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Die Armee der Schatten

Ginevra kam sich eigentlich wie ein recht durchschnittliches Mädchen vor … jedenfalls abgesehen von den seltsamen Vorfällen, die sie zu verfolgen scheinen.
Oder steckt hinter diesen scheinbar zufälligen Ereignissen etwas größeres?

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    Ich rannte durch den Wald, mein Atem ging keuchend. Es war stockdunkel, weshalb ich kaum sehen konnte, worauf ich trat, ich stolperte immer wieder üb
    Ich rannte durch den Wald, mein Atem ging keuchend. Es war stockdunkel, weshalb ich kaum sehen konnte, worauf ich trat, ich stolperte immer wieder über Baumwurzeln und Äste peitschten an meinem Gesicht vorbei, verfingen sich in meinen Haaren, aber ich beachtete es nicht.
    Alles, was ich hörte, waren die laufenden Schritte meiner Verfolger, ihr schnelles Atmen und ich rannte immer weiter in den Wald rein.

    So, hier können wir kurz stoppen.
    Die Frage ist: Wie zur HÖLLE schaffte ich es, mich in solche gefährlichen Situationen zu bringen?
    Mein Name ist übrigens Ginevra Di Marco.
    Ich bin - beziehungsweise, ich war - Schülerin an der St Helen‘s Academy für Gutes Benehmen.
    Mein Leben war eigentlich recht durchschnittlich. Ich ging zum Unterricht, wie die anderen Schüler, ich aß, wie die anderen Schüler und ich hatte auch einen Freund gefunden.
    Alexander van Allen, von mir Alex genannt - aber wirklich nur von mir, in der Academy waren Spitznamen verboten, weil sie offenbar „das Benehmen verschlechterten“. Alex nannte mich einfach Ginevra, weil er ein kleiner Spießer war und er niemals Regeln brechen würde. Ich hatte ihn trotzdem lieb.
    Tja, mein Leben war also recht durchschnittlich. Nur hatte ich diese Fähigkeit, mich in komische Situationen zu bringen. Zum Beispiel fielen manchmal in meiner Nähe Dinge runter, ohne, dass ich sie auch nur berührte. Normalerweise waren es harmlose Dinge, allerdings ist es einmal passiert, dass ich an einem Tag einfach nur einen Gang entlangging, als auf einmal die Decke über mir zusammenbrach. Und irgendwie schaffte ich es auch dann, mich vor den Felsbrocken zu retten
    Seit diesem Vorfall hatte ich das Gefühl, dass die Leute hinter meinem Rücken tuschelten, vor allem die Lehrer.
    Tja, und eine Woche später rannte ich im Wald um mein Leben.

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    Ich blieb keuchend stehen, als ich die Schritte meiner Angreifer nicht mehr hören konnte.
    Es war verrückt. Einfach verrückt.
    Ich war gerade auf dem Weg zurück von der Bibliothek, wo ich noch bis vor zwanzig Minuten für eine mögliche Überprüfung gelernt hatte, da wurde ich auf einmal von drei vermummten Typen angegriffen und in den Wald geschleppt. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit mir vorhatten, ich hatte es geschafft, den, der mich festgehalten hat, so richtig hart den Ellenbogen ins Gesicht zu stoßen und wegzurennen.
    Ich lauschte angestrengt. Alles, was ich hörte, waren Eulen und ab und zu das Rauschen von Blättern, aber keine Schritte oder Ähnliches.
    Halb erleichtert, halb alarmiert ließ ich mich auf einen Stamm sinken.
    Was wollten diese Typen von mir? Hatte ich irgendwas Kriminelles getan und sie wollten mich verhaften oder so?
    Nein, dann hätten sie mich ja wohl kaum in den Wald gejagt, oder?
    Ich war innerlich fast am Ausflippen vor Panik. Sollte ich zurück zur Schule? War es sicher? Was, wenn diese Typen noch einmal aufkreuzten?
    Hätte ich überhaupt zur Schule zurückgefunden?
    Verzweifelt sah ich mich um, als würden die Antworten irgendwo aus einem Busch springen. Ich musste mich verdammt noch einmal beruhigen, so wäre ich nicht weitergekommen.
    Ich atmete tief durch und schaltete meine innere Stimme ein.
    ‚OK, Ginevra, du bist im Wald und wirst von drei Typen verfolgt, von denen du keine Ahnung hast, was sie von dir wollen. Was machst du?‘
    Wegrennen?
    ‚Das hast du jetzt schon die ganze Zeit. Vielleicht wäre es Zeit, sich zu verteidigen?‘
    Die reißen mich doch in Stücke.
    ‚Dann solltest du einfach -‘

    Mein innerer Monolog wurde abrupt von einem lauten Knacken unterbrochen. Ich fuhr hoch und sah mich mit hämmerndem Herzen um.
    Einer der drei Männer von eben kam aus dem Gebüsch auf mich zu. Ich drehte mich um und wollte in die andere Richtung wegrennen, aber dort wartete ein anderer auf mich.
    Ein Paar Blicke reichten aus, um mir zu versichern, dass ich gefangen war.
    Sie hatten mich umzingelt.
    Mein Herz schlug ungefähr so schnell und laut wie ein Presslufthammer und ich bekam immer mehr Panik, während die Männer weiter auf mich zu rückten.
    Ich sah, wie einer von ihnen etwas Metallisches von seinem Gürtel zog, von dem ich mir fast sicher war, dass es ein Messer war - da rauschte auf einmal ein Schatten an mir vorbei, direkt auf den Mann zu und ich schloss reflexartig die Augen.
    Bevor ich richtig begreifen konnte, was gerade geschah, spürte ich, wie jemand mich am Arm packte und hinter einen Baum zog. Ich hörte Kampfgeräusche hinter mir, aber ich wagte es nicht, mich umzudrehen oder die Augen wieder zu öffnen.
    Der, der mich hinter den Baum gezogen hatte, hatte mich losgelassen, aber er stand immer noch neben mir, wie ich an seinen schnellen Atemstößen bemerkte.
    Ich wusste nicht, wie lange ich dort mit zugepressten Augen hinter dem Baum stand - vielleicht waren es fünf Minuten, vielleicht eine halbe Stunde, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren - aber irgendwann hörte ich, wie sich schnelle Schritte von uns weg entfernten. Da spürte ich einen starken Ruck und ich wurde hinter dem Baum hervorgezogen.
    Ich öffnete vorsichtig die Augen.
    Vor mir erkannte ich vier Gestalten, zwei Frauen und zwei Männer, wie ich nach ihrem Körperbau schloss, da ich kaum was erkennen konnte.
    Der Mann, der mir am nächsten war, machte auf einmal eine ruckartige Bewegung und eine Sekunde später stand ich mit dem Rücken an dem Baum gepresst, ein Messer an der Kehle.
    „Clove“, sagte der andere Mann streng. „Lass das arme Mädchen in Ruhe, sie -“
    „Woher sollen wir denn wissen, ob ‚das arme Mädchen‘ auf unserer Seite ist?“, knurrte der Mann namens Clove. Er hatte eine tiefe, raue Stimme und mein erster dummer Gedanke war, dass wenn Wölfe sprechen könnten, sie diese Stimme hätten.
    „Wenn du ihr die Kehle aufschlitzt, bringt das auch nichts“, bemerkte eine der beiden Frauen. „Geh mal weg von ihr.“
    Clove trat ein paar Schritte zurück, ließ das Messer aber nicht sinken.
    „Wir sollten sie ins Lager bringen“, sagte der andere Mann bestimmt. „Nein, keine Widerrede“, fügte er scharf hinzu, als Clove widersprechen wollte.
    Die Frau, die eben gesprochen hatte, trat auf mich zu und führte mich vorsichtig vom Baum weg.
    Ich konnte immer noch nichts sagen. Ob es der Schock war, ein Messer an der Kehle gehabt zu haben oder dass mich vier Fremde in ihr sogenanntes Lager verschleppen wollten, wusste ich nicht.
    Einen Moment später wurde mir schwarz vor Augen. Nein, ich wurde nicht bewusstlos. Jemand hatte mir ein Tuch um die Augen gebunden.
    Ich wehrte mich nicht. Erstens waren die vier bewaffnet und zweitens hatte ich auch keine Kraft mehr dazu.
    Jemand packte mich fest am Arm und zog mich weiter.
    „Clove.“
    „Jaja.“
    Der Griff wurde etwas lockerer.
    Ich war immer noch im Schock. Von einer misslichen Lage in die nächste. Wie hatte ich das bitte geschafft?
    Was hatte ich getan? Ich wollte doch einfach nur zu meinem Schlafsaal zurückgehen und was ist passiert?
    Erst werde ich gekidnappt, dann werde ich fast umgebracht, von einer Gruppe aus ziemlich aggressiven Fremden gerettet, die mich jetzt auch wieder verschleppten - ein recht normaler Tag im Leben von Ginevra Di Marco.
    Ich stolperte immer wieder auf dem Weg, aber wir blieben nie stehen. Mein Zeitgefühl war immer noch nicht zurück. Es waren vielleicht zwei Stunden vergangen, bis wir endlich stehenblieben.
    „Ambra, sag den anderen Bescheid, dass wir noch eine aufgesammelt haben“, sagte die Männerstimme, die nicht zu Clove gehörte.
    Ich hörte Schritte, die sich schnell entfernten, dann wurde ich direkt wieder weitergezogen.
    Ich hatte keine Ahnung, was in dem Moment in mich gefahren ist.
    Wahrscheinlich hatte ich einfach die Nase voll davon, keinen Plan von alles zu haben.
    Jedenfalls fauchte ich plötzlich viel aggressiver als gedacht: „Verzeihung, dass ich eure geheimen Absprachen störe, es tut mir ja wirklich leid, aber es wäre wirklich höflich von euch, mir mal zu sagen, wer zur Hölle ihr seid und warum ich hier gleich zwei Mal fast umgebracht wurde!“
    Kurz herrschte Stille. Ich hatte fast Angst, das wären jetzt meine letzten Worte gewesen, aber da hörte ich Cloves Stimme. „Wow. Es kann reden.“
    Ich wollte was erwidern, aber jemand legte mir die Hand auf die Schulter und schob mich weiter.
    Als ich wieder wütend werden wollte, wurde mir die Augenbinde abgenommen.

