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Ein Wald...Ein See...Ein Leben...

Ein paar Freunde verabreden sich zum Zelten -es endet in einem Desaster.
Eine Kurzgeschichte zum Gruseln: P

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    Eine düstere Nacht. Im Wald. Lauschig. Einsam. Verloren. Wind erzeugt Stimmen, streichelt die Bäume, versetzt den ganzen Wald in Bewegung. Und natürlich ist es Vollmond –was auch sonst? Da sind wir also, gemeinsam einsam im Wald am Dorfrand.
    Ganz ehrlich- so im Nachhinein betrachtet eine saublöde Idee. Aber ich will ja nicht zuviel verraten.
    Es ist Spätherbst und Wochenende. Meine Kumpel und ich haben die Idee ausgebrütet mal Zelten zu gehen. Natürlich ohne Eltern. Die Abenteuerlust hatte uns gepackt und wir waren von unserer Genialität total überzeugt –was auch sonst. Also machten meine persönlichen Intelligenzbestien und ich uns vor ein paar Stunden auf den Weg zur Stadtgrenze und in die Tiefen des Waldes hinein. Ich mein, was konnte uns schon passieren, wir hatten ja alles dabei –Zelte, Isomatten, Schlafsäcke, Feuerzeug, Handy und so ein Zeug... Ach ja, natürlich hatte meine Mutter ihre Bedenken geäußert, was genau sie gesagt hat? –Keine Ahnung, hab auf Durchzug geschaltet und...Jedenfalls hat sie uns nur unter der Bedingung gehen lassen, dass sie uns ihren Picknickkorb mitgab. Also hatten wir sogar haufenweise Verpflegung. Aber ich schweife ab.
    Auf der Suche nach dem perfekten Zeltplatz latschten wir also planlos durch den Wald, es dämmerte schon, und natürlich war keiner von uns auf den Gedanken gekommen, vorher schon mal rumzugoogeln geschweige denn ne Karte auszudrucken. Als uns das aufging, war es bereits zu spät und –wir hatten kein Netz. Von einem Moment auf den anderen war die Stimmung im Keller. Aus den wanderlustigen Abenteurern wurden depressive Irre, dessen Lebensinhalt, das Handy, funktionsunfähig war. Wir ordneten unsere Prioritäten neu. Zelten war abgeschrieben, wir brauchten Netz. Und das brauchten wir wirklich, denn wir hatten uns ein klein wenig verlaufen und wussten weder aus welcher Richtung wir kamen, noch wo wir hinwollten.
    „Is doch eigentlich nicht so wild. Wir gehen einfach in eine Richtung und irgendwann ist der Wald dann zu Ende und wir können uns durchfragen.“
    Oh, natürlich, ganz tolle Idee. Es ist ja nicht so dass wir unsportlich wären, aber was denkt sich Jakob dabei? Ganz ehrlich, ich hab Asthma und die ganze Expedition war für mich sowieso mehr als Mutprobe gedacht. Das hatte ich nun davon und die Tatsache, dass Jakob hier den Schlaumeier markierte, machte die Sache nicht besser. Ich fixierte ihn mit meinem Blick voller Wut, Hass und Verzweiflung. Wenn Blicke töten könnten, so wäre Jakob in diesem Moment auf dem Boden zusammengebrochen und sich qualvoll windend dort unten verreckt. Doch das ist natürlich Unsinn –Leider.
    „Hey Jungs, ich hab den idealen Zeltplatz gefunden!“, schrie Elsa plötzlich von weit entfernt. Wir drehten uns perplex um, im nächsten Augenblick musterten wir uns irritiert. Keiner hatte bemerkt, dass sie weg war.
    „Na das is ja mal wieder typisch“, witzelte sie, nachdem sie nach Atem ringend bei uns angekommen war. „Ihr steht hier nichtsnutzig und vollkommen verloren herum und lasst mich mal wieder die ganze Arbeit machen... Was täten die Herren der Schöpfung nur ohne die Frauen?“
    „-Aussterben vermutlich“, gab ich nüchtern zurück. Sie lachte. Es war ein helles Lachen, so ungekünstelt und echt, wir stimmten alle mit ein und es ging wieder bergauf.
