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Diese Geschichte ist mein Beitrag zu Goldpelz‘ Schreibwettbewerb. Der Song, der mir zugeteilt wurde, ist „Heather“ von Conan Gray.

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    1
    Kapitel 1

    Wieder einmal war ich einer der wenigen Zuschauer, die sich am Samstagabend auf der Tribüne der Sporthalle der Johnson High School in Savannah, Georgia, versammelt hatten, um der Basketball-Mannschaft bei ihrem Training zuzuschauen. Außer mir saßen hier wie üblich nur ein paar Eltern, doch das störte mich nicht wirklich. Ich verstand zwar nicht besonders viel von Basketball, war allgemein nicht gerade an Sport interessiert, doch für Juri heuchelte ich das liebend gerne.
    Ein kurzer Blick zur Uhr verriet mir, dass der Trainer der Jungs wieder einmal die Zeit überzogen hatte. Doch diesmal schien es nicht so lange zu dauern, bis ihn jemand darauf aufmerksam machte. Denn schon zwei Minuten später kam ein hochgewachsener 16-jähriger mit dunkelbraunen Locken auf die Tribüne zu und winkte fröhlich grinsend in meine Richtung. Eilig schnappte ich mir meine Tasche, erhob mich von der Bank und lief zu ihm hinüber. Während wir gemeinsam auf den Ausgang der Sporthalle zu gingen, quasselte mein bester Freund eifrig vor sich her und schwadronierte über irgendwelche Würfe, die ihm oder seinen Mitspielern heute gelungen waren. Ich hörte ihm nicht wirklich zu und wie gewöhnlich erwartete er keine Antwort.

    Draußen regnete es in Strömen. Ich seufzte leise auf und wandte mich an den Größeren. „Wir sind wohl ziemlich nass, wenn wir endlich bei dir ankommen.“ Juri lächelte daraufhin kurz und legte mir für einen Moment seinen Arm um die Schultern. „Ach, das überleben wir schon.“ Und das war vorerst das Letzte, was er sagte. Wir schwiegen, bis wir das Haus seiner Familie erreichten. Ich atmete erleichtert auf, als wir den warmen Flur betraten. Für Anfang Dezember waren die Temperaturen zwar mild, aber ich fühlte mich trotzdem wie ein reiner Eisblock.
    „Oh, wie schön, du hast Aiden mal wieder mitgebracht!“ Eine Frau mit schulterlangen, schwarzgrauen Haaren kam uns aus der Küche entgegen. Ich lächelte sie schüchtern an, während ich meinen Rucksack neben Juris Tasche auf den Boden stellte. „Guten Abend, Mrs. Sorokin.“
    Juri strich sich die nassen Haare aus der Stirn und berührte seine Mutter kurz sanft an der Schulter, als er sich an ihr vorbeischob. „Ich hoffe es ist okay, dass ich Aiden noch zum Essen eingeladen habe.“ Ohne ihr Zeit für eine Antwort zu lassen sprach er weiter. „Wir gehen uns wohl erstmal trockene Sachen anziehen.“ Mit diesen Worten verschwand Juri dann nach oben und ich beeilte mich, ihm zu folgen.
    Als ich bei seinem Zimmer ankam, wühlte mein Freund bereits in seinem Kleiderschrank herum. „Du solltest die nassen Sachen lieber ausziehen, nicht dass du krank wirst. Du kannst einfach etwas von mir tragen.“ Juri stand lächelnd wieder auf und reichte mir einen grauen Pullover und dunkle Jogginghosen, ehe er noch ein weiteres Outfit aus einer Schublade zog und sich unter den Arm klemmte. „Ich gehe erstmal Duschen, wenn ich fertig bin, können wir essen.“ Ich nickte daraufhin nur und sah ihm nach, als er den Raum verließ.
    Eilig schloss ich die Tür und zog mich um. Meine Kleidung hängte ich erstmal einfach über die Heizung neben Juris Bett, auf welches ich mich schließlich fallen ließ. Für einen Moment atmete ich nur zufrieden den Duft des Pullovers ein, den ich nun trug. Der graue Sweater roch ganz unverkennbar nach Juris Parfum, und ich bezweifelte, dass es einen angenehmeren Geruch gab. Ich war nun schon etwas mehr als zwei Jahre lang in ihn verliebt, also etwa so lange, wie wir beide die Senior High besuchten. Ich hatte eine Weile gebraucht, um mir dieser Gefühle bewusst zu werden, aber ich mochte ihn eindeutig mehr, als man seinen besten Freund normalerweise mag. Doch vermutlich würde er das nie erfahren.
    Ich hatte Angst davor, was passieren würde, wenn er davon wüsste. Und unsere Freundschaft war mir dann doch zu kostbar, um sie derart aufs Spiel zu setzen.
    Leise seufzend rollte ich mich auf die Seite und rief kurz bei meiner Mom an, um ihr zu sagen, dass ich noch zum Essen bei den Sorokins bleiben würde und sie mich etwa gegen halb zehn zu Hause erwarten könne.

