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So sprach Joshua Erania

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6 Kapitel - 7.698 Wörter - Erstellt von: - Aktualisiert am: - Entwickelt am: - 507 mal aufgerufen- Die Geschichte ist noch in Arbeit

Der Kontinent Ayoran birgt viele Geheimnisse und Mysterien. So mancher Künstler würde sich mühen um diese darstellen zu dürfen. Einem von ihnen wollen wir in diesen Geschichten folgen. Begleitet Joshua Erania während er mehr über die Welt und die Wesen um sich herum lernt, und sich mit dem für ihn wohl größten Mysterium aller Zeiten beschäftigt: Dem Menschen.

Auch hier kann es vorkommen das ich die Geschichten im Nachhinein ändere.

    1
    Vorwort
    Good Morning! Ich bin mal wieder mit einer momentan noch sehr kleinen Geschichtssammlung zurück. Diese folgt meinen diesmal komplett eigenen Charakter Joshua Erania… allerdings spielt sie immer noch in Mir fällt kein Name ein's Welt. Ich werde diesmal nirgendwohin verlinken. Es kann durchaus vorkommen das diese Geschichten für Schreibwettbewerbe benutzt werden, also habe ich eigentlich keine Idee in welcher Kategorie das hier landet. Ich merke gerade wieder das ich mich selbst verliere. Also, lasst euch nicht weiter von mir stören. Viel Spaß beim Lesen, Kritik ist erwünscht, und ansonsten noch alles Gute.
    Speedwagonist

    2
    Inhalt
    Vorwort [1]
    Inhalt [2]
    Flügelloser Engel [3]
    Beichten [4]
    Albtraum [5]
    Das erste Bild [6]

    3
    Flügelloser Engel

    (Die Inspiration für diese Geschichte stammt vom Gedicht Uten Tittel (Vinger) von Gro Dahle aus der Gedichtsammlung Søster (2016), das ich allen die in der norwegischen Sprache gekonnt sind wärmstens empfehle.)

    Tanja betrat Joshuas Haus gegen Mittag. Sie hatte ihr Uniform ausnahmsweise zu Hause gelassen. Das lag nicht daran das sie meinte es wäre unnötig sie zu tragen, es war nur so das wie sie die Person zu der sie gehen würde kannte Farbflecken auf ihr enden würden. Ein Reinigungsmittel hatte man in dem Jahrhundert in dem sie festsaß nicht erfunden, also wollte sie damit vorsichtig sein. Ihre Vorahnung wurde bestätigt als sie in einem Farbeimer trat der praktisch hinter der Türschwelle platziert war. Tanja seufzte. „Du hast Besuch Joshua!“ kündigte sie sich selbst an. Aus dem Haus kam keine Antwort, also machte sie sich auf den Weg die Treppen hoch. „Joshua?“ Sie fing gerade an sich sorgen zu machen als sie das Zimmer betrat in dem die Person nach der sie suchte sich befand. Der junge Mann um dessen Stirn scheinbar immer ein weißes Band gewickelt war schlief mit dem Gesicht nach unten auf seinem Zeichentisch. „Joshua Erania!“ Der junge Mann schoss aus seinem Schlaf hoch wie ein Pfeil. „Waszumwiebitte!“ Sein Kopf drehte sich in ihre Richtung. „Ach Tanja, du bist es. Wie geht es dir… so…“ Der junge Mann gähnte. „Du siehst schrecklich aus! Wann hast du das letzte Mal geschlafen?“ Joshua versuchte seine Augen offen zu halten. „Keine Ahnung. Ich habe irgendwann das Zeitgefühl verloren. Aber es hat sich gelohnt Tanja. Es ist vollbracht.“ Er machte eine schwenkende Handbewegung über seinen Tisch. Tanja trat neugierig näher. Auf dem Bild waren zwei Menschen abgebildet, eine Frau und ein Mädchen. Beide dieser Personen hatte weiße Flügel die ihnen aus dem Rücken sprossen. Die Frau hatte eine Schere in der Hand, und schien gerade die Flügel des Mädchens abzuschneiden. Tanja kannte dieses Bild. Es würde in ein paar Jahrhunderten für eine stattliche Summe an einen ihrer Bekannten verkauft werden. „Wahrlich, ein Meisterwerk das du da aufs Papier gebracht hast.“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war deutlich zu hören. Allerdings war es Joshua mit dem sie hier redete. „Du siehst es also genau so wie ich. Gut, das ist gut. Meinst du ich konnte die Geschichte gut wiedergeben?“ Tanja legte den Kopf schief. „Gibt es dahinter ein Märchen der Region das ich nicht kenne?“ Der junge Mann schien enttäuscht. „Du erkennst die Geschichte dahinter wirklich nicht?“ Tanja schüttelte den Kopf. „Joshua, ich bin Soldatin, keine Kunstkritikerin. Du wirst mir schon sagen müssen worüber du reden willst.“ Der Künstler legte den Kopf schief. „Vielleicht erzähle ich dir dann die Geschichte auf dem das ganze basiert.“


    Das ganze fing vor einer Woche an. Ich saß mal wieder ganz alleine im Café. Die Farbe war mir ausgegangen, also wollte ich mir Die Zeit nehmen um mir etwas Inspiration einzuholen. An diesem Tag kam eine Reisende durch das Dorf. Bei solchen Leuten bin ich immer neugierig, also habe ich mich vorgestellt und wir sind ins Gespräch gekommen. Diese Frau erzählte mir eine Geschichte die ich in diesem Bild festhalten wollte. Ich glaube es ist am besten wenn ich sie dir einfach erzähle.

    Es war einmal ein kleiner Engel. Eines Tages verließ der Engel ihr Haus, und lief über die Wiese die sich hinter ihm befand. Sie sprang voller Freude herum, und pflückte ein paar Blumen. Sie fühlte sich so frei, jetzt wo ihre Mutter nicht mehr da war. Jetzt wo es nur noch sie und ihre Schwester waren. Ein Schatten flog über den Engel hinweg, und ihre Flügel erfroren. So schnell sie konnte lief sie nach Hause zurück. Die Blumen ließ sie auf der Erde liegen. Als der Engel zu Hause ankam wartete dort bereits jemand auf sie. Ein Schatten, groß und dunkel stand an der Tür. Der Schatten fragte voller Wut ob sie wieder ohne seine Erlaubnis das Haus verlassen hatte. Der Engel log, und sagte sie wollte nur kurz an die Luft. Das machte den Schatten jedoch nur noch wütender. Er griff sie an den Flügeln und zerrte sie mit sich ins Haus. Die Wände drangen näher und näher, sagten dem Engel sie solle fliehen, laufen, doch sie konnte nicht. Der Schatten trug sie mit zum Eingang des Dachbodens, und holte eine Schere hervor. Dann schnitt er dem weinenden und schreienden Engel die Flügel ab, und verschloss sie hinter einem Schloss aus Metall und einer Leiter viel zu hoch für einen kleinen Engel. Der Engel weinte, und fragte warum der Schatten das getan hatte. Dieser drehte sich zu ihr um, und fragte wofür der Engel denn Flügel brauchte. Dann schlug er mit seinen eigenen Flügeln, und die Schwester des Engels flog mit einer blutigen Schere in der Hand davon.