    Wir folgten Elsa zu ihrem ausgewählten Traumzeltplatz. Ich musste ihr zustimmen, er war wirklich hinreißend. Eine Lichtung an einem kleinen See. Der Mond spiegelte sich im Wasser, sowie die vielen tausend Sterne in Lichtjahre weiter Entfernung. Als wir aus dem muffigen, stickigen, dunklen Wald hinaustraten und der Wind uns sanft die Nase streichelte, empfing ich sofort das Gefühl von Freiheit. Als wäre ich von einer schweren Last befreit worden. Ich konnte frei atmen. Vollkommen unbeengt herumtollen und den stressigen Alltag vergessen. Alles ausblenden. Mein Leben war jetzt diese Lichtung. –Zumindest für einige Augenblicke.
    Denn bei Jakob hielt die Bewunderung für diesen Ort nicht mal annährend so lange an, wie bei mir. Während ich also noch hypnotisiert von diesem Ort, dämlich in der Gegend rum stand, nutzte mein Kumpel die Gelegenheit, trat von hinten an mich heran und beförderte mich mit einem kräftigen Schupser kopfüber direkt in den See.
    Der Schock und die Wucht vom Aufprall auf die Wasseroberfläche presste mir die Luft aus meinem Brustkorb, um mich herum wurde alles schwarz.
    Stimmen drangen an mein Ohr, leise, unverständlich, als sprächen sie eine fremde Sprache. Doch die Stimmen kamen immer näher und lauter. Ich wollte sie nicht hören. Ich wollte schlafen. Schlafen und die Ruhe im unendlichen Nichts genießen...
    „Mach die Augen auf verdammt noch mal!“ Jakob schüttelte mich ordentlich durch und holte mich damit zurück in die trostlose Realität.
    Ich öffnete langsam meine Augen. Gleißendes Licht ersetzte die Dunkelheit, die mich bis eben umfing, es brannte in meinen Augäpfeln, doch ich zwang mich weiter hinzusehen. Zu erst waren nur Umrisse erkennbar, dann Farben und schließlich blickte ich in das breit grinsende Gesicht von Jakob.
    Mann, wie ich diesen Typen in dem Moment gehasst habe. Doch darauf konnte ich mich nicht konzentrieren. Ich kotzte mir erstmal die Seele aus dem Leib, bis schließlich nichts mehr übrig war –richtig Luft bekam ich danach zwar immer noch nicht, doch was soll’s, Hauptsache Maestro hatte seinen Spaß. Ich setzte mich langsam auf, nahm meine Sachen und baute ohne Worte mein Zelt auf. Ich wollte nicht reden, auch nicht mit Elsa, die ein paar Versuche startete, doch ich lies sie eiskalt abblitzen. Mir war immer noch schlecht, ich hatte einen Drehwurm und höllische Kopfschmerzen –ach und eh ich´s vergesse, war ich nass bis auf die Knochen und das alles nur dank Jakob. Idiot. Als mein Zelt, nach einigen Fehlversuchen endlich stand verlor ich keine Zeit. Ich schlüpfte hinein, tauschte meine nassen Sachen gegen meinen kuscheligen Pyjama und mummelte mich in meinen warmen Schlafsack. Was die zwei anderen währenddessen getrieben haben, keine Ahnung, ich habe ja alles und jeden ignoriert, jedenfalls, als ich ein paar Stunden später wieder aufwachte, war der Grund nicht etwa ein Alptraum oder mein Harndrang. Es war ein Schrei. Ein markerschütternder Ton, voll Panik, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. So, als ob auch der verzweifelte Griff nach dem letzten Strohhalm eine Niete war.
    Ich saß senkrecht in meinem Zelt, doch nicht lange. Instinktgesteuert sprang ich auf, hechtete aus meinem Zelt, riss den Reißverschluss zu Elsas Zelt runter und stand keuchend vor ihrem Schlafsack. Unsere Blicke trafen sich, ihr liefen Tränen über ihre leicht geröteten Wangen und ihr herber Schrei riss bei meinem Anblick sofort ab. Das war aber auch schon alles, was ich registrierte. Wie so ein psychisch Gestörter stand ich stark pumpend, nass geschwitzt, mit weit aufgerissenen Augen im Pyjama versteinert vor ihr, ohne auch nur die leiseste Ahnung wieso. Da registrierte ich, dass sie ihren Finger gehoben hatte. Sie zeigte auf mich. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie zeigte durch mich hindurch, genauso wie sie mich nicht ansah, sondern augenscheinlich auf etwas blickte, dass hinter mir stand.