    Kurz nachdem ich das Telefonat beendet hatte, kam Juri auch schon zurück und wir gingen gemeinsam zu seiner Familie ins Esszimmer. Ich mochte die Sorokins sehr, alle vier. Juris Eltern waren beide in Russland geboren worden, allerdings im Teenageralter nach Amerika ausgewandert. Seine Mutter war eine überaus herzliche Frau und sein Vater riss normalerweise einen Witz nach dem Anderen. Überdies konnte er sich genauso für Sport begeistern wie sein Sohn. Auch seine 13-jährige Schwester Jelena war mir sympathisch, obwohl sie Juri natürlich regelmäßig auf den Geist ging. Alles in allem waren sie das, was ich unter einer intakten Familie verstand.
    Vermutlich war ich auch deshalb so gern hier, weil es bei mir Zuhause anders aussah. Meinen Vater hatte ich nie kennengelernt und meine Mom arbeitete viel, um unser Leben zu finanzieren. Ich bewunderte sie dafür, aber manchmal wünschte ich mir doch, sie würde etwas mehr ihrer Zeit an mich verschwenden.

    Nach dem Essen bot Juri noch an, mich nach Hause zu fahren. Diese Offerte nahm ich gern an, da es noch immer Bindfäden regnete.
    Die zehn Minuten, die es brauchte, um von seinem Haus bis zu meinem zu fahren, verbrachten wir größtenteils schweigend. Mit einem „Gute Nacht und bis Montag.“ verabschiedeten wir uns, bevor ich schnell die Treppen zu unserer Haustür nach oben lief und Juri wieder los fuhr.

    2
    Kapitel 2

    Es war Montagmorgen, kurz vor 9 Uhr. Die Schüler und Schülerinnen meiner Klasse saßen bereits fast alle auf ihren Plätzen und unterhielten sich mit den Leuten neben sich.
    Als unser Geschichtslehrer den Raum betrat, und das auch noch in Begleitung eines fremden blonden Mädchens, trat augenblicklich Stille ein und alle musterten neugierig die neue Schülerin. Mr. Cooper blickte sie aufmunternd an und forderte sie so auf, sich doch einfach selbst vorzustellen.
    Die Blondine wandte sich daraufhin mit einem leichten Lächeln an uns. „Guten Morgen. Ich heiße Ava Cartwright, bin 16 Jahre alt und vor kurzem aus Pennsylvania hier hergezogen. Ich hoffe, wir kommen miteinander aus.“
    Pennsylvania. Aha. Das erklärte, warum sie mitten im Schuljahr in eine neue Klasse kam.
    Mr Cooper deutete auf einen freien Tisch im Raum. „Du kannst dich dort an den Tisch neben Juri setzen.“ Ava reagierte mit einem knappen Kopfnicken, ging zu dem Tisch in der zweiten Reihe hinüber und ließ sich daran nieder. Während sie ihre Sachen auspackte, schenkte Juri ihr ein freundliches Lächeln und hieß sie leise Willkommen, um unseren Lehrer nicht zu stören, der gerade seinen Unterricht begann.

    Als es dann endlich zur Mittagspause klingelte, erhob sich die ganze Klasse eilig von ihren Plätzen und verließ den Raum so schnell wie möglich.
    Nachdem wir uns alle etwas zu essen geholt hatten, ließen wir uns an unserem Stammtisch in der Cafeteria nieder. Meine beste Freundin, Brooke Wallace, war damit beschäftigt, mir von ihrem Wochenende zu erzählen, während ich aß. Ich nickte nur ab und zu oder murmelte etwas zustimmendes. Mehr verlangte sie allerdings auch nicht.
    Juri hatte auch Ava eingeladen, heute mit uns zu essen. Wir alle mochten sie jetzt schon. Sie gab uns aber auch keinen Grund, das nicht zu tun. Sie war zuvorkommend, höflich und ziemlich klug. Ich war mir sicher, dass sie gut in unsere kleine Gruppe passen würde.