    Tanja vergleiche die Geschichte kurz mit dem Bild. „Ein Mädchen aus einem gewalttätigen Haushalt also. Wenn du mir es so erzählst ergibt es Sinn. Also, was hast du noch darüber herausgefunden?“ Joshua wirkte für die eben erzählte Geschichte recht ruhig. „Nun, wie du vermutlich schon erraten hast hat die Frau von sich selbst erzählt. Ich habe… nachgeforscht, und sie stammte tatsächlich aus einem schlechten Haushalt. Ihre Mutter musste sie wohl alleine aufziehen, und ist gewalttätig geworden. Als sie dann an einer Krankheit verstarb ging die Rolle der Hausherrin an die große Schwester der Frau über, allerdings war die um keinen Deut besser. Irgendwann ist unsere Hauptperson weggerannt.“ Joshua griff scheinbar aus Reflex nach dem Füller an seiner Schläfe. „Nun Joshua, ich hoffe wenigstens das du so gut warst ihr ein paar tröstende Worte zu spenden.“ Tanja musste an sicher fünf Leute mit ähnlichen Geschichten die sie kannte denken. „Das hatte ich vor, aber als ich am nächsten Tag zurückgekommen bin war sie nicht mehr aufzufinden. Sie muss weitergereist sein.“ Tanja legte den Kopf schief. „Ich nehme an das manche Leute damit zufrieden sind einfach ihre Geschichte erzählt zu haben.“ Die beiden starrten noch ein wenig gemeinsam auf das Bild. „Was meinst du warum die Schwester so etwas getan hat?“ Die Frage kam von Joshua selbst. Tanja dachte kurz nach. „Ich denke das es wohl einen tiefer liegenden Grund gab den unsere Hauptperson nicht kannte. Vielleicht war es schlechter Einfluss von der Mutter. Vielleicht war es etwas ganz anderes.“ Joshua schnaubte. „Wegen so etwas zeichne ich keine Menschen. Es ist so schwer sie realistisch darzustellen.“ Tanja seufzte. „Wenn du deinen Hang zur Perfektion nicht mal aufgibst…“ „Dann werde ich immer noch ein genau so guter Künstler sein wie vorher. Deine Worte.“ Das waren ihre Worte gewesen. „Lege dich einfach erst Mal ein wenig schlafen. Du kannst Morgen wieder ein neues Bild malen.“

    Das hier war die Geschichte für Mew - the mystery Pokémon’s Schreibwettbewerb

    4
    Beichten
    Der Beichtstuhl der Kirche des inzwischen zur Statt gewachsenen Luciens hatte einen Beichtstuhl. Es war eine kleine, recht enge Kammer, die durch eine Gitterwand entzwei geteilt war. Auf jeder Seite dieser Wand befand sich ein Stuhl, und der Priester oder die Priesterin und die gläubige Person würden sich so Rücken an Rücken sitzen ohne einander zu erkennen. Dort saß Petra Allumhein heute um die Beichten der wachsenden Gemeinde entgegenzunehmen. Während sie nun dort saß und ein wenig über die Rolle die sie zu spielen hatte reflektierte öffnete sich die Tür zur Kammer hinter ihr. Leichte Schritte hallten über den Boden, und jemand nahm auf dem Stuhl in ihrem Rücken Platz. „Wortwächterin… ich bin gekommen um etwas zu beichten… zwei Sachen um genau zu sein.“ Petra erkannte diese Stimme. Es handelte sich um einen Künstler mit dem sie ein eher komisches Treffen bei seinem Einzug hatte… aber das wusste sie in diesem Beichtstuhl nicht. Hinter ihr saß ein Fremder, das sah ihre Pflicht vor. „Die Ohren der Schwester sind dir geöffnet. Welche deiner Fehler möchtest du ihnen anvertrauen?“ Sie war eine Person die Trost und Vergebung verkündete. Was auch immer diese Person verbrochen hatte, sie würde es sich anhören. „Nun, eigentlich ist nur eins davon mein Vergehen. Ich gebe hier etwas für jemanden anderes weiter.“ Das war etwas ungewöhnlich. „Nun, es ist eigentlich so das jeder seine Fehler selbst gestehen sollte, und nicht andere schicken sollte um es für sie zu tuen.“ „Ich weiß das es unorthodox ist, aber ich habe einen Grund dafür das ich es bin der die Beichte überbringt.“ Petra dachte kurz nach. „Nun gut, dann entleeren sie ihr Herz.“ Der Mann auf der anderen Seite holte einmal tief Luft. „Das ganze geschah vor zwei Tagen…

