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Die Träume der Raben.

Aber das Kind fehlte immer.
Es war keine Frage des Zufalls. Es waren immer die Kinder, die am traurigsten guckten.

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    Einmal im Jahr.
    Einmal im Oktober.
    Einmal inmitten des Regens und der Nebelschleier.
    Einmal im Jahr kamen die Raben.
    Und einmal im Jahr ließen sie nur Wehklagen, Trauer und ein Grab ohne Leiche zurück.
    Aber das Kind fehlte immer.
    Es war keine Frage des Zufalls. Es waren immer die Kinder, die am traurigsten guckten.

    Irgendwo im Norden, liegt ein Dorf, das alle nur das schwarze Pech nennen. Es ist seit einiger Zeit verlassen und nur noch kalter Wind streicht durch seine verlassenen Mauern, die sich nach den alten Zeiten sehnen und von Trubel und Wohlstand wispern. Sie wollen nicht wahrhaben, dass sie verlassen wurden, obwohl sie geschützt zwischen dem Meer und den Bergen liegen, obwohl man zwischen ihnen sowohl mit Fisch, als auch mit Käse und Erzen handeln konnte.
    Früher schaukelten im Hafen dutzende Schiffe auf dem vor Fischen trotzdem Meer und unzählige Bergleute nahmen ihr Mittag neben weidenden Ziegen ein und sahen dabei hinab in das trubelnde Dorf.
    Jetzt erzählt das Meer von Sehnsucht und in den Bergen gibt es nur noch wilde Tiere und stachliges Gestrüpp.
    Ach, wie das Dorf sich nach der alten Anerkennung sehnt, wie sehr sich die Häuser Bewohner und Leben wünschen und wie sehr die Straßen nach Füßen verlangen, die auf ihnen laufen, tanzen und spielen.
    Die Blätter der Bäume auf dem ehemaligen Marktplatz unterhalten sich rauschend über das aufgeladene, vibrierende Stimmengewirr, das vor kaum 10 Jahren noch unter ihnen herrschte und die Katzen kämpfen kreischend um die Ratten, die in den alten Gemäuern leben.
    Aber plötzlich schweigt alles. Etwas hat sich geändert, in dem Dorf.
    Etwas Beunruhigendes.
    Mitten in der Nacht hat es Besucher bekommen, Besucher, deren Schatten vor den Sternen Schwingen haben und deren Schreie die Verzweiflung der Welt in die Luft malen.
    Dem Dorf gefällt das nicht. Ganz und gar nicht gefällt es ihm. Da oben fliegen seine Untergänge, die Gründe, warum es verlassen ist.
    Die beflügelten Menschen, die sich selbst Raben nennen.
    Jedes Jahr hatten sie eines der Kinder des Dorfes geklaut und immer waren es die Traurigsten gewesen.
    Oh, diese verdammten Diebe!

