? Gab es wirklich… Nein, nein, nein.
Erstens: Das waren nur verrückte Spinner, die sich einbildeten, Vampire zu sein. Zweitens: Das war ein Traum. Das war alles nicht real…
,, Wer bist du? Hey, kommt alle her! Wir wurden belauscht!‘‘
Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Als sie hochsah, stand der Junge, der vorhin das wegen den Barrieren (?) gefragt hatte, direkt vor ihr. Sie hatte Angst, obwohl es nur ein Traum war, der sich nur ein bisschen real anfühlte… Ein bisschen sehr real…
Aber da es ein Traum ist, besann Claire sich selbst zur Vernunft, kann ich mir die Leute hier schon genauer anschauen… Aus ihnen könnte ich Personen für meine Kurzgeschichten machen…
Der Junge hatte haselnussbraune Haare und Augen und wie alle anderen einen schwarzen Umhang an und beäugte sie prüfend wie misstrauisch.
Plötzlich kam auch der, der die ganze Zeit geredet hatte, dazu. Überrascht sagte er:,, Das ist die, die wi-‘‘
Mehr hörte das Mädchen nicht mehr, denn da wachte sie stocksteif sitzend in ihrem Bett auf. Ihr Herz raste immer noch.
Schon seit ihrem letzten Geburtstag, der vor einigen Wochen war, verfolgte sie in ihren Träumen, was diese Leute planten.
Aber… Warum wollten sie jemanden entführen? Oder noch wichtiger: WEN wollten sie entführen?
Mitten in ihren Gedankengängen fiel ihr Blick auf die Uhr, deren Zahlen im Dunklen leuchteten. 08:00.
Es war schon längst Zeit, sich anzuziehen! Wer im Waisenhaus dessen Regeln nicht beachtete, dem drohten Zimmerarrest und Handyentzug. Nicht, dass die Kinder dort ein anständiges bekommen würden oder gar Spaß damit haben könnten. Es war ein schon sehr veraltetes, eigentlich ein Tastenhandy, aber Claire nannte das ihre Bananenhandy, weil es gelb und fast so krumm wie eine Banane war.
08:10.
Nein, nein, nein! Viel zu spät, viel zu spät!
Claire fluchte über ihre honigblonde Haarpracht, weil sich diese wieder einmal nicht zähmen lassen wollten. Innerlich fluchend warf sie die Bürste auf ihr Bett. Vielleicht konnte sie die Betreuerin davon überzeugen, ihre verrückte Frisur wäre der neue Hit unter den Waisenhauskindern?
Hastig zog sie sich eine Weste über, bevor sie durch die verwirrend vielen Gänge des Gebäudes rannte und schließlich schlitternd vor der Betreuerin zum Stehen kam.
,, Du bist zu spät‘‘, sagte sie.
,, Es tut mir sehr leid, Mrs August‘‘, entschuldigte sich das Mädchen.
,, Wenn es dir so leid tut, kannst du ja heute auf deinem Zimmer bleiben, sowie auf dein Handy verzichten nicht?‘‘ Und mit einem bösen Lächeln drehte sie sich um, damit sie wieder anderen,, schwer erziehbaren‘‘ Kindern Zimmerarrest erteilen konnte.




12:08.
Dieses gemeine Biest! Claire kochte immer noch vor Wut, als sie eine halbe Stunde später wieder auf ihrem Bett hockte. Wenigstens, dachte sie, kann ich jetzt über diesen Traum nachdenken.
Doch so sehr sie auch versuchte, sich zu erklären, desto verwirrender erschien ihr der Traum.
War es ihre Kurzgeschichten-Autorinnen-Fantasie, die sich da im Schlaf eine neue Szene ausgemalt hatte? Nein, so etwas könnte sie sich nicht mal (Die Ironie dahinter will bitte beachtet werden!) im Traum vorstellen.
12:15.
Gott, warum träumte sie so unlogisches Zeugs, das keiner versteht?
,, Dein Essen‘‘, ertönte da die kühle Stimme Mrs Augusts.
,, Danke‘‘, sagte Claire ebenfalls so gleichgültig, wie die Betreuerin zuvor, setzte in Gedanken aber noch ein lautes,, Nicht‘‘ davor.