    Ich ging mit langsamen Schritten in die Kirche Luciens. Ich war vor ein paar Wochen in diese Stadt gezogen, und vor ein paar Tagen hierher eingeladen worden. Die Kirche wurde nach dem Krieg neu aufgebaut, und ein paar Neuheiten wurden ihr hinzugefügt, unter anderem dieser Beichtstuhl. Ich zeichnete also Skizzen von Objekten die ich inspirierend fand- ich bin Künstler müssen sie wissen- und setzte mich schließlich in diesen Beichtstuhl. Ich war in meinem Leben noch nie bei einer Beichte gewesen, und ich dachte mir das es ein inspirierende Erlebnis seien würde. Erst einmal war ich alleine, und ich wartete ein wenig. Schließlich trat jemand auf der anderen Seite ein. Ich wollte gerade das Wort erheben, als ich unterbrochen wurde. „Priester, ich habe ihnen ein Geheimnis zu erzählen.“ Wie sich herausstellte war ich auf der falschen Seite des Beichtstuhles. „Ist alles in Ordnung, Priester?“ redete der Mann weiter mit mir. „Ähh, natürlich. Erzählen sie mir was ihnen auf dem Herzen liegt.“ Ich konnte in dieser Situation schlecht sagen das ich kein Priester war… Nein, eigentlich konnte ich das sagen. Ich denke das ich mir damals einfach eine interessante Geschichte erhofft hatte. Jedenfalls tat ich damals so als wäre ich ein Priester. Der Mann fing also an zu erzählen. „Das ganze fing kurz vor dem Krieg an. Ich war damals ein Soldat in der Armee. Eines Tages wurde ich von einem Bettler angesprochen, der mich um Essen bat. Als Narr der ich damals war sagte ich ihm er solle mich in Ruhe lassen, und wandte mich ab. Ich habe in meinem ganzen Leben keine guten Erfahrungen mit Bettlern gemacht, und er sah mir nicht so aus als würde er wirklich essen brauchen. Ich dachte das er einfach zu faul war es sich selbst zu erarbeiten. Aber ich lag falsch.“ Der Mann schien zu schliefen. „Das nächste Geräusch das ich hörte war ein Körper der den Boden traf, und ich fühlte wie eine Hand sich um meinen Knöchel schloss. Der Bettler starrte mir in die Augen, erfüllt mit Hass. ‚In meiner Stunde der größten Not hast du mir Hilfe verweigert!‘ sagte er. ‚An dem Tag an dem du in Not bist soll dir ebenfalls keine zukommen!‘ Und mit diesen Worten- starb er einfach- Verzeihen sie mir, ich brauche einen Moment.“ Ich überlegte kurz ob ich ihn unterbrechen und einen richtigen Priester holen sollte, als er schon weitersprach. „Der Nächste Teil meiner Geschichte spielt sich unter der Einnahme von Lorenstein ab. Wie jeder Soldat kämpfte ich dort um die Stadt zu beschützen. Ich fand mich irgendwann auf einem der Türme des Schlosses wieder. Dort kreuzte ich die Klingen mit einem Seelenkrieger. Wir gerieten beide ins taumeln und stürzten vom Turm. Ich schaffte es allerdings mich mit einer Hand am Dach festzuhalten. Dort taumelnd sah ich eine Kapuzengestalt vor mir erscheinen. Ich flehte sie an mir aufzuhelfen. Die Gestalt jedoch legte einfach ihre Kapuze ab, und gab ihr Gesicht zum Vorschein. Dort stand der Bettler dem ich einst nicht half. Er war so viel dünner, wie eine Leiche, und ich konnte die Knochen unter seiner Haut sehen. Er rief mir zu: ‚Erinnere dich an meinen Fluch! An dem Tag an dem du in Not bist soll dir ebenfalls keine zukommen!‘ Dann trat er auf meine Hand, und ich fiel. Kurz vor dem Boden traf ich auf einen Zaun, der mir den Bauch durchspießte und mich entzwei trennte.“ Damit beendete er seine Geschichte. „Aber-“ konnte ich noch ausstoßen bevor er weitersprach. „Aber das macht keinen Sinn, das wollen sie sagen, oder? Ich müsste doch eigentlich tot sein. Nun, Priester, es gibt eine Sache die sie nicht wissen, genau so wenig wie der Bettler es tat. Ich hatte nämlich einen Zwilling.“ Ein rascheln war zu hören, und der Mann stand auf. „Warten Sie!“ Ich sprang hinter den Vorhängen hervor. Das nächste was sich meinen Augen eröffnete war der abgetrennte Oberkörper eines Mannes der über den Boden kroch, in eine eiserne Rüstung gehüllt. Eine grausige Stimme hallte durch die Kirche. „So wie ich für dich starb wirst du eines Tages für jemand anderes sterben müssen! Das ist mein Fluch!“

    Petra ließ die Geschichte kurz auf sich einwirken. „Ich nehme an das sie nicht wissen was aus diesem Mann geworden ist?“ „Nein, ich habe ihn danach nie wieder getroffen.“ Petra nickte instinktiv. „Ich verstehe. Nun, das erklärt warum sie es für ihn Beichten. Ihm sei sein Versagen zu helfen vergeben. Ihnen ist es auch vergeben sich als Priester auszugeben, auch wenn ich sie bitten muss das in der Zukunft zu unterlassen.“ Petra streckte sich ein wenig. „Was meinen sie eigentlich dazu? Hat dieser Mann etwas falsches getan.“ Die Antwort ließ kaum auf sich warten. „Natürlich doch! Er hat zwei Leute in den Tod gezogen!“ Das stimmte auch wieder. „Nun, lassen sie mich dann weiterfragen. Meinen sie diese Person hat bereut was sie getan hat?“ Das wiederum rief Stille hervor. „Ich… denke schon. Er ist zum Beichtstuhl gekommen und alles. Warum fragen sie mich das?“ „Rein aus Prinzip. Ich möchte das die Personen die ihre Sünden gestehen auch wirklich Reue zeigen. Hierherzukommen ist meistens der erste Schritt.“ Erneut herrschte kurz Stille. „Das war alles was ich erzählen wollte. Ich denke das ich mich wieder auf den Heimweg mache.“ „Sie sind immer in der Kirche willkommen.“ Konnte Petra dem Mann noch sagen bevor der Vorhang in ihrem Rücken zufiel. Sie lächelte ein wenig während die nächste Person hinter ihr Platz nahm.

    5
    Albtraum
    Ich weiß nicht genau warum ich das hier schreibe. Mein Name ist Joshua Erania. Ich bin ein Künstler und 23 Jahre alt. Im Moment bin ich auf dem Weg in meine neue Heimat. Ich bin dabei in eine schnell wachsende kleine Stadt namens Lucien zu ziehen. Laut dem Fahrer sollten wir spätestens morgen früh angekommen sein. Warum also sitze ich in der Nacht inmitten einer Kutsche wach und schreibe etwas auf das wertvolle Papier auf dem eigentlich ein wunderschönes Kunstwerk hätte entstehen können? Das, ihr Lieben Leser die das hier vermutlich aus meiner Tasche gestohlen habt wenn ich morgen in mein neues Haus ziehe, ist ganz einfach. Ich hatte einen Albtraum. Ich weiß, das hört sich dumm an. Ein Kind würde über einen Albtraum weinen, aber doch nicht ein Erwachsener. Ich weiß selbst nicht warum ich das hier aufschreiben, aber ich möchte es einfach loswerden. Das hier ist also der Albtraum den ich hatte.