    3
    Ich blinzelte einige Male und sah mich um. Das erste, was ich sah, waren die Holzwände mit den Fackeln.
    Ich befand mich offenbar in einer Art kleinen Holzhütte, die aussah, als hätte jemand sie mit ein paar Brettern und leicht gebogenen Nägeln in fünf Minuten gebaut. Das Dach bestand aus Blättern, sofern ich das erkennen konnte.
    Die Hütte war fast leer, abgesehen von einem Stuhl in einer Ecke, in den ich direkt gestoßen.
    „Clove, jetzt hör mal aber auf, so grob zu sein, alles klar?“, rief der andere Mann aufgebracht.
    Clove hob nur die Schultern. Jetzt, wo es heller war, konnte ich auch sein Gesicht erkennen.
    Er hatte dunkelbraune Haare, die ihm in die Augen hingen. Seine Augen waren grau und stechend und über seine Wange zog sich eine lange Narbe. Außerdem war er recht kräftig gebaut, Clove sah eigentlich fast genauso aus, wie ich ihn eingeschätzt hatte: Gefährlich, wild und mürrisch, allerdings sah er wesentlich jünger aus als erwartet. Er war vielleicht nur fünf oder sechs Jahre älter als ich.
    Als ich mich umsah stellte ich fest, dass auch die anderen keineswegs so alt aussahen, wie ich gedacht hätte.
    Außer Clove standen vor mir ein hochgewachsener Mann um die 30 mit rotbraunen, verstrubbelten Haaren und einen kurzen, stoppeligen Bart und eine junge Frau um die 20 mit dunkler Haut und einem langen schwarzen Pferdeschwanz.
    Alle drei hatten recht unscheinbare Kleidung an, sie trugen schwarze Hemden, bei denen sie die Ärmel hochgekrempelt hatten, braune Ledergürtel um die Taille und schwarze lange Leinenhosen, sogar das Mädchen, wie ich überrascht feststellte, denn ich hatte noch nie ein Mädchen mit Hosen gesehen.
    „Wie heißt du?“, erkundigte sich der Mann mit den rotbraunen Haaren freundlich.
    „Ginevra“, antwortete ich. Irgendwie hatte sich meine Zunge gelöst. Vielleicht lag es daran, dass ich, jetzt, wo ich ihre Gesichter sah, einsehen musste, dass sie nicht allzu gefährlich aussahen.
    Clove ausgenommen.
    „Dann willkommen in unserem Lager, Ginevra“, sagte der Mann, weiter mit höflicher Stimme. „Mein Name ist Griffin. Das ist Phoebe“- er deutete auf das Mädchen, das mir zulächelte und winkte -„und Clove kennst du ja schon … indirekt“, schloss Griffin mit strengem Blick zu Clove, der nicht einmal mit der Wimper zuckte.
    Ich hob eine Augenbraue.
    „Ich hoffe, wir haben dich nicht allzu sehr erschreckt“, fuhr Griffin fort, aber Clove unterbrach ihn.
    „Müssen wir uns jetzt dafür entschuldigen, dass wir der Kleinen den Hals gerettet haben?“
    „Meinst du den Hals, den du der Kleinen fast aufgeschlitzt hättest?“, fuhr ich zurück. Er griff sofort nach seinem Messer, aber Griffin schritt ein. „Clove, das reicht! Geh zu den anderen und putz dein Messer oder so!“
    Clove warf mir einen letzten verächtlichen Blick zu und verließ dann die Hütte. Phoebe folgte ihm.
    „Tut mir leid wegen ihm“, sagte Griffin mit gerunzelter Stirn. „Er ist leider immer so zu Neuen … Vor allem wenn … nun …“ Er warf einen Blick auf meine Schuluniform.
    „Wenn was?“, hakte ich nach.
    „Du weißt nicht, warum du hier bist, hab ich recht?“
    Ich schüttelte den Kopf und Griffin nickte langsam. „Ich sollte es dir vielleicht erklären, aber du solltest dich erst -“
    „Nicht ausruhen, falls es das ist, was du sagen willst“, fiel ich ihm ins Wort. „Ich werde wohl kaum schlafen können, wenn ich solche Gedanken habe!“
    Griffin ging nachdenklich durch die Hütte. Nach einer Weile blieb er stehen und sah mich an. „Gut, komm mit. Ich werde es dir erklären.“
    Ich stand auf und folgte ihm aus der Hütte. Meine Kinnlade klappte runter, es ging nicht anders.
    Die Hütte stand am Rand einer kleinen Lichtung, um die herum noch mehr Hütten aufgebaut waren. In der Mitte der Lichtung befand sich ein Lagerfeuer, um das etwa ein halbes Dutzend Leute saßen. Griffin führte mich direkt zum Lagerfeuer. Als ich mich umschaute sah ich, dass in den Bäumen tatsächlich Baumhäuser waren. Wie viele Leute lebten bitte hier?
    Griffin deutete auf einen leeren Baumstumpf neben Phoebe und ich setzte mich. Clove saß mir gegenüber und funkelte mich über das Feuer misstrauisch an.
    „Der Grund, warum du heute Nacht angegriffen wurdest“, begann Griffin, „liegt viele Generationen zurück. Und ich würde dir raten, gut zuzuhören … Denn das könnte dein weiteres Leben beeinflussen.“