,, Und falls du versuchst, da rauszukommen, die Tür ist abgeschlossen und der Schlüssel bei mir.‘‘, wiederholte Mrs August zum weiß-nur-Gott-wievielten Mal.
,, Wird langsam unnötig, dass Sie es immer wieder und wieder sagen.‘‘, meinte Claire daraufhin. Plötzlich hatte sie so eine Wut auf Mrs August, dass sie sich nicht mehr zurückhalten ließ.
,, Wird langsam unnötig‘‘, schoss die sofort zurück,,, Dass ich dir immer wieder und wieder Zimmerarrest und Handyentzug geben muss.‘‘
,, Sie müssen es ja nicht tun, wenn es Sie so sehr nervt.‘‘
,, Du musst es ja auch nicht provozieren, es zu bekommen.‘‘
,, Dann sollten Sie einfach weghören oder darüber hinweg sehen.‘‘
,, Zimmerarrest und Handyentzug! Ein halbes Jahr lang dafür, dass du es gewagt hast, mir zu widersprechen und es zu provozieren!‘‘
Und als die alte Hexe, wie Claire fand war sie das eindeutig, schlug beim Hinausgehen die Tür so fest zu, dass aus dem alten Regal ein Buch fiel.
Jetzt fing sie an, ihren kleinen Wutausbruch zu bereuen. Ein halbes Jahr lang hier drin eingesperrt zu sein, das konnte sie sich nicht vorstellen.
Ein halbes Jahr. Sechs Monate. Sechsundzwanzig Wochen. Hundertzweiundachtzig Tage. Viertausenddreihundertvierundsechzig Stunden. Zweihundertzweiundsechzigtausendachtzig Minuten.
,, Was hab ich mir da nur wieder eingebrockt?‘‘, seufzte sie und raufte sich die Haare.
So lange würde es sie nie hier aushalten!
,, Ruhig, Claire, ruhig!‘‘, sagte sie sich selbst, während sie im kleinen Zimmer auf und ab tigerte,,, Okay, okay. Ich lese in der Zeit einfach… pro Tag zwei Bücher, genau, das macht bei rund hundert Büchern ungefähr…fünfzig Tage, maximal zwei bekomme ich mit Mathe zusammen, also zweiundfünfzig… Geschichten schreiben wegen dem im-Zimmer-hocken, wenig Inspiration, also vier Tage… sechsundfünfzig Tage mit Beschäftigung…‘‘ Sie stöhnte hysterisch auf.,, Na toll, ich fang jetzt schon an, Selbstgespräche zu führen… Das erste Anzeichen der Verrücktheit, gratuliere Claire!‘‘
Niemals, nie, nie, nie, niemals würde sie hundertachtundsechzig Tage lang mit Nichtstun aushalten!
Völlig verzweifelt Das Mädchen hob es auf und las den Titel: Run Away Or Stay In Loneliness.
Der Titel sagte alles über ihre Situation aus und über das, was sie fühlte. Selbst der Traum war in den Hintergrund gerückt.
Kurzentschlossen packte sie ihre Sporttasche, die sie normalerweise nur für den jährlichen Ausflug zum nächstgelegenen See benutzte, und warf all das hinein, was gerade wichtig war: Vier ihrer Lieblingsoberteile, darunter ein dicker, kuschelig warmer Hoodie, zwei Jeans, Unterwäsche, eine Jacke, eine randvolle Wasserflasche (die sie mit dem Wasser aus dem Wasserkrug am Schreibtisch gefüllt hatte), ihre ganzen Ersparnisse des letzten Jahres, ein kleines Handtuch, die Haarbürste, ihr Schreibheft, Bleistift, Radiergummi, einen Zeichenblock sowie ihr Lieblingsbuch. Es handelte von einem Jungen, dessen Leben sich innerhalb keines einzigen Jahres drastisch änderte.
Außerdem steckte sie in eine Seitentasche, die leicht und vor allem schnell zu öffnen war, ein scharfes Küchenmesser, um sich im Notfall verteidigen zu können. Es war fast so lang wie ihr Unterarm.
18:56.