    3
    Kapitel 3

    Seit dem Montag im Dezember waren nun einige Wochen vergangen, und neuerdings war ich nicht mehr der einzige Zuschauer unter 40, der sich an so manchen Samstagabenden in der Sporthalle einfand, um dem Basketballteam beim Training zuzusehen. Ava hatte Juri irgendwann gefragt, ob sie nicht auch ab und zu kommen könnte. Und natürlich hatte er sich darüber gefreut und sofort Ja gesagt.

    Gerade saßen wir mal wieder beim Essen in der Cafeteria. Ich blickte die ganze Zeit nur zu Juri und Ava hinüber, die so sehr in ihr Gespräch vertieft waren, dass sie mich und Brooke überhaupt nicht zu beachten schienen. Anstatt etwas davon zu essen, was auf meinem Teller lag, stocherte ich nur gedankenverloren darin herum. Jedenfalls so lange, bis Brooke mir etwas unsanft in die Seite stieß. „Erde an Aiden! Jemand zu Hause?“ Ich zuckte leicht zusammen und riss meinen Blick von Juri los, um meine Freundin anzusehen. „Was ist los mit dir?“, erkundigte sie sich auch schon.
    „Sorry.“, gab ich knapp zurück. „Ich war nur in Gedanken.“ „Wegen Juri.“ Es war keine Frage, nur eine schlichte Feststellung, die ich mit einem Nicken bestätigte. Brooke war die Einzige, die von meinen Gefühlen für ihn wusste.
    „Mir gefällt einfach nicht, wie er sie ansieht.“, erwiderte ich dann leise, während ich meinen Kopf erneut den beiden anderen zuwandte, die gerade über irgendetwas lachten.
    Juri warf ihr in letzter Zeit immer wieder diese verträumten Blicke zu, wenn er dachte, dass ihn niemand beobachten würde. Doch ich bemerkte es, und da ich ihn häufig genauso ansah, wusste ich genau was es zu bedeuten hatte.
    „Ist mir auch schon aufgefallen.“, merkte Brooke nun an und zog meine Aufmerksamkeit erneut auf sich. „Du musst zugeben, dass die beiden ein süßes Paar abgeben würden.“ Meine Freundin grinste mich nur entschuldigend an, als ich ihr für diese Bemerkung einen leichten Stoß in die Rippen versetzte. Jedem anderen hätte ich das ziemlich übelgenommen.
    „Entschuldige. Du weißt, dass ich auf deiner Seite bin.“
    Ich nickte erneut und erhob mich mit einem leisen Seufzen von dem Stuhl, auf dem ich bis eben noch gesessen hatte. „Schon gut. Ist doch seine Sache, in wen er sich verliebt.“
    Und damit drehte ich mich um, brachte mein Tablett zu der dafür vorgesehenen Ablage und verließ den Speisesaal.

    „Aiden!“ Ich hielt inne, als ich meinen Namen hörte und drehte mich zu dem braunhaarigen Jungen um, der ihn gerufen hatte. Als Juri bei mir angelangt war, sprach er weiter. „Könnte ich vielleicht noch mit zu dir kommen? Ich habe Mathe ehrlich gesagt immer noch nicht verstanden.“
    Er grinste mich schief an und automatisch erwiderte ich diese Geste. „Klar. Ich erkläre es dir noch einmal.“
    Juri nickte dankbar und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu mir nach Hause. Es waren etwas mehr als zehn Minuten Fußweg, bis wir vor dem kleinen, blassgelben Einfamilienhaus standen, in dem ich wohnte. Während ich den Flur betrat, rief ich einmal nach meiner Mom. Wie erwartet erhielt ich keine Antwort, also stellte ich einfach meinen Rucksack neben der Garderobe ab und lief weiter in die Küche. Meine Mutter kam normalerweise erst gegen späten Nachmittag oder frühen Abend zurück, daher wunderte es mich nicht, dass sie noch nicht hier war.
    Wir tranken noch ein Glas Wasser, ließen uns dann gemeinsam am Küchentisch nieder und lösten unsere Hausaufgaben, nachdem ich Juri noch einmal erklärt hatte, wie das ganze funktionierte.