    4
    „Vor einigen Jahrhunderten wurden in unserem Dorf einige Kinder entdeckt, die besondere magische Fähigkeiten hatten. Sie wussten normalerweise nicht von ihren Kräften und konnten sie somit auch nicht kontrollieren. Deshalb passierte es oft, dass seltsame Dinge sich um sie ereigneten.“
    Ich runzelte die Stirn. „Was meinst du mit ‚besonderen magischen Fähigkeiten‘?“
    „Das war verschieden“, antwortete Griffin. „Normalerweise konnten sie Dinge mit der Willenskraft bewegen und solche Dinge, aber ich bin mir sicher, dass wenn sie es geschafft hätten, ihre Kräfte zu kontrollieren, sie viel Stärkeres geschafft hätten.“
    „Wenn sie es geschafft hätten?“ Ich runzelte wieder die Stirn. „Wieso haben sie es nicht geschafft?“
    „Es herrschte zu der Zeit ein Graf über dieses Dorf, der fürchtete, dass diese Kinder ihm eine ernste Gefahr werden konnten, wenn sie einmal ihre Kräfte richtig entwickelt hätten. Also musste er einen Weg finden, diese Kinder auszulöschen, damit er weiter seine Herrschaft behalten konnte.
    Und so fiel ihm ein, ein besonderes Internat zu bauen. Jedes Kind im Dorf hatte Schulpflicht und durfte nur in diese Schule gehen. Das Ziel des Grafen war es, die besonderen Kinder zu finden und sie rechtzeitig zu beseitigen.
    Dies wurde seit Generationen weitergeführt. In jeder Generation gab es zwei oder drei, die mit diesen Kräften geboren wurden.“
    „Ok, ok, stopp“, unterbrach ich ihn. „Du - Du willst mir sagen, dass -?“
    „Du diese Kräfte hast“, beendete Griffin den Satz für mich. „Das ist so ziemlich die einzige Erklärung dafür, warum du heute Nacht angegriffen wurdest.“
    „Die Akademie hat einen Angriff auf mich angestiftet?“, brachte ich entsetzt hervor. „Weil ich - ich -“
    Ich starrte ins Leere. Es machte alles auf einmal Sinn. Die seltsamen Vorfälle, der Angriff …
    „Ich kann da nicht zurück, oder?“
    „Nun, nein“, sagte Griffin. „Das wäre lebensmüde. Aber du könntest eine von uns werden -“
    Er wurde von heiserem Gelächter unterbrochen. Wir sahen uns um und blickten zu Clove, der angefangen hatte, zu lachen.
    Das ließ ihn irgendwie noch gefährlicher aussehen.
    „Entschuldige, Griffin, das meinst du doch nicht ernst?“, prustete er. „Die Kleine soll eine von uns werden?“
    „Das ist mein ernst, Clove“, erwiderte Griffin leicht gereizt.
    „Hast du gesehen, wie zierlich sie ist? Wahrscheinlich haut sie schon der leichteste Windstoß um -“
    „Ginevra wird eine von uns“, fiel Griffin ihm scharf ins Wort. „Sie kommt ab sofort ins Training. Und du wirst ihr Mentor.“
    „Entschuldige bitte?“, riefen Clove und ich gleichzeitig.
    „Keine Widerrede, Clove. Du weißt, wer der Alpha ist“, fügte er warnend hinzu.
    Clove stand mit finsterem Gesichtsausdruck auf und ging mit großen Schritten zur nächsten Hütte.
    „Entschuldige, Griffin, denkst du nicht, dass das vielleicht sogar lebensmüder ist, als zur St Helen‘s zurückzugehen?“, fragte ich vorsichtig.
    „Mach dir keine Sorgen, Clove ist nicht so schlimm, wie du denkst“, antwortete er. „Jedenfalls … Willkommen in der Armee der Schatten.“

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    Am nächsten Morgen wachte ich davon auf, dass jemand mir die Decke runterriss.
    „Gib mir doch noch fünf Minuten, Alex“, brummte ich müde.
    „Ich weiß nicht, wer Alex ist und mich interessiert das auch nicht, alles, was mich jetzt interessiert ist, dass du mal aufstehst!“, erwiderte eine raue Stimme. „Wenn wir aus dir eine halbwegs kompetente Kämpferin machen wollen, haben wir Arbeit.“
    Kämpferin?
    Ich öffnete schlagartig die Augen. Alles fiel mir wieder ein.
    Der Angriff, die Armee, meine vermeintlichen magischen Kräfte.
    Clove ging aus der Hütte und ich folgte ihm verschlafen. Umziehen musste ich mich ja nicht, ich hatte nur die Schuluniform. Ich dachte auch nicht, dass das ein Problem sein würde.
    Da dachte Clove offenbar anders.
    „So kannst du nicht trainieren“, bemerkte er knapp mit Blick auf meine Schuluniform.
    „Verzeihung bitte?“
    „Bist du schwer vom Begriff?“
    Ich wollte gerade zurückfeuern, da trat eine junge Frau mit unregelmäßig geschnittenen blonden Haaren zu uns. „Ich kümmere mich darum, Clove. Such du ihr schon mal ne Waffe aus.“
    Sie führte mich zu einer weiteren Hütte, in der ein paar Kisten standen.
    „Ich bin Ambra“, stellte sie sich vor, während sie die nächste Kiste öffnete.
    „Sind das eigentlich eure echten Namen?“, fragte ich. Irgendwie klangen alle ihre Namen seltsam. Clove, Ambra, Griffin, …
    „Nein“, lachte Ambra. „Wir bekommen einen neuen Namen, sobald wir offiziell in die Armee eintreten. Um unser altes Leben auszulöschen, weißt du?“
    „Ahh …“
    Ich sah Ambra zu, wie sie in den weiteren Kisten wühlte und mit prüfenden Blicken Hemden und Hosen rausnahm.
    „Wie seid ihr alle hierhergekommen?“ Diese Frage interessierte mich auch brennend. Es konnten ja nicht alle diese besonderen Kräfte haben, oder?
    „Das ist verschieden“, antwortete Ambra. „Ich bin von Zuhause ausgerissen, weil … nun, meine Eltern waren nicht gerade die besten Eltern. Bei Griffin war es ähnlich.“
    „Und Clove?“
    Ambra ließ sich Zeit mit der Antwort. Schließlich sagte sie: „Ich weiß nicht, ob er will, dass ich es weitererzähle … Du hast ja gesehen, wie er ist …“
    Ich schnaubte.
    Ambra schloss die Kiste wieder und drückte mir ein schwarzes Hemd, zwei Ledergürtel und eine schwarze Hose in die Arme. „Die sollten gehen. Oh -“ Sie gab mir noch ein paar schwarze Lederhandschuhe mit abgeschnittenen Fingerkuppen. „Die solltest du auch nehmen. Schuhe findest du da hinten in der Ecke.“
    Sie verließ den Raum und ich zog mich um. Ein paar Minuten später ging ich wieder raus und fand Clove, der vor der Hütte auf mich wartete.
    „Ein Wunder, sie ist noch am Leben“, sagte er gelangweilt. „Kommst du jetzt mal?“
    Ich verkniff mir eine Antwort und folgte ihm zu einer weiteren Lichtung, auf der ein paar Zielscheiben standen.
    Ich sah mich gerade um, da hörte ich ein Sirren an meinem rechten Ohr und dann ein Splittern.
    Mit hämmerndem Herzen drehte ich mich zu dem Messer, das mich um Millimeter verfehlt hatte und jetzt in dem Baum neben mir steckte. „Bist - du - wahnsinnig?“, brachte ich hervor.
    „Reflexe, Kleine. Die musst du trainieren“, meinte Clove seelenruhig, während er das Messer wieder aus dem Stamm zog. „Es hätte dich nicht getroffen. Aber du musst entweder lernen, rechtzeitig auszuweichen, oder das Messer“ - er warf es hoch und fing es wieder auf - „zu fangen.“
    Ich atmete tief durch, um mich wieder zu beruhigen.
    Clove sammelte einige Steine auf und die nächste halbe Stunde verbrachten wir damit, dass er mir Steine zuwarf und ich sie fangen musste. Das war schwerer, als es klang, vor allem, da die Steine ziemlich wehtaten, wenn man sie fing, vor allem, wenn ein halber Profiboxer wie Clove sie warf.
    Als nächstes trainierte er meine Kampftechnik. Ich hatte am Anfang schon keine Hoffnung mehr, Clove war verdammt noch mal breit wie ein Schrank, aber es ging dabei nicht nur um Muskeln, sondern auch vor allem um Reflexe und Geschicklichkeit.
    Am Ende lag ich trotzdem immer auf dem Kreuz.
    Das ging den ganzen Tag so weiter.
    Nachmittags trainierte ich Schwertkampf mit Griffin, wobei wir rausfanden, dass mir offenbar kürzere Schwerter am besten lagen. Ich probierte es sogar mit einem Dolch aus, was im Endeffekt am besten klappte.
    Danach kam Bogenschießen mit Phoebe. Sie war eine ziemlich geduldige Lehrerin (nicht wie andere Leute) und erklärte alles so genau wie möglich.
    Das alles ging tagelang weiter. Ich trainierte jeden Tag vom frühen Morgen bis zum Abend. Mit der Armee fühlte ich mich genau in meinem Element. Über meine Kräfte haben wir kein weiteres Wort verschwendet. Griffin hatte mir nur einmal erzählt, dass man uns ‚Nightshaders‘ nannte. Aber das war das einzige, was wir darüber gesagt haben.
    Bis die Zeit kam, dass ich meine Kräfte kontrollieren musste.
    Und das musste ich natürlich mit dem reizenden Clove trainieren.
    Wir standen früh auf (mittlerweile musste er mich noch nicht mal mehr wecken) und gingen tief in den Wald, damit wir nicht versehentlich jemanden aus dem Lager verletzten.
    „Weißt du, warum wir uns ‚die Armee der Schatten‘ nennen?“, fragte mich Clove als erstes.
    „Weil ihr euch alle schwarz anzieht?“, versuchte ich.
    „Weil wir so sind wie Schatten“, sagte er. „Lautlos, unauffällig, und man sieht uns normalerweise kein zweites Mal. Dir fehlen diese Eigenschaften immer noch. Und unter anderem geht‘s heute darum.“
    Ich nickte knapp. Clove stellte sich neben mich. „Versuch einfach mal, den Stein da hinten zu bewegen.“ Er deutete auf einen großen grauen Kiesel, der in der Nähe lag. Ich hob die Hand und versuchte, mich zu konzentrieren.
    ‚Komm‘, sagte ich mir., Denk einfach daran, wie du immer Bücher aus den Regalen hast fallen lassen, ohne es zu wollen. Tu es diesmal bewusst.‘
    Und tatsächlich - Ich schaffte es, den Stein anzuheben. Allerdings nur um ein paar Zentimeter, dann fiel er wieder auf den Boden.
    Clove hob spöttisch die Augenbraue. „Ich hab das noch nie bewusst gemacht, ok?“, fauchte ich. „Deswegen sind wir hier!“
    Clove ging nicht weiter darauf ein. „Weitermachen, nicht reden.“
    Ich versuchte es wieder.
    Und wieder.
    Bis ich es endlich schaffte, den Stein komplett zu kontrollieren.
    Ich spielte mit dem Gedanken, ihn an Cloves Hinterkopf knallen zu lassen, aber ich war nicht allzu scharf darauf, noch ein Messer ans Ohr zu bekommen.
    Ich übte immer weiter. Zwar konnte man nicht sagen, dass ich meine Kraft ganz unter Kontrolle hatte, aber es reichte dazu, nicht alles in die Luft zu jagen.
    Jedenfalls … Bis Clove mich plötzlich am Arm packte. Ich konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken - aber das war auch das einzige.
    Die Luft explodierte.
    Ich sah nur den Staub, der um uns herumwirbelte, wie schwere Äste auf uns runterfielen - aber irgendwie trafen sie uns nicht.
    Ich kauerte am Boden und hielt meine Hände über den Kopf, bis es zu Ende war. Und erst dann fiel mir auf, dass ich es gar nicht gewesen war, die die Äste abgewehrt hatte. Ich kannte mittlerweile das Gefühl, wenn ich meine Kräfte einsetzte.
    Ich starrte Clove an, während er langsam wieder die Hände sinken ließ, die er bis eben noch über seinem Kopf ausgestreckt hatte.
    Es herrschte Stille.
    Ich versuchte immer noch zu begreifen, was zur Hölle da gerade passiert war.
    „Du bist ein Nightshader“, krächzte ich.
    Clove sagte nichts. Sein Gesichtsausdruck war angespannt und zum ersten Mal schien er nicht feindselig.
    Jedenfalls nicht allzu sehr.
    Auf einmal drehte er sich um und ging schnell wieder in Richtung Lager. Ich kniete noch für eine Weile weiter am Boden.
    So war Clove also ins Lager gekommen. Er war in der gleichen Situation gelandet wie ich.
    Irgendwie war es seltsam und auf der anderen Seite verstörend, etwas mit Clove gemeinsam zu haben.