    Ich drehte mich langsam um, in Erwartung, mich würde gleich etwas riesiges behaartes stinkendes Etwas anspringen und mir die Kehle mit seinen dreckigen langen Krallen aufschlitzen. Doch auch hinter mir stand nichts. Da war nichts und das konnte nur bedeuten, dass ich entweder blind bin oder Elsa verrückt geworden ist –oder aber sie will mich verkohlen und wartet nur darauf, dass ich aus dem Zelt heraustrete und von irgendwo wird mich dann Jakob wieder anspringen. Scherzkeks –wer´s glaubt.
    „Elsa, wenn das jetzt irgendwie witzig sein soll“, wollte ich anfangen sie zu tadeln, doch sie schnitt mir mit zittriger und beängstigend leiser Stimme das Wort ab.
    „Sieh doch, Markus ...am See...“
    Ich drehte mich noch einmal um und jetzt sah ich es auch. Es war Jakob. Er ging geradewegs auf den See zu, mittlerweile war er nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt. Doch irgendwie war da was faul, die Situation war höchst suspekt. Abgesehen davon, dass er torkelte und jeden Moment umzufallen drohte und seine gesamte Körperhaltung zu wünschen übrig ließ, war das erschreckendste, dass er nackt war, splitterfasernackt, mit nichts als einem Survivalmesser in der Hand. Jakob hatte das Ufer des Sees erreicht, ich stand immer noch wie angewurzelt bei Elsa im Zelt, meine
    Kinnlade hing mir mittlerweile in den Kniekehlen. War der Typ auf LSD?
    Jakob blieb stehen, als das Wasser sanft über seine Füße schwabbte. Sein Kopf hob sich Richtung Vollmond und er begann sich langsam die Pulsadern aufzuschneiden, doch ich konnte keinen Schrei von ihm hören, keinen Laut, außer Elsa, die bei mir einen Tinitus auszulösen drohte. Sie klammerte sich an meinem Arm fest und beobachtete das ganze genauso untätig wie ich. Was bezweckte er damit? Sich zu ritzen, doch es war mehr als das. Vom Schmerz befreit und wie von einer fremden Macht gesteuert torkelte er immer tiefer in den See hinein. Ein Selbstmordversuch? Unmöglich. Du träumst. Das ist alles nur ein dummer Alptraum. Ich muss mich nur Zwicken, dann wache ich auf, dachte ich mir, naiv wie ich war. Doch egal wie und wo ich mich zwickte, ich wachte einfach nicht auf.
    Wie von der Tarantel gestochen sprintete ich auf einmal los, als ich auch die letzten Haarspitzen in den Tiefen des Sees verschwinden sah. Zum zweiten mal in wenigen Stunden ging ich in diesem See unfreiwillig baden und beide male wegen Jakob. Ich suchte unter und über Wasser, doch es war einfach zu dunkel, ich konnte nichts sehen. Und ich kriegte jedes mal einen Herzinfarkt, wenn mich irgendetwas am Bein berührte, und sei es nur eine Alge.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit bekam ich etwas, was sich wie ein Arm anfühlte zu fassen und zog daran. Doch Jakob schien irgendwo eingeklemmt zu sein, denn er ließ sich nicht hochziehen. Also tauchte ich noch tiefer. Irgendetwas hielt seinen Fuß fest, ob es eine Hand war oder einfach eine widerspenstige Alge, die sich um seinen Fuß gewickelt hatte, wer konnte das schon sagen? Jedenfalls löste sich dieses Etwas von seinem Knöchel, als ich es berührte und ich schwamm schleunigst wieder mit ihm an die Oberfläche.
    Dort angekommen, röchelte ich erstmal, den gefühlten halben Inhalt des Sees aus meinem Körper, doch um mich herum war es totenstill. Merkwürdig, wie ich fand, da Jakob die Luft doch länger anhalten musste als ich...
    Erst als ich ihn mit meiner letzten Kraft zurück ans Ufer zog viel mir auf, dass sein Brustkorb sich nicht hob. Er hatte aufgehört zu atmen. Ich brach neben ihn zusammen und fing an hemmungslos zu heulen. Elsa funktionierte sich ihren Schlafsack zur Decke um und kam vorsichtig, die Decke über Kopf und Schultern zu uns geschlichen. Als sie Jakobs Leiche sah musste sie schlucken. Sie legte mir ihren Schlafsack um den Körper und begann auf seinem Brustkorb herumzutreten und ihre Lippen auf seine zu pressen. Sie befolgte dabei einen bestimmten Rhythmus, doch während sich mir dessen wahre Bedeutung völlig entzog, fand ich es einfach nur eine abartige Vorstellung, mit einer nackten Leiche zu knutschen.