    Ein kalter Seewind wehte um mein Gesicht herum. Verwirrt blinzelte ich. Vor mir breitete sich eine Szenerie des Meeres aus. Eine unendlich lange Küste, mit Sand fein wie Staub und gelb wie Gold, einer klaren Hochwasserlinie von Muscheln und Algen die eine letzte Barriere zwischen dem endlosen Meer und dem so fragil wirkenden Land fungierte. Kalt, gefühllos krachten die schaumigen Wellen gegen die Küste. Inmitten dieses Chaos der Natur stand, wie ein Blatt im Wind, ein Ruderboot auf der See. Es war ein altes, vielleicht schon ein wenig marodes Boot. Irgendwie erinnerte es mich an ein Boot mit dem mein Vater und ich eines Tages den See in unserer Heimat erkundet hatten. Ich weiß nicht genau was, aber irgendetwas zog mich zu diesem Boot hin. Also ging ich auf es zu, während meine Schuhe in Meerwasser getränkt wurden. Während ich weiterging wurde das Wasser tiefer und tiefer. Irgendwann fing ich an zu schwimmen. Mit mehr Glück als verstand schaffte ich es schließlich in das Boot zu klettern. Ich hätte eigentlich erwartet das ich inzwischen vor Kälte zittern würde, aber trotz dem harschen Seeklima war das nicht der Fall. Das erste was ich bemerkte war dass das Boot um einiges kleiner war als ich es in Erinnerung hatte. Nun, ich war seit dem letzten Mal das ich in ihm saß auch achtzehn Jahre älter geworden. Ich stellte mir vor hier mit einem Kind zu sitzen, und der Platz schien noch mehr zu schrumpfen. Ich wusste nicht was ich sonst tuen sollte also ergriff ich die Ruder und fing an mich auf die See hinauszubewegen. Während meiner Fahrt bemerkte ich etwas, oder besser gesagt bemerkte ich nichts. Kein Tier war im Wasser zu sehen. Kein anderes Boot. Kein Land. Ich war zu weit hinausgerudert. Ich hätte einfach umdrehen sollen wenn ich jetzt darauf zurückdenke, aber ich tat es nicht. Ich ruderte einfach weiter und weiter, bis meine Arme zu schwach waren um die Ruder noch einmal durch das Wasser zu ziehen. Es war scheinbar Nacht geworden. Ich warf einen Blick um mich herum, und stellte fest das die Wellen verschwunden waren. Das Wasser lag tatsächlich komplett still. Dann sah ich etwas vor mir zur Oberfläche aufsteigen. Dort, im glasklaren Wasser, und das einzige was noch Wellen schlug, schwamm ein Mensch. Ich reagierte schnell, und zog ihn aus dem Wasser. Mit der wenigen Kraft die mir übrig war hievte ich ihn zu mir ins Boot, und sah… mich. Dort vor mir lag ich selbst. Das gleiche Stirnband, die gleichen Zeichenutensilien. Dort mit mir im Boot lag eine exakte Kopie von mir, mit einem einzigen Unterschied. Über den Hals der Kopie zog sich eine winzige Tiefe Schnittwunde. Sie war tot. Ich warf mich im Boot zurück. Panisch warf ich meinen Blick aufs Meer, und entdeckte noch mehr Kopien von mir. Alle von ihnen erlitten irgendwelche Wunden, manche von ihnen sahen sogar verbrannt aus. Was sie gemeinsam hatten war das sie alle, ohne Ausnahme, tot waren. Blut floss aus ihnen in das Meer hinein. Plötzlich zerbrach das Boot unter mir, und ich fing an zu sinken. Ich rang nach Luft, versuchte zu schwimmen, aber nichts half. Ich versank langsam in einem Meer das sich rot färbte. Schließlich wurde alles dunkel. Dann hörte ich sie. Die Stimmen. Es waren Dutzende von ihnen, manche rau wie Stein, andere süß wie Honig. Alle sagten sie meinen Namen, immer und immer wieder. „Joshua Erania.“ „Joshua Erania.“ „Joshua Erania.“ Dann durchdrang eine letzte schneidende Stimme sie alle. „Das ist nicht das Ende deiner Geschichte.“ Mit diesen Worten wachte ich auf.

    Das war also der Traum den ich heute Nacht hatte. Ich weiß nicht warum, aber es fühlt sich gut an ihn erzählt zu haben. Die Wahrscheinlichkeit das irgendjemand das hier liest ist eigentlich recht gering. Vielleicht sehe ich mir das hier in ein paar Jahren an und denke an heute zurück. Wer weiß. Das war es eigentlich auch schon von mir. Es wird langsam hell draußen, und ich will noch ein bisschen Schlaf kriegen bevor ich morgen in mein neues Haus ziehe.