    6
    „Ich muss WAS?“
    Es waren mehrere Wochen vergangen.
    Weder ich noch Clove hatten seit dem Vorfall darüber geredet. Natürlich hatte ich mich aber Griffin anvertraut (er war immerhin der Alpha und die Explosion war ja nicht wirklich zu überhören).
    „Du musst gegen Clove kämpfen“, wiederholte Griffin. „Und nicht als Training. Diesmal richtig.“
    „Griffin er bringt mich um!“, rief ich. „Ist dir klar, dass er nach jeder Möglichkeit findet, mich aufzuspießen?“
    „Das ist deine Aufnahmeprüfung“, meinte Griffin ruhig. „Wenn du gegen ihn gewinnst, beweist du, dass du bereit bist, in die Armee einzutreten. Wenn nicht, müssen wir dich wegschicken.“
    „Großartig“, stöhnte ich.
    Ich hatte in den letzten Wochen wie verrückt trainiert. Ich hatte rausgefunden, dass ich vor allem im Bogenschießen und in der Kampfkunst sehr begabt war. Im Kampf mit Klingen war ich auch ganz gut, vor allem mit kürzeren, je länger sie waren, desto schwieriger für mich.
    Das war neben Stockkampf meine Schwäche, aber insgesamt hatte ich mich wirklich sehr gut entwickelt. Auch meine Reflexe waren viel besser.
    Aber gegen Clove? Da konnte ich mich auch direkt wieder verziehen.
    „Du hast hart trainiert, Ginevra“, sagte Griffin beruhigend. „Du schaffst das.“
    Ich seufzte und warf den Pfeil beiseite, dessen Spitze ich gerade geschärft hatte. „Womit soll ich gegen ihn kämpfen?“
    „Du hast die Wahl“, erklärte er. „Vor dem Kampf darfst du dir die Waffen aussuchen, die du benutzen willst. Du darfst sie auch in der Nähe des Kampfortes verstecken und hoffen, dass Clove sie nicht vor dir findet, damit es nicht zu sperrig wird. Ihr beide könnt eure Kräfte nicht benutzen. Hast du sonst noch Fragen?“
    „Äh - ja?“, erwiderte ich mit leicht spitzem Tonfall. „Wie verhindere ich, dass mir nicht die Kehle aufgeschlitzt wird?“
    Daraufhin musste Griffin lächeln. „Was hast du denn in den letzten Wochen gelernt, Ginevra?“