    Während ich Elsa perplex beobachtete ging an mir das Blubbern, das auf einmal aus den Tiefen des Sees an die Oberfläche drängte ganz und gar vorbei. Das Blubbern wurde immer lauter und intensiver, sodass es einem auffallen musste –der ganze See schien zu kochen. Wie aus dem Nichts hatte sich ein Nebeldunst gebildet, der schon bald den ganzen Boden überdeckte und das Brodeln des Wassers zwar unsichtbar, jedoch nicht unhörbar machte. Irgendwie gespenstisch. Elsa ließ von Jakob ab und wir starrten einander fassungslos an. Was war nur los? Was hatte ich nur so Schlimmes verbrechen können um so einen Horror wie diesen zu verdienen? Doch der Nebel war nur der Vorbote für ein noch heimtückischeres Wesen, dass sich uns nicht so einfach offenbaren wollte. Durch die dicke neblige Suppe drang ganz leise ein Singsang an mein Ohr. Ein Gesang von einer glockenhellen klaren Stimme. Ich bilde mir ja nicht ein, Experte auf diesem Gebiet zu sein, doch ich kann eins und eins zusammenzählen, und die Anzeichen waren ja wohl mehr als deutlich. Nacht. Mondschein. See. Wasser. Nebel. Und jetzt auch noch Gesang. Ich befand mich in unmittelbarer Nähe einer Sirene! Na toll, jetzt werde ich, mit nichts als einem klitschnassen Pyjama bekleidet, auch noch von dem heimtückischsten aller Fischwesen heimgesucht. Und dabei sagen immer alle Fabelwesen gibt es nicht, sie existieren nur in Phantasie und sind irreal. Experten, dass ich nicht lache. Wenn einer von diesen Genies sich hier blicken lässt, werfe ich ihn der Sirene mit Vergnügen zum Fraß vor. Dann sollen die noch mal behaupten Fabelwesen gibt es nicht. Idioten.
    Ihr Gesang wurde immer lauter und –unerträglich schrill, von den zarten wohlklingenden Tönen war nichts mehr übrig. Kein Wunder. Mit dem Singsang umgarnt sie ihre Opfer, lullt sie ein, bis sie nicht mehr ein noch aus wissen, lockt sie in ihren Bann. Besonders tückisch, da nur ihre auserwählten Opfer ihre Klänge wahrnehmen können. Dann foltert sie ihre Opfer mit diesen schrillen ohrenbetäubenden Lauten, bis sie besinnungslos vor ihr zusammenbrechen. Schönes Schicksal, dass da auf mich wartet. Aber es geschieht uns recht. Achtlos und völlig unvorbereitet voll jugendlichem Übereifer sind wir ins Unglück getappt. Durch mein erstes Bad im See haben wir eine Sirene aus den Untiefen ihres Schlafes geholt und sie damit erzürnt. Jetzt müssen wir sterben. Jakob war erst der Anfang.
    Doch warum bin ich in der Lage diese Gedanken zu fassen? Müsste ich nicht längst bewusstlos in den Fängen des Fischweibes liegen, das im Nebel lauert? Alles schien sich zu verzerren, ich blickte immer noch zu Elsa hinüber, doch sie hatte aufgehört zu blinzeln. Von ihr ging keinerlei Regung mehr aus, sie wirkte wie eingefroren. Jetzt, wo ich es genauer betrachtete, schien auch der Nebel in der Luft zu hängen, er waberte nicht mehr um mich herum. Es war, als wäre die Zeit stehengeblieben. Einfach so. Doch es war noch etwas anders. Die Sirene, sie hatte aufgehört zu singen. Es umfing mich ein wohliges warmes Gefühl der Geborgenheit. Stille. Allumfassende Stille und Entspannung. Wie in Trance bewegten sich meine Glieder und ich stand auf. Ich wusste gar nicht wie mir geschah doch von einem Moment auf den nächsten fand ich mich auf dem Wasser stehend wieder, vor mir das schönste Wesen, dass ich je sah. Eine schlanke große Frau mit klaren Gesichtszügen und langem gewellten roten Haar. Von der Hüfte abwärts bestand ihr Körper aus einer kräftigen Flosse mit glänzenden grünen Schuppen. An diesem Anblick konnte ich mich gar nicht satt sehen, ihre Augen spiegelten das Blau des Meeres.
