x
Springe zu den Kommentaren

Die Welt war schon immer unfair

Ich habe an einem LGBTQIA+ Schreibwettbewerb mitgemacht. Hier ist das Ergebnis.

    1
    Nachdenklich betrachtete sich Ben noch einmal in der Fensterscheibe. Anzug und Krawatte sitzt. Frisur auch, okay. Nun aber los. Wie immer pünktlich betrat er das hohe Gebäude und steuerte auf denselben Tressen zu. Dort saß eine junge Frau und hob sofort erwartungsvoll den Kopf als sie ihn erblickte.,, Na, meine Hübsche?” betont lässig lehnte sich Ben an den Schalter und wusste genau, dass die junge Dame schon wieder hin und weg war. Er würde nicht sagen, dass er ihr falsche Hoffnungen machen würde… aber er tat es halt.,, Herr Waiver.” sagte die Dame atemlos. Dann räusperte sie sich und meinte dann etwas ruhiger:,, Was kann ich für sie tun? Dasselbe wie immer?“ Ben beugte sich noch weiter vor.,, Ihr wisst, dass Ihr mich Ben nennen sollt, Róse.“ meinte er leise und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sollte er sich nicht eigentlich schämen?,, Und ja, dasselbe wie immer.“ Einen Moment lang starrte Róse ihn noch an doch dann fing sie sich und griff sofort nach dem Telefon.,, Herr Otero? Ja, ähm, Ben Waier ist hier und möchte zu Euch. Ja, alles in Ordnung.“ Sie legte auf und nickte ihm rasch zu und schon war Ben verschwunden. Ben wusste, dass, Herr Otero‘ um diese Zeit immer alleine war. Leo war sein Name und er war die Marionette seines Vaters, zumindest war dies Bens Sicht, Leo wollte davon nichts hören. Er kannte den Weg auswendig: die Treppe hoch, zum Fahrstuhl in den dritten Stock. Links den Gang lang, dann rechts die 7. Tür ganz am Ende des Korridors. Er machte sich nicht einmal die Mühe zu klopfen und trat einfach ein. Auf den ersten Blick war der Raum leer.,, Hast du schon wieder der armen Róse falsche Hoffnungen gemacht?“ Die Stimme war verurteilend, doch Ben hörte die Belustigung heraus. Ben ging zum hohen Fenster, welches zur Straße zeigte.,, Ich war höchstens sehr nett.“ Antwortete er ruhig.,, Ja, klar.“ schnaubte man.,, Ich konnte ihre Aufregung praktisch schmecken. Er stand hinter Ben und dieser musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wie er aussah. Einige Zentimeter kleiner als er selbst und auch etwas dünner. Die grauen Augen kühl und forschend, aber eigentlich freundlich, die blonden Haare ordentlich gepflegt und perfekt sitzend. Er trug einen Anzug, der ihn so unfassbar heiß aussehen ließ, obwohl Ben die Meinung vertrat, dass er ganz ohne Kleidung noch besser aussah. Warte was?
    Nun drehte er sich aber doch um und sah Leo in die Augen.,, Eifersüchtig?“ schmunzelte er.,, Nein, ich wäre eher froh, wenn du mich aufgeben würdest und mit einer Frau zusammenkommst. Es würde uns beide die Schande und Verachtung ersparen. Das saß. Leo hatte ein sehr empfindliches Thema angeschlagen und wusste dies. Unbewusst ballte Ben seine Hände zu Fäusten.,, Warum?“ fauchte er ungehalten.,, Warum glaubst du, dass es Verachtung und Schande sein wird? So schlimm ist die Welt doch auch nicht!“ Seine Stimme war laut, sehr laut.,, Meine Welt ist so schlimm!“ fauchte Leo zurück.,, Ich bin Sohn eines spanischen, reichen Bänkers! Der einzige Sohn! Und das weißt du und das haben wir schon mehrmals besprochen. Es. Geht. Nicht!“
    Stille.
    In Bens Ohren rauschte es und er fragte sich, warum noch keiner der Sicherheitskräfte hineingestürmt war und ihn rausgezerrt hatte.
    Leo starrte Ben an.
    Ben starrte Leo an.
    ,, Liebst du mich?“
    Bens Stimme klang hohl und fast so als würde er gleich losheulen, würde er vielleicht auch.
    ,, Was?“
    Leo verstand die Frage nicht. Wenn es nicht ging, warum dann die Frage.
    ,, Liebst du mich?“
    Ben wiederholte sich, diesmal lauter.
    ,, Die Frage ist sinnlos, wenn ich dir doch sage, dass es nicht geh…“
    ,, Antworte einfach! Liebst du mich, oder liebst du mich nicht?“ schrie Ben nun.