    Der Kampf fand am nächsten Abend in der Lichtung statt. Ich ging ein paar Stunden vorher mit Ambra zur Waffenkammer, um meine Waffen auszusuchen.
    „Nervös?“, fragte sie, während ich
    die verschiedenen Dolche prüfte.
    Ich gab ein Geräusch zwischen Stöhnen und Brummen als Antwort. Ambra lächelte aufmunternd. „Du schaffst das. Ich musste damals gegen Griffin kämpfen, das musst du dir erstmal vorstellen.“
    „Wow, wirklich?“, erwiderte ich. „Und er war damals ja auch wahrscheinlich total erpicht darauf, dich umzubringen, nicht wahr?“
    „Er will dich nicht umbringen, Ginevra. Er ist immer so“, sagte Ambra. Ich zuckte einfach mit den Schultern und band mir mit einem Gürtel einen Dolch an den Oberschenkel. Außerdem steckte ich noch ein Kurzschwert ein und verbarg ein Bogen mit Pfeilen in einer Baumkrone, nur für den Fall der Fälle.
    Und dann kam der Kampf.
    Ich ging mit klopfendem Herzen zur Lichtung. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal so nervös und angespannt war. Dagegen war der Attentat auf mich echt nicht zu vergleichen.
    Clove war schon da und putzte sein Messer mit einem Leinentuch. Als er mich sah, warf er das Tuch beiseite.
    Griffin und die anderen saßen in den Baumkronen oder Baumhäusern und sahen zu.
    „Seid ihr bereit?“, rief er. „Ginevra?“
    Clove grinste höhnisch zu mir rüber. „Weißt du, du hast immer noch Zeit, dich zurückzuziehen -“
    „Ja, DANKE, Clove“, fiel ich ihm laut ins Wort. Meine Nervosität wurde etwas kleiner und wich einer starken Entschlossenheit.
    Ich wollte ihm einfach das Grinsen aus dem Gesicht wischen.
    Ein Horn ertönte und Clove griff an. Ohne Messer.
    Jetzt war meine Kampfkunst gefragt.
    Ich blockte seinen Arm ab und schlug zurück, aber Clove wich aus und beförderte mich mit einem Tritt ein paar Meter weiter. Ich stolperte und fiel. Als er auf mich zukam, brachte ich ihn mit einem Tritt von meiner Seite zu Fall, aber er stand schnell wieder auf.
    Was war dieser Typ, eine halbe Raubkatze?
    Als Clove sich wieder umdrehte, zog er ein Schwert aus seinem Gürtel.
    Ein Schwert. Ein verdammtes langes Schwert.
    Darauf war ich nicht vorbereitet, verdammt!
    Hastig zog ich mein Kurzschwert aus der Scheide und schaffte es gerade noch, die Klinge abzuwehren, bevor sie mir den Kopf abhackte.
    Ich bemerkte den Anflug eines triumphierendes Grinsens auf Cloves Gesicht. Der Mistkerl wusste genau, dass das mein schwacher Punkt war!
    Wütend schlug ich die Klinge weg und griff meinerseits an.
    Es war schwer. Zu schwer.
    Clove war die letzten Wochen mein Trainer gewesen, er kannte meine Schwächen und Stärken und wusste, sie zu benutzen.
    Ich schaffte es, mich so in etwa durchzuschlagen, aber Clove war mir immer ein Schritt voraus. Er wollte dreckig spielen? Alles klar. Konnte er haben!
    Ich stieß meine Klinge gegen seine. Eine Weile lang standen wir da und drückten unsere Schwerter gegeneinander. Ich sah Clove direkt ins Gesicht, in seine wachen, grünen Augen. Dann riss ich mein Schwert zurück, stieß es gegen seine Schwerthand und entwaffnete ihn damit.
    Clove wich einige Schritte zurück. Ich hatte es geschafft, ihn ziemlich tief in die Hand zu schneiden.
    Er erholte sich aber schnell und zog sein Messer hervor. Ich zog meinen Dolch.
    Es wurde schon langsam dunkel, ich konnte Cloves Gesicht schon fast nicht mehr erkennen. Aber meine Sicht war in den letzten Wochen auch viel schärfer geworden. Es reichte zum Kämpfen.
    Clove wusste, wie man mit Messern kämpfte. Aber das wusste ich jetzt auch.
    Dadurch, dass er mein Lehrer gewesen war, hatte ich auch seine Stärken und Schwächen rausgefunden. Ich nutzte sie.
    Der Kampf ging noch lange weiter. Clove war mir immer noch überlegen, aber ich konnte ihm standhalten. Allerdings schien es nicht so, als ob ich ihn gerade besiegte. Er war immer noch hellwach und ich wurde langsam müde. Wenn es so weiterging, hätte ich es nicht geschafft.
    Aber ich wäre nicht weggegangen. Ich hätte Clove (und auch allen anderen, aber vor allem Clove) bewiesen, dass ich eine Kämpferin geworden war.
    Ich brauchte eine List.
    Und ich hatte eine.
    Ich musste die Dunkelheit zu meinem Vorteil nutzen, mit dem Schatten verschmelzen. Ich musste selbst ein Schatten werden.
    Clove warf sein Messer nach mir und ich nutzte meine Chance. Ich wich aus, wobei die Klinge allerdings meine Unterlippe streifte und einen Schnitt hinterließ und das Messer bohrte sich in den Stamm hinter mir.
    „Das mit den Reflexen hast du immer noch nicht verstanden, was?“, meinte Clove spöttisch und ging zum Stamm, um das Messer rauszuziehen.
    Das dauerte etwa zehn Sekunden. Und die nutzte ich.
    Ich kletterte mit zwei Schritten auf die Baumkrone, in der ich meinen Bogen versteckt hatte und zog ihn raus. Die zwei Armeemitglieder, die noch in den Ästen gesessen hatten, sprangen auf den nächsten Baum, wo Phoebe ihnen Platz machte.
    Als Clove sich wieder umdrehte, seine Hand mit dem Messer hob und sich nach mir umschaute, schoss ich einen Pfeil ab - und nagelte seinen Hemdsärmel an den Baum.
    Clove fluchte und versuchte, sich loszureißen, aber in der Zeit war ich schon vom Ast gesprungen, mit zwei Schritten zu ihm rübergelaufen und hatte meinen Dolch gezogen, den ich jetzt an seinen Hals hielt.
    Clove hielt still und sah mir einfach mit verächtlicher Miene ins Gesicht. Er konnte mich nicht mehr mit dem Messer angreifen, da sein Arm an den Stamm genagelt war und er konnte mich auch nicht zurückstoßen, denn die kleinste Bewegung konnte ihm seine Kehle kosten.
    Ich hatte gewonnen.
    Das Horn ertönte ein zweites Mal und alle Armeemitglieder sprangen von den Ästen und applaudierten.
    Ich ließ grinsend wieder meinen Dolch sinken und zog den Pfeil wieder aus den Baum. Clove verschränkte die Arme und ich grinste breit zu Griffin rüber, der zu mir rüberkam.
    „Sag jetzt nicht ‚ich hab‘s dir doch gesagt‘“, warnte ich ihn und Griffin lachte.
    „Werde ich nicht. Du weißt bescheid.“
    Ambra umarmte mich und meinte: „Ich wusste von Anfang an, dass du es schaffen konntest! Wow, gegen Clove im Messerkampf zu gewinnen - Respekt!“
    Ich lachte.
    Meine Erleichterung war so groß, dass sie alles einnahm. Ich durfte bleiben.
    Ich musste nicht zurück zur Schule, ich war Teil der Armee - und ich bekam bald einen coolen Spitznamen wie die anderen!
    „Deine List am Ende war großartig“, sagte Phoebe lächelnd. Musste sie ja sagen. Sie war die Bogenschützin.
    Plötzlich hörte ich ein bekanntes Sirren.
    Alles in mir spannte sich an.
    Ich wich nicht aus. Ich hob blitzschnell den Arm und fing das Messer direkt am Griff, die Spitze nur Millimeter von meinem Ohr entfernt.
    Es war alles still.
    Ich drehte mich zu Clove um und warf das Messer triumphierend grinsend wieder zurück. „Wie war das noch mit den Reflexen?“
    Clove fing das Messer ebenfalls und ich hätte schwören können, dass ich ihn im Dunkeln fast lächeln gesehen hätte.
    Kein spöttisches Lächeln.
    Einfach ein normales, anerkennendes Lächeln.

    7
    In der Nacht wurde ich Scarlet. So lautete mein neuer Name.
    Als ich mich zum ersten Mal im Spiegel sah, musste ich einige Male hinschauen, bis ich begriff, dass das wirklich ich war.
    Meine schwarzen Haare, die in der Schule immer zu einem Knoten im Nacken gebunden waren, weil es in der Regelung stand, hatte ich jetzt unregelmäßig geschnitten und zu einem wilden Pferdeschwanz hochgebunden. Statt der Schuluniform trug ich jetzt wie die anderen schwarze Leinenhemden, Ledergürtel, Hosen, die an den Knien abgeschnitten waren und schwarze Stiefel.
    Um meinen Oberschenkel war an einem Gürtel mein eigener neuer Dolch befestigt, der einen schlichten schwarzen Ledergriff hatte.
    An der Unterlippe, wo mich Cloves Messer gestreift hatte, war eine deutliche Schnittnarbe geblieben.

    In der Nacht verbrannten wir auch meine Schuluniform. Ich hatte ein seltsames Gefühl von Erleichterung und Befriedigung, während ich zusah, wie die dunkelblaue Bluse Feuer fing.
    Generell fühlte ich mich mit der Armee viel freier.
    Keine bescheuerten Regeln, keine nervigen Lehrer, keine hochnäsigen Mitschüler. Wir verbrachten die Tage damit, im Wald zu jagen oder den Leuten zuzuschauen, die im Wald vorbeigingen. Ich fühlte mich wie Robin Hood und seine Gefährten.
    Was Clove anging … Nun, ich konnte nicht wirklich sagen, dass er viel freundlicher und liebenswürdiger war, aber er wurde neben Ambra, Griffin und Phoebe einer meiner besten Freunde im Lager. Wenn wir jagten, waren wir immer Seite an Seite und wir trainierten immer noch miteinander, aber dann trainierten wir uns gegenseitig. Er war nicht mehr mein Mentor. Ich brauchte keinen mehr.

    8
    Und das war meine Geschichte.
    Mein Leben wurde wunderschön und ich lebte für den Rest meines Lebens glücklich mit der Armee.
    Ende, aus.