    „Markussss, mein Name issst Aurelia. Ich will dir nichts Böses.“, säuselte sie mit zuckersüßer Stimme. „Bitte vertrau mir, ich habe mich noch nicht vielen Menschen zu Erkennen gegeben. Du solltest dich also geehrt fühlen.“
    „Was willst du?“, stammelte ich unbeholfen. Ich hätte meine Beine in die Hand nehmen, Elsa schnappen sollen und mit ihr über alle Berge fliehen sollen. Doch ich stand da, stocksteif, und betrieb SmallTalk mit einer Sirene.
    „Was ich will?“, sie kicherte kindlich und hielt sich eine Hand vor den Mund bevor sie weiter sprach. „Ich will Gesellschaft. Ich fühle mich so schrecklich einsam, Markus.“
    „Warum dann das mit Jakob? War der etwa keine Gesellschaft?“ Bin ich jetzt völlig übergeschnappt. Eine Sirene zu provozieren ist das letzte, was man tun sollte, aber ich kann ja meine Klappe nicht halten.
    Als hätte ich einen Schalter umgelegt. Die Schönheit war verschwunden. An dessen Stelle trat das Antlitz eines schleimigen welsähnlichen Meeresungeheuers mit tiefer grollender Stimme und fauligem Atem.
    „Jakob war ein Idiot. Er hat mich unsanft geweckt, indem er dich zu mir in die Tiefe schickte. Dafür musste er bezahlen. Außerdem ist er ein gemeiner Volltrottel, die Welt ist eine bessere ohne sie. Du kannst mir doch nicht sagen, dass du seinen Tod bedauerst. Er war es schließlich, der dich immer schikaniert hat.“
    „Das ist wohl war, doch er war trotz allem mein Freund, mein bester sogar. Und du hast ihn umgebracht. Was er getan hat rechtfertigt nicht im mindesten, was du getan hast. Du willst meine Gesellschaft? Ich will aber nicht die deine! Du kannst meinen Freund nicht ersetzen!“ Tränen strömten mir über die Wangen, ich weiß gar nicht, wo ich die Kraft zum Brüllen herbekommen habe, doch es tat gut. Es tat so verdammt gut, den Frust und die Angst und den Schmerz herausschreien zu können.
    Meine Worte schienen etwas bewirkt zu haben, denn ich blickte wieder in die wunderschönen blauen Augen der Sirene.
    „Ich verstehe. Ich habe dich verletzt, dabei wollte ich nur helfen. Ich bin es so satt allein zu sein, und du kamst mir so nett vor.“, die Sirene wirkte nachdenklich und ernsthaft bekümmert. „Sag mir Markus, wenn ich dir deinen Freund zurückgäbe, könnten wir dann auch Freunde werden? Ich würde deine Freundschaft wirklich sehr schätzen.“
    „Hör mal, Aurelia,“ begann ich vorsichtig „Wie stellst du dir das denn vor? Ich mein, er ist tot.“
    „Das ist nicht ganz richtig. Ich habe nur das Leben aus ihm entfernt.“ Wie zum Beweis hielt sie eine kleine bläulich leuchtende Kugel in die Luft. „Manch einer würde es auch als Seele bezeichnen ...wenn ich ihm seine Seele zurückgäbe, würdest du dann bei mir bleiben?“
    „Ein Leben gegen ein Leben? Wenn ich nein sage, dann nimmst du mich trotzdem, hab ich nicht recht?“
    Ein heimtückisches Grinsen zog sich quer über ihr Gesicht. „Du bist ziemlich clever mein Junge.“
    „Dann bin ich einverstanden, Aurelia, lass mich aber erst sehen, dass du dein Versprechen auch wirklich einhältst.“
    Was als nächstes geschah, kann ich nicht erklären, selbst für mich ist die Erinnerung daran schleierhaft, verschwommen. Es ging alles so schnell. Auf einmal war die Sirene verschwunden, der Nebel verzog sich und ich saß wieder neben Elsa und Jakob. Auf einmal schlug mein tot geglaubter Freund die Augen auf und spuckte gefühlt 10 Liter dieses Seewassers aus. Wir zogen ihm schnell was über, dann taumelten wir halb besinnungslos in den Wald hinein, Jakob hielten wir dabei zwischen uns gestützt. Wie durch ein Wunder schafften wir es aus dem Wald heraus, die Sonne ging gerade auf.