    Doch er wartete gar nicht mehr auf eine Antwort, sondern stürmte an Leo vorbei und aus dem Raum. Leo rief noch einmal seinen Namen, doch als Antwort bekam er nur das Zuknallen der Tür.
    ,, Ja.“
    ———————————————
    Am nächsten Tag kam Ben nicht zu Leo und am darauffolgenden Tag auch nicht. Dabei wünschte sich Leo nichts sehnlicher als mit Ben sprechen zu können, ihn sehen und berühren zu können. Er wünschte es sich mehr denn je, doch Ben kam nicht. Ben saß zu Hause und dachte über die unfaire Welt nach. Sein Handy hatte er ausgeschaltet und die Vorhänge zugezogen. Niemand sollte ihn stören, wenn er sich in der Einsamkeit und dem Selbstmitleid verzehrte. Und dann, am dritten Tag, klopfte es. Als Ben es hörte, wollte er es erst als Einbildung abtun. Wer sollte es auch sein? Zu seiner Familie hatte er keinen Kontakt mehr und keiner seine Freunde kannte seine Adresse. Doch dann klopfte es wieder, und wieder und irgendwann so doll und laut, dass Ben befürchtete, dass die Tür einbrechen würde.,, Okay, okay. Ich komme gleich.“ rief er laut und zog sich rasch ein paar Sachen über. Beinah verängstigt ging er zur Tür und legte die Hand auf den Griff. Er hätte so schlau sein können, durch das Guckloch zu sehen, aber er war in diesem Moment einfach nicht schlau. Als er die Person vor der Tür sah, wollte er sie sofort wieder schließen, doch Leo war schneller. Der gebürtige Spanier hatte den Fuß zwischen die Tür geklemmt, bevor Ben sie ganz geschlossen hatte.,, Lass mich wenigstens hereinkommen und es dir erklären, okay? Wenn du mich danach nie wieder sehen willst, dann gehe ich und komme nie wieder, aber gib mir wenigstens diese eine Chance. Bitte.“
    ,, Wie viele Chancen willst du noch, Leo?“ knurrte Ben.,, Wie oft wolltest du es mit erklären und hast es doch nie gemacht? Wie oft soll ich mir das hier noch anhören? Und für wie lange?“
    Am liebsten hätte Ben die Tür mit aller Wucht zu gerammt, egal ob er damit Leos Fuß gebrochen hätte.
    ,, Bitte.“ flüsterte Leo leise, fast weinerlich.,, Es tut mir leid, ja? Gib mir einen Versuch, nur den letzten hier noch. Bitte, bitte, bitte.” Er wiederholte es immer weiter und brachte Ben so zum Schmelzen. Ben lehnte sich gegen die halbgeöffnete Tür und schloss die Augen. Er hatte so lange um Leo gekämpft. Er war bei ihm gewesen und Leo war auch bei Ben gewesen, zumindest am Anfang. Dann hatte Leos Vater von ihrer Beziehung Wind bekommen und sie sofort getrennt. Sie waren damals 17 gewesen und Ben erinnerte sich gut daran, wie Leo mit blauen Flecken und vielen weiteren Verletzungen in die Schule gekommen war. Ben war auf seinen Freund zu gerannt und wollte ihn umarmen und trösten, doch Leo hatte ihn weggestoßen, angeschrien und war am Ende weggelaufen. Ben war immer naiver als Leo gewesen, leichtsinniger. War er das immer noch? War er wirklich davon ausgegangen, dass sich etwas geändert haben könnte? Ben öffnete die Augen.,, Ich will keine Erklärung von dir, Leo. Ich will eine Antwort und Beweise.” Damit stieß er sich von der Tür ab und schlurfte in das Wohnzimmer, jedoch ließ er die Tür für Leo offen. Er kam im Wohnzimmer an und stellte peinlich berührt fest, dass der Raum völlig verwüstet war. Auf dem Boden lagen einige Bier- und Coladosen verteilt, schmutzige Kleidung und Essensreste mischten sich darunter. Das Ben seit Tagen nicht gelüftet hatte roch man deutlich und ihm fiel jetzt erst auf, dass er selbst ebenfalls völlig heruntergekommen aussah. Hinter ihm kam Leo in den Raum und blickte sich kurz um. Ben wagte es kurz zu ihm hinüber zu schielen und registrierte, dass Leo weder verwirrt, überrascht oder angeekelt wirkte. Auch sah Leo ebenfalls nicht wirklich gut aus. Das Haar wirkte ungekämmt und stumpf, das Gesicht war fahl und seine Kleidung zerknautscht. Das schlimmste waren jedoch seine Augen: Rot unterlaufen und geschwollen als hätte er die letzten Tage ausschließlich mit weinen verbracht. Dunkle Schatten lagen unter über seinen Wangen und zeugten von seiner Müdigkeit. Und doch loderte in Leos Augen nun Entschlossenheit als er auf Ben zuging. Er blieb vor Ben stehen und sah ihn fordernd an.,, Was willst du zuerst?“
    Im ersten Moment war Ben verwirrt. Doch er verstand schließlich.,, Eine Antwort.“ Seine Stimme klang rau.,, Liebst du mich?“ Er fragte wieder und er wusste, dass, wenn Leo jetzt nicht antworten würde, er endgültig den Verstand verlieren würde. Und es waren Sekunden, die sich in Bens Herz fraßen und die er niemals vergessen würde. Sein Herz pochte stark gegen seine Brust und er hatte das Gefühl, nicht genügend Luft zu bekommen.,, Ja.” Auf die Antwort folgte Stille. Zuerst erreichten Ben das Wort gar nicht. Leo war näher getreten und stand nur noch wenige Zentimeter von Ben entfernt.,, Und ich werde es dir auch beweisen.“ flüsterte er und sein Atem strich über Bens Wangen. Und dann küsste er ihn. Es war nicht ihr erster Kuss und doch der, der Ben am meisten bedeutete. Er war nur ganz leicht und scheu, nicht fordernd oder sowas. Als sie sich wieder lösten, war Ben immer noch in seiner Starre gefangen. Er konnte sich kaum rühren.,, Und du? Liebst du mich auch?“ murmelte Leo nah an seinen Lippen und seine Stimme war einige Nuancen dunkler geworden. Ben schluckte und nickte, seiner Stimme traute er nicht. Leo strich ihm übers Haar, bis sich Ben schließlich räusperte und ihn wieder direkt ansah.,, Und was machen wir jetzt? Du hast selbst gesagt das es wegen deines Vaters nicht geht, aber….. aber ich will dich jetzt nicht mehr verlieren.” Eigentlich hatte Ben Leo nie verlieren wollen. Leo senkte den Blick.,, Ich weiß es nicht, Ben. Ich will dich auch nicht verlieren, aber ich habe keine Lösung.”,, Und wenn du einfach streikst? Oder wir stellen uns eben der Schande und machen es öffentlich.” Schlug Ben leichtsinnig vor und wusste bereits, dass er auf Ablehnung stoßen würde. Leo würde so viel verlieren und er fürchtete seinen Vater, kein Wunder. Leo war von seinem Vater halb totgeschlagen worden, als er noch minderjährig war. Wie erwartet schüttelte Leo den Kopf und drehte sich weg. Ben vernahm ein Seufzen:,, Warum ist die Welt nur so kompliziert und grausam?” Ben antwortete nicht. Musste er auch nicht. Er ging auf Leo zu, der immer noch mit dem Rücken zu ihm stand, und schlang die Arme um seinen Körper. Seine Hände wanderten von selbst zu dem Bauch und er vergrub das Gesicht in Leos Haar.,, Dann müssen wir es verheimlichen.” Murmelte er und seine Stimme klang dumpf.,, Mhm.” Wie lange sie dann noch dort so standen, ohne ein Wort zu verlieren, war Ben schleierhaft. Irgendwann begannen sie beide stillschweigend Bens Wohnung aufzuräumen. Keiner von ihnen sprach, jedoch war es eine einvernehmliche Stille und keine unangenehme. Als Leo sich schließlich von ihm verabschiedete war es schon weit nach Mitternacht und kaum hatte Ben die Tür geschlossen, kehrte diese Einsamkeit der letzten Tage zurück. Vielleicht würden sie es geheim halten können, sie würden es zumindest versuchen. Und vielleicht würde alles gut gehen und nichts würde sie jemals wieder trennen. Vielleicht würden sie aber auch entdeckt werden. Dann müssten sie fliehen, wenn sie überleben wollten. Vielleicht würden sie es aber auch selbst beenden, wenn sie merkten, dass es den Schmerz nicht wert war. Aber egal was sie tun würden, es würde nichts ändern. Wenn sie es zusammen schaffen würden, würden dennoch andere auffliegen. Und wenn sie entdeckt werden würden und auf der Flucht waren, würden sich wieder zwei finden und sich fragen, was in der Zukunft geschehen würde. Und wenn sie es aufgeben würden, würden sich andere umso fester aneinander klammern. Es würde nichts verändern. Die Welt war schon immer grausam gewesen.

    ————————

Kommentarfunktion ohne das RPG / FF / Quiz

Kommentare autorenew