    Haha. Nein.
    Wäre schön, wenn alles da geendet hätte. Aber das war nicht der Fall.
    Denn meine Geschichte nahm später eine recht starke Wendung …

    9
    Ich saß auf dem höchsten Baum und übernahm gerade die Nachtwache. Alle anderen schliefen schon, ich konnte Brooke im Baumhaus nebenan schnarchen hören.
    Müdigkeit kannte ich kaum mehr. Ich schaffte es mittlerweile, bei Tag und bei Nacht hellwach zu bleiben. Mein Blick streifte über den Wald.
    Die Sicht, die man von der Baumkrone bekam, war echt atemberaubend. Man konnte über den ganzen Wald blicken, in der Ferne erkannte man das Dorf und auf der anderen Seite die Academy.
    Es war recht still, man hörte nichts außer leises Schnarchen von den Baumhäusern und ab und zu eine Eule oder ein Marder in den Bäumen.
    Ich blieb die ganze Zeit über aufmerksam, bei jedem kleinsten Geräusch zuckte ich zusammen und griff nach meinem Bogen, den ich neben mir bereitliegen hatte.
    Ich hatte in den letzten Tagen öfter die Nachtwache übernommen. Allerdings war heute die einzige Nacht, in der ich wirklich was zu melden hatte.
    Denn plötzlich regte sich bei der Academy etwas.
    Ich kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Das Tor stand offen und - und -
    Ich schoss alarmiert in die Höhe, griff nach dem Signalhorn und blies zweimal kurz und einmal lang rein. Das war das Zeichen für Gefahr.
    Im Baumhaus neben mir regte sich etwas und Brooke streckte den Kopf aus der Tür. „Was ist los?“, fragte sie leicht alarmiert.
    Ich antwortete nicht und blies noch einmal ins Horn. Unten wurden die Türen der Hütten aufgerissen.
    Leute liefen in Kampfkleidung raus, sahen sich angespannt um. Ich sprang vom Baum runter und rannte zu Griffin rüber.
    „Was ist los?“, wiederholte er Brookes Frage.
    Ich zog ihn auf den Baum und deutete zur Schule, aus dessen Tor gerade eine ganze Menge an Leute rausströmten, Schüler und Lehrer, alle bewaffnet und sie liefen zum Wald, unübersehbar auf unser Lager zu.

    Griffin stand eine Weile lang starr da und sagte kein Wort. Ich war zu verängstigt um irgendwas zu sagen. Dann sprang er wieder vom Baum und rief: „Ruhe!“
    Die panischen Rufe verebbten.
    Alle sahen zu Griffin.
    „Wir werden angegriffen“, rief er mit donnernder Stimme. „Alle auf ihre Posten! Brooke, du leitest die innere Verteidigung. Phoebe, du kümmerst dich um die äußere Verteidigung am Südflügel. Orion, Westen. Scarlet“ - er drehte sich zu mir um, ich war mittlerweile auch vom Baum runtergekommen -„du und Clove leitet die nördliche und östliche Verteidigung. Sie kommen von der Richtung, deshalb überlasse ich diesen Teil meinen besten Männern - und Frauen.“
    Griffin lächelte mir knapp zu und ich schaute zu Clove, der kurz nickte.
    Während alle zu ihrer Position rannten, führten wir beide unser Team zu dem Ost- und Nordflügel vom Lager und kletterten dort wieder auf die Bäume.
    Ich fühlte, wie langsam Panik in mir aufstieg. Das waren Dutzende von Leuten, wenn nicht Hunderte!
    Wir waren im Lager ungefähr vierzig, wie hätten wir das bitte schaffen sollen?
    Und dann - mit einem weiteren, stärkeren Anflug von Panik - fiel mir während ich meinen Bogen spannte schlagartig ein, wer es war, der uns gerade angriff.
    „Clove!“, schrie ich über den Lärm hinweg. „Da ist Alex dabei!“
    „Alex?“, rief er zurück. „Dein Freund aus der Academy?“
    Panisch ließ ich den Bogen sinken. „Da sind Teenager unter ihnen! Wir können sie nicht angreifen!“
    „Tun wir ja nicht, sie greifen uns gerade an!“, erwiderte Clove angespannt.
    „Du weißt genau, was ich meine!“, rief ich entnervt. Ich spürte einen Anflug von meinem alten Selbst, von der zierlichen Ginevra Di Marco. „Clove, ich kann das nicht, das -“
    Ich kam nicht weiter, denn ich hörte wieder das bekannte Sirren von Cloves Messer und ich fing es, bevor es sich in meinen Hals bohrte.
    „Wofür war das denn?“, fauchte ich und warf das Messer zurück.
    „Du hast das gebraucht, Kleine, vertrau mir“, gab er zurück. „Was soll das heißen, du kannst das nicht? Du hast gegen mich gekämpft, du hast mich besiegt und nicht mal mehr ein Messer an deiner Kehle macht dir mehr Angst!“
    Er nahm mich bei den Schultern. „Du bist nicht mehr die Schülerin, die vor den drei Männern weggerannt ist. Du bist eine Kämpferin, ok? Du bist Scarlet. Und jetzt reiß dich zusammen und zeig mir, dass diese Kämpferin nicht verlorengegangen ist!“
    Ich starrte ihn einige Sekunden lang an. Dann griff ich wieder nach meinem Bogen.
    „Deal. Aber bitte“, fügte ich hinzu, „pass auf, dass du Alex nicht verletzt, ich hab dir gesagt, wie er -“
    „Schwarze Haare, braune Augen, braune Hautfarbe, ja, ich weiß bescheid“, erwiderte Clove leicht gereizt. „Ich pass auf. Aber wenn er mich angreift, kann ich für nichts garantieren.“
    Ich nickte knapp und mit einem flauen Gefühl im Magen spannte ich meinen Bogen wieder an, aber Cloves Worte hatten mir Kraft gegeben, was bisher tatsächlich noch nicht passiert war.
    Ich war Scarlet. Ich war eine Kriegerin.
    Es gab einen Grund, warum ich in diese Armee eintreten durfte. Ich hatte mir meinen Weg reingekämpft.
    „Sie kommen!“, rief Clove und spannte ebenfalls seinen Bogen.
    Tatsächlich konnte man schon die ersten Angreifer sehen, ich erkannte unter ihnen Lehrer, die ich schon im Unterricht hatte, und einige Schüler, die ich nur vom Sehen kannte. Alex war nicht dabei …
    Das Horn ertönte. Einmal kurz, einmal lang.
    „Angreifen.“
    Ich schoss meine ersten Pfeile auf die Angreifer ab und lud sofort nach. Ein Pfeilschauer regnete auf die Angreifer nieder, aber sie hatten - zu meinem Schrecken - Schilder und konnten so mit Leichtigkeit weiter vorrücken.
    Ich fluchte und sprang vom Baum runter, gefolgt von ein paar Leuten. Das hieß, wir mussten am Boden gegen sie kämpfen.
    Während Clove und die anderen weiter versuchten, die Angreifer von oben abzuwehren, stellte ich mich ihnen mit etwa einem Dutzend Leuten aus der inneren und äußeren Verteidigung.
    Und das war der größte und bitterste Kampf, den ich je hatte.
    Hier ging es um Leben und Tod.
    Ich duellierte mich drei Schülern gleichzeitig. Selbst so war ich ihnen überlegen, ich hatte viel mehr Ahnung von Kampftechnik als sie. Schon bald hatte ich sie alle drei ausgeknockt und rannte zu den nächsten.
    Clove war mittlerweile auch zu uns runtergekommen. Er hielt gerade gleich fünf Leute im Schach und ich konnte ein beeindrucktes Pfeifen nicht unterdrücken.
    Ich hätte ihm noch den ganzen Tag zuschauen können, aber ich hatte selbst was zu tun. Ich kämpfte gegen die halbe Armee der Academy, aber es schienen immer mehr zu werden.
    Und vor allem, WARUM fanden solche wichtigen Kämpfe immer nachts statt, wo man kaum erkannte, gegen wen man da überhaupt kämpfte?
    Ich rannte gerade zum Lager zurück, um den anderen zu helfen, da hörte ich ein Zischen. Ich riss reflexartig meinen Dolch aus dem Gürtel und blockierte die lange Klinge, bevor sie meinen Hals durchschneiden konnte.
    Irgendwie hatten alle was gegen meinen Hals.
    Ich schlug das Schwert weg und stellte mich meinem Angreifer gegenüber. Ich konnte (natürlich) sein Gesicht nicht sehen, aber ich erkannte die Schuluniform und das reichte. Ich schlug zurück.
    Mein Gegner war gut, viel besser als die anderen, gegen die ich kämpfen musste. Es war auf einmal viel schwerer für mich, seine Hiebe abzuwehren, aber ich hielt stand.
    Es war der verbissenste Kampf den ich je hatte. Dieser Typ schien wirklich entschlossen darauf, mich in zwei Teile zu hacken.
    Denkste, Freundchen. Mich kriegst du nicht.
    Während wir kämpften gerieten wir in der Nähe der Hütten. Und im Licht der Fackeln erkannte ich sein Gesicht.
    Mir stockte der Atem.
    Wir beide ließen unsere Waffen sinken.
    „Alex?“
    „Ginevra?“
    Wir starrten uns fassungslos an. „Warum tust du das?“, fuhr ich meinen ehemaligen besten Freund an. „Was soll das? Warum habt ihr uns angegriffen?“
    „Du warst zwei ganze Monate verschwunden!“, rief Alex. „Und heute Abend wurde uns gesagt, dass du von einer Bande aus Wegelagerern gefangen genommen wurdest und wir dich noch retten konnten!“
    „Verzeihung?“
    Ich konnte es nicht fassen. Wie konnte man so scharf darauf sein, jemanden zu töten?
    „Was tust DU hier?“, schoss Alex zurück. „Warum kämpfst du an ihrer Seite?“
    „Das sind meine Freunde!“, schrie ich. „Alles, was sie dir gesagt haben, war einfach nur eine Lüge! Du -“
    Jemand schoss aus dem Nichts heraus und drückte mich mit seinem Schwert gegen die Hüttenwand. Noch ein Angreifer.
    Verdammter Mist -
    „Alex, Hilfe!“, krächzte ich. Ich würde entweder ersticken oder die Kehle aufgeschlitzt bekommen.
    Beides war nicht gerade die beste Aussicht.
    „Alex!“
    Mein bester Freund stand unschlüssig da. Ich konnte sehen, wie in ihm zwei Teile kämpften: Auf der einen Seite die Academy, die sechs Jahre lang sein Zuhause gewesen war und auf der anderen seine beste Freundin seit zehn Jahren.
    „Hilf - mir -“
    Ich spürte schon langsam, wie die Klinge sich in meine Haut bohrte. Ich kniff die Augen zusammen - da verschwand das Schwert.
    Vorsichtig öffnete ich die Augen wieder. Alex stand über dem bewusstlosen Körper von dem Typen, der mich angegriffen hatte und dem er gerade offensichtlich seinen Schwertgriff auf den Kopf geschlagen hatte.
    Ich rieb mir den Hals und sah zu ihm hoch. Kurz sagten wir nichts.
    Dann -
    „Ich nehme an, das ist nicht die Zeit, um es mir genauer zu erklären?“
    Ich schüttelte den Kopf. „Später. Ich muss mein Lager verteidigen.“
    „Und ich helfe dir“, sagte Alex entschlossen.
    „Geh erstmal ins Lager zu Ambra. Das ist die Blonde“, fügte ich hinzu. „Sie wissen von dir, sie werden dich nicht angreifen, wenn du sagst, dass ich dich geschickt habe.“
    „Was ist mit dir?“, fragte er hilflos.
    „Ich kämpfe. Nein, schau mich nicht so an, ich kämpfe. Ich muss das Lager verteidigen. Und Alex“, rief ich ihm noch hinterher, als er sich gerade auf dem Weg machte, „hier heiße ich Scarlet.“
    Ohne auf seine fragende Miene einzugehen rannte ich wieder in den Wald, direkt der nächsten Gruppe von Angreifern entgegen.
    Der Schock, meinen besten Freund wiederzusehen, die Erleichterung, dass er sich für die richtige Seite entschieden hatte, hatte mich bestärkt. Ich kämpfte heftiger denn je, knockte jeden aus, der es auch nur versuchte, mit mir aufzunehmen.
    Als jemand einen Pfeil auf mich abschoss, fing ich ihn und schoss ihn zurück. Pfeile waren so viel einfacher als Messer.
    Der Wald war ein einziges Schlachtfeld geworden. Überall, wo ich hinschaute, kämpften Armeemitglieder gegen Leute aus der Academy.
    Ich selbst nahm es wieder mit drei Leuten gleichzeitig auf und besiegte sie auch wieder nach einer kurzen Weile.
    Ich stand kurz da und schaute mich einfach um. Griffin und Ambra nahmen es mit mehreren Leuten auf, Phoebe schoss von den Bäumen her auf sie und der Rest der Armee war überall verstreut. Clove konnte ich nirgendwo erkennen.
    Jede Position war vergessen, jetzt galt jeder gegen jeden. Und nicht alle konnten überleben.
    Plötzlich hörte ich, wie jemand meinen Namen schrie. Ich wirbelte herum und sah gerade noch, wie eine Klinge auf mich zuflog.
    Meine Reflexe waren weg. Ich riss die Arme hoch, um wenigstens meinen Hals und Oberkörper zu schützen, aber irgendwie kam die Klinge nicht an.
    Ich nahm die Arme wieder runter und keuchte auf, als ich erkannte, dass sich jemand wie ein Schild vor mich geworfen hatte.
    Kurz sagten wir beide nichts. Wir starrten beide auf das Schwert, das sich in Cloves Brust gebohrt hatte. Dann kippte er um.
    „Nein -“
    Ich stürzte nach vorne und ließ mich neben Clove auf die Knie fallen. Hektisch zog ich die Klinge aus seiner Brust, zog meine Jacke aus und legte sie über die Schwertwunde.
    Cloves Atem ging immer langsamer.
    „Nein!“
    Ich merkte kaum, wie mir Tränen über die Wangen liefen, während ich alles versuchte, um die Blutung zu stoppen, in der Hoffnung, das Schwert hätte sein Herz nicht getroffen.
    „Du kannst nichts tun.“
    Ich war entsetzt darüber, wie schwach und heiser Cloves Stimme klang.
    „Ich muss - Du -“ Ich schaffte es nicht mehr, normal zu reden. Meine Stimme brach.
    Clove hob mit letzter Kraft eine Hand und legte sie auf meine. Ich drückte sie, während mir immer mehr Tränen über die Wangen rannen. „Bitte geh nicht“, schluchzte ich. „Clove - Bitte -“
    Er sah mir direkt in die Augen.
    Grün in blau.
    Clove lächelte leicht, dann wurde seine Hand schlaff und seine Augen leblos.
    Sein Kopf fiel zur Seite und er bewegte sich nicht mehr.