    6
    Das erste Bild
    Lia Milipharia hielt ihre heiße Tasse entspannt in der Hand während sie zusah wie aus dem Fenster ihres Nachbarhauses eine Wolke von Staub drang, gefolgt von einem jungen Mann der nach Luft rang. „Herr Erania räumt seinen Dachboden auf.“ Neben ihr stand ein Jugendlicher, im Aufzug eines Butlers, mit verstrubbelten, viel zu langen schwarzen Haaren, und Ringen unter den Augen. Diese Augen die ein Gefühl ausstrahlten das sie nicht beschreiben konnte. Trauer? Müdigkeit? Es war jetzt schon fast ein Jahrzehnt her das sie diesen jungen Mann zum ersten Mal getroffen hatte, und sie war der Lösung zu diesem Rätsel immer noch nicht nähergekommen. Watari war, wie immer, aus dem nichts erschienen. Lia schockte dass inzwischen nicht mehr. „Wie sich in ein paar Monaten so viel Staub ansammeln kann ist über mir.“ Watari spielte ein wenig mit seinem Taschentuch herum. „Wollen sie das ich ihm helfe, Doktor?“ Lia zuckte mit den Schultern. „Wir können ja wenigstens vorbeischauen ob er Hilfe braucht.“ Mit diesen Worten gingen die beiden zum Haus auf der anderen Straßenseite hinüber. Lia klopfte an die Tür ihres Nachbars. „Joshua? Alles in Ordnung bei dir?“ Eine gerufene Antwort kam kurz darauf. „Ahh, Doktor! Kommen sie rein.“ Lia öffnete die Tür zu einer eher dunklen Wohnung. Der Flur war inzwischen möbliert worden, unter anderem mit einer Leiter die zum Dachboden zu führen schien. Genau diese kam Joshua gerade heruntergeklettert. Seine Augen funkelten grün auf als sie ihre trafen. „Habe ich sie gestört? Nun, es ist schön das sie Mal rüberkommen… oh, Watari, du bist auch hier.“ Der letzte Teil der Sätze kam wenig enthusiastisch heraus. „Ja, wir beide sind es. Was genau tust du da oben?“ Lia sah neugierig die Leiter hinauf. „Ich habe ein paar meiner alten Bilder ausgegraben. Wollen sie sich etwas ansehen?“ Lia zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Ich habe gerade Zeit.“ Lia folgte Joshua zum Dachboden hinauf. Watari war bereits oben als sie dort ankamen, weil er es natürlich war. Auf dem irgendwie immer noch staubigen Boden waren mehrere Kisten verschiedener Größe aufgestellt. Die kleinste war nicht größer als ein kleines Kästchen, die größte ging Lia bis zu ihrem Knie hinauf. Die Kisten waren beschriftet, in was sie als Jahreszahlen erkannte. „Du bewahrt deine Bilder nach Jahren auf?“ richtete sie eine Frage an den jüngeren Mann neben ihr. „Es ist notwendig, sonst verliere ich komplett die Übersicht.“ Lia sah sich die Jahreszahlen noch einmal genau an. „Einige dieser Kisten stammen aus Jahren in denen du ein Kind warst.“ „Genau richtig.“ „Die sind einige der größten.“ „Auch richtig.“ „Wo hattest du Geld und Zeit für so viele Bilder her?“ „Meine Eltern waren reich, und ich war ein Kind ohne Freunde und mit einigen Problemen die ich zum Ausdruck bringen wollte. Es würde dich außerdem überraschen wie viel manche Adelige für ein Porträt zahlen, selbst wenn es von einem Kind gemalt wird.“ Joshua trat zu den Kisten hinüber. „Das hier sind Bilder die niemand haben wollte. Ich weiß nicht was ich damit tuen soll, und hier oben sammeln sie nur Staub an. Ich wollte schauen ob es da welche gibt die ich weiterverschenken kann. Der Rest… nun, wir werden sehen.“ Die erste die er öffnete war die Kiste mit der Aufschrift 1395. Das Jahr in dem die Sellenkriege begonnen hatten. „Daran erinnere ich mich noch. Ich war gerade in einer Naturzeichnung-Phase, bis, nun ja, das an was man sich aus diesem Jahr erinnert passiert ist. Ich finde sicher einen Wissenschaftler der sich darüber freut.“ In dieser Kiste waren unzählige Zeichnungen von Tieren, Insekten und Pflanzen zu finden. „Du hast während der ersten Kriegsmonate nichts gezeichnet. Woran liegt das?“ „Seitdem die Truppen in Ereneria angekommen waren, war ich beschäftigt. Mir wurde ja erlaubt den Zivildienst anzutreten, und das hat meine Zeit geschluckt. Ich habe erst als es deutlicher wurde das wir gewinnen würden überhaupt erst wieder damit angefangen. Es hat auch gebraucht bis ich wieder da war wo ich heute bin.“ Lia griff nach einer etwas kleineren Kiste, nun, Kiste war das falsche Wort, nach einem Kästchen das die Aufschrift 1383 trug. „Joshua… korrigiere mich, aber du warst damals drei Jahre alt.“ Sie deutete auf die Nummer auf dem Kästchen. Joshua sah zu ihm hinüber, und eine kleine Flamme brach in seinen Augen auf. „Die habe ich gesucht! Ja, sie haben recht, ich war damals noch drei.“ Joshua nahm ihr das Kästchen ab, und klappte es auf. Im Inneren lag eine Rolle, die wohl aus einigen zusammengebundenen Bildern bestand. „Das waren die ersten Bilder die ich je gezeichnet habe. Das bringt Erinnerungen auf.“ Das dies tatsächlich so war stellte Lia fest sobald sie tatsächlich einen Blick auf die Bilder werfen konnte. Joshua hatte es geschafft Bilder zu erschaffen die sie kaum von der Realität unterscheiden konnte. Es war irgendwo beruhigend zu wissen das auch er einmal als Anfänger angefangen hatte. Watari war während ihres Gespräches damit beschäftigt gewesen den Staub vom Boden auszuwischen, aber das schien eine Interesse erweckt zu haben. „Herr Erania, wann haben sie dieses Bild gezeichnet?“ Er nahm eines der Bilder aus der Rolle heraus. Darauf zu sehen war was wohl ein Mensch in komplett falschen Proportionen war. Der Kopf, die Hände und die Füße waren übergroß, während der Rest des Körpers nur von Strichen dargestellt wurde. Der Mensch auf dem Bild hatte braune Haare, trug ein weißes Stirnband und hatte grüne Augen. Wenn Lia nicht es besser wüsste würde sie sagen das es sich dabei um ein Selbstporträt handelte. Das konnte sie ausschließen weil sie bezweifelte das ein dreijähriger Joshua bereits sein Stirnband trug… wenn sie so darüber nachdachte hatte sie ihn allerdings nie ohne es gesehen. „ Ich habe meinen Eltern immer erzählt das es nach einem Traum neben meinem Bett lag. Ich werde es sicher mal gemalt haben, aber daran… erinnere ich mich nicht.“ Joshua zog einen Klappspiegel aus seiner Tasche, und sah sich selbst in die Augen. „Gibt mir einen Moment. Ich muss eben die Erinnerung finden…“ Joshua war für einige Zeit still. „Sie… ist verschwunden? Das ist komisch. So etwas passiert normalerweise nicht.“ „Nun, Herr Erania.“ Watari ergriff das Wort. „Dann müssen wir einfach ihr Gedächtnis auffrischen.“

