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Ein paar Stunden

TRIGGERWARNUNG: Diese Geschichte beinhaltet die Themen Depressionen, Mobbing und Suizidgedanken! Lesen auf eigene Gefahr!

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Ein paar Stunden

TRIGGERWARNUNG: Diese Geschichte beinhaltet die Themen Depressionen, Mobbing und Suizidgedanken! Lesen auf eigene Gefahr!



Ich erinnere mich noch genau an den siebten Januar 2015, als Fiona das erste Mal die Klasse betrat. Ich war gerade mal 11 Jahre alt gewesen und hatte sie von Anfang an gemocht. Doch leider waren nicht alle so. Denn Fiona war anders. Sie trug keine Markenkleidung, verabscheute Schminke, war etwas dicker als die anderen Mädchen meiner Klasse und hatte ein eigenes Pferd namens Laika.

Ich wusste von Anfang an, dass Fiona das Gespött der Klasse war. Doch ich hatte mich nie getraut, ihr zu helfen. Alles fing mit Ashley an. Ashley war das beliebteste Mädchen der Klasse gewesen. Jeder mochte sie und jeder respektierte sie. Außer Fiona - und das war ein riesiger Fehler gewesen.
Anfangs waren es nur Beleidigungen, später physische Gewalt wie an den Haaren ziehen oder mit Etuis werfen. Ashley und ihre Clique hatten es auf Fiona abgesehen. Niemand traute sich, ihr zu helfen. Über vier Jahre schikanierten Ashley und ihre besten Freundinnen Mia, Klara und Tabea sie.

Meine große Schwester Hannah hatte ein Pflegepferd namens Calypso. Calypso war ein schönes Pferd und hatte schon etliche Turniere mit Barbara, der Besitzerin des Reitvereins, gewonnen. Auch Fiona war ein Mitglied von Barbaras Reitverein gewesen und ich hatte Hannah oft zu ihren Reitstunden begleitet, weshalb ich Fiona oft traf. Fiona hatte ein schönes, braunes Pferd namens Laika. Laika war sehr zutraulich und Fiona erlaubte mir, sie zu streicheln.

Einmal im Monat begleitete ich Hannah für ein paar Stunden zu ihren Reitstunden und traf dort auf Fiona. Ich verbrachte nur ein paar Stunden mit Laika und Fiona. Jetzt bereue ich es so sehr. Fiona hatte nie mit mir über Ashley gesprochen. Sie hatte mir nie gesagt, wie sehr sie unter Ashleys Mobbing litt. Doch ich spürte es, wie sie innerlich zerbrach, denn sie fing an, weniger zu sprechen und hatte jeden Tag rote Augen vom weinen.

Aber ich hatte mich nie getraut, ihr zu helfen. Stattdessen verbrachte ich schweigend Zeit mit ihr. »Du bist ein Junge, Felix«, sagte sie eines Tages. »Warum also bist du hier und spielst nicht Fußball oder Videospiele mit den anderen Jungs?« »Ich weiß es nicht«, gab ich zu.

Ich mochte Fiona sehr, doch ich hatte mich nie getraut, ihr das zu sagen. Denn Klara, Ashleys beste Freundin, hatte angefangen zu reiten und hatte es auch in Barbaras Reitverein auf Fiona abgesehen. Deswegen fürchtete ich, ich würde auch ein Mobbingopfer wie Fiona werden, wenn ich es ihr vor Klaras Augen gesagt hätte.

Es war der 13. November 2018, als Fiona plötzlich nicht mehr zur Schule kam. Sie nahm auch nicht mehr an Barbaras Reitstunden teil und Laika stand nur in ihrer Box. Nach drei Tagen rief unsere Lehrerin Frau Schäfer bei Fionas Familie an. Frau Schäfer wusste nichts von dem Mobbing, denn Ashley, ihre Clique und die gesamte Klasse hatten es ihr verheimlicht.

Am vierten Tag kam Fiona wieder in die Schule und das Mobbing begann erneut. Fiona hatte Frau Schäfer nichts erzählt, vermutlich aus Angst, sie würde es nicht glauben. Und so fuhr Ashley fort, Fiona zu schikanieren. Am 21. April 2019 kam Fiona wieder nicht zur Schule. Und am 22. April 2019 erhielt Frau Schäfer eine schreckliche Nachricht. Fionas Mutter hatte angerufen und gesagt, dass sich Fiona vor dem Zug geworfen hatte.

Dieser Tag war der schlimmste Tag meines Lebens. Ich berichtete Frau Schäfer von dem Mobbing. Frau Schäfer war geschockt und entsetzt. Bald darauf wurden Ashley und ihre Clique von der Schule verwiesen. Ich kam nicht zu Fionas Beerdigung, obwohl ich eingeladen war. Denn sie hatte mir einen Zettel hinterlassen:

Lieber Felix,
du warst der einzige, der gut zu mir war. Leider konntest du mir nie helfen. Dennoch bitte ich dich, auf Laika aufzupassen. Ich weiß, dass du das schaffst, denn Hannah weiß viel über Pferde. Ich mag dich, Felix. Du bist ein guter Mensch.
-Fiona


Das war das erste Mal, an dem ich merkte, dass ein paar Stunden so viel wert waren. Und ich schämte mich so sehr, dass ich zwei Wochen nicht zur Schule ging, sondern mich nur um Laika kümmerte. Ich hatte gelernt, dass man die Zeit nutzen und wertschätzen sollte. Selbst, wenn es nur ein paar Stunden waren.


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