    10
    Ich brach schluchzend über ihn zusammen.
    Ich schrie ihn an, schüttelte ihn, flehte ihn an, zurückzukommen.
    Es war alles zwecklos.
    Er war tot.
    Der Junge, der mir das Kämpfen beigebracht hatte, war gestorben, um mich zu retten. Das alles, weil ich mit ein paar destruktiven Kräften geboren wurde!
    Ich stand zitternd auf. Ich durfte jetzt nicht schwach werden. Ich musste weiterkämpfen.
    Clove hätte das so gewollt, da war ich mir sicher. Und ich musste ihn rächen.
    Ein neues Gefühl übermannte mich - ein Gefühl von eiskaltem Zorn.
    Ich zog meinen Dolch raus und rannte ins Lager.
    Die Angreifer hatten es geschafft, einzudringen. Jetzt ging es um mehr als um Leben und Tod, es ging um unser Zuhause. Allerdings sah es nicht so aus, als ob wir große Chancen hatten. Es waren gefühlt hundert Leute gegen vierzig.
    Jemand zog mich zur Seite und ich hob schon den Dolch, um zuzustechen - es war mir egal, ob ich tötete oder verletzte, mir war jetzt alles egal - aber die Klinge wurde abgeblockt.
    Und dann erkannte ich Griffin.
    „Scarlet, wo warst du?“, rief er über den Kriegslärm hinweg. „Wir brauchen dich jetzt mehr als vorher! Wo ist Clove?“
    Meine Unterlippe zitterte - ich konnte nicht anders. Ich hatte Angst, wieder in Tränen auszubrechen, aber ich hielt es zurück.
    Griffins entsetztem und fassungslosem Blick nach zu urteilen hatte er es verstanden. Ich hatte jetzt keine Zeit und keine Kraft dafür. Ich rannte zurück in den Kampf.
    Mir kam es vor, als wäre ich in einem Rausch. Jeder, mit dem ich es aufnahm, lag nach höchstens einer Minute am Boden.
    War das Wahnsinn?
    Vielleicht.
    War es mir egal?
    Definitiv.
    Alles, was ich im Kopf hatte, war Rache. Sie hatten Clove umgebracht. Sie durften unser Lager nicht einnehmen und noch mehr von uns töten.
    Das hätte ich verhindert, und wenn es das letzte wäre, was ich getan hätte. Wenn ich starb, hätte ich dafür gesorgt, dass ich so viele wie möglich von ihnen mitnahm.
    Meine alte Schule existierte nicht mehr. Jetzt waren es Feinde.
    Ein Schrei holte mich so halb zurück in die Wirklichkeit.
    Ich musste mich nicht umdrehen. Ich roch das Feuer schon, bevor ich es gesehen hatte. Unsere ganzen Hütten, die Bäume, das alles brannte lichterloh.
    Das Lager wurde zerstört.
    Die Flammen griffen schon aufs Gras über und wurden immer größer, ich konnte durch den dichten Rauch kaum was sehen.
    Dunkelheit war eine Sache. Rauch eine andere.
    Ich stolperte durch die Lichtung, wich Flammenzungen aus und rief nach Griffin und den anderen.
    Der Kriegslärm um mich herum verebbte langsam. Es schienen alle vor den Flammen geflüchtet zu sein.
    Und ich war mitten im Feuer gefangen.
    Ok, keine Panik, Scarlet.
    Beruhig dich.
    Du wirst hier rauskommen.
    Aber gerade, als ich irgendeinen brillanten Plan aus der Luft ziehen wollte, sah ich, wie eine Gestalt durch die Flammen auf mich zukam.
    Und es war keiner von Unseren.
    Ich schaute mich um.
    Von allen Richtungen her kamen Leute auf mich zu. Feuerfeste Rüstungen, ja? Wie toll.
    Ich fühlte mich genau wie damals, als ich von den drei Männern verfolgt wurde.
    Aussichtslos gefangen.
    Nur, dass sie hier nicht weiter auf mich zu rückten.
    Sie blieben im Kreis um mich herum stehen. Ich versuchte, meine Möglichkeiten abzuwiegen.
    Nein, zwecklos.
    Der Kreis war zu dicht.
    Eine größere Gestalt kam näher auf mich zu. Diesmal erkannte ich sie sofort.
    „Guten Abend, Professor Allbrook“, sagte ich angespannt. „Was für eine schöne Nacht, um mehrere Leben zu zerstören, nicht wahr?“
    „Niemand hier will niemandes Leben zerstören, Ginevra“, erwiderte mein ehemaliger Schulleiter.
    Ich schnaubte. „Sie brauchen es nicht abzustreiten, Allbrook, ich weiß über alles Bescheid. Sie hatten von Anfang an vor, mich und die ganze Armee umzubringen. Nur“ - ich zog wieder meinen Dolch hervor -„haben Sie jemanden hier deutlich unterschätzt.“
    Allbrook lachte spöttisch. „Es sind gerade zwanzig Leute gegen dich. Ist das für dich ein fairer Kampf?“
    Ich tippte mir mit der Spitze vom Dolch gegen die Schläfe und tat, als würde ich nachdenken. „Wissen Sie, Sie haben ausnahmsweise recht. Rufen Sie noch zehn von Ihnen, dann ist es fair.“
    „Eines Tages wirst du verstehen, dass dich deine große Klappe in deutliche Schwierigkeiten bringen wird“, knurrte er. „Und dieser Tag ist heute.“
    Und dann fiel mir alles ein.
    Der Grund, warum ich hier in dieser Situation war. Der Grund, warum sie uns angegriffen hatten. Warum ich hier im Lager war und es so verbissen beschützen wollte.
    Ich hob meinen Dolch und warf ihn direkt auf Allbrook zu. Er streifte sein Ohr, da Allbrook rechtzeitig zur Seite sprang, aber die kurze Ablenkung im Clove-Stil war genug.
    Ich konnte schwören, dass ich ihn vor meinem inneren Auge lächeln gesehen hatte.
    Ich schloss die Augen und streckte die Hände zu meinen Seiten aus. Der Boden vibrierte.
    Ich hörte aufgeregte, verängstigte Rufe, ging aber nicht darauf ein und konzentrierte mich so stark wie noch nie.
    Es fühlt sich an, als stände mein gesamter Körper unter Strom. Ich hatte die Augen immer noch geschlossen, deshalb konnte ich nicht sehen, was gerade genau passierte, aber es kam mir vor, als würde ich irgendwie leuchten.
    „Stopp! Hör auf damit!“, hörte ich Allbrook schreien.
    „Scarlet!“
    Das war Griffins Stimme.
    Ich öffnete die Augen nicht. „Bring die anderen hier weg, Griffin, beeil dich!“, schrie ich.
    Und dann, in der Hoffnung, dass meine Leute nicht in Reichweite waren, warf ich die Arme nach oben und meine Kraft entlud sich.
    Eine gewaltige Druckwelle ging von mir aus und warf alle und alles im Umkreis von fünfzig Metern zurück. Ein starker Wind zog auf und pfiff mir um die Ohren. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich jetzt tatsächlich in die Luft gestiegen wäre.
    Und dann öffnete ich die Augen.
    Das Feuer war fast ganz gelöscht, nur ein paar kleine Flammen flackerten noch ab und zu auf den Ästen. Um mich herum lagen meine Angreifer, bewusstlos.
    Und die Armeemitglieder standen in der Nähe und sahen mich mit großen Augen an.
    Ich hatte meine Kräfte kontrolliert. Ich hatte ihnen nichts getan, weil ich es so wollte.
    Erst jetzt fiel mir auf, wie verdammt erschöpft ich war. Ich ließ mich auf die Knie sinken und bevor ich bewusstlos wurde, sah ich Griffin und Ambra auf mich zu rennen.