Inzwischen hatte Mrs August einen kleinen Teller Suppe vor die Tür gestellt. Extra klein, weil sie sie hasste, um Welten, nein, Galaxien mehr, als die anderen,, missratenen Kinder‘‘, genau, so nannte die alte Vogelscheuche die anderen.
Die Suppe war schnell gegessen, aber wenigstens hatte Claire keinen großen Hunger mehr.
Nun überlegte sie, was sie im Falle einer erfolgreichen Flucht unternehmen würde.
Ein paar Stunden würde sie bis zur nächsten Ortschaft brauchen, dort könnte sie sich Brot, Wurst, Obst und vielleicht etwas, ein großer Fan davon war sie nämlich irgendwie nicht, Gemüse kaufen und ihre Wasserflasche wieder auffüllen. Dann würde sie sich in der Scheune am Rand des Dorfes schlafen legen.
20:34.
,, Alles weitere kann ich mir ja auf dem Weg überlegen‘‘, seufzte das Mädchen leise, setzte sich auf ihr Bett und wartete, bis die schreckliche Mrs August sich in ihrem Zimmer drei Türen weiter schlafen legte. Verrückterweise konnte Claire es genauestens hören, wenn die Betreuerin ihre grässliche klassische Musik ausmachte.





22:00.
Es geht los, dachte Claire.
Darauf besannt, keine Geräusche zu machen, öffnete sie das Fenster über ihrem Bett. Beim Hinaussteigen achtete sie genau auf die Tatsache, nicht an der Regenrinne, die sie zum Hinabklettern benutzte, abzurutschen. Sonst würde sie auf einen Haufen Glasscherben und Stacheldraht (Reste und Müll vom Bau des Waisenhauses, der nach vielen Jahrzehnten immer noch nicht entfernt worden war) landen, und das aus fast zehn Metern Höhe!
Mitten im Klettern bemerkte sie plötzlich drei zwielichtige Gestalten, die direkt auf das Waisenhaus zusteuerten, im Licht der Straßenlampen wirkten sie blass, und sie alle trugen merkwürdige Umhänge.
,, Da drinnen soll das Mädchen sein? In dieser Bruchbude von Waisenhaus?‘‘, flüsterte eine weibliche Stimme, mit einem Hauch von Spott und Verachtung.
Stumm verharrte Claire auf der Rinne, obwohl sie schreien könnte. In ihrem Traum hatten diese… Pseudo-Vampire auch davon gesprochen, ein Mädchen zu entführen! Konnte es sein, dass ihr Traum gar kein Traum gewesen war!
,, Ja, ihr Name ist Claire Winter, die Namen der Bewohner hier stehen an den Türen, das hab ich herausgefunden, also müsste ihr Zimmer leicht zu finden sein‘‘, wisperte jemand anders befehlshaberisch zurück.
,, Nur ich darf hier Befehle erteilen, Markus!‘‘, rechtfertigte sich der nächste,,, Aber ja, du hast recht.‘‘
,, Ausnahmsweise‘‘, fügte er hinzu, als Markus leise jubelte.
Dann holte er einen Schlüssel hervor, schloss die Eingangstür auf und trat ein, als wäre er hier zu Hause. Die anderen zwei folgten ihm.
Claire schluckte nach dieser Szene schwer. Sie wollten… sie!
Und auf einmal lähmte eine unausmessliche Angst ihren Körper. Ihre brennenden Hände und Beine, die sich zuvor so krampfhaft an der Regenrinne festgehalten hatten, lockerten sich. Ihr Kopf schrie: Lass nicht los, LASS BLOSS NICHT LOS!, aber ihr Körper gehorchte nicht.
Dann fiel sie hinab auf große, spitze Scherben und Draht.
Sie konnte keine Schreie verhindern, die sie ausstieß, sie konnte den Schmerz nicht ignorieren, der sie fast umbrachte, sie konnte nicht die Angst zurückhalten, die ihr innerlich mit bösem Lächeln sagte, Jetzt wirst du sterben!, sie konnte nicht wahrnehmen, dass jemand neben ihr stand. Alles was Claire fühlte, war dieser unsägliche Schmerz, verursacht von den vielen Splittern, die in ihre Haut drangen.

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare autorenew