    Völlig durchnässt und durchgefroren kamen wir schließlich vor unserm Dorfkrankenhaus an.

    Tja, willkommen in der Gegenwart. Ich bin vor einer halben Stunde in einem Krankenbett aufgewacht. Am Bett nebenan saß Elsa, die Hand von Jakob festumklammernd. Beide sahen ziemlich fertig aus. Jakob vor allem. Aschfahl und mit seinen Verbänden sah er aus wie eine lebende Leiche, kein Wunder unter diesen Umständen. Die beiden unterhielten sich, ich weiß nicht worüber, als ein Arzt zu mir trat.
    „Hallo, Markus. Woran erinnerst du dich?“
    Ich gucke ihn irritiert an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ja, also, ähm, mein Freund wurde von einer wunderschönen Sirene entführt und ich hab alle gerettet? Wohl eher nicht. Der würde mich doch glatt einweisen.
    „Nur keine Sorge. Deine Freunde haben mir bereits alles erzählt. Jakob hatte sich den schlechten Ulk erlaubt und dich in den See geschubst, du hast dir den Kopf angeschlagen und er hat dich zurück ans Ufer gezogen. Du warst bewusstlos und er dachte, er hätte dich umgebracht. Voller Panik wollte er sich dafür selbst ertränken und schnitt sich zusätzlich die Pulsadern auf. Elsa schaffte es noch knapp, ihn davon abzuhalten Selbstmord zu begehen und die beiden brachten dich hierher. Du hast ziemliches Glück gehabt, Markus. Auf dem Weg hierher hast du zwar ab und zu das Bewusstsein wiedererlangt, bist aber immer wieder abgeschwirrt, sagten mir die beiden“
    Was redet der da für einen Stuss! Da fällt man ja vom Glauben ab! Kann es wirklich sein, dass meine Freunde die Wahrheit vergessen haben, verdrängt haben? Doch sie haben Aurelia nie zu Gesicht bekommen. Spinnen die oder spinne ich? Kann es sein, dass sie dem Doc nur diese fadenscheinige Geschichte aufgetischt haben, weil er die Wahrheit nie geglaubt hätte? Oder haben sie ihm die Geschichte erzählt, weil sie der Wahrheit entspricht?
    „Ich muss mal pinkeln.“ Das kam etwas emotionslos rüber, aber was sollte ich sonst tun. Der Doc lächelte und zeigt mir den Weg. Ich bitte ihn draußen zu warten. Ich musste nachdenken, in Ruhe nachdenken und mir gewiss darüber werden, was genau mit mir nicht stimmt. Ich meine Sirenen? Hallo? Geht’s noch! Das kann sich auch wirklich nur mein geschädigter Verstand ausdenken. Ich drehe den Wasserhahn auf, spüre das kühle frische Wasser auf meinen Fingern, bilde eine Schale mit beiden Händen und versenke mein Gesicht im kühlen Wasserbett.
    Das Wasser prickelt auf meiner Haut, was merkwürdig ist. Aus Wasserhähnen kommt doch normalerweise Leitungswasser und kein Sprudelwasser? Ich hebe meinen Kopf und blicke mir selbst in die Augen. Doch hinter mir war noch ein zweites Augenpaar im Spiegel zu erkennen. Es waren blaue Augen.
    „Hallo Markus“
    Ich will schreien und zugleich lachen. Ich denke, scheiße die Sirene ist real und gleichzeitig ich bin nicht verrückt!
    Ich drehe mich mechanisch zu Aurelia um, welche mir immer näher kommt. Um Abstand zu gewinnen rücke ich immer weiter an den Waschbeckenrand, bis es einfach nicht mehr weiter geht. Es war ein Fehler ihr in die Augen zu schauen, ich kann meinen Blick einfach nicht mehr von ihr abwenden. Während sie näher und näher kommt und mir sanft ihre Hände auf die Schultern legt, beginnt sie wieder mit Engelszungen eine Melodie zu summen, die im Ohr nachhallt. Sie zieht mich vollständig in ihren Bann...
    Unsere Gesichter nähren sich ...Der Kuss des Todes

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