    Ich schloss den Spiegel in meiner Hand und drehte mich nach hinten. „Ich glaube nicht dass das so einfach-“ Abrupt brach ich meinen Satz ab. Hinter mir erstreckte sich ein See. Sein Wasser lag ruhig, und ein einziges Paddelboot war an seinem Ufer angekettet. „Was zum…“ Ich war gerade noch in meiner Wohnung, auf meinem Dachboden gewesen. Ich hatte ein paar alte Bilder ausgeräumt und dabei Besuch von Doktor Milipharia und Watari bekommen. Wo genau war ich also jetzt. Ich stand jetzt an der Luft, aber die Lichtverhältnisse hatten sich nicht geändert, was wiederum bedeutete… Ich warf einen Blick zum Himmel hinauf. Die Sterne waren wunderschön, aber das war es nicht was meine Aufmerksamkeit ergriff. Es war Nacht geworden. Wo und wann genau war ich? Okay, erst einmal musste ich mich beruhigen. Etwas schien wieder mit der Zeit nicht zu stimmen. Ich öffnete en Klappspiegel wieder. Nein, es waren keine neuen Erinnerungen dazugekommen. Das machte das ganze nicht wirklich besser. Erst einmal sollte ich festlegen wo ich mich befinde. Ich warf einen Blick in Umgebung und diese Frage wurde mir abgenommen. Das war einfach unmöglich. Nicht denkbar. Gegen jede Logik. Dort, nicht weit vom See entfernt stand ein kleines Haus mit zwei Etagen. Es war ein typisches Holzhaus, aber ich erkannte es sofort, und das machte diese Situation so absurd. Ich war daheim. Dort stand das Haus in dem ich aufgewachsen war .Ich war hier seit Jahren nicht gewesen. Ich ging langsam darauf zu. Hinter dem Haus lagen die Felder die ich kannte der gleiche Kiesweg führte zu ihm hin. Das Holz hatte die gleiche Farbe wie ich in Erinnerung hatte. Eh ich mich versah lag meine Hand am Türknauf. Ich konnte nicht einfach hineingehen. Das Haus gehörte meiner Familie längst nicht mehr. Überhaupt war die Tür vermutlich abgeschlossen. Ich drehte den Knauf zur Seite, und die Tür öffnete sich ohne Widerstand. Natürlich war sie nicht abgeschlossen. Ich sollte hier trotzdem aufhören. Ich wusste nicht wer hier jetzt lebte, und ich die meisten Personen wären nicht gerade froh über einen Wildfremden der einfach ihr Haus betritt. Ich betrat den Flur, der sich seit meiner Kindheit auch nicht verändert hatte. Es standen sogar noch die gleichen Möbel an der Wand. Die laute Stimme einer Frau hallte die Treppe links von mir hinunter durch das Haus. Ich war wohl bemerkt worden. Wie genau sollte ich diese Situation erklären? Verzeihen Sie, aber ich bin einfach vor diesem Haus aufgetaucht. Ich habe hier mal gewohnt also wollte ich es mir anschauen? Das würde mir niemand glauben. Ich suchte noch nach einer Erklärung als ich die Stimme der Frau erkannte. Dort oben war meine Mutter. Das war allerdings genau so unmöglich wie meine jetzige Situation. Sie hätte mir wenigstens geschrieben wenn sie wieder hier eingezogen wäre. Dann hörte ich die männliche Stimme. „Vater?“ Um mich zu wiederholen, das war unmöglich. Meine Eltern lebten seit mehreren Jahren nicht mehr zusammen. Überhaupt, würde keiner von ihnen je in dieses Haus zurückkehren. Dann kam mir ein Verdacht. Mit langsamen Schritten ging ich den Flur hinunter. Ich sollte hier umdrehen. Ich kannte den Weg von hier nach Lucien. Doktor Milipharia würde auf mich warten, genau wie Antonia wenn sie herausfand das ich plötzlich an einem anderen Ort aufgetaucht war. Aber… ich warf hier eine riesige Chance weg wenn ich finden würde was ich erwartete. Ein paar wenige Schritte trugen mich zu einer nicht ganz geschlossenen Tür. Natürlich war sie das nicht. Sie war immer leicht offen gewesen damit ich schnell aus dem Zimmer kommen konnte wenn etwas passierte. Ich stieß die Tür auf. Das Zimmer das sich offenbarte war ein simples. Ein kleines Bett und ein Schrank waren die einzigen Möbelstücke. Auf dem Bett saß ein Junge, von dem ich wusste das er drei Jahre alt war. Braune Haare, die ein Stirnband vertragen konnten, und Augen die grün wurden als sie meine kreuzten. „Joshua Erania.“ Sagten wir beide, wie aus einem Mund. Dort vor mir saß Ich, vor vielen Jahren. Deshalb waren meine Eltern noch hier. Sie hatten sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht getrennt. „Du… bist ich. Aber älter.“ Sagte ich, also, die jüngere Version von mir. „Aber das ergibt keinen Sinn. Ich bin hier. Also… Ach, das hier ist ein Traum, oder?“ Irgendwo war ich davon beeindruckt wie schnell mein junges Ich das ganze als Traum abgetan hatte. Allerdings spielte das sehr gut in meine Hände. „Ja… ein Traum. Das hier ist ein Traum.“ Es musste einen Grund geben weshalb ich hier war. Es gab immer einen Grund wenn so etwas passierte. Was also war er? Vielleicht konnte ich das mithilfe von mir selbst herausfinden. „Also, warum besucht ein älteres Ich mich?“ fragte das jüngere Ich. Für eine kurze Zeit wusste ich nicht wie ich darauf antworten sollte. „Nun… Ich habe ja etwas mehr Erfahrung im Leben als du. Ich bin hier um Fragen zu beantworten die du vielleicht hast.“ Vielleicht würde ich so herausfinden was genau ich hier tun sollte. Ich setzte mich neben den jüngeren Joshua auf das Bett. „Also, frag ruhig nach allem was dich bedrückt.“ „Lieben meine Eltern sich noch?“ Es ging also direkt zu den schweren Fragen. Ich wusste was passieren würde. In etwa drei Jahren würden meine Eltern auseinandergehen. Der Junge neben mir würde bei seiner Mutter leben, bis er erwachsen war. Ich entschloss mich ihn anzulügen. „Natürlich tun sie das. Was bringt dich auf die Idee das sie es nicht tun?“ Mein junges Ich überlegte kurz. „Ich habe so eine Fähigkeit, weißt du?“ Ich musste lächeln. Die Fähigkeit. Natürlich wusste ich davon. „Du kannst die Erinnerungen anderer sehen wenn du in ihre Augen blickst. Das kann ich auch.“ Das jüngere Ich wirkte bedrückt als es mich das sagen hörte. „Also verschwindet sie nicht.“ Ich erinnerte mich daran das ich genau so reagiert hatte. Für große Teile meiner Kindheit hatte ich meine Fähigkeit gehasst. „Allen denen ich davon erzähle sagen das ich Glück habe wenn ich die Wahrheit erzählen sollte.“ Setzte der junge Joshua fort. „Sie sagen das ich die Leute dadurch besser verstehe, da ich ja weiß warum sie tun was sie tun, aber-“ „Man versteht sie nur weniger. Man sieht Eltern die ihre Kinder schlagen obwohl die Erinnerung daran das ihnen es selbst passiert ist, betrogene die betrogen werden, und Menschen die aus Rache dafür das ihnen jemand genommen wurde jemand anderem jemanden nehmen.“ Ich beendete den Satz. „Es ist eine komplizierte Situation, nicht?“ Das Junge Ich nickte. „Ich wünschte mir das ich diese Fähigkeit nicht hätte. Du hast sie scheinbar noch, also wird daraus wohl nichts.“ Ich hatte mich inzwischen an die Fähigkeit gewöhnt. Ich schätzte sie inzwischen sogar. Sie hatte mich gerettet, und noch mehr Personen. Allerdings konnte ich mich selbst hier nachvollziehen. „Meine Eltern streiten sich immer. Sie meinen das sie es vor mir verstecken können, aber ich sehe es in ihren Erinnerungen. Das macht mich traurig.“ Ich hatte inzwischen verarbeitet das ich keine glückliche Familie hatte. Inzwischen kümmerte es mich nicht mehr. Ich hatte meinen Platz in dieser Welt gefunden, und Familie bedeutete wenig für ihn. Das konnte ich dem jungen Ich allerdings nicht so einfach erklären. „Weißt du, ich habe in solchen Situationen immer etwas getan um mich abzulenken. Hast du mal versucht etwas zu malen?“ Das Junge Ich sah mich verwundert an. „Malen? Nein, habe ich noch nicht.“ Er stand plötzlich vom Bett auf. „Warte, wir haben hier noch irgendwo Papier.“ Kurz darauf kam er mit einem Blatt Papier zurück. „Darf ich mir ein paar deiner Stifte ausleihen?“ Ich fasste mir an die Schläfe, und zog ein paar Stifte hervor. „Natürlich doch.