    11
    Es stellte sich raus, dass Allbrook nicht nur den Angriff angeführt hatte, sondern auch der Graf selbst war.
    Beziehungsweise, ein Nachfahre des ursprünglichen Grafen, der seine „Tradition“ weiterentwickelt hatte.
    Er hatte auf diese Weise schon insgesamt sechs Nightshader umgebracht. Aber wir hatten ihn besiegt. Allbrook wurde in die Stadt gebracht und dort eingesperrt. Alle die, die unfreiwillig zum Kampf gegangen waren, hatte man laufen lassen.
    Die St Helen‘s Academy wurde nicht geschlossen, aber es wurde eine ganz normale Schule und die Regeln waren nur noch halb so streng.
    Außerdem kamen die meisten Leute nach dem Abschluss zu der Armee.

    Mein Leben wurde nicht auf Knopfdruck perfekt. Natürlich nicht, Clove war immer noch tot. Außerdem hatten wir auch noch mehr von unseren Leuten verloren, unter ihnen auch Phoebe und Brooke.
    Aber ich lebte weiter frei mit der Armee, ich kehrte nicht zur Academy zurück, ebenso wenig wie Alex. Er trat der Armee bei, kam durch die Aufnahmeprüfung (obwohl ich es ihm wirklich schwermachte) und bekam den Namen Cayden.
    Von Clove hatte ich immer noch die Narbe an der Unterlippe. Die wäre wahrscheinlich noch mein ganzes Leben lang geblieben, aber das war mir wirklich egal. Außerdem kam Griffin irgendwann bei meiner Hütte vorbei, um mir Cloves Messer zu bringen.
    „Er hätte gewollt, dass du es bekommst.“
    Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt benutzen würde …“
    „Das ist das Messer, das dich ungefähr zehn Mal fast aufgespießt hätte“, erinnerte mich Griffin mit einem Lächeln. Ich musste instinktiv schmunzeln.
    Wahrheit.
    Ich nahm das Messer vorsichtig und drehte es in meiner Hand. Der Gedanke, dass diese Klinge noch vor einer Woche Millimeter vor meinem Ohr gewesen war, machte mich traurig und gab mir zur gleichen Zeit auch einen verrückten Impuls, zu lachen.
    Ich benutzte Cloves Messer regelmäßig, wenn wir jagten. Und dabei wurde mir auch klar, warum Clove immer so gut zielen konnte - das Messer war echt dafür gemacht.
    Ich vermisste seine gereizte, finstere Art jeden Tag, aber ich lebte weiter mein Leben.
    Ambra und ich wurden die neuen Betas und wir kümmerten uns immer um die Neuzugänge.
    Mein erster Schützling war ein 13-jähriger Junge namens Oliver.
    „Und ihr kämpft wirklich mit Schwertern und so?“, fragte er mich bewundernd bei unserer ersten Kampfstunde, während er sich sein Kurzschwert von allen Seiten ansah.
    „Yup.“ Ich fuhr mit meinem Ärmel über die Klinge von meinem eigenen Schwert.
    „Wie cool!“ Olivers Augen leuchteten. „Und wie macht ihr das? Kämpft ihr Schwert an Schwert? Werft ihr euch Messer an den Kopf?“
    Darauf musste ich lächeln. „Weißt du, darüber kann ich dir was erzählen …“

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