    Die Sonne wirft friedlich ihre ersten Strahlen auf das Dorf und mit ihnen landet einer der Raben vor einem der verlassen Häuser.
    Das Dorf atmet erstaunt aus.
    Es kennt das Gesicht des jungen Mannes, dem zwei gewaltige Rabenflügel aus den Schultern sprießen.
    Es kennt die verwuschelten, honigfarbenen Haare, auch wenn ihm die schwarzen Strähnen, die es durchziehen neu sind.
    Es kennt sogar die leicht gebogene Nase und die stolzen Gesichtszüge.
    Nur das Lächeln, das seine schmalen Lippen umspielt kennt es nicht.
    "Viggo.", flüstert das Dorf, "Du bist zurück."
    Aber der junge Mann hört die Worte nicht, zu unachtsam ist er in dieser Welt geworden, die nur noch die Menschenstimmen kennt.
    "Wie bist du den Raben entkommen Viggo? Warum bist du nun einer von ihnen? Warum bist du nicht tot? Viggo..."
    Viggos Flügel falten sich raschelnd aus dem zusammengeklappten Zustand und tragen ihn kraftvoll über das modernde Dach in den verwilderten Garten dahinter.
    Mit einem nachdenklichen Blick sieht er zu einem der zwei Dachfenster hinauf, sein Lächeln droht dabei aus seinem hübschen Gesicht zu rutschen und seine Flügel schütteln sich nervös.
    "Da hast du immer gesessen, erinnerst du dich?", drängt das Haus begierig.
    Viggo wendet sich traurig lächelnd ab und beginnt gerade damit sich einen Weg durch Brennnesseln und Brombeeren zu schlagen, als ein Schatten auf ihn fällt.
    "OErjan.", wispert das Dorf, " Du auch hier..."
    "Viggo", sagt der Schatten verschmitzt, "Was ziehst du für ein trauriges Gesicht?"
    "Jan!", als Viggo aufsieht, erzählt sein Lächeln nur von Liebe, "Was machst du hier?"
    "Ich weiß nicht", sagt OErjan ironisch, "Vielleicht meinem Mann, dem besten Künstler, den die Welt je gesehen hat, Gesellschaft leisten? Soll ja mal vorkommen..." Er landet neben Viggo und legt ihm einen Arm um die Schultern, ihre Flügel streifen sich sanft. "Aber wenn du willst kann ich auch wieder gehen."
    Viggo fängt an zu lachen, es klingt wie ein schriller Rabenschrei und er schließt schleunigst wieder den Mund.
    Dieser Laut passt nicht an diesen Ort, nicht zu seiner Geschichte.
    "Ich suche mein Tagebuch", sagt er leise, "Ich hatte es irgendwo in der Mauer dort versteckt..." Er löst seinen Flügel liebevoll aus OErjans und macht einen kurzen Satz über das Brombeerfeld. Seine Finger suchen die Mauer ab und stoßen gegen eine Erhebung. Er zieht den Stein behutsam heraus und greift in die entstandene Ritze.
    "Hast du es?", fragt sein Mann gespannt.
    "Ja."
    "Wo willst du hin?"
    "Aufs Dach, das scheint mir der richtige Ort zu sein... Kommst du?"
    OErjan lässt sich vorsichtig auf das knarzende Dach nieder und sieht über Viggos Schulter in das zerknitterte Büchlein.
    "Jeden Abend sitze ich auf meinem Fenster und überlege, ob ich nicht einfach loslassen und mich fallen lassen soll", liest er leise vor, " Mutter hat Angst, dass mich die Raben holen. Sie versteht nicht, dass ich schon längst tot bin. Mein Herz ist gestorben, ohne einen richtigen Grund zu haben, aber Mutter will es einfach nicht sehen. Ich habe doch alles, was ich brauche, sagt sie. Nein, habe ich nicht. Ich habe keine Träume mehr. Meine Hände wollen nicht mehr malen, und sie werden es auch nie mehr können. Ich habe keine Ideen mehr. Ich weiß nicht mehr, über was ich mich freuen sollte. Was nützt mir denn schon ein "Lächel doch mal ein bisschen", " Du brauchst doch nicht traurig sein", "Das wird schon wieder", "Du kannst mir alles erzählen", "Ich sorge mich um dich" oder ein anderer dieser Sätze? Keiner von ihnen macht mich schöner, keiner gibt mir einen cooleren Charakter, macht mich begabter im Umgang mit Menschen oder heilt mich. Mir zu sagen, ich solle wieder mal fröhlich sein, ist wie, einem Krebskranken zu sagen, er solle jetzt gesund werden.
    Und meine Noten werden auch immer schlechter, meine Mutter besorgter, mein Leben beschissener. Alles zerbricht und ich kann die Scherben nicht mehr zusammensetzen. Meine Großmutter hätte jetzt angebracht, dass Liebe alles lösen könnte und bloß eine Beziehung bräuchte.
    Eben nicht. Das macht alles noch einmal schlimmer. Ich stehe nicht auf Mädchen. Ich habe mich noch nie mehr für eins interessiert, als freundschaftlich. Ich stehe auf Jungs. Und das wird niemanden in meiner Familie gefallen.
    Ich meine, egal wie ich bin, was ich mache, es ist nie genug, nie.
    Ich wünschte die Raben würden kommen und mich holen. Dann müsste ich mich nicht selbst vom Dach stürzen.
    Tja", meint OErjan mit rauer Stimme, " Die Raben haben dich geholt. Ich hoffe, du bist nicht böse, dass wir bloß angefangen haben, dich glücklicherer zu machen und deine Träume zu verwirklichen, statt sich umzubringen?"
    Viggo lacht traurig und diesmal lässt er den Rabenschrei heraus und seinen Klang durch das Dorf schallen.
    "Ich bin froh, dass wir jetzt weiter ziehen", sagt er, " Ich hatte nie die Gelegenheit, jemandem seine Träume zurückzugeben, aber jetzt wird das endlich was..."
    "Ich liebe dich, Viggo", murmelt OErjan.
    "Ich dich auch, Jan." Der Satz verschmilzt mit dem Kuss und geht in ihm unter, bevor er wirklich ausgesprochen ist. "Ich dich auch."
    Laut atmend lösen sie sich voneinander und Viggo schlägt die Seite um.
    "Erinnerst du dich an das Lied? Ich habe es gesungen, als ihr mich geholt habt..."
    "Natürlich."
    Und leise singt Viggo:
    "Kaufen Sie jetzt meine Träume im XXL-Sparpaket
    Das drüben bei Penny für Ein Euro Zwanzig beim Kaffee steht
    Nicht mehr lang haltbar und fassen Sie's vorsichtig an
    Sag mir, was verdienst du daran"
    "Ich will sie gar nicht", sagt OErjan leise, " Behalte deine Träume. Für immer."
    Und zusammen schauen sie der Sonne beim aufgehen zu.

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