“ Das jüngere ich schnappte sich begeistert die Stifte, und fing an zu zeichnen. Dabei sah er immer wieder zu mir hoch. Ich erkannte das Bild innerhalb der ersten drei Striche. Nach einigen Minuten zeigte das jüngere ich mir stolz ein Porträt von mir selbst. Es war dieses Bild. Das Bild aus dem Jahre 1383. Das Bild das im Traum zu mir gekommen war. „Du hast Potenzial. Mach so weiter, okay?“ ich streichelte dem jüngeren Ich kurz durch die Haare. „Aber hör Mal, es wird spät. Es wäre am besten wenn du dich langsam schlafen legst.“ Das junge ich sah mich verwirrt an. „Ich dachte das hier wäre nur ein Traum.“ Ich lächelte. Es war recht einfach sich hier herauszureden. „Ja, das ist es. Allerdings muss jeder Traum einmal enden. Ich bleibe auch hier bis du eingeschlafen bist, ja?“ Das junge Ich nickte, und warf sich auf das Bett. Ein paar Beinbewegungen und er war von einer Decke bedeckt. Innerhalb von wenigen Minuten war er eingeschlafen. Das zu können war etwas das mir nicht mehr geschenkt war. Ich legte das Bild vorsichtig neben dem schlafenden Jungen auf das Bett. Ich erinnerte mich jetzt wieder wieso es eines morgens einfach neben mir lag. Mir war jetzt auch klar wer mich hierhin gebracht hatte. Ich stand langsam und vorsichtig auf, um den Jungen im Bett nicht zu stören. Als ich das Zimmer verließ ließ ich die Tür leicht offen stehen. Als ich durch den Flur ging blendete ich die Streitenden Stimmen aus. Als ich das Haus verließ Schloss ich die Tür hinter mir. Niemand würde merken das ich hier gewesen war. Also ging ich den Kiesweg hinunter, an den Feldern vorbei zurück zum See. Dort, mitten im Wasser, lag ein Boot. Es war ein Balanceakt, aber ich stieg ein. Im Boot fand ich zwei Paddel. Mit einem Platsch ließ ich sie in das Wasser gleiten, und fing an durch den See zu rudern. Ich sah das andere Ende nicht, egal wie weit ich hineinruderte. Irgendwann sah ich in alle Richtungen kein Ufer mehr. Hier blieb ich stehen, und ließ die Rudern in das Wasser sinken. Langsam schloss ich meine Augen. „Habe ich erreicht was du von mir wolltest?“ „Das haben sie, Her Erania.“ Ich öffnete die Augen wieder. Vor mir, auf einem Fuß auf der Spitze des Bootes balancierend, war ein junger Mann. Er trug einen schwarzen Anzug, dem eines Butlers nicht unähnlich. In seinen Augen sah ich Jahrtausende an Erinnerungen. Jahrtausende von denen ich instinktiv wusste das sie gefälscht waren. Vor mir war Watari. „Ich denke nicht das ich überrascht sein sollte dich hier zu sehen.“ Sagte ich. „Nein. Nein, das sollten sie nicht.“ Antwortete er. Ich betrachtete ihn einmal durchgehend. Er sollte nicht dort stehen können ohne dass das Boot außer Balance geriet, aber Watari spielte nicht nach den Naturgesetzen. Das war mir schon immer klar. „Ich bin sicher das sie einige Fragen haben.“ Sagte er. Ich schüttelte einfach den Kopf. „Nur eine einzige wenn ich ehrlich bin.“ „Warum? Das ist was sie fragen wollen. Habe ich recht?“ Watari lächelte verschmitzt. „Nun, Herr Erania… Ich werde sie erst einmal etwas ablenken müssen. Sie hatten ein ausgesprochen klares Vokabular für ein Kind.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich musste mir vielen schnell klar werden, und die Wörter dafür finden. Ich habe verstanden was der Tod ist bevor ich laufen konnte. Es ist einfach eine Nebenwirkung davon so viel zu sehen wie ich es tue.“ Watari nickte. „Herr Erania, ihre Fähigkeit hat ihnen viel Kummer eingebracht, oder?“ Ich überlegte kurz. „In früheren Jahren, ja. Sie hat wohl auch dazu geführt das ich, nun ja, nicht ganz normal geworden bin.“ Sagte Ich. Heute war ich dankbar sie zu haben. Das, jedoch, erwähnte ich nicht. „Hmmhmm. Sie wären tatsächlich sehr anders geworden wäre es nicht um ihre Fähigkeit gewesen. Das bringt mich tatsächlich schon zum Warum dieser Angelegenheit. In dem Haus das sie gerade verlassen hat sitzt ein kleiner Junge, dem kein schönes Leben bevorsteht. Ein Junge der bald von allen Kindern in seinem Alter abgeschottet sein wird, weil er die Traumas von ihnen allen kennt und nachverfolgt. Ein Junge der sich in Kunst flüchten wird um das zum Ausdruck zu bringen. Ein Junge der von niemandem verstanden werden. Dieser Junge wird aufwachsen, und in seiner Jugend allein sein, weil er mehr und mehr des schlechten der Welt verstehst. Er wird erwachsen werden, und in einen Krieg hineingezogen werden in dem er dessen Horror tausend Mal sehen wird ohne ein einziges Mal zu kämpfen. Und all das wird noch nicht einmal das schlimmste sein was ihm passiert. Deshalb, Herr Erania, gebe ich ihnen eine Möglichkeit. Sie können diesem Jungen das ersparen. Sie können es sich selbst ersparen.“ Watari beendete seine Erklärung. Ich überlegte für länger als mir lieb war. Egal was ich wählte, ich wäre nicht ganz zufrieden. „Wenn es nur um mich ging“ fing ich an „würde ich Ja sagen. Ich denke das mein Leben alles in allem angenehmer wäre. Ich wäre nie in Dinge hineingeraten die mir bis heute Albträume bereiten. Vor einem Jahr hätte ich noch Ja gesagt.“ „Allerdings hat sich seitdem etwas geändert, nicht? Sie denken nicht mehr nur über sich selbst nach.“ Watari hatte wieder diesen Blick angenommen. Er sah durch mich hindurch, in die tiefen meiner Seele hinein, hatte ich das Gefühl. Er machte das öfters. „Es gibt da eine Person für die sie so viel Leid auf sich nehmen würden.“ Ich nickte langsam. „Ich denke ja. Allerdings… Watari, erlaube mir dir eine Frage zu stellen. Ist diese Person auf mich angewiesen? Habe ich ihr Leid überhaupt gelindert?“ „Das waren zwei Fragen, Herr Erania. Ich kann sie jedoch gerne beantworten. Nein, diese Person ist nicht auf sie angewiesen. Das Endergebnis wäre das gleiche wenn sie nicht da gewesen wären. Jedoch, Herr Erania, ist die Antwort auf die zweite Frage Ja. Sie waren zu diesem Zeitpunkt die einzige Person die ihr beistehen konnte. Ohne sie wäre diese Person an dem ganzen zerbrochen, und sie wäre nicht stärker aus der Situation herausgekommen. Sie allerdings wären glücklicher. Es ist ein etwa gleicher Austausch. Es liegt an ihnen.“ Ich brauchte noch einen Moment. Das hier war ein Dilemma das ich lösen müsste. Ich oder sie. Sollte ich egoistisch sein? Es gab niemanden den ich hier um Hilfe bitten konnte. Jetzt wo ich so darüber nachdachte musste ich noch nie eine so wichtige Entscheidung treffen. Bis jetzt hatte das Leben meinen Weg diktiert. Jetzt war ich an der Reihe. Dann, ganz langsam, fing ich an zu lachen. „Ich- Nein. Definitiv Nein. Ich sollte so etwas nicht einmal in Betracht ziehen. Ich bleibe bei der Realität wie sie jetzt ist.“ Watari lächelte. „Ich wusste das sie das sagen würden. Sie sind ein besserer Mensch geworden, Herr Erania.“ Ich wimmelte dazu einfach abwertend mit den Augen. „Mache mich nicht zu einem besseren Menschen als ich bin. Es gibt da jemandem von dem ich weiß das sie Leiden wird wenn ich diesem Pfad folge, und die Chance lasse ich mir nicht entgehen. Außerdem habe ich diese Qual von Leben durchlebt. Dann wird der kleine Bastard hinter uns das auch hinkriegen.“ Watari lächelte einfach weiterhin. „Erzählen sie sich das gerne wenn das sich glücklich macht. Irgendwo ist es schade. Sie sind die zweite Person die eines meiner Angebote abgelehnt haben. Wir sind wieder bei einer gleichgewichtigen Teilung angekommen. Sei es drum. Ich werde sie jetzt zurück in die Gegenwart bringen, Herr Erania.“ „Stimmt, das wäre nützlich. Muss ich irgendetwas tun?“ fragte ich. „Sie heben in einen Spiegel geschaut als sie hierher gekommen sind, Herr Erania. Tun sie das einfach noch Mal.“ Das ergab Sinn. Ich holte den Klappspiegel den ich seit kurzem immer bei mir trug aus der Tasche. Darin sah ich mich selbst. Ich sah Joshua Erania, das Produkt meines Lebens. Ich war glücklich damit.