    Nach einer halben Stunde war diese Arbeit dann getan und Juri schlug mit einem erleichterten Seufzen sein Mathebuch zu.
    „Also, Aiden…“ Er hob den Blick langsam und sah mich nun wieder direkt an, was mich kurz stutzen ließ. „Ja?“, fragte ich dann nach, als er nicht weitersprach.
    „Es gibt da noch etwas, worüber ich mit dir reden wollte.“ Juri strich sich kurz durchs Haar. Das tat er immer, wenn er aufgeregt oder nervös war.
    „Na, sag schon. So schlimm wird es doch wohl nicht sein.“ Ich hatte ehrlich keine Ahnung, worum es ihm eigentlich ging. Doch es schien ihm wirklich wichtig zu sein, denn ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn je so verlegen gesehen zu haben.
    Juri schien sich schließlich einen Ruck zu geben und sprach aus, was er mir sagen wollte. „Ich denke, ich bin in Ava verliebt. Na ja, eigentlich bin ich mir da sogar ziemlich sicher.“
    Es war wie ein Schlag ins Gesicht, das aus seinem Mund zu hören. Doch ich hatte es mir ja bereits gedacht, also rang ich mir schnell ein aufmunterndes Lächeln ab. „Das ist doch schön.“, war allerdings alles, was mir zu sagen einfiel.
    Juri nickte kurz und lächelte breit zurück. „Ja. Meinst du, sie mag mich auch? Ich hatte überlegt, sie morgen nach dem Basketballspiel zu fragen, ob sie meine Freundin sein möchte.“
    Na großartig. „Bestimmt. Wie könnte sie dich denn nicht mögen?“ Allem Anschein nach konnte er den Schmerz in meinen Augen nicht sehen. Das war gut. Ich würde ihm nichts erklären müssen.
    Juri stand nun auf, ging um den Tisch herum und umarmte mich fest. „Danke, Aiden. Wir sehen uns morgen beim Spiel, ja?“
    „Klar. Bis morgen.“ Ich zwang mich erneut, ihn anzulächeln, bevor Juri seinen Rucksack nahm, sich umdrehte und auf die Haustür zu lief.

    Die Tränen kamen erst, als ich mich bäuchlings auf mein Bett fallen ließ. Wie hatte ich mir eigentlich noch Hoffnungen machen können? Nicht nur, dass Juri offensichtlich hetero war – nein, ich war auch definitiv nicht sein Typ. Ich war im Vergleich zu ihm sowieso alles andere als hübsch, und meine Persönlichkeit wertete das nicht gerade auf. Ich war ein Idiot, nicht mehr und nicht weniger. Ganz im Gegensatz zu Ava.
    Wieso regte ich mich eigentlich so sehr darüber auf? Sie passte perfekt zu ihm.

    4
    Kapitel 4

    Ich kam erst fünf Minuten vor Spielbeginn gemeinsam mit Brooke an der Sporthalle an, in der das heutige Spiel stattfand. Sie war mittlerweile ebenfalls informiert und bedachte mich in den letzten zehn Minuten ständig mit einem mitleidigen Blick. Ich atmete noch einmal tief durch, bevor ich mich auf einer der Zuschauerbänke niederließ. Da ich beschlossen hatte, den heutigen Tag zu genießen, wollte ich nun nicht mehr über Juri nachdenken. Am besten dachte ich gar nicht.

    Das Spiel war gut gelaufen, die Mannschaft hatte mit einigen Punkten Vorsprung gewonnen. Dementsprechend heiter war die Stimmung, als alle nach draußen auf den Schulhof strömten, um dort die Getränke und Snacks zu genießen, die einige Eltern organisiert hatten. Brooke hatte sich sofort bereit erklärt, mit mir gemeinsam die Drinks zu holen, damit Ava und Juri etwas Zeit für sich hatten. Wie es aussah, hatte er ihr bereits davon erzählt.
    Ich für meinen Teil konnte es nicht lassen, immer wieder zu den beiden hinüber zu sehen. Ava schien sich über das kalte Frühlingswetter beschwert zu haben, denn gerade zog sie sich Juris Pullover über den Kopf und ließ sich kurz darauf von ihm einen Arm um die Schultern legen. Irgendetwas in meiner Brust zog sich bei diesem Anblick schmerzlich zusammen. Dieses Mädchen war die reine Perfektion. Sie war nett, klug, humorvoll und einfach unfassbar attraktiv. Ein Engel. Und ich hasste sie gerade dafür.

    Als ich mir meines Starrens bewusstwurde, wandte ich etwas peinlich berührt den Blick ab. Doch das Bild der beiden verschwand dadurch nicht aus meinem Kopf.
    Es blieb, und mit ihm der Wunsch, mich selbst statt ihrer zu sehen.

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