    „Joshua? Joshua?“ Lia sah besorgt auf den jungen Mann vor ihr nieder. Er starrte seit etwa einer Minute wie in Trance in den Spiegel vor sich. Er blinzelte einige Male, bevor er sich zu ihr drehte. „Verzeihung, Doktor. Ich habe mich kurz in Gedanken verloren.“ Joshua sah kurz zu Watari hinüber. „Ich erinnere mich jetzt wieder, also wird keine Auffrischung benötigt sein.“ Mit diesen Worten klappte er den Spiegel wieder zusammen. Dann nahm er das Selbstporträt in die Hände. „Wissen Sie Doktor, ich bin froh heute der zu sein der ich bin.“ Mit diesen Worten rollte Joshua Erania die Zeichnung zusammen, und ließ sie wieder in das Kästchen verschwinden, wo sie erst einmal bleiben sollte.

    (Ich habe die Ehre heute Worte von mir zu geben von denen ich dachte das sie nie meine Lippen, oder in diesem Fall Finger, verlassen würden: Das war es. So sprach Joshua Erania endet hier. Vielleicht gibt es mal eine Überarbeitung oder ein Pixelart, aber ich habe momentan nicht vor etwas neues zu schreiben. Ich weiß das es weder das längst oder das beste war was ich je geschrieben hatte, aber irgendwo mag ich es. Ich konnte einem meiner Charaktere eine richtige Hintergrundgeschichte geben, ein paar Andeutungen über zukünftige Projekte machen und ihm Vergebung und Rache beibringen. Zudem habe ich mich Mal in der Ersten Person geübt. Ich rede gerade wieder zu viel. Also, wie hat es euch gefallen? Was kann ich besser machen? Ich würde mich freuen wenn ihr das mit mir teilen könntet. Godspeed, Gentlepeople. Geschichten aus Lucien feiert bald sein Jubiläum, und ich möchte bis dahin eine Geschichte fertig machen in der unser Künstler auch eine Rolle spielt. Wir sehen